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Die Geheimnisse der Schwelle
GA 147

24 August 1913, München

Erster Vortrag

[ 1 ] Sie haben es ja erfahren, daß wir unsere Festvorstellungszeit diesmal mit einem Ausfall beginnen mußten. Zu meinem großen Leid konnten wir dasjenige, was projektiert war, die Vorstellung der «Seelenhüterin» von unserem verehrten Edouard Schuré, nicht schon in dieser Spielzeit zur Aufführung bringen. Wir mußten durch die mannigfaltigsten Gründe diese Aufführung verschieben. Dies war aus dem Grunde in einer gewissen Beziehung leidvoll, weil gerade in unseren Tagen, gerade in unserer Gegenwart es wichtig hätte erscheinen können, Sinn und Bedeutung dieses Werkes unseres verehrten Edouard Schuré vor unsere Seele hinzustellen. Werden ja in diesem Werke gewisse Strömungen und Wellenschläge der Menschheitsentwickelung zu einem äußeren physischen Ausdruck gebracht, die manches verständlich machen können in den oft so erschütternden Ereignissen der Gegenwart, die an unseren Seelen vorüberziehen, ohne daß es eigentlich mit dem gegenwärtigen auf dem physischen Plan zu entwickelnden Verständnis, namentlich Westeuropas, möglich ist, in die tieferen Untergründe dieser Ereignisse hineinzudeuten.

[ 2 ] Es ist tatsächlich für ein tieferes Sinnen auffällig, wie Bedeutsamstes sozusagen die Volksseelen durcheinanderrüttelt im europäischen Osten, wie da sich manches abspielt, was nur erklärlich wird, wenn man in Betracht ziehen kann, was sich unter der Oberfläche der physisch-sinnlichen Welt an Wellenschlägen im Völkerleben vollzieht. Es ist in einem gewissen Grade merkwürdig, wie wenig eigentlich westeuropäisches Verstandesdenken auch nur daran denkt, die tieferen Grundlagen dieser erschütternden Ereignisse zum Herzens-, zum Seelenverständnis zu bringen. Und da könnte es durch die unmittelbaren Eindrücke der Gegenwart, man möchte sagen, karmisch geboten erscheinen, ein Drama vor dem Seelenblick sich abspielen zu sehen, welches die Gegensätze in den Volksseelen an die Oberfläche heraufbringt.

[ 3 ] Es wäre besonders reizvoll gewesen — nicht nur in ästhetischer Beziehung, sondern auch im Hinblick auf das Verständnis von manchem, was sich in unserer Zeit abspielt —, vor dem Seelenauge den Gegensatz zu haben, der uns in der «Seelenhüterin» hätte zutage treten können, den Gegensatz zwischen dem, was als Einschlag, als Impuls im westlichen Europa von der alten keltischen Volksseele geblieben ist und was uns bei einem Teile der Personen dieses Dramas entgegentritt, und dem eigentlich romanisch-französischen Element, das bei einem anderen Teile der Personen des Dramas uns dann wiederum vor die Seele getreten wäre; und wenn man weiter hätte ersehen können, wie in das Menschenleben heraufspielen, sich äußerlich im Sinnenleben ausdrückend, Wellenschläge, die im Okkulten sich vollziehen. Denn in diesem Drama sehen wir, wie durch gewisses Geschehen gleichsam eine Unwahrheit sich in der Sinneswelt ausbreitet, so daß die Verhältnisse, die zwischen den Personen bestehen, diese Unwahrheit zum Ausdruck bringen, und wie von Untergründen des Seelenlebens aus in diesem Falle von dem, was sich in den Geheimnissen des Blutes auslebt — dann bis zu einem gewissen Grade die Wahrheit sich ergießt in die unwahren Verhältnisse der Sinnenwelt. Das alles hätten wir in diesem Drama für das Seelenauge zum Ausdruck gebracht. Und wichtig ist es in unserer Zeit, solche Dinge auf die Seele wirken zu lassen, wo sich vor unseren Augen innerhalb Europas selbst Ereignisse abspielen, in die wirklich hineindringen die unter der Oberfläche waltenden Kräfte der Volksgemüter, und die nicht verstanden werden können, ohne daß man den Seelenblick hinrichtet auf diese Volksgemüter.

[ 4 ] Was sich im äußeren Leben abspielt, was ist es im Grunde genommen anderes als etwas, das — in dieses äußere Leben wie karmisch heraufdringend — in unserem europäischen Osten und Südosten vor vielen Jahrhunderten die Volksgemüter ergriffen hat. Man könnte sagen: Unvernehmbar für die äußere Welt vollziehen sich jetzt karmische Dinge, die zusammenhängen mit dem, was nur symptomatisch auf dem physischen Plan zum Ausdruck kommt, eigentlich in vier Silben auf dem physischen Plan zum Ausdruck kommt. Was jetzt zum karmischen Ausdruck gelangt, hat sich vorbereitet, als eingeschlagen hat in die europäischen Volksgemüter, diese zerspaltend und zerklüftend in Osten und Westen, jenes berühmte und viel umzankte «filioque». — Was geht im Grunde genommen unser gegenwärtiges Gemüt mit seinem Verständnis das an, worüber einstmals der Westen und Osten Europas sich gespalten haben, ob das, was als Heiliger Geist bezeichnet wird, nur vom Vater ausgehe, wie der Osten behauptet, oder auch vom Sohne, wie der Westen sagt? Es hat seine guten Gründe, daß in der damaligen Zeit der Westen jenes «filioque» hinzugefügt hat zum Ausgehen des Heiligen Geistes aus dem Vater, denn alle die Kräfte, die sich im europäischen Westen entwickelt haben, welche die Impulse für die Kultur Europas gegeben haben, hängen damit zusammen. Hier berührt uns nicht all das theologische Gezänke, welches sich entwickelt hat über dieses Credo der verschiedenen Glaubensbekenntnisse. Aber wichtig ist für uns, daß einmal das seelische Geschehen dadurch sich ausgedrückt hat, daß sich das einheitliche Glaubensbekenntnis gespalten hat in ein solches, das da sagt, daß der Geist vom Vater und vom Sohn ausgehe, während das andere glaubt, daß der Geist nur vom Vater ausgehe. Das drückt aus, was bis in unsere Zeiten hereinwirkt, was in den Untergründen wellt und schlägt und nur verstanden werden kann, wenn man sich ein wenig einläßt auf das geheimnisvolle Walten der okkulten Untergründe in den Volksseelen. Als das Karolingische Schwert vom Westen gegen den Osten hin zur Geltung gebracht hat — es war nicht die Papstkirche, die es getan hat, sondern das Karolingische Schwert — das Glaubensbekenntnis, daß der Geist ausgehe vom Vater und vom Sohn, wurde in der europäischen Kultur der Grund gelegt für das, was wir in mächtigen und erschütternden Wellenschlägen heute wiederum heraufpulsieren sehen. So hätte ein Sich-Vertiefen in dieses Drama manchen Lichtstrahl bringen können in die Ereignisse der Gegenwart.

