Theosophy of the Rosicrucians
GA 99
22 May 1907, Munich
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The Theosophy of the Rosicrucians, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Was hier vorgebracht werden soll, das wird in der Ankündigung «Theosophie nach rosenkreuzerischer Methode» genannt. Damit ist gemeint die eine uralte und immer neue Weisheit in einer unserer Gegenwart angemessenen Methode, in einer Methode, die man eigentlich, so wie sie sich hier in der Art der Darstellung ausdrücken wird, seit dem vierzehnten Jahrhundert kennt. Doch will ich in diesen Vorträgen nicht von einer Geschichte des Rosenkreuzertums sprechen.
[ 1 ] What is to be presented here is referred to in the announcement as “Theosophy According to the Rosicrucian Method.” This refers to a wisdom that is both ancient and ever-new, presented in a method appropriate to our present time—a method that, as will be expressed here in the manner of this presentation, has actually been known since the fourteenth century. However, I do not intend to speak of the history of Rosicrucianism in these lectures.
[ 2 ] Sie wissen alle, daß man heute in den Elementarschulen eine gewisse Geometrie lehrt, zu der zum Beispiel der Pythagoräische Lehrsatz gehört, Das Elementare dieser Geometrie lernt man ganz unabhängig davon, wie die Geometrie selbst zustande gekommen ist, denn was weiß der Schüler, der heute die ersten Elemente der Geometrie lernt, von Euklid! Und dennoch ist es die Euklidische Geometrie, die da gelehrt wird. Erst viel später, wenn man schon das Sachliche, den Inhalt kennt, lernt man vielleicht in der Geschichte der Wissenschaften die Gestalt, die Form kennen, in welcher das, was heute in den Elementarschulen allgemein zugänglich ist, ursprünglich in der Menschheitsentwickelung auftrat. So wenig den Schüler, der heute die elementare Geometrie lernt, die ursprüngliche Art angeht, wie Euklid die Geometrie der Menschheit gegeben hat, so wenig soll es uns kümmern, wie im Laufe der Geschichte sich das sogenannte Rosenkreuzertum entwickelt hat. Und wie der Schüler echte, wahre Geometrie aus der Sache herauslernt, so wollen wir diese rosenkreuzerische Weisheit aus sich selbst heraus betrachten.
[ 2 ] You all know that a certain amount of geometry is taught in elementary schools today, including, for example, the Pythagorean theorem. The elementary aspects of this geometry are learned entirely independently of how geometry itself came about, for what does the student who is learning the first elements of geometry today know about Euclid! And yet it is Euclidean geometry that is taught there. Only much later, when one already knows the substance, the content, does one perhaps learn, through the history of science, the form in which what is generally accessible in elementary schools today originally appeared in the course of human development. Just as the student learning elementary geometry today is not concerned with the original way in which Euclid gave geometry to humanity, so too should we not concern ourselves with how so-called Rosicrucianism developed in the course of history. And just as the student learns genuine, true geometry from the subject matter itself, so let us consider this Rosicrucian wisdom in and of itself.
[ 3 ] Wer die Geschichte und namentlich die äußere Geschichte des Rosenkreuzertums kennt, wie sie in der Literatur niedergelegt ist, der weiß übrigens sehr wenig von dem wirklichen Inhalt der rosenkreuzerischen Theosophie. Was rosenkreuzerische Theosophie ist, das lebt seit dem vierzehnten Jahrhundert als etwas, was unabhängig von seiner Geschichte wahr ist, ebenso wie die Geometrie wahr ist und erkennbar, unabhängig von der Geschichte der Geometrie und ihrem allmählichen Auftreten. Es soll deshalb nur flüchtig auf einiges hingedeutet werden, was aus der Geschichte heraus zu wissen ist.
[ 3 ] Anyone familiar with the history—and especially the external history—of Rosicrucianism, as it is recorded in the literature, knows very little, incidentally, about the true substance of Rosicrucian theosophy. Rosicrucian theosophy has existed since the fourteenth century as something that is true independently of its history, just as geometry is true and knowable, regardless of the history of geometry and its gradual emergence. Therefore, only a few points that can be gleaned from its history will be briefly touched upon.
[ 4 ] Im Jahre 1459 war es, als eine hohe spirituelle Individualität, verkörpert in der menschlichen Persönlichkeit, die vor der Welt den Namen Christian Rosenkreutz trägt, als Lehrer zunächst eines kleinen Kreises eingeweihter Schüler auftrat. 1459 wurde Christian Rosenkreutz innerhalb einer streng in sich abgeschlossenen spirituellen Bruderschaft, der Fraternität Roseae crucis, zum Eques lapidis aurei, zum Ritter des goldenen Steines erhoben. Immer klarer wird es uns im Laufe der Vorträge werden, was das bedeutet. Jene hohe spirituelle Individualität, die in der äußeren Persönlichkeit des Christian Rosenkreutz den physischen Plan betrat, wirkte immer wieder als Führer und Lehrer der rosenkreuzerischen Strömung in «demselben Körper», wie man im Okkultismus sagt. Auch die Bedeutung des Ausdrucks «immer wieder in demselben Körper» werden wir schon im Laufe der nächsten Stunden kennenlernen, wenn wir über das Schicksal des Menschen nach dem Tode sprechen werden.
