Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Gospel of Luke
GA 114

15 September 1909, Basel

Translate the original German text into any language:

Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Als wir vor einiger Zeit hier versammelt waren, konnten wir die tieferen Strömungen des Christentums besprechen vom Gesichtspunkte des Johannes-Evangeliums aus. Und es traten damals vor unser geistiges Auge jene gewaltigen Bilder und Ideen, welche der Mensch gewinnen kann, wenn er sich in diese einzigartige Urkunde der Menschheit, eben in das Johannes-Evangelium, vertieft. Wir haben damals bei verschiedenen Gelegenheiten hervorheben müssen, wie die tiefsten Tiefen des Christentums zum Vorschein kommen, wenn man seine Betrachtungen anstellt an der Hand dieser Urkunde. Und es könnte heute wohl mancher der damaligen Zuhörer oder der Zuhörer eines anderen Zyklus über das Johannes-Evangelium sich fragen: Ist es nun möglich, die Gesichtspunkte, welche man in gewisser Hinsicht wirklich als die tiefsten bezeichnen muß, und die man an der Hand des JohannesEvangeliums gewinnen kann, ist es möglich, diese Gesichtspunkte irgendwie zu erweitern oder zu vertiefen durch die Betrachtung der anderen christlichen Urkunden, zum Beispiel der drei anderen Evangelien, durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums, des MatthäusEvangeliums oder des Markus-Evangeliums? Und wer, man möchte sagen, die theoretische Bequemlichkeit liebt, der wird sich fragen: Ist es denn überhaupt nötig, nachdem uns bewußt geworden ist, wie die tiefsten Tiefen der christlichen Wahrheiten uns entgegentreten aus dem Johannes-Evangelium, ist es da überhaupt noch nötig, über das Wesen des Christentums von den anderen Evangelien aus zu verhandeln, namentlich vom Gesichtspunkte des — wie man ja leicht glauben könnte — weniger tiefen Lukas-Evangeliums aus?

[ 1 ] When we were gathered here some time ago, we were able to discuss the deeper currents of Christianity from the perspective of the Gospel of John. And at that time, those powerful images and ideas emerged before our inner eye—the ones a person can grasp when immersing themselves in this unique document of humanity, namely the Gospel of John. On various occasions at that time, we had to emphasize how the deepest depths of Christianity come to light when one engages in reflection guided by this text. And today, many of those who listened then—or who listened to another lecture series on the Gospel of John—might well ask themselves: Is it now possible to somehow expand or deepen the perspectives—which, in a certain sense, must truly be described as the deepest, and which can be gained through the Gospel of John—is it possible to somehow broaden or deepen these perspectives through the study of the other Christian texts, for example, the three other Gospels—the Gospel of Luke, the Gospel of Matthew, or the Gospel of Mark? And anyone, one might say, who loves theoretical convenience will ask: Is it even necessary—now that we have become aware of how the deepest depths of Christian truths are revealed to us in the Gospel of John—is it even necessary at all to discuss the nature of Christianity on the basis of the other Gospels, particularly from the perspective of the Gospel of Luke, which—as one might easily believe—is less profound?

[ 2 ] Wer eine solche Frage aufstellte und wer da glaubte, mit einem solchen Gesichtspunkt irgend etwas Wesentliches gesagt zu haben, der würde sich doch einem ganz bedeutsamen Mißverständnis hingeben. Nicht nur, daß das Christentum als solches in seiner Wesenheit unermeßlich ist und daß man es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beleuchten kann, sondern es ist auch das andere richtig — und gerade dieser Zyklus von Vorträgen soll dafür den Beweis liefern —: trotzdem das Johannes-Evangelium eine so unendlich tiefe Urkunde ist, kann man durch die Betrachtung des Lukas-Evangeliums zum Beispiel noch Dinge lernen, die man an der Hand des Johannes-Evangeliums nicht lernen kann. Dasjenige, was wir dazumal im Johannes-EvangeliumZyklus gewohnt worden sind, die tiefen Ideen des Christentums zu nennen, das ist durchaus noch nicht das Christentum in seiner vollen Tiefe; sondern es gibt eine Möglichkeit, von einem anderen Ausgangspunkt aus in die Tiefen des Christentums einzudringen. Und dieser andere Ausgangspunkt soll eben dadurch gewonnen werden, daß wir diesmal das Lukas-Evangelium vom anthroposophischen, geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen.

[ 2 ] Anyone who posed such a question—and anyone who believed they had said anything substantial from such a perspective—would be succumbing to a very significant misunderstanding. Not only is Christianity as such immeasurable in its essence and can be examined from a wide variety of perspectives, but the opposite is also true—and this very series of lectures is intended to provide proof of that—: even though the Gospel of John is such an infinitely profound text, one can still learn things by studying the Gospel of Luke, for example, that cannot be learned from the Gospel of John alone. What we came to regard as the “deep ideas of Christianity” during the Gospel of John lecture series is by no means Christianity in its full depth; rather, there is a possibility of penetrating the depths of Christianity from a different starting point. And this other starting point is to be gained precisely by placing the Gospel of Luke at the center of our reflections this time, from the anthroposophical, spiritual-scientific standpoint.

[ 3 ] Lassen Sie uns einmal einiges vor unser Auge stellen, um die Behauptung zu verstehen, daß aus dem Lukas-Evangelium noch etwas zu gewinnen sei, wenn man auch die Tiefen des Johannes-Evangeliums ausgeschöpft hat. Wir müssen dabei von dem ausgehen, was uns ja bei der Betrachtung einer jeden Zeile des Johannes-Evangeliums entgegentritt, daß Urkunden, wie die Evangelien es sind, sich gerade für den anthroposophischen Betrachter darstellen als Urkunden, die verfaßt sind von Menschen, die tiefer hineingeschaut haben in das Wesen des Lebens und in das Wesen des Daseins, die als Eingeweihte und als Hellseher in die Tiefen der Welt hineingeschaut haben. Wenn wir so im allgemeinen sprechen, können wir die Ausdrücke «Eingeweihter» und «Hellseher» als gleichbedeutend nebeneinander gebrauchen. Wenn wir aber nunmehr im Verlaufe unserer anthroposophischen Betrachtungen zu tieferen Schichten des Geisteslebens vordringen wollen, dann müssen wir das, was wir anfangs mit Recht nicht unterscheiden, den Hellseher und den Eingeweihten, wir müssen sie als zwei Kategorien von Menschen unterscheiden, die den Weg gefunden haben in die übersinnlichen Gebiete des Daseins. Es ist in gewisser Beziehung ein Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Hellseher, obwohl nichts, gar nichts dagegen ist, daß der Eingeweihte zugleich ein Hellsehender ist und der Hellsehende zu gleicher Zeit ein in einem gewissen Grade Eingeweihter. Wenn Sie genau unterscheiden wollen zwischen diesen beiden Kategorien von Menschen, dem Eingeweihten und dem Hellseher, dann müssen Sie sich an die Darstellungen erinnern, die in meiner Auseinandersetzung über «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben sind. Sie müssen daran denken, daß es im wesentlichen drei Stufen gibt, die hinausführen über das gewöhnliche Anschauen der Welt.

[ 3 ] Let us consider a few points to help us understand the claim that there is still something to be gained from the Gospel of Luke, even after one has exhausted the depths of the Gospel of John. We must proceed from what strikes us when we contemplate every line of the Gospel of John: that documents, such as the Gospels, appear to the anthroposophical observer as documents composed by people who have looked more deeply into the essence of life and the essence of existence—people who, as initiates and clairvoyants, have gazed into the depths of the world. When we speak in general terms like this, we can use the terms “initiate” and “clairvoyant” interchangeably. But if we now wish to penetrate to deeper layers of spiritual life in the course of our anthroposophical reflections, then we must distinguish between what we initially, and rightly, did not distinguish—the clairvoyant and the initiate—and regard them as two categories of people who have found their way into the supersensible realms of existence. In a certain sense, there is a difference between an initiate and a clairvoyant, although there is nothing—absolutely nothing—to prevent the initiate from also being a clairvoyant, and the clairvoyant from being, to a certain degree, an initiate at the same time. If you wish to distinguish precisely between these two categories of people—the initiate and the clairvoyant—then you must recall the descriptions given in my treatise on “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” You must bear in mind that there are essentially three stages that lead beyond the ordinary perception of the world.

[ 4 ] Diejenige Erkenntnis, die zunächst dem Menschen zugänglich ist, kann man so charakterisieren, daß der Mensch durch die Sinne die Welt anschaut und durch den Verstand und die anderen Seelenkräfte das Angeschaute sich zu eigen macht, Darüber hinaus gibt es drei andere Stufen des Erkennens der Welt. Die erste ist die der sogenannten imaginativen Erkenntnis, die zweite Stufe ist die der inspirierten Erkenntnis, und die dritte Stufe ist die der intuitiven Erkenntnis, wenn wir das Wort intuitiv in seinem wahren, geisteswissenschaftlichen Sinne erfassen.

[ 4 ] The kind of knowledge that is initially accessible to human beings can be characterized as follows: human beings perceive the world through the senses and, through the intellect and the other powers of the soul, make what they have perceived their own. Beyond this, there are three other levels of understanding the world. The first is that of so-called imaginative cognition; the second stage is that of inspired cognition; and the third stage is that of intuitive cognition, if we understand the word “intuitive” in its true, spiritual-scientific sense.

[ 5 ] Wer besitzt nun die imaginative Erkenntnis? Derjenige, vor dessen geistigem Auge sich das, was hinter der Sinnenwelt ist, in Bildern ausbreitet, in einem gewaltigen Weltentableau von Bildern, die aber durchaus nicht ähnlich sind dem, was man im gewöhnlichen Leben Bilder nennt. Abgesehen von dem Unterschiede, daß es für diese Bilder der imaginativen Erkenntnis nicht gibt, was wir die Gesetze des dreidimensionalen Raumes nennen, gibt es auch noch andere Eigentümlichkeiten dieser imaginativen Bilder, die sich mit nichts in der gewöhnlichen Sinnenwelt so leicht vergleichen lassen.

[ 5 ] Who, then, possesses imaginative insight? It is the person before whose mind’s eye that which lies beyond the sensory world unfolds in images—in a vast cosmic tableau of images—which, however, bear no resemblance whatsoever to what we call “images” in ordinary life. Apart from the difference that, for these images of imaginative perception, there is no such thing as what we call the laws of three-dimensional space, there are also other peculiarities of these imaginative images that cannot be easily compared to anything in the ordinary sensory world.

