The Gospel of St. John
in comparison with the other three Gospels,
particularly the Gospel of Luke
GA 112
4 July 1909, Kassel
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The Gospel of St. John, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh lecture
[ 1 ] Aus den Vorträgen, die in diesem Zyklus bisher gehalten worden sind, wird Ihnen zur Genüge hervorgegangen sein, daß dutch die geisteswissenschaftliche Forschung das Christus-Ereignis als das Allerwesentlichste in der ganzen Menschheitsentwickelung angesehen werden muß, daß wir in dem Christus-Ereignis etwas zu sehen haben, was einen ganz neuen Einschlag für die Gesamterdenentwickelung gebracht hat. So daß wir also sagen mußten: Es ist durch das Mysterium von Golgatha, durch die Tatsache von Palästina und alles, was damit vorher und nachher zusammenhängt, etwas ganz Neues in diese Menschheitsentwickelung eingetreten, und es hätte die Menschheitsentwickelung wesentlich anders verlaufen müssen, wenn das ChristusEreignis nicht eingetreten wäre. Wollen wir das Mysterium von Golgatha verstehen, dann müssen wir in die intimen Einzelheiten der Christus-Entwickelung selber noch einige Blicke werfen.
[ 1 ] From the lectures given so far in this series, it will have become abundantly clear to you that, according to spiritual scientific research, the Christ event must be regarded as the most essential factor in the entire development of humanity, and that we must see in the Christ event something that has brought about a completely new direction for the development of the Earth as a whole. So we had to say: Through the Mystery of Golgotha, through the events in Palestine, and everything connected with them before and after, something entirely new has entered into the development of humanity, and the course of human development would have been fundamentally different had the Christ event not taken place. If we want to understand the Mystery of Golgotha, we must take a closer look at the intimate details of Christ’s own development.
[ 2 ] Natürlich läßt sich selbst in vierzehn Vorträgen über das, was eine ganze Welt umspannen würde, nicht alles sagen. Das sehen Sie auch schon von dem Schreiber des Johannes-Evangeliums angedeutet: daß noch manches andere zu sagen wäre, aber die Welt würde nicht Bücher genug herstellen können, um alles zu sagen, was zu sagen ist. So werden Sie auch nicht verlangen können, daß in vierzehn Vorträgen alles gesagt werde, was zusammenhängt mit dem Christus-Ereignis und seiner Schilderung durch das Johannes-Evangelium und die anderen, mit ihm verwandten Evangelien.
[ 2 ] Of course, even in fourteen lectures on a subject that would encompass the entire world, it is impossible to say everything. You can already see this hinted at by the author of the Gospel of John: that there is still much more to be said, but the world could not produce enough books to say everything that needs to be said. Thus, you cannot expect that fourteen lectures will cover everything related to the Christ event and its account in the Gospel of John and the other Gospels associated with it.
[ 3 ] Wir haben gestern und vorgestern gesehen, wie durch das Wohnen ‚des Christus-Geistes, der Christus-Individualität in der dreifachen Hülle des Jesus von Nazareth allmählich dasjenige hat bewirkt werden können, was unsim Johannes-Evangelium geschildert wird bis einschließlich zu dem Kapitel über die Auferweckung des Lazarus. So haben wir gesehen, daß der Christus nach und nach sich heranzubilden hatte die dreifache Leiblichkeit, den physischen Leib, den Ätherleib und astralischen Leib, die ihm hingeopfert worden waren durch den großen Eingeweihten Jesus von Nazareth. Wir werden aber nur verstehen können, was eigentlich der Christus in der dreifachen Hülle des Jesus von Nazareth bewirkt hat, wenn wir uns zuerst einmal vor die Seele führen, wie überhaupt der Zusammenhang ist im Menschen zwischen den einzelnen Gliedern seiner Wesenheit.
[ 3 ] Yesterday and the day before yesterday, we saw how, through the indwelling of the “Christ Spirit,” the Christ Individuality, in the threefold body of Jesus of Nazareth, what is described in the Gospel of John—up to and including the chapter on the raising of Lazarus—was gradually brought about. Thus we have seen that Christ gradually had to form within Himself the threefold physicality—the physical body, the etheric body, and the astral body—which had been sacrificed to Him by the great initiate Jesus of Nazareth. However, we will only be able to understand what Christ actually accomplished within the threefold body of Jesus of Nazareth if we first bring to mind the relationship between the individual members of the human being’s being.
[ 4 ] Wir haben ja bisher nur in großen Zügen angedeutet, daß im tagwachenden Zustand der Mensch sich so zeigt für das hellseherische Bewußtsein, daß physischer Leib, Äther- oder Lebensleib, astralischer Leib und Ich sich gegenseitig durchdringen, ein sich durchdringendes Ganzes bilden, daß in der Nacht im Bette liegenbleiben der physische Leib und der Ätherleib, und daß herausgehoben sind der astralische Leib und das Ich. Nun werden wir uns heute, um das Mysterium von Golgatha genauer beschreiben zu können, fragen müssen: Welches ist denn die genauere Durchdringung der vier Glieder des menschlichen Wesens beim tagwachenden Zustand? Das heißt, wie dringen denn das Ich und der astralische Leib in den Ätherleib und den physischen Leib eigentlich am Morgen beim Aufwachen in den Menschen ein? Es wird am besten sein, wenn ich Ihnen das klarmache durch eine schematische Zeichnung.
[ 4 ] So far we have only outlined in broad strokes that, in the waking state, human beings appear to clairvoyant consciousness in such a way that the physical body, the etheric or life body, the astral body, and the I interpenetrate one another, forming an interpenetrating whole; that at night, when one remains in bed, the physical body and the etheric body and that the astral body and the “I” are set apart. Now, in order to describe the Mystery of Golgotha more precisely, we must ask ourselves today: What exactly is the nature of the interpenetration of the four members of the human being in the waking state? That is to say, how do the I and the astral body actually penetrate the etheric body and the physical body in the morning when a person wakes up? It will be best if I illustrate this for you with a schematic drawing.
[ 5 ] Nehmen wir einmal an, schematisch gezeichnet, wir hätten hier an dieser Zeichnung unten den physischen Leib des Menschen, und wir hätten oben darüber den Ätherleib des Menschen. Am Morgen, wenn aus der geistigen Welt heraus der astralische Leib und das Ich eindringen in diesen physischen Leib und Ätherleib, so geschieht das so, daß im wesentlichen - ich bitte auf dieses Wort Wert zu legen! — der astralische Leib eindringt in den Ätherleib und das Ich eindringt in den physischen Leib. So daß hier auf der Zeichnung die horizontalen Linien bedeuten astralischen Leib und Ätherleib, und die vertikalen Linien bedeuten Ich und physischen Leib.
[ 5 ] Let us assume, for the sake of simplicity, that in this diagram below we have the human physical body, and above it we have the human etheric body. In the morning, when the astral body and the “I” enter this physical body and etheric body from the spiritual world, this happens in such a way that, essentially—and I ask you to pay close attention to this word!—the astral body enters the etheric body and the “I” enters the physical body. Thus, in this diagram, the horizontal lines represent the astral body and the etheric body, and the vertical lines represent the “I” and the physical body.


[ 6 ] Ich sagte «im wesentlichen», weil sich natürlich im Menschen alles durchdringt, so daß man auch sagen kann: Das Ich ist auch im Ätherleibe und so weiter. Wie es hier gemeint ist, ist es mittelbar der Fall, im wesentlichen. Wenn wir die stärkste Durchdringung nehmen, so gilt das, was ich Ihnen hier schematisch gezeichnet habe.
[ 6 ] I said “essentially” because, of course, everything interpenetrates within the human being, so that one can also say: The “I” is also present in the etheric body, and so on. As it is meant here, this is indirectly the case—essentially. If we consider the strongest interpenetration, then what I have sketched for you here applies.
[ 7 ] Nunmehr fragen wir uns: Was ist denn eigentlich geschehen bei der Johannes-Taufe? Bei der Johannes-Taufe, haben wir gesagt, drang das Ich des Jesus von Nazareth aus dem physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib heraus und ließ diese dreifache Hülle für die Christus-Wesenheit zurück. So daß wir uns schematisch zeichnen dürfen dasjenige, was dann vorhanden war von dem Jesus von Nazareth, als den physischen Leib, den Ätherleib, den astralischen Leib. Das Ich hat den physischen Leib verlassen. Statt dieses Ich des Jesus von Nazareth zog ein in diese dreifache Hülle — also wiederum im wesentlichen, und zwar hauptsächlich in den physischen Leib — das Christus-Wesen. Damit haben wir allerdings den Rand eines tiefen Geheimnisses berührt. Denn wenn wir jetzt in Betracht ziehen, was da eigentlich geschah, so müssen wir sagen: Was da geschah, berührt alle diese großen menschheitlichen Verhältnisse, die wir in den letzten Tagen angedeutet haben.
