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Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums
GA 144

5 Februar 1913, Berlin

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wenn der gegenwärtige Mensch, der Mensch unserer Zeit, eine solche okkulte Schulung durchmacht, die ihn zu Erlebnissen führt, wie sie in den beiden ersten Vorträgen angedeutet sind, so kommt er dadurch in die geistigen Welten hinauf. Er erlebt dann tatsächlich in den geistigen Welten gewisse Tatsachen und begegnet gewissen Wesenheiten. Der Ausdruck, der gestern gebraucht worden ist, «Schauen der Sonne um Mitternacht», ist im Grunde genommen auch nur der Ausdruck für spirituelle Tatsachen und die Begegnung mit spirituellen Wesenheiten, die mit dem Sonnensein im Zusammenhange stehen. Nun macht aber dieser Mensch unseres Zeitenzyklus, wenn er so in die höheren Welten hinaufkommt, gewisse Erlebnisse durch, die man nicht anders bezeichnen kann als dadurch, daß man sagt: Es erlebt der Mensch Vieles, Bedeutsames innerhalb der geistigen Welten durch einen solchen Aufstieg; aber er erlebt auch etwas, das man so bezeichnen muß, daß man sagt: er fühlt sich wie verlassen, verlassen und einsam. Er fühlt sich so, daß er sein Erleben etwa in die Worte fassen kann: Vieles, vieles schaust du hier; aber gerade dasjenige, wonach du dich jetzt, nachdem du alle diese Dinge durchgemacht hast, am allermeisten sehnen mußt, das kannst du nicht erleben. — Und alle die Wesenheiten, denen man nach einem solchen Aufstieg begegnet, die möchte man dann fragen nach gewissen Geheimnissen, nach denen man sich sehnen muß. Dies Gefühl hat man. Aber alle diese Wesenheiten, die einem vieles enthüllen, das groß und gewaltig ist, bleiben stumm und schweigsam gerade dann, wenn man sich bei ihnen erkundigen will nach eben denjenigen Geheimnissen, die man nach allem nunmehr als wichtigste empfinden muß. Daher muß man sagen: Der Mensch der Gegenwart fühlt Schmerzlichstes, wenn er so hinaufgestiegen ist in die höheren Welten, fühlt trotz allen Glanzes, trotz aller Begegnung mit den hehren Wesenheiten eine ungeheure Leerheit in seinem Innern. Und wenn nichts anderes eintreten würde, so müßte eigentlich bei einem längeren Erleben dieser Leerheit, dieser Einsamkeit, dieser Verlassenheit in den höheren Welten endlich doch eine Art von Verzweiflung über die Seele kommen.

[ 2 ] Da kann nun etwas eintreten — und wird in der Regel eintreten, wenn nach den echten Regeln der Initiation der Aufstieg unternommen worden ist —, was vor dieser Verzweiflung zunächst schützen kann, wenn auch nicht dauernd schützen kann. Was da eintreten kann, ist so etwas wie eine Erinnerung, die in die Seele hereinkommt, oder man könnte auch sagen ein Zurückschauen in ferne Zeiten der Vergangenheit, eine Art von Lesen in der Akasha-Chronik von solchen Dingen, die längst vergangen sind. Und was man da erlebt man kann ja diese Dinge nicht anders charakterisieren, als daß man die Erlebnisse in Worte zu kleiden sucht, welche sich annähernd mit diesen Erlebnissen decken —, möchte man in folgende Worte kleiden: Wenn du jetzt als gegenwärtiger Mensch aufsteigst in diese höheren Welten, so trifft dich Verzweiflung, Verlassenheit. Aber da zeigen dir Bilder gewisse Vorgänge, die längst vergangen sind, Vorgänge, die darin bestehen, daß in vergangenen Zeiten andere Menschen aufgestiegen sind in die Welten, in welche du jetzt aufsteigen willst. Ja, du kannst wohl auch aus dem, was du jetzt da wie erinnernd schaust, erkennen, daß deine eigene Seele einmal beteiligt war in früheren Inkarnationen an dem, was diese Menschen, die damals in die höheren Welten aufgestiegen sind, erlebt haben. Es könnte sich ja herausstellen, daß die Seele eines Menschen der Gegenwart das, was sie da schaut in längst vergangenen Zeiten, als eigene Erlebnisse schaut, die einmal in längst vergangenen Zeiten durchgemacht worden sind. Dann wäre eine solche Seele in längst vergangener Zeit eben ein Eingeweihter gewesen. Wenn dies nicht der Fall ist, so wird sie nur wissen, daß sie in Verbindung gestanden ist mit solchen, die als Initiierte in längst vergangenen Zeiten in die höheren Welten aufgestiegen sind, daß sie sich aber jetzt einsam und verlassen fühlt, während jene einstmals initiierten Seelen sich in denselben Welten nicht einsam und nicht verlassen fühlten, sondern Seligkeit, innerste Seligkeit in diesen Welten empfanden. Das kam davon her — so erkennt man weiter —, daß in jenen alten Zeiten die Seelen eben anders geartet waren, und daß sie wegen der anders gearteten Anlagen das, was da geschaut wird in den höheren Welten, anders erlebten. Was wird da eigentlich erlebt ?

