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Die Geheimnisse der Schwelle
GA 147

26 August 1913, München

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wenn man in einer solchen Weise, wie es hier in diesem Vortragszyklus geschieht, über die geistigen Welten spricht, dann ist es notwendig, daß man beachtet, daß das hellsichtige Bewußtsein, zu dem sich die Menschenseele entwickeln kann, insofern an der Natur und Wesenheit des Menschen nichts ändert, als alles dasjenige, was in dieses Bewußtsein hereintritt, schon vorher in der Menschennatur vorhanden war. Indem man eine Sache erkennt, schafft man sie nicht, sondern man lernt nur wahrnehmen, was als Tatsache schon vorhanden ist. So selbstverständlich dieses ist, so muß es doch hervorgehoben werden, weil man einmal den Gedanken darauf hinlenken soll, daß die Wesenheit des Menschen in den verborgenen Untergründen des Daseins liegt, und daß sie nur heraufgeholt wird aus diesen verborgenen Untergründen des Daseins durch das hellseherische Erkennen. Daraus folgt nämlich, daß die wirkliche, wahre Wesensnatur des Menschen durch nichts anderes an den Tag treten kann als durch das hellsichtige Bewußtsein. Durch keine Art von Philosophie kann man wissen, was eigentlich der Mensch ist, als nur durch ein solches Wissen, das sich auf das hellsichtige Bewußtsein stützt. Denn für das Beobachten in der Sinneswelt und für den Verstand, der an die Sinneswelt gebunden ist, liegt die Wesenheit des Menschen, die wahre, echte Wesenheit des Menschen, in verborgenen Welten. Wenn nun dieses hellsichtige Bewußtsein, von dessen Gesichtspunkt aus die Welten jenseits der sogenannten Schwelle betrachtet werden sollen, zunächst diese Schwelle überschreitet, dann werden an dasselbe, damit es wahrnehmen, erkennen kann, ganz andere Anforderungen gestellt als in der Sinneswelt. Und das ist die Hauptsache, daß die Menschenseele gewissermaßen sich daran gewöhnen muß, daß es nicht nur die Art des Anschauens, des Wahrnehmens gibt, die für die Sinneswelt die richtige, die gesunde ist.

[ 2 ] Ich werde hier die erste Welt, welche des Menschen Seele, wenn sie hellsichtig wird, betritt, nachdem sie über die Schwelle gekommen ist, die elementarische Welt nennen. Nur derjenige, welcher die Gepflogenheiten der Sinneswelt auch in die höheren, in die übersinnlichen Welten hineintragen will, kann verlangen, daß eine gleichförmige Namengebung für alle Gesichtspunkte gewählt werde, von denen aus die höheren Welten betrachtet werden. Ich werde sowohl am Schlusse dieses Vortragszyklus, wie auch in der Schrift, die in den nächsten Tagen hier aufliegen und den Titel führen wird «Die Schwelle der geistigen Welt», darauf hinweisen, welches Verhältnis besteht zwischen der Namengebung, wie sie hier gewählt wird, zum Beispiel der Bezeichnung «elementarische Welt», und den Bezeichnungen zu den Schilderungen, die als Seelenwelt, als geistige Welt und so weiter in meiner «Theosophie» und in meiner «Geheimwissenschaft in Umriß» gegeben werden, damit man nicht in leichtfertiger Weise da Widersprüche suchen könne, wo in Wirklichkeit keine vorhanden sind. Ganz neue Anforderungen treten an das Seelenleben heran, wenn es über die Schwelle hinweg die elementarische Welt betritt. Würde die Menschenseele mit den Gepflogenheiten, mit den Gewohnheiten der Sinneswelt in die elementarische Welt eintreten wollen, so würden zwei Tatsachen eintreten können: entweder es würde sich im Umkreis des Bewußtseins, im Blickekreis, Nebelhaftigkeit oder völlige Verfinsterung ausbreiten, oder aber es würde die andere Tatsache eintreten: die Menschenseele würde, wenn sie unvorbereitet für die Gepflogenheiten und die Anforderungen der elementarischen Welt in diese eintreten wollte, wiederum zurückgeworfen werden in die Sinneswelt. Die elementarische Welt ist eine durchaus andere als die sinnliche Welt. In der sinnlichen Welt ist die Sache so, daß, wenn Sie innerhalb dieser Welt von Wesen zu Wesen, von Vorgang zu Vorgang schreiten, Sie zwar dann diese Wesenheiten, diese Vorgänge vor sich haben, sie betrachten können, daß Sie aber vor jedem Vorgang, vor jeder Wesenheit in der Beobachtung ganz deutlich Ihre in sich geschlossene Wesenheit, Ihr persönliches Sein behalten. Sie wissen in jedem Augenblick, Sie sind derselbe, der Sie gegenüber einem anderen Vorgang, einer anderen Wesenheit gewesen sind, wenn Sie einem Neuen gegenübertreten, und Sie können sich niemals verlieren in diesem Vorgang, in dieser Wesenheit. Sie stehen ihnen gegenüber, Sie stehen außerhalb derselben und Sie wissen, wo immer Sie auch in der Sinneswelt herumschreiten, daß Sie derselbe bleiben. Das wird sogleich anders, wenn man die elementarische Welt betritt. In der elementarischen Welt ist es notwendig, daß man mit dem ganzen Innenleben seiner Seele einem Wesen, einem Vorgang sich so weit anpaßt, daß man sich mit seinem Seelenleben in dieses Wesen, in diesen Vorgang selbst verwandelt. Anders kann man nichts erkennen in der elementarischen Welt, als wenn man den Wesen so gegenübertritt, daß man innerhalb jedes Wesens ein anderer wird, und zwar in hohem Grade ähnlich wird dem Wesen und dem Vorgang selber.

