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The Gospel of St. John
GA 103

18 May 1908, Hamburg

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Unsere Vorträge über das Johannes-Evangelium werden ein doppeltes Ziel haben. Das eine wird sein, die geisteswissenschaftlichen Begriffe als solche zu vertiefen und nach mancherlei Richtungen hin zu erweitern; und das andere Ziel ist gerade dies, durch diejenigen Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele treten werden, die große Urkunde des Johannes-Evangeliums selbst uns nahezubringen. Das bitte ich festzuhalten, daß die Vorträge nach diesen beiden Richtungen hin gemeint sind. Es soll sich nicht etwa bloß handeln um Auseinandersetzungen über das Johannes-Evangelium, sondern an der Hand desselben wollen wir in tiefe Geheimnisse des Daseins eindringen, und wir wollen durchaus festhalten, wie eigentlich die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise beschaffen sein muß, wenn sie anknüpft an irgendeine der großen historischen Urkunden, die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt überliefert worden sind.

[ 1 ] Our lectures on the Gospel of John will have a twofold purpose. One will be to deepen our understanding of spiritual scientific concepts as such and to expand them in various directions; and the other goal is precisely this: through the ideas that will come to mind in the process, to bring us closer to the great text of the Gospel of John itself. I ask that you bear in mind that the lectures are intended to pursue these two directions. These are not merely to be discussions about the Gospel of John; rather, using it as our guide, we wish to penetrate the deep mysteries of existence, and we wish to clearly establish what the spiritual scientific approach must actually entail when it engages with any of the great historical documents that have been handed down to us through the various religions of the world.

[ 2 ] Man könnte nämlich glauben, wenn der Vertreter der Geisteswissenschaft über das Johannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem Sinne tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schöpfen, und diese Wahrheiten auf die Autorität der religiösen Urkunden hin vorbringen. Das kann aber nimmermehr die Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrachtung sein. Sie muß eine völlig andere sein. Wenn die Geisteswissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegenüber dem modernen Menschengeist erfüllen will, dann muß sie zeigen, daß der Mensch, wenn er nur seine inneren Kräfte und Fähigkeiten gebrauchen lernt, die Kräfte und Fähigkeiten des geistigen Wahrnehmens, daß er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Daß der. Mensch durch den Gebrauch der inneren Fähigkeiten zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, daß er zu den schöpferischen Kräften und Wesenheiten des Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, das muß der modernen Menschheit immer mehr zum Bewußtsein kommen.

[ 2 ] One might indeed think that when a representative of the humanities speaks about the Gospel of John, he intends to do so in the same way it is often done: simply to take such a document as a basis, to draw from it the truths in question, and to present these truths by invoking the authority of religious texts. But that can never be the task of a spiritual-scientific view of the world. It must be something entirely different. If spiritual science is to fulfill its true task in relation to the modern human spirit, then it must show that human beings, if they only learn to use their inner powers and abilities—the powers and abilities of spiritual perception—can, when they apply them, penetrate the mysteries of existence, into that which is hidden in the spiritual worlds beyond the sensory world. Modern humanity must become increasingly aware that by using their inner faculties, human beings can penetrate the mysteries of existence and, through their own insight, reach the creative forces and beings of the universe.

[ 3 ] Und so müssen wir sagen, daß die Geheimnisse des JohannesEvangeliums unabhängig von jeder Tradition, von jeder historischen Urkunde von dem Menschen gewonnen werden können. Man möchte, um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen Weise das aussprechen. Dann könnte man so sagen: Nehmen wir an, dutch irgendein Ereignis gingen alle religiösen Urkunden dem Menschen verloren und dieser behielte nur die Fähigkeiten, die er gegenwärtig hat, dann müßte er trotzdem — wenn er sich nur die Fähigkeiten, die er hatte, bewahrt - in die Geheimnisse des Daseins eindringen können; er müßte hingelangen können zu den göttlich-geistigen schaffenden Kräften und Wesenheiten, die hinter der physischen Welt verborgen sind. Und die Geisteswissenschaft muß durchaus auf diese, von allen Urkunden unabhängigen Erkenntnisquellen bauen. Dann aber, wenn man also unabhängig forscht, wenn man unabhängig von allen Urkunden die göttlich-geistigen Geheimnisse der Welt erforscht hat, dann geht man an die religiösen Urkunden. Dann erst erkennt man sie in ihrem wahren Werte. Denn dann ist man in einer gewissen Weise frei und unabhängig von ihnen. Man erkennt in ihnen dann, was man zuvor selbständig gefunden hat; wer einen solchen Weg gegenüber den religiösen Urkunden eingeschlagen hat, von dem können Sie sicher sein, daß diese Urkunden niemals an Wert für ihn verlieren, niemals etwas verlieren von der Ehrfurcht und Verehrung, die man ihnen gegenüber haben kann. Durch einen Vergleich mit etwas anderem lassen Sie uns einmal klarmachen, um was es sich dabei handelt.

[ 3 ] And so we must say that the mysteries of the Gospel of John can be grasped by human beings independently of any tradition or historical document. To put it very clearly, one might express this in an extreme way. Then one could say: Let us suppose that, through some event, all religious records were lost to humankind and people retained only the abilities they currently possess; then they would still—provided they preserve the abilities they had—be able to penetrate the mysteries of existence; he would be able to reach the divine-spiritual creative forces and beings hidden behind the physical world. And spiritual science must certainly build upon these sources of knowledge, which are independent of all records. But then, when one conducts independent research—when one has explored the divine-spiritual mysteries of the world independently of all sacred texts—only then does one turn to the religious texts. Only then does one recognize their true value. For then one is, in a certain sense, free and independent of them. One then recognizes in them what one has previously discovered independently; you can be certain that for anyone who has taken such a path in relation to the religious texts, these texts will never lose their value, nor will they ever lose any of the reverence and veneration one can have for them. Let us clarify what this is all about by comparing it to something else.

[ 4 ] Es könnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, hat uns zuerst jene Geometrie gegeben, die heute ein jedes Schulkind lernt auf einer gewissen Stufe des Schulunterrichts. Aber ist das Lernen der Geometrie durchaus gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage Sie, wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid die elementarsten Dinge über Geometrie hineingelegt hat? Sie lernen die Geometrie unabhängig von dem Buche des Euklid, weil sie einer Fähigkeit des Menschengeistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie aus sich gelernt hat und hinterher an das große Geometriebuch des Euklid kommt, weiß man dies in der richtigen Weise zu würdigen; denn erst dann findet man das, was man sich zu eigen gemacht hat, und lernt die Form schätzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute die großen Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums durch die im Menschen schlummernden Kräfte finden, ohne von dem Johannes-Evangelium etwas zu wissen, wie der Schüler die Geometrie lernt, ohne von dem ersten Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen.

[ 4 ] One might say: Euclid, the ancient geometer, was the first to give us the geometry that every schoolchild learns today at a certain stage of their education. But is the study of geometry entirely tied to this book by Euclid? I ask you, how many people today learn elementary geometry without having the slightest idea of the first book in which Euclid set forth the most elementary concepts of geometry? They learn geometry independently of Euclid’s book, because it springs from an innate capacity of the human mind. Then, when one has learned geometry on one’s own and later encounters Euclid’s great book on geometry, one knows how to appreciate it properly; for only then does one find what one has made one’s own and learn to value the form in which the corresponding insights first appeared. In this way, one can discover today the great cosmic truths of the Gospel of John through the powers lying dormant within the human being, without knowing anything about the Gospel of John—just as a student learns geometry without knowing anything about Euclid’s first geometry book.

