Original Impulses of Spiritual Science
GA 96
8 October 1906, Berlin
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Original Impulses of Spiritual Science, tr. SOL
6. Die Geistige Erkenntnis als Höchstes Befreiungswesen
6. Spiritual Knowledge as the Highest Form of Liberation
Die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung
The Mission of the Humanities Movement
[ 1 ] Vor acht Tagen betrachteten wir die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, insofern sie dem gegenwärtigen Menschen einleuchtend sein kann. Zunächst geht dieser Mensch natürlich von seiner sinnlichen Beobachtung und vom Verstand aus, oder auch von der modernen Wissenschaft, der ebenfalls sinnliche Beobachtung und Verstand zugrunde liegen. Wir zeigten, wie die Geisteswissenschaft in der Lage ist, allen Einwänden zu begegnen, die unsere Vernunft aus dem wissenschaftlichen Gewissen der Gegenwart heraus etwa aufwerfen könnte. Ziel und Zweck dieser Betrachtung sollte nicht mißverstanden werden. Sie wurde nicht deshalb angestellt, damit wir hinausgehen und uns in Diskussionen mit denen einlassen, die sich noch nicht mit der Geisteswissenschaft befaßt haben. Darum kann es sich nicht handeln. Wer noch kein Verhältnis zur Geisteswissenschaft besitzt und auch nicht den Willen dazu hat, es zu gewinnen, wird zuerst zu lernen haben, sich damit zu beschäftigen. Also es geht nicht darum, daß wir in einer Diskussion Argumente parat haben sollen, sondern darum, daß jeder in sich selbst, in seiner eigenen Seele diejenigen Einwände machen kann, die ihm aus der populären Wissenschaft der Gegenwart und aus dem sonstigen modernen Leben aufstoßen können. Er soll vor allem eine gewisse Sicherheit in sich selbst gewinnen. Das war Ziel und Zweck unserer vorigen Betrachtungen.
[ 1 ] Eight days ago, we examined the spiritual-scientific worldview insofar as it can be comprehensible to people today. Naturally, these people begin with their sensory observations and their intellect, or with modern science, which is likewise based on sensory observation and the intellect. We showed how spiritual science is capable of addressing all the objections that our reason might raise, based on the scientific conscience of the present day. The aim and purpose of this discussion should not be misunderstood. It was not undertaken so that we might go out and engage in discussions with those who have not yet familiarized themselves with spiritual science. That cannot be the point. Anyone who does not yet have a relationship with spiritual science—and who has no desire to develop one—will first have to learn to engage with it. So it is not a matter of our having arguments at the ready for a discussion, but rather of each person being able to raise within themselves, within their own soul, the objections that may arise for them from contemporary popular science and other aspects of modern life. Above all, they should gain a certain sense of inner security. That was the aim and purpose of our previous reflections.
[ 2 ] Es kann nie und nimmer die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein, die bloße Neugierde oder Wißbegierde zu befriedigen. Zwar trifft es zu, daß in den weitesten Kreisen des theosophischen Betriebes bis in unsere Tage herein vielfach diese Neugierde, oder sagen wir es nobler, diese Wißbegierde die Grundlage war, welche die Menschen mit den theosophischen Bestrebungen in Berührung brachte. Aber alle, die lediglich aus bloßer Neugierde kommen, werden sich nach einiger Zeit doch enttäuscht fühlen. Nicht weil die Geisteswissenschaft nicht die ausgiebigsten Mittel hätte, die menschliche Wißbegierde bis in die tiefsten Tiefen des Daseins zu befriedigen, sondern weil das Wissen, um das es sich in der theosophischen Bewegung handelt, nur dann dem Menschen frommt, wenn es ein tätiges Wissen wird, ein Wissen, durch das er handelnd eingreift, das er im täglichen Leben anwendet; wenigstens muß er den Trieb haben, dieses Wissen ins Leben hineinzustellen.
[ 2 ] It can never, under any circumstances, be the task of the theosophical movement to satisfy mere curiosity or a thirst for knowledge. It is true that, even to this day, in the broadest circles of theosophical activity, this curiosity—or, to put it more nobly, this thirst for knowledge—has often been the foundation that brought people into contact with theosophical endeavors. But all those who come merely out of curiosity will, after a while, feel disappointed. Not because spiritual science lacks the most extensive means to satisfy human curiosity down to the deepest depths of existence, but because the knowledge at the heart of the Theosophical movement benefits a person only when it becomes active knowledge—knowledge through which they take action, which they apply in daily life; at the very least, one must have the impulse to bring this knowledge into life.
[ 3 ] Wenn der Mensch an die Geisteswissenschaft herankommt, gerät er leicht in einen Zwiespalt. Diesen Zwiespalt müssen Sie sich klar vor die Seele stellen. Von zweierlei Art sind viele Menschen, die zur Theosophie kommen. Die einen sagen: Ich will helfen, ich will ein wertvolles Glied der Gesellschaft sein - und sie verstehen darunter, die theosophische Bewegung soll ihnen die Mittel geben, gleich morgen anzufangen. Die anderen machen sich vielleicht nur die Illusion vot, helfen zu wollen. In Wahrheit aber wollen sie nur ihre Neugierde befriedigen, etwas für sie Sensationelles erfahren. Beide Gruppen werden nicht die richtigen Mitglieder innerhalb der Theosophischen Gesellschaft werden. Denn diejenigen, die gleich morgen helfen wollen, bedenken nicht, daß man erst lernen und etwas können muß, um zu helfen. Ihnen muß gesagt werden: Ihr müßt Geduld haben, in euch selbst diejenigen Kräfte und Mittel zu entwickeln, durch die ihr zu Helfern für eure Mitmenschen heranreift. In dieser Weise müssen sich die einen bescheiden. Die anderen aber, die nur ihre Neugierde befriedigen wollen, müssen sich klarmachen, daß kein einziges der Mittel und keine einzige der Fähigkeiten, die ihnen gegeben werden, unter einem anderen Gesichtspunkte angenommen werden sollten, als in der Absicht, ein dienendes Glied der ganzen Menschheitsentwickelung zu werden. Dafür ist eine lange Zeit notwendig. Die Theosophische Gesellschaft soll zuerst das feste Bewußtsein und das Wissen von der Ewigkeit und dem geistigen Dasein erzeugen. Wer dieses Bewußtsein in sich trägt, der sagt sich: Es ist Zeit, ich kann Geduld haben, ich entwickle mich ruhig. Ich werde nicht gleich von meinem jetzigen unvollkommenen Standpunkt aus alles Mögliche unternehmen wollen, um die Menschheit zu reformieren und so weiter.
[ 3 ] When a person approaches spiritual science, they easily find themselves in a dilemma. You must clearly bring this dilemma before your soul. There are two types of people who come to theosophy. Some say: “I want to help; I want to be a valuable member of the Society”—and by this they mean that the Theosophical Movement should provide them with the means to start right away tomorrow. Others may merely delude themselves into thinking they want to help. In truth, however, they only want to satisfy their curiosity and experience something they find sensational. Neither group will become true members of the Theosophical Society. For those who want to help right away fail to consider that one must first learn and acquire certain skills in order to help. They must be told: “You must have patience in developing within yourselves the powers and means through which you will mature into helpers for your fellow human beings.” In this way, the former must humble themselves. The others, however, who merely wish to satisfy their curiosity, must realize that not a single one of the means or abilities given to them should be accepted from any other perspective than with the intention of becoming a serving member of the development of all humanity. This requires a long time. The Theosophical Society should first instill a firm awareness and knowledge of eternity and spiritual existence. Those who possess this awareness within themselves say to themselves: It is time; I can be patient; I will develop calmly. I will not immediately, from my current imperfect standpoint, attempt to do everything possible to reform humanity and so on.
[ 4 ] Geduld auf der einen Seite und auf der anderen der Wille, ein dienendes Glied in der ganzen Menschheitsentwickelung zu werden, das sind die zwei Dinge, zwischen welchen die Methode der Theosophischen Gesellschaft ist. Und man darf nicht nur auf das eine sehen, sondern man muß auf beides achten. Man muß beides, Geduld und den Willen zum Wirken, in sich vereinigen, aber nicht als ein arithmetisches Mittel zwischen beiden, sondern man muß diese beiden getrennt in der Seele entwickeln. Verwechseln Sie diese zwei Dinge nicht! Es ist etwas ganz anderes, ein arithmetisches Mittel oder diese beiden Dinge getrennt in der Seele zu haben.
