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Die Geheimnisse der Schwelle
GA 147

25 August 1913, München

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Sie werden gesehen haben, daß die Erlebnisse der Seelen, welche in «Der Seelen Erwachen» dargestellt sind, sich an dem Grenzgebiet zwischen der Sinneswelt und den übersinnlichen, den geistigen Welten abspielen. Es ist für die Geisteswissenschaft von ganz besonderer Bedeutung, dieses Grenzgebiet in das Seelenauge zu fassen, denn es ist naturgemäß, daß zunächst alles das, was die menschliche Seele in der geistigen, in der übersinnlichen Welt erleben kann, gewissermaßen ein unbekanntes Land ist für alle Fähigkeiten, für alles seelische Erleben des Menschen in der sinnlich-physischen Welt. Wenn der Mensch nun sich in die geistige Welt einlebt durch die verschiedenen Methoden, die wir kennengelernt haben, das heißt, wenn die Seele lernt, in der geistigen Welt zu erleben, zu beobachten, zu erfahren außerhalb des physischen Leibes, dann ist zu solchem Leben, zu solchem Erfühlen in der geistigen Welt notwendig, daß die Seele ganz besondere Fähigkeiten, ganz besondere Kräfte heranbilde. Wenn die Secle das hellsichtige Bewußtsein innerhalb des Erdendaseins anstrebt, so ist es natürlich, daß die hellsichtig gewordene Seele oder hellsichtig werden wollende Seele sich in der geistigen Welt aufhalten kann außerhalb ihres Leibes und auch wiederum zurückkehren kann in den physischen Leib — das muß sie ja als Erdenmensch —, also wiederum so leben kann, wie der Mensch als Sinneswesen normal innerhalb der Sinneswelt nun einmal als Erdenmensch leben muß. Man kann also sagen: Die hellsichtig gewordene Seele muß sich gesetzmäßig bewegen können in der geistigen Welt und muß immer wieder und wiederum die Grenze überschreiten können in die physisch-sinnliche Welt herein und sich da, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, in der richtigen, sachgemäßen Weise benehmen können. — Da die Fähigkeiten der Seele andere sein müssen für die geistige Welt und andere sind, wenn sich diese Seele bedient der physischen Sinne und des ganzen übrigen physischen Leibes, so muß die Seele in einem gewissen Maße die Beweglichkeit erobern, wenn sie hellsichtig werden will, sich in der geistigen Welt zu erfühlen, zu erleben mit den dazugehörigen Fähigkeiten, und dann, wenn sie die Grenze überschreitet, wiederum mit den entsprechenden Fähigkeiten die Sinneswelt erleben können. Diese Fähigkeit, diese Beweglichkeit, diese Verwandlungsfähigkeit sich anzueignen, ist nun keinesfalls so ganz besonders leicht; aber es muß für eine richtige Abschätzung des Unterschiedes der geistigen von der physisch-sinnlichen Welt gerade dieses Grenzgebiet zwischen den beiden Welten scharf ins Seelenauge gefaßt werden, die Schwelle selbst genau ins Auge gefaßt werden, über welche die Seele treten muß, wenn sie aus der physisch-sinnlichen Welt in die geistige Welt eindringen will. Denn wir werden es in der mannigfaltigsten Weise sehen im Verlaufe dieses Vortragszyklus: Es kann der Seele nur von Nachteil sein, die Gepflogenheiten der einen Welt in die andere hineinzutragen, wenn sie die Schwelle nach der einen oder anderen Richtung überschreiten muß.

[ 2 ] Besonders schwierig wird sozusagen das Verhalten beim Übergang über diese Schwelle dadurch, daß innerhalb unserer Weltenordnung diejenigen Wesenheiten vorhanden sind, die in den dargestellten Erlebnissen von «Der Seelen Erwachen» und den anderen Dramen eine gewisse Rolle spielen, Wesenheiten, die wir als luziferische und ahrimanische Wesenheiten bezeichnen können. Denn um das angedeutete richtige Verhältnis vom Übergang von der einen in die andere Welt zu gewinnen, ist es notwendig, daß man sich zu diesen beiden Arten von Wesenheiten, zu den luziferischen und ahrimanischen, in der richtigen Art zu verhalten weiß. Nun wäre es zunächst am bequemsten — und dieses bequeme Auskunftsmittel wählen für sich, wenigstens theoretisch, recht viele Seelen —, daß man sagen würde: Nun ja, Ahriman scheint ein gefährlicher Geselle zu sein, und wenn er seinen Einfluß auf die Welt und das menschliche Handeln hat, so ist es das einfachste, man tilgt die Impulse, die von Ahriman kommen, aus der Menschenseele aus. — Es scheint das am bequemsten zu sein, ist aber für die geistige Welt ebenso gescheit, als wenn jemand das Gleichgewicht auf einer Waage dadurch herzustellen versucht, daß er da, wo die Waage herunterdrückt, die Last wegnimmt, um das Gleichgewicht dadurch herzustellen. Diese Wesenheiten, die wir als ahrimanische und luziferische bezeichnen, sind da in der Welt, haben ihre Aufgabe innerhalb der Weltenordnung, und man kann sie nicht austilgen. Es handelt sich auch gar nicht um das Austilgen, sondern darum, daß, wie die Lasten auf zwei Waageschalen, sich die ahrimanischen und luziferischen Kräfte in ihren Impulsen auf den Menschen und die anderen Wesen das Gleichgewicht halten müssen, ausgleichen müssen. Nicht dadurch führt man die richtige Wirksamkeit einer Kräfte- oder Wesensart herbei, daß man sie wegschafft, sondern dadurch, daß man sich in das richtige Verhältnis zu ihr stellt. Und diese Wesenheiten, die die luziferischen und ahrimanischen sind, sind ganz falsch aufgefaßt, wenn man einfach sagt: Das sind schädliche, sind böse Wesenheiten. — Daß sich diese Wesenheiten in einer gewissen Weise auflehnen gegen die allgemeine Weltenordnung, die schon vorgezeichnet war, bevor sie in diese Weltenordnung eingetreten sind, rührt nicht davon her, daß diese Wesenheiten eine schädliche Tätigkeit unter allen Umständen ausüben müssen, sondern davon, daß diese Wesenheiten wie die anderen, die wir als die rechtmäßigen Wesenheiten innerhalb der höheren Welten kennenlernen, ein bestimmtes Gebiet ihres Wirkens im Ganzen der Weltenordnung haben. Und die Auflehnung, das Gegenwirken gegen die Weltenordnung besteht darin, daß sie dieses Gebiet überschreiten, daß sie die Kräfte, die sie auf ihrem rechtmäßigen Gebiet ausüben sollten, über dieses Gebiet hinaus ausüben. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus Ahriman oder die ahrimanischen Wesenheiten.

