The Christ Impulse
and the Development of Self-Awareness
GA 116
8 May 1910, Berlin
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The Christ Impulse and the Development of Self-Awareness, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Am achten Mai, dem heutigen Tage, begehen wir als Theosophische Gesellschaft den Weißen Lotus-Tag, den man in der äußeren Welt, so wie sie ihre Bezeichnungen heute hat, als den Todestag bezeichnet der Anregerin jener geistigen Strömung, innerhalb welcher wir stehen. Uns liegt es näher, eine andere Bezeichnung für diese unsere Festlichkeit des heutigen Tages zu wählen, jene Bezeichnung, die aus unseren Erkenntnissen der geistigen Welt hergenommen ist und die etwa heißen müßte, der Übergang von einer Wirksamkeit innerhalb des physischen Planes zu einer anderen Wirksamkeit innerhalb der geistigen Welten. Denn uns ist es ja wohl eine nicht nur innigste Überzeugung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern eine immer mehr aufgehende Erkenntnis, daß wir es zu tun haben bei dem, was in der Außenwelt der Tod genannt wird, mit dem Übergang von einer Arbeit, einer Wirksamkeit, welche angeregt ist durch die Eindrücke der äußeren physischen Welt, zu einer solchen Wirksamkeit, welche angeregt ist unmittelbar aus der geistigen Welt. Und indem wir uns heute erinnern an die große Anregerin A. P. Blavatsky und an diejenigen, welche als führende Persönlichkeiten heute auch schon hinübergegangen sind in dieses geistige Reich, wollen wir insbesondere versuchen, uns eine Vorstellung davon zu bilden, wie wir selbst unsere geistige Bewegung halten, damit sie vorstellen kann eine Fortsetzung jener Wirksamkeit, welche die Gründerin vollbracht hat auf dem physischen Plan bis zu ihrem Abgang von demselben, eine Fortsetzung dieser Wirksamkeit auf der einen Seite, aber auch eine Möglichkeit dafür, daß diese Begründerin aus den geistigen Welten heraus fortwirken kann in unserer Gegenwart und in die Zukunft hinein.
[ 1 ] On May 8—today—we, as the Theosophical Society, commemorate White Lotus Day, which the outer world, using its current terminology, refers to as the anniversary of the death of the founder of the spiritual movement to which we belong. We prefer to choose a different term for today’s celebration—one derived from our understanding of the spiritual world—which might be called the transition from one form of activity on the physical plane to another form of activity in the spiritual worlds. For it is indeed not only a most heartfelt conviction in the ordinary sense of the word, but an increasingly clear realization that what is called “death” in the outer world is, in fact, the transition from a form of work—an activity inspired by the impressions of the outer physical world—to a form of activity inspired directly by the spiritual world. And as we remember today the great inspirer A. P. Blavatsky and those leading figures who have already passed into this spiritual realm, let us, in particular, try to form a conception of how we ourselves should conduct our spiritual movement so that it may represent a continuation of the work that the founder accomplished on the physical plane until her departure from it—a continuation of this work on the one hand, but also a means by which this founder can continue to work from the spiritual worlds into our present and into the future.
[ 2 ] An einem solchen Tage ziemt es sich wohl, daß wir gewissermaßen unterbrechen die Art und Weise, wie wir uns sonst in diesen Versammlungen den geisteswissenschaftlichen Betrachtungen und dem spirituellen Leben hingeben, und daß wir gleichsam eine Art Gewissenserforschung vornehmen, eine Art Rückschau auf das, was uns aus der theosophischen Bewegung heraus deren Wesen und deren Pflichten vor Augen führen kann, was uns auf der anderen Seite in einer Art von Vorschau vor Augen führen soll, was in der Zukunft diese theosophische Bewegung sein soll, was wir zu tun, was wir zu lassen haben.
[ 2 ] On a day like this, it is fitting that we, so to speak, take a break from the way we usually devote ourselves to spiritual scientific reflections and spiritual life in these gatherings, and that we, as it were, undertake a kind of examination of conscience—a kind of retrospective look at what the Theosophical Movement can reveal to us regarding its nature and its duties, and, on the other hand, a kind of preview of what this Theosophical Movement should be in the future, and what we ought to do and what we ought to avoid.
[ 3 ] Durch ganz besondere Umstände, durch gewisse geschichtliche Notwendigkeiten ist in der neueren Zeit das ins Leben gerufen worden, was wir als theosophische Bewegung behandeln. Sie wissen, daß es sich dabei nicht wie bei manchen anderen geistigen oder sonstigen Bewegungen oder Vereinigungen darum handelt, daß eine oder mehrere Persönlichkeiten diese oder jene Ideale sich vorsetzen, und weil sie für diese Ideale gerade aus den Bedingungen ihres Gemütes, ihres Herzens heraus begeistert sind, nun versuchen, andere Menschen auch dafür zu begeistern, um Vereine, Gesellschaften zu begründen und diese Ideale, für die sie persönlich entflammt sind, in Wirklichkeit umzusetzen. In dieser Weise dürfen wir die theosophische Bewegung, wenn wir sie richtig verstehen, nicht auffassen. Wir werden sie nur dann richtig verstehen, wenn wir sie auffassen als geschichtliche Notwendigkeit unseres gegenwärtigen Lebens, als etwas, was, gleichgültig, wie die Menschen darüber empfinden und fühlen mögen, kommen mußte, weil es sozusagen im Schoße der Zeit lag und geboren werden mußte. Als was kann denn diese theosophische Bewegung aufgefaßt werden? Aufgefaßst kann sie werden als ein Heruntersteigen, ein neues Heruntersteigen von geistigem Leben, von geistiger Weisheit und geistigen Kräften aus den übersinnlichen Welten in die sinnlich-physische Welt. Solches Heruntersteigen von geistigem Leben, geistiger Weisheit und geistigen Kräften mußte ja und wird in der Zukunft immer wieder geschehen müssen zur Fortentwickelung der Menschheit. Es kann natürlich heute nicht die Aufgabe sein, auf alle die einzelnen großen Impulse hinzuweisen, durch welche geistiges Leben heruntergeflossen ist aus den übersinnlichen Welten, damit sozusagen das altgewordene Seelenleben der Menschheit erneuert wurde. Das ist im Laufe der Zeit öfter geschehen. Nur auf einiges soll hingewiesen werden.
[ 3 ] Due to very special circumstances and certain historical necessities, what we refer to as the Theosophical Movement has come into being in recent times. You know that, unlike with some other spiritual or other movements or associations, this is not a matter of one or more individuals setting their sights on this or that ideal and, because they are inspired by these ideals precisely because of the state of their minds and hearts, they now try to inspire others as well, to found associations and societies, and to put into practice these ideals for which they are personally passionate. If we are to understand the Theosophical Movement correctly, we must not view it in this way. We will understand it correctly only if we view it as a historical necessity of our present life, as something that—regardless of how people may perceive or feel about it—was bound to come, because it lay, so to speak, in the womb of time and had to be born. How, then, can this Theosophical Movement be understood? It can be understood as a descent—a new descent—of spiritual life, spiritual wisdom, and spiritual powers from the supersensible worlds into the sensory-physical world. Such a descent of spiritual life, spiritual wisdom, and spiritual powers had to occur—and will have to occur again and again in the future—for the further development of humanity. Of course, it cannot be our task today to point out all the individual great impulses through which spiritual life has flowed down from the supersensible worlds in order to renew, so to speak, the aging soul life of humanity. This has happened frequently over the course of time. Only a few examples will be mentioned.
[ 4 ] In urferner Vergangenheit, nicht lange nachdem die große atlantische Katastrophe hereingebrochen war, die sich in den Überlieferungen der verschiedenen Völker als die Sintflutsage erhalten hat, da hat jener Impuls stattgefunden, den wir bezeichnen können als das Einfließen geistigen Lebens in die Menschheitsentwickelung durch die alten heiligen Rishis. Dann haben wir jenen anderen Strom geistigen Lebens, der herunterfließt in die Menschheitsbewegung durch den großen Zarathustra oder Zoroaster. Dann finden wir einen andern solchen Strom geistigen Lebens in dem, was dem alt-israelitischen Volke in der Moses-Offenbarung zugekommen ist. Und endlich haben wir den größten Impuls, das gewaltigste Hineinfließen übersinnlichen Lebens in die sinnliche Welt durch die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde. Der gewaltigste Impuls ist dies gegenüber aller Vergangenheit und, wie wir auch hervorgehoben haben, gegenüber aller Zukunft der Erdenentwickelung. Aber ebenso ist betont worden, daß immer neue Impulse kommen müssen, daß neues geistiges Leben und eine neue Art, das alte geistige Leben aufzufassen, einströmen muß in die Menschheitsentwickelung. Denn sonst würde der Baum der Menschheitsentwickelung, der grünen muß, wenn die Menschheit ihr Ziel der Entwickelung erreichen soll, dürr werden und absterben. Die gewaltige Christus-Lebenswelle, die eingeflossen ist in die menschliche Entwickelung, muß immer besser und besser begriffen werden durch neue geistige Impulse, die in unser Erdenleben einfließen.
[ 4 ] In the distant past, not long after the great Atlantic catastrophe had struck—an event preserved in the traditions of various peoples as the legend of the Flood—that impulse took place which we may describe as the infusion of spiritual life into human development through the ancient holy Rishis. Then we have that other stream of spiritual life, which flows down into the course of human history through the great Zarathustra, or Zoroaster. Then we find another such stream of spiritual life in what came to the ancient Israelite people through the revelation of Moses. And finally, we have the greatest impulse—the most powerful inflow of supersensory life into the sensory world—through the appearance of Christ Jesus on Earth. This is the most powerful impulse in comparison to all of the past and, as we have also emphasized, in comparison to the entire future of Earth’s evolution. But it has also been emphasized that ever-new impulses must come, that new spiritual life and a new way of understanding the old spiritual life must flow into human evolution. For otherwise, the tree of human evolution—which must remain green if humanity is to reach its evolutionary goal—would wither and die. The mighty wave of Christ-life that has flowed into human development must be understood ever more deeply through new spiritual impulses that flow into our earthly life.
[ 5 ] Als nun unser Zeitalter heranrückte, unser 19. Jahrhundert, da war für die Menschheitsentwickelung wieder eine Zeit gekommen, welche einen neuen Einschlag, einen neuen Lebensimpuls forderte. Wieder mußten herunterfließen aus den übersinnlichen Welten in unsere sinnliche Welt hinein neue Anregungen, neue Offenbarungen. Das war eine Notwendigkeit, die man hätte empfinden sollen auf der Erde selber, die man aber namentlich empfand in jenen Regionen, von denen die Lenkung allen Erdenlebens ausgeht in den geistigen Regionen. Es wäre nur kurzsichtige menschliche Betrachtung, wenn man sich etwa sagen wollte: Ach, wozu immer neues Einfließen von ganz neuen Wahrheitsarten? Wozu immer neue Erkenntnisse und neue Lebensimpulse? Was im Christentum zum Beispiel gegeben ist, das ist ja gegeben, und das könnte einfach in der gleichen Weise fortleben!