[ 4 ] Patience on the one hand, and on the other, the will to become a serving link in the overall development of humanity—these are the two elements that define the method of the Theosophical Society. One must not focus on just one of them, but must pay attention to both. One must unite both patience and the will to act within oneself, but not as an arithmetic mean between the two; rather, one must develop these two separately within the soul. Do not confuse these two things! It is something entirely different to have an arithmetic mean or to have these two things separately within the soul.
[ 5 ] Im Sinne dieser zwei Erfordernisse wurde die theosophische Weltanschauung vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen und der Menschheit zugänglich gemacht. Das Wissen, das wir im Laufe der Jahre aufgenommen haben, alles das, was in dieser Zeit schon gesagt worden ist, lassen wir nochmals durch die Seele ziehen, denn je öfter .man dies tut, desto besser ist es. Das Wissen soll sich in eine lebendige Kraft des Wollens verwandeln. Daher werden die älteren Mitglieder manches nochmals hören, was sie schon vernommen haben, vielleicht in einem anderen Zusammenhang, vielleicht auch nur zur Auffrischung des Gedächtnisses. Unter diesem Aspekt ist die theosophische Weltanschauung vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen worden. Was war sie früher? Sie war das, was man eine Geheimlehre oder okkulte Lehre nennt, also etwas, was im engeren Kreise von besonders zugelassenen Menschen getrieben wird. Nach strengen Prüfungen des Wollens, Fühlens und Denkens wurden die Schüler in früheren Zeiten zu diesen geschlossenen Zirkeln, den esoterischen oder okkulten Bruderschaften, zugelassen. Von diesen Bruderschaften gingen jene Wirkungen aus, die in der Zukunft von einem größeren Kreise von Menschen ausgehen sollen. Immer mehr Menschen werden künftig aufgerufen, diese Wirkungen auszuüben. Ein kleiner Kreis von Auserlesenen, von Erwählten, übte die Wirkung immer aus, zu der die theosophische Bewegung befähigt werden soll. Ob es die Jünger des Hermes oder die Schüler der Eleusinien, die ägyptischen oder die christlich-gnostischen Geheimschulen oder in Europa die Rosenkreuzer waren, immer gingen von den engbegrenzten Bruderschaften gewaltige Wirkungen aus. Wenn auch der heutige Mensch in seiner verstandesmäßigen Wissenschaft nichts oder so gut wie nichts davon weiß, so ist es doch eine Tatsache, daß von solchen Bruderschaften alle Geisteskultur und durch diese wieder alle matetielle Kultur ausgegangen ist.
[ 5 ] In accordance with these two requirements, the theosophical worldview was established several decades ago and made accessible to humanity. Let us allow the knowledge we have absorbed over the years—everything that has already been said during this time—to pass through our souls once more, for the more often one does this, the better it is. This knowledge should be transformed into a living force of will. Therefore, the older members will hear some things again that they have already heard—perhaps in a different context, or perhaps simply to refresh their memory. It was with this aim in mind that the Theosophical worldview was established several decades ago. What was it in the past? It was what is called a secret doctrine or occult teaching—that is, something practiced within a close circle of specially admitted individuals. In earlier times, after rigorous tests of will, feeling, and thought, students were admitted to these closed circles—the esoteric or occult brotherhoods. From these brotherhoods emanated the effects that are to emanate in the future from a larger circle of people. In the future, more and more people will be called upon to exert these effects. A small circle of the chosen few has always exercised the influence to which the Theosophical Movement is to be empowered. Whether they were the disciples of Hermes, the initiates of the Eleusinian Mysteries, the Egyptian or Christian-Gnostic mystery schools, or the Rosicrucians in Europe, tremendous influence has always emanated from these closely knit brotherhoods. Even though modern man, with his rational science, knows nothing or virtually nothing about this, it remains a fact that all spiritual culture—and through it, all material culture—has emanated from such brotherhoods.
[ 6 ] Schon einmal ist es hier auseinandergesetzt worden, daß alle materielle Kultur, alles, was der Mensch mit dem Hammer, der Säge, dem Beil oder sonstwie schafft, den Grund in der Geisteskultur hat. Sie können das Kleinste, das Größte daraufhin betrachten. Nehmen Sie eines der großen Bauwerke der Gegenwart, den Simplontunnel oder den Gotthardtunnel. Die wenigsten Menschen denken daran, daß man den Simplontunnel oder den Gotthardtunnel niemals hätte bauen können, wenn nicht ein Leibniz gelebt hätte. Wenn es nicht die Differentialrechnung gegeben hätte, so hätte niemand solche Bauwerke aufführen können. Der Gedanke, der diese Denker einst dazu geleitet hat, diese feinen Rechnungen auszuführen, hat das alles erst materiell möglich gemacht. Alles, was auf dem physischen Plane geschieht, führt zuletzt zum Gedanken zurück. Es ist eine arge Illusion, wenn jemand glaubt, daß es in der materiellen Kultur etwas gäbe, das nicht zuletzt auf den Geist, auf den Gedanken zurückführt. Was Sie auch nehmen, auf dem Gebiete der Kunst, auf dem Gebiete der Technik, der Industrie oder des Handels, das Praktischste, Trivialste, Alltäglichste, es führt zuletzt auf dasjenige, was sich in der Seele des Menschen abgespielt hat.
[ 6 ] It has already been discussed here that all material culture—everything that humans create with a hammer, a saw, an axe, or by any other means—has its roots in spiritual culture. You can view everything from the smallest to the largest in this light. Take one of the great engineering marvels of our time, the Simplon Tunnel or the Gotthard Tunnel. Very few people realize that the Simplon Tunnel or the Gotthard Tunnel could never have been built if Leibniz had not lived. If differential calculus had not existed, no one would have been able to construct such structures. The thought that once guided these thinkers to carry out these intricate calculations is what made all of this materially possible in the first place. Everything that happens on the physical plane ultimately traces back to thought. It is a grave illusion to believe that there is anything in material culture that does not ultimately trace back to the mind, to thought. Whatever you take—in the realm of art, in the realm of technology, industry, or commerce—even the most practical, the most trivial, the most mundane—it ultimately leads back to what has taken place in the human soul.
[ 7 ] Woher kommen die großen Impulse des Gedankens, des geistigen Schaffens? Da berühren wir nun das Gebiet, durch das uns klar werden kann, wie die okkulten Bruderschaften in den verflossenen Jahrhunderten und Jahrtausenden wirkten. Nehmen wir ein Beispiel. Der materialistische Denker von heute würde allerdings auf dieses Beispiel nicht kommen. Ein feuriger, enthusiastischer Jüngling des 18. Jahrhunderts, mit einer Anlage zum Großen, brauchte nur einen Anstoß durch ein Ereignis, das wie ein Zufall, wie etwas höchst Unbedeutendes aussieht. Er begegnet wie zufällig einer anscheinend gleichgültigen Persönlichkeit. Diese spricht zu dem Jüngling Worte, die scheinbar auf ihn keinen besonderen Eindruck machen. Ich sage: scheinbar, denn es geht doch in der Seele dieses enthusiastischen Jünglings etwas vor. Die Begegnung, in deren Verlauf diese scheinbar unbedeutenden Worte gesprochen wurden, hatte doch eine Bedeutung. Was ist da eigentlich geschehen? In ein unbedeutendes Ereignis, das scheinbar vom Zufall beherrscht ist, hüllt sich etwas von höchster kultureller Bedeutung. Diejenigen Brüder, welche die eigentlichen höchsten Hüter des Weisheitsschatzes der Menschheit sind, befinden sich in dieser Welt. Sie gehen vielleicht unter uns herum, wir können ihnen begegnen. Aber für die gewöhnliche Menschheit tragen sie eine Tarnkappe. Sache der anderen ist es, sie zu erkennen. Sie selber geben sich nie zu erkennen. In den verflossenen Jahrhunderten war es noch schwerer, sie zu erkennen, als heute. Darauf kam es auch nicht an, daß man sie erkannte. Was aber das Wesentliche war, das war ihr Wirken. Denken Sie sich eine solche Bruderschaft von verborgenen Eingeweihten. Einer dieser Brüder tritt wie durch einen Zufall an den Jüngling heran. Aber solche Zufälle werden durch die Weisheit der Welt herbeigeführt. Durch einige unbedeutende Worte wird etwas in dem Jüngling entzündet, was kulturell das denkbar Wichtigste ist. Dieser Jüngling heißt Jean-Jacques Rousseau. In einem scheinbar zufälligen Ereignis wurde so der Keim dazu gelegt, daß es einen Rousseauismus geben konnte und daß durch ihn starke Impulse in das Kulturleben einflossen. Die Impulse, die von den Schriften Rousseaus ausgingen, sind nichts Zufälliges, auch nicht etwas, was sich der Betrachtungsart der äußeren Kulturhistorie erschließt, sondern sie sind das leise Fortgehen des Stromes der Weisheit, wie sie in der Bruderschaft bewahrt wird. In der Bruderschaft wird beschlossen, was der Menschheit frommt. Die Brüder sind Weise, sie sind Propheten. Sie wissen, was für die Menschheit erforderlich ist. So senden sie, wenn es notwendig ist, einen der ihren hinaus in die Welt, um der Entwickelung einen neuen Einschlag zu geben.
