The Christ Impulse
and the Development of Self-Awareness
GA 116
22 December 1909, Berlin
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The Christ Impulse and the Development of Self-Awareness, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Die heutige Betrachtung möge gewidmet sein Dingen, welche den Anthroposophen im weiteren Sinne des Wortes interessieren können und die dazu bestimmt sein sollen, denen, welche schon längere Zeit an diesen Zweigabenden teilgenommen haben, diese oder jene Sache genauer zu beleuchten. Vor allem ist es gut, wenn wir uns ab und zu wieder in die Erinnerung rufen, daß es in der Geisteswissenschaft nicht allein darauf ankommt, dieses oder jenes so im allgemeinen als Theorie, als Lehre zu wissen, sondern daß es darauf ankommt, immer wieder und wieder sich genauer und eingehender mit den entsprechenden Fragen und Lebensrätseln zu beschäftigen. Es könnte ja vielleicht jemand sagen: Was man zunächst für das Leben aus der Geistesforschung zu wissen braucht, das ließe sich bequem in ein kleines Heftchen von vielleicht sechzig Seiten, wenn man alles unterbringen will, hineinbringen, und dann könnte sich jeder dieses Heftchen von sechzig Seiten zu eigen machen; er hätte dann eine Überzeugung über das Wesen des Menschen, über Reinkarnation und Karma, über die Entwickelung der Menschheit und der Erde, und könnte nun mit dieser Überzeugung durch das Leben wandern. Und jemand, der das gern hätte, könnte vielleicht sagen: Ja, warum macht es denn eigentlich diese anthroposophische Bewegung nicht so, daß sie in möglichst vielen Exemplaren diese hauptsächlichsten Gesichtspunkte in die Welt hinausstreut, damit jeder Mensch sich eine Überzeugung darüber aneignen kann? Warum tut diese Bewegung das zunächst merkwürdig Scheinende, daß sie jede Woche einmal diejenigen, welche sich mit Geisteswissenschaft beschäftigen wollen, zusammenruft, um immer von neuem das zu beschreiben, was sich bequem auf sechzig Seiten unterbringen ließe? Was haben denn, könnte man fragen, diese Anthroposophen jede Woche immer wieder und wieder ihren Leuten zu sagen?
[ 1 ] Today’s discussion will be devoted to topics that may be of interest to anthroposophists in the broader sense of the word, and which are intended to shed more light on this or that subject for those who have been attending these branch meetings for some time. Above all, it is good for us to remind ourselves from time to time that in spiritual science, it is not merely a matter of knowing this or that in general as a theory or a doctrine, but rather of engaging again and again more precisely and thoroughly with the relevant questions and life’s mysteries. Someone might perhaps say: What one initially needs to know about life from spiritual research could easily be contained in a small booklet of perhaps sixty pages—if one were to include everything—and then everyone could make this sixty-page booklet their own; they would then have a conviction regarding the nature of the human being, regarding reincarnation and karma, regarding the evolution of humanity and the Earth, and could now walk through life with this conviction. And someone who would like that might perhaps say: Yes, why doesn’t this anthroposophical movement, in fact, distribute as many copies as possible of these most essential points of view throughout the world, so that every person can form their own conviction about them? Why does this movement do something that seems strange at first glance—namely, gathering together once a week those who wish to engage with spiritual science, only to describe, time and again, what could easily be condensed into sixty pages? What, one might ask, do these anthroposophists have to say to their followers week after week, over and over again?
[ 2 ] Nun, es entspricht vielleicht gewissen Glaubensbekenntnissen unserer Zeit, auch in bezug auf die Geistesforschung einen solchen kurzen Abriß für die Westentasche zu haben, um sich auf diese Weise das Wichtigste aneignen zu können. Aber das ist es ja, was wir uns immer mehr und mehr ins Gedächtnis rufen sollten, daß es mit einem solchen «Abriß-Wissen» in der Geistesforschung nicht getan ist — daß es überhaupt im Grunde nicht auf das Wissen ankommt, obwohl Geistesforschung in einem Wissen, in einer Erkenntnis besteht -, daß es nicht genügt, in allgemeinen Phrasen das Wesen der Geistesforschung zu sehen, sondern in ganz bestimmten Erkenntnissen. Aber wiederum genügt es doch nicht, sich diese Erkenntnisse etwa im Sinne der heutigen Zeit als eine allgemeine Überzeugung angeeignet zu haben und dann damit zufrieden zu sein. Denn nicht darum handelt es sich, eine solche Überzeugung einmal zu haben, zu wissen: Der Mensch lebt nicht nur einmal, es gibt Ursachenverhältnisse, welche von einem Leben in das andere hinübergehen, es gibt Reinkarnation und Karma. Das ist nicht das eigentlich Heilsame der Geistesforschung, diese Lehren zu verbreiten, sondern sich eingehend und intim mit diesen Lehren, namentlich in bezug auf ihre Einzelheiten immer wieder und wieder zu beschäftigen, sie unausgesetzt auf seine Seele wirken zu lassen. Denn man hat im Grunde von der Überzeugung gar nichts, die uns einfach glauben läßt: Ja, der Mensch lebt nicht nur einmal zwischen Geburt und Tod, er lebt öfter; es gibt eine Reinkarnation, ein Karma und so weiter. Von dem Glauben an diese Dinge hat man im Grunde nicht viel. Und es ist im Grunde zwischen der Seele eines Menschen, der nicht weiß, daß es eine Reinkarnation und ein Karma gibt, und zwischen der Seele eines solchen Menschen, der das weiß, kein sehr großer Unterschied in bezug auf die wirklichen Tiefen des Lebens. Unsere Seele wird im anthroposophischen Sinne erst dann eine andere, wenn wir uns immer wieder und wieder nicht nur mit den Allgemeinheiten, sondern mit den besonderen Tiefen beschäftigen, die uns die Geistesforschung zu sagen hat. So kommt es, daß es gut ist, wenn wir uns immer wieder verständigen in bezug auf die anthroposophische Auffassung dieser oder jener Lebenseinzelheit. Nur im allgemeinen zu wissen, daß es ein großes Schicksalsgesetz gibt, welches einen Zusammenhang schafft zwischen vergangenen Taten, vergangenen Empfindungen, vergangenen Gedanken eines Menschen und zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Erlebnissen, dieses nur im allgemeinen zu wissen, genügt eben durchaus nicht. Erst dann wird Geisteswissenschaft eine Lebenssache, wenn wir diese allgemeinen Lehren anwenden können auf die einzelnen Erfahrungen des Lebens, wenn wir imstande sind, unsere ganze Seele sozusagen einzustellen auf den Gesichtswinkel, durch den wir das Leben in einer neuen Art ansehen. Daher soll heute zunächst eine kleine Betrachtung angestellt werden über das Karmagesetz, jenes große Schicksalsgesetz in bezug auf Einzelheiten des Lebens. Dinge sollen zusammengefaßt werden vom Gesichtspunkte des Karmagesetzes, welche den meisten von Ihnen bereits bekannt sind, die aber auch einmal unter den Gesichtswinkel des Karma gerückt werden müssen.
[ 2 ] Well, it may be in keeping with certain contemporary beliefs to have such a brief, pocket-sized overview of spiritual science as well, so that one can thus grasp the most important points. But this is precisely what we should keep reminding ourselves more and more: that such “outline knowledge” is not enough in spiritual science—that, fundamentally, it is not about knowledge at all, even though spiritual science consists of knowledge and insight—that it is not enough to view the essence of spiritual science in general terms, but rather in very specific insights. But then again, it is not enough to have acquired these insights—say, in the spirit of our times—as a general conviction and then to be satisfied with that. For it is not a matter of simply having such a conviction once, of knowing: Human beings do not live only once; there are causal relationships that carry over from one life into the next; there is reincarnation and karma. The true healing power of spiritual science does not lie in spreading these teachings, but in engaging with them deeply and intimately—especially with regard to their details—again and again, and allowing them to work ceaselessly upon one’s soul. For, fundamentally, one gains nothing from a belief that simply leads us to think: “Yes, a human being does not live only once between birth and death; they live many times; there is reincarnation, karma, and so on. Belief in these things does not really amount to much. And, when it comes down to it, there is not a very great difference—in terms of the true depths of life—between the soul of a person who does not know that reincarnation and karma exist and the soul of a person who does know this. In the anthroposophical sense, our soul only becomes a different one when we engage, again and again, not merely with generalities but with the specific depths that spiritual research has to reveal to us. This is why it is beneficial for us to continually exchange views regarding the anthroposophical understanding of this or that particular aspect of life. Merely knowing in general terms that there is a great law of destiny which creates a connection between a person’s past deeds, past feelings, and past thoughts, and between present and future experiences—merely knowing this in general terms—is by no means sufficient. Spiritual science becomes a matter of life only when we can apply these general teachings to the individual experiences of life, when we are able, so to speak, to attune our whole soul to the perspective through which we view life in a new way. Therefore, today we shall begin with a brief reflection on the law of karma, that great law of destiny as it relates to the details of life. We shall summarize, from the perspective of the law of karma, matters that are already familiar to most of you, but which must also be viewed from the perspective of karma.
[ 3 ] «Karma» sagt im allgemeinen, daß es einen Zusammenhang gibt in der geistigen Welt zwischen dem, was heute geschieht und in der Zukunft geschehen wird, und dem, was in der Vergangenheit geschehen ist. Es ist nicht einmal ganz besonders gut, das Karma- oder Schicksalsgesetz das Gesetz der Verursachung zu nennen und es dann zu vergleichen mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung in der äußeren Welt. Wenn wir einen Vergleich haben wollen für dieses große Schicksalsgesetz, so müssen wir immer auch darauf sehen, daß dieser Vergleich als solcher stimmt, daß er auch wirklich dasjenige veranschaulicht, was das Schicksalsgesetz sagt.
[ 3 ] “Karma” generally refers to the connection in the spiritual world between what happens today and what will happen in the future, and what has happened in the past. It is not even particularly appropriate to call the law of karma or destiny the “law of causation” and then compare it to the law of cause and effect in the external world. If we wish to draw a comparison for this great law of destiny, we must always ensure that the comparison itself is accurate—that it truly illustrates what the law of destiny states.
