Cosmos, Earth and Man
GA 105
13 August 1908, Stuttgart
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Cosmos, Earth and Man, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Es wird nunmehr unsere Aufgabe sein, den geistigen Horizont, innerhalb dessen der Mensch der Gegenwart steht, zu begreifen dadurch, daß wir seine Herkunft erforschen. Wir haben ja gesehen, wie der Mensch sozusagen immer ähnlicher und ähnlicher seiner gegenwärtigen Gestalt geworden ist, indem er sich durch das lemurische und atlantische Zeitalter hindurch entwickelte; und heute wollen wir unsere Betrachtung von diesem letzten Zeitalter, dem atlantischen, fortsetzen bis in unsere Zeit hinein, soweit wir sie zum Verständnis unseres Themas brauchen.
[ 1 ] It will now be our task to understand the spiritual horizon within which modern humanity exists by exploring its origins. We have seen, after all, how human beings have, so to speak, become more and more like their present form as they evolved through the Lemurian and Atlantean eras; and today we wish to continue our examination from this last era, the Atlantean, into our own time, to the extent that it is necessary for our understanding of this topic.
[ 2 ] Wir wissen, vor der Mitte der atlantischen Zeit waren die Bewußtseinsverhältnisse des Menschen noch ganz andere. Während des Tages, während der Mensch in seinem physischen Leibe war — wenn wir so sprechen dürfen -, sah er die Gegenstände keineswegs in den scharfen Konturen wie heute, sondern alles war mehr oder weniger verschwommen. Dafür aber, wenn der Mensch nachts seinen physischen Leib verließ, breitete sich nicht ein traumloser Schlaf um ihn aus, sondern er konnte wahrnehmen geistige Wesenheiten einer geistigen Welt. Wir wollen nicht weiter berühren, daß jene geistigen Wesenheiten, die auch Verkörperungen suchten in atlantischen Leibern, eine gewisse Genossenschaft mit den Menschen eingingen; wir wollen nur darauf den Blick richten, daß der Mensch in jener Zeit aus dem unmittelbaren Erleben heraus die Überzeugung hatte, daß sich an das Menschenreich, dem er selbst angehörte, andere Reiche nach oben hinauf anreihten: das Reich der Engel, der Erzengel; und der Mensch lernte diese höheren Wesenheiten — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen — von geistigem Angesicht zu geistigem Angesicht kennen, so wie jetzt in der physischen Welt ein Mensch den anderen kennenlernt. Dann kam die Zeit, in welcher das Gegenstandsbewußtsein am Tage, vom Aufwachen an bis zum Einschlafen, immer deutlicher wurde, und wo demgegenüber sich in der Nacht immer mehr Dumpfheit und Dunkelheit ausbreitete. Das aber war derselbe Zeitpunkt, in dem die erste Keimanlage zu dem Ich oder «Ich bin» in den Menschen gelegt wurde. Dadurch, daß der Mensch die Gegenstände um sich herum wahrnehmen lernte, erlangte er zugleich die Form und Gestalt seines Selbstbewußtseins, die er nun immer mehr ausbilden sollte.
[ 2 ] We know that before the middle of the Atlantean epoch, human consciousness was quite different. During the day, while a person was in their physical body—if we may put it that way—they did not see objects with the sharp contours we see today, but rather everything was more or less blurred. On the other hand, when human beings left their physical bodies at night, a dreamless sleep did not envelop them; rather, they were able to perceive spiritual beings from a spiritual world. We will not dwell further on the fact that those spiritual beings, who also sought incarnation in Atlantean bodies, entered into a certain partnership with human beings; we wish only to focus on the fact that, in those days, based on direct experience, human beings were convinced that other realms were arranged in ascending order above the human realm to which they themselves belonged: the realm of the angels, the archangels; and human beings came to know these higher beings—if we may use the expression—face to face in a spiritual sense, just as people now come to know one another in the physical world. Then came the time when awareness of objects became increasingly clear during the day, from waking until falling asleep, while, in contrast, a growing dullness and darkness spread during the night. But this was the very moment when the first seed of the “I” or “I am” was planted within human beings. As human beings learned to perceive the objects around them, they simultaneously acquired the form and shape of their self-consciousness, which they were now to develop more and more.
[ 3 ] Nun müssen wir uns alles in der Welt gradweise vorstellen; wir müssen uns denken, daß genau so, wie es in dem Tier- und Menschenreiche alle möglichen Grade von Wesen gibt, auch in der Reihe von Wesenheiten über den Menschen hinaus die verschiedensten Grade vorhanden sind. Es gibt Wesenheiten in dem Reiche der Engel, die dem Menschen sehr nahe stehen; dann aber auch solche, die auf einer höheren, auf einer erhabenen Stufe sind - alle nur denkbaren Grade würden wir antreffen, wenn wir den Blick auf diese höheren Welten richten würden. Vor allen Dingen müssen wir uns darüber klar sein, daß diese höheren Wesenheiten damals, als der Mensch noch während der Nacht im dumpfen, hellseherischen Bewußtsein in die höheren Welten hinaufstieg, in einer gewissen Beziehung — ganz trivial gesprochen — auch etwas hatten von dieser Gabe des Menschen; daß sie durch den Verkehr mit den Menschen eine Bereicherung ihres eigenen Inneren erfuhren. Denn diese Wesenheiten waren damals auch noch innig mit dem Menschen verbunden; sie inspirierten ihn, sie nahmen Einfluß auf sein imaginatives Bewußtsein, das ja freilich nur ein dumpfes war. So daß wir uns den Menschen in jener alten Zeit so vorstellen müssen, daß, wenn er aus seinem physischen und Ätherleibe herausrückte, es so war, wie wenn ihn ein solches höheres Wesen, und im weiteren Sinne eine Schar von höheren Wesen, aufnehmen würde. Im Grunde genommen ist das auch noch heute der Fall, nur weiß der Mensch nichts davon, während er es damals, wenn auch nur dumpf-hellseherisch, gewußt hat. Wir haben schon in anderen Vorträgen erwähnt, daß auch heute der Schlaf keineswegs etwas Unnötiges für den Menschen ist; er hat seine gewaltige Aufgabe. Der Mensch nützt während des Tages seinen physischen Leib und seinen Ätherleib fortwährend ab. Das Leben, das wir vom Morgen bis zum Abend führen, ist ein Abnützen dieser beiden Leiber, und was Sie abends als Ermüdung spüren, ist nichts anderes als der Ausdruck davon, daß innerhalb Ihres physischen und Ätherleibes, auf dem Umwege durch den Astralleib, Wahrnehmungen der äußeren Welt stattgefunden haben, daß Gefühle, Impulse, Leid und Schmerz, daß alles mögliche sich in Ihnen abgespielt hat. Und das, was sich so abspielt, das nützt den ganzen Tag über unseren physischen und ÄAtherleib ab, und wir sind des Abends ermüdet, weil wir den ganzen Tag an der Zerstörung unseres physischen und Ätherleibes gearbeitet haben. Wenn Sie nun nachts Ihren physischen Leib und Ihren Ätherleib im Bette liegen haben, dann ist der Astralleib mit dem Ich nicht etwa untätig, sondern er schickt die ganze Nacht über seine Kraft in den physischen und Ätherleib hinein; er arbeitet, um die zerstörten und verbrauchten Kräfte wiederherzustellen. Aber das könnte er nicht, wenn er nicht beim Herausrücken aus dem physischen und Atherleibe in ein anderes Reich aufgenommen würde. Über dem menschlichen Reiche breitet sich in der Tat ein geistiges Reich aus, das Reich der Engel, Erzengel und anderer Wesenheiten. Es ist wie ein Ozean von geistigen Wesenheiten, die uns da umgeben, und von denen wir am Tage getrennt sind, weil wir innerhalb der Haut unseres Leibes, innerhalb unserer Wahrnehmungen eingeschlossen sind. In der Nacht aber tauchen wir in diesen Ozean der Geister unter, und der Astralleib saugt daraus die Kräfte, die er dann in den physischen und Ätherleib hineingießt, um diese wieder auszubessern. Davon weiß heute der Mensch nichts. Damals aber, als der Mensch noch das dumpfe, hellseherische Bewußtsein hatte, da sah er, wie das Ich und der Astralleib heraustraten und aufgenommen wurden von der göttlich-geistigen Welt.