[ 7 ] Where do the great impulses of thought and spiritual creation come from? Here we are now entering the realm that can help us understand how the occult brotherhoods operated in past centuries and millennia. Let us take an example. Today’s materialistic thinker, however, would never come up with this example. A fiery, enthusiastic young man of the 18th century, with a predisposition for greatness, needed only a spark from an event that appeared to be a coincidence, something utterly insignificant. He encountered, as if by chance, a seemingly indifferent person. This person spoke words to the young man that apparently made no particular impression on him. I say “seemingly,” because something is indeed taking place in the soul of this enthusiastic young man. The encounter, during which these seemingly insignificant words were spoken, did in fact have significance. What actually happened there? Something of the highest cultural significance is veiled within an insignificant event that appears to be governed by chance. Those brothers who are the true, highest guardians of humanity’s treasure of wisdom are present in this world. They may walk among us; we may encounter them. But to ordinary humanity, they wear a cloak of invisibility. It is up to others to recognize them. They themselves never reveal their identity. In centuries past, it was even harder to recognize them than it is today. Nor was it essential that one recognize them. What mattered most, however, was their work. Imagine such a brotherhood of hidden initiates. One of these brothers approaches the young man, as if by chance. But such coincidences are brought about by the wisdom of the world. Through a few insignificant words, something is kindled in the young man that is, culturally speaking, of the utmost importance. This young man’s name is Jean-Jacques Rousseau. In a seemingly chance event, the seed was thus sown for Rousseauism to emerge and for powerful impulses to flow into cultural life through him. The impulses that emanated from Rousseau’s writings are not a matter of chance, nor are they something that can be grasped by the conventional approach to external cultural history; rather, they are the quiet flow of the stream of wisdom as it is preserved within the Brotherhood. Within the Brotherhood, decisions are made regarding what serves humanity’s good. The brothers are sages; they are prophets. They know what is necessary for humanity. Thus, when necessary, they send one of their own out into the world to give development a new direction.
[ 8 ] Ein anderes Beispiel ist hier schon erzählt worden. Es betrifft den deutschen theosophischen Philosophen Ja%ob Böhme und steht in jeder Böhme-Biographie. Als Knabe stand Jakob in der Schusterlehre. Eines Tages waren der Meister und die Meisterin ausgegangen. Sie hatten ihm verboten, etwas zu verkaufen, er sollte nur Wache halten. Da kam eine Persönlichkeit in den Laden, die auf ihn einen starken Eindruck machte, Der Fremde wollte etwas kaufen, Jakob aber durfte ihm nichts verkaufen. Als der Fremde schon hinausgegangen war, hörte Jakob seinen Namen rufen. Er trat hinaus, und der Mann sagte zu ihm: Jakob, du bist jetzt klein, aber du wirst einst groß werden. Du wirst ein Mensch werden, über den die Welt in Erstaunen geraten wird. — Dieser Mann hat den Anstoß zu dem gegeben, was in Jakob Böhmes Schriften enthalten ist.
[ 8 ] Another example has already been recounted here. It concerns the German theosophical philosopher Jakob Böhme and can be found in every biography of Böhme. As a boy, Jakob was apprenticed to a shoemaker. One day, the master and mistress had gone out. They had forbidden him to sell anything; he was only supposed to keep watch. Then a man entered the shop who made a strong impression on him. The stranger wanted to buy something, but Jakob was not allowed to sell him anything. After the stranger had already left, Jakob heard his name being called. He stepped outside, and the man said to him: “Jakob, you are small now, but you will one day become great. You will become a person who will amaze the world.—This man provided the inspiration for what is contained in Jakob Böhme’s writings.
[ 9 ] Noch besser werden Sie verstehen, worum es sich hier handelt, wenn wir ein anderes Beispiel nehmen, das Sie noch tiefer in die Geheimnisse der Bruderschaften hineinführen kann. Man denke sich: Ein unbekannter Mensch — unbekannt in der äußeren Welt, wohlbekannt den Eingeweihten - schreibt einen Brief an einen hochvermögenden Geheimen Rat oder an den Minister. Der Brief behandelt vielleicht eine ganz gleichgültige Angelegenheit, vielleicht die Bewilligung einer unwichtigen Nebensache. Wenn diesen Brief nun ein Eingeweihter lesen würde — es sind absolute Tatsachen, die ich hier erzähle -, der ihn ganz anders zu lesen verstände als ein gewöhnlicher Mensch, so würde dieser noch etwas ganz Besonderes daran erkennen. Es kann nämlich sein, daß man in einem solchen Brief beispielsweise jedes dritte Wort vom Anfang oder jedes vierte Wort vom Schluß weglassen muß. Dann bleiben gewisse Worte übrig, die einen sehr bedeutungsvollen Sinn darstellen, etwas, was auf den ganzen Willen dessen einwirkt, an den der Brief gerichtet ist. Dieser hat vielleicht nur gelesen, daß er etwas Unrat wegschaffen lassen sollte. In Wahrheit aber steht in dem Briefe etwas äußerst Wichtiges. Nun können Sie sagen: Das hat der Mann aber doch nicht gelesen. - Das ist aber nicht richtig. Das äußere Ich-Bewußtsein hat es nicht gelesen, aber darin liegt eben das Geheimnis eines solchen Schlüssels, daß die richtigen Worte, die noch übrigbleiben, sich in den Ätherleib, in das Unterbewußtsein einprägen, so daß der Betreffende es tatsächlich doch aufgenommen hat.
[ 9 ] You will understand even better what this is all about if we take another example that can lead you even deeper into the secrets of the brotherhoods. Imagine this: An unknown person—unknown to the outside world, but well known to the initiates—writes a letter to a very wealthy member of the Privy Council or to the minister. The letter may concern a completely trivial matter, perhaps the approval of some unimportant detail. If an initiate were to read this letter—these are absolute facts I am recounting here—and were to interpret it quite differently than an ordinary person, he would recognize something very special in it. For it may be that, in such a letter, for example, every third word from the beginning or every fourth word from the end must be omitted. Then certain words remain that convey a very significant meaning—something that influences the entire will of the person to whom the letter is addressed. That person may have read only that he should have some rubbish removed. In truth, however, the letter contains something extremely important. Now you might say: “But the man didn’t read that.”—That, however, is not correct. The outer ego-consciousness did not read it, but therein lies the secret of such a key: that the correct words that remain are imprinted on the etheric body, on the subconscious, so that the person in question has in fact absorbed it after all.
[ 10 ] So können Impulse gegeben werden, um Menschen danach handeln zu lassen, und so ist es möglich, auf geheimnisvollem Wege Direktiven zu vermitteln, ohne irgendwie erkannt zu werden. Das ist aber nur ein triviales Beispiel gegenüber Dingen von mächtiger Bedeutung, die es in der Welt gibt. Der Eingeweihte kann in jeder Gestalt wandeln. Er hat die Mittel, um nicht auf das Alltagsbewußtsein, sondern auf die anderen Glieder des menschlichen Bewußtseins zu wirken.
[ 10 ] In this way, impulses can be given to cause people to act accordingly, and thus it is possible to convey directives in a mysterious way without being detected in any way. However, this is only a trivial example compared to the things of great significance that exist in the world. The initiate can take on any form. He has the means to influence not the everyday consciousness, but the other levels of human consciousness.