[ 3 ] Das muß man für die elementarische Welt als eine Eigentümlichkeit seiner Seele haben: Verwandlungsfähigkeit des eigenen Wesens in fremde Wesenheiten. Die Möglichkeit der Metamorphosierung muß man haben. Man muß gleichsam untertauchen können und zu den Wesen selber werden und man muß verlieren können dieses Bewußtsein, das man in der Sinneswelt immer haben muß, wenn man in dieser seelisch gesund bleiben will, das Bewußtsein: du bist der und der. In der elementarischen Welt lernt man ein Wesen nur kennen, wenn man es in gewisser Weise innerlich mit seinem Seelenleben wird. So muß man schreiten durch die elementarische Welt, wenn man sie betreten hat über die Schwelle hinweg, indem man mit jedem Schritt sich selber verwandelt in jeden einzelnen Vorgang, in jedes Wesen gleichsam hineinkriecht. Was in der physischen Welt zur Gesundheit der Seele gehört, daß man sich selbst behauptet beim Durchschreiten der Sinneswelt in seiner ureigenen Wesenheit, das ist ganz unmöglich in der elementarischen Welt; das würde dort entweder zur Verfinsterung des Horizontes führen oder einen in die Sinneswelt wiederum zurück werfen.

[ 4 ] Nun können Sie sich leicht vorstellen, daß die Seele noch etwas anderes braucht, um diese Verwandlungsfähigkeit auszuüben, als was sie in der Sinneswelt schon hat. Die Seele des Menschen ist zu schwach, um sich fortwährend zu verwandeln, sich jedem Wesen anzupassen, wenn sie in derselben Weise hineingeht in die elementarische Welt, wie sie in der Sinneswelt ist. Daher müssen die Kräfte dieser Menschenseele verstärkt, erhöht werden, und daher sind jene Vorbereitungen notwendig, die beschrieben sind in meiner «Geheimwissenschaft» und in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die ja alle dazu führen, daß das Seelenleben in sich stärker, kraftvoller wird. Dann kann die Seele untertauchen in die anderen Wesenheiten, ohne sich selber in diesem Untertauchen zu verlieren. Indem so etwas erwähnt wird, sehen Sie zugleich, wie notwendig es ist, voll zu beachten dasjenige, was man die Schwelle nennt zwischen der Sinneswelt und den übersinnlichen Welten. Es ist schon gesagt worden, daß das hellsichtige Bewußtsein, solange der Mensch Erdenmensch ist, fortwährend sozusagen hinüber- und herübergehen muß: daß es außer dem physischen Leib beobachten muß in der geistigen Welt jenseits der Schwelle, dann wiederum zurückkehren muß in den physischen Leib und in gesunder Weise jene Fähigkeiten ausüben muß, welche zur richtigen Beobachtung der physischen Welt, der Sinneswelt führen.