[ 4 ] Nehmen wir einmal als Vergleich folgendes. Wir haben zwei Gefäße mit Wasser und außerdem zwei Metallkugeln, die gewöhnliche Zimmerwärme haben. Wir werfen die eine Kugel in das eine Wassergefäß: Das Wasser bleibt, wie es ist. Jetzt nehmen wir die andere Kugel, und nachdem wir sie glühend gemacht haben, werfen wir sie in das andere Wassergefäß: Das Wasser darinnen wird heiß! Warum ist das Wasser in dem zweiten Gefäß heißer geworden? Warum nicht in dem ersten? Es ist heißer geworden aus dem Grunde, weil die Kugel selber, bevor sie in das Wasser hineingeworfen wurde, eine Veränderung durchgemacht hat, und die Veränderung durch das Glühendmachen hatte zur Folge die Erhitzung des Wassers. Es trat ein Geschehnis auf, das die Folge war eines anderen Freignisses, nämlich des Glühendmachens. Mit dem, was in der vorhergehenden Zeit Erlebnis, was Tätigkeit war, hängt dasjenige zusammen, was in der Gegenwart oder Zukunft als Erlebnis, als Erscheinung uns entgegentritt.
[ 4 ] Let’s consider the following example for comparison. We have two containers of water and two metal balls at room temperature. We drop one ball into one of the containers of water: the water remains as it is. Now we take the other ball, and after heating it until it glows, we drop it into the other container of water: the water inside becomes hot! Why did the water in the second container become hotter? Why not in the first? It became hotter because the ball itself underwent a change before it was thrown into the water, and that change—caused by being heated to a red-hot state—resulted in the water becoming hot. An event occurred that was the consequence of another event, namely, the ball being heated to a red-hot state. What we experience in the present or future—as an experience or a phenomenon—is connected to what was an experience or an action in the past.
[ 5 ] Wenn wir das Gesetz der geistigen Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in dieser Weise ins Auge fassen, so werden wir es schon im gewöhnlichen Leben, in dem Leben, das rings um uns herum abläuft und das wir beobachten können, wenn wir nur wollen, bestätigt finden, auch wenn wir noch lange nicht irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten entwickelt haben. Denn das müssen wir ja immer wieder als eine goldene Regel feststellen: Richtig bewiesen werden kann ein Gesetz der geistigen Welt nur mit der hellseherischen Beobachtung, nur von dem Geistesforscher; dagegen belegt werden durch äußere Bestätigungen kann ein solches Gesetz durch die Erlebnisse der äußeren Welt immer. Allerdings, um das Karmagesetz im Leben bestätigt zu finden, dazu werden sich die Menschen angewöhnen müssen, schon das äußere Leben ein wenig genauer zu beobachten als das gewöhnlich geschieht. Denn die Menschen beobachten das Leben gewöhnlich nicht weiter als, bildlich gesprochen, ihre Nase reicht. Was etwas weiter weg liegt, das beobachten sie schon nicht mehr. Wer aber das äußere Leben tiefer beobachtet, der wird schon zwischen Geburt und Tod im Menschendasein das Karmagesetz wohl hinlänglich da oder dort bestätigt finden können.
[ 5 ] When we consider the law of spiritual connections between the past, present, and future in this way, we will find it confirmed even in ordinary life—the life that unfolds all around us and that we can observe if we so choose—even if we are still far from having developed any clairvoyant abilities. For we must repeatedly affirm this as a golden rule: A law of the spiritual world can be truly proven only through clairvoyant observation, only by the spiritual researcher; on the other hand, such a law can always be corroborated by external confirmations through the experiences of the external world. However, in order to find confirmation of the law of karma in life, people will have to get into the habit of observing external life a little more closely than is usually the case. For people generally do not observe life any further than, figuratively speaking, the tip of their nose. They no longer observe what lies a little farther away. But anyone who observes external life more deeply will be able to find ample confirmation of the law of karma here and there even within the span of human existence between birth and death.
[ 6 ] Wir wollen uns möglichst an Konkretes halten; nehmen wir einmal den folgenden Fall an. Irgendein junger Mensch wäre im fünfzehnten Jahre seines Lebens durch irgendein Ereignis aus seiner bisherigen Lebensbahn herausgerissen worden. Sagen wir, er hätte durch die Lage seiner Eltern bis zum fünfzehnten Jahre studieren können, und er wäre im fünfzehnten Jahre genötigt worden, vielleicht dadurch, daß der Vater sein Vermögen verloren hat, den Kaufmannsstand zu ergreifen. Er ist also aus einem Lebensberuf heraus und in einen anderen hineingeworfen worden. Selbstverständlich handelt es sich nicht darum, irgendeinen Lebensberuf für wertvoller zu halten als einen anderen, sondern darum, daß eine Veränderung im Leben eintritt, wenn so etwas vor sich geht. Nun wird man wahrscheinlich, wenn man das Leben in dem heute gewöhnlichen, materialistischen Sinne betrachtet, nichts Erhebliches unter dem Einfluß einer solchen Erscheinung in dem Leben eines Menschen suchen und dann auch nicht finden. Wer aber genauer beobachtet, der wird finden, daß ein Mensch, der so in einen andern Beruf hineinkommt, zunächst durch die Abwechselung, die ihm der neue Beruf darbietet, Freude, Sympathie haben kann für seinen Beruf, daß er sozusagen mit Interesse hineinwächst in diesen seinen Beruf. Dann kann aber etwas Merkwürdiges auftreten. Was Seelenerlebnisse sind, was Sympathien und Antipathien sind im Berufe, das kann mit dem achtzehnten bis neunzehnten Jahre anfangen, eine andere Gestalt anzunehmen. Die Freude am Berufe kann aufhören, der Mensch kann anfangen, sich ganz anders zu verhalten zu seinem Beruf. Man wird in gewisser Weise ratlos sein gegenüber dem, was sich dann in der Seele eines solchen Menschen zuträgt, wenn man niemals etwas gehört hat von der Anthroposophie.
[ 6 ] Let us stick to concrete examples as much as possible; let us consider the following case. Suppose a young person, at the age of fifteen, had been torn from his previous course of life by some event. Let’s say that, thanks to his parents’ circumstances, he had been able to study until the age of fifteen, and at fifteen he was forced—perhaps because his father lost his fortune—to enter the business world. He was thus thrown out of one life path and into another. Of course, the point is not to regard one career path as more valuable than another, but rather that a change occurs in life when something like this happens. Now, if one views life in the materialistic sense that is common today, one will probably not look for anything significant in a person’s life resulting from such an event—and consequently will not find it. But anyone who observes more closely will find that a person who enters a different profession in this way can initially, through the variety that the new profession offers, experience joy and a sense of affinity for their work—that they, so to speak, grow into this profession with interest. Then, however, something remarkable can occur. What constitutes inner experiences, and what constitutes likes and dislikes in one’s profession, can begin to take on a different form between the ages of eighteen and nineteen. The joy in one’s profession may cease, and the person may begin to relate to their profession in an entirely different way. One may, in a certain sense, be at a loss as to what is then taking place in the soul of such a person if one has never heard of anthroposophy.
[ 7 ] Was ist denn da geschehen? Es ist das geschehen, daß der Mensch von dem fünfzehnten Jahre an, als er in einen neuen Beruf versetzt worden ist, sich mit Interesse in diesen Beruf hineingefunden hat. Dieses Interesse hat zunächst jene Empfindungen und Seelenstimmungen, die sich herangebildet haben, als dieser Mensch sich ganz anders betätigt hatte, zurückgeschoben. Dann kommt aber eine Zeit, wo das alles mit um so größerer Kraft durchbricht. Geradeso wie wenn man einen elastischen Körper gedrückt hat — man kann eine Weile drücken, dann aber schnellt die Masse um so stärker zurück -, so kann die Folge sein, daß die Interessen, die eine Weile zurückgeschoben worden sind, jetzt ganz besonders ausbrechen. Im achtzehnten bis neunzehnten Jahre bricht dann alles hervor, was sich an Empfindungen, an Stimmungen in die Seele hineingedrängt hat drei Jahre vor jener Veränderung, das heißt im achtzehnten bis neunzehnten Jahre alles dasjenige, was sich im elften bis zwölften Jahre in die Seele hineingedrängt hatte und so weiter. Und man findet sich nur zurecht im Leben eines Menschen, wenn man sich sagen kann: Da ist mit dem fünfzehnten Jahre ein Lebensknotenpunkt eingetreten, und es treten nach diesem Zeitpunkt Geschehnisse auf, welche in ihren Wirkungen nach außen ebenso viele Jahre später liegen, als ihre Ursachen ebenso viele Jahre vor diesem Knotenpunkt liegen.
[ 7 ] What happened there? What happened was that, starting at the age of fifteen, when he was assigned to a new profession, he became deeply interested in it. At first, this interest pushed aside the feelings and moods that had developed when this person was engaged in entirely different activities. But then there comes a time when all of that breaks through with even greater force. Just as when one presses down on an elastic object—one can press for a while, but then the object snaps back all the more strongly—so the result may be that the interests that had been pushed aside for a time now burst forth with particular intensity. Between the ages of eighteen and nineteen, everything that had made its way into the soul in the form of feelings and moods three years before that change bursts forth—that is, between the ages of eighteen and nineteen, everything that had made its way into the soul between the ages of eleven and twelve, and so on. And one can only make sense of a person’s life if one can say to oneself: A turning point in life occurred at the age of fifteen, and after this point, events occur whose outward effects manifest just as many years later as their causes lie just as many years before this turning point.
[ 8 ] Denken Sie einmal, wie man einem Menschen helfen kann in bezug auf Seelenstimmungen und Schwierigkeiten im Leben, wenn man in der Lage ist, sich zu fragen: Wo liegt ein solcher seelischer Knotenpunkt im Leben dieses Menschen? — Er kann sehr intim liegen. Wenn man aber auf einen solchen Knotenpunkt kommt, dann kann man zurückrechnen und hat dann eine geistige Wirkung ebenso viele Jahre nach diesem Lebensknotenpunkt, als man eine Ursache hat ebenso viele Jahre vor demselben. So bekommt man eine Anschauung von dem Karma. Die Erkenntnis hilft uns im Leben weiter und wir können uns sagen: Solche Ursachen und Wirkungen im Leben eines Menschen hängen nach bestimmten Zeiträumen zusammen, so daß sie sich nach einem bestimmten Zeitpunkt im Leben richten; und wenn wir von diesem Zeitpunkt vorwärts- und zurückzählen, so können wir den Zusammenhang von Ursache und Wirkung finden.
[ 8 ] Just think about how one can help a person with their emotional states and life difficulties if one is able to ask oneself: Where is such an emotional turning point in this person’s life? — It can be very intimate. But once you arrive at such a turning point, you can work backward and see that the spiritual effect extends just as many years after this turning point as the cause extends just as many years before it. This is how one gains an understanding of karma. This insight helps us in life, and we can say to ourselves: Such causes and effects in a person’s life are connected across specific time periods, so that they are oriented toward a specific point in life; and if we count forward and backward from this point, we can discover the connection between cause and effect.