[ 11 ] Sie kennen den deutschen Mystiker Cornelius Agrippa von Nettesheim. Sein Lehrer war Johannes Tritheim, Abt von Sponheim. Dieser hat Bücher geschrieben, die dem heutigen materialistischen Bewußtsein entweder als romantisch oder als etwas sehr Barockes erscheinen, jedenfalls als etwas, was man in gewisser Weise gleichgültig hinnimmt. Man glaubt von diesen Schriften, sie seien auch in der Zeit des Johannes Tritheim von Sponheim gleichgültig hingenommen worden. Doch es gibt auch einen Schlüssel zum Lesen dieser Bücher. Wenn man gewisse Dinge vom Anfang und andere vom Ende fortläßt, so bleibt wieder ein Rest, und dieser Rest gibt in den Büchern des Tritheim von Sponheim einen großen Teil dessen wieder, was heute als elementare Theosophie vorgetragen wird. Beim Lesen dieser Schriften liest man also tatsächlich im Unterbewußtsein mit, was heute als Theosophie gegeben wird. Jahrhunderte hindurch haben viele Menschen Theosophie in ihre Seele aufgenommen, ohne daß sie es gewußt haben. Dies sind bedeutsame Einflüsse im Kulturleben gewesen, die sich an solche Vorgänge, wie sie vor acht Tagen hier besprochen wurden, nämlich die Wirkungen von Kupfer und Blei, anreihen lassen.
[ 11 ] You are familiar with the German mystic Cornelius Agrippa von Nettesheim. His teacher was Johannes Tritheim, abbot of Sponheim. Tritheim wrote books that, to today’s materialistic mindset, appear either romantic or very baroque—in any case, something that is accepted with a certain degree of indifference. It is believed that these writings were also accepted with indifference even in the time of Johannes Tritheim of Sponheim. Yet there is also a key to reading these books. If one omits certain things from the beginning and others from the end, a residue remains, and this residue in the books of Tritheim of Sponheim reflects a large part of what is presented today as elementary theosophy. Thus, when reading these writings, one is in fact subconsciously absorbing what is presented today as theosophy. Over the centuries, many people have taken theosophy into their souls without even realizing it. These have been significant influences in cultural life that can be linked to processes such as those discussed here eight days ago—namely, the effects of copper and lead.
[ 12 ] An diesen Beispielen können Sie sehen, wie durch die Jahrtausende hindurch von okkulten Bruderschaften in der Welt gewirkt wurde, zum Heile der Menschheit. Das war richtig für die Vergangenheit, aber es ist nicht mehr richtig für die Zukunft. Diejenigen Eingeweihten, die den Sinn und die Bedeutung der Entwickelung verstehen, werden deshalb sagen: Nicht das, was in der Vergangenheit geschehen ist, ist auch in der Zukunft richtig. — Es wäre eine schlechte Inspiration, welche jederzeit nur in der Vergangenheit die Wahrheit suchte und sie nicht im lebendigen Sein erleben würde, wodurch sich diese Wahrheit immer wieder für die Zukunft umgestaltet. Ein wahrhaft Inspirierter geht nicht bloß zu den ältesten Lehrern der Menschheit in die Schule, sondern gestaltet die Wahrheiten, die er empfängt, für jede Epoche lebendig um. Was sich bei jedem in der Seele regen muß als Einwand gegen diese alte Form des okkulten Wirkens, ist der Begriff der Freiheit, der Begriff ihres Wertes und der Würde des Menschen. Die Menschen sind ja unfrei, wenn in der geschilderten Weise auf sie gewirkt wird. Die Freiheit ist aber, wie öfters gezeigt worden ist, nicht etwas, was fertig ist, sondern etwas, was der Mensch im lebendigen Entwickelungsgang immer mehr ertingt. Freiheit ist das Ziel der Menschheitsentwickelung und nicht etwas, was der Menschheit in die Wiege gelegt worden ist. Und die Freiheit beruht auf Erkenntnis. Kein anderes Mittel gibt es, wodurch die alten Wirkungen, die von den Bruderschaften ausgegangen sind, überwunden werden können, als die Verbreitung des okkulten Wissens selbst. Das liegt der theosophischen Bewegung zugrunde: den Menschen dadurch frei zu machen, daß er die spirituellen Wahrheiten lernt, welche früher den okkulten Bruderschaften vorbehalten waren. Nichts wußte damals die Welt, und kaum weiß sie heute etwas von dem, was über den physischen Plan hinausgeht. Erst wenn sie die Dinge lernt, die über den physischen Plan hinausgehen, wird sie imstande sein, die geheimnisvollen Wirkungen und Kräfte, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk spielen, wirklich selbst zu beherrschen. Das ist die Aufgabe der Zukunft und damit eigentlich auch die Aufgabe der theosophischen Bewegung.
[ 12 ] From these examples, you can see how occult brotherhoods have worked throughout the millennia for the benefit of humanity. That was true in the past, but it is no longer true for the future. Those initiates who understand the meaning and significance of evolution will therefore say: What was true in the past is not necessarily true for the future. — It would be a poor form of inspiration to seek truth solely in the past at all times and fail to experience it in living reality, through which this truth is continually reshaped for the future. A truly inspired person does not merely go to school with humanity’s oldest teachers, but rather transforms the truths he receives into something alive for every epoch. What must stir in everyone’s soul as an objection to this old form of occult activity is the concept of freedom, the concept of its value, and the dignity of the human being. After all, people are unfree when they are influenced in the manner described. But freedom, as has often been shown, is not something that is complete in itself, but rather something that human beings increasingly attain through the living process of development. Freedom is the goal of human development and not something with which humanity was born. And freedom is based on knowledge. There is no other means by which the old influences emanating from the brotherhoods can be overcome than the dissemination of occult knowledge itself. This is the foundation of the Theosophical Movement: to set people free by enabling them to learn the spiritual truths that were formerly reserved for the occult brotherhoods. At that time, the world knew nothing, and even today it knows hardly anything about what lies beyond the physical plane. Only when it learns about the things that lie beyond the physical plane will it be able to truly master for itself the mysterious influences and forces at work between individuals and between peoples. This is the task of the future and, in fact, also the task of the Theosophical Movement.
[ 13 ] So stellt sich die Geisteswissenschaft gegenüber allen übrigen Bewegungen in der Gegenwart als etwas ganz anderes dar. Viele Zeitfragen dringen heute an den Menschen heran. Zu diesen Fragen, die ihm durch die Tatsachen aufgedrängt werden, gehört vor allem die soziale Frage, die in den verschiedensten Formen auftritt. Dazu gehören die persönlichen Freiheitsrechte, die nationale und die Rassenfrage und die Kolonialprobleme. Alle diese Fragen, zu denen noch als wichtigste die Erziehungsfrage hinzukommt, erfahren eine besondere Beleuchtung, eine andere Beleuchtung, als dies sonst in der Gegenwart geschehen kann, durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis. Warum ist das so? Durch ein kleines Beispiel soll dies klargemacht werden. Es gibt heute eine gewisse Bewegung in der Psychiatrie, von der die Laien noch nicht viel wissen. Aber da alles durch die Zeitungsartikel in die Welt dringt, wird der eine oder der andere davon schon einige Notiz genommen haben. Es greift tatsächlich in wichtige Angelegenheiten ein. Sehen Sie sich einmal die neuesten Erscheinungen des Büchermarktes an. Da finden Sie ein interessantes Büchlein über Robert Schumanns Krankheit. Ein Psychiater, ein Irrenarzt, hat sich, wie auch über andere Persönlichkeiten, über Robert Schumann hergemacht und nachgewiesen, daß er von derjenigen Krankheit befallen war, die man in der Irrenkunde Dementia praecox nennt, vorzeitigen Schwachsinn. Vielleicht wissen Sie auch, daß nicht nur Robert Schumann, sondern auch andere menschliche Größen auf ihre geistige Verfassung hin untersucht worden sind, Goethe, Heine und noch eine ganze Reihe. Es gibt sogar zwei Schriften, die in gewisser Beziehung nicht uninteressant sind, obwohl sie sogar die Christus Jesus-Persönlichkeit darauf hin untersucht haben. Das alles kann in unserer materialistischen Zeit geschehen. Ein solcher Irrenarzt sagt: Wenn ein abnormer Ausdruck des Geistes stattfindet, so liegt dem eine bestimmte abnorme Organisation des Menschen zugrunde. - Nun ist sich der heutige Irrenarzt auch über eines klar: Durch das, was er geistige Mittel nennt, kann man auf eine solche Krankheit nicht einwirken. Was damit gemeint ist, werden Sie sogleich sehen. Man hat eine Zeitlang geglaubt, wenn jemand, sagen wir, von einer bestimmten Form des Wahnsinns befallen ist, die sich in abnormen Religionsvorstellungen auslebt, könne man ihn davon abbringen, indem man ihm vernünftige Begriffe beibringt, also durch Zureden und durch Vorhalten vernünftiger Argumente. Der Wahnsinn tritt ja manchmal in ganz besonderer Form auf. Da bildet sich zum Beispiel jemand ein, er wird verfolgt. Der Irrenarzt sieht das als ein Symptom an. Verfolgungswahn ist für ihn also nur ein Symptom, in Wirklichkeit liegt eine Abnormität im Gehirn vor. Man kann den Betreffenden dadurch, daß man ihm klar macht, er werde gar nicht verfolgt, nicht von seinen Wahnideen abbringen, denn die Organisation des Gehitns läßt sich ja nicht umändern. Soweit hat der Irrenarzt tatsächlich recht. Der Geistesforscher will den anderen nicht von einem dilettantischen Gesichtspunkte aus richten. Wenn Sie auch mit vernünftigen Vorstellungen an den Betreffenden herankommen, so werden Sie ihn doch nicht von dem Wahn abbringen. Dieser wird höchstens andere Formen annehmen.
