Egyptian Myths and Mysteries
in Relation to the Active Spiritual Forces of the Present
GA 106
11 September 1908, Leipzig
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Egyptian Myths and Mysteries, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] In unseren letzten Betrachtungen haben wir an unserer Seele vorüberziehen lassen eine Anzahl von Tatsachen der Evolution der Menschheit im einzelnen. Ich habe zu zeigen versucht, wie der Mensch sich entwickelt in jenem Zeitraum der Erdenentwickelung, der sich ungefähr erstreckt von dem Augenblicke an, als die Sonne aus der Erde austrat, bis zu der Zeit, als auch der Mond die Erde verließ. Es wird noch einiges zu diesen Tatsachen, die wir Tatsachen der okkulten Anatomie und Physiologie nennen können, hinzuzufügen sein. Aber damit wir alles in der richtigen Weise erfassen, müssen wir heute auf einige andere Tatsachen des geistigen Lebens einiges Licht werfen, denn wir dürfen nicht vergessen, daß eigentlich gezeigt werden soll, welches Verhältnis besteht zwischen den ägyptischen Mythen und Mysterien, überhaupt der ganzen ägyptischen Kulturperiode und unserer eigenen Zeit. Deshalb ist es notwendig, daß wir uns völlig klar darüber werden, wie überhaupt die Fortentwickelung durch die verschiedenen Epochen weitergeht.
[ 1 ] In our most recent reflections, we have considered in detail a number of facts regarding the evolution of humanity. I have attempted to show how human beings developed during that period of Earth’s evolution which extends roughly from the moment the Sun emerged from the Earth until the time when the Moon, too, left the Earth. There is still more to be added regarding these facts, which we may call facts of occult anatomy and physiology. But in order to grasp everything correctly, we must shed some light today on a few other facts of spiritual life, for we must not forget that the aim here is actually to show the relationship between the Egyptian myths and mysteries—and indeed the entire Egyptian cultural period—and our own time. Therefore, it is necessary that we gain a completely clear understanding of how this further development proceeds through the various epochs.
[ 2 ] Fassen wir noch einmal ins Auge das, was dargestellt worden ist als die Wirkung der Sonnen- und Mondengeister, namentlich der Osiris- und der Isiskräfte, durch deren Wirkungen der menschliche Leib erst entstanden und aufgebaut worden ist. Fassen wir ins Auge, daß das in einer urfernen Vergangenheit geschah, daß unsere Erde kaum im einzelnen sich herauskristallisiert hatte aus der Wassererde, und daß ein großer Teil des Beschriebenen eigentlich in dieser Wassererde sich abgespielt hat. Damals war ein Zustand des Menschen vorhanden, der uns einmal recht deutlich vor die Seele treten sollte, damit wir einen klaren Begriff bekommen von dem, wie es auch für das menschliche Schauen selber aussah beim Fortgang des Menschen in der Erdenentwickelung.
[ 2 ] Let us once again consider what has been described as the effect of the spirits of the Sun and Moon—namely, the forces of Osiris and Isis—through whose actions the human body was first brought into being and formed. Let us bear in mind that this took place in the distant past, when our Earth had barely begun to take shape from the watery earth, and that a large part of what has been described actually took place within this watery earth. At that time, human beings existed in a state that should one day stand quite clearly before our souls, so that we may gain a clear understanding of what the human act of seeing itself looked like as humanity progressed through Earth’s evolution.
[ 3 ] Ich habe dargestellt, wie die unteren Glieder der menschlichen Wesenheit, die Füße, Unterschenkel, Knie und so weiter sozusagen als physische Gestalt schon von dem Zeitpunkt an entstanden sind, als die Sonne Miene machte, hinauszuziehen aus der Erde. Wir müssen uns aber wohl erinnern, daß immer gesagt worden ist, das alles wäre so zu sehen gewesen, wenn ein menschliches Auge dagewesen wäre, welches das hätte sehen können. Ein solches Auge gab es aber nicht. Das ist erst viel später entstanden. Während der Mensch sich noch in der Wassererde befand, nahm er ausschließlich wahr mit dem Organ, das beschrieben worden ist als die Zirbeldrüse. Die Wahrnehmung mit dem physischen Auge kam erst dann zustande, als die menschliche Hüftenmitte sich ausgebildet hatte. Man kann also sagen, der untere Teil der menschlichen Gestalt war am Menschen schon vorhanden, aber nichts war an dem Menschen vorhanden, was den menschlichen Leib hätte sehen können. Der Mensch konnte sich damals selbst nicht sehen. Der Mensch bekam erst in dem Moment die Fähigkeit, sein Wesen anzuschauen, als sein Leib, von unten herauf sich bildend, die Hüftenmitte überschritten hatte. Als er gebildet war bis zum Zeichen der Waage, da wurde das Menschenauge erst aufgetan; da fing er an, sich nebelhaft zu sehen. Da erst entwickelte sich das Sehen der Gegenstände. So daß also bis zu dieser Entwickelung der Hüftenmitte alles menschliche Wahrnehmen, alles Schauen ein hellseherisches, astralisch-ätherisches Schauen war. Physisches konnte der Mensch damals noch nicht wahrnehmen, denn es war das Menschenbewußtsein noch ein dumpfes, dämmerhaftes, aber ein hellsichtiges, traumhaft-hellsichtiges.
[ 3 ] I have described how the lower parts of the human being—the feet, lower legs, knees, and so on—came into being, so to speak, as a physical form, from the very moment the Sun made a move to withdraw from the Earth. However, we must remember that it has always been said that all of this would have been visible if there had been a human eye capable of seeing it. But no such eye existed. It did not develop until much later. While the human being was still in the water-earth stage, he perceived exclusively through the organ described as the pineal gland. Perception through the physical eye did not come about until the human hip region had developed. One can therefore say that the lower part of the human form was already present in the human being, but there was nothing in the human being that could have seen the human body. At that time, human beings could not see themselves. It was only at the moment when their body—forming from the bottom up—had passed the center of the hips that they acquired the ability to behold their own being. When the body had developed up to the sign of Libra, the human eye was first opened; then they began to see themselves as a hazy image. It was only then that the perception of objects developed. Thus, up until this development of the midpoint of the hips, all human perception, all seeing, was a clairvoyant, astral-etheric form of seeing. Human beings could not yet perceive the physical at that time, for human consciousness was still a dull, twilight-like state—yet a clairvoyant, dreamlike-clairvoyant one.
[ 4 ] Und dann ging der Mensch über zu dem Bewußtseinszustand, wo abwechselte Schlafen und Wachen. Im Wachen sah der Mensch dann dumpf dasjenige, was physisch war, aber wie in Nebel gehüllt und wie mit einer Lichtaura umgeben. Im Schlaf aber erhob sich der Mensch zu den geistigen Welten und zu den göttlich-geistigen Wesenheiten. Sein Bewußtseinszustand wechselte ab zwischen einem Hellseherbewußtsein, das immer schwächer und schwächer wurde, und dem Tagesbewußtsein, dem immer heller und heller werdenden Gegenstandsbewußtsein, welches das Hauptbewußtsein heute ist. Damals verlor sich nach und nach die Fähigkeit der hellseherischen Wahrnehmung, immer mehr auch die Fähigkeit, die Götter im Schlafe zu sehen. Und in demselben Maße trat die Klarheit des Tagesbewußtseins ein, und immer stärker wurde damit das Selbstbewußtsein, das Ich-Gefühl, das Ich-Wahrnehmen.