[ 3 ] Was da erlebt wird, bringt einem allerdings Wesenheiten der höheren Welten vor die Seele, die aus der übersinnlichen Welt heraus an der Sinneswelt wirken. Wesenheiten, die hinter unserer Sinneswelt stehen, man schaut sie; Verhältnisse, wie sie gestern geschildert worden sind, man schaut sie allerdings. Aber wenn man alles dies zusammmenzufassen versucht, was man schaut, so kann man das etwa in folgender Art charakterisieren: Man fühlt sich da in den höheren Welten und schaut gewissermaßen hinunter in die Sinneswelt. Man fühlt sich etwa vereinigt mit Geistern, die dutch die Pforte des Todes gegangen sind, und schaut auch mit ihnen hinunter, wie sie dann wieder die Kräfte gebrauchen werden, um zu einem physischen Dasein zu kommen. Man blickt hinunter und sieht, wie aus den übersinnlichen Welten die Kräfte heruntergeschickt werden, um in den verschiedenen Reichen der Natur in der Sinneswelt die Vorgänge zu bewirken. Den ganzen Strom der Tatsachen, die zubereitet werden aus den höheren Welten heraus in die Sinneswelt hinein, schaut man. Man schaut, da man bei einem solchen Verweilen in den höheren Welten außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes ist, hinunter auf seinen physischen Leib und Ätherleib, und man schaut dann auch diejenigen Kräfte im Kosmos, im ganzen geistigen Universum, welche da arbeiten am physischen Leib und Ätherleib des Menschen. Und durch das, was die Wesen tun, in deren Gemeinschaft man gekommen ist, lernt man verstehen, wie innerhalb der physischen Welt physische und ätherische Leiber zustande kommen. Recht genau lernt man das erkennen. Man lernt erkennen, wie gewisse Wesenheiten, die zum Beispiel mit der Sonne verknüpft sind, hinunterwirken in die Erdenwelt und an dem Zustandebringen des physischen und des Ätherleibes des Menschen arbeiten. Man lernt auch gewisse Wesenheiten kennen, die mit dem Mondendasein verknüpft sind, und die aus dem Kosmos herunterwirken, um ebenso an dem Zustandekommen der physischen und Ätherleiber der Menschen mitzuwirken.

[ 4 ] Dann aber kommt die große Sehnsucht, eine Sehnsucht, die ungeheuer wird für den gegenwärtigen Menschen. Das ist die Sehnsucht, etwas darüber zu erfahren, wie der astralische Leib und das Ich selber aus dem Kosmos herausgeboren sind, wie diese zustande kommen. Während man genau schauen kann, wie physischer Leib und Ätherleib aus den Kräften des Kosmos heraus zustande kommen, bleibt einem alles verschlossen, was sich darauf beziehen könnte, wie astralischer Leib und Ich des Menschen zustande kommen. In tiefstes Dunkel und Geheimnis verhüllt sich alles, was sich auf astralischen Leib und Ich des Menschen bezieht. So erhält man das Gefühl: Was du in deinem innersten Wesen bist, was du eigentlich selber bist, das verhüllt sich jetzt vor deinem geistigen Schauen, und das, in was du dich einhüllst, wenn du in der physischen Welt lebst, das enthüllt sich dir ganz genau!

[ 5 ] Was eben erwähnt worden ist, erlebt der Mensch der Gegenwart, wenn er in der geschilderten Weise hinaufsteigt in die höheren Welten. Das erfuhren auch diejenigen Seelen, die ihren Aufstieg in Urzeiten, auf die hingedeutet ist, unternahmen. Nur daß der Mensch der Gegenwart jene große Sehnsucht fühlt, von der jetzt gesprochen worden ist, und daß die Seelen der vergangenen Zeiten diese Sehnsucht nicht fühlten, weil sie noch kein Bedürfnis hatten, ihre innerste Wesenheit zu schauen, weil sie so veranlagt waren, innigste Befriedigung zu empfinden, wenn sie wahrnahmen, wie die Wesenheiten, bis zu denen sie gekommen waren, gerade an dem Aufbau des physischen Leibes und des Ätherleibes arbeiteten. Wie von der Sonne herunterwirkte wesenhaftes Geistiges, um physischen Leib und Ätherleib aufzubauen, daran hatten die Seelen in vergangenen Zeiten, wenn sie initiiert wurden, ihre höchste Befriedigung.