[ 9 ] Nun kann sich so etwas natürlich durch den Eintritt anderer Ereignisse verdecken. Es könnte zum Beispiel jemand kommen und sagen: Das Beispiel, das du uns da gegeben hast, stimmt nicht! Ich habe das gerade bei einem jungen Menschen erlebt, bei dem das nicht der Fall ist. — Ja, ich habe es auch schon erlebt, daß zwei Leute zusammen Billard spielten, da kam gerade der Kellner vorbei und stieß denjenigen an, der gerade am Spiel war, und die Kugel flog in einer ganz anderen Richtung, als sie sonst geflogen wäre. Aber deshalb ist das Gesetz der Verursachung nicht falsch, sondern es sind eben andere Verhältnisse eingetreten. Wir müssen aber dabei bedenken, daß wir das Gesetz niemals kennenlernen, wenn wir nicht von denjenigen Dingen absehen, welche das Gesetz stören. Es können nach dem fünfzehnten Jahre wiederum andere Umstände eintreten, welche das Gesetz durchkreuzen. Gesetze lernt man nicht dadurch kennen, daß man das Leben bloß beobachtet, sondern dadurch, daß man sich zunächst die richtige Art aneignet, die Erscheinungen des Lebens zusammenzubringen. Denn im Leben werden die Dinge fortwährend gestört, da zeigen sich die Gesetze nicht so leicht. Dennoch kann man das Leben nur regeln, wenn man die Gesetze so kennt, wie sie gefunden werden müssen. Wenn man die Einzelheiten kennt, so kann man sich bei einem jungen Menschen, der eine solche Umknickung des Lebens erfahren hat, sagen: Es ist eine Aufgabe des Erziehers, jetzt darauf zu achten! — Da wird das Karma ein Lebensgesetz, da tritt der Fall ein, wo man das Gesetz im Leben handhaben kann, da wird es erst nütze. Man wird vielleicht in einem solchen Fall dem Kinde, nachdem man ihm nicht mehr das geben kann, was man ihm vorher gegeben hat, jetzt erst ein Berater sein können. Aber das kann man nur sein, wenn man solche Zusammenhänge kennt, wenn man weiß, was dem Menschen fehlt und gerade dort eingreifen und wirken kann, wo der betreffende Mangel im Leben einsetzt. Wenn man das nicht weiß, kann man dem jungen Menschen kein Berater sein. Da wird das Karmagesetz zu einem Einschlag des Lebens, da lernt man ein Berater sein im Leben, wenn man das Karmagesetz als ein Lebensgesetz betrachtet.
[ 9 ] Of course, something like that can be overshadowed by other events. For example, someone might come along and say, “The example you just gave us isn’t right!” I just experienced this with a young person for whom that isn’t the case. — Yes, I’ve also seen it happen: two people were playing billiards together when the waiter happened to walk by and bumped into the one who was taking the shot, and the ball flew in a completely different direction than it otherwise would have. But that doesn’t mean the law of causation is wrong; it simply means that different circumstances have come into play. But we must bear in mind that we will never come to know the law unless we disregard those things that disrupt it. After the age of fifteen, other circumstances may arise that thwart the law. One does not come to know laws simply by observing life, but by first acquiring the correct method of synthesizing life’s phenomena. For in life, things are constantly disrupted, and the laws do not reveal themselves so easily. Nevertheless, one can only regulate life if one knows the laws as they must be discovered. If one knows the details, one can say to a young person who has experienced such a setback in life: It is the educator’s task to pay attention to this now! — That is when karma becomes a law of life; that is when the situation arises in which one can apply the law in life; that is when it first becomes useful. In such a case, perhaps—after one can no longer give the child what one gave them before—one can now, for the first time, be a guide to them. But one can only be that if one understands such connections, if one knows what the person is lacking and can intervene and act precisely where that particular deficiency arises in life. If one does not know this, one cannot be an advisor to the young person. That is when the law of karma becomes a defining force in life; that is when one learns to be an advisor in life by regarding the law of karma as a law of life.
[ 10 ] Es liegen ja natürlich nicht nur solche Zusammenhänge im Leben vor, sondern das Karmagesetz zwischen Geburt und Tod lebt sich auch noch in einer anderen Weise aus. So besteht ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen den Erlebnissen eines Menschen in der ersten Hälfte seines Lebens und denen in der zweiten Lebenshälfte, nur beobachten ihn die Menschen nicht. Beispielsweise lernt man einen Menschen kennen; er ist jung und man verliert ihn aus den Augen, bevor er in ein bestimmtes Alter gekommen ist. Oder man lernt einen Menschen in einem späteren Alter kennen und kennt dann nicht seine Jugend; oder wenn man vielleicht auch die Jugend kennt, so vergißt man das, was sich vor vielen Jahren zugetragen hat. Anfang und Ende des Lebens zu betrachten in den Fällen, wo einem das möglich ist, das würde die schönste Bestätigung des Karmagesetzes schon im Dasein zwischen Geburt und Tod liefern.
[ 10 ] Of course, life does not consist solely of such connections; the law of karma between birth and death also manifests itself in other ways. For instance, there is a curious connection between a person’s experiences in the first half of their life and those in the second half—it’s just that people don’t notice it. For example, you meet someone; he is young, and you lose touch with him before he reaches a certain age. Or you meet someone later in life and thus do not know what his youth was like; or even if you do know about his youth, you forget what happened many years ago. To contemplate the beginning and end of life—in those cases where one is able to do so—would provide the most beautiful confirmation of the law of karma already within the existence between birth and death.
[ 11 ] Dabei erinnern Sie sich vielleicht an etwas, was in den öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, zum Beispiel über den Zorn, der als ein edler Zorn in der Jugend auftritt. Wir haben damals charakterisiert, wie ein junger Mensch noch nicht durchschauen kann eine Ungerechtigkeit, die sich in seiner Umgebung abspielt; sein Intellekt ist noch nicht reif genug dazu, um eine Ungerechtigkeit, die sich abspielt, vollständig zu durchschauen. Aber es ist durch die weise Weltenlenkung dafür gesorgt, daß wir ein Gefühlsurteil haben, bevor wir zu einem Verstandesurteil kommen können. Es regt sich bei einem guten Menschen, wenn die Anlagen dazu vorhanden sind, in der Kindheit, wenn eine Ungerechtigkeit vor sieht geht, ein edler Zorn, der einfach als Gefühl da ist, und der das einzige ist, wodurch die Seele die Ungerechtigkeit empfinden kann. Die Ungerechtigkeit mit dem Intellekt zu durchschauen, dazu ist der Mensch noch nicht reif. Wenn diese edle Zornesregung aber im Charakter eines Menschen vorhanden ist, dann sollen wir sie wohl beachten. Denn alles, was so als ein Gefühlsurteil gegenüber einer Ungerechtigkeit erlebt wird, das bleibt in der Seele. Dieser edle Zorn der Jugendjahre durchdringt die Seele und wandelt sich im Laufe des Lebens um. Und was sich so im Verlaufe des Lebens umwandelt, das tritt in einer anderen Gestalt in der zweiten Lebenshälfte wieder auf: Es tritt auf in einer Gefühlsneigung zur liebenden Milde und zum Segnen. Es wandelt sich also der edle Zorn der Jugend, der ersten Lebenshälfte um, so daß er im späteren Leben auftritt als liebende Milde, als segnende Gesinnung. Und wir werden nicht leicht finden — wenn alle anderen Dinge so stimmen, daß nichts die Sache stört —, daß in der zweiten Lebenshälfte des Menschen jene liebende, segenspendende Milde auftritt, ohne daß sie sich nicht in den Jugendjahren ausgedrückt hat durch einen edlen Zorn, verursacht über Torheit, über Dummheit, über Häßlichkeit im Leben. So haben wir einen karmischen Zusammenhang im gewöhnlichen Leben, und wir könnten ihn in ein Bild kleiden und sagen: Jene Hand, die sich nicht einmal auch in der ersten Lebenshälfte in edlem Zorn ballen konnte, wird sich nicht leicht zum Segnen ausstrecken können in der zweiten Lebenshälfte.
[ 11 ] You may recall something that was said in the public lectures, for example, about anger that manifests as a noble anger in youth. We characterized at that time how a young person is not yet able to fully comprehend an injustice taking place in their surroundings; their intellect is not yet mature enough to fully grasp an injustice as it unfolds. But through the wise guidance of the universe, it is ensured that we have an emotional judgment before we can arrive at a rational one. In a good person, if the predisposition exists, a noble anger arises in childhood when an injustice occurs—an anger that is simply present as a feeling and is the only way the soul can perceive the injustice. Human beings are not yet mature enough to see through injustice with the intellect. But if this noble impulse of anger is present in a person’s character, then we should take it seriously. For everything that is experienced in this way as an emotional judgment in response to an injustice remains in the soul. This noble anger of one’s youth permeates the soul and transforms over the course of life. And what is thus transformed in the course of life reappears in a different form in the second half of life: it manifests as an emotional inclination toward loving gentleness and a spirit of blessing. Thus, the noble anger of youth—of the first half of life—is transformed, so that in later life it appears as loving gentleness, as a spirit of blessing. And we will not easily find—if all other conditions are such that nothing disrupts the process—that this loving, blessing-bestowing gentleness appears in the second half of a person’s life without having first expressed itself in the years of youth as a noble anger, aroused by folly, stupidity, and ugliness in life. Thus we have a karmic connection in ordinary life, and we could illustrate it with an image and say: That hand which could not even clench in noble anger during the first half of life will not easily be able to reach out to bless in the second half of life.
[ 12 ] Solche Dinge kann allerdings nur derjenige beobachten, der, wie gesagt, etwas weiter die Lebensbeobachtungen anstellt, als gerade seine Nase reicht. Aber man tut das ja im gewöhnlichen Leben nicht. Ich könnte an einem ganz trivialen Beispiel zeigen, wie wenig man dazu geneigt ist, solche Dinge im Leben zu beobachten.
[ 12 ] However, only someone who, as I said, observes life a little more broadly than just what’s right under their nose can notice such things. But that’s not what people do in everyday life. I could use a very trivial example to show how little people are inclined to observe such things in life.
[ 13 ] Ich habe schon öfter erwähnt: Für denjenigen, der intime Lebenserkenntnisse sich erwerben will, gerade um okkulte Seelenverhältnisse zu vertiefen, für den ist es außerordentlich günstig, zum Beispiel unter anderem als Erzieher durch bestimmte Jahre hindurch gewirkt zu haben. Da lernt man in ganz anderer Weise die Seelen kennen als durch die gewöhnliche Schulpsychologie, die gewöhnlich für eine Seelenerkenntnis ganz wertlos ist. Seelenerkenntnis eignet man sich an, wenn man die Seele nicht nur beobachtet, sondern wenn man das Leben anderer unter eigener Verantwortung Jahre für Jahre selber zu leiten hat. Da lernt man auch intimer beobachten. Während meiner langjährigen Erziehertätigkeit konnte ich nicht nur diejenigen Kinder beobachten, welche mir gerade zur Erziehung anvertraut waren, sondern Sie wissen ja, da kommen bei Gelegenheiten verschiedene Familien zusammen, und dabei lernt man auch andere Kinder kennen, nicht nur Kinder in den verschiedensten Lebensaltern, sondern auch Kinder sozusagen von dem ersten Moment an, wo sie in die Welt treten.