[ 6 ] Wir können zu einer Vorstellung der imaginativen Welt gelangen, wenn wir uns denken, eine Pflanze stehe vor uns, und wir würden in der Lage sein, alles, was dem Sinn des Auges als Farbe wahrnehmbar ist, herauszuziehen aus der Pflanze, so daß es förmlich frei in der Luft schwebt. Würden wir nun nichts anderes tun, als diese an der Pflanze befindliche Farbe herausziehen und frei vor uns schweben lassen, dann hätten wir eine tote Farbengestalt vor uns. Für den hellsichtigen Menschen aber bleibt diese Farbengestalt durchaus nicht ein totes Farbenbild, sondern wenn er das, was in den Dingen, Farbe ist, herauszieht aus den Dingen, dann fängt durch seine Vorbereitungen und Übungen dieses Farbenbild an, von dem Geistigen belebt zu werden, geradeso wie es in der sinnlichen Welt durch das Stoffliche der Pflanzen belebt war; und der Mensch hat dann vor sich nicht eine tote Farbengestalt, sondern, frei schwebend, farbiges Licht, in der mannigfaltigsten Weise schillernd und sprühend, aber innerlich belebt. So daß eine jede Farbe der Ausdruck ist der Eigentümlichkeit einer geistig-seelischen Wesenheit, die in der Sinnenwelt nicht wahrnehmbar ist; das heißt, es fängt die Farbe in der sinnlichen Pflanze an, für den Hellseher Ausdruck zu werden für seelisch-geistige Wesenheiten.

[ 6 ] We can arrive at a conception of the imaginative world if we imagine a plant standing before us and that we were able to extract from the plant everything that is perceptible to the eye as color, so that it literally floats freely in the air. If we were to do nothing more than extract this color from the plant and let it float freely before us, we would have a lifeless color form before us. For the clairvoyant, however, this form of color is by no means a lifeless image; rather, when he extracts the color inherent in things from those things, this image of color begins—through his preparations and exercises—to be animated by the spiritual, just as it was animated in the sensory world by the material substance of the plants; and the person then has before them not a lifeless form of color, but—floating freely—colored light, shimmering and sparkling in the most manifold ways, yet inwardly animated. Thus, every color is the expression of the uniqueness of a spiritual-soul entity that is not perceptible in the sensory world; that is to say, it is in the sensory plant that color begins to become, for the clairvoyant, an expression of spiritual-soul entities.

[ 7 ] Denken Sie sich nun eine Welt, erfüllt von solchen in der mannigfaltigsten Weise spiegelnden Farbengestalten, sich ewig wandelnd, umgestaltend, aber nicht den Blick beschränkt auf das Farbige wie etwa bei einem Gemälde von flimmernden Farbenreflexen, sondern denken Sie sich das alles als Ausdruck von geistig-seelischen Wesenheiten, so daß Sie sich sagen: Wenn hier aufblitzt ein grünes Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck dafür, daß ein verständiges Wesen dahinter ist; oder wenn aufblitzt ein hellrötliches Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck von etwas, was eine leidenschaftliche Wesenheit ist. Denken Sie sich nun dieses ganze Meer von ineinanderspielenden Farben — ich könnte ebensogut ein anderes Beispiel nehmen und sagen: ein Meer von ineinanderspielenden Tonempfindungen oder Geruchs- oder Geschmacksempfindungen, denn das alles sind Ausdrücke von dahinterstehenden geistig-seelischen Wesenheiten —, dann haben Sie das, was man die imaginative Welt nennt. Es ist nicht etwas, wofür man wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch das Wort Imagination verwendet, eine Einbildung, sondern das ist eine reale Welt. Es ist eine andere Art der Auffassung, als es die sinnesgemäße ist.

[ 7 ] Now imagine a world filled with such colorful forms, reflecting in the most diverse ways, eternally changing and transforming—but do not limit your gaze to the colors themselves, as you might in a painting of shimmering color reflections; rather, imagine all of this as an expression of spiritual and soul entities, so that you say to yourself: When a green image flashes here, it is to me the expression of an intelligent being behind it; or when a bright reddish image flashes, it is to me the expression of something that is a passionate being. Now imagine this entire sea of interplaying colors—I could just as easily take another example and say: a sea of interplaying sound sensations, or smells, or tastes, for all of these are expressions of the spiritual and soul entities behind them—then you have what is called the imaginative world. It is not something for which one uses the word “imagination” in the ordinary sense of the term—as a figment of the imagination—but rather it is a real world. It is a different kind of perception than that which is based on the senses.

[ 8 ] Innerhalb dieser imaginativen Welt tritt dem Menschen alles das entgegen, was hinter der Sinnenwelt ist und was er mit seinen «sinnlichen Sinnen», wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen, nicht wahrnimmt, also zum Beispiel des Menschen Ätherleib, des Menschen astralischer Leib. Wer als ein hellsichtiger Mensch die Welt also kennenlernt durch diese imaginative Erkenntnis, der lernt höhere Wesenheiten gleichsam von ihrer Außenseite her kennen, so wie Sie in der Sinnenwelt, wenn Sie auf der Straße gehen und die Menschen an Ihnen vorbeigehen, diese von ihrer sinnlichen Außenseite kennenlernen. Sie lernen sie genauer kennen, wenn Sie Gelegenheit haben, mit den Menschen zu sprechen. Da drücken Ihnen die Menschen durch ihre Worte noch etwas anderes aus als das, was Sie sehen, wenn sie Ihnen nur auf der Straße begegnen und sie ansehen. An manchem, an dem Sie vorbeigehen um nur das eine zu sagen -, können Sie nicht sehen, ob innerlicher Schmerz oder Freude in der Seele ist, ob Gram oder Entzücken die Seele durchglüht. Das alles aber können Sie erfahren, wenn Sie mit einem Menschen sprechen. Das eine Mal kündet er Ihnen durch das, was Sie sehen können ohne sein Zutun, seine Außenseite an, das andere Mal spricht er sich selbst für Sie aus. So ist es auch mit den Wesenheiten der übersinnlichen Welt.

[ 8 ] Within this imaginative world, a person encounters everything that lies beyond the sensory world and that they do not perceive with their “sensory senses”—if we may use that expression—such as, for example, the human etheric body and the human astral body. Anyone who, as a clairvoyant person, comes to know the world through this imaginative insight, comes to know higher beings, as it were, from their outer side—just as you, in the sensory world, when you walk down the street and people pass you by, come to know them from their sensory outer side. You get to know them more closely when you have the opportunity to speak with them. Through their words, people express something different from what you see when you merely encounter them on the street and look at them. In some people—to mention just one example—you cannot tell whether there is inner pain or joy in their soul, whether grief or delight is burning through their soul. But you can experience all of this when you speak with a person. At one moment, they reveal their outer self to you through what you can see without any effort on their part; at another, they express themselves to you. It is the same with the beings of the supersensible world.

[ 9 ] Wer als Hellseher die Wesenheiten der übersinnlichen Welt durch die imaginative Erkenntnis kennenlernt, der lernt gleichsam nur die geistigseelische Außenseite kennen. Aber er hört sie sich selbst aussprechen, wenn er aufsteigt von der imaginativen Erkenntnis zu der Erkenntnis durch Inspiration. Da ist es dann wirklich ein richtiger Verkehr mit diesen Wesenheiten. Da teilen sie ihm aus ihrer eigenen Wesenheit heraus mit, was sie sind und wer sie sind. Daher ist die Inspiration eine höhere Erkenntnisstufe als die bloße Imagination, und man erfährt mehr über die Wesen der geistig-seelischen Welt, wenn man aufsteigt zur Inspiration, als man durch die imaginative Erkenntnis gewinnen kann.

[ 9 ] A clairvoyant who comes to know the beings of the supersensible world through imaginative perception comes to know, as it were, only their spiritual-soul aspect. But he hears them speak for themselves when he ascends from imaginative perception to perception through inspiration. Then there is truly a genuine communion with these beings. There, drawing from their very essence, they reveal to him what they are and who they are. Therefore, inspiration is a higher level of knowledge than mere imagination, and one learns more about the beings of the spiritual-soul world by ascending to inspiration than one can gain through imaginative perception.

[ 10 ] Eine noch höhere Stufe der Erkenntnis ist dann die Intuition, sofern man das Wort Intuition nicht wie im gewöhnlichen Sprachgebrauch anwendet, wo alles Unklare, was einem einfällt, Intuition genannt wird, sondern wenn man den Begriff Intuition in dem wirklich geisteswissenschaftlichen Sinne nimmt. Da ist die Intuition eine Erkenntnis, wo man nicht nur geistig hinhorchen kann auf das, was die Wesenheiten aus sich selbst heraus einem mitteilen, sondern wo man eins wird mit diesen Wesenheiten, wo man in die eigene Wesenheit derselben untertaucht. Das ist eine hohe Stufe der geistigen Erkenntnis. Denn sie erfordert, daß der Mensch zuerst jene Liebesentfaltung zu allen Wesenheiten in sich vollzieht, wo er keinen Unterschied mehr macht zwischen sich und den anderen Wesenheiten in der geistigen Umgebung, wo er seine Wesenheit sozusagen ausgegossen hat in die ganze geistige Umgebung, wo er also wirklich nicht mehr außerhalb der Wesenheiten ist, die mit ihm geistig verkehren, sondern wo er innerhalb dieser Wesenheiten ist, in ihnen steht. Und weil das nur sein kann gegenüber einer geistiggöttlichen Welt, so ist der Ausdruck Intuition, das ist «im Gotte stehen», ganz berechtigt. — So also erscheinen uns zunächst diese drei Stufen der Erkenntnis der übersinnlichen Welt: die Imagination, die Inspiration und die Intuition.

[ 10 ] An even higher level of insight is intuition—provided one does not use the word “intuition” in the ordinary sense of the term, where anything vague that comes to mind is called intuition, but rather takes the concept of intuition in its true spiritual-scientific sense. Here, intuition is a form of insight in which one can not only listen spiritually to what the beings communicate from within themselves, but in which one becomes one with these beings, immersing oneself in their very essence. This is a high level of spiritual insight. For it requires that a person first accomplish within themselves that unfolding of love toward all spiritual beings, in which they no longer make any distinction between themselves and the other spiritual beings in their spiritual environment; in which they have, so to speak, poured out their own being into the entire spiritual environment; in which they are thus truly no longer outside the spiritual beings with whom they commune spiritually, but are within these beings, standing within them. And because this can only occur in relation to a spiritual-divine world, the term “intuition”—that is, “standing in God”—is entirely justified. — Thus, these three stages of knowledge of the supersensible world appear to us initially: imagination, inspiration, and intuition.