[ 5 ] Wenn man, ausgerüstet mit dem Wissen über die höheren Welten, an das Johannes-Evangelium herantritt, sagt man sich: Was liegt denn da vor in der Geistesgeschichte der Menschheit? Die tiefsten Geheimnisse der geistigen Welten sind hineingeheimnißt in ein Buch, sind der Menschheit gegeben in einem Buche. Und da wir vorher wissen, was Wahrheiten über die göttlich-geistigen Welten sind, erkennen wir dann erst die göttlich-geistige Art des Johannes-Evangeliums in dem richtigen Sinne, und das wird überhaupt der richtige Sinn sein, sich solchen Urkunden zu nähern, welche über geistige Dinge handeln.

[ 5 ] When one approaches the Gospel of John equipped with knowledge of the higher worlds, one asks oneself: What is contained here in the spiritual history of humanity? The deepest mysteries of the spiritual worlds are enshrined in a book; they are given to humanity in a book. And since we already know what truths about the divine-spiritual worlds are, we can then recognize the divine-spiritual nature of the Gospel of John in its true sense—and that is, in fact, the proper way to approach such texts that deal with spiritual matters.

[ 6 ] Wenn sich solchen Urkunden, welche über geistige Dinge handeln, Leute nähern, welche sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was in solchen Urkunden liegt, wie zum Beispiel im Johannes-Evangelium, also bloße Philologen — und selbst die theologischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich nur Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Bücher -, wie verhält sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu solchen Forschern? Nehmen wir nochmals den Vergleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn der richtigere Ausleger sein? Der gut mit Worten in seiner Art übersetzen kann und gar keine Ahnung hat von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird etwas Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den Übersetzer selbst einen unbedeutenden Philologen sein, er wird, wenn er Geometrie versteht, das Buch in der richtigen Weise würdigen können. So verhält sich gegenüber vielen anderen Forschern der Vertreter der Geisteswissenschaft zum Johannes-Evangelium. Vielfach wird es gegenwärtig so erklärt, wie die Philologen die Geometrie des Euklid erklären würden. Geisteswissenschaft aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Welten, die im JohannesEvangelium aufgezeichnet sind. So ist der Geisteswissenschafter dem Johannes-Evangelium gegenüber in derselben Lage wie der Geometer dem Euklid gegenüber: er bringt schon mit, was er in dem Johannes-Evangelium finden kann.

[ 6 ] When people who, based on the language alone, understand everything contained in such texts—such as the Gospel of John—that is, mere philologists—and even theological researchers of a certain kind are, in fact, today merely philologists with regard to the content of such books—approach these texts that deal with spiritual matters, how does the representative of spiritual science relate to such researchers? Let us take the comparison with Euclid’s geometry once again. Who, then, will be the more accurate interpreter? The one who can translate well in his own way but has absolutely no idea about geometric knowledge? Something strange will result if such a person were to tackle Euclid’s geometry without first understanding anything about geometry at all! But even if the translator were merely an insignificant philologist, he would—if he understands geometry—be able to appreciate the book properly. This is how the representative of spiritual science relates to the Gospel of John compared to many other researchers. At present, it is often explained in the same way that philologists would explain Euclid’s geometry. Spiritual science, however, provides, of its own accord, the insights into the spiritual worlds that are recorded in the Gospel of John. Thus, the spiritual scientist is in the same position with regard to the Gospel of John as the geometer is with regard to Euclid: he already possesses what he can find in the Gospel of John.

[ 7 ] Wir brauchen uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf aufzuhalten, daß auf diese Weise manches in die Urkunde hineingesehen werde. Wir werden bald sehen, daß der, welcher den Inhalt versteht, nicht nötig hat, etwas in das Evangelium hineinzulegen, was nicht darin ist. Wer die Art der geisteswissenschaftlichen Auslegung versteht, wird sich bei diesem Vorwurf nicht besonders aufhalten. Wie andere Urkunden nicht an Wert und Verehrung verlieren, wenn man ihren wahren Inhalt erkennt, so ist dies auch mit dem JohannesEvangelium der Fall. Es erscheint dem, der eingedrungen ist in die Geheimnisse der Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Dokumente im menschlichen Geistesleben.

[ 7 ] We need not dwell on the accusation that might be raised—that in this way certain things are read into the text. We will soon see that those who understand the content have no need to read into the Gospel anything that is not actually there. Anyone who understands the nature of spiritual-scientific interpretation will not dwell on this accusation. Just as other documents do not lose their value or the reverence with which they are regarded when their true content is recognized, so it is with the Gospel of John. To those who have penetrated the mysteries of the world, it appears as one of the most significant documents in human spiritual life.

[ 8 ] Wir können uns dann fragen, wenn wir uns genauer auf den Inhalt des Johannes-Evangeliums einlassen: Wie kommt es denn, wenn dem Geistesforscher das Johannes-Evangelium als eine so bedeutungsvolle Urkunde erscheint, daß es gerade von Theologen, die doch zu Erklärern berufen sein sollten, immer mehr und mehr in den Hintergrund gegenüber den anderen Evangelien gedrängt wird? Dies soll als eine Vorfrage berührt werden, bevor wir in das Johannes-Evangelium selbst eintreten.

[ 8 ] We might then ask ourselves, as we delve more deeply into the content of the Gospel of John: If the Gospel of John appears to the spiritual researcher to be such a significant document, how is it that it is increasingly being pushed into the background relative to the other Gospels—precisely by theologians, who should, after all, be called to interpret it? This should be touched upon as a preliminary question before we delve into the Gospel of John itself.

[ 9 ] Sie alle wissen, daß in bezug auf das Johannes-Evangelium merkwürdige Anschauungen und Gesinnungen Platz gegriffen haben. In alten Zeiten wurde es verehrt als eine der tiefsten und bedeutungsvollsten Urkunden, welche der Mensch hatte über das Wesen und den Sinn des Wirkens des Christus Jesus auf Erden; und in den älteren Zeiten des Christentums wäre es wohl niemandem eingefallen, dieses Johannes-Evangelium nicht als ein wichtiges geschichtliches Denkmal für die Ereignisse in Palästina aufzufassen. In neueren Zeiten ist es anders geworden, und gerade die, welche glauben, am festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher Forschung, haben am meisten den Grund unterwühlt, auf dem eine solche Anschauung über das Johannes-Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon nach Jahrhunderten zählt, hat man angefangen, aufmerksam zu werden auf die Widersprüche, die sich in den Evangelien finden. Da hat sich besonders unter den Theologen nach mancherlei Schwankungen das folgende herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen viele Widersprüche in den Evangelien vor, und man könne sich keinen klaren Begriff machen, wie es kommt, daß von vier Seiten in den vier Evangelien die Ereignisse in Palästina in verschiedener Weise erzählt werden. Man sagte: Wenn wir die Darstellungen nehmen, die nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene Angaben über dieses und jenes, daß man unmöglich glauben kann, daß sie alle mit den historischen Tatsachen übereinstimmen. Das wurde nach und nach die Gesinnung derjenigen, die diese Dinge erforschen wollten.

[ 9 ] You all know that, with regard to the Gospel of John, some peculiar views and attitudes have taken hold. In ancient times, it was revered as one of the deepest and most significant records humanity possessed regarding the nature and meaning of the ministry of Jesus Christ on earth; and in the early days of Christianity, it would likely never have occurred to anyone not to regard the Gospel of John as an important historical monument to the events in Palestine. In more recent times, things have changed, and it is precisely those who believe they stand most firmly on the ground of historical research who have most undermined the foundation upon which such a view of the Gospel of John was based. For a period now spanning centuries, attention has begun to be drawn to the contradictions found in the Gospels. After much back-and-forth, the following conclusion has emerged, particularly among theologians. It has been said: There are many contradictions in the Gospels, and it is impossible to form a clear understanding of why the events in Palestine are recounted in different ways by the four authors of the four Gospels. It was said: If we take the accounts given in Matthew, Mark, Luke, and John, we have so many different details about this and that that it is impossible to believe that they all correspond to historical facts. This gradually became the prevailing view among those who sought to investigate these matters.