[ 3 ] Man kann Ahriman ganz gut charakterisieren, wenn man sagt: Ahriman ist im weitesten Umkreis der Herr des Todes, der Behertscher all der Mächte, welche innerhalb der physisch-sinnlichen Welt dasjenige herbeiführen sollen, was notwendig in dieser physisch-sinnlichen Welt da sein muß als Vernichtung, als Tod der Wesenheiten.—Der Tod innerhalb der Sinneswelt gehört zu den notwendigen Einrichtungen, da die Wesenheiten die Sinneswelt überwuchern würden, wenn innerhalb der Sinneswelt nicht Vernichtung und Tod vorhanden wären. Die Aufgabe, diesen Tod in der entsprechenden Weise aus der geistigen Welt heraus gesetzmäßig zu regeln, fiel Ahriman zu; er ist der Herr der Regulierung des Todes. Sein ihm im eminentesten Sinn zukommendes Reich ist die mineralische Welt. Die mineralische Welt ist immer tot; der Tod ist sozusagen ausgegossen über die ganze mineralische Welt. Aber so, wie unsere Erdenwelt ist, ist das mineralische Reich, die mineralische Gesetzmäßigkeit auch in alle anderen Naturreiche hineinergossen. Die Pflanzen, die Tiere, die Menschen, insofern sie den Naturreichen angehören, sind alle durchsetzt von dem Mineralischen, nehmen die mineralischen Stoffe, damit auch die mineralischen Kräfte und Gesetzmäßigkeiten auf, und unterliegen den Gesetzen des Mineralreiches, insofern dieses dem Erdenwesen angehört. Damit erstreckt sich das, was zum berechtigten Tod gehört, auch in diese höheren Reiche der rechtmäßigen Herrschaft des Ahriman. In dem, was als äußere Natur uns umgibt, ist Ahriman der rechtmäßige Herr des Todes, und insoferne er dieses ist, ist er nicht als eine böse, sondern als eine durchaus in der allgemeinen Weltenordnung begründete Macht anzuerkennen. Wir kommen nur in ein richtiges Verhältnis zur Sinneswelt, wenn wir dieser Sinneswelt entsprechendes Interesse entgegenbringen, wenn dieses Interesse zur Sinneswelt so geregelt ist, daß wir die Dinge dieser Sinneswelt heraufkommen sehen, daß wir ihrer nicht so weit begehren, daß wir ein ewiges Dasein für die sinnlichen Formen fordern, sondern daß wir sie entbehren können, wenn sie ihrem natürlichen Tode entgegengehen. Sich in der entsprechenden Weise freuen können an den Dingen der Sinneswelt, aber nicht so an ihnen hängen, daß dies den Gesetzen von Vergehen und Tod widersprechen würde: das ist ein rechtmäßiges Verhältnis des Menschen zur Sinneswelt. Und daß das alles so sein kann, daß der Mensch ein richtiges Verhältnis zur Sinneswelt haben kann, zu Entstehen und Vergehen, dazu ist er von den ahrimanischen Mächten durchpulst, dazu sind die ahrimanischen Impulse in ihm.

[ 4 ] Aber Ahriman kann sein Gebiet überschreiten; er kann es vor allen Dingen zunächst so überschreiten, daß er sich an das menschliche Denken heranmacht. Der Mensch, der nicht in die geistige Welt hineinblickt und kein Verständnis für sie hat, wird ja nicht glauben, daß Ahriman in ganz realer Weise sich an das menschliche Denken heranmacht. Er macht sich heran! Insoferne dieses menschliche Denken in der Sinneswelt lebt, ist es an das Gehirn gebunden, das der Vernichtung verfallen muß nach der allgemeinen Weltenordnung. Da hat Ahriman zu regulieren diesen Gang des menschlichen Gehirns nach der Vernichtung hin. Wenn er nun sein Gebiet überschreitet, dann bekommt er die Tendenz, die Intention, das Denken abzulösen von seinem sterblichen Instrument, dem Gehirn, es zu verselbständigen; loszureißen das physische Denken, das Denken, das auf die Sinneswelt gerichtet ist, von dem physischen Gehirn, in dessen Vernichtungsstrom dieses Denken sich hineinergießen sollte, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Ahriman hat die Tendenz, wenn er den Menschen hineinläßt als physisches Wesen in die Strömung des Todes, loszulösen von dieser Vernichtungsströmung das Denken. Das macht er das ganze menschliche Leben hindurch, daß er immer in dieses Denken faßt mit seinen Krallen und den Menschen so bearbeitet, daß das Denken sich losteißen will von der Vernichtung. Weil Ahriman so im menschlichen Denken wirksam ist, und die Menschen, die an die Sinneswelt gebunden sind, natürlich nur die Wirkungen der geistigen Wesenheiten verspüren, fühlen die Menschen, die Ahriman in dieser Weise am Kragen hat, den Drang, das Denken loszureißen von seinem Eingefügtsein in die große Weltenordnung. Und das macht die materialistische Stimmung, das macht es, daß die Menschen das Denken nur auf die Sinneswelt anwenden wollen. Am meisten sind diejenigen Menschen besessen von Ahriman, die an keine geistige Welt glauben wollen, denn Ahriman ist es, der ihr Denken verlockt, verführt, in der Sinneswelt zu bleiben.

