The Christian Mystery
GA 97
9 February 1906, Düsseldorf
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Christian Mystery, tr. SOL
1. Die Wahrheitssprache der Evangelien das christliche Mysterium
1. The Language of Truth in the Gospels: The Christian Mystery
[ 1 ] Wenn wir über die christliche mystische Entwickelung des Menschen sprechen, so müssen wir dabei in Betracht ziehen, daß der Weg, der im Christentum eingeschlagen worden ist, um sich geistig höher zu entwickeln, immer ein streng vorgeschriebener war. Den christlich-gnostischen Entwickelungsgang konnte immer nur derjenige gehen, der sich von der äußeren Kultur zurückzog. Seine völlige Strenge ist nicht für einen Menschen durchführbar, der im äußeren Schaffen darinsteht. Jeder kann aber viel erreichen, wenn er nur annähernd diesen Weg betritt. Indessen erfordert der christliche Weg eine ganz bedeutende Höhe der Entwickelung. Er unterscheidet sich jedoch von allen andern Wegen dadurch, daß innerhalb dieses Weges der Mensch nicht durch eigene Anschauung zur Erkenntnis von Reinkarnation und Karma kommen kann.
[ 1 ] When we speak of the Christian mystical development of the human being, we must take into account that the path Christianity has taken toward higher spiritual development has always been a strictly prescribed one. Only those who withdrew from external culture could ever follow the Christian-Gnostic path of development. Its utter rigor is not feasible for a person who is engaged in external work. However, anyone can achieve a great deal simply by approaching this path. Nevertheless, the Christian path requires a very significant level of development. It differs from all other paths, however, in that within this path, a person cannot arrive at the knowledge of reincarnation and karma through their own insight.
[ 2 ] Im esoterischen Christentum hat man wohl die Überzeugung davon gehabt, daß es Reinkarnation gäbe. Aber zum eigentlichen exoterischen Christentum gehört diese Überzeugung nicht. Es war ein bestimmter Grund, warum das Christentum der Vergangenheit diese Lehre nicht hatte.
[ 2 ] In esoteric Christianity, people apparently believed in reincarnation. But this belief is not part of exoteric Christianity proper. There was a specific reason why Christianity in the past did not hold this doctrine.
[ 3 ] Man braucht nur einige tausend Jahre zurückzugehen, da war die Lehre von Reinkarnation und Karma so ziemlich auf der ganzen Erde verbreitet. Nur innerhalb der Völker semitischer Abstammung ist die Lehre von Reinkarnation und Karma etwas zurückgetreten. Sonst findet man diese Lehre damals überall. Die Menschen, die bedrückt von ihrem Schicksal waren, sagten sich damals: Dies ist ein Leben unter vielen; das, was ich in diesem Leben vorbereite, wird seinen Lohn in einem andern haben. — Damals gab es ein fortwährendes Hinaufschauen nach den höheren Welten. Das war überall vorhanden, so auch bei den chaldäischen Priesterweisen. Ihnen waren die Sterne der Ausdruck einer Seele und eines Geistes, die Körper von Geistern waren sie. Der ganze Weltenraum war für sie mit geistigen Wesenheiten belebt. Sie sprachen von den Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Sterne sich bewegen, als von dem Willen der Geister, deren Körper die Sonne und die Planeten sind. Der Mensch lebte damals, indem er seine Seele fortwährend zu dem Geiste hinaufrichtete. Was die Menschen damals äußerlich an Arbeit auf der Erde vollbracht haben, das war primitiv, während dagegen in hohem Maße das geistige Durchdringen des Weltalls unter ihnen wirkte. Hohe geistige Anschauungen findet man da neben einer primitiven materiellen Kultur.