[ 4 ] It was in the year 1459 that a lofty spiritual entity, embodied in the human personality known to the world as Christian Rosenkreutz, first appeared as a teacher to a small circle of initiated disciples. In 1459, Christian Rosenkreutz was elevated to the rank of Eques lapidis aurei—Knight of the Golden Stone—within a strictly self-contained spiritual brotherhood, the Fraternitas Roseae crucis. As the lectures progress, it will become increasingly clear to us what this means. That exalted spiritual individuality, which entered the physical plane through the outer personality of Christian Rosenkreutz, repeatedly acted as a guide and teacher of the Rosicrucian movement in “the same body,” as it is said in occultism. We will also come to understand the meaning of the expression “again and again in the same body” over the course of the next few hours, when we discuss the fate of the human being after death.
[ 5 ] Nun war diese Weisheit, von der wir hier sprechen, bis weit in das achtzehnte Jahrhundert hinein beschlossen in einer engbegrenzten Bruderschaft, die strenge Regeln hatte, durch die sie sich von der exoterischen Außenwelt abschloß.
[ 5 ] Now, this wisdom we are discussing here remained, well into the eighteenth century, confined to a closely knit brotherhood that had strict rules by which it isolated itself from the exoteric outside world.
[ 6 ] Im achtzehnten Jahrhundert hatte diese Bruderschaft die Mission, auf einem spirituellen Wege etwas Esoterisches einfließen zu lassen in die Kultur Mitteleuropas, und deshalb sehen wir, wie innerhalb einer exoterischen Kultur mancherlei aufleuchtet, was zwar äußerlich exoterisch ist, was aber nichts anderes ist als ein äußerer Ausdruck esoterischer Weisheit. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte mancherlei Leute bemüht, jene Weisheit, die wir die rosenkreuzerische nennen, irgendwie durchschauen zu können; es ist ihnen nicht gelungen. So hat sich Leibniz vergebens bemüht, der Quelle rosenkreuzerischer Weisheit nahezukommen. Wie Blitzlichter leuchtete aber diese rosenkreuzerische Weisheit in einer exoterischen Schrift auf, welche erschien, als Lessing seiner Vollendung auf dem physischen Plan entgegenging. Es ist Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts». Man muß diese Schrift nur zwischen den Zeilen lesen, dann wird man in ihrem eigentümlichen Ausklange — zwar nur als Esoteriker — erkennen, daß sie ein äußerer Ausdruck rosenkreuzerischer Weisheit ist.
[ 6 ] In the eighteenth century, this brotherhood had the mission of infusing Central European culture with something esoteric through a spiritual path; and that is why we see various things shining forth within an exoteric culture—things that, while outwardly exoteric, are nothing other than an outward expression of esoteric wisdom. Over the centuries, many people have endeavored to somehow fathom that wisdom we call Rosicrucian; they have not succeeded. Leibniz, for example, tried in vain to draw near to the source of Rosicrucian wisdom. Yet this Rosicrucian wisdom shone forth like flashes of lightning in an exoteric work that appeared as Lessing was approaching the culmination of his physical life. It is Lessing’s The Education of the Human Race. One need only read this work between the lines; then, in its peculiar conclusion—though only as an esotericist—one will recognize that it is an outward expression of Rosicrucian wisdom.
[ 7 ] Insbesondere großartig leuchtete diese Weisheit auf in demjenigen Menschen, der die Kultur des damaligen Europas um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, und zwar die internationale Kultur, widerspiegelte: in Goethe. Als Goethe in verhältnismäßig frühen Jahren seines Lebens einer rosenkreuzerischen Quelle nahekam, empfing er etwas von einer höchst merkwürdigen hohen Initiation. Es kann leicht mißverstanden werden, wenn man von einer Initiation Goethes spricht; daher geziemt es sich vielleicht gerade hier, darauf hinzuweisen, wie es sich mit dieser eigentümlichen Art der Initiation verhält. Es war in der Zwischenzeit, als er von der Universität Leipzig fortging, bis er nach Straßburg ging. Da geschah etwas höchst Merkwürdiges. Er hatte ein tief in seine Seele eingreifendes Erlebnis, das sich äußerlich in der Tatsache ausdrückte, daß er in der letzten Leipziger Zeit dem Tode recht nahestand. Auf seinem schweren Krankenlager hatte er ein wichtiges Erlebnis, eine Art von Initiation. Goethe war sich dieser zunächst nicht bewußt, sie wirkte als eine Art poetischer Strömung in seiner Seele, und es war ein höchst merkwürdiger Vorgang, wie sich diese Strömung hineinarbeitete in seine verschiedenen Produktionen. Solch einen Lichtblitz finden wir in dem Gedicht «Die Geheimnisse», das die intimsten Freunde Goethes als eine seiner tiefsten Schöpfungen bezeichnet haben, und es ist in der Tat so tief angelegt, daß Goethe niemals die Kraft wiederfinden konnte, zu diesem Fragmente den Schluß zu gestalten. Die damalige Kulturströmung hatte noch nicht die Macht, äußerlich die ganze Tiefe des Lebens auszugestalten, die in diesem Gedichte pulst. Dies Gedicht ist aufzufassen als eine der tiefsten Quellen der Seele Goethes, es ist ein Buch mit sieben Siegeln für alle GoetheKommentatoren. Dann aber arbeitete sich diese Initiation immer weiter heraus, und Goethe konnte endlich, nachdem er sich dieser Initiation mehr und mehr bewußt geworden war, jene merkwürdige Prosadichtung entstehen lassen, die wir als das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» kennen. Es ist eine der tiefsten Schriften der Weltliteratur; wer sie in richtiger Weise zu interpretieren vermag, der weiß viel von der rosenkreuzerischen Weisheit.