[ 7 ] Now let us ask ourselves: What actually happened at the baptism by John? At the baptism by John, as we have said, the “I” of Jesus of Nazareth emerged from the physical body, the etheric body, and the astral body, leaving this threefold sheath behind for the Christ Being. Thus we may schematically depict what remained of Jesus of Nazareth as the physical body, the etheric body, and the astral body. The “I” had left the physical body. In place of this “I” of Jesus of Nazareth, the Christ Being entered this threefold sheath—essentially, and primarily, into the physical body. With this, however, we have touched upon the edge of a profound mystery. For when we now consider what actually happened there, we must say: What happened there touches upon all those great human conditions that we have alluded to in recent days.


[ 8 ] Ich habe Ihnen angedeutet in den letzten Tagen, daß alles, was im Menschen generell ist, was sozusagen im Menschen das Gleichmachende innerhalb einer gewissen Gruppe ist, in dem weiblichen Element der Vererbung liegt. Ich habe Ihnen gesagt, daß durch die Frau im Laufe der Generationen dasjenige fortgepflanzt wird, was, wenn wir auf das Äußerliche blicken, innerhalb eines Volkes ein Gesicht dem andern ähnlich machen würde. Durch das männliche Element wird von Generation zu Generation fortgepflanzt, was den einen Menschen von dem anderen Menschen unterscheidet, was ihn zu einer individuellen Wesenheit hier auf der Erde macht, was sein Ich auf einen eigenen Boden stellt. Diejenigen Geister, die mit der geistigen Welt in Berührung stehen, die haben das immer in der richtigen Weise gefühlt. Und der Mensch lernt das, was große Menschen gesagt haben, die ein Verhältnis zur geistigen Welt hatten, erst recht kennen und würdigen, wenn er in diese Tiefen der Weltentatsachen eindringt.
[ 8 ] I have hinted to you in recent days that everything that is general in human beings—that which, so to speak, makes people within a certain group similar—lies in the feminine element of heredity. I have told you that, through women, what is passed down from generation to generation is that which—if we look at outward appearances—would make one face resemble another within a people. Through the male element, what is passed down from generation to generation is that which distinguishes one human being from another, that which makes him an individual being here on Earth, that which establishes his “I” on its own foundation. Those spirits who are in contact with the spiritual world have always sensed this correctly. And it is only when a person delves into these depths of world realities that he truly comes to know and appreciate what great people—who had a connection to the spiritual world—have said.
[ 9 ] Sehen wir uns noch einmal die erste schematische Figur an. Der Mensch sagt sich: In mir lebt ein Ätherleib, und in diesem Ätherleib ist der astralische Leib. Der astralische Leib ist der Träger der Vorstellungen, der Ideen, Gedanken, der Empfindungen, Gefühle; er lebt im Ätherleib. Nun haben wir aber gesehen, daß der Ätherleib dasjenige ist, was erst den physischen Leib sozusagen in dem vollsten Maße bearbeitet, was die Kräfte enthält, die den physischen Leib gestalten. Wir müssen also sagen: In diesem Ätherleib, wenn er vom astralischen Leib durchdrungen wird, liegt alles das, was den Menschen zum Menschen gestaltet, was ihm eine bestimmte Gestalt sozusagen von innen heraus, von den geistigen Teilen heraus aufdrückt. Das, was den Menschen dem anderen Menschen gleichmacht, das hat er also von dem, was in seinem Innern wirkt, was nicht bloßes Äußerliches ist, was also nicht am physischen Leibe hängt, sondern was am Ätherleib und am astralischen Leib hängt. Denn das sind die innerlichen Glieder. Deshalb wird der Mensch, der in solche Dinge hineinschaut, fühlen, daß er das, was seinen Ätherleib und astralischen Leib durchsetzt, von dem mütterlichen Element hat. Von dem aber, was seinem physischen Leib diese bestimmte Form gibt, die ihm durch das Ich aufgedrückt wird, durch das Ich im physischen Leibe, von dem muß sich der Mensch sagen, daß es väterliches Erbteil ist.
[ 9 ] Let us look once more at the first schematic diagram. A person says to themselves: An etheric body lives within me, and within this etheric body is the astral body. The astral body is the bearer of perceptions, ideas, thoughts, sensations, and feelings; it lives within the etheric body. But we have seen that the etheric body is what, so to speak, works upon the physical body to the fullest extent—it contains the forces that shape the physical body. We must therefore say: Within this etheric body, when it is permeated by the astral body, lies everything that shapes the human being into a human being—that which imparts a specific form to him, so to speak, from within, from his spiritual aspects. What makes one human being like another, then, comes from what acts within him—that which is not merely external, that which is not attached to the physical body, but rather to the etheric body and the astral body. For these are the inner members. Therefore, a person who looks into such matters will feel that what permeates their etheric and astral bodies comes from the maternal element. But as for what gives their physical body this specific form—which is imposed upon it by the “I,” by the “I” within the physical body—a person must recognize that this is a paternal inheritance.
«Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren»,
“From my father I got my stature,
A serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature
And a love of storytelling,”
[ 10 ] sagt Goethe. Und Sie sehen, das ist eine Interpretation dessen, was ich Ihnen als eine schematische Figur hingezeichnet habe. «Vom Vater hab’ ich die Statur», das heißt dasjenige, was vom Ich sich herausarbeitet; vom Mütterchen die Vorstellungen, die Gabe des Fabulierens — das liegt im Ätherleib und astralischen Leib. Sprüche von großen Geistern sind lange noch nicht begriffen, wenn man sie durch triviale Menschheitsvorstellungen begriffen zu haben glaubt.
[ 10 ] says Goethe. And as you can see, this is an interpretation of what I have sketched out for you as a schematic figure. “From my father I have my stature”—that is, what emerges from the “I”; from my mother, the ideas, the gift of storytelling—that lies in the etheric body and the astral body. The sayings of great minds are far from being understood when one believes one has understood them through trivial human notions.
[ 11 ] Jetzt aber müssen wir das, was wir uns so veranschaulicht haben, anwenden auf das Christus-Ereignis. Wir müssen einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Frage aufwerfen: Was wäre mit der Menschheit geschehen, wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten wäre?
[ 11 ] But now we must apply what we have just illustrated to the Christ event. We must raise the question from this perspective: What would have happened to humanity if the Christ event had not taken place?
[ 12 ] Wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten wäre, dann hätte der Gang der Menschheitsentwickelung so fortgedauert, wie wir ihn haben beginnen sehen mit der nachatlantischen Zeit. Wir haben geschen, daß in den uralten Zeiten auf dem Grunde der menschlichen Kultur jene Liebe gewaltet hat, die eng an das Band der Stammesverwandtschaft, der Blutsverwandtschaft sich anschloß. Es liebte sich, was blutsverwandt war. Und wir haben gesehen, wie im Fortgange der Menschheit dieses Band des Blutes immer mehr und mehr zerrissen wurde. Nun gehen Sie einmal herauf von den ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung bis in die Zeit, da der Christus Jesus auftrat.
[ 12 ] If the Christ event had not taken place, the course of human development would have continued as we have seen it begin in the post-Atlantean epoch. We have seen that in ancient times, at the very foundation of human culture, there prevailed a love that was closely bound to the ties of tribal kinship and blood relations. People loved one another because they were related by blood. And we have seen how, as humanity progressed, this bond of blood was increasingly severed. Now let us trace our way from the earliest times of human development up to the time when Christ Jesus appeared.
[ 13 ] Während von denältesten Zeiten an überall innerhalb desselben Stammes die Verbindung geschlossen wurde, werden Sie finden, wie zur Zeit der Römerherrschaft - und das ist die Zeit, in welcher das Christus-Ereignis geschah -, die nahe Ehe immer mehr und mehr durchbrochen wurde, wie da die verschiedensten Völker gerade durch die Römerzüge durcheinandergewürfelt wurden, wie da im ausgesprochensten Maße an die Stelle der nahen Ehe die ferne Ehe treten mußte. Die Blutsbande mußten in der Menschheitsentwickelung immer mehr und mehr zerreißen, weil die Menschen dazu bestimmt waren, auf das eigene Ich sich zu stellen.
[ 13 ] While from the earliest times onward marriages were contracted within the same tribe, you will find that during the Roman era —and this is the time when the Christ event took place—marriages between close relatives were increasingly broken, as the most diverse peoples were intermingled precisely by the Roman campaigns, and as marriages between distant relatives had to take the place of marriages between close relatives to the greatest extent. Blood ties had to be severed more and more in the course of human development, because human beings were destined to stand on their own two feet.