[ 13 ] Thus, the humanities present themselves as something entirely different from all other contemporary movements. Many pressing issues of our time confront people today. Among these issues, which are forced upon them by reality, the social question stands out above all, manifesting itself in a wide variety of forms. These include personal civil liberties, the national and racial questions, and colonial issues. All of these issues—to which the question of education is added as the most important—are illuminated in a special way, a different way than is otherwise possible today, through the insights of the spiritual sciences. Why is this so? A brief example will clarify this. There is currently a certain movement within psychiatry of which laypeople are not yet very aware. But since everything finds its way into the public eye through newspaper articles, one or the other may already have taken some notice of it. It does, in fact, have an impact on important matters. Take a look at the latest releases on the book market. There you will find an interesting little book about Robert Schumann’s illness. A psychiatrist—a doctor specializing in mental illness—has, as he has done with other prominent figures, turned his attention to Robert Schumann and demonstrated that he was afflicted by the illness known in psychiatry as “dementia praecox,” or early-onset insanity. Perhaps you also know that not only Robert Schumann but also other great figures have been examined for their mental constitution—Goethe, Heine, and a whole host of others. There are even two treatises that are, in a certain sense, not uninteresting, although they have gone so far as to examine the personality of Jesus Christ in this regard. All of this can happen in our materialistic age. One such psychiatrist says: When an abnormal manifestation of the mind occurs, it is based on a specific abnormal organization of the human being. —Now, today’s psychiatrist is also clear about one thing: such an illness cannot be treated through what he calls “spiritual means.” You will see immediately what is meant by this. For a time, it was believed that if someone—let’s say—was afflicted by a certain form of madness that manifested itself in abnormal religious beliefs, one could dissuade them by teaching them rational concepts—that is, through persuasion and by presenting rational arguments. Madness does, after all, sometimes take on very peculiar forms. For example, someone might imagine that they are being persecuted. The psychiatrist regards this as a symptom. For him, the delusion of persecution is merely a symptom; in reality, there is an abnormality in the brain. One cannot dissuade the person in question from their delusions by making it clear to them that they are not being persecuted at all, for the organization of the mind cannot be altered. To that extent, the psychiatrist is indeed correct. The researcher of the spirit does not wish to judge others from an amateurish perspective. Even if you approach the person in question with reasonable arguments, you will still not dissuade them from their delusion. At most, it will take on other forms.
[ 14 ] Nehmen wir Hölderlin an. Das ist ebenfalls ein Fall, der von den Irrenärzten aufs Korn genommen worden ist. Hölderlin ging an der Sehnsucht nach dem alten Griechenland zugrunde. Der Irrenarzt sagt: Er litt an einer Gehirnkrankheit und alles andere ist äußeres Symptom. Die Gehirnkrankheit war vielleicht schon durch eine erbliche Anlage da. So wäre es unmöglich, von dem, was man heute Geistesleben nennt, auf die Konstitution des Organismus, zunächst auf die Konstitution des Gehirns, zurückzuwirken. Sie sehen, diese Forschungen der modernen Psychiatrie führen ins Bodenlose. Der physische Leib wird als etwas Gegebenes hingenommen, und das Geistige ist nur wie ein Dunst, der vom physischen Leibe ausgeht. Selbst die höchsten geistigen Fähigkeiten, selbst die Leistungen unserer Genies, insofern sie abnorm sind, werden von solchen materialistischen Forschern auf eine abnorme Gehirntätigkeit zurückgeführt. So wird es Ihnen der Irrenarzt, der Psychiater sagen. Was Sie ihm auch immer entgegnen - er wird dabei bleiben, daß alles Geistesleben von der physischen Organisation abhängig ist. Soweit die positive Behauptung geht, ist sie richtig, denn das, worum es sich eigentlich handelt, kennt man in diesen Kreisen gar nicht; das ist völlig unbekannt.
[ 14 ] Let’s take Hölderlin as an example. This is another case that has been targeted by psychiatrists. Hölderlin was consumed by his longing for ancient Greece. The psychiatrist says: He suffered from a brain disease, and everything else is an external symptom. The brain disease may have already been present due to a hereditary predisposition. Thus, it would be impossible to trace what we today call spiritual life back to the constitution of the organism—and, first and foremost, to the constitution of the brain. You see, these investigations of modern psychiatry lead into a bottomless abyss. The physical body is accepted as a given, and the spiritual is merely like a mist emanating from the physical body. Even the highest spiritual abilities, even the achievements of our geniuses—insofar as they are abnormal—are attributed by such materialistic researchers to abnormal brain activity. This is what the psychiatrist will tell you. No matter what you say in response—he will insist that all mental life depends on the physical constitution. To the extent that this assertion is positive, it is correct, for what is actually at stake is completely unknown in these circles; it is entirely unfamiliar.
[ 15 ] Da kommen wir auf eine Sache, die Sie sich recht gut einprägen mögen. Sie enthält ein außerordentlich wichtiges Geheimnis, was aber vielleicht nicht von jedem für ein wichtiges Geheimnis genommen wird. Tatsächlich ist ursprünglich das Organ des Menschen, das seine Tätigkeit ausführt, von dieser Tätigkeit selbst aufgebaut: Das Gehirn ist ursprünglich von Gedanken aufgebaut. Das Blut entwickelt das Gefühlsleben. Ohne warmes Blut gibt es kein Gefühlsleben. Tatsächlich ist aber das Blut ursprünglich von dem Gefühlsleben aufgebaut. Damit haben wir einen ganz neuen Gesichtspunkt gewonnen. Nun sagen wir uns: Gewiß, mit dem, was heute der Mensch durch sein Gehirn an diesen oder jenen Vorstellungen hervorbringt, können wir sein Gehirn nicht ändern. Aber hinter diesem Gehirn stehen die anderen Gedanken, welche die materialistische Wissenschaft gar nicht kennt und die das Gehirn erst aufgebaut haben. Diese Gedankenwelt muß man eben kennenlernen, sie ist die schöpferische Gedankenwelt. So daß man zwischen den gewöhnlichen Gedanken und einer die Welt durchflutenden - wirklich durchflutenden - Gedankenwelt zu unterscheiden hat. Weil das Gehirn aus der Gedankenwelt geboren ist, ist der menschliche Geist imstande, nicht nur solche Gedanken hervorzubringen, welche der Gedankenwelt des Gehirns entsteigen, sondern auch an jener Gedankenwelt teilzuhaben, die hinter der physischen Organisation waltet. Dadurch lernt man das Gedankenleben beherrschen. Man heilt also auch nicht mit logischen Gründen, sondern dadurch, daß man viel tiefer in die geistigen Gebiete hineindtingt. Es ist möglich, wenn die Gedanken aus der wirklichen geistigen Welt herausgeholt werden, rein vom Gedanken aus den physischen Organismus zu verändern und den kranken Organismus wieder gesund zu machen.
[ 15 ] This brings us to a point that you might do well to commit to memory. It contains an extraordinarily important secret, though perhaps not everyone will regard it as such. In fact, the human organ that performs a given activity is originally built up by that activity itself: the brain is originally built up by thoughts. Blood gives rise to emotional life. Without warm blood, there is no emotional life. In fact, however, blood is originally formed from emotional life. This gives us an entirely new perspective. Now we say to ourselves: Certainly, we cannot change a person’s brain through the ideas they produce today via their brain. But behind this brain lie the other thoughts that materialistic science does not even recognize—and which built the brain in the first place. We must come to know this world of thought; it is the creative world of thought. Thus, one must distinguish between ordinary thoughts and a world of thought that permeates the world—truly permeates it. Because the brain is born of the world of thought, the human spirit is capable not only of producing thoughts that arise from the brain’s world of thought, but also of participating in that world of thought which reigns behind the physical organism. Through this, one learns to master the life of thought. Thus, one does not heal through logical reasoning, but rather by penetrating much more deeply into the spiritual realms. It is possible, when thoughts are drawn from the true spiritual world, to transform the physical organism purely through thought and to restore the sick organism to health.