[ 6 ] Dazu kommt noch folgendes. In jenen alten Zeiten stellte sich dieses Arbeiten jener Wesenheiten noch anders dar; daher die Befriedigung. Jetzt in unserer Zeit stellt sich dieses Arbeiten so dar, daß man sich sagt: Wozu ist denn das ganze Herrichten des physischen Leibes und des Ätherleibes, wenn man nicht verstehen kann, was diese Hüllen in sich bergen? — So ist der Unterschied eines heutigen Menschen und eines Menschen der Vergangenheit. Und die Zeit, auf die besonders mit diesen Erlebnissen hingewiesen ist als auf eine vergangene, das ist die Zeit, in welcher Zarathustra seine Schüler initiiert hat, hinaufgeführt hat in die höheren Welten. Würden Schüler heute in derselben Weise hinaufgeführt werden in die höheren Welten, wie Zarathustra sie hinaufgeführt hat, so würden sie die Leerheit und die Verlassenheit fühlen, wie sie eben angedeutet ist. Damals, zur Zeit des Zarathustra, empfanden die zu Initiierenden das Arbeiten von Ahura Mazdao am physischen Leib und Ätherleib, und in dem Enthüllen dieser wunderbaren Geheimnisse fühlten sie Seligkeit und Befriedigung, weil sie so veranlagt waren, daß sie sich innerlich durchregt fühlten, wenn sie sahen: So entsteht das, was der Mensch haben muß als seine Hüllen, wenn er seine Erdenmission vollbringen will. In dem waren sie befriedigt.

[ 7 ] So war die Zarathustra-Einweihung. Denn in dieser ZarathustraEinweihung konnte man «die Sonne um Mitternacht sehen». Das heißt, wenn man nicht auf die physische Gestalt der Sonne schaute, sondern auf die geistigen Wesenheiten, die mit dem Sonnendasein verknüpft sind, so schaute man ausgehend von der Sonne die Kräfte, die in den physischen Leib hineinspielen, man schaute, wie die Kräfte, die von der Sonne kommen, am menschlichen Haupt bilden und die verschiedenen Glieder des menschlichen Gehirns gestalten. Denn Unsinn ist es, wenn jemand glauben würde, daß ein Wunderbau, wie es das menschliche Gehirn ist, nur aus den terrestrischen Kräften heraus entstehen könnte. Da müssen die Sonnenkräfte hineinwirken. Die setzen in der verschiedensten Weise zusammen den verschiedenen Lappenbau des Gehirns über dem menschlichen Gesicht. Und nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Wesenheiten wirken an diesem Aufbau des menschlichen Gehirns. «Amschaspands» nannte sie Zarathustra für seine Schüler. Sie sind die Erreger der Kräfte des Kosmos, damit der Bau des menschlichen Gehirns entstehen konnte und auch die obersten Nerven des Rückenmarkes, mit Ausnahme der unteren achtundzwanzig Nervenpaare. Dann wies auch Zarathustra darauf hin, wie andere Strömungen ausgehen von Wesenheiten, die mit dem Mondendasein verknüpft sind, und zeigte, wie tatsächlich wunderbar der Weltenbau sich fügt, wie von achtundzwanzig Wesenarten, «Izeds», Strömungen ausgehen, die da erbauen das Rückenmark mit den achtundzwanzig unteren Nervensträngen. So sind physischer Leib und Ätherleib herausgebaut aus Strömungen, die da ausgehen von Weltenwesenheiten.

[ 8 ] Das waren gewaltige Eindrücke, welche die Initiierten des Zarathustra auf diese Weise empfingen. Und indem sie diese Eindrücke empfingen als den Ausdruck der Arbeit des Ahura Mazdao, empfanden sie innere Beseligung über das, was in der Welt geschieht. Der heutige Mensch, der sich in derselben Weise in die höheren Welten hinaufleben würde, er würde selbstverständlich auch bewundern können, würde auch anfangen können, die Beseligung zu empfinden. Aber er würde nach und nach übergehen zu der Empfindung, die man nicht anders als in die Worte kleiden kann: Wozu das alles? nichts weiß ich ja über diejenige Wesenheit, die von Inkarnation zu Inkarnation geht! Einzig und allein weiß ich nur von denjenigen Wesenheiten, die in jeder neuen Inkarnation aufbauen die Hüllen aus dem Kosmos herein, aber eben doch nur als «Hüllen» aufbauen. — Das war eben gerade das Wesen der Zarathustra-Einweihung, daß namentlich der Zusammenhang des Menschlich-Irdischen mit dem Sonnendasein den Initiierten „enthüllt wurde. Und die Epoche des Zarathustra ist dadurch charakterisiert, daß die Menschen in ihr okkultes Wissen die eben charakterisierten Geheimnisse aufnehmen konnten.