[ 3 ] One need only go back a few thousand years to find that the teachings of reincarnation and karma were widespread throughout the world. Only among peoples of Semitic descent did the teachings of reincarnation and karma recede somewhat. Otherwise, these teachings were found everywhere at that time. People who were weighed down by their fate used to say to themselves: “This is one life among many; what I prepare in this life will be rewarded in another.” — Back then, there was a constant looking upward toward the higher worlds. This was universal, including among the Chaldean priest-sages. To them, the stars were the expression of a soul and a spirit; they were the bodies of spirits. For them, the entire cosmos was animated by spiritual beings. They spoke of the laws governing the movement of the stars as the will of the spirits whose bodies are the sun and the planets. People at that time lived by continually directing their souls upward toward the spirit. The work that people accomplished outwardly on Earth at that time was primitive, whereas the spiritual permeation of the universe was at work among them to a great degree. One finds lofty spiritual insights there alongside a primitive material culture.
[ 4 ] Nun sollte ein Zeitalter kommen, welches die äußere, materielle Kultur immer mehr pflegte, welches sozusagen den Erdball für die materielle Kultur eroberte. Der Blick der Menschen sollte auf dem physischen Leben ruhen. Das Denken der chaldäischen Priesterweisen, der Hermesschüler, der Schüler der alten Rishis, war auf das geistige Leben gerichtet. Für sie alle waren die wiederholten Erdenleben eine Tatsache. Davon mußten die Menschen eine Zeitlang absehen. Alle Menschen sollten einmal durch eine Inkarnation gehen, ohne etwas von den wiederholten Erdenleben zu wissen. Das wurde schon achthundert Jahre vor dem Beginn des Christentums vorbereitet. Allmählich flutet das wieder ab in unsere Zeit hinein. Heute ist für die, welche die okkulten Strömungen kennen, bekannt, daß jetzt auch das Christentum die Lehre von Reinkarnation und Karma wieder aufnehmen muß.
[ 4 ] Now an age was to come that would increasingly cultivate external, material culture—an age that, so to speak, would conquer the globe for the sake of material culture. People’s gaze was to rest on physical life. The thinking of the Chaldean priest-sages, the disciples of Hermes, and the disciples of the ancient Rishis was directed toward spiritual life. For all of them, repeated earthly lives were a fact. People had to set this aside for a time. All human beings were to go through a single incarnation without knowing anything about repeated earthly lives. This had already been prepared eight hundred years before the beginning of Christianity. Gradually, this is flowing back into our time. Today, it is well known to those familiar with occult currents that Christianity, too, must now take up the teachings of reincarnation and karma once again.
[ 5 ] Das geht aus dem Mysterium auf dem Berge Tabor hervor. Es handelt sich dabei um ein Ereignis, das sich «auf dem Berge» abspielte. «Auf dem Berge» ist ein Schlüsselwort, das bedeutet, daß der Meister seine Schüler in das Innerste führt, um ihnen dort die intimsten Lehren zu geben. Es steht da: «Die Jünger waren entrückt.» Das heißt, daß sie in höhere Welten geführt wurden. Da erschienen ihnen Elias, Moses und Jesus. Das bedeutet, daß eine Überwindung von Raum und Zeit stattfand. Die nicht mehr da waren, Moses und Elias, erschienen ihnen in dem devachanischen Zustande. Der Name Elias bedeutet so viel wie der Weg Gottes, das Ziel. Das Wort El, gleich Gott, ist enthalten in Elohim, Gabriel, Michael, Raphael, auch in Bel. Der Name Moses repräsentiert die Wahrheit. Moses ist die okkulte Bezeichnung für die Wahrheit. Jesus bedeutet das Leben. Christus selbst, in der Mitte stehend, ist das Leben. Da wurde sozusagen mit ehernen Worten in das Mentale geschrieben: «Der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Die Jünger sagen: «Hier laßt uns Hütten bauen.» Das bedeutet, daß sie Chelas im zweiten Grade waren. Ferner sagt der Herr: «Elias ist wiedererschienen, sie haben ihn nur nicht erkannt. Saget es aber niemandem, bis daß ich wiederkomme.» Er redet hier von der Reinkarnation, Johannes der Täufer ist Elias. Das Wiederkommen bezieht sich auf das Wiederkommen des Christus Jesus. Das Verständnis für dieses Ereignis soll vorbereitet werden durch die anthroposophische Weltanschauung.