[ 3 ] Now we must imagine everything in the world in stages; we must conceive that just as there are all manner of levels of beings in the animal and human kingdoms, so too there are the most diverse levels in the hierarchy of beings beyond humanity. There are beings in the realm of the angels who are very close to human beings; but there are also those who are on a higher, more exalted level—we would encounter every conceivable degree if we were to turn our gaze toward these higher worlds. Above all, we must be clear that these higher beings, back when human beings still ascended into the higher worlds during the night through a dim, clairvoyant consciousness, in a certain sense—to put it quite simply—also possessed something of this human gift; that through their interaction with human beings, they experienced an enrichment of their own inner being. For these beings were still intimately connected with human beings at that time; they inspired him; they influenced his imaginative consciousness, which, of course, was only a dim one. So we must picture human beings in those ancient times in such a way that, when they stepped out of their physical and etheric bodies, it was as if such a higher being—and, in a broader sense, a host of higher beings—were to receive them. Essentially, this is still the case today, only human beings are unaware of it, whereas back then they knew it—albeit only through a dim form of clairvoyance. We have already mentioned in other lectures that even today, sleep is by no means something unnecessary for human beings; it has a tremendous purpose. Throughout the day, human beings continuously wear down their physical and etheric bodies. The life we lead from morning to evening is a process of wearing down these two bodies, and what you feel as fatigue in the evening is nothing other than the expression of the fact that, within your physical and etheric bodies—via the astral body—perceptions of the external world have taken place; that feelings, impulses, suffering, and pain—that all manner of things have played out within you. And what unfolds in this way wears down our physical and etheric bodies throughout the day, and we are tired in the evening because we have been working all day to destroy our physical and etheric bodies. Now, when you lie in bed at night with your physical body and your etheric body, the astral body—together with the “I”—is not idle; rather, it sends its power into the physical and etheric bodies throughout the night; it works to restore the powers that have been depleted and exhausted. But it could not do this if, upon withdrawing from the physical and etheric bodies, it were not received into another realm. Above the human realm, in fact, there extends a spiritual realm—the realm of angels, archangels, and other beings. It is like an ocean of spiritual beings that surrounds us, from which we are separated during the day because we are enclosed within the skin of our body, within our perceptions. At night, however, we plunge into this ocean of spirits, and the astral body draws from it the forces that it then pours into the physical and etheric bodies to restore them. People today know nothing of this. But back then, when human beings still possessed a dim, clairvoyant consciousness, they could see how the “I” and the astral body stepped out and were received by the divine-spiritual world.
[ 4 ] Nun ist es so, daß die Dinge, die sich in unserer physischen Welt in einer gewissen Weise darstellen, sich da oben ganz anders ausnehmen. Man darf sagen, auch die Götter profitieren von jener Teilnahme an der Menschheit. Wir müssen uns da eine Vorstellung aneignen, die nicht so ganz leicht ist, die man aber notwendig hat, wenn man das Verhältnis des Menschen zu der Welt verstehen will. Wir haben gesagt, daß die Erde der Planet der Liebe ist; und richtig ausgebildet wird die Liebe erst auf der Erde. Sie wird, grob ausgedrückt, gezüchtet; und durch ihre Teilnahme an den Menschen lernen die Götter ebenso die Liebe kennen, wie sie in einer anderen Beziehung sie schenken. Das ist schwer sich vorzustellen. Es ist durchaus möglich, daß ein Wesen in ein anderes Wesen eine Gabe förmlich einträufelt, und diese Gabe durch das andere Wesen erst kennenlernt. Denken Sie sich eine ungeheuer reiche Persönlichkeit, die nie etwas anderes kennengelernt hat als Reichtum, ohne jene tiefe seelische Befriedigung, die Wohltun verursachen kann. Und nun tut diese Persönlichkeit wohl; sie schenkt einer armen Persönlichkeit etwas. In der Seele dieser armen Persönlichkeit wird durch die Geschenke der Dank bewirkt, und dies Dankesgefühl ist auch eine Gabe: es wäre nicht da, wenn die reiche Persönlichkeit nicht geschenkt hätte. Die reiche Persönlichkeit hat aber das Dankesgefühl nicht gefühlt, sondern sie hat es hervorgebracht. Sie ist die Geberin des Dankesgefühls, aber kennenlernen kann die reiche Persönlichkeit dieses Dankesgefühl erst in der Reflexion, wenn es zurückstrahlt von denen, in denen sie es entzündet hat. So ist es ungefähr mit der Gabe der Liebe, die von den Göttern den Menschen eingeträufelt wird. Die Götter sind so weit, daß sie im Menschen die Liebe entzünden können, so daß die Menschen imstande sind, die Liebe erleben zu lernen, aber die Götter lernen die Liebe als Realität erst durch die Menschen kennen. Sie tauchen von den Höhen herunter in den Ozean der Menschheit und fühlen die Wärme der Liebe. Ja, wir wissen, daß die Götter etwas entbehren, wenn die Menschen nicht in Liebe leben, daß sozusagen die Götter ihre Nahrung in der Liebe der Menschen haben. Je mehr Liebe der Menschen auf der Erde, desto mehr Nahrung der Götter im Himmel — je weniger Liebe, desto mehr Hunger der Götter. Das Opfer der Menschen ist im Grunde genommen nichts anderes als das, was zu den Göttern hinaufströmt als die in den Menschen erzeugte Liebe.
[ 4 ] The fact is that things which appear in a certain way in our physical world look quite different up there. One might say that even the gods benefit from that participation in humanity. We must develop a concept here that is not entirely easy to grasp, but which is necessary if we are to understand humanity’s relationship to the world. We have said that the Earth is the planet of love; and love is only truly developed on Earth. To put it crudely, it is cultivated; and through their participation in human beings, the gods come to know love just as they bestow it in another sense. This is difficult to imagine. It is entirely possible for one being to formally bestow a gift upon another being and to come to know that gift only through the other being. Imagine an immensely wealthy person who has never known anything but wealth, without that deep spiritual satisfaction that doing good can bring. And now this person does a good deed; they give something to a poor person. In the soul of this poor person, the gifts evoke gratitude, and this feeling of gratitude is also a gift: it would not exist if the wealthy person had not given. The wealthy person, however, did not feel the gratitude; rather, they brought it forth. They are the giver of the feeling of gratitude, but the wealthy person can only come to know this feeling of gratitude through reflection, when it radiates back from those in whom they have kindled it. This is roughly how it is with the gift of love, which is poured out upon humanity by the gods. The gods are capable of kindling love within human beings, so that people are able to learn to experience love; yet the gods themselves only come to know love as a reality through human beings. They descend from the heights into the ocean of humanity and feel the warmth of love. Yes, we know that the gods lack something when people do not live in love—that, so to speak, the gods find their sustenance in the love of human beings. The more love there is among people on earth, the more sustenance the gods have in heaven—the less love there is, the greater the gods’ hunger. The sacrifice of humans is, in essence, nothing other than the love generated within them that flows upward to the gods.
[ 5 ] Nun können wir uns vorstellen, daß diese gegenseitige Mitteilung von den Menschen und Göttern in alten Zeiten, als die Menschen selbst noch ein Bewußtsein hatten von dem Göttlichen, etwas ganz anderes war als später. Ja, es gab gewisse Wesenheiten unter den göttlich-geistigen Wesen, die dadurch, daß der Mensch sozusagen nicht mehr hinauf konnte mit seinem dumpf-hellseherischen Bewußtsein, auch nicht mehr herunter konnten, die Sphäre der Menschheit nicht mehr erreichen konnten. Der Mensch hat während der atlantischen Zeit mit einer Anzahl von göttlich-geistigen Wesenheiten gelebt, und je mehr er unfähig wurde, hinaufzuschauen zu den Göttern, um so weniger konnte eine gewisse Kategorie von göttlichen Wesenheiten das erleben, was sie sonst von den Menschen erleben konnte, Wir haben unter den atlantischen Göttern durchaus solche, die, als die Atlantis zugrunde ging, immer mehr und mehr entbehrten, die sozusagen immer mehr an Hunger litten dadurch, daß sie den Weg zu den Menschen nicht mehr fanden.
[ 5 ] Now we can imagine that this mutual communication between humans and the gods in ancient times—when humans themselves still had an awareness of the divine—was something quite different from what it was later on. Indeed, there were certain entities among the divine-spiritual beings who, because human beings could no longer, so to speak, look up with their dull clairvoyant consciousness, were also no longer able to look down—they could no longer reach the sphere of humanity. During the Atlantean era, human beings lived alongside a number of divine-spiritual beings, and the more they became unable to look up to the gods, the less a certain category of divine beings could experience what they had otherwise been able to experience through human beings, Among the Atlantean gods, there were certainly some who, as Atlantis sank, suffered increasing deprivation—who, so to speak, suffered more and more from hunger because they could no longer find their way to humankind.