[ 5 ] As our era—the 19th century—approached, a time had once again come in human development that called for a new direction, a new impulse of life. Once again, new inspirations and new revelations had to flow down from the supersensible worlds into our sensory world. This was a necessity that should have been felt on Earth itself, but which was felt most keenly in those regions of the spiritual realm from which the guidance of all earthly life emanates. It would be nothing but short-sighted human thinking to say, for example: “Oh, why do we always need a fresh influx of entirely new kinds of truth? Why do we always need new insights and new life forces? What is given in Christianity, for example, is already there, and it could simply continue to live on in the same way!”
[ 6 ] Diese Betrachtungsweise wäre vor einem höheren Gesichtspunkt eine eminent egoistische. Das ist sie wirklich! Und daß sich solche egoistische Betrachtungsweise gerade bei denjenigen Menschen heute so häufig geltend macht, welche glauben, recht fromm und religlös zu sein, das ist um so mehr ein Beweis dafür, daß es eine Auffrischung des geistigen Lebens bedarf. Wie oft hören wir heute die Redensart: Wozu die neuen geistigen Strömungen? Wir haben die alten Überlieferungen, was uns durch die geschichtlichen Zeiten herauf erhalten worden ist, lassen wir uns das nicht verderben durch dasjenige, was die wissen wollen, die nur immer vorgeben, alles besser zu wissen! — Das ist ein egoistischer Ausdruck der menschlichen Seele. Nur wissen die nicht, welche ihn tun, daß er ein so eminent egoistischer ist. Denn die ihn tun, wollen gleichsam nur für die Bedürfnisse der eigenen Seele sorgen. Sie fühlen in sich selber: Wir sind ja zufrieden mit dem, was wir haben! — Und nun stellen sie das Dogma, das furchtbare Gewissensdogma auf: Wenn wir zufrieden sind in unserer Art, dann müssen die, welche von uns lernen sollen, die unsere Nachkommen sind, in gleicher Art zufrieden sein wie wir. Alles muß nach unserem Herzen, nach unserem Wissen gehen! — das ist eine Redensart, die man in der äußeren Welt sehr, sehr oft hört. Und es ist nicht bloß Engigkeit der Seele, es ist etwas, was verknüpft ist mit dem, was eben gekennzeichnet worden ist als ein egoistischer Zug dieser Menschenseele. Und im religiösen Leben können unter der Maske der Frömmigkeit die Seelen vielleicht gerade am alleregoistischsten sein.
[ 6 ] From a higher perspective, this way of thinking would be eminently selfish. And indeed it is! And the fact that such a selfish way of thinking is so prevalent today, particularly among those who believe themselves to be truly devout and religious, is all the more proof that a renewal of spiritual life is needed. How often do we hear the saying today: “Why do we need these new spiritual movements? We have the old traditions—what has been handed down to us through the ages—let us not allow them to be corrupted by the ideas of those who always pretend to know everything better!” — That is a selfish expression of the human soul. But those who utter it do not realize that it is such an eminently selfish one. For those who utter it want, as it were, only to care for the needs of their own souls. They feel within themselves: “We are, after all, satisfied with what we have!” — And now they establish the dogma, that dreadful dogma of conscience: If we are content in our own way, then those who are to learn from us—our descendants—must be content in the same way as we are. Everything must go according to our heart’s desire, according to our knowledge! — That is a saying one hears very, very often in the outer world. And it is not merely narrowness of soul; it is something connected to what has just been characterized as a selfish trait of the human soul. And in religious life, under the mask of piety, souls may in fact be the most selfish of all.
[ 7 ] Ein Blick in unsere Umwelt, wenn wir ihn mit Verständnis tun wollen, könnte gerade jene Menschen, denen es ernst ist mit der geistigen Entwickelung der Menschheit, das eine lehren: daß die Menschenseele sich entwickelt, und daß immer mehr und mehr von jener Art und Weise abbröckelt, wie man durch Jahrhunderte hindurch den Blick hingelenkt hat gerade auf den größten Impuls der Menschheitsentwickelung, auf den Christus-Impuls. Ich erwähne sonst nicht gern zeitgenössische Dinge, weil das, was heute im äußeren geistigen Leben geschieht, wirklich zumeist zu unbedeutend ist, als daß? es dem ernsten Betrachter tiefere Seiten ansprechen könnte. Aber dem Zeitbetrachter sollte es dennoch eine Gewissensfrage sein, was vielfach heute im geistigen Leben geschieht. Man konnte in den letzten Wochen zum Beispiel in Berlin fast vor keiner Anschlagsäule vorbeigehen, ohne darauf die Ankündigung eines Vortrages oder einer Versammlung zu finden mit dem Thema: Hat Jesus gelebt? Sie alle wissen vielleicht, daß die Anregung zu dieser Diskussion, die in den weitesten Kreisen gepflogen worden ist, zum Teil mit recht radikalen Waffen, gegeben hat die Anschauung eines deutschen Philosophie-Professors — eines Schülers des Verfassers der «Philosophie des Unbewußten», Eduard von Hartmann -— des Professors Dr. Arthur Drews, und besonders dessen Buch «Die Christus-Mythe». Was in diesem Buche zu finden ist, das ist dann weiter bekanntgeworden durch einen Vortrag des Professors Drews, der hier in Berlin gehalten worden ist unter dem Titel «Hat Jesus gelebt?»
[ 7 ] A look at our surroundings—if we wish to do so with understanding—could teach precisely those people who are serious about the spiritual development of humanity one thing: that the human soul is evolving, and that more and more of the way in which, for centuries, attention has been directed precisely toward the greatest impulse in human development—the Christ impulse—is crumbling away. I don’t usually like to mention contemporary matters, because what is happening today in external spiritual life is, for the most part, truly too insignificant to appeal to the serious observer on a deeper level. But for the observer of our times, what is happening in spiritual life today should nonetheless be a matter of conscience. In recent weeks, for example, in Berlin, one could hardly walk past a single poster column without finding an announcement for a lecture or a meeting on the topic: “Did Jesus Live?” You may all know that the impetus for this discussion—which has been conducted in the widest circles, in part with quite radical means—was provided by the views of a German professor of philosophy—a student of the author of The Philosophy of the Unconscious, Eduard von Hartmann—Professor Dr. Arthur Drews, and especially his book The Christ Myth. What is found in this book became further known through a lecture by Professor Drews, which was given here in Berlin under the title “Did Jesus Live?”
[ 8 ] Nun kann es heute natürlich nicht meine Aufgabe sein, auf die Einzelheiten der Drewsschen Betrachtungen einzugehen. Ich will nur einige Hauptgedanken vor Ihre Seele hinstellen. Der Verfasser der «Christus-Mythe», also ein moderner Philosoph, der in Anspruch nimmt, die Wissenschaft und das Denken unserer Zeit in sich zu tragen, nimmt die einzelnen Urkunden durch, aus denen man geschichtlich feststellen will, daß eine gewisse Persönlichkeit, die den Namen Jesus von Nazareth getragen hat, im Beginne unserer christlichen Zeitrechnung gelebt hat. Und er versucht aus dem, was die Kritik, was die Wissenschaft ihrerseits festgestellt hat, etwas zusammenzustellen, was sich ihm dann etwa so ergibt, daß er sagt: Sind etwa die einzelnen Evangelien historische Urkunden, aus denen man beweisen kann, daß Jesus wirklich gelebt hat? — Und er nimmt nun alles, was moderne Theologie von dieser oder jener Seite geboren hat, und versucht zu zeigen, daß keines der Evangelien eine historische Urkunde sein könne, und daß man nicht beweisen könne aus den Evangelien, daß Jesus gelebt hat. Und da versucht er zu zeigen, daß auch alle anderen Nachrichten rein geschichtlicher Art, die die Menschen haben, unmaßgeblich sind, so daß aus ihnen nicht geschlossen werden könne auf einen historischen Jesus.
[ 8 ] Of course, it is not my task today to go into the details of Drews’s reflections. I simply wish to present a few main ideas for your consideration. The author of The Christ Myth—a modern philosopher who claims to embody the science and thought of our time—examines the individual historical documents from which one seeks to establish that a certain figure named Jesus of Nazareth lived at the beginning of the Christian era. And he attempts, based on what criticism and scholarship have established, to piece together something that leads him to ask: Are the individual Gospels historical documents from which one can prove that Jesus really lived? — And he now takes everything that modern theology has produced from this or that perspective and attempts to show that none of the Gospels can be a historical document, and that one cannot prove from the Gospels that Jesus lived. And there he attempts to show that all other accounts of a purely historical nature that people have are also inconclusive, so that one cannot infer a historical Jesus from them.
[ 9 ] Nun weiß jeder, der die Dinge kennt, daß, rein äußerlich betrachtet, diese Betrachtungsweise des Professors Drews ja viel für sich hat und gerade wie eine Art Resultat moderner theologischer Kritik auftritt. Auf die Einzelheiten will ich mich dabei nicht einlassen. Denn gerade darauf kommt es an, daß in unserer Zeit die Behauptung aufgestellt werden kann von jemandem, der die Wissenschaftlichkeit von der philosophischen Seite in sich zu tragen meint, daß er sagt: Es gibt keine historischen Dokumente, aus denen man nachweisen kann, daß Jesus gelebt hat; die historischen Dokumente, aus denen man das beweisen will, sind alle nicht maßgebend. -— Woran sich nun Drews hält und alle, die mit ihm gehen, das ist das, was wir von dem Apostel Paulus haben. Es gibt sogar schon neuere Menschen, die auch die Echtheit der gesamten Paulus-Briefe bezweifeln, aber da der Verfasser der «Christus-Mythe» nicht so weit geht, brauchen wir uns auch nicht dabei aufzuhalten. Über Paulus sagt Drews nun folgendes: Paulus ging nicht aus von einer etwaigen persönlichen Bekanntschaft mit dem Jesus von Nazareth, sondern von dem, was er als Offenbarung gehabt hat in dem Ereignis von Damaskus. — Wir wissen, daß das absolut wahr ist. Nun kommt aber Drews zu folgender Anschauung. Was bildete sich nun Paulus für einen Christus-Begriff? Er bildete sich den Begriff eines rein geistigen Christus, der in jeder Menschenseele sozusagen wohnen kann und sich in jeder Menschenseele nach und nach verwirklichen kann. Aber nirgends gäbe es für Paulus eine Notwendigkeit, diesen Christus, den er als ein rein geistiges Wesen ansieht, gegenwärtig zu haben in dem, was ein doch nicht historisch nachweisbarer Jesus gewesen wäre. Daher könnte man sagen: Ob ein historischer Jesus gelebt hat oder nicht, das weiß man nicht; das Christus-Bild des Paulus ist ein rein geistiges, eine reine Idee, die nur etwas wiedergibt, was in jeder Menschenseele als ein Vervollkommnungsimpuls, als eine Art Gott im Menschen leben kann. - Nun weist der Verfasser der «Christus-Mythe» weiter darauf hin, daß gewisse Vorstellungen, ähnlich wie die des Christus Jesus der Christen auch schon vorher vorhanden waren als eine Art vorchristlicher Jesus, und bei verschiedenen orientalischen Völkern weist er den Messias-Begriff nach. Dadurch sieht sich Drews doch genötigt, sich zu fragen: Wodurch unterscheidet sich denn eigentlich die Idee des Christus — von der sich auch in seinem Sinne nicht leugnen läßt, daß Paulus sie gehabt hat —, wodurch unterscheidet sich dieses Bild des Christus in Kopf und Herz des Paulus von dem, was man als Messias-Begriff schon vorher gehabt hat? Und da sagt Drews: Die Menschen vor Paulus haben ein ChristusBild eines Gottes, ein Messias-Bild eines Gottes gehabt, der nicht wahrhaft Mensch geworden ist, der nicht bis zur individuellen Menschlichkeit hinuntergestiegen ist. Sie haben sozusagen in ihren verschiedenen Festen, Mysterien und so weiter wie einen symbolischen Vorgang gefeiert: Leiden, Tod und Auferstehung; aber das haben sie nicht gehabt, daß ein einzelner Mensch auf der physischen Erde wirklich Leiden, Tod und Auferstehung durchgemacht hätte. Das war also gleichsam eine allgemeine Idee. Und nun fragt sich der Verfasser der «Christus-Mythe»: Worinnen besteht nun das Neue bei Paulus? Wie hat Paulus selber die Idee des Christus fortgebildet?