[ 14 ] Nehmen wir an, es wäre nicht der Christus gekommen, um neue Kraft einzugießen, um eine neue, geistige Liebe an die Stelle der alten Blutsliebe zu setzen. Was würde dann geschehen sein? Dann würde das, was die Menschen zusammenbringt, die Liebe, mehr und mehr auf dem Erdkreis geschwunden sein; erstorben wäre in der Menschennatur, was die Menschen eint in Liebe. Ohne den Christus wäre das Menschengeschlecht dahin gekommen, allmählich die Liebe unter sich ersterben zu sehen. Die Menschen würden in die einzelne Individualität hineingetrieben werden. Wenn man nur mit der äußerlichen Wissenschaft die Dinge betrachtet, sieht man natürlich nicht, daß dem tiefe Wahrheiten zugrunde liegen. Wenn Sie — nicht mit chemischen Mitteln, sondern mit den Mitteln, die der Geistesforschung zur Verfügung stehen - untersuchen würden das Blut der Menschen von heute und der Menschen einige Jahrtausende vor der Erscheinung des Christus, da würden Sie finden, daß dieses Blut sich geändert hat, daß es einen Charakter angenommen hat, der es immer weniger zum Träger der Liebe macht.
[ 14 ] Let us suppose that Christ had not come to infuse new strength, to replace the old blood-based love with a new, spiritual love. What would have happened then? Then that which brings people together—love—would have gradually faded away across the globe; what unites people in love would have died out in human nature. Without the Christ, the human race would have come to gradually witness the death of love among themselves. People would be driven into isolated individuality. If one views things solely through the lens of external science, one naturally does not see that profound truths underlie them. If you were to examine—not with chemical means, but with the methods available to spiritual research—the blood of people today and of people from several millennia before the appearance of Christ, you would find that this blood has changed, that it has taken on a character that makes it less and less capable of carrying love.
[ 15 ] Wie mußte sich also einem Einsichtigen der alten Zeit, der tief hineinschauen konnte in den Gang der Menschheitsentwickelung, der prophetisch zu sagen wußte, wie alles kommen müßte, wenn nur die eine von alters her sich entwickelnde Richtung ohne das Christus-Ereignis fortbestanden hätte, wie mußte sich einem solchen Fingeweihten der Gang der zukünftigen Entwickelung darstellen? Was mußte er für Bilder vor die Menschenseele hinmalen, wenn er andeuten wollte, was in der Zukunft geschehen würde, wenn nicht in demselben Maße, in dem sich die Blutsliebe verliert, die seelische Liebe, die Christus-Liebe an diese Stelle treten würde? Er mußte sagen: Wenn die Menschen immer mehr und mehr voneinander isoliert werden, ein jeder sich immer mehr in seinem eigenen Ich verhärtet, wenn die Trennungslinien, die Seele von Seele scheiden, immer stärker werden, so daß sich Seele und Seele immer weniger verstehen kann, dann werden die Menschen in der äußeren Welt immer mehr zu Streit und Hader kommen, der Streit aller gegen alle auf der Erde wird an die Stelle der Liebe treten. Das wäre das Ergebnis gewesen, wenn die Entwickelung des Menschenblutes stattgefunden hätte ohne das Christus-Ereignis. Rettungslos wären alle Menschen ausgesetzt gewesen dem Streit aller gegen alle, der ja auch so kommen wird, aber nur für diejenigen, welche sich nicht in der richtigen Weise mit dem Christus-Prinzip durchdrungen haben. So sah ein solcher prophetisch Schauender ein Ende der Erdenentwickelung, das seine Seele mit Schrecken erfüllen konnte. Er sah: Weil Seele nicht mehr Seele verstehen kann, so muß Seele gegen Seele wüten!
[ 15 ] How, then, must the course of future development have appeared to a discerning person of ancient times—one who could look deeply into the course of human evolution and who knew how to prophesy what would come to pass if only the single direction that had been developing since time immemorial had continued without the Christ event? How must the course of future development have appeared to such a deeply initiated person? What images must he have painted before the human soul if he wanted to hint at what would happen in the future if, as blood ties were lost, spiritual love—the love of Christ—did not take their place to the same extent? He had to say: If people become more and more isolated from one another, if each person becomes increasingly hardened within their own ego, if the dividing lines separating soul from soul grow ever stronger, so that soul can understand soul less and less, then people in the outer world will increasingly fall into strife and discord; the conflict of all against all on Earth will take the place of love. That would have been the result had human evolution taken place without the Christ event. All people would have been hopelessly exposed to the conflict of all against all—a conflict that will indeed come to pass, but only for those who have not imbued themselves with the Christ principle in the proper way. Thus, such a prophetic seer beheld an end to Earth’s evolution that filled his soul with dread. He saw: Since the soul can no longer understand the soul, the soul must rage against the soul!
[ 16 ] Ich habe Ihnen in den letzten Tagen gesagt, daß nur nach und nach die Menschen durch das Christus-Prinzip zusammengeführt werden können. Ich habe Ihnen an einem Beispiel gezeigt, wie zwei edle Geister sich in ihren Meinungen so gegenüberstehen, daß der eine glaubt, den richtigen Christus zu verkünden, Tolstoi, und daß der andere glaubt, den richtigen Christus zu verkünden, Solowjow, und daß der eine dabei den anderen als den Antichrist ansieht. Denn Solowjow sieht Tolstoi als den Antichrist an. Was zunächst zwischen Seele und Seele in den Meinungen hadert, das würde sich nach und nach ausdrücken in der äußeren Welt, das heißt, Mensch gegen Mensch würde wüten. So fordert es die Entwickelung des Blutes.
[ 16 ] I have told you in recent days that people can only be brought together little by little through the Christ principle. I have shown you, using an example, how two noble spirits are so at odds in their views that one—Tolstoy—believes he is proclaiming the true Christ, while the other—Soloviev—believes he is proclaiming the true Christ, and that in doing so, one regards the other as the Antichrist. For Soloviev regards Tolstoy as the Antichrist. What at first is a conflict of opinions between soul and soul would gradually find expression in the outer world—that is, man would rage against man. Such is the demand of the development of the blood.
[ 17 ] Werfen Sie nicht ein, daß wir ja trotz des Christus-Ereignisses heute noch Streit und Hader sehen, daß wir weit entfernt sind von irgendwelcher Verwirklichung der christlichen Liebe. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß wir erst am Anfang der christlichen Entwickelung stehen. Es wurde der große Impuls gegeben, daß sich im weiteren Verlauf der Erdenentwickelung der Christus einleben wird in die Menschenseelen und sie geistig zusammenführen wird. Was heute noch vorhanden ist an Streit und Hader, und was auch noch zu größeren Exzessen führen wird, das rührt davon her, daß eben die Menschheit sich noch im allergeringsten Maße mit dem wirklichen Christus-Prinzip durchdrungen hat. Es herrscht weiter, was von alters her in der Menschheit vorhanden war. Das kann erst langsam und allmählich überwunden werden. Wir sehen eben langsam und allmählich den Christus-Impuls in die Menschheit einfließen.
[ 17 ] Do not object by saying that, despite the Christ event, we still see strife and discord today, and that we are far from any realization of Christian love. I have already told you that we are only at the beginning of Christian development. The great impulse was given that, as Earth’s development continues, Christ will take root in human souls and bring them together spiritually. What still exists today in the form of strife and discord—and what will also lead to even greater excesses—stems from the fact that humanity has as yet been permeated only to the very slightest degree by the true Christ principle. What has existed in humanity since time immemorial continues to prevail. This can only be overcome slowly and gradually. We are seeing the Christ impulse flow into humanity slowly and gradually.
[ 18 ] Das also hätte derjenige vorausgesehen, der in der vorchristlichen Zeit hellseherisch durchschaut hätte den Gang der Menschheitsentwickelung. Er hätte sagen können: Ich habe empfangen letzte Reste der alten Hellseherkraft. Ihr Menschen hattet einst die Möglichkeit in uralten Zeiten, hineinzuschauen in die geistige Welt in dumpfem, dämmerhaftem Hellsehen. Das ist nach und nach geschwunden. Es gibt aber noch, wie Erbstücke aus jenen alten Zeiten, die Möglichkeit, in abnormen Geisteszuständen, in traumähnlichen Zuständen hineinzuschauen in die geistige Welt. Da kann der Mensch noch etwas sehen von dem, was hinter der äußeren Oberfläche der Dinge liegt. — Alle alten Sagen und Märchen und Mythen, die wahrhaftig tiefere Weisheit enthalten als die moderne Wissenschaft, sie erzählen davon, in welch hohem Maße einst die Gabe vorhanden war, in besondere Zustände zu kommen. Man nenne es einen Traum, aber in diesem Traum kündigten sich Ereignisse an. Aber nicht so, daß der Mensch in genügendem Maße durch die alte Weisheit behütet sein würde vor dem Streit aller gegen alle. Das verneinte der alte Weise, und er verneinte es in der denkbar stärksten Weise. Er sagte: Wir haben eine uralte Weisheit erhalten. Damals, in der atlantischen Zeit, haben sie die Menschen wahrgenommen in abnormen Zuständen. Auch jetzt noch können einzelne Menschen sie wahrnehmen, wenn sie in abnorme Zustände versetzt werden. Da kündigt sich an, was in der nächsten Zukunft geschehen wird. — Aber was sich da im Traume ankündigte, das gab den Leuten keine Sicherheit; das war trügerisch und wird immer mehr und mehr trügerisch werden. So lehrte der Lehrer der vorchristlichen Zeit, und so stellte er es hin vor das Volk.