[ 16 ] So haben wir es mit einem Doppelsein des Geistes zu tun. Wir haben den Geist, der uns zunächst an der Oberfläche in den Naturerscheinungen, in Kunst und Wissenschaft und in den ökonomischen Erzeugnissen der Technik und der Industrie erscheint. Dieser Geist ist ein Erzeugnis des physischen Lebens. Aber hinter diesem steht sein Schöpfer, und der ist wieder Geist. Durch ein Bild machen Sie sich das klar. Sie denken sich, ich hätte hier Wasser, das ich durch eine bestimmte Prozedur so abkühle, daß es Eis wird. Wenn wir einen Teil des Eises so erwärmen, daß es wieder zu Wasser wird, dann haben wir ein dreifach Verschiedenes: das ursprüngliche Wasser ringsherum, das Eis und das, was wiederum zu Wasser wird. So betrachten Sie das menschliche Gehirn. Der Geist, der die ganze Welt ausfüllt, hat sich zum Gehirn verdichtet wie das Wasser zum Eis, und vom Gehirn werden wieder die Gedanken abgeschieden wie das Wasser von dem erwärmten Eis. So können Sie alles Materielle im Grunde genommen wie eine Verdichtung des Geistes auffassen, wie eine Zusammenziehung des Geistes, und das Geistige, das in der Welt erscheint, können Sie betrachten als hervorgegangen aus dem Physischen. Der Materialismus sieht nur die verdichtete Materie und hat vergessen, daß hinter der materiellen Welt das Geistige steht, daß über den Dingen ein Geistiges existiert, das die Materie hervorbringt. Die theosophische Bewegung soll wieder zu dem Geiste hinführen, der hinter dem Materiellen steht.
[ 16 ] Thus, we are dealing with a dual nature of the spirit. We have the spirit that first appears to us on the surface in natural phenomena, in art and science, and in the economic products of technology and industry. This spirit is a product of physical life. But behind this stands its creator, who is, in turn, spirit. Consider an illustration to make this clear. Imagine that I have water here, which I cool through a specific process until it becomes ice. If we heat a portion of the ice so that it turns back into water, then we have three distinct states: the original water all around, the ice, and that which has turned back into water. Consider the human brain in the same way. The Spirit that fills the entire world has condensed into the brain just as water condenses into ice, and thoughts are separated from the brain just as water is separated from the warmed ice. Thus, you can essentially regard all that is material as a condensation of the Spirit, as a contraction of the Spirit, and you can view the spiritual that appears in the world as having emerged from the physical. Materialism sees only condensed matter and has forgotten that behind the material world lies the spiritual, that above things there exists a spiritual reality that brings forth matter. The Theosophical Movement is meant to lead us back to the Spirit that lies behind the material world.
[ 17 ] Jetzt können wir auch an einen Gedanken anknüpfen, den wir das letzte Mal ausgesprochen haben. Ich sprach zu Ihnen von der Schrift. Wir schreiben irgend etwas auf, sagen wir das Wort «Geist». Wer nicht einen Begriff vom Geist hat, wird dieses Wort sicher nicht aufschreiben. Aber es könnte ein anderer kommen, der keinen Begriff vom Geiste hat, der überhaupt nicht lesen kann, und könnte beschreiben: Da ist eine krumme Linie, die abwärts geht, dann wieder eine krumme Linie aufwärts, dann wieder abwärts und so weiter. Kein Mensch könnte darauf kommen, daß das «Geist» heißt, denn wer so beschreibt, der kann nicht lesen. Aber so beschreibt heute die Wissenschaft die Tatsachen. Damit dieses Wort da hingeschrieben werden konnte, war ein Sinn notwendig, der sich in dem, was hier steht, ausgegossen hat. Der Schreiber kann weggehen, ein anderer kann kommen und aus dem, was materiell hier steht, erkennen, was der Schreiber ursprünglich gemeint hat. So ist es auch mit dem ursprünglichen Geist gegenüber unserer physischen Welt. Diese physische Welt ist eine Schrift, nichts anderes als eine Schrift. Die gewöhnliche Alltagswissenschaft beschreibt die einzelnen Dinge der Welt so, wie ich es gezeigt habe. Der Okkultist weiß aber, daß diese einzelnen Dinge, abgesehen davon, daß man sie äußerlich beschreiben kann, noch etwas bedeuten; daß man sie lesen kann, weil sie die Schriftzeichen des Geistes sind. Wenn man diese Welt so als Schriftzeichen des Geistes betrachtet, wenn man alles Äußere — Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen - als Schriftzeichen des Geistes anschaut, dann kommt man durch das Lesen der physischen Welt von selbst in die geistige Welt hinein.
[ 17 ] Now we can also pick up on a thought we mentioned last time. I spoke to you about writing. We write something down—let’s say the word “spirit.” Anyone who has no concept of the spirit will certainly not write down this word. But someone else might come along—someone who has no concept of the spirit, who cannot read at all—and might describe it as follows: There is a curved line going down, then another curved line going up, then down again, and so on. No one would ever think that this means “spirit,” because anyone who describes it this way cannot read. But this is how science describes the facts today. For this word to be written down, a meaning was necessary—one that has been poured out into what is written here. The writer can leave; another can come and, from what is physically written here, recognize what the writer originally meant. So it is also with the original Spirit in relation to our physical world. This physical world is a text, nothing other than a text. Ordinary, everyday science describes the individual things of the world as I have shown. The occultist, however, knows that these individual things, apart from the fact that they can be described externally, still mean something; that they can be read because they are the characters of the spirit. If one regards this world in this way as the characters of the spirit, if one views everything external—minerals, plants, animals, and human beings—as characters of the spirit, then by reading the physical world one naturally enters the spiritual world.
[ 18 ] Dieses Lesen ist allerdings nicht ganz einfach. Um ein Beispiel für dieses Lesen zu zeigen, sei das Folgende angeführt. Der Chemiker nimmt Blut, analysiert es und sagt, es bestehe aus diesen und jenen Bestandteilen. Dann ist er fertig, und er weiß, was Blut ist. Das Lesen im geisteswissenschaftlich-okkulten Sinne zeigt Ihnen aber, daß das Blut in der Form, wie wir es haben, nicht hätte zustande kommen können, wenn nicht dahinter die Erscheinungen stünden, welche wir die astralen nennen. Der Geist der Welt wirkt durch die astralen Erscheinungen auf den Stoff. Niemals könnte es in der physischen Welt Blut geben, wenn nicht hinter der physischen Welt die astralische stünde. Alles mögliche könnte da sein, das Blut aber ist nur dadurch möglich, daß die astrale Welt dahinter vorhanden ist. So lesen Sie im Blute das Astrale, wie Sie in diesen Zeichen das Wort «Geist» lesen. Das Lesen der Schriftzeichen, die hier im Physischen gegeben sind, führt zum Schauen im Astralen.
[ 18 ] This kind of reading, however, is not entirely simple. To illustrate this approach, consider the following example. A chemist takes a blood sample, analyzes it, and concludes that it consists of such-and-such components. Then he is done, and he knows what blood is. But “reading” in the spiritual-scientific and occult sense shows you that blood, in the form we have it, could not have come into being if it were not for the phenomena behind it that we call the astral. The spirit of the world acts upon matter through astral phenomena. There could never be blood in the physical world if the astral world did not lie behind the physical world. All sorts of things could exist, but blood is possible only because the astral world lies behind it. Thus, you read the astral in the blood, just as you read the word “Spirit” in these characters. Reading the characters given here in the physical realm leads to seeing in the astral.