[ 11 ] Nun gibt es natürlich die Möglichkeit, sich diese drei Stufen der übersinnlichen Erkenntnis anzueignen. Aber es ist auch möglich, zum Beispiel in irgendeiner Inkarnation nur vorzudringen bis zu der Stufe der Imagination; dann bleiben dem betreffenden Hellseher diejenigen Gebiete der geistigen Welt verborgen, die nur durch die Inspiration und die Intuition zu erreichen sind. Dann ist der Mensch ein «hellsichtiger» Mensch. — In unserer heutigen Zeit ist es im allgemeinen nicht üblich, die Menschen zu den höheren Stufen der übersinnlichen Erkenntnis hinaufzuführen, ohne sie vorher die Stufe der Imagination durchschreiten zu lassen, so daß für unsere gegenwärtigen Verhältnisse kaum die Möglichkeit eintreten kann, daß jemand sozusagen ausläßt die Stufe der Imagination und gleich durchgeführt wird zur Stufe der Inspiration oder der Intuition. Was aber heute keineswegs das Richtige wäre, das konnte in gewissen anderen Zeiten der Menschheitsentwickelung dennoch eintreten und ist auch eingetreten.

[ 11 ] Of course, it is possible to master these three stages of supersensible knowledge. But it is also possible, for example, to advance in a given incarnation only as far as the stage of imagination; in that case, those realms of the spiritual world that can be reached only through inspiration and intuition remain hidden from the clairvoyant in question. Then the person is a “clairvoyant” individual. — In our present age, it is generally not customary to lead people up to the higher levels of supersensory knowledge without first having them pass through the level of imagination; thus, under our current circumstances, it is highly unlikely that anyone would, so to speak, skip the level of imagination and be led directly to the level of inspiration or intuition. However, what would by no means be appropriate today could nevertheless have occurred—and did occur—in certain other periods of human development.

[ 12 ] Es gab Zeiten in der Menschheitsentwickelung, in denen man die Stufen der übersinnlichen Erkenntnis sozusagen auf verschiedene Individuen verteilt hatte: Imagination auf der einen Seite, Inspiration und Intuition auf der anderen Seite. $o daß es zum Beispiel Mysterienstätten gegeben hat, wo Menschen das geistige Auge so offen hatten, daß sie hellseherisch waren für das Gebiet der Imagination, daß ihnen zugänglich war jene symbolische Welt der Bilder. Dadurch, daß diese Menschen, die so weit hellsichtig waren, sich sagten: Für diese Inkarnation verzichte ich darauf, die höheren Stufen, Inspiration und Intuition, zu erreichen —, dadurch haben sie sich geeignet gemacht, genau und deutlich zu sehen innerhalb der Welt des Imaginativen. Sie haben sich sozusagen in ganz besonderem Maße trainiert, in dieser Welt des Imaginativen zu sehen.

[ 12 ] There were times in human evolution when the stages of supersensory knowledge were, so to speak, distributed among different individuals: imagination on the one hand, inspiration and intuition on the other. $o For example, there were mystery schools where people had their spiritual eyes so open that they were clairvoyant in the realm of imagination, and that symbolic world of images was accessible to them. Because these people, who were clairvoyant to such an extent, told themselves: “For this incarnation, I will refrain from attaining the higher stages of inspiration and intuition”—thereby they made themselves capable of seeing precisely and clearly within the world of the imaginative. They trained themselves, so to speak, to a very special degree to see in this world of the imaginative.

[ 13 ] Nun aber war eines dazu für sie notwendig. Wer nur in der Welt des Imaginativen sehen will und darauf verzichtet, zu der Welt der Inspiration und der Intuition vorzudringen, der lebt in einer gewissen Weise in einer Welt der Unsicherheit. Diese Welt des flutenden ‚Imaginativen ist sozusagen uferlos, und man schwimmt darinnen, wenn man sich selbst überlassen bleibt, mit seiner Seele hin und her, ohne daß man eigentlich genau Richtung und Ziel kennt. Daher war es in jenen Zeiten und bei den Völkern, bei denen von gewissen Menschen auf die höheren Erkenntnisstufen verzichtet wurde, notwendig, daß sich die hellsichtigen, imaginativen Menschen ganz hingebungsvoll an ihre Führer anschlossen, an diejenigen, welche offen hatten das geistige Anschauungsvermögen für die Inspiration und für die Intuition. Denn erst Inspiration und Intuition geben Sicherheit für die geistige Welt, so daß man genau weiß: Dahin geht der Weg, dort ist ein Ziel. - Dagegen kann man sich, wenn einem die inspirierte Erkenntnis mangelt, nicht sagen: Da geht der Weg, dahin muß ich gehen, um zu einem Ziele zu kommen. -— Kann man sich also das nicht selbst sagen, dann muß man sich der kundigen Führung eines Menschen anvertrauen, der einem das sagen kann. Daher wird an so vielen Orten immer mit Recht betont, daß derjenige, der zunächst aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis, innig sich anzuschließen hat an den Guru, an den Führer, der ihm Richtung und Ziel gibt in bezug auf das, was er sich nicht selbst geben kann.

[ 13 ] But one thing was necessary for them to do this. Anyone who wishes to see only in the world of the imaginative and refrains from venturing into the world of inspiration and intuition lives, in a certain sense, in a world of uncertainty. This world of the surging “imaginative” is, so to speak, boundless, and if left to one’s own devices, one floats within it, drifting back and forth with one’s soul, without actually knowing one’s exact direction or destination. Therefore, in those times and among those peoples where certain individuals had renounced the higher levels of knowledge, it was necessary for the clairvoyant, imaginative people to devote themselves wholeheartedly to their leaders—those who possessed the spiritual capacity for inspiration and intuition. For it is only inspiration and intuition that provide certainty regarding the spiritual world, so that one knows precisely: This is where the path leads; there is a destination. — In contrast, if one lacks inspired insight, one cannot say to oneself: This is the path; I must go there to reach a destination. — If one cannot say this to oneself, then one must entrust oneself to the knowledgeable guidance of a person who can tell one this. That is why it is rightly emphasized in so many places that the one who first ascends to imaginative knowledge must intimately align oneself with the guru, the guide, who provides direction and a goal regarding what one cannot provide for oneself.

[ 14 ] Auf der anderen Seite aber war es auch in gewissen Zeiten nützlich — heute wird das nicht mehr getan -—, andere Menschen die imaginative Erkenntnis in gewisser Weise überspringen zu lassen und sie gleich hinaufzuführen zur inspirierten Erkenntnis oder womöglich zur intuitiven Erkenntnis. SolcheMenschen verzichteten darauf, die imaginativen Bilder der geistigen Welt um sich zu sehen; sie gaben sich nur hin jenen Eindrücken aus der geistigen Welt, die da Ausflüsse des Inneren der geistigen Wesenheiten sind. Sie hörten hin mit Geistesohren, was die Wesenheiten der geistigen Welt sprechen. Es ist so, wie wenn Sie eine Wand hätten zwischen sich und einem anderen Menschen und diesen Menschen nicht selbst sehen; aber Sie hören ihn hinter der Wand sprechen. Diese Möglichkeit ist durchaus vorhanden, daß sozusagen Menschen verzichten auf das Anschauen in der geistigen Welt, um dadurch schneller geführt zu werden zu dem geistigen Hinhorchen auf die Aussagen der geistigen Wesenheiten, Ganz gleichgültig, ob jemand die Bil a der der imaginativen Welt sieht oder nicht, wenn er imstande ist, mit Geistesohren zu vernehmen, was die in der übersinnlichen Welt befindlichen Wesenheiten über sich selbst zu sagen haben, dann sagen wir von einem solchen Menschen: Er ist begabt mit dem «inneren Wort» —, im Gegensatz zu dem äußeren Wort, das wir in der physischen Welt von Mensch zu Mensch haben. So also können wir uns die Vorstellung bilden, daß es auch Menschen gibt, welche, ohne die imaginative Welt zu schauen, das innere Wort haben und die Aussprüche der geistigen Wesenheiten vernehmen und sie mitteilen können.

[ 14 ] On the other hand, however, it was also useful at certain times—though this is no longer done today—to allow other people to bypass imaginative insight in a certain way and lead them directly to inspired insight or, if possible, to intuitive insight. Such people refrained from looking at the imaginative images of the spiritual world around them; they devoted themselves solely to those impressions from the spiritual world that are emanations from the inner being of spiritual entities. They listened with spiritual ears to what the entities of the spiritual world speak. It is as if there were a wall between you and another person, and you could not see that person yourself; yet you hear him speaking from behind the wall. This possibility certainly exists: that people, so to speak, forgo observing the spiritual world in order to be led more quickly to spiritual listening to the utterances of spiritual beings, Regardless of whether someone sees the images of the imaginative world or not, if they are able to hear with spiritual ears what the beings in the supersensible world have to say about themselves, then we say of such a person: They are gifted with the “inner word”—in contrast to the outer word that we have in the physical world from person to person. Thus we can form the idea that there are also people who, without seeing the imaginative world, possess the inner word and can hear the utterances of spiritual beings and communicate them.

[ 15 ] Es gab eine Zeit in der Entwickelung der Menschheit, da war es in den Mysterien so, daß diese zwei Arten von übersinnlichen Erfahrungen der Erkennenden zusammenwirkten. Und weil dadurch, daß ein jeder von ihnen auf die Anschauung des anderen verzichtete, er das, was er vermochte, genauer und deutlicher ausbilden konnte, weil das der Fall war, ergab sich ein schönes, ein wunderschönes Zusammenwirken in gewissen Zeiten innerhalb der Mysterien. Man hatte sozusagen imaginative Hellseher; die hatten sich besonders dazu trainiert, die Welt der Bilder zu schauen. Und man hatte solche, welche die Welt des Imaginativen übersprungen hatten; sie hatten sich besonders dazu trainiert, das innere Wort, was erfahren wird durch die Inspiration, in ihre Seele aufzunehmen. Und so konnte der eine dem anderen mitteilen, was er durch seine besondere 'Trainierung erfahren hatte. Das war möglich in den Zeiten, wo von Mensch zu Mensch ein Grad von Vertrauen vorhanden war, der heute ausgeschlossen ist — einfach durch unsere Zeitentwickelung. Heute glaubt nicht ein Mensch dem anderen so stark, daß er nur hinhorchen würde auf das, was der andere schildert als die Bilder der imaginativen Welt, und dann hinzufügen würde, was er selbst aus der Inspiration weiß, im treuen Glauben darauf, daß die Schilderungen des andern richtig sind. Heute will jeder Mensch selbst sehen. Das ist die berechtigte Art unserer Zeit. Die wenigsten Menschen würden heute zufrieden sein mit einer einseitigen Ausbildung der Imagination, wie sie in gewissen Zeiten gang und gäbe war. Deshalb ist es auch für die heutige Zeit notwendig, daß der Mensch nach und nach geführt wird durch die drei Stufen der höheren Erkenntnis, ohne die eine oder die andere auszulassen.