[ 9 ] Wiederum anders lebten sich in die höheren Welten die Seelen hinein, welche im alten Ägypten eingeweiht worden sind, welche zum Beispiel die Hermes-Einweihung durchgemacht haben. Wir haben über alle diese Dinge schon gesprochen. Hier in diesen Vorträgen sollen sie noch etwas ausführlicher dargestellt werden, als es schon hat geschehen können. Wenn sich die Seelen in der altägyptischen Zeit durch die Hermes-Einweihung hinauferhoben in die höheren Welten, dann trat natürlich auch dasjenige ein, was bei der Initiation immer eintreten muß: daß diese Seelen sich außerhalb ihres physischen und Ätherleibes fühlten, daß sie wußten, sie befinden sich jetzt innerhalb einer Welt von geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten. Weit herum wurden diese Seelen dann geleitet, das heißt, ihr Schauen wurde geleitet. Es wurden ihnen die einzelnen Wesenheiten, die einzelnen Tatsachen gezeigt, wie das auch bei einer heutigen Seele der Fall sein könnte. Aber man muß sich das nicht so vorstellen, als wenn man mit physischen Füßen herumgeht, sondern das Schauen wird herumgeführt, wie wenn man mit seinem Schauen ringsum in einem weltallweiten Gebiete herumgeführt würde. So geschah es in dieser Initiation,

[ 10 ] Dann kam ein Zeitpunkt des Erlebens, wo man sich wie am Ende fühlte, gleichsam wie wenn man herumgegangen wäre in einem Lande, das ringsherum von Meer begrenzt ist, und man dann an das «Ufer» gekommen wäre. Man weiß, man ist an den äußersten Punkt gekommen, wohin man hat kommen können. Und dann erlebte man eben in der ägyptischen Initiation das, was man nicht anders als in die Worte kleiden kann: Während du mit deinem Schauen herumgeführt worden bist in den Weltenweiten, im weltallweiten Gebiete, hast du kennengelernt die Wesenheiten und Kräfte, von denen du dir sagen kannst, sie arbeiten an deinem physischen Leib und Ätherleib. Jetzt aber betrittst du die heiligste Stätte. Jetzt betrittst du ein Gebiet, wo du dich eigentlich vereinigt fühlst mit dem Wesenhaften, das mitarbeitet an dem in dir, was von einer Inkarnation zur anderen geht, was mitarbeitet an deinem astralischen Leib. Es ist ein bedeutsames Erleben ar diesem Punkte, denn es werden gewissermaßen alle Dinge anders, wenn dieses Erleben eingetreten ist an diesem Punkt.

[ 11 ] Es hört zum Beispiel für die allernächste Zeit bei dem Initiierten eine Möglichkeit auf: Vollständig hört die Möglichkeit auf in der Welt, in die man jetzt eingetreten ist an den Ufern des weltallweiten Daseins, auf diese Welten anwendbar zu machen seine Urteilskraft, dasjenige, was man früher hat denken können, was man früher hat ersinnen können. Kann man sich nicht all dieser physischen, irdischen Urteilskraft entäußern, kann man nicht außer acht lassen, was einen bis dahin geleitet hat, dann kann man nicht dieses Erleben haben an den Ufern des Daseins, kann sich nicht vereinigt fühlen eben mit jener Wesenheit, die da arbeitet, wenn der geistig-seelische Mensch sich der Geburt in einer neuen Inkarnation naht, sich Familie, Nation und Elternpaar aufsucht, um als geistig-seelischer Mensch sich mit einer neuen Hülle zu umkleiden. Alle die Wesenheiten, die man vorher auch kennengelernt hat und die einem erklärlich machen, wie die physischen und ätherischen Hüllen entstehen und herausgebildet werden aus dem Kosmos, alle diese Wesenheiten sind außerstande, einem zu erklären, was da für Kräfte wirken in jenem Wesenhaften, mit dem man sich jetzt verbunden fühlt, und das bauend und webend ist an der innersten astralischen Wesenheit des Menschen selber. Es wird einem ganz anschaulich — und es wurde der ägyptischen Seele, die durch die Hermes-Initiation ging, ganz anschaulich —, daß jetzt, nachdem sie aus ihren Hüllen heraus ist und durchgegangen ist durch das vorhin «weltallweite Dasein» Genannte, sie sich verbunden fühlte mit einer Wesenheit. Und die Seele kann fühlen die Eigenschaften dieser Wesenheit, nur daß sie sich selber wie darinnen fühlt in diesen Eigenschaften, nicht außerhalb dieser Wesenheit, und sie kann wissen: Diese Wesenheit ist da, ist real da; aber man ist zugleich innerhalb dieser Wesenheit. Und der erste Eindruck, den man von dieser Wesenheit bekommt, ist der, daß man sich sagt: In dieser Wesenheit ruhen ja die Kräfte, die die Seele durchtragen von einer Inkarnation zur anderen, ruhen auch die Kräfte, welche die Seele erleuchten zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Das alles ist da drinnen. Aber wenn dir wie geistige Weltenwärme eine Kraft entgegenweht, die eben die Seele von dem Tode zu der neuen Geburt hinüberträgt, wenn dir wie geistiges Licht entgegendtingt, was die Seelen erleuchtet zwischen dem Tode und der neuen Geburt, und wenn du fühlst, wie diese Wärme und dieses Licht ausströmen von der Wesenheit, mit.der du da vereinigt bist, so bist du doch jetzt in einer ganz besonderen Lage. Du hast gleichsam trinken müssen den Lethetrank, hast vergessen müssen deine Kunst des Verstehens, die dich früher durch die physisch-sinnliche Welt durchgeführt hat, hast ablegen müssen deine frühere Urteilskraft, deine Intellektualität, denn die könnten dich hier nur beirren, und Neues hast du noch nicht erworben. Du stehst, indem du die Weltenwärme fühlst, die die Seele zu der neuen Geburt trägt, in dem Kräftemeer darinnen, das die Seele erleuchtet von dem Tode bis zur neuen Geburt. Du fühlst also die Kraft und das Licht, die von der Wesenheit ausgehen. Du siehst diese Wesenheit so an, als ob du gar nicht anders könntest, als sie fragen: Wer bist du? — denn nur du allein kannst mir sagen, wer du bist, und nur dann allein kann ich wissen, was mich als menschliches Innenwesen hinüberträgt von dem 'Tode zu der neuen Geburt. Nur dann also, wenn du es mir sagst, kann ich wissen, was meines Menschen innerstes Wesen ist! — Und stumm, schweigsam bleibt die Wesenheit, mit der man sich so verbunden weiß. Man fühlt, in ihr liegt das Tiefste, was mit einem selbst als Tiefstes verbunden ist. Der Drang entsteht nach Selbsterkenntnis, nach Wissen, was man ist — und stumm und schweigsam bleibt die Wesenheit.