[ 19 ] Das ist überhaupt der richtige Weg, um in die geistige Welt hineinzukommen: sich recht sinnvoll in die uns umgebende Welt zu vertiefen. Bequemer ist es, auf manche andere Weise in die geistige Welt hineinzukommen, sicherer ist es aber durch das Studium der Erscheinungen, die uns umgeben. Anders spricht ein Mineral, anders eine Pflanze, anders ein Tier, anders ein Mensch — weil alle diese Wesen eben verschiedene Schriftzeichen sind. Wenn Sie sie sinnvoll betrachten, so bringen sie Ihnen Kundschaft aus der geistigen Welt. Daher werden Sie in den rosenkreuzerischen Anweisungen zu einer okkulten Schulung in erster Reihe das Studium unserer Welt angegeben finden, das hingebungsvolle, sinnvolle Betrachten der Welt. Als wir unsere theosophische Bewegung begannen, haben manche gesagt: Was uns der erzählt, kann man auch in jedem naturwissenschaftlichen Buch lesen. Er redet von Abstammung, vom Kampf ums Dasein und so weiter -— aber wir wollen doch von den Dingen hören, die in der geistigen Welt vorgehen. - Von diesen Dingen ist vielleicht viel mehr darin, als die Leute, welche es verlangt haben, vertragen könnten. Aber der Ausgangspunkt soll von einem sicheren Verständnis unserer unmittelbaren Wirklichkeit genommen werden, nicht von einem bloßen Beschreiben, sondern von dem sinnvollen Verstehen.
[ 19 ] This is, in fact, the right way to enter the spiritual world: to immerse oneself meaningfully in the world around us. It is easier to enter the spiritual world in some other ways, but it is safer to do so by studying the phenomena that surround us. A mineral speaks differently, a plant differently, an animal differently, and a human being differently—because all these beings are, in fact, different symbols. If you observe them thoughtfully, they will convey messages to you from the spiritual world. That is why, in the Rosicrucian instructions for occult training, you will find that the study of our world—the devoted, thoughtful observation of the world—is listed as the first priority. When we began our Theosophical Movement, some people said: “What he’s telling us can also be read in any science textbook. He talks about evolution, the struggle for existence, and so on—but we want to hear about the things that take place in the spiritual world.” - There may be far more about these things in it than the people who demanded it could handle. But the starting point must be a sure understanding of our immediate reality—not a mere description, but a meaningful understanding.
[ 20 ] Betrachten Sie das Folgende als eine wichtige Grundwahrheit und die rosenkreuzerische okkulte Schulung hat das immer als eine Grundwahrheit betrachtet -: Hier in der Sinnenwelt sieht es so aus, wie es die äußeren physischen Sinne wahrnehmen können. In der astralischen Welt sieht es wieder anders aus, ganz anders. Und in der devachanischen Welt sieht es wieder ganz anders aus. So verhält es sich in bezug auf das Wahrnehmen. Nun gibt es das Denken, mit dem man die Wahrnehmungen der physischen Welt, der astralischen Welt und der devachanischen Welt begreift. Die Gedanken und Gesetze der Logik sind für alle drei Welten dieselben. Was richtig gedacht ist, ist auch richtig im Devachan, ist richtig auf dem astralischen wie auf dem physischen Plan. Lernen Sie richtig denken auf dem physischen Plan, so haben Sie in diesem richtigen Denken einen sicheren Führer durch alle Welten. Aber es handelt sich darum, bedeutungsvoll, sinnvoll, tief denken zu lernen. Daher sollte es sich niemand ersparen, in diese sinnliche Welt mit den Gedanken einzudringen und sie zu betrachten als Schriftzeichen, die Kunde bringen von einer höheren, geistigen Welt.
[ 20 ] Consider the following as an important fundamental truth—and the Rosicrucian occult training has always regarded it as such—: Here in the sensory world, things appear as the outer physical senses can perceive them. In the astral world, things look different again—completely different. And in the Devachanic world, they look yet again completely different. This is how it is with regard to perception. Now there is thinking, through which one comprehends the perceptions of the physical world, the astral world, and the Devachanic world. The thoughts and laws of logic are the same for all three worlds. What is correctly thought is also correct in Devachan; it is correct on the astral plane as well as on the physical plane. If you learn to think correctly on the physical plane, this correct thinking will serve as a sure guide through all the worlds. But the point is to learn to think meaningfully, sensibly, and deeply. Therefore, no one should neglect to penetrate this sensory world with their thoughts and to regard it as characters that convey news of a higher, spiritual world.
[ 21 ] In erster Linie geht es bei dem großen Prozeß der Befreiung der Menschheit also darum, eine sinnvolle Lehre von der Bedeutung der physischen Erscheinungen zu bekommen. Durch dieses Tor wird man in die geistige Welt hineingeführt. Es ist gewiß eine entsagungsvolle Arbeit, aber der Mensch muß sie auf sich nehmen. Wenn er sie wirklich auf sich nimmt, wenn er auf diesem Wege allmählich zum Geistigen aufsteigt und die Dinge von der geistigen Welt aus zu erfassen lernt, dann wird er ein Mitarbeiter an den großen Kulturaufgaben. Das kann er nur als freier Mensch werden. In dem Augenblick, wo man auf einer anderen Basis als derjenigen der Freiheit die Kultur der Zukunft aufbauen wollte, würde man nichts anderes schaffen als totgeborene Produkte, indem man die Vorstellungen der Vergangenheit in die Zukunft hineinträgt. Das wird der große Unterschied gegen früher sein, daß nicht Grundsätze und nicht Institutionen wirken, sondern Menschen. Zwar haben in der Vergangenheit wirklich auch nur Menschen gewirkt. Aber diese waren nur ein kleiner Kreis, und ihre Grundsätze gingen auf die Allgemeinheit über. Manche lobten diese Grundsätze und meinten, sie wären etwas Ursprüngliches. Da redeten dann die Leute von etwas, was sie von Prinzipien ableiteten. Es waraber nichts anderes als der von den Eingeweihten herrührende Impuls. Solche Impulse wurden dann fortgesponnen; das konnte lange dauern. Nehmen wir als Beispiel eine alte Einweihung, die des Heraklit. Er faßte die von ihm gefundenen Wahrheiten in äußere Formeln, die von unzähligen Leuten fortgesponnen wurden. Sie glaubten, sie dächten ursprünglich; das war aber nicht der Fall. Ursprünglich lernt man nur denken, wenn man hinter die Dinge schaut und ihre reale Bedeutung begreifen kann.
[ 21 ] The great process of humanity’s liberation is, first and foremost, about gaining a meaningful understanding of the significance of physical phenomena. Through this gateway, one is led into the spiritual world. It is certainly a work that demands self-sacrifice, but human beings must undertake it. If they truly undertake it—if they gradually ascend to the spiritual realm along this path and learn to perceive things from the perspective of the spiritual world—then they will become partners in the great cultural tasks. They can only become this as free human beings. The moment one were to attempt to build the culture of the future on any basis other than that of freedom, one would create nothing but stillborn products by carrying the ideas of the past into the future. This will be the great difference from the past: it is not principles or institutions that are at work, but human beings. True, in the past, it was really only human beings who were at work. But they were only a small circle, and their principles were passed on to the general public. Some praised these principles and believed them to be something original. People then spoke of something they derived from principles. But it was nothing other than the impulse originating from the initiates. Such impulses were then spun out further; this could take a long time. Let us take as an example an ancient initiation, that of Heraclitus. He expressed the truths he had discovered in external formulas, which were then elaborated upon by countless people. They believed they were thinking independently; but that was not the case. One truly learns to think only when one looks behind things and can grasp their real meaning.
[ 22 ] So hoffe ich, daß Sie ein wenig empfunden haben, wie sich der Mensch in den Kulturprozeß hineinreihen soll, wie er zwischen der einen Säule, der Geduld, hindurchwandern kann, indem er lernt und nicht zu früh eingreifen will, und zwischen der andern Säule, dem Willen, ein dienendes Glied im Entwickelungsgang der Menschheit zu sein. Das kann er, wenn er immer mehr durch die Sinne die Dinge auf sich wirken läßt und so zum schöpferischen Geist vordringt. Das muß man fühlen, in sich erleben, dann ist man Theosoph. In einem weit höheren Maße müssen die Menschen in der Zukunft frei werden, als sie es in der Vergangenheit waren, und vor allem auch in einer viel größeren Anzahl. Es ist noch nicht lange her, da gab es in Mitteleuropa nur wenige Menschen, die wirklich frei waren. Kleine Zentren waren es, aus denen die Kultur herausstrahlte. Auf die anderen ging sie dann in der Gestalt von Anschauungen und Meinungen über, so daß sie glaubten, alles übrige sei irrig. Auch Rousseau glaubte, er gäbe nur seine Meinungen, sein Innerstes wieder, während er doch von ganz woandersher beeinflußt war.