[ 5 ] Für die menschliche Seelenstimmung hat das zunächst, wenn der Mensch nicht praktischer Okkultist geworden ist, nur die Folge, daß er ein grobklotziger Materialist wird und nichts von der geistigen Welt wissen will. Er ist dazu gerade verlockt von Ahriman, den er nur nicht merkt. Für Ahriman steht die Sache aber so, indem es ihm gelingt, dieses Denken loszureißen von seiner als physisches Denken an das Gehirn gebundenen Grundlage, daß Ahriman mit diesem Denken herausschafft in die physische Welt Schatten und Schemen, und diese dann die physische Welt durchsetzen. Mit diesen Schatten und Schemen will sich Ahriman fortwährend ein besonderes ahrimanisches Reich begründen. Immer steht er auf der Lauer, vom menschlichen Denken, wenn dieses Denken hineingehen will in den Strom, in den der Mensch geht, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, so viel loszureißen, als nur irgend geht — zurückzuhalten das Denken und zu bevölkern die physische Welt mit Schatten und Schemen, die gebildet sind aus dem von seinem Mutterboden losgerissenen physischen menschlichen Denken. Okkult betrachtet, huschen, schädigend die Weltenordnung, diese Schatten und Schemen herum in der physischen Welt. Es sind die Produkte, die Ahriman auf diese Weise, wie geschildert worden ist, zustande bringt. Wir haben die richtige Stimmung Ahriman gegenüber, wenn wir ihn so schätzen, daß, wenn er seine gesetzmäßigen Impulse in unsere Seelen hereinkommen läßt, wir ein rechtmäßiges Verhältnis zur Sinneswelt haben. Wir müssen aber Wache halten, daß er uns nicht in dieser Weise verlockt, wie es nun angedeutet worden ist. Bequemer ist allerdings die Auskunft, welche die Menschen wählen, die da sagen: Nun, dann tilgen wir alle ahrimanischen Impulse aus unserer Seele. — Mit einem solchen Austilgen wird aber nichts anderes gewonnen, als daß man die andere Waagschale erst recht zum Sinken bringt. Und wem es wirklich gelingen würde, durch falsche Theorie die ahrimanischen Impulse aus der Seele auszutilgen, der würde dem luziferischen Impuls verfallen.

[ 6 ] Dies zeigt sich ganz besonders dann, wenn die Menschen aus einer gewissen Scheu vor einem richtigen Verhältnis zu den ahrimanischen Gewalten die Sinneswelt verachten, die Freude und das richtige Verhältnis zur Sinneswelt in sich austilgen und, um nicht an der Sinneswelt zu hängen, alles Interesse an der Sinneswelt vertilgen. Dann kommt die falsche Askese. Und diese falsche Askese bietet die stärkste Handhabe zum Eingreifen wiederum der unrichtigen luziferischen Impulse. Man könnte geradezu die Geschichte der Askese so schreiben, daß man sie als fortwährende Verlockung von seiten Luzifers darstellen würde. Da setzt sich der Mensch in der falschen Askese den Verlockungen Luzifers aus, weil er, statt die Waagschale ins Gleichgewicht zu versetzen, die Kräfte als polarisch zu verwenden, die eine Seite ganz austilgt. So hat Ahriman seine volle Berechtigung für alle richtige Schätzung des Menschen gegenüber der physisch-sinnlichen Welt. Das mineralische Reich ist das sozusagen ureigen dem Ahriman zugehörige Reich, das Reich, über das der Tod fortwährend ausgegossen ist, in den höheren Naturreichen ist Ahriman der Regulierer des Todes, insofern er gesetzmäßig in den Gang der Vorgänge und Wesenheiten eingreift. Dasjenige, was wir als Übersinnliches mehr in der Außenwelt verfolgen können, bezeichnen wir aus gewissen Gründen als geistig; das, was mehr seelisch in dem Menschen wirkt, was mehr innerlich im Menschen wirkt, bezeichnen wir als seelisch. Ahriman ist ein mehr geistiges Wesen, Luzifer ein mehr seelisches Wesen. Ahriman ist der Herr sozusagen desjenigen, was abläuft in der äußeren Natur; Luzifer dringt mit seinen Impulsen an das Innere des Menschen heran.

[ 7 ] Nun gibt es wiederum eine rechtmäßige, eine ganz im Sinne der allgemeinen Weltenordnung liegende Aufgabe des Luzifer. Diese Aufgabe des Luzifer ist, den Menschen und alles Seelische in der Welt überhaupt in einer gewissen Beziehung loszureißen von dem bloßen Leben und Aufgehen im Sinnlich-Physischen. Denken Sie sich, wenn es gar keine luziferische Gewalt in der Welt gäbe, dann würde der Mensch hinträumen in dem, was von der Außenwelt als Wahrnehmungen einströmt, in dem, was von der Außenwelt kommt durch den Verstand. Das wäre eine Art Verträumen des menschlichen und seelischen Daseins innerhalb dieser Sinneswelt. Impulse sind aber da, welche zwar diese Seelen nicht losreißen wollen von der Sinneswelt, insoferne sie zeitlich an diese Sinneswelt gebunden sind, die aber die Seelen erheben wollen, so daß die Seelen anderes erleben und erfühlen und sich erfreuen können als nur an dem, was diese Sinneswelt bieten kann. Wir brauchen nur zu denken an das, was die Menschheit gesucht hat in der künstlerischen Entwickelung. Überall da, wo der Mensch etwas erschafft in seinem Vorstellungs-, Gefühls- und Seelenleben, was nicht grob hängt an der Sinneswelt, sondern sich erhebt über diese, da ist Luzifer die Macht, die ihn losreißt von der Sinneswelt. Ein großer Teil dessen, was an Erhebendem, an Befreiendem in der künstlerischen Entwickelung der Menschen lebt, sind Eingebungen Luzifers. Noch etwas anderes können wir als Eingebungen Luzifers bezeichnen. Der Mensch ist in der Lage, dadurch, daß es luziferische Mächte gibt, mit seinem Denken nicht hängen zu bleiben an der bloßen porträtartigen Nachbildung der physisch-sinnlichen Welt; er kann im freien Denken sich über diese erheben. Das tut er zum Beispiel in seinem Philosophieren. Alles Philosophieren ist von diesem Gesichtspunkt aus eine Eingebung Luzifers. Man könnte geradezu eine Geschichte der philosophischen Entwickelung der Menschheit schreiben, insofern diese nicht reiner Positivismus ist, das heißt, sich nicht hält an das äußerlich Materielle, und man könnte sagen: Die Entwickelungsgeschichte der Philosophie ist ein fortwährendes Aufzeigen der Inspirationen Luzifers. Denn alles über die Sinneswelt sich erhebende Schaffen wird verdankt den berechtigten Kräften und Tätigkeiten des Luzifer.