[ 13 ] I have mentioned this many times before: For anyone who wishes to gain intimate insights into life—particularly in order to deepen their understanding of occult soul conditions—it is extremely beneficial to have worked, for example, as a teacher for a number of years. There one comes to know souls in a completely different way than through ordinary school psychology, which is usually of no value whatsoever for understanding the soul. One acquires an understanding of the soul not merely by observing it, but by having to guide the lives of others oneself, year after year, under one’s own responsibility. There one also learns to observe more intimately. During my many years as a teacher, I was able to observe not only the children who were entrusted to my care at any given time, but—as you know—on various occasions different families come together, and in the process one also gets to know other children—not only children of all different ages, but also children, so to speak, from the very first moment they enter the world.
[ 14 ] Es ist jetzt vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Jahre her, da hatte man eine bestimmte Zeitlang in der Medizin - bei der Sie vielleicht auch schon bemerkt haben, wie sie eine von fünf zu fünf Jahren stetig sich ändernde Auffassung hat von dem, was dem Menschen «gesund» ist — eine ganz besondere Anschauung: nämlich die Anschauung, daß es besonders stärkend wäre für schwache Kinder, wenn man ihnen im Alter von drei, vier, fünf Jahren täglich ein tüchtiges Glas Rotwein verabreicht. Ich habe Kinder gesehen, die dieses Glas Rotwein bekommen haben, und auch solche, die es nicht bekommen haben. Ich konnte nun warten mit meinem Beobachten — denn selbstverständlich, die Medizin ist ja zunächst unfehlbar; gegen sie etwas auszusprechen, würde unter den Vorurteilen einer jeweiligen Gegenwart gar nicht viel fruchten -, ich konnte also mit meinen Beobachtungen warten. Die Kinder nun, welche damals von zwei bis fünf Jahren zu ihrer Stärkung täglich ihr Glas Rotwein bekommen haben, sind jetzt jüngere Leute von fünfundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahren, und ich habe gefunden — denn ich habe wohl darauf geachtet, denn da erst zeigen sich die Wirkungen einer solchen Anschauung -, ich habe gefunden: alle die Kinder, welche ihren Rotwein bekommen haben, sind «Zappel-Philippe» geworden, ihr astralischer Leib zappelt, und sie können nicht viel mit ihm anfangen, sie wissen nicht, wie sie mit ihrem unwillkürlich sich regenden Seelenleben sich zurechtfinden sollen. Diejenigen dagegen, welche damals «leider», wie man sagte, nicht mit jenem Glas Rotwein gestärkt werden konnten, sind jetzt ganz in sich gefestigte Naturen geworden, die nun nicht so zappelig sind in ihrem astralischen Leib oder in ihrem Nervensystem, wie man es materialistisch ausdrückt.
[ 14 ] It’s been perhaps twenty-five to thirty years now since, for a certain period of time, the medical profession—which, as you may have already noticed, has a view of what constitutes “health” for humans that changes steadily every five years—held a very particular belief: namely, the view that it would be particularly fortifying for weak children to be given a good glass of red wine every day at the age of three, four, or five. I have seen children who were given this glass of red wine, and also those who were not. I was able to wait with my observations—for, of course, medicine is, after all, infallible at first; to speak out against it would not amount to much given the prejudices of the present time—so I was able to wait with my observations. The children who, back then, between the ages of two and five, received their daily glass of red wine for their strength are now young adults between the ages of twenty-five and twenty-seven, and I have found—for I have paid close attention to this, since it is only then that the effects of such a practice become apparent— I have found: all the children who received their red wine have become “fidgety little ones”; their astral bodies fidget, and they don’t know what to do with them—they don’t know how to cope with their soul life, which stirs involuntarily. Those, on the other hand, who at that time “unfortunately,” as people said, could not be fortified with that glass of red wine, have now become completely grounded individuals who are not as restless in their astral bodies or in their nervous systems, as one might put it in materialistic terms.
[ 15 ] Da haben wir einen solchen Zusammenhang im Leben. Er ist ja ein trivialer, nicht ein besonders das Karma illustrierender, aber er ist ein solcher, an dem wir sehen, daß Lebensbeobachtung nicht bloß so weit gehen soll, wie unsere Nase reicht, sondern daß sie weitere Zeiträume überschauen muß, und daß es nicht genügt, wenn man einmal festgestellt hat: Dieses oder jenes Mittel wirkt so oder so. Denn dasjenige, was da eigentlich angeregt wird, kann der wirkliche Beobachter erst nach vielen Jahren konstatieren. Nur die großen Lebenszusammenhänge, und alles, was uns anweist, die großen Lebenszusammenhänge zu suchen, kann uns in Wahrheit aufklären über die Art, wie Ursache und Wirkung im Menschenleben zusammenhängen. So muß man versuchen, auch in bezug auf die eigentlichen Seeleneigenschaften weiter auseinanderliegende Lebenserscheinungen zusammenzuhalten. Dann kann man das Gesetz vom Karma auch schon zwischen Geburt und Tod sehen, dann findet man sehr häufig, wie die Ereignisse des späteren Alters zusammenhängen mit dem, was in der ersten Lebenshälfte erlebt worden ist.
[ 15 ] Here we have such a connection in life. It is, admittedly, a trivial one—not one that particularly illustrates karma—but it is one through which we can see that observing life should not merely extend as far as the end of our noses, but must encompass longer periods of time, and that it is not enough to simply conclude: ‘This or that remedy works in such and such a way.’ For what is actually set in motion there can only be ascertained by the true observer after many years. Only the great interconnections of life—and everything that directs us to seek out these great interconnections—can truly enlighten us about the way cause and effect are linked in human life. Thus, one must also strive to bring together life phenomena that are more widely dispersed in relation to the actual qualities of the soul. Then one can already perceive the law of karma between birth and death; then one very often finds how the events of later life are connected to what was experienced in the first half of life.
[ 16 ] Erinnern Sie sich auch noch an das, was über die Mission der Andacht gesagt worden ist, über die Wichtigkeit, mit dem Gefühl der Verehrung hinaufschauen zu können zu irgendeinem Wesen, zu irgendeiner Erscheinung, die man noch nicht versteht, die man verehrt gerade deshalb, weil man ihr mit dem Verstande noch nicht gewachsen ist. Und immer gern mache ich darauf aufmerksam, wie schön es ist, wenn der Mensch sich sagen kann: Ich habe einmal als Kind gehört von einem besonders verehrungswürdigen Familienmitgliede, das man ungeheuer verehrt hatte. Ich hatte es noch nicht gesehen, aber eine tiefe Ehrfurcht war in mir für diese Persönlichkeit vorhanden. Dann wurde ich einmal, als die Gelegenheit gekommen war, zu diesem verehrten Familienmitgliede hingeführt. Und mit innerster, heiliger Scheu legte ich die Hand auf die Türklinke zu dem Zimmer, wo diese bedeutsame Persönlichkeit erscheinen sollte!
[ 16 ] Do you also remember what was said about the purpose of devotion—about the importance of being able to look up with a sense of reverence toward some being or phenomenon that one does not yet understand, which one reveres precisely because one’s intellect is not yet capable of grasping it? And I always like to point out how wonderful it is when a person can say to themselves: “As a child, I once heard about a particularly venerable family member who was immensely revered.” I had not yet seen this person, but I already felt a deep reverence for this individual. Then one day, when the opportunity arose, I was led to meet this revered family member. And with the deepest, most sacred awe, I placed my hand on the doorknob of the room where this remarkable person was to appear!
[ 17 ] Jenem Gefühl andächtiger Verehrung wird man dankbar sein im späteren Leben, denn man verdankt ungeheuer viel dem, daß man in der ersten Hälfte des Lebens hat verehren können. Und andächtige Verehrung ist ganz besonders gut in jedem Leben. Ich habe schon Menschen gekannt, die aufmerksam gemacht worden sind auf das Gefühl andächtiger Verehrung gegenüber einem Geistig-Göttlichen, und die dagegen einwandten: Ich bin Atheist, ich kann kein Geistiges verehren. — Solchen Menschen kann man sagen: Sieh dir einmal den Sternenhimmel an! Kannst du ihn machen? Sieh dir den weisheitsvollen Bau an und denke dir: Da kann man hineinsenken ein Gefühl wahrer echter Ehrfurcht! — Es gibt viel in der Welt, dem wir nicht mit dem Verstande gewachsen sind, aber zu dem wir verehrend aufschauen können. Und besonders in der Jugend ist viel vorhanden, zu dem wir andächtig hinaufschauen können, ohne daß wir es zu erkennen vermögen.
[ 17 ] One will be grateful for that feeling of reverent admiration later in life, for one owes an immense debt to the fact that one was able to admire during the first half of one’s life. And reverent admiration is especially beneficial in every life. I have known people who, when made aware of the feeling of reverent admiration toward something spiritual and divine, objected: “I am an atheist; I cannot revere anything spiritual.” — To such people one can say: “Just look at the starry sky! Can you create it?” Look at the wise architecture and think to yourself: Here one can sink into a feeling of true, genuine awe! — There is much in the world that we cannot grasp with our intellect, but toward which we can look up in reverence. And especially in youth, there is much to which we can look up devoutly, even if we are unable to comprehend it.
[ 18 ] Andacht in der ersten Lebenshälfte verwandelt sich nun wieder in eine ganz besondere Lebenseigenschaft in der zweiten Hälfte. Wir haben wohl alle schon von Persönlichkeiten gehört, die durch das, was sie sind, etwas wie eine Wohltat sind für ihre Umgebung. Sie brauchen gar nicht etwas Besonderes zu reden, sie brauchen nur da zu sein. Es ist, wie wenn durch die ganze Art und Weise ihres Wesens etwas Unsichtbares von ihnen ausströmte und sich den anderen Seelen mitteilte. Ihre ganze Art wirkt wohltuend und beseligend auf die Umgebung. Wem verdanken solche Menschen diese Kraft, durch ihre seelischen Eigenschaften wohltuend auf ihre Umgebung zu wirken? Dem Umstande verdanken sie es, daß sie in der Jugend haben erleben dürfen ein Leben der Andacht, daß sie viel Andacht gehabt haben in der ersten Lebenshälfte. Andacht in der ersten Lebenshälfte verwandelt sich in die Kraft, unsichtbar segnend und wohltuend zu wirken in der zweiten Lebenshälfte.