[ 9 ] Now, anyone familiar with the subject knows that, viewed purely from the outside, Professor Drews’s perspective certainly has much going for it and appears precisely as a kind of outcome of modern theological criticism. I do not wish to go into the details here. For the crucial point is that in our time, someone who believes he embodies scientific rigor from a philosophical perspective can assert: There are no historical documents from which one can prove that Jesus lived; the historical documents from which one seeks to prove this are all inconclusive. — What Drews and all who follow him rely on is what we have from the Apostle Paul. There are even some more recent scholars who doubt the authenticity of the entire collection of Paul’s epistles, but since the author of The Christ Myth does not go that far, we need not dwell on that either. Drews says the following about Paul: Paul did not proceed from any personal acquaintance with Jesus of Nazareth, but from what he experienced as a revelation during the event on the road to Damascus. — We know that this is absolutely true. But Drews then arrives at the following view. What kind of concept of Christ did Paul form? He formed the concept of a purely spiritual Christ who, so to speak, can dwell in every human soul and can gradually become a reality within every human soul. But for Paul, there was nowhere a necessity to have this Christ—whom he regards as a purely spiritual being—present in what would have been a Jesus who, after all, cannot be historically verified. Therefore, one could say: Whether or not a historical Jesus lived is unknown; Paul’s image of Christ is a purely spiritual one, a pure idea that merely reflects something that can live within every human soul as an impulse toward perfection, as a kind of God within man. - Now, the author of The Christ Myth further points out that certain conceptions, similar to those of the Christian Jesus Christ, already existed beforehand as a kind of pre-Christian Jesus, and he traces the concept of the Messiah among various Eastern peoples. This compels Drews to ask himself: How, then, does the idea of Christ—which, even from his perspective, cannot be denied that Paul held—how does this image of Christ in Paul’s mind and heart differ from what was already understood as the concept of the Messiah? And here Drews says: The people before Paul had an image of Christ as a god, an image of the Messiah as a god who had not truly become human, who had not descended to the level of individual humanity. In their various festivals, mysteries, and so on, they celebrated, so to speak, a symbolic process: suffering, death, and resurrection; but they did not have the concept of a single human being on the physical earth who had truly undergone suffering, death, and resurrection. So this was, as it were, a general idea. And now the author of The Christ Myth asks: What, then, is new in Paul? How did Paul himself develop the idea of Christ further?
[ 10 ] Da sagt nun Drews selber: Das ist der Fortschritt, den Paulus gemacht hat gegenüber dem Früheren, daß er sich nicht bloß vorstellte einen allgemeinen, in den höheren Regionen schwebenden Gott, sondern einen Gott, der individueller Mensch geworden ist. — Also ich bitte noch einmal darauf zu achten: Im Sinne des Verfassers der «Christus-Mythe» stellt sich Paulus einen Christus vor, der wirklich individueller Mensch geworden ist. Aber jetzt kommt das höchst eigentümliche: Paulus sollte jetzt bei der Idee bloß stehengeblieben sein, das heißt, Paulus sollte die Idee eines Christus, der wirklich Mensch geworden ist, gefaßt haben, aber dieser Christus als Mensch sollte für Paulus nicht existiert haben! Paulus sollte sich gesagt haben: Die höchste Idee ist die, daß ein Gott, ein Christus, nicht nur in den höheren Regionen schwebt, sondern daß er heruntergestiegen ist auf die Erde und Mensch geworden ist; er habe aber jetzt nicht im Sinne gehabt, daß dieser Christus wirklich auf der Erde in einem Menschen gelebt habe — das heißt: Der Verfasser der «Christus-My the» schiebt dem Paulus einen Christus-Begriff zu, der in sich selber ein Hohn ist auf jedes gesunde Denken. Paulus sollte gesagt haben: Der Christus muß wirklich ein individueller Mensch gewesen sein, aber ich leugne, trotzdem ich ihn predige, daß dieser Christus historisch gelebt hat!
[ 10 ] Here Drews himself says: “This is the progress Paul made compared to earlier times—that he did not merely imagine a general God hovering in the higher realms, but a God who had become an individual human being.” — So I ask you once again to pay attention: In the view of the author of The Christ Myth, Paul conceives of a Christ who has truly become an individual human being. But now comes the most peculiar part: Paul should have stopped at the idea alone—that is, Paul should have grasped the idea of a Christ who has truly become human, but this Christ as a human being should not have existed for Paul! Paul is supposed to have told himself: The highest idea is that a God, a Christ, does not merely hover in the higher realms, but that he has descended to earth and become human; however, he did not mean to say that this Christ actually lived on earth in a human being—that is to say: The author of The Christ Myth attributes to Paul a concept of Christ that is in itself a mockery of all sound thinking. Paul is said to have claimed: “Christ must truly have been an individual human being, but I deny—even as I preach him—that this Christ lived historically!”
[ 11 ] Das ist der Kernpunkt der Sache, worum es sich handelt, und der sich uns darstellt nicht als etwas, wozu man viel theologisch-kritische Gelehrsamkeit brauchte, um ihn zu widerlegen, sondern da kann der Verfasser der «Christus-Mythe» durchaus als Philosoph angefaßt werden. Denn dieser Christus-Begriff ist auch nur philosophisch gefaßt, unmöglich. Der paulinische Christus-Begriff, wenn man ihn nur im Sinne von Drews nimmt, kann gar nicht bestehen, ohne daß der historische Jesus angenommen wird. So fordert also dieses Buch von Drews selber die Existenz eines historischen Jesus. Es kann also heute in den weitesten Kreisen ein Buch als ernste wissenschaftliche Arbeit angesehen werden, das in seinem Mittelpunkt einen solchen Widerspruch hat, daß es aller inneren Logik Hohn spricht! Es ist möglich, daß heute das menschliche Denken solche krummen Wege nimmt! Woher kommt das? Wer sich klar werden wollte über die Entwickelung der Menschheit, der sollte sich diese Frage beantworten: Woher kommt das?
[ 11 ] This is the crux of the matter at hand, which presents itself to us not as something that requires a great deal of theological-critical scholarship to refute, but rather as a point on which the author of The Christ Myth can certainly be engaged as a philosopher. For this concept of Christ—even when understood purely philosophically—is untenable. The Pauline concept of Christ, if taken solely in Drews’s sense, cannot stand at all without accepting the historical Jesus. Thus, this book actually demands, of Drews himself, the existence of a historical Jesus. It is thus possible today, even in the broadest circles, for a book to be regarded as a serious scholarly work when it contains at its core such a contradiction that it makes a mockery of all internal logic! It is possible that human thought takes such crooked paths today! Where does this come from? Anyone who wishes to gain clarity about the development of humanity should answer this question: Where does this come from?
[ 12 ] Das kommt daher, daß über dasjenige, was die Menschen in diesem oder jenem Zeitalter glauben oder denken, zuletzt nicht ihre Logik entscheidet, sondern ihre Empfindungen und Gefühle, das heißt, was sie glauben und denken möchten. Und es liegt im tiefsten Zug gerade derjenigen, welche den Christus-Begriff für das kommende Zeitalter vorbereiten, daß sie aus ihrem Herzen heraus alles ausschließen wollen, was in äußeren Urkunden enthalten ist, dabei-aber auch wieder den Drang haben, alles durch äußere Dokumente beweisen zu wollen. Diese Urkunden aber verlieren, wenn man sie rein materiell betrachtet, nach einer bestimmten Zeit ihren Wert. Die Zeit wird kommen und gerade so, wie sie kam für Homer und heute schon da ist für Shakespeare, so wird sie für Goethe kommen, daß man wird nachzuweisen versuchen, daß ein historischer Goethe niemals existiert hat. Historische Urkunden, rein materiell gefaßt, müssen ihren Wert mit der Zeit verlieren. Was ist also notwendig, da wir heute bereits in einem Zeitalter stehen, welches in seinen besten Vertretern so denken kann, daß aus einem Drange des Herzens heraus das Ziel entsteht, den historischen Christus wegzuleugnen? Was ist notwendig als ein neuer Einschlag des geistigen Lebens? — Die Möglichkeit ist notwendig, auf geistige Art den historischen Jesus zu begreifen.
[ 12 ] This is because, ultimately, it is not people’s logic that determines what they believe or think in this or that age, but rather their sensations and feelings—that is, what they wish to believe and think. And it is a fundamental trait of precisely those who are preparing the concept of Christ for the coming age that they wish to exclude from their hearts everything contained in external documents, yet at the same time feel the urge to prove everything through external documents. These documents, however, when viewed purely from a material standpoint, lose their value after a certain time. The time will come—just as it came for Homer and has already arrived for Shakespeare, and will come for Goethe—when people will attempt to prove that a historical Goethe never existed. Historical documents, viewed purely in material terms, must lose their value over time. What, then, is necessary, since we are already living in an age in which its finest representatives are capable of thinking in such a way that, out of an impulse of the heart, the goal arises to deny the historical Christ? What is necessary as a new direction in spiritual life? — What is necessary is the possibility of comprehending the historical Jesus in a spiritual way.
[ 13 ] Was ist ein anderer Ausdruck für diese Tatsache?
[ 13 ] What is another way to describe this fact?
[ 14 ] Daß Paulus von dem Ereignis von Damaskus ausgegangen ist, wissen wir alle. Und wir wissen auch, daß das für ihn die große Offenbarung war, während alles, was er hören konnte in Jerusalem, als unmittelbare Nachrichten auf dem physischen Plan, nicht geeignet war, aus einem Saulus einen Paulus zu machen. Was ihn überzeugte, das war die Offenbarung von Damaskus aus den geistigen Welten heraus. Erst dadurch ist das Christentum wirklich entstanden und daraus hat Paulus die Kraft geschöpft, den Christus zu verkündigen. Aber hat er daraus die bloße abstrakte Idee gewonnen, die in sich widerspruchsvoll ist? Nein! Sondern aus dem, was er in den geistigen Welten gesehen hat, hatte er die Überzeugung gewonnen, daß der Christus auf der Erde gelebt, gelitten hat, gestorben und auferstanden ist. «Wäre Christus nicht auferstanden, so wäre meine Lehre nichtig!» das hat Paulus mit Recht gesprochen. Er hat aus den geistigen Welten heraus nicht bloß die Idee des Christus bekommen, sondern die Wirklichkeit von dem Christus, der auf Golgatha gestorben ist. Für ihn war damit der Beweis geliefert für den historischen Jesus.
