The Christian Mystery
GA 97
19 January 1907, Stuttgart
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The Christian Mystery, tr. SOL
9. Die Bergpredigt
9. The Sermon on the Mount
[ 1 ] Die Bergpredigt (Matthäus 5) ist die bedeutendste Offenbarung des Christentums. Gewöhnlich wird darunter eine Predigt verstanden, die Jesus von einem Berge herunter an das Volk gehalten hätte. Aber «auf den Berg gehen» ist ein Schlüsselwort, das sich in allen Geheimsprachen findet und uralt ist. «Liebhaben» ist ebenfalls ein okkultes Schlüsselwort. «Der Jünger, welchen der Herr lieb hatte» — und bei der Auferweckung des Lazarus: «Jesus hatte Martha lieb und ihre Schwester und Lazarus», «Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt». Immer ist unter dem Jünger, welchen der Herr lieb hatte, der Verfasser des Johannes-Evangeliums zu verstehen. Aber im ganzen Johannes-Evangelium steht nie sein Name, selbst nicht bei der Kreuzigung. Da heißt es: «Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb hatte.» Dieses Wort «liebhaben» hat eine tiefe Bedeutung. Derjenige Schüler eines Meisters, der am tiefsten in die okkulte Wissenschaft aufgenommen und eingeführt wird, heißt «ein Jünger, den der Herr lieb hat». «Auf den Berg gehen» bedeutet: Ins tiefste Mysterium gehen und Worte lehren, welche die Jünger dann wieder zum Volke sprechen. Man liest eben die Worte der Bibel nicht in ordentlicher Weise, sondern liest geradezu über die Worte hinweg.
[ 1 ] The Sermon on the Mount (Matthew 5) is Christianity’s most significant revelation. It is generally understood to refer to a sermon that Jesus is said to have delivered to the people from the top of a mountain. But “going up the mountain” is a key phrase found in all secret languages and is of ancient origin. “To love” is also an occult key phrase. “The disciple whom the Lord loved”—and at the raising of Lazarus: “Jesus loved Martha and her sister and Lazarus,” “See how he loved him.” The “disciple whom the Lord loved” is always understood to be the author of the Gospel of John. Yet his name never appears anywhere in the entire Gospel of John, not even at the crucifixion. There it says: “When Jesus saw his mother and the disciple standing nearby, the one whom he loved.” This word “love” has a profound meaning. The disciple of a master who is most deeply initiated into and introduced to the occult sciences is called “a disciple whom the Lord loves.” “Going up the mountain” means: entering into the deepest mystery and teaching words which the disciples then in turn speak to the people. One does not read the words of the Bible in the ordinary way, but rather reads right past the words.
[ 2 ] Vers 1 heißt in richtiger Weise übersetzt: «Da er aber das Volk sah, ging er hinweg auf einen Berg und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.» Jesus ging also gerade hinweg vom Volk und redete nur zu seinen Jüngern. Jesus Christus mußte stets die doppelte Sprache führen. Er redete in Gleichnissen, wenn er populär zum Volke sprach. Den Jüngern aber legte er den okkulten Sinn der Worte aus, wenn er mit ihnen «auf dem Berge» war.
[ 2 ] Verse 1, correctly translated, reads: “But when he saw the crowd, he went up on a mountain and sat down, and his disciples came to him.” Jesus, then, walked away from the crowd and spoke only to his disciples. Jesus Christ always had to speak in two ways. He spoke in parables when addressing the people in a way they could understand. But when he was “on the mountain” with his disciples, he explained the occult meaning of his words to them.