[ 5 ] Nun, für das Aufschieben dieser Vorstellung war zuletzt der Umstand ausschlaggebend, der nach der anderen Seite hin recht erfreulich ist, daß so viele Anmeldungen zu unseren Vorstellungen gekommen sind, daß wir für die Dramen «Der Hüter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen», wie jetzt der Titel unseres letzten Stückes heißt, viele unserer Freunde hätten abweisen müssen, wenn wir unser ursprüngliches Programm hätten einhalten wollen. Vielleicht hätte sich ohne diesen Umstand das ursprüngliche Programm dennoch durchführen lassen. Alles war so weit gediehen, daß zum Beispiel die sämtlichen Dekorationen vollständig fertig vorliegen, auch die sämtlichen Kostüme vollständig fertig da sind. Und wenn, wie gesagt, nicht der eben erwähnte Umstand eingetreten wäre, so hätten wir daran denken können, auch dieses dritte Stück zur Aufführung zu bringen. Allein, wir hätten eine Anzahl unserer Freunde ausschließen müssen von der Teilnahme an den Festvorstellungen in dieser Zeit. Und es ist natürlich statthafter, eines der Dramen aufzuschieben, als von den stattfindenden Vorstellungen unsere Freunde, die daran teilnehmen wollen, auszuschließen.

[ 6 ] Es hängt das, was wir mit der Vorstellung dieses Dramas gewonnen hätten, auch damit zusammen, daß wir in diesem Drama eine Arbeit vor uns haben unseres so hochverehrten Edouard Schuré. Und bedenken müßten wir, wenn wir diesen Namen aussprechen, daß derjenige Mann ihn trägt, welcher durch seine «Großen Eingeweihten», «Les Grands Initiés», und durch seine anderen Werke in gewisser Beziehung der erste Bannerträger der esoterischen Richtung des Abendlandes ist, für die wir unsere Kräfte einsetzen wollen. Immer wieder und wiederum müssen wir bedenken, was durch Edouard Schur& Epochemachendes für die Gegenwart und die zukünftige Menschheitsentwickelung geschehen ist. Daher darf ich wohl nicht nur aus dem tiefsten Drange meines eigenen Herzens heraus, sondern gewiß auch aus dem Herzensdrang aller hier versammelten Freunde mit größter Befriedigung begrüßen, daß wir auch in dieser unserer Münchener Zyklus- und Spielzeit wiederum Edouard Schuré unter uns haben dürfen. Er nimmt teil an dem Vormittagszyklus, aber da wir auch Veranstaltungen haben, wo wir alle beisammen sein werden, werden alle Freunde Gelegenheit haben, auch persönlich an der Seite des Mannes zu sein, der mit hoher Genialität und mit tiefem Einblick in esoterische Verhältnisse uns aus seinem innersten Impuls heraus wiederum zur Seite getreten ist in der Gegenwart, als wir verwickelt waren, wie Sie alle wissen, in einen Kampf, der uns aufgedrängt war, den wir wahrhaftig nicht gesucht haben. Und wiederum hat sich die innige Verbindung mit Edouard Schur& dadurch gezeigt, daß er mit jenem offenen Brief — der ja wiederholt, auch in unseren «Mitteilungen», gedruckt worden ist und den Sie verbunden finden mit der ausgezeichneten Schrift unseres verehrten Freundes Eugen Levy — uns zur Seite getreten ist in einem Kampf, der wichtige Lichtstrahlen darauf geworfen hat, wo Wahrheit und Gegnerschaft gegen die Wahrheit denn so muß es genannt werden — in bezug auf unsere Bestrebungen zu suchen ist.

[ 7 ] Und es ist tief charakteristisch, daß man sich jetzt nach längerer Zeit — man bemerkt das innere Widerstreben und daß man gern das Geständnis verborgen sehen möchte — zwar entschlossen hat, den törichten Jesuitenvorwurf gewissermaßen zurückzunehmen, daß man aber nicht umhin konnte, diese Zurücknahme zugleich wiederum zu verbinden mit einer in gewisser Weise so zu nennenden Beschimpfung desjenigen, was aus einem ernsten Wahrheitssinn Edouard Schur£ in jenem offenen Briefe gebracht hat. Nicht unzusammenhängend waren die Schwierigkeiten, die sich gerade gegen die ohnedies nicht leichten Münchener Veranstaltungen ergeben haben dadurch, daß uns der hier nicht weiter zu erörternde Kampf aufgedrängt worden ist, der uns so viel Arbeit und Gedanken gekostet hat, und der wahrhaftig unnötig eigentlich gewesen ist und unnötig in seiner weiteren Fortsetzung sein wird.

[ 8 ] Nun ist es für unsere Freunde notwendig, daß das, was geschehen ist zur Steuer der Wahrheit, jetzt auch ein wenig berücksichtigt werde. Ich erwähne außer Schriften, die schon früher erwähnt worden sind, das ausgezeichnete Buch unseres Freundes Lévy, das auch in deutscher Sprache nun zu haben sein wird; ich erwähne die Broschüre Dr. Ungers, diejenige der Frau Wolfram, des Herrn Walther, die außer anderen unter unseren Bücherwerken zu haben sein werden; Schriften, die sich wahrhaftig unsere Freunde abgerungen haben, weil im Grunde genommen jeder derselben etwas Wichtigeres zu tun gehabt hätte, als in solch einen unnötigen und wahrheitswidrigen Kampf sich einzulassen. Aber für unsere Freunde wird es notwendig sein, daß diese Broschüren nicht bloß geschrieben worden sind, sondern auch gelesen werden. Denn es wird schon einmal nötig sein, daß unsere Freunde, die es mit der Wahrheit ernst nehmen, sich all das wirklich zum Wissen bringen, was da vorgegangen ist, so unerquicklich dieses Wissen in gewisser Beziehung auch sein mag. Gerade von dieser Seite her ist auch unserer Arbeit in München manches schwere Hindernis in der letzten Zeit in den Weg getreten.