[ 7 ] This wisdom shone particularly brightly in the man who reflected the culture of Europe at the turn of the eighteenth century—namely, its international culture: Goethe. When Goethe, at a relatively early stage in his life, came into contact with a Rosicrucian source, he received something of a most remarkable, lofty initiation. It is easy to misunderstand what is meant when one speaks of Goethe’s initiation; therefore, it is perhaps fitting to point out here exactly what this peculiar kind of initiation entailed. It was during the interval between his departure from the University of Leipzig and his move to Strasbourg. Something most remarkable happened then. He had an experience that penetrated deeply into his soul, which outwardly manifested itself in the fact that, during his final days in Leipzig, he had come quite close to death. While lying gravely ill, he had a significant experience—a kind of initiation. Goethe was not initially aware of this; it acted as a kind of poetic current within his soul, and it was a most remarkable process to observe how this current worked its way into his various works. We find such a flash of insight in the poem “Die Geheimnisse” (“The Mysteries”), which Goethe’s closest friends have described as one of his most profound creations; indeed, it is so deeply conceived that Goethe was never able to find the strength to complete this fragment. The cultural currents of that time did not yet have the power to outwardly express the full depth of life that pulsates in this poem. This poem must be understood as one of the deepest springs of Goethe’s soul; it is a book sealed with seven seals for all Goethe commentators. But then this initiation gradually came into clearer focus, and Goethe was finally able—after becoming increasingly aware of this initiation—to create that remarkable prose poem we know as “The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” It is one of the most profound works in world literature; whoever is able to interpret it correctly knows much about Rosicrucian wisdom.
[ 8 ] Damals aber, als einfließen sollte die rosenkreuzerische Weisheit in die allgemeine Kultur, geschah es, daß auf eine Weise, über die ich hier nicht weiter zu sprechen brauche, eine Art Verrat mit rosenkreuzerischer Weisheit begangen wurde, so daß gewisse Vorstellungen rosenkreuzerischer Weisheit exoterisch hinausdrangen in die große Welt. Dieser Verrat auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Notwendigkeit, daß die Kultur des Abendlandes eine Zeitlang, während des neunzehnten Jahrhunderts, auf dem physischen Plan unbeeinflußt bleibe von der Esoterik, diese zwei Dinge führten die Notwendigkeit herbei, daß die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit und vor allem auch der große Begründer, der seit jener Zeit immer auf dem physischen Plan war, scheinbar zurücktraten, so daß man in der ersten Hälfte und auch in einem großen Teil der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nicht viel von der rosenkreuzerischen Weisheit entdecken konnte. Erst in unserer Zeit ist es wieder möglich geworden, die Quellen rosenkreuzerischer Weisheit zu erschließen und sie einfließen zu lassen in die allgemeine übrige Kultur, und wenn wir diese Kultur betrachten werden, so werden sich uns die Gründe ergeben, warum das so sein mußte,
[ 8 ] At that time, however, when Rosicrucian wisdom was to be incorporated into general culture, it happened that—in a manner I need not discuss further here—a kind of betrayal of Rosicrucian wisdom took place, so that certain concepts of Rosicrucian wisdom found their way out into the wider world in an exoteric form. This betrayal, on the one hand, and, on the other hand, the necessity that Western culture remain, for a time during the nineteenth century, unaffected by esotericism on the physical plane, these two factors brought about the necessity that the sources of Rosicrucian wisdom—and above all the great founder, who had remained on the physical plane ever since that time—seemingly receded, so that in the first half and also in a large part of the second half of the nineteenth century, not much of Rosicrucian wisdom could be discovered. Only in our time has it once again become possible to tap into the sources of Rosicrucian wisdom and allow them to flow into the rest of general culture, and when we consider this culture, the reasons why this had to be so will become clear to us,
[ 9 ] Nun möchte ich Ihnen zwei charakteristische Dinge angeben, welche die rosenkreuzerische Weisheit auszeichnen und die wichtig sind für ihre Weltmission. Das eine hängt zusammen mit des Menschen ganzer Stellung zu dieser rosenkreuzerischen Weisheit, die etwas anderes ist als die okkulte Form der christlich-gnostischen Weisheit. Wir müssen zwei Tatsachen des Geisteslebens vorläufig nur flüchtig berühren, wenn wir uns diese merkwürdige Stellung der rosenkreuzerischen Weisheit klar vor die Seele führen wollen. Die erste dieser zwei Tatsachen ist, was man die Stellung des Schülers zu dem Lehrer nennt, und zwei Dinge haben wir zu betrachten in bezug auf diese Stellung. Wir wollen besprechen erstens das, was man Hellsehen nennt, und zweitens das, was man Glauben an die Autorität nennt. In dem Worte Hellsehen — eigentlich ein unvollkommener Ausdruck — begreift man nicht allein spirituelles Schauen, sondern auch spirituelles Hören. In diesen beiden ist die Quelle einer jeglichen Weisheit, die uns über die verborgene Weisheit der Welt unterrichten will, und aus keiner anderen Quelle heraus können wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welten kommen. Nun ist für die Rosenkreuzer-Methode ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Auffinden der geistigen Wahrheiten und dem Begreifen derselben.
[ 9 ] Now I would like to point out two characteristic features that distinguish Rosicrucian wisdom and that are important for its global mission. The first relates to humanity’s overall relationship to this Rosicrucian wisdom, which is distinct from the occult form of Christian-Gnostic wisdom. We must briefly touch upon two aspects of spiritual life if we are to clearly bring this remarkable position of Rosicrucian wisdom to mind. The first of these two aspects is what is called the relationship of the student to the teacher, and there are two things we must consider in relation to this relationship. Let us discuss, first, what is called clairvoyance, and second, what is called faith in authority. The term “clairvoyance”—which is actually an imperfect expression—encompasses not only spiritual seeing but also spiritual hearing. In these two lies the source of all wisdom that seeks to instruct us about the hidden wisdom of the world, and no true knowledge of the spiritual worlds can come from any other source. Now, for the Rosicrucian method, there is a fundamental difference between discovering spiritual truths and comprehending them.