[ 18 ] Devotion in the first half of life is now transformed once again into a very special quality of life in the second half. We have all probably heard of people who, simply by virtue of who they are, are a source of comfort to those around them. They don’t need to say anything special; they just need to be there. It is as if something invisible radiates from them through the very nature of their being and communicates itself to other souls. Their entire demeanor has a soothing and uplifting effect on those around them. To whom do such people owe this power to have a beneficial effect on their surroundings through their spiritual qualities? They owe it to the fact that they were able to experience a life of devotion in their youth—that they lived with great devotion during the first half of their lives. Devotion in the first half of life transforms into the power to exert an invisible, blessing, and soothing influence in the second half of life.
[ 19 ] Da haben wir wiederum einen karmischen Zusammenhang, der sich zwischen Geburt und Tod klar und deutlich ausdrückt, wenn man ihn nur beobachtet. Und im Grunde genommen war es aus einem schönen karmischen Gefühl heraus gesprochen, als Goethe zum Motto eines seiner Werke die schönen Worte wählte: «Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle!» — Freilich, wenn man nur kurze Zusammenhänge im Leben beobachtet, wird man oft von unbefriedigten Wünschen sprechen können; wenn man große Zusammenhänge betrachtet, weniger.
[ 19 ] Here again we have a karmic connection that manifests itself clearly and distinctly between birth and death, if one only observes it. And, in essence, it was out of a beautiful karmic sentiment that Goethe chose these lovely words as the motto for one of his works: “What one desires in youth, one has in abundance in old age!” — Of course, if one observes only short-term patterns in life, one will often speak of unfulfilled desires; if one considers the larger picture, less so.
[ 20 ] Alle diese Dinge, die so charakterisiert worden sind, können nun wiederum übergehen in echte Lebenspraxis. Und im Grunde kann nur der, welcher das Leben so geisteswissenschaftlich ansieht, ein richtiger Erzieher sein. Denn er wird in der ersten Lebenshälfte dem Menschen dasjenige geben können, von dem er weiß, daß dieser es in der zweiten Hälfte anwenden kann. Heute weiß man nichts von jener Verantwortung, die man übernimmt, wenn man dieses oder jenes dem jungen Menschen einimpft. Aber heute ist es so gebräuchlich geworden, über diese Dinge von oben herab zu sprechen, sozusagen von dem hohen Pferd des materialistischen Denkens aus über diese Dinge zu sprechen. Und ich möchte Ihnen diese eben getane Behauptung illustrieren durch eine kleine Erfahrung, welche hier in Berlin von uns selber gemacht worden ist.
[ 20 ] All these things, which have been characterized in this way, can now, in turn, be transformed into genuine life practice. And fundamentally, only those who view life from the perspective of spiritual science can be true educators. For in the first half of life, they will be able to give people what they know the person will be able to apply in the second half. Today, people are unaware of the responsibility they assume when they instill this or that in young people. But today it has become so common to speak condescendingly about these things—to speak about them, so to speak, from the high horse of materialistic thinking. And I would like to illustrate this assertion I have just made with a small experiment that we ourselves conducted here in Berlin.
[ 21 ] Da kam einmal ein Besucher, so einer, der glaubt, wenn er nur einmal, einmal im Leben, eine oder zwei Versammlungen sich anhört, dann hat er ein Urteil über die Sache. Insbesondere suchen solche Leute ein Urteil über ähnliche geistige Bewegungen, wie die unsere es ist, in der Art zu gewinnen, daß sie nachher «sachgemäß» über die Sache schreiben können. Diejenigen, welche heute die Welt mit Zeitungsartikeln versorgen wollen, sie haben gerade den Glauben, daß man sich in dieser Weise ein Urteil über etwas verschafft. Man geht einmal hin, und dann weiß man, was los ist! — Dieser Besucher, den ich meine, der hat auch geschrieben, und es war putzig, als einmal in einer amerikanischen Zeitschrift über eine Zweigversammlung bei uns gelesen werden konnte. Natürlich war auch die Beschreibung recht merkwürdig zutreffend. Aber wie gesagt: Was man geisteswissenschaftlich wirklich erfassen will, das kann man sich natürlich auf diese Weise durchaus nicht aneignen, sondern man muß sich klar sein, daß man nur dann in das spirituelle Leben hineinkommt, wenn man den Willen hat, die Einzelheiten wirklich mitzuerleben und durchzumachen.
[ 21 ] Once, a visitor came—the kind of person who believes that if he just attends one or two meetings, just once in his life, he can form an opinion about the matter. In particular, such people seek to form an opinion about spiritual movements similar to ours so that they can subsequently write about the matter “objectively.” Those who today seek to supply the world with newspaper articles hold precisely this belief: that one can form an opinion about something in this way. You go there once, and then you know what’s going on! — This visitor I’m referring to also wrote about it, and it was amusing when an article about one of our branch meetings appeared in an American magazine. Of course, the description was also remarkably accurate. But as I said: What one truly wishes to grasp from a spiritual-scientific perspective cannot, of course, be acquired in this way at all; rather, one must be clear that one can only enter into spiritual life if one has the will to truly experience and go through the details.
[ 22 ] Nun habe ich das ganze nur erzählt, um das Urteil des betreffenden Besuchers zu charakterisieren, das er gefällt hat und mit dem er nicht hinter dem Berge gehalten hat. Dieser Besucher sagte: An der Geisteswissenschaft gefalle ihm das nicht, daß sie alles so einteile; daß man die Welt einteile in physische Welt, astralische Welt, devachanische Welt und so weiter. Warum solle man das tun, alles so einteilen? — Das hatte er alles aus ein oder zwei Besuchen. Wie erschrecklich müßte es erst auf ihn gewirkt haben, wenn er auch noch die andern Einteilungen gehört hätte! Der betreffende Besucher war der Anschauung, man brauche nicht die Dinge so zu betrachten, sondern man rede «im allgemeinen» über die geistige Welt, warum soll man da erst in Klassen unterscheiden? — So redet man heute auf dem Gebiet der Erziehung, so redet man auf allen Gebieten des Lebens, so redet im Grunde genommen auch die heutige Wissenschaft. Aus der Willkür der Lebensbeobachtung, nicht aus der sachgemäßen Erforschung der einzelnen Lebenserscheinungen redet die Welt herum. Daher ist es auch so schrecklich, wie auf jemanden, der die Welt wirklich betrachten kann, solche Reformen und Programmreden wirken müssen, denn sie verursachen etwas, was man vergleichen kann mit einem furchtbaren physischen Schmerz. Man braucht heute nur ein gewöhnliches wissenschaftliches Buch in die Hand zu nehmen. Da mögen die Beobachtungen noch so gewissenhaft ausgeführt sein, die Art und Weise, wie die Dinge dargestellt sind, ist einfach furchtbar, weil gar kein Begriff dafür vorhanden ist, wie die Erscheinungen beobachtet werden sollen. Und so bewundert man heute auch mancherlei Menschen, die aus der Willkür dies oder jenes, weil es ihnen gerade einfällt, in die Welt hinausschreien. | Das gerade ist wichtig, daß sich der Anthroposoph das Bewußtsein aneignet, daß das Leben bis in die Einzelheiten genau nach jenen Methoden beobachtet werden sollte, welche uns das Karma und die anderen Lebensgesetze für die Lebenspraxis an die Hand geben. Daher können wir einen Segen für die zukünftige Entwickelung der Menschheit, auch in bezug auf Erziehungsfragen, nur dann erhoffen, wenn die anthroposophische Anschauung eindringt auch in die Grundsätze der Erziehung. Karma ist etwas, was zugleich eine feste Stütze gibt zum Beispiel für alle Lebensbeobachtung, die auf Erziehung eingeht.
[ 22 ] I have recounted all this simply to illustrate the judgment that the visitor in question passed—a judgment he did not hesitate to voice. This visitor said: What he didn’t like about spiritual science was that it categorized everything in this way—that the world was divided into the physical world, the astral world, the devachanic world, and so on. Why should one do that—categorize everything like that? —He had formed this impression from just one or two visits. How terrifying it must have seemed to him if he had also heard about the other classifications! The visitor in question was of the opinion that one need not view things in this way, but that one speaks “in general” about the spiritual world—so why should one first distinguish between classes?—This is how people speak today in the field of education; this is how they speak in all areas of life; and, fundamentally speaking, this is also how modern science speaks. The world talks its way around things based on the arbitrariness of observing life, not on the proper investigation of individual phenomena of life. That is why it is so terrible how such reforms and programmatic speeches must affect someone who is truly capable of observing the world, for they cause something comparable to a terrible physical pain. One need only pick up an ordinary scientific book today. No matter how conscientiously the observations may have been carried out, the way things are presented is simply dreadful, because there is absolutely no concept of how these phenomena should be observed. And so today people also admire all sorts of individuals who, on a whim, shout this or that out into the world simply because it happens to occur to them. | It is precisely this that is important: that the anthroposophist cultivate the awareness that life, down to the smallest details, should be observed exactly according to those methods that karma and the other laws of life provide us for practical living. Therefore, we can hope for a blessing for the future development of humanity—including with regard to educational issues—only if the anthroposophical perspective also permeates the principles of education. Karma is something that simultaneously provides a firm foundation, for example, for all observations of life that pertain to education.
[ 23 ] Da ist es zum Beispiel unendlich wichtig, daß wir wissen, wie eine gewisse Erscheinung in der Erziehung karmisch zusammenhängt, die sich in der Ansicht ausdrückt: Wenn ein Kind sich richtig entwickelt, muß es so oder so werden. Mir gefällt das für das Leben! Und jetzt denkt man, das Kind sei ein Sack, und da könnte man alles hineinstopfen, was man gerade für das Richtige hält. Man prägt seine Wesenheit und was man selbst als Sympathie oder Antipathie empfindet, dem Kinde auf. Würde man wissen, was das im karmischen Zusammenhange ergibt, so würde man die Sache anders ansehen. Man würde sehen, daß dasjenige, was so in das Kind wie in einen Sack hineingestopft worden ist, sich karmisch dahin erfüllt, daß es den Menschen dürr und trocken macht, daß es das Kind frühzeitig altern macht und gerade das Zentrum seines Wesens ertötet. Wir müssen, falls wir ein Kind erziehen wollen, sozusagen indirekt an das Kind herantreten, wenn wir glauben, daß es diese oder jene Eigenschaft sich aneignen soll. Da sollte man nicht dafür sorgen, diese oder jene Eigenschaft dem Kinde einzupfropfen, sondern man muß zuerst ein Bedürfnis erregen für diese Eigenschaft, ein Verlangen in dem Kinde erregen, diese Eigenschaft sich anzueignen. Wir müssen also dabei um einen Grad weiter zurückgehen. Wir müssen sogar, wenn wir wissen, es ist einem Kinde dieses oder jenes als Speise gut, sie ihm nicht aufzwingen, sondern dafür sorgen, daß es zuerst Geschmack dafür empfindet, so daß es selbst diese Speise verlangt. Wir müssen Verlangen und Begierde regeln, damit das Kind von sich aus verlangt, was für es gut ist. Das ist eine andere Art als die, alles wie in einen Sack hineinzupacken und zu sagen: Also hinein damit! Wenn wir also zuerst die Bedürfnisse regeln, treffen wir den Lebenskern des Kindes, und dann werden wir sehen, daß sich das in der zweiten Hälfte des Lebens karmisch erfüllt, indem’ der Mensch wiederum Lebensfreude, Lebenskraft ausstrahlt, so daß ein solcher Mensch in der zweiten Lebenshälfte nicht dürr und trocken ist, sondern lebendig bleibt aus dem Zentrum seines Wesens heraus.