[ 12 ] Man muß dieser stummen, schweigsamen Wesenheit erst eine Weile gegenübergestanden haben, und man muß tief empfunden haben die Sehnsucht, jetzt auf eine neue Art das Weltenrätsel gelöst zu bekommen, man muß die Sehnsucht lange genug empfunden haben, das Weltenrätsel auf eine Weise gelöst zu bekommen, wie es niemals auf der physischen Erde gelöst werden kann, man muß hereingebracht haben in diese Welt zu dieser Wesenheit die tiefe Sehnsucht als eigene Kraft, das Weltenrätsel in dieser dem physischen Dasein fremden Art gelöst zu erhalten, und ganz muß die Seele leben in der Sehnsucht, in dieser Art das Weltenrätsel gelöst zu bekommen: Dann, wenn man sich vereinigt gefühlt hat mit der stummen, schweigsamen geistigen Wesenheit, mit der man vereinigt ist, und in ihr gelebt hat mit der eben geschilderten Sehnsucht nach Welträtsellösung, dann fühlt man, daß ausströmt in die geistige Wesenheit, mit der man vereinigt ist, die Kraft der eigenen Sehnsucht. Und weil diese Kraft der eigenen Rätsellöse-Sehnsucht ausströmt in die Wesenheit dieser geistigen Gestalt, gebiert nach einiger Zeit diese Wesenheit etwas, was als eine andere Wesenheit aus ihr hervorgeht. Aber es ist nicht so wie eine irdische Geburt, was da geboren wird. Man weiß auch gleich durch sein Schauen, daß es nicht wie eine irdische Geburt ist. Nein, eine irdische Geburt entsteht in der Zeit, sie tritt auf in der Zeit. Was man aber jetzt schaut, was die eben geschilderte Wesenheit gebiert, von dem weiß man: Das wird aus ihr geboren, das wurde aus ihr geboren seit ururalten Zeiten — immer, und diese Geburt dauert aus ururalten Zeiten bis in die Gegenwart herein fort. Man hat dieses Geborenwerden einer Wesenheit aus der anderen nur eben bisher nicht gesehen, es hat sich den Blicken bisher entzogen. Darin besteht dieses Geborenwerden, daß es eigentlich immer da ist, aber daß dadurch, daß man sich durch seine Rätsellöse-Sehnsucht dazu bereitgemacht hat, man es jetzt schaut, daß es jetzt Wahrnehmung ist in der geistigen Welt. Das weiß man. Man sagt sich also nicht: Da wird jetzt eine Wesenheit geboren —, sondern man sagt sich: Aus der Wesenheit, mit der du dich vereinigt hast, wurde seit ururalten Zeiten immer eine Wesenheit geboren; jetzt aber wird dieses Geborenwerden der Wesenheit und die geborene Wesenheit selber für dich wahrnehmbar.

[ 13 ] Was ich Ihnen jetzt geschildert habe, so gut es mit den Worten unserer Sprache geht, das ist das, wozu der Hermes-Initiator seine Schüler geführt hat. Und die Empfindungen, die ich Ihnen eben charakterisierte — ich möchte sagen wie mit stammelnden Worten, denn die Dinge enthalten so viel, daß die Worte unserer Sprache die Dinge nur stammelnd zum Ausdruck bringen können —, diese Empfindungen waren die Erlebnisse der sogenannten ägyptischen IsisEinweihung. Wer die Isis-Einweihung durchmachte, sagte sich eben, wenn er an die Ufer des weltallweiten Daseins gekommen war und die Wesenheiten geschaut hatte, die zum Beispiel physischen Leib und Ätherleib konstituieren, wenn er gegenüber der schweigsamen Göttin gestanden hatte, von welcher Wärme und Licht für das Dasein des Innersten der Menschenseele ausgehen: Das ist die Isis! Das ist die stumme, die schweigsame Göttin, deren Antlitz keinem enthüllt werden kann, der nur mit sterblichen Augen schaut, deren Antlitz nur denen enthüllt werden kann, die sich durchgearbeitet haben bis zu den Ufern, die geschildert worden sind, damit sie schauen können mit jenen Augen, die von Inkarnation zu Inkarnation gehen, und die nicht mehr sterblich sind. Denn sterblichen Augen hüllt ein undurchdringlicher Schleier diese Gestalt der Isis zu!