[ 6 ] Von diesem Gesichtspunkte müssen wir uns einmal die Weiterentwickelung vorstellen. Wir wissen, daß in der Nähe des heutigen Irland sich ein Reich, ein Landstrich befand, wo die vorgeschrittensten Wesenheiten der atlantischen Zeit lebten, jene Menschen, welche am meisten reif waren, die fortschrittliche Entwickelung durchzumachen. Diese zogen nun vom Westen nach dem Osten, bevölkerten Europa, und dort blieben gewisse Menschen auf einer bestimmten Entwickelungsstufe zurück, während andere weiterzogen. Die Vorgeschrittensten zogen in die Gegend des heutigen mittleren Asien, andere nach Afrika. Dort aber waren schon Bevölkerungen aus der alten Zeit der Atlantis und der Lemuria; mit diesen nun vermischten sich die anderen in mannigfaltiger Weise und dadurch entstanden jene Mischungen, die die Griechen in den verschiedenen Kunstformen als Satyr-, Merkur- und Zeustypus wiedergaben. So war der Zug von Westen nach Osten, und wir müssen uns vorstellen, daß damit auch der Bewußtseinszustand des Menschen sich mehr und mehr änderte. Die Menschen, die herübergezogen waren, hatten noch mehr oder weniger Reste des alten hellseherischen Bewußtseins, aber das nahm nun immer mehr ab. Es gab solche, die schon bei dem Hereinbrechen der atlantischen Katastrophe jede Spur von hellseherischem Bewußtsein verloren hatten, aber auch solche gab es, die sich noch einen Rest davon erhalten hatten, auch unter den nach Asien, Europa und Afrika ausgewanderten. Überall gab es solche, die in gewissen Zuständen, zum Beispiel zwischen Schlafen und Wachen, einen genauen Einblick in die geistigen Welten gewinnen konnten. So war zum Beispiel jene geistige Wesenheit, die als Wotan bezeichnet wird, eine «Persönlichkeit», welche den alten Atlantiern wohl bekannt war; man kann sagen, alle Atlantier standen mit ihr in einer näheren oder entfernteren Verbindung, wie etwa heute die Menschen mit einem Monarchen. Aber immer mehr verlor sich der bewußte Zusammenhang. Nun gab es unter der europäischen Bevölkerung, bei den Vorgermanen, zahlreiche Menschen, die in einem Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen in eine Beziehung oder Verbindung mit diesem Wotan treten konnten, der in der geistigen Welt wirklich existierte, durch seine Entwickelung aber gebunden war und sich nicht mehr in der alten Weise populär machen konnte. Auch in Asien gab es solche Menschen. Dies ging bis in späte Zeiten hinein, in die uns selbst die Geschichte noch zurückweist, wo ein ursprüngliches, natürliches Hellsehen sich bewahrt hatte, wo die Menschen aus eigenem Erleben heraus von den Göttern erzählen konnten.
[ 6 ] From this perspective, we must imagine how things developed further. We know that near what is now Ireland there was a kingdom, a region where the most advanced beings of the Atlantean era lived—those human beings who were most ready to undergo progressive development. These people then migrated from the west to the east, populating Europe, and there certain individuals remained at a specific stage of development, while others moved on. The most advanced migrated to the region of present-day Central Asia, while others went to Africa. There, however, were already populations from the ancient times of Atlantis and Lemuria; the others intermingled with these in manifold ways, and this gave rise to those hybrid forms that the Greeks depicted in various art forms as the satyr, Mercury, and Zeus types. Such was the migration from west to east, and we must imagine that with it, the state of human consciousness also changed more and more. The people who had migrated still possessed, to a greater or lesser extent, remnants of the old clairvoyant consciousness, but this gradually diminished. There were those who had already lost every trace of clairvoyant consciousness at the onset of the Atlantean catastrophe, but there were also those who had retained a remnant of it, even among those who had migrated to Asia, Europe, and Africa. Everywhere there were those who, in certain states—for example, between sleeping and waking—could gain a clear insight into the spiritual worlds. For instance, the spiritual being known as Wotan was a “personality” well known to the ancient Atlanteans; one might say that all Atlanteans were connected to him to a greater or lesser extent, much as people today are connected to a monarch. But this conscious connection was gradually lost. Now, among the European population—among the pre-Germanic peoples—there were numerous individuals who, in an intermediate state between wakefulness and sleep, could enter into a relationship or connection with this Wotan, who truly existed in the spiritual world but, due to his evolution, was bound and could no longer make himself popular in the old way. Such people existed in Asia as well. This continued into late times, into an era to which even history cannot take us back, where a primal, natural clairvoyance had been preserved, and where people could speak of the gods based on their own experiences.
[ 7 ] Jetzt müssen wir uns aber wieder die Tatsache vor Augen halten, daß die Menschen immer mehr und mehr herunterzogen auf den physischen Plan, in die materielle Welt; dadurch waren die Götter immer weniger in der Lage, Verbindungen mit den Menschen aufrechtzuerhalten. Nach und nach war es manchen von ihnen nur noch möglich geworden, mit auserlesenen Wesenheiten Gemeinschaft zu haben. Gewisse Göttergestalten waren es, die nicht mehr zu dem gewöhnlichen Menschen hinabsteigen konnten, die nur noch mit solchen Persönlichkeiten in Verbindung treten konnten, die ihnen in einer gewissen Weise entgegenkamen, die sich zu ihnen hinaufentwickelten. Nun mischten sich in merkwürdiger Weise Gesinnung und übriggebliebenes Hellsehen und Einweihungsprinzip so, daß der Ausdruck dieser Mischung in dem germanischen Bewußtsein erhalten blieb. Während der atlantischen Zeit wußten die Menschen: Geradeso wie ich im Schlafe, wenn ich aus dem physischen und dem Ätherleibe heraus bin, in das Reich der Götter aufsteige, so steige ich nach dem Tode in das Reich der Götter hinauf; sie sind mir etwas Bekanntes, dort kann ich ihnen wieder begegnen. — Und als eine Art von Strafe lernte man es empfinden, wenn der Mensch nach dem Tode zeitweilig der Möglichkeit entzogen war, zu den Göttern aufzublicken, in ihre Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wenn er eine gewisse Prüfungszeit nach dem "Tode durchzumachen hatte, weil er sich zu sehr in das materielle Leben verstrickt hatte. Diejenigen Menschen aber, die in der Lage waren, das materielle Leben nicht höher einzuschätzen als etwas anderes Nichtmaterielles, von denen war man überzeugt, daß sie nicht von der materiellen Welt zurückgehalten wurden, sondern daß sie gleich nach dem Tode in das Reich des Geistes eintreten konnten, das ihnen ja wohlbekannt war. Nach der Gesinnung derjenigen Völker, welche sich über Europa ausbreiteten, betrachtete man nun vor allen Dingen denjenigen Menschen als nicht am materiellen Leben hängend, der auf dem Schlachtfelde tapfer kämpfte, der den Tod als Krieger fand, der die Ehren des Krieges höher schätzte als das Materielle. Und von einem solchen war man überzeugt, daß er unmittelbar nach dem Tode irgendeiner Gottheit ansichtig wurde. Wer aber nicht als Krieger auf dem Schlachtfelde sterben konnte, wer nicht ein geistiges Gut höher schätzen gelernt hatte als das materielle Leben, von dem sagte man, daß er den Strohtod starb, daß er nicht reif war, unmittelbar aufgenommen zu werden in das Reich des Geistes, daß er vorher in ein Reich eintreten mußte, in dem er gewisse Prüfungen durchzumachen hatte. Und die Begegnung mit der Walküre ist der Ausdruck für diese Gesinnung in Verknüpfung mit der Erinnerung an das alte Hellsehen. Man stellte sich mit Recht vor, daß derjenige, der den Tod auf dem Schlachtfelde fand, aufgenommen wurde von der Walküre; und es liegt ganz im Stile einer solchen Vorstellungsart, wenn sich das, was sich so in Europa herausgebildet hatte, in dieser alten Zeit herausgestaltete als die Symbolik für die Einweihung. In anderen Völkern hatten sich andere Vorstellungen ausgebildet; innerhalb der europäischen Gegend aber galt persönliche Tapferkeit und Tüchtigkeit als das Wertvoliste.
[ 7 ] But now we must once again bear in mind the fact that human beings were being drawn down more and more onto the physical plane, into the material world; as a result, the gods were increasingly unable to maintain connections with human beings. Gradually, some of them were able to commune only with select beings. There were certain divine figures who could no longer descend to ordinary human beings, who could only make contact with those personalities who, in a certain sense, met them halfway—who had developed themselves upward toward them. Now, in a remarkable way, a blend of spiritual disposition, remnants of clairvoyance, and the principle of initiation intermingled in such a way that the expression of this blend was preserved in the Germanic consciousness. During the Atlantean epoch, people knew: Just as I ascend into the realm of the gods in sleep—when I have left the physical and etheric bodies—so too do I ascend into the realm of the gods after death; they are familiar to me, and there I can meet them again. — And it came to be perceived as a kind of punishment when, after death, a person was temporarily deprived of the possibility of looking up to the gods and being admitted into their community—when he had to undergo a certain period of trial after “death” because he had become too entangled in material life. As for those people, however, who were able to regard material life as no more important than any other non-material aspect of existence—it was believed that they were not held back by the material world, but that they could enter the realm of the spirit immediately after death, a realm that was, after all, well known to them. According to the beliefs of the peoples who spread across Europe, a person was considered—above all else—not to be attached to material life if they fought bravely on the battlefield, met their end as a warrior, and valued the honors of war higher than material things. And it was believed that such a person would see a deity immediately after death. But those who could not die as warriors on the battlefield—those who had not learned to value spiritual goods more highly than material life—were said to die a “straw death”; they were not considered ready to be immediately admitted into the realm of the spirit, but had to first enter a realm where they would have to undergo certain trials. And the encounter with the Valkyrie is the expression of this mindset in connection with the memory of ancient clairvoyance. It was rightly imagined that the one who met death on the battlefield was received by the Valkyrie; and it is entirely in keeping with this mode of thought that what had developed in this way in Europe took shape in those ancient times as the symbolism of initiation. Other peoples had developed different conceptions; within the European region, however, personal bravery and prowess were regarded as the most valuable qualities.