[ 23 ] For example, it is infinitely important that we understand the karmic connection behind a certain phenomenon in education, which is expressed in the view that if a child develops properly, it must turn out a certain way. I like that idea for life! And now people think the child is a sack, and that you can stuff everything into it that you happen to think is right. You imprint your own nature and whatever you personally feel as sympathy or antipathy onto the child. If one knew what this results in within the karmic context, one would view the matter differently. One would see that what has been crammed into the child as if into a sack fulfills itself karmically in such a way that it makes the person withered and dry, causes the child to age prematurely, and kills the very center of its being. If we wish to raise a child, we must, so to speak, approach the child indirectly when we believe that it should acquire this or that quality. We should not seek to impose this or that quality on the child, but must first awaken a need for that quality—a desire within the child to acquire it. We must therefore take a step back. In fact, even when we know that a particular food is good for a child, we must not force it upon them, but rather ensure that they first develop a taste for it, so that they themselves crave that food. We must guide their desires and cravings so that the child spontaneously seeks what is good for them. This is a different approach from simply throwing everything into a sack and saying, “All right, in it goes!” So if we first regulate the child’s needs, we touch the very core of the child’s being, and then we will see that this is karmically fulfilled in the second half of life, in that the person once again radiates joy and vitality, so that such a person in the second half of life is not withered and dry, but remains alive from the very center of their being.
[ 24 ] Wenn wir so das Karmagesetz betrachten, werden wir uns sagen, es genügt nicht, wenn wir in ein Büchelchen hineingeschrieben haben: Es gibt ein Karmagesetz, einen Zusammenhang zwischen Früherem und Späterem -, sondern wir müssen das Leben unter dem Gesichtspunkt des Karmagesetzes betrachten. Erst wenn man in die Einzelheiten des Lebens hinaufkommt, ist Anthroposophie in der wahren Gestalt da, dann muß man aber auch den Willen haben, immer wieder und wieder zu arbeiten, das heißt, niemals wieder von ihr abzukommen. Man muß Zeit finden, die Erscheinungen des Lebens in den Gesichtspunkt der Anthroposophie zu rücken.
[ 24 ] When we consider the law of karma in this way, we will realize that it is not enough simply to have written in a little book: “There is a law of karma, a connection between the past and the future”—rather, we must view life from the perspective of the law of karma. Only when one delves into the details of life does anthroposophy reveal itself in its true form; but then one must also have the will to work at it again and again—that is, never to stray from it again. One must find the time to view the phenomena of life from the perspective of anthroposophy.
[ 25 ] Das waren einige solche Gesichtspunkte, die Zusammenhänge innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod zeigen sollten. Nun können wir allerdings das Karmagesetz auch hinreichend verfolgen bis jenseits von Geburt und Tod, ein Leben mit dem anderen, oder den anderen verbindend. Was wir heute in diesem Leben zwischen Geburt und Tod erfahren, das müssen wir auch anknüpfen an Dinge, die früher von uns erlebt wurden, oder im späteren Leben von uns erlebt werden. Da könnten wieder unzählige Einzelheiten angeführt werden. Ich möchte mich heute damit begnügen, eine wichtige Lebensfrage vom karmischen Gesichtspunkte aus zu beleuchten, insofern Karma hineinreicht von einem Leben in das andere, und zwar die Frage nach Gesundheit und Krankheit, und namentlich nach der letzteren.
[ 25 ] These were some of the perspectives intended to illustrate the connections within life between birth and death. However, we can also trace the law of karma sufficiently beyond birth and death, linking one life to another. What we experience today in this life between birth and death must also be connected to things we have experienced in the past or will experience in future lives. Countless details could be cited here as well. Today, I would like to limit myself to examining an important question of life from a karmic perspective—insofar as karma extends from one life into the next—namely, the question of health and illness, and specifically the latter.
[ 26 ] Es könnte mancher glauben, wenn er von irgendeiner Krankheit befallen wird, so wäre es im Sinne des Karma richtig, zu sagen: Ich habe sie eben verdient, das ist mein Schicksal! — Aber damit allein ist das Karmagesetz gar nicht immer in der richtigen Weise charakterisiert. Bei einer Krankheit müssen wir uns erst klar sein, worinnen eigentlich ihr Wesen, geistig erfaßt, liegt. Da tun wir gut, wenn wir uns zunächst einmal damit beschäftigen, worinnen zum Beispiel das Wesen eines Schmerzes besteht. Von da aus werden wir dann überleiten können zu einem geistigen Verständnis der Krankheit.
[ 26 ] Some might believe that if they are stricken with any illness, it would be correct, in terms of karma, to say: “I simply deserve it; that is my fate!” — But that alone does not always accurately characterize the law of karma. When it comes to an illness, we must first be clear about what its true nature is, understood spiritually. We would do well, for example, to begin by examining the nature of pain. From there, we will then be able to move on to a spiritual understanding of the illness.
[ 27 ] Worinnen besteht das Wesen des Schmerzes? Wir wollen jetzt einen ganz äußeren physischen Schmerz betrachten, zum Beispiel, wenn wir uns in den Finger geschnitten haben. Warum schmerzt es? Wir werden niemals geistig uns über das Wesen des Schmerzes aufklären können, wenn wir nicht wissen, daß dieser physische Finger durchdrungen ist von einem Ätherfinger und von einem astralischen Finger. Was nun der physische Finger darstellt, wie er geformt ist, wie das Blut in ihm fließt, wie die Nerven verlaufen, das hat alles der Ätherfinger geformt. Er ist der Bildner und besorgt heute noch immer, daß die Nerven in der entsprechenden Weise angeordnet sind, daß das Blut richtig fließt und so weiter. Wie nun der Ätherleib daran formt, das wird geregelt durch den astralischen Leib, der das Ganze durchdringt. Warum es uns nun schmerzt, wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, das wollen wir uns durch einen äußeren Vergleich klarmachen.
[ 27 ] What is the nature of pain? Let us now consider a purely external physical pain, for example, when we have cut our finger. Why does it hurt? We will never be able to understand the nature of pain spiritually unless we realize that this physical finger is permeated by an etheric finger and an astral finger. Whatever the physical finger represents—its shape, the way blood flows through it, the course of the nerves—all of this has been shaped by the etheric finger. It is the shaper and still ensures today that the nerves are arranged in the proper way, that the blood flows correctly, and so on. How the etheric body shapes these structures is regulated by the astral body, which permeates the whole. Why it hurts when we cut our finger—let us clarify this through an external comparison.
[ 28 ] Nehmen Sie an, es wäre eine Lieblingsbeschäftigung von Ihnen, jeden Tag einmal Ihre Blumen im Garten zu begießen, Sie fühlen darin eine gewisse Befriedigung. Eines Morgens aber ist Ihre Gießkanne ruiniert oder gestohlen worden, und Sie können jetzt nicht Ihre Blumen im Garten begießen. Sie sind darüber betrübt. Das ist kein physischer Schmerz; aber in der Entbehrung Ihrer Lieblingsbeschättigung können Sie so etwas wie einen physischen Schmerz empfinden. Sie können eine Tätigkeit, weil das Instrument nicht da ist, nicht ausüben. Was hier äußerlich mangelhaft ist und was deshalb auch nur einen moralischen Schmerz hervorrufen kann, das wird zu einem physischen Schmerz durch folgendes.
[ 28 ] Suppose one of your favorite pastimes is watering the flowers in your garden once a day; you derive a certain satisfaction from it. One morning, however, your watering can is broken or has been stolen, and now you cannot water the flowers in your garden. You are saddened by this. This is not physical pain; but in being deprived of your favorite pastime, you may feel something akin to physical pain. You cannot perform an activity because the tool is not there. What is externally lacking here—and which can therefore only cause moral pain—becomes physical pain through the following:
[ 29 ] Der Ätherleib und der astralische Leib sind darauf eingerichtet, daß sie den Finger in der Art in Ordnung halten, wie er jetzt ist. Den Ätherfinger und den astralischen Finger kann ich niemals zerschneiden. Wenn ich meinen Finger entzweischneide, so geschieht das, daß der Ätherfinger nicht mehr richtig eingreifen kann. Er ist gewohnt, den richtigen Zusammenhang des Fingers zu haben und dieser Zusammenhang ist jetzt gestört, ebenso wie vorher meine Tätigkeit, als ich den Garten begießen wollte. Der astralische Leib und der Ätherleib können also nicht eingreifen, und das macht sich geltend im astralischen Leibe als Schmerz, als Entbehrung. Die gewohnten Tätigkeiten nicht ausüben, in der gewohnten Weise nicht eingreifen zu können, das gibt sich im astralischen Leib als Schmerz kund. Im Augenblick aber, wo der Ätherleib und der astralische Leib nicht mehr richtig eingreifen können, macht sich auch eine größere Anstrengung geltend. Geradeso wie wir in unserem Falle, wenn wir den Garten begießen wollen, Anstrengungen machen, die Gießkanne zu suchen oder dergleichen, so müssen jetzt auch astralischer Leib und Ätherleib eine größere Tätigkeit aufwenden, um die Sache wiederum in Ordnung zu bringen. Und diese größere Tätigkeit, welche da aufgewendet werden muß, ist das eigentlich Heilende. Da wird das Geistige zu einer energischeren Tätigkeit aufgerufen, und das ist das eigentlich Heilende. Dasjenige, was die geistigen Glieder des Menschen zu einer größeren Tätigkeit aufrufen kann, das bringt die Heilung hervor. Nun beruht jede Krankheit darauf, daß durch irgendeine Unordnung im physischen Leib oder auch im Ätherleib des Menschen die geistigen Teile nicht in der richtigen Weise eingreifen können, sozusagen daran gehindert sind, und die Heilung besteht in der Aufrufung einer stärkeren Widerstandskraft gegen die Unordnung. Nun kann eine Krankheit entweder so verlaufen, daß sie geheilt wird, oder wir können daran sterben. Betrachten wir beide Fälle einmal karmisch.