[ 15 ] There was a time in the evolution of humanity when, within the Mysteries, these two kinds of supersensible experiences of the initiates interacted. And because each of them, by refraining from imposing their own perspective on the other, was able to develop what they were capable of more precisely and clearly—since this was the case—a beautiful, a truly wonderful interplay arose at certain times within the Mysteries. There were, so to speak, imaginative clairvoyants; they had trained themselves specifically to perceive the world of images. And there were those who had moved beyond the world of the imaginative; they had trained themselves specifically to receive into their souls the inner word experienced through inspiration. And so one could share with the other what he had experienced through his particular training. This was possible in times when there was a degree of trust between people that is impossible today—simply because of the way our times have developed. Today, not a single person believes another so deeply that they would simply listen to what the other describes as images from the imaginative world, and then add what they themselves know from inspiration, in the firm belief that the other’s descriptions are correct. Today, everyone wants to see for themselves. That is the legitimate way of our time. Very few people today would be satisfied with a one-sided training of the imagination, as was common practice in certain eras. That is why it is also necessary in our time for people to be guided step by step through the three stages of higher knowledge, without skipping one or the other.

[ 16 ] Auf allen Stufen der übersinnlichen Erkenntnis treffen wir die großen Geheimnisse an, welche sich an jenes Ereignis knüpfen, das wir das Christus-Ereignis nennen, so daß die imaginative Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis vieles, unendlich vieles zu sagen haben über dieses Christus-Ereignis.

[ 16 ] At every stage of supersensible knowledge, we encounter the great mysteries connected to the event we call the Christ Event, so that imaginative knowledge, inspired knowledge, and intuitive knowledge have much—indeed, infinitely much—to say about this Christ Event.

[ 17 ] Wenn wir nun, von diesem Gesichtspunkt ausgehend, einmal unseren Blick auf die vier Evangelien zurückwenden, so dürfen wir sagen, daß das Johannes-Evangelium geschrieben ist vom Standpunkte eines Eingeweihten, der drinnen stand in den Geheimnissen der Welt bis zur Intuition hinauf, der also das Christus-Ereignis für die Anschauung der übersinnlichen Welt bis zur Intuition hinauf schildert. Wer aber genau eingeht auf die Eigentümlichkeiten des Johannes-Evangeliums, der wird — wie wir gerade in diesem Vortragszyklus sehen werden - sich sagen müssen, daß alles das, was uns im Johannes-Evangelium besonders deutlich entgegentritt, vom Standpunkte der Inspiration und der Intuition gesagt ist, und daß alles, was sich aus Bildern der Imagination ergibt, dagegen verblaßt und undeutlich ist. So dürfen wir den Verfasser des Johannes-Evangeliums — wenn wir absehen von dem, was er doch noch von der Imagination hereingenommen hat —, wir dürfen ihn nennen den Botschafter alles dessen in bezug auf das Christus-Ereignis, was sich für den ergibt, der das innere Wort hat bis hinauf zur Intuition. Deshalb spricht der Schreiber des Johannes-Evangeliums im wesentlichen so, daß er uns die Geheimnisse des Christus-Reiches charakterisiert als beeigenschaftet durch das innere Wort oder den Logos. Eine inspiriert-intuitive Erkenntnis liegt dem Johannes-Evangelium zugrunde.

[ 17 ] If we now, starting from this point of view, turn our attention back to the four Gospels, we may say that the Gospel of John was written from the perspective of an initiate who was deeply immersed in the mysteries of the world, even up to the level of intuition, and who thus describes the Christ event for the purpose of perceiving the supersensible world, even up to the level of intuition. But anyone who examines closely the distinctive features of the Gospel of John will—as we shall see in this very lecture series—have to conclude that everything that stands out particularly clearly to us in the Gospel of John is expressed from the standpoint of inspiration and intuition, and that, in contrast, everything derived from images of the imagination pales in comparison and is unclear. Thus, we may call the author of the Gospel of John—if we set aside what he has nonetheless drawn from the imagination—the messenger of all that, with regard to the Christ event, becomes apparent to the one who possesses the inner Word up to the level of intuition. That is why the writer of the Gospel of John essentially characterizes the mysteries of the Kingdom of Christ as being endowed with the inner Word, or the Logos. An inspired, intuitive insight underlies the Gospel of John.

[ 18 ] Anders ist das bei den anderen drei Evangelien. Und keiner der anderen Evangelienschreiber hat das, was er eigentlich zu sagen hat, so klar ausgedrückt wie gerade der Schreiber des Lukas-Evangeliums.

[ 18 ] The situation is different with the other three Gospels. And none of the other Gospel writers has expressed what he actually has to say as clearly as the writer of the Gospel of Luke.

[ 19 ] Eine kurze, merkwürdige Vorrede geht dem Lukas-Evangelium voran, eine Vorrede, die ungefähr sagt, daß sich mancherlei Menschen vor dem Schreiber des Lukas-Evangeliums schon daran gemacht hätten, allerlei Erzählungen zu sammeln und darzustellen, die im Umlaufe waren über die Ereignisse von Palästina, und daß, um dieses genauer und ordentlicher zu machen, nunmehr der Schreiber des Lukas-Evangeliums es unternimmt, dasjenige darzustellen, was —- und nun kommen bedeutungsvolle Worte — diejenigen mitzuteilen wissen, die von Anfang an — gewöhnlich wird nun übersetzt — «Augenzeugen und Diener des Wortes waren» (Lukas 1,1-2). Also der Schreiber des Lukas-Evangeliums will mitteilen, was diejenigen zu sagen haben, die Augenzeugen — besser würden wir das Wort «Selbstseher» gebrauchen —- und Diener des Wortes waren. Im Sinne des Lukas-Evangeliums sind «Selbstseher» solche Menschen, welche die imaginative Erkenntnis haben, die eindringen können in die Welt der Bilder und dort das Christus-Ereignis wahrnehmen, die besonders dazu trainiert sind, durch solche Imaginationen zu schauen, Selbstseher, die genau und deutlich sehen — deren Mitteilungen legt der Schreiber des Lukas-Evangeliums zugrunde — und die zugleich «Diener des Wortes» waren. Ein bedeutungsvolles Wort! Er sagt nicht «Besitzer» des Wortes, denn das wären Leute, welche die volle inspirierte Erkenntnis haben, sondern «Diener» des Wortes, Diener derjenigen also, denen nicht in demselben Maße wie ihnen durch ihr Selbstschauen die Imaginationen zur Verfügung stehen, sondern denen Kundgebungen der inspirierten Welt zur Verfügung stehen. Ihnen, den Dienern, wird mitgeteilt, was der Inspirierte wahrnimmt; sie können es verkünden, weil es ihnen ihre inspirierten Lehrer gesagt haben. Sie sind Diener, nicht Besitzer des Wortes.

[ 19 ] A brief, curious preface precedes the Gospel of Luke—a preface that states, in essence, that various people had already set out before the author of the Gospel of Luke collect and present all sorts of accounts that were in circulation concerning the events in Palestine, and that, in order to make this more accurate and orderly, the author of the Gospel of Luke now undertakes to present what—and here come the significant words—those who from the very beginning—as is usually translated— “were eyewitnesses and servants of the Word” (Luke 1:1–2). Thus, the author of the Gospel of Luke wishes to convey what those have to say who were eyewitnesses—we would be better off using the term “self-seers”—and servants of the Word. In the sense of the Gospel of Luke, “self-seers” are people who possess imaginative insight, who can penetrate the world of images and perceive the Christ event there—people who are specially trained to see through such imaginations, self-seers who see precisely and clearly—the writer of the Gospel of Luke bases his account on their accounts—and who were at the same time “servants of the Word.” A significant term! He does not say “owners” of the Word, for those would be people who possess full inspired insight, but rather “servants” of the Word—that is, servants of those who do not have access to these imaginative visions to the same extent as they do through their own inner vision, but who do have access to manifestations of the inspired world. To them, the servants, is communicated what the inspired person perceives; they can proclaim it because their inspired teachers have told them so. They are servants, not owners, of the Word.

[ 20 ] So also geht das Lukas-Evangelium zurück auf die Mitteilungen derjenigen, die Selbstseher, Selbsterfahrer sind in den imaginativen Welten, welche gelernt haben, dasjenige, was sie in der imaginativen Welt schauen, mit den Mitteln auszudrücken, welche der inspirierte Mensch hat, die sich also zu Dienern des Wortes gemacht haben.

[ 20 ] Thus, the Gospel of Luke is based on the accounts of those who are self-seers and self-experiencers in the imaginative worlds—those who have learned to express what they see in the imaginative world using the means available to the inspired person, and who have thus made themselves servants of the Word.

[ 21 ] Wiederum haben wir hier ein Beispiel, wie genau in den Evangelien gesprochen ist und wie wir die Worte genau wörtlich verstehen müssen. Alles ist exakt und genau in solchen auf Grundlage der Geisteswissenschaft verfaßten Urkunden, und der moderne Mensch hat oft gar keine Ahnung von der Genauigkeit, von der Exaktheit, mit der die Worte in diesen Urkunden gewählt werden.

[ 21 ] Here again we have an example of how precisely the Gospels are written and how we must understand the words exactly as they are written. Everything is precise and exact in such documents, which were composed on the basis of spiritual science, and modern people often have no idea of the precision and exactness with which the words in these documents were chosen.