[ 5 ] This is evident from the Mystery on Mount Tabor. It refers to an event that took place “on the mountain.” “On the mountain” is a key phrase, meaning that the Master leads his disciples into the innermost realm to impart the most intimate teachings to them there. It says: “The disciples were caught up.” This means that they were led into higher worlds. There, Elijah, Moses, and Jesus appeared to them. This signifies that space and time were transcended. Moses and Elijah, who were no longer there, appeared to them in the devachanic state. The name Elijah means something like “the way of God,” the goal. The word El, meaning God, is contained in Elohim, Gabriel, Michael, Raphael, and also in Bel. The name Moses represents the truth. Moses is the occult designation for the truth. Jesus means “life.” Christ himself, standing in the center, is life. There, as it were, the words “The Way, the Truth, and the Life” were inscribed in the mental plane in letters of bronze. The disciples say, “Let us build huts here.” This means that they were second-degree chelas. Furthermore, the Lord says: “Elijah has appeared again; they just did not recognize him. But tell no one until I come again.” He is speaking here of reincarnation; John the Baptist is Elijah. The “coming again” refers to the return of Christ Jesus. An understanding of this event should be prepared through the anthroposophical worldview.
[ 6 ] Wenn alle Menschen einmal in einer Inkarnation das Erlebnis durchgemacht haben, nichts von Reinkarnation und Karma zu wissen, dann wird Reinkarnation wieder gelehrt. In den allerintimsten Kreisen des Christentums hat die Reinkarnation aber immer als Wahrheit gegolten. Überall, wo es Eingeweihte gab, die durch Taten gelehrt haben, ist dies zu erkennen. Ein Beispiel hierfür ist der Trappistenorden. Durch eine völlige Enthaltsamkeit im Sprechen in der einen Inkarnation bilden sie sich zu tüchtigen Rednern für die folgenden Inkarnationen aus. Durch das Gegenteil in der einen Inkarnation wird also eine ganz besondere Gabe für die nächste Inkarnation ausgebildet. Flammende Redner sollten durch die Enthaltsamkeit im Reden erzeugt werden.
[ 6 ] Once all people have gone through the experience in one incarnation of knowing nothing about reincarnation and karma, then reincarnation will be taught again. However, within the innermost circles of Christianity, reincarnation has always been regarded as truth. This can be seen wherever there were initiates who taught through their actions. One example of this is the Trappist Order. Through complete abstinence from speech in one incarnation, they train themselves to become skilled orators for subsequent incarnations. Thus, by practicing the opposite in one incarnation, a very special gift is developed for the next incarnation. Fiery orators are to be cultivated through abstinence from speech.
[ 7 ] Was in einem Zeitalter äußerlich gelehrt werden sollte, war, daß der Mensch an dem Gefühl festhalten sollte, das Leben auf der Erde sei mit diesem einen Leben erschöpft. Der Mensch sollte sich sagen: Eine ganze Ewigkeit hängt davon ab, was in dem einen Leben geschieht. Eine radikale Ausgestaltung dieser Auffassung ist die Lehre von den ewigen Höllenstrafen. Der Erdkreis wäre nicht erobert worden, wenn nicht die Lehrer des Christentums dies hinterlassen hätten, daß das eine Leben als ein so wichtiges angesehen werden sollte. Die großen Lehrer haben nie absolute Wahrheiten hingestellt, sondern das, was dem Menschen angemessen ist. Die letzten Wahrheiten lehren die großen Lehrer nie, sondern das, was für ein Zeitalter förderlich ist. Die Lehre von der Reinkarnation wäre in dieser Zeit nicht das Richtige gewesen. Auch was die Geisteswissenschaft lehrt, ist nicht die endgültige Wahrheit, sondern die anthroposophische Weltanschauung muß jetzt gelehrt werden, weil das heute das Richtige ist. Die Menschen, die jetzt die geisteswissenschaftlichen Lehren hören, werden die Wahrheit in einer späteren Inkarnation in einer ganz andern Weise hören. Innerhalb von dreitausend Jahren werden wir etwas, was auf einem höheren Gebiete liegt, lernen, weil wir schon einmal durch die Anthroposophie durchgegangen sind. Dies ist die geistige Seite. Alles Geistige muß aber auch ein Gegenbild im Physischen haben. Schon einige Jahrhunderte vor Christus hat die Individualität, die in Christus erschien, vorbereitend gewirkt.