[ 14 ] We all know that Paul’s journey began with the event in Damascus. And we also know that this was the great revelation for him, whereas everything he could hear in Jerusalem—as immediate news on the physical plane—was not sufficient to transform Saul into Paul. What convinced him was the revelation at Damascus, coming from the spiritual worlds. It was only through this that Christianity truly came into being, and from this Paul drew the strength to proclaim Christ. But did he derive from it merely an abstract idea that is inherently contradictory? No! Rather, from what he saw in the spiritual worlds, he gained the conviction that Christ lived on earth, suffered, died, and rose again. “If Christ had not risen, my teaching would be in vain!”—Paul spoke these words with good reason. From the spiritual worlds, he received not merely the idea of Christ, but the reality of the Christ who died on Golgotha. For him, this provided proof of the historical Jesus.
[ 15 ] Rückt nun die Zeit heran, wo durch den Materialismus des Zeitalters die historischen Urkunden ihren Wert verlieren und jeder mit leichter Mühe zeigen kann, daß sie für die Kritik so brüchig werden, daß man auf äußere historische Art nichts beweisen kann, was ist dann notwendig? Dann müssen die Menschen erkennen lernen, daß man den Christus als historischen Jesus auch ohne historische Urkunden erkennen kann dadurch, daß sich das Ereignis von Damaskus für jeden Menschen durch Schulung, oder sogar in der nächsten Zukunft für die ganze Menschheit, erneuern kann, so daß es dadurch möglich ist, eine Überzeugung von dem historischen Jesus zu gewinnen. Das ist die neue Art, die in die Welt kommen muß, diesen Weg zu finden zu dem historischen Jesus. Denn ob Tatsachen, die geschehen sind, richtig oder unrichtig sind, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß sie da sind. Nicht darauf kommt es an, daß ein Buch wie «Die Christus-Mythe» diese oder jene Irrtümer enthält, sondern, daß es geschrieben werden konnte. Das zeigt, daß wir ganz andere Methoden notwendig haben, damit der Christus der Menschheit erhalten bleibt und wiedergefunden werden kann. Wer an die Menschheit denkt und an ihre Bedürfnisse und an die Art, wie die Menschenseele sich äußert, der wird sich nicht auf den Standpunkt stellen: Was gehen mich die Menschen alle an, die anders denken? Ich habe meine Überzeugung, für mich genügt das! - Die meisten ahnen gar nicht, was für ein furchtbarer Egoismus gerade darinnen liegt.
[ 15 ] If the time is now approaching when, due to the materialism of the age, historical documents lose their value and anyone can easily demonstrate that they have become so fragile in the face of criticism that nothing can be proven through external historical means, what is necessary then? Then people must learn to recognize that Christ, as the historical Jesus, can be recognized even without historical documents—through the fact that the Damascus experience can be renewed for every individual through spiritual training, or even, in the near future, for all of humanity—so that it becomes possible to gain a conviction regarding the historical Jesus. This is the new way that must come into the world: to find this path to the historical Jesus. For whether facts that have occurred are true or false is not what matters; what matters is that they exist. It does not matter that a book like The Christ Myth contains this or that error; what matters is that it could be written. This shows that we need entirely different methods so that the Christ may be preserved for humanity and rediscovered. Anyone who thinks of humanity and its needs, and of the way the human soul expresses itself, will not take the stance: “What business is it of mine what all those people who think differently think? I have my convictions; that is enough for me!”—Most people have no idea what a terrible form of selfishness lies precisely in that attitude.
[ 16 ] Es war nicht irgendeine äußere Idee, ein äußeres Ideal oder eine persönliche Liebhaberei, daß eine Bewegung entstand, durch welche die Menschen lernen sollten, daß es möglich ist, einen Weg in die geistige Welt hinauf zu finden, und daß unter dem, was dort zu finden ist, auch der Christus gefunden werden kann, sondern aus einer Notwendigkeit heraus ist diese Bewegung entstanden. Diese Notwendigkeit stellte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein, und ihr entsprechend sollten die Möglichkeiten herunterfließen aus den geistigen Welten in die physische Welt, durch welche die Menschen fähig werden, die geistige Wahrheit auf eine neue Art und Weise zu gewinnen, weil die alte abgestorben war. Und wie haben wir im Laufe dieses Winters gesehen, wie fruchtbar sich dieser Weg erweist!
[ 16 ] It was not merely some external idea, an external ideal, or a personal hobby that gave rise to a movement through which people were to learn that it is possible to find a path upward into the spiritual world, and that among what can be found there, Christ can also be found; rather, this movement arose out of necessity. This necessity arose in the course of the 19th century, and in response to it, possibilities were to flow down from the spiritual worlds into the physical world, enabling people to gain spiritual truth in a new way, because the old way had died out. And as we have seen over the course of this winter, how fruitful this path is proving to be!
[ 17 ] Wir haben es immer wieder betont: Das erste, was wir zu tun haben innerhalb unserer Bewegung, ist nicht, zu fußen auf irgendeiner Urkunde oder einem äußeren Dokument, sondern zuerst zu fragen: Was gibt uns das hellseherische Bewußtsein, wenn wir hinaufsteigen in die geistigen Welten? Was sagt das unabhängige geistige Bewußtsein, wenn durch irgendeine Katastrophe alle historischen Hinweise auf den historischen Jesus, auf die Evangelien und auch auf die Paulus-Briefe verlorengegangen wären? Was sagt der Weg, der jeden Tag und jede Stunde angetreten werden kann, von den geistigen Welten? Er sagt: Du findest in den geistigen Welten den Christus, und wenn du auch nichts historisch davon weißt, daß der Christus auf der Erde da war in der Zeit, wo unsere Zeitrechnung beginnt! Das ist die Tatsache, die durch eine Erneuerung des Ereignisses von Damaskus immer wieder festgestellt werden kann: Es gibt einen ursprünglichen Beweis für die historische Persönlichkeit des Jesus von Nazareth! Und wie nicht bloß an der Schultafel für einen Schüler gesagt wird: Du mußt glauben, daß die drei Winkel eines Dreiecks 180 Grad sind, “weil irgendwann im Altertum ein Mensch das einmal festgestellt hat! — sondern wie wir ihm heute beweisen können, daß die drei Winkel eines Dreiecks 180 Grad betragen, so zeigen wir heute aus dem geistigen Bewußtsein heraus, daß der Christus nicht nur immer da war, sondern daß der historische Jesus gefunden werden kann in den geistigen Welten, daß er eine Realität ist und gerade eine Realität für die Zeit, die uns überliefert worden ist.
[ 17 ] We have emphasized this time and again: The first thing we must do within our movement is not to rely on any charter or external document, but first to ask: What does clairvoyant consciousness reveal to us when we ascend into the spiritual worlds? What does independent spiritual consciousness tell us if, as a result of some catastrophe, all historical references to the historical Jesus, to the Gospels, and also to the Epistles of Paul were lost? What does the path—which can be taken every day and every hour—reveal about the spiritual worlds? It says: You will find the Christ in the spiritual worlds, even if you know nothing historically about the fact that the Christ was here on Earth at the time when our calendar began! This is the fact that can be established again and again through a renewal of the Damascus experience: There is original proof of the historical personality of Jesus of Nazareth! And just as a student is not merely told at the blackboard: “You must believe that the sum of the angles of a triangle is 180 degrees ‘because at some point in antiquity a person once determined that to be true’! — but just as we can prove to him today that the three angles of a triangle total 180 degrees, so too do we demonstrate today, from a spiritual perspective, that Christ has not only always been there, but that the historical Jesus can be found in the spiritual worlds, that he is a reality—and indeed a reality for the era that has been handed down to us.
[ 18 ] Dann gingen wir weiter und zeigten, wie dasjenige, was wir durch geistige Erkenntnis ohne die Evangelien festgestellt haben, sich wiederfindet in den Evangelien. Und jetzt empfinden wir für die Evangelien jene hohe Achtung und Schätzung, die durch nichts überboten werden kann, weil wir in ihnen wiederfinden, was wir unabhängig von den Evangelien in den geistigen Welten gefunden haben, und wir wissen Jetzt: Also müssen sie aus denselben Quellen übersinnlicher Erleuchtung hervorgegangen sein, aus denen wir heute schöpfen, müssen Urkunden aus den geistigen Welten sein.
[ 18 ] Then we continued and showed how what we had established through spiritual knowledge—without the Gospels—is reflected in the Gospels. And now we feel for the Gospels that high regard and esteem that cannot be surpassed by anything, because we find in them what we discovered independently of the Gospels in the spiritual worlds, and we now know: They must therefore have sprung from the same sources of supersensible enlightenment from which we draw today; they must be documents from the spiritual worlds.
[ 19 ] Daß eine solche Betrachtung überhaupt möglich ist, daß also geistiges Leben einrückt in menschliche Wissenschaftlichkeit, das ist der Sinn dessen, was wir theosophische Bewegung nennen. Und damit das, was geschehen mußte, geschehen konnte, dazu mußte die Anregung gegeben werden durch die Theosophische Gesellschaft. Das ist die eine Seite der Sache. Die andere Seite ist die, daß diese Anregung gerade hineinfallen mußte in eine Zeit, die dafür am wenigsten reif war. Das zeigt sich gerade daran, daß heute, nachdem die theosophische Bewegung bereits dreißig Jahre in der Welt ist, noch immer das Lied fortdauert von dem «unhistorischen Jesus» und so weiter. Wieviel weiß man denn heute außerhalb unserer Bewegung, daß es möglich ist, den historischen Jesus ganz anders zu finden, als durch die äußeren Urkunden? Man setzt fort, was man im 19. Jahrhundert getan hat: die Autorität der religiösen Urkunden zu untergraben. So war die Notwendigkeit, daß diese neue Möglichkeit der Menschheit gegeben werden mußte, die denkbar größte, und auf der anderen Seite waren die Vorbereitungen der Menschen, um diese Offenbarungen entgegenzunehmen, die denkbar geringsten. Oder glauben Sie vielleicht, daß die Menschen, daß die Philosophen von heute dafür besonders reif gewesen wären? Wie weit die Philosophen am Anfange des 20. Jahrhunderts sind, sehen Sie an der Idee, welche sie über den Christus des Paulus fassen. Wer das wissenschaftliche Leben kennt, der weiß, daß dieses wissenschaftliche Leben zwar eine hohe und letzte Konsequenz dessen ist, was sich seit Jahrhunderten als Materialismus vorbereitet hat, daß es zwar behauptet, über den Materialismus hinauszuwollen, daß aber dasjenige, was sich als Denkweise im Materialismus zeigt, nichts weiter ist als etwas Absterbendes. Wissenschaft, wie sie heute existiert, ist zwar eine reife Frucht, aber eine solche Frucht, die das Schicksal jeder reifen Frucht hat: daß sie anfängt abzusterben. An dieser Wissenschaft kann niemand finden, der sie versteht, daß sie einen neuen Trieb hervorbringen könnte zur Erneuerung ihrer Denkungs- und Beweisart.