[ 22 ] Nun aber müssen wir — so wie jedesmal, wenn wir vom anthroposophischen Gesichtspunkt aus solche Betrachtungen anstellen — auch diesmal daran erinnern, daß für die Geisteswissenschaft nicht im eigentlichen Sinne die Evangelien Quellen der Erkenntnis sind. Dadurch, daß irgend etwas in den Evangelien steht, würde es für denjenigen, der streng auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, durchaus noch nicht eine Wahrheit sein. Der Geisteswissenschafter schöpft nicht aus geschriebenen Urkunden, sondern der Geisteswissenschafter schöpft aus dem, was die geisteswissenschaftliche Forschung selbst zu seiner Zeit gibt. Was zu unserer Zeit die Wesen der geistigen Welt dem Eingeweihten und dem Hellseher zu sagen haben, das sind die Quellen für die eigentliche Geisteswissenschaft, für die Eingeweihten und für die Hellseher. Und diese Quellen sind in unserer Zeit in gewisser Beziehung dieselben wie in jenen Zeiten, die ich Ihnen eben geschildert habe. Daher kann man auch heute hellsichtige Menschen diejenigen nennen, welche in die imaginative Welt Einsicht haben, und Eingeweihte kann man erst solche nennen, welche sich erheben können zur Stufe der Inspiration und Intuition. So braucht für diese Zeiten der Ausdruck des Hellsehers nicht zusammenzufallen mit dem des Eingeweihten.

[ 22 ] But now—as we must do every time we engage in such reflections from an anthroposophical perspective—we must also recall that, for spiritual science, the Gospels are not sources of knowledge in the strict sense. The mere fact that something is written in the Gospels does not make it a truth for those who stand firmly on the ground of spiritual science. The spiritual scientist does not draw upon written documents, but rather draws upon what spiritual scientific research itself yields in his or her own time. What the beings of the spiritual world have to say to the initiate and the clairvoyant in our time—these are the sources for true spiritual science, for the initiates and for the clairvoyants. And in a certain sense, these sources are the same in our time as they were in those times I have just described to you. Therefore, even today, one can call those who have insight into the world of imagination “clairvoyants,” and one can only call those who are able to rise to the level of inspiration and intuition “initiates.” Thus, in our time, the term “clairvoyant” need not coincide with that of “initiate.”

[ 23 ] Was uns im Johannes-Evangelium begegnet, konnte nur auf der Forschung des Eingeweihten beruhen, der hinaufsteigen konnte bis zur inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Was uns in den anderen Evangelien entgegentritt, das konnte beruhen auf Mitteilungen von imaginativen, von hellsichtigen Menschen, die also noch nicht selbst hinaufsteigen konnten in die inspirierte und intuitive Welt. So beruht, wenn wir den heutigen Unterschied streng festhalten, das Johannes-Evangelium auf der Einweihung; die drei übrigen Evangelien, vorzugsweise das Lukas-Evangelium, sogar nach dem Ausspruche des Schreibers selbst, auf der Hellsichtigkeit. Und weil es insbesondere auf der Hellsichtigkeit beruht, weil alles zu Hilfe gerufen wird, was der trainierteste Hellseher zu schauen vermag, bietet sich uns ein genaues Bild für das, was uns im Johannes-Evangelium nur in verblaßten Bildern dargestellt werden kann. Um den Unterschied noch genauer hervorzuheben, möchte ich folgendes sagen.

[ 23 ] What we encounter in the Gospel of John could only be based on the research of an initiate who was able to ascend to inspired and intuitive knowledge. What we find in the other Gospels could be based on accounts from imaginative, clairvoyant people who were thus not yet able to ascend themselves into the world of inspiration and intuition. Thus, if we strictly adhere to the distinction made today, the Gospel of John is based on initiation; the three other Gospels—particularly the Gospel of Luke, even according to the writer’s own statement—are based on clairvoyance. And because it is based specifically on clairvoyance—because it draws upon everything that even the most highly trained clairvoyant is capable of perceiving—it offers us a precise picture of what can only be presented to us in faded images in the Gospel of John. To highlight the difference even more clearly, I would like to say the following:

[ 24 ] Nehmen Sie an — was allerdings heute kaum der Fall ist —, daß ein Mensch eingeweiht würde, so daß die Welt der Inspiration und der Intuition für ihn offenstände, daß er aber nicht hellsichtig wäre, daß er also nicht die imaginative Welt erkennen könnte. Ein solcher Mensch begegne einem andern Menschen, der vielleicht gar nicht eingeweiht ist, dem aber durch irgendwelche Umstände die imaginative Welt offensteht, so daß er das ganze Feld der Imaginationen schauen kann. Ein Mensch der letzteren Art könnte dem ersteren sehr viel mitteilen, was der erstere nicht schaut, was dieser erstere vielleicht erst aus der Inspiration heraus erklären kann, was er aber nicht selbst schauen kann, weil ihm die Hellsichtigkeit fehlt. Menschen, die hellsichtig sind, ohne eingeweiht zu sein, sind heute sehr zahlreich; das Umgekehrte ist heute kaum der Fall. Dennoch könnte es sein, daß irgendein eingeweihter Mensch zwar die Gabe der Hellsichtigkeit hat, aber aus irgendwelchen Gründen im einzelnen Falle nicht zum Schauen der Imäginationen kommen kann. Dann könnte ein hellsichtiger Mensch ihm vieles erzählen, was ihm noch unbekannt ist.

[ 24 ] Suppose—though this is hardly the case today—that a person were initiated, so that the world of inspiration and intuition were open to him, but that he were not clairvoyant, and thus unable to perceive the imaginative world. Suppose such a person were to meet another person who might not be initiated at all, but to whom, due to certain circumstances, the world of the imagination is open, so that he can perceive the entire realm of imaginations. A person of the latter type could tell the former a great deal about what the former cannot see—things that the former might be able to explain only through inspiration, but which he cannot see for himself because he lacks clairvoyance. People who are clairvoyant without being initiated are very numerous today; the reverse is hardly ever the case. Nevertheless, it could be that an initiated person, while possessing the gift of clairvoyance, is for some reason unable to perceive the imaginations in a particular instance. In that case, a clairvoyant person could tell them many things that are still unknown to them.

[ 25 ] Daß die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft nicht auf etwas anderem als auf den Quellen der Eingeweihten fußt, daß also weder das Johannes-Evangelium noch die anderen Evangelien Quellen ihrer Erkenntnis sind, muß immer strenge betont werden. Was heute erforscht werden kann ohne eine historische Urkunde, das ist die Quelle für das anthroposophische Erkennen. Dann aber gehen wir an die Urkunden heran und suchen das, was die Geistesforschung heute finden kann, mit den Urkunden zu vergleichen. Was die Geistesforschung heute ohne eine Urkunde finden kann über das Christus-Ereignis — zu jeder Stunde finden kann -, das finden wir in der. großartigsten Weise im JohannesEvangelium wieder. Und darum ist es eine so wertvolle Schrift, weil es uns zeigt, daß damals, als es geschrieben wurde, einer da war, der so geschrieben hat, wie heute einer, der in die geistige Welt eingeweiht ist, schreiben kann. Sozusagen dieselbe Stimme, die heute wahrgenommen werden kann, kommt zu uns aus den Tiefen der Jahrhunderte.

[ 25 ] It must always be strongly emphasized that anthroposophy, or spiritual science, is based on nothing other than the sources of the initiates; thus, neither the Gospel of John nor the other Gospels are sources of its knowledge. What can be explored today without a historical document is the source of anthroposophical knowledge. But then we turn to the historical documents and seek to compare what spiritual research can discover today with what those documents reveal. What spiritual research can discover today about the Christ event—what it can discover at any moment—is reflected in the most magnificent way in the Gospel of John. And that is why it is such a valuable text, because it shows us that back then, when it was written, there was someone who wrote in the same way that someone initiated into the spiritual world can write today. So to speak, the same voice that can be perceived today comes to us from the depths of the centuries.

[ 26 ] Ein Ähnliches ist für die anderen Evangelien und auch für das Lukas-Evangelium der Fall. Nicht die Bilder, die uns der Schreiber des Lukas-Evangeliums schildert, sind für uns die Quellen der Erkenntnis der höheren Welten, sondern das ist für uns die Quelle, was uns die Erhebung in die übersinnliche Welt selbst gibt. Und wenn wir von dem Christus-Ereignis sprechen, dann ist für uns die Quelle auch jenes große Tableau der Bilder und Imaginationen, die sich uns ergeben, wenn wir den Blick hinrichten auf das, was im Anfange unserer Zeitrechnung dasteht. Und was sich uns selber darstellt, das vergleichen wir mit den Bildern und Imaginationen, die uns geschildert werden im LukasEvangelium. Und dieser Zyklus von Vorträgen soll uns zeigen, wie die imaginativen Bilder, die der heutige Mensch gewinnt, sich ausnehmen gegenüber den Schilderungen, die uns im Lukas-Evangelium entgegentreten.

[ 26 ] Something similar holds true for the other Gospels and also for the Gospel of Luke. It is not the images described to us by the author of the Gospel of Luke that serve as our sources of knowledge about the higher worlds, but rather the very experience of being lifted into the supersensible world itself. And when we speak of the Christ event, the source for us is also that great tableau of images and imaginations that arises within us when we turn our gaze to what stands at the beginning of our calendar. And what presents itself to us, we compare with the images and imaginations described to us in the Gospel of Luke. This series of lectures is intended to show us how the imaginative images that modern people perceive compare with the descriptions we encounter in the Gospel of Luke.

[ 27 ] Es ist wahr, für die geistige Forschung, wenn sie sich auf die Ereignisse der Vergangenheit erstreckt, gibt es nur eine Quelle. Diese Quelle liegt nicht in äußeren Urkunden. Nicht Steine, die wir aus der Erde graben, nicht Dokumente, die in den Archiven aufbewahrt sind, nicht das, was die Geschichtsschreiber geschrieben haben, ob inspiriert oder nicht inspiriert, sind die Quelle der Geisteswissenschaft. Was wir zu lesen vermögen in der unvergänglichen Chronik, in der AkashaChronik, das ist für uns die Quelle für die geistige Forschung. Es gibt die Möglichkeit, das, was sich zugetragen hat, ohne äußere Urkunde zu erkennen.

[ 27 ] It is true that for spiritual research, when it extends to the events of the past, there is only one source. This source does not lie in external documents. Not stones that we dig up from the earth, not documents preserved in archives, not what historians have written—whether inspired or not—are the source of spiritual science. What we are able to read in the imperishable chronicle, the Akashic Records, is the source of spiritual research for us. It is possible to recognize what has taken place without external documentation.