[ 22 ] So I hope you have gained some sense of how a person should fit into the cultural process, how they can pass between the one pillar—patience—by learning and refraining from intervening too soon, and between the other pillar—will—to be a serving link in the course of humanity’s development. They can do this by allowing things to increasingly take effect upon them through the senses and thus advancing toward the creative spirit. One must feel this, experience it within oneself; then one is a Theosophist. In the future, people must become free to a far greater extent than they were in the past, and above all, in far greater numbers. It was not long ago that there were only a few people in Central Europe who were truly free. Culture radiated from small centers. It then spread to others in the form of views and opinions, so that they believed everything else to be erroneous. Rousseau, too, believed he was merely expressing his own opinions, his innermost thoughts, whereas in fact he was influenced by something entirely different.
[ 23 ] Die Eingeweihten wußten, daß das Leben zwischen Geburt und Tod, das in die sinnlichen Erscheinungen eingeschlossen ist, von Kräften beherrscht wird, die im Tode nicht aufhören, die im Tode geradeso da sind wie im physischen Leben, die auch vor der Geburt da waren und während des physischen Lebens nur eine andere Form annehmen. Daher konnten die Eingeweihten der Welt Impulse geben, weil sie in das hineinschauen konnten, was hinter dem Tod ist. Das Glas, das hier steht, kann sich niemals selbst bewegen. Ebensowenig bewegt sich das, was zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist, von selbst. Die Kräfte, die dasjenige bewegen, was zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist, sind immer da; sie sind das Ewige. Die Eingeweihten kennen sie und ein großer Teil der Menschheit muß sie in der Zukunft kennenlernen.
[ 23 ] The initiates knew that life between birth and death—which is enclosed within sensory phenomena—is governed by forces that do not cease at death, that are just as present in death as in physical life, that were also present before birth, and that merely take on a different form during physical life. That is why the initiates were able to impart impulses to the world, because they could look into what lies beyond death. The glass standing here can never move on its own. Nor does that which is enclosed between birth and death move of its own accord. The forces that move what is enclosed between birth and death are always present; they are the Eternal. The initiates know them, and a large part of humanity must come to know them in the future.
[ 24 ] Das nehmen Sie als eine Empfindung auf, denn diese Empfindung ist wichtig. Ohne sie kommen Sie nicht im Okkultismus vorwärts. Von ihr hängt es ab, ob Sie sich als richtiges Glied in die theosophische Bewegung einreihen. Diese Empfindung führt Sie aber auch mit einer gewissen Sicherheit durch etwas hindurch, was Sie rings um sich wahrnehmen. Wir nehmen in der Kultur ein Chaos wahr, das ist richtig. Theoretisch ist im Materialismus das Chaos. Es ist etwas Ungeheuerliches, wenn der Mensch heute ein Buch aufschlägt und ihm lauter unzusammenhängende Einzelerkenntnisse geboten werden. Lauter Einzelheiten und überall Chaos, auch draußen im sozialen Leben.
[ 24 ] Take this to heart, for this feeling is important. Without it, you will not make progress in occultism. It determines whether you will become a true member of the Theosophical Movement. But this feeling also guides you with a certain degree of certainty through what you perceive around you. We perceive chaos in our culture; that is true. Theoretically, materialism is chaos. It is something monstrous when a person opens a book today and is presented with nothing but a jumble of disjointed bits of knowledge. Nothing but details and chaos everywhere, even out there in social life.
[ 25 ] Was wird der tun, der nicht im theosophischen Leben steht? Er macht Vorschläge, wie man es besser machen kann. Wie viele soziale Rezepte hat die Menschheit schon erlebt. Dadurch aber unterscheidet sich die theosophische Bewegung von allen den anderen, daß sie mit keinen Rezepten aufwartet, daß sie nichts angibt, wie die Sachen besser zu machen sind. Das ist nicht Zukunftskultur, wenn man sich bemüht, Rezepte zu finden; das ist nicht Zukunftskultur, wenn man darüber diskutiert, wie man den Weltfrieden herstellt. Programme aufzustellen ist Sache der Vergangenheit. Die Zukunft liegt darin, daß Menschen da sind, die aus sich heraus in der richtigen Weise handeln. Die Theosophie schreibt nicht vor, was das Rechte ist, sondern sie zeigt dem Menschen, wie er dazu kommt, das Richtige zu tun. Die Theosophie wird niemals sagen, wenn dreißig Menschen beisammen sind: Diese dreißig leben friedlich zusammen, wenn sie diese oder jene Konstitution haben. Sie zeigt vielmehr jedem Einzelnen, wie er in sich selbst eine Entwickelungsstufe erreichen soll, auf der er ganz von selbst die richtige Ordnung findet, wenn er mit anderen in Wechselwirkung kommt. Das ist die theosophische Aufgabe in der Bewegung der Zukunft.
[ 25 ] What will someone who is not involved in theosophical life do? They make suggestions on how to do things better. How many social “recipes” has humanity already experienced? But the Theosophical Movement differs from all the others in that it does not offer any “recipes,” nor does it prescribe how things should be done better. It is not the culture of the future to strive to find formulas; it is not the culture of the future to discuss how to establish world peace. Drawing up programs is a thing of the past. The future lies in the existence of people who act in the right way of their own accord. Theosophy does not prescribe what is right, but rather shows people how to come to do what is right. Theosophy will never say, when thirty people are gathered together: “These thirty will live together peacefully if they have this or that constitution.” Rather, it shows each individual how to reach a stage of development within themselves at which they will find the right order all on their own when they interact with others. That is the theosophical task in the movement of the future.
[ 26 ] Wir haben in verschiedenen Vorträgen unsere Weltlage, namentlich Krieg und Frieden, ferner die Frauenfrage und die soziale Frage von großen Gesichtspunkten aus betrachtet. Durch das Freiwerden des Menschen, durch das Herausreißen des Menschen aus dem Zwang der Umgebung wird er zu gleicher Zeit in die höheren Welten hinaufgeführt, denn wahre Befreiung ermöglicht erst den Eintritt in die höheren Welten. Niemals kann der Mensch unter Zwang in die höhere Welt eintreten. Jetzt sehen wir das Gute selbst des Chaos. Hätte sich nicht unsere ganze Kultur in ein Chaos verwandelt, so könnten sich die einzelnen Persönlichkeiten nicht aus sich selbst frei entfalten. Sie wären immer an die Umgebung gefesselt. Es mußte die alte Ordnung zerreißen und in ein Chaos verwandelt werden. Wir stehen in dieser Beziehung vor großen Umwälzungen, und niemand darf hoffen, daß er in der Welt anders reformieren kann als durch die Entwickelung der Seelen. Alles andere wäre dilettantische Prophetie.
[ 26 ] In various lectures, we have examined our global situation—namely, war and peace, as well as the women’s issue and the social question—from a broad perspective. Through the liberation of the human being—through the breaking free of the human being from the constraints of the environment—he is simultaneously led up into the higher worlds, for true liberation alone makes entry into the higher worlds possible. Human beings can never enter the higher world under compulsion. Now we see the good even in chaos. Had our entire culture not been transformed into chaos, individual personalities would not have been able to unfold freely from within themselves. They would always have remained bound to their surroundings. The old order had to be torn apart and transformed into chaos. In this regard, we are facing great upheavals, and no one should hope to reform the world in any way other than through the development of souls. Anything else would be amateurish prophecy.
[ 27 ] So versuchten wir in diesen zwei Stunden, in der vorigen und in der heutigen, den Sinn der geisteswissenschaftlichen Bewegung als einer Kulturbewegung zu erfassen. Das nächste Mal wollen wir sehen, wie sich das Karma der Menschen innerhalb der ganzen Kulturbewegung auswirkt und wie die einzelnen karmischen Zusammenhänge des Menschen sind. Mit anderen Worten, wir wollen sehen, was der Mensch aus einer Inkarnation in die nächste hinübernimmt und wie er im Fortgang von Inkarnation zu Inkarnation am Weltprozeß teilnimmt. Das ist die Aufgabe, vor der wir in acht Tagen stehen werden.
[ 27 ] So, in these two hours—yesterday’s and today’s—we have tried to grasp the meaning of the spiritual science movement as a cultural movement. Next time, we will examine how human karma manifests itself within the broader cultural movement and what the individual karmic connections of human beings are. In other words, we will examine what a person carries over from one incarnation to the next and how, as they progress from incarnation to incarnation, they participate in the world process. This is the task we will face in eight days.