[ 8 ] Aber nun kann wiederum Luzifer dieses sein Gebiet überschreiten. Darauf beruht immer das Auflehnen gegen die Weltenordnung, daß diese Wesenheiten ihr Gebiet überschreiten. Er überschreitet es und hat fortwährend die Tendenz, es zu überschreiten, indem er verseucht das Seelisch-Fühlende. Während es Ahriman mehr mit dem Denken zu tun hat, hat es Luzifer mehr mit dem Fühlen, mit dem Affekt-, Leidenschafts-, Trieb-, Begierdeleben zu tun. Alles das, was seelisch fühlsam ist in der physisch-sinnlichen Welt, ist das, worüber Luzifer Herr ist. Und er hat die Tendenz, dieses Seelisch-Fühlsame herauszulösen, herauszuschälen aus der physisch-sinnlichen Welt, es zu vergeistigen, und auf einer besonderen, man möchte sagen, isolierten Insel des geistigen Daseins ein luziferisches Reich sich einzurichten mit all dem, was er erhaschen, erbeuten kann an Seelisch-Fühlsamem in der Sinneswelt. Während Ahriman das Denken zurückhalten will in der physisch-sinnlichen Welt und es als Schatten und Schemen hereinschaflt in die Sinneswelt, so daß es für das elementarische Hellsehen als herumhuschende Schatten sichtbar ist, macht Luzifer das andere: er nimmt das Seelisch-Fühlsame in der physisch-sinnlichen Welt, reißt es heraus und steckt es in ein besonderes luziferisches Reich, das er im Gegensatz zur allgemeinen Weltenordnung einrichtet wie ein isoliertes Reich, das seiner eigenen Natur ähnlich ist.

[ 9 ] Wie Luzifer da an den Menschen herankommen kann, davon kann man sich insbesondere eine Vorstellung machen, wenn man eine Erscheinung des Menschenlebens, über die wir auch noch genauer sprechen werden, ins Seelenauge faßt, diejenige Erscheinung, die man als die Liebe im weitesten Sinne bezeichnet und die doch im Grunde genommen die Grundlage des eigentlich sittlich-moralischen Lebens in der menschlichen Weltenordnung ist. Über diese Liebe im weitesten Sinne muß man das Folgende sagen: Wenn diese Liebe in der physisch-sinnlichen Welt auftritt und wirkt innerhalb des menschlichen Lebens, dann ist sie absolut geschützt vor jedem unberechtigten luziferischen Eingriff, wenn sie so auftritt, daß der Mensch das Wesen, das er liebt, um dieses Wesens willen liebt. — Nicht wahr, wenn uns irgendein Wesen, ein anderer Mensch oder ein Wesen anderer Naturreiche in der physisch-sinnlichen Welt entgegentritt, so tritt es uns mit bestimmten Eigenschaften entgegen. Wenn wir eine freie Empfänglichkeit, eine Eindrucksfähigkeit für diese Eigenschaften haben, dann nötigen uns diese die Liebe ab, dann können wir nicht anders, als dieses Wesen lieben. Wir werden durch das Wesen veranlaßt, es zu lieben. Diese Liebe, wo die Ursache der Liebe nicht in dem Liebenden liegt, sondern im geliebten Wesen, das ist diejenige Art, diejenige Form von Liebe in der Sinneswelt, die absolut gefeit ist vor jedem luziferischen Einfluß. Aber nun können Sie, wenn Sie das menschliche Leben betrachten, bald ersehen, daß auch eine andere Art von Liebe hereinspielt in das menschliche Leben, diejenige Liebe, wo man liebt, weil man selber gewisse Eigenschaften hat, die sich befriedigt, entzückt, erfreut fühlen, wenn man dieses oder jenes Wesen lieben kann. Man liebt dann um seinetwillen,; man liebt, weil man so oder so geartet ist, und diese besondere Artung ihre Befriedigung fühlt dadurch, daß man das andere Wesen liebt. Sehen Sie, diese Liebe, die man eine egoistische Liebe nennen könnte, muß auch da sein. Sie darf nicht etwa fehlen in der Menschheit. Denn alles, was wir in der geistigen Welt lieben können, die geistigen Tatsachen, alles das, was in uns durch Liebe als Sehnsucht, als Drang hinauf in die geistige Welt leben kann, zu umfassen die Wesenheiten der geistigen Welt, die geistige Welt zu erkennen: es entspringt natürlich auch der sinnlichen Liebe zur geistigen Welt. Aber diese Liebe zum Geistigen, die muß, nicht etwa darf, sondern muß notwendigerweise um unseretwillen geschehen. Wir sind Wesen, die ihre Wurzeln in der geistigen Welt haben. Es ist unsere Pflicht, uns so vollkommen als möglich zu gestalten. Um unseretwillen müssen wir die geistige Welt lieben, daß wir so viel Kräfte als möglich in unsere eigene Wesenheit aus der geistigen Welt hereinbringen. In der geistigen Liebe ist dieses persönliche, individuelle Element, man möchte sagen dieses egoistische Liebeselement, voll berechtigt, denn es entreißt den Menschen der Sinneswelt, es führt ihn hinauf in die geistige Welt, es leitet ihn an, die notwendige Pflicht zu erfüllen, sich immer vollkommener und vollkommener zu machen.