[ 5 ] Nehmen wir einmal an, ein hellsichtig gewordenes Bewußtsein würde jene Verwandlungsfähigkeit, die es haben muß, damit für dieses die geistige Welt überhaupt da ist, herübernehmen in die Sinneswelt, wenn es die Schwelle wiederum überschreitet zurück in diese Sinneswelt. Diese Verwandlungsfähigkeit, von der ich gesprochen habe, ist eine Eigentümlichkeit des menschlichen Ätherleibes, der vorzugsweise in der elementarischen Welt lebt. Nehmen wir also an, ein Mensch kehre zurück von der geistigen in die sinnliche Welt und er würde seinen Ätherleib so verwandlungsfähig lassen, wie er ihn haben muß in der elementarischen Welt. Was würde dann eintreten? Jede Welt hat ihre besondere Gesetzmäßigkeit. Die Sinneswelt ist die Welt der abgeschlossenen Formen; die Geister der Form regieren in der Sinneswelt. Die elementarische Welt ist die Welt der Beweglichkeit, die Welt der Metamorphose, der Verwandlung. Wie man sich selber, wenn man sich in der elementarischen Welt erfühlen will, fortwährend verwandeln muß, so verwandeln sich alle Wesen fortwährend in der elementarischen Welt. Es gibt keine geschlossene, keine abgegrenzte Form in der elementarischen Welt; alles ist in fortwährender Metamorphose. Und dieses sich metamorphosierende Dasein muß man mitmachen als Seele außerhalb des physischen Leibes, wenn man sich in der elementarischen Welt erleben will. In der physisch-sinnlichen Welt muß man seinen Ätherleib, der als Ätherleib ein Wesen der elementarischen Welt ist und die Verwandlungsfähigkeit hat, untertauchen lassen in den physischen Leib. Durch dieses Physische ist man eine bestimmte Persönlichkeit in der physisch-sinnlichen Welt; man ist diese oder jene bestimmte Persönlichkeit. Der physische Leib prägt einem die Persönlichkeit auf, der physische Leib und die Verhältnisse in der physisch-sinnlichen Welt, in die man gestellt ist, machen einen zur Persönlichkeit. In der elementarischen Welt ist man nicht eine solche Persönlichkeit, denn Persönlichkeit erfordert Formgeschlossenheit. Aber hier kommt es in Betracht, daß das, was das hellsichtige Bewußtsein erkennt in der menschlichen Seele, immer vorhanden ist. Durch die Kräfte des physischen Leibes wird jene Beweglichkeit des Ätherleibes nur zusammengehalten. Sobald der Ätherleib untertaucht in den physischen Leib, werden seine beweglichen Kräfte zusammengehalten, in die Form hineingepaßt. Und der Ätherleib, wenn er nicht im physischen Leib gleichsam wie in seiner Tüte stecken würde, hätte immer den Trieb zu fortwährender Verwandlung.

[ 6 ] Nehmen wir nun an, eine hellsichtig gewordene Seele trüge in ihrem Ätherleib diesen Trieb zur Verwandlungsfähigkeit in die physisch-sinnliche Welt herüber. Dann ist dieser Ätherleib mit seiner Tendenz zur Beweglichkeit gleichsam locker im physischen Leib darinnen, und man gerät dadurch als Menschenseele durch die Kräfte seines Ätherleibes in einen Widerspruch mit den Anforderungen der physischen Welt, die einen zu einer bestimmten Persönlichkeit prägen will, weil der Ätherleib, der sich frei bewegen will, dann, wenn er die Schwelle von der geistigen Welt zur physisch-sinnlichen Welt in unrichtiger Weise zurücküberschreitet, alle Augenblicke etwas anderes sein will, etwas, was in Widerspruch stehen kann mit der festen Prägung des physischen Leibes. Um es etwas exakter auszudrücken, man kann vermöge des physischen Leibes, sagen wir, ein europäischer Bankbeamter sein, aber weil der Ätherleib den Trieb zur Befreiung vom physischen Leib herübergetragen hat in die physische Welt, kann man sich einbilden, man sei der Kaiser von China. Oder, um ein anderes Beispiel zu gebrauchen, kann man, sagen wir, Präsident in der Theosophischen Gesellschaft sein, und, wenn der Ätherleib locker geworden ist, sich einbilden, man sei vor dem Direktor des Globus gestanden. Da sehen wir, wie in der entschiedensten Weise beachtet werden muß die Schwelle, die sich zwischen der sinnlichen und übersinnlichen Welt genau ergibt; wie man die Anforderungen einer jeglichen Welt ins Seelenauge fassen muß und wie man sich anpassen muß diesen Anforderungen; wie die Seele anders sich verhalten muß, je nachdem sie jenseits oder diesseits der Schwelle steht. Das hängt also damit zusammen, daß man immer und immer wiederum betont, es dürfen nicht in unrechtmäßiger Weise zurückgetragen werden die Gepflogenheiten der übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt, wenn man zurückschreitet über die Schwelle. Wenn ich mich flach auszudrücken mir erlauben darf, so kann ich sagen: Man muß sich in der richtigen Weise in beiden Welten zu benehmen verstehen, man darf nicht das Beobachten, das in der einen Welt richtig ist, in die andere hinübertragen.