[ 19 ] The very fact that such a perspective is possible at all—that spiritual life is thus finding its way into human scholarship—is the essence of what we call the Theosophical Movement. And in order for what had to happen to actually happen, the impetus had to be provided by the Theosophical Society. That is one side of the matter. The other side is that this impetus had to come precisely at a time when the world was least ready for it. This is evident from the fact that today, even though the Theosophical Movement has been in the world for thirty years, the refrain about the “unhistorical Jesus” and so on still persists. How many people outside our movement today realize that it is possible to discover the historical Jesus in a way entirely different from that provided by the external documents? People are continuing what they did in the 19th century: undermining the authority of religious documents. Thus, the necessity of presenting this new possibility to humanity was the greatest conceivable, while, on the other hand, people’s preparedness to receive these revelations was the least conceivable. Or do you perhaps believe that people—that today’s philosophers—were particularly ready for this? You can see how far philosophers have come at the beginning of the 20th century by the idea they have formed of the Christ of Paul. Anyone familiar with scientific life knows that, while this scientific life is indeed a high and ultimate consequence of what has been developing for centuries as materialism—and while it claims to want to go beyond materialism—the way of thinking that manifests itself in materialism is nothing more than something that is dying out. Science, as it exists today, is indeed a ripe fruit, but one that shares the fate of every ripe fruit: that it begins to wither. No one who understands this science can find in it the potential to produce a new impulse for the renewal of its mode of thinking and reasoning.
[ 20 ] Wenn wir das bedenken, dann werden wir jetzt, ganz abgesehen von allem übrigen, begreifen das Gewicht der Anregung, das gekommen ist von H. P. Blavatsky, ganz gleichgültig, wie wir zu denken haben über die Einzelheiten ihres Lebens und ihrer Fähigkeiten. Sie war das Instrument, um die Anregung zu geben, und sie erwies sich immerhin als ein geeignetes Instrument dafür. Und wir sind als Mitglieder der theosophischen Bewegung, wenn wir an einem solchen Tage uns mit einer solchen Festlichkeit befassen, in einer ganz besonderen Lage. Wir feiern ein ganz persönliches Fest, das auf ein Persönliches hinweist. Nun ist der Autoritätsglaube schon in der äußeren Welt etwas sehr Gefährliches; er ist aber deshalb dort nicht so gefährlich, weil Eifersucht, Neid und so weiter eine so große Rolle spielen, daß, selbst wenn Verehrung von einzelnen Persönlichkeiten sich äußerlich geltend macht in ziemlich starkem Weihrauchstreuen, doch Egoismus und Neid den Leuten im Nacken sitzen. Aber in der theosophischen Bewegung ist die Gefahr des Schadens alles Persönlichkeitskultus und alles Autoritätsglaubens eine außerordentlich große. Daher sind wir in einer ganz besonderen Lage, wenn wir ein Fest feiern, das einer Persönlichkeit geweiht ist. Und wir sind nicht nur aus den Gewohnheiten der Zeit heraus, sondern aus der Sache heraus in einer besonderen Schwierigkeit, weil die Offenbarungen aus den höheren Welten immer den Umweg über die Persönlichkeit nehmen müssen. Persönlichkeiten müssen die Träger sein für die Offenbarungen, und dennoch sollen wir uns hüten, die Persönlichkeiten mit den Offenbarungen zu vermischen. Wir müssen die Offenbarungen empfangen durch Vermittelungen der Persönlichkeiten. Wie nahe liegt die Frage, die immer wieder auftritt: Ist die Persönlichkeit glaubhaft? Was hat sie alles getan an diesem oder jenem Tage, was mit unseren Begriffen gar nicht stimmt! Kann man also glauben an diese Sache?
[ 20 ] If we consider this, then—leaving aside everything else—we will now understand the significance of the inspiration that came from H. P. Blavatsky, regardless of what we may think about the details of her life and her abilities. She was the instrument through which the inspiration was conveyed, and she proved, at any rate, to be a suitable instrument for that purpose. And as members of the Theosophical Movement, when we engage in such a celebration on a day like this, we find ourselves in a very special situation. We are celebrating a very personal festival that points to something personal. Now, the belief in authority is already a very dangerous thing in the outer world; but it is not as dangerous there because jealousy, envy, and so on play such a major role that, even when veneration of individual personalities manifests itself outwardly in quite intense adulation, selfishness and envy are still breathing down people’s necks. But in the Theosophical Movement, the danger of harm posed by any cult of personality and any belief in authority is extraordinarily great. Therefore, we find ourselves in a very special situation when we celebrate a festival dedicated to a personality. And we face a particular difficulty—not merely because of the customs of the times, but because of the nature of the matter itself—since revelations from the higher worlds must always take the detour through the personality. Personalities must be the vehicles for the revelations, and yet we must be careful not to confuse the personalities with the revelations. We must receive the revelations through the mediation of personalities. How natural is the question that arises time and again: Is the personality credible? What did she do on this or that day that does not fit our concepts at all! Can one therefore believe in this matter?
[ 21 ] Das entspricht einem gewissen Hang unserer Zeit, den man charakterisieren könnte als einen gewissen Mangel in der Hingabe an die Wahrheit. Wie oft kann man es heute erleben, daß sich die Leute einverstanden erklären mit dem Wirken einer Persönlichkeit vielleicht von Jahrzehnten: das gefällt ihnen ganz gut, da sind sie zu bequem, um irgend etwas zu prüfen. Wenn sich dann aber vielleicht nach Jahrzehnten herausstellt, daß das Privatleben dieser Persönlichkeit dieses oder jenes aufweist, wo man vielleicht einhaken kann, dann fällt diese Persönlichkeit dahin. Ob das nun berechtigt ist oder nicht, darauf kommt es gar nicht an, sondern darauf, daß man ein Gefühl dafür bekommen soll, daß die Persönlichkeit zwar der Weg ist, durch welchen geistiges Leben zu uns kommt, daß wir aber die Verpflichtung haben, selbst zu prüfen, und zwar an der Wahrheit die Persönlichkeit zu prüfen, und nicht die Wahrheit an der Persönlichkeit! Gerade den Persönlichkeiten gegenüber in unserer theosophischen Bewegung müssen wir uns immer so verhalten. Und wir verehren sie im Grunde genommen am besten, wenn wir sie nicht mit Autoritätsglauben behängen, wie man das so gern tun möchte, denn wir wissen, daß die Wirksamkeit einer verstorbenen Persönlichkeit nach dem Tode nur verlegt ist in die geistige Welt. Es ist berechtigt zu sagen: Die Wirksamkeit von H. P. Blavatsky dauert fort, und wir können innerhalb dessen, wozu sie die Anregung gegeben hat, diese Wirksamkeit entweder fördern oder beeinträchtigen. Wir beeinträchtigen diese Wirksamkeit am allermeisten dann, wenn wir der Blavatsky blind glauben, wenn wir schwören auf das, was sie gedacht hat, als sie auf dem physischen Plan wandelte, wenn wir glauben wollten, wie sie vielleicht gerade geglaubt hat, und ihr mit einer blinden Autorität entgegenkommen. Und wir fördern und verehren sie am allermeisten, wenn wir uns bewußt sind: Sie hat die Anregung gegeben zu einer tiefsten, in der Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung begründeten Bewegung. Wir schreiben ihr dieses Verdienst zu und sehen ein, daß diese Bewegung kommen mußte. Aber es sind Jahre seitdem verflossen, und wir wollen uns dieser Anregung würdig erweisen, indem wir sagen: Was angeregt worden ist, das muß weitergebildet werden. -— Wir sehen ein: Durch diesen Kopf mußte die Anregung gehen. Wir stecken unsere Nase nicht in die Privatverhältnisse von H. P. Blavatsky, insbesondere nicht am heutigen Tage. Wir wissen, was die Anregung bedeutet, aber wir wissen auch, daß die Anregung dasjenige, was geschehen soll, nur in der unvollkommensten Weise darstellen kann. Und wenn wir das betrachten, was im letzten Winter vor unsere Seele getreten ist, so müssen wir sagen: Was H. P. Blavatsky angeregt hat, ist zwar etwas tief Einschneidendes; aber was hat alles Frau Blavatsky durch ihre erste Tat nicht tun können? — Was jetzt erst in dieser Stunde bewiesen worden ist: Die Notwendigkeit der theosophischen Bewegung für das Christus-Erlebnis, das ist etwas, was der Blavatsky ganz verschlossen war. Ihr oblag es, hinzuweisen auf den Wahrheitskern in den Religionen der arischen Völker; vollständig verschlossen war es ihr, die alt- und neutestamentlichen Offenbarungen zu verstehen. Wir verehren das, was die Persönlichkeit positiv geleistet hat, und blicken nicht auf das, was sie nicht konnte und was ihr verschlossen war und was wir eben hinzufügen müssen. Wer sich durch H.P. Blavatsky anregen läßt und weitergehen will, als sie selbst gegangen ist, der wird sich sagen: Wenn die Anregung, die H.P. Blavatsky gegeben hat, in der theosophischen Bewegung weitergeführt wird, dann wird man dazu kommen, das Christus-Ereignis zu begreifen.
[ 21 ] This reflects a certain tendency of our time, which could be characterized as a certain lack of commitment to the truth. How often do we see today that people simply accept the work of a public figure—perhaps spanning decades—at face value: they like it just fine, and are too complacent to scrutinize anything. But when, perhaps decades later, it turns out that this public figure’s private life reveals this or that—something that might be used against them—then that public figure falls from grace. Whether this is justified or not is not at all the point; rather, the point is that we should develop a sense that, while the individual is indeed the channel through which spiritual life comes to us, we have an obligation to examine for ourselves—and specifically to test the individual against the truth, not the truth against the individual! We must always conduct ourselves in this way, especially toward the personalities in our Theosophical Movement. And, fundamentally speaking, we honor them best when we do not burden them with blind faith in authority—as people are so eager to do—for we know that the influence of a deceased personality is merely transferred to the spiritual world after death. It is justified to say: H. P. Blavatsky’s influence continues, and within the scope of what she inspired, we can either promote or hinder this influence. We hinder this influence most of all when we blindly believe Blavatsky, when we swear by what she thought while she walked on the physical plane, when we want to believe exactly as she may have believed, and when we approach her with blind deference. And we promote and honor her most of all when we are conscious that: She provided the impetus for a profound movement rooted in the necessity of humanity’s evolution. We attribute this merit to her and recognize that this movement was bound to come about. But years have passed since then, and we wish to prove ourselves worthy of this impetus by saying: What has been set in motion must be further developed. — We recognize: The impulse had to pass through this mind. We do not pry into H. P. Blavatsky’s private affairs, especially not today. We know what the impulse means, but we also know that the impulse can only represent what is to happen in the most imperfect way. And when we consider what has come before our souls this past winter, we must say: What H. P. Blavatsky inspired is indeed something profoundly significant; but what is there that Madame Blavatsky was unable to do through her first act? — What has only now, at this very hour, been proven: the necessity of the Theosophical Movement for the experience of Christ—this is something that was entirely beyond Blavatsky’s grasp. It fell to her to point out the core of truth in the religions of the Aryan peoples; yet she was completely unable to understand the revelations of the Old and New Testaments. We honor what she personally accomplished, and do not dwell on what she could not do, what was beyond her grasp, and what we must now add. Anyone who is inspired by H.P. Blavatsky and wishes to go further than she herself went will say to themselves: If the inspiration that H.P. Blavatsky provided is carried forward within the Theosophical Movement, then we will come to understand the Christ event.