[ 10 ] Nun hat Luzifer die Tendenz, diese beiden Welten miteinander zu vermischen. Überall in der Menschenliebe, wo der Mensch in der physisch-sinnlichen Welt liebt mit einem egoistischen Anflug, um seinetwillen, da geschieht es deshalb, weil Luzifer die sinnliche Liebe der geistigen ähnlich machen will. Dann kann er sie herausreißen aus der Sinneswelt und kann sie in sein besonderes Reich führen. So daß alle Liebe, die eine egoistische Liebe genannt werden kann, die nicht da ist um des Geliebten, sondern um des Liebenden willen, den luziferischen Impulsen ausgesetzt ist. Wenn man das, was eben gesagt worden ist, recht ins Auge faßt, dann kommt man schon darauf, daß insbesondere in der Gegenwart, in der materialistischen Kultur der Gegenwart alle Veranlassung vorliegt, auf diese luziferischen Verlockungen gegenüber dem Leben in der Liebe hinzuweisen. Denn ein großer Teil unserer heutigen wissenschaftlichen, insbesondere der medizinischen Literatur und Anschauung, ist durchsetzt von dieser luziferischen Auffassung der Liebe. Man müßte da gewissermaßen etwas heikle Gebiete berühren, wenn man genauer sprechen wollte. Aber das luziferische Element in der Liebe wird geradezu gehätschelt von einer großen Partie unserer medizinischen Wissenschaft, wenn den Männern — insbesondere wird da die Männerwelt bevorzugt — immer wieder und wiederum gesagt wird, daß sie ein gewisses Gebiet der Liebe pflegen müssen, weil das zu ihrer Gesundheit, also um ihrer selbst willen notwendig ist. Viele Ratschläge werden nach solcher Richtung gegeben, wo gewisse Erlebnisse in der Liebe den Männern anempfohlen werden nicht um der geliebten Wesen willen, sondern weil man im Auge hat: das ist notwendig für das männliche Leben. Wenn wir solchen Ausführungen begegnen, und wenn sie noch so sehr in dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftreten, so sind sie nichts anderes als Inspirationen des luziferischen Elementes in der Welt. Und ein großer Teil der Wissenschaft ist einfach von luziferischen Anschauungen durchsetzt. Und Luzifer findet die besten Rekruten für sein Reich unter den Menschen, die sich solche Ratschläge geben lassen, die glauben können, daß es für die Förderung der eigenen Person notwendig sei, gewisse Formen des Liebeslebens zu pflegen. Derlei Dinge zu wissen, ist durchaus notwendig. Denn immer wieder muß es betont werden, was ich schon gestern sagte: Den Teufel, sowohl in der luziferischen wie in der ahrimanischen Form, spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätte! — Daß den Menschen, die als materialistische Wissenschafter Ratschläge geben, wie die angedeuteten, der Luzifer dahinten im Nacken sitzt, das merken die Leute nicht. Sie leugnen ihn ja, weil sie alle geistigen Welten leugnen.

[ 11 ] So sehen wir, wie auf der einen Seite Großes und Erhabenes, was die Menschheitsentwickelung trägt und hebt, von Luzifer abhängt. Die Menschheit muß verstehen, die Impulse, die von Luzifer kommen, in den entsprechenden Gebieten zu halten. Überall da, wo Luzifer auftritt als der Pfleger des schönen Scheines, als der Pfleger der künstlerischen Impulse, da entsteht aus der luziferischen Tätigkeit Großes und Erhabenes, Gewaltiges in der Menschheit. Aber es gibt auch eine Schattenseite der luziferischen Tätigkeit. Luzifer hat überall das Bestreben, das Seelisch-Fühlsame loszureißen von dem Sinnlichen, es zu verselbständigen, es mit Egoismus und Egoität zu durchsetzen. So treten im Seelisch-Fühlsamen das Element des Eigensinnes und ähnliche Momente auf, so daß der Mensch sich im freien Schaffen allerlei Ideen bildet über die Welt — man möchte sagen auf freie Hand. Wie viele Menschen philosophieren sozusagen aus dem Handgelenk heraus, ohne sich darum zu kümmern, ob sich die Philosophiererei einfügt in den allgemeinen notwendigen Gang der Weltenordnung. Die philosophierenden Sonderlinge sind wirklich sehr verbreitet in der Welt; sie verlieben sich in ihre Meinungen, sie gleichen das luziferische Element nicht durch das ahrimanische aus, das überall fragen muß, ob das, was man innerhalb der physisch-sinnlichen Welt denkend erwirbt, auch in die Gesetze der physisch-sinnlichen Welt hineinpaßt. Und so sieht man diese Leute mit ihren Meinungen, die nichts anderes sind als eine Schwärmerei, die sich nicht der allgemeinen Weltenordnung fügt, durch die Welt laufen. Alle Schwärmereien, alle Verworrenheiten der eigensinnigen Meinungen, alle Sonderlingsmeinungen, alle falschen, schwärmerischen Idealismen, sie stammen von den Schattenseiten der luziferischen Impulse. Ganz besonders aber tritt uns in der Bedeutung für das Grenzland oder für die Schwelle zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen das luziferische und ahrimanische Element entgegen, wenn man das hellsichtige Bewußtsein ins Auge faßt.