[ 8 ] Nun verstand man immer mit Recht unter der Einweihung, daß der Mensch schon während des Lebens erfahren kann, was er normalerweise erst nach dem Tode erfährt: die unmittelbar erlebte Gemeinschaft mit der geistigen Welt. Wie der Krieger die Begegnung mit der Walküre erst auf dem Schlachtfelde erlebte, so war es klar, daß derjenige, der die Einweihung suchte, diese Begegnung schon im physischen Leben erleben mußte. Und als der letzte der Einweihungshelden galt innerhalb eines Teiles von Europa Siegfried, der sich in der Siegfriedgestalt erhalten hat. Daher erzählt die Sage, daß er sich mit der Walküre während des Lebens verbindet, wie der Krieger es auf dem Schlachtfelde tut. So sehen wir, wie für den einzelnen Menschen im Kleinen alles zusammenstimmt, was im Großen für das Prinzip der Einweihung gilt.
[ 8 ] It has always been rightly understood that initiation means a person can experience during their lifetime what they would normally only experience after death: direct communion with the spiritual world. Just as the warrior first encountered the Valkyrie on the battlefield, so it was clear that the one seeking initiation had to experience this encounter already in physical life. And within a part of Europe, Siegfried—who has been preserved in the figure of Siegfried—was regarded as the last of the heroes of initiation. Hence the legend tells that he unites with the Valkyrie during his lifetime, just as the warrior does on the battlefield. Thus we see how, on a small scale for the individual human being, everything harmonizes that applies on a larger scale to the principle of initiation.
[ 9 ] Jetzt versuchen wir, uns in den Gemütszustand dieser von Westen nach Osten, nach Europa, gezogenen Bevölkerung zu versetzen. Sie waren in einer gewissen Weise durchaus bis zu der Höhe hinaufgekommen, wo sie in eine Weiterentwickelung eintreten konnten. Sie waren nicht verknöchert, sondern sie hatten den Keim zur vollen Weiterentwickelung. Aber gerade sie verblieben mit einer verhältnismäßig starken Gabe hellseherischen Vermögens. Unter fast allen Völkern, die von dem atlantischen Kontinent hinausgezogen waren, war es die europäische Bevölkerung, die mit der stärksten hellseherischen Anlage begabt war; weniger stark begabt war die afrikanische Bevölkerung. In Asien war die vorgeschrittenste Bevölkerung, die schon früh hinübergezogen war, mit einer noch älteren zusammengestoßen, und sie hatten diese Völker im Besitz eines noch älteren hellseherischen Bewußtseins angetroffen, so daß es auch dort viel Hellsehen in jener Zeit gab. Dann aber gab es eine gewisse kleine Kolonie, die gerade aus den am weitesten vorgeschrittenen Menschen der atlantischen Zeit bestand, die in der Nähe der Wüste Gobi war. Was waren das für Menschen? Was heißt das überhaupt: am weitesten vorgeschritten? Das bedeutete: am wenigsten hineinsehen können in die geistige Welt. Denn darin bestand ja der Fortschritt, daß sie herausgegangen waren aus dem Geistigen und hineinzogen in die physische Welt. Es waren Menschen, die empfinden mußten: Wir haben früher einmal einen Zusammenhang mit der geistigen Welt gehabt, jetzt aber haben wir ihn nicht mehr. - Wehmut über den Verlust der geistigen Welt war es, was in den Herzen dieser Menschen lebte, Sehnsucht nach dieser Welt, die die wertvollere war und aus der sie herausgedrängt waren.
[ 9 ] Now let us try to put ourselves in the mindset of this population that migrated from west to east, toward Europe. In a certain sense, they had indeed reached the level where they could embark on further development. They were not stagnant; rather, they possessed the seed for full further development. But it was precisely this group that retained a relatively strong gift of clairvoyance. Among almost all the peoples who had migrated from the Atlantic continent, it was the European population that was endowed with the strongest clairvoyant disposition; the African population was less strongly endowed. In Asia, the most advanced population—which had migrated there early on—had come into contact with an even older one, and they had found these peoples in possession of an even older clairvoyant consciousness, so that there was also a great deal of clairvoyance there at that time. But then there was a certain small colony consisting precisely of the most advanced people of the Atlantean era, located near the Gobi Desert. What kind of people were they? What does “most advanced” even mean? It meant: having the least ability to perceive the spiritual world. For their progress consisted precisely in having emerged from the spiritual and moved into the physical world. These were people who had to feel: “We once had a connection with the spiritual world, but now we no longer have it.” It was melancholy over the loss of the spiritual world that lived in the hearts of these people—a longing for that world, which was the more valuable one and from which they had been forced out.
[ 10 ] Andere Verhältnisse waren in der europäischen Bevölkerung; da waren viele, die in gewissen Zuständen noch in die geistigen Welten hineinschauen konnten. Und in jener Zeit, als in Europa noch die Mysterien waren, war es so: Wenn die Eingeweihten, die durch ihre okkulte Entwickelung im vollen Bewußtsein hinaufsteigen konnten, davon sprachen, daß es geistige Welten gebe, wenn sie von dieser oder jener Gestalt erzählten oder von dieser oder jener Rolle, die der Mensch nach dem Tode zu spielen habe, und wenn sie das in Mythen und Sagen, in Legenden und in gewaltigen Bildern verkündeten, dann fanden sie Menschen, die sie verstanden, denn sie hatten es zum Teil selbst noch gesehen. Die eigenartigen Lebens- und Wohnverhältnisse des alten Europa gestatteten es durchaus, daß auch die Uneingeweihten, wenn auch nicht die hohen Götter, doch die geistigen Welten erleben konnten, und dadurch hatten sie den Glauben an diese geistigen Welten. Ihnen waren diese Welten wirklich noch mehr als halb vertraut, sie fühlten daher auch ihre Menschheit noch in einem ganz anderen Sinne als andere Bevölkerungen der Erde.
[ 10 ] Conditions were different among the European population; there were many who, under certain circumstances, could still glimpse into the spiritual worlds. And in those days, when the mysteries were still practiced in Europe, it was as follows: When the initiates—who, through their occult development, could ascend in full consciousness—spoke of the existence of spiritual worlds, when they told of this or that being or of this or that role that a human being must play after death, and when they proclaimed this through myths and sagas, legends, and powerful imagery, they found people who understood them, for some of them had even seen it for themselves. The unique living and residential conditions of ancient Europe made it entirely possible for even the uninitiated—if not the high gods, then at least the spiritual worlds—to experience these realms, and through this they came to believe in them. To them, these worlds were truly more than half familiar; they therefore also felt their humanity in a very different sense than other peoples of the Earth.
[ 11 ] Versetzen wir uns in die Gemütsart dieser alten Europäer. Sie alle sagten sich: Ich sehe ja, daß ich mit den Göttern zusammenhänge, ich reiche ja hinauf in das Reich der Götter. — Und dadurch entwickelte sich gerade auf dem Boden Europas ein starkes Persönlichkeitsbewußtsein, ein Bewußtsein von dem eigenen göttlichen Werte der menschlichen Persönlichkeit, ein starkes Freiheitsbewußtsein vor allen Dingen. Diese Gemütslage müssen wir uns denken, denn dieses Persönlichkeitsbewußtsein war es, das auch diejenigen europäischen Völkermassen mitbrachten, die dann hinunterzogen und die griechische und italische Halbinsel bevölkerten. Namentlich sehen wir die Nachzügler dieses Freiheitsgefühls in den alten Etruskern. Selbst in der eigentümlichen Kunst sehen wir dieses starke Freiheitsgefühl der Etrusker strömen, die sich dieses Gefühl auf spirituellem Grunde erhalten hatten. Bevor das eigentliche königlich-römische Reich sich aufgerichtet hatte auf der italischen Halbinsel, war die Etrusker-Bevölkerung da und hatte in ihrer Verfassung etwas in hohem Grade Freiheitliches; sie war auf der einen Seite freilich etwas hierarchisch aufgebaut, andererseits aber war sie auch im höchsten Sinne freiheitlich. Jede Stadt sorgte stark für ihre Freiheit, und irgendeinen Staatsverband im späteren Sinne würden die alten Etrusker als etwas Unerträgliches empfunden haben. Und alles, was da an Freiheit und Persönlichkeitsgefühl nach der südlichen Halbinsel hinunterzog, das kam aus den Ursachen heraus, die wir eben geschildert haben. Jene anderen Menschen aber, die fern hinübergezogen waren nach Asien, die enthielten ein Häuflein, von dem die göttlich-geistigen Welten sich am meisten zurückgezogen hatten. Aber sie hatten sich eines dafür erobert, eines hatten sie sich aus dieser in tiefstes Dämmerdunkel hinabgegangenen Welt gerettet: das «Ich», das «Ich bin» — dieses, daß sie fühlten, daß in dem «Ich bin» ein ewiger Mittelpunkt ihres Wesens war, der aus der geistigen Welt selber stammte; daß alle Gestalten, die man früher gesehen hatte, sozusagen eine heilige Erinnerung bildeten, und daß ihre Stärke auf diesem festen Mittelpunkt beruhte, der ihnen geblieben war. Sie empfanden ihn noch nicht in seiner vollen Gestalt — dazu war eine spätere Zeit notwendig -, aber eine gewisse Gesinnung bildete sich gerade bei denen heraus, die am weitesten fortgeschritten waren, die am tiefsten hinuntergestiegen waren, eine Gesinnung, die ungefähr so geschildert werden könnte: Das, was wir vor allen Dingen zu pflegen haben, ist, unserer Göttlichkeit uns bewußt zu sein in dem, was wir im tiefsten Inneren unserer Seele finden. Wenn auch diese Seele vergessen hat, was sie einst an göttlichen Gestalten schaute, so können wir doch den Weg wiederum zu dem Göttlichen dadurch finden, daß sie in ihr Inneres, in das Ich-Gefühl hineinschaut. — Kurz, es bildete sich die Vorstellung des gestaltlosen Gottes heraus, der nicht in äußeren Formen erscheint, den man in seinem innersten Wesen suchen soll; eine Vorstellung, die uralt ist in dieser Strömung, und die sich in der sich fortentwickelnden Menschheit umgebildet hat in das Gebot: Du sollst dir von deinem Gotte kein Abbild, kein Gleichnis machen.