[ 22 ] Das aber war gerade der Mangel der ersten theosophischen Bewegung, daß das alttestamentliche und neutestamentliche religiöse und geistige Leben nicht begriffen werden konnte. Daher ist im Grunde alles schief, was in dieser ersten Anregung darüber enthalten ist. Und die theosophische Bewegung hat die Aufgabe, das wieder gut zu machen und dasjenige, was in den ersten Anregungen überhaupt nicht enthalten war, hinzuzufügen. Wenn wir diese Tatsache in uns heute fühlen, ist sie zugleich eine Anforderung an unser theosophisches Gewissen.
[ 22 ] But that was precisely the shortcoming of the early Theosophical movement: it was unable to grasp the religious and spiritual life of the Old and New Testaments. Therefore, essentially everything contained in that initial inspiration regarding this subject is flawed. And the Theosophical Movement has the task of rectifying this and adding what was entirely absent from those initial impulses. When we feel this fact within ourselves today, it is at the same time a demand upon our Theosophical conscience.
[ 23 ] So sehen wir gerade in H. P. Blavatsky die Bringerin einer Art von Morgenröte eines neuen Lichtes. Aber was würde dieses Licht nützen, wenn es nicht das Allerwichtigste, was die Menschheit gehabt hat, beleuchten wollte? Eine Theosophie, welche nicht die Mittel hat, das Christentum zu begreifen, ist für die gegenwärtige Kultur absolut wertlos. Wenn sie aber doch das Instrument ist, um das Christentum zu begreifen, dann haben wir das Instrument in der richtigen Weise zu benutzen. Was machen wir denn, wenn wir dies nicht tun, was eben charakterisiert worden ist, wenn wir nicht die Anregung von H. P. Blavatsky benutzen, um das Christentum zu begreifen? Dann hemmen wir die Wirksamkeit des Geistes der Blavatsky in unserer Zeit! Alles ist doch in Entwickelung, also auch der Geist der Blavatsky. Und dieser Geist wirkt heute in der geistigen Welt, daß die theosophische Bewegung vorschreitet. Wenn wir uns aber vor H. P. Blavatsky hinstellen mit den Büchern, die sie geschrieben hat, und sagen: Mit deinen eigenen Werken richten wir dir einen Hügel auf! Du mußt stehenbleiben bei dem, was du getan hast im physischen Leben! — wer ist es denn dann, der den Geist der Blavatsky zu einem erdgebundenen macht, der ihn dazu verurteilt, daß er nicht hinübergehen kann über das, was er auf der Erde gestiftet hat? Wir selber wären das! Dadurch aber ehren und anerkennen wir H. P. Blavatsky, wenn wir über sie hinausgehen, wie sie über das hinausgegangen ist, was vor ihr war, so lange uns die Gnade der Weltenentwickelung geistige Offenbarungen aus der geistigen Welt geben kann.
[ 23 ] Thus, we see in H. P. Blavatsky the harbinger of a kind of dawn of a new light. But what good would this light be if it did not seek to illuminate the very most important thing humanity has ever had? A theosophy that lacks the means to comprehend Christianity is absolutely worthless to contemporary culture. But if it is indeed the instrument for comprehending Christianity, then we must use that instrument in the proper way. What, then, are we doing if we fail to do what has just been described—if we do not use H. P. Blavatsky’s inspiration to understand Christianity? Then we are hindering the effectiveness of Blavatsky’s spirit in our time! Everything is, after all, in a state of evolution—including the spirit of Blavatsky. And this spirit is at work today in the spiritual world, ensuring that the Theosophical Movement moves forward. But if we stand before H. P. Blavatsky with the books she has written and say: “With your own works, we are erecting a mound for you!” ‘You must remain with what you did in your physical life!’—who, then, is it who makes Blavatsky’s spirit earthbound, condemning it so that it cannot move beyond what it has established on Earth? It would be us! But by moving beyond her—just as she moved beyond what came before her—we honor and acknowledge H. P. Blavatsky, as long as the grace of the world’s evolution can continue to grant us spiritual revelations from the spiritual world.
[ 24 ] Das wollen wir heute als eine Gewissensfrage vor unsere Seelen hintreten lassen, und das ist schließlich am allermeisten auch im Sinne desjenigen Zeitgenossen, der jetzt auch schon in die geistige Welt eingegangen ist, H. S. Olcotts, des ersten Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft. Das wollen wir uns heute ganz besonders in die Seele schreiben! Denn gerade durch die Nichterkenntnis des lebendigen theosophischen Lebens sind auch alle Schattenseiten der theosophischen Bewegung entstanden: Würde die theosophische Bewegung ihre ursprünglichen großen Impulse mit heiligem Gewissen ungeschwächt fortführen, so würde sie durch ihre Kraft alles leicht aus dem Felde schlagen können, was an verderblichen Einschlägen im Laufe der Zeit bereits aufgetreten ist und was ganz gewiß noch auftreten wird. Das aber müssen wir auch ernstlich tun: die Impulse lebendig fortbilden. Heute aber sehen wir an vielen Orten, wo Theosophen zu wirken meinen, daß sie sich ganz besonders behaglich fühlen, wenn sie sagen: Wir tun jetzt etwas, was uns die äußere Wissenschaft auch bestätigt! — Wie lieb ist es manchen führenden Theosophen, wenn sie hinweisen können, wie die Religionsforscher auch das bestätigen, was aus der geistigen Welt herausgekommen ist, und gar nicht beachten sie, daß gerade die ungeistige Art der Vergleichung der religiösen Urkunden überwunden werden sollte. Da berührt sich zum Beispiel Theosophie sogar hart mit dem, was absterbend war und zur Leugnung des historischen Jesus geführt hat, und da ist sogar eine gewisse Verwandtschaft mit diesen Dingen vorhanden. Ursprünglich hat Theosophie den historischen Jesus auch nur gelten lassen wie die anderen Religionsstifter. Es ist der Blavatsky nicht eingefallen, den historischen Jesus zu leugnen. Sie hat ihn zwar in der Zeit um hundert Jahre hinausgeschoben, was allerdings ein Irrtum ist, sie hat ihn also nicht geleugnet, aber sie hat auch das Wesen des Christus Jesus nicht erkannt. Sie hat zwar die Anregung gegeben, daß in der von ihr eingeleiteten Bewegung das Wesen des Christus einmal erkannt werden kann, hat es aber selbst nicht tun können. Da berührt sich der erste Zustand der theosophischen Bewegung höchst merkwürdig mit dem, was die Leugner des historischen Jesus heute tun.
[ 24 ] Let us consider this today as a matter of conscience, for this is, after all, most in line with the views of that contemporary of ours who has now passed into the spiritual world, H. S. Olcott, the first president of the Theosophical Society. Let us take this to heart in a very special way today! For it is precisely through a lack of understanding of the living theosophical life that all the dark sides of the Theosophical Movement have arisen: If the Theosophical Movement were to continue its original great impulses with a clear conscience and without weakening, it would, through its own power, be able to easily overcome everything—all the corrupting influences that have already arisen over time and that will certainly arise in the future. But this is precisely what we must do in earnest: keep these impulses alive and developing. Today, however, we see in many places where Theosophists believe they are making an impact that they feel particularly comfortable saying: “We are now doing something that is also confirmed by external science!” — How much some leading Theosophists love it when they can point out how scholars of religion also confirm what has come from the spiritual world, and they pay no attention at all to the fact that it is precisely this unspiritual method of comparing religious texts that should be overcome. For example, Theosophy even comes into sharp conflict with what was on the wane and led to the denial of the historical Jesus, and there is even a certain kinship with these ideas. Originally, Theosophy accepted the historical Jesus just as it did the other founders of religions. It did not occur to Blavatsky to deny the historical Jesus. She did, admittedly, push him back a hundred years in time—which is, however, an error—so she did not deny him, but she also failed to recognize the essence of Christ Jesus. Although she provided the impetus for the movement she initiated to one day recognize the essence of Christ, she herself was unable to do so. In this respect, the early phase of the Theosophical Movement bears a most curious resemblance to what the deniers of the historical Jesus are doing today.
[ 25 ] So wird heute zum Beispiel von Professor Drews darauf hingewiesen, daß man die Vorgänge, welche dem Ereignis von Golgatha vorangehen, auch in der alten Götter-Erklärung findet, so zum Beispiel in den Kulten des Adonis oder 'Tammuz. Da zeigt sich ein leidender Gottesheld, ein sterbender Gottesheld, ein auferstehender Gottesheld und so weiter. Es wird immer verglichen, was da und dort religiöse Überlieferung ist und dann wird geschlossen: Es wird euch erzählt von einem leidenden, sterbenden und auferstehenden Jesus von Nazareth, der der Christus war, aber ihr seht, daß das die anderen Völker auch feierten an Adonis, an Tammuz und so weiter. Überall wird hingewiesen auf die Ähnlichkeit dieser oder jener alten Götterfigur mit dem, was in den Vorgängen von Palästina beschrieben wird.
[ 25 ] For example, Professor Drews points out today that the events leading up to the crucifixion on Golgotha can also be found in ancient myths, such as in the cults of Adonis or Tammuz. There we see a suffering divine hero, a dying divine hero, a resurrected divine hero, and so on. People always compare religious traditions from one place to another and then conclude: You are told of a suffering, dying, and resurrected Jesus of Nazareth, who was the Christ, but you see that other peoples also celebrated this in Adonis, Tammuz, and so on. Everywhere, reference is made to the similarity of this or that ancient divine figure to what is described in the events in Palestine.
[ 26 ] Das ist im weiten Umfange im Grunde auch in der theosophischen Bewegung getrieben worden. Man sieht gar nicht heute bei dieser Religionsvergleichung, daß damit gar nichts gesagt ist, wenn man vergleicht Adonis oder Tammuz mit den Ereignissen von Palästina. Ich will Ihnen nur durch einen Vergleich einmal vor die Seele führen, wo der Irrtum einer solchen Religionsvergleichung liegt. Äußerlich kann sie absolut richtig sein, aber dennoch ist sie einem gewaltigen Irrtum unterworfen. Nehmen Sie an, es gibt eine Uniform irgendeines Beamten, der, sagen wir, im Jahre 1910 lebte. Die Uniform, welche dieser Beamte im Jahre 1910 trägt, stellt zu gleicher Zeit die äußere Art seiner Tätigkeit dar, seines Amtes. Und nehmen wir weiter an, im Jahre 1930 steckte ein anderer Mensch, der ganz anders ist, in derselben Uniform. Aber nicht auf die Uniform, sondern auf die Individualität kommt es dabei an, wie ein Mensch seine Arbeit verrichtet. Jetzt aber denken wir uns, im Jahre 2090 käme ein Geschichtsforscher, der etwa sagte: Es wird berichtet, daß es im Jahre 1910 einen Menschen gab, der diesen Rock, dieses Beinkleid und diese Weste angehabt hat. Im Jahre 1930 aber sehe ich auch den gleichen Rock, dieselbe Weste und dieselben Beinkleider, also sehen wir, daß sich Rock, Beinkleid und Weste fortgepflanzt haben, und daß wir beide Male eigentlich dasselbe Wesen vor uns haben!