[ 28 ] So kann der heutige Mensch zwei Wege wählen, um Kunde zu erhalten von der Vergangenheit. Er kann die äußeren Dokumente nehmen, wenn er etwas erfahren will über die äußeren Ereignisse, die geschichtlichen Urkunden, oder, wenn er über geistige Verhältnisse etwas erfahren will, die religiösen Urkunden. Oder aber er kann fragen: Was wissen diejenigen Menschen zu sagen, die selbst für ihr geistiges Auge geöffnet haben jene unvergängliche Chronik, die wir die AkashaChronik nennen, jenes große Tableau, in welchem alles in unvergänglicher Schrift verzeichnet steht, was jemals geschehen ist in der Welt-, Erden- und Menschheitsentwickelung?

[ 28 ] Thus, people today can choose between two paths to learn about the past. They can consult external documents if they wish to learn about external events—historical records—or, if they wish to learn about spiritual conditions, religious texts. Or they can ask: What do those people have to say who have opened their inner eye to that imperishable chronicle we call the Akashic Records—that great tableau in which everything that has ever happened in the development of the world, the Earth, and humanity is recorded in imperishable writing?

[ 29 ] Diese Chronik lernt der Mensch, der sich in die übersinnlichen Welten erhebt, allmählich lesen. Das ist nicht eine gewöhnliche Schrift. Denken Sie sich den Lauf der Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben, vor Ihr geistiges Auge gestellt. Denken Sie sich den Kaiser Augustus mit allen seinen Taten wie in einem Nebelbild vor Ihren Augen dastehen. Alles, was damals sich zugetragen hat, steht da vor Ihrem geistigen Auge. So steht es vor dem Geistesforscher, und er kann es jede Stunde aufs neue erfahren. Er braucht keine äußeren Zeugnisse, Er braucht nur seinen Blick hinzurichten auf einen bestimmten Punkt des Welten- oder des Menschheitsgeschehens, und es werden sich ihm in einem geistigen Bilde die Ereignisse vor Augen stellen, die geschehen sind. So kann der geistige Blick schweifen durch die Zeiten der Vergangenheit. Was er da erschaut, das wird verzeichnet als Ergebnis der Geistesforschung.

[ 29 ] The person who ascends into the supersensible worlds gradually learns to read this chronicle. It is no ordinary text. Imagine the course of events as they actually unfolded, presented before your inner eye. Imagine Emperor Augustus, with all his deeds, standing before your eyes as if in a misty vision. Everything that took place back then stands there before your inner eye. This is how it appears to the spiritual researcher, and he can experience it anew every hour. He needs no external evidence; he need only direct his gaze to a specific point in world or human history, and the events that took place will present themselves to him in a spiritual image. In this way, the spiritual gaze can roam through the ages of the past. What he beholds there is recorded as the result of spiritual research.

[ 30 ] Was geschah damals in den Zeiten, mit denen unsere Zeitrechnung beginnt? Was da geschah, das wird durch den geistigen Blick erschaut und kann verglichen werden mit dem, was uns zum Beispiel das LukasEvangelium erzählt. Dann erkennt der Geistesforscher, daß es damals eben solche geistig Schauenden gegeben hat, die ebenso das, was Vergangenheit war, gesehen haben; und wir können vergleichen, wie sich das, was sie uns als ihre Gegenwart mitteilen können, zu dem verhält, was der Rückblick in die Akasha-Chronik von der damaligen Zeit erschauen kann.

[ 30 ] What happened back then, in the times from which our calendar begins? What happened then is perceived through spiritual vision and can be compared to what, for example, the Gospel of Luke tells us. Then the spiritual researcher recognizes that there were indeed such spiritually perceptive individuals back then who likewise saw what was in the past; and we can compare how what they can convey to us as their present relates to what a retrospective view into the Akashic Records can reveal about that time.

[ 31 ] Das müssen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, daß wir nicht aus den Urkunden schöpfen, sondern daß wir schöpfen aus der geistigen Forschung selbst und daß wir dasjenige, was aus der Geistesforschung geschöpft wird, in den Urkunden wieder aufsuchen. Dadurch gewinnen die Urkunden einen erhöhten Wert, und wir können über die Wahrheit dessen, was in ihnen steht, aus unserer eigenen Forschung entscheiden. Dadurch wachsen sie vor uns als Ausdruck der Wahrheit, weil wir die Wahrheit selbst erkennen können. Man darf eine solche Sache, wie sie eben geschildert worden ist, nicht aussprechen, ohne zugleich darauf hinzuweisen, daß dieses Lesen in der Akasha-Chronik nicht so leicht ist wie etwa das Anschauen der Ereignisse in der physischen Welt. An einem besonderen Beispiele möchte ich Ihnen anschaulich machen, wo zum Beispiel gewisse Schwierigkeiten liegen beim Lesen der Akasha-Chronik. Ich möchte es Ihnen anschaulich machen an dem Menschen selber.

[ 31 ] We must constantly keep this before our minds: that we do not draw from the documents, but rather draw from spiritual research itself, and that we then seek out in the documents what has been drawn from spiritual research. In this way, the records take on greater value, and we can determine the truth of what they contain through our own research. As a result, they grow before us as an expression of truth, because we can recognize the truth ourselves. One must not speak of such a matter as has just been described without also pointing out that reading the Akashic Records is not as easy as, say, observing events in the physical world. I would like to use a specific example to illustrate where, for instance, certain difficulties lie in reading the Akashic Records. I would like to illustrate this using the human being himself.

[ 32 ] Wir wissen aus der elementaren Anthroposophie, daß der Mensch aus dem physischen Leib, dem Atherleib, dem astralischen Leib und dem Ich besteht. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht mehr bloß auf dem physischen Plan beobachtet, sondern hinaufsteigt in die geistige Welt, da beginnen die Schwierigkeiten. Wenn Sie einen Menschen physisch vor sich haben, da haben Sie eine Einheit vor sich; da haben Sie seinen physischen Leib, da haben Sie seinen Ätherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich. Wenn man den Menschen während des Tagwachens beobachtet, hat man das alles in einer Einheit vor sich. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht während des Tagwachens beobachtet, sondern wo man, um ihn zu beobachten, hinaufsteigen muß in die höheren Welten, wo dieses Hinaufsteigen eine Notwendigkeit wird, da beginnen sogleich die Schwierigkeiten. Wenn wir zum Beispiel in der Nacht, wenn wir den ganzen Menschen sehen wollen, in die Welt der Imaginationen hinaufsteigen, um zum Beispiel den astralischen Leib zu sehen - denn der ist außerhalb des physischen Leibes -—, dann haben wir das Wesen des Menschen in zwei voneinander getrennte Glieder geteilt.

[ 32 ] We know from elementary anthroposophy that human beings consist of the physical body, the etheric body, the astral body, and the “I.” The moment one ceases to observe human beings merely on the physical plane and ascends into the spiritual world, that is when the difficulties begin. When you have a human being physically before you, you have a unified whole before you; you have their physical body, their etheric body, their astral body, and their “I.” When you observe a human being while they are awake during the day, you have all of this before you as a unified whole. The moment one no longer observes a person during waking hours, but must ascend into the higher worlds in order to observe them—when this ascent becomes a necessity—that is when the difficulties immediately begin. If, for example, at night, when we want to see the whole human being, we ascend into the world of the imagination—to see, for instance, the astral body, since it is outside the physical body—then we have divided the human being into two separate parts.

[ 33 ] Was ich jetzt schildere, wird zwar in den seltensten Fällen eintreten, weil die Beobachtung des Menschen doch noch verhältnismäßig leicht ist; aber Sie können sich daran ein Bild machen von den Schwierigkeiten. Denken Sie sich, jemand betritt einen Raum, wo eine Anzahl von Menschen schlafen. Da sieht er in den Betten liegen die physischen Leiber und die Ätherleiber, wenn er die Fähigkeit der Hellsichtigkeit hat; dann sieht er, wenn er sich hellsichtig erhebt, die astralischen Leiber. Aber diese Welt des Astralischen ist eine Welt der Durchgängigkeit. Da oben in der astralischen Welt gehen die astralischen Leiber durcheinander durch. Und wenn es auch für den geschulten Hellseher nicht leicht eintreten wird, so könnte es doch eintreten, daß, wenn er hinschaut auf einen ganzen Trupp von Menschen, die da schlafen, er da leicht verwechseln kann, welcher Astralleib zu einem physischen Leib da unten gehört. Ich sagte, es geschehe nicht leicht, daß das vorkommt, weil dieses Schauen verhältnismäßig zu den niedersten Graden gehört und weil der Mensch, der dazu kommt, gut vorbereitet wird, wie man in solchem Falle zu unterscheiden hat. Aber wenn man in den höheren Welten nicht den Menschen betrachtet, sondern andere geistige Wesenheiten, dann beginnen die Schwierigkeiten schon ganz große zu werden. Ja, sie sind schon ganz große für den Menschen, wenn man ihn nicht als gegenwärtigen Menschen, sondern in seiner ganzen Wesenheit betrachtet, wie er durch die Inkarnationen durchgeht.

[ 33 ] What I am about to describe will, admittedly, occur only in the rarest of cases, because observing human beings is still relatively easy; but you can get an idea of the difficulties involved. Imagine someone entering a room where a number of people are sleeping. If he possesses the ability of clairvoyance, he will see the physical bodies and the etheric bodies lying in the beds; then, if he rises into the clairvoyant state, he will see the astral bodies. But this astral world is a world of interpenetration. Up there in the astral world, the astral bodies intermingle. And even though it is not easy for a trained clairvoyant, it could still happen that, when looking at a whole group of people sleeping there, he might easily confuse which astral body belongs to which physical body down below. I said that this does not happen easily because this kind of vision belongs to the lower levels, and because the person who attains it is well prepared in how to distinguish between them in such cases. But when, in the higher worlds, one observes not human beings but other spiritual beings, the difficulties begin to become quite great. Indeed, they are already quite great for human beings when one views them not as present-day human beings but in their entirety as they pass through their incarnations.

[ 34 ] Wenn Sie also einen Menschen, der jetzt lebt, so betrachten, daß Sie sich fragen: Wo war dessen Ich in der vorhergehenden Inkarnation? so müssen Sie durch die devachanische Welt durchgehen zu seiner vorherigen Inkarnation. Sie müssen feststellen können, welches Ich immer zu den vorhergehenden Inkarnationen dieses betreffenden Menschen gehört hat. Da müssen Sie schon in komplizierter Weise zusammenhalten können das kontinuierliche Ich und die verschiedenen Stufen hier unten auf der Erde. Da ist schon sehr leicht ein Fehler möglich, und da kann sehr leicht ein Irrtum begangen werden, wenn der Aufenthalt eines Ich in den früheren Leibern gesucht wird. Wenn man also hinaufkommt in die höheren Welten, ist es nicht so leicht, alles, was zu einem Menschen, was zu einer Persönlichkeit gehört, zusammenzuhalten mit dem, was in der Akasha-Chronik verzeichnet ist als seine früheren Inkarnationen.