[ 29 ] The etheric body and the astral body are designed to keep the finger in the condition it is in now. I can never cut through the etheric finger or the astral finger. If I cut my finger in two, the result is that the etheric finger can no longer function properly. It is accustomed to maintaining the proper structure of the finger, and this structure is now disrupted—just as my activity was disrupted earlier when I tried to water the garden. The astral body and the etheric body are therefore unable to function, and this manifests in the astral body as pain, as deprivation. Being unable to perform one’s usual activities or to function in the usual way manifests itself in the astral body as pain. But the moment the etheric body and the astral body can no longer function properly, a greater effort also comes into play. Just as we, in our own case, when we want to water the garden, make an effort to find the watering can or the like, so too must the astral body and the etheric body now exert greater activity to restore the situation to order. And this greater effort that must be expended is what actually brings about healing. The spiritual is called upon to engage in more energetic activity, and that is what actually brings about healing. Whatever can call upon the spiritual members of the human being to engage in greater activity is what brings about healing. Now, every illness is based on the fact that, due to some disorder in the human physical body or even in the etheric body, the spiritual aspects cannot intervene in the proper way—they are, so to speak, hindered—and healing consists in summoning a stronger resistance against the disorder. Now, an illness can either run its course in such a way that it is healed, or we can die from it. Let us consider both cases from a karmic perspective.
[ 30 ] Wenn die Krankheit so verläuft, daß wir gesund werden, so haben wir in unsere Glieder, die wir uns aus früheren Inkarnationen mitgebracht haben, damals jene starken Lebenskräfte hineingelegt, die wirklich heilend eingreifen können. Und wenn wir auf unsere früheren Inkarnationen zurückblicken, so können wir sagen: Wir waren damals nicht nur imstande, unseren Körper in der richtigen Weise zu versorgen durch das, was wir normalerweise im Leben haben, sondern wir haben uns noch einen Reservefonds mitgebracht, den wir herausholen können aus den geistigen Lebensgliedern.
[ 30 ] If the course of the illness leads to our recovery, it means that we have infused into the physical bodies we brought with us from previous incarnations those strong life forces capable of truly healing us. And when we look back on our past incarnations, we can say: Not only were we able to properly nourish our bodies through what we normally have in life, but we also brought with us a reserve fund that we can draw upon from our spiritual life forces.
[ 31 ] Nun nehmen wir an, wir sterben. Was ist dann der Fall? Dann werden wir sagen müssen: Wenn der Versuch gemacht worden ist zur Heilung, so haben wir auch die stärkeren Kräfte in uns aufgerufen. Aber sie reichten nicht aus, sie waren nicht hinlänglich. Aber immer, wenn wir Kräfte aufrufen, so daß sie sich stark geltend machen, ist es nicht nutzlos. Wir haben dazu in der Tat stärkere Anstrengungen machen müssen. Sind wir in diesem Leben noch nicht in der Lage gewesen, Ordnung herzustellen in irgendeinem Gebiete unseres Organismus, so sind wir wenigstens stärker geworden. Wir haben Widerstand leisten wollen. Es hat nur nicht gereicht. Aber wenn es auch nicht gereicht hat, so geht es doch nicht verloren, was wir da an Kräften aufgerufen haben. Das geht mit hinüber in die nächste Inkarnation, und das betreffende Organ wird stärker, als wenn wir die Krankheit nicht gehabt hätten. Und wir werden dann imstande sein, dasjenige Organ, das uns in diesem Leben vorzeitig zu Tode gebracht hat, mit einer besonderen Stärke und Regelmäßigkeit auszubilden. Es wird also auch dann eine günstigere Wirkung da sein, wenn wir bei richtiger Behandlung der Krankheit diese nicht zur Heilung bringen können. Karmisch müssen wir auch in diesem Falle in einer Krankheit etwas sehen, was sich im ferneren Leben in einer günstigeren Weise ausleben kann. Im kommenden Leben können wir dann in diesem oder jenem Falle dadurch eine besondere Stärke haben, daß wir eine Krankheit zwar bekämpften, aber sie nicht überwunden haben. Deshalb darf man aber nicht sagen: Dann ist es vielleicht gerade gut, die Krankheit zu lassen; denn wenn wir die Krankheit sich recht ausleben lassen und nicht heilend eingreifen, dann werden die Kräfte in unserm Innern stärker, und das Karma wird sich um so besser erfüllen! — Das wäre ein Unsinn. Es handelt sich gerade darum, die Heilung so zu veranstalten, daß möglichst günstig die ausgleichenden Kräfte eingreifen können; das heißt also, daß wir so viel als nur möglich ist, zur wirklichen Heilung tun, ganz gleichgültig, ob eine Heilung eintritt oder nicht. Das Karma ist immer lebensfreundlich, niemals lebensfeindlich!
[ 31 ] Now let’s assume we die. What happens then? Then we will have to say: If an attempt was made to heal, then we also called upon the stronger forces within us. But they were not enough; they were insufficient. But whenever we summon forces so that they make themselves strongly felt, it is not in vain. We have, in fact, had to make greater efforts to do so. If we have not yet been able in this life to restore order in any area of our organism, we have at least become stronger. We wanted to put up a fight. It just wasn’t enough. But even if it wasn’t enough, the forces we summoned are not lost. They carry over into the next incarnation, and the organ in question becomes stronger than it would have been had we not had the illness. And we will then be able to develop the organ that brought about our premature death in this life with particular strength and regularity. Thus, there will still be a beneficial effect even if, despite proper treatment of the illness, we are unable to cure it. From a karmic perspective, we must also see in this case something within an illness that can play out in a more favorable way in a future life. In the next life, we may then, in this or that instance, possess a particular strength precisely because we fought the illness but did not overcome it. However, one must not conclude from this that it is perhaps better to let the illness run its course; for if we allow the illness to play out fully and do not intervene to cure it, the forces within us will grow stronger, and the karma will be fulfilled all the better! — That would be nonsense. The point is precisely to arrange the healing in such a way that the balancing forces can intervene as favorably as possible; that is to say, we must do as much as possible to bring about true healing, regardless of whether a cure actually occurs or not. Karma is always life-affirming, never life-denying!
[ 32 ] Das Karmagesetz, wie es von einem Leben ins andere reicht, hat sich dadurch an einem besonderen Beispiel als lebensstärkend gezeigt. Und wir können sagen: Wenn wir auf diesem oder jenem Organ besonders stark sind, so weist uns das hin auf ein vorhergehendes Leben, in welchem dieses Organ, in dem wir jetzt besonders stark sind, einmal besonders krank war. Wir haben es damals nicht ganz heilen können. Dafür wurden aber die Kräfte aufgerufen, welche dieses Organ jetzt als ein besonders starkes erscheinen lassen. — So sehen wir, wie aus einem Leben in das andere die Ereignisse, die Tatsachen, hineinreichen, wie unser Wesenskern immer stärker und stärker wird, wenn wir uns auch in der richtigen Weise bewußt sind, wie wir ihn stärker machen können. Und wir können auf diese Weise immer mehr und mehr zu einem lebendigen Verständnis unseres geistigen Wesenskernes durch das Karmagesetz kommen.
[ 32 ] The law of karma, as it extends from one life to the next, has thus been shown, through a specific example, to be life-affirming. And we can say: If we are particularly strong in this or that organ, this points to a previous life in which this organ—in which we are now particularly strong—was once particularly sick. We were not able to heal it completely at that time. But in return, the forces were called upon that now make this organ appear particularly strong. — Thus we see how events and facts extend from one life into the next, how the core of our being grows stronger and stronger—provided we are also consciously aware, in the right way, of how we can strengthen it. And in this way, we can increasingly arrive at a living understanding of the core of our spiritual being through the law of karma.
[ 33 ] Nun kommen wir zu einer Antwort auf die Frage: Warum versammeln wir uns so oft? — Wir versammeln uns so oft, weil wir nicht nur unsere Erkenntnis bereichern wollen, wenn wir Lehren aufnehmen, sondern weil die Lehren, wenn sie in der richtigen Weise gegeben sind, geeignet sind, unseren Wesenskern immer stärker und kräftiger zu machen. Wir gießen einen geistigen Lebenssaft in unsere Angelegenheiten, wenn wir zusammenkommen und uns mit Anthroposophie beschäftigen. So ist Anthroposophie nicht eine Theorie, sondern ein Lebenstrank, ein Lebenselixier, das sich uns immer wieder in die Seele gießt, und von dem wir wissen, es macht die Seele immer stärker und immer kräftiger. Und wenn Anthroposophie nicht mehr das sein wird für die Menschen, was sie heute ist durch den Unverstand der äußeren Welt, wenn sie einmal eingreifen wird in unser ganzes geistiges Leben, dann werden die Menschen sehen, wie das Heil, auch des physischen Lebens, des ganzen äußeren Lebens von der Stärkung abhängt, die durch die anthroposophische Betrachtung, durch das anthroposophische Miterleben gewonnen werden kann. Es wird die Zeit kommen, wo solche anthroposophischen Versammlungen das wichtigste Stärkungsmittel für die Menschen werden können, so daß sie hinausgehen und sagen: Wir verdanken das, was wir können, unsere Gesundheit, unsere Kraft im Leben, dem Umstande, daß wir uns in unserem eigentlichen Wesenskern, in unserem Wesenszentrum immer aufs neue stärken! — Erst wenn die Menschen fühlen: Anthroposophie gibt ihnen durch die Einzelbetrachtungen dasjenige, was sie bis in den physischen Leib hinein kraftvoll und gesund macht, erst dann werden sie fühlen diese Mission der Anthroposophie. Und heute sollen diejenigen, welche sich mit der Anthroposophie beschäftigen, sich als Pioniere betrachten für die Anthroposophie als etwas Lebenstärkendes! Dann wird sie erst das rechte sein und erst den richtigen Angriffspunkt gewinnen können gegen etwas, was heute so vielfach lebenschwächend ist.
[ 33 ] Now we come to an answer to the question: Why do we gather so often? — We gather so often not only because we wish to enrich our understanding by absorbing teachings, but also because these teachings, when presented in the right way, are capable of making the core of our being ever stronger and more vigorous. We infuse our lives with a spiritual lifeblood when we come together and engage with anthroposophy. Thus, anthroposophy is not a theory, but a life-giving elixir that pours into our souls time and again, and which we know makes the soul ever stronger and more vigorous. And when anthroposophy is no longer what it is for people today—due to the lack of understanding in the outer world—when it eventually permeates our entire spiritual life, then people will see how salvation—including that of physical life and the whole of outer life—depends on the strengthening that can be gained through anthroposophical contemplation and through living anthroposophy. The time will come when such anthroposophical gatherings can become the most important source of strength for people, so that they go out and say: We owe what we are capable of, our health, and our strength in life to the fact that we continually renew our strength at the very core of our being, at the center of our being! — Only when people feel that anthroposophy, through its individual insights, gives them what makes them strong and healthy right down to their physical bodies—only then will they sense this mission of anthroposophy. And today, those who engage with anthroposophy should see themselves as pioneers for anthroposophy as something that strengthens life! Only then will it be what it truly is and only then will it be able to gain the right foothold against something that is so often life-weakening today.
[ 34 ] Da sei zum Schluß noch auf eines aufmerksam gemacht. Man hört heute kein Wort öfter als das Wort «erbliche Belastung». Wie könnte heute derjenige, der das Wort «erbliche Belastung» nicht mindestens alle Wochen drei- oder viermal im Munde führt, als ein gebildeter Mensch gelten? Ein gebildeter Mensch muß doch mindestens wissen, daß die gelehrte Medizin festgestellt hat, was erbliche Belastung im Menschenleben bedeutet! Wer nicht sagen kann, wenn da oder dort jemand nichts mit sich anzufangen weiß, der Betreffende sei erblich belastet, der ist kein gebildeter Mensch, sondern irgend etwas anderes, und unter diesem anderen vielleicht auch ein Anthroposoph. Hier beginnt das, wo die Wissenschaft des heutigen Lebens anfängt, nicht nur theoretisch zu irren, sondern wo sie anfängt, das Leben zu schädigen. Hier ist die Grenze, wo das Theoretische herankommt an das Moralische, wo es unmoralisch ist, eine falsche Theorie zu haben. Hier hängt die Lebenskraft, die Lebenssicherheit davon ab, gerade das Richtige zu wissen. Wer sich stärkt und kräftigt aus einer richtigen geistigen Anschauung in seiner Seele, indem er sich ein Lebenselixier zuführt, wozu wird der imstande sein?
[ 34 ] Finally, one more point deserves attention. No phrase is heard more often today than the phrase “hereditary predisposition.” How could anyone today who does not use the phrase “hereditary predisposition” at least three or four times a week be considered an educated person? An educated person must surely know, at the very least, that medical science has established what hereditary predisposition means in human life! Anyone who cannot say that when someone here or there does not know what to do with themselves, that person is genetically predisposed—such a person is not an educated person, but something else entirely, and among that “something else” perhaps even an anthroposophist. This is where the science of modern life begins not only to err theoretically, but also to cause harm to life itself. This is the boundary where the theoretical approaches the moral, where it is immoral to hold a false theory. Here, the life force and the security of life depend on knowing exactly what is right. Whoever strengthens and invigorates themselves through a correct spiritual perspective in their soul—by taking in an elixir of life—what will they be capable of?
[ 35 ] Was er auch vererbt erhalten haben mag, es sind Vererbungen im physischen Leibe, oder höchstens im Ätherleibe. Durch seine richtige Lebensanschauung wird er sich in seinem eigentlichen Wesenskern immer stärker und stärker machen und er wird besiegen, was erbliche Belastung ist, denn das Geistige, wenn es im richtigen Sinne vorhanden ist, ist imstande, das Körperliche auszugleichen. Wer sich aber nicht in seinem geistigen Wesenskern stärkt, wer da sagt: Das Geistige ist nur ein Produkt des Körperlichen -, der ist dann, weil er kein starkes Inneres hat, ausgeliefert den erblichen Belastungen, bei dem müssen sie schädlich wirken.
[ 35 ] Whatever he may have inherited, these are inheritances in the physical body, or at most in the etheric body. Through his correct outlook on life, he will grow stronger and stronger in his true inner core, and he will overcome whatever hereditary burden he carries, for the spiritual, when present in the true sense, is capable of balancing the physical. But whoever does not strengthen his spiritual core—whoever says, “The spiritual is merely a product of the physical”—is, because he lacks a strong inner life, at the mercy of hereditary burdens, which will inevitably have a harmful effect on him.
[ 36 ] Es ist gar kein Wunder, daß heute dasjenige, was man erbliche Belastung nennt, so furchtbare Wirkungen hat, weil man den Leuten erst die Macht der erblichen Belastung einredet und ihnen das nimmt, was dagegen wirkt. Man züchtet erst den Glauben an die erbliche Belastung und nimmt dann dem Menschen mit einer geistigen Weltanschauung die beste Kampfmethode gegen die erbliche Belastung. Man erfindet erst die Allmacht der erblichen Belastung, und dadurch wirkt sie dann. Man hat nicht nur eine falsche Ansicht, die Lebensfeindliches zur Wirksamkeit bringt, die dem Menschen die Waffen aus der Hand windet, sondern hier beginnt eine Theorie, die ganz und gar auf materialistischen Anschauungen fußt. Hier beginnt eine materialistische Weltanschauung ins Moralische hineinzuspielen und sie wirkt hier nicht bloß theoretisch falsch, sondern unmoralisch. Darüber kommt man auch nicht dadurch hinweg, daß man nur sagt: Diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellen, irren eben. Man braucht nicht zu stark mit denjenigen ins Gericht zu gehen, die solche Theorien aufstellen. Die einzelnen Vertreter der Wissenschaft sollen hier niemals getroffen werden, bei denen wird es verstanden; liebevoll kann es auch verstanden werden, daß sie darinnenstecken, daß sie zu solchen Irrtümern kommen müssen. Der eine kann sich nicht aus einer wissenschaftlichen Tradition herauswinden; bei dem anderen kann man es auch verzeihlich finden, denn er hat Weib und Kind und würde sich vielleicht in eine schiefe Lage bringen, wenn er sich nicht mehr zu den herrschenden Anschauungen bekennen wollte. Aber auf das Ganze als eine Zeiterscheinung muß aufmerksam gemacht werden, weil da die Wissenschaft anfängt, nicht nur falsche Theorien zu verbreiten, sondern dem Menschen die lebenfördernden Mittel aus der Hand zu winden, die als geistige Weltanschauung das Leben mit Kraft versorgen sollen, und die allein imstande sind, gegenüber der Macht, die sonst den Menschen überwältigen muß, gegen das Physische aufzukommen. Dieses Physische ist nur so lange eine überwältigende Macht, solange der Mensch in seinem Geistigen keine Kraft dagegen ausbildet. Bildet er diese Kraft aus, dann wird in ihm ein Kämpfer gegen alles Physische erwachsen.
[ 36 ] It is no wonder at all that what is called “hereditary predisposition” has such terrible effects today, because people are first convinced of the power of hereditary predisposition and then deprived of what counteracts it. First, the belief in hereditary predisposition is fostered, and then people with a spiritual worldview are deprived of the best means of combating it. First, the omnipotence of hereditary predisposition is invented, and through this it then takes effect. Not only do we have a false view that gives rise to forces hostile to life—a view that wrests the weapons from people’s hands—but here begins a theory based entirely on materialistic views. Here, a materialistic worldview begins to intrude into the moral realm, and it is not merely theoretically false but also immoral. Nor can one get past this simply by saying: “Those who make such claims are simply mistaken.” There is no need to be too harsh in judgment of those who put forward such theories. The individual representatives of science should never be targeted here; in their case, it is understood—and can even be understood with compassion—that they are caught up in this, that they are bound to arrive at such errors. One person may be unable to break free from a scientific tradition; in the case of another, one may find it forgivable, for he has a wife and children and might find himself in a difficult situation if he were no longer willing to adhere to prevailing views. But attention must be drawn to the phenomenon as a whole, because this is where science begins not only to spread false theories but also to wrest from people’s hands the life-sustaining means that, as a spiritual worldview, are meant to supply life with strength—and which alone are capable of standing up against the physical realm, a power that would otherwise overwhelm humanity. This physical realm remains an overwhelming force only as long as human beings do not develop spiritual strength to counter it. If they do develop this strength, then a fighter against all that is physical will arise within them.
[ 37 ] Wir können das nicht von heute auf morgen erhoffen. Aber diejenigen, welche die Dinge im wahren Sinne verstehen, sie werden nach und nach kennenlernen die geisteswissenschaftliche Auffassung in bezug auf Erscheinungen, denen gegenüber sich der Mensch zunächst ohnmächtig zeigt. Was sich da nicht ausgleicht in einem Leben, das gleicht sich aus im Gesamtleben. Und wenn wir das einzelne Leben, wie auch das Leben von Verkörperung zu Verkörperung betrachten, dann wird das Karmagesetz, richtig verstanden, nicht ein Gesetz sein, das uns jetzt niederdrücken kann, sondern-ein Gesetz, das uns Trost und Kraft geben wird und uns immer stärker machen wird. Ein Lebenskraftgesetz ist das Karmagesetz, und als solches sollen wir es auffassen. Es handelt sich nicht darum, daß wir einzelne Abstraktionen wissen, sondern daß wir die spirituellen Lebenswahrheiten im einzelnen im Leben verfolgen, und daß wir nie müde werden in der Erarbeitung der Geist-Erkenntnis, indem wir uns durchdringen mit den Einzelwahrheiten der Geistesforschung.
[ 37 ] We cannot expect this to happen overnight. But those who understand things in their true sense will gradually come to know the spiritual-scientific view regarding phenomena in the face of which human beings initially appear powerless. What is not balanced out in one life is balanced out in the totality of life. And when we consider the individual life, as well as life from incarnation to incarnation, then the law of karma, properly understood, will not be a law that can now weigh us down, but rather a law that will give us comfort and strength and make us ever stronger. The law of karma is a law of life force, and we should understand it as such. It is not a matter of knowing individual abstractions, but of pursuing the spiritual truths of life in their particular manifestations, and of never growing weary in the pursuit of spiritual knowledge by immersing ourselves in the individual truths of spiritual research.
[ 38 ] Wenn Sie sich das vor Augen halten, leben Sie im rechten Sinne anthroposophisch. Dann wissen Sie, warum wir uns nicht damit begnügen, dieses oder jenes Buch gelesen zu haben, sondern Anthroposophie als eine Herzensangelegenheit betrachten, die nicht aufhört, uns zu beschäftigen, auf die wir immer wieder gern zurückkommen, und von der wir wissen, daß, je öfter wir auf sie zurückkommen, sie uns immer mehr und mehr Lebensbereicherung geben kann.
[ 38 ] If you keep this in mind, you are living an anthroposophical life in the true sense. Then you will understand why we are not content merely to have read this or that book, but rather regard anthroposophy as a matter of the heart—one that never ceases to engage us, to which we gladly return time and again, and of which we know that the more often we return to it, the more and more it can enrich our lives.