[ 3 ] Vers 3: «Selig sind, die da Bettler sind um Geist, denn sie werden in sich selbst finden die Reiche der Himmel.» Die Worte, ja selbst die Buchstaben, haben alle einen geheimen, tiefen Sinn. Unser deutsches Ich, mit seinen Buchstabenverbindungen I, C, H, enthält in sich die Initialen von Jesus Christus: I-Ch. Die großen Eingeweihten leiteten das Wort darauf hin, daß das Ich = Jesus Christus herauskam. Nur ein Volk konnte die Geburt des Namens Jesu Christi aus dem Ich heraus finden — und so ist die deutsche christliche Mystik entstanden. Es gibt noch mehr solcher Wörter, die einen tiefen, wörtlichen Sinn enthalten; zum Beispiel «heilig» = heil oder grundgesund sein. «Selig sein» = voll der Seele sein, den Inhalt der Seele in sich selbst finden. Selig, wer Drang und Trieb hat, die Seele immer mehr zum Geist zu führen. Wenn viele immer sagen: In sich selbst soll man schauen, dann werden wir Gott finden -, so ist das nicht richtig. Denn wenn wir nur in uns selbst schauen, dann finden wir nur, was eben in uns selbst ist. Wir sollen unser Streben bewachen, unsere Individualität soll herausgehen aus sich selbst, das heißt: Erkenne dich selbst. - Die Autorität der Menschen soll uns nicht Überzeugung, sondern Anregung geben.
[ 3 ] Verse 3: “Blessed are those who are beggars for the Spirit, for they will find within themselves the kingdoms of heaven.” The words—indeed, even the letters—all have a secret, profound meaning. Our German word for “I” (Ich), with its letter combinations I, C, H, contains within itself the initials of Jesus Christ: I-Ch. The great initiates interpreted the word in such a way that “I” = Jesus Christ emerged. Only one people could discover the birth of the name of Jesus Christ from within the “I”—and thus German Christian mysticism came into being. There are even more such words that contain a deep, literal meaning; for example, “heilig” (holy) = to be whole or perfectly healthy. “Selig sein” (to be blessed) = to be full of the soul, to find the soul’s essence within oneself. Blessed is the one who has the urge and drive to lead the soul ever closer to the Spirit. When many people keep saying, “We must look within ourselves, and then we will find God”—that is not correct. For if we look only within ourselves, we will find only what is already within us. We must guard our striving; our individuality must reach out beyond itself—that is to say: Know thyself. —Human authority should not give us conviction, but rather inspiration.
[ 4 ] Vers 4: «Selig sind, die da Leid auf sich nehmen, denn sie werden durch sich selbst den Trost finden.» Das Leid stellt sich in die Welt wie eines der größten Welträtsel. Schon die Griechen, dieses freie, frohe Geschlecht, das so sehr am Dasein hing, dem Sinnengenuß Lebensluft war, lassen den weisen Silen auf die Frage, was das Beste für den Menschen sei, die Antwort geben: «Elendes Eintagsgeschlecht ... Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, Nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich - bald zu sterben.» Äsop sagt indessen, daß man aus dem Leid Lehre gewinnt. Und Hiob kommt durch alle seine Leiden, die ihm auferlegt werden, zu dem Schluß: Das Leiden läutert, es bringt den Menschen höher. - Warum gehen wir nach Anhörung einer Tragödie doch befriedigt vom Theater weg? Der Held siegt gegenüber dem Leid. Zwischen dem Höhersteigen des Menschen und dem Schmerz, wenn er getragen wird, besteht ein Zusammenhang. Leid und Schmerz der Seele sprechen durch die Physiognomie zu den Erkennenden. Der Mensch muß sich ein Organ schaffen, damit er das Leid tragen kann. Wie das Auge durch das Licht, das Ohr durch den Ton gebildet wurde, so schaffen sich Leid und Schmerz geistige Organe. In sich selbst trägt der Mensch den Trost der Erkenntnis, daß er das Leid tragen kann. Der Mensch wird höher entwickelt durch das Leid.