[ 7 ] What was to be taught outwardly in that age was that human beings should hold fast to the belief that life on earth is limited to this one life. People should tell themselves: An entire eternity depends on what happens in this one life. A radical expression of this view is the doctrine of eternal punishment in hell. The world would not have been conquered if the teachers of Christianity had not left behind the teaching that this one life should be regarded as so important. The great teachers never presented absolute truths, but rather what is appropriate for human beings. The great teachers never teach the ultimate truths, but rather what is beneficial for a given age. The doctrine of reincarnation would not have been appropriate in this era. Nor is what spiritual science teaches the ultimate truth; rather, the anthroposophical worldview must be taught now because that is what is appropriate today. The people who are now hearing the teachings of spiritual science will hear the truth in a completely different way in a later incarnation. Within three thousand years, we will learn something that lies on a higher plane, because we have already passed through anthroposophy once before. This is the spiritual aspect. But everything spiritual must also have a counterpart in the physical realm. As early as a few centuries before Christ, the individuality that appeared in Christ was already at work in preparation.
[ 8 ] Damit der Mensch sich dachte, die eine Inkarnation sei die einzige, dazu war notwendig, daß etwas das Gehirn von der Erkenntnis von den höheren Prinzipien im Menschen, von Atma, Buddhi, Manas und von der Erkenntnis der Reinkarnation abschnitt. Dazu wurde den Menschen der Wein gegeben. Früher war bei allem Tempelkultus nur das Wasser gebraucht worden. Dann wurde der Gebrauch des Weines eingeführt, und sogar ein göttliches Wesen, Bacchus, Dionysos, war der Repräsentant des Weines. Der tiefsteingeweihte Jünger, Johannes, enthüllt in seinem Evangelium, was der Wein für die innere Entwickelung bedeutet. Bei der Hochzeit von Kana in Galiläa wird das Wasser in Wein verwandelt. Durch den Wein wurde der Mensch so zubereitet, daß er die Reinkarnation nicht mehr verstand. Damals wurde das Opferwasser in Wein verwandelt, und wir sind jetzt wieder dabei, den Wein in Wasser zu verwandeln. Wer hinaufkommen will in die höheren Gebiete des Daseins, der muß sich jeden Tropfens Alkohol enthalten.
[ 8 ] In order for humans to believe that a single incarnation was the only one, it was necessary for something to cut off the brain from the knowledge of the higher principles within the human being—Atma, Buddhi, Manas—and from the knowledge of reincarnation. To this end, wine was given to humans. In the past, only water had been used in all temple rituals. Then the use of wine was introduced, and a divine being—Bacchus, Dionysus—even became the representative of wine. The most deeply initiated disciple, John, reveals in his Gospel what wine signifies for inner development. At the wedding at Cana in Galilee, water was turned into wine. Through wine, human beings were prepared in such a way that they no longer understood reincarnation. At that time, the sacrificial water was turned into wine, and we are now in the process of turning wine back into water. Anyone who wishes to ascend to the higher realms of existence must abstain from every drop of alcohol.