[ 26 ] This has, to a large extent, essentially been practiced within the Theosophical Movement as well. When comparing religions today, people fail to realize that comparing Adonis or Tammuz with the events in Palestine tells us absolutely nothing. I simply want to use a comparison to illustrate to you where the error in such a comparison of religions lies. Outwardly, it may be entirely correct, yet it is still subject to a tremendous error. Suppose there is a uniform worn by some civil servant who, let’s say, lived in the year 1910. The uniform that this civil servant wears in 1910 simultaneously represents the outward nature of his work, of his office. And let us further suppose that in the year 1930, another person—who is completely different—wore the same uniform. But it is not the uniform that matters—it is the individuality—in how a person performs their work. Now, however, let’s imagine that in the year 2090, a historian were to come along and say something like this: “It is reported that in the year 1910 there was a person who wore this jacket, these trousers, and this vest.” But in 1930, I also see the same coat, the same vest, and the same trousers—so we see that the coat, trousers, and vest have been passed down, and that in both cases we are actually looking at the same person!
[ 27 ] Ein solcher Schluß ist natürlich töricht. Aber es ist nicht gescheiter, wenn man sagt: Wir nehmen die vorderasiatischen Religionen und sehen da, wie in Adonis oder Tammuz Leiden, Sterben und Auferstehung dargestellt wird; dasselbe finden wir beim Christus auch! — Darauf kommt es aber nicht an, daß Leiden, Sterben und Auferstehen dargestellt wird, sondern darauf, wer auferstanden ist! Leiden, Tod und Auferstehung ist die Uniform in der weltgeschichtlichen Entwickelung, und wir dürfen nicht auf die Uniform, die uns in den Legenden entgegentritt, hinweisen, sondern auf die Individualitäten, welche darinnenstecken. Gewiß haben sich die Individualitäten, damit die Menschen sie begreifen, in derselben Weise gezeigt, haben sozusagen «Christus-Taten» vollbracht, welche zeigen sollten: Er kann auch die Taten verrichten, die einmal ein Tammuz zum Beispiel hat. — Aber es war immer eine andere Wesenheit hinter diesen Taten. Daher ist alle Religionsvergleichung, daß zum Beispiel die Siegfried-Gestalt übereinstimmt mit der Baldur-Gestalt, die BaldurGestalt mit der Tammuz-Gestalt und so weiter, nur ein Zeichen dafür, daß gewisse Formen der Legenden und Mythen bei diesen und jenen Völkern vorkommen. Das ist nicht mehr wert, als wenn man, um die Menschen kennenzulernen, zeigen würde, wie sich eine bestimmte Uniformgattung bei einem bestimmten Amte wiederfindet. Das ist der fundamentale Irrtum, der überall grassiert und der zum Beispiel auch in der theosophischen Bewegung grassieren kann, und der nichts anderes ist, als eine Konsequenz materialistischer Denkgewohnheiten.
[ 27 ] Such a conclusion is, of course, foolish. But it is no wiser to say: Let us look at the Near Eastern religions and see how suffering, death, and resurrection are depicted in Adonis or Tammuz; we find the same thing in Christ as well! — But what matters is not that suffering, death, and resurrection are depicted, but rather who it is who has risen! Suffering, death, and resurrection are the common thread running through the development of world history, and we must not point to this common thread as it appears in legends, but rather to the individualities that lie within them. Certainly, in order for people to understand them, these individualities have revealed themselves in the same way; they have, so to speak, performed “Christ-like deeds” intended to show that He, too, can perform the deeds that, for example, a Tammuz once did. — But there was always a different being behind these deeds. Therefore, any comparison of religions—such as the claim that the figure of Siegfried corresponds to the figure of Baldur, the figure of Baldur to that of Tammuz, and so on—is merely a sign that certain forms of legends and myths occur among these and those peoples. This is no more meaningful than if, in order to get to know people, one were to point out how a certain type of uniform is found in a particular office. This is the fundamental error that is rampant everywhere—and which, for example, can also be rampant in the Theosophical Movement—and which is nothing other than a consequence of materialistic habits of thought.
[ 28 ] Nur dann wird das Testament der Blavatsky erfüllt werden, wenn die theosophische Bewegung fähig ist, das Leben des Geistes in sich zu pflegen und zu bewahren, wenn auf den Geist gesehen wird, der sich nicht durch Bücher, die jemand geschrieben hat, sondern durch das lebendige Leben immerfort zeigt. Geist soll bei uns gepflegt werden. Nicht Bücher wollen wir bloß studieren, die vor Jahrhunderten geschrieben worden sind, sondern lebendig fortentwickeln, was uns als Geist gegeben ist. Und wir wollen etwas sein wie eine Vereinigung von Menschen, die nicht bloß glauben an Bücher und Menschen, sondern an den lebendigen Geist, und die nicht bloß davon sprechen, daß H. P. Blavatsky abgegangen ist vom physischen Plan und nach ihrem Tode weiter lebt, sondern die so weit lebendig glauben an das, was durch die Theosophie offenbart worden ist, daß sie selbst durch ihre eigene Wesenheit auf dem physischen Plan kein Hemmnis sein können für das übersinnliche Fortwirken des Geistes der Blavatsky. Nur dann werden wir der theosophischen Bewegung etwas sein, wenn wir so denken über H.P. Blavatsky, und nur dann wird H. P. Blavatsky etwas sein können für die theosophische Bewegung, wenn solche Menschen auf Erden existieren, die so denken können. Aber dazu ist notwendig, daß weiter geistig geforscht wird, und daß man vor allen Dingen glaubt an das, was besonders in dem letzten öffentlichen Vortrag erwähnt worden ist: daß die Menschheit im Fortschreiten begriffen ist, und daß wirklich so etwas in die Geschichte eingetreten ist zur Zeit des Christus Jesus wie das Gewissen, und daß solche Dinge entstehen und eine Bedeutung haben für die ganze Entwickelung. Das Gewissen ist etwas, was zu einem bestimmten Zeitpunkt eingetreten ist. Das Gewissen war früher etwas anderes, und es wird wieder etwas anderes werden, nachdem die Menschenseelen im Lichte des Gewissens sich eine Weile entwickelt haben werden. Wie das Gewissen sich verändern wird in der Zukunft, darauf haben wir auch schon hingewiesen.
[ 28 ] Blavatsky’s testament will be fulfilled only if the Theosophical Movement is capable of nurturing and preserving the life of the Spirit within itself, if attention is focused on the Spirit, which reveals itself continually not through books written by anyone, but through living reality. We must nurture the Spirit among us. We do not want merely to study books written centuries ago, but to actively develop what has been given to us as Spirit. And we want to be something like a union of people who do not merely believe in books and people, but in the living Spirit, and who do not merely speak of the fact that H. P. Blavatsky has departed from the physical plane and continues to live after her death, but who believe so vividly in what has been revealed through Theosophy that they themselves, through their own being on the physical plane, cannot be an obstacle to the supersensory continued working of Blavatsky’s Spirit. Only then will we mean something to the Theosophical Movement if we think this way about H. P. Blavatsky, and only then will H. P. Blavatsky be able to mean something to the Theosophical Movement if there are people on earth who can think this way. But for this to happen, it is necessary to continue spiritual research and, above all, to believe in what was mentioned especially in the last public lecture: that humanity is in the process of progress, and that something such as conscience truly entered history at the time of Jesus Christ, and that such things arise and have significance for the entire process of development. Conscience is something that emerged at a specific point in time. Conscience used to be something else, and it will become something else again once human souls have developed for a while in the light of conscience. We have already pointed out how conscience will change in the future.
[ 29 ] Parallel gehen wird mit dem Auftreten des Ereignisses von Damaskus bei einer großen Anzahl Menschen im Laufe des 20. Jahrhunderts so etwas, daß die Menschen lernen werden, wenn sie irgendeine Tat im Leben getan haben, aufzuschauen von dieser Tat. Sie werden bedächtiger werden, werden ein innerliches Bild haben von der Tat — zunächst wenige, dann immer mehr und mehr im Laufe der nächsten zwei bis drei Jahrtausende. Nachdem die Menschen etwas getan haben werden, wird das Bild da sein. Sie werden zunächst nicht wissen, was das ist. Die aber Geisteswissenschaft kennengelernt haben, werden sich sagen: Hier habe ich ein Bild! Das ist kein Traum, gar kein Traum, es ist ein Bild dessen, was mir die karmische Erfüllung dieser Tat zeigt, die ich eben getan habe. Das wird einmal geschehen als Erfüllung, als karmischer Ausgleich dessen, was ich eben getan habe! — Das wird im 20. Jahrhundert beginnen. Da wird sich für den Menschen hinzuentwickeln die Fähigkeit, daß er ein Bild hat von einer ganz fernen, noch nicht geschehenen Tat. Das wird sich zeigen als ein inneres Gegenbild seiner Tat, als die karmische Erfüllung, die einmal eintreten wird. Der Mensch wird sich dann sagen: Jetzt habe ich dies getan. Nun wird mir gezeigt, was ich zum Ausgleich tun muß, und was mich immer zurückhalten würde in der Vervollkommnung, wenn ich den Ausgleich nicht vollbringen würde. -— Da wird Karma nicht eine bloße Theorie mehr sein, sondern es wird dieses charakterisierte innere Bild erfahren werden.
[ 29 ] Parallel to the occurrence of the Damascus event among a large number of people throughout the 20th century will be a process whereby people will learn, whenever they have committed any act in life, to look back on that act. They will become more thoughtful and will have an inner image of the deed—at first only a few, then more and more over the course of the next two to three millennia. After people have done something, the image will be there. At first, they will not know what it is. But those who have become acquainted with spiritual science will say to themselves: Here I have an image! This is no dream, not a dream at all; it is an image showing me the karmic fulfillment of the deed I have just done. This will one day occur as fulfillment, as karmic compensation for what I have just done! — This will begin in the 20th century. Then the ability will develop in human beings to have an image of a very distant deed that has not yet taken place. This will manifest as an inner counter-image of their action, as the karmic fulfillment that will one day come to pass. People will then say to themselves: “Now I have done this. Now I am being shown what I must do to bring about balance, and what would always hold me back from perfection if I did not achieve that balance.” — Then karma will no longer be a mere theory, but this characterized inner image will be experienced.
[ 30 ] Solche Fähigkeiten treten nach und nach immer mehr auf. Neue Fähigkeiten entwickeln sich, aber die alten Fähigkeiten sind die Keime für die neuen. Wovon werden es denn die Menschen haben, daß sich das karmische Bild zeigen wird? Davon werden sie es haben, daß die Seele eine gewisse Zeit im Lichte des Gewissens gestanden hat! Das ist ja das Wichtige für die Seele: nicht daß dieses oder jenes äußere Physische erlebt wird, sondern daß die Seele dadurch vollkommener wird. Durch das Gewissen bereitet sich die Seele zu demjenigen vor, was jetzt charakterisiert worden ist. Und je mehr die Menschen gegangen sein werden durch Inkarnationen, wo sie besonders das Gewissen ausgebildet haben, je mehr sie dieses Gewissen in sich pflegen werden, desto mehr werden sie tun, um jene höhere Fähigkeit zu haben, die ihnen im geistigen Schauen selber jene Gottesstimme wieder vorführt, welche die Menschen früher einmal in anderer Weise gehabt haben. Äschylos stellte noch einen solchen Orest dar, der vor sich hatte, was seine schlimmen Taten bewirkten. Orest muß noch ansehen, wie die Wirkung seiner Taten in die Außenwelt hinausgestellt ist. Die neue Fähigkeit, welche sich für die Seele entwickelt, ist eine solche, daß der Mensch in Bildern sehen wird die Wirkung seiner Taten für die Zukunft. Das ist das Neue. Die Entwickelung verläuft immer zyklisch, immer kreisförmig, und was die Menschheit an dem alten Schauen besessen hat, das stellt sich in erneuerter Weise auch wieder ein.
[ 30 ] Such abilities gradually become more and more apparent. New abilities develop, but the old abilities are the seeds for the new ones. What, then, will cause the karmic image to manifest in people? It will be because the soul has stood for a certain time in the light of conscience! That is, after all, what is important for the soul: not that this or that external physical experience is undergone, but that the soul thereby becomes more perfect. Through conscience, the soul prepares itself for what has now been described. And the more people have gone through incarnations in which they have particularly developed their conscience, the more they will nurture this conscience within themselves, the more they will strive to attain that higher capacity which, in spiritual vision, once again reveals to them the very voice of God that people once had in a different way. Aeschylus portrayed an Orestes who still had before him the consequences of his terrible deeds. Orestes must still witness how the effects of his actions are manifested in the outer world. The new ability developing within the soul is one through which human beings will see, in images, the future consequences of their actions. That is what is new. Development always proceeds cyclically, always in a circular pattern, and what humanity once possessed in the old way of seeing will reemerge in a renewed form.
[ 31 ] So bereiten wir uns durch die Erkenntnisse der geistigen Welt vor, daß wir wirklich in einer richtigen Weise in der nächsten Inkarnation aufwachen, und dadurch arbeiten wir auch in der Weise, daß auch für die Menschen, die unsere Nachkommen sind, im entsprechenden Maße gesorgt ist. Dadurch ist die Geistesforschung in ihrem inneren Grunde eine unegoistische Richtung, weil sie nicht fragt, was dem einzelnen frommt, sondern wodurch der Fortschritt der ganzen Menschheit bewirkt wird.
[ 31 ] In this way, through the insights of the spiritual world, we prepare ourselves to truly awaken in the right way in our next incarnation, and in doing so, we also work to ensure that our descendants are cared for to the appropriate extent. Thus, spiritual research is, at its very core, a selfless endeavor, because it does not ask what benefits the individual, but rather what brings about the progress of all humanity.
[ 32 ] Wir haben nun zweimal gefragt: Was ist das Gewissen? Jetzt haben wir auch gefragt: Was wird aus dem Gewissen, das sich heute entwikkelt? Wie stellt sich das Gewissen dar, wenn wir es betrachten als einen Samen in der Zeit, welche die Menschheit jetzt durchmacht? Was wird aus dem, was das Gewissen als Keim bewirkt? — Diese charakterisierten höheren Fähigkeiten werden daraus! Das ist das Wichtige, daß wir an die Entwickelung der Seele von Inkarnation zu Inkarnation, von Zeitalter zu Zeitalter glauben. Das lernen wir, indem wir das wirkliche Christentum verstehen lernen. Und da haben wir von Paulus noch sehr viel zu lernen. Sehen Sie sich bei allen orientalischen Religionen um, auch beim Buddhismus, Sie finden die Lehre: Die äußere Welt ist Maja. — Gewiß ist sie das, aber das wird im Orient als eine absolute Wahrheit hingestellt. Paulus weiß diese Wahrheit auch, sie ist wahrhaftig bei ihm genügend betont. Aber etwas anderes ist bei Paulus noch betont, nämlich dies: Wohl sieht der Mensch nicht Wahrheit, wenn er hinausschaut mit seinen Augen, er sieht nicht die Wirklichkeit, wenn er in das schaut, was draußen ist. Warum nicht? Weil er sich selbst bei seinem Herunterstieg in die Materie die äußere Wirklichkeit zur Illusion umgegossen hat! Der Mensch ist es selbst, der die äußere Welt durch seine Tat zur Illusion gemacht hat! Nennen Sie es nun mit der Bibel «Sündenfall» oder sonstwie, was bewirkt, daß ihm die äußere Welt jetzt als eine Illusion erscheint. Den «Göttern» gibt die orientalische Religionslehre die Schuld, daß dem Menschen die Welt als Maja erscheint. Schlag’ an deine eigene Brust! — so sagt Paulus —, du bist heruntergestiegen und hast deine eigene Anschauung so getrübt, daß Farbe und Ton nicht wirklich als ein Geistiges erscheinen. Du glaubst, daß Farbe und Ton etwas ist, was materiell für sich da ist? Maja ist es! Du hast es selbst zur Maja gemacht. Du Mensch, du mußt dich selbst davon wieder erlösen. Du mußt dir das, was du verwirkt hast, wieder aneignen! Du bist heruntergestiegen in die Materie, und jetzt mußt du dich selbst wieder davon erlösen, davon befreien, aber nicht in der Weise, wie es Buddha sagt: Bezwinge den Drang nach Dasein! Nein! du mußt das Dasein der Erde in ihrer Wirklichkeit sehen. Was du selber zur Maja gemacht hast, das mußt du wieder richtig machen in dir. Und das kannst du, indem du die Christus-Kraft in dich aufnimmst, die dir die äußere Welt in ihrer Wirklichkeit zeigt!
[ 32 ] We have now asked twice: What is conscience? Now we have also asked: What will become of the conscience that is developing today? How does conscience present itself when we view it as a seed in the era that humanity is currently experiencing? What will become of what conscience brings about as a seed? — These characterized higher faculties will emerge from it! This is the crucial point: that we believe in the evolution of the soul from incarnation to incarnation, from age to age. We learn this by coming to understand true Christianity. And in this regard, we still have a great deal to learn from Paul. Look at all the Eastern religions, including Buddhism, and you will find the teaching: The outer world is Maya. — Certainly it is, but in the East this is presented as an absolute truth. Paul also knows this truth; indeed, he emphasizes it sufficiently. But Paul emphasizes something else as well, namely this: True, a person does not see the truth when he looks out with his eyes; he does not see reality when he looks at what is outside. Why not? Because in descending into matter, he himself has transformed external reality into an illusion! It is man himself who, through his own actions, has turned the external world into an illusion! Call it, as the Bible does, the “Fall” or whatever else you like—it is what causes the external world to now appear to him as an illusion. Eastern religious teachings blame the “gods” for the fact that the world appears to man as Maya. “Beat your own breast!”—as Paul says—“you have descended and have clouded your own perception to such an extent that color and sound do not truly appear as spiritual realities. Do you believe that color and sound are something that exists materially in and of themselves?” It is Maya! You yourself have turned it into Maya. You, human being, must redeem yourself from it. You must reclaim what you have forfeited! You have descended into matter, and now you must redeem yourself from it, free yourself from it—but not in the way Buddha says: “Conquer the urge to exist!” No! You must see the reality of earthly existence as it truly is. What you yourself have turned into Maya, you must set right again within yourself. And you can do this by absorbing the Christ-force within you, which reveals the outer world to you in its true reality!
[ 33 ] Darin liegt ein großer Impuls westländischen Lebens, ein neuer Zug, und der ist noch lange nicht auf den einzelnen Gebieten durchgeführt. Was weiß heute die Welt davon, daß auf einem Gebiete sogar versucht worden ist, sozusagen im Sinne des Paulus, eine Erkenntnistheorie zu schaffen? Eine solche Erkenntnistheorie könnte nicht im kantischen Sinne sagen: Das Ding an sich ist etwas Unbegreifliches —, sondern sie könnte nur sagen: Es liegt an dir, Mensch, du bewirkst durch das, was du jetzt bist, eine unrichtige Wirklichkeit. Du mußt selbst einen inneren Prozeß durchmachen. Dann verwandelt sich dir Maja in Wahrheit, in die geistige Wirklichkeit! — In diesem Sinne die Erkenntnistheorie auf paulinische Basis zu stellen, war die Aufgabe meiner beiden Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und «Die Philosophie der Freiheit». Diese beiden Bücher stellen sich hinein in das, was die große Errungenschaft der paulinischen Auffassung vom Menschen ist in der westländischen Welt. Daher sind diese Bücher auch so wenig verstanden worden, höchstens in einigen Kreisen, weil sie voraussetzen gerade die ganzen Impulse, welche in der Bewegung für Geisteswissenschaft zum Ausdruck gekommen sind. Im Kleinsten muß sich das Größte zeigen!
[ 33 ] Herein lies a great impetus for Western life, a new trend, and it is still far from being fully realized in the various fields. What does the world know today about the fact that, in one field, an attempt has even been made—in the spirit of Paul, so to speak—to create a theory of knowledge? Such a theory of knowledge could not say, in the Kantian sense, “The thing-in-itself is something incomprehensible”—but it could only say: “It is up to you, human being; through what you are now, you bring about a false reality. You must undergo an inner process yourself. Then Maya will be transformed for you into truth, into spiritual reality!” — To establish a theory of knowledge on a Pauline basis in this sense was the task of my two works, Truth and Science and The Philosophy of Freedom. These two books engage with what constitutes the great achievement of the Pauline conception of the human being in the Western world. That is why these books have been so little understood—except perhaps in a few circles—because they presuppose precisely the very impulses that have found expression in the movement for spiritual science. The greatest must reveal itself in the smallest!
[ 34 ] Durch solche Betrachtungen, die uns von unserer engen Menschlichkeit emporheben und uns zeigen, wie wir in unserer kleinen alltäglichen Arbeit anknüpfen können an das, was uns von Stufe zu Stufe, von Leben zu Leben immer mehr hineinführt in das geistige Dasein, durch solche Betrachtungen werden wir zu rechten Theosophen. Und wir dürfen uns einer solchen Betrachtung gerade hingeben an einem Tage, der gewidmet ist einer Persönlichkeit, die eine Anregung gegeben hat zu einer Bewegung, die immer weiter und weiter leben wird, die nicht für einen Menschen eine graue Theorie bleiben soll, sondern die Lebenssaft in sich haben soll, damit der Baum immer von neuem grünen wird, den wir den Baum der theosophischen Weltanschauung nennen.
[ 34 ] Through such reflections, which lift us above our narrow humanity and show us how, in our small, everyday work, we can build upon what leads us, step by step, life by life, ever deeper into spiritual existence—through such reflections we become true Theosophists. And we may especially devote ourselves to such contemplation on a day dedicated to a figure who inspired a movement that will live on farther and farther, a movement that is not meant to remain a dry theory for any one person, but is meant to possess the sap of life within it, so that the tree we call the tree of the theosophical worldview may ever be renewed.
[ 35 ] Aus diesem Geiste heraus wollen wir es versuchen, uns geeignet zu machen, einen Boden zu bereiten in unserer Bewegung, der die Impulse der Blavatsky nicht hemmt und zurückhält, sondern zu immer weiterer Entfaltung fördert.
[ 35 ] In this spirit, let us strive to prepare a foundation within our movement that does not hinder or hold back Blavatsky’s impulses, but rather fosters their ever-greater development.