[ 9 ] Und wenn ich von dieser Arbeit spreche, wie ich es auch in diesem Jahre wieder tun möchte, so muß erwähnt werden, daß für diejenigen Personen, welche sozusagen hinter den Kulissen die schwere und aufreibende Arbeit für die Münchener Veranstaltungen zu leisten hatten, diese Arbeit nicht etwa dadurch erleichtert worden ist, daß ein Drama ausgefallen ist. Das ganze Arrangement mußte infolgedessen geändert werden, und so ist die Arbeit nicht nur nicht verringert, sondern sogar vermehrt und erschwert worden. Also, es darf nicht geglaubt werden, daß da, wo die Hauptlast der vorbereitenden Arbeiten liegt, irgendwie etwas erleichtert worden wäre dadurch, daß ein Drama ausgefallen ist, sondern es ist diese Arbeit, die vor allen Dingen Fräulein Stinde und Gräfin Kalckreuth und ihre Helfer zu leisten haben, im wesentlichen vermehrt worden. Auch in diesem Jahre ist es mir ein Herzensbedürfnis, darauf hinzuweisen, in welch opferwilliger und hingebungsvoller Art sich ein großer Teil unserer Freunde wiederum gewidmet hat dem Zustandekommen dieser unserer Münchener Unternehmung. Sie kann ja nur dadurch zustande kommen, daß solche Opferwilligkeit bei einem großen Teile unserer Freunde vorhanden ist. Im Juni müssen schon die Vorbereitungen beginnen, und so war es auch dieses Jahr. Unsere verehrten Maler, Herr Linde, Herr Haß, Herr Volckert, sie mußten sich wieder einer langen Arbeit widmen, und wie gesagt, es wurden diese Arbeiten vollständig fertig geliefert. Und mit ihnen wirkte eine ganze Gruppe von Menschen, welche sich gleichsam hinter den Kulissen oder sogar, bevor die Kulissen zustande kommen konnten, ganz im stillen dieser Arbeit hingaben. Und es ist wirklich schön und wird immer wieder und wiederum schön sein, wie sich diese Opferwilligkeit auf diesem Gebiete zeigt. Nur als ein Symptomatisches sei hervorgehoben, daß zum Beispiel einer unserer Freunde, da ihm zwei große Rollen zugedacht waren, von denen die eine geht durch den «Hüter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen» und die andere gewesen wäre im Schurésehen Stück, daß dieser Freund nicht einmal wußte, ob er sich werde aufrechterhalten können durch die vielen Proben, die für die drei Stücke zu leisten gewesen wären; dennoch hat er die Arbeiten mit Willigkeit übernommen. Das alles sind Dinge, die bezeugen, wie sehr die Hingabe und Opferwilligkeit nach und nach gewachsen sind bei einem ausgedehnten Kreise innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Die Freunde, die, wie gesagt, zum Teil sehr früh mit ihren Arbeiten beginnen mußten, die genannten Maler, auch Fräulein vor Eckhardtstein, welche die Leitung der Kostümzusammenstellung hat, sie mußten schon vom Juni aus sich ganz dem Werke widmen. Diejenigen, die an der Darstellung beteiligt sind, sind den ganzen Tag beschäftigt, so daß sie kaum etwas anderes während des Tages unternehmen können. Sie sind unseren Freunden von der Anthroposophischen Gesellschaft ja auch bekannt, und die Freunde, die sich dieser Arbeit gewidmet haben, werden es mir erlassen, da ich eine lange, lange Liste aufzählen müßte, einzelne Namen zu nennen. Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich nur im allgemeinen, was leicht geglaubt werden wird, zum Ausdruck bringe, wie auch in diesem Jahre wiederum gegenüber all denen, die ihre Leistungen dargebracht haben, sozusagen das Herz von Dankbarkeit’ überfließt bei mir und gewiß auch bei all denjenigen, welche in irgendwelcher Weise haben genießen dürfen das, was durch unsere Freunde für diese Münchener Unternehmungen vorbereitet worden ist.

[ 10 ] Wenn auch gewissermaßen die Gegner von allen Seiten heranwachsen, so zeigt sich denn doch auch, wie unsere Arbeit, unser Streben ihre Erweiterung finden. Und es hat schon eine große Zahl von unseren Freunden Interesse genommen für das, was sich sozusagen als ein neuer Zweig aus unserem Bestreben heraus gebildet hat: ausdrucksvolle Gebärde, ausdrucksvolle Bewegung, im edelsten Sinne ausgeführt, was man Tanzkunst immer genannt hat. Eine Anzahl unserer Freunde hat hinlänglich Gelegenheit gehabt und wird sie weiter haben, mit dem, was hier als Eurythmie auftritt, sich bekanntzumachen. Bei einer unserer geselligen Zusammenkünfte werden wir Gelegenheit nehmen, etwas von diesem Zweige unserer Tätigkeit unseren verehrten Freunden vorzuführen. Das, meine lieben Freunde, ist im wesentlichen, was ich sozusagen als Persönliches unserem diesmaligen Vortragszyklus vorauszuschicken hätte.


[ 11 ] Wenn Sie sich erinnern an die Bühnenvorgänge der letzten Tage, so bieten diese mancherlei, was Anknüpfung geben kann zu den Betrachtungen dieses Vortragszyklus. Ich darf sagen, daß ich auf verschiedene Anfragen hin jedes Jahr den Ansatz dazu nicht nur mit der Feder gemacht habe, sondern auch bis zu einem gewissen Grade etwas ausgearbeitet hatte, was wie eine Erklärung, wie eine Art Kommentierung unserer Mysteriendramen sein könnte, daß ich aber jedesmal die Sache wiederum zurückgelegt habe aus dem Grunde, den ich auch ein wenig angedeutet habe in den vorläufigen Bemerkungen von «Der Seelen Erwachen». Es widerstrebt mir, hinterher verstandesmäßig dasjenige zu kommentieren, was wahrhaftig nicht einen theoretischen, einen verstandesmäßigen Ursprung hat, was in seinen Bildern fertig dasteht wie eine Eingebung aus der geistigen Welt, und über das ich verstandesmäßig auch nicht anders sprechen könnte, als ein anderer sprechen kann, wenn er in die Sache eingeht. Es besteht ein gewisses Bedürfnis, die Dinge, die auf solche Weise gegeben sind, durch sich selbst sprechen zu lassen und sie nicht sozusagen abzuzapfen auf die dünne Vorstellungsart, die doch immer nur Verstandesdenken und Theoretisieren sein kann. Dennoch darf vielleicht an einiges angeknüpft werden innerhalb dieses Vortragszyklus. Und da möchte ich heute zunächst Ihre Aufmerksamkeit lenken auf das, was Ihnen vorgeführt wurde als neuntes, zehntes und als dreizehntes Bild in «Der Seelen Erwachen». Gerade in diesen Bildern haben wir etwas vor uns, was man nennen könnte schlichte Bildeindrücke, während vielleicht mancher erwarten könnte, daß nach den Bühnenvorgängen, die sich auf das Geistgebiet und die ägyptische Initiation beziehen, etwas mehr Tumultuarisches, Tragisches, etwas, man möchte sagen Laut-Erklingendes, nicht im Stillen der Seele Ablaufendes vor das Seelenauge geführt werde. Und dennoch würde alles, was in dem neunten, zehnten und dreizehnten Bild anders sein würde, dem okkulten Auge unwahr erscheinen müssen. Wir haben vor uns Seelenentwickelungen. Demgegenüber muß sogleich gesagt werden, daß zwar mit theoretischen Darstellungen, wie sie auch von uns für die Seelenentwickelung hinauf in die höheren Welten gegeben werden, Anhaltspunkte für jede Seele gegeben werden in bezug auf den Weg in die geistigen Welten; daß aber diese Seelenentwickelung für jede Seele nach deren besonderer Eigenart, Charakter, Temperament und sonstigen Verhältnissen verschieden sein muß. Daher kann man auch ein tieferes Verständnis für die okkulte Seelenentwickelung nur gewinnen, wenn man sie betrachtet in ihrer Verschiedenheit, wie sie sich verschieden abspielt für Maria und verschieden für Johannes Thomasius und verschieden für die anderen Personen unseres Dramas.

[ 12 ] Das neunte Bild ist zunächst gewidmet jenem Seelenmoment der Maria, wo in die Seele hereintritt ein Bewußtsein dessen, was diese Seele sozusagen in ihren Untergründen noch nicht voll bewußt durchlebt hat in der vorangegangenen devachanischen Zeit, und was sie in ferner Vergangenheit durchgemacht hat, in der Zeit, in die die ägyptische Initiation fällt. Wir haben es in dem, was diesmal im Geistgebiet dargestellt worden ist, zu tun mit den Erlebnissen der Seele zwischen jenem Tod, der nach einer mittelalterlichen Inkarnation eingetreten ist, und der Geburt in jene Gegenwart herein, in welcher spielen «Die Pforte der Einweihung», «Die Prüfung der Seele», «Der Hüter der Schwelle» und «Der Seelen Erwachen». Alle diese Erlebnisse mit Ausnahme der Episode in der «Prüfung der Seele», die den Inhalt der geistigen Rückschau des Capesius in sein voriges Leben darstellt, spielen in der Gegenwart; in jener Gegenwart, die sich anschließt an die geistige Vergangenheit, welche sich devachanisch abgespielt hat zwischen dem Tod der entsprechenden Personen nach der mittelalterlichen Verkörperung, die der Inhalt der betreffenden Episode ist, und dem gegenwärtigen Leben. Das, was die Seelen erleben in ihrer devachanischen Zeit, ist verschieden, je nachdem die Seelen diese oder jene Vorbereitung auf der Erde durchgemacht haben. Als ein bedeutsames Seelenerlebnis muß aufgefaßt werden, wenn die Seele mit einem Bewußtsein in der devachanischen Zeit durchgeht durch das, was die Weltenmitternacht genannt ist. Für Seelen, welche nicht dazu vorbereitet sind, wird diese Weltenmitternacht so durchlebt, daß die Seelen gleichsam schlafen in jener Zeit, die man als die Saturnzeit des Devachan bezeichnen kann. Denn man kann die aufeinanderfolgenden Zeiten, die die Seelen durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, mit Bezug auf die einzelnen Planeten als Sonnen-, Mars-, Merkurzeit und so weiter bezeichnen. Manche Seelen verschlafen sozusagen diese Weltenmitternacht. Vorbereitete Seelen wachen in der Zeit ihres geistigen Lebens in jener Weltenmitternacht. Das bedingt aber noch nicht, daß solche Seelen, die durch ihre entsprechende Vorbereitung zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bewußt erleben, im Wachen also die Weltenmitternacht erleben, auch ein Bewußtsein von diesem Erleben hereinbringen in das Erdenleben, wenn sie zum physischen Dasein kommen. Für Maria, für Johannes Thomasius vollzieht sich das so, daß sie entsprechend vorbereitet die Weltenmitternacht erleben in ihrer geistigen Zeit zwischen dem Tod und neuer Geburt, daß sich aber eine Art von Seelentrübnis ausgebreitet hat im Beginne dieses Erdenlebens und durch lange Zeiten desselben hindurch über das Erlebnis in der Weltenmitternacht, und daß dieses auftaucht in einem späteren Stadium des gegenwärtigen Erdenlebens. Es taucht aber nur dann auf, wenn eine gewisse innere Ruhe und Geschlossenheit der Seele eingetreten ist. Bedeutsam und tiefgehend sind die Ereignisse, die mit der Seele geschehen, wenn sie Weltenmitternacht im Wachen erlebt. Ruhiges Innenerlebnis, abgeklärtes Innenerlebnis muß die Erdenerinnerung sein an Weltenmitternacht; denn die Wirkung dieses Erlebens von Weltenmitternacht ist, daß das, was sonst nur subjektiv ist, was sonst als Seelenkräfte im Inneren nur wirkt, wesenhaft sich vor die Seele stellt. Es stellt sich vor Maria so hin, wie es im neunten Bild von «Der Seelen Erwachen» dargestellt ist in der Gestalt der Astrid und der Luna, daß diese lebendige Wesen werden. Für Johannes Thomasius wird die andere Philia lebendiges Wesen der geistigen Welt; für Capesius Philia, wie sie als lebendiges Wesen der geistigen Welt in dem dreizehnten Bilde dargestellt ist. Die Seelen mußten sich so erfühlen, so erleben lernen, daß das, was vorher nur abstrakte Kräfte in ihnen waren, gleichsam geistig greifbar vor sie hintritt. Und das, was da geistig greifbar wie wahre Selbsterkenntnis sich vor die Seele hinstellt, muß in vollständiger Seelenruhe eintreten können wie ein Ergebnis der Meditation; das ist es, um was es sich handelt, damit solche Ereignisse im wahren, echten Sinn des Wortes zur wirklichen Erstarkung und Erkraftung der Seele erlebt werden können. Würde man in tumultuarischer Tragik, nicht in abgeklärter Meditation die Rückerinnerung erleben wollen an die Weltenmitternacht oder an ein solches Ereignis, wie es in der ägyptischen Einweihungsszene dargestellt ist, dann würde man es gar nicht erleben können. Dann würde sich das geistige Ereignis, das sich in der Seele abspielt, verfinsternd vor die Seele hinstellen, so daß sich die Eindrücke der Seelenbeobachtung entziehen würden. Eine Seele, welche Weltenmitternacht erlebt hat und welche mit einem bedeutenden Eindruck in den Untergründen der Seele so etwas erlebt hat, wie es im siebenten und achten Bilde von «Der Seelen Erwachen» dargestellt wird, kann sich nur zurückerinnern an das, was sie durchgemacht hat, wenn die Seele in vollständiger abgeklärter Ruhe das Heranrücken der Gedanken an das vorher im Geistigen oder im vorigen Erdenleben Erlebte so empfindet, wie es mit den Worten im Beginne des neunten Bildes ausgedrückt ist:

Ein Seelenstern, am Geistesufer dort, —
Er nahet, — nahet mir in Geisteshelle,
Mit meinem Selbste nahet er, — im Nahen —
Gewinnt sein Licht an Kraft, — an Ruhe auch.
Du Stern in meinem Geisteskreise, was —
Erstrahlt dein Nahen meiner Seelenschau?

[ 13 ] Wahr okkultistisch empfinden kann man das Auftreten der Erinnerung an Weltenmitternacht und an das Erlebnis der vorhergehenden . Inkarnation nur dann, wenn die Seele in dieser ruhigen Verfassung ist, so daß nicht in tumultuarischer Tragik die Sache an die Seele heranrollt. Da, wo es erlebt wird, wo Weltenmitternacht durchgemacht wird, erlebt man allerdings Bedeutsamstes für das Seelenerleben des Menschen; da erlebt man das, was sich nicht anders ausdrücken läßt als dadurch, daß man sagt: Es werden in jener Weltenmitternacht Dinge erlebt, die tief, tief verborgen unter der Oberfläche nicht nur der Sinneswelt liegen, sondern auch unter der Oberfläche mancher Welt, in die ein anfängliches Hellsehen hineinführt. Es entzieht sich der Sinneswelt, aber auch noch manchem hellsichtigen Blick, der gewisse Schichten unter der Sinneswelt schon durchschaut, dasjenige, was man — wir werden davon noch weiter sprechen — die Notwendigkeiten im Weltengeschehen nennen kann, jene Notwendigkeiten, die in den Untergründen der Dinge wurzeln, in denen allerdings auch die tiefsten Untergründe der menschlichen Seele wurzeln, aber die sich dem Sinnlichen und auch dem anfänglichen hellseherischen Blicke entziehen und sich dem letzteren erst dann ergeben, wenn so etwas durchlebt wird, wie es bildhaft in der Saturnzeit geschildert wird. Dann darf man sagen, daß es für einen solchen hellseherischen Blick, der zuerst auftreten muß in der Zeit zwischen Tod und einer neuen Geburt, wirklich so ist, wie wenn Blitze das ganze Blickfeld der Seele überziehen würden, die in ihrem schrecklichen Leuchten die Weltennotwendigkeiten überleuchten, die aber zugleich so blendend hell sind, daß die Erkenntnisblicke durch das helle Leuchten ersterben und aus den ersterbenden Erkenntnisblicken sich Bildformen bilden, die sich dann in das Weltenweben einweben als die Formen, aus denen die Schicksale der Weltenwesen erwachsen. Man durchschaut die Gründe der menschlichen und anderer Weltenwesen Schicksale in den Untergründen der Notwendigkeiten erst dann, wenn man mit solchen Erkenntnisblicken schaut, die im Erkennen durch die aufleuchtenden Blitze ersterben und sich wie zu erstorbenen Formen umbilden, die dann fortleben als die Schicksalsimpulse des Lebens. Und alles das, was eine wahre Selbsterkenntnis in sich findet — nicht jene Selbsterkenntnis, von der auf theosophischem Felde so viel geschwatzt wird, sondern jene hochernste Selbsterkenntnis, die sich im Verlaufe des okkulten Lebens eben ergibt —, alles, was die Seele in sich selber erblickt mit allen Unvollkommenheiten, die sich die Seele zuschreibt, es wird gehört zur Weltenmitternacht wie verwoben in hinrollendem Weltendonner, der in den Untergründen des Daseins verrollt.

[ 14 ] Das alles können Erlebnisse sein, die mit einer großen Tragik und mit einem heiligen Ernste ablaufen als das Erwachen gegenüber der Weltenmitternacht zwischen Tod und einer neuen Geburt. Wenn die Seele reif sein soll, ein Bewußtsein davon eintreten zu lassen in die physische Sinneswelt, dann muß das in jener Abgeklärtheit der Meditationsstimmung geschehen, die angedeutet worden ist mit den Worten der Maria im Beginne des neunten Bildes. Dann aber muß vorangegangen sein für diese Seele dasjenige, was diese Seele innerhalb ihres Geisteslebens empfunden hat, wie wenn etwas von ihr selber, etwas, was innig zu ihr selber gehört, was sich nur nicht immer in dem, was man so sein Selbst nennt, aufgehalten hat, herangekommen wäre aus den Weltenweiten. Die Stimmung, in der etwas wie ein Stück des eigenen Selbstes in der Geisteswelt, aber wie aus Weiten, herankommt, wurde versucht wiederzugeben in den Worten, die Maria im Geistgebiete spricht:

Die Flammen nahn, — sie nahn mit meinem Denken —
Von meinem Welten-Seelen-Ufer dort;
Es naht ein heißer Kampf; — mein eignes Denken,
Es kämpft mit Luzifers Gedanken;
In andrer Seele kämpft mein eignes Denken, —
Es zieht das heiße Licht — aus finstrer Kälte,
Wie Blitze lammt — das heiße Seelenlicht, —
Das Seelenlicht — im Welten-Eis-Gefilde —.

[ 15 ] Die Erinnerung an das, was erlebt wird und sich ausdrücken läßt in solchen Worten, kann wiedergegeben werden in den angedeuteten Worten der Maria im Beginne des neunten Bildes. Das aber, was die Seele erleben muß, um eine solche Erinnerung an Weltenmitternacht zu haben, das muß auch im Erdenleben liegen, und zwar so, daß die Menschenseele Erlebnisse durchgemacht hat, welche ihr zum Erleben gebracht haben Stimmungen innerer Tragik, inneren Ernstes, innerer Furchtbarkeit, die sich nur ausdrücken lassen mit solchen Worten, wie sie am Ende des vierten Bildes Maria in den Mund gelegt werden. Da muß man gefühlt haben, wie sich das eigene Selbst entreißt demjenigen, was man gewöhnlich das Innenleben nennt; wie sich das Denken, mit dem man sich so vertrauensvoll im Leben verbunden fühlt, herausreißt aus dem Inneren, wie es in ferne, ferne Weiten des Blickfeldes geht. Und man muß in sich gefunden haben als lebendige Seelengegenwart das, was in solchen Worten zum Ausdruck kommt, die natürlich dem äußeren Sinneserfassen und dem an das physische Gehirn gebundenen Verstand wie ein kompletter Unsinn, wie eine Fülle von Widersprüchen erscheint. Man muß erlebt haben erst diese Stimmung des Fortgehens des eigenen Selbstes, des eigenen Denkens von dem Innensein, wenn man in vollständiger Ruhe die Erinnerung an Weltenmitternacht erleben will. Dem Erinnern im Erdenleben muß vorangegangen sein das Erleben der Weltenmitternacht im geistigen Leben, wenn so etwas eintreten soll, wie es im neunten Bilde zum Ausdruck kommen will. Aber daß das möglich ist, dazu muß wiederum die Seelenstimmung vorangegangen sein, die sich ausdrückt am Ende des vierten Bildes. Die Flammen fliehen wahrhaftig; sie kommen nicht früher in das Erdenbewußtsein herein, sie nahen nicht früher dem Ruhen in der Meditation, bevor sie erst geflohen sind, bevor eine Wahrheit diese Seelenstimmung gewesen ist:

Die Flammen fliehn, — sie fliehn mit meinem Denken;
--------
Und dort am fernen Welten-Seelen-Ufer
Ein wilder Kampf, — es kämpft mein eignes Denken
Am Strom des Nichts — mit kaltem Geisteslicht. —
Es wankt mein Denken; — kaltes Licht, — es schlägt
Aus meinem Denken heiße Finsternis. — — —
Was taucht jetzt aus der finstren Hitze auf? —
In roten Flammen stürmt mein Selbst — ins Licht; —
Ins kalte Licht — der Welten-Eis-Gefilde. —

[ 16 ] So hängen die Dinge zusammen, und wenn sie so zusammenhängen, dann erkraften sie die inneren Seelenfähigkeiten, so daß das, was erst nur abstrakte Seelenkraft war, geistig leibhaftig vor die Seele hintritt, so daß es zugleich eine besondere Wesenheit ist und zugleich man es selbst hat, wie Astrid und Luna vor Maria hintraten. Und dann treten diese Wesenheiten, die wahrhaftige Wesenheiten sind und die zugleich als Seelenkräfte erlebt werden, so hin, daß sie im Verein auftreten können mit dem Hüter der Schwelle und mit Benedictus, wie das im neunten Bilde zur Darstellung gekommen ist.

[ 17 ] Aber das Wesentliche ist, daß man die Stimmung dieses Bildes verspürt, in dem in ganz anderer, individueller Weise, so daß die innere Seelenkraft, welcher die andere Philia entspricht, leibhaftig wird, das Erwachen, die Erinnerung an Weltenmitternacht und an die ägyptische Vorzeit bei Johannes Thomasius geschieht. Für die gerade so gestimmte Seele, wie sie in Johannes Thomasius vorhanden ist, hat das Wort der anderen Philia seine Bedeutung:

Verzaubertes Weben des eigenen Wesens —

[ 18 ] mit all dem, was daran hängt im Verlauf des Mysteriendramas. Dadurch, daß das so ist, treten gerade in einer solchen Weise herein der Geist von Johannes’ Jugend, Benedictus und Luzifer, wie sie dargestellt werden gegen das Ende des zehnten Bildes. Es ist wichtig, daß gerade für dieses Bild ins Seelenauge gefaßt wird, wie da Luzifer herantritt an Johannes ’Thomasius und dieselben Worte fallen, die in «Der Hüter der Schwelle» am Ende des dritten Bildes gefallen sind. In diesen Worten zeigt sich, wie durch alle Welten und Menschheitsleben hindurchgeht der Kampf des Luzifer, hindurchgeht aber auch die Stimmung, die den Worten des Luzifer entgegentönt aus den Worten des Benedictus. Man versuche einmal zu erfühlen, was in diesen Worten liegt, die von Luzifer ertönen sowohl in «Der Hüter der Schwelle» am Ende des dritten Bildes wie am Ende des zehnten Bildes von «Der Seelen Erwachen»:

Ich werde kämpfen. Benedictus:
Und kämpfend Göttern dienen.

[ 19 ] Man fasse bei dieser Gelegenheit etwas anderes ganz besonders ins Auge; man fasse ins Auge, daß dieselben Worte an diesen zwei Orten gesprochen werden, daß sie aber gesprochen werden können, indem sie zugleich an diesen beiden Orten etwas ganz verschiedenes bedeuten. Das, was sie am Ende des zehnten Bildes von «Der Seelen Erwachen» bedeuten, wird dadurch bedingt, daß die vorangehenden Worte der Maria Verwandlungsworte von anderen Worten gewesen — sind, welche in «Der Hüter der Schwelle» gesprochen werden, daß in der Seele der Maria das lebt, was von ihr vorher gesprochen wird:

Maria, so wie du sie schauen wolltest,
Ist sie in Welten nicht, wo Wahrheit leuchtet.
ein heilig ernst Gelöbnis strahlet Kraft,
Die dir erhalten soll, was du errungen.

[ 20 ] Jetzt sagt sie:

Du findest mich in hellen Lichtgefilden,

[ 21 ] sie sagt nicht mehr:

Du findest mich in kalten Eisgefilden,

[ 22 ] sondern:

Du findest mich in hellen Lichtgefilden,
Wo Schönheit strahlend Lebenskräfte schafft;
In Weltengründen suche mich, wo Seelen
Das Götterfühlen sich erkämpfen wollen
Durch Liebe, die im All das Selbst erschaut.

[ 23 ] Die Worte sind anders gewendet als im zweiten Bild von «Der Seelen Erwachen». Dadurch wird das, was als Gespräch zwischen Luzifer und Benedictus am Ende dieses zehnten Bildes in «Der Seelen Erwachen» erscheint: «Ich werde kämpfen» — «Und kämpfend Göttern dienen», etwas ganz anderes, als es war am Ende des dritten Bildes in «Der Hüter der Schwelle». Damit ist Licht geworfen auf etwas, was gleichsam als ein ahrimanischer Einschlag waltet gerade in allem verstandesmäßigen Denken, in der ganzen verstandesmäßigen Kultur der Gegenwart.

[ 24 ] Zu dem schwersten für dieses äußere Verstandesmäßige in der Kultur der Gegenwart gehört es bei den Menschen, daß sie einsehen, daß dieselben Worte in verschiedenen Zusammenhängen Verschiedenes ausdrücken. Unsere Gegenwartskultur ist so geartet, daß die Menschen meinen, wenn sie Worte haben, dann müsse aus diesen Worten, insofern sie auf dem physischen Plan geprägt sind, immer das gleiche folgen. Hier hat man zugleich die Stelle, wo Ahriman den Menschen der Gegenwart am intensivsten im Nacken sitzt, wo er sie verhindert zu begreifen, daß die Worte erst lebendig werden in ihrer tiefen Wesenheit, wenn man sie in dem Zusammenhang erschaut, in dem sie darinstehen. Nichts, was über den physischen Plan hinausreicht, kann man verstehen, wenn man diese okkulte Tatsache nicht ins Auge faßt. Ganz besonders wichtig ist es für unsere Gegenwart, daß eine solche okkulte Tatsache als ein Gegengewicht gegen die äußere Verstandeskultur, die alle Menschen ergriffen hat, auf die Seelen, auf die Herzen wirken kann.

[ 25 ] Beachten Sie unter dem Mancherlei, was für diese Mysteriendramen in Betracht kommt, wie die eigenartige Gestalt des Ahriman gerade in «Der Seelen Erwachen» zuerst leise heranschleicht, wie sie sozusagen wie zwischen den Persönlichkeiten hindurchgehend sich zeigt, wie sie immer mehr und mehr Bedeutung gewinnt gegen das Ende von «Der Seelen Erwachen». Ich werde auch versuchen, solche Dinge, wie sie für die Gestaltung des Ahriman und des Luzifer und für manches andere in Betracht kommen, in einer besonderen Schrift darzulegen, die noch innerhalb dieses Vortragszyklus, womöglich bis Mitte der Woche, in Ihre Hand gelangen kann und die da heißen wird «Die Schwelle der geistigen Welt», weil es mir besonders notwendig erscheint, daß für unsere Freunde in dieser Zeit über mancherlei Gebiete Licht kommt. Man kommt nicht so leicht ins klare über solche Gestalten, wie sie Luzifer und Ahriman sind. Insbesondere kann vielleicht für manchen nützlich sein, gerade in «Der Seelen Erwachen» ein wenig acht zu geben darauf, daß derjenige, der sich nicht so ganz unklar ist über das Ahrimanische in der Welt, manches denken kann, was vielleicht ein anderer aus unbewußten ahrimanischen Impulsen heraus auch denkt, aber in einer anderen Stimmung denkt. Vielleicht wird es doch manche Seele unter Ihnen geben, welche nachfühlen kann all die Verhältnisse, die einströmen in solche Worte, wie sie bei Ahriman zum Ausdruck kommen, solange er sozusagen noch zwischen den Personen hinschleicht:

So laß von ihm dich nicht noch ganz verwirren.
Er hütet treulich ja die Schwelle doch,
Wenn er sich auch der Kleider jetzt bedient,
Die du erst selbst aus alten Schauerstücken
In deinem Geist zusammen dir geflickt.
Als Künstler solltest du ihn allerdings
Im schlechten Dramenstile nicht gestalten.
Das wirst du aber später besser machen.
Doch dient der Seele selbst das Zerrbild noch.
Es braucht auch nicht zu viel an Kräftedruck,
Um dir zu weisen, was es jetzt noch ist.
Du solltest merken, wie der Hüter spricht:
Elegisch ist sein Ton, zuviel an Pathos.
Erlaub ihm dieses nicht, dann zeigt er dir,
Von wem er heute noch zuviel entlehnt.

[ 26 ] Ich kann mir vorstellen, daß mancher auch von diesem oder jenem ästhetischen Standpunkt aus Tadelnswertes findet an der ganzen Art, wie diese Mysteriendramen vor uns stehen. Auch diese Einwände unter mancherlei anderen Einwänden gegen die Anthroposophie, sie erledigen sich für denjenigen, der sich in die Stimmung des Ahriman hineinzuversetzen vermag. Die überklugen Leute der Gegenwart, welche die Anthroposophie abkanzeln, gehören durchaus zu jenem Volk, von dem der Dichter sagt: Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte. — Aber diese Gegner der Anthroposophie können ein wenig beurteilt werden durch das, was hier Ahriman während seines Herumschleichens sagt.

[ 27 ] Dann tritt Ahriman uns aber in seiner ernsteren Gestalt entgegen, da, wo der Tod des Strader nach und nach hereinspielt in das Geschehen, das im Mysteriendrama dargestellt ist, so hereinspielt, daß die Kräfte, die von diesem Tode ausgehen, gesucht werden sollten für den Seelenblick in ihrer Wirksamkeit in alledem, was sonst in «Der Seelen Erwachen» geschieht. Und immer wieder muß gesagt werden, daß dieses Erwachen in verschiedener Weise geschieht. Für Maria geschieht es dadurch, daß durch besondere Dinge jene Seelenkräfte, die ihren leibhaftigen geistigen Ausdruck finden in Luna und Astrid, vor Marias Seele hintreten. Für Johannes Thomasius geschieht es dadurch, daß in ihm ein Erlebnis wird das verzauberte Weben des inneren Wesens, wie es greifbar geistig — wenn der absurde Ausdruck gebraucht werden darf — in der anderen Philia vor ihn hintritt; und wiederum in anderer Weise für Capesius durch Philia. Aber noch in viel anderer Form kann nach und nach das Erwachen heraufdämmern in den Seelen. So sehen wir es im elften Bilde heraufdämmern für die Seele des Strader. Da haben wir nicht die — wie schon gesagt — greifbar geistigen Seelenkräfte Luna, Philia, Astrid und die andere Philia, da haben wir noch die imaginativen Bilder, die hereinstrahlen die geistigen Ereignisse in das physische Bewußtsein. Jene Stufe des Erwachens der Seele, die so eintreten kann in Strader, sie kann nur dadurch dargestellt werden, daß eine solche imaginative Erkenntnis wie das Bild von dem Schiff im elften Bilde zur Darstellung gebracht wird.

[ 28 ] Und in noch anderer Form kann sich allmählich das Erwachen der Seele vorbereiten. Das wieder finden Sie — und jetzt, wohl gedacht, nachdem Ahriman vorgeführt worden ist im zwölften Bilde in seiner tieferen Bedeutung — angedeutet im dreizehnten Bilde im Gespräch zwischen Hilarius und Romanus. Da ist der Seelenblick zu wenden auf das, was vorgegangen ist in der Seele des Hilarius von den Geschehnissen an in «Der Hüter der Schwelle» bis zu denen in «Der Seelen Erwachen» und was sich ausdrückt in den Worten des Hilarius:

Habt Dank, mein Freund, für diese Mystenworte.
Ich habe sie schon oft gehört; jetzt erst
Erfühle ich, was sie geheim enthalten.
Der Welten Wege sind nur schwer ergründlich.
Und mir, mein lieber Freund, geziemt zu warten,
Bis mir der Geist die Richtung zeigen will,
Die meinem Schauen angemessen ist.

[ 29 ] Was sagt Romanus für Worte? Er sagt die Worte, die Hilarius immer wieder und wiederum hören konnte von dem Platz aus, an dem im Tempel Romanus steht, die Romanus oft und oft an diesem Platz gesprochen hatte, die vor dem Seelenblick des Hilarius bis zu diesem Erlebnis vorbeigegangen waren ohne jenes tiefere Verständnis, das man Lebensverständnis nennen kann. Das ist auch schon ein Stück Erwachen der Seele, wenn man sich durchgerungen hat zum Verständnis dessen, was man in Gedankenform aufgenommen, recht gut verstanden haben kann, vielleicht sogar Vorträge darüber halten kann, und was man doch nicht in lebendigem Lebensverständnis hat. Man kann alles das, was in der Anthroposophie verkündet wird, was Bücher, Vorträge und Zyklen enthalten, in sich aufgenommen haben, kann es sogar anderen mitteilen, vielleicht zum großen Nutzen derselben mitteilen, und kann doch darauf kommen: So verstehen, wie Hilarius die Worte des Romanus versteht, kann man sie erst nach einem gewissen Erlebnis, auf das man in Ruhe bis zu einem bestimmten Grade des Erwachens in der Seele warten muß.

[ 30 ] Oh, könnte ein großer Teil unserer Freunde in die Stimmung des Erwartens sich hineinversetzen, in diese Stimmung des Erwartens eines Herankommens von etwas, was vielleicht nur seine scheinbar recht klare, aber doch noch unverstandene Vorherverkündigung in den Theorien und Auseinandersetzungen enthält, dann würde in diesen Seelen auch etwas Platz greifen können von dem, was zum Ausdruck gekommen ist im dritten Bilde von «Der Seelen Erwachen» in den Worten Straders: da, wo Strader steht zwischen Felix Balde und Capesius, wo er in einer eigentümlichen Weise steht zwischen beiden, wo er so steht, daß ihm wortwötrtlich das alles bekannt ist, was diese sagen, daß er es aber jetzt, trotzdem er es sich selbst hätte wiederholen können, nicht begreiflich finden kann. Er weiß es, kann es sogar für Weisheit halten, aber er merkt jetzt, daß es so etwas gibt, was man ausdrücken kann mit den Worten:

Capesius und Vater Felix, beide...
Verbergen dunklen Sinn in klaren Worten.

[ 31 ] Unsere überklugen Leute der Gegenwart werden wohl manchmal zugeben, daß es dem oder jenem Menschen passieren kann, Sinn, klaren Sinn in dunklen Worten zu verbergen; aber das wird nicht leicht jemand von den ganz gescheiten Leuten der Gegenwart zugeben, daß in klaren Worten ein dunkler Sinn verborgen sein könnte. Dennoch ist dieses Zugeben, daß in klaren Worten ein dunkler Sinn verborgen sein könnte, das Höhere in der Menschennatur. Klar sind viele Wissenschaften, sind viele Philosophien. Ein Wichtiges aber wäre geschehen in der Weiterentwickelung der Menschheit, wenn Philosophen kommen würden, die das Geständnis ablegen könnten, daß ja von System zu System in den Philosophien gewiß die Leute Klares und immer wieder Klares gebracht haben, so daß man sagen kann: Die Dinge sind klar —, daß aber in klaren Worten ein dunkler Sinn sein kann. Ein Wichtiges wäre geschehen, würden viele lernen, die sich übergescheit dünken, die das, was sie wissen, in gewissen Grenzen berechtigterweise für Weisheit halten, sich so hinzustellen vor die Welt, wie sich Strader hinstelit neben Vater Felix und Capesius, und sagten:

Begreiflich fand ich oft, — was ihr jetzt sprecht —;
Ich hielt es dann für Weisheit; — doch kein Wort
In euren Reden ist mir jetzt verständlich.
Capesius und Vater Felix, beide...
Verbergen dunklen Sinn in klaren Worten...

[ 32 ] Nun denken Sie sich einmal einen Philosophen der Gegenwart oder der Vergangenheit, der eine nach seiner Art plausible, klare Philosophie zustande gebracht hat, und der sich neben diese seine Philosophie hinstellt, die doch in gewissem Sinn das Ergebnis des Menschheitsdenkens ist, und sagen würde: Begreiflich fand ich oft, was ich da geschrieben habe, ich hielt es dann für Weisheit; doch kein Wort davon ist mir jetzt verständlich in diesen Reden; sogar in denen, die ich selber geschrieben habe, ist mir jetzt manches unverständlich; diese Reden verbergen dunklen Sinn in klaren Worten. — Nicht wahr, man kann sich nicht leicht einen Philosophen der Gegenwart oder der jüngsten Vergangenheit mit einem solchen Geständnis denken, auch nicht einen der überklugen Menschen in unserer materialistischen oder, wie man nobler sagt, monistischen Zeit. Und dennoch wäre es ein Segen für unsere Gegenwartskultur, wenn die Menschen sich gegenüber dem Gedanken und sonstigen Kulturleistungen so hinstellen könnten, wie hier Strader sich hinstellt neben Vater Felix und Capesius; wenn diese Menschen immer zahlreicher und zahlreicher würden, und wenn wahrhaftig die Anthroposophie etwas beitragen könnte gerade zu dieser Selbsterkenntnis.