[ 10 ] Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet, daß man in bezug auf die drei ersten Evangelien einen gewissen Einklang über die Darstellung der palästinensischen Ereignisse sich bilden könne, daß das Johannes-Evangelium aber in einer weitgehenden Art abweiche von dem, was die drei ersten Evangelien erzählen, und daß deshalb in bezug auf die historischen "Tatsachen mehr den drei ersten Evangelien geglaubt werden müsse und das JohannesEvangelium weniger geschichtliche Glaubwürdigkeit habe. So ist man allmählich dazu gekommen, zu sagen: Dieses Johannes-Evangelium ist überhaupt nicht in derselben Absicht entstanden wie die drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzählen, was sich zugetragen hat; der Verfasser des Johannes-Evangeliums aber habe diese Absicht gar nicht gehabt, sondern eine ganz andere. Und man hat aus verschiedenen Gründen der Annahme sich hingegeben, daß das Johannes-Evangelium überhaupt verhältnismäßig spät niedergeschrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch zu sprechen kommen. Ein großer Teil der Forscher glaubt, daß das JohannesEvangelium erst im dritten oder vierten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahrhunderts niedergeschrieben worden sei, vielleicht auch schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts; und daher sagten sie sich: Also ist das Johannes-Evangelium niedergeschrieben in einer Zeit, wo das Christentum in einer bestimmten Form sich schon ausgebreitet hatte, wo es vielleicht auch schon Gegner hatte. Diese oder jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum, und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten sich: In dem Schreiber des Johannes-Evangeliums haben wir einen Menschen vor uns, der insbesondere bestrebt war, eine Lehrschrift zu geben, eine Art Apologie, etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegenüber den Strömungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht aber hätte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Absicht gehabt, die historischen Tatsachen treu zu schildern, sondern zu sagen, wie er sich zu seinem Christus stelle. — So sehen viele nichts anderes in dem Johannes-Evangelium als eine Art religiös durchströmten Gedichtes, das der Schreiber aus einer religiös-lyrischen Stimmung heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben habe, um auch andere zu begeistern und in dieselbe Stimmung zu bringen. Vielleicht wird man nicht überall mit so extremen Worten diese Meinung eingestehen. Wenn Sie aber die Literatur studieren, werden Sie finden, daß dies eine weitverbreitete Meinung ist, die vielen unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja, es kommt eine solche Meinung der Gesinnung unserer Zeitgenossen geradezu entgegen.

[ 10 ] In recent times, the view has emerged that, with regard to the first three Gospels, a certain consistency can be established in the account of the events in Palestine, but that the Gospel of John deviates significantly from what the first three Gospels recount, and that, therefore, with regard to historical “facts,” the first three Gospels must be given greater credence, while the Gospel of John possesses less historical credibility. Thus, it has gradually come to be said: This Gospel of John was not written with the same intention as the first three at all. Those Gospels sought only to recount what had happened; the author of the Gospel of John, however, had no such intention at all, but rather a completely different one. And for various reasons, scholars have come to accept the assumption that the Gospel of John was written relatively late. We will return to these matters later. A large number of scholars believe that the Gospel of John was not written until the third or fourth decade of the second Christian century, or perhaps even as early as the second decade of the second century; and therefore they reasoned: Thus, the Gospel of John was written at a time when Christianity had already spread in a certain form, and when it may even have had opponents. Various opponents had arisen against Christianity, and those who hold this view reasoned: In the author of the Gospel of John, we have a person who was particularly intent on providing a doctrinal treatise, a kind of apology—something like a defense of Christianity against the movements that had risen up against it. However, the author of the Gospel of John is said not to have intended to faithfully describe historical facts, but rather to express his own attitude toward his Christ. — Thus, many see nothing more in the Gospel of John than a kind of poem imbued with religious sentiment, which the author wrote from a religious-lyrical mood regarding his Christ, in order to inspire others and bring them into the same frame of mind. Perhaps not everyone would admit to this view in such extreme terms. But if you study the literature, you will find that this is a widespread opinion that deeply resonates with many of our contemporaries; indeed, such a view is very much in line with the mindset of our contemporaries.

[ 11 ] Seit einigen Jahrhunderten hat sich innerhalb der Menschheit, die immer mehr zum Materialismus in ihrer Gesinnung gekommen ist, eine gewisse Abneigung herausgebildet gegen eine solche Auffassung des geschichtlichen Werdens überhaupt, wie sie uns gleich in den ersten Worten des Johannes-Evangeliums entgegentritt. Denken Sie doch nur daran, daß die ersten Worte keine andere Erklärung zulassen, als daß in dem Jesus von Nazareth, der gelebt hat im Anfange unserer Zeitrechnung, verkörpert war eine Wesenheit höchster geistiger Art. Der Schreiber des Johannes-Evangeliums konnte nach seiner ganzen Art nicht anders, indem er von Jesus spricht, als beginnen mit dem, was er das «Wort» oder den « Logos » nennt; und er konnte nicht anders als sagen:

[ 11 ] For several centuries now, within humanity—which has increasingly adopted a materialistic outlook—a certain aversion has developed toward such a conception of historical development in general, as it is presented to us right from the very first words of the Gospel of John. Just consider that the opening words allow for no other explanation than that Jesus of Nazareth, who lived at the beginning of our era, embodied a being of the highest spiritual nature. The writer of the Gospel of John, in keeping with his entire nature, could do nothing else when speaking of Jesus but begin with what he calls the “Word” or the “Logos”; and he could do nothing else but say:

«Dieses Wort war im Urbeginne, und alles ist durch das Wort entstanden.» (1, 2-3)

“In the beginning was the Word, and through the Word all things were made.” (1:2–3)

[ 12 ] oder durch den «Logos». Nehmen wir dieses Wort einmal in seiner vollen Bedeutung, dann müssen wir sagen: Der Schreiber des Johannes-Evangeliums sieht sich gedrängt, den Urbeginn der Welt, das Höchste, wozu sich der Menschengeist erheben kann, als Logos zu bezeichnen und zu sagen: «Alle Dinge sind durch diesen Logos, den Urgrund der Dinge, gemacht!» Und dann setzt er fort und sagt:

[ 12 ] or through the “Logos.” If we take this word in its full meaning, then we must say: The writer of the Gospel of John feels compelled to describe the very beginning of the world—the highest thing to which the human spirit can ascend—as the Logos, and to say: “All things were made through this Logos, the source of all things!” And then he continues, saying:

«Dieser Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.» (1,14)

“This Logos became flesh and dwelt among us.” (1:14)

[ 13 ] Das heißt nichts anderes als: Ihr habt ihn gesehen, der unter uns gewohnt hat; ihr werdet ihn nur verstehen, wenn ihr ihn nehmt so, daß in ihm dasselbe Prinzip wohnte, durch das alles, was um euch herum ist an Pflanzen, Tieren und Menschen, gemacht ist. - Will man nicht in verkünstelter Weise interpretieren, so muß man sagen, daß im Sinne dieser Urkunde ein Prinzip allerhöchster Art sich einmal im Fleische verkörpert hat. Vergleichen wir die Anforderung, die mit solcher Vorstellung an des Menschen Herz gestellt wird, mit dem, was heute mancher Theologe sagt. Sie können es gegenwärtig in theologischen Werken lesen und in Vorträgen in mannigfacher Weise hören: Wir appellieren nicht mehr an irgendein übersinnliches Prinzip; uns ist derjenige Jesus am liebsten, den uns die drei ersten Evangelien schildern, denn das ist der «schlichte Mann aus Nazareth», der anderen Menschen ähnlich ist.

[ 13 ] This means nothing other than: You have seen him, the one who lived among us; you will understand him only if you accept that the same principle dwelt in him through which everything around you—plants, animals, and human beings—is made. - If one does not wish to interpret this in a contrived manner, one must say that, in the sense of this document, a principle of the highest order was once incarnated in the flesh. Let us compare the demands that such a conception places on the human heart with what many theologians say today. You can read it today in theological works and hear it expressed in many ways in lectures: We no longer appeal to any supernatural principle; we prefer the Jesus portrayed in the first three Gospels, for he is the “simple man from Nazareth” who is like other human beings.

[ 14 ] Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden für viele Theologen. Die Menschen haben das Bestreben, alles, was geschichtlich geworden ist, möglichst auf gleiche Stufe zu stellen mit allgemein menschlichen Ereignissen. Es stört die Menschen, daß ein so Hoher herausragen soll, wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des «schlichten Mannes von Nazareth», der ihnen deshalb so gefällt, weil sie sagen können: Wir haben ja auch einen Sokrates und andere große Männer. — Er unterscheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben doch einen gewissen Maßstab an einer gewöhnlichen banalen Menschlichkeit, wenn sie sprechen können vom «schlichten Manne aus Nazareth». Dies Sprechen vom «schlichten Manne aus Nazareth», das Sie heute schon in zahlreichen theologischen Werken, auch in theologisch-akademischen Schriften vorfinden, in dem, was man die «aufgeklärte Theologie» nennt, das hängt zusammen mit dem seit Jahrhunderten herangebildeten materialistischen Sinne der Menschheit; denn diese glaubt, daß es nur Physisch-Sinnliches geben könne oder daß nur dieses eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der Menschheitsentwickelung, in welchen der Blick der Menschheit noch hinaufgegangen ist zu dem Übersinnlichen, konnte der Mensch sagen: Außen, in der äußeren Erscheinung mag diese oder jene historische Persönlichkeit sich gewiß vergleichen lassen mit dem schlichten Manne aus Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsichtbares in dieser Persönlichkeit war, da ist dieser Jesus von Nazareth ein Einziger! Als man aber den Hinblick und den Einblick in das Übersinnliche und Unsichtbare verloren hatte, verlor man auch den Maßstab für alles, was über den Durchschnitt der Menschheit hinausragte, und das zeigte sich ganz besonders in der religiösen Auffassung des Lebens. Darüber geben Sie sich nur gar keiner Täuschung hin! Der Materialismus ist zuerst eingedrungen in das religiöse Leben. Viel, viel weniger gefährlich für die geistige Entwickelung der Menschheit ist der Materialismus in bezug auf die äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auffassung der religiösen Geheimnisse.

[ 14 ] In a certain sense, this has become an ideal for many theologians. People have a tendency to place everything that has become part of history on the same level as general human events, as much as possible. It bothers people that someone as exalted as the Christ of the Gospel of John should stand out. That is why they speak of this as the apotheosis of Jesus, the “simple man from Nazareth,” who appeals to them so much because they can say: After all, we also have Socrates and other great men. — He does differ from these others, but they still have a certain standard of ordinary, mundane humanity when they can speak of the “simple man from Nazareth.” This talk of the “simple man from Nazareth,” which you already find today in numerous theological works, including theological-academic writings, in what is called “Enlightenment theology,” is connected to the materialistic sensibility of humanity that has developed over centuries; for humanity believes that only the physical and sensory can exist, or that only these things have any significance. In those periods of human development when humanity’s gaze still turned upward toward the supersensible, people could say: Outwardly, in terms of external appearance, this or that historical figure may certainly be compared to the simple man from Nazareth; but in terms of what was spiritual and invisible within that figure, this Jesus of Nazareth is one of a kind! But once people had lost their perspective on and insight into the supersensible and invisible, they also lost the standard by which to measure everything that rose above the average level of humanity, and this became particularly evident in the religious view of life. Do not delude yourselves about this at all! Materialism first made its way into religious life. Materialism is far, far less dangerous to humanity’s spiritual development when it comes to external scientific facts than when it comes to the understanding of religious mysteries.

[ 15 ] Wir werden zu sprechen haben - als ein Beispiel — über die wahre spirituelle Auffassung des Abendmahls, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, und wir werden im Laufe dieser Vorträge hören, daß durch diese spirituelle Auffassung das Abendmahl wahrhaftig nicht an Wert und Bedeutung verliert. Aber es wird eben eine spirituelle Auffassung sein, die wir kennenlernen werden. Und die war auch die alte christliche Auffassung, als noch mehr spiritueller Sinn war unter der Menschheit; sie galt noch in der ersten Hälfte des Mittelalters. Da wußten viele die Worte: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut!» (Markus 14, 22 und 24), so aufzufassen, wie wir das kennenlernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir werden die Gründe dafür kennenlernen. Da gab es im Mittelalter eine sehr merkwürdige Strömung, die tiefer, als Sie es glauben mögen, eingedrungen ist in die Gemüter der Menschheit, denn wie die Seelen sich nach und nach entwickelt und was sie erlebt haben, können Sie von der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren. Um die Mitte des Mittelalters ist eine tiefgehende Strömung vorhanden in den christlichen Gemütern Europas; denn es war von autoritativer Seite aus der ehemalige spirituelle Sinn der Abendmahlsichre ins Materialistische umgedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Worten: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut», nur vorstellen, daß ein materieller Vorgang, eine materielle Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut geschehe. Was früher geistig vorgestellt wurde, fing man an, im grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier schleicht sich der Materialismus, lange bevor er die Naturwissenschaft ergreift, ein in das religiöse Leben.

[ 15 ] We will have to discuss—as an example—the true spiritual understanding of the Lord’s Supper, the transformation of bread and wine into flesh and blood, and we will hear in the course of these lectures that, through this spiritual understanding, the Lord’s Supper truly loses none of its value or significance. But it will be precisely a spiritual understanding that we will come to know. And that was also the ancient Christian understanding, when there was still more spiritual awareness among humanity; it was still held in the first half of the Middle Ages. At that time, many understood the words, “This is my body…; this is my blood!” (Mark 14:22 and 24), in the way we are about to learn. But this spiritual understanding was inevitably lost over the centuries. We will learn the reasons for this. In the Middle Ages, there was a very peculiar trend that penetrated deeper into the minds of humanity than you might believe, for you can learn very little from modern history about how souls have gradually developed and what they have experienced. Around the middle of the Middle Ages, a profound current was at work in the Christian minds of Europe; for the former spiritual meaning of the Lord’s Supper had been reinterpreted in a materialistic sense by authoritative sources. When people heard the words: “This is my body…; this is my blood,” could only imagine a material process—a material transformation of bread and wine into flesh and blood. What had previously been conceived spiritually began to be imagined in a crude, material sense. Here, long before it took hold of the natural sciences, materialism crept into religious life.

[ 16 ] Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam. Glauben Sie nicht, daß in irgendeiner der maßgebenden Erklärungen der «Schöpfungsgeschichte» im Mittelalter die sechs Schöpfungstage so genommen worden sind als Tage, wie sie heute sind, als Tage von vierundzwanzig Stunden. Keinem der maßgebenden theologischen Lehrer wäre das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden, was in den Urkunden steht. Sie haben noch gewußt, einen Sinn zu verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es denn einen Sinn überhaupt gegenüber der Schöpfungsurkunde, von vierundzwanzigstündigen Schöpfungstagen zu sprechen in unserer heutigen Art? Was heißt denn ein Tag? Ein Tag heißt das, was durch das Umdrehungsverhältnis der Erde gegenüber der Sonne bewirkt wird. Von Tagen im heutigen Sinne können Sie nur reden, wenn die Verhältnisse zwischen Sonne und Erde und ihre Bewegung so vorgestellt werden, wie sie heute sind. Daß aber Sonne und Erde in solchen Verhältnissen zueinander gestanden haben, wird in der Genesis erst vom vierten Zeitraum, vom vierten «Tage» der Schöpfung erzählt. «Tage » können daher überhaupt erst am vierten Tage der Schöpfungsgeschichte anfangen. Vorher wäre es sinnlos, sich Tage vorzustellen, wie sie heute sind. Da erst überhaupt am vierten «Tag» die Einrichtung kommt, wodurch Tag und Nacht möglich werden, konnte vorher nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wieder kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr wußten, daß damit die geistige Bedeutung von Tag und Nacht gemeint sei, wo man sich nur denken konnte, daß solche Zeit, die man sich in physischen Tagen vorzustellen hat, möglich ist. So wurde für einen materialistisch denkenden Menschen, selbst für einen Theologen, ein Tag, wie er heute ist, auch der Schöpfungs-«Tag», weil er nur jenen kennt.

[ 16 ] And another example is no less significant. Do not believe that in any of the authoritative explanations of the “Creation Story” in the Middle Ages, the six days of creation were taken to mean days as we understand them today—days of twenty-four hours. It would never have occurred to any of the leading theological teachers to do so; for they understood what the texts actually say. They still knew how to ascribe meaning to the words of the Bible. Does it even make sense, in light of the creation account, to speak of twenty-four-hour days of creation in the way we do today? What, after all, does a “day” mean? A day is what is brought about by the Earth’s orbital relationship to the Sun. You can only speak of days in the modern sense if the relationship between the Sun and the Earth and their motion are conceived as they are today. However, Genesis does not describe the Sun and Earth as having been in such a relationship to one another until the fourth period—the fourth “day” of creation. “Days” can therefore only begin on the fourth “day” of the Creation story. Before that, it would be meaningless to conceive of days as they are today. Since the mechanism that makes day and night possible is established only on the fourth “day,” there could be no question of days in the modern sense before that! Once again, the time came when people no longer knew that this referred to the spiritual meaning of day and night, when one could only imagine that such a time—which one must conceive of in terms of physical days—was possible. Thus, for a materialistically minded person, even for a theologian, a day as it is today became the “day” of creation as well, because that is the only kind of day they know.

[ 17 ] Ein älterer Theologe redete anders über solche Dinge. Ein solcher sagte sich vor allem, daß in den alten religiösen Urkunden nichts Unnötiges an wichtigen Stellen steht. Als ein Beispiel dafür wollen wir eine Stelle betrachten. Man nehme einmal im 2.Kapitel des ersten Buches Mose den 21. Vers; da heißt es:

[ 17 ] An older theologian spoke differently about such matters. Above all, he told himself that in the ancient religious texts, nothing superfluous appears in the important passages. Let us consider one passage as an example. Take, for instance, verse 21 of chapter 2 of the Book of Genesis; it reads:

«Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er entschlief.»

“Then the Lord God caused a deep sleep to fall upon the man, and he fell asleep.”

[ 18 ] Auf diese Stelle legten die alten Erklärer einen ganz besonderen Wert. Diejenigen, die sich schon ein wenig befaßt haben mit der Entwickelung der geistigen Kräfte und Fähigkeiten des Menschen, werden wissen, daß es verschiedene Arten von Bewußtseinszuständen gibt, daß dasjenige, was wir heute bei dem Durchschnittsmenschen «Schlaf» nennen, nur ein vorübergehender Bewußtseinszustand ist, der sich künftig — wie heute schon bei den Eingeweihten - umwandeln wird in einen Bewußtseinszustand, wo der Mensch leibbefreit hineinsieht in die geistige Welt. Deshalb sagte der Erklärer: Gott ließ Adam in einen tiefen Schlaf fallen, und da konnte er wahrnehmen, was er mit den physischen Sinneswerkzeugen nicht wahrnehmen konnte. Das ist gemeint als ein hellseherischer Schlaf, und was erzählt wird, ist das, was man erfährt in einem höheren Bewußtseinszustand; daher fällt Adam «in einen Schlaf». Dies war eine alte Erklärung; und man sagte, es würde auch nicht erwähnt werden in einer religiösen Urkunde, «Gott ließ einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen», wenn er auch schon früher in einen Schlaf verfallen wäre. Darauf werden wir hingewiesen, daß es der erste Schlaf ist, und daß der Mensch früher in Bewußtseinszuständen war, wo er noch geistige Dinge ständig wahrnehmen konnte. Das ist es, was den Leuten erzählt wurde.

[ 18 ] The ancient commentators attached particular importance to this passage. Those who have already given some thought to the development of human spiritual powers and abilities will know that there are various kinds of states of consciousness, and that what we today call “sleep” in the average person is merely a temporary state of consciousness that will in the future —as is already the case today with the initiated—into a state of consciousness in which the human being, freed from the body, looks into the spiritual world. That is why the commentator said: God caused Adam to fall into a deep sleep, and there he was able to perceive what he could not perceive with his physical sense organs. This is meant to be a clairvoyant sleep, and what is recounted is what one experiences in a higher state of consciousness; hence, Adam “falls into a sleep.” This was an ancient explanation; and it was said that it would not be mentioned in a religious text—“God caused a deep sleep to fall upon man”—if he had not already fallen into a sleep earlier. We are then reminded that this is the first sleep, and that humankind had previously been in states of consciousness where they could still constantly perceive spiritual things. This is what was told to the people.

[ 19 ] Heute handelt es sich nun darum, zu zeigen, daß es einmal ganz spirituelle Erklärungen der biblischen Urkunden gegeben hat, und daß der materialistische Sinn, als er heraufkam, das hineingelegt hat, was heute in der Bibel von den aufgeklärten Leuten bekämpft wird. Das hat erst der materialistische Sinn gemacht, was er nun selbst bekämpft. So sehen Sie, wie in der Tat der materialistische Sinn in der Menschheit heraufgezogen ist und wie dadurch das wahre, echte, wirkliche Verständnis für die religiösen Urkunden verlorengegangen ist. Wenn die Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfüllen und dem Menschen zeigen wird, welche Geheimnisse hinter dem physischen Dasein liegen, dann wird man schon erkennen, wie diese Geheimnisse in den religiösen Urkunden geschildert werden. Der äußere triviale Materialismus, den heute die Menschen für so gefährlich halten, ist nur die letzte Phase des Materialismus, den ich Ihnen geschildert habe. Erst wurde die Bibel materialistisch interpretiert. Hätte nie ein Mensch die Bibel materialistisch erklärt, so hätte auch nie in der äußeren Wissenschaft ein Haeckel die Natur materialistisch erklärt; und was im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert als Grund gelegt worden ist in religiöser Beziehung, das ging als Frucht im neunzehnten Jahrhundert auf in der Naturwissenschaft; und das hat dazu geführt, daß es unmöglich ist, dem Johannes-Evangelium gegenüber zu einem Verständnis zu kommen, wenn man nicht in die geistigen Urgründe eindringt. Man kann den Wert des Johannes-Evangeliums nur dann unterschätzen, wenn man es nicht versteht. Und weil diejenigen, die es nicht mehr verstanden haben, angekränkelt waren von einer materialistischen Gesinnung, erschien es ihnen eben in dem vorhin geschilderten Lichte.