[ 11 ] Let us put ourselves in the mindset of these ancient Europeans. They all said to themselves: I can see that I am connected to the gods; I reach up into the realm of the gods. — And as a result, a strong sense of individuality developed precisely on European soil—an awareness of the inherent divine value of the human personality and, above all, a strong sense of freedom. We must imagine this state of mind, for it was this sense of individuality that was also brought by those European masses who later migrated south and populated the Greek and Italian peninsulas. In particular, we see the stragglers of this sense of freedom in the ancient Etruscans. Even in their distinctive art, we see this strong sense of freedom flowing from the Etruscans, who had preserved this feeling on a spiritual foundation. Before the actual Roman Empire had established itself on the Italian Peninsula, the Etruscan population was already there, and their constitution possessed a high degree of freedom; on the one hand, it was certainly structured somewhat hierarchically, but on the other hand, it was also liberal in the highest sense. Each city took great care to preserve its freedom, and the ancient Etruscans would have regarded any form of state union in the later sense as something intolerable. And everything that flowed down toward the southern peninsula in terms of freedom and a sense of individuality stemmed from the causes we have just described. As for those other peoples, however, who had migrated far away to Asia, they comprised a small group from whom the divine-spiritual worlds had withdrawn the most. But they had gained one thing in return; they had rescued one thing from this world that had descended into the deepest twilight: the “I,” the “I am” — this: that they felt there was, in the “I am,” an eternal center of their being that originated in the spiritual world itself; that all the forms they had seen earlier constituted, so to speak, a sacred memory; and that their strength rested upon this firm center that had remained with them. They did not yet perceive it in its full form—that would require a later time—but a certain disposition began to take shape precisely among those who had advanced the farthest, who had descended the deepest, a disposition that might be described something like this: What we must cultivate above all else is an awareness of our divinity in what we find in the deepest recesses of our soul. Even if this soul has forgotten what it once beheld in divine forms, we can still find the path back to the divine by looking into its innermost being, into the sense of self. — In short, the concept of the formless God emerged—one who does not appear in external forms, whom one must seek in one’s innermost being; a concept that is ancient in this tradition and which, as humanity has evolved, has taken on the form of the commandment: “You shall not make for yourself any graven image, or any likeness of anything.”
[ 12 ] In uralten Zeiten hatte man den Gott selbst als Bild erlebt. Jetzt hatte sich das Bild in die Verborgenheit zurückgezogen, und man suchte alle Stärke aufzubringen, um den Gott aus dem Ich, wo er gestaltlos ist, in Vorstellung und Denken herauszuholen, eine Idee, eine Kraft des Gottes zu fassen und zu fühlen. Das war aber nicht sofort möglich; in den ersten Zeiten der nachatlantischen Kulturen war die Erinnerung an das, was man verloren hatte, noch zu stark, zu groß; die Seele fühlte: das Tor hat sich geschlossen, und die Sehnsucht, wieder hinaufzukommen in diese geistige Welt, war zu gewaltig. Daher bildete sich als eine erste Kulturepoche diejenige aus, die vorzugsweise dieses Gefühl, die Sehnsucht nach der verlorenen, verborgenen geistigen Welt empfand; die in göttlicher Verehrung zu den Eingeweihten hinaufsah und flehte: Laßt uns teilhaft werden dieser verlorenen Welt. — Und unter dem Einflusse dieser Eingeweihten ward durch koloniale Strömung die uralte indische Kultur begründet, die vorvedische, wunderbare, Schauer der Ehrfurcht weckende Kultur, die in den Veden ihren letzten Niederschlag gefunden hat; die Kultur, in der die Sehnsucht nach der geistigen Welt so groß war, daß man danach strebte, auf künstlichem Wege einen Zusammenhang mit den alten Göttern und Geistern wiederzugewinnen. Die Sehnsucht, aus dieser Welt zu fliehen, in die man eingetreten war, die entstand als starkes Gefühl in dieser ersten nachatlantischen Kulturepoche, Und dieses Gefühl sehen wir auf dem Grunde der Seelen, die noch die Unterweisung der Eingeweihten, der heiligen Rishis, erfahren durften. Wir sehen, wie sich bei ihnen dies Gefühl entwickelt: Die Welt, die wir um uns herum sehen, die Welt, die wir uns jetzt errungen haben, die Welt des physischen Planes ist nur eine Illusion, sie ist wertlos, sie ist Maja; wertvoll aber ist die Welt, die hinter diesem täuschenden physischen Plane liegt. — Und so entwickelt sich das Gefühl von der Wertlosigkeit des physischen Planes, von der Notwendigkeit, ihn zu fliehen und zum Geistigen zu gelangen; es entwickelt sich dasjenige, was wir als die Basis dieser uralten Kultur kennen, was aber damit zusammenhängt, daß der Mensch sein starkes Persönlichkeitsgefühl verlieren muß, wenn er sich sozusagen ganz und gar herausgestellt sieht aus dem Göttlichen und in der Sehnsucht nach diesem Göttlichen lebt. Er strebt danach, ganz aufzugehen im Göttlichen, mit Auslöschung seiner Persönlichkeit; lieber ist ihm die Vernichtung des Eigenwertes der Persönlichkeit als das Leben innerhalb dieser Persönlichkeit. Wir müssen diese alte Kultur vorzugsweise als Stimmung begreifen, dann verstehen wir jenes Fliehen vor dem Materiellen: wie der Mensch, wenn er das Göttliche aufsuchen wollte, frei sein mußte von den Banden des Sinnlichen, wie er heraus sein mußte aus aller Illusion, aller Maja.
[ 12 ] In ancient times, people had experienced God Himself as an image. Now that image had withdrawn into obscurity, and people sought to muster all their strength to bring God out of the “I”—where He is formless—into imagination and thought, to grasp and feel an idea, a power of God. But this was not immediately possible; in the early days of the post-Atlantean cultures, the memory of what had been lost was still too strong, too great; the soul felt: the gate has closed, and the longing to ascend once more into this spiritual world was too overwhelming. Thus, the first cultural epoch took shape—one that felt, above all, this sentiment, this longing for the lost, hidden spiritual world; one that looked up to the initiates in divine reverence and implored: “Let us share in this lost world.” — And under the influence of these initiates, the ancient Indian culture was founded through a colonial movement—the pre-Vedic, wondrous culture that inspired awe, which found its ultimate expression in the Vedas; the culture in which the longing for the spiritual world was so great that people strove to reestablish, by artificial means, a connection with the ancient gods and spirits. The longing to flee from this world into which one had entered arose as a powerful feeling during this first post-Atlantean cultural epoch. And we see this feeling at the very depths of the souls who were still permitted to receive the instruction of the initiates, the holy Rishis. We see how this feeling develops within them: The world we see around us, the world we have now attained, the world of the physical plane, is merely an illusion; it is worthless; it is Maya; but what is valuable is the world that lies beyond this deceptive physical plane. — And so the feeling of the worthlessness of the physical plane develops, along with the necessity to flee it and attain the spiritual; what develops is what we know as the foundation of this ancient culture, which is connected to the fact that a person must lose their strong sense of personality when they find themselves, so to speak, completely cut off from the Divine and live in longing for that Divine. They strive to be wholly absorbed in the Divine, with the annihilation of their personality; he prefers the annihilation of the personality’s intrinsic value to life within that personality. We must understand this ancient culture primarily as a mood; then we will comprehend that flight from the material: how, when seeking the divine, human beings had to be free from the bonds of the sensual, how they had to be free from all illusion, all māyā.