[ 4 ] Verse 4: “Blessed are those who take suffering upon themselves, for they will find comfort within themselves.” Suffering presents itself to the world as one of its greatest mysteries. Even the Greeks—that free, joyful people who clung so dearly to existence, for whom the pleasure of the senses was the very breath of life—have the wise Silenus answer the question of what is best for man: “Wretched, fleeting generation… The very best is utterly beyond your reach: not to be born, not to be, to be nothing. But the next best thing for you is—to die soon.” Aesop, meanwhile, says that one learns lessons from suffering. And Job, through all the sufferings imposed upon him, comes to the conclusion: Suffering purifies; it elevates humanity. - Why do we leave the theater satisfied after hearing a tragedy? The hero triumphs over suffering. There is a connection between man’s ascent to higher levels and the pain he endures. The suffering and pain of the soul speak to those who recognize them through facial expressions. Human beings must create an organ within themselves so that they can bear suffering. Just as the eye was formed by light and the ear by sound, so too do suffering and pain create spiritual organs. Within themselves, human beings carry the consolation of knowing that they can bear suffering. Human beings are elevated through suffering.
[ 5 ] Vers 5: «Selig sind, die da sanften Geistes sind, denn sie werden das Erdenreich besitzen.» Zwei Kräfte sind in der Welt tätig: einerseits der Egoismus, andererseits die Liebe und das Mitleid. Soll sich die Liebe entwickeln, muß der Egoismus schwinden. Die sinnliche Liebe muß sich zur höheren geistigen Liebe entwickeln. Sanften Geistes sein, das ist auch im dritten Satz in «Licht auf den Weg» gemeint: «Eh’ vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muß das Verwunden sie verlernen.» Man soll allen mit liebevoller Gesinnung entgegenkommen, daß die Stimme nicht mehr verwundet, dann sind wir sanftmütig, wie es in der Bergpredigt gemeint ist. Das Ziel der Erdenentwickelung ist die Liebe, sie wird das Erdenreich besitzen.
[ 5 ] Verse 5: “Blessed are the meek, for they shall inherit the kingdom of heaven.” Two forces are at work in the world: on the one hand, selfishness; on the other, love and compassion. For love to develop, selfishness must fade away. Sensual love must evolve into higher spiritual love. To be meek is also what is meant in the third sentence of “Light on the Path”: “Before the voice can speak before the Masters, it must unlearn how to wound.” We should approach everyone with a loving disposition so that our voice no longer wounds; then we are meek, as meant in the Sermon on the Mount. The goal of earthly evolution is love; it will inherit the kingdom of the earth.
[ 6 ] Vers 6: «Selig sind, die da hungern nach der Gerechtigkeit, denn sie werden durch sich selber gesättigt werden.» Hier sagt Christus den Jüngern die ganze Bedeutung der tieferen, innersten Kräfte der menschlichen Seele: Gebt den andern Liebe -— nicht: strebt nach Liebe -, dann wird die Liebe allgemein, wenn es jeder selbst tut.
[ 6 ] Verse 6: “Blessed are those who hunger and thirst for righteousness, for they shall be filled.” Here Christ reveals to the disciples the full significance of the deeper, innermost forces of the human soul: Give love to others—not: strive for love—and then love will become universal, if everyone does this for themselves.
[ 7 ] Vers 7: «Selig sind, die barmherzig sind, denn sie werden durch sich selbst Barmherzigkeit erlangen.» Wir sollen uns hineinfühlen in jeden einzelnen Menschen, dann wird unsere getane und gegebene Barmherzigkeit aus den andern uns entgegenstrahlen.
[ 7 ] Verse 7: “Blessed are the merciful, for they shall obtain mercy.” We should empathize with every single person; then the mercy we have shown and given will shine back toward us from others.
[ 8 ] Vers 8: «Selig sind, die da Reinheit im Herzen haben, denn sie werden durch sich selbst Gott anschauen.» Dieser Satz ist eine Anleitung zur Mystik. Wir sollen unser Herz läutern und reinigen. Das Auge, das da gemeint ist, um Gott zu schauen, das ist das Herz. Es ist das Zukunftsorgan, nicht das Gehirn. Es ist Gott gegenüber das, was ungetrübte Augen dem Licht gegenüber sind.
[ 8 ] Verse 8: “Blessed are those who are pure in heart, for they will see God through themselves.” This sentence is a guide to mysticism. We are to purify and cleanse our hearts. The “eye” referred to here—the one that sees God—is the heart. It is the organ of the future, not the brain. In relation to God, it is what clear eyes are to light.