[ 14 ] Wenn so der zu Initiierende die Isis geschaut hatte und gelebt hatte mit der geschilderten Empfindung in der Seele, dann vernahm er das, was geschildert worden ist als Geburt. Was war diese «Geburt»? Diese Geburt vernahm er als das, was man bezeichnen kann als «in alle Räume Hinaustönen dessen, was Sphärenmusik ist», und als das Zusammengehen der Sphärenmusiktöne mit dem, was man das Weltenwort, das schöpferische Weltenwort nennt, das die Räume durchdringt und in die Wesenheiten hineingießt alles, was so in die Wesenheiten hineingegossen werden muß, wie dann hineingegossen werden muß in den physischen Leib und Ätherleib die Seele, wenn sie durchgegangen ist durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Alles, was so in die äußere physische Welt von der geistigen Welt aus hineingegossen werden muß, damit das Hineingegossene dann innerlich, seelenhaft ist, alles das wird hineingegossen von der die Räume durchtönenden Sphärenharmonie, die allmählich sich so gestaltet, daß sie vernommen werden kann — bedeutsam, innerliche Bedeutsamkeit ausdrückend — als das Weltenwort, das die Wesenheiten beseelt, die durch die Kräfte von Wärme und Licht durchlebt werden und die sich hineinergießen in diejenigen Körper, in diejenigen Leiber, die aus den göttlichen Kräften und Wesenheiten entspringen, welche man schon mit dem vorhergehenden Schauen erblicken kann.

[ 15 ] So schaute man hinein in die Welt der Sphärenharmonie, in die Welt des Weltenwortes, so schaute man hinein in die Welt, welche die eigentliche Heimat der Menschenseele ist in der Zeit, wenn diese Menschenseele lebt zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Was sich tief verhüllt im physischen irdischen Dasein des Menschen, was aber dann zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Abglanze lebt des Lichtes und der Wärme, was sich aber tief verhüllt in der physischen Welt als die Welt der Sphärentöne und des Weltenwortes, das erlebte man durch die Hermes-Einweihung als geborenwerdend aus der Isis. Die Isis ist damit dann vor einem stehend, so daß sie auf der einen Seite selber dasteht, auf der anderen Seite einem geboren hat die andere Wesenheit, die man anzusprechen hat als die Weltentöne und das Weltenwort. Jetzt fühlt man sich in der Genossenschaft der Isis und des von ihr geborenen Weltenwortes. Und dieses «Weltenwort» ist zunächst die Erscheinung des Osiris. «Isis in der Gemeinschaft mit Osiris», so treten sie auf vor der unmittelbaren Anschauung; denn so waren sie in der urältesten ägyptischen Einweihung verbreitet, daß Osiris zugleich Sohn und Gemahl war der Isis. Das empfand man, daß er Sohn und Gemahl war der Isis. Und das machte in der älteren ägyptischen Einweihung das Wesentliche aus, daß der zu Initiierende durch diese Einweihung die Geheimnisse des seelenhaften Daseins erfuhr, das mit dem Menschen verbunden bleibt, auch wenn er die Zeit durchmacht, die zwischen dem Tode und der neuen Geburt liegt. Durch die Verbindung mit dem Osiris war es möglich, sich in seiner tieferen Bedeutung als Mensch zu erkennen.

[ 16 ] Was dargestellt worden ist, begründete also, daß der ägyptische Eingeweihte Weltenwort und Weltentöne als die Erklärer seiner eigenen Wesenheit in der spirituellen Welt traf. Das war aber in der alten ägyptischen Zeit nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte der Fall. Von diesem gewissen Zeitpunkte ab hörte es auf. Und es ist ein großer Unterschied — das zeigen auch die Schauungen der Akasha-Chronik, wenn der Mensch heute in die alten Zeiten zurückblickt — zwischen dem, was der ägyptische Eingeweihte in den altägyptischen Tempeln erlebte, und dem, was er in späteren Zeiten erlebte.