[ 13 ] Das war die erste nachatlantische Kulturepoche. Die Mission der nachatlantischen Kultur aber besteht darin, daß der Mensch die Welt, in die er hineingestellt ist, sich immer mehr zu eigen macht, sich immer mehr erobert. So sehen wir, daß in der persischen, in der Vor-Zarathustrischen Kultur, die erste Phase dieses Eroberns der äußeren physischen Welt sich abspielt. Den alten Persern — und es sind hier die vorhistorischen Perser gemeint, denen eine Kolonie der hinübergewanderten letzten Atlantier zugrunde liegt — eignete schon ein anderes Bewußtsein; sie empfanden den physischen Plan schon als etwas Reales. Nicht mehr als etwas Fremdes erschien dem alten Perser der physische Plan; er sagte sich: In diesem physischen Plane sind auch Möglichkeiten, den Geist zu pflanzen und zu pflegen. — Er beachtete die physische Welt bereits; er studierte sie noch nicht, aber er beachtete sie. Der alte Perser empfindet in ihr noch ein Feindliches, aber so, daß er den Feind überwinden kann. Er macht sich zum Freunde, zum Genossen des Gottes Ormuzd, um die Materie zu erlösen. Er arbeitet in das Physische hinein; nach und nach beginnt er etwas davon zu ahnen, daß diese Welt nicht nur Maja, nicht bloß wesenloser Schein, sondern eine zu beachtende Wirklichkeit ist.
[ 13 ] This was the first post-Atlantean cultural epoch. The mission of post-Atlantean culture, however, is for human beings to increasingly make the world into which they are placed their own, to increasingly conquer it. Thus we see that in Persian, pre-Zoroastrian culture, the first phase of this conquest of the outer physical world takes place. The ancient Persians—and here we mean the prehistoric Persians, who were founded by a colony of the last Atlanteans who had migrated there—already possessed a different consciousness; they already perceived the physical plane as something real. The physical plane no longer appeared to the ancient Persians as something foreign; they said to themselves: Within this physical plane there are also possibilities for planting and nurturing the spirit. — They were already paying attention to the physical world; they were not yet studying it, but they were paying attention to it. The ancient Persian still perceives something hostile in it, but in such a way that he can overcome the enemy. He makes himself a friend, a companion of the god Ormuzd, in order to redeem matter. He works into the physical realm; little by little, he begins to sense that this world is not merely Maya, not merely an insubstantial illusion, but a reality to be taken seriously.
[ 14 ] Und dann sehen wir, wie ein anderer Zug mehr nach Vorderasien und Afrika geht und dort die chaldäische und die ägyptische Kultur begründet, Da ist man schon wieder ein Stück weiter in der Eroberung des physischen Planes. Da sind die Menschen so, daß sie das Äußere, Sinnliche nicht mehr als bloß feindlich empfinden oder gar als nichtig. Da richtet der Mensch schon seinen Blick hinauf zu den Sternen und sagt sich; Nicht Maja sind diese Sterne, nicht bloß Schein! - Und er vertieft sich in den Gang der Sterne, er studiert, wie Stern an Stern sich nähert, welche Wandlungen die Sternbilder machen. Und er sagt sich: Das ist ein äußerer Ausdruck der waltenden Götter, eine Schrift, die die Götter geschrieben haben. Das Äußere, Sinnliche ist nicht nur Schein, es ist eine Offenbarung der Götter. — Ein weiterer Schritt ist getan: das Sinnlich-Materielle wird als ein Ausdruck des Göttlichen betrachtet, man fängt an, Weisheit im Sinnlichen zu suchen. Und man richtet den Blick hinunter vom Himmel auf die Erde in der ägyptischen Welt; man studiert Geometrie, um die Erde zu beherrschen; man vermählt das, was der Geist erreichen kann, mit der sinnlichen Materie ein wesentlicher Fortschritt in der Entwickelung. So geht es stufenweise weiter.
[ 14 ] And then we see another wave moving on to the Near East and Africa, where it establishes the Chaldean and Egyptian cultures. There, humanity has already advanced a step further in the conquest of the physical plane. By then, people have reached a point where they no longer perceive the external, the sensory, as merely hostile or even as insubstantial. People are already turning their gaze upward toward the stars and saying to themselves: “These stars are not Maya; they are not merely an illusion!”—And they immerse themselves in the movements of the stars, studying how one star approaches another and the changes the constellations undergo. And he says to himself: This is an outward expression of the ruling gods, a script written by the gods. The external, the sensory, is not merely an illusion; it is a revelation of the gods. — Another step has been taken: the sensory-material is regarded as an expression of the divine; one begins to seek wisdom in the sensory. And in the Egyptian world, one turns one’s gaze down from the heavens to the earth; one studies geometry to master the earth; one unites what the spirit can attain with the sensory material—a significant step forward in development. Thus it continues step by step.
[ 15 ] Und jetzt, innerhalb der dritten Kulturepoche, bildet sich wiederum ein kleines, abgesondertes Häuflein, das in gewisser Weise alles das aufnimmt, was an alten Traditionen und an neuen Errungenschaften hat gewonnen werden können; ein kleines Häuflein, dessen Eingeweihte die uralte Weisheit, die frühere Genossenschaft mit den Göttern bewahrt hatten; dessen Eingeweihte wiederzugeben wußten, was man als Erfahrung wissen konnte aus der geistigen Welt, und die zugleich chaldäische Weisheit — Gottesschrift im Weltenraum — und ägyptische Weisheit, die in der symbolischen Vermählung des Geistigen mit dem Physischen aufgeht, in sich aufgenommen hatten. Und diese Gruppe von Menschen ist es, die in diesem Sinne das auserwählte Volk zu nennen ist. Es ist dasjenige Volk, das den größten Zeitraum der Weltgeschichte vorzubereiten hatte, das alttestamentliche Volk, das in seinem Alten Testament, in bezug auf alle uralten Ereignisse und auch auf das Fortlebende, in der Tat das größte und bedeutsamste Dokument hatte. Und es ist nicht nur eine gelehrte Verirrung, sondern eine Farce, wenn irgendeine Schöpfungsgeschichte auch nur annähernd als von gleichem Werte mit der alttestamentlichen angesehen wird. Denn das Alte Testament enthält in gewaltigen Bildern das Herabsteigen des Menschen aus göttlichen Höhen und verknüpft zugleich die historischen Erlebnisse des Menschen mit diesen kosmischen Ereignissen. Alles das enthält die alttestamentliche Geschichte genau, und vor allen Dingen das, was dem Weltenzusammenhange voll entspricht.
[ 15 ] And now, within the third cultural epoch, a small, isolated group is once again forming, one that, in a certain sense, incorporates everything that has been gained from both ancient traditions and new achievements; a small group whose initiates had preserved the ancient wisdom and their former communion with the gods; whose initiates knew how to convey what could be known as experience from the spiritual world, and who at the same time had absorbed Chaldean wisdom—the writing of God in the cosmos—and Egyptian wisdom, which is realized in the symbolic union of the spiritual with the physical. And it is this group of people who, in this sense, are to be called the chosen people. It is the people who were tasked with preparing the greatest period of world history, the Old Testament people, who in their Old Testament—with regard to all ancient events as well as to what lives on—indeed possessed the greatest and most significant document. And it is not merely a scholarly aberration, but a farce, when any creation story is regarded as even remotely equal in value to the Old Testament account. For the Old Testament contains, in powerful imagery, the descent of humankind from divine heights and, at the same time, links humanity’s historical experiences to these cosmic events. The Old Testament narrative contains all of this precisely, and above all, that which fully corresponds to the context of the universe.
[ 16 ] Wir haben gesehen, wie des Menschen Keimanlage zu dem «Ich bin» sich Stufe für Stufe in der Erdentwickelung vorbereitet hat. Wir haben gesehen, daß diese Keimanlage sich niemals hätte ausbilden können, wenn die Sonne sich nicht von der Erde getrennt hätte; daß auch der Mond sich von der Erde hat trennen müssen, und daß dann diese Keimanlage sich erst allmählich dadurch weiter ausbilden konnte, daß der Horizont gegenüber der göttlich-geistigen Welt sich verschlossen hatte. Machen wir uns klar, wie diese Keimanlage sich ausgebildet hat. Was lernt denn der Mensch allmählich in seiner Erdentwickelung? Wir sehen zurück auf alte Zeiten, wo er noch nicht hat wahrnehmen können, wo er bloß in der geistigen Welt gelebt hat; dann kam die Zeit, wo die Dinge im Physischen ihm nur verschwommen erschienen, wo er immer noch die geistigen Reiche wahrnehmen konnte. Wer war es denn, der diesen Menschen so vorbereitete, daß er in späteren Zeiten, als er die volle Sonne hat sehen können, auch reif dazu war? Derjenige Gott war es, der den Menschen sozusagen aufpäppelte zu der vollen Reife, den wir Jehova genannt haben, der sich getrennt hat von den Elohim, um von dem Monde aus vorzubereiten den höchsten Augenblick des Erdendaseins. Während der Mensch noch nicht hat wahrnehmen können in der äußeren Welt, träufelte der Gott Jehova das Ich-Bewußtsein ein. Er war es, der sich einschlich in die alten Einweihungen, die bei dumpfem Bewußtsein stattfanden; der den Menschen im Traum erschien, der die Menschen langsam vorbereitet hat für die Ich-Reife, die sie erst durch den Herabstieg des Christus erlangen konnten. Nicht auf einmal ist er gekommen, der Christus, nicht auf einmal hinuntergestiegen, sondern das war nur die letzte, persönliche Erscheinung; gewirkt aber hat er schon in jenen alten Zeiten durch die Propheten. Weist doch der Christus im Johannes-Evangelium selbst darauf hin, daß diejenigen, die nicht an Moses und an die Propheten geglaubt haben, auch nicht an ihn glauben würden; denn er sagt, Moses und die Propheten haben von ihm gesprochen, zwar noch nicht von dem, der auf der Erde gestanden hat, aber der angekündigt worden ist. Der Christus hat in diesem Sinne eine gewisse Geschichte in der Erdentwickelung. Wenn wir zurückgehen in die alten Mysterien, können wir überall diese Geschichte des Christus und sein Herabsteigen finden.