[ 7 ] Das also ist zunächst zu beachten, daß eine Grundfähigkeit für das Sich-Erleben, für das Sich-Erfühlen der Seele in der elementarischen Welt die Verwandlungsfähigkeit ist. Nun aber könnte die menschliche Seele niemals dauernd in dieser Eigenschaft der Verwandlungsfähigkeit leben; der ätherische Leib könnte der elementarischen Welt ebensowenig dauernd angehören im Zustand der Verwandlungsfähigkeit, wie der Mensch in der physischen Welt fortwährend wachen könnte. In der physischen Welt kann der Mensch auch nur diese wahrnehmen, wenn er wacht; wenn er schläft, nimmt er sie nicht wahr. Dennoch muß der Mensch den Wachzustand abwechseln lassen mit dem Schlafzustand. Etwas Ähnliches ist auch für die elementarische Welt notwendig. Ebensowenig wie es für die physische Welt angeht, fortwährend zu wachen, wie das Leben gleichsam im Pendelschlag in der physischen Welt verlaufen muß zwischen Wachen und Schlafen, so ist etwas Ähnliches auch für das Leben des Ätherleibes in der elementarischen Welt notwendig. Es muß gleichsam ein Gegenpol, eine Gegenwirkung gegen die Verwandlungsfähigkeit, die zum Wahrnehmen in der geistigen Welt führt, da sein. Dasjenige, was einen verwandlungsfähig macht für die geistige Welt, das ist das Vorstellungsleben des Menschen, das ist die Fähigkeit, das Vorstellen, das Denken beweglich zu machen, so daß man durch das beweglich gewordene Denken in die Wesen und Vorgänge untertauchen kann. Für den anderen Zustand, der sich da vergleichen läßt mit dem Schlafe in der Sinneswelt, muß ausgebildet, erkraftet sein das menschliche Wollen. Für die Verwandlungsfähigkeit also das Denken oder Vorstellen, für den anderen Zustand das Wollen.

[ 8 ] Wir werden uns da verstehen, wenn wir beachten, daß in der sinnlich-physischen Welt der Mensch ein Selbst ist, ein Ich ist. Dadurch, daß der physisch-sinnliche Leib das Nötige dazu tut, sofern der Mensch wacht, fühlt er sich als ein Selbst, als ein Ich. Es sind die Kräfte des physisch-sinnlichen Leibes so, daß dieser ihm die Kräfte liefert, wenn der Mensch in den physisch-sinnlichen Leib untertaucht, die ihn sich empfinden lassen als ein Selbst, als ein Ich. So ist es nicht in der elementarischen Welt. Da muß der Mensch das, was in der physisch-sinnlichen Welt der physische Leib leistet, selber leisten bis zu einem gewissen Grade. Man kann kein Selbstgefühl entwickeln in der elementarischen Welt, wenn man sein Wollen nicht anstrengt, wenn man sich nicht selber will. Das erfordert allerdings eine Überwindung der menschlichen Bequemlichkeit, einer Bequemlichkeit, die ungeheuer tief eingewurzelt ist. Das Sich-selber-Wollen ist notwendig für die elementarische Welt; und ebenso wie Schlafen und Wachen abwechseln in der physisch-sinnlichen Welt, so muß der eine Zustand des Sich-in-die-Wesen-Hineinverwandelns in der elementarischen Welt mit diesem im Wollen erstarkten Selbstgefühle abwechseln. Wie man in der physisch-sinnlichen Welt durch die Tagesarbeit müde wird, wie einem da schließlich die Augen zufallen, kurz, wie die Übermannung durch den Schlaf eintritt, so kommen Momente in der elementarischen Welt für den Ätherleib, wo dieser fühlt: ich kann mich jetzt nicht fortwährend verwandeln, ich muß jetzt alles ausschließen, was an anderen Wesen und Vorgängen da ist. Ich muß das alles aus meinem Blickekreis heraustreiben, ich muß absehen von allen anderen Wesenheiten und Vorgängen und mich, mein Selbst, wollen, einmal ganz, ganz in mir leben und nichts wissen von den anderen Wesenheiten und Vorgängen der elementarischen Welt. Das würde entsprechen dem Schlaf der physischen Welt: dieses Wollen seiner selbst mit Ausschluß der anderen Wesenheiten und Vorgänge.