[ 18 ] This, then, is what someone who, in pre-Christian times, had clairvoyantly perceived the course of human development would have foreseen. He could have said: I have received the last remnants of the ancient power of clairvoyance. You humans once had the ability, in ancient times, to glimpse into the spiritual world through a dim, twilight-like clairvoyance. That has gradually faded away. But there still remains—like heirlooms from those ancient times—the possibility of glimpsing into the spiritual world in abnormal states of consciousness, in dreamlike states. There, a person can still see something of what lies behind the outer surface of things. — All the ancient legends, fairy tales, and myths—which truly contain deeper wisdom than modern science—tell of the extent to which the gift of entering special states once existed. Call it a dream, but in this dream, events were foretold. Yet not in such a way that humanity would be sufficiently protected by the ancient wisdom from the conflict of all against all. The ancient sage denied this, and he denied it in the strongest possible terms. He said: We have received an ancient wisdom. Back then, in the Atlantean era, people perceived these states in altered states of consciousness. Even now, individual people can still perceive them when they are placed in altered states of consciousness. There, what will happen in the near future is foretold. — But what was foretold in those dreams offered people no certainty; it was deceptive and will become more and more deceptive. Thus taught the teacher of the pre-Christian era, and thus he presented it to the people.
[ 19 ] Darum ist es von Wichtigkeit, daß, wenn man die ganze Schärfe und Stärke des Christus-Impulses einsieht, man zu der Erkenntnis einer großen Wahrheit gelangt. Man muß einsehen: Draußen würde ohne den Christus-Impuls durch die Isolierung und Absonderung der Menschen, durch die Gegeneinanderstellung der Menschen etwas herbeigeführt werden wie ein Kampf ums Dasein — was heute dem Menschen auch aufdisputiert wird von einer materialistisch-darwinistischen Theorie —, ein Kampf ums Dasein, wie er in der Tierheit waltet, wie er aber in der Menschenwelt nicht walten sollte. Man könnte grotesk sprechen und sagen: Am Ende der Erdentage wird einmal die Erde das Bild bieten, das gewisse Materialisten im Sinne einer darwinistischen Theorie hinzeichnen von der Menschheit, indem sie es von der Tierwelt entnehmen! Heute aber ist diese Theorie, auf die Menschheit angewendet, falsch. Sie ist richtig für die 'Tierheit, aus dem Grunde, weil eben in der Tierheit kein solcher Impuls waltet, der den Streit in Liebe verwandelt. Christus wird durch die Tat, als geistige Kraft in der Menschheit, widerlegen allen materialistischen Darwinismus!
[ 19 ] That is why it is important that, when one recognizes the full intensity and power of the Christ impulse, one comes to understand a great truth. One must realize: Without the Christ impulse, the isolation and separation of human beings, and the pitting of people against one another, would bring about something like a struggle for existence—which is also argued today by a materialistic-Darwinian theory—a struggle for existence such as prevails in the animal kingdom, but which should not prevail in the human world. One could speak grotesquely and say: At the end of the Earth’s days, the Earth will one day present the very picture that certain materialists, in the spirit of a Darwinian theory, paint of humanity—a picture they derive from the animal world! Today, however, this theory, when applied to humanity, is false. It is true for the animal kingdom, precisely because no such impulse exists in the animal kingdom that transforms strife into love. Christ, through His deeds as a spiritual force within humanity, will refute all materialistic Darwinism!
[ 20 ] Damit man aber das einsieht, muß man sich klar machen, daß die Menschen nur dadurch in der sinnlichen Außenwelt davon abkommen können, äußerlich gegeneinander zu stehen durch ihre verschiedenen Meinungen, Gefühle und Taten, wenn sie in sich das bekämpfen, in sich das ausmachen, was sonst in die Außenwelt ausströmen würde. Derjenige wird nicht die andere Meinung in der anderen Seele bekämpfen, der zunächst einmal das, was in ihm zu bekämpfen ist, bekämpft, der in sich die Harmonie herstellt zwischen den verschiedenen Gliedern seiner Wesenheit. Er wird der Außenwelt so gegenübertreten, daß er nicht ein Streitender, sondern ein Liebender ist. Um die Ableitung des Streites von außen in das Innere des Menschen, darum handelt es sich. Die Kräfte, die in der Menschennatur walten, müssen sich innerlich bekämpfen. Zwei sich entgegenstehende Meinungen müssen wir in der Weise ansehen, daß wir sagen: So ist die eine Meinung, man kann sie haben. So ist die andere Meinung, man kann sie haben. Aber wenn ich nur die eine Meinung als berechtigt anerkenne, wenn ich nur das, was ich will, als berechtigt ansehe, und die andere Meinung bekämpfe, so komme ich auf dem physischen Plan in Streit. Nur meine Meinung festigen, heißt egoistisch sein. Meine Handlung als die einzig berechtigte ansehen, heißt egoistisch sein.
[ 20 ] However, in order to understand this, one must realize that people can only cease to be at odds with one another in the external sensory world—through their differing opinions, feelings, and actions—if they combat within themselves and resolve within themselves that which would otherwise radiate into the external world. The person who first combats what needs to be combated within himself—who establishes harmony within himself between the various aspects of his being—will not fight against the other opinion in another’s soul. He will face the external world not as a fighter but as one who loves. The point is to redirect the conflict from the outside to the inner self. The forces at work within human nature must contend with one another internally. We must view two opposing opinions in such a way that we say: This is one opinion; one may hold it. This is the other opinion; one may hold it. But if I recognize only one opinion as valid, if I regard only what I want as valid, and oppose the other opinion, then I enter into conflict on the physical plane. To insist only on my own opinion is to be selfish. To regard my own action as the only valid one is to be selfish.
[ 21 ] Nehmen wir an, ich nehme die Meinung des anderen in mich auf, suche in mir selber Harmonie herzustellen, so werde ich in ganz anderer Weise zu dem anderen stehen. Dann werde ich anfangen, ihn erst zu verstehen. Ableitung des Streites in der Außenwelt in eine Harmonisierung der inneren Kräfte des Menschen, so könnten wir auch ausdrücken den Fortgang in der Menschheitsentwickelung. Durch den Christus mußte dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, in sich harmonisch zu werden, in sich die Möglichkeit zu finden, die widerstrebenden Kräfte in seinem eigenen Innern zu harmonisieren. Der Christus gibt dem Menschen die Kraft, zuerst in sich selbst den Streit zu tilgen. Ohne den Christus ist das nimmermehr möglich. Und die alten, die vorchristlichen Menschen haben in bezug auf den äußeren Streit mit Recht eines als das Furchtbarste angesehen: den Streit des Kindes gegen Vater und Mutter. Und als das schrecklichste und scheußlichste Verbrechen wurde in den Zeiten, in denen man gewußt hat, wie sich die Dinge entwickeln würden ohne den Christus-Impuls, der Vatermord angesehen. Das haben sie klar zu erkennen gegeben, jene alten Weisen, die voraussahen, daß der Christus kommen werde. Aber auch das wußten sie, wozu es in der Außenwelt führen müsse, wenn der Kampf nicht zuerst im eigenen Innern vollzogen würde.
[ 21 ] Let us suppose that I take the other person’s opinion to heart and seek to create harmony within myself; then I will relate to the other person in an entirely different way. Only then will I begin to truly understand him. We could also describe the progress of human development as the transformation of external conflict into a harmonization of a person’s inner forces. Through Christ, humanity had to be given the opportunity to achieve inner harmony—to find within themselves the ability to harmonize the conflicting forces within their own being. Christ gives people the strength to first resolve the conflict within themselves. Without Christ, this is never possible. And the ancient, pre-Christian people rightly regarded one thing as the most terrible in relation to external conflict: the child’s conflict against father and mother. And in the times when people knew how things would develop without the Christ impulse, patricide was regarded as the most terrible and heinous crime. They made this clear—those ancient sages who foresaw that Christ would come. But they also knew what the consequences would be in the outer world if the struggle were not first waged within oneself.