[ 9 ] Vers 9: «Selig sind diejenigen, die da Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes durch sich selbst sein.» Die Seele macht den Weg von Gott durch den Menschen zu Gott. Friedfertig waren die Seelen, und der Friede führt wieder hin zur göttlichen Wesenheit.
[ 9 ] Verse 9: “Blessed are the peacemakers, for they themselves will be called children of God.” The soul travels the path from God through humankind back to God. The souls were peace-loving, and peace leads back to the divine essence.
[ 10 ] Vers 10: «Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich.» Jesus Christus verlangt, der Mensch stelle an sich selbst die Forderung der Gerechtigkeit, dann wird ihm der Durst durch die Gerechtigkeit gestillt. Eine Erdenforderung und eine Himmelsforderung werden immer auseinandergehalten.
[ 10 ] Verse 10: “Blessed are those who are persecuted for righteousness’ sake, for theirs is the kingdom of heaven.” Jesus Christ demands that a person impose the standard of righteousness upon himself; then his thirst will be quenched by righteousness. An earthly demand and a heavenly demand are always kept distinct.
[ 11 ] Vers 11: «Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen.» Das Christentum darf nicht verwechselt werden mit andern Religionen. Beim Buddhismus kommt es darauf an, daß alles befolgt wird, was Buddha gelehrt hat. So ist es mit der Lehre des Hermes in Ägypten, des Zarathustra in Persien und so weiter. Christus aber war selbst da. Die Jünger waren berufen, Zeugnis abzulegen: Wir haben ihn selbst gehört, haben unsere Finger in seine Naägelmale gelegt. Der Evangelist Johannes spricht am meisten in seinem Evangelium von Jesus Christus. Das Christentum muß an den Christus Jesus selbst glauben, nicht nur an die Lehren von ihm. Der Logos kam herunter zu den Ich-Menschen, das Wort ist in einem Menschen Fleisch geworden und hat wirklich unter uns gewohnt. Alle sind selig in dem Glauben an den Einzigen, in dem der Logos selbst verkörpert ist. Nur Einer kann sagen: «Selig seid ihr, so ihr um meinetwillen verfolgt werdet.»
[ 11 ] Verse 11: “Blessed are you when people revile you and persecute you and utter all kinds of evil against you falsely on my account.” Christianity must not be confused with other religions. In Buddhism, what matters is that everything Buddha taught be followed. The same is true of the teachings of Hermes in Egypt, Zarathustra in Persia, and so on. Christ, however, was there in person. The disciples were called to bear witness: “We have heard him ourselves; we have placed our fingers into the marks of his nails.” The evangelist John speaks most extensively about Jesus Christ in his Gospel. Christianity must believe in Christ Jesus himself, not merely in his teachings. The Logos came down to human beings; the Word became flesh in a human being and truly dwelt among us. All are blessed in their faith in the One in whom the Logos himself is embodied. Only One can say: “Blessed are you when you are persecuted for my sake.”
[ 12 ] Vers 12: «Seid frohen Mutes und voll von Trost, es wird für euch die Frucht im Himmel tragen, denn also haben sie verfolgt die Propheten.» Gemeint sind damit die von Gott inspirierten Ich-Menschen.
[ 12 ] Verse 12: “Be of good cheer and full of comfort; it will bear fruit for you in heaven, for this is how they persecuted the prophets.” This refers to the “I-people” inspired by God.
[ 13 ] Vers 13: «Ihr seid das Salz der Erde.» Salz bedeutet das, was der Erde Weisheit gibt.
[ 13 ] Verse 13: “You are the salt of the earth.” Salt is what gives the earth wisdom.