[ 4 ] And then human beings transitioned to a state of consciousness in which sleeping and waking alternated. While awake, they perceived the physical world dimly, as if shrouded in mist and surrounded by a halo of light. In sleep, however, human beings ascended to the spiritual worlds and to the divine-spiritual beings. Their state of consciousness alternated between a clairvoyant consciousness—which grew weaker and weaker—and daytime consciousness, the increasingly clear object-oriented consciousness that is the primary form of consciousness today. At that time, the ability for clairvoyant perception was gradually lost, as was, to an ever-greater extent, the ability to see the gods in sleep. And to the same degree, the clarity of waking consciousness set in, and with it, self-consciousness—the sense of “I,” the perception of the “I”—grew ever stronger.
[ 5 ] Wenn wir zurückblicken in die lemurische Zeit, in die Zeit vor, während und nach dem Hinausgehen des Mondes aus der Erde, so blicken wir zunächst auf ein hellseherisches Bewußtsein des Menschen, wo der Mensch noch nichts ahnte von dem, was wir heute den Tod nennen. Denn wenn der Mensch damals heraustrat aus seinem physischen Leibe, gleichgültig ob durch Schlaf oder Tod, wenn er herauswanderte, dann versank damit nicht sein Bewußtsein, sondern er erhielt sogar ein höheres, ein geistigeres Bewußtsein in einer gewissen Beziehung, als wenn er in seinem physischen Leibe war. Der Mensch sagte sich damals niemals: Ich sterbe jetzt — oder: Ich trete in Bewußtlosigkeit - das gab es nicht in der damaligen Zeit. Der Mensch baute noch nicht auf sein eigenes Selbstgefühl, aber er fühlte sich im Schoße der Gottheit unsterblich, und er wußte alles das als selbstverständliche Tatsachen, was wir heute beschreiben.
[ 5 ] When we look back to the Lemurian era—the time before, during, and after the Moon’s separation from the Earth—we first encounter a clairvoyant state of human consciousness, in which human beings had no inkling of what we today call death. For when human beings stepped out of their physical bodies back then—whether through sleep or death—when they departed, their consciousness did not sink into oblivion; rather, they actually attained a higher, in a certain sense more spiritual, consciousness than when they were in their physical bodies. People back then never said to themselves: “I am dying now”—or “I am slipping into unconsciousness”—such concepts did not exist in those days. People did not yet rely on their own sense of self, but they felt immortal in the bosom of the Divine, and they knew all that we describe today as self-evident facts.
[ 6 ] Denken wir uns einmal folgendes. Denken wir uns, wir legten uns zum Schlaf nieder, der Astralleib bewegte sich aus dem physischen Leibe heraus, und das alles geschähe beim vollen Mond. Den physischen Leib mit dem Ätherleib haben wir also im Bette liegen, den Astralleib darüber schwebend, und das bei Vollmondschein. Nun ist die Situation nicht so, daß einfach da eine astralische Wolke für den Hellseher sichtbar wird, sondern er sieht in der Tat Strömungen vom Astralleib aus in den physischen Leib hineingehen, und diese Strömungen sind die Kräfte, welche in der Nacht die Ermüdung fortschaffen, und sie bringen dem physischen Leibe Ersatz für die Abnutzung am Tage, so daß er sich erquickt und erfrischt fühlt. Man würde aber zugleich geistige Ströme vom Monde ausgehen sehen, und diese Strömungen durchsetzen astrale Mächte. Man würde sehen, wie in der Tat vom Monde geistige Wirkungen ausgehen, die den Astralleib durchsetzen und verstärken und seine Tätigkeit an dem physischen Leibe beeinflussen.
[ 6 ] Let's imagine the following. Let’s imagine we lie down to sleep, the astral body moves out of the physical body, and all of this happens during a full moon. So we have the physical body with the etheric body lying in bed, the astral body hovering above it, and all this in the light of the full moon. Now, the situation is not simply that an astral cloud becomes visible to the clairvoyant, but rather that he actually sees currents flowing from the astral body into the physical body, and these currents are the forces that dispel fatigue during the night; they restore the physical body from the wear and tear of the day, so that it feels revitalized and refreshed. At the same time, however, one would see spiritual currents emanating from the moon, and these currents are permeated by astral forces. One would see how spiritual influences do indeed emanate from the moon, permeating and strengthening the astral body and influencing its activity on the physical body.
[ 7 ] Nehmen wir an, wir wären nun Menschen der alten lemurischen Zeit, dann würde der Astralleib dieses Einströmen der geistigen Kräfte wahrgenommen haben, würde hinaufgeschaut haben und gesagt haben: Das ist Osiris, der mich da stärkt, der an mir arbeitet, ich sehe, wie seine Wirkung durch mich geht. — Und wir würden uns geborgen gefühlt haben während der Nacht in Osiris, wir hätten sozusagen mit unserem Ich in Osiris gelebt. Ich und Osiris sind eins, würden wir empfunden haben. Hätten wir damals in Worte kleiden können, was wir empfunden haben, würden wir es etwa so charakterisiert haben, wenn wir zurückkehrten in den physischen Leib: Nun muß ich wieder hinunter in den physischen Leib, der da unten auf mich wartet; das ist eine Zeit, wo ich in meine niedere Natur untertauche - und wir hätten uns auf die Zeit gefreut, wo wir wieder verlassen konnten den physischen Leib und hinaufsteigen konnten und ruhen konnten im Schoße des Osiris oder im Schoße der Isis, wo wir unser Ich wieder vereinigten mit Osiris.
[ 7 ] Let’s suppose we were people living in the ancient Lemurian era; then our astral bodies would have perceived this influx of spiritual forces, would have looked up, and would have said: “That is Osiris, strengthening me, working on me; I can see his influence flowing through me.” — And we would have felt safe in Osiris during the night; we would have lived, so to speak, with our “I” in Osiris. “I and Osiris are one,” we would have felt. If we had been able to put what we felt into words back then, we would have described it something like this upon returning to the physical body: Now I must go back down into the physical body that is waiting for me down there; this is a time when I immerse myself in my lower nature—and we would have looked forward to the time when we could leave the physical body again and ascend and rest in the bosom of Osiris or in the bosom of Isis, where we would reunite our “I” with Osiris.
[ 8 ] Je mehr sich nun der physische Leib entwickelte, je mehr sich von unten da ansetzte, und je mehr, nach der Entwickelung der oberen Glieder, der Mensch auch physisch schauen konnte, je mehr der Mensch wahrnehmen konnte die Gegenstände in der physischen Welt um ihn her, desto längere Zeit mußte der Mensch verweilen, wenn er untertauchte in seinen physischen Leib, desto mehr Interesse gewann er an der physischen Welt, desto dunkler wurde sein Bewußtsein für die geistige Welt, desto klarer das Bewußtsein im physischen Leibe, desto mehr entwöhnte er sich der geistigen Welt. So entwikkelte sich immer mehr das Leben des Menschen in der physischen Welt, und in den Zuständen, die zwischen Tod und einer neuen Geburt verlaufen, wurde das Bewußtsein immer dunkler und dunkler. Jenes Heimatgefühl bei den Göttern verlor der Mensch in der atlantischen Zeit immer mehr, und als die große Katastrophe vorüber war, da hatte schon ein großer Teil der Menschen völlig verloren die natürliche Fähigkeit, während der Nacht hineinzuschauen in die geistige Welt, dafür aber gewonnen die Fähigkeit, bei Tage immer schärfer äußerlich zu schen, so daß die Gegenstände um sie her nach und nach in klareren Umrissen auftauchten. Es ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, daß bei den Menschen, die zurückgeblieben waren, die Gabe des Hellsehens sich noch erhalten hatte, während die nachatlantischen Kulturen sich entwickelten. Bis hinein in die Zeit, als das Christentum begründet wurde, gab es noch Nachzügler dieses Hellsehens, und noch heute gibt es, wenn auch sehr vereinzelt, Menschen, die sich als natürliche Gabe dieses Hellsehen bewahrt haben, das aber ein ganz anderes Hellsehen ist als das durch die esoterische Schulung gewonnene.
[ 8 ] The more the physical body developed, the more it took root from below, and the more—following the development of the upper limbs—human beings were able to see physically, the more a person could perceive the objects in the physical world around them, the longer they had to remain when they immersed themselves in their physical body, the more interest they gained in the physical world, the darker their consciousness became regarding the spiritual world, the clearer their consciousness in the physical body became, the more they weaned themselves away from the spiritual world. Thus, human life in the physical world developed more and more, and in the states that occur between death and a new birth, consciousness became darker and darker. During the Atlantean era, human beings increasingly lost that sense of belonging among the gods, and by the time the great catastrophe had passed, a large portion of humanity had already completely lost the natural ability to glimpse into the spiritual world at night; in its place, however, they had gained the ability to perceive the external world with ever-greater sharpness during the day, so that the objects around them gradually appeared in clearer outlines. It has already been pointed out that among those who had been left behind, the gift of clairvoyance had still been preserved while the post-Atlantean cultures were developing. Right up until the time when Christianity was founded, there were still stragglers of this clairvoyance, and even today there are—albeit very rarely—people who have retained this clairvoyance as a natural gift; however, it is a completely different kind of clairvoyance than that acquired through esoteric training.
[ 9 ] In der Atlantis wurde also die Nacht allmählich dunkel für den Menschen, während das Tagesbewußtsein anfing, sich aufzuhellen. Bewußtlos wurde die Nacht für die Menschen der ersten nachatlantischen Kultur, die wir zu charakterisieren versuchten in all ihrer Größe, in der Spiritualität, die hereingekommen ist durch die heiligen Rishis, die wir uns vor die Seele geführt haben in den vorhergehenden Vorträgen, und die wir jetzt noch von einer anderen Seite charakterisieren müssen.
[ 9 ] In Atlantis, then, night gradually grew dark for humankind, while daytime consciousness began to brighten. The night became unconscious for the people of the first post-Atlantean culture, which we have sought to characterize in all its grandeur, in the spirituality that entered through the holy Rishis whom we have brought before our souls in the previous lectures, and which we must now characterize from yet another perspective.
[ 10 ] Versetzen wir uns in die Seelen der Schüler der heiligen Rishis, in die Seelen der Leute der indischen Kultur überhaupt, sagen wir, in die Zeit unmittelbar nachdem die letzten Spuren der großen atlantischen Wasserkatastrophen verschwunden waren. Wie eine Art Erinnerung lebte es da noch in der Seele, eine Erinnerung an die alte Welt, an jene Welt, wo der Mensch die Götter, die an seinem Leibe arbeiteten, erlebte, und gesehen hatte, wie Osiris und Isis an ihm tätig waren. Jetzt war er heraus aus dieser Welt, aus dem Schoße der Götter. Früher war für ihn das alles da, wie für ihn heute das Physische da ist. Wie eine Erinnerung ging es durch das Gemüt des indischen Menschen, der der ersten nachatlantischen Kultur angehörte, durch das Gemüt des indischen Menschen, dem die Rishis noch sagen konnten, wie es wirklich war, denn er wußte, daß die Rishis und ihre Schüler schauen konnten in die geistige Welt. Er wußte aber auch, daß für den normalen Menschen, für den Angehörigen der indischen Kultur, die Zeiten, wo er hineinschauen konnte in die geistige Welt, vorbei waren.
[ 10 ] Let us put ourselves in the minds of the disciples of the holy Rishis, in the minds of the people of Indian culture in general—let us say, at the time immediately after the last traces of the great Atlantean floods had vanished. It still lived there in the soul as a kind of memory—a memory of the old world, of that world where human beings experienced the gods working upon their bodies and had seen how Osiris and Isis were at work within them. Now they had emerged from that world, from the bosom of the gods. In the past, all of this had been present for him, just as the physical world is present for him today. Like a memory, it passed through the mind of the Indian human being who belonged to the first post-Atlantean culture—through the mind of the Indian human being to whom the Rishis could still tell how things really were, for he knew that the Rishis and their disciples could see into the spiritual world. But he also knew that for the ordinary person—for those belonging to Indian culture—the times when he could look into the spiritual world were over.
[ 11 ] Wie eine Erinnerung, wie eine schmerzliche Erinnerung an die alte, wahre Heimatwelt zog es da durch die Seele des alten Inders, indem er sich in die physische Welt versetzt sah, die doch nur die äußere Schale der geistigen Welt ist, und er sehnte sich hinaus aus dieser äußeren Welt. Und er empfand: Unwahr sind die Berge, die Täler, unwahr die Wolkenmassen der Luft, selbst unwahr der Sternenhimmel, alles ist nur wie eine Hülle, wie eine Physiognomie des Wesens. Und das Wahre, das dahinter ist, die Götter und die wahre Gestalt des Menschen, wir können sie nicht sehen. Das was wir sehen, ist Maja, ist unwahr;; das Wahre ist verhüllt. - Und diese Stimmung wurde immer lebendiger, daß der Mensch, der Wahrheit entsprossen, in dem Geistigen seine Heimat hat; daß das Sinnliche unwahr, Maja ist, daß die physische Welt der Sinne ihn umnachtete.
[ 11 ] Like a memory—like a painful memory of the old, true homeland—it stirred within the soul of the old Indian as he found himself transported into the physical world, which is, after all, only the outer shell of the spiritual world, and he longed to escape from this outer world. And he felt: The mountains and valleys are illusory, the masses of clouds in the air are illusory, even the starry sky is illusory; everything is merely a covering, a physiognomy of being. And the truth that lies behind it—the gods and the true form of humanity—we cannot see. What we see is Maya, is false; the true is veiled. — And this feeling grew ever more vivid: that human beings, sprung from truth, have their home in the spiritual realm; that the sensory realm is false, is Maya; that the physical world of the senses has clouded their minds.
[ 12 ] Wer so stark den Gegensatz des Geistigen und des unwahren Physischen fühlt, für den wird die religiöse Stimmung dahin gehen, wenig Interesse zu empfinden in bezug auf die physische Welt und immer mehr den Geist zu lenken zu dem, was die Eingeweihten schauen, und von dem Kunde geben können die heiligen Rishis. Heraus sehnte sich der Inder aus dieser Wirklichkeit, aus der harten Wirklichkeit, die doch für ihn nichts war als Illusion. Denn das Wahre ist nicht das, was die Sinne wahrnehmen, das Wahre fühlte er erst dahinter. Und wenig Interesse wandte die erste nachatlantische Kulturperiode dem zu, was äußerlich auf dem physischen Plane geschah.
[ 12 ] For those who feel so strongly the contrast between the spiritual and the false physical, the religious disposition will lead them to take little interest in the physical world and to direct their spirit more and more toward what the initiates behold and what the holy rishis can reveal. The Indian longed to escape this reality—this harsh reality, which for him was nothing but an illusion. For the true is not what the senses perceive; he sensed the true only beyond that. And the first post-Atlantean cultural period paid little attention to what was happening outwardly on the physical plane.
[ 13 ] Anders war es schon in der zweiten Kulturperiode, bei den Persern, aus der dann Zarathustra hervorgegangen ist, der große Schüler des Manu. Wenn wir durch ein paar Striche charakterisieren wollen, worin der Übergang der indischen zu der Perserkultur bestand, so können wir sagen: Der Angehörige der persischen Kultur fühlte das Physische nicht bloß wie eine Fügung, er fühlte es wie eine Aufgabe. Zwar sah auch er noch hinauf in die Regionen des Lichtes, er sah hinauf in die geistigen Welten, aber er wandte den Blick wieder zurück in die physische Welt, und vor seiner Seele stand, wie alles in die Lichtgewalten und in die dunkeln Gewalten zerfiel. Die physische Welt wurde ihm ein Arbeitsfeld. Der Perser sagte sich: Es gibt die gute Lichtfülle, die Gottheit Ahura Mazdao oder Ormuzd, und es gibt die dunkeln Mächte, unter der Führung des Angramainyush oder Ahriman. Von Ahura Mazdao kommt das Heil der Menschen, von Ahriman die physische Welt. Wir müssen das, was kommt von Ahriman, umwandeln, wir müssen uns mit den guten Göttern verbinden und Ahriman, den bösen Gott in der Materie besiegen, indem wir die Erde umarbeiten, indem wir solche Wesen werden, daß wir die Erde bearbeiten können. Indem wir so den Ahriman besiegen, machen wir die Erde zu einem Mittel für das Gute. — Den ersten Schritt, die Erde zu erlösen, taten die Angehörigen der persischen Kultur, und sie hatten die Hoffnung, daß die Erde auch einstmals ein guter Planet sein werde, daß sie erlöst sein würde, und daß eine Verherrlichung eintreten werde Ahura Mazdaos, des höchsten Wesens.
[ 13 ] The situation was already different in the second cultural period, among the Persians, from whom Zoroaster—the great disciple of Manu—later emerged. If we wish to characterize in a few strokes what the transition from Indian to Persian culture consisted of, we can say: The adherent of Persian culture did not merely perceive the physical realm as a fate; he perceived it as a task. Although he, too, still looked up toward the regions of light—he looked up toward the spiritual worlds—he turned his gaze back to the physical world, and before his soul lay the sight of how everything was divided into the forces of light and the dark forces. The physical world became a field of work for them. The Persians told themselves: There is the good abundance of light, the deity Ahura Mazda or Ormuzd, and there are the dark powers, led by Angramainyush or Ahriman. From Ahura Mazda comes the salvation of humankind; from Ahriman comes the physical world. We must transform what comes from Ahriman; we must unite with the good gods and defeat Ahriman, the evil god in matter, by working the earth, by becoming beings capable of cultivating the earth. By defeating Ahriman in this way, we make the earth a means for the good. — The first step toward redeeming the earth was taken by the people of Persian culture, and they held the hope that the earth, too, would one day become a good planet, that it would be redeemed, and that Ahura Mazdao, the supreme being, would be glorified.
[ 14 ] So hatte der gefühlt, der nicht in die erhabenen Höhen sah wie der Inder, der aber festen Fuß faßte auf dieser physischen Welt. So aber dachte nicht der Angehörige der indischen Kultur, der den festen Boden unter den Füßen verlor.
[ 14 ] That was how the person felt who did not gaze upon the sublime heights as the Indian did, but who stood firmly grounded in this physical world. That, however, was not how the member of Indian culture thought, who had lost the firm ground beneath his feet.
[ 15 ] Und weiter ging die Eroberung des physischen Plans in der dritten Kulturstufe, in der ägyptisch-babylonisch-assyrisch-chaldäischen Kultur. Da war kaum mehr etwas vorhanden von dem uralten Widerwillen, mit dem die physische Welt als Maja gefühlt wurde. Die Chaldäer blickten zu dem Sternenhimmel hinauf, und der Lichtesglanz der Sterne war für sie nicht bloß Maja, sondern das waren für sie die Schriftzeichen, die die Götter dem physischen Plan eingeprägt hatten. Und auf den Wegen der Sterne verfolgte der chaldäische Priesterweise den Weg zurück in die geistigen Welten, und als er eingeweiht wurde, als er kennenlernte alle die Wesen, welche die Planeten, die Gestirne bewohnten, da erhob er seine Augen hinauf und sagte sich: Was ich sehe mit meinen Augen, wenn ich zum Sternenhimmel den Blick erhebe, das ist der äußere Ausdruck dessen, was mir das okkulte Schauen, die Einweihung gibt. Wenn der einweihende Priester mir die Gnade des Schauens des Gottes verleiht, dann sehe ich den Gott. Aber alles Äußere, was ich sche, ist nicht bloß Illusion; in ihm sehe ich die Schrift der Götter.
[ 15 ] And the conquest of the physical plane continued into the third cultural stage, the Egyptian-Babylonian-Assyrian-Chaldean culture. By then, hardly anything remained of the ancient aversion with which the physical world had been perceived as Maya. The Chaldeans looked up at the starry sky, and the radiance of the stars was not merely Maya to them, but rather the characters that the gods had inscribed upon the physical plane. And along the paths of the stars, the Chaldean priest-sage traced the way back to the spiritual worlds; and when he was initiated, when he came to know all the beings that inhabited the planets and the heavenly bodies, he raised his eyes and said to himself: What I see with my eyes when I lift my gaze to the starry sky is the outer expression of what occult vision—initiation—bestows upon me. When the initiating priest grants me the grace to behold the God, then I see the God. But everything external that I see is not merely an illusion; in it I see the script of the gods.
[ 16 ] So kam sich ein solcher Eingeweihter vor, wie wir uns vorkommen, wenn wir einem Freunde gegenüberstehen, dann lange voneinander getrennt sind und dann einen Brief von ihm bekommen und die Schriftzeichen des entfernten Freundes vor uns sehen, Wir sehen, das war seine Hand, die diese Schriftzeichen geformt hat, wir nehmen wahr die Gefühle des Herzens, die darinnen ausgedrückt sind. So fühlte ungefähr der chaldäische und auch der ägyptische Eingeweihte, der in die heiligen Mysterien eingeweiht war, der, während er im Mysterientempel war, mit seinem geistigen Auge sah die geistigen Wesenheiten, die mit unserer Erde verbunden sind. Und wenn er das alles sah und er dann hinausging, und wenn er dann die Welt der Sterne sah, so kam ihm das vor wie ein Brief der geistigen Wesen. Er vernahm eine Schrift der Götter, wenn die Blitze leuchteten, wenn der Donner rollte; im Sturmwind vernahm er eine Offenbarung der Götter. Die Götter hatten sich manifestiert für ihn in allem, was er äußerlich sah. So wie wir dem Briefe des Freundes gegenüber fühlen, so fühlte er die äußerliche Welt, so fühlte er, wenn er die Welt der Elemente, die Welt der Pflanzen, der Tiere, der Berge, die Welt der Wolken, die Welt der Sterne sah. Alles das wurde entziffert als eine Götterschrift.
[ 16 ] This is how such an initiate felt—just as we feel when we are face to face with a friend, then are separated from one another for a long time, and then receive a letter from him and see the characters written by our distant friend before us. We see that it was his hand that formed these characters; we perceive the feelings of the heart expressed within them. This is roughly how the Chaldean and also the Egyptian initiate felt—one who had been initiated into the sacred mysteries, who, while in the temple of the mysteries, saw with his spiritual eye the spiritual beings connected to our Earth. And when he saw all this and then went outside, and when he then looked upon the world of the stars, it seemed to him like a letter from the spiritual beings. He perceived a message from the gods when the lightning flashed and the thunder rolled; in the stormy wind he perceived a revelation from the gods. The gods had manifested themselves to him in everything he saw externally. Just as we feel when faced with a letter from a friend, so did he feel toward the external world; so did he feel when he saw the world of the elements, the world of plants, animals, and mountains, the world of clouds, and the world of the stars. All of this was deciphered as a divine script.
[ 17 ] Und indem die Ägypter vertrauten auf die Gesetze, die der Mensch finden konnte in der physischen Welt, wodurch der Mensch die Materie beherrschen kann, da entstand die Geometrie, die Mathematik. Mit ihrer Hilfe konnte der Mensch die Elemente beherrschen, weil er vertraute auf das, was sein Geist finden konnte, weil er glaubte, daß man einprägen konnte den Geist der Materie. Da konnte er die Pyramiden schaffen, die Tempel und die Sphingen. Das war ein gewaltiger Schritt für die Eroberung des physischen Planes, der in dieser dritten Kulturperiode getan wurde. Und damit war der Mensch so weit gekommen, überhaupt erst richtig den physischen Plan zu respektieren; die physische Welt war ihm jetzt erst etwas geworden. Aber was für Lehrer hatte er vorher gebraucht?
[ 17 ] And because the Egyptians trusted in the laws that humans could discover in the physical world—laws through which humans can master matter—geometry and mathematics arose. With their help, man was able to master the elements because he trusted in what his mind could discover, because he believed that one could imprint the mind upon matter. Thus, he was able to create the pyramids, the temples, and the sphinxes. This was a tremendous step toward the conquest of the physical plane, taken during this third cultural period. And with that, humankind had finally reached the point where it could truly respect the physical plane; only now had the physical world become a reality for them. But what kind of teachers had they needed before?
[ 18 ] Vorher hatte der Mensch Lehrer gebraucht; auch die Eingeweihten haben Lehrer gebraucht, sagen wir in der alten indischen Zeit. Was für Lehrer haben die Eingeweihten gebraucht? Es war notwendig, daß der Eingeweihte künstlich dazu geführt wurde, in den Einweihungszuständen das wieder zu sehen, was früher der Mensch in seinem dumpfen Hellseherbewußtsein hat sehen können. Zurückgeführt werden mußte der Einzuweihende. Er mußte in die geistige Welt, in die frühere geistige Heimat wieder hinaufgeführt werden, damit er das, was er durch seine Erlebnisse erfahren konnte, den anderen vermitteln konnte. Dazu brauchte er Lehrer. So brauchten die Schüler der Rishis Lehrer, die ihnen vorwiesen, was geschah im alten Lemurien, was geschah in der alten Atlantis, als der Mensch noch hellsehen konnte. Und ebenso war es noch bei den Persern.
[ 18 ] In the past, people needed teachers; even the initiates needed teachers, let’s say in ancient India. What kind of teachers did the initiates need? It was necessary for the initiate to be artificially guided to see again, in the states of initiation, what human beings had once been able to see in their dim clairvoyant consciousness. The initiate had to be led back. He had to be led back up into the spiritual world, into his former spiritual homeland, so that he could convey to others what he had experienced through his own inner journey. For this, he needed teachers. Thus, the disciples of the Rishis needed teachers who would show them what happened in ancient Lemuria, what happened in ancient Atlantis, when human beings were still capable of clairvoyance. And it was still the same among the Persians.
[ 19 ] Anders wurde das bei den Chaldäern, anders besonders bei den Ägyptern. Oh, auch da gab es solche Lehrer, die den Schüler dahin brachten, daß er seine Kräfte so entwickelte, daß er durch hellsichtiges Schauen hineinsah in die geistige Welt, hinter die physische Welt. Das waren die Initiatoren, die zeigten das, was hinter dem Physischen liegt. Aber eine neue Lehre, eine ganz neue Methode wurde notwendig in Ägypten. Im alten Indien hatte man sich wenig gekümmert um das, wie dasjenige, was in der geistigen Welt vorgeht, eingeschrieben ist in den physischen Plan, um die Korrespondenz zwischen Göttern und Menschen; darum hatte man sich wenig gekümmert. In Ägypten aber war etwas anderes nötig: nicht nur daß der Schüler durch die Einweihung die Götter sah, sondern auch, wie ‚diese die Hände bewegten, um die Sternenschrift zu vollziehen, wie sich alle physischen Formen herausgebildet hatten. Die alten Ägypter hatten Schulen, ganz nach dem Muster der Inder, aber sie lernten noch hinzu, wie die geistigen Kräfte mit der physischen Welt korrespondieren. Jetzt hatten sie einen neuen Lehrstoff. In Indien würde man den Schüler gewiesen haben auf die geistigen Kräfte durch das Hellsehen; in Ägypten kam hinzu, daß man zeigte, was physisch korrespondiert mit den geistigen Taten. Man zeigte es an jedem Gliede des physischen Leibes, welcher geistigen Arbeit es entsprach; zum Beispiel wie das Herz einer geistigen Arbeit entspricht, das wurde gelehrt. Und der Stifter der Schule, durch welche nicht nur das Geistige gezeigt wurde, sondern auch seine Arbeit am Physischen, der Stifter dieser Schule war der große Initiator Hermes Trismegistos. So haben wir in ihm, dem dreimal großen Thoth, den ersten zu sehen, welcher den Menschen zeigte die ganze physische Welt als eine Schrift der Götter. So sehen wir Stück für Stück unsere nachatlantischen Kulturen ihre Impulse der Menschheitsevolution einverleiben. Wie ein göttlicher Gesandter erschien den Ägyptern Hermes. Er gab ihnen das, was man zu entziffern hatte als die Tat der Götter in der physischen Welt.
[ 19 ] Things were different among the Chaldeans, and especially among the Egyptians. Oh, there, too, there were teachers who guided students to develop their powers to such an extent that, through clairvoyant vision, they could look into the spiritual world, beyond the physical world. These were the initiators who revealed what lies beyond the physical. But a new teaching, an entirely new method, became necessary in Egypt. In ancient India, little attention had been paid to how what takes place in the spiritual world is inscribed in the physical plane, or to the correspondence between gods and humans; little attention had been paid to that. In Egypt, however, something else was needed: not only that the initiate, through initiation, see the gods, but also how “they moved their hands to inscribe the stellar script,” and how all physical forms had come into being. The ancient Egyptians had schools, modeled entirely on those of the Indians, but they also learned how the spiritual forces correspond with the physical world. Now they had a new subject of study. In India, the student would have been introduced to the spiritual forces through clairvoyance; in Egypt, in addition, they showed what physically corresponds to spiritual acts. They demonstrated, for each part of the physical body, which spiritual work it corresponded to; for example, how the heart corresponds to a spiritual work—that was taught. And the founder of the school—through which not only the spiritual was revealed, but also its work on the physical—the founder of this school was the great initiator Hermes Trismegistus. Thus, in him—the thrice-great Thoth—we see the first to reveal to humanity the entire physical world as a scripture of the gods. Thus, we see our post-Atlantean cultures gradually incorporating the impulses of human evolution. Hermes appeared to the Egyptians as a divine messenger. He gave them what had to be deciphered as the deeds of the gods in the physical world.
[ 20 ] Damit haben wir ein wenig charakterisiert die drei Kulturepochen der nachatlantischen Zeit. Die Menschen hatten den physischen Plan schätzen gelernt.
[ 20 ] We have thus briefly characterized the three cultural epochs of the post-Atlantean era. People had come to appreciate the physical plane.
[ 21 ] Die vierte Kulturperiode, die griechisch-lateinische, ist die Epoche, in welcher der Mensch noch mehr mit dem physischen Plan in Berührung kommt. In dieser Zeit kommt der Mensch so weit, nicht nur die Schrift der Götter in der physischen Welt zu sehen, sondern auch sein Selbst, seine geistige Individualität in die objektive Welt zu setzen. Solche Schöpfungen der Kunst wie in Griechenland gab es vorher nicht. Daß der Mensch sich selbst hinaussetzte aus sich in der Skulptur, in den Bildwerken, daß er darin etwas wie sein physisches Selbst geschaffen hat, das war in der vierten Kulturperiode erreicht.
[ 21 ] The fourth cultural period, the Greco-Latin period, is the era in which human beings come into even closer contact with the physical plane. During this time, human beings reach the point where they not only perceive the writing of the gods in the physical world, but also project their own selves—their spiritual individuality—into the objective world. Artistic creations such as those found in Greece had never existed before. The fact that human beings projected themselves outward from within themselves in sculpture and other works of art—that they created in them something like their physical selves—was achieved in the fourth cultural period.
[ 22 ] In dieser Zeit sehen wir das Innere, das Geistige des Menschen, hinaussteigen aus dem Menschen auf den physischen Plan und einfließen in die Materie. Am reinsten sehen wir dieses Eingehen einer Ehe zwischen dem Geistigen und der Materie in dem griechischen Tempel. Dieser Tempel ist für jeden, der ihn rückblickend schauen kann, ein wunderbares Werk. Die griechische Architektonik ist Urarchitektonik. Jede Kunst hat ihren Höhepunkt irgendwo. Hier hatte die Architektur ihren Höhepunkt. Die Plastik, die Malerei, auch sie haben irgendwo einmal ihren Höhepunkt erreicht. Trotz der gigantischen Pyramide ist in dem griechischen Tempel das Wunderbarste an Architektur geschaffen worden. Denn was ist in ihm erreicht?
[ 22 ] During this period, we see the inner, spiritual aspect of the human being rising out of the person onto the physical plane and flowing into matter. We see this union between the spiritual and the material in its purest form in the Greek temple. For anyone who can look at it with hindsight, this temple is a marvelous work of art. Greek architecture is primordial architecture. Every art form reaches its pinnacle somewhere. Here, architecture reached its pinnacle. Sculpture and painting, too, each reached their pinnacle at some point. Despite the gigantic pyramids, the most marvelous achievement in architecture was created in the Greek temple. For what has been achieved within it?
[ 23 ] Einen schwachen Nachklang mag der empfinden, der ein künstlerisches Raumgefühl hat, das heißt, der empfindet, wie eine Linie, die horizontal ist, sich verhält zu einer Linie, die vertikal geht. Und eine ganze Summe von kosmischen Wahrheiten lebt in der Seele auf, die bloß fühlen kann, wie die Säule trägt dasjenige, was über der Säule liegt. Man muß es fühlen können, daß alle diese Linien schon vorher unsichtbar im Raum sich befinden. Der griechische Künstler sah gleichsam hellseherisch die Säule und fügte nur Materie hinein in das, was er sah. Er sah den Raum als lauter Lebendes, er sah ihn von lebendigen Kräften durchzogen. Wie könnte der heutige Mensch einigermaßen nur nachfühlen, welche Lebendigkeit dieses Raumgefühl hatte?
[ 23 ] Those with a sense of artistic space—that is, those who perceive how a horizontal line relates to a vertical one—may sense a faint echo of this. And a whole host of cosmic truths comes to life in the soul that is simply able to sense how the column supports what lies above it. One must be able to sense that all these lines already exist invisibly in space. The Greek artist saw the column, as it were, clairvoyantly, and merely added matter to what he saw. He saw space as pure life; he saw it permeated by living forces. How could people today even begin to grasp the vitality of this sense of space?
[ 24 ] Einen schwachen Nachklang können wir bei den alten Malern sehen. Man kann noch Darstellungen sehen, wo man zum Beispiel Engel im Raume schwebend sieht, und wir haben das Gefühl, die Engel halten sich gegenseitig. Wenig ist heute von diesem Gefühl des Raumes noch vorhanden. Ich will nichts einwenden gegen die Farbenkunst des Böcklin, aber jedes okkulte Raumgefühl geht ihm ab. Solch ein Wesen, wie es sich über seiner Pietà befindet —- man weiß nicht, ob es ein Engel sein soll oder sonst ein Wesen -, das muß unbedingt im Beschauer das Gefühl erwecken, daß es jeden Augenblick herunterfallen muß auf die Gruppe unter ihm. Das muß betont werden, wenn man hinweisen will auf etwas, wovon heute kaum eine Vorstellung hervorgerufen werden kann: auf das Raumgefühl der Griechen, von dem ausdrücklich betont werden muß, daß es okkulter Natur ist. Ein griechischer Tempel war etwas, als ob der Raum aus seinen Linien sich selber geboren hätte. Die Folge davon war, daB göttliche Wesenheiten, die der Grieche als Hellseher kannte, für die der 'Tempel errichtet war, wirklich in den Tempel sich hinunterneigten, wirklich sich darin wohl fühlten. Und es ist wahr: Pallas Athene, Zeus und so weiter waren wirklich in den Tempeln darinnen; sie hatten ihre Körper, ihre materiellen Körper in diesen Tempeln. Denn, da solche Wesenheiten sich nur bis in einen Ätherleib inkarnieren konnten, fanden sie in diesen Tempeln eine wirkliche Wohnstätte in der physischen Welt. Ihr physischer Leib konnte ein solcher Tempel werden, in dem sich ihr Ätherleib wohlbefand.
[ 24 ] We can see a faint echo of this in the works of the old painters. One can still find depictions where, for example, angels are shown floating in space, and we get the feeling that the angels are supporting one another. Little of this sense of space remains today. I have no objection to Böcklin’s use of color, but he lacks any occult sense of space. A figure such as the one above his *Pietà*—one does not know whether it is meant to be an angel or some other being—must inevitably evoke in the viewer the feeling that it is about to fall at any moment onto the group below it. This must be emphasized if one wishes to point to something that is almost impossible to conceive of today: the Greek sense of space, which must be explicitly described as being of an occult nature. A Greek temple was something as if space had been born of its own lines. The consequence of this was that divine beings—whom the Greeks, as clairvoyants, knew and for whom the temple was built—truly descended into the temple and truly felt at home there. And it is true: Pallas Athena, Zeus, and so on were truly present within the temples; they had their bodies—their material bodies—in these temples. For since such beings could incarnate only into an etheric body, they found in these temples a true dwelling place in the physical world. Their physical body could become such a temple in which their etheric body felt at home.
[ 25 ] Wer den griechischen Tempel versteht, der weiß, daß er sich ganz bedeutsam unterscheidet von einem gotischen Dom. Darin soll keine Kritik gegen die gotische Baukunst liegen, denn der gotische Dom ist auch ein erhabenes Kunstwerk. Von einem griechischen Tempel aber kann derjenige, der in die Dinge hineinschaut, sich wohl vorstellen, daß, auch wenn er in seiner Einsamkeit dasteht, wenn weit und breit kein Mensch da ist, wenn er ganz allein ist, nur der Tempel da ist, er als ein Ganzes dasteht. Ein griechischer 'Tempel ist doch vollständig, auch wenn kein Mensch darinnen betet. Er ist nicht seelenlos, er ist nicht leer, denn der Gott ist in ihm, er wird bewohnt von dem Gott.
[ 25 ] Anyone who understands the Greek temple knows that it differs significantly from a Gothic cathedral. This is not meant as a criticism of Gothic architecture, for the Gothic cathedral is also a sublime work of art. But anyone who looks deeply into the nature of a Greek temple can well imagine that, even when it stands in solitude—when there is not a soul to be seen far and wide, when it is completely alone, with only the temple there—it stands as a whole. A Greek temple is, after all, complete, even if no one is praying inside it. It is not soulless; it is not empty, for the god is within it; it is inhabited by the god.
[ 26 ] Aber ein gotischer Dom ist nur halb, ist nicht vollständig, wenn keine Gläubigen, keine Beter darinnen sind. Den gotischen Dom kann sich derjenige, der das versteht, nicht so denken, daß er einsam, allein, ohne die gläubige Menge dastehe, die mit ihren Gedanken sich hineinbewegt in ihn. Und all die gotischen Formen und Zierate gehören zu dem, was von ihm ausgeht. Kein Gott, kein geistiges Wesen ist beim gotischen Dom, wenn nicht die Gebete der Gläubigen darinnen sind. Erst wenn die betende Gemeinde versammelt ist, dann ist er erfüllt von dem Göttlichen. Das drückt sich selbst in dem Worte «Dom» aus, denn es ist verwandt mit dem «tum» in Deutschtum, Volkstum und so weiter, das immer etwas Sammelndes hat, und das Wort «Duma» ist sogar damit verwandt. Der griechische Tempel ist kein Haus der Gläubigen. Er ist geformt als ein Haus, das der Gott selbst bewohnt; er kann allein stehen. Im gotischen Dom aber fühlte man sich nur heimisch, wenn die gläubige Menge ihn füllte, wenn die andächtige Gemeinde versammelt war, wenn durch die farbigen Fensterscheiben das Licht der Sonne schien und die Farben sich spalteten an den feinen Stäubchen, und dann, wie es oft und oft geschah, der Prediger auf der Kanzel im Dom sagte: Ebenso wie sich das Licht spaltet in die vielen Farben, so teilt sich auch das eine geistige Licht, die göttliche Kraft, unter die Menge der Seelen und in die vielen Kräfte des physischen Plans. — Oft sagte der Prediger so etwas. Wenn Anschauung und geistiges Erleben so zusammenflossen, dann war der Dom etwas Vollständiges.
[ 26 ] But a Gothic cathedral is only half a cathedral—it is not complete—if there are no believers, no worshippers within it. Anyone who understands this cannot conceive of the Gothic cathedral as standing there lonely and alone, without the faithful congregation whose thoughts flow into it. And all the Gothic forms and ornamentation are part of what emanates from it. No God, no spiritual being is present in the Gothic cathedral unless the prayers of the faithful are within it. Only when the praying congregation is gathered is it filled with the divine. This is expressed even in the word “Dom,” for it is related to the “tum” in “Deutschtum” (German spirit), “Volkstum” (national character), and so on—terms that always imply a sense of gathering—and the word “Duma” is even related to it. The Greek temple is not a house of the faithful. It is designed as a house inhabited by the god himself; it can stand alone. In the Gothic cathedral, however, one felt at home only when the faithful filled it, when the devout congregation was gathered, when the sunlight shone through the stained-glass windows and the colors were refracted by the fine dust particles, and then, as happened time and again, the preacher in the cathedral’s pulpit said: Just as light is refracted into many colors, so too does the one spiritual light—the divine power—divide itself among the multitude of souls and into the many forces of the physical plane. — The preacher often said things like this. When visual perception and spiritual experience flowed together in this way, the cathedral became something complete.
[ 27 ] So wie es mit den großen Tempelbauten war, so war es in allem Künstlerischen bei den Griechen. Der Marmor ihrer Skulpturen nahm den Schein des Lebendigen an, der Grieche drückte das im Physischen aus, was in seinem Geistigen lebte; eine Ehe des Geistigen mit dem Physischen war bei den Griechen vorhanden.
[ 27 ] Just as it was with the great temple structures, so it was with all artistic expression among the Greeks. The marble of their sculptures took on the appearance of life; the Greeks expressed in the physical realm what lived in their spiritual realm; a union of the spiritual and the physical existed among the Greeks.
[ 28 ] Der Römer aber war noch einen Schritt weiter gegangen in der Besiegung des physischen Planes. Der Grieche hatte die Fähigkeit, das Seelisch-Geistige in seine Kunstwerke hineinzuschaffen, er fühlte sich aber noch als Glied eines Ganzen, der Polis, des Stadtstaates; er fühlte sich noch nicht als Persönlichkeit. So war es auch bei den früheren Kulturen: Der Ägypter fühlte sich nicht als einzelner Mensch, er fühlte sich als Ägypter, als Glied eines Volkes. So finden wir auch in Griechenland, wie der Mensch nicht Wert darauf legte, sich als Mensch zu fühlen, sondern wie es sein höchster Stolz war, ein Spartaner, ein Athener zu sein. Eine Persönlichkeit zu sein, selbst etwas zu sein in der Welt, das wurde zum ersten Male durch das Römertum empfunden.
[ 28 ] The Romans, however, had gone one step further in overcoming the physical plane. The Greeks had the ability to infuse their works of art with the soul-spiritual, but they still felt themselves to be part of a whole—the polis, the city-state; they did not yet feel themselves to be individuals. The same was true of earlier cultures: the Egyptian did not see himself as an individual human being; he saw himself as an Egyptian, as a member of a people. In Greece, too, we find that people did not place value on seeing themselves as human beings, but rather took the greatest pride in being a Spartan or an Athenian. To be a person, to be something in the world in one’s own right—this was first experienced through Roman civilization.
[ 29 ] Daß eine Persönlichkeit etwas für sich ist, das wurde erst für den Römer wahr. Der Römer erfand den Begriff «Bürger», daher entstand bei ihm dafür die Grundlage, die Jurisprudenz, das Recht, das man mit Recht eine römische Erfindung genannt hat. Nur heutige Juristen, die keine Ahnung von diesen Tatsachen haben, haben die Geschmacklosigkeit gehabt, davon zu sprechen, daß es schon vorher ein Recht in diesem Sinne gegeben habe. Die Leute reden Unsinn, die von orientalischen Rechtsschöpfern sprechen, wie zum Beispiel von Hammurabi. Es gab vorher keine Rechtsgebote, es gab nur göttliche Gebote. Man müßte harte Worte sprechen, wenn man objektiv sprechen wollte über diese Wissenschaft; man müßte, wollte man gerecht sein, furchtbar harte Worte sprechen, und jede Kritik ist nur eine mitleidige Kritik. Der Begriff des Bürgers wurde im alten Rom erst wirklich gefühlt. Da hatte der Mensch bis zu seiner eigenen Individualität das Geistige in die physische Welt gebracht. Im alten Rom wurde zuerst das Testament erfunden; da wurde der Wille der einzelnen Persönlichkeit so stark, daß sie sogar über den Tod hinaus bestimmen konnte, was mit ihrem Besitz, ihrem Eigentum geschehen sollte. Jetzt sollte der einzelne, persönliche Mensch maßgebend sein. Damit hatte der Mensch in seiner eigenen Individualität das Geistige bis auf den physischen Plan heruntergebracht. Das war der tiefste Punkt der Entwickelung.
[ 29 ] The idea that a person is an individual in their own right only became a reality for the Romans. The Romans invented the concept of the “citizen,” and thus laid the foundation for jurisprudence—the law—which has rightly been called a Roman invention. Only modern jurists, who have no idea about these facts, have had the poor taste to claim that law in this sense already existed beforehand. People who speak of Eastern lawgivers, such as Hammurabi, are talking nonsense. There were no legal precepts before; there were only divine commandments. One would have to use harsh words if one wanted to speak objectively about this science; one would have to, if one wanted to be fair, use terribly harsh words, and any criticism is merely a sympathetic one. The concept of the citizen was first truly felt in ancient Rome. There, human beings had brought the spiritual into the physical world, right down to their own individuality. It was in ancient Rome that the will was first invented; there, the will of the individual personality became so strong that it could even determine, beyond death, what should happen to their possessions and property. Now the individual, personal human being was to be the determining factor. With this, humanity had brought the spiritual down to the physical plane through its own individuality. That was the lowest point of development.
[ 30 ] Am höchsten stand der Mensch in der indischen Kultur. Der Inder schwebte noch in spiritueller Höhe, auf dem höchsten Punkt. In der zweiten Kultur, der urpersischen, stieg der Mensch schon hinunter. In der dritten Kultur, der ägyptischen, noch mehr. In der vierten Kultur stieg der Mensch ganz hinunter auf den physischen Plan, in die Materie. Da gab es einen Punkt, wo der Mensch am Scheidewege stand; entweder konnte er tiefer und tiefer steigen, oder er mußte auf dem tiefsten Punkt die Möglichkeit gewinnen, sich wieder heraufzuarbeiten, wieder zurückzukehren in die geistige Welt. Dazu mußte aber ein geistiger Impuls auf den physischen Plan selbst kommen, ein mächtiger Ruck, der den Menschen zurückführen konnte in die geistige Welt. Dieser mächtige Ruck aber wurde gegeben durch die Erscheinung des Christus Jesus auf Erden. Der göttlich-geistige Christus mußte zu den Menschen in einem physischen Menschenleibe kommen, mußte die physische Erscheinung in der physischen Welt durchmachen. Jetzt, wo der Mensch ganz in der physischen Welt war, mußte der Gott zu ihm heruntersteigen, damit er den Weg zurückfinde in die geistige Welt. Das wäre vorher nicht möglich gewesen. Wir haben heute die Entwickelung der Kulturen der nachatlantischen Zeit bis zu ihrem tiefsten Punkte verfolgt; wir haben angedeutet gesehen, wie der geistige Impuls durch den Christus im tiefsten Punkte geschah. Jetzt soll der Mensch wieder heraufsteigen, durchgeistigt und durchsetzt von dem Christus-Prinzip. Wir werden so sehen, wie zum Beispiel die ägyptische Kultur in unserem Zeitraum wieder auftaucht, aber durchsetzt von dem Christus-Prinzip.
[ 30 ] Humanity stood at its highest point in Indian culture. The Indian still soared to spiritual heights, at the very pinnacle. In the second culture, the Proto-Persian, humanity had already begun to descend. In the third culture, the Egyptian, the descent was even greater. In the fourth culture, humankind descended all the way to the physical plane, into matter. There came a point where humankind stood at a crossroads; either it could descend deeper and deeper, or it had to, at the lowest point, gain the ability to work its way back up, to return once more to the spiritual world. For this to happen, however, a spiritual impulse had to come onto the physical plane itself—a powerful jolt that could lead humanity back into the spiritual world. This powerful jolt was provided by the appearance of Christ Jesus on Earth. The divine-spiritual Christ had to come to humanity in a physical human body; He had to undergo physical existence in the physical world. Now that humanity was entirely within the physical world, God had to descend to them so that they might find their way back to the spiritual world. This would not have been possible before. Today we have traced the development of the cultures of the post-Atlantean era down to their lowest point; we have seen, in outline, how the spiritual impulse through Christ occurred at that lowest point. Now humanity is to ascend again, spiritualized and permeated by the Christ principle. We will thus see how, for example, Egyptian culture reemerges in our era, but permeated by the Christ principle.