[ 19 ] Today, the task is to show that there were once entirely spiritual interpretations of the biblical texts, and that the materialistic mindset, as it emerged, introduced into them what enlightened people today oppose in the Bible. It was the materialistic mindset itself that first created what it now opposes. Thus you can see how the materialistic mindset has indeed taken hold in humanity and how, as a result, the true, genuine, and real understanding of the religious texts has been lost. When spiritual science fulfills its task and shows people what mysteries lie behind physical existence, then people will recognize how these mysteries are described in the religious texts. The superficial, trivial materialism that people today consider so dangerous is merely the final phase of the materialism I have described to you. First, the Bible was interpreted materialistically. If no one had ever interpreted the Bible materialistically, then no one in the external sciences, such as Haeckel, would ever have interpreted nature materialistically either; and what was laid as a foundation in the fourteenth and fifteenth centuries in the religious sphere bore fruit in the nineteenth century in the natural sciences; and this has led to the situation where it is impossible to arrive at an understanding of the Gospel of John unless one delves into its spiritual foundations. One can only underestimate the value of the Gospel of John if one does not understand it. And because those who no longer understood it were afflicted by a materialistic mindset, it appeared to them precisely in the light described earlier.

[ 20 ] Ein ganz einfacher Vergleich wird erklären, in welcher Art das Johannes-Evangelium von den drei andern abweicht.

[ 20 ] A very simple comparison will explain how the Gospel of John differs from the other three.

[ 21 ] Denken Sie sich einen Berg. Auf dem Berge und am Bergabhange stehen auf gewissen Höhen verschiedene Menschen, und diese verschiedenen Menschen - sagen wir drei — zeichnen nun ab, was sie unten sehen. Jeder wird es nach der Stelle, wo er steht, verschieden zeichnen; aber gewiß ist jedes von diesen drei Bildern doch wahr für den Standpunkt, um den es sich handelt. Und derjenige, der nun oben auf dem Gipfel steht und das zeichnet, was unten ist, wird wieder einen andern Anblick gewinnen und schildern. So ist der Anblick der drei Evangelisten, der Synoptiker Matthäus, Markus, Lukas, gegenüber dem des Johannes, der nur von einer andern Stelle aus die Sache beschreibt. Und was haben gelehrte Erklärer nicht alles herbeigetragen, um dieses Johannes-Evangelium begreiflich zu machen! Manchmal muß man sich wirklich wundern, was alles von den exakten Forschern gesagt wird, was so leicht zu durchschauen wäre, wenn nicht unsere Zeit eine Zeit des denkbar größten Autoritätsglaubens wäre. Der Glaube an die unfehlbare Wissenschaft ist heute auf dem höchsten Punkt angekommen!

[ 21 ] Imagine a mountain. On the mountain and along its slopes, at certain heights, there are various people, and these various people—let’s say three—are now drawing what they see below. Each will draw it differently depending on where they are standing; but certainly each of these three pictures is true from the perspective in question. And the one who stands at the summit and draws what is below will, in turn, gain and depict a different view. Such is the perspective of the three Evangelists—the Synoptic writers Matthew, Mark, and Luke—as opposed to that of John, who describes the matter from a different vantage point. And what haven’t learned commentators come up with to make this Gospel of John comprehensible! Sometimes one really has to wonder at everything that is said by rigorous scholars—things that would be so easy to see through if our time were not an era of the greatest possible belief in authority. Faith in infallible science has reached its peak today!

[ 22 ] So ist denn gleich der Eingang des Johannes-Evangeliums etwas sehr Schwieriges für den materialistisch angehauchten Theologen geworden. Die Lehre von dem Logos oder Wort hat den Leuten große Schwierigkeiten gemacht. Sie sagen sich: Wir möchten doch so gern, daß alles einfach, schlicht und naiv ist, und da kommt dann das Johannes-Evangelium und spricht von so hohen philosophischen Dingen, von dem Logos, dem Leben, dem Lichte! - Der Philologe ist gewöhnt, immer zu fragen, woher das stammt. Mit neueren Werken macht man es nicht anders. Lesen Sie die Werke über den Goetheschen «Faust». Überall finden Sie nachgewiesen, woher dieses oder jenes Motiv stammt; da werden durch Jahrhunderte zum Beispiel alle Bücher aufgestöbert, um zu sehen, woher Goethe das Wort vom «Wurm» hat, das er gebraucht. Und so fragt man auch: Woher hat Johannes den Begriff des «Logos»? Die anderen Evangelisten, die zu dem einfachen, schlichten Menschenverstand gesprochen haben, drücken sich nicht so philosophisch aus. Nun sagte man weiter, der Schreiber des Johannes-Evangeliums wäre eben ein Mensch mit griechischer Bildung gewesen, und dann wies man darauf hin, daß die Griechen in Philo von Alexandrien einen Schriftsteller haben, der auch von dem Logos spricht. Also dachte man sich, daß in gebildeten griechischen Kreisen, wenn man von etwas Hohem sprechen wollte, man von dem Logos sprach, und daher hat der Johannes das aufgenommen. Und so nahm man das wieder für einen Beweis, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums nicht auf derselben Überlieferung gefußt hat, auf der die Schreiber der andern Evangelien fußten, sondern — so sagte man — er hat sich beeinflussen lassen von der griechischen Bildung und dementsprechend die Tatsachen umgeprägt. Und gerade die Anfangsworte des Johannes-Evangeliums

[ 22 ] Thus, even the opening of the Gospel of John has become something very difficult for theologians with a materialistic bent. The doctrine of the Logos, or the Word, has caused people great difficulty. They say to themselves: We would so much like everything to be simple, plain, and naive, and then along comes the Gospel of John and speaks of such lofty philosophical matters—the Logos, life, the light!—The philologist is accustomed to always asking where something comes from. With more recent works, people do the same. Read the studies on Goethe’s Faust. Everywhere you’ll find evidence of where this or that motif comes from; for centuries, for example, all kinds of books have been scoured to see where Goethe got the word “worm” that he used. And so people also ask: Where did John get the concept of the “Logos”? The other evangelists, who spoke to simple, unpretentious common sense, do not express themselves in such philosophical terms. It was further argued that the writer of the Gospel of John must have been a person with a Greek education, and it was then pointed out that the Greeks had a writer in Philo of Alexandria who also spoke of the Logos. So it was thought that in educated Greek circles, when one wanted to speak of something lofty, one spoke of the Logos, and that is why John adopted this concept. And so this was again taken as proof that the author of the Gospel of John did not draw on the same tradition as the authors of the other Gospels, but—so it was said—he allowed himself to be influenced by Greek culture and accordingly reinterpreted the facts. And precisely the opening words of the Gospel of John

Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»

“In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God.”

[ 23 ] beweisen, daß der philonische «Logos»-Begriff in den Geist des Schreibers des Johannes-Evangeliums eingedrungen ist und die Darstellung beeinflußt hat! |

[ 23 ] prove that the Philo-inspired concept of “Logos” found its way into the mind of the author of the Gospel of John and influenced its presentation! |

[ 24 ] Solchen Leuten möchte man nur einmal den Anfang des Evangeliums des Lukas dagegenhalten:

[ 24 ] One would just like to quote the beginning of the Gospel of Luke to such people:

«Sintemalen sich viele unterwunden haben, Rede zu führen von den Ereignissen, so unter uns geschehen sind,
wie uns das überliefert haben diejenigen, die von Anfang selbst Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind,
deshalb habe ich es für gut befunden, nachdem ich das alles, wie es von Anfang war, mit Fleiß erforscht, dir zu erzählen, mein guter Theophilus.» (Lukas i, 1-3)

“Since many have undertaken to compile a narrative of the events that have taken place among us,
just as those who from the beginning were eyewitnesses and ministers of the Word have handed them down to us,
therefore, after carefully investigating all these things from the very beginning, I have decided it best to write an account of them for you, my dear Theophilus.” (Luke 1:1–3)

