Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums
GA 144
7 Februar 1913, Berlin
Vierter Vortrag
[ 1 ] Wir haben vorgestern von den Erlebnissen der menschlichen Seele gegenüber den Mysterienprinzipien des Altertums gesprochen, den morgenländischen, ägyptischen Mysterienprinzipien. Damit sind wir gewissermaßen zum letzten Teile der Einweihungsschritte gekommen. Denn wir haben als charakteristisch für alles Mysterienwesen die vier Schritte angeführt: Herankommen bis an die Grenze des Todes, Bekanntschaft machen mit dem Leben in der elementarischen Welt, Schauen der Sonne um Mitternacht, und Stehen vor den oberen und unteren Göttern. Es ist ein Stehen vor unteren Göttern, wenn man, auf der einen Seite, diejenigen Kräfte wahrzunehmen hat, welche alles regieren, was sich auf die menschliche Leiblichkeit bezieht, die im Schlafe zurückbleibt als physischer Leib und Ätherleib. Da hat man es zu tun mit den unteren Göttern im weitesten Sinne des Wortes. Auf der anderen Seite hat man von den oberen Göttern bei all den Kräften zu sprechen, die zu tun haben mit der innersten Wesenheit des Menschen, mit dem also, was durch die verschiedenen Inkarnationen durchgeht: Ich und astralischer Leib. Schildern konnte ich vorgestern, wie die Erlebnisse eines heutigen Menschen sind, der mit dem Mysterienwesen bekannt wird, wenn er in der Akasha-Chronik zurückschaut in die Erlebnisse, welche Menschenseelen innerhalb der Mysterien in den alten Zeiten durchmachten. Und auf den tragischen Eindruck mußten wir hinweisen, welchen die ägyptischen einzuweihenden Seelen empfingen gegenüber den Veränderungen, die mit jener Weltenmacht vorgegangen waren, die innerhalb der ägyptischen Mysterien als die «Isis» bezeichnet worden ist. Genommen wurde der Isis — das ist ja bekannt aus der Osiris-Sage — der Gemahl, überwunden, von dem Feinde hinweggeführt, so daß wir der Isis dasjenige entrissen sehen, was wir als Osiris bezeichnet haben. Aber auch für das Leben in den höheren Welten haben wir kennengelernt die Folge dieser veränderten Lage im Leben der Isis. Die Seele, welche sich in den späteren ägyptischen Zeiten hinauferhoben hatte in die spirituellen Welten, sie wurde zur Teilnehmerin an dem allmählich für die höheren Welten sterbenden Gotte, der hinunterstieg in die irdische Region: an dem Schicksal des Osiris. Denn so wurde die Sache empfunden.
[ 2 ] Es ist nun außerordentlich schwierig, in Ideen und Begriffen von der weiteren Fortentwickelung dieses gewissermaßen «Götterschicksales» zu sprechen. Aber da wir uns in bezug auf die intimsten Dinge der höheren Welten daran gewöhnt haben, auch wohl da, wo unsere schon so profan gewordene Sprache mit Begriffen und Ideen in Worten nicht ausreicht, Bilder hinzuzunehmen, so sei das, was etwas wie ein Leitmotiv der heutigen Auseinandersetzungen bilden soll, in einem Bilde ausgedrückt, das Sie wohl verstehen werden.
[ 3 ] Wir versetzen uns in die tragische Stimmung des zu Initiierenden der ägyptischen Zeit, versetzen uns hinein, wie diese Stimmung dadurch entstanden ist, daß er sich sagen mußte, was seine Erlebnisse ausdrückte: Ehedem fand ich, wenn ich hinaufkam in die spirituellen Welten, den Osiris, durchdringend die Weiten mit dem schöpferischen Wort und seinem Sinn, das darstellt die Grundkräfte alles Seins und Werdens. Stumm und schweigsam ist es geworden. Der Gott, der als Osiris bezeichnet worden ist, hat diese Region verlassen. Er hat sich angeschickt, in andere Regionen zu dringen. Er ist hinuntergestiegen in die irdische Region, um in die Seelen der Menschen einzuziehen. Erst damals wurde er, der den Menschenseelen früher geistig kund war, auch im physischen Leben offenbar, als Moses die Stimme vernahm in der Welt, die eigentlich früher nur in den spirituellen Welten hat gehört werden können: «Ejeh asher ejeh!» Ich bin der Ich-bin, der da war, der da ist, der da sein wird! Und dann ging das Einleben dieser Wesenheit, die allmählich als das schöpferische Wort sich in den spirituellen Welten für das Erlebnis des Einzuweihenden verloren hatte, über in die Erdenregion, damit es allmählich aufleben konnte in den Seelen der Erdenmenschen, und in diesem Aufleben zu immer höherer und höherer Glorie die weitere Entwickelung der Erde befeuern konnte — bis zum Ende der Erdenentwickelung.
[ 4 ] Versuchen wir uns einmal so recht lebhaft in die Stimmung eines solchen zu Initiierenden zu versetzen, wie er in den spirituellen Regionen, die er zunächst erreichen kann, das schöpferische Wort hinschwinden fühlte, wie es untertaucht in die irdische Region, dem spirituellen Blick zunächst verschwindet. Verfolgen wir die Erdenentwickelung, wie nun dieses schöpferische Wort für den spirituellen Blick so fortschreitet, wie etwa ein Fluß, der an der Oberfläche gewesen ist und dann unter der Erdoberfläche für eine gewisse Zeit verschwindet, um später an anderer Stelle wieder hervorzutreten. Und es trat wieder hervor, was die in tragischer Stimmung sich befindenden, in den späteren ägyptischen Mysterien zu initiierenden Seelen hinabsinken gesehen haben. Es trat hervor, und schauen konnten es in den späteren Zeiten diejenigen, dieam Mysterienwesen teilnehmen durften. Und ins Bild mußten sie bringen, was sie schauen konnten, was da wieder heraufstieg, aber jetzt so heraufstieg, daß es nunmehr zur Erdenentwickelung gehöftte.
[ 5 ] Wie stieg herauf, was im alten Ägypten untergetaucht war? — So stieg es herauf, daß es sichtbar wurde in jener heiligen Schale, die da bezeichnet wird als der «Heilige Gral», die da gehütet wird von den Rittern des Heiligen Gral. Und im Aufstieg des Heiligen Gral kann empfunden werden, was im alten Ägypten hinuntergetaucht ist. In diesem Aufsteigen des Heiligen Gral steht vor uns alles das, was nachchristliches Wiedererneuern des alten Mysterienwesens ist. Im Grunde genommen schließt das Wort «Heiliger Gral» und alles, was mit ihm zusammenhängt, das Wiederauftauchen des morgenländischen Mysterienwesens in sich ein.
[ 6 ] Alles, was zu einer bestimmten Zeit in der Menschheitsentwickelung auftritt, um diese Menschheitsentwickelung fortzuführen, das muß in einer gewissen Beziehung in sich enthalten eine Art Wiederholung des Früheren. In einer jeden späteren Epoche müssen in anderer Form die früheren Erlebnisse der Menschheit wieder hervortreten. Wir wissen, daß an der dritten nachatlantischen Kulturepoche der menschlichen Entwickelung insbesondere die Empfindungsseele des Menschen teilgenommen hat, daß an der vierten nachatlantischen Kulturepoche, an der griechisch-lateinischen Epoche, vorzugsweise die Verstandes- oder Gemütsseele des Menschen teilgenommen hat, und daß in derjenigen Epoche, die auf die vierte folgte, in der wir selbst noch leben, die Bewußtseinsseele besonders zur Entwickelung kommen soll. Diese Dinge sind alle auch für den zu Initiierenden wichtig; denn auch für diesen müssen die gewichtigsten Kräfte der Initiation in einer gewissen Epoche ausgehen von demjenigen Seelengliede, das für diese Epoche ganz besonders wichtig ist.
[ 7 ] So hing die ägyptische Einweihung zusammen mit der Empfindungsseele, die griechisch-lateinische Einweihung hing zusammen mit der Verstandes- oder Gemütsseele, und so muß die Initiation der fünften nachatlantischen Kulturepoche mit der Bewußtseinsseele des Menschen zusammenhängen. Aber wiederholt muß werden, was einstmals der Initiierte durchgemacht hatte aus den Kräften der Empfindungsseele heraus, auch in dieser fünften Epoche, da sie in ihrer Morgenröte aufgeht, und ebenfalls muß wiederholt werden, was in der vierten nachatlantischen Kulturperiode durchgemacht worden ist. Dann kommt als neues hinzu, was eben aus der Bewußtseinsseele heraus an unterstützenden Kräften auch für den Initiierenden da sein muß. Gleichsam Wiederholungen desjenigen, um was es sich in den zwei früheren Epochen handelte, müssen auftreten, und das Neue, das für die Bewußtseinsseele besonders wichtig ist, muß hinzukommen. Daher muß der fünfte nachatlantische Kulturzeitraum da, wo er insbesondere zeigt das Heraufkommen der neuen Initiation, Institutionen zeigen, welche dem Menschen, der Menschenseele, wiederholen können die Geheimnisse, die sich über die menschliche Entwickelung ergossen haben durch die ägyptisch-chaldäische Seele, und wiederholen können die Geheimnisse, die sich in derjenigen Zeit ergossen hatten, die wir die vierte nachatlantische Kulturperiode, die griechischlateinische Zeit nennen, in der auch das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat. Und dazukommen muß ein Neues.
[ 8 ] So wie für ältere Zeiten, so drückt sich auch für diese neueren Zeiten das, was in den Tiefen des Mysterienwesens sich abgespielt hat, in der äußeren Darstellung in den mannigfaltigsten Legenden aus, die mehr oder weniger Geheimnisse ausdrücken, an denen die Menschenseele teilzunehmen hat. Da war es notwendig, daß die Geheimnisse der ägyptisch-chaldäischen Zeit in einer Art Wiederholung vor die Seelen des fünften Zeitraumes traten. Es waren die Geheimnisse, die sich bezogen auf den Kosmos, auf das Hereinströmen der Kräfte des Tierkreises, der Planeten, namentlich aber die Geheimnisse, die sich bezogen auf das Zusammenwirken von Sonne und Mond und auf das Wandern der Wirkungen von Sonne und Mond — ich rede von den scheinbaren Bewegungen, weil die uns die Vorgänge ganz genügend charakterisieren — durch die Zeichen des Tierkreises.
[ 9 ] Aber ein Unterschied mußte bestehen zwischen dem, wie diese Geheimnisse für die fünfte Kulturperiode auftraten, und der Art, wie sie in der dritten Kulturperiode auftraten. Es sollte ja alles in die Bewußtseinsseele hereinwirken, in das, was des Menschen Persönlichkeit ausmacht, was des Menschen Persönlichkeit konstituiert. Das geschah in einer ganz besonderen Weise dadurch, daß jene inspirierenden Kräfte, die, wenn sich die Seelen in die geistige Region des Kosmos versetzten, in der dritten nachatlantischen Kulturepoche geschaut wurden und gleichsam hereinströmten aus dem Weltenraume in die Erde, während des fünften Kulturzeitraumes gewisse Menschen inspirierten. So daß es Menschen gab in der Morgenröte der fünften Kulturepoche, die nicht gerade durch ihre Schulung, aber durch gewisse geheimnisvolle Wirkungen, die zunächst einmal geschahen, die Werkzeuge, die Träger wurden von kosmischen Wirkungen, wie sie von Sonne und Mond ausgingen bei deren Durchgang durch die Zeichen des Tierkreises. Und was dann für die Menschenseele errungen werden konnte an Geheimnissen durch diese Menschen, das war die Wiederholung dessen, was einst durch die Empfindungsseele erlebt worden war. Und die Menschen, welche den Wandel von kosmischen Kräften durch die Tierkreiszeichen ausdrückten, das waren die, welche man nannte die «Ritter von König Artus’ Tafelrunde».
[ 10 ] Zwölf waren es, die umgeben waren von einer Schar anderer Menschen, sie waren aber die Hauptritter. Die anderen Menschen stellten gleichsam das Sternenheer dar, in sie flossen die Inspirationen ein, die mehr zerstreut im Weltenraume waren; in die zwölf Ritter aber die Inspirationen, die von den zwölf Richtungen des Tierkreises herkamen. Und die Inspirationen, welche von den spirituellen Kräften von Sonne und Mond herkamen, waren dargestellt durch König Artus und seine Gemahlin Ginevra. So hatte man den vermenschlichten Kosmos in «König Artus’ Tafelrunde». Das, was man nennen kann die hohe pädagogische Schule für die Empfindungsseele des Westens, das ging aus von König Artus’ Tafelrunde. Daher wird uns erzählt — und die Legende berichtet hier in Bildern äußerer Tatsachen von inneren Geheimnissen, die in der Morgenröte jenes Zeitraumes mit der Menschenseele geschahen —, wie die Ritter von König Artus’ Tafelrunde die Erde durchwanderten und Ungeheuer und Riesen töteten. Was hier in äußeren Bildern dargestellt wird, deutet hin auf jene Bemühungen, die mit den Menschenseelen gemacht worden sind, welche vorwärtskommen sollten in bezug auf die Läuterung und Reinigung derjenigen Kräfte des astralischen Leibes, die sich eben in jenen Bildern für den Seher ausdrückten, in den Bildern von Ungeheuern und Riesen und dergleichen. Alles, was also die Empfindungsseele durchleben sollte durch das neuere Mysterienwesen, das ist gebunden an die Vorstellungen von König Artus’ Tafelrunde.
[ 11 ] Was die Verstandesseele oder Gemütsseele in dieser neueren Zeit für den Westen durchleben sollte, das hat wiederum legendarische Darstellung gefunden, und es ist ausgedrückt in der Sage von dem Heiligen Gral selber. Dasjenige also, was von der Zeitepoche her wiederholt werden mußte, in der das Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, das konzentrierte sich in alledem, was ausströmte von den Geheimnissen des Heiligen Gral. Und von da gingen aus auf diejenigen, welche das Verständnis gewannen vom Heiligen Gral, jene Wirkungen, die sich abspielen konnten in der Verstandes- oder Gemütsseele, wenn man nun verstehen wollte seine Zeit. Und auch noch in der Gegenwart müssen diese Wirkungen auf die Menschenseele ausgeübt werden, wenn diese Menschenseele initiiert werden soll, Verständnis haben soll für das, was eigentlich das spirituelle Wesen unserer Zeit ist. Von vielen, vielen Geheimnissen ist dieser Heilige Gral umgeben. Selbstverständlich können heute nur ganz skizzenhafte Andeutungen gemacht werden von diesen Geheimnissen; allein, es kann das den Ausgangspunkt bilden zu späteren genaueren Betrachtungen, die vielleicht einmal über diese Geheimnisse des Heiligen Gral angestellt werden können. In dem Heiligen Gral war nämlich alles enthalten, wenn man ihn in seiner Wesenheit verstand, was die Geheimnisse der Menschenseele in der neueren Zeit charakterisierte.
[ 12 ] Nehmen wir einen neueren Initiierten, wenn er, nachdem er mit seinem Ich und astralischen Leib sich frei gemacht hatte von dem physischen Leib und Ätherleib, herausgekommen war aus physischem Leib und Ätherleib und hinschaute von außen auf diesen physischen Leib und Ätherleib, nehmen wir einen solchen neueren Initiierten und vergegenwärtigen wir uns, was er an diesem physischen Leib und Ätherleib sah. Er sah etwas, was in einer gewissen Beziehung, wenn man es nicht gründlich verstehen lernt, recht sehr zur Beunruhigung Veranlassung geben könnte. Und er sieht es noch heute. In den physischen Leib und Ätherleib ist etwas eingegliedert, was diese nach verschiedenen Richtungen wie Strömungen durchzieht, auch wie Stränge durchzieht. So wie die Nervenstränge den physischen Leib durchziehen, nur feiner als die Nerven, so ist etwas in den physischen Leib eingegliedert, wovon der okkulte Blick ergibt: Das ist ja tot, — so tot, daß es der Mensch eigentlich wie einen toten Substanzteil in seinem eigenen Leibe hat. Das ist dasselbe, was jetzt tot ist, was zum Tode verurteilt ist schon während des ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod, und was noch lebendig war während der morgenländischen Entwickelungszeit der Menschheit. Ja, diese Erfahrung macht man, daß heute in den Menschenleibern etwas tot ist, was einst lebendig war. Und nun forscht man danach, was denn das eigentlich ist, was da wie ein Einschluß im Menschenleibe tot ist, und was einst lebendig war. «Tot» ist relativ zu verstehen; es wird zwar belebt von der Umgebung, aber es sind solche Richtungen und Strömungen im Menschenleibe, die gegenüber dem Lebendigen immer die Anlage zum Toten haben. Man forscht, woher das kommt, und man findet dann, daß es von folgendem kommt.
[ 13 ] Einstmals in alten Zeiten hatten die Menschenseelen ein gewisses Hellsehen gehabt, und noch in den letzten Zeiten der ägyptisch-chaldäischen Kultur war dieses Hellsehen so vorhanden, daß der Mensch, wenn er zum Sternenhimmel hinaufsah, nicht bloß die physischen Sterne sah, sondern da sah er noch die geistigen Wesenheiten, die mit diesen Sternen vereinigt sind. Das gab einen anderen Eindruck auf die Menschenseele, wenn sie in den Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen ins Universum hinaussah und Spitituelles sah, als die Eindrücke, die es heute für die Menschenseele gibt, wenn man im heutigen Sinne die Wissenschaft lernt, oder wenn man überhaupt mit dem gewöhnlichen heutigen Bewußtsein lebt. Aber alle die Seelen, die heute leben, die heute verkörpert sind, waren ja in der ägyptisch-chaldäischen Zeit auch verkörpert. Alle die Seelen, die heute hier sitzen, haben einst aus ihren Leibern herausgeschaut in den Sternenraum, haben teilgenommen an dem spirituellen Leben im Universum und die Eindrücke davon empfangen. Das hat sich auf die Seelen abgelagert, das ist ein Bestandteil der Seelen geworden. Alle die heutigen Seelen haben einstmals hinausgeschaut in das Universum und die spirituellen Eindrücke ebenso empfangen, wie sie heute die Eindrücke der Farben und Töne empfangen. Im Grunde der Seelen ist es, und die Seelen bauten sich ihre Leiber danach auf. Aber die Seelen haben es vergessen! Für das heutige Bewußtsein ist es nicht mehr in den Seelen. Und was an aufbauenden Kräften in den Seelen entspricht dem Alten, was damals die Seelen aufgenommen haben, das kann jetzt nicht am Leibe bauen, das läßt den entsprechenden Teil des physischen Leibes und Ätherleibes tot. Und wenn nichts anderes einträte, wenn die Menschen nur fortleben würden mit jenen Wissenschaften, die sich auf das äußere Physische beziehen, so müßten die Menschen immer mehr und mehr verfallen, weil die Seelen das — von den einstigen Eindrücken der spirituellen Welt —, was zum Beleben und zum Aufbau des physischen Leibes und Ätherleibes gehört, vergessen haben.
[ 14 ] Das schaut der heute zu Initiierende, und er kann sich sagen: Da lechzen die Seelen danach, in dem physischen Leibe und Ätherleibe etwas zu beleben, was sie tot lassen müssen, weil das, was sie einst aufgenommen haben, ins heutige Bewußtsein nicht hinaufdringt. Das ist der beunruhigende Eindruck, den der heute zu Initiierende hat.
[ 15 ] Es ist also etwas im Menschen, was der Herrschaft der Seele entzogen ist. Ich bitte Sie, gerade dieses Wort recht ernst zu nehmen, denn dadurch charakterisiert sich das Wesen des modernen Menschen, daß etwas in diesem Wesen des modernen Menschen ist, was der Herrschaft der Seele entzogen ist, was wie Totes gegenüber der umliegenden lebendigen Umgebung des menschlichen Organismus ist. Und indem sie wirken auf dieses Tote, haben auf den Menschen die luziferischen und ahrimanischen Kräfte Einfluß in einem ganz besonderen Maße, in einer ganz besonderen Art. Während der Mensch auf der einen Seite ja immer freier und freier werden kann, schleichen sich in das, was der Herrschaft der Seele entzogen ist, gerade die ahrimanischen und luziferischen Kräfte ein. Das ist der Grund, warum sich so viele Naturen in der modernen Zeit finden, die — mit Recht — sagen, daß sie fühlen, wie wenn zwei Seelen in ihrer Brust wohnten, wie wenn sich wirklich die eine von der anderen trennen wollte. Vieles von den Rätseln des modernen Menschen, von den inneren Erlebnissen des modernen Menschen ruht in dem, was eben gesagt worden ist. Und der sogenannte Heilige Gral war nichts anderes und ist nichts anderes als das, was pflegen kann den lebendigen Teil der Seele so, daß er Herr werden kann des Totgewordenen. Und Montsalvatsch, die Pflegestätte des Heiligen Gral, ist die Schule, in der man zu lernen hat für den lebendigen Teil der Menschenseele das, was man natürlich in den morgenländischen und in ägyptischen Mysterien nicht zu lernen brauchte: wo man zu lernen hat, was man hineingießen muß in den lebendig gebliebenen Teil der Seele, damit man Herr werden kann des Totgewordenen des physischen Leibes und des Unbewußtgewordenen der Seele. Daher sah die mittelalterliche Anschauung in diesen Gralsgeheimnissen das, was sich bezog auf die Wiederholung der griechisch-lateinischen Zeit, auf die Wiederholung der Erlebnisse in der Verstandes- oder Gemütsseele; denn in ihr wurzelt eigentlich am meisten das, was vergessen und tot geworden ist. Daher bezogen sich die Gralsgeheimnisse auf die Durchdringung dieser Verstandes- oder Gemütsseele mit neuer Weisheit.
[ 16 ] Wenn der mittelalterliche Initiierte im Bilde darstellen wollte, was er zu lernen hatte, um so seinen lebendig gebliebenen Seelenteil zu durchdringen mit der neuen Weisheit, so wies er hin auf die Burg des Heiligen Gral und auf das, was als neue Weisheit — das ist ja der «Gral» — von dieser Burg ausgeht. Und wenn er hinweisen wollte auf das, was dieser neuen Weisheit feindlich ist, so wies er hin auf ein anderes Gebiet, auf jenes Gebiet, worinnen alle die Wesenheiten und Kräfte hausten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, an den tot gewordenen Teil des menschlichen Leibes und den unbewußt gewordenen Teil der menschlichen Seele heranzukommen. Dieses Gebiet, in das mit Recht — im okkulten Sinne gesprochen mit Recht versetzt wurden alle die Nachkömmlinge der schlimmen geistigen Wesenheiten älterer Zeiten, die sich herüberbewahrt hatten die schlimmsten Kräfte orientalischer Zauberei — nicht die besten Kräfte, die auch geblieben waren —, das Gebiet, das in dieser angedeuteten Beziehung am bösartigsten war, das da dem Gral am feindlichsten gegenübersteht, war «Chastelmarveille», der Sammelort von alledem, was an den Menschen herankommt, an dieses Gebiet des Leibes und der Seele des Menschen, das eben ein solches karmisches Schicksal erfahren hat, wie eben angedeutet worden ist. Was heute schon mehr vergeistigt ist, was übergegangen ist in eine Weisheit, die überall hingebracht werden kann — weil wir jetzt schon am Übergange zur sechsten Kulturepoche stehen, wo diese Dinge nicht mehr an Orte gebunden sind —, das war in jener mittelalterlichen Zeit, wie ich es auch angedeutet habe in dem Buche «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», noch an gewisse Örtlichkeiten gebunden. Während es also für die alten Zeiten in der Tat nicht im uneigentlichen Sinne gesprochen ist, wenn man auf Ötrtlichkeiten hinweist, so daß man hinzureisen hatte an eine gewisse Örtlichkeit, wenn man die betreffenden Lehren haben wollte, muß man heute so sprechen, daß die Weisheiten einen weniger lokalen Charakter haben; denn wir leben in der Zeit des Überganges von dem Leben in Raum und Zeit in mehr geistige Formen der Zeit.
[ 17 ] Während man nun an den Westen von Europa die Burg des Gral verweist, ist die Burg der Gegnerschaft des Gral lokal zu verweisen an einen anderen Ort, wo der Mensch, wenn er hinkommt, durch gewisse spirituelle Kräfte, die dort sind, sowohl einen großen, gewaltigen guten Eindruck haben kann, wie auf der anderen Seite auch den gegenteiligen durch andere Kräfte, die bis in die heutigen Zeiten dort geblieben sind, wie eine Akasha-Nachwirkung von jenen Gralsgegnern, von denen hier gesprochen wurde. Denn an jenem Orte kann man von den schlimmsten Kräften sprechen, die noch in ihren Nachwirkungen bemerkbar sind. Einst haben sich an diesem Orte abgespielt, man möchte sagen, ganz im physischen Leben vor sich gehende böse Künste, von denen ausgestrahlt haben die Angriffe auf den unbewußt gewordenen Teil der Menschenseele und den tot gewordenen Teil der menschlichen Organisation. Und das alles gliedert sich um eine Gestalt herum, die sagenhaft aus dem Mittelalter herüberschimmert, die aber der mit dem Mysterienwesen Bekannte ganz gut kennt, um eine Persönlichkeit, die eine reale war um die Mitte des Mittelalters, um Klinschor, den Herzog von Terra de labür, eine Gegend, die wir zu suchen haben örtlich in dem heutigen südlichen Kalabrien. Von dort aus erstreckten sich die Streifzüge des Feindes des Gral besonders hinüber nach Sizilien. Ebenso wie wir, wenn wir heute den Boden Siziliens betreten und den okkulten Blick haben, auf uns einwirken sehen — was schon öfter erwähnt worden ist — die Akasha-Nachwirkungen des großen Empedokles, wie diese in der Atmosphäre Siziliens vorhanden sind, so sind auch in ihr heute noch wahrzunehmen die bösen Nachwirkungen Klinschors, der einstmals sich verbunden hat von seinem Herzogtum Terra de labür aus über die Meerenge hinüber mit jenen Feinden des Gral, die dort seßhaft waren in jener Feste, die man im Okkultismus und in der Legende nennt Kalot bobot.
[ 18 ] Kalot bobot auf Sizilien war in der Mitte des Mittelalters der Sitz jener Göttin, die man nennt Iblis, die Tochter des Eblis. Und unter allen schlimmen Verbindungen, die innerhalb der Erdentwickelungen sich zwischen Wesenheiten, in deren Seelen okkulte Kräfte waren, zugetragen haben, ist den Okkultisten als die schlimmste dieser Verbindungen diejenige des Klinschor mit der Iblis, der Tochter des Eblis, bekannt. «Iblis» ist schon dem Namen nach charakterisiert als verwandt mit «Eblis»: so heißt in der mohammedanischen Tradition die Gestalt, die wir mit «Luzifer» bezeichnen. Eine Art weiblicher Aspekt von «Eblis», dem mohammedanischen Luzifer, ist «Iblis», mit der sich zu seinen bösen Künsten, durch die er im Mittelalter gegen den Gral wirkte, derjenige verband, den man den bösen Zauberer Klinschor nennt.
[ 19 ] Diese Dinge müssen in Bildern, die aber den Realitäten entsprechen, zum Ausdruck kommen, sie können nicht in abstrakten Ideen ausgesprochen werden. Und die ganze Feindschaft zum Gral spielte sich ab auf jener Feste der Iblis «Kalot bobot», auf die sich auch jene merkwürdige Königin Sybille mit ihrem Sohne Wilhelm 1194 unter der Herrschaft Heinrichs VI. geflüchtet hat. Alles, was man unternommen hat als eine feindliche Herrschaft gegen den Gral, und wodurch auch verwundet worden ist Amfortas, das ist zuletzt zurückzuführen auf den Bund, den Klinschor geschlossen hat auf der Festung der Iblis, Kalot bobot. Und alles, was hereinleuchtet an Elend und Not in das Gralstum durch Amfortas, drückt sich aus in diesem Bund. Das macht es, daß die Seele auch heute noch stark gewappnet sein muß, wenn sie in die Nähe jener Gegenden kommt, von denen alle feindlichen Einflüsse ausgehen können, die sich für die Geheimnisse des Gral auf die fortschreitende Menschheitsentwickelung beziehen.
[ 20 ] Wenn wir die Sache so ansehen, haben wir auf der einen Seite das Reich des Gral, auf der anderen Seite das böse Reich Chastelmarveille, in das hereinspielt, was der Bund von Klinschor mit Iblis gestiftet hat. Und wir haben da in einer wunderbaren Weise dramatisch ausgedrückt ein Zusammenspielen desjenigen, was das selbständigste, das innerste der Seelenglieder — die Verstandes- oder Gemütsseele — auszuhalten hat gegenüber den Angriffen von außen. Die Verstandesoder Gemütsseele war im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum noch nicht so innerlich, wie sie werden mußte im fünften. Sie zog sich von jenem Leben mehr mit der Außenwelt, wie es im Griechen- und Römertum vorhanden war, zurück in das Innere des Menschen, wurde selbständiger, auch freier. Dafür aber war sie von all den Mächten, aus den Gründen, die angeführt worden sind, viel angreifbarer als in der griechisch-lateinischen Zeit. Die ganze Veränderung, die mit der Verstandes- oder Gemütsseele vorgegangen war, drückt sich aus in dem, was stammelnd, sagenhaft und doch so dramatisch vor uns steht in dem Gegensatz von «Montsalvatsch» und «Chastelmarveille». Alle Leiden und alle Überwindungen der Verstandesoder Gemütsseele fühlen wir nachklingen in den Erzählungen, die mit dem Heiligen Gral zusammenhängen. Alles, was anders werden mußte mit der Menschenseele in der neueren Zeit, zeigt sich dem, der mit dem Mysterienwesen bekannt wurde. Da brauchen wir nur auf einen konkreten Fall hinzuweisen.
[ 21 ] Gar oft wird von Menschen, die sich noch nicht genügend Begriffe in dieser Sache angeeignet haben, etwa auf folgendes hingewiesen: Wie kann zum Beispiel ein Mensch wie Goethe auf der einen Seite in seiner Seele gewisse Geheimnisse dieser Menschenseele tragen, und auf der anderen Seite oftmals so von Leidenschaft durchwühlt sein, wie es die Menschen nun eben finden, die in einer etwas äußerlichen Weise die Goethe-Biographie verfolgen. Und in der Tat: Wir haben ja in Goethe, wenn wir ihn so zunächst betrachten, etwas vor uns, was im krassen Sinne eine «Doppelnatur» ist. Für einen oberflächlichen Blick lassen sich auch kaum die beiden Seiten bei ihm in Einklang bringen: Auf der einen Seite steht die hochsinnige große Seele, welche gewisse Partien des zweiten Teiles des «Faust» aushauchen durfte, die manche tiefe Geheimnisse des Menschenwesens zum Ausdruck gebracht hat in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», und man möchte alles vergessen, was man vielleicht aus der Biographie Goethes weiß, und sich ganz nur hingeben der Seele, die so etwas vermochte, wenn man eingeht auf eben diese Seele. Und dann wiederum tritt auf bei Goethe, ihn selbst quälend, ihn in vieler Beziehung mit Gewissensbissen durchdringend, die andere Natur, «menschlich allzu menschlich» in vieler Beziehung.
[ 22 ] So auseinandergefaltet sind die beiden Naturen des Menschen in den alten Zeiten nicht gewesen; sie konnten nicht so auseinanderfallen. Es konnte nicht ein Mensch, dessen Biographie in einer solchen Weise darzustellen ist wie die Goethes, zu solchen Höhen hinaufkommen, wie sie sich ausleben in gewissen Partien des zweiten Teiles des «Faust» oder in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», und in seiner Seele so auseinanderfallen. Das war in älteren Zeiten unmöglich. Erst in den neueren Zeiten ist es möglich geworden, weil in der menschlichen Natur sich der angedeutete unbewußt gewordene Teil der Seele und der tote Teil des Organismus findet. Was lebendig geblieben ist, kann sich so weit hinaufläutern und reinigen, daß in ihm Platz haben kann, was zum «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» führt, und das andere kann den Attacken der äußeren Welt eben ausgesetzt sein. Und weil sich da die charakterisierten Kräfte einnisten können, deshalb kann unter Umständen eine recht geringe Übereinstimmung mit dem höheren Ich des Menschen vorhanden sein. Man muß nur verstehen, wie die Seele, die in Goethe lebte, einst auch zu den ägyptischen Initiierten gehörte, dann in Griechenland lebte, dort Bildhauer war und zu gleicher Zeit ein Philosophenschüler. Dann kommt eine Inkarnation — wahrscheinlich nur eine — zwischen dieser griechischen Inkarnation und der als Goethe, die ich noch nicht finden konnte. Wenn wir uns dies vor die Seele halten, dann können wir sehen, wie eine solche Seele, die in den alten Inkarnationen den ganzen Menschen beherrschen konnte, hinuntergeführt wird, dann aber von der gesamten Menschennatur zunächst etwas übrig lassen muß, worauf die schlimmen Kräfte Einfluß haben können.
[ 23 ] Das ist das Geheimnisvolle und so schwierig zu Verstehende in Naturen wie Goethe. Das ist es aber auch, was soviele Geheimnisse in der Menschenseele der modernen Zeit zum Ausdruck bringt. Alles, was sich da an Zweiheiten der Menschennatur abspielt, greift zunächst an die Verstandes- oder Gemütsseele, und diese spaltet sich eigentlich in jene «zwei Seelen», wovon die eine ziemlich stark untertauchen kann in die Materie, die andere hinaufgehen kann in das Spirituelle.
[ 24 ] So ist uns dargestellt in den «Rittern von König Artus’ Tafelrunde» die Wiederholung alles dessen, was der neu Einzuweihende in gewissem Sinne zu erleben hat in der Empfindungsseele. In dem, was sich um den Heiligen Gral herumgruppiert, ist dargestellt, was in der neueren Zeit die Verstandes- oder Gemütsseele erleben kann. Alles, was nun der Mensch durchzumachen hat, damit er den einen Teil seiner Doppelnatur stark genug macht, um in die Geheimnisse der spirituellen Welten in der neueren Zeit eindringen zu können, das muß sich in der Bewußtseinsseele abspielen. Das ist das Neue, was hinzukommen muß. Und was sich in der Bewußtseinsseele abspielen muß, das ist ausgedrückt in alle dem, was sich um die Gestalt des Parzival herumkristallisiert. Alle Legenden, die an König Artus’ Tafelrunde anknüpfen, stellen dar die Wiederholungen der Erlebnisse der früheren Zeiten in der Empfindungsseele; alle die Legenden und Erzählungen, die unmittelbar zusammenhängen mit demHeiligenGral, abgesehen von Parzival, stellen dar, was die Verstandes- oder Gemütsseele durchleben muß; und alles, was in der Gestalt des Parzival zum Ausdruck kommt, dieses Ideales der neueren Initiation, insofern diese neuere Initiation abhängt von der Bewußtseinsseele, das stellt dar die Kräfte, die vorzugsweise eben durch das in uns angeeignet werden müssen, was wir die Bewußtseinsseele nennen.
[ 25 ] So stellt sich im Grunde genommen die Zusammenwirkung der drei Seelenglieder des Menschen der neueren Zeit in der dreifach legendarischen Gestalt dar. Und wie man durch ältere Legenden durchfühlen kann tiefe Geheimnisse der Menschenseele, so kann man auch durch diese Legenden die tiefen Mysteriengeheimnisse der neueren Zeit nun durchfühlen. Es ist eben durchaus etwas Unwahrhaftiges darin, wenn man die Vorstellung erwecken will, als ob das Initiationswesen sich seit den älteren Zeiten nicht geändert hat, und als ob ein heutiger Mensch des Westens dieselben Stufen durchmachen müßte, wie sie ein Mensch des alten oder auch des neueren Morgenlandes durchgemacht hat. Die Dinge vollziehen sich wohl so, daß das, was in einem früheren Zeitpunkte charakteristisch war, sich für gewisse Völkerschaften noch in einen späteren Zeitpunkt hineinzieht. Wahr ist es vielmehr, daß das ganze Initiationswesen der neueren Zeit einen viel innerlicheren Charakter hat, viel stärkere Anforderungen zwar stellt an das Innerste der Menschenseele, aber in einer gewissen Weise nicht unmittelbar herankann an das Äußere der Menschennatur, so daß viel mehr als in der alten Initiation das Äußere dadurch geläutert und gereinigt werden muß, daß das Innere stark wird und Herr wird über das Äußere. Äußere Askese, äußere Trainierung gehört viel mehr zu dem Wesen der alten Initiation; unmittelbare Evolution der Seele selber, so daß diese Seele gerade in ihrem Innern starke Kräfte entwickelt, gehört viel mehr zu dem Wesen der neueren Initiation. Und weil die äußeren Verhältnisse eben so sind, daß erst im Laufe der Zeit die toten Einschlüsse der Menschennatur überwunden werden, die den Initiierten heute so beunruhigen können, deshalb muß man sagen: Es wird in unserer Zeit und in die weitere Zukunft hinein durchaus noch viele ähnliche Naturen geben, wie Goethe eine war, die mit dem einen Teil ihres Wesens hoch hinaufsteigen, mit dem anderen Teile dagegen mit dem «Menschlichen, Allzumenschlichen» zusammenhängen. Naturen, die in den früheren Inkarnationen durchaus nicht diese Eigentümlichkeiten zeigten, die im Gegenteil damals eine gewisse Harmonie des Äußeren und des Inneren zeigten, sie können hineingeworfen werden in neuere Inkarnationen, in denen sich eine tiefe Disharmonie zwischen der äußeren und der inneren Organisation zeigen kann. Und die, welche die Geheimnisse der menschlichen Inkarnationen kennen, werden sich nicht beirrt fühlen, wenn eine solche Disharmonie da sein kann; denn es wächst ja in demselben Maße, als diese Dinge zunehmen, auch die Urteilsfähigkeit der Menschen, und damit hört das alte Autoritätsprinzip auf. Daher muß immer mehr und mehr appelliert werden an die Prüfung dessen, was aus den Mysterien kommt. Es wäre bequemer, nur auf die Außenseiten derer, die zu lehren haben, zu achten, weil man sich da nicht darauf einzulassen hat, ob die Tatsachen, was sie zu lehren und zu sagen und geistig zu tun haben, mit dem Menschenverstande und mit der vorurteilsfreien Logik zusammenhängen. Obzwar nicht im allermindesten die Zweiheit der Menschennatur in Schutz genommen werden sollte, sondern im strengsten Sinne die Herrschaft der Seele über das Äußere gefordert werden muß, so muß doch gesagt werden, daß die angedeuteten Tatsachen für die neuere Entwickelung durchaus stimmen.
[ 26 ] Denn im Grunde genommen sind sie noch immer vorhanden, wenn auch in anderer Gestalt, die Nachwirkungen Klinschors und der Iblis. Insbesondere stehen wir gegenwärtig vor einer Zeitepoche, in der diese Wirkungen, diese Attacken, die von Klinschor und der Iblis ausgehen und die Menschen nach und nach ergreifen, sich auch hineinschleichen in das intellektuelle Leben, in dasjenige intellektuelle Leben, das zusammenhängt mit der modernen Bildung, mit der Popularisierung der modernen Wissenschaft. Was schon seit langem der Mensch lernt, was man betrachtet als das, was richtig ist, dem Kinde beizubringen und es im Kinde heranzuzüchten, und das, was zum Bodensatze der neueren Bildung genommen wird, das ist ja nicht bloß danach zu beurteilen, ob jemand, der glaubt, ganz gescheit zu sein, sagt, er sehe die Dinge ein, und sie seien absolut wahr, sondern alles ist danach zu beurteilen, wie es auf die Seelen wirkt, wie es die Seelen befruchtet, was es für Eindrücke auf die Seelen macht. Und wenn man in dem Sinne eben gescheiter und gescheiter wird, wie es heute Mode ist, den Menschen «gescheit» zu nennen, so entwickelt man in seiner Seele solche Kräfte, die in dieser Inkarnation vielleicht sich sehr fähig erweisen, das große Wort zu führen da, wo man materialistisch oder monistisch leben will; aber dann veröden gewisse lebendige Kräfte, die im Organismus des Menschen sein sollen. Und wenn eine solche Seele, die nur diesen eigentümlichen Bodensatz moderner Bildung in sich aufgenommen hat, dann in die nächste Inkarnation hineinkommt, so fehlen ihr die Kräfte, um den Organismus ordentlich aufzubauen. Je verstandesmäßiger, «gescheiter» man in einer früheren Inkarnation ist in bezug auf die Zeit, der wir entgegengehen, desto «blödsinniger» ist man in einer späteren Inkarnation. Denn jene Kategorien und Begriffe, die sich nur auf das äußere sinnliche Dasein und auf solche Ideen beziehen, die das äußere sinnliche Dasein zusammenhalten, stellen eine solche Konfiguration in der Seele her, die noch so fein sein mag in intellektueller Beziehung, die aber die intensive Kraft verliert, um auf das Gehirn zu wirken und sich des Gehirns zu bedienen. Und sich des Gehirns nicht bedienen können im physischen Leben, heißt eben blöde sein.
[ 27 ] Wenn das, was die Materialisten behaupten, Wahrheit wäre: daß das Gehirn es ist, welches denkt, so könnte man ihnen ja allerdings einigen Trost geben. Aber diese Behauptung ist eben nicht wahr, ebenso wie die andere Behauptung nicht wahr ist, daß das «Sprachzentrum» sich selbst gebildet hätte. Es hat sich dadurch gebildet, daß die Menschen sprechen lernten, und daher ist das Sprachzentrum ein Ergebnis der Sprache. Und so ist alle Gehirntätigkeit ein Ergebnis des Denkens, nicht umgekehrt, auch in der Geschichte. Das Gehirn ist plastisch ausgestaltet durch das Denken. Wenn nur solche Gedanken ausgebildet werden, wie sie heute gang und gäbe sind, wenn die Gedanken nicht durchdrungen werden von der Weisheit des Spirituellen, dann können sich die Seelen, die sich heute nur in dem Materiellen denkend beschäftigen, in den späteren Inkarnationen ihres Gehirns nicht mehr ordentlich bedienen, weil die Kräfte das Gehirn nicht mehr angreifen können, weil sie zu schwach werden. Das ist so, daß eine Seele, die heute bloß, sagen wir, Soll und Haben zusammenaddiert oder sich mit den Usancen des kommerziellen oder industriellen Lebens beschäftigt oder nur materialistische Wissenschaftsbegriffe aufnimmt, sich anfüllt mit Denkgebilden, die nach und nach in späteren Inkarnationen das Bewußtsein verdunkeln, weil das Gehirn wie eine unplastische Masse — gerade wie heute bei der Gehirnerweichung — nicht mehr von den Denkkräften angegriffen werden könnte. Daher muß für den, der in diese tieferen Kräfte der menschheitlichen Entwickelung hineinschaut, alles, was in der Seele leben kann, durchsetzt werden von der spirituellen Erfassung der Welt.
[ 28 ] So mag denn die Menschennatur in der neueren Zeit noch eine Doppelnatur sein. In die Kräfte, die vorzugsweise der Bewußtseinsseele angehören, muß der Mensch Wissen aufnehmen, innerliches spirituelles Wissen, spirituelle Erkenntnis. Überwinden muß der Mensch die zwei Gebiete, die Parzival durchmacht: überwinden muß er die «Dumpfheit» und den «Zweifel» in seiner Seele. Denn wenn er mitnehmen würde Dumpfheit und Zweifel in die spätere Inkarnation, so würde er mit ihnen nicht zurecht kommen. Wissend muß der Mensch werden in bezug auf die spirituellen Welten. Nur dadurch, daß sich in der Menschenseele das Leben ausbreitet, das Wolfram von Eschenbach Saelde nennt und das kein anderes Leben ist als das, welches spirituelles Wissen über die Bewußtseinsseele ergießt, nur dadurch kann die menschliche Seelenentwickelung von dem fünften Zeitraum an in den sechsten wirklich fruchtbar hinüberschreiten.
[ 29 ] Das gehört zu den Ergebnissen der neueren Mysterien; das sind die gewichtigen, bedeutsamen Ergebnisse, die aufgenommen werden müssen aus den heutigen Mysterien, die eine Nachwirkung des Gralmysteriums sind. Das ist aber auch so, daß es — ungleich allem älteren Mysterienwissen — wirklich auch allgemein verstanden werden kann. Denn nach und nach müssen eben überwunden werden die unbewußten und toten Kräfte der Seele und des Organismus durch eine starke Durchdringung der Bewußtseinsseele mit spirituellem Wissen, das heißt mit verstandenem, begriffenem spirituellen Wissen, nicht mit einem auf Autorität gebauten Wissen.
[ 30 ] Selbst solche Dinge, wie sie heute gesagt worden sind, können, wenn man alles in Erwägung zieht, was die heutige Bildung, das heutige Wissen den Menschen geben kann, wenn sie gehört worden sind — gefunden werden können sie ja nur von dem, der die heutigen Mysterien schauend kennenlernt —, durch und durch begriffen werden, richtig durch und durch begriffen werden. Und sie sollen durch und durch begriffen werden! So mag denn vielleicht bei manchem modernen Menschen, der da hinaufstrebt in die höheren Welten, an seiner äußeren Gestalt noch etwas sichtbar sein von dem «Menschlich-Allzumenschlichen» oder von demjenigen, wodurch er sich heraushebt aus dem Menschlichen, Allzumenschlichen. Ja, es mögen die «Narrenkleider» durch die Rüstung des Spirituellen hindurch noch sichtbar sein wie bei Parzival. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daß in der Seele vorhanden ist der Drang nach spirituellem Wissen, nach spirituellem Verständnis — jener Drang, der unauslöschlich in Parzival ist und der ihn endlich doch hinbringt zur Burg des Heiligen Gral. Man kann in dem, was über Parzival dargestellt ist, wenn man es richtig versteht, alle die verschiedenen Trainierungen der Bewußtseinsseele finden, die notwendig sind, damit von der Bewußtseinsseele in der richtigen Weise gewirkt wird, so daß der Mensch Besitz ergreifen kann von den Kräften, die durcheinanderwirbeln und miteinander kämpfen in der Verstandes- oder Gemütsseele. Je mehr der heutige Mensch in sich selber eingeht und Selbsterkenntnis üben will, ehrlich Selbsterkenntnis üben will, desto mehr wird er finden, wie in seiner Seele wühlt der Kampf, der ein Kampf innerhalb der Verstandes- oder Gemütsseele ist. Denn «Selbsterkenntnis» ist in dieser Beziehung heute etwas Schwierigeres, als viele Menschen glauben, und wird im Grunde genommen noch immer schwieriger und schwieriger werden. Da versucht der eine zur Selbsterkenntnis zu kommen, und wenn er auch imstande ist, äußerlich sich in vieler Beziehung Zügel anzulegen und ein Charakter zu sein, so merkt er gar häufig, wenn der Zeitpunkt herankommt, wie in seinem tiefsten Innern die verborgensten Leidenschaften und die verborgensten Kräfte wühlen, wie sie zerreißen gerade das, was die Region der Verstandes- oder Gemütsseele ist.
[ 31 ] Und wie steht in unserer Gegenwart zuweilen der Mensch sonst da, der es mit Erkenntnis und Wissen ernst nimmt! Denjenigen Menschen mag vielleicht die Schwierigkeit dieses inneren Lebens niemals aufgehen, die in einem äußeren wissenschaftlichen Betriebe oder in dem Nachsprechen desjenigen, was den äußeren wissenschaftlichen Betrieb bildet, wirkliches echtes Wissen und wirkliche echte Erkenntnis sehen. Aber eine Seele, die es ernst und würdig mit dem Erkenntnisdrang nimmt, ist anders daran, wenn sie wahrhaftig in ihr Inneres schaut. Die geht hin, sucht vielleicht in dieser oder jener Wissenschaft, sucht und sucht, sucht auch im Leben zurechtzukommen mit dem, was sich im Menschenleben darstellt. Wenn sie eine Weile gesucht hat, glaubt sie dies oder jenes zu wissen. Aber dann sucht sie weiter. Und je mehr sie sucht mit den Mitteln der Zeit, desto mehr fühlt sie sich oftmals zerrissen, desto mehr fühlt sie sich hineingezogen in den Zweifel. Und die Seele, die, nachdem sie die Zeitbildung aufgenommen hat, sich erst mit dieser Zeitbildung gesteht, daß sie nichts wissen kann, diese Seele ist oftmals diejenige, welche am ernstesten und würdigsten Selbsterkenntnis übt.
[ 32 ] Eigentlich kann es eine tiefere moderne Seele gar nicht geben, die nicht durch den nagenden Zweifel durchgeht. Kennengelernt sollte die moderne Seele diesen nagenden Zweifel haben! Dann wird sie erst mit starken Kräften einmünden in jenes spirituelle Wissen, das für die Bewußtseinsseele das eigentlich ist, und das sich erst aus der Bewußtseinsseele ergießen muß in die Verstandes- oder Gemütsseele, um dort Herr zu werden. Daher müssen wir in vernünftiger Weise zu durchdringen suchen, was unserer Bewußtseinsscele dargereicht wird aus dem okkulten Wissen. Dadurch werden wir in unserem Innern ein solches Selbst heranziehen, das innerhalb des Innern ein wirklicher Herr und Herrscher ist. Dann stehen wir, wenn wir das moderne Mysterienwesen kennenlernen, uns selbst gegenüber.
[ 33 ] So muß sich eigentlich der an das Mysterienwesen Herantretende fühlen, so sich gegenüberstehen, daß er sich bestrebt, einer zu werden, der nachstrebt den Tugenden Parzivals, und der doch weiß, daß er noch ein anderer ist: daß er — durch alle die geschilderten Verhältnisse der neueren Zeit, weil er ein Mensch der neueren Zeit ist — der verwundete Amfortas ist. Der Mensch der neueren Zeit trägt diese Doppelnatur in sich: strebender Parzival — und verwundeter Amfortas. So muß er sich selbst fühlen in seiner Selbsterkenntnis. Daraus quellen dann die Kräfte, die eben aus dieser Zweiheit heraus zur Einheit werden müssen und den Menschen wieder ein Stück weiterbringen sollen in der Weltentwickelung. In unserer Verstandes- oder Gemütsseele, in den Tiefen unseres Innern müssen sich treffen der an Leib und Seele in einer gewissen Beziehung verwundete moderne Mensch, der Amfortas, und Parzival, der Pfleger der Bewußtseinsseele. Und es ist nicht uneigentlich gesprochen, sondern ganz eigentlich gesprochen, daß der Mensch, um die Freiheit sich zu erringen, durch die «Verwundung» des Amfortas gehen muß, den Amfortas in sich kennenlernen muß, damit er auch den Parzival kennenlernen kann. Wie es angemessen war in der ägyptischen Zeit, hinaufzusteigen in die spirituellen Welten, um die Isis kennenzulernen, so ist es in der heutigen Zeit angemessen, auszugehen von der Spiritualität dieser Welt, und durch die spirituelle Art dieser Welt hinaufzukommen in die höheren spirituellen Welten. Das ist nicht eine wirkliche Charakteristik unserer Zeit, wenn man die Amfortas-Natur hinwegleugnen will. Weil sich der moderne Mensch so gern mit der Maja umgibt, geschieht es, daß er den Amfortas hinwegleugnen will. Denn wie schön klingt es, wenn gesagt wird: Die Menschheit schreitet immer vorwärts! Ja, aber dieses Vorwärtsschreiten macht eben verschlungene Wege durch! Und um in der Menschennatur die Parzival-Kräfte auszubilden, muß die Amfortas-Natur im Menschen selber erkannt werden.
[ 34 ] So habe ich mich für diesen Zyklus zunächst bemüht, in Anlehnung an Legenden, aus denen ich die Bilder für tiefe Seelenvorgänge zu holen versuchte, wenigstens etwas von Ihrem tieferen Ahnen hinzuführen zu dem modernen Mysterienwesen. Vielleicht wird es uns auch einmal gelingen, in noch deutlicheren Worten, wenn es sein kann, von dem zu sprechen, was das moderne Mysterienwesen über die Wesenheit des modernen Menschen enthüllt, über die zweifache Natur, die der Mensch in sich trägt: über Amfortas und Parzival.