[ 16 ] We have seen how the human germ of the “I Am” prepared itself, step by step, during the Earth’s evolution. We have seen that this germ could never have developed if the Sun had not separated from the Earth; that the Moon, too, had to separate from the Earth; and that only then could this germ gradually continue to develop as the horizon toward the divine-spiritual world had closed off. Let us clarify how this seed formed. What does the human being gradually learn in the course of earthly evolution? We look back to ancient times when he was not yet able to perceive the physical world, when he lived solely in the spiritual world; then came the time when physical things appeared only vaguely to him, yet he could still perceive the spiritual realms. Who, then, prepared these human beings in such a way that, in later times, when they were able to see the full sun, they were also ripe for it? It was that God who, so to speak, nurtured humanity to full maturity—the one we have called Jehovah, who separated himself from the Elohim in order to prepare, from the moon, for the highest moment of earthly existence. While human beings were not yet able to perceive the outer world, the God Jehovah instilled self-awareness within them. It was He who slipped into the ancient initiations that took place amid a dim consciousness; who appeared to people in dreams; who slowly prepared them for the maturity of the self, which they could attain only through the descent of the Christ. Christ did not come all at once; he did not descend all at once—that was merely his final, personal appearance—but he had already been at work in those ancient times through the prophets. After all, Christ himself points out in the Gospel of John that those who did not believe in Moses and the prophets would not believe in him either; for he says that Moses and the prophets spoke of him—not yet of the one who stood on earth, but of the one who had been foretold. In this sense, Christ has a certain history within the development of the Earth. If we go back to the ancient mysteries, we can find this history of Christ and his descent everywhere.
[ 17 ] Studieren wir einmal die europäischen Mysterien. Da herrscht überall ein gewisser tragischer Zug. Wenn Sie sich hineinversetzen in diese alten Mysterien, dann können Sie sehen, daß die Lehrer überall zu ihren Schülern sagen: Ihr könnt euch erheben zu hohem Göttlichem, in hohem Sinne eingeweiht könnt ihr werden; aber es gibt etwas, was ihr jetzt noch nicht voll erkennen könnt, auf das ihr warten müßt, auf das wir auch nur hinweisen können: das ist der kommende Christus. — Überall in den nordischen Mysterien hat man von dem Christus als von einem Kommenden gesprochen; gekannt haben sie ihn überall, nur nicht als einen, der schon auf Erden war. Gekannt haben ihn die Eingeweihten drüben in Asien, in Ägypten, überall haben sie gewußt, es ist der Christus im Anzuge, er wird einst da sein. Und überall haben sie gewußt, daß die alten Mysterien nicht zur höchsten Stufe hinaufführen können. Das ist symbolisch erhalten geblieben. Wir dürfen nur nicht die Dinge pressen, nicht in scharfen Konturen, sondern ganz subtil sind sie zu nehmen, teils als Wahrheit und teils nur vergleichsweise. Es ist etwas von jenem tragischen Zuge geblieben gegenüber den alten Göttern und dem Warten auf den Christus, da der Glanz der Götter verschwinden wird vor dem Glanze des Christus. Wir finden es bis in die spätesten Sagen der germanischen Götter. Etwas Merkwürdiges hat die Sage dem Siegfried zugeschrieben: Er war unverwundbar; er hatte die Stärke des Eingeweihten im Sinne der europäischen Mysterien. Aber eine Stelle war verwundbar geblieben, da wurde auch er verwundet, und das hat ihm auch den 'Tod gebracht. Welche Stelle war das? Jene Stelle, wo später bei dem, den man erwartet hat, das Kreuz gelegen hat. Die Stelle, an der Siegfried noch verwundbar war, sie ist zugedeckt worden bei dem Gange nach Golgatha durch das Kreuz. Das ist die letzte Erinnerung an jenen tragischen Zug, der durch die alten europäischen Mysterien gegangen ist. Aber oft hat man auch in jenen Mysterien, aus denen das Alte Testament hervorgegangen ist und in die Moses eingeweiht war, und die Moses dann innerhalb seines Volkes so weit verpflanzt hat, als es ihm möglich erschien, — oft hat man auch da hingewiesen auf diesen eigentümlichen Entwickelungsgang der Menschheit. Und es ist mehr als ein bloßes Bild, es ist etwas, was dem Bilde eine tiefe Wirklichkeit gibt, was wir etwa so aufzeichnen können.
[ 17 ] Let us study the European mysteries. There is a certain tragic element present throughout. If you immerse yourself in these ancient mysteries, you will see that everywhere the teachers tell their students: You can rise to the highest divine; you can be initiated in the highest sense; but there is something you cannot yet fully comprehend, something you must wait for, something we can only point toward: that is the coming Christ. — Throughout the Nordic mysteries, Christ was spoken of as One who is to come; they knew of him everywhere, just not as one who had already been on Earth. The initiates knew him over in Asia, in Egypt—everywhere they knew that Christ was on his way, that he would one day be there. And everywhere they knew that the ancient mysteries could not lead up to the highest level. This has been preserved symbolically. We must not force these things; they are not to be taken in sharp contours, but rather quite subtly—partly as truth and partly only in a comparative sense. Something of that tragic aspect has remained in relation to the ancient gods and the waiting for the Christ, for the radiance of the gods will fade before the radiance of the Christ. We find it even in the latest legends of the Germanic gods. The legend attributes something remarkable to Siegfried: He was invulnerable; he possessed the strength of the initiate in the sense of the European mysteries. But one spot had remained vulnerable; it was there that he, too, was wounded, and that is what brought about his “death.” Which spot was that? The very spot where, later, the cross would lie for the One who was expected. The spot where Siegfried was still vulnerable was covered by the cross during the journey to Golgotha. This is the last remnant of that tragic thread that ran through the ancient European mysteries. But often, even in those mysteries from which the Old Testament emerged—and into which Moses was initiated, and which Moses then transplanted among his people as far as he deemed possible—often, even there, reference was made to this peculiar course of human development. And it is more than a mere image; it is something that lends the image a profound reality, which we can sketch out something like this:
[ 18 ] Nehmen wir an, wir haben den Menschen vor uns in seiner Viergliedrigkeit, und sein Ich, sein Astral-, Äther- und physischer Leib werden von der Sonne beschienen. Dadurch, daß der Christus auf die Erde gekommen ist, ist der Mensch fähig geworden, die physischen und geistigen Kräfte der Sonne aufzunehmen. Vorher war das anders. Da fiel während des Schlafes, wenn der Astralleib mit dem Ich außerhalb des physischen und Atherleibes war, während der Nachtzeit sozusagen nicht das direkte, sondern das reflektierte Sonnenlicht vom Monde auf den Menschen herab; er nahm dies reflektierte Licht auf, nicht das direkte Sonnenlicht. Das ist als äußerlicher symbolischer Tatbestand genau so, wie es mit dem Christus war, der als geistiger Sonnenstrahl lebte, und mit Jehova, der so lange das reflektierte Christus-Licht zurückstrahlte, bis der Mensch reif wurde, das direkte Sonnen-ChristusLicht zu empfangen. Wie aus einem Spiegel sandte Jehova den Christus zur Menschheit nieder. Wie sprach man also von dem Christus, wenn man vor seinem Erscheinen sprach? Man sprach von ihm, indem man von Jehova’sprach, und deshalb sagt Jehova zu Moses: Sage deinem Volke: Ich bin der Ich-bin. - Das ist derselbe Name, der später dem Christus beigelegt wird. Er will gar nicht sein eigenes Antlitz schon der Menschheit zuwenden, er bereitet den Christus vor, das Bild des Christus gibt er der Menschheit, bevor der Christus selbst zu ihr heruntersteigt. Und weil die Menschen in ihrem tiefsten Inneren, mit ihrem «Ich bin» diesen Christus erfassen sollen, weil sie in ihm den ganzen Herunterstieg in diese physische Welt erfassen sollen, deshalb bewahrte sich diese Menschengruppe, die den Christus am echtesten vorbereiten sollte, am festesten die Idee des gestaltlosen Gottes. Eine neue Vorstellung des Gottes mußte sie sich erringen, nicht nur sich erinnern der alten Gestalt. Und so wird dieses Volk in seiner Jehovareligion in der Tat das auf den Christus vorbereitende Volk. Nun aber muß man sich klar sein, daß alles das, was in der Welt besonders stark angestrebt werden soll, sozusagen auch von starken Impulsen ausgehen muß. Daher mußten auch die Kräfte des bildlosen Gottes gewissermaßen überspannt werden innerhalb des Alten Testamentes: Ein ganz abstrakter bildloser Gott, der in den Mittelpunkt einer bloßen Ich-Wesenheit zusammengedrängt ist, steht im Mittelpunkt der alttestamentlichen Religion, ein Ich-Gott, ein bildloser Gott.