[ 12 ] Wenn die Menschenseele das mit sich vorgenommen hat, was sie fähig macht, in die geistige Welt zu schauen, in die geistige Welt Einblicke zu gewinnen, dann muß sie ganz besonders die Aufgabe selbst übernehmen, die sonst von den unterbewußten Regulatoren des Seelenlebens geleistet wird. Daß der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht allzusehr die Gepflogenheiten und Gesetzmäßigkeiten des einen Reiches in das andere hineinträgt, dafür sorgt die allgemeine Naturordnung, denn diese allgemeine Naturordnung käme ganz außer Rand und Band, wenn die Welten durcheinander geworfen würden. Wir haben eben betont, daß für die geistige Welt die Liebe sich so entwickeln muß, daß der Mensch vor allen Dingen auf die Durchdringung mit innerer Stärke in bezug auf sein Selbst sich entfalten muß, daß der Mensch den Drang entwickeln muß, sich zu vervollkommnen. Er muß sich selbst im Auge haben, wenn er die Liebe zur geistigen Welt entwickelt. Wenn er diese selbe Art von Antrieben, die ihn in der geistigen Welt zum Erhabensten führen können, ins Sinnliche überträgt, können sie zum Abscheulichsten führen. Es gibt Menschen, die sich im äußeren physischen Erleben, in dem, was sie den ganzen Tag über tun, gar nicht besonders interessieren für die geistige Welt. In unserer Zeit, so sagt man, sollen diese Menschen gar nicht so selten sein. Aber die Natur läßt mit sich keine Vogel-Strauß-Politik treiben. Nicht wahr, diese VogelStrauß-Politik besteht darin, daß der Vogel den Kopf in den Sand steckt und dann glaubt, die Dinge, die er nicht sieht, seien nicht da. Die materialistisch gesinnten Menschen glauben, die geistige Welt sei nicht da, weil sie sie nicht sehen. Sie sind richtige Vogel-Strauße. Aber in der eigenen Seele, in den Tiefen der eigenen Seele ist deshalb der Drang zur geistigen Welt nicht etwa nicht da, weil die Menschen ihn leugnen, weil sie sich darüber betäuben. Er ist da. In jeder Menschenseele ist ein lebendiger Trieb, eine lebendige Liebe zur geistigen Welt vorhanden, auch in den materialistischen Seelen. Die Menschen machen sich nur seelisch ohnmächtig gegenüber diesem Drang. Nun gibt es ein Gesetz, daß, wenn etwas auf der einen Seite durch Betäubung zurückgedrängt wird, es auf der entgegengesetzten Seite herauskommt. Die Folge davon ist, daß der egoistische Trieb sich in die sinnlichen Triebe hereinschlägt. Es schlägt aus der geistigen Welt die Art von Liebe, die nur für sie berechtigt ist, in die sinnlichen Triebe, Leidenschaften, Begierden und so weiter hinein, und da werden diese sinnlichen Triebe pervers. Die Perversitäten der sinnlichen Triebe, alle abscheulichen Abnormitäten der sinnlichen Triebe sind das Gegenbild von dem, was hohe Tugenden in der geistigen Welt wären, wenn man die Kräfte, die dann in die physische Welt gegossen werden, in der geistigen Welt verwenden würde. Darüber muß man nachdenken, daß dasjenige, was in verabscheuungswürdigen Trieben in der Sinneswelt zum Ausdruck kommt, wenn es in der geistigen Welt verwendet würde, das Erhabenste in der geistigen Welt leisten könnte. Das ist ungeheuer bedeutsam.

[ 13 ] So sehen Sie auch schon auf diesem Gebiete, wie das Erhabene in das Abscheuliche umschlägt, wenn die Grenze zwischen der physisch-sinnlichen und der übersinnlichen Welt nicht in der entsprechenden Weise beachtet und geschätzt wird. Das hellsichtige Bewußtsein muß sich nun so entwickeln, daß die hellsichtige Seele in den übersinnlichen Welten gemäß den Gesetzen dieser übersinnlichen Welten leben kann, daß sie wiederum imstande sein muß, zurückzugehen in das Leben im Leibe, ohne sich in der normal-physisch-sinnlichen Welt von den Gesetzen der übersinnlichen Welten beirren zu lassen.

[ 14 ] Nehmen wir an, eine Seele könne das nicht, dann kann das Folgende eintreten. Wir werden noch sehen, daß die Seele beim Übergang über das Grenzgebiet von der einen Welt in die andere insbesondere lernt durch die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle, sich richtig zu verhalten. Aber nehmen wir an, es hätte eine Seele — es kann das durchaus auch eintreten — sich hellsichtig gemacht, wäre hellsichtig geworden durch irgendwelche Verhältnisse und hätte nicht in ordentlicher Weise die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle durchgemacht. Dann kann eine solche Seele hellsichtig in die übersinnlichen Welten hineinsehen, auch Wahrnehmungen machen, aber es kann ihr passieren, wenn sie dann zurückgeht in die physisch-sinnliche Welt, nachdem sie eigentlich nicht in rechtmäßiger Weise in der geistigen Welt war, daß sie «genascht» hat in der geistigen Welt. Solche Näscher der geistigen Welt gibt es zahlreiche, und man darf wahrhaftig sagen, das Naschen in der übersinnlichen Welt ist viel bedenklicher als das Naschen in der physisch-sinnlichen Welt. Man kann also naschen in der geistigen Welt; dann tritt sehr häufig ein, daß man dasjenige, was man dort erlebt hat, herübernimmt in die Sinneswelt; aber dann verdichtet es sich, dann wird es zusammengezogen. So daß ein solcher nicht nach den Gesetzen der allgemeinen Weltenordnung sich verhaltender Hellseher in die physisch-sinnliche Welt zurückkommt und die verdichteten Bilder und Eindrücke der übersinnlichen Welten mitbringt, aber nicht bloß in der physisch-sinnlichen Welt schaut und denkt, sondern vor sich hat, indem er in seinem physischen Leibe lebt, die Nachwirkungen der geistigen Welt in Bildern, die ganz ähnlich den sinnlichen aussehen, nur daß sie keiner Realität entsprechen, daß sie Illusionen, Halluzinationen, Träumereien sind.