[ 9 ] Im Johannes-Evangelium ist jede Zeile ein tiefes Erlebnis im einzelnen Menschen und in der ganzen Menschheit. Jesus sagte: Ich bin hierhergekommen, um die Einleitung dieser Evolutionsepoche herbeizuführen. — Paulus, ein Eingeweihter, nennt Christus den umgekehrten Adam. In Adam haben wir den ersten Menschen, der zuerst in dieser Form erscheint. Damit ist der geistige Mensch in die Inkarnation auf der Erde versetzt. Nun kann er einen zweifachen Weg nehmen. Er kann das nehmen, was die Götter ihm geben, oder sich selbst etwas Neues erwerben. Das ist die Geschichte von Kain und Abel. Abel nimmt die Tiere, die da sind. Kain erarbeitet, was er opfert. Durch das, was Kain erarbeitet, entsteht das Brot. Brot war immer der Repräsentant für das, was der Mensch selbst erarbeitet. Der Mensch ist dadurch, daß er das Brot erarbeitet, sündig geworden. Kain hat den Bruder erschlagen. Zugleich mit der eigenen Arbeit ist der Mensch sündig geworden, er ist in die Materie herabgefallen.
[ 9 ] In the Gospel of John, every line represents a profound experience for each individual and for all of humanity. Jesus said: “I have come here to usher in this epoch of evolution.” — Paul, an initiate, calls Christ the “reversed Adam.” In Adam, we have the first human being to appear in this form. Thus, the spiritual human being is brought into incarnation on Earth. Now he can take one of two paths. He can accept what the gods give him, or acquire something new for himself. This is the story of Cain and Abel. Abel takes the animals that are there. Cain works to earn what he sacrifices. Through what Cain works for, bread comes into being. Bread has always symbolized what human beings work for themselves. By working to produce bread, human beings have become sinful. Cain killed his brother. Through his own labor, the human being has become sinful; he has fallen into the material world.
[ 10 ] Der umgekehrte Adam ist Christus Jesus, der wieder hinaufsteigt. Er muß das mit seinem Blut erkaufen. Das mußte einmal durch eine Persönlichkeit geschehen. Das Brot und der Wein finden ihren Repräsentanten in der Person Christi, in seinem Leib und Blut. Die Kainstat muß der Herr selbst auf sich nehmen: Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut. — Die Erlösung muß dadurch geschehen, daß das, was auf der Erde ist, geheiligt wird. Der Wein repräsentiert das beim Abendmahl, das Blut kommt dadurch in Beziehung zum Wein.
[ 10 ] The “reversed Adam” is Christ Jesus, who ascends once more. He must redeem this with his blood. This had to be accomplished once by a specific person. The bread and wine find their representation in the person of Christ, in his body and blood. The Lord himself must take upon himself the sin of Cain: “This is my body; this is my blood.”—Redemption must take place through the sanctification of that which is on earth. The wine represents this at the Lord’s Supper; through this, the blood is related to the wine.
[ 11 ] Die Evangelien sind nicht nur Lehrschriften, sondern sie sind auch Lebensschriften. Mit den Erzählungen der Evangelien sind nicht nur äußere geschichtliche Ereignisse gemeint, sondern innere Erlebnisse des Menschen. Christlicher Joga ist das Sich-ganz-indas-Evangelium-Hineinleben, als ob es das eigene Seelenleben wäre.
[ 11 ] The Gospels are not merely doctrinal texts; they are also accounts of life. The narratives of the Gospels refer not only to external historical events but also to people’s inner experiences. Christian yoga is living oneself fully into the Gospel, as if it were one’s own inner life.
[ 12 ] Vier Dinge sind entschieden notwendig, damit überhaupt der christliche Joga möglich sein kann. Das erste ist die Einfalt. Dies ist eine christliche Tugend. Man muß sich klarwerden, daß man im Leben in mannigfaltiger Weise solche Erfahrungen macht, durch die man seine Unbefangenheit verliert. Fast jeder Mensch ist befangen. Die einzigen unbefangenen Antworten auf Fragen sind die der Kinder. Aber sie sind auch töricht dabei, weil die Kinder noch nichts wissen. Man muß aber lernen, weise zu sein und unbefangen, kindhaft unbefangen mit der Erfahrung. Das nennt man im Christentum die Einfalt.