[ 9 ] Nun würde man sich unrichtig vorstellen, wenn man dächte, daß in solcher Weise, gleichsam naturgesetzlich geregelt, die Abwechslung von Verwandlungsfähigkeit und erstarktem Ich-Gefühl in der elementarischen Welt vorhanden wäre wie Wachen und Schlafen in der physisch-sinnlichen Welt. Es ist alles für das hellsichtige Bewußtsein — und für dieses ist es nur wahrnehmbar — willkürlich; nicht daß es von selbst übergeht wie das Wachen in den Schlaf, sondern nachdem man eine mehr oder weniger lange Zeit in der Verwandlung gelebt hat, empfindet man das Bedürfnis in sich, nun wieder zu erleben, zu entfalten gleichsam den anderen Pendelschlag des elementarischen Lebens. So wechselt in einer viel willkürlicheren Weise als Wachen und Schlafen in der physisch-sinnlichen Welt Verwandlungsfähigkeit und In-sich-Leben mit erstarktem Selbstgefühl in der elementarischen Welt. Ja, das Bewußtsein kann es dazu bringen, daß gleichsam durch eine Elastizität dieses Bewußtseins beide Zustände unter gewissen Voraussetzungen gleichzeitig vorhanden sind, daß man sich gewissermaßen auf der einen Seite verwandelt und dennoch gewisse Teile seiner Seele zusammenhält und in sich ruht. Man kann, was man in der sinnlich-physischen Welt nicht gerade zum Vorteil des Seelenlebens unternehmen soll, in der elementarischen Welt zugleich wachen und schlafen. So sehen wir, daß auch in dieser elementarischen Welt ein solcher Pendelschlag des Seelenlebens notwendig ist, wie in der physischen Welt Wachen und Schlafen notwendig ist.

[ 10 ] Man muß ferner berücksichtigen, daß, wenn das Denken sich zur Verwandlungsfähigkeit entwickelt, also sich einlebt in die elementarische Welt, dieses Denken selber, so wie es in der physisch-sinnlichen Welt gesund und richtig ist, für die elementarische Welt nicht zu brauchen ist. Wie ist denn dieses Denken in der physisch-sinnlichen Welt? Verfolgen Sie einmal, wie es ist. Man erlebt in seiner Seele Gedanken. Man weiß, daß man innerlich diese Gedanken erfaßt, erzeugt, verbindet, trennt. Man fühlt sich innerlich in der Seele Herr dieser Gedanken. Diese Gedanken verhalten sich gleichsam passiv, lassen sich verbinden und trennen, lassen sich machen und wieder fortschaffen. Dieses Denkleben, dieses Gedankenleben muß sich in der elementarischen Welt um eine Stufe weiter entwickeln. In der elementarischen Welt ist man nicht in der Lage, solchen passiven Gedanken gegenüberzustehen wie in der physisch-sinnlichen Welt. Wenn man sich wirklich mit der hellsichtigen Seele einlebt in die elementarische Welt, dann ist das so, wie wenn die Gedanken nicht Dinge wären, die man beherrscht, sondern die Gedanken werden wie lebendige Wesen. Stellen Sie sich einmal vor, Ihre Gedanken wären nicht so, daß) Sie sie machen und verbinden und trennen, sondern in Ihrem Bewußtsein fingen die Gedanken, jeder derselben, ein Eigenleben an, ein wesenhaftes Leben. Sie steckten gleichsam Ihr Bewußtsein hinein in etwas, wo Sie gar nicht die Gedanken so haben können wie in der physisch-sinnlichen Welt, sondern wo die Gedanken lebendige Wesenheiten sind. Ich kann nicht anders, als ein groteskes Bild gebrauchen; aber dieses Bild kann uns ein wenig aufmerksam machen, wie anders das Denken werden muß in der elementarischen Welt, als es in der physisch-sinnlichen Welt ist. Denken Sie sich, Sie steckten Ihren Kopf in einen Ameisenhaufen, und das Denken hörte auf. Dafür hätten Sie Ameisen statt Ihrer Gedanken im Kopfe. So werden die Gedanken, wenn Sie untertauchen mit Ihrer Seele in die elementarische Welt, daß sie sich selber verbinden und trennen, daß sie ein Eigenleben für sich führen. Nun, wahrhaftig, man braucht eine stärkere Kraft der Seele, um mit seinem Bewußtsein lebendigen Gedankenwesen gegenüberzustehen, als den passiven Gedanken der physischen Welt, die mit sich machen lassen, was man will, die sich sogar gefallen lassen, daß sie sich nicht nur gescheit verbinden und trennen lassen, sondern auch manchmal recht töricht. Das sind geduldige Dinger, diese Gedanken der physisch-sinnlichen Welt; sie lassen sich von der Seele alles gefallen. Das wird ganz anders, wenn man sozusagen die Seele hineinsteckt in die elementarische Welt. Da leben die Gedanken ihr selbständiges Leben. Da muß man sich aufrecht erhalten und behaupten mit seinem Seelenleben — nicht passiven Gedanken gegenüber, sondern einem aktiven, in sich selber regsamen Gedankenleben. Es ist durchaus so, daß man in der physisch-sinnlichen Welt etwas recht Dummes denken kann; das tut in der Regel nicht weh. In der elementarischen Welt kann es sehr gut vorkommen, wenn man mit seinem Denken Dummheiten dort macht, daß das, was da als selbständige Wesen herumkriecht, einem recht weh tut, einem recht Schmerzen macht.

[ 11 ] So sehen wir, wie durchaus die Gepflogenheiten des Seelenlebens anders werden müssen, wenn man die Schwelle von der physisch-sinnlichen in die übersinnliche Welt überschreitet. Würde man mit den Gepflogenheiten, die man den lebendigen Gedankenwesen der elementarischen Welt entgegenbringt, herüberkommen in die physisch-sinnliche Welt, die Schwelle überschreiten und zurückgehen und würde dann nicht das gesunde Denken mit den passiven Gedanken entfalten, sondern festhalten wollen das Verhalten für die elementarische Welt, dann gingen einem die Gedanken fortwährend durch, dann liefe man den Gedanken nach; dann würde man der Sklave seiner Gedanken werden.

[ 12 ] Wenn man sich mit der hellsichtigen Seele hineinbegibt in die elementarische Welt und die Verwandlungsfähigkeit entwickelt, dann also taucht man, in bezug auf das Innenleben sich verwandelnd unter, je nachdem man diesem oder jenem Wesen gegenübersteht. — Was erlebt man denn da, wenn man so untertaucht? Sehen Sie, wenn man so untertaucht, wenn man sich in das eine oder andere Wesen verwandelt, dann erlebt man etwas, was man nennen könnte: Sympathien und Antipathien, welche wie aus den Seelentiefen herauffluten und sich als Erlebnisse in der hellsichtig gewordenen Seele ausnehmen. Ganz bestimmte Arten von Antipathien oder Sympathien erlebt man, indem man sich in das eine Wesen verwandelt oder in das andere. Indem man so von Verwandlung zu Verwandlung schreitet, erlebt man fortwährend andere Sympathien und Antipathien. Und so, wie man in der physisch-sinnlichen Welt die Wesen, die Dinge charakterisiert, beschreibt, erkennt, überhaupt wahrnimmt, dadurch, daß man sie durch das Auge in Farben sieht, durch das Ohr in Tönen hört, so würde man dementsprechend, wenn man innerhalb der geistigen Welten selber beschreiben würde, in bestimmten Sympathien und Antipathien beschreiben. Nur ist dabei zu beachten zweierlei: Erstens, wenn man mit den Gewohnheiten der physisch-sinnlichen Welt spricht, so unterscheidet man gewöhnlich nur Grade von Sympathien und Antipathien, stärkere und schwächere Sympathien und Antipathien. So ist es nicht in der elementarischen Welt, sondern da sind die Sympathien und Antipathien nicht nur dem Grade nach voneinander verschieden, sondern qualitativ, so daß es verschiedenartige Sympathien und Antipathien gibt. Wie die gelbe und rote Farbe verschiedenartige Farben sind, qualitativ verschieden sind, so sind die mannigfaltigen Sympathien und Antipathien, die man erlebt in der elementarischen Welt, auch qualitativ verschieden, nicht bloß daß die eine stärker und die andere schwächer ist. Daher würde man nicht richtig beschreiben, wenn man, von den Gepflogenheiten der physisch-sinnlichen Welt ausgehend, sagen würde, beim Untertauchen in das eine Wesen verspürt man größere, beim Untertauchen in das andere geringere Sympathie. Nein, verschieden sind die Sympathien!

[ 13 ] Das ist das eine, was zu beachten ist. Das andere ist, daß man das Verhalten zu Sympathien und Antipathien, wie es ganz naturgemäß ist für die physisch-sinnliche Welt, nicht hinübertragen kann in die elementarische Welt. In der physisch-sinnlichen Welt fühlt man sich angezogen von Sympathien und abgestoßen von Antipathien; man geht zu Wesenheiten hin, die einem sympathisch sind, man will mit denen zusammen sein; von Wesen und Dingen, die einem antipathisch sind, flieht man hinweg, man will mit ihnen nichts zu tun haben. Das kann nicht der Fall sein mit den Sympathien und Antipathien der elementarischen Welt, daß einem, wenn ich mich grotesk ausdrücken darf, die Sympathien sympathisch und die Antipathien antipathisch sind; das darf nicht eintreten in der elementarischen Welt. Das wäre da gerade so, als wenn in der physisch-sinnlichen Welt etwa jemand sagen würde: Ich kann nur die blauen, grünen Farben leiden, ich mag aber nicht die roten und gelben Farben, vor denen laufe ich, was ich laufen kann. — Daß ein Wesen antipathisch ist in der elementarischen Welt, bedeutet, daß es eine bestimmte Eigenschaft dieser elementarischen Welt hat, die man eben als antipathisch bezeichnen muß. Und man muß sich zu diesem Antipathischen so verhalten, wie man sich in der sinnlichen Welt gegenüber von Blau und Rot verhält, nicht daß einem das eine sympathischer und das andere antipathischer ist. So wie man in der physisch-sinnlichen Welt allen Farben mit einer gewissen Gelassenheit entgegentritt, weil sie zum Ausdruck bringen, was die Dinge sind, und nur, wenn man ein Nervösling ist, vor den einen oder anderen Farben davonläuft, oder, wenn man ein Stier ist, die Farbe Rot nicht leiden kann — so wie man da in der physisch-sinnlichen Welt mit Gelassenheit die Farben hinnimmt, so muß man die Sympathien und Antipathien in der elementarischen Welt als Eigenschaften dieser Welt in vollständigem Gleichmut beobachten können. Dazu ist notwendig, daß das Verhalten der Seele, wie es naturgemäß in der physisch-sinnlichen Welt ist, daß dieses Verhalten der Seele, die von Sympathien sich angezogen und von Antipathien abgestoßen fühlt, zu einem ganz anderen wird. Jene Gemütsstimmung, jene Gefühlsverfassung, welche den Sympathien und Antipathien in der physisch-sinnlichen Welt entspricht, muß abgelöst werden gegenüber der elementarischen Welt durch das, was man Seelenruhe, Geistesfriedsamkeit nennen könnte. Mit innerlich geschlossenem Seelenleben, mit geistesfriedsamem Seelenleben muß man untertauchen in die Wesenheiten und dann beim Untertauchen, indem man sich in sie verwandelt, herauftauchen fühlen aus den eigenen Seelentiefen die Eigenschaften dieser Wesen als Sympathien und Antipathien. Dann erst, wenn man dieses alles kann, wenn sich die Seele so verhalten kann zu Sympathien und Antipathien, ist diese Seele fähig, in ihren Erlebnissen das Sich-sympathisch- oder -antipathisch-Erleben, -Erfühlen in den Dingen der elementarischen Welt bildhaft richtig vor sich hintreten zu lassen. Das heißt: dann erst ist man imstande, nicht bloß dasjenige zu fühlen, was eben das Erfühlen in Sympathien und Antipathien ist, sondern wirklich das Erleben seiner selbst, verwandelt in ein anderes Wesen, aufschießen zu sehen als dieses oder jenes farbige Bild oder dieses oder jenes Tonbild der elementarischen Welt. Wie Sympathien oder Antipathien in bezug auf das Erleben der Seele in der geistigen Welt eine Rolle spielen, können Sie auch gewahr werden, wenn Sie mit einem gewissen inneren Verständnis das Kapitel in meiner «Theosophie» verfolgen, das von der Seelenwelt handelt. Da werden Sie sehen, daß die Seelenwelt gerade aus den Sympathien und Antipathien aufgebaut ist.

[ 14 ] Aus meiner Darstellung haben Sie ersehen können, daß das, was einem bekannt ist in der physisch-sinnlichen Welt als das Denken, eigentlich nur der äußere, durch den physischen Leib hervorgerufene schattenhafte Abdruck ist desjenigen Denkens, das in den okkulten Untergründen ruht und das eigentlich Lebewesenheit genannt werden kann. Sobald wir mit unserem ätherischen Leib in der elementarischen Welt uns bewegen, werden die Gedanken, ich möchte sagen dichter, lebendiger, selbständiger, wahrer in ihrer Wesenheit. Was man innerhalb des physisch-sinnlichen Leibes als Denken erlebt, verhält sich zu diesem wahreren Element des Denkens wie ein Schattenbild an der Wand zu den Gegenständen, von denen es geworfen wird. Es ist in der Tat der Schatten des elementarischen Gedankenlebens, der hereingeworfen wird in die physisch-sinnliche Welt durch die Einrichtung des physischen Leibes. Wir denken gleichsam in den Gedankenwesensschatten, wenn wir in der physisch-sinnlichen Welt denken. Da eröffnet das übersinnliche, das hellsichtige Erkennen einen Ausblick in die wahre Natur des Denkens. Keine Philosophie, keine äußere Wissenschaft, wenn sie noch so geistreich auftritt, kann über diese wahre Natur des Denkens irgend etwas Richtiges erkunden; allein die Erkenntnis, die auf dem hellsichtigen Bewußtsein beruht, kann etwas Richtiges erkennen.