[ 15 ] In der geistigen Welt wird derjenige, der richtig schauen kann, nimmermehr Wirklichkeit mit Phantasterei verwechseln. Da ist es wirklich so, daß sich die Schopenhauersche Philosophie, insoferne sie einen Fehler macht, von selbst widerlegt. Sie widerlegt sich ja auch in der Sinneswelt in bezug auf ihren Hauptfehler, daß alle unsere Umgebung unsere Vorstellung sei. Wenn man diesen Satz preßt, dann wird er widerlegt, weil man schon durch das Leben angeleitet wird, zu unterscheiden zwischen einem heißen Eisen von neunhundert Grad, das eine wirkliche Wahrnehmung ist, und dem vorgestellten Eisen von neunhundert Grad, das nicht weh tut. Wenn man in der wirklichen Welt mit den entsprechenden Fähigkeiten lebt, so liefert das Leben schon den Unterschied für die Realität und für die Phantasterei. Auch der Kantsche Satz, mit dem Kant an die sogenannten Gottesbeweise herangegangen ist, daß hundert gedachte Taler ebensoviel wert sind wie hundert wirkliche, wird vom Leben widerlegt. Gewiß, hundert gedachte Taler enthalten ebensoviel Pfennige als hundert wirkliche, aber zwischen beiden gibt es doch einen Unterschied, der gegenüber dem Leben sehr stark hervortritt. Und ich möchte jedem, der diesen Satz für richtig hält, raten, seine hundert Taler, die er schuldig ist, mit eingebildeten Talern zu bezahlen, dann wird er schon den Unterschied merken. So wie das für die physisch-sinnliche Welt ist, wenn man wirklich darinnen steht und ihre Gesetze beachtet, so ist es auch für die übersinnlichen Welten. Wenn man nur nascht, dann ist man vor dem Verwechseln von Wahn und Wirklichkeit nicht gefeit, dann verdichten sich die Bilder, und man nimmt das, was bloß Bild sein soll, für Realität. Und was man so an Näscherei aus der geistigen Welt in sich trägt, das ist ganz besonders eine Beute, über die sich Ahriman hermachen kann. Aus dem, was er dem gewöhnlichen Menschendenken entnimmt, bekommt er nur luftige Schatten, aber er bekommt, trivial gesprochen, recht fette Schatten und Schemen, wenn er aus den menschlichen Leibesindividualitäten herauspreßt, so gut er es kann, die falschen Wahnesbilder, die durch das Naschen in der geistigen Welt entstanden sind. Und damit wird auf ahrimanische Weise die physisch-sinnliche Welt mit geistigen Schatten und Schemen, die sehr schlimm der allgemeinen Weltenordnung widerstreben, durchsetzt.

[ 16 ] Da sehen wir also, wie das ahrimanische Prinzip ganz besonders eingreifen kann, wenn es seine Grenzen überschreitet und der allgemeinen Weltenordnung entgegenwirkt, wie da ganz besonders dieses ahrimanische Prinzip aus der Verkehrung seiner regelrechten Tätigkeit zum Bösen werden kann. Es gibt kein absolutes Böses. Alles Böse entsteht dadurch, daß etwas, was in irgendeiner Weise gut ist, in einer anderen Weise in der Welt verwendet wird; dadurch wird es in das Böse verkehrt. In einer ähnlichen Weise kann das luziferische Prinzip, das zu so Erhabenem, Großartigem den Anlaß geben kann, gerade für die hellsichtig gewordene Seele gefährlich, bedeutsam gefährlich werden. Und das geschieht im umgekehrten Falle. Jetzt haben wir den Fall betrachtet, wenn eine Seele in der geistigen Welt nascht, also darinnen wahrnimmt, und, wenn sie zurückkommt in die physisch-sinnliche Welt, nicht sich sagt: Jetzt darfst du dich nicht dieses Vorstellungslebens bedienen, das für die geistige Welt paßt, — dann ist sie in der physisch-sinnlichen Welt dem ahrimanischen Einfluß ausgesetzt. Aber es kann das Umgekehrte stattfinden; es kann die Menschenseele hineintragen in die geistige Welt das, was nur der physisch-sinnlichen Welt angehören soll, und das ist die Empfindungs-, die Gefühls-, die Affektweise, die die Seele notwendigerweise bis zu einem gewissen Grade in der physisch-sinnlichen Welt entwickeln muß. Alles das, was an Leidenschaften und so weiter die Seele sich ausbildet in der physisch-sinnlichen Welt, darf nicht hineingetragen werden in die geistige Welt, wenn es nicht in bedeutsamer Weise den Anfechtungen und Verlockungen Luzifers verfallen soll.

[ 17 ] Das ist etwas von dem, was darzustellen versucht worden ist in dem neunten Bilde von «Der Seelen Erwachen» in der Gemüts-, in der Seelenverfassung der Maria. Es wäre ganz falsch, wenn jemand an dieser Stelle ein Tumultuarisches, dramatisch-tumultuarisch Regsames verlangen würde, wie man es in einem äußeren physischen Drama hat. Wenn das Gemüt der Maria so wäre, daß es in dem Moment aufregende Leidenschaften, aufregende Triebe und Affekte erleben könnte bei dem Empfang der Erinnerungen aus der devachanischen Welt und der ägyptischen Zeit, dann würde die Seele der Maria dadurch auf den Wogen der Leidenschaften hin- und hergeworfen werden. Eine Seele, welche nicht in innerer Ruhe, in absoluter Gelassenheit, in einem Hinaussein über alles äußere physische Dramatische entgegennehmen kann die Impulse der geistigen Welt, eine solche Seele erleidet in der geistigen Welt ein Schicksal, das ich nur in der folgenden bildhaften Weise bezeichnen kann. Denken Sie sich, ein Wesen wäre aus Kautschuk und es flöge in einem Raum, der von allen Seiten geschlossen wäre, hin und her, flöge nach der einen Wand, würde aber da gleich wiederum zurückgeworfen, flöge nach der anderen Wand, würde wiederum zurückgeworfen, und flöge so hin und her und wäre so in einer tumultuarischen Bewegung auf den Wogen des Leidenschaftslebens. Das tritt tatsächlich ein mit einer Seele, welche die Empfindungsweise, die Gefühls- und Affektweise der sinnlich-physischen Welt hineinträgt in die geistige Welt. Dann tritt aber etwas weiteres ein. Es ist nicht angenehm, so kautschukmäßig hinund hergeworfen zu werden wie in einem Weltgefängnis. Daher spielt die Seele in einem solchen Falle als hellsichtige Seele ganz besonders Vogel-Strauß-Politik,; sie betäubt sich nämlich über dieses Hin- und Hergeworfenwerden, sie trübt sich das Bewußtsein, so daß sie nichts davon merkt. Dann glaubt sie, sie werde nicht hin- und hergeworfen. Da kann Luzifer um so mehr heran, weil das Bewußtsein getrübt ist; der lockt die Seele heraus und führt sie hin nach seinem isolierten Reiche. Da kann die Seele dann ihre geistigen Eindrücke empfangen, aber es sind rein luziferische Eindrücke, weil sie in seinem Inselreiche empfangen werden.