[ 18 ] Let us suppose we have the human being before us in his fourfold constitution, and that his ego, his astral, etheric, and physical bodies are bathed in the light of the sun. Because Christ came to Earth, the human being has become capable of absorbing the physical and spiritual forces of the sun. Before, it was different. During sleep, when the astral body and the “I” were outside the physical and etheric bodies, the light that fell upon the human being during the night was, so to speak, not the direct sunlight but the sunlight reflected by the moon; the human being absorbed this reflected light, not the direct sunlight. As an external symbolic reality, this is exactly as it was with Christ, who lived as a spiritual ray of the sun, and with Jehovah, who reflected the reflected light of Christ back until humanity had matured enough to receive the direct light of the Sun-Christ. As if from a mirror, Jehovah sent Christ down to humanity. So how did people speak of the Christ before his appearance? They spoke of him by speaking of Jehovah, and that is why Jehovah says to Moses: “Tell your people: I am the I-Am.” - This is the very same name that would later be attributed to Christ. He does not yet wish to turn His own face toward humanity; rather, He prepares the Christ, giving humanity the image of Christ before Christ Himself descends to them. And because human beings are to grasp this Christ in their innermost being through their “I Am”—because they are to grasp in him the entire descent into this physical world—that is why this group of people, who were to prepare the way for Christ most authentically, held most firmly to the idea of the formless God. They had to forge for themselves a new conception of God, not merely recall the old form. And so this people, in its Jehovah religion, does indeed become the people preparing the way for Christ. But now one must be clear that everything in the world that is to be strived for with particular intensity must, so to speak, also arise from strong impulses. Therefore, the powers of the formless God also had to be, so to speak, exaggerated within the Old Testament: a completely abstract, formless God, compressed into the center of a mere “I”-being, stands at the heart of Old Testament religion—an “I”-God, a formless God.
[ 19 ] Wo konnte nun dieser Gott zuerst eine solche Gestalt gewinnen, daß er von den Menschen, die nunmehr auf dem physischen Plan lebten und ihn sich erobern sollten, begriffen werden konnte? Da ist durch eine weise Fügung im Süden Europas etwas Merkwürdiges entstanden. Es haben Züge von Asien und von Afrika stattgefunden; sie haben sich vermischt mit denen, die vom Norden heruntergezogen waren. Diejenigen, die vom Orient herüber die starke Überzeugung brachten von der Wertlosigkeit der Maja, von der Notwendigkeit, daß dieses materielle Reich der Menschen in das Reich des Geistes verwandelt werden müsse, sie vermengten sich mit denen, die sich das starke Persönlichkeitsgefühl errungen hatten. Und die stärksten spirituellen Kräfte, die auf der Wanderung vom Westen nach dem Osten am meisten zurückgeblieben waren, sie haben sich getroffen in Kleinasien, auf der griechischen, auf der italischen Halbinsel, und da hat sich die vierte Stufe herausgebildet, und wieder ist die Eroberung der physischen Welt einen Schritt vorwärts gegangen. Den Gott in der Tiefe zu erfassen und zu ahnen, das war die Mission der dritten Kulturepoche, der chaldäisch-ägyptischen Kultur; aus ihr mußte hervorgehen diejenige Volksgruppe, welche den Gott in abstrakter Weise suchen konnte, als geistige Wesenheit, mit dem geringsten sinnlichen Inhalt. Aber im Süden Europas bildete sich eine andere Gruppe. Indem die Menschen mit dem starken nordischen Persönlichkeitsbewußtsein da heruntergezogen sind, bildete sich die Vermählung der menschlichen Seele mit der Materie, die wir in dem griechischen Tempel, in den griechischen Kunstwerken, in der griechischen Tragödie bewundern, wo der Mensch anfängt, sein eigenes Schicksal zur Darstellung zu bringen, wo er seinen eigenen Geist in die Materie hineingeheimnißt, ihn den äußeren Tatsachen einverleibt. Man möchte sagen: eine Ehe zwischen Geistigem und Physischem wird geschlossen, wo beide gleichen Anteil haben. An dem griechischen Kunstwerk, an allem, was der Grieche schafft, haben gleichen Anteil das Geistige und das Physische. Und in gewisser Beziehung ist das beim Römer ebenso; er weiß: In mir lebt der Geist, in mir kann das Geistige Persönlichkeit werden.
[ 19 ] Where, then, could this God first have taken on a form such that He could be understood by the people who were now living on the physical plane and were to come to know Him? Through a wise providential arrangement, something remarkable came into being in southern Europe. Migrations from Asia and Africa took place; they mingled with those who had come down from the north. Those who came from the East, bringing with them the strong conviction of the worthlessness of Maya and of the necessity that this material realm of humanity must be transformed into the realm of the spirit, mingled with those who had attained a strong sense of individuality. And the strongest spiritual forces—which had lagged behind the most on the journey from West to East—met in Asia Minor, on the Greek and Italian peninsulas; there the fourth stage took shape, and once again the conquest of the physical world took a step forward. To grasp and intuit God in the depths—that was the mission of the third cultural epoch, the Chaldean-Egyptian culture; from it had to emerge the ethnic group capable of seeking God in an abstract way, as a spiritual being, with the least possible sensory content. But in southern Europe, a different group took shape. As people with a strong Nordic sense of individuality migrated southward, the union of the human soul with matter took form—a union we admire in the Greek temple, in Greek works of art, and in Greek tragedy, where human beings begin to depict his own destiny, where he enshrines his own spirit within matter, incorporating it into external realities. One might say: a marriage between the spiritual and the physical is concluded, in which both have an equal share. In Greek art, in everything the Greeks create, the spiritual and the physical share an equal part. And in a certain sense, this is true of the Romans as well; they know: The spirit lives within me; within me, the spiritual can become personality.
[ 20 ] Nur auf dieser Stufe der Menschheitsentwickelung kann das, was sich angekündigt hat, auch seine äußere wirkliche Gestalt auf dem physischen Plan annehmen. Erst da konnte der Christus auf den physischen Plan heruntersteigen, als der Mensch sich diesen physischen Plan erobert hatte. Ein Christus wäre nicht möglich gewesen in der alten Kultur, als nur die Maja der physischen Welt empfunden wurde, als nur die Sehnsucht nach der Vergangenheit in den Menschen lebte. Immer mehr wandte sich der Mensch zum physischen Plane hin in jener Zeit, als diese Ehe sich vollzog, die wir in der griechischen Kunst sehen, die in dem starken römischen bürgerlichen Bewußtsein ihren Ausdruck fand. Und das war auch die Zeit, wo das Christus-Prinzip im Fleische erscheinen konnte.
[ 20 ] Only at this stage of human development can that which has been foretold take on its actual, external form on the physical plane. It was only then—once humanity had conquered the physical plane—that the Christ could descend onto it. A Christ would not have been possible in the ancient culture, when only the maya of the physical world was perceived, when only a longing for the past lived within people. Humanity turned more and more toward the physical plane during that time when this union took place—a union we see in Greek art and which found its expression in the strong Roman civic consciousness. And that was also the time when the Christ principle could appear in the flesh.
[ 21 ] Daher müssen wir alle diejenigen, die vorher gewirkt haben, als wohl vertraut mit dem Christus ansehen; wir müssen sie ansehen als Propheten, die nur hinweisen konnten; die in dem Herabsteigen des Christus die Erfüllung dessen sahen, was sie selbst anstrebten.
[ 21 ] Therefore, we must regard all those who were active before as having been well acquainted with Christ; we must regard them as prophets who could only point the way; who saw in Christ’s coming the fulfillment of what they themselves had been striving for.
[ 22 ] Nunmehr werden wir in den nächsten Vorträgen sehen, wie das Christentum und andere Elemente zusammen einfließen in unsere nachchristliche Zeit und unsere Gegenwart bewirken. Heute sollte hingewiesen werden auf den Zeitpunkt, wo der Mensch durch die Eroberung des physischen Planes sich reif gemacht hat, um den Gottmenschen, den Christus zu verstehen.
[ 22 ] In the next few lectures, we will see how Christianity and other elements come together to shape our post-Christian era and our present day. Today, we should focus on the point in time when humanity, through its conquest of the physical plane, had become ready to understand the God-man, Christ.