[ 12 ] Four things are absolutely necessary for Christian yoga to be possible at all. The first is simplicity. This is a Christian virtue. One must realize that, in life, one has many experiences that cause one to lose one’s impartiality. Almost everyone is biased. The only unbiased answers to questions are those given by children. But they are also foolish in this regard, because children do not yet know anything. One must, however, learn to be wise and unbiased—childlike in one’s approach to experience. In Christianity, this is called simplicity.
[ 13 ] Die zweite Tugend, die man sich erwerben muß, besteht darin, daß man als christlicher Mystiker das abstreifen muß, was viele Menschen haben, nämlich das innere Wohlgefühl an religiösen Übungen. Man muß nicht mehr aus Eigenbefriedigung sich den Übungen hingeben, sondern weil es der Übungsweg erfordert. Alles Wohlgefühl an religiösen Übungen muß schweigen.
[ 13 ] The second virtue one must acquire is that, as a Christian mystic, one must shed what many people possess—namely, the inner sense of well-being derived from religious practices. One must no longer devote oneself to these practices for one’s own satisfaction, but because the path of practice requires it. All sense of well-being derived from religious practices must be set aside.
[ 14 ] Die dritte Tugend ist noch schwieriger. Sie besteht darin, daß man absolut darauf verzichtet, irgend etwas seiner eigenen Tüchtigkeit zuzuschreiben. Man muß dagegen lernen, alles der göttlichen Kraft zuzuschreiben, dem Verdienste Gottes, der durch uns wirkt. Ohne das kann man nicht christlicher Mystiker werden.
[ 14 ] The third virtue is even more difficult. It consists in absolutely refraining from attributing anything to one’s own ability. Instead, one must learn to attribute everything to divine power, to the merit of God, who works through us. Without this, one cannot become a Christian mystic.
[ 15 ] Als vierte Tugend muß man die geduldige Ergebenheit in das erreichen, was den Menschen auch immer treffen mag. Alles Sorgen und Fürchten muß man ablegen, allem gegenüber gewappnet sein, dem Besten und dem Schlechtesten gegenüber.
[ 15 ] The fourth virtue is patient resignation to whatever may befall a person. One must cast aside all worries and fears and be prepared for everything—both the best and the worst.
[ 16 ] Wenn man solche Tugenden nicht bis zu einem gewissen Grade ausgebildet hat, kann man nicht hoffen, christlicher Mystiker zu werden. Diese Vorbereitung befähigt, die sieben Stufen des christlichen mystischen Weges durchzumachen.
[ 16 ] Unless one has developed such virtues to a certain degree, one cannot hope to become a Christian mystic. This preparation enables one to go through the seven stages of the Christian mystical path.
[ 17 ] Die erste Stufe ist die Fußwaschung. Sie muß jeder vollziehen. Das ist die Ausführung des Spruches: Wer will der Herr sein, muß aller Knecht sein. - Wir müssen uns klar sein, daß wir das, was wir sind, nicht unserem eigenen Selbst verdanken. Wir müssen alles in Rechnung stellen, was andere Menschen und die Umwelt aus uns gemacht haben, und das ernsthaft bedenken. Dann verstehen wir, wie wir mit der ganzen Umgebung zusammenhängen. Wenn wir Kraft gewonnen haben durch die vier Tugenden: Einfalt, Abstreifen des Wohlgefühles an religiösen Übungen, Verzicht, sich eigene Tüchtigkeit zuzuschreiben, geduldige Ergebenheit in alles, was uns trifft - dann bekommen wir auch die Kraft, das auszuführen, was man die Fußwaschung nennt, nämlich auf alles dasjenige, was uns von außen gegeben ist, was uns erhoben hat, mit Dankbarkeit zu sehen, uns vor ihm zu beugen. Verwandeln müssen wir unser ganzes Gefühl in lauter Dankbarkeit gegenüber denen, die uns alles gegeben haben. So müssen wir niederknien vor denjenigen, durch die wir geworden sind. Christus Jesus kniete nieder vor seinen Jüngern, weil er ohne die Jünger nicht das sein könnte, was er geworden ist. Christus Jesus setzt die Jünger so voraus, wie die Pflanze das Mineral, wie das Tier die Pflanze voraussetzt. Er, der der Herr ist, wird aller Knecht. Wenn man das lernt, sich zu erniedrigen bis zum Gefühl der tiefsten Dankbarkeit, dann fällt manches, was soziale Hülle ist, weg, und wir können dann die nächste Stufe durchmachen.