[ 17 ] Wollen wir uns auch einmal vor die Seele schreiben, was der Eingeweihte in den späteren Zeiten erlebte. Da konnte er auch durch die weltallweiten Gefilde geführt werden bis zu den Ufern des Daseins, da konnte er erfahren alle die Wesenheiten, die den physischen Leib und Ätherleib des Menschen aufbauen, da konnte er hintreten an die Ufer des Daseins und konnte ansichtig werden der schweigsamen, stummen Isis und wahrnehmen an ihr das Wärmedasein, das für den Menschen die Kräfte enthält, die vom Tode zu einer neuen Geburt hinüberführen. Da konnte er auch das Licht erkennen, das die Seele zwischen dem Tode und der neuen Geburt erleuchtet, die Sehnsucht entstand auch, zu hören das Weltenwort und die Weltenharmonie. Sehnsucht lebte in der Seele, wenn sich die Seele vereinigte mit der schweigsamen, stummen Göttin Isis. Aber — die Göttin blieb stumm und schweigsam! Kein Osiris konnte in der späteren Zeit geboren werden, keine Weltenharmonie ertönte, kein Weltenwort erklärte dasjenige, was sich bange jetzt zeigte als Weltenwärme und Weltenlicht. Und es war dann der Seele des zu Initiierenden so, daß sie ihre Erlebnisse nicht anders hat aussprechen können, als indem sie etwa sagte: So schaue ich trauernd hinauf, gequält von Wissensdurst und Wissenssehnsucht, zu dir, o Göttin! Und du bleibst der gequälten, der leidvollen menschlichen Seele, die, weil sie sich selber nicht verstehen kann, sich wie ausgelöscht vorkommt, wie wenn sie ihr Dasein verlieren müßte —, du bleibst dieser Menschenseele schweigsam und stumm! — Und trauernd machte die Göttin ihre Gebärde, ausdrückend, daß sie ohnmächtig geworden war zum Gebären des Weltenwortes und der Weltentöne. Das erkannte man an ihr, daß man ihr entrissen hat die Kraftzum Gebären und zum An-der-Seite-Haben des Osiris, des Sohnes und des Gemahls. Entrissen fühlte man den Osiris der Isis.

[ 18 ] Diejenigen, die diese Einweihung durchmachten und wieder zurückkamen in die physische Welt, hatten eine ernste, aber resignierende Weltanschauung. Sie kannten sie, die heilige Isis, aber sie fühlten sich als die «Söhne der Witwe». Ernst und resignierend war die Weltanschauung der «Söhne der Witwe». Und der Zeitpunkt zwischen der alten Einweihung, wo man die Geburt des Osiris in den alten ägyptischen Mysterien mitmachen konnte, und der, wo man nur die stumme, die schweigsame, die trauernde Isis traf und ein Sohn der Witwe in den ägyptischen Mysterien werden konnte, der Zeitpunkt, der die beiden Abschnitte der ägyptischen Einweihung trennt, welcher ist es? Es ist der Zeitpunkt, in dem Moses gelebt hat. Denn so erfüllte sich das Karma Ägyptens, daß Moses nicht nur eingeweiht worden ist in die Mysteriengeheimnisse Ägyptens, sondern daß er sie zugleich mitgenommen hat. Indem er sein Volk aus Ägypten herausführte, nahm er den Teil der ägyptischen Einweihung mit, der zu der trauernden Isis, die sie später war, hinzugefügt hat die Osiris-Initiation. So war der Übergang von der ägyptischen Kultur zu der Kultur des Alten Testamentes. Ja, Moses hatte hinweggetragen das Geheimnis des Osiris, das Geheimnis von dem Weltenwort! Und hätte er nicht zurückgelassen die ohnmächtige Isis, dann hätte ihm nicht ertönen können, was ihm ertönen mußte in der Art, wie er es für sein Volk verstehen mußte, das große, bedeutsame Wort «Ich bin der Ich-bin, ejeh asher ejeh». So übertrug sich ägyptisches Geheimnis auf althebräisches Geheimnis.

[ 19 ] Damit wurde versucht, in Worten, mit denen eben solche Dinge dargestellt werden können, zu zeigen, wie die Erlebnisse waren in den Zarathustra-Mysterien und in den ägyptischen Mysterien. Die Dinge lassen sich nicht mit abstrakten Worten darstellen. Denn worauf es ankommt, ist doch, daß die Seele gerade die entsprechenden Erlebnisse durchmacht, die ich zu charakterisieren versuchte. Und wichtig ist es nun, nachzufühlen, was in der Seele des später zu initiierenden Ägypters vorging, nachzufühlen, wie sich seine Seele hinauflebte in die höheren Welten, wie er Isis mit dem Trauerblicke traf, Isis mit dem Schmerzensantlitz, — die Trauerblick und Schmerzensantlitz hatte, weil sie die Menschenseele schauen mußte, die Sehnsucht und Wissensdurst nach den geistigen Welten haben konnte, die aber nicht befriedigt werden konnte.