[ 22 ] Schauen wir in das eigene Innere. Wir haben gesehen, daß im Innern des Menschen da, wo sich Ätherleib und astralischer Leib durchdringen, die Mutter waltet, daß da, wo in dem physischen Leib das Ich ist, der Vater zum Ausdruck kommt. Das heißt: In unserem Generellen, in dem Gattungsgemäßen, in dem, was unser inneres Weisheitsleben und Vorstellungsleben ist, da waltet die Mutter, da waltet das weibliche Element; in dem, was durch die Vereinigung von Ich und physischem Leib entsteht, in der äußerlich differenzierten Gestalt, in dem, was den Menschen zum «Ich» macht, da waltet der Vater, das männliche Element. Was also mußten die alten Weisen, die in diesem Sinne dachten, vor allen Dingen von den Menschen verlangen? Sie mußten verlangen, daß der Mensch in sich selber zur Klarheit kommt über das Verhältnis vom physischen Leib und Ich zum Ätherleib und astralischen Leib, daß er in sich zur Klarheit kommt über das in ihm waltende Mütterliche und Väterliche. Dadurch, daß der Mensch in sich hat Ätherleib und astralischen Leib, hat er in sich das Mütterliche. Er hat sozusagen außer der äußeren Mutter, die auf dem physischen Plan steht, in sich das mütterliche Element, die Mutter. Und er hat außer dem Vater, der auf dem physischen Plan steht, in sich das väterliche Element, den Vater. Vater in sich und Mutter in sich in das richtige Verhältnis zu bringen, das mußte als ein Ideal erscheinen, als ein groBes Ideal. Geschieht es nicht, daß der Mensch Vater und Mutter in sich zur Harmonisierung bringt, so muß sich die Disharmonie zwischen dem väterlichen und dem mütterlichen Element fortpflanzen von dem Menschen auf den physischen Plan hinaus und draußen Verheerungen anrichten. Also sagte der alte Weise: Der Mensch hat die Aufgabe, in sich eine Harmonie herzustellen zwischen dem väterlichen und dem mütterlichen Element. Gelingt das nicht, so tritt das in die Welt heraus, was uns als das Furchtbarste erscheinen muß.
[ 22 ] Let us look within ourselves. We have seen that within the human being, where the etheric body and the astral body interpenetrate, the Mother reigns; and that where the “I” is located in the physical body, the Father is expressed. This means: In our general nature, in what is characteristic of our species, in what constitutes our inner life of wisdom and imagination, the Mother reigns, the feminine element reigns; in what arises from the union of the “I” and the physical body, in the outwardly differentiated form, in what makes a human being an “I,” the Father reigns, the masculine element. So what, above all, did the ancient sages—who thought in this way—have to demand of human beings? They had to demand that human beings gain clarity within themselves regarding the relationship between the physical body and the “I” on the one hand, and the etheric body and the astral body on the other; that they gain clarity within themselves regarding the maternal and paternal forces at work within them. Because human beings possess an etheric body and an astral body within themselves, they possess the maternal within themselves. In addition to the external mother, who exists on the physical plane, they possess, so to speak, the maternal element—the mother—within themselves. And in addition to the father, who exists on the physical plane, they possess the paternal element—the father—within themselves. Bringing the father within and the mother within into the right balance had to appear as an ideal, as a great ideal. If a person does not bring the father and mother within themselves into harmony, then the disharmony between the paternal and maternal elements must spread from the person out onto the physical plane and wreak havoc there. Thus the ancient sage said: Human beings have the task of establishing harmony within themselves between the paternal and maternal elements. If they fail to do so, what must appear to us as the most terrible thing will emerge into the world.
[ 23 ] Wie stellten die alten Weisen das, was wir jetzt eben sozusagen in anthroposophischen Worten ausgesprochen haben, vor die Menschen hin? Sie sagten: Wir haben in uralten Zeiten eine uralte Weisheit geerbt. In diese kann der Mensch heute noch in abnormen Zuständen versetzt werden. Aber die Möglichkeit, in diesen Zustand zu kommen, wird immer schwächer, und selbst die alte Einweihung kann den Menschen nicht hinübertragen über einen gewissen Punkt der Menschheitsentwickelung. — Betrachten wir noch einmal diese alte Einweihung, wie wir sie in den letzten Tagen geschildert haben. Was geschah denn bei einer solchen Initiation?
[ 23 ] How did the ancient sages present to people what we have just expressed, so to speak, in anthroposophical terms? They said: In ancient times, we inherited an ancient wisdom. Even today, a person can still be brought into this state under extraordinary circumstances. But the possibility of entering this state is growing ever weaker, and even the ancient initiation cannot carry a person beyond a certain point in human evolution. — Let us consider once more this ancient initiation, as we have described it in recent days. What, then, actually happened during such an initiation?
[ 24 ] Bei einer solchen Initiation wurde aus diesem Gefüge von physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich herausgehoben der Ätherleib und der astralische Leib, aber das Ich blieb zurück. Daher konnte der Mensch auch während der dreieinhalb Tage in der Initiation kein Selbstbewußtsein haben. Es war das Selbstbewußtsein ausgelöscht. Der Mensch bekam ein Bewußtsein aus der höheren geistigen Welt, das ihm durch den Priester-Initiator eingeflößt war, der ihn ganz führte; der stellte ihm sein Ich zur Verfügung. Was geschah dadurch eigentlich? Es geschah etwas, was man durch eine Formel ausdrückte, die Ihnen sonderbar erscheinen wird. Aber wenn Sie diese Formel begreifen, dann wird sie Ihnen nicht mehr sonderbar erscheinen. Man drückte das so aus: Wenn ein Mensch im alten Sinne eingeweiht wurde, dann trat heraus das mütterliche Element, und das väterliche Element blieb zurück. Das heißt, der Mensch tötete in sich das väterliche Element — und vereinigte sich mit seiner Mutter in sich -, mit anderen Worten: Er tötete den Vater in sich und heiratete seine Mutter. Wenn der alte Eingeweihte also in dem dreieinhalbtägigen lethargischen Zustand lag, dann hatte er sich mit der Mutter vereinigt und den Vater in sich getötet. Vaterlos war er geworden. Das mußte auch sein, denn er mußte seine Individualität aufgeben, er mußte in einer höheren geistigen Welt leben. Er wurde eins mit seinem Volke. Aber was in seinem Volke lebte, das war ja gerade in dem mütterlichen Element gegeben. Er wurde eins mit seinem ganzen Volksorganismus. Er wurde das, was Nathanael war, und was immer benannt wurde mit dem Namen des betreffenden Volkes, bei den Juden ein «Israeliter », bei den Persern ein «Perser».
[ 24 ] During such an initiation, the etheric body and the astral body were separated from this composite of the physical body, etheric body, astral body, and ego, but the ego remained behind. For this reason, the person could not possess any self-awareness even during the three and a half days of the initiation. Self-consciousness had been extinguished. The person received a consciousness from the higher spiritual world, which was instilled in him by the priest-initiator who guided him completely; the priest-initiator made his own “I” available to him. What actually happened as a result? Something occurred that was expressed by a formula that will seem strange to you. But once you understand this formula, it will no longer seem strange to you. It was expressed as follows: When a person was initiated in the ancient sense, the maternal element emerged, and the paternal element remained behind. That is to say, the person killed the paternal element within himself—and united with his mother within himself—in other words: He killed the father within himself and married his mother. So when the ancient initiate lay in that three-and-a-half-day lethargic state, he had united with the mother and killed the father within himself. He had become fatherless. This was necessary, for he had to give up his individuality; he had to live in a higher spiritual world. He became one with his people. But what lived within his people was precisely present in the maternal element. He became one with the entire organism of his people. He became what Nathanael was, and whatever was designated by the name of the people in question—an “Israelite” among the Jews, a “Persian” among the Persians.