[ 14 ] Nun könnte jemand auf den Schluß von Kapitel 7, 28 und 29 verweisen: «Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre, denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.» Man könnte also meinen, daß Jesus doch wirklich zu dem Volke gesprochen hätte. Allein diese Verse stehen in gar keinem Zusammenhang mit der Bergpredigt, diese kontrastiert sogar mit dem, was unterdessen im Volk Aufruhr verursacht hatte. Das Volk entsetzte sich über eine Rede Jesu, aber über eine ganz andere als die Bergpredigt - und darüber entstand im Volke Tumult und Aufruhr. Man muß nur allen Vorgängen in der Bibel genau nachgehen und die Worte richtig zu lesen wissen, so geht einem für vieles, über das man bisher einfach weggelesen hat, ein neues Verständnis auf.
[ 14 ] Now, one might point to the end of chapters 7, 28, and 29: “And it came to pass that when Jesus had finished this discourse, the people were astonished at his teaching, for he preached with authority and not like the scribes.” One might therefore think that Jesus had indeed spoken to the people. However, these verses have absolutely no connection to the Sermon on the Mount; in fact, they contrast with what had meanwhile caused an uproar among the people. The people were astonished by a speech Jesus gave, but it was a completely different one from the Sermon on the Mount—and this led to tumult and uproar among the people. One need only carefully trace all the events in the Bible and know how to read the words correctly; then a new understanding dawns regarding many things that one has simply skimmed over until now.
Fragenbeantwortung
Q&A
Was ist von den beiden Übeltätern zu sagen, die mit Jesus gekreuzigt wurden?
What can be said about the two criminals who were crucified with Jesus?
[ 15 ] Man muß vor allen Dingen ins Auge fassen, daß die sinnbildliche Deutung die wirkliche Tatsache nicht ausschließt. Manche wollen nur alles nach dem Buchstaben auslegen, halten Jesus nur für einen Menschen, der wirklich gelebt hat, und können nicht glauben, daß hinter alldem noch ein tieferer Sinn steckt. Die andern dagegen wollen alles auf geheime Weise deuten und können nicht an die geschichtlichen Begebenheiten glauben. Aber das Sinnbild ist zugleich wirklich geschichtliche Tatsache. Die Tatsache des Christentums ist überhaupt nur zu fassen, wenn sie als wirkliche Tatsache betrachtet wird. Es ist das Geheimnis der Menschheitsevolution: Christus zwischen den beiden Verbrechern, dem, der bereut, und dem, der verstockt bleibt. Es ist dies wieder der Ausgleich zwischen Egoismus und Liebe. Die Liebe ist auf Blutsverwandtschaft gegründet, und die Selbstsucht will sie auseinanderbringen. Christus will dies ausgleichen, das bedeuten die drei Kreuze auf Golgatha. Das eine ist das Prinzip des Guten, das andere ist das Prinzip des Bösen. «Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.» Paradies ist ein Schlüsselwort und heißt: Du wirst mit mir an einem Orte sein über den gewöhnlichen Tag hinaus. Bevor der Mensch schuldig geworden ist, lebte er im Schoße der Gottheit. Wie erlangt er ein Anrecht, wieder ein Kind Gottes zu werden? Durch Friedfertigkeit! Wie kommt man davon weg? Durch Selbstsucht!
[ 15 ] Above all, one must recognize that symbolic interpretation does not exclude the historical reality. Some people insist on interpreting everything literally, viewing Jesus merely as a human being who actually lived, and cannot believe that there is a deeper meaning behind it all. Others, on the other hand, want to interpret everything in a mysterious way and cannot believe in the historical events. But the symbol is, at the same time, a real historical fact. The reality of Christianity can only be grasped at all if it is regarded as a real fact. It is the mystery of human evolution: Christ between the two criminals, the one who repents and the one who remains obstinate. This, once again, is the balance between selfishness and love. Love is founded on blood kinship, and selfishness seeks to tear it apart. Christ seeks to restore this balance; that is the meaning of the three crosses on Golgotha. One represents the principle of good, the other the principle of evil. “Truly, I say to you, today you will be with me in Paradise.” Paradise is a key word and means: You will be with me in a place beyond the ordinary day. Before man became guilty, he lived in the bosom of the Godhead. How does he gain the right to become a child of God again? Through peacefulness! How does one stray from this? Through selfishness!