[ 34 ] So if you look at a person who is alive today and ask yourself, “Where was this person’s ‘I’ in their previous incarnation?” you must pass through the Devachanic world to reach their previous incarnation. You must be able to determine which “I” belonged to the previous incarnations of that particular person. To do so, you must be able to reconcile, in a complex way, the continuous “I” with the various stages here on Earth. It is very easy to make a mistake here, and it is very easy to err when seeking the sojourn of a Self in its earlier bodies. So when one ascends to the higher worlds, it is not so easy to reconcile everything that belongs to a person—to a personality—with what is recorded in the Akashic Records as their previous incarnations.

[ 35 ] Nehmen Sie einmal an, jemand stellte sich die folgende Aufgabe. Er hätte einen Menschen vor sich, sagen wir Hans Müller. Er fragt als hellsichtiger oder eingeweihter Mensch: Welches sind die physischen Vorfahren dieses Hans Müller? Nehmen wir an, alle äußeren physischen Urkunden seien verlorengegangen, man könnte sich nur auf die AkashaChronik verlassen. Er hätte also da die physischen Vorfahren aufzusuchen, er müßte Vater, Mutter, Großvater und so weiter aus der Akasha-Chronik festzustellen suchen, um zu sehen, wie sich der physische Leib entwickelt hat in der physischen Abstammungslinie. Dann aber könnte weiter die Frage entstehen: Welches waren die früheren Inkarnationen dieses Menschen? Da muß er einen ganz andern ‘Weg gehen, als er geht, um zu den physischen Vorfahren des Menschen zu kommen. Da wird er vielleicht viele, viele Zeiten zurückverfolgen müssen, wenn er zu den früheren Inkarnationen des Ich kommen will. Da haben Sie schon zwei Strömungen. Weder ist der physische Leib, wie er vor uns steht, ein ganz neues Geschöpf, denn er stammt in der physischen Vererbungslinie von den Ahnen ab, noch ist das Ich ein ganz neues Geschöpf, denn es gliedert sich an die früheren Inkarnationen an.

[ 35 ] Suppose someone set himself the following task. He would have a person in front of him—let’s say Hans Müller. As a clairvoyant or initiated person, he asks: Who are the physical ancestors of this Hans Müller? Let’s assume that all external physical records have been lost, and one could rely only on the Akashic Records. He would therefore have to search for the physical ancestors there; he would have to try to identify the father, mother, grandfather, and so on from the Akashic Records to see how the physical body has developed along the physical line of descent. But then another question might arise: What were this person’s earlier incarnations? Here he must take a completely different path than the one he follows to trace a person’s physical ancestors. He may have to trace back many, many lifetimes if he wants to reach the earlier incarnations of the “I.” Here you already have two distinct lines of inquiry. Neither is the physical body, as it stands before us, an entirely new creation—for it descends from the ancestors in the physical lineage—nor is the “I” an entirely new creation, for it is linked to the earlier incarnations.

[ 36 ] Was aber für den physischen Leib und für das Ich gilt, das gilt auch für die dazwischenstehenden Glieder, den Ätherleib, den astralischen Leib. Die meisten von Ihnen werden wissen, daß auch der Ätherleib nicht ein durchaus neues Geschöpf ist, sondern daß er auch irgendeinen Weg durch die verschiedensten Formen durchgegangen sein kann. Ich habe Ihnen gesagt, wie der Ätherleib des Zarathustra wiedererschienen ist in dem Atherleibe des Moses, — das ist derselbe Atherleib. Würde man nun die physischen Vorfahren des Moses untersuchen, so bekäme man die eine Linie. Würde man die Vorfahren des Atherleibes des Moses untersuchen, so bekäme man eine andere Linie: da kämen Sie zu dem Ätherleibe des Zarathustra hinauf und zu anderen Ätherleibern.

[ 36 ] But what applies to the physical body and to the “I” also applies to the intermediate bodies: the etheric body and the astral body. Most of you will know that the etheric body, too, is not an entirely new entity, but that it, too, may have passed through a variety of forms. I have told you how the etheric body of Zarathustra reappeared in the etheric body of Moses—it is the same etheric body. If one were to investigate the physical ancestors of Moses, one would find one line. If one were to investigate the ancestors of Moses’ etheric body, one would find another line: there one would ascend to the etheric body of Zarathustra and to other etheric bodies.

[ 37 ] Geradeso wie man für den physischen Leib ganz andere Strömungen zu verfolgen hat als für den Atherleib, so ist es auch beim astralischen Leib. Wir können von jedem Gliede der menschlichen Natur aus in die verschiedensten Strömungen kommen. So können wir sagen: Der Atherleib ist die ätherische Wiederverkörperung eines Ätherleibes, der in einer ganz anderen Individualität war, durchaus nicht in derselben, in der das Ich vorher verkörpert war. Und ebenso können wir das für den astralischen Leib sagen.

[ 37 ] Just as one must follow entirely different currents for the physical body than for the etheric body, so it is with the astral body. From every aspect of human nature, we can enter into the most diverse currents. Thus we can say: The etheric body is the etheric reincarnation of an etheric body that belonged to a completely different individuality—by no means the same one in which the “I” was previously incarnated. And we can say the same about the astral body.

[ 38 ] Wenn wir in die höheren Welten hinaufkommen, um einen Menschen zu untersuchen auf seine früheren Glieder hin, so gehen da die einzelnen Strömungen alle auseinander. Die eine führt uns nach der, die andere nach jener Richtung, und wir kommen da zu sehr komplizierten Vorgängen in der geistigen Welt. Wenn nun jemand einen Menschen vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus vollständig verstehen will, so darf er ihn nicht bloß schildern als einen Nachkommen seiner Ahnen, nicht bloß, daß er seinen Ätherleib herleitet von diesem oder jenem Wesen, oder seinen astralischen Leib von diesem oder jenem Wesen, sondern er muß vollständig schildern, wie alle diese vier Glieder ihren Weg gemacht haben, bis sie sich jetzt in dieser Wesenheit zusammengeschlossen haben. Das kann man nicht auf einmal machen. Man kann zum Beispiel den Weg, den der Ätherleib zurückgelegt hat, verfolgen und kann da zu wichtigen Aufschlüssen kommen. Es kann dann ein anderer Mensch den Weg des astralischen Leibes verfolgen. Der eine kann auf den Ätherleib, der andere auf den astralischen Leib mehr Gewicht legen und demgemäß seine Schilderungen abfassen. Für denjenigen, der alles das nicht beobachtet, was die hellsichtigen Menschen über eine Wesenheit sagen, für den wird es ganz gleich sein, ob der eine dieses oder der andere jenes sagt; ihm wird es scheinen, als ob nur immer dasselbe geschildert wird. Für ihn wird derjenige, der nur die physische Persönlichkeit schildert, dasselbe sagen wie derjenige, der den Ätherleib schildert; er wird immer glauben, daß er die Wesenheit des Hans Müller schildert.

[ 38 ] When we ascend into the higher worlds to examine a human being with regard to their past incarnations, the individual currents all diverge there. One leads us in one direction, another in another, and we encounter very complex processes in the spiritual world. If, then, someone wishes to fully understand a human being from the perspective of spiritual research, they must not merely describe him as a descendant of his ancestors, nor merely state that his etheric body derives from this or that being, or his astral body from this or that being; rather, they must fully describe how all four of these constitutive parts have made their way until they have now united within this being. This cannot be done all at once. One can, for example, trace the path the etheric body has taken and thereby arrive at important insights. Another person can then trace the path of the astral body. One person may place greater emphasis on the etheric body, another on the astral body, and compose their descriptions accordingly. For someone who does not observe what clairvoyant people say about a being, it will make no difference whether one person says this or another says that; to them, it will seem as if the same thing is always being described. To such a person, the one who describes only the physical personality will say the same thing as the one who describes the etheric body; he will always believe that he is describing the essence of Hans Müller.

[ 39 ] Das alles kann Ihnen aber jetzt ein Bild geben von der ganzen Kompliziertheit der Verhältnisse, die uns entgegentreten, wenn wir vom Gesichtspunkte der hellseherischen, der Eingeweihten-Forschung das Wesen irgendeiner Erscheinung der Welt — sei es des Menschen oder irgendeiner anderen Wesenheit - schildern wollen. Was ich jetzt gesagt habe, mußte ich sagen; denn Sie sehen daraus, daß dann nur die umfänglichste, nach allen Seiten sich ausbreitende Forschung in der Akasha-Chronik irgendeine Wesenheit uns klar vor das geistige Auge führen kann.

[ 39 ] All of this, however, can now give you an idea of the sheer complexity of the circumstances we face when we seek to describe, from the perspective of clairvoyant and initiatory research, the nature of any phenomenon in the world—be it a human being or any other entity. I had to say what I have just said; for you can see from this that only the most comprehensive research into the Akashic Records—extending in all directions—can bring any being clearly before our spiritual eye.

[ 40 ] Diejenige Wesenheit, die da vor uns steht, auch in dem Sinne, wie das Johannes-Evangelium sie uns schildert, die da vor uns steht mit dem Ich - gleichgültig ob vor oder nach der Johannes-Taufe, ob wir sie ansprechen als Jesus von Nazareth vor der Taufe oder als den Christus nach der Johannes-Taufe -, sie steht vor uns mit einem Ich, mit einem astralischen Leib, mit einem Atherleib und mit einem physischen Leib. Wir können sie nur vollständig schildern vom Standpunkte der AkashaChronik, wenn wir die Wege verfolgen, welche diese vier Glieder der damaligen Christus Jesus-Wesenheit in der Menschheitsentwickelung durchgemacht haben. Nur dann können wir sie richtig verstehen. Hier handelt es sich um das vollständige Verstehen der Mitteilungen über das Christus-Ereignis vom Standpunkte der heutigen Geistesforschung, wo Licht verbreitet werden muß über das, was sich scheinbar widerspricht in den vier Evangelien.

[ 40 ] The being who stands before us—even in the sense in which the Gospel of John describes her—who stands before us with the “I”—whether before or after the baptism by John, whether we address her as Jesus of Nazareth before the baptism or as the Christ after the baptism by John— stands before us with an “I,” with an astral body, with an etheric body, and with a physical body. We can describe this being fully only from the standpoint of the Akashic Records by tracing the paths that these four members of the Christ Jesus being of that time have traversed in the course of human evolution. Only then can we truly understand him. This involves a complete understanding of the accounts of the Christ event from the standpoint of modern spiritual research, where light must be shed on what appears to be contradictory in the four Gospels.