[ 17 ] The first step is the washing of the feet. Everyone must perform it. This is the fulfillment of the saying: “Whoever wants to be the Lord must be the servant of all.”—We must realize that we do not owe who we are to our own selves. We must take into account everything that other people and our environment have made of us, and seriously reflect on this. Then we will understand how we are connected to our entire surroundings. When we have gained strength through the four virtues: simplicity, renouncing the sense of well-being derived from religious practices, refraining from attributing our own competence to ourselves, and patient submission to everything that befalls us—then we will also gain the strength to carry out what is called the washing of feet: namely, to view with gratitude everything that has been given to us from without, everything that has uplifted us, and to bow before it. We must transform our entire attitude into pure gratitude toward those who have given us everything. Thus, we must kneel before those through whom we have come to be. Christ Jesus knelt before his disciples because, without them, he could not have become what he is. Christ Jesus presupposes the disciples just as the plant presupposes the mineral, and the animal presupposes the plant. He, who is the Lord, becomes the servant of all. When one learns to humble oneself to the point of feeling the deepest gratitude, then much of what is merely a social façade falls away, and we can then move on to the next stage.
[ 18 ] Wenn wir auf die äußere Kraft verzichten, dann müssen wir innere Kraft haben. Wenn wir der Letzte geworden sind, dann gehen wir zum Vater. Das heißt «der Weg zum Vater». Mit dieser Urkraft sind wir dann innig verbunden. Das kann nur gefunden werden durch eigenes Erleben. Wir müssen lernen, jeden Schmerz auszuhalten. Das ist die zweite Stufe, die Geißelung, die zweite Stufe im christlich-mystischen Sinne. Dann ist das Selbst auf sich gestützt.
[ 18 ] If we renounce external power, then we must have inner strength. When we have become the last, then we go to the Father. That is what “the path to the Father” means. We are then intimately connected to this primal power. This can only be found through our own experience. We must learn to endure every pain. This is the second stage, the scourging, the second stage in the Christian-mystical sense. Then the Self is self-reliant.
[ 19 ] Noch höher ist das Ertragen der Verachtung, die dritte Stufe. Man muß ertragen lernen, daß man überhaupt keine Achtung bei den Menschen findet. Man muß die ganze Kraft im höheren Leben finden. Das ist das Tragen der Dornenkrone. Wir müssen lernen, aufrechtzustehen, wenn die Welt uns verachtet und mit Hohn überschüttet.
[ 19 ] Even higher is enduring contempt—the third stage. One must learn to endure the fact that one finds no respect at all among people. One must find all one’s strength in the higher life. This is bearing the crown of thorns. We must learn to stand tall when the world despises us and showers us with scorn.
[ 20 ] Wenn der Mensch so weit ist, dann steht er seiner eigenen Leiblichkeit wie einer fremden gegenüber. Er hat sich erniedrigt, Schmerzen ertragen gelernt, Verachtung ertragen gelernt. Jetzt ist der Körper etwas, in dem er nicht mehr lebt, sondern den die Seele umschwebt. Das ist die Kreuzigung, die vierte Stufe. Diese wird abgelöst von derjenigen, welche dadurch eintritt, daß der eigene Leib ganz objektiv geworden ist, als wenn wir an ein fremdes Stück Holz gebunden wären. Dann hat das Sondersein für uns aufgehört. Das ist der mystische Tod am Kreuz, die fünfte Stufe.