[ 25 ] Hier steht am Anfange gerade, daß das, was er erzählen will, Überlieferung ist derjenigen, die «Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind». Es ist sonderbar, daß Johannes das aus der griechischen Bildung haben soll und daß Lukas, der doch nach dieser Ansicht zu den schlichten Männern gehörte, ebenfalls von dem «Logos » spricht! Solche Dinge sollten selbst die autoritätsgläubigen Menschen darauf aufmerksam machen, daß es wirklich nicht eigentlich exakte Gründe sind, die zu solchen Resultaten führen, sondern Vorurteile; die materialistische Brille ist es, die diese Anschauung über das Johannes-Evangelium heraufgebracht hat, daß es in der eben charakterisierten Weise neben die anderen Evangelien hinzustellen sei, was wir leicht daraus entnehmen können, daß auch im Lukas-Evangelium die Rede davon ist. Was von denen gesagt wird, die da Augenzeugen und Diener des Logos gewesen sind, das bedeutet, daß von dem Logos in den alten Zeiten gesprochen wurde als von etwas, was die Leute kannten und mit dem sie vertraut waren. Und das ist es, was wir uns jetzt besonders vor die Seele führen müssen, damit wir tiefer eindringen können in die ersten paradigmatischen Sätze des Johannes-Evangeliums.

[ 25 ] Right at the beginning, it states that what he intends to recount is a tradition handed down by those who “were eyewitnesses and servants of the Word.” It is strange that John is said to have derived this from Greek philosophy and that Luke—who, according to this view, was one of the simple men—also speaks of the “Logos”! Such things should make even those who place their faith in authority realize that it is not actually precise reasoning that leads to such conclusions, but rather prejudice; it is the materialist lens that has brought about this view of the Gospel of John—that it should be placed alongside the other Gospels in the manner just described—which we can easily deduce from the fact that the Gospel of Luke also speaks of it. What is said by those who were eyewitnesses and servants of the Logos means that in ancient times the Logos was spoken of as something people knew and were familiar with. And this is what we must now keep particularly in mind so that we can delve more deeply into the first paradigmatic sentences of the Gospel of John.

[ 26 ] Wovon spricht derjenige, der damals das Wort «Logos» oder das Wort «Wort» gebrauchte in unserm Sinne? Wovon spricht er?

[ 26 ] What is the person who used the word “Logos” or the word “Word” back then—in our sense—talking about? What is he talking about?

[ 27 ] Nicht durch theoretisches Erklären und abstraktes begriffliches Auseinandersetzen kommen Sie zu dieser Vorstellung des Logos, sondern Sie müssen sich durch das Gemüt in das ganze Empfindungsleben aller derjenigen hineinversetzen, die so von dem Logos gesprochen haben. Auch diese Leute haben die Dinge um sich herum gesehen. Aber es genügt nicht, daß der Mensch bloß das ansieht, was um ihn herum ist, sondern es kommt darauf an, wie sich daran die Empfindungen seines Herzens und seines Gemütes knüpfen, wie er dies oder jenes für höher oder niedriger hält, je nachdem, was er in ihnen sieht. Sie alle richten Ihre Blicke auf die Sie umgebenden Naturreiche, auf Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie nennen den Menschen das vollkommenste, das Mineral das unvollkommenste Geschöpf. Innerhalb der betreffenden Naturreiche unterscheidet man wieder höher und niedriger stehende Wesen. Zu den verschiedenen Zeiten empfanden die Menschen das ganz verschieden.

[ 27 ] You do not arrive at this conception of the Logos through theoretical explanations and abstract conceptual discourse; rather, you must use your heart to put yourself in the place of all those who have spoken of the Logos in this way, and experience their entire life of feeling. These people, too, saw the things around them. But it is not enough for a person merely to look at what is around them; what matters is how the feelings of their heart and mind are connected to these things, how they regard this or that as higher or lower, depending on what they see in them. They all turn their gaze to the kingdoms of nature surrounding them—minerals, plants, animals, and human beings. They call human beings the most perfect creatures and minerals the most imperfect. Within these respective kingdoms of nature, a distinction is again made between higher and lower beings. At different times, people have perceived this in very different ways.

[ 28 ] Diejenigen, die im Sinne des Johannes-Evangeliums sprachen, empfanden vor allem eines als etwas ganz Bedeutsames: Man sah herunter auf das niedere Tierreich und ließ den Blick schweifen hinauf bis zu dem Menschen - und verfolgte etwas ganz Bestimmtes in dieser Entwickelungsrichtung. Da sagte ein solcher Bekenner der Logoslehre: Eines ist es, was uns am tiefsten den Vorzug der höheren Wesen vor den niederen darstellt: die Fähigkeit, das, was im Innern lebt, nach außen durch das Wort tönen zu lassen, den Gedanken der Umwelt im Wort mitzuteilen. Es würde ein solcher Bekenner der Logoslehre gesagt haben: Sieh dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es drückt nicht aus seinen Schmerz oder seine Lust. - Nehmen Sie die niederen Tiere: sie zirpen oder geben andere Töne von sich usw.; aber es ist das das äußere Schaben und Reiben der physischen Organe, die da tönen, wie ein Hummer es auch kann. Je höher wir. hinaufkommen, desto mehr entwickelt sich die Fähigkeit, daß sich das Innere im Ton manifestiert und das, was die Seele erlebt, im Ton mitteilt. Und deshalb, sagte man, steht der Mensch über den anderen Wesen so hoch, weil er nicht nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was über das Persönliche hinausgeht, was geistig, unpersönlich ist, in Worte zu fassen, in Gedanken auszudrücken vermag.

[ 28 ] Those who spoke in the spirit of the Gospel of John perceived one thing above all else as deeply significant: they looked down upon the lower animal kingdom and let their gaze wander upward toward humanity—and traced a very specific path in this direction of development. Then one such adherent of the doctrine of the Logos said: There is one thing that most profoundly illustrates to us the superiority of higher beings over lower ones: the ability to let what lives within resound outward through the word, to communicate one’s thoughts to the world through speech. Such an adherent of the doctrine of the Logos would have said: “Look at the lower animal! It is mute; it does not express its pain or pleasure.” - Take the lower animals: they chirp or make other sounds, etc.; but this is merely the external scraping and rubbing of physical organs producing sound—just as a lobster can do. The higher we ascend, the more the ability develops for the inner self to manifest itself in sound and to communicate through sound what the soul experiences. And that is why, it was said, human beings stand so high above other beings—not only because they are capable of using words to describe their pleasure or pain, but because they are able to put into words and express in thought that which transcends the personal—that which is spiritual and impersonal.

[ 29 ] Und man sagte nun unter diesen Bekennern der Logoslehre: Es gab eine Zeit, bevor der Mensch in seiner heutigen Gestalt da war, in der es ihm möglich ist, sein innerstes Erlebnis in Worten nach außen ertönen zu lassen. Es gab vorher eine andere Zeit. Es hat lange Zeit gebraucht, daß sich unsere Erde bis zu der heutigen Gestalt hindurchentwickelte. - Wir werden hören, wie diese Erde geworden ist. — Wenn wir aber die früheren Zustände prüfen, finden wir den Menschen in seiner heutigen Gestalt noch nicht und auch keine Wesen, die von innen heraus ertönen lassen können, was sie erleben. Mit stummen Wesen beginnt unsere Welt, und nach und nach erst zeigen sich Wesen und erscheinen auf unserem Wohnplatz, die die innersten Erlebnisse nach außen tönen lassen können, die des Wortes mächtig sind. Aber das, was vorm Menschen heraus am spätesten erscheint — sagten sich die Bekenner der Logoslehre -, das war in der Welt selbst am frühesten da. Wir denken uns, der Mensch war in seiner heutigen Gestalt in früheren Erdzuständen noch nicht da; aber in unvollkommener, stummer Gestalt war er da und hat nach und nach sich bis zum logos- oder wortbegabten Wesen heraufentwickelt. DaB er das konnte, rührt davon her, daß das, was bei ihm zuletzt erscheint, das schöpferische Prinzip, in einer höhern Wirklichkeit von Anfang an da war. Was sich losringt aus der Seele, das war das göttliche schöpferische Prinzip im Anfang. Das Wort, das aus der Seele tönt, der Logos, war im Anfang da, und der Logos hat die Entwickelung so gelenkt, daß zuletzt ein Wesen entstand, in dem er auch erscheinen konnte. Was zuletzt in der Zeit und im Raume erscheint, war im Geiste zuerst da.

[ 29 ] And among these adherents of the Logos doctrine, it was said: There was a time, before human beings existed in their present form, when it was possible for them to express their innermost experiences outwardly through words. There was another time before that. It took a long time for our Earth to evolve into its present form. — We will hear how this Earth came to be. — But when we examine earlier states, we do not yet find human beings in their present form, nor do we find any beings capable of giving voice to what they experience from within. Our world begins with mute beings, and only gradually do beings appear in our world who can give voice to their innermost experiences—beings who are masters of the word. But what appears last in human beings—so said the adherents of the doctrine of the Logos—was present earliest in the world itself. We imagine that human beings, in their present form, did not yet exist in earlier states of the Earth; but they were present in an imperfect, silent form and gradually developed into beings endowed with the Logos or the power of speech. The fact that they were able to do so stems from the fact that what appears in them last—the creative principle—was present from the very beginning in a higher reality. What breaks free from the soul was the divine creative principle in the beginning. The Word that resounds from the soul—the Logos—was there in the beginning, and the Logos guided the development in such a way that ultimately a being came into being in which it could also appear. What appears last in time and space was first there in the spirit.

[ 30 ] Wenn Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das klarzumachen, so können Sie ungefähr sagen: Hier habe ich diese Blume vor mir. Diese Blumenkrone, diese Blumenglocke, was war sie vor einiger Zeit? Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der Möglichkeit nach diese weiße Blumenglocke. Wäre sie nicht der Möglichkeit nach darinnen gewesen, diese Blumenglocke hätte nicht entstehen können. Und woher kommt das Samenkorn? Es kommt wieder von einer solchen Blumenglocke her. Dem Samenkorn geht die Blüte voran; und so, wie die Blüte der Frucht vorangeht, so hat sich das Samenkorn, aus dem diese Blüte entstanden ist, herausentwickelt aus einer gleichen Pflanze. So betrachtete der Bekenner der Logoslehre den Menschen und sagte sich: Gehen wir zurück in der Entwickelung, so finden wir in früheren Zuständen den noch stummen Menschen, der nicht des Wortes fähig war; aber wie der Same von der Blüte herkommt, so kommt der stumme Menschensame von dem sprechenden, wortbegabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Maiglöckchen den Samen und der Same wieder das Maiglöckchen erzeugt, so erzeugt das göttliche Schöpferwort den stummen Menschensamen; und als das göttliche Schöpferwort hineinschlüpft in den stummen Menschensamen, um darin wieder aufzugehen, tönt aus dem Menschensamen das ursprüngliche göttliche Schöpferwort hervor. Gehen wir zurück in der Menschheitsentwickelung, so treffen wir ein unvollkommenes Wesen, und die Entwickelung hat den Sinn, daß zuletzt als Blüte der Logos oder das Wort, das das Innere der Seele enthüllt, erscheint. Es erscheint im Anfange der stumme Mensch als Samen des logosbegabten Menschen, und dieser geht hervor aus dem logosbegabten Gotte. Es entspringt der Mensch aus dem nicht wortbegabten, stummen Menschen, aber zuletzt ist 772 Urbeginn der Logos oder das Wort. — So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten Sinne erkennt, vor zu dem göttlichen Schöpferwort, das der Urbeginn des Daseins ist, worauf der Schreiber des Johannes-Evangeliums im Anfange hinweist. Hören wir, was er im Anfange sagt:

[ 30 ] If you want to use an analogy to understand this, you could say something like this: Here I have this flower in front of me. This flower crown, this bell-shaped flower—what was it some time ago? It was a tiny seed. Within it lay the potential for this white bell-shaped flower. If that potential had not been within it, this bell-shaped flower could not have come into being. And where does the seed come from? It comes, in turn, from such a bell-shaped flower. The flower precedes the seed; and just as the flower precedes the fruit, so the seed from which this flower arose developed from the same plant. Thus the adherent of the doctrine of the Logos contemplated humanity and said to himself: If we trace back through evolution, we find in earlier states the still-silent human being, who was incapable of speech; but just as the seed comes from the flower, so the silent human seed comes from the speaking, word-endowed God in the very beginning. Just as the lily of the valley produces the seed and the seed in turn produces the lily of the valley, so the divine creative Word produces the mute human seed; and when the divine creative Word slips into the mute human seed to blossom anew within it, the original divine creative Word resounds from the human seed. If we look back at the development of humanity, we encounter an imperfect being, and the purpose of this development is that ultimately, as its flowering, the Logos—or the Word that reveals the innermost essence of the soul—appears. In the beginning, the speechless human appears as the seed of the human endowed with the Logos, and this human emerges from the God endowed with the Logos. Humanity springs from the speechless, mute human being, but ultimately the Logos—or the Word—is the primal beginning. —Thus, those who recognize the doctrine of the Logos in its ancient sense advance toward the divine creative Word, which is the primal beginning of existence, as the writer of the Gospel of John points out at the very beginning. Let us hear what he says in the beginning:

«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»

“In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God.”

[ 31 ] Heute, will er sagen, wo ist heute das Wort? Heute ist auch das Wort da, und das Wort ist beim Menschen! und ein Menschliches ist das Wort! Und so knüpft der Schreiber des Johannes-Evangeliums den Menschen an den Gott an, und wir hören in der Tat eine für jedes Menschenherz leicht begreifliche Lehre ertönen im Beginne dieses Johannes-Evangeliums.

[ 31 ] Today, he means to say, where is the Word today? Today, too, the Word is here, and the Word is with man! And the Word is human! And so the author of the Gospel of John connects humanity to God, and we do indeed hear a teaching that is easily understood by every human heart resound at the beginning of this Gospel of John.

[ 32 ] Ich wollte Ihnen heute in diesem einleitenden Vortrag mit allgemeineren Worten einmal mehr vom Empfindungs- und Gefühlsstandpunkt aus schildern, wie ursprünglich ein Bekenner der Logoslehre solche Worte des Johannes-Evangeliums empfunden hat. Und nachdem wir uns so in die Stimmung hineinversetzt haben, wie sie war, als zuerst diese Worte gehört wurden, werden wir um so besser die Möglichkeit haben, in den tiefen Sinn, der diesem Johannes-Evangelium zugrunde liegt, einzudringen.

[ 32 ] In this introductory lecture today, I wanted to describe to you once more—in more general terms and from the perspective of feeling and emotion—how an early adherent of the doctrine of the Logos originally perceived such words from the Gospel of John. And once we have immersed ourselves in the atmosphere that prevailed when these words were first heard, we will be all the better able to penetrate the deep meaning that underlies the Gospel of John.

[ 33 ] Wir werden weiter sehen, wie das, was wir Geisteswissenschaft nennen, wahrhafte Wiedergabe ist des Johannes-Evangeliums, und wie die Geisteswissenschaft uns in die Lage versetzt, dieses JohannesEvangelium um so gründlicher zu verstehen.

[ 33 ] We will see how what we call spiritual science is a true rendering of the Gospel of John, and how spiritual science enables us to understand this Gospel of John all the more thoroughly.