Haben auch andere Völker in ihrem Ich die Initialen I-CH?
Do other peoples also have the initials “I-CH” in their sense of self?
[ 16 ] Es gilt nur für die deutsche Sprache. Das deutsche Ich gibt Kraft in die Seele. Daß diese Initialen den Namen Christus ergeben, soll uns das Wort lebendig machen. Christus ist da alle Tage und wirkt durch alle Sprachen. Je weiter wir nach Osten kommen, desto reicher ist die Sprache, je weiter nach Westen, desto ärmer. Amerika ist darum am ärmsten; es hat den geringsten Wortschatz in seiner Sprache. Die Gebete der alten Sprachen verlieren ihre alte Kraft, wenn sie in neuere Sprachen übertragen werden. In den lateinischen Worten des Pater noster liegt viel mehr Kraft als im Vaterunser. Die Sprache des alten Vaterunser ist die aramäische. Wer es sprach in der aramäischen Sprache, hat Zauberkraft empfunden. Durch die richtige Erfassung der Sachen müssen wir wieder die Gewalt der Worte in die Sprache hineinbringen. Die vier Sätze in «Licht auf den Weg» zum Beispiel haben englisch nicht dieselbe Kraft wie im Deutschen. Diese vier Sätze lauten in keiner Sprache so schön, wie in der deutschen; sie hat die schönste Übersetzung dieser vier Sätze.
[ 16 ] This applies only to the German language. The German “Ich” infuses the soul with strength. The fact that these initials spell out the name “Christus” is meant to bring the Word to life for us. Christ is present every day and works through all languages. The farther east we go, the richer the language; the farther west, the poorer. America is therefore the poorest; it has the smallest vocabulary in its language. The prayers of the ancient languages lose their former power when they are translated into newer languages. There is far more power in the Latin words of the Pater noster than in the “Our Father.” The language of the ancient “Our Father” is Aramaic. Anyone who spoke it in Aramaic felt its magical power. By grasping the true nature of things, we must restore the power of words to the language. The four sentences in Light on the Path, for example, do not have the same power in English as they do in German. These four sentences sound more beautiful in German than in any other language; German has the most beautiful translation of these four sentences.
Die dritte Frage ist unverständlich.
The third question is unclear.
[ 17 ] Diese früheren Naturforscher haben mit der größten Ehrfurcht zur Bibel aufgesehen. Pfarrer X. sagte: Moses hat ebenso viele Dinge gewußt wie der moderne Naturforscher, oder er war inspiriert. Pfarrer X. hat überhaupt eine brillante, feine Art, wie er die Bibel erklärt. Als die Bibelkritik anfing, da ging die Ehrfurcht und Achtung vor der Bibel verloren. Aber aus der Bibelkritik wird nie anderes erwachsen. Für die Geisteswissenschaft ist eines charakteristisch, und dieses eine ist Gesinnung. Jeder Gedanke wird durchströmt von dieser Gesinnung, alles wird davon durchdrungen. Und was ist diese Gesinnung? Der Natur gegenüber haben wir auch eine Gesinnung, aber die Natur kritisieren wir nicht. Die Geisteswissenschaft will im Geistesleben unbefangen und mit Verständnis verstehen, alles im Leben verfolgen; nicht den Maßstab von Sympathie und Antipathie anlegen, sondern unbefangen alles verstehen, so im Menschenleben, so in der geistigen Welt. Um Verständnis handelt es sich in der Geisteswissenschaft. Man muß sich eine Gesinnung aneignen im Geistesleben wie in den Forschungen der Natur, dann macht man Erfahrungen. Die Bibel soll ein Buch werden, vor dem die Kritik anfängt zu schweigen. Wenn man sie dann richtig und unbefangen liest, so erlebt man, daß man anfängt, etwas als Ausdruck und Erfahrung zu empfinden, was man sich vorher nicht träumen ließ. Man findet dann tiefe Weisheiten, während man vorher sich Hindernisse in den Weg gelegt hat. Aus der Geistesforschung muß der Schlüssel gefunden werden, wie die Bibel richtig zu lesen ist; und sie wird ihn finden. Dann wird die Bibelkritik abgelöst von einer tiefen und tiefgründigen Auslegung. Die Naturwissenschaft hat es nur mit materiellen Erscheinungen zu tun und sieht davon ab, daß diese eine geistige, ihnen zugrunde liegende Entwickelung haben. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, das Wesen des Menschen zu erforschen und die Entwickelung des Menschen im Weltenall. Wo Naturforscherweisheit stehenbleiben muß, da tritt die Geistesforschung ein, denn der Naturforscher sieht nur das Äußere, er will die Atome ergründen. Aber gerade das, was der Naturforscher nicht erklären kann, das ist da. Auch der Haeckelismus ist für den Geistesforscher Wahrheit, insofern er äußere Dinge beschreibt. Der Geistesforscher will aber mit höheren, geistigen Augen zurückblicken auf das zarte Werden und will erforschen, welche geistigen Tatsachen neben den äußeren Tatsachen hergehen. Wenn man mit Geistesaugen und Geistesohren die Dinge betrachtet, dann nimmt man das Übersinnliche am Menschen wahr.
[ 17 ] These early natural scientists looked up to the Bible with the greatest reverence. Pastor X said: “Moses knew just as much as the modern natural scientist, or he was inspired.” Pastor X has a brilliant, subtle way of explaining the Bible. When biblical criticism began, that reverence and respect for the Bible were lost. But nothing else will ever come of biblical criticism. One thing is characteristic of spiritual science, and that one thing is attitude. Every thought is permeated by this attitude; everything is imbued with it. And what is this attitude? We also have an attitude toward nature, but we do not criticize nature. Spiritual science seeks to understand impartially and with insight, to follow everything in life; not to apply the yardstick of sympathy and antipathy, but to understand everything impartially—both in human life and in the spiritual world. Spiritual science is about understanding. One must cultivate a certain attitude in spiritual life just as in the study of nature; only then does one gain experience. The Bible should become a book before which criticism falls silent. When one then reads it correctly and impartially, one experiences that one begins to perceive something as an expression and an experience that one could not have imagined before. One then discovers profound wisdom, whereas before one had placed obstacles in one’s own path. Spiritual science must provide the key to reading the Bible correctly; and it will find it. Then biblical criticism will be superseded by a deep and profound interpretation. Natural science deals only with material phenomena and overlooks the fact that these have a spiritual development underlying them. The task of spiritual science is to investigate the nature of the human being and the development of the human being within the universe. Where the wisdom of the natural scientist must come to a halt, spiritual research takes over, for the natural scientist sees only the outer appearance; he seeks to fathom the atoms. But precisely what the natural scientist cannot explain is what is actually there. Even Haeckelism is truth for the spiritual scientist, insofar as it describes external phenomena. The spiritual researcher, however, seeks to look back with higher, spiritual eyes upon the delicate process of becoming and to explore which spiritual realities accompany the external realities. When one observes things with spiritual eyes and spiritual ears, one perceives the supersensible aspect of the human being.
[ 18 ] So viel physische Sinnesorgane wir haben, so viel nehmen wir von der äußeren Welt wahr. Wer also streitet und sagt: Es gibt nur, was ich physisch sehe -, der hat noch keine Geisteskräfte entwikkelt. So oft der Mensch ein neues Organ erwirbt, so oft nimmt er eine neue Welt wahr. Die Seelenaugen und Seelenohren können erworben werden. Wenn der Mensch Energie und Geduld genug hat, dann wird er ein Eingeweihter. Was ein Eingeweihter mit geistigen Augen schaut, muß er mit Bildern aus der physischen Welt ausdrükken. Das meinte Goethe, der ein Eingeweihter war, in dem Vers: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Die großen geistigen Wahrheiten in zutreffenden Gleichnissen ausdrücken, nennt man imaginative Erkenntnis. Also nicht wegführen von der Materie will die Geisteswissenschaft, sondern sie sieht in der Materie den verdichteten Geist, der sich zu der Materie verhält wie das Eis zum Wasser.