[ 15 ] Ebenso ist es auch mit dem Wollen. Das Wollen muß erstarken, weil man es in der elementarischen Welt nicht so bequem hat wie in der physisch-sinnlichen Welt, wo einem das Ich-Gefühl durch die Kräfte des physischen Leibes gegeben wird. Man muß dieses IchGefühl selber wollen, man muß erleben in der elementarischen Welt, was es heißt, in der Seele ausgefüllt sein mit dem Bewußtseinsinhalt: Ich will mich. — Man muß es erleben, daß es ein Bedeutsamstes ist, daß in dem Augenblick, wo man nicht stark genug ist, nicht den Gedanken, sondern den wirklichen Willensakt zu entfalten: Ich will mich —, man sich wie in eine Ohnmacht verfallend empfindet. Hält man sich nicht selber in der elementarischen Welt, verfällt man in dieser Welt gleichsam wie in eine Ohnmacht. Da blickt man hinein in die wahre Natur des Wollens, die wiederum nicht gegeben werden kann durch äußere Wissenschaft, durch äußere Philosophie, sondern nur durch das hellsichtige Erkennen. Das, was wir den Willen nennen in der physisch-sinnlichen Welt, ist eine Abschattung jenes starken wesenhaften Willens, der sich so entfaltet, daß er das Selbst aufrecht erhält aus der Willkür heraus, nicht durch äußere Kräfte gestützt. Alles wird willkürlicher — so dürfen wir sagen — in dieser elementarischen Welt, wenn wir uns in dieselbe hineinleben.

[ 16 ] Vor allen Dingen erwacht durch die ureigene Natur des ätherischen Leibes, wenn man den physischen Leib verläßt und dann in seinem Ätherleibe die elementarische Welt zur Umwelt hat, der Trieb nach Verwandlung. Man will in die Wesenheiten untertauchen. Aber wie im Tagwachen das Bedürfnis sich erzeugt nach Schlafen, so erwacht im Wechsel damit das Bedürfnis in der elementarischen Welt, bei sich selbst zu sein, alles auszuschließen, wo hinein man sich verwandeln könnte. Dann aber wiederum, wenn man sich eine Weile in der elementarischen Welt bei sich gefühlt hat, wenn man eine Weile jenes starke Willensgefühl entwickelt hat: Ich will mich —, dann tritt etwas ein, was man nennen kann eine furchtbare Einsamkeitsempfindung, ein Verlassensein, welches die Sehnsucht hervorruft, aus diesem Zustand des Sich-selber-nur-Wollens wiederum gleichsam aufzuwachen zur Verwandlungsfähigkeit. Im physischen Schlaf ruht man, und die Kräfte sorgen dafür, daß man aufwacht, ohne daß man etwas dazu tut. In der elementarischen Welt muß man, wenn man sich in den Schlafzustand des Sich-selber-nur-Wollens versetzt hat, durch die Aufforderung des Gefühls des Verlassenseins sich wiederum in den Zustand der Verwandlungsfähigkeit zurückversetzen, das heißt: aufwachen wollen. Sie sehen aus alledem, wie verschieden die Bedingungen des Sich-Erlebens, des Sich-Erfühlens in der elementarischen Welt von denen der physisch-sinnlichen Welt sind. Und Sie können ermessen, wie notwendig es ist, immer wieder und wiederum zu beachten, daß das hellsichtige Bewußtsein, das von der einen Welt in die andere hinüber- und herübergeht, wirklich sich richtig den Anforderungen der entsprechenden Welt fügt und nicht beim Übertreten der Schwelle die Gepflogenheiten der einen Welt in die andere mit hinüberträgt. Erstarkung, Erkraftung des Seelenlebens gehört daher zu den auch von uns schon oft erwähnten Vorbereitungen für das Erleben der übersinnlichen Welten. Erstarkung und Erkraftung des Seelenlebens.

[ 17 ] Und vor allen Dingen müssen stark und kraftvoll werden diejenigen Erlebnisse der Seele, die man bezeichnen könnte als die höheren moralischen Erlebnisse, Erlebnisse, die sich ausdrücken in der Seelenstimmung der Charakterfestigkeit, der inneren Sicherheit und Ruhe. Innerer Mut und Charakterfestigkeit müssen vor allen Dingen in der Seele ausgebildet werden, denn durch Charakterschwäche schwächt man das ganze Seelenleben, und man kommt mit einem schwachen Seelenleben in die elementarische Welt hinein. Das darf man aber nicht, wenn man richtig und wahr in der elementarischen Welt erleben will. Daher wird niemand, der es wahrhaftig ernst nimmt mit dem Erleben in den höheren Welten, jemals außer acht lassen, zu betonen, daß zu jenen Kräften, ‚welche das Seelenleben verstärken müssen, damit es richtig eintritt in die höheren Welten, die Stärkung der moralischen Seelenkräfte gehört. Und es gehört zu den traurigsten Verirrungen, die der Menschheit vorgemacht werden, wenn man es unternimmt zu sagen, daß Hellsichtigkeit angeeignet werden solle mit Außerachtlassung der Verstärkung des moralischen Lