The Gospel of St. John
in comparison with the other three Gospels,
particularly the Gospel of Luke
GA 112
2 July 1909, Kassel
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The Gospel of St. John, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Es klangen gestern unsere Darlegungen aus in dem Satz, daß vor uns stehe die Betrachtung des Wichtigsten innerhalb des Christus-Impulses: des Todes und seiner Bedeutung selber. Bevor wir aber zu der Darstellung des Christus-Todes und damit zu dem Höhepunkt dieser unserer Zyklusbetrachtungen kommen, wird es notwendig sein, heute einiges zu sprechen über den eigentlichen Sinn und die Bedeutung von mancherlei in dem Johannes-Evangelium selber und von den Beziehungen des darin Dargestellten zu den anderen Evangelien.
[ 1 ] Yesterday, we concluded our remarks with the statement that we are now about to consider the most important aspect of the Christ impulse: death itself and its significance. But before we come to the account of Christ’s death—and thus to the climax of our series of lectures—it will be necessary today to say a few words about the true meaning and significance of various elements in the Gospel of John itself, and about the relationship of what is described there to the other Gospels.
[ 2 ] Wir haben in den letzten Tagen versucht, aus ganz anderen Quellen heraus, aus der hellseherischen Betrachtung der Akasha-Chronik den Christus-Impuls zu begreifen und als ein tatsächliches Ereignis in der Entwickelung der Menschheit hinzustellen. Und wir haben uns gewissermaßen nur auf das bezogen, was sich in den Evangelien ausnimmt wie eine Bestätigung dessen, was zuerst durch die hellseherische Forschung als wahr ausgesprochen werden konnte. Heute wollen wir aber um des Fortganges unserer Betrachtungen willen einige Blicke auf das Johannes-Evangelium selber werfen und dieses wichtige Dokument der Menschheit einmal von einer Seite her an sich selbst charakterisieren. Dieses Johannes-Evangelium, von dem wir gestern gesagt haben, daß die theologische Forschung der Gegenwart, soweit sie vom Materialismus angekränkelt ist, keine rechte Stellung ihm gegenüber gewinnen kann, daß sie nicht vermag das Geschichtliche, das Historische einzusehen, dieses Johannes-Evangelium wird sich uns darstellen, wenn wir es mit geisteswissenschaftlichem Blick betrachten, als eines der wunderbarsten Dokumente, welche die Menschheit hat. Man darf sagen, daß das Johannes-Evangelium nicht nur unter den religiösen Dokumenten, sondern unter den gesamten — gebrauchen wir einmal das profane Wort -, unter den gesamten literarisch-schriftstellerischen Dokumenten zu den größten gehört. Wollen wir uns einmal von dieser Seite her dem Inhalte dieses Dokumentes nähern.
[ 2 ] In recent days, we have attempted—drawing on entirely different sources, namely the clairvoyant study of the Akashic Records—to understand the Christ impulse and to present it as an actual event in the evolution of humanity. And, in a sense, we have referred only to what appears in the Gospels as a confirmation of what could initially be declared true through clairvoyant research. Today, however, for the sake of continuing our reflections, we want to cast a few glances at the Gospel of John itself and characterize this important document of humanity from one particular perspective. This Gospel of John—about which we said yesterday that contemporary theological research, insofar as it is tainted by materialism, cannot adopt a proper stance toward it, nor is it able to grasp its historical reality—will present itself to us, when we view it through the lens of spiritual science, as one of the most wondrous documents humanity possesses. It can be said that the Gospel of John ranks among the greatest not only among religious documents, but among all—to use a secular term—all literary and written documents. Let us now approach the content of this document from this perspective.
[ 3 ] Dieses Johannes-Evangelium ist in bezug auf seine Komposition schon in den allerersten Kapiteln, wenn man sie richtig versteht, wenn man weiß, was eigentlich in den Worten liegt, eines der stilvollsten, der gerundetsten Dokumente, die es gibt in der Welt. Das kann man allerdings nicht bei einer oberflächlichen Betrachtung einsehen. Da zeigt sich zunächst bei einer oberflächlichen Betrachtung, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums - wir kennen ihn nunmehr in bezug auf die Aufzählung der Wunder bis zum eigentlichen Lazarus-Ereignis gerade sieben solcher Wunder aufzählt. - Auf die Bedeutung der Sieben-Zahl soll in den nächsten Tagen noch eingegangen werden. — Welches sind diese sieben Wunder oder Zeichen?
[ 3 ] In terms of its composition, the Gospel of John—if one understands it correctly and knows what the words actually mean—is, even in its very first chapters, one of the most elegant and well-rounded documents in the world. However, this is not apparent upon a superficial reading. At first glance, it appears that the author of the Gospel of John—we now know from the list of miracles leading up to the actual story of Lazarus that he enumerates exactly seven such miracles—lists these seven. The significance of the number seven will be discussed in more detail in the coming days. — What are these seven miracles or signs?
1. Das Zeichen, das gegeben wird durch die Hochzeit zu Kana in Galiläa,
2. das Zeichen, das gegeben wird durch die Heilung des Sohnes des königlichen Beamten,
3. dasjenige, das gegeben wird durch die Heilung des achtunddreißig Jahre lang Kranken am Teich Bethesda,
4. die Speisung der fünftausend Menschen,
5. das Zeichen, das gegeben wird durch das Anschauen des Wandelns des Christus auf dem Meer, _
6. dasjenige Zeichen, das gegeben wird durch die Heilung des Blindgeborenen, und endlich
7. das größte Zeichen, die Initiation oder Einweihung des Lazarus die Verwandlung des Lazarus zu dem Schreiber des Johannes-Evangeliums selber.
1. The sign given at the wedding in Cana of Galilee,
2. the sign given by the healing of the royal official’s son,
3. the sign given by the healing of the man who had been ill for thirty-eight years at the Pool of Bethesda,
4. the feeding of the five thousand,
5. the sign given by witnessing Christ walking on the sea, _
6. the sign given by the healing of the man born blind, and finally
7. the greatest sign, the initiation or consecration of Lazarus—the transformation of Lazarus into the scribe of the Gospel of John himself.
[ 4 ] Das sind sieben der Zeichen. Nun müssen wir uns allerdings einmal fragen: Wie steht es denn überhaupt mit diesen Zeichen, mit dieser Wunderfrage?
[ 4 ] These are seven of the signs. Now, however, we must ask ourselves: What is the truth of the matter regarding these signs, regarding this question of miracles?
[ 5 ] Wenn Sie aufmerksam gehört haben, was in den letzten Tagen in der mannigfaltigsten Art zu Ihnen gesprochen worden ist, so werden Sie sich erinnern, daß gesagt wurde, daß der Bewußtseinszustand der Menschen sich im Laufe unserer ganzen menschlichen Entwickelung geändert habe. Wir haben den Blick zurückgewendet in ururalte Zeiten. Wir haben gesehen, daß die Menschen nicht ausgegangen sind von einem bloß tierischen Standpunkt in der Entwickelung, sondern von einer Gestalt, in der die Menschen noch Hellsehergabe wie eine natürliche Fähigkeit hatten. Hellseherisch waren die Menschen früher, wenn sie auch ein solches Bewußtsein hatten, daß sie noch nicht «Ich bin » sagen konnten. Die Fähigkeit des Selbstbewußtseins mußten sich die Menschen erst nach und nach erobern; dafür aber mußten sie in Kauf geben das alte Hellsehen. In der Zukunft wird eine Zeit wiederkommen, wo alle Menschen hellseherisch sind, trotzdem sie sich das Ich-bin, das Selbstbewußtsein bewahrt haben. Das sind die drei Stufen, welche die Menschheit zum Teil durchgemacht hat und zum Teil noch durchzumachen hat. In der Atlantis war es noch so, daß die Menschen dort in einer Art Traumbewußtsein lebten, aber in einem hellseherischen Bewußtsein. Dann kam es so, daß sie sich das Selbstbewußtsein, das äußere Gegenstandsbewußtsein allmählich eroberten,wofürsieaberinKauf geben mußten die alte dumpfe Hellsehergabe. Und endlich ein hellseherisches Bewußtsein, das mit diesem Selbstbewußtsein verbunden ist, wird der Mensch in der Zukunft haben. So wandelt der Mensch von einem alten dumpfen Hellsehen durch ein nicht hellsichtiges Gegenstandsbewußtsein und steigt wieder auf zu einem selbstbewußten Hellsehen.
[ 5 ] If you have listened carefully to what has been said to you in a wide variety of ways over the past few days, you will recall that it was stated that the state of human consciousness has changed throughout the course of our entire human evolution. We have looked back to time immemorial. We have seen that human beings did not begin their evolution from a purely animal standpoint, but from a stage in which they still possessed the gift of clairvoyance as a natural ability. Human beings were clairvoyant in the past, even though they possessed a consciousness that was not yet capable of saying, “I am.” Human beings had to gradually acquire the capacity for self-consciousness; in exchange, however, they had to relinquish their old clairvoyance. In the future, a time will come again when all human beings will be clairvoyant, even though they will have retained the “I am,” that is, self-consciousness. These are the three stages that humanity has partly gone through and partly still has to go through. In Atlantis, people still lived in a kind of dream-like consciousness, but one that was clairvoyant. Then it came to pass that they gradually acquired self-consciousness—that is, an awareness of external objects—for which, however, they had to give up the old, dull gift of clairvoyance. And finally, in the future, human beings will possess a clairvoyant consciousness that is united with this self-consciousness. Thus, human beings pass from an ancient, dull form of clairvoyance through a non-clairvoyant object consciousness and ascend once more to a self-conscious form of clairvoyance.
[ 6 ] Aber außer dem Bewußtsein hat sich auch alles andere in der Menschheit geändert. Es ist wirklich nur menschliche Kurzsichtigkeit, wenn man glaubt, so wie es heute zugeht, müsse es immer zugegangen sein. Alles hat sich entwickelt. Es war nicht immer so. Auch das Verhältnis von Mensch zu Mensch war nicht immer so, wie es heute ist.
[ 6 ] But besides consciousness, everything else in humanity has changed as well. It is truly nothing more than human shortsightedness to believe that the way things are today is the way they have always been. Everything has evolved. It wasn’t always this way. Even the relationship between people wasn’t always the way it is today.
[ 7 ] Wir haben schon aus den Andeutungen der letzten Tage entnehmen können, daß in den alten Zeiten bis in die Zeit hinein, wo der ChristusImpuls in die menschliche Entwickelung eingeschlagen hat, ein vielgröBerer Einfluß vorhanden war von Seele zu Seele. Die Menschen waren dazu veranlagt. Der Mensch hörte nicht nur, was der andere, der ihm gegenübertrat, ihm mit äußerlich hörbaren Worten sagte, sondern wenn der andere etwas lebhaft, lebendig empfand, etwas lebhaft dachte, so konnte das der Mensch, der ihm gegenübertrat, in einer gewissen Weise fühlen, wissen. Liebe war in älteren Zeiten, wo sie allerdings mehr an die Blutsverwandtschaft gebunden war, noch etwas ganz anderes, als sie heute ist. Heute hat sie einen mehr seelischen Charakter angenommen, aber sie ist schwächer geworden. Sie wird erst ihre Stärke wiedergewinnen, wenn der Christus-Impuls in alle Menschenherzen einzieht. Wenn Liebe gewirkt hat in alten Zeiten, so hatte diese Liebe zugleich etwas wie eine heilende, wie eine balsamische Kraft für die andere Seele. Mit der Entwickelung des Intellektes und der Klugheit, die sich ja auch erst nach und nach gebildet haben, sind diese alten Einflüsse von Seele zu Seele dahingeschwunden.
[ 7 ] We have already been able to gather from the hints of the past few days that in ancient times, right up until the era when the Christ impulse entered human evolution, there was a much greater influence from soul to soul. People were predisposed to this. A person did not merely hear what the other person standing before them said in outwardly audible words; rather, when the other person felt something vividly and deeply, or thought something with great intensity, the person standing before them could, in a certain way, feel and know it. In earlier times, when love was admittedly more closely bound to blood kinship, it was still something quite different from what it is today. Today it has taken on a more soulful character, but it has grown weaker. It will only regain its strength when the Christ impulse enters all human hearts. When love was at work in ancient times, it simultaneously possessed a kind of healing, balm-like power for the other soul. With the development of the intellect and wisdom—which, after all, also formed only gradually—these ancient influences faded away from soul to soul.
[ 8 ] Hineinzuwirken in die Seele des anderen, hinüberströmen zu lassen die Kraft, die man in der eigenen Seele hatte, das war eine Gabe, die den Völkern der alten Zeiten durchaus eigen war. Daher müssen Sie auch an eine viel größere Macht denken, die damals Seele von Seele empfangen konnte, müssen an viel größeren Einfluß denken, der von Seele zu Seele ausgeübt werden konnte. Wenn auch keine äußeren historischen Urkunden davon etwas melden, wenn auch die Steine und Denkmäler nichts sagen, so zeigt uns die hellseherische Beobachtung in der AkashaChronik doch, daß in diesen alten Zeiten zum Beispiel Krankenheilungen in umfassender Weise durch psychischen Einfluß von einem Menschen auf den anderen stattfinden konnten. Und vieles andere vermochte die Seele in jenen Zeiten. Was heute dem Menschen wie ein Märchen klingt: daß der Wille des Menschen zum Beispiel die Macht hatte, wenn er es anstrebte, wenn er sich besonders dazu trainierte, besänftigend auf das Pflanzenwachstum zu wirken, das Wachstum der Pflanzen zu beschleunigen oder zu verzögern -, das war in jenen Zeiten eine Tatsache. Heute sind von all dem nur noch spärliche Reste vorhanden.
[ 8 ] To influence the soul of another, to let the power one possessed within one’s own soul flow over into the other—that was a gift that was quite characteristic of the peoples of ancient times. Therefore, you must also consider a much greater power that was capable of receiving from soul to soul in those days, and a much greater influence that could be exerted from soul to soul. Even if no external historical records mention this, even if the stones and monuments say nothing, clairvoyant observation in the Akashic Records nevertheless shows us that in those ancient times, for example, the healing of the sick could take place on a vast scale through psychic influence from one person to another. And the soul was capable of much more in those days. What sounds like a fairy tale to people today—that the human will, for example, had the power, if one strove for it and trained oneself specifically for it, to have a soothing effect on plant growth, to accelerate or delay the growth of plants—was a fact in those times. Today, only scant remnants of all this remain.
[ 9 ] Also das Leben des Menschen war damals noch ein ganz anderes. Niemand hätte sich in alten Zeiten darüber gewundert, daß irgendwo, wenn das richtige Verhältnis da war von Mensch zu Mensch, ein solcher seelischer Einfluß von einer Persönlichkeit zur anderen hinübergegangen wäre. Allerdings, das müssen wir festhalten: daß immer zwei oder mehrere dazu gehörten, damit ein solcher seelischer Einfluß ausgeübt werden konnte. Man könnte sich ja auch in unserer Zeit denken, daß ein Mensch mit der Kraft des Christus unter die Menschen träte. Diejenigen aber, welche die Stärke des Glaubens an ihn hätten, sie wären sehr dünn gesät, und er könnte nicht das vollbringen, was durch seelischen Einfluß von einer Seele zu der anderen gewirkt werden kann. Dazu ist nicht nur notwendig, daß gewirkt wird, sondern daß jemand da ist, der reif ist, diese Wirkung zu empfangen. Wenn in alten Zeiten die Menschen häufiger waren, die solche Wirkungen empfangen konnten, so wird es uns nicht wundern, wenn gesagt wird, daß damals für Krankenheilungen gerade die Mittel da waren, durch welche auf dem Wege des psychischen Einflusses gewirkt wurde, daß aber auch andere Einwirkungen, die heute nur auf mechanischem Wege geschehen können, durch psychischen Einfluß geschehen sind.
[ 9 ] So human life was quite different back then. In ancient times, no one would have been surprised that, in certain circumstances—when the right relationship existed between people—such a spiritual influence could pass from one personality to another. However, we must note that it always required two or more people for such a spiritual influence to be exerted. One could indeed imagine, even in our time, a person stepping among humanity with the power of Christ. But those who possessed the strength of faith in him would be very few and far between, and he could not accomplish what can be achieved through spiritual influence from one soul to another. For this, it is not only necessary that the influence be exerted, but also that someone be present who is ready to receive it. If, in ancient times, there were more people capable of receiving such influences, it should come as no surprise to us when it is said that, back then, the very means used for healing the sick were those that operated through psychic influence; and that other effects, which today can occur only by mechanical means, were also brought about through psychic influence.
[ 10 ] In welche Zeit fiel denn das Christus-Ereignis innerhalb der menschlichen Entwickelung? In eine ganz bestimmte Zeit fiel es hinein — das müssen wir uns vor Augen halten. Es waren von solchen Seelenströmungen von einem Menschen zum anderen sozusagen nur die letzten Reste vorhanden, die noch aus der atlantischen Zeit wie ein Erbstück hereinragten. Gerade schickte sich die Menschheit an, immer mehr und mehr in das Materielle hineinzugehen und immer weniger die Möglichkeit zu haben, solche seelische Strömungen wirken zu lassen. Dahinein mußte der Christus-Impuls fallen, der gerade durch seine Wesenheit bei denen, die noch dafür empfänglich waren, unendlich viel wirken konnte.
[ 10 ] When, then, did the Christ event occur within the course of human evolution? It occurred at a very specific time—we must keep this in mind. Of such soul currents flowing from one person to another, only the very last remnants remained, so to speak, still lingering from the Atlantean era like a heirloom. Humanity was just about to plunge ever more deeply into the material world and have ever less opportunity to allow such soul currents to take effect. It was into this context that the Christ impulse had to come, an impulse that, precisely through its very nature, could have an immeasurable effect on those who were still receptive to it.
[ 11 ] Wer die Entwickelung in der Menschheit wirklich kennt, wird es daher selbstverständlich finden, daß, nachdem die Christus-Wesenheit einmal in den Leib des Jesus von Nazareth eingezogen war, ungefähr im dreißigsten Jahr seines Lebens, sie in diesem Leib, in dieser Hülle ganz besonders wirken konnte. Denn diese Hülle war herangereift aus uralten Zeiten. Wir haben gestern erwähnt, daß die Individualität des Jesus von Nazareth in einem früheren Leben schon einmal verkörpert war im alten Persien, daß sie dann immer wieder durch Verkörperungen durchgegangen ist und in jeder Verkörperung höher und höher gestiegen ist in ihrer geistigen Entwickelung. Davon hing es ab, daß der Christus in einem solchen Leibe wohnen konnte, daß ihm dieser Leib als Opfer dargebracht werden konnte. Das wußten die Evangelisten sehr wohl. Daher haben sie alles so dargestellt, daß es für den geistigen Forscherblick durchaus verständlich ist.
[ 11 ] Anyone who truly understands the evolution of humanity will therefore find it self-evident that, once the Christ-Essence had entered the body of Jesus of Nazareth—at about the thirtieth year of his life—it was able to work in a very special way within that body, within that vessel. For this vessel had matured over the course of ancient times. We mentioned yesterday that the individuality of Jesus of Nazareth had already been incarnated once before in ancient Persia, that it had then passed through incarnation after incarnation, rising higher and higher in its spiritual development with each incarnation. It was on this that it depended that the Christ could dwell in such a body, that this body could be offered to him as a sacrifice. The evangelists knew this very well. That is why they presented everything in a way that is entirely understandable to the spiritual researcher.
[ 12 ] Nur müssen wir alles in den Evangelien wörtlich nehmen, das heißt, sie zuerst lesen lernen. Warum wird zum Beispiel gerade in dem ersten der Zeichen - wie gesagt, die tiefere Bedeutung der Wunder werden wir noch kennenlernen -, beider Besprechung der Hochzeit zu Kana in Galiläa besonders betont, daß das geschah «zu Kana in Galiläa»? Es gibt — Sie können forschen, wo Sie wollen — in dem alten Palästina, in dem Umkreise, der damals bekannt sein konnte, kein zweites Kana. Bedarf es aber bei den Orten, die einzig da sind, eines besonderen Zusatzes? Warum sagt trotzdem der Evangelist, wenn er auf dieses Wunder zu sprechen kommt, daß es geschah «zu Kana in Galiläa »? Weil es darauf ankommt, zu betonen, daß da etwas geschah, was in Galiläa geschehen mußte, Das heißt, der Christus hätte die Menschen, die dazu nötig waren, nicht in anderen Gegenden als gerade in Galiläa gefunden. Ich sagte schon, zu einer Wirkung gehört nicht nur der eine, der wirkt, sondern es gehören auch die anderen dazu, die entsprechend geeignet sind, diese Wirkung anzunehmen. Sein erstes Auftreten hätte der Christus nicht haben können innerhalb der jüdischen Gemeinde selber, wohl aber in Galiläa, an demjenigen Orte, wo gemischt waren die verschiedensten Völkerstämme und Völkergruppen. Gerade dadurch, daß an einem Orte zusammengekommen waren aus den verschiedensten Teilen der Welt die verschiedensten Völker, gerade dadurch war hier in Galiläa nicht mehr dieselbe Blutsverwandtschaft und vor allen Dingen nicht mehr der Glaube an diese Blutsverwandtschaft vorhanden wie in Judäa, bei dem engeren hebräischen Volke. Durcheinandergewürfelt waren die Menschen in Galiläa. Wozu aber mußte sich der Christus vermöge seines Impulses gerade besonders berufen fühlen?
[ 12 ] We simply have to take everything in the Gospels literally—that is, we must first learn to read them. Why, for example, is it emphasized—especially in the first of the signs (as I said, we will come to understand the deeper meaning of the miracles later)—in both accounts of the wedding at Cana in Galilee that this took place “at Cana in Galilee”? There is—you can search wherever you like—no other Cana in ancient Palestine, within the area that could have been known at the time. But is a special addition necessary for places that are unique? Why, then, does the evangelist say—when he comes to this miracle—that it took place “at Cana in Galilee”? Because it is important to emphasize that something happened there that had to happen in Galilee. That is to say, Christ would not have found the people necessary for this in any region other than Galilee itself. As I have already said, an effect does not depend solely on the one who brings it about, but also on the others who are suitably prepared to receive it. Christ could not have made his first appearance within the Jewish community itself, but he could have done so in Galilee, in that very place where the most diverse tribes and ethnic groups were intermingled. Precisely because people from the most diverse parts of the world had gathered in one place, precisely for that reason, here in Galilee there was no longer the same blood kinship—and above all, no longer the same belief in that blood kinship—as there was in Judea, among the more closely knit Hebrew people. The people of Galilee were a mixed bag. But to what, by virtue of his inner impulse, did the Christ feel particularly called?
[ 13 ] Wir haben ja gesagt, daß eines seiner wichtigsten Worte das war: «Bevor Abraham war, war das Ich-bin», und das andere: «Ich und der Vater sind eins.» Er wollte damit sagen: Bei denjenigen, die an den alten Lebenseinrichtungen hängen, ist das Ich nur geborgen innerhalb einer Blutsverwandtschaft. Derjenige, der ein richtiger Bekenner des Alten Testamentes war, er fühlte etwas ganz Besonderes bei den Worten: «Ich und der Vater Abraham sind eins», etwas, was heute dem Menschen schwer ist nachzufühlen. Was der Mensch sein eigenes Selbst nennt, was eingeschlossen ist zwischen Geburt und Tod, das sieht der Mensch vorübergehen. Derjenige aber, der ein richtiges Bekenntnis zum Alten Testamente hatte, der berührt war von den Lehren, die in der damaligen Zeit durch die Menschheit flossen, er sagte, und zwar nicht bloß als ein allegorisches Wort, sondern als eine Tatsache: Für mich bin ich ein einzelner, aber ich bin ein Glied in einem großen Organismus, in einem großen Lebenszusammenhange, der hinaufgeht bis zu dem Vater Abraham. Wie der Finger als lebendiges Glied nur bestehen kann, solange er an meinem Leibe ist, so habe auch ich nur einen Sinn, solange ich fühle, daß ich ein Glied bin an dem großen Volksorganismus, der hinaufgeht bis zu dem Vater Abraham. Ich hänge genau so an dem großen Volkszusammenhang, wie der Finger an meinem Leibe ist. Trennt man den Finger ab, so ist er bald kein Finger mehr; er ist nur geborgen, wenn er an meiner Hand, die Hand an meinem Arm und der Arm an meinem Leibe ist, er hat keinen Sinn mehr, wenn er von der Hand abgetrennt ist. Ebenso habe ich nur einen Sinn, wenn ich mich fühle als ein Glied aller der Generationen, durch die herunterfließt das Blut von dem Vater Abraham. Da fühle ich mich geborgen! Vorübergehend und vorbeirauschend ist mein einzelnes Ich, aber nicht vorübergehend ist dieser ganze große Volksorganismus bis hinauf zum Vater Abraham. Wenn ich mich ganz darinnen empfinde, mich ganz darinnen fühle, dann überwinde ich mein zeitlich vorübergehendes Ich; dann werde ich geborgen in einem großen Ich, in dem Volks-Ich, das durch das Blut der Generationen vom Vater Abraham bis zu mir heruntergeströmt ist! So sagte sich der Bekenner des Alten Testamentes.
[ 13 ] We have already said that one of his most important statements was: “Before Abraham was, I Am,” and the other: “I and the Father are one.” By this he meant to say: For those who cling to the old ways of life, the self finds security only within a blood relationship. But the one who was a true believer in the Old Testament felt something very special in the words, “I and Father Abraham are one”—something that is difficult for people today to comprehend. What a person calls their own self—that which is enclosed between birth and death—they see as passing away. But those who had a true commitment to the Old Testament—those who were moved by the teachings that flowed through humanity in those days—said, not merely as an allegorical statement but as a fact: “To myself, I am an individual, but I am a limb of a great organism, part of a vast web of life that extends all the way back to Father Abraham.” Just as the finger, as a living limb, can exist only as long as it is attached to my body, so too do I have meaning only as long as I feel that I am a limb of the great national organism that stretches back to Father Abraham. I am just as attached to this great national context as the finger is to my body. If the finger is severed, it is soon no longer a finger; it is safe only when it is attached to my hand, the hand to my arm, and the arm to my body—it has no purpose once it is separated from the hand. Likewise, I have meaning only when I feel myself to be a part of all the generations through which the blood of our father Abraham flows. That is when I feel secure! My individual self is temporary and fleeting, but this entire great national organism, stretching all the way back to our father Abraham, is not temporary. When I perceive myself entirely within it, when I feel myself entirely within it, then I overcome my temporary, fleeting self; then I find security in a great self, in the collective self of the people, which has flowed down through the blood of the generations from Father Abraham to me! So said the confessor of the Old Testament.
[ 14 ] Durch die Kraft dieses innerlichen Erlebnisses, das in den Worten liegt: «Ich und der Vater Abraham sind eins», geschah alles das, was an Großem, an heute noch wunderbar Erscheinendem innerhalb des Alten Testamentes geschehen ist. Weil aber die Zeit kam, in der die Menschen nicht mehr berufen sein sollten, einen solchen Bewußtseinszustand zu haben, so verlor sich das nach und nach. Der Christus mußte daher nicht zu denjenigen gehen, die auf der einen Seite die Fähigkeit verloren hatten, durch jene magische Kraft zu wirken, die in den Blutsbanden liegt, und die auf der anderen Seite noch den Glauben hatten nur an die Gemeinschaft mit dem Vater Abraham. Denn bei denen konnte er jenen Glauben nicht finden, der dazu notwendig war, um das zu wirken, was strömen konnte von seiner Seele in die anderen Seelen; da mußte er zu denjenigen gehen, die dutch ihre Blutmischung nicht mehr einen solchen Glauben hatten, da mußte er zu den Galiläern gehen. Hier mußte er beginnen mit seiner Mission. Wenn auch im allgemeinen der alte Bewußtseinszustand im Schwinden war, so fand er doch bei ihnen gerade eine Volksmischung vor, die im Anfange der Blutmischung stand. Von allen Seiten kamen hier Volksstämme zusammen, welche vor diesem Zusammenströmen noch unter den Kräften deralten Blutsbande gestanden hatten. Sie waren eben dazu gekommen, den Übergang zu finden. Sie hatten noch das lebendige Gefühl in sich: Unsere Väter haben noch die alten Bewußtseinszustände gehabt, sie haben noch die magischen Kräfte gehabt, die von Seele zu Seele wirken. — Bei ihnen konnte er mit seiner neuen Mission wirken, die darin bestand, dem Menschen ein Ich-Bewußtsein zu geben, das nicht mehr an Blutsverwandtschaft geknüpft ist, ein Ich-Bewußtsein, das sagen konnte: In mir selber finde ich den Zusammenhang mit dem geistigen Vater, mit dem Vater, der nicht sein Blut physisch herunterrollen läßt durch die Generationen, sondern der seine geistige Kraft in jede einzelne individuelle Seele hineinsendet. Das Ich, das in mir ist und das eine unmittelbare Beziehung zum geistigen Vater hat, es war, ehe denn Abraham war. Daher bin ich berufen, eine solche Kraft in das Ich hineinzugießen, die da gestärkt wird durch das Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Vater-Kraft der Welt. «Ich und der Vater sind eins », nicht ich und der Vater Abraham, das heißt ein leiblicher Vorfahr, sind eins.
[ 14 ] Through the power of this inner experience, which is expressed in the words, “I and Father Abraham are one,” all the great events that still seem miraculous today within the Old Testament came to pass. But because the time came when people were no longer to be called to have such a state of consciousness, it was gradually lost. Christ therefore did not have to go to those who, on the one hand, had lost the ability to work through that magical power inherent in blood ties, and who, on the other hand, still had faith only in communion with Father Abraham. For among them he could not find the faith necessary to bring about what could flow from his soul into the souls of others; so he had to go to those who, through their intermingling of bloodlines, no longer possessed such faith—he had to go to the Galileans. This is where he had to begin his mission. Even though the old state of consciousness was generally on the wane, he found among them a mixture of peoples that was just at the beginning of racial mixing. Tribes were converging here from all sides, which, before this convergence, had still been subject to the forces of the old blood ties. They had just arrived to make the transition. They still harbored the vivid feeling within them: “Our fathers still possessed the old states of consciousness; they still possessed the magical powers that work from soul to soul.”—It was among them that he could carry out his new mission, which consisted of giving human beings a sense of self that is no longer bound by blood kinship—a sense of self that could say: Within myself I find the connection with the spiritual Father, with the Father who does not physically pass down his blood through the generations, but who sends his spiritual power into every single individual soul. The “I” that is within me and has a direct relationship with the spiritual Father existed before Abraham was. Therefore, I am called to infuse such a power into the “I,” a power that is strengthened by the awareness of the connection with the spiritual Father-power of the world. “I and the Father are one”—not “I and Father Abraham,” that is, a physical ancestor, are one.
[ 15 ] Und zu solchen ging der Christus, die eben angekommen waren an dem Punkt, das zu begreifen - die eben notwendig hatten, nicht in den Blutsbanden, die sie gerade durch ihre Vermischung durchbrachen, sondern in der einzelnen Seele die starke Kraft zu finden, die wiederum den Menschen dahin führen kann, nach und nach das Geistige im Physischen zum Ausdruck zu bringen. Sagen Sie nicht: Warum sehen wir denn heute nicht, daß derlei geschieht, wie es damals geschehen ist? Abgesehen davon, daß derjenige, der sehen will, es sehen kann, muß bedacht werden, daß eben die Menschen hinausgeschritten sind aus diesem Bewußtseinszustande, daß sie heruntergestiegen sind in die stoffliche Welt, und daß jene Zeiten damals gerade die Grenzscheide waren und der Christus an den letzten Exemplaren der sich entwickelnden Menschheit zeigte, was der Geist über das Physische vermag. Zu einem Vorbild und Symbol, zu einem Glaubenssymbol wurden diejenigen Zeichen hingestellt, die da geschehen sind, als der alte Bewußtseinszustand noch vorhanden, aber eben im Hinschwinden war.
[ 15 ] And Christ went to those who had just reached the point of understanding this—who needed not to find strength in the blood ties they were breaking through their intermingling, but rather to find within the individual soul the powerful force that can in turn lead human beings to gradually express the spiritual within the physical. Do not say: Why do we not see such things happening today as they did back then? Apart from the fact that anyone who wishes to see can see it, one must bear in mind that humanity has indeed moved beyond that state of consciousness, that it has descended into the material world, and that those times were precisely the turning point, when Christ demonstrated to the last representatives of evolving humanity what the spirit is capable of achieving through the physical. The signs that occurred at that time—when the old state of consciousness still existed but was already fading away—were established as a model and symbol, as a symbol of faith.
[ 16 ] Jetzt schauen wir uns einmal diese. Hochzeit zu Kana in Galiläa selbst an. Wenn ich alle Einzelheiten des Johannes-Evangeliums hier wörtlich vor Ihnen entwickeln würde, das, was wirklich Evangelien-Inhalt ist, dann würden allerdings vierzehn Vorträge nicht ausreichen, sondern ein paar Jahre würden dazu nötig sein. Aber alle diese wörtliche Entwickelung würde nur eine Bestätigung sein für das, was ich Ihnen in kurzen Auseinandersetzungen andeuten kann.
[ 16 ] Now let’s take a look at this wedding at Cana in Galilee itself. If I were to present to you here, word for word, all the details of the Gospel of John—that is, the actual content of the Gospel—then fourteen lectures would certainly not be enough; rather, it would take a few years. But all this verbatim exposition would merely serve to confirm what I can hint at to you in brief discussions.
[ 17 ] Zuerst wird uns bei diesem ersten Zeichen gesagt: Da war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa. Nun müssen wir uns bewußt sein, daß in dem Johannes-Evangelium kein Wort steht, das nicht eine besondere Bedeutung hätte. Warum also eine «Hochzeit»? Weil durch die Hochzeit einmal das bewirkt wird, was durch die Christus-Mission in so eminenter Weise bewirkt wird: durch die Hochzeit werden die Menschen zusammengeführt. Und eine Hochzeit «in Galiläa»? In Galiläa war es, daß die alten Blutsbande getrennt wurden, daß fremdes Blut mit fremdem Blut sich mischte. Was der Christus tun sollte, hing aber gerade zusammen mit der Blutmischung. Also haben wir es zu tun mit einer Verbindung unter Menschen, um Nachkommen zu haben, von Menschen, die nicht mehr blutsverwandt sind. Nun wird Ihnen allerdings recht wunderbar erscheinen, was ich Ihnen jetzt sage. Was hätten Leute in ganz alten Zeiten in einem solchen Falle, wie er da vorlag, gefühlt, in Zeiten, da noch das vorhanden war, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne nennen möchte die «nahe Ehe»? Denn das ist durchaus etwas, was zur Menschheitsentwickelung gehört, daß sich eine ursprüngliche «nahe Ehe» verwandelt hat in eine «ferne Ehe». Und es liegt schon in dem, was ich bisher gesagt habe, ausgedrückt, was die nahe Ehe ist. Bei allen Völkern finden Sie in den alten Zeiten das eine, daß es gegen ein Gesetz des Volkes gewesen wäre, aus dem Stamm, aus der Blutsverwandtschaft herauszuheiraten. Was blutsverwandt war, was in denselben Stamm hineingehörte, das heiratete sich; und dieses Heiraten innerhalb desselben Stammes, innerhalb des verwandten Blutes, das hatte eben zur Wirkung das Wunderbare, was durch die geisteswissenschaftliche Forschung jederzeit konstatiert werden kann, daß große magische Kraft ausgeübt werden konnte. Die Nachkommen innerhalb eines blutsverwandten Stammes hatten durch diese Verwandten-Ehe magische Kräfte, die von Seele zu Seele wirkten. Wenn wir zu einer Hochzeit in uralten Zeiten gerufen worden wären, was wäre da der Fall gewesen? Nehmen wir einmal an, es wäre meinetwillen der Trank, den man dazumal gerade brauchte, also der Wein, ausgegangen. Was wäre da geschehen? Es hätte bloß durch die Bande der Blutsverwandtschaft das richtige Verhältnis da zu sein brauchen in dieser blutsverwandten Hochzeitsfamilie, und man hätte durch die magische Gewalt der Blutsliebe erleben können, daß zum Beispiel das Wasser, das in einem späteren Augenblicke des Hochzeitsfestes statt des Weines gereicht worden wäre, durch den seelischen Einfluß dieser Persönlichkeiten von den anderen empfunden worden wäre als Wein. Wein hätten sie getrunken, die anderen, wenn das richtige magische Verhältnis der einen Persönlichkeit zu den anderen dagewesen wäre. Sagen Sie nicht: Dieser Wein wäre ja doch Wasser gewesen! Ein vernünftiger Mensch muß sich darauf die Antwort geben: Für den Menschen sind die Dinge dasjenige, als was sie sich seinem Organismus mitteilen, was sie dem Menschen werden, nicht wie sie aussehen. Ich glaube, noch heute würden manche Weinliebhaber es ganz gern haben, wenn man ihnen Wasser reichte, wenn nur durch irgendeinen Einfluß bewirkt werden könnte, daß das Wasser so schmeckte wie Wein und es in ihrem Organismus die Wirkung des Weines hätte. Mehr ist ja nicht notwendig, als daß für den Menschen Wasser Wein ist. Was war also in alten Zeiten notwendig, damit ein solches Zeichen hat geschehen können, daß in den Gefäßen Wasser war, daß es aber Wein war, wenn es getrunken wurde? Es war die magische Gewalt, die durch die Blutsverwandtschaft bewirkt wurde, notwendig. Aber die Kraft in den Seelen, so etwas zu empfinden, die war da bei den Leuten auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Ein Übergang mußte nur geschaffen werden.
[ 17 ] First, this first sign tells us: There was a wedding in Cana of Galilee. Now we must be aware that there is not a single word in the Gospel of John that does not have a special meaning. So why a “wedding”? Because a wedding brings about what the mission of Christ brings about in such a remarkable way: through a wedding, people are brought together. And a wedding “in Galilee”? It was in Galilee that the old blood ties were severed, that foreign blood mingled with foreign blood. But what Christ was to do was precisely connected with this mingling of blood. So we are dealing with a union among people—for the purpose of having offspring—of people who are no longer related by blood. Now, however, what I am about to tell you will seem quite wondrous to you. How would people in very ancient times have felt in a case such as the one described here, in times when what one might call, in the spiritual-scientific sense, “close marriage” still existed? For this is certainly part of human development: that an original “close marriage” has transformed into a “distant marriage.” And what “close marriage” is has already been expressed in what I have said so far. Among all peoples in ancient times, you will find that it would have been against a law of the people to marry outside the tribe, outside the blood kinship. Those who were blood relatives, who belonged to the same tribe, married one another; and this marriage within the same tribe, within the same bloodline, had the wondrous effect—which can be confirmed at any time through spiritual scientific research—that great magical power could be exerted. Through these kinship marriages, the descendants within a blood-related tribe possessed magical powers that worked from soul to soul. If we had been invited to a wedding in ancient times, what would have happened there? Let us suppose, for my sake, that the drink needed at that time—that is, the wine—had run out. What would have happened then? All that would have been needed was for the proper balance to exist within this blood-related wedding family through the bonds of kinship, and one could have experienced, through the magical power of blood kinship, that—for example—the water served later in the wedding celebration in place of wine would have been perceived by the others as wine due to the spiritual influence of these personalities. The others would have drunk wine if the right magical relationship between one personality and the others had existed. Don’t say: “But that wine would have been water anyway!” A reasonable person must answer this by saying: For human beings, things are what they communicate to the human organism—what they become to the person—not what they appear to be. I believe that even today, some wine lovers would be quite happy to be served water, if only some influence could cause the water to taste like wine and have the effect of wine on their bodies. After all, all that is necessary is for water to be wine to the person. So what was necessary in ancient times for such a miracle to occur—that there was water in the jars, yet it became wine when drunk? It was the magical power brought about by kinship that was necessary. But the power in people’s souls to perceive such a thing was present among the guests at the wedding in Cana in Galilee. All that was needed was to create a transition.
[ 18 ] Es heißt im Johannes-Evangelium (2, 1 ff.) weiter: «Und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.» Und da es an Wein mangelte, machte die Mutter des Jesus darauf aufmerksam und sagte zu ihm: «Sie haben nicht Wein.»
[ 18 ] The Gospel of John (2:1 ff.) continues: “And the mother of Jesus was there. Jesus and his disciples had also been invited to the wedding.” And when the wine ran out, Jesus’ mother brought this to his attention and said to him, “They have no wine.”
[ 19 ] Ein Übergang, sagte ich, mußte geschaffen werden, damit sich so etwas ereignen konnte. Die seelische Kraft mußte durch irgend etwas unterstützt werden. Durch was konnte sie unterstützt werden ? Da kommen wir zu dem Wort, das in der Weise, wie es gewöhnlich übersetzt wird, eigentlich eine Blasphemie ist. Denn ich glaube nicht, daß ein fein empfindender Mensch es nicht als unangenehm empfinden müßte, wenn er sagt: «Sie haben nicht Wein!» und ihm darauf geantwortet wird: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!» Es ist überhaupt unmöglich, daß das in einer solchen Urkunde hingenommen wird. Man soll sich denken: Das Ideal der Liebe, wie es uns in den Evangelien geschildert wird, Jesus von Nazareth, er sollte in den Beziehungen zu seiner Mutter den Ausdruck gebrauchen: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen ?» Man braucht nicht mehr darüber zu sagen, denn das übrige muß man empfinden. Aber diese Worte stehen nicht da! Sehen Sie sich diese Stelle im Johannes-Evangelium an. Sie brauchen nur den griechischen Text aufzuschlagen, da haben Sie nichts weiter als die Worte, die da gesagt werden, indem der Jesus von Nazareth auf etwas hindeutet: «O Weib, dieses geht da von mir zu dir!» Gerade auf diese feine intime Kraft von Seele zu Seele, was da hinübergeht von ihm zu der Mutter, darauf weist er hin. Das braucht er aber in diesem Augenblick. Höheres an Zeichen kann er in diesem Augenblick noch nicht wirken, dazu muß seine Zeit erst heranreifen. Daher sagt er: Meine Zeit, wo ich bloß durch eine Kraft wirken werde, die ist noch nicht gekommen! - Denn jetzt ist noch notwendig das magnetische seelische Band, das da von der Seele des Jesus von Nazareth zu der Mutter hinübergeht. «O Weib, das geht da von mir zu dir!» Wie sollte die Mutter sonst nach dieser Rede, «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen!» dazu kommen, zu den Dienern zu sagen: «Was er euch saget, das tut!»? Es ist notwendig, daß sie ausgestattet ist mit den alten Kräften, von denen heute die Menschen keine Ahnung mehr haben, und sie weiß, daß er hinweist auf dieses Blutsband zwischen Sohn und Mutter, hinweist auf das Band, das hinüberführen soll zu den anderen. Da weiß sie, daß jetzt etwas waltet wie eine unsichtbare geistige Kraft, die hier etwas bewirken kann. Und nunmehr bitte ich Sie, das Evangelium wirklich zu lesen. Ich möchte wissen, wie diejenigen mit dem Evangelium zurechtkommen, die da glauben, daß etwas — ja, ich weiß nicht, was eigentlich — geschehen sein soll, die da glauben, daß sechs gewöhnliche Krüge dastanden, wie sie sagen, «zur jüdischen Reinigung», und wie dann nach dieser ganz gewöhnlichen Anschauung ohne irgend etwas anderes — das eben in demjenigen lag, was jetzt besprochen worden ist —, wie da das Wasser hätte zu Wein werden sollen, wie das äußerlich nur hätte geschehen sollen?!
[ 19 ] A transition, I said, had to be created for something like this to happen. The spiritual power had to be supported by something. By what could it be supported? This brings us to the word that, as it is usually translated, is actually blasphemy. For I do not believe that a person of delicate sensibility could fail to find it unpleasant when he says, “You have no wine!” and is answered, “Woman, what have I to do with you? My hour has not yet come!” It is simply impossible for such language to be accepted in a text of this kind. Just imagine: the ideal of love, as depicted to us in the Gospels—Jesus of Nazareth—is supposed to have used the expression “Woman, what do I have to do with you?” in his relationship with his mother. There is no need to say more about it, for the rest must be felt. But those words are not there! Look at this passage in the Gospel of John. You need only open the Greek text; there you will find nothing more than the words spoken there, as Jesus of Nazareth alludes to something: “O woman, this is passing from me to you!” He is pointing precisely to this subtle, intimate power from soul to soul—what is passing from him to his mother. But he needs this at this very moment. He cannot yet perform a greater miracle at this moment; his time must first come to fruition. That is why he says: “My time, when I will act solely through a spiritual force, has not yet come!”—For now, the magnetic spiritual bond that passes from the soul of Jesus of Nazareth to his mother is still necessary. “O woman, this is passing from me to you!” How else could the mother, after hearing these words—“Woman, what have I to do with you?”—have come to say to the servants, “Do whatever he tells you”? It is necessary that she be endowed with the ancient powers of which people today have no inkling, and she knows that he is pointing to this blood bond between Son and Mother, pointing to the bond that is to lead over to the others. There she knows that something is now at work like an invisible spiritual force that can bring about something here. And now I ask you to actually read the Gospel. I would like to know how those who believe that something—yes, I don’t know what exactly—is supposed to have happened; who believe that six ordinary jars were standing there, as they say, “for Jewish purification,” and how, according to this entirely ordinary view—without anything else—which is precisely what has just been discussed—how the water was supposed to turn into wine, how that was supposed to have happened merely on the outside?!
[ 20 ] Was ist es? Und ebenso: Was ist der Glaube, den derjenige, der hier vor Ihnen spricht, zu diesem Wunder hat, den nur irgend jemand zu einem Wunder haben kann, daß sich hier eine Substanz in eine andere für die Menschen gewandelt hat? Aber mit einer gewöhnlichen Interpretation kommt man da nicht zurecht.
[ 20 ] What is it? And likewise: What is the belief that the person speaking before you here holds regarding this miracle—the belief that anyone could possibly hold regarding a miracle, namely that one substance has been transformed into another for the sake of humanity? But a conventional interpretation does not suffice here.
[ 21 ] Man muß sich vorstellen, daß die Krüge, die da standen, vermutlich nicht mit Wasser gefüllt waren. Es ist gar nicht gesagt, daß sie etwa ausgegossen worden wären. Das steht nicht da. Wenn sie aber ausgegossen und wieder gefüllt worden wären - es steht da, sie seien gefüllt worden -, dann müßte man doch eigentlich glauben, daß es sich darum handeln müßte, wenn wirklich das Wasser sozusagen wie durch ein Taschenspielerkunststück in Wein verwandelt worden wäre: daß dann auch das Wasser, das früher darinnen gewesen wäre, in Wein verwandelt worden wäre. Also damit kommt man nicht zurecht. Es stimmt die ganze Sache nicht. Klar muß man sich aber sein, daß diese Krüge offenbar leer gewesen sind, daß sie leer gewesen sind aus dem Grunde, weil ihr Füllen etwas Besonderes zu bedeuten hatte.
[ 21 ] One must imagine that the jugs standing there were probably not filled with water. It is by no means certain that they had been emptied. That’s not stated there. But if they had been emptied and refilled—it says there that they were filled—then one would actually have to believe that this is what must have happened if the water had truly been turned into wine, so to speak, as if by a magician’s trick: that the water that had previously been inside would also have been turned into wine. So that doesn’t add up. The whole thing doesn’t add up. But one must be clear that these jars were obviously empty, and that they were empty for the reason that their being filled signified something special.
[ 22 ] «Was er euch saget, das tut!» hatte die Mutter zu den Dienern gesagt. Was brauchte der Christus für Wasser? Er brauchte Wasser, das eben aus den Quellen der Natur kam. Daher muß besonders gesagt werden, daß das Wasser soeben geschöpft worden ist. Jenes Wasser, das noch nicht die inneren Kräfte verloren hatte, die irgendein Element hat, solange es noch mit der Natur zusammenhängt, war für seinen Zweck allein geeignet. — Wie gesagt, kein Wort ist in dem JohannesEvangelium ohne tiefe Bedeutung. — Ein Wasser, das soeben frisch geschöpft ist, mußte genommen werden, weil ja der Christus die Wesenheit ist, die sich eben der Erde genähert hat, eben verwandt geworden ist mit den Kräften, die in der Erde selber wirken. Indem die lebendigen Kräfte des Wassers wiederum mit dem zusammenwirken, was da strömt «von mir zu dir», da kann das geschehen, was uns im Evangelium geschildert wird: daß der Speisemeister herbeigerufen wird, und daß er unter dem Eindruck steht, daß hier etwas Besonderes geschehen ist — aber das, was geschehen ist, weiß er nicht; es wird ausdrücklich gesagt: er hat nicht gesehen, was geschehen ist, die Diener haben es gesehen, nicht er —, und daß er nun unter dem Eindruck dessen, was da geschehen ist, das Wasser als Wein empfindet. Das wird ganz klar und deutlich gesagt, so daß also wirklich durch die seelische Kraft hier bis in ein äußeres Element, das heißt bis in das Physische des menschlichen Leibes, hineingewirkt worden ist. Was mußte bei der Mutter des Jesus von Nazareth selber vorhanden sein, damit ihr Glaube in diesem Augenblick stark genug sein konnte, um eine solche Wirkung hervorzubringen? Sie mußte eines haben, was allerdings in ihr vorhanden war, nämlich die Einsicht, daß derjenige, welcher da ihr Sohn genannt wurde, der Geist der Erde geworden war. Dann konnte wiederum ihre starke Kraft des Glaubens in Verbindung mit seiner starken Kraft - was von ihm zu ihr wirkt - so mächtig wirken, daß das geschah, was beschrieben ist.
[ 22 ] “Do whatever he tells you,” the mother had said to the servants. Why did Christ need water? He needed water that had just come from the springs of nature. Therefore, it must be specifically noted that the water had just been drawn. Only that water—which had not yet lost the inner forces that any element possesses as long as it remains connected to nature—was suitable for his purpose. — As I said, not a single word in the Gospel of John is without deep meaning. — Water that had just been freshly drawn had to be used, for Christ is the Being who has just drawn near to the earth, who has just become united with the forces at work within the earth itself. As the living forces of the water interact in turn with what flows “from me to you,” what is described to us in the Gospel can take place: that the steward is summoned, and that he is under the impression that something special has happened here—but he does not know what has happened; it is explicitly stated: he did not see what happened; the servants saw it, not he—and that, under the impression of what had happened, he now perceives the water as wine. This is stated quite clearly and distinctly, so that the spiritual force has truly worked its way here into an external element—that is, into the physical body of the human being. What must have been present in the mother of Jesus of Nazareth herself for her faith to be strong enough at that moment to bring about such an effect? She must have possessed something that was indeed present within her, namely, the realization that the one who was called her son had become the Spirit of the Earth. Then, in turn, her strong power of faith, in conjunction with his strong power—which acts from him to her—could work so powerfully that what is described actually took place.
[ 23 ] So haben wir in dem ersten Zeichen durch die ganze Konstellation der Verhältnisse gezeigt, wie aus den Zusammenstimmungen der Seelen heraus, aus dem, was noch geknüpft ist an die Blutsbande, in die physische Welt hineingewirkt wird. Es war das erste Zeichen, das geschehen ist und wo die Kraft des Christus im Mindestmaße gezeigt wird. Sie brauchte noch die Verstärkung durch den Zusammenhalt mit den seelischen Kräften der Mutter, und sie brauchte die Verstärkung durch die im Wasser mit der Natur noch vereinigten Kräfte, die noch darinnen sind, wenn man das Wasser frisch geschöpft hat. Im Mindestmaße tritt uns hier die wirkende Kraft der Christus-Wesenheit entgegen. Aber besonders wird Wert darauf gelegt, daß die Christus-Kraft hinüberwirkt auf die andere Seele und aus dieser anderen Seele, die dazu geeignet ist, Wirkungen herausruft. Das ist das Wesentliche, daß die Christus-Kraft gerade die Macht hat, die andere Seele geeignet zu machen, so daß die Wirkungen eintreten. Sie hatte die Hochzeitsgäste dazu geeignet gemacht, daß sie auch das Wasser als Wein empfanden. Ein jegliches aber, was eine wirkliche Kraft ist, verstärkt sich in seiner Wirkung selber. Indem der Christus das zweite Mal diese Kraft auszuüben hat, ist sie schon stärker. Wie sich die einfachste Kraft durch Übung verstärkt, so verstärkt sich besonders eine geistige Kraft, wenn sie einmal mit Erfolg angewendet wird.
[ 23 ] Thus, in the first sign, through the entire constellation of circumstances, we have shown how, out of the harmony of souls—out of what is still bound up with blood ties—an influence is exerted upon the physical world. It was the first sign that occurred, in which the power of Christ is revealed to the very least degree. It still required reinforcement through its connection with the mother’s soul forces, and it required reinforcement through the forces still united with nature in the water—forces that remain within it when the water has just been drawn. Here, the active power of the Christ-being is revealed to us to the greatest extent. But particular emphasis is placed on the fact that the Christ-power works over into the other soul and, from this other soul—which is suited to it—brings about effects. This is the essential point: that the Christ-power has precisely the power to make the other soul suitable, so that the effects occur. It had made the wedding guests receptive so that they, too, perceived the water as wine. But any force that is truly a force strengthens itself through its own effect. Since Christ must exercise this power a second time, it is already stronger. Just as the simplest force is strengthened through practice, so too is a spiritual force strengthened, especially once it has been successfully applied.
[ 24 ] Das zweite der Zeichen ist, wie Sie aus dem Johannes-Evangelium wissen, die Heilung des Sohnes eines königlichen Hauptmannes. Wodurch wird der Sohn des königlichen Hauptmannes geheilt? Auch hier werden Sie wiederum nur das Richtige erkennen, wenn Sie das Johannes-Evangelium im richtigen Maße lesen, wenn Sie die Worte, die in dem betreffenden Kapitel das Wichtigste sind, ins Auge fassen. Im 5o. Verse des vierten Kapitels heißt es, nachdem der Hauptmann dem Jesus von Nazareth sein Leid geklagt hat:
[ 24 ] The second of the signs, as you know from the Gospel of John, is the healing of the son of a royal centurion. By what means is the son of the royal centurion healed? Here, too, you will only recognize the truth if you read the Gospel of John with due care, focusing on the words that are most important in the chapter in question. In verse 50 of chapter 4, after the centurion has told Jesus of Nazareth about his suffering, it says:
«Jesus spricht zu ihm: «Gehe hin, dein Sohn lebt.» Der Mensch glaubte dem Worte, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.»
“Jesus said to him, ‘Go; your son is alive.’ The man believed the words Jesus spoke to him and went on his way.”
[ 25 ] Wiederum waren zwei Seelen da, welche zusammenstimmten: die Seele des Christus und die Seele vom Vater des Sohnes. Und wie wirkt das Wort des Christus: «Gehe hin, dein Sohn lebt»? Es wirkt so, daß es in der anderen Seele die Kraft entzündet, zu glauben, was als ein solches Wort gesprochen war. Diese zwei Kräfte wirkten zusammen. Das Wort des Christus hatte die Kraft, so zu zünden in der anderen Seele, daß der Hauptmann glaubte. Würde der Mensch nicht geglaubt haben, so würde der Sohn nicht gesund geworden sein. So wirkt die eine Kraft auf die andere. Zwei gehören dazu. Hier aber haben wir bereits ein höheres Maß der Christus-Kraft. Bei der Hochzeit zu Kana brauchte sie noch, um überhaupt wirken zu können, die Verstärkung durch die Kraft der Mutter. Jetzt ist die Zeit so weit gekommen, daß die ChristusKraft das zündende Wort in die Seele des Hauptmannes hinübergießen kann. Eine Steigerung der Christus-Kraft ist da.
[ 25 ] Once again, there were two souls in harmony: the soul of Christ and the soul of the Father of the Son. And how does the word of Christ—“Go; your son lives”—work? It works by kindling in the other soul the power to believe what was spoken as such a word. These two powers worked together. The word of Christ had the power to kindle the other soul in such a way that the centurion believed. If the man had not believed, the son would not have been healed. This is how one power acts upon the other. It takes two. Here, however, we already have a higher degree of Christ’s power. At the wedding in Cana, it still needed to be reinforced by the Mother’s power in order to be effective at all. Now the time has come when Christ’s power can pour the igniting word into the centurion’s soul. There is an increase in Christ’s power.
[ 26 ] Gehen wir jetzt zu dem dritten der Zeichen, zu der Heilung des achtunddreißig Jahre lang Kranken am Teich Bethesda. Da müssen wir wieder das wichtigste Wort lesen, das Licht hineinwirft in die ganze Sache. Das ist jene Stelle, welche da heißt:
[ 26 ] Let us now turn to the third of the signs: the healing of the man who had been ill for thirty-eight years at the Pool of Bethesda. Here again, we must read the most important word, which sheds light on the whole matter. This is the passage that reads:
«Jesus spricht zu ihm: Stehe auf, nimm dein Bette und gehe hin!» (5, 8)
“Jesus said to him, ‘Get up, take your mat, and walk!’” (5:8)
[ 27 ] Der Kranke hatte vorher gesagt, als er von seiner Notwendigkeit sprach, liegen zu bleiben, daß er sich nicht bewegen könnte:
[ 27 ] The patient had said earlier, when speaking of his need to stay in bed, that he could not move:
«Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich beweget, der mich in den Teich lasse; und wenn ich komme, so steiget ein anderer vor mir hinein.» (5, 7)
“Sir, I have no one to let me into the pool when the water stirs; and when I try to get in, someone else goes down before me.” (5:7)
[ 28 ] Der Christus aber spricht zu ihm — und das ist nun wiederum wichtig, daß es an einem Sabbat ist, wo überall Festesstimmung ist, eine Zeit eminentester Menschenliebe -, und er kleidet das, was er sagen will, in den Ausdruck: «Stehe auf, nimm dein Bette und gehe hin!» (5, 8). Und wir müssen dieses Wort zusammenhalten mit dem anderen, das er ihm sagt, und das ebenso wichtig ist:
[ 28 ] But Christ says to him—and this, in turn, is important: it is on the Sabbath, when there is a festive atmosphere everywhere, a time of the highest expression of love for humanity—and he expresses what he wants to say with the words: “Get up, take your mat, and walk!” (5:8). And we must consider this statement together with the other thing he says to him, which is just as important:
«Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.» (5, 14)
“See that you are well; sin no more, lest something worse happen to you.” (5:14)
[ 29 ] Was heißt das? Das heißt: Die Krankheit des achtunddreißig Jahre lang Kranken hing zusammen mit seiner Sünde. Ob diese Sünde begangen ist in diesem oder in einem früheren Leben, das wollen wir jetzt nicht erörtern. Für uns handelt es sich darum: Es hat der Christus in seine Seele die Kraft gegossen, etwas zu tun, was hineingreift bis in die moralisch-seelische Natur des anderen. Da haben wir wiederum eine Steigerung der Christus-Kraft. Vorher handelte es sich bloß um etwas, was so weit wirken sollte, daß Physisches geschah. Jetzt aber ist eine Krankheit da, von welcher der Christus selber sagt, daß sie zusammenhängt mit der Sünde des Kranken. Der Christus weiß in diesem Moment einzugreifen in die eigene Seele des Kranken. Vorher bedurfte es des Vaters noch; jetzt wirkt die Christus-Kraft in die Seele des Kranken hinein, was dadurch noch einen besonderen Zauber erhält, daß es am Sabbat geschieht. Der heutige Mensch hat keinen rechten Sinn mehr für solche Dinge. Für einen Bekenner des Alten Testamentes aber hatte es etwas zu sagen, daß es am Sabbat geschah. Das war etwas ganz Besonderes. Daher waren auch die Juden über den Kranken besonders erregt, weil er am Sabbat sein Bett trug. Das ist ein außerordentlich wichtiger Zug. Die Menschen sollten denken lernen, wenn sie die Evangelien lesen! Sie sollten es nicht für etwas Selbstverständliches halten, daß der Kranke geheilt werden konnte, daß derjenige, der seit achtunddreißig Jahren nicht hat gehen können, jetzt geht; sie sollten nachdenken über eine solche Stelle:
[ 29 ] What does that mean? It means that the illness of the man who had been sick for thirty-eight years was connected to his sin. Whether this sin was committed in this life or in a previous one is not something we wish to discuss now. For us, the point is this: Christ poured into his soul the power to do something that reaches into the moral and spiritual nature of the other person. Here we see, once again, an intensification of the Christ-force. Previously, it was merely a matter of something intended to have an effect that brought about a physical result. But now there is an illness of which the Christ Himself says that it is connected to the sick person’s sin. At this moment, the Christ knows how to intervene in the sick person’s own soul. Before, the Father was still needed; now the Christ-force acts within the sick person’s soul, which takes on a special significance because it happens on the Sabbath. People today no longer have a true sense for such things. For a believer in the Old Testament, however, the fact that it happened on the Sabbath carried special significance. It was something quite extraordinary. That is why the Jews were particularly agitated about the sick man, because he carried his mat on the Sabbath. This is an extraordinarily important detail. People should learn to think when they read the Gospels! They should not take it for granted that the sick man could be healed, that the one who had been unable to walk for thirty-eight years is now walking; they should reflect on a passage such as this:
«Da sprachen die Juden zu dem, der gesund war worden: Es ist heute Sabbat; es ziemt dir nicht, das Bette zu tragen.» (5, 10)
“Then the Jews said to the man who had been healed, ‘Today is the Sabbath; it is not lawful for you to carry your mat.’” (5:10)
[ 30 ] Nicht das fiel ihnen auf, daß er gesund geworden war, sondern daß er am Sabbat sein Bette trug! Es gehörte also zu der Heilung dieses Kranken dazu die ganze Situation, gerade an dem geheiligten Tag zu wirken. In dem Christus selber ist der Gedanke: Wenn der Sabbat dem Gotte wirklich heilig sein soll, dann müssen die Seelen durch die Gotteskraft an diesem Tage eine besondere Stärke haben. Durch diese Stärke wirkt er hinüber auf den, der da vor ihm stand, das heißt, sie übertrug sich auf die eigene Seele des Kranken. Und während der Kranke früher in seiner Seele keine Kraft gefunden hat, welche die Folgen der Sünde hat überwinden können, hat er jetzt diese Kraft durch die Wirkung der Christus-Kraft. Wiederum eine Steigerung der Christus-Kraft.
[ 30 ] What struck them was not that he had been healed, but that he was carrying his mat on the Sabbath! Thus, the healing of this sick man involved the entire situation—performing the miracle precisely on the holy day. Christ Himself holds this thought: If the Sabbath is truly to be holy to God, then souls must possess a special strength on this day through the power of God. Through this strength, He works upon the one standing before Him—that is, it is transferred to the sick man’s own soul. And whereas the sick man had previously found no strength within his soul capable of overcoming the consequences of sin, he now possesses this strength through the working of Christ’s power. Yet another increase in Christ’s power.
[ 31 ] Und jetzt gehen wir weiter. Wie gesagt, über die eigentliche Natur der Wunder soll später gesprochen werden.
[ 31 ] And now let’s move on. As I said, we’ll discuss the true nature of miracles later.
[ 32 ] Das vierte der Zeichen ist die Speisung der fünftausend Mann. Dabei müssen wir wiederum das allerwichtigste Wort ins Auge fassen. Und welches ist das? - Man muß immer bei solchen Dingen bedenken, daß man nicht mit einem heutigen Bewußtsein ein solches Geschehnis überschauen darf. Wenn diejenigen, welche über den Christus geschrieben haben in der Zeit, als das Johannes-Evangelium geschrieben worden ist, geglaubt hätten, was heute unsere materialistische Zeit glaubt, dann hätten sie wirklich anders geschrieben; denn dann wäre ihnen anderes aufgefallen, als ihnen aufgefallen ist. - Das wichtigste Wort aber - das andere fällt ihnen nicht besonders auf, auch nicht, daß Fünftausend gespeist werden können mit dem wenigen, was da ist -, das Wort, das besonders betont wird, ist dieses:
[ 32 ] The fourth of the signs is the feeding of the five thousand. Here, too, we must focus on the most important word. And what is that? — In such matters, one must always bear in mind that one must not view such an event through the lens of modern consciousness. If those who wrote about Christ at the time the Gospel of John was written had believed what our materialistic age believes today, they would indeed have written differently; for then they would have noticed things other than what they actually noticed. - But the most important word—the others do not particularly stand out to them, nor does the fact that five thousand can be fed with the little that is there—the word that is particularly emphasized is this:
«Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie den Jüngern, die Jünger aber denen, die sich gelagert‘hatten; desselbigengleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten.» (6, 11)
“But Jesus took the loaves, gave thanks, and gave them to the disciples; and the disciples gave them to those who were seated. He did the same with the fish, giving them as much as they wanted.” (6:11)
[ 33 ] Was tut denn da der Christus Jesus? Hier bedient er sich, um das zu tun, was geschehen sollte, der Seelen der Jünger, derjenigen, die mit ihm waren, die herangereift waren zu seiner Größe nach und nach. Die gehören dazu. Sie sind um ihn herum; in ihnen kann er jetzt wachrufen eine seelische Kraft der Wohltat. Seine Kraft strömt hinaus in die der Jünger. Wie dann das hat geschehen können, was hier geschehen ist, darüber wollen wir noch sprechen. Aber eine Steigerung seiner Kraft bemerken wir auch hier wiederum. Früher hat er seine Kraft hinüberströmen lassen in die Seele des achtunddreißig Jahre lang Kranken. Jetzt aber wirkt seine Kraft hinüber in die Kraft der Seelen der Jünger. Hier wirkt jene Spannung der Kräfte hinaus, die da geht von der Seele des Herrn zu der Seele der Jünger. Es hat sich die Kraft erweitert von der Seele des einen auf die Seelen der anderen. Stärker ist die Kraft geworden. Es lebt also schon jetzt in den Seelen der Jünger auch das, was in der Seele des Christus lebt.
[ 33 ] What, then, is Christ Jesus doing here? To accomplish what was to happen, he makes use of the souls of his disciples—those who were with him, who had gradually matured to match his greatness. They are part of this. They are gathered around him; within them he can now awaken a spiritual power of healing. His power flows out into the souls of the disciples. We will speak later about how what happened here could have come to pass. But here, too, we again observe an intensification of his power. Previously, he had allowed his power to flow into the soul of the man who had been ill for thirty-eight years. Now, however, his power is working its way into the souls of the disciples. Here we see that tension of forces radiating outward, flowing from the soul of the Lord to the souls of the disciples. The power has expanded from the soul of one to the souls of the others. The power has grown stronger. Thus, what lives in the soul of Christ is already alive in the souls of the disciples as well.
[ 34 ] Wenn die Menschen sagen wollten: Was geschieht durch einen solchen Einfluß ? - dann sollten sie sich nur einmal an die Erfahrung halten. Sie sollten einmal versuchen zu beobachten, was geschah, wenn wirklich die starke Kraft, die in dem Christus war, nicht allein wirkte, sondern die Kraft entzündete in den Seelen der anderen Menschen, so daß sie dann weiter wirkte. Es gibt heute nicht Menschen, welche so lebendig glauben - vielleicht glauben sie theoretisch, aber nicht mit der genügenden Kraft. Dann aber erst könnten sie beobachten, was da geschieht. Die Geistesforschung weiß sehr wohl, was da geschieht.
[ 34 ] If people were to ask, “What happens as a result of such an influence?”—then they should simply turn to experience. They should try to observe what happened when the powerful force that was in Christ did not act alone, but rather ignited that force in the souls of other people, so that it continued to work through them. There are no people today who believe so vividly—perhaps they believe theoretically, but not with sufficient strength. Only then, however, could they observe what happens there. Spiritual science knows very well what happens there.
[ 35 ] So haben wir eine von Stufe zu Stufe gehende Verstärkung der Christus-Kraft.
[ 35 ] Thus we have a gradual intensification of the Christ-force from stage to stage.
[ 36 ] Und weiter: das fünfte der Zeichen, das in demselben Kapitel erzählt wird und beginnt:
[ 36 ] And further: the fifth of the signs, which is recounted in the same chapter and begins:
«Am Abend aber gingen die Jünger hinab an das Meer, Und traten in das Schiff, und kamen über das Meer gen Kapernaum. Und es war schon finster geworden, und Jesus war nicht zu ihnen gekommen.
Und das Meer er hub sich von einem großen Winde.
Da sie nun gerudert hatten bei fünfundzwanzig oder dreißig Feld Wegs, sahen sie Jesum auf dem Meere dahergehen und nahe zum Schiffe kommen; und sie fürchteten sich.» (6, 16-19)
“That evening, the disciples went down to the sea, got into the boat, and set out across the sea toward Capernaum. It was already dark, and Jesus had not yet joined them.
And the sea was rough because of a strong wind.
After they had rowed about twenty-five or thirty stadia, they saw Jesus walking on the sea and coming near the boat; and they were afraid.” (6:16–19)
[ 37 ] Diejenigen, welche heute Evangelien drucken lassen, schreiben zum Beispiel als einen höchst überflüssigen Titel darüber: « Jesus wandelt auf dem Meer», als ob das irgendwo in diesem Kapitel stehen würde. Wo steht: « Jesus wandelt auf dem Meer»? Es steht da: «Die Jünger sahen Jesum auf dem Meere dahergehen.» Das ist es. Wir müssen die Evangelien wörtlich nehmen. Die Christus-Kraft hat sich eben wiederum verstärkt! So stark war sie geworden durch die selbstverständliche Verstärkung in der Übung in den letzten Taten, daß jetzt nicht nur die Christus-Kraft von einer Seele in die andere wirken konnte, daß sich nicht nur die Christus-Seele in ihren Kräften mitteilen konnte den anderen Seelen, sondern daß der Christus in seiner eigenen Gestalt vor der Seele des anderen leben konnte, der dazu geeignet war. Also das Ereignis ist dieses: Irgend jemand ist an einem anderen Orte, seine Kraft ist so stark, daß sie wirkt auf entfernte Menschen, die weit weg sind. So stark wirkt sie aber jetzt, die Christus-Kraft, daß sie nicht bloß in den Jüngern eine Kraft auslöst, wie sie bei denen war, die sich mit ihm auf dem Berge gelagert hatten; da war nur die Kraft übergegangen auf die Jünger, um das Wunder zu wirken. Jetzt haben sie die Kraft, obwohl sie mit physischen Augen nicht da hineinsehen können, wo der Christus ist, den Christus zu sehen und seine eigene Gestalt zu schauen. Der Christus konnte in der Ferne sichtbar werden für diejenigen, zu denen sich sein Seelenband bereits geknüpft hatte. Jetzt ist seine eigene Gestalt so weit, daß sie geistig gesehen werden kann. In dem Augenblick, als die Möglichkeit des physischen Sehens bei den Jüngern schwindet, da taucht die Möglichkeit des geistigen Sehens bei ihnen um so mehr auf, und sie sehen den Christus. Das Sehen in die Ferne ist aber durchaus so, daß man das Bild des Gegenstandes wie in seiner unmittelbaren Nähe hat. Wiederum eine Steigerung der Christus-Kraft. Das nächste Zeichen ist die Heilung des Blindgeborenen.
[ 37 ] Those who have the Gospels printed today, for example, give them a highly superfluous title such as: “Jesus Walks on the Sea,” as if that were written anywhere in this chapter. Where does it say, “Jesus Walks on the Sea”? It says: “The disciples saw Jesus walking on the sea. ” That is all. We must take the Gospels literally. The Christ-power has just grown stronger once again! It had become so strong through the natural strengthening gained during the practice of the previous deeds that now not only could the Christ-power work from one soul to another—not only could the Christ-soul impart its powers to other souls—but Christ Himself could live in His own form before the soul of another who was suited for it. So the event is this: Someone is in one place, and his power is so strong that it affects people who are far away. But the Christ-power now acts with such strength that it does not merely trigger a power in the disciples, as it did in those who had camped with him on the mountain; there, the power had merely passed on to the disciples to perform the miracle. Now they have the power—even though they cannot see with their physical eyes where Christ is—to see Christ and behold his very form. Christ could become visible from a distance to those with whom his soul had already formed a bond. Now his very form has reached a point where it can be seen spiritually. The moment the disciples’ ability to see physically fades, their ability to see spiritually emerges all the more, and they see the Christ. Yet seeing from a distance is such that one has the image of the object as if it were in immediate proximity. Once again, an increase in the power of the Christ. The next sign is the healing of the man born blind.
[ 38 ] Diese Heilung des Blindgeborenen, wie sie in dem Johannes-Evangelium steht, wird nun wiederum ganz besonders entstellt. Sie haben die Geschichte ja vielleicht öfters im Evangelium gelesen:
[ 38 ] This healing of the man born blind, as it appears in the Gospel of John, is now, in turn, being particularly distorted. You may have read this story in the Gospel many times:
«Und Jesus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er ist blind geboren?
Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündiget, noch seine Eltern, sondern daß die Werke Gottes offenbar würden an ihm.» (9, 1-3)
“As Jesus was walking along, he saw a man who had been blind from birth. His disciples asked him, ‘Rabbi, who sinned, this man or his parents, that he was born blind?’
Jesus answered, “Neither this man nor his parents sinned; but this happened so that the works of God might be displayed in him.” (9:1–3)
[ 39 ] Und dann heilt er ihn. Man braucht nur zu fragen: Ist es etwa ein christliches Empfinden, daß man so interpretiert: Hier ist ein Blindgeborener. Gesündigt, so daß er blind geboren ist, haben nicht seine Eltern, gesündigt hat auch nicht er, aber er ist von Gott blind gemacht worden, damit der Christus kommen kann und zum Ruhme Gottes ein Wunder tun kann. Damit also eine Wirkung dem Gotte zugeschrieben werden könnte, mußte erst der Betreffende von dem Gotte blind gemacht werden! Es ist aber nur nicht richtig gelesen. Es heißt auch gar nicht, daß sich «die Werke Gottes bei diesem Blinden offenbaren sollten».
[ 39 ] And then he heals him. One need only ask: Is it really a Christian way of thinking to interpret it this way: Here is a man born blind. It was not his parents who sinned so that he was born blind, nor did he himself sin, but he was made blind by God so that Christ might come and perform a miracle for the glory of God. So, in order for an effect to be attributed to God, the person in question first had to be made blind by God! But this is simply a misreading. It does not say at all that “the works of God were to be revealed in this blind man.”
[ 40 ] Wenn wir dieses Zeichen verstehen wollen, so müssen wir zurückgehen auf den Sprachgebrauch, wie das Wort «Gott» gebraucht wurde. Das werden Sie am leichtesten finden, wenn Sie ein anderes Kapitel aufschlagen, wo der Christus geradezu angeklagt wird, daß er von sich behauptete, er wäre mit dem Gotte eins. Wie antwortet er?
[ 40 ] If we want to understand this sign, we must go back to the linguistic usage of the word “God.” You will find this most easily by turning to another chapter where Christ is directly accused of claiming that he is one with God. How does he respond?
«Jesus antwortete ihnen: Stehet nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?» (10, 34)
“Jesus answered them, ‘Is it not written in your Law, “I have said, ‘You are gods’?”’ (10:34)
[ 41 ] Das heißt, der Christus antwortet: In dem Innersten der Menschenseele ist die Anlage zu einem Gotte. Es ist etwas Göttliches. Wie oft haben wir es ausgesprochen, daß das vierte Glied der menschlichen Wesenheit die Anlage zu dem Göttlichen im Menschen ist. «Ihr seid Götter! », das heißt: ein Göttliches wohnt in euch! Dieses Göttliche ist etwas anderes als der Mensch, als die Person des Menschen, wie er hier zwischen Geburt und Tod lebt; das ist auch etwas anderes als das, was ein Mensch von seinen Eltern ererbt hat. Woher kommt dieses Göttliche, diese Individualität des Menschen? Sie geht von Verkörperung zu Verkörperung, durch wiederholte Erdenleben. Aus einem früheren Erdenleben herüber, aus einer früheren Inkarnation kommt diese Individualität. Also: nicht seine Eltern haben gesündigt, auch nicht seine Persönlichkeit, zu der man gewöhnlich «Ich» sagt. Aber in einem früheren Leben hat dieser Mensch die Ursache dazu gelegt, daß er blind geboren ist in diesem Leben. Blind ist er dadurch geworden, daß sich die Werke des Gottes in ihm von einem früheren Leben her in seiner Blindheit zeigen. Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung, wird hier klar und deutlich von dem Christus Jesus angedeutet. Auf was also muß jetzt gewirkt werden, wenn diese Krankheit geheilt werden sollte? Es muß auf das gewirkt werden, was nicht als ein vergängliches Ich zwischen Geburt und Tod lebt, sondern tiefer müssen sich die Kräfte hineinbohren, in das Ich, das von Leben zu Leben geht. Die Christus-Kraft hat sich abermals gesteigert. Bis jetzt haben wir gesehen, daß sie nur auf das gewirkt hat, was ihr gegenübersteht. Jetzt wirkt sie auf das, was das Menschenleben zwischen Geburt und Tod überlebt, was von Leben zu Leben geht. Der Christus fühlt sich selbst als der Repräsentant des Ich-bin. Indem er seine Kraft hineingießt in das Ich-bin, indem so der hohe Gott des Christus sich mitteilt dem Gotte im Menschen, bekommt der Mensch die Kraft, sich von innen heraus zu heilen. Jetzt ist der Christus hineingedrungen bis in das innerste Wesen der Seele. Seine Kraft hat hineingewirkt in die ewige Individualität des Kranken und hat diese dadurch stark gemacht, daß die eigene Kraft des Christus auftritt in der Individualität des Kranken und dadurch auch hineinwirkt bis in die Folgen der früheren Inkarnationen.
[ 41 ] In other words, Christ answers: In the innermost depths of the human soul lies the potential for divinity. It is something divine. How often have we stated that the fourth element of human being is the potential for the divine within the human being. “You are gods!”—that is to say: something divine dwells within you! This divine element is something other than the human being, other than the person as he lives here between birth and death; it is also something other than what a person has inherited from his parents. Where does this divine element, this individuality of the human being, come from? It passes from one incarnation to the next, through repeated earthly lives. This individuality comes from a previous earthly life, from a previous incarnation. So: it was not his parents who sinned, nor was it his personality, which we usually call the “I.” But in a previous life, this person laid the cause for being born blind in this life. He has become blind because the workings of the God within him, carried over from a previous life, manifest themselves in his blindness. Karma, the law of cause and effect, is clearly and unambiguously indicated here by Christ Jesus. So what must be addressed now if this illness is to be healed? The effort must be directed not toward the transitory “I” that lives between birth and death, but the forces must penetrate deeper—into the “I” that passes from life to life. The Christ-force has once again intensified. Until now, we have seen that it has acted only upon that which stands opposed to it. Now it acts upon that which survives human life between birth and death, that which passes from life to life. Christ perceives himself as the representative of the “I Am.” By pouring his power into the “I Am”—thus allowing the high God of Christ to communicate with the God within the human being—the human being receives the power to heal themselves from within. Now the Christ has penetrated into the innermost essence of the soul. His power has worked into the eternal individuality of the sick person and has strengthened it by the fact that the Christ’s own power manifests within the sick person’s individuality and thereby also works its way into the consequences of past incarnations.
[ 42 ] Welche Steigerung gibt es jetzt noch für die Christus-Kraft? Einzig und allein die Steigerung, daß der Christus an einen Menschen heranrückt und das in ihm auferweckt, wodurch sein eigener Impuls in dem anderen Menschen auferweckt wird, daß der andere Mensch die Christus-Kraft so aufnimmt, daß sein ganzes Wesen davon durchdrungen wird, und er ein anderer Mensch, ein Christus-durchdrungener Mensch wird. Das geschieht bei der Auferweckung des Lazarus! Da haben wir wieder eine Steigerung der Christus-Kraft. Die ChristusKraft steigert sich von Stufe zu Stufe.
[ 42 ] What further intensification is there now for the Christ-force? The only increase is that Christ draws near to a person and awakens within them that which in turn awakens his own impulse in the other person, so that the other person receives the Christ-force in such a way that his entire being is permeated by it, and he becomes a different person—a person permeated by Christ. This is what happens in the raising of Lazarus! Here we see yet another intensification of the Christ-force. The Christ-force intensifies from stage to stage.
[ 43 ] Wo haben Sie in der Welt ein lyrisches Dokument, das so großartig komponiert wäre! Keine anderen Schriftsteller haben solche Kompositionen gehabt. Wer müßte sich nicht in Ehrfurcht beugen, wenn hier die Ereignisse so geschildert sind, daß sie sich steigern von Stufe zu Stufe und in einer so wunderbaren Weise! Wenn wir nur von der Seite der künstlerischen Komposition her das Johannes-Evangelium betrachten, müssen wir uns in Ehrfurcht vor ihm beugen. Hier wächst alles von Stufe zu Stufe hinauf und steigert sich.
[ 43 ] Where in the world can you find a lyrical work so magnificently composed! No other writers have produced such compositions. Who could fail to bow in awe when the events are described here in such a way that they build from one level to the next in such a marvelous manner! If we consider the Gospel of John solely from the perspective of its artistic composition, we must bow before it in awe. Here, everything rises from one level to the next and builds in intensity.
[ 44 ] Noch eines bleibt uns übrig zu zeigen. Wir müssen uns fragen: Wir haben einzelnes herausgegriffen, was uns die Steigerung der Zeichen, der Wunder zeigt. Es steht auch manches dazwischen. Wie gliedert sich das in das Ganze hinein?
[ 44 ] There is one more thing left for us to show. We must ask ourselves: We have singled out individual examples that illustrate the increasing intensity of the signs and wonders. There are also many other events in between. How do they fit into the bigger picture?
[ 45 ] Morgen wird es unsere Aufgabe sein, zu zeigen, daß im JohannesEvangelium nicht nur in seinen Wundern eine bewunderungswürdige Steigerung liegt, sondern daß alle die übrigen Zwischenausführungen mit besonderer Absicht sich hineinfügen, so daß man wohl begreift, daß es nicht besser hätte ausgefüllt werden können, als es der Schreiber des Johannes-Evangeliums getan hat.
[ 45 ] Tomorrow, our task will be to show that the Gospel of John not only contains an admirable build-up in its accounts of miracles, but that all the other intervening passages are woven into the narrative with a specific purpose, so that one can clearly see that it could not have been composed any better than the writer of the Gospel of John did.
[ 46 ] Wir haben heute das Johannes-Evangelium künstlerisch betrachtet in bezug auf seine Komposition, und wir sehen, daß es wahrhaftig kaum denkbar ist, daß ein Kunstwerk künstlerisch vollendeter komponiert ist und sich schöner darstellt als das Johannes-Evangelium bis zu seiner Schilderung der Auferweckung des Lazarus.
[ 46 ] Today we have examined the Gospel of John from an artistic perspective with regard to its composition, and we see that it is truly hard to imagine a work of art that is more artistically perfect in its composition and more beautifully presented than the Gospel of John up to its account of the raising of Lazarus.
[ 47 ] Aber nur der, der lesen kann und weiß, worauf es ankommt, spürt den großen, gewaltigen Sinn des Johannes-Evangeliums. Die Theosophie ist heute dazu berufen, diesen großen Sinn uns vor die Seele zu rücken. Aber es liegt noch mehr in diesem Johannes-Evangelium. Unseren Ausführungen werden Erklärungen des Johannes-Evangeliums nachfolgen, und diese werden wiederum eine höhere Weisheit haben als die unsrigen. Aber ihre Weisheit wird wiederum dazu dienen, neue Wahrheiten zu finden, wie uns unsere Weisheit seit dreißig Jahren dazu dient, dasjenige zu finden, was ohne Theosophie nicht gefunden werden kann.
[ 47 ] But only those who can read and know what is essential can sense the great, profound meaning of the Gospel of John. Theosophy today is called upon to bring this great meaning before our souls. But there is even more to be found in this Gospel of John. Our remarks will be followed by explanations of the Gospel of John, and these, in turn, will contain a higher wisdom than our own. But their wisdom will, in turn, serve to uncover new truths, just as our wisdom has served us for thirty years to uncover that which cannot be discovered without theosophy.