[ 18 ] We perceive the external world to the extent of our physical senses. Therefore, anyone who argues, “Only what I physically see exists,” has not yet developed spiritual powers. Every time a person acquires a new sense, they perceive a new world. The eyes and ears of the soul can be acquired. If a person has enough energy and patience, they will become an initiate. What an initiate sees with spiritual eyes, they must express through images from the physical world. This is what Goethe, who was an initiate, meant in the verse: “All that is transitory is but a parable.” Expressing the great spiritual truths in apt parables is called imaginative insight. Thus, spiritual science does not seek to lead us away from matter; rather, it sees in matter the condensed spirit, which relates to matter as ice relates to water.
[ 19 ] Das Siebentagewerk ist ein Vergleich mit großen geistigen Tatsachen. Wer den Schlüssel zum Lesen der Bibel hat, der kann immer wieder die Bibel ganz wörtlich nehmen. Kein Dokument enthält die Wahrheiten der Theosophie besser als die Bibel. Die Erklärung der Bibel und den Zugang zum unbefangensten Verständnis der Bibel strebt die Geisteswissenschaft an. Die Zerspaltung des Schöpfungswerkes in zwei Teile wird man verstehen lernen, wenn man zu unterscheiden lernt den Menschen, der ungeschlechtlich ist — das ist der geistige astrale Mensch. Dann fand eine Umdrehung statt: der ungeschlechtlich-geistige Mensch wurde zum physischen zweigeschlechtlichen Menschen, deshalb muß von einer doppelten Schöpfung die Rede sein. So oft hört man sagen: Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig -, wobei dann jeder seinen eigenen Geist meint. Goethe sagt:
[ 19 ] The seven-day creation is a metaphor for great spiritual truths. Anyone who has the key to reading the Bible can always take the Bible quite literally. No document contains the truths of theosophy better than the Bible. Spiritual science strives to explain the Bible and to provide access to the most unbiased understanding of it. One will come to understand the division of the work of creation into two parts when one learns to distinguish between the human being who is asexual—that is, the spiritual astral human being. Then a transformation took place: the asexual, spiritual human being became the physical, bisexual human being; therefore, we must speak of a dual creation. One often hears it said: “The letter kills, the Spirit gives life”—though each person then means their own Spirit. Goethe says:
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
And as long as you don't have that,
This: Die and Be Reborn! You are but a gloomy guest
On this dark earth.
[ 20 ] Dieses «Stirb» heißt nicht: töte den physischen Leib, sondern: gebare einen neuen Menschen aus dir heraus, daß er dir das Werkzeug gibt für die geistige Welt. Er soll ein Werkzeug der Stärke werden. «Stirb und Werde» müssen wir auch zum Buchstaben. sagen. In der Geisteswissenschaft ist eben alles wertvoll, auch das Kleinste ist ein Ausdruck von verdichtetem Geist. Wer die Bibel bekämpft, versteht sie nicht, er bekämpft sein eigenes Wahngebilde. Viele Menschen vermessen sich, ein Bekenntnis zu begründen. Aber klein und unbescheiden ist es, wenn man sich dann zufrieden gibt im Bewußtsein: Wie haben wir es so herrlich weit gebracht! — Die Geisteswissenschaft will immer tiefer dringen, sie will liebevoll in den Buchstaben sich vertiefen und der Seele den Weg zum Göttlichen eröffnen.
[ 20 ] This “die” does not mean: kill the physical body, but rather: give birth to a new human being from within yourself, so that he may provide you with the instrument for the spiritual world. He is to become an instrument of strength. We must also take “die and become” literally. In spiritual science, everything is valuable; even the smallest thing is an expression of condensed spirit. Those who fight against the Bible do not understand it; they are fighting against their own delusion. Many people presume to establish a creed. But it is petty and immodest to then be content with the thought: “How wonderfully far we have come!” — Spiritual science seeks to penetrate ever deeper; it seeks to immerse itself lovingly in the letter of the text and open the way to the Divine for the soul.