[ 10 ] Niemand kann eine geistige Wahrheit direkt in den höheren Welten finden, der nicht einen höheren Grad spiritueller Fähigkeit — also des Hellsehens — entwickelt hat. Für das Auffinden der spirituellen Wahrheit ist das Hellsehen die notwendige Voraussetzung. Aber auch nur für das Auffinden, denn bis heute und auch bis lange in die Zukunft hinüber wird von keiner wahren Rosenkreuzerei exoterisch etwas gelehrt werden, was nicht mit dem gewöhnlichen, allgemeinen logischen Verstande begriffen werden kann. Das ist es, worauf es ankommt. Wenn gegenüber dieser rosenkreuzerischen Form von Theosophie eingewendet wird, man gebrauche zum Begreifen Hellsehen, so ist das nicht richtig. Nicht die Fähigkeit des Wahrnehmens ist es, worauf es ankommt. Wer die rosenkreuzerische Weisheit nicht mit dem Denken begreifen kann, der hat nur seinen logischen Verstand noch nicht weit genug ausgebildet. Wenn man alles in sich aufnimmt, was die gegenwärtige Kultur gibt, was man heute erlangen kann, wenn man nur Geduld und Ausdauer hat und nicht zu bequem ist, um zu lernen, dann kann man begreifen und einsehen, was der Rosenkreuzer-Lehrer lehrt. Wer irgendwie eine solche Rosenkreuzer-Weisheit anzweifelt und sagt: Ich kann sie nicht begreifen —, bei dem ist nicht daran schuld, daß er noch nicht auf die höheren Plane hinauf kann, sondern daß er seinen logischen Verstand nicht genug anstrengen will, oder daß er nicht genügend Erlebnisse des gewöhnlichen Bildungslebens herbeitragen will, um wirklich zu begreifen.
[ 10 ] No one can find a spiritual truth directly in the higher worlds unless they have developed a higher degree of spiritual ability—that is, clairvoyance. Clairvoyance is the necessary prerequisite for discovering spiritual truth. But only for the discovery itself, for to this day—and well into the future—no true Rosicrucianism will teach exoterically anything that cannot be understood by ordinary, general logical reasoning. That is what matters. If it is objected to this Rosicrucian form of theosophy that clairvoyance is required for understanding, this is incorrect. It is not the ability to perceive that matters. Anyone who cannot grasp Rosicrucian wisdom through thinking has simply not yet developed their logical intellect sufficiently. If one takes in everything that present-day culture has to offer—everything that can be attained today—and if one has only patience and perseverance and is not too complacent to learn, then one can understand and comprehend what the Rosicrucian teacher teaches. Anyone who in any way doubts such Rosicrucian wisdom and says, “I cannot comprehend it”—the reason they cannot yet ascend to the higher planes is not their fault, but rather that they are unwilling to exert their logical mind sufficiently, or that they are unwilling to draw upon enough experiences from ordinary educational life to truly comprehend it.
[ 11 ] Denken Sie einmal an die ungeheure Popularisierung der Weisheit, die sich vollzogen hat seit dem Auftreten des Christentums bis zur heutigen Zeit, und versuchen Sie, sich vor Ihre Seele ein Bild des christlichen Rosenkreuzertums im vierzehnten Jahrhundert zu stellen. Denken Sie daran, wie in jener Zeit der einzelne Mensch, der draußen in der Welt lebte, den Lehrern gegenüberstand. Nur durch das gesprochene Wort konnte da gewirkt werden. Man stellt sich gewöhnlich nicht richtig vor, welche riesige Evolution sich seit jener Zeit vollzogen hat. Man braucht nur an die Errungenschaft der Buchdruckerkunst zu denken. Denken Sie an die tausend und abertausend Kanäle, durch welche vermittels dieser Erfindung in das allgemeine Kulturleben einfließen konnte, was heute in den Spitzen des Geisteslebens geleistet wird. Von dem Buche an bis zur letzten Zeitungsnotiz können Sie unendlich viele Kanäle verfolgen, durch die eine Unsumme von Vorstellungen einfließt in das allgemeine Leben. Das sind Wege, die erst seit dieser Zeit der Menschheit erschlossen worden sind, und die haben bewirkt, daß der Intellekt der abendländischen Kultur ganz andere Formen angenommen hat. Der abendländische Intellekt, der Verstand, wirkte seit jener Zeit ganz anders.
[ 11 ] Think for a moment about the immense spread of wisdom that has taken place from the emergence of Christianity to the present day, and try to picture in your mind’s eye what Christian Rosicrucianism was like in the fourteenth century. Think of how, in those days, the individual living out in the world faced the teachers. It was only through the spoken word that one could have an impact. People generally do not fully realize what a tremendous evolution has taken place since that time. One need only think of the achievement of the art of printing. Think of the thousands upon thousands of channels through which, by means of this invention, what is achieved today at the pinnacle of spiritual life has been able to flow into general cultural life. From the book down to the latest newspaper article, you can trace an infinite number of channels through which a vast amount of ideas flows into general life. These are paths that have only been opened up to humanity since that time, and they have caused the intellect of Western culture to take on entirely different forms. The Western intellect, reason, has functioned quite differently since that time.