[ 20 ] So auch empfanden noch gewisse griechische Eingeweihte dasselbe Wesen, das die Ägypter als die spätere Isis ansprachen. Daher das Ernste der griechischen Initiation da, wo sie in ihrem Ernste auftritt. Denn, was war empfunden worden von dem zu Initiierenden? — Was früher in den übersinnlichen Welten erlebt worden war, was diese übersinnlichen Welten sinnvoll gemacht hat, indem sie durchklungen waren von Weltenwort und Weltenton, das war jetzt nicht mehr da. Wie verödet und verlassen vom Weltenwort, so waren die übersinnlichen Welten, in die der Mensch durch die frühere Initiation hat hineinkommen können. Der Zarathustra-Eingeweihte konnte sich noch befriedigt fühlen, wenn ihm in diesen Welten die Wesen entgegentraten, von denen gesprochen worden ist, denn er fühlte sich noch befriedigt von dem Weltenlicht, das er als Ahura Mazdao empfand. Er empfand es männlich, sonnenhaft; der Ägypter empfand es weiblich, mondenhaft. Und der höher zu Initiierende empfand dann auch in der Zarathustra-Initiation das Weltenwort. Er empfand es nicht so konkret, geboren werdend aus einer solchen Wesenheit, wie es die Isis ist; aber er erfuhr es, und er kannte Sphärenharmonie und Weltenwortt.

[ 21 ] Jetzt fühlte man in der späteren ägyptischen Zeit — aber auch in den übrigen Ländern während dieser späteren ägyptischen Zeit —, wenn man sich als Mensch in die höheren Welten hinauflebte, ganz ähnlich wie auch der heutige Mensch noch fühlt, wie es im Anfange des heutigen Vortrages gesagt worden ist. Man steigt hinauf in die höheren Welten, man wird bekannt mit all den Wesenheiten, die an dem Zustandekommen des physischen Leibes und des Ätherleibes mitzuarbeiten haben, und man fühlt sich verlassen, fühlt sich einsam, wenn nichts anderes eintritt als das Gesagte, weil man etwas in sich hat, was begehrt nach Weltenwort und Weltenharmonie, und weil einem Weltenwort und Weltenharmonie nicht ertönen können. Heute fühlt man sich verlassen und einsam. In der späteren ägyptischen Zeit fühlte man sich nicht nur verlassen und einsam, sondern man fühlte sich — wenn man das war, was genannt wurde «ein echter Sohn der Witwe» und man heraus war aus physischem Leib und Ätherleib und man in den geistigen Welten war — als Menschenseele so, daß man sein Fühlen nur in die Worte kleiden konnte: Der Gott schickt sich an, wegzugehen aus den Welten, die du immer betreten hast, wenn du das Weltenwort gefühlt hast, der Gott ist da unwirksam geworden! Und immer mehr und mehr verdichtete sich dieses Gefühl zu dem, was man nennen kann das übersinnliche Äquivalent dessen, was einem in der Sinneswelt als das Sterben des Menschen entgegentritt: wenn man hier einen Menschen sterben sieht, wenn man weiß, er verläßt die physische Welt. Und wenn man nun als Eingeweihter der späteren ägyptischen Zeit in die geistigen Welten hinaufstieg, so war man der Teilnehmer des langsamen Absterbens des Gottes. Wie man bei einem Menschen fühlt, wenn er in die geistige Welt hineingeht, so fühlte man als Eingeweihter der späteren ägyptischen Zeit, wie der Gott Abschied nimmt von der spirituellen Welt, um in eine andere Welt überzugehen. Das war das Bedeutsame und das Merkwürdige der späteren ägyptischen Initiation, daß man sich eigentlich hinauflebte in die geistigen Welten, nicht zur Wonne und Seligkeit, sondern um teilzunehmen an dem allmählichen Hinsterben eines Gottes, der als Weltenwort und Weltenton in diesen höheren Welten vorhanden war.

[ 22 ] Aus dieser Stimmung heraus hat sich allmählich der Mythos von dem Osiris verdichtet, der der Isis entrissen wird, der nach Asien hinübergeführt wird und um den die Isis trauert.

[ 23 ] Wir haben uns mit diesem Vortrage an das eine Ufer gestellt, an das eine Ufer jenes Stromes, welcher die Menschheitsentwickelung in zwei Teile teilt. Wir sind hergekommen von der Richtung dieser Menschheitsentwickelung bis an das Ufer, stehen an dem Ufer und haben uns dieses Stehen vergegenwärtigt durch die Stimmung des späteren ägyptischen Eingeweihten, des «Sohnes der Witwe», der eingeweiht wird, um Trauer und Resignation zu erleben. Es steht uns nun bevor, mit dem Kahn der Geisteswissenschaft den Fluß zu durchfahren, der die beiden Ufer der menschlichen Entwickelung trennt. Wir wollen im letzten Vortrage sehen, was an dem anderen Ufer ist, wenn wir unseren Kahn von der Stätte abstoßen, an der wir erfahren haben die Trauer um den in den Himmeln sterbenden Gott, wenn wir die Stätte verlassen, um einen Strom zu durchschwimmen, und ankommen am anderen Ufer. Wir wollen sehen, wenn wir an dem anderen Ufer ankommen mit der Erinnerung, daß wir vorher erlebt haben das Hinsterben eines Gottes in den Himmeln, was sich uns dann auf der anderen Seite dieses Stromes darbietet, wenn uns der Kahn der Geisteswissenschaft dahin trägt.