[ 41 ] Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, warum die heutige, rein materialistische Forschung den hohen Wert, den Wahrheitswert des Johannes-Evangeliums nicht einsehen kann: Weil sie nicht verstehen kann, daß ein höherer Eingeweihter anders, tiefer sieht als die anderen. Zwischen den anderen drei Evangelien, den synoptischen, versuchen diejenigen, denen das Johannes-Evangelium nicht recht ist, eine Art von Einklang zu bilden. Einen Einklang zu bilden wird aber, wenn man nur die äußeren materiellen Geschehnisse zugrunde legt, schwer halten. Denn das, was für uns in dem morgigen Vortrage von besonderer Wichtigkeit sein wird, zu betrachten das Leben des Jesus von Nazareth vor der Johannes-Taufe, das wird uns geschildert von zwei Evangelisten, von dem Schreiber des Matthäus-Evangeliums und von dem Lukas-Evangelium-Schreiber; und für eine äußere materialistische Betrachtungsweise gibt es hier Verschiedenheiten, die in nichts nachgeben dem, was zwischen den drei anderen Evangelien und dem Johannes-Evangelium als Verschiedenheit angenommen werden muß. Nehmen wir einmal die Tatsachen. Der Schreiber des MatthäusEvangeliums schildert, daß vorherverkündet wird die Geburt des Schöpfers des Christentums, daß diese Geburt erfolgt, daß Magier kommen aus dem Morgenlande, die den Stern wahrgenommen haben, daß der Stern sie geführt hat an die Stätte, wo der Erlöser geboren wird. Er schildert ferner, daß Herodes dadurch aufmerksam gemacht wird und daß, um zu entgehen der Maßnahme des Herodes, die in dem bethlehemitischen Kindermord besteht, das Elternpaar des Erlösers mit dem Kinde nach Ägypten flieht. Als Herodes tot ist, wird Joseph, dem Vater des Jesus, angezeigt, daß er wieder zurückkehren kann, und er kehrt nun aus Furcht vor dem Nachfolger des Herodes nicht zurück nach Bethlehem, sondern er geht nach Nazareth. — Ich will heute noch absehen von der Ankündigung des Täufers. Ich will aber schon darauf aufmerksam machen, daß, wenn wir das Lukas-Evangelium und das Matthäus-Evangelium miteinander vergleichen, in den beiden Evangelien die Vorverkündigung des Jesus von Nazareth ganz verschieden erfolgt: das eine Mal erfolgt sie dem Joseph, das andere Mal der Maria. Wir sehen dann aus dem Lukas-Evangelium, wie die Eltern des Jesus von Nazareth ursprünglich in Nazareth wohnen und dann bei einer Gelegenheit nach Bethlehem gehen, nämlich zur Zählung. Während sie dort sind, wird der Jesus geboren. Dann erfolgt nach acht Tagen die Beschneidung — nichts von einer Flucht nach Ägypten -; und nach einiger Zeit, die nicht weit danach liegt, wird das Kind dargestellt im Tempel. Wir sehen, daß das Opfer dargebracht wird, das üblich ist, und daß danach die Eltern mit dem Kinde nach Nazareth zurückziehen und dort leben. Und dann wird uns ein merkwürdiger Zug erzählt, der Zug, wie der zwölfjährige Jesus bei einem Besuch, den seine Eltern in Jerusalem gemacht haben, im Tempel zurückbleibt, wie sie ihn suchen, wie sie ihn dann wiederfinden im Tempel zwischen denen, welche die Schrift auslegen, wie er ihnen da entgegentritt als ein Kundiger in der Schriftauslegung, wie er sich verständig und weise im Kreise der Schriftgelehrten ausnimmt. Dann wird erzählt, wie sie das Kind wiederum mit nach Hause nehmen, wie es heranwächst; und wir hören nichts Besonderes mehr von ihm bis zur Johannes-Taufe.

[ 41 ] I have often pointed out why today’s purely materialistic research cannot recognize the high value—the truth value—of the Gospel of John: because it cannot understand that a higher initiate sees differently, more deeply, than others. Those who are not satisfied with the Gospel of John attempt to establish a kind of harmony among the other three Gospels—the Synoptic Gospels. But establishing such harmony will be difficult to sustain if one bases it solely on the external, material events. For what will be of particular importance to us in tomorrow’s lecture—considering the life of Jesus of Nazareth before his baptism by John—is described to us by two evangelists: the author of the Gospel of Matthew and the author of the Gospel of Luke; and from an external, materialistic perspective, there are discrepancies here that are in no way inferior to the differences that must be acknowledged between the other three Gospels and the Gospel of John. Let us consider the facts. The author of the Gospel of Matthew describes how the birth of the founder of Christianity is foretold, how this birth takes place, how Magi come from the East who have seen the star, and how the star has guided them to the place where the Savior is born. He further describes how Herod is alerted by this and how, to escape Herod’s decree—the massacre of the infants in Bethlehem—the Savior’s parents flee to Egypt with the child. When Herod dies, Joseph, the father of Jesus, is informed that he may return; yet, out of fear of Herod’s successor, he does not return to Bethlehem but goes to Nazareth. — I will refrain today from discussing the announcement concerning John the Baptist. However, I would like to point out that when we compare the Gospel of Luke with the Gospel of Matthew, the foretelling of Jesus of Nazareth occurs quite differently in the two Gospels: in one case it is revealed to Joseph, in the other to Mary. We then see from the Gospel of Luke how the parents of Jesus of Nazareth originally lived in Nazareth and then went to Bethlehem on one occasion, namely for the census. While they are there, Jesus is born. Then, eight days later, the circumcision takes place—there is no mention of a flight to Egypt—and some time later, not long after that, the child is presented in the temple. We see that the customary sacrifice is offered, and that afterward the parents return with the child to Nazareth and live there. And then we are told of a remarkable episode: the story of how the twelve-year-old Jesus is left behind in the temple during a visit his parents made to Jerusalem, how they search for him, how they then find him again in the temple among those who interpret the Scriptures, how he stands before them there as one well-versed in the interpretation of Scripture, and how he appears intelligent and wise among the scribes. Then the story continues, describing how they take the child home again and how he grows up; and we hear nothing more of note about him until the baptism by John.

[ 42 ] Da haben wir zwei Geschichten des Jesus von Nazareth vor der Aufnahme des Christus. Wer sie vereinigen will, der muß sich vor allen Dingen fragen, wie er die Erzählung, daß unmittelbar nach der Geburt des Jesus die Eltern, Joseph und Maria, veranlaßt werden, mit dem Kinde nach Ägypten zu fliehen, und dann wieder zurückkehren, wie er das vereinigen kann nach der gewöhnlichen materialistischen Anschauung mit der Darstellung im Tempel nach Lukas.

[ 42 ] Here we have two stories about Jesus of Nazareth prior to his incarnation as the Christ. Anyone who wishes to reconcile them must first and foremost ask how to reconcile the account that, immediately after Jesus’ birth, his parents, Joseph and Mary, were compelled to flee to Egypt with the child and then return—how can this be reconciled, according to the usual materialistic view, with the presentation in the temple as described in Luke?

[ 43 ] Da werden wir sehen, daß das, was uns für die physische Auffassung scheinbar als ein vollständiger Widerspruch erscheint, im Lichte der Geistesforschung uns als Wahrheit entgegentreten wird. Beides ist wahr, trotzdem es als scheinbarer Widerspruch in der physischen Welt dargestellt wird. Gerade die drei synoptischen Evangelien, das Matthäus-, das Markus- und das Lukas-Evangelium, sollten die Menschen hinzwingen zu einer geistigen Auffassung der Tatsachen der Menschheitsgeschehnisse. Denn die Menschen sollten einsehen, daß man nichts damit erreicht, wenn man solchen Urkunden gegenüber nicht über scheinbare Widersprüche nachdenkt oder wenn man von «Dichtungen» spricht, wo man durch Realitäten nicht durchkommt.

[ 43 ] There we will see that what appears to us, from a physical perspective, to be a complete contradiction will, in the light of spiritual research, reveal itself to us as truth. Both are true, even though they are presented as an apparent contradiction in the physical world. It is precisely the three Synoptic Gospels—the Gospels of Matthew, Mark, and Luke—that are intended to compel people to adopt a spiritual understanding of the facts of human history. For people should realize that nothing is achieved if, when faced with such documents, one does not reflect on apparent contradictions or if one speaks of “fictions” where one cannot make sense of the realities.

[ 44 ] So wird sich uns gerade diesmal Gelegenheit bieten, darüber zu sprechen, worüber eingehend zu sprechen das Johannes-Evangelium keinen Anlaß gegeben hat, nämlich über die Ereignisse, die sich zugetragen haben vor der Johannes-Taufe, vor dem Eindringen der Christus-Wesenheit in die drei Leiber des Jesus von Nazareth. Und manches wichtige Rätsel von dem Wesen des Christentums wird sich uns gerade dadurch lösen, daß wir — aus der Akasha-Chronik erforscht - hören werden, wie das Wesen des Jesus von Nazareth war, bevor der Christus seine drei Leiber eingenommen hat.

[ 44 ] This time, in particular, we will have the opportunity to discuss what the Gospel of John did not provide an occasion to discuss in depth—namely, the events that took place before John’s baptism, before the Christ-essence entered the three bodies of Jesus of Nazareth. And many an important mystery concerning the nature of Christianity will be solved for us precisely because—through research drawn from the Akashic Records—we will hear what the nature of Jesus of Nazareth was like before the Christ took up his three bodies.

[ 45 ] Wir werden morgen damit beginnen, das Wesen und das Leben des Jesus von Nazareth aus der Akasha-Chronik heraus zu prüfen, um uns dann zu fragen: Wie stellt sich das, was wir aus dieser Quelle heraus wissen können über die wahre Wesenheit des Jesus von Nazareth, zu dem, was uns geschildert wird im Lukas-Evangelium als herrührend von denen, die damals «Selbstseher» waren oder «Diener des Wortes», des Logos?

[ 45 ] Tomorrow we will begin by examining the nature and life of Jesus of Nazareth as recorded in the Akashic Records, and then ask ourselves: How does what we can learn from this source about the true nature of Jesus of Nazareth compare to what is described to us in the Gospel of Luke as coming from those who were, at that time, “seers” or “servants of the Word,” the Logos?