[ 18 ] Weil Selbsterkenntnis da schwierig ist und die Seele über gewisse Eigenschaften außerordentlich schwer zur Klarheit kommt, und weil außerdem die Menschen den Drang haben, möglichst schnell in die geistige Welt hineinzukommen, ist es gar nicht zu verwundern, daß Menschen sich sagen: Ich bin schon reif, ich werde schon meine Leidenschaften beherrschen. — Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Insbesondere gibt es Eigenschaften, wo es mit dem Beherrschen recht sehr schlimm steht. Eitelkeit, Ehrgeiz und ähnliche Dinge, die sitzen so in den Menschenseelen, daß das Selbstgeständnis: Du bist eitel und ehrgeizig, du hast Machtgelüste! — nicht so leicht ist, und man sich meistens täuscht, wenn man gerade über diese Dinge mit sich zu Rate geht. Aber das sind die schlimmsten Affekte. Trägt man diese in die geistige Welt hinein, dann wird man am allerleichtesten eine Beute des Luzifer. Und weil man, wenn man merkt, man werde hin- und hergeworfen, sich nicht gerne sagt: Das kommt vom Ehrgeiz, von der Eitelkeit —, so sucht man eben die Seelentrübnis auf; und da entführt einen Luzifer in sein Reich. Dann kann man allerdings Eindrücke haben, aber sie stimmen nicht mit der Weltenordnung überein, die schon vorgezeichnet worden ist, bevor Luzifer eingegriffen hat, sondern sie sind geistige Eindrücke rein luziferischer Art. Man kann die sonderbarsten Impressionen haben; man wird sie für absolut richtige Wahrheiten halten. Man kann den Leuten alle möglichen Inkarnationen von diesen oder jenen Wesen erzählen, und es können rein luziferische Eingebungen sein und ähnliche Dinge.

[ 19 ] Damit das richtige Verhältnis zustande kommt bei dem Erwachen der Maria, mußte Maria in dem Moment, wo die geistige Welt in solcher Gewalt auf sie hereinbrechen sollte, eben so dargestellt werden, daß es im Grunde genommen für einen Menschen, der, sagen wir, so ein niedliches Kritikerchen wäre aus unserer Gegenwart, recht absurd erscheint. Denn so ein niedliches Kritikerchen könnte sagen: Da hat sich die ägyptische Szene abgespielt, und dann sitzt diese Maria da, wie wenn sie vom Frühstück gekommen wäre, und erlebt diese Dinge in einer Weise, daß jedes dramatische Leben fehlt. — Und dennoch, alles andere wäre unwahr auf dieser Entwickelungsstufe. Wahr ist allein jene Gelassenheit auf dieser Entwickelungsstufe, da die Strahlen, das Licht des Geistigen hereinfallen. So sehen wir, daß es von der Seelenstimmung abhängt, die in sich fertig sein muß mit all den Affekten und Leidenschaften, die nur für die physisch-sinnliche Welt Bedeutung haben, wenn die Seele über die Schwelle der geistigen Welt in der richtigen Weise treten soll und nicht in der geistigen Welt die notwendige Konsequenz der gebliebenen sinnlichen Empfindungsweise erleben will.

[ 20 ] Ahriman ist ein mehr geistiges Wesen; was er an unrechtmäßiger Tätigkeit, an unrechtmäßiger Schöpfertätigkeit entwickelt, fließt sozusagen in die allgemeine Sinneswelt hinein. Luzifer ist ein mehr seelisches Wesen; was er an fühlsamen Seelenelementen herausziehen will aus der Sinneswelt, will er einverleiben seinem besonderen luziferischen Reich, in welchem er jedem Menschen — gemäß dem den Wesen eingepflanzten Egoismus — sozusagen die größte Möglichkeit willkürlicher Unabhängigkeit sichern will. Man sieht daraus eben, daß es sich bei der Beurteilung von solchen Wesenheiten, wie Ahriman und Luzifer, nicht darum handeln kann, sie einfach als gut oder böse zu bezeichnen, sondern darum, aufzufassen, welches die rechtmäßige Tätigkeit, das eigentliche Reich dieser Wesenheiten ist, und wo ihre unrechtmäßige Tätigkeit, wo die Überschreitung ihrer Grenze beginnt. Denn dadurch, daß sie ihre Grenze überschreiten, verlocken sie den Menschen zum unrechtmäßigen Überschreiten der Grenze in die andere Welt hinein mit den Fähigkeiten und Gesetzen der einen Welt. Von dem Erlebten beim Herüber- und Hinübergehen über die Grenze zwischen der physisch-sinnlichen und der übersinnlichen Welt handeln insbesondere die Bilder von «Der Seelen Erwachen». Heute wollte ich den Anfang machen, indem ich einiges von dem schilderte, was beachtet werden muß an dem Grenzgebiet zwischen der sinnlichen und übersinnlichen Welt. Morgen wollen wir dann mit dieser Betrachtung weiterfahren.