The Christ Impulse
and the Development of Self-Awareness
GA 116
2 May 1910, Berlin
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The Christ Impulse and the Development of Self-Awareness, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] In diesen Wintervorträgen hat uns von den verschiedensten Seiten her viel die Frage beschäftigt nach dem Wesen des Christus, und wir haben in der mannigfaltigsten Weise klarzulegen versucht, was wir den Christus-Impuls in der Menschheitsentwickelung nennen, als das Gewaltigste innerhalb unserer ganzen Erdenentwickelung. Daher kann es begreiflich erscheinen, daß erstens dieses Thema überhaupt nicht erschöpft werden kann, sondern daß man sozusagen Unendliches zu tun hätte, wollte man den Christus-Impuls allseitig klarlegen. Auf der anderen Seite kann aber wieder auch das klar sein, daß nach allen unseren Voraussetzungen im Grunde genommen alles, was den Menschen interessieren kann, an die Besprechung der Christus-Erscheinung anzuschließen ist. Wir haben ja gesehen, daß die Evangelien selbst von vier verschiedenen Seiten her dem Wesen des Christus nahezukommen suchen, und wir haben verschiedenes angedeutet über die Geheimnisse der einzelnen Evangelien.
[ 1 ] In these winter lectures, we have explored the question of the nature of Christ from many different angles, and we have attempted in a wide variety of ways to elucidate what we call the Christ Impulse in human evolution—the most powerful force within the entire history of our Earth. It may therefore seem understandable that, first of all, this topic cannot be exhausted at all; rather, there would be, so to speak, an infinite amount to do if one were to elucidate the Christ impulse from every angle. On the other hand, however, it can also be clear that, according to all our premises, fundamentally everything that can interest human beings must be linked to the discussion of the Christ event. We have seen, after all, that the Gospels themselves seek to approach the essence of Christ from four different perspectives, and we have touched upon various aspects of the mysteries of the individual Gospels.
[ 2 ] Nur bis zu einem gewissen Grade konnten wir in das MatthäusEvangelium hineinleuchten. Es wird nun späteren Vorträgen überlassen bleiben müssen, im Zusammenhang wieder zurückzukommen auf die Geheimnisse des Matthäus-Evangeliums, um dann hineinzusteigen in die Tiefen des Markus-Evangeliums. Würden wir jetzt am Ende des Winters in unserem Zweige auch nur mit einigen skizzenhaften Andeutungen auf das hinweisen wollen, was uns noch übriggeblieben ist, so würde das zu sehr für die nächsten Zeiten die Geschlossenheit der Vorträge zerstören. Daher sollen heute und das nächste Mal von mir Fragen berührt werden, die in gewisser Beziehung von einer anderen Seite her an das Christus-Problem herankommen, und zwar soll heute berührt werden die Frage nach dem Zusammenhang des menschlichen Gewissens mit dem Einschlag des Christus-Impulses in die Menschheitsentwickelung. Damit wird zugleich noch etwas anderes erreicht. Am nächsten Donnerstag haben wir den öffentlichen Vortrag über das menschliche Gewissen, und auch heute soll hier im Zweige über dasselbe Thema gesprochen werden. Damit wird aber eine ganz bestimmte Absicht verfolgt, eine Absicht, die später noch öfter vor unser geistiges Auge treten soll. Es soll nämlich gezeigt werden, daß über denselben Gegenstand in einer andern Art gesprochen werden soll innerhalb einer solchen Arbeitsgruppe, in der wir uns befinden, als in einem öffentlichen Vortrage, der auch für diejenigen bestimmt ist, die der geisteswissenschaftlichen Bewegung noch nicht angehören. Der Anthroposoph soll ja unter den mancherlei Dingen, die sich als Eigenschaften festsetzen sollen in seinem Gemüt, auch ein Gefühl dafür bekommen, daß man den Dingen der Welt von den verschiedensten Standpunkten und Seiten beikommen soll, und daß der, welcher schon gewisse Voraussetzungen hat, anders über eine Sache sprechen und hören kann als jemand, der solche Voraussetzungen nicht hat. Wenn wir in einer Arbeitsgruppe sprechen, so setzen wir voraus, daß das Gemüt sich bis zu einem gewissen Grade hineingelebt hat in die Vorstellungen einer geistigen Welt, drinnensteht in Empfindungen und Gefühlen von der geistigen Welt, und daß aus diesen Empfindungen, Gefühlen und Gedanken, die über die geistige Welt aufgenommen worden sind, sich zusammenfügen kann eine Vorstellung über eine solche Sache, wie das menschliche Gewissen es ist. Es kann also aus viel intensiveren Tiefen heraufgeholt werden die Antwort auf solche Fragen in einer Arbeitsgruppe als in einem öffentlichen Vortrag, der vor einem nicht anthroposophischen Publikum gehalten wird. Sollen ja doch diese öffentlichen Vorträge die Aufgabe haben, durch die Erscheinungen des Seelenlebens, die man zunächst wie äußere Erlebnisse heranzieht, nach und nach erst etwas wie eine Art Beweis dafür herbeizutragen, daß die Wahrheiten, die wir in der Geisteswissenschaft kennen, wirklich Wahrheiten sind. Das ist eine andere Aufgabe als für den Geisteswissenschafter selber zu sprechen, der gewisse Voraussetzungen, Überzeugungen, vielleicht auch gewisse Anschauungen über die geistige Welt schon mitbringt. Der Geisteswissenschafter soll sich eben nach und nach aneignen, die Begriffe und Vorstellungen, welche ihm dies und jenes erklären, in der verschiedensten Weise aus den verschiedensten Quellen und Seiten herholen zu lernen, und der Geisteswissenschafter soll sich abgewöhnen lernen die Unart, die aber notwendigerweise im äußeren Leben bestehen muß, als ob man nur in einer Art und Weise über eine Sache sprechen könnte.
[ 2 ] We were able to shed light on the Gospel of Matthew only to a certain extent. It will now have to be left to later lectures to return, in context, to the mysteries of the Gospel of Matthew, in order to then delve into the depths of the Gospel of Mark. If we were to attempt now, at the end of winter in our branch, to allude—even with just a few sketchy hints—to what remains for us to cover, it would disrupt the coherence of the lectures too much for the coming period. Therefore, today and next time I shall address questions that, in a certain respect, approach the Christ problem from a different angle; specifically, today I shall address the question of the connection between the human conscience and the impact of the Christ impulse on human evolution. This will also serve another purpose. Next Thursday we will have the public lecture on the human conscience, and today, too, we will discuss the same topic here in this study group. However, this serves a very specific purpose—a purpose that will come to mind more often in the future. Namely, it is to be shown that the same subject should be discussed in a different way within a working group such as the one in which we find ourselves than in a public lecture intended for those who do not yet belong to the spiritual science movement. Among the various qualities that should take root in the anthroposophist’s mind, one is a sense that the things of the world should be approached from the most diverse viewpoints and perspectives, and that someone who already possesses certain prerequisites can speak about and listen to a subject differently than someone who lacks such prerequisites. When we speak in a working group, we assume that the mind has, to a certain degree, immersed itself in the concepts of a spiritual world, is immersed in the sensations and feelings of the spiritual world, and that from these sensations, feelings, and thoughts—which have been absorbed about the spiritual world—a conception of such a thing as the human conscience can take shape. Thus, the answer to such questions can be drawn from much deeper and more intense depths in a working group than in a public lecture delivered before a non-anthroposophical audience. After all, the purpose of these public lectures is to gradually provide, through the phenomena of soul life—which are initially drawn upon as external experiences—something akin to proof that the truths we know in spiritual science are indeed truths. This is a different task from speaking to the spiritual scientist himself, who already brings with him certain presuppositions, convictions, and perhaps even certain views about the spiritual world. The spiritual scientist should gradually learn to draw upon the concepts and ideas that explain this and that in a wide variety of ways from a wide variety of sources and perspectives, and the spiritual scientist should learn to break the bad habit—which, however, must necessarily exist in external life—of speaking about a subject as if there were only one way to do so.
[ 3 ] Das menschliche Gewissen ist etwas, was uns ja im Tiefsten der Seele berühren muß. Und wo uns seit Jahrhunderten Philosophen oder sonstige Denker über die Welt entgegentreten, da ist es in der Regel auch die Frage nach dem, was man das menschliche Gewissen nennt, die sie interessierte. Man könnte nun gerade einer solchen Erscheinung wie dem Gewissen gegenüber sich leicht einer Illusion hingeben: der Illusion, die hier schon öfter eben als Illusion bezeichnet worden ist, und die darin bestehen würde, daß man glaubte, alles was in der menschlichen Seele heute gegenwärtig ist, das sei schon immer dagewesen. Wir haben aber gesehen, daß die verschiedensten Seelenfähigkeiten und Seelenvorgänge, welche sich im Menschen im Laufe der Jahrtausende entwickelt haben, in der Urzeit ganz andere waren, als sie gegenwärtig sind. Und auch mancherlei von dem, was wir heute als das Teuerste, als das Bedeutsamste besitzen in unserem Seelenleben, haben unsere Seelen nicht gehabt, als sie vor vielen Jahrtausenden in anderen Verkörperungen auf der Erde wandelten. Das Durchgehen durch verschiedene Verkörperungen hat ja einen Sinn. Wir haben das oft betont. Es hat den Sinn, daß die Seele, indem sie sich von Verkörperung zu Verkörperung entwickelt, immer neue Fähigkeiten und Kräfte sich aneignen kann, daß die Seele wirklich eine Geschichte durchmacht, daß ihr Erdendasein eine Lehrzeit ist, daß sie etwas anderes gewesen ist in der Zeit, als unsere Verkörperungen begonnen haben, und etwas anderes ist jetzt, und etwas anderes sein wird in einer fernen Zukunft.
[ 3 ] The human conscience is something that must touch us in the very depths of our souls. And wherever philosophers and other thinkers have confronted us with questions about the world over the centuries, it is generally the question of what is called the human conscience that has interested them. One could easily succumb to an illusion when confronted with a phenomenon such as the conscience: the illusion that has already been described here on several occasions as an illusion, and which would consist in believing that everything present in the human soul today has always been there. But we have seen that the most diverse soul faculties and soul processes, which have developed in human beings over the course of millennia, were quite different in primeval times than they are today. And indeed, many of the things we now regard as the most precious and significant aspects of our soul life were not present in our souls when they walked the earth in other incarnations many millennia ago. Passing through various incarnations does, after all, have a purpose. We have often emphasized this. Its purpose is that, as the soul develops from one incarnation to the next, it can continually acquire new abilities and powers; that the soul truly undergoes a history; that its earthly existence is a period of learning; that it was something different in the time when our incarnations began, is something different now, and will be something different in the distant future.
[ 4 ] Auch das menschliche Gewissen, dieses teure Gut der Menschenseele, welches wie eine Gottesstimme ruft gegenüber dem Guten und gegenüber dem Bösen in jedem individuellen Menschen, auch diese teure Gabe des menschlichen Innern ist nicht immer dagewesen. Auch dieses Gewissen ist etwas, was sich entwickelt hat. Und es ist sogar verhältnismäßig noch nicht lange her, seit sich dieses menschliche Gewissen ankündigte und sich seitdem immer weiter und weiter entwickelt hat. Und wenn es auch ein teures Gut ist, so ist es dennoch nicht dazu berufen, immer in derselben Weise durch alle folgenden Inkarnationen hindurch in der menschlichen Seele zu leben, so wie jetzt. Es wird sich weiter entwickeln, es wird andere Gestalten annehmen, wird sich erweisen als etwas, was sich der Mensch anzueignen hat, was ihm Früchte tragen wird, und was in späteren Zeiten, wenn er diese Früchte haben wird, etwas sein wird, auf das er zurückblickt und sagt: Es gab eine Epoche, da wurde es mir möglich, auf dem Durchgange von Inkarnation zu Inkarnation meinem Seelendasein das einzuverleiben, was das Gewissen ist, und jetzt habe ich die Früchte von dem, was ich einst meiner Seele einverleibt habe. — Wie wir heute zurückschauen auf eine Zeit, wo unsere Seelen in anderen Verkörperungen waren und das noch nicht hatten, was wir heute Gewissen nennen, so werden in späteren Zeiten unsere Seelen einstmals zurückblicken auf unsere gegenwärtigen Inkarnationen und werden sagen: Heil jener Vergangenheit! Dank jenen Gaben, die uns in der Vergangenheit geworden sind als menschliches Gewissen! Hätten wir damals nicht das menschliche Gewissen entwickeln können in unsern Seelen, so würde uns jetzt das fehlen, was wir brauchen zu dem jetzigen Leben!
[ 4 ] Even the human conscience—that precious treasure of the human soul, which, like the voice of God, calls out to each individual regarding good and evil—even this precious gift of the human inner self has not always existed. This conscience, too, is something that has developed. And in fact, it has not been that long since this human conscience first emerged and has continued to develop ever further since then. And even though it is a precious asset, it is nonetheless not destined to exist in the human soul in exactly the same way through all subsequent incarnations as it does now. It will continue to develop; it will take on other forms; it will prove to be something that human beings must make their own, something that will bear fruit for them, and something that in later times, when they have reaped this fruit, they will look back upon and say: There was a time when, as I passed from one incarnation to the next, I was able to incorporate into my soul’s existence that which is conscience, and now I reap the fruits of what I once incorporated into my soul. — Just as we look back today on a time when our souls were in other incarnations and did not yet possess what we now call conscience, so in later times our souls will one day look back on our present incarnations and say: Hail to that past! Thanks to those gifts that became ours in the past as human conscience! Had we not been able to develop human conscience within our souls back then, we would now lack what we need for our present life!
[ 5 ] Daraus schon sehen wir, daß das Gewissen zu den seelischen Gütern der Gegenwart gehört, und daß es etwas wie Verständnis unserer Gegenwart ist, wie Verständnis des Seelenlebens unserer Gegenwart, wenn wir etwas verstehen von der Natur und dem Wesen des menschlichen Gewissens. Daß es entstanden ist, darauf wurde ja in manchem Zusammenhange schon aufmerksam gemacht. Darauf wird auch am nächsten Donnerstag hingedeutet werden, daß man sozusagen mit Fingern hinweisen kann auf den Zeitpunkt, wo das Gewissen für die menschliche Seele erst entdeckt worden ist. Wenn wir einige Jahrhunderte zurückgehen in das alte Griechenland, so finden wir kaum ein halbes Jahrtausend vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung den großen Dichter Äschylos. Wenn wir bei ihm, bei diesem gewaltigen Genius der griechischen Urdramatik uns umsehen, wenn wir seine Gestalten auf uns wirken lassen, so finden wir in seiner Dramatik das, was wir heute mit dem Ausdruck Gewissen bezeichnen, noch nicht mit einem ähnlichen Ausdruck bezeichnet. Ein halbes Jahrtausend vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung gibt es für den größten Dramatiker noch keinen Ausdruck für das, was wir heute als das menschliche Gewissen bezeichnen. Wenn er ausdrücken will den menschlichen Seelenvorgang, der dem entsprechen würde, was wir heute Gewissen nennen, dann muß er es in der Weise tun, daß jemand, der zum Beispiel das Unrecht des Muttermordes begangen hat, durch die Gewalt dieses Ereignisses ins Geistige hineinschaut und Gestalten sieht im Geistigen, die das alte Griechentum die Erinnyen, das spätere Römertum die Furien genannt hat. Das heißt, wer ein Unrecht wie den Muttermord getan hat, der vernimmt bei Äschylos nicht das, was wir heute die vorwerfende Stimme des Gewissens im eigenen Innern nennen, sondern ihn drängt etwas, geistig zu schauen die Gestalten, die wie die Rächer seiner Tat ihn umgeben.
[ 5 ] From this we can already see that conscience belongs to the spiritual assets of the present, and that understanding the nature and essence of the human conscience is akin to understanding our present, to understanding the spiritual life of our present. The fact that it has come into being has, after all, already been pointed out in various contexts. This will also be alluded to next Thursday: that one can, so to speak, point to the exact moment when conscience was first discovered for the human soul. If we go back a few centuries to ancient Greece, we find the great poet Aeschylus barely half a millennium before the beginning of the Christian era. When we look at him—this mighty genius of early Greek drama—and allow his characters to take effect upon us, we find that in his plays, what we today call “conscience” is not yet designated by a similar term. Half a millennium before the beginning of the Christian era, even the greatest playwright had no term for what we today call the human conscience. When he wishes to express the inner process of the human soul that would correspond to what we today call “conscience,” he must do so in such a way that someone who, for example, has committed the crime of matricide, is compelled by the force of this event to look into the spiritual realm and sees there figures that ancient Greece called the Erinyes and later Rome called the Furies. That is to say, according to Aeschylus, someone who has committed an injustice such as matricide does not hear what we today call the accusing voice of conscience within themselves, but is compelled to gaze spiritually upon the figures that surround them like avengers of their deed.
[ 6 ] Das ist einer der besonderen Beweise, die Sie finden können in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit für das, was in umfassender Weise eben charakterisiert worden ist. Das menschliche Seelenvermögen war in alten Zeiten ganz anders. Wir haben immer betont, daß die menschliche Seele sich erst nach und nach entwickelt hat zu ihrer jetzigen Fähigkeit, die physisch-sinnliche Welt durch die Sinne so wahrzunehmen, wie sie es heute kann, und den Verstand so zu gebrauchen, wie sie ihn heute gebraucht. Wir haben betont, daß die Seele in alten Zeiten als normales Vermögen ein gewisses Hellsehen hatte. Dieses Hellsehen trat zur Zeit des Äschylos nur noch in besonderen Fällen ein. Hellsichtig wird die Seele zum Beispiel, um das zu schauen, was sie in der physischen Welt durch ihr Unrecht angerichtet hat. Hellsichtig wird die Seele des Orest, nachdem er den Muttermord begangen hat. Da sieht sie, welche Geister sie durch ihre Tat wachgerufen hat in der geistigen Welt. Die dringen an sie heran. Nicht im Innern der Seele sitzt so etwas wie das Gewissen, sondern hellsichtiges Bewußtsein tritt auf, um die Unordnung zu sehen, die wachgerufen ist dadurch, daß in der physischen Welt ein Unrecht begangen worden ist. Das würden wir in alten Zeiten überall finden: Wer ein Unrecht getan hat, hört noch nicht die warnende Stimme des Gewissens, denn die Seele ist in alten Zeiten im Zustande des Hellsehens und sieht da, was entstanden ist in der, Außenwelt durch das Unrecht.
[ 6 ] This is one of the specific pieces of evidence you can find in the historical development of humanity for what has just been described in broad terms. The human soul was quite different in ancient times. We have always emphasized that the human soul developed only gradually to its present capacity to perceive the physical-sensory world through the senses as it does today, and to use the intellect as it does today. We have emphasized that in ancient times the soul possessed a certain degree of clairvoyance as a normal faculty. By the time of Aeschylus, this clairvoyance occurred only in special cases. The soul becomes clairvoyant, for example, in order to see what it has wrought in the physical world through its wrongdoing. Orestes’ soul becomes clairvoyant after he has committed matricide. There it sees which spirits it has summoned in the spiritual world through its deed. These spirits press upon it. It is not that something like a conscience resides within the soul, but rather a clairvoyant consciousness arises to perceive the disorder that has been summoned by the commission of an injustice in the physical world. We would find this everywhere in ancient times: whoever has committed an injustice does not yet hear the warning voice of conscience, for in ancient times the soul was in a state of clairvoyance and could see what had arisen in the external world as a result of the injustice.
[ 7 ] Was geschieht denn, wenn ein Unrecht begangen worden ist? Da wird durch uns selber in der geistigen Welt etwas geschaffen. Es ist nur materialistisches Vorurteil, daß ein Unrecht vorübergehen kann, ohne daß dabei in der geistigen Welt etwas geschaffen wird. Das Unrecht erzeugt ganz bestimmte Vorgänge in der geistigen Welt, Wirkungen, die von uns ausstrahlen, unsichtbar für die äußere Sinnenbeobachtung, aber vorhanden für geistiges Schauen. Und solche geistigen Vorgänge, die von jemandem ausstrahlen, der ein Unrecht getan hat, bedeuten Nahrung für gewisse Wesenheiten, die in der geistigen Welt tatsächlich vorhanden sind. Solche Wesenheiten können an den Menschen nicht immer heran. Wenn er keine solche Ausstrahlungen hat, wie sie von einem unrechten Tun kommen, dann können sie nicht an ihn heran. Es geht mit ihnen gerade so wie mit einer Stube: Wenn die Stube ganz rein ist, können keine Fliegen darinnen sein. Es sind auch keine drinnen. Aber wenn die Stube alles mögliche Schmutzige hat, Speisereste und so weiter, da sind die Fliegen gleich da. In dem Augenblick, wo der Mensch ausstrahlt durch seine schlechten Taten gewisse geistige Ausstrahlungen, da sind um ihn herum Wesenheiten, die sich davon nähren. Diese Wesenheiten läßt der große griechische Tragiker Äschylos um Orest herum sein. Was wir heute als innere Stimme vernehmen, das ist dem griechischen Tragiker Äschylos noch so bewußt, daß er es in äußeren Gestalten auftreten läßt, weil er weiß, daß in besonderen Fällen immer noch das eintrat, was in älteren Zeiten ein Gemeingut aller Seelen war: ein gewisses hellsichtiges Bewußtsein. Von allem früheren bleibt etwas für spätere Zeiten zurück und tritt dann als Atavismus auf, aber nur in abnormen Fällen. Daher ist es nicht etwas, was zu tadeln wäre, wenn bei Shakespeare zum Beispiel noch etwas ähnliches auftritt, gleichsam ein objektiviertes Gewissen.
[ 7 ] What happens, then, when an injustice has been committed? We ourselves create something in the spiritual world. It is merely a materialistic prejudice to believe that an injustice can pass without something being created in the spiritual world. The wrongdoing gives rise to very specific processes in the spiritual world—effects that radiate from us, invisible to external sensory observation but perceptible to spiritual vision. And such spiritual processes, radiating from someone who has committed a wrongdoing, serve as nourishment for certain beings that actually exist in the spiritual world. Such beings cannot always approach human beings. If a person does not emit the kind of radiation that results from wrongdoing, then these beings cannot approach him. It is just like a room: if the room is completely clean, no flies can be inside. There aren’t any inside, either. But if the room contains all sorts of filth—food scraps and so on—the flies are there immediately. The moment a person radiates certain spiritual vibrations through his or her evil deeds, there are entities around him or her that feed on them. The great Greek tragedian Aeschylus has these entities surrounding Orestes. What we perceive today as an inner voice was still so conscious to the Greek tragedian Aeschylus that he had it appear in external forms, because he knew that in certain cases what had once been common to all souls in earlier times still occurred: a certain clairvoyant consciousness. Something of everything that came before remains for later times and then manifests as atavism, but only in abnormal cases. Therefore, it is not something to be criticized if, in Shakespeare for example, something similar still appears—as it were, an objectified conscience.
[ 8 ] Dann aber brauchen wir nur wenige Zeit weiterzugehen in der griechischen Kunst, von Äschylos zu Euripides, und Euripides, der spätere Tragiker, zeigt uns, daß er den Begriff des Gewissens bereits hat. So sehen wir im alten Griechenland, wie in dem halben Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung der Begriff des Gewissens nach und nach erst auftritt. Suchen Sie sich im Alten Testament ein Wort für das, was wir heute Gewissen nennen: Sie werden es nicht finden. Gewissen ist etwas, was als Fähigkeit erst in die Menschenseele eingezogen ist. Und wenn wir nicht kurze Spannen Zeiten betrachten, sondern große Zeiträume, dann können wir sehen, daß das Gewissen etwas ist, was in die Menschenseele seinen Einzug gehalten hat auch ungefähr in derselben Zeit, als der Christus-Impuls in der Seele Platz gegriffen hat. Man möchte sagen, fast wie ein Schatten folgt das Gewissen dem Christus-Impuls, wie er eintritt in die weltgeschichtliche Entwickelung. Um das nun zu verstehen, müssen wir heute nun mancherlei in uns lebendig machen, was wir im Laufe der Jahre uns angeeignet haben, und was wir fruchtbar machen müssen zum Begreifen dessen, was das menschliche Gewissen eigentlich ist.
[ 8 ] But then we need only move a short distance further along the timeline of Greek art, from Aeschylus to Euripides, and Euripides, the later tragedian, shows us that he already possesses the concept of conscience. Thus, in ancient Greece, we see how, in the half-millennium before the Christian era, the concept of conscience gradually began to emerge. Look in the Old Testament for a word for what we today call conscience: you will not find it. Conscience is something that has only recently entered the human soul as a capacity. And if we look not at short periods of time but at long spans, then we can see that conscience is something that took root in the human soul at roughly the same time that the Christ impulse took hold in the soul. One might say that the conscience follows the Christ impulse almost like a shadow as it enters the course of world history. To understand this, we must now bring to life within ourselves many things that we have acquired over the years and that we must make fruitful in order to grasp what the human conscience actually is.
[ 9 ] Wenn wir begreifen wollen in einem tieferen Grunde, was das Gewissen ist, so müssen wir gerade jenen Zeitpunkt ins Auge fassen, in welchem die menschliche Entwickelung sich dem Christus-Impuls nähert, diesen Christus-Impuls aufgenommen hat und dann in unsere Zeit hinein weitergeschritten ist. Wir wissen, daß wir es dabei zu tun haben mit drei Kulturepochen unserer Menschheitsentwickelung, die wir bezeichnen als die ägyptisch-chaldäische Kultur, die griechisch-lateinische Kultur und als unsere gegenwärtige Kultur. Die zwei vorhergehenden Kulturen, die uralt-indische und die urpersische, können wir jetzt unberücksichtigt lassen, denn da waren unsere Seelen noch weit entfernt, dasjenige auch nur zu ahnen, was wir heute mit dem Begriff des Gewissens bezeichnen. In der ägyptischchaldäischen Kultur sehen wir allmählich, wie sich vorbereitet alles, was dann zu der höchsten Höhe emporgestiegen ist, die es erreichen konnte, um in der griechisch-lateinischen Kultur den bedeutsamen Impuls zu erlangen, der als der Christus-Impuls aufgenommen worden ist. Und wir sehen dann in unserer eigenen Zeit die Epoche, wo dieser Impuls verarbeitet wird. Und immer größer und bedeutungsvoller wird dieses Verarbeiten in dem kommenden Zeitalter werden.
[ 9 ] If we wish to understand, on a deeper level, what conscience is, we must focus precisely on that moment when human evolution approached the Christ impulse, absorbed it, and then continued onward into our own time. We know that we are dealing here with three cultural epochs in the development of humanity, which we designate as the Egyptian-Chaldean culture, the Greco-Latin culture, and our present-day culture. We can now set aside the two preceding cultures—the ancient Indian and the ancient Persian—because at that time our souls were still far from even sensing what we today refer to as the concept of conscience. In the Egyptian-Chaldean culture, we gradually see how everything was prepared that later rose to the highest peak it could reach, in order to attain, within the Greek-Latin culture, the significant impulse that was received as the Christ impulse. And we then see, in our own time, the epoch in which this impulse is being assimilated. And this assimilation will become ever greater and more significant in the coming age.
[ 10 ] Wenn wir uns nun noch etwas genauer erinnern an diese Entwikkelung, die sich vollzieht von der ägyptisch-chaldäischen Zeit durch die griechisch-lateinische Epoche bis in unsere Zeit hinein, so tritt uns da vor die Seele, daß in jeder dieser Epochen insbesondere ein Glied der menschlichen Seele entwickelt wird. Von den drei Gliedern der menschlichen Seele ist während der ägyptisch-chaldäischen Zeit entwickelt worden dasjenige, was wir die Empfindungsseele nennen, das heißt, wir mußten in ägyptisch-chaldäischen Leibern einstmals verkörpert sein, damit wir in die Lage kamen, in regelrechter Weise jene Fähigkeiten in uns aufzunehmen, die zu der besonderen Ausbildung der Empfindungsseele taugen. Dann haben wir als Seelen jene Eigenschaft mitgenommen in die nächsten Verkörperungen während der griechisch-lateinischen Epoche, um jetzt auszubilden die Verstandes- oder Gemütsseele. Und mit den Früchten, die wir aus der griechisch-lateinischen Epoche gewonnen haben, leben wir in unseren jetzigen Verkörperungen, um nun allmählich das zu immer höherer Entwickelung kommen zu lassen, was wir die Kräfte der Bewußtseinsseele nennen. So wird unsere Seele als Mensch gera‘de während diesen drei Zeitaltern ausgebildet. Und wenn unsere Zeit vorüber sein wird, dann wird unsere Seele aufsteigen zu der Entwickelung der Fähigkeit des Geistselbst. Das wird in der sechsten Kulturepoche sein. Da sehen wir, welchen tiefen Sinn es hat, daß wir aufeinanderfolgende Verkörperungen durchmachen. Es hat den Sinn, daß wir uns dadurch nach und nach aneignen diejenigen Fähigkeiten, welche wir als die der menschlichen Seele kennen, und im weiteren Umfange auch diejenigen, welche dann über das bloße Seelenleben hinausgehen.
[ 10 ] If we now recall in a little more detail this development, which unfolds from the Egyptian-Chaldean period through the Greek-Latin era right up to our own time, it becomes clear to us that in each of these eras a particular aspect of the human soul is developed. Of the three members of the human soul, the one we call the feeling soul was developed during the Egyptian-Chaldean period; that is to say, we once had to be incarnated in Egyptian-Chaldean bodies so that we could properly assimilate within ourselves those faculties suited to the specific development of the feeling soul. Then, as souls, we carried this quality with us into our next incarnations during the Greco-Latin epoch in order to develop the intellectual or emotional soul. And with the fruits we have gained from the Greco-Latin epoch, we live in our present incarnations in order to gradually bring to ever higher development what we call the powers of the conscious soul. Thus, our soul as a human being is formed precisely during these three epochs. And when our time is over, our soul will ascend to the development of the capacity of the spiritual self. This will take place in the sixth cultural epoch. Here we see the profound significance of undergoing successive incarnations. The purpose is that through this process we gradually acquire those faculties we recognize as belonging to the human soul, and, to a greater extent, those that then go beyond mere soul life.
[ 11 ] Also während der ägyptisch-chaldäischen Kultur haben unsere Seelen sich angeeignet die Kräfte der Empfindungsseele und haben diese Kräfte zur Entfaltung gebracht, während der griechisch-lateinischen Zeit die Kräfte der Verstandesseele oder Gemütsseele. Bis zur Verstandesseele mußte der Mensch normalerweise heraufdringen, dann konnte der Christus-Impuls auf ihn ausgeübt werden.
[ 11 ] Thus, during the Egyptian-Chaldean cultural period, our souls assimilated the powers of the sensory soul and developed these powers; during the Greco-Latin period, they assimilated the powers of the intellectual soul or emotional soul. A person normally had to ascend to the level of the intellectual soul before the Christ impulse could be exerted upon him.
[ 12 ] Nun aber war in einer ganz verschiedenen Weise diese Ausbildung an den verschiedenen Punkten der Erde geschehen. Wenn wir nämlich mit einer gewissen Bequemlichkeit der Seele glauben wollten, daß sich in der Entwickelung der Menschheit alles möglichst einfach vollzieht, so werden wir niemals zum Begreifen der Menschheitsentwickelung kommen können. Vieles muß man kennenlernen, um die großen Gedanken der leitenden Weltwesen einigermaßen nachdenken zu können! Und es ist der größte Hochmut, wenn der Mensch den Satz ausspricht, daß die Wahrheit einfach sei; denn da will er die Wahrheit nach seiner Bequemlichkeit drechseln. Es ist nur eine Frucht der Bequemlichkeit, wenn gesagt wird, die Wahrheit müsse einfach sein. Aber die Wahrheit ist eine komplizierte, weil der Geist der leitenden Weltwesen von uns nur begriffen werden kann, wenn wir die höchsten Anstrengungen machen, um uns in die Gedanken der leitenden Weltengeister — auch bis in die subtilsten Gedanken hinein — zu vertiefen. So dürfen wir auch nicht glauben, daß wir schon alles erschöpft hätten, wenn wir sagen: Unsere Seelen haben sich durch die ägyptisch-chaldäische Kultur, durch die griechischlateinische Kultur und durch unsere jetzige Kulturepoche hinaufentwickelt. Versetzen wir uns für einen Augenblick in die Zeit, da es noch kein griechisch-lateinisches Wesen gab, sondern nur erst die ägyptisch-chaldäische Kultur.
[ 12 ] However, this development had taken place in very different ways at various points on Earth. For if, out of a certain complacency of the soul, we were to believe that everything in human evolution proceeds as simply as possible, we would never be able to comprehend human evolution. There is much one must learn in order to be able to reflect to any degree on the great thoughts of the guiding world spirits! And it is the height of arrogance when a person declares that the truth is simple; for in doing so, they seek to mold the truth to suit their own convenience. To say that the truth must be simple is merely a product of complacency. But the truth is complex, because the spirit of the guiding world beings can only be understood by us if we make the greatest efforts to immerse ourselves in the thoughts of the guiding world spirits—even down to the most subtle thoughts. Thus, we must not believe that we have already exhausted everything when we say: Our souls have evolved upward through the Egyptian-Chaldean culture, through the Greco-Latin culture, and through our present cultural epoch. Let us transport ourselves for a moment to the time when there was still no Greco-Latin civilization, but only the Egyptian-Chaldean culture.
[ 13 ] In dieser Zeit lebten in den Gegenden Griechenlands und: in den Ländern des römischen Reiches auch Menschen; sie lebten sozusagen vor der griechisch-lateinischen Zeit in den Ländern der späteren griechisch-lateinischen Kultur. Und auch in unseren Gegenden, auf dem Boden, den wir heute betreten, lebten Menschen in der Zeit, als die ägyptisch-chaldäische Kultur sich in Asien und Afrika abspielte. Während in Asien und Afrika zur Zeit der ägyptisch-chaldäischen Kultur gewisse Seelen im eminentesten Sinne das durchmachten, was sie vorbereiten sollte zum Empfang des Christus-Impulses, lebten in den Gegenden der späteren griechisch-lateinischen Kultur andere Seelen, die sich vorbereiteten, etwas ganz anderes hinzuzubringen zur Gesamtentwickelung der Menschheit. Ebenso lebten in unseren Gegenden Menschen, die sich zu etwas anderem vorbereiteten. Nicht nur, daß in den aufeinanderfolgenden Zeiten unsere Seelen verschiedene Fähigkeiten aufnehmen, sondern in denselben Zeiten leben die Seelen auch nebeneinander. Dadurch wird in der verschiedensten Weise auf die Seelen gewirkt, und dadurch entsteht eine weitere Komplikation in der Entwickelung. Es wird damit der Menschheitsentwickelung mehr gebracht, als wenn alles in gerader Linie fortliefe, In der Tat mußten Vorbereitungen gemacht werden sowohl auf griechisch-lateinischem Boden als auch in unseren Gegenden, damit von den verschiedensten Seiten her in die Kulturentwikkelung das Rechte mit hineingebracht wurde. Fine ganz andere Aufgabe hatten die asiatischen und afrikanischen Völker, eine ganz andere die südeuropäischen Völker, und wiederum eine ganz andere Aufgabe hatten die Völker des mittleren und des nördlichen Europa. Sie hatten alle ganz verschiedenes hinzuzubringen zu der GesamtMenschheitsentwickelung, und sie konnten verschiedenes hinzubringen, weil ihre Anlagen und ihre ganze Ausbildung eine wesentlich andere war als die der andern.
[ 13 ] During this period, people also lived in the regions of Greece and in the lands of the Roman Empire; they lived, so to speak, before the Greco-Latin era in the lands that would later become part of Greco-Latin culture. And in our own regions as well—on the very ground we tread today—people lived during the time when the Egyptian-Chaldean culture was unfolding in Asia and Africa. While in Asia and Africa during the time of the Egyptian-Chaldean culture certain souls were undergoing, in the most eminent sense, what was to prepare them to receive the Christ impulse, other souls lived in the regions of the later Greco-Latin culture who were preparing to contribute something entirely different to the overall development of humanity. Likewise, people lived in our regions who were preparing for something else. Not only do our souls acquire different abilities in successive eras, but souls also live side by side within the same era. This affects the souls in a wide variety of ways, thereby introducing a further complication into the course of development. This contributes more to human development than if everything were to proceed in a straight line. In fact, preparations had to be made both in the Greco-Latin world and in our regions so that the right elements could be incorporated into cultural development from a wide variety of perspectives. The Asian and African peoples had an entirely different task; the peoples of Southern Europe had a completely different one; and the peoples of Central and Northern Europe, in turn, had yet another distinct task. They all had very different contributions to make to the overall development of humanity, and they were able to make these contributions because their dispositions and their entire upbringing were fundamentally different from those of the others.
[ 14 ] Wenn wir nämlich unseren Blick richten auf die ägyptisch-chaldäischen Völker, auf die Seelen, welche gerade in der ägyptisch-chaldäischen Kultur ihren Höhepunkt erreichten, so müssen wir sagen: diese Völker entwickelten damals gewisse Fähigkeiten der Empfindungsseele, welche man eben ganz besonders entwickeln kann, wenn man jene wunderbaren Lehren aufnimmt, die damals aus den ägyptischen Heiligtümern flossen, oder die wunderbare Astrologie, die aus den chaldäischen Heiligtümern kommen konnte. Was aus den verschiedenen Kulturstätten fließt, ist dazu da, die Seelen vorwärtszubringen. Denn im Grunde ist die wahre Bedeutung dessen, was aus den verschiedenen Kulturstätten fließt, nicht dasjenige, was diese Kulturströmungen als Inhalt haben, sondern was sie zur Entwickelung der menschlichen Seele beitragen. Der Inhalt vergeht! Und nur die, welche im tieferen Sinne gar nicht bei Trost sind, können glauben, daß in einigen Jahrhunderten unsere heutige Wissenschaft nicht ebenso hinuntergesunken sein wird in den Schoß der Vergessenheit, wie gewisse Dinge der ägyptisch-chaldäischen Kultur in die Vergessenheit heruntergesunken sind. Wer glauben würde, daß in der kopernikanischen Weltanschauung ewige Errungenschaften gegeben sind, der irrt sich ganz gewaltig; sie wird später ebenso etwas Überwundenes sein wie die Errungenschaften der ägyptischen Kultur heute. Ihrem Inhalte nach gehen diese Dinge vorbei wie auch manches andere in der Menschheitsentwickelung. Wir treten zum Beispiel hin vor jenes wunderbare Bild, welches Ihnen allen wenigstens in Abbildungen bekannt sein wird, das «Abendmahl» von Leonardo da Vinci. Wenn wir es heute in Mailand sehen wollen, sehen wir es nur noch in ganz schwachen Umrissen, und wir wissen, es wird nicht lange dauern, dann wird nichts mehr zu sehen sein von dem, wohinein Leonardo da Vinci seine beste Kraft gelegt hart. Ebensowenig wird später einmal noch etwas zu sehen sein von den herrlichen Werken Raffaels, welche heute die Seele so tief ergreifen, wenn Sie sie auf sich wirken lassen. Alle diese Werke werden in Staub zerfallen, und eine Erinnerung daran wird auf dem physischen Plan nicht mehr da sein. Der Inhalt dieser Werke wie der Inhalt der Kulturen geht in den Tod hinunter. Aber wenn wir zum Beispiel vor diesen Bildern stehen, dann sollen wir daran denken, daß sie Raffaels Seele entflossen sind, und daß Raffaels Seele eine andere geworden ist, nachdem sie diese Bilder aus sich hervorgezaubert hatte, als sie vorher war. Und die Millionen und Millionen von Menschen, die sich daran erheben, nehmen den Inhalt der Bilder in ihre Seelen auf und werden dadurch etwas anderes. Und wenn die ganze Erde einmal in Staub zermalmt sein wird — was sie ganz gewiß sein wird -, dann wird von den äußeren Einrichtungen der Kulturen nichts mehr vorhanden sein, aber was die Seelen aufgenommen haben, das wird in die Ewigkeit mit hinübergehen. Für die Menschenseelen ist das da, was die Kulturen bieten, was aus Ägyptens und Chaldäas Heiligtümern geflossen ist an für die damalige Zeit hehrem Weisheitsinhalt. Vorwärts kommen sollten die Menschenseelen um ein entsprechendes Stück. Und um was sie vorwärts gekommen sind, um das waren sie reifer, wieder neue Güter entgegenzunehmen; jene Güter, die dann in der griechisch-lateinischen Kultur wieder die Seelen um ein Stück vorwärts brachten. Hätten unsere Seelen nicht das aufgenommen, was sie in der griechisch-lateinischen Zeit aufnehmen konnten, so könnten sie sich jetzt nicht in die Bewußtseinsseele hineinleben. Das ist der Fortgang in der Zeit.
[ 14 ] For when we turn our gaze to the Egyptian-Chaldean peoples—to the souls that reached their zenith precisely within Egyptian-Chaldean culture—we must say: these peoples developed at that time certain faculties of the feeling soul, which can be developed particularly well by absorbing those wonderful teachings that flowed from the Egyptian sanctuaries at that time, or the wonderful astrology that came from the Chaldean sanctuaries. What flows from the various centers of culture is meant to advance the souls. For fundamentally, the true significance of what flows from the various centers of culture is not the content of these cultural currents, but rather what they contribute to the development of the human soul. Content fades away! And only those who, in a deeper sense, are not in their right minds can believe that in a few centuries our present-day science will not have sunk just as deeply into the bosom of oblivion as certain aspects of Egyptian-Chaldean culture have sunk into oblivion. Anyone who believes that the Copernican worldview contains eternal achievements is gravely mistaken; it will later be just as much a thing of the past as the achievements of Egyptian culture are today. In terms of their content, these things pass away, just as many other things do in human development. Let us, for example, step forward to that marvelous painting, which you will all be familiar with at least from reproductions: Leonardo da Vinci’s The Last Supper. If we wish to see it today in Milan, we can only make out its very faint outlines, and we know it won’t be long before there will be nothing left to see of what Leonardo da Vinci poured his greatest energy into. Nor will there be anything left to see in the future of Raphael’s magnificent works, which today touch the soul so deeply when you allow them to take effect upon you. All these works will crumble to dust, and no memory of them will remain on the physical plane. The content of these works, like the content of cultures, passes into death. But when we stand before these paintings, for example, we should remember that they flowed from Raphael’s soul, and that Raphael’s soul became something different after it had conjured these images from within itself than it was before. And the millions and millions of people who are uplifted by them take the content of the paintings into their souls and thereby become something different. And when the whole earth has one day been reduced to dust—which it most certainly will be—then nothing of the external structures of cultures will remain, but what the souls have absorbed will pass into eternity. For human souls, what cultures offer is the noble wisdom that flowed from the sanctuaries of Egypt and Chaldea—wisdom that was sublime for its time. Human souls were meant to advance by a corresponding degree. And to the extent that they advanced, they became more mature, ready to receive new gifts; those gifts that then, in Greco-Roman culture, brought the souls forward once more. Had our souls not absorbed what they were able to absorb during the Greco-Roman period, they would not now be able to live their way into the conscious soul. That is progress through time.
[ 15 ] Wenn wir uns an manches erinnern, was auch in den öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, so wissen wir, daß in den drei Seelengliedern dasjenige wirkt, was wir das Ich nennen. Aus dem Chaos der seelischen Erlebnisse, die uns in der Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele entgegentreten, entwickelt das Ich sich nach und nach heraus, kristallisiert sich aus all dem heraus, aber nicht in gleicher Weise an den verschiedenen Punkten der Erde. Während zum Beispiel in Asien und Afrika, als die ägyptisch-chaldäische Kultur vor sich ging, die Menschen sich so entwickelten, daß sie dort noch lange auf ihre Seele haben wirken lassen die Offenbarungen der chaldäischen und ägyptischen Heiligtümer, hatten die Völker Europas, die davon entfernt waren, sich so entwickelt, daß sie gewissermaßen schon etwas vorausgenommen hatten. In den europäischen Gegenden hatten die Menschen in der Empfindungsseele schon in gewisser Weise das Ich entwickelt, ein starkes Gefühl, eine starke Empfindung für das Ich.
[ 15 ] If we recall some of what has also been said in the public lectures, we know that what we call the “I” is at work within the three soul members. Out of the chaos of psychological experiences that confront us in the feeling soul, the intellectual soul, and the conscious soul, the “I” gradually develops and crystallizes from all of this—though not in the same way at different points on Earth. While, for example, in Asia and Africa—during the time of the Egyptian-Chaldean culture—people developed in such a way that they continued for a long time to allow the revelations of the Chaldean and Egyptian sanctuaries to influence their souls, the peoples of Europe, who were distant from these regions, had developed in such a way that they had, so to speak, already anticipated certain things. In the European regions, people had already developed the “I” to a certain extent in their feeling soul—a strong sense, a strong feeling for the “I.”
[ 16 ] Hier sind wir an einem ganz unendlich wichtigen Punkt. Nach Asien und Afrika hinüber sind die Menschen gezogen, die mit ihrem Ich warteten zu der Zeit, wo in der Empfindungsseele schon vorher das entwickelt war, was durch die ägyptischen und chaldäischen Heiligtümer entwickelt werden konnte. Da waren in der Gegend der ägyptisch-chaldäischen Kultur Seelen inkarniert, welche mehr oder weniger ohne ein deutliches Gefühl von der Ichheit zu haben, hohe Lehren, eine hohe Kultur aufnahmen. In eine sich ihres Ich noch nicht bewußte Empfindungsseele wird im alten Chaldäa die hohe Kultur, die dazumal bestanden hat, hineinversenkt. Hier im Norden wird nicht eine so hohe Kultur in die Seele versenkt. Da bleibt die Seele mehr oder weniger unkultiviert, aber sie entwickelt dafür in dieser Unkultur, in dieser nicht von irgendwelchen Offenbarungen der Heiligtümer durchglühten Empfindungsseele ein IchBewußtsein. Wir können sagen: Bei den ägyptisch-chaldäischen Völkern verspätet sich das Ich-Bewußtsein, es läßt zuerst die Empfindungsseele eine gewisse Kultur aufnehmen, bis die späteren Seelenglieder entwickelt sein werden. In Europa wartet das Ich nicht, sondern es entwickelt sich schon in der Empfindungsseele. Es wartet aber dafür mit der Aufnahme gewisser Kulturgüter, bis die späteren Seelenglieder entwickelt sein werden. So haben wir in Asien und Afrika solche Seelen verkörpert, die sich ihres Ich noch fast gar nicht bewußt sind, dagegen etwas wie Eingebungen hoher Offenbarungen haben in der Empfindungsseele. In Europa haben wir Seelen, die keine besonders hohe Kultur haben, die aber ihr individuelles Ich betonen, die in sich als Menschen hineinschauen und sich als Menschen fühlen. Zwischen beiden Extremen stehen die griechisch-lateinischen Völker drinnen, welche besonders die Aufgabe hatten, die Fähigkeiten der Verstandesseele zu entwickeln. Bei ihnen war es so, daß sie das Ich in der Verstandesseele entwickelten und auch gleichzeitig gewisse Kulturen in der Verstandesseele aufnehmen konnten. So daß also die ägyptisch-chaldäische Kultur mit dem Ich wartete bis in eine spätere Zeit, während die europäische Kultur dieses Ich frühzeitig entwickelte. In der griechisch-lateinischen Kultur hielt sich das in gewissem Sinne die Waage, da wurde gleichzeitig mit dem Ich eine gewisse Kultur entwickelt.
[ 16 ] Here we have reached a point of infinite importance. People migrated to Asia and Africa, carrying within them their sense of self, at a time when the sentient soul had already developed what could later be further developed through the Egyptian and Chaldean sanctuaries. In the region of Egyptian-Chaldean culture, souls were incarnated who, more or less without a clear sense of the “I,” absorbed high teachings and a high culture. In ancient Chaldea, the high culture that existed at that time was imbued into a sentient soul not yet conscious of its “I.” Here in the north, such a high culture is not imbued into the soul. There, the soul remains more or less uncultivated; but in return, within this lack of culture—within this sentient soul not infused by any revelations from the sanctuaries—it develops a sense of self. We can say: Among the Egyptian-Chaldean peoples, ego-consciousness is delayed; it first allows the soul of feeling to absorb a certain culture until the later soul members are developed. In Europe, the ego does not wait, but develops already within the soul of feeling. Instead, it waits to absorb certain cultural assets until the later soul elements have developed. Thus, in Asia and Africa, we have embodied souls that are still almost entirely unaware of their “I,” yet possess something like inspirations from higher revelations within the feeling soul. In Europe, we have souls that do not possess a particularly high level of culture, but who emphasize their individual “I,” who look within themselves as human beings and feel themselves to be human. Between these two extremes lie the Greco-Latin peoples, whose particular task was to develop the faculties of the intellectual soul. In their case, they developed the “I” within the intellectual soul and were also able to assimilate certain cultural elements into the intellectual soul at the same time. Thus, while Egyptian-Chaldean culture waited until a later period to develop the “I,” European culture developed this “I” at an early stage. In Greco-Latin culture, this was, in a certain sense, in balance, as a certain culture was developed simultaneously with the “I.”
[ 17 ] Damit deuten wir auf ein großes Geheimnis unserer menschlichen Entwickelung, ohne dessen Kenntnis wir niemals verstehen, warum gerade der Christus-Impuls jenen ungehinderten Einfluß und Eingang in Europa gefunden hat.
[ 17 ] In this way, we point to a great mystery of our human evolution; without an understanding of this mystery, we will never comprehend why the Christ impulse, in particular, found such unhindered influence and acceptance in Europe.
[ 18 ] Warum das? Hätte der Christus in Europa erscheinen können, sich in Europa verkörpern können im Fleische? Nein, das hätte er nicht können. Er erschien in der griechisch-lateinischen Zeit, in welcher die Verstandesseele ausgebildet worden ist. Die war dazu geeignet, gerade den Christus sozusagen entgegenzunehmen. Aber nie hätte der Christus in Europa erscheinen dürfen, weil dort das starke Ich-Gefühl geblieben war. Dieses starke individuelle Ich-Gefühl war nicht geeignet, einen einzigen Menschen zu erzeugen, der vor allen übrigen den Vorzug hatte, daß er allein das Höchste aufnehmen konnte. Ein verfrühtes Ich-Gefühl, ein zu großes Gefühl für die Gleichheit der Menschen hatte sich in den europäischen Ländern entwickelt. Da wäre es unmöglich gewesen, daß eine Persönlichkeit über die anderen so hinausgeragt hätte, wie jene Persönlichkeit über ihre Zeitgenossen hinausragte, die in Palästina das Gefäß bilden sollte für den Christus. So intensiv wie in Europa durfte auf einer frühen Stufe das Ich-Gefühl nicht erscheinen, wenn der Christus einen Körper finden sollte, um sich zu verkörpern. Er mußte also gerade dort erscheinen, wo an der Grenze der ägyptisch-chaldäischen und der griechisch-lateinischen Kultur es möglich war, einen solchen Körper auszubilden, der noch nicht in sich das verfrühte Ich-Gefühl trug, der aber dennoch das tiefste Verständnis hatte für ein Begreifen der geistigen Welt, das aufgenommen war in der ägyptischen und chaldäischen Kultur. Wenn aber Europa nicht die Fähigkeit hatte, den Leib zu liefern für den Christus, so hatte es doch dadurch, daß es zu früh in der Morgenröte des neueren Daseins das Ich ausgebildet hatte, vor allen anderen Errungenschaften das volle Verständnis dafür, nachdem der Christus einmal da war, um den Menschen das volle Bewußtsein vom Ich zu bringen, dieses Ich-Bewußtsein zu begreifen, aus dem Grunde, weil die europäischen Völker das Ich-Gefühl zu früh aufgenommen hatten und mit ihm gleichsam zusammengewachsen waren.
[ 18 ] Why is that? Could the Christ have appeared in Europe, could he have incarnated in the flesh in Europe? No, he could not have done so. He appeared during the Greco-Latin era, when the intellectual soul had been developed. That soul was suited to receiving the Christ, so to speak. But Christ should never have appeared in Europe, because a strong sense of the “I” still prevailed there. This strong individual sense of the “I” was not suited to producing a single human being who, above all others, possessed the distinction of being the only one capable of receiving the Highest. A premature sense of the “I,” an excessive sense of human equality, had developed in the European countries. There, it would have been impossible for a personality to rise so far above the others as that personality did above his contemporaries—the one who was to form the vessel for the Christ in Palestine. The sense of self was not allowed to emerge as intensely as it did in Europe at an early stage if the Christ was to find a body in which to incarnate. He therefore had to appear precisely where, at the boundary between Egyptian-Chaldean and Greek-Latin culture, it was possible to form such a body—one that did not yet carry within itself the premature sense of self, but which nevertheless possessed the deepest understanding of the spiritual world as embodied in Egyptian and Chaldean culture. But even if Europe lacked the capacity to provide a body for the Christ, it nevertheless possessed—precisely because it had developed the “I” too early in the dawn of modern existence—a full understanding, above all other achievements, of once the Christ had come to bring full consciousness of the “I” to humanity, to grasp this “I”-consciousness—for the reason that the European peoples had embraced the sense of “I” too early and had, as it were, grown together with it.
[ 19 ] Das müssen wir berücksichtigen, wenn wir den ganzen Aufgang der neueren Kultur verstehen wollen. In Asien und Afrika finden wir Menschen, die viel wissen über die Geheimnisse der Welt, die viel können in der Herstellung gewisser Symbole. Kurz, sie haben ihre Empfindungsseele so kultiviert, daß sie ein reiches Seelenleben haben, aber ihr Ich-Gefühl ist schwach. In Europa finden wir Menschen, die weniger Kultur haben durch das, was man durch Offenbarungen von außen sich aneignen kann, dafür finden wir aber dort den Typus des Menschen, der sich in sich sucht, der in sich die feste Stütze findet. So war in Asien vorbereitet der Boden für die Erscheinung des Christus, dort konnte es einen Leib geben, in den der Christus einziehen konnte; und in Europa finden wir die Menschen am besten vorbereitet zu einem Verständnis für den Bringer des Ich-Bewußtseins. Den europäischen Völkern brachte er das, wonach man gelechzt hatte. Daher entwickelt sich gerade in Europa jene wunderbare Mystik, die den Christus in die eigene Seele, in das Ich aufnehmen wollte: die christliche Mystik.
[ 19 ] We must take this into account if we are to understand the entire rise of modern culture. In Asia and Africa, we find people who know a great deal about the mysteries of the world and who are highly skilled in the creation of certain symbols. In short, they have cultivated their feeling soul to such an extent that they possess a rich inner life, but their sense of self is weak. In Europe, we find people who are less cultured in terms of what can be acquired through external revelations; however, we find there the type of person who seeks within themselves, who finds a firm foundation within themselves. Thus, in Asia, the ground was prepared for the appearance of the Christ; there could be a body into which the Christ could enter; and in Europe, we find people best prepared to understand the Bringer of self-consciousness. He brought to the European peoples what they had been longing for. That is why that wonderful mysticism developed precisely in Europe—a mysticism that sought to receive the Christ into one’s own soul, into the “I”: Christian mysticism.
[ 20 ] So wird an den verschiedenen Punkten der Erde die Menschheit vorbereitet durch die weise Lenkung der Welt, daß ein jedes Entwikkelungsmoment zu seinem Recht kommt. Das ist eine der großen Errungenschaften der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, daß man immer mehr das Gefühl erhält, wie weise alles in der Menschheitsentwickelung und in der ganzen Welt eigentlich vor sich gegangen ist, wie durch Jahrtausende auf europäischem Boden die Seelen vorbereitet sind, daß sie so früh wie möglich einen festen Punkt im eigenen Innern hatten, und daß sie, um diesen festen Punkt zu entwickeln, sogar zurückgehalten wurden in den Kräften, die in Asien so hoch ausgebildet waren. Daher nimmt der Kulturstrom von Asien herüber seinen Weg, das starke Gefühl der Ich-Persönlichkeit geht in Europa auf. Ja, wir können geradezu wieder mit Fingern hinweisen darauf, wie das Adriatische Meer fast eine festbestimmte Grenze bildet zwischen einem sogar noch etwas schwächeren Ich-Gefühl in Griechenland einerseits, wo sich der Mensch noch nicht so fühlte als einzelne individuelle Persönlichkeit, sondern mehr als Athener, als Spartaner, Thebaner, angehörig seiner Polis, und zwischen den römischen Kulturgegenden andererseits, wo das starke Ich-Gefühl ganz wesentlich ausgebildet ist im Bewußtsein des römischen Bürgers, der als Persönlichkeit fest steht auf seinem Boden. Da sehen wir in Griechenland noch das im Menschen, was man bezeichnen könnte: Das Ich ist doch noch etwas zurücktretend, es wird doch noch mehr von der Außenwelt entgegengenommen, mehr auf eine Art, wo das Ich nicht dabei zu sein braucht.
[ 20 ] Thus, at various points on Earth, humanity is being prepared—through the wise guidance of the world—so that every stage of development comes into its own. This is one of the great achievements of the spiritual-scientific worldview: that one increasingly gains a sense of just how wisely everything has actually unfolded in human development and throughout the world—how, over millennia on European soil, souls have been prepared to have a firm foundation within themselves as early as possible, and that, in order to develop this firm point, they were even held back in the forces that were so highly developed in Asia. Hence, the cultural current flows over from Asia, and the strong sense of the “I” personality blossoms in Europe. Indeed, we can quite literally point out how the Adriatic Sea forms an almost fixed boundary between, on the one hand, an even somewhat weaker sense of self in Greece—where people did not yet feel themselves to be individual personalities, but rather as Athenians, Spartans, Theban, a member of their polis—and the Roman cultural regions on the other, where the strong sense of self is fundamentally developed in the consciousness of the Roman citizen, who stands firmly rooted in his own land as a personality. In Greece, we still see in people what one might describe as follows: the “I” is still somewhat in the background; more is still absorbed from the outside world, in a way where the “I” does not need to be present.
[ 21 ] Und überschreiten wir das Adriatische Meer, so kommen wir nach Rom und sehen fest auf seinen Beinen stehen, mit dem schon gefühlten Ich, den römischen Bürger. Das alles hängt mit tieferen, mit bedeutsamen Untergründen zusammen. Diese Dinge gehen in der Welt nicht vor sich, ohne daß für die Dinge, welche sich auf dem physischen Plan abspielen, die entsprechenden Ereignisse in der geistigen Welt sich vollziehen. Wir sehen, daß in der griechischen Kultur noch ein starker Einschlag von zurückgehaltenem Ich sich finder. Viel wird dort noch unpersönlich aufgenommen. Der Grieche fühlt sich nicht als einzelner Bürger, sondern als Glied des athenischen, spartanischen oder thebanischen Organismus. Das muß abgestreift werden. Es muß die Sehnsucht des Menschen, von außen entgegenzunehmen, verschwinden, und der Mensch muß seinen Einzug halten in das Innere der Seele, wenn er immer mehr ein abendländischer Mensch wird.
[ 21 ] And when we cross the Adriatic Sea, we arrive in Rome and see the Roman citizen standing firmly on his own two feet, with the sense of self we have already sensed. All of this is connected to deeper, significant underlying forces. These things do not take place in the world without corresponding events unfolding in the spiritual world for the things that occur on the physical plane. We see that in Greek culture there is still a strong influence of a restrained sense of self. Much is still perceived impersonally there. The Greek does not feel himself to be an individual citizen, but rather a member of the Athenian, Spartan, or Theban organism. This must be shed. The human being’s longing to receive from the outside must disappear, and the human being must take up residence within the soul if he is to become more and more a Western human being.
[ 22 ] Was die großen Massen bilden soll, das muß vorgelebt werden von den großen Führern, den großen Individualitäten der Menschheit. Da sehen wir, wenn wir etwas vor unsere Seele treten lassen, worauf wir wiederholt hingewiesen haben, daß der Grieche noch ein starkes Bewußtsein hatte, daß dasjenige, was ihm von außen gegeben wird, ohne das Innere seiner Persönlichkeit stark zu entwickeln, ein besonders Wertvolles ist. Noch einmal erinnere ich an den Ausspruch eines hochgebildeten Griechen, der uns tief hineinblicken läßt in das Sehnen des griechischen Volkes: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten! — Noch nicht ist begriffen der große Wert des Unsichtbaren, des übersinnlichen Lebens. Es wird aus der Umgebung herausgeholt, was ohne das Ich herausgeholt werden kann. Und es ist nun tief ergreifend, gerade an diesem Punkt zu sehen, wie an der Wende der Zeiten eine große führende Persönlichkeit wie ein Markstein dasteht, um abzulegen die Gesinnungen des Früheren und aufzunehmen die Gesinnungen des Neueren, um gleichsam weithin schallend für die Geistwelt zu sagen: Jetzt soll eine Zeit kommen, wo nicht mehr bloß aufgenommen werden soll, was ohne das Ich einfließt in die menschliche Persönlichkeit, sondern wo das aufgenommen werden soll, was durch das Ich in die menschliche Persönlichkeit kommt!
[ 22 ] What the great masses are to become must be exemplified by the great leaders, the great individuals of humanity. Here we see—if we allow ourselves to contemplate what we have repeatedly pointed out—that the Greeks still possessed a strong awareness that what is given to them from the outside, without the inner development of their personality, is something of particular value. Once again, I recall the saying of a highly educated Greek who gives us a deep insight into the longings of the Greek people: “Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows!”—The great value of the invisible, of the supersensible life, has not yet been grasped. Whatever can be drawn from the environment without the involvement of the “I” is drawn from it. And it is deeply moving, precisely at this point, to see how, at the turning point of the ages, a great leading figure stands like a milestone to cast off the attitudes of the past and embrace those of the new, to proclaim, as it were, resoundingly to the spiritual world: “Now a time is to come when we shall no longer merely receive what flows into the human personality without the ‘I,’ but when we shall receive what comes into the human personality through the ‘I’!”
[ 23 ] Diese Tat hat sich vollzogen in einem der großen Weisen jenes griechischen Altertums, das sich zum Teil abgespielt hat auf der Insel Sizilien, in Empedokles. In mancher Legende, die heute nur so hinerzählt wird, ruht etwas außerordentlich Tiefes. Von Empedokles, dem großen Weisen, der nicht nur ein großer Philosoph war, sondern ein Eingeweihter in die tiefen Geheimnisse der Zeit, der einer der größten Staatsmänner aller Zeiten gewesen ist und zugleich Opferpriester in Agrigent war, von ihm erzählt die Legende, berichtet aber auch die okkulte Wahrheit, daß er, nachdem er seine Aufgabe in Sizilien erfüllt hatte, seinen Leib in den Ätna versenkte, um zu vereinigen seine äußeren Hüllen mit dem Boden Siziliens, um damit gleichsam zu dokumentieren: Jetzt soll kommen der feste Glaube an das Ich, wenn das Äußere auch hinschwindet! — Das Opfer der äußeren Hülle des Empedokles wurde vollbracht damals, als er seine Hüllen hingab dem Ätna. Dahinter liegt eine tiefe okkulte Wahrheit. Für den, der nach Sizilien kommt, wird heute noch unter spirituellen Ereignissen dieses stehen: daß er in der Luft Siziliens, wenn er sie geistig atmet, heute noch die Nachwirkung der Tat des Empedokles findet. Empedokles’ Seele hat sich weiter inkarniert; sein Leib hat eine besondere Bedeutung dadurch erhalten, daß er den Elementen bewußt übergeben worden ist, so daß man ihn heute findet in der geistigen Atmosphäre Siziliens. Empedokles’ Leib bildet einen Bestandteil der geistigen Atmosphäre Siziliens.
[ 23 ] This event took place in the life of one of the great sages of that Greek antiquity, which unfolded in part on the island of Sicily—in Empedocles. In many a legend, which today is merely retold, there lies something extraordinarily profound. Of Empedocles, the great sage—who was not only a great philosopher but also an initiate into the deep mysteries of time, who was one of the greatest statesmen of all time and at the same time a sacrificial priest in Agrigento—the legend tells of him, but it also reveals the occult truth that, after fulfilling his mission in Sicily, cast his body into Mount Etna to unite his outer forms with the soil of Sicily, thereby documenting, as it were: Now shall come the firm belief in the Self, even as the outer form fades away! — The sacrifice of Empedocles’ outer form was accomplished at that time, when he surrendered his forms to Mount Etna. Behind this lies a profound occult truth. For those who come to Sicily today, this remains one of the spiritual experiences: that in the air of Sicily, when breathed in spiritually, one still finds the aftereffects of Empedocles’ deed. Empedocles’ soul has continued to incarnate; his body has acquired special significance through the fact that it was consciously surrendered to the elements, so that today it is found in the spiritual atmosphere of Sicily. Empedocles’ body forms a component of the spiritual atmosphere of Sicily.
[ 24 ] Es war mir ein wichtiger Augenblick - und wir dürfen ja in unserem Zweige auch über solche Dinge miteinander reden -, als ich vor einigen Wochen unseren Palermoer Freunden über ihren Empedokles in der unmittelbaren Nähe jenes Ereignisses dasselbe sagen konnte, was ich Ihnen jetzt sagte: Wer mit Bewußtsein geistig betritt eure Stätte hier in Sizilien, der atmet heute noch geistig dasjenige, was in die Luft Siziliens gekommen ist durch den Opfertod des Empedokles!
[ 24 ] It was a significant moment for me—and after all, in our field we are free to discuss such matters with one another—when, a few weeks ago, I was able to say to our friends in Palermo about their Empedocles, in the immediate vicinity of that event, the very same thing I have just said to you: Whoever consciously enters your site here in Sicily in spirit still breathes, even today, that which entered the air of Sicily through the sacrificial death of Empedocles!
[ 25 ] So sehen wir, wie das, was wir äußerlich, räumlich mit dem Adriatischen Meer andeuten konnten — die Grenze zwischen Ost und West —, angedeutet wird durch einen großen Führer der Menschheit, der, indem er weiter wirken sollte im Westen, dasjenige bewußt abstreift, wodurch man wachsen konnte drüben im Osten, und retten will für die weitere Entwickelung das Bestehen dessen, was erhaben ist über alle Elemente des äußeren physischen Planes.
[ 25 ] Thus we see how what we could outwardly, spatially, suggest with the Adriatic Sea —the boundary between East and West—is symbolized by a great leader of humanity who, in order to continue his work in the West, consciously sheds that which enabled growth over in the East, and seeks to preserve for further development the existence of that which is exalted above all elements of the outer physical plane.
[ 26 ] Es ist etwas Gewaltiges, in diese Unterschiede hineinzuschauen, denn sie zeigen, wie auf getrennten Gebieten auch Getrenntes vorbereitet worden ist, damit in der Mannigfaltigkeit auch das Größte erreicht werden konnte. Durch die Zusammenwirkung des Mannigfaltigsten muß das Ziel der Gesamtentwickelung für die Menschheit erreicht werden. Daraus können wir sehen, daß der Christus, nachdem er im Osten erschienen war, hinüberzog nach dem Westen und dort aufgenommen wurde von denen, die vorbereitet waren mit einem starken Ich-Bewußtsein, um verstehen zu können den Bringer des starken Ich-Bewußtseins. Das war das Geheimnis vom Eintritt des Christus in den Okzident, daß er vorbereitete Seelen fand, und daß ihn diese Seelen aufnahmen. So sehen wir im Osten die Menschheit ‘vorbereiten alles, was möglich macht, daß ein Körper oder eine Leiblichkeit entstehen kann, bestehend aus physischem Leib, Ätherleib und astralischem Leib, in welche der Christus einziehen kann, der durch das Ich-Bewußtsein und mit dem Ich-Bewußtsein den Impuls der Liebe auf die Erde bringt. Die Liebe ist das, was in ihrer seelischsten, geistigsten Form mit dem Christus der Erde gebracht wird. Die Liebe, wie wenn sie entstehen würde sozusagen in ihrer seelisch-geistigen Form im Osten, so betrachten wir sie zuerst; und wie wenn sie sich verbreiten würde nach dem Westen und hier verstanden würde, so betrachten wir die Entwickelung weiter.
[ 26 ] It is a profound experience to examine these differences, for they reveal how, in separate realms, separate elements were prepared so that the greatest possible achievement could be attained within this diversity. Through the interplay of the greatest diversity, the goal of humanity’s overall development must be attained. From this we can see that Christ, after appearing in the East, moved on to the West and was received there by those who were prepared with a strong sense of self, so that they might understand the Bringer of the strong sense of self. That was the secret of Christ’s entry into the West: that he found prepared souls, and that these souls received him. Thus, in the East, we see humanity “preparing everything necessary for the emergence of a body or physical form—consisting of the physical body, the etheric body, and the astral body—into which the Christ can enter, bringing the impulse of love to Earth through and with the sense of self.” Love is what is brought to Earth in its most soulful, most spiritual form through the Christ. We first consider love as if it were arising, so to speak, in its soul-spiritual form in the East; and as if it were spreading westward and being understood there, we then consider its further development.
[ 27 ] Wodurch konnte gerade im Westen das Ich-Bewußtsein so wirken, daß es sich verwandt fühlte mit dem Christus? Was war mit den Seelen geschehen, die frühzeitig das Ich-Bewußtsein aufgenommen hatten?
[ 27 ] How was it that, particularly in the West, the sense of the “I” came to have such an effect that it felt a kinship with Christ? What had happened to the souls who had embraced the sense of the “I” at an early stage?
[ 28 ] Die ägyptisch-chaldäischen Völker warteten mit der Entwickelung des Ich bis zur Bewußtseinsseele, die griechisch-lateinischen Völker entwickelten das Ich schon in der Verstandes- oder Gemütsseele, die Kultur des europäischen Nordens hat das Ich-Gefühl schon vorzeitig in der Empfindungsseele entwickelt. Da war es früh in der menschlichen Seele darinnen. Es hatte also zusammengewirkt die Empfindungsseele mit dem Ich-Bewußtsein hier in einer ganz anderen Weise als irgendwo in der Welt. In Nordeuropa haben sich zuerst in der Menschheitsentwickelung die Empfindungsseele und das Ich-Bewußtsein durchdrungen. Was war dadurch geschehen, daß sich bei den europäischen Völkern in der Empfindungsseele schon das IchBewußstsein festgesetzt hatte, bevor Christus in die Menschheitsentwickelung eingetreten war, und bevor sie aufgenommen hatten, was sich in Asien entwickelt hatte?
[ 28 ] The Egyptian-Chaldean peoples waited with the development of the “I” until the level of the conscious soul; the Greek-Latin peoples developed the “I” as early as the level of the intellectual or emotional soul; the culture of northern Europe developed the sense of the “I” prematurely in the sensory soul. There it was present early on within the human soul. Thus, the soul of feeling and the sense of the “I” had interacted here in a completely different way than anywhere else in the world. In Northern Europe, the soul of feeling and the “I”-consciousness first became intertwined in the course of human development. What was the significance of the fact that the “I”-consciousness had already taken root in the soul of feeling among the European peoples before Christ entered the course of human development, and before they had assimilated what had developed in Asia?
[ 29 ] Dadurch war mit der Empfindungsseele eine Kraft der menschlichen Seele entwickelt worden, die sich nur dadurch hatte entwickeln können, daß die Empfindungsseele, die noch ganz jungfräulich war und unbeeinflußt von anderen Kulturen, sich durchdrungen hatte mit dem Ich-Gefühl. Und diese Seelenkraft ist das Gewissen geworden: die Durchdringung von Ich-Gefühl mit Empfindungsseele. Daher das merkwürdig Unschuldige des Gewissens! Wie redet das Gewissen? Es spricht in dem einfachsten, naivsten Menschen wie in der kompliziertesten Seele. Es sagt unmittelbar: Das ist recht! Das ist unrecht! — Ohne eine Theorie, ohne irgendeine Lehre. Mit der Gewalt eines Triebes, eines Instinktes wirkt das, was uns sagt: Das ist recht! Das ist unrecht! — Nirgends sonst finden Sie das, was sich so im Westen entwickelte, in der Art, wie wir es heute auseinandergesetzt haben. Deshalb wirft es seine ersten Strahlen wie eine Morgenröte voraus nach Griechenland und von dort nach Rom, und dort tritt es uns sogar schon sehr stark entgegen. Da finden wir bei den römischen Schriftstellern zuerst das Wort Gewissen: conscientia. Während wir es bei den Griechen nur sporadisch finden, in ersten Andeutungen bei Euripides, finden wir es bei den Römern schon sehr stark hervorgehoben, schon als allgemein gebräuchliches Wort. Das ist der Einfluß jener Kulturströmung, die dadurch entstanden ist, daßß Empfindungsseele und Ich-Gefühl sich durchdrungen haben, daß das Ich-Gefühl, das den Menschen hinaufträgt vom Niederen zum Höheren, schon in der Empfindungsseele wie eine Gottesstimme spricht, wie sonst nur Triebe, Begierden und Leidenschaften in der Empfindungsseele sprechen, und dort so spricht mit dem Drang, das Richtige zu tun, um hinaufzudringen zu dem höheren Ich.
[ 29 ] As a result, the sentient soul—a power of the human soul—had developed; this could only have come about because the sentient soul, which was still entirely unspoiled and unaffected by other cultures, had become imbued with the sense of the “I.” And this soul force has become the conscience: the interpenetration of the sense of self with the soul of feeling. Hence the strangely innocent nature of the conscience! How does the conscience speak? It speaks in the simplest, most naive person just as it does in the most complex soul. It says directly: This is right! This is wrong! — Without a theory, without any doctrine. With the force of a drive, of an instinct, that which tells us, “That is right!” “That is wrong!” takes effect. — Nowhere else will you find what developed in this way in the West, in the manner we have just discussed. That is why it casts its first rays ahead of it like a dawn toward Greece and from there to Rome, and there it already confronts us with great force. It is among the Roman writers that we first encounter the word “conscience”: conscientia. While we find it only sporadically among the Greeks—in the earliest hints in Euripides—we find it already strongly emphasized among the Romans, already as a commonly used word. This is the influence of that cultural current that arose because the sensory soul and the sense of self have become intertwined—because the sense of self, which carries the human being upward from the lower to the higher, already speaks within the sensory soul like the voice of God, as otherwise only drives, desires, and passions—and there it speaks with the urge to do what is right in order to ascend to the higher “I.”
[ 30 ] So sehen wir in der Menschheitsentwickelung bei den europäischen Völkern zuerst das Gewissen entstehen. Von dort strahlt es aus und teilt sich dann den anderen Menschen der Erde mit. So ist durch eine weise Weltenlenkung vorbereitet worden, daß die Menschheit auf einem Punkte so präpariert wurde, daß das Gewissen als ein Beitrag zur Gesamtentwickelung der Menschheit gebracht werden konnte. Damit haben wir im Grunde schon alles gegeben, was uns auch das Gewissen erklärt. Wir haben jenes Undefinierbare des Gewissens gegeben, das Herausdringen des Gewissens aus den Tiefen der Seele. Das Gewissen redet so, wie ein Trieb redet, und es ist doch kein Trieb. Diejenigen Philosophen, die es als Trieb schildern, hauen weit daneben. Es spricht mit derselben Großartigkeit, mit der die Bewußtseinsseele selber spricht, wenn sie auftritt; aber es spricht zugleich mit den elementaren, mit den ursprünglicheren Kräften.
[ 30 ] Thus, in the course of human development, we see conscience emerge first among the European peoples. From there, it radiates outward and is then shared with the rest of humanity. Thus, through wise cosmic guidance, humanity was prepared to such an extent at a certain point that conscience could be brought forth as a contribution to the overall development of humanity. With this, we have essentially already given everything that conscience itself explains to us. We have given that indefinable aspect of conscience—the emergence of conscience from the depths of the soul. Conscience speaks as an instinct speaks, and yet it is not an instinct. Those philosophers who describe it as an instinct are way off the mark. It speaks with the same grandeur with which the conscious soul itself speaks when it comes to the fore; but at the same time, it speaks through the elemental, the more primordial forces.
[ 31 ] So sehen wir, wie auf der Erde drüben im Osten die Liebe auftaucht, hier im Westen das Gewissen. Das sind zwei Dinge, die zusammengehören: wie im Osten der Christus erscheint, wie im Westen das Gewissen erwacht, um den Christus als Gewissen entgegenzunehmen. In diesem gleichzeitigen Entstehen der Tatsache des Christus-Ereignisses und des Verständnisses des Christus-Ereignisses, und in der Vorbereitung dieser zwei Dinge an verschiedenen Punkten der Erde sehen wir walten eine unendliche Weisheit, die in der Entwickelung vorhanden ist. Damit haben wir auf die Vergangenheit des Gewissens hingedeutet.
[ 31 ] Thus we see how love emerges over there in the East, and conscience here in the West. These are two things that belong together: just as Christ appears in the East, so conscience awakens in the West to receive Christ as conscience. In this simultaneous emergence of the reality of the Christ event and the understanding of the Christ event, and in the preparation of these two things at different points on the earth, we see at work an infinite wisdom that is present in evolution. With this, we have pointed to the past of conscience.
[ 32 ] Wenn wir uns jetzt erinnern an das, was wir oft betont haben, daß wir jetzt, nachdem das Kali Yuga abgelaufen ist, in einem Übergange sind, wo sich neue Kräfte zu entwickeln haben, dann werden wir es begreiflich finden, daß wir heute auch entgegengehen wichtigen Fragen in bezug auf die Entwickelung unseres Gewissens. Wir haben das letzte Mal betont, stark und scharf betont, daß wir entgegengehen einem neuen Christus-Freignis, indem die Seele fähig werden wird, den Christus in einem gewissen ätherischen Hellsehen wahrzunehmen und das Ereignis von Damaskus in sich wiederzuerleben. Daher dürfen wir die Frage aufwerfen: Wie wird es sein mit dem Parallelereignis, mit der Entwickelung des Gewissens in den Zeiträumen, in die wir uns hineinleben? — Diese Frage werden wir uns am nächsten Sonntag, am 8. Mai, vorlegen und dadurch auch am besten unseren Gedenktag begehen, indem wir auf das Lebendige der geisteswissenschaftlichen Bewegung hinweisen und darstellen, wie sich die menschlichen Seelenkräfte in einem Übergang befinden. Wir werden sehen, daß das Gewissen von den verschiedensten Seiten her beleuchtet werden kann. Ganz exoterisch soll das im öffentlichen Vortrag am nächsten Donnerstag geschehen, aber auch selbst da kann schon manches vorausgesetzt werden, weil diese öffentlichen Vorträge schon durch eine Reihe von Jahren gehen. Man kann so tief sprechen über das Gewissen, wie wir heute gesprochen haben, man kann so exoterisch sprechen wie am nächsten Donnerstag, und man kann noch tiefer über das Gewissen sprechen. Das wird noch einige Zeit dauern, bis wir dazu in der Lage sein werden.
[ 32 ] If we now recall what we have often emphasized—that now, after the Kali Yuga has come to an end, we are in a transitional phase in which new forces are to develop—then we will find it understandable that today we are also facing important questions regarding the development of our conscience. Last time we emphasized—strongly and emphatically—that we are moving toward a new Christ experience, in which the soul will become capable of perceiving the Christ through a certain kind of etheric clairvoyance and of reliving the Damascus experience within itself. Therefore, we may raise the question: What will the parallel development—the development of consciousness—be like in the periods of time into which we are now entering? — We will address this question next Sunday, May 8, and in doing so best commemorate our anniversary by pointing to the vitality of the spiritual scientific movement and illustrating how the human soul forces are in a state of transition. We will see that conscience can be illuminated from a wide variety of perspectives. This will be done in a completely exoteric manner in the public lecture next Thursday, but even there, certain things can already be taken for granted, since these public lectures have been taking place for a number of years now. One can speak as deeply about conscience as we have today; one can speak as exoterically as we will next Thursday; and one can speak even more deeply about conscience. It will take some time yet before we are in a position to do so.