[ 25 ] In der Welt kann immer nur die Weisheit sein, die aus den Mysterien herausfließt, keine andere. Diejenigen, welche in den Mysterien das Entsprechende lernen, werden die Boten für die äußere Welt, und die äußere Welt lernt das, was in den Mysterien geschaut wird. Das _ aber wurde gelernt im Sinne der alten Weisheit, was man sich dadurch eroberte, daß man sich mit seiner Mutter in sich vereinigte und den Vater in sich tötete. Aber diese Erb-Weisheit kann den Menschen nicht über einen gewissen Punkt der Entwickelung hinausbringen. An Stelle dieser alten Weisheit mußte etwas anderes, etwas ganz Neues treten. Würde die Menschheit nur immer diese alte Weisheit empfangen, die so gewonnen wurde, dann würde die Menschheit, wie wir schon sagten, hineingetrieben werden in den Streit aller gegen alle. Es würde Meinung gegen Meinung, Gefühl gegen Gefühl, Wille gegen Wille sich auflehnen; und es müßte zu dem schauerlich-grausigen Zukunftsbild kommen, daß der Mensch sich vereinigt mit der Mutter und den Vater tötet. Das aber haben die alten Eingeweihten, die zwar die Einweihung hatten, aber den Christus erwarteten, in bedeutsamen Bildern hingemalt, in großen gewaltigen Bildern hingemalt. Und den Abdruck dieser Anschauung der alten vorchristlichen Weisen haben Sie in den Sagen und Mythen aufbewahrt. Wir brauchen nur an den Namen Oedipus zu erinnern; da können wir anknüpfen an etwas, worin die alten Weisen zum Ausdruck brachten, was sie nach dieser Richtung hin zu sagen hatten. So lautet jene alte griechische Sage, welche die griechischen Tragiker in so großer, gewaltiger Weise darstellen:
[ 25 ] The only wisdom that can ever exist in the world is that which flows from the Mysteries; no other. Those who learn the corresponding truths in the Mysteries become messengers to the outer world, and the outer world learns what is beheld in the Mysteries. This, however, was learned in the spirit of the ancient wisdom—which was attained by uniting with one’s mother within oneself and killing the father within oneself. But this inherited wisdom cannot take humanity beyond a certain point of development. Something else, something entirely new, had to take the place of this ancient wisdom. If humanity were to continue receiving only this ancient wisdom, gained in this way, then, as we have already said, humanity would be driven into a conflict of all against all. Opinion would rise up against opinion, feeling against feeling, will against will; and it would lead to the dreadful, horrifying vision of the future in which a person unites with the mother and kills the father. But the ancient initiates—who, though they had received initiation, were awaiting the Christ—depicted this in meaningful images, in grand and powerful images. And you have preserved the imprint of this worldview of the ancient pre-Christian sages in legends and myths. We need only recall the name Oedipus; there we can connect with something in which the ancient sages expressed what they had to say in this regard. This is the text of that ancient Greek legend, which the Greek tragedians portrayed in such a grand and powerful manner:
[ 26 ] Es war ein König in Theben. Laios war sein Name. Iokaste war seine Gattin. Lange hatten sie beide keine Nachkommen. Da fragte Laios an bei dem Orakel zu Delphi, ob er nicht einen Sohn bekommen könne. Und das Orakel gab ihm die Antwort: Wenn du einen Sohn haben willst, so wird es ein solcher sein, der dich selber töten wird! — Und im Rausche, das heißt im herabgeminderten Bewußtseinszustand, da vollführte Laios das, wodurch er zu einem Sohne kam. Oedipus wurde geboren. Laios wußte: Das wird der Sohn sein, der ihn selber tötet, und er beschloß, ihn auszusetzen. Und damit er ganz zugrunde gehe, ließ er ihm die Füße durchbohren; dann wurde er ausgesetzt. Ein Hirt fand das Kind und erbarmte sich seiner. Er brachte es nach Korinth, und dort wurde Oedipus in dem Königshause aufgezogen. Als er herangewachsen war, erfuhr er das Orakel: daß er seinen Vater töten und sich mit seiner Mutter vereinigen würde. Aber es konnte nicht verhindert werden. Fortwandern sollte er aus dem Orte, wo er war, weil man ihn dort für das Königskind hielt. Da traf er auf seinem Wege gerade seinen wirklichen Vater, und ohne ihn zu kennen, tötete er ihn. Er kam nach TTheben. Und weil er die Fragen der Sphinx beantwortete, weil er das Rätsel des grausigen Ungeheuers löste, das so vielen den Tod gebracht hatte, mußte die Sphinx sich töten. Daher war er zunächst ein Wohltäter seines Vaterlandes. Er wurde zum König erhoben und erhielt die Hand der Königin, und das war die Hand seiner Mutter. Ohne daß er es wußte, hatte er seinen Vater getötet und sich mit seiner Mutter verbunden. Jetzt herrschte er als König. Aber dadurch, daß er auf diese Weise zu seiner Herrschaft gekommen war, daß dieses Furchtbare an ihm haftete, dadurch brachte er unsägliches Unglück über sein Land, so daß er uns zuletzt in dem sophokleischen Drama als der Geblendete, der sich selbst das Augenlicht genommen hat, entgegentritt.
[ 26 ] There was a king in Thebes. His name was Laius. Jocasta was his wife. For a long time, they had no children. So Laios consulted the Oracle at Delphi to ask if he could have a son. And the Oracle gave him this answer: “If you want a son, he will be the very one who will kill you!” — And in a state of intoxication—that is, in an altered state of consciousness—Laius did what led to him having a son. Oedipus was born. Laius knew: This will be the son who will kill him, and he decided to abandon him. And to ensure his complete destruction, he had the child’s feet pierced; then he was abandoned. A shepherd found the child and took pity on him. He brought him to Corinth, and there Oedipus was raised in the royal household. When he had grown up, he learned of the oracle: that he would kill his father and lie with his mother. But it could not be prevented. He was to leave the place where he was, because there they believed him to be the king’s son. On his way, he happened to encounter his real father, and without knowing him, he killed him. He arrived in Thebes. And because he answered the Sphinx’s questions—because he solved the riddle of the dreadful monster that had brought death to so many—the Sphinx was forced to kill herself. Thus, at first, he was a benefactor to his homeland. He was crowned king and married the queen—who was his mother. Without knowing it, he had killed his father and married his mother. Now he reigned as king. But because he had come to power in this way, because this terrible stain clung to him, he brought unspeakable misfortune upon his land, so that in the end, in the Sophoclean drama, he appears before us as the blind man who has taken his own sight.
[ 27 ] Das ist ein Bild, hervorgegangen aus den alten Weisheitsstätten. Und gesagt werden sollte damit, daß Oedipus in gewisser Beziehung im alten Sinne noch in Zusammenhang kommen konnte mit der geistigen Welt. Wie war er in Zusammenhang gekommen mit der geistigen Welt? Sein Vater hatte bei dem Orakel angefragt. Diese Orakel waren die letzten Erbstücke des alten Hellsehertums. Aber diese letzten Erbstücke reichten nicht aus, um in der äußeren Welt Frieden zu stiften. Sie konnten dem Menschen nicht geben, was errungen werden sollte: Harmonie zwischen dem mütterlichen und dem väterlichen Element.
[ 27 ] This is an image that originated in the ancient centers of wisdom. And it was meant to convey that, in a certain sense and in the old tradition, Oedipus could still come into contact with the spiritual world. How had he come into connection with the spiritual world? His father had consulted the oracle. These oracles were the last remnants of the ancient art of divination. But these last remnants were not enough to bring peace to the outer world. They could not give humanity what was to be achieved: harmony between the maternal and paternal elements.
[ 28 ] Daß mit Oedipus gemeint ist ein solcher, der einfach durch Vererbung zu einer gewissen hellseherischen Anschauung im alten Sinne gekommen ist, das wird uns dadurch angedeutet, daß er das Rätsel der Sphinx löste, das heißt, er erkannte die Menschennatur so weit, als die letzten Reste der alten Urweisheit solche Erkenntnis geben konnten. Sie konnte nimmermehr dazu führen, hintanzuhalten in der Menschheit das Wüten gegeneinander, das, was im Vatermord und in der Vereinigung mit der Mutter hingestellt wurde. Oedipus, trotzdem er im Zusammenhange stand mit der alten Urweisheit, kann nicht durch diese alte Urweisheit die Zusammenhänge durchschauen. Sie macht nicht mehr sehend, diese alte Weisheit. Das wollten die alten Weisen hinstellen. Hätte sie sehend gemacht im alten Blut-Sinne, so hätte das Blut gesprochen, da Oedipus dem Vater gegenüberstand, und es hätte gesprochen, als er der Mutter gegenübergetreten war. Es sprach nicht mehr das Blut! - So wird uns die Zersetzung der alten Urweisheit anschaulich dargestellt.
[ 28 ] The fact that Oedipus is meant to represent someone who, simply by inheritance, attained a certain clairvoyant insight in the ancient sense is indicated by his solving the riddle of the Sphinx—that is, he understood human nature to the extent that the last remnants of ancient primordial wisdom could provide such insight. It could never lead to halting the raging hostility among human beings—that which was symbolized in the patricide and the union with the mother. Oedipus, despite his connection to the ancient primordial wisdom, cannot see through the interrelationships by means of this ancient wisdom. This ancient wisdom no longer grants sight. That is what the ancient sages sought to demonstrate. Had it granted insight in the old sense of blood, then the blood would have spoken when Oedipus stood before his father, and it would have spoken when he stood before his mother. The blood no longer spoke! — Thus the decay of the ancient primordial wisdom is vividly illustrated to us.
[ 29 ] Was mußte geschehen, damit es ein für allemal möglich ist, in sich den harmonischen Ausgleich zu finden zwischen dem Mütterlichen und dem Väterlichen, zwischen dem eigenen Ich, das das Väterliche hat, und zwischen dem Mütterlichen? Der Christus-Impuls mußte kommen! Und nun blicken wir von einer noch anderen Seite her in gewisse Tiefen der Hochzeit zu Kana in Gaaliläa.
[ 29 ] What had to happen to make it possible, once and for all, to find within oneself a harmonious balance between the maternal and the paternal, between one’s own self—which embodies the paternal—and the maternal? The Christ impulse had to come! And now let us look at certain depths of the wedding at Cana in Galilee from yet another perspective.
[ 30 ] Es heißt da: «Die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.» Jesus — besser der Christus — sollte für die Menschen hinstellen das große Vorbild eines Wesens, das in sich selber die Einigung gefunden hat zwischen sich, zwischen dem Ich und zwischen dem mütterlichen Prinzip. Er wies auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa gegenüber seiner Mutter darauf hin: «Es geht etwas von mir zu dir.» Das war ein neues Von-mir-zu-dir-Gehen. Das war nicht mehr im alten Sinne, das bedeutete eine Erneuerung des ganzen Verhältnisses. Das war ein für allemal das große Ideal des Ausgleiches in sich selber, ohne erst den Vater zu töten, das heißt, ohne erst aus dem physischen Leibe herauszugehen, den Ausgleich zu finden mit dem mütterlichen Prinzip im Ich. Jetzt war die Zeit gekommen, wo der Mensch in sich selber die zu große Kraft des Egoismus, des Ich-Prinzips, bekämpfen lernt, wo er lernt, es in das richtige Verhältnis zu bringen mit dem, was im Ätherleib und im astralischen Leib als das mütterliche Prinzip waltet. Daher sollte uns ein schönes Abbild dieses Verhältnisses des eigenen Ich, das das väterliche Prinzip ist, zu dem mütterlichen Prinzip hingestellt werden in der Hochzeit zu Kana als die innere Harmonie, als die Liebe, die da waltet in der Außenwelt zwischen dem Christus Jesus und seiner Mutter. Das sollte ein Abbild sein des harmonischen Ausgleiches zwischen dem Ich und dem mütterlichen Element in sich selber. Das war früher nicht da, das kam erst durch die Tat des Christus Jesus. Da es aber durch die Tat des Christus gekommen war, so kam damit die einzig mögliche Widerlegung die Widerlegung durch die Tat — alles dessen, was hätte kommen müssen unter dem Einfluß jener alten Weisheitserbstücke, die dazu geführt hätten, den Vater zu töten und sich mit der Mutter zu vereinigen. Was also wird bekämpft durch das Christus-Prinzip?
[ 30 ] It says there: “The mother of Jesus was there. But Jesus and his disciples were also invited to the wedding.” Jesus—or rather, the Christ—was to stand before humanity as the great model of a being who had found inner harmony within himself—between his self and the maternal principle. At the wedding in Cana in Galilee, he pointed this out to his mother: “Something is passing from me to you.” This was a new “moving from me to you.” It was no longer in the old sense; it signified a renewal of the entire relationship. Once and for all, this was the great ideal of inner balance—without first having to “kill the father,” that is, without first having to leave the physical body in order to find balance with the maternal principle within the “I.” Now the time had come when human beings learn to combat within themselves the excessive power of egoism, of the “I” principle, and to bring it into the proper balance with what reigns in the etheric and astral bodies as the maternal principle. Therefore, a beautiful image of this relationship between one’s own “I”—which is the paternal principle—and the maternal principle was to be presented to us at the wedding at Cana as the inner harmony, as the love that reigns in the outer world between Christ Jesus and his mother. This was to be an image of the harmonious balance between the “I” and the maternal element within oneself. This did not exist in the past; it came about only through the deed of Christ Jesus. But since it had come about through the deed of Christ, with it came the only possible refutation—refutation through deed—of everything that would have had to come about under the influence of those ancient legacies of wisdom, which would have led to the killing of the father and union with the mother. What, then, is opposed by the Christ principle?
[ 31 ] Wenn der alte Weise, der den Christus anschaute, nun das Alte und das Neue gegeneinander hielt, so konnte er sagen: Wenn im alten Sinne die Vereinigung mit der Mutter gesucht wird, dann kann nimmermehr über die Menschheit Gutes kommen. Wenn aber im neuen Sinne, wie das gezeigt wird durch die Hochzeit zu Kana, die Vereinigung mit der Mutter gesucht wird, wenn der Mensch sich so mit dem in ihm lebenden astralischen Leib und Ätherleib vereinigt, dann kommt Heil und Frieden und Brüderlichkeit im Laufe der Zeit immer mehr und mehr unter die Menschen, und bekämpft wird dadurch das alte Prinzip des Tötens des Vaters und des Sich-Vereinigens mit der Mutter. — Was also war eigentlich das feindliche Element, das der Christus hinwegzubringen hatte? Nicht die alte Weisheit war es, sie brauchte nicht bekämpft zu werden. Sie verlor ihre Kraft, sie versiegte nach und nach von selber. Und wir sehen, wie diejenigen, die sich ihr anvertrauen, wie Oedipus, gerade durch sie in die Disharmonie verfallen. Aber das Unheil würde nicht von selber versiegen, wenn man sich abwenden wollte von der neuen Weisheit, das heißt von der Art und Weise, wie der Christus-Impuls wirkt, wenn man starr bleiben würde bei dem alten Prinzip. Das wurde empfunden als der größte Fortschritt, daß man nicht bei dem alten Prinzip bleibt, daß man nicht starr festhält an der alten Linie, sondern daß man erkennt, was durch den Christus in die Welt gekommen ist. Ist uns auch das angedeutet? Ja! Sagen und Mythen enthalten die tiefste Weisheit. Es gibt eine Sage - sie steht zwar nicht im Evangelium, aber sie ist darum nicht minder eine christliche Sage und auch eine christliche Wahrheit -, und sie lautet also:
[ 31 ] When the ancient sage, who beheld the Christ, now weighed the Old against the New, he could say: If, in the old sense, union with the Mother is sought, then no good can ever come to humanity. But if, in the new sense—as demonstrated by the wedding at Cana—union with the mother is sought, if the human being unites in this way with the astral and etheric bodies living within him, then salvation, peace, and brotherhood will come more and more among humanity over time, thereby combating the old principle of killing the father and uniting with the mother. — So what, in fact, was the hostile element that Christ had to remove? It was not the old wisdom; it did not need to be fought against. It lost its power; it gradually dried up on its own. And we see how those who entrust themselves to it, like Oedipus, fall into disharmony precisely because of it. But the calamity would not subside on its own if one were to turn away from the new wisdom—that is, from the way the Christ impulse works—if one were to remain rigidly attached to the old principle. It was perceived as the greatest progress not to remain with the old principle, not to cling rigidly to the old line, but to recognize what has come into the world through the Christ. Is this also hinted at to us? Yes! Legends and myths contain the deepest wisdom. There is a legend—it is not found in the Gospel, but that does not make it any less a Christian legend and also a Christian truth—and it goes like this:
[ 32 ] Es lebte ein Ehepaar. Dieses Ehepaar hatte lange keinen Sohn. Da wurde der Mutter im Traum - achten Sie wohl darauf! — offenbart, daß sie einen Sohn erhalten würde, daß dieser Sohn aber erst den Vater töten, sich dann mit der Mutter vereinigen würde und entsetzliches Unheil über seinen ganzen Stamm bringen würde.
[ 32 ] There was a married couple. For a long time, this couple had no son. Then, in a dream—pay close attention!—it was revealed to the mother that she would have a son, but that this son would first kill his father, then lie with his mother, and bring terrible disaster upon his entire clan.
[ 33 ] Wiederum haben Sie einen Traum, wie bei Oedipus das Orakel, das heißt, wir haben hier ein Erbstück uralten Hellsehens. Der Mutter wurde auf die alte Weise geoffenbart, was geschehen würde. Langt es hin, um zu durchschauen die Verhältnisse der Welt, um das Unheil zu verhindern, was ihr offenbart wurde? Fragen wir die Sage. Die Sage belehrt uns weiter:
[ 33 ] Once again, you have a dream, like Oedipus’s oracle—that is to say, we have here a legacy of ancient clairvoyance. What was to happen was revealed to the mother in the old way. Is this enough to understand the workings of the world and prevent the calamity that was revealed to her? Let us ask the legend. The legend teaches us further:
[ 34 ] Unter dem Eindrucke dieser Weisheit, die ihr aus dem Traum zufloß, brachte die Mutter das Kind, das sie geboren hatte, auf die Insel Kariot. Dort wurde es ausgesetzt, aber von einer benachbarten Königin gefunden. Die nahm das Kind auf und erzog es selber, weil das Ehepaar kinderlos war. In späterer Zeit bekam dann dieses Ehepaar ein eigenes Kind, und da fühlte sich der aufgelesene Findling bald beeinträchtigt, und infolge seines leidenschaftlichen Temperamentes tötete er den Sohn des Königspaares. Jetzt aber konnte er dort nicht mehr bleiben, er mußte fliehen und kam an den Hof des Landpflegers Pilatus. Dort wurde er bald ein Aufseher in dessen Hauswesen. Dann bekam er aber einmal Streit mit seinem Nachbarn, von dem er nur wußte, daß er sein Nachbar war: Im Streit erschlug er ihn - und wußte nicht, daß es sein eigener Vater war. Und darauf ehelichte er die Gattin dieses Nachbars, seine Mutter! Dieser Findling war der Judas aus Kariot. Und als er seine furchtbare Lage gewahr wurde, da flüchtete er wieder. Und er fand nur einzig und allein Erbarmen in seiner Lage bei demjenigen, der das Erbarmen für alle hatte, die in seine Umgebung traten, der nicht nur mit Zöllnern und Sündern an einem Tische saß, sondern der trotz seines tiefen Blickes auch diesen großen Sünder in seine Nähe nahm; denn es war seine Aufgabe, nicht bloß für die Guten, sondern für alle Menschen zu wirken und sie von der Sünde in das Heil zu führen. So kam der Judas aus Kariot in die Umgebung des Christus Jesus. Und nun brachte er das Unheil, das vorausgesagt war, und das - nach dem Schillerschen Spruch: «Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären» - sich auswirken mußte, in den Kreis des Christus Jesus hinein. Er wurde der Verräter des Christus Jesus. Im Grunde genommen war das, was sich an ihm erfüllen sollte, schon erfüllt mit dem Vatermord und der Mutterehe. Aber er blieb sozusagen als ein Werkzeug übrig, weil er Werkzeug sein sollte, das böse Werkzeug, welches das Gute herbeiführen sollte, um damit sozusagen noch eine Tat über die Erfüllung hinaus zu verüben.
[ 34 ] Impressed by this wisdom that came to her in a dream, the mother took the child she had given birth to to the island of Kariot. There, the child was abandoned but found by a neighboring queen. The queen took the child in and raised it herself, since she and her husband had no children of their own. Later on, this couple had a child of their own, and the foundling soon felt threatened; as a result of his passionate temperament, he killed the royal couple’s son. Now, however, he could no longer stay there; he had to flee and ended up at the court of the governor Pilate. There he soon became a steward in the governor’s household. But then one day he got into a quarrel with his neighbor, about whom he knew only that he was his neighbor: In the quarrel, he struck him dead—and did not know that it was his own father. And after that, he married this neighbor’s wife—his own mother! This foundling was Judas of Kariot. And when he realized the terrible situation he was in, he fled once more. And he found mercy in his plight only from the One who had mercy on all who came into His presence—the One who not only sat at table with tax collectors and sinners, but who, despite His penetrating gaze, also drew this great sinner close to Him; for it was his mission to work not merely for the righteous, but for all people, and to lead them from sin to salvation. Thus Judas of Kariot came into the circle of Christ Jesus. And now he brought the calamity that had been foretold—and which, according to Schiller’s saying, “That is precisely the curse of the evil deed, that it must perpetually give birth to evil”—into the circle of Christ Jesus. He became the betrayer of Christ Jesus. Strictly speaking, what was to be fulfilled in him had already been fulfilled through the murder of his father and his marriage to his mother. But he remained, so to speak, as an instrument, because he was meant to be an instrument—the evil instrument that was to bring about the good—in order thereby to commit, so to speak, yet another act beyond the fulfillment itself.
[ 35 ] Derjenige, welcher uns in dem Oedipus hingestellt wird, der verliert als die Folge des Unheils, das er gebracht hat, von dem Moment an, wo er dieses Unheil gewahr wird, das Augenlicht. Derjenige aber, der das gleiche Schicksal hat durch seine Verbindung mit der alten Urweisheitserbschaft, er erblindet nicht, sondern er ist dazu ausersehen, das Schicksal zu erfüllen und dasjenige zu tun, was das Mysterium von Golgatha herbeiführt, was den physischen Tod dessen bewirkt, der das «Licht der Welt» ist, und der das Licht der Welt bewirkt in der Heilung des Blindgeborenen. Oedipus mußte das Augenlicht verlieren; dem Blindgeborenen gab Christus das Augenlicht. Aber er starb durch denjenigen, welcher vom Charakter des Oedipus war, an dem uns gezeigt sein soll, wie die alte Weisheit allmählich versiegt in der Menschheit, wie sie nicht mehr ausreicht, um den Menschen Heil und Frieden und Liebe zu bringen. Dazu war der Christus-Impuls mit dem Ereignis von Golgatha notwendig. Dazu war notwendig, daß dasjenige erst eintrat, was uns als ein äußeres Abbild des Verhältnisses des Jesus Christus-Ich zu seiner Mutter erscheint bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa. Dazu war weiter notwendig, daß noch etwas anderes eintrat, was der Schreiber des Johannes-Evangeliums so schildert:
[ 35 ] The character presented to us in Oedipus loses his sight as a consequence of the calamity he has brought about, from the very moment he becomes aware of this calamity. But the one who suffers the same fate through his connection to the ancient legacy of primordial wisdom, does not go blind; rather, he is destined to fulfill that fate and to do what the Mystery of Golgotha brings about—that which causes the physical death of the one who is the “Light of the World,” and who brings about the light of the world in the healing of the man born blind. Oedipus had to lose his sight; Christ gave sight to the man born blind. But he died at the hands of one who was of the nature of Oedipus, through whom we are to be shown how the ancient wisdom gradually dries up within humanity, how it is no longer sufficient to bring salvation, peace, and love to humankind. For this, the Christ impulse was necessary through the event at Golgotha. For this, it was necessary that what appears to us as an outward reflection of the relationship between the I of Jesus Christ and his mother—as seen at the wedding at Cana in Galilee—should first take place. Furthermore, it was necessary that something else occur, which the writer of the Gospel of John describes as follows:
[ 36 ] Da unten am Kreuze stand die Mutter, da unten stand der Jünger, den «der Herr lieb hatte», der Lazarus- Johannes, den er selber initiiert hatte, und durch den die Weisheit des Christentums auf die Nachwelt kommen sollte, der den astralischen Leib der Menschen so beeinflussen sollte, daß in ihnen das Christus-Prinzip leben könne. Da drinnen im menschlichen astralischen Leib sollte das Christus-Prinzip leben, und der Johannes sollte es hineingießen. Dazu mußte aber dieses Christus-Prinzip vom Kreuze herab noch vereinigt werden mit dem ätherischen Prinzip, mit der Mutter. Daher ruft der Christus vom Kreuz herab die Worte: «Von dieser Stunde an ist dies deine Mutter, und dies ist dein Sohn!» Das heißt, er bindet zusammen seine Weisheit mit dem mütterlichen Prinzip!
[ 36 ] Down there at the foot of the cross stood the Mother; down there stood the disciple whom “the Lord loved”—Lazarus-John, whom He Himself had initiated, and through whom the wisdom of Christianity was to be passed down to posterity, who was to influence the astral bodies of human beings in such a way that the Christ principle could live within them. The Christ principle was to live within the human astral body, and John was to infuse it there. To this end, however, this Christ principle, coming down from the cross, still had to be united with the etheric principle—with the Mother. That is why Christ calls out from the cross the words: “From this hour on, this is your mother, and this is your son!” That is to say, he unites his wisdom with the maternal principle!
[ 37 ] So sehen wir, wie tief nicht nur die Evangelien sind, sondern wie tief alle Zusammenhänge im Mysterienwesen sind. Ja, die alten Sagen stehen in einem Zusammenhange mit den Verkündigungen und Evangelien der neuen Zeit, wie Voraussagung und Erfüllung! Die alten Sagen zeigen uns an der Oedipus- und an der Judas-Sage klar das eine: Es hat einstmals eine göttliche, uralte Weisheit gegeben. Aber sie versiegte. Und eine neue Weisheit muß kommen. Und diese neue Weisheit wird die Menschen zu dem bringen, wozu sie die alte Weisheit nimmermehr hätte bringen können. Was hätte werden müssen ohne den Christus-Impuls, das sagt uns die Oedipus-Sage. Welches die Gegnerschaft des Christus war, das starre Festhalten an der alten Weisheit, das lehrt uns die Judas-Sage. Das aber, wovon schon die alten Sagen und Mythen erklärten, daß es nicht genüge, das sagt uns in einem neuen Lichte die neue Verkündigung, das Evangelium. Das Evangelium antwortet uns auf das, was die alten Sagen als die Bilder der alten Weisheit ausgesprochen haben. Sie haben gesagt: Aus der alten Weisheit kann nimmermehr kommen, was die Menschheit für die Zukunft braucht. Das Evangelium als die neue Weisheit aber sagt uns: Ich verkündige euch, was die Menschheit braucht, und was nimmermehr hätte kommen können ohne den Einfluß des Christus-Prinzips, ohne das Ereignis von Golgatha.
[ 37 ] Thus we see not only how profound the Gospels are, but also how profound all the connections within the realm of the mysteries are. Yes, the ancient legends are connected to the proclamations and Gospels of the new age, like prophecy and fulfillment! The ancient legends—particularly the Oedipus and Judas legends—clearly show us one thing: There was once a divine, ancient wisdom. But it dried up. And a new wisdom must come. And this new wisdom will lead humanity to what the old wisdom could never have brought them to. What would have become of us without the Christ impulse—that is what the Oedipus legend tells us. What the opposition to Christ was—the rigid clinging to the old wisdom—that is what the Judas legend teaches us. But what the ancient legends and myths already declared—that it was not enough—is revealed to us in a new light by the new proclamation, the Gospel. The Gospel answers what the ancient legends expressed as images of the old wisdom. They said: What humanity needs for the future can never come from the old wisdom. But the Gospel, as the new wisdom, tells us: “I proclaim to you what humanity needs, and what could never have come about without the influence of the Christ principle, without the event at Golgotha.”