[ 20 ] When a person has reached this point, he regards his own physicality as if it were someone else’s. He has humbled himself; he has learned to endure pain and to bear contempt. Now the body is something in which he no longer lives, but around which the soul hovers. This is the crucifixion, the fourth stage. It is succeeded by the stage that arises when one’s own body has become entirely objective, as if we were bound to a piece of wood belonging to someone else. Then, for us, the sense of being separate has ceased. This is the mystical death on the cross, the fifth stage.
[ 21 ] Die sechste Stufe ist dann erreicht, wenn der Mensch allem gleich geworden ist, was auf der Erde ist, und er alles mit seinem Gefühl umfaßt, die ganze Erde als seinen Leib empfindet. Das ist die Grablegung. Damit ist der Mensch das geworden, was die Geisteswissenschaft das Einssein mit dem Planeten nennt. Er fühlt dann, daß er kein Sonderwesen ist. Der Mensch kann nur auf dieser Erde existieren. Ein paar hundert Meilen weit von ihr müßte er sterben, verdorren, wie die Hand verdorrt, die vom Leibe abgeschnitten ist. Die Erde ist dann der Leib des Menschen. In sie müssen wir begraben werden. Aus diesem Zustand heraus erringt der Mensch das Erdenbewußtsein. Dann folgt die siebente Stufe, die Auferstehung: Der Mensch ist ein Auferweckter geworden. Dieser Zustand kann nur von dem verstanden werden, dessen Denken nicht mehr an das physische Instrument des Gehirns gebunden ist.
[ 21 ] The sixth stage is reached when a person has become one with everything on Earth and embraces everything with their feelings, perceiving the entire Earth as their own body. This is the burial. With this, the human being has become what spiritual science calls oneness with the planet. He then feels that he is not a separate being. The human being can exist only on this Earth. A few hundred miles away from it, he would have to die, wither away, just as a hand withers when severed from the body. The Earth is then the human being’s body. We must be buried in it. From this state, the human being attains earth consciousness. Then follows the seventh stage, the Resurrection: the human being has become one who has been raised. This state can only be understood by one whose thinking is no longer bound to the physical instrument of the brain.
[ 22 ] Die sieben Stufen kann der Mensch durchmachen, wenn er das Johannes-Evangelium vom dreizehnten Kapitel an immer wieder in sich leben läßt: erstens die Fußwaschung, den Pfad des DienenWollens, des Sich-Neigens in All-Demut; zweitens die Geißelung; drittens die Dornenkrönung; viertens die Kreuzigung; fünftens den mystischen Tod am Kreuz; sechstens die Grablegung; siebentens die Auferstehung. Das sind die sieben Stufen des christlichen inneren Mysteriums, das äußerlich dargestellt worden ist auf dem Plan der Weltgeschichte.
[ 22 ] A person can go through these seven stages if he repeatedly allows the Gospel of John—beginning with chapter 13—to take root within him: first, the washing of the feet, the path of the will to serve, of bowing down in complete humility; second, the scourging; third, the crowning with thorns; fourth, the crucifixion; fifth, the mystical death on the cross; sixth, the burial; seventh, the resurrection. These are the seven stages of the Christian inner mystery, which has been outwardly represented in the course of world history.
[ 23 ] Die christlichen Mönche lebten das ganze Leben hindurch immer wieder in diesen Erlebnissen des Johannes-Evangeliums von Kapitel dreizehn ab. Daraus sogen sie ihre Kraft.
[ 23 ] Throughout their lives, the Christian monks repeatedly drew strength from these passages in Chapter 13 of the Gospel of John. That is where they drew their strength from.