[ 12 ] Darauf mußte die neue Form der Weisheit Rücksicht nehmen. Es mußte eine solche Form geschaffen werden, die dem standhält, was in den tausend Kanälen hineinfließt in das allgemeine Leben. Die rosenkreuzerische Weisheit ist nun eine solche, die völlig standhält jedem Einwand, der von irgendeiner populären oder noch so hohen Seite der Wissenschaft ausgehen kann. In sich selbst hat die rosenkreuzerische Weisheit die Quellen des Sich-Haltens gegenüber jedem Einwande der Wissenschaft. Ein richtiges Verständnis der modernen Wissenschaft, nicht jenes dilettantische Verstehen, das selbst bei Universitätsprofessoren zu finden ist, sondern ein Verständnis, das frei von allen den abstrakten Theorien und materialistischen Phantasien arbeitet, das streng auf dem Boden der Tatsachen steht und nicht darüber hinausgeht, ein solches Verständnis liefert Stück für Stück gerade aus der Wissenschaft heraus die Beweise für die rosenkreuzerischen spirituellen Wahrheiten.
[ 12 ] The new form of wisdom had to take this into account. A form had to be created that could withstand what flows into general life through a thousand channels. Rosicrucian wisdom is now of such a nature that it fully withstands any objection that might arise from any popular or even the most exalted branch of science. Rosicrucian wisdom possesses within itself the sources of resilience against every objection raised by science. A true understanding of modern science—not the amateurish understanding found even among university professors, but an understanding that operates free from all abstract theories and materialistic fantasies, that stands firmly on the ground of facts and does not go beyond them—such an understanding provides, piece by piece, the very evidence for Rosicrucian spiritual truths from within science itself.
[ 13 ] Die zweite Seite in der rosenkreuzerischen Weisheit — in der Stellung zwischen Lehrer und Schüler — ist die, daß im wesentlichen das Verhältnis vom Schüler zum «Guru», dem orientalischen Lehrer, gegenüber den anderen Einweihungen ein anderes ist. Die Art und Weise, wie der Schüler dem Guru gegenübersteht, kann eigentlich innerhalb der rosenkreuzerischen Weisheit gar nicht mit dem Glauben an eine Autorität bezeichnet werden. Durch ein Beispiel aus dem gewöhnlichen Leben werde ich Ihnen das anschaulich machen. Der RosenkreuzerLehrer will nicht anders zu seinem Schüler stehen als der kundige Mathematiker zu dem Mathematikschüler. Kann man davon sprechen, daß der Mathematikschüler seinem Lehrer aus Autoritätsglauben anhängt? Nein! Kann man davon sprechen, daß der Mathematikschüler den Lehrer nicht braucht? Ja — könnten da viele sagen, denn man hat vielleicht durch gute Bücher den Weg zum Selbststudium gefunden. Aber hier ist nur der Weg ein anderer, als wenn man sich Stuhl an Stuhl gegenübersitzt. Im Prinzip könnte man es natürlich. Ebenso könnte auch jeder Mensch, wenn er zu einer gewissen Stufe des Hellsehens aufsteigt, alle spirituellen Wahrheiten finden, aber ein jeder wird es unvernünftig finden, das Ziel auf einem Umweg zu erreichen. Ebenso unvernünftig wäre es zu sagen: Mein Inneres muß die Quelle sein für alle spirituellen Wahrheiten. — Wenn der Lehrer die mathematischen Wahrheiten kennt und sie dem Schüler überliefert, dann braucht der Schüler keinen Autoritätsglauben mehr, dann sieht er die mathematischen Wahrheiten durch ihre eigene Richtigkeit ein, und er braucht gar nichts anderes, als sie richtig einzusehen. Nicht anders ist es mit der ganzen okkulten Entwickelung im rosenkreuzerischen Sinne. Der Lehrer ist der Freund, der Ratgeber, der die okkulten Erlebnisse vorlebt und sie den Schüler leben läßt. Hat man sie einmal, dann braucht man sie ebensowenig auf Autorität hin anzunehmen, als in der Mathematik den Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind 180 Grad. Alle Autorität ist in der Rosenkreuzerei keine eigentliche Autorität, sondern vielmehr das, was notwendig ist für die Abkürzung des Weges zu den höchsten Wahrheiten.
[ 13 ] The second aspect of Rosicrucian wisdom—regarding the relationship between teacher and student—is that, in essence, the student’s relationship to the “guru,” the Eastern teacher, differs from that in other initiations. The way in which the student relates to the guru cannot, in fact, be described within Rosicrucian wisdom as a belief in authority. I will illustrate this with an example from everyday life. The Rosicrucian teacher does not wish to relate to his student any differently than a knowledgeable mathematician relates to a student of mathematics. Can one say that the student of mathematics adheres to his teacher out of a belief in authority? No! Can one say that the student of mathematics does not need the teacher? Yes—many might say so, for one may have found the path to self-study through good books. But here, the path is simply different from sitting face-to-face, chair to chair. In principle, of course, one could do so. Likewise, anyone who rises to a certain level of clairvoyance could discover all spiritual truths, but everyone would find it unreasonable to reach the goal by a roundabout way. It would be just as unreasonable to say: “My inner self must be the source of all spiritual truths.” — If the teacher knows the mathematical truths and imparts them to the student, then the student no longer needs to place faith in authority; he then recognizes the mathematical truths through their own correctness, and he needs nothing more than to understand them correctly. It is no different with the entire occult development in the Rosicrucian sense. The teacher is the friend, the counselor, who exemplifies the occult experiences and allows the student to live them. Once one has had them, one needs no more to accept them on the basis of authority than one does in mathematics the theorem: “The three angles of a triangle total 180 degrees.” In Rosicrucianism, all authority is not authority in the strict sense, but rather what is necessary to shorten the path to the highest truths.
[ 14 ] Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche sich auf das Verhältnis der spirituellen Weisheit zur allgemeinen geistigen Kultur bezieht. In den Darstellungen, die in den nächsten Tagen hier vorüberziehen sollen, werden Sie sehen, daß die geistige Wahrheit unmittelbar in das praktische Leben einfließen kann. Nicht irgendwelches System stellen wir auf, das man nur theoretisch verwerten kann, sondern etwas, was man brauchen kann, wenn man die tiefen Grundlagen unseres gegenwärtigen Weltenwissens erkennen will, wenn man die geistigen Wahrheiten einfließen lassen will in unser alltägliches Leben. Rosenkreuzer- Weisheit muß nicht nur in den Kopf gehen, auch nicht bloß in das Herz, sondern in die Hand, in unsere manuellen Fähigkeiten, in das, was der Mensch täglich tut. Es ist kein sentimentales Mitfühlen, es ist ein Sich-Erarbeiten der Fähigkeiten, innerhalb des allgemeinen Menschheitsdienstes zu wirken. Denken Sie sich, irgendeine Gesellschaft träte auf und würde nur allein Menschenbrüderschaft zu ihrem Ziele machen, würde nichts tun, als Menschenbrüderschaft predigen. Rosenkreuzerei wäre das nicht, denn der Rosenkreuzer sagt: Denke dir einen Menschen, der das Bein gebrochen hat und vor dir auf der Straße liegt. Wenn vierzehn Menschen herumstehen und warmes Empfinden und Mitleid haben, und keiner dabei ist, der das Bein wieder einrichten kann, so sind alle vierzehn weniger wesentlich als der eine, der hinzutritt, der vielleicht gar nicht sentimental ist, der aber die Fähigkeit besitzt, ein Bein einzurichten und es auch tut. — Und das ist die Gesinnung, die den Rosenkreuzer durchflutet. Auf die werktätige Erkenntnis, auf die Möglichkeit, aus der Erkenntnis heraus einzugreifen in das Leben, darauf kommt es an. Alles Reden über Mitgefühl ist der Rosenkreuzer-Weisheit sogar etwas Gefährliches, denn ihr erscheint ein fortwährendes Betonen von Mitgefühl wie eine Art astraler Wollust. Was das niedere Wollustgefühl ist auf dem physischen Plane, das ist auf dem astralen Plan diese Art, die immer nur fühlen will und nicht erkennen. Werktätige Erkenntnis, die eingreifen kann im Leben — allerdings nicht im materialistischen Sinne, sondern heruntergeholt von den spirituellen Planen —, die befähigt uns, praktisch zu wirken. Aus der notwendigen Erkenntnis, daß die Welt vorwärtskommen soll, fließt von selbst die Harmonie, und sie fließt umso sicherer, weil sie sich von selbst ergibt, wenn man erkennt. Von demjenigen, der ein Bein einrichten kann, könnte man sagen: wenn er kein Menschenfreund ist, läßt er vielleicht den liegen, der da liegt. — Das ist bei der bloßen Erkenntnis auf dem physischen Plan möglich. Bei der spirituellen Erkenntnis aber ist dieser Einwand nicht möglich. Es kann keine spirituelle Erkenntnis geben, die nicht einfließen würde in das werktätige Leben.
[ 14 ] That is one side of the matter. The other side concerns the relationship between spiritual wisdom and general intellectual culture. In the presentations that will be given here over the next few days, you will see that spiritual truth can flow directly into practical life. We are not setting up just any system that can only be applied theoretically, but rather something that can be used when one wishes to recognize the deep foundations of our current understanding of the world, when one wishes to allow spiritual truths to flow into our everyday life. Rosicrucian wisdom must not only enter the mind, nor merely the heart, but also the hand—our manual skills—and what a person does every day. It is not sentimental compassion; it is the cultivation of the abilities to work within the service of humanity as a whole. Imagine if some organization were to emerge whose sole goal was human brotherhood, doing nothing but preaching human brotherhood. That would not be Rosicrucianism, for the Rosicrucian says: Imagine a person who has broken his leg and is lying on the street in front of you. If fourteen people stand around feeling warm sympathy and compassion, and there is no one among them who can set the leg, then all fourteen are less essential than the one who steps forward—who may not be sentimental at all, but who possesses the ability to set a leg and actually does so. — And that is the spirit that permeates the Rosicrucian. What matters is active insight—the ability to intervene in life based on that insight. All talk of compassion is even somewhat dangerous to Rosicrucian wisdom, for to it, a constant emphasis on compassion appears as a kind of astral sensuality. What the base sensual feeling is on the physical plane, that is on the astral plane this attitude that always wants only to feel and not to know. Active insight that can intervene in life—though not in the materialistic sense, but drawn down from the spiritual planes—enables us to act practically. From the necessary realization that the world must move forward, harmony flows of its own accord, and it flows all the more surely because it arises spontaneously when one gains insight. Of someone who can set a broken leg, one might say: if he is not a humanitarian, he might leave the person lying there. — This is possible with mere knowledge on the physical plane. With spiritual knowledge, however, this objection is not valid. There can be no spiritual knowledge that does not flow into active life.
[ 15 ] Das ist es, was man als die zweite Seite der Rosenkreuzer- Weisheit bezeichnet: daß sie nur durch hellseherische Kräfte gefunden, aber durch den gewöhnlichen Menschenverstand eingesehen werden kann. Es ist damit scheinbar etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Um Erlebnisse in der geistigen Welt zu haben, müssen Sie hellsehend werden; um das einzusehen, was der Hellseher sieht, brauchen Sie das nicht. Wer als Seher heruntersteigt aus den geistigen Welten und die Dinge erzählt, die da oben vorgehen, und damit etwas zur Kenntnis bringt, was der gegenwärtigen Menschheit notwendig ist, kann verstanden werden, wenn die Zuhörer es wollen, denn der Mensch ist so geartet, daß es ihm einleuchten kann.
[ 15 ] This is what is referred to as the second aspect of Rosicrucian wisdom: that it can be discovered only through clairvoyant powers, but understood through ordinary human reason. This seems to be a very curious statement. To have experiences in the spiritual world, you must become clairvoyant; to understand what the clairvoyant sees, you do not need to be so. Anyone who, as a seer, descends from the spiritual worlds and recounts the events taking place there—thereby bringing to light something necessary for present-day humanity—can be understood if the listeners are willing, for human nature is such that it can grasp such things.
[ 16 ] Zunächst werden wir nun die siebengliedrige Menschennatur nach Rosenkreuzer-Methode kennenlernen. Wir werden kennenlernen die ganze Menschennatur, wie sie vor uns steht. Wir werden den physischen Leib kennenlernen, den ein jeder zu kennen glaubt und eigentlich gar nicht kennt. So wenig man den Sauerstoff im Wasser sehen kann, sondern ihn erst vom Wasserstoff trennen muß, um ihn zu erkennen, so wenig sieht man, wenn man einen anderen Menschen erblickt, den physischen Menschen vor sich. Der Mensch ist ebenso ein Gemisch von physischem Leib, Ätherleib und Astralleib und den anderen Gliedern seiner höheren Natur, wie das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht, und die Zusammenfassung aller dieser Glieder, die sehen Sie vor sich. Wollen Sie den physischen Leib allein sehen, müssen Sie erst den Astralleib herausheben; das haben Sie im traumlosen Schlaf. Der Schlaf ist eine Art von höherer chemischer Scheidung des Astralleibes im Verein mit den höheren Gliedern der Menschennatur von dem ätherischen und physischen Leibe. Aber auch dann haben Sie noch nicht den wirklichen physischen Leib vor sich. Erst mit dem Tode, wenn sich auch der Ätherleib herausgezogen hat aus dem physischen Leibe, ist der physische Leib allein übrig.
[ 16 ] First, we will now explore the sevenfold nature of the human being according to the Rosicrucian method. We will come to know the whole of human nature as it stands before us. We will come to know the physical body, which everyone believes they know but actually do not know at all. Just as one cannot see oxygen in water—but must first separate it from hydrogen to recognize it—so too, when one looks at another person, one does not see the physical human being standing before them. The human being is just as much a mixture of physical body, etheric body, astral body, and the other aspects of his higher nature as water consists of oxygen and hydrogen, and the synthesis of all these aspects is what you see before you. If you wish to see the physical body alone, you must first isolate the astral body; this is what happens during dreamless sleep. Sleep is a kind of higher chemical separation of the astral body—together with the higher aspects of human nature—from the etheric and physical bodies. But even then, you still do not have the true physical body before you. Only with death, when the etheric body, too, has withdrawn from the physical body, does the physical body alone remain.
[ 17 ] Das hat eine unmittelbare praktische Bedeutung. An einem Beispiele will ich Ihnen den Sinn dafür klarmachen. Nehmen Sie irgendeinen bestimmten Teil im Astralleibe an. In uralter Vergangenheit des Menschen war das, was er damals in einem dumpfen, dämmerhaften Hellsehen wahrnehmen konnte, ganz anders bildhaft als heute. Diese Bilder haben sich zunächst seinem Astralleibe eingeprägt. Wir stellen uns vor, daß sich dem Astralleibe einmal Bilder der drei Raumdimensionen eingeprägt haben, in Länge, Breite und Tiefe. Dieses Bild des dreidimensionalen Raumes, wie es einmal aus einem ursprünglichen dämmerhaften Hellsehen heraus dem Astralkörper eingeimpft worden war, wurde weiter übertragen in den Ätherleib. Wie man eine Petschaft in den flüssigen Siegellack eindrückt, so drückt sich das astrale Bild in den Ätherleib ein, und das arbeitete plastisch die Formen des physischen Leibes aus. So arbeitet das Bild des dreidimensionalen Raumes ein Organ an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Leibes aus. Es war ursprünglich ein Bild im Astralleibe von drei aufeinander senkrecht stehenden Raumlinien. Das drückte sich ein in den Ätherleib wie ein Petschaft in Siegellack, und ein gewisser Teil des Ätherleibes arbeitete praktisch ein Organ im Innern des menschlichen Ohres aus, und das sind die drei halbzirkelförmigen Kanäle. Sie alle haben diese in sich. Wenn sie verletzt werden, kann sich der Mensch nicht mehr in den drei Raumlinien orientieren. Den Menschen befällt Schwindel; er kann sich innerhalb der Raumdimensionen nicht mehr aufrechthalten. So hängen zusammen die Bilder des Astralleibes mit den Kräften des Ätherleibes und den Organen des physischen Leibes. Der ganze physische Leib des Menschen in seinen plastischen Formen ist nichts anderes als ein Ergebnis, das entstanden ist aus den Bildern des Astralleibes und dem Kräftezusammenhang des Ätherleibes. Daher versteht niemand den physischen Leib, der nicht zuerst den astralen und den Ätherleib kennt. Der Astralleib ist der Vorgänger des Ätherleibes und der Ätherleib der Vorgänger des physischen Leibes. So kompliziert sich die Sache.
[ 17 ] This has immediate practical significance. I would like to use an example to illustrate what this means. Consider any specific part of the astral body. In humanity’s ancient past, what people could perceive at that time through a dim, twilight-like form of clairvoyance was quite different in its imagery from what it is today. These images were first imprinted upon the astral body. Let us imagine that images of the three spatial dimensions—length, width, and depth—were once imprinted upon the astral body. This image of three-dimensional space, as it had once been instilled in the astral body through a primal, twilight-like clairvoyance, was then transmitted further into the etheric body. Just as a seal is pressed into liquid sealing wax, so the astral image imprints itself upon the etheric body, and this sculpted the forms of the physical body. Thus, the image of three-dimensional space shapes an organ at a very specific location within the physical body. It was originally an image in the astral body of three spatial lines standing perpendicular to one another. This imprinted itself upon the etheric body like a seal in sealing wax, and a certain part of the etheric body effectively formed an organ within the human ear—namely, the three semicircular canals. Everyone possesses these. If they are damaged, a person can no longer orient themselves within the three spatial lines. The person is overcome by dizziness; they can no longer maintain their balance within the spatial dimensions. Thus, the images of the astral body are interconnected with the forces of the etheric body and the organs of the physical body. The entire physical body of the human being, in its three-dimensional form, is nothing other than a result arising from the images of the astral body and the interplay of forces in the etheric body. Therefore, no one can understand the physical body without first knowing the astral and etheric bodies. The astral body is the precursor to the etheric body, and the etheric body is the precursor to the physical body. That is how complex the matter is.
[ 18 ] Die drei halbzirkelförmigen Kanäle sind ein physisches Organ wie die Nase; alle Nasen sind untereinander verschieden, aber Sie können eine Ähnlichkeit finden, die zwischen den Nasen von Eltern und Kindern besteht. Könnten Sie beim Menschen die drei halbzirkelförmigen Kanäle studieren, dann würden Sie finden, daß hier eine ebensolche Verschiedenheit und Gleichheit wie bei den Nasen besteht und daß der Mensch in bezug auf diese Kanäle ebenso der Mutter oder dem Vater ähnlich sein kann. Was sich nicht vererbt, das ist das tiefste Geistige, das Ewige, das durch die menschlichen Inkarnationen durchgeht. Das, was man spezifische Talente, Fähigkeiten nennt, beruht nicht auf den Gehirnen. Die Logik ist keine andere in der Mathematik als in der Philosophie oder im praktischen Leben. Die Verschiedenheit der Fähigkeiten tritt erst auf, wenn die Logik angewendet wird auf den Gebieten, die zum Beispiel in den halbzirkelförmigen Kanälen ihr ErkenntnisOrgan haben. So drückt sich die Mathematik besonders aus bei dem Menschen, der gerade diese Organe besonders ausgebildet hat. Ein Beispiel dafür ist die Familie Bernoulli, in der hintereinander gute Mathematiker aufgetreten sind. Eine Individualität könnte noch so viele Anlagen zu musikalischer oder anderer Befähigung mitbringen — wenn sie nicht in einen Menschenleib hineingeboren wird, der ihr die erforderlichen Formen und Organe vererben kann, so kann sie diese Befähigungen nicht ausleben.
[ 18 ] The three semicircular canals are a physical organ, just like the nose; all noses are different from one another, but you can find a resemblance between the noses of parents and their children. If you were to study the three semicircular canals in humans, you would find that there is just as much diversity and similarity here as there is with noses, and that a person can resemble their mother or father just as much with regard to these canals. What is not inherited is the deepest spiritual essence, the eternal, which passes through human incarnations. What we call specific talents and abilities does not originate in the brain. Logic is no different in mathematics than it is in philosophy or in practical life. Differences in abilities only arise when logic is applied to fields that have their organ of perception, for example, in the semicircular canals. Thus, mathematics expresses itself particularly strongly in people who have developed precisely these organs to a high degree. An example of this is the Bernoulli family, which has produced a succession of great mathematicians. No matter how many aptitudes for music or other abilities an individual may possess—if they are not born into a human body that can bequeath the necessary forms and organs, they cannot fully realize these abilities.
[ 19 ] So sehen Sie, daß Sie gar nicht die Welt physisch erkennen können, wenn Sie nicht erkennen, wie sie geschaffen ist. Nicht im Sich-Zurückziehen von der physischen Welt sieht der Rosenkreuzer seine Aufgabe. Das wäre eine schlimme Sache, denn seine Aufgabe ist es gerade, die physische Welt zu vergeistigen. Hinaufgehen muß er in die höchsten Regionen des geistigen Lebens und mit den Erkenntnissen, die ihm da werden, tätig arbeiten innerhalb der ganzen physischen Welt, und innerhalb der Menschen ganz besonders. Das ist Rosenkreuzer-Gesinnung, die sich unmittelbar aus der Weisheit als Konsequenz ergibt. Ein solches System von Weisheit wollen wir betrachten, das uns das Kleinste verstehen machen kann. Und eingedenk sein wollen wir, daß das Kleinste in der Welt zum Größten wichtig ist, und daß das Kleinste, an die richtige Stelle gerückt, zum größten Ziele führen kann.
[ 19 ] So you see that you cannot truly understand the physical world unless you understand how it was created. The Rosicrucian does not see his task as withdrawing from the physical world. That would be a terrible thing, for his task is precisely to spiritualize the physical world. He must ascend to the highest realms of spiritual life and, with the insights he gains there, work actively within the entire physical world—and especially within human beings. This is the Rosicrucian mindset, which arises directly from wisdom as a logical consequence. Let us consider such a system of wisdom that can help us understand even the smallest things. And let us bear in mind that the smallest thing in the world is of the greatest importance, and that the smallest thing, when placed in the right place, can lead to the greatest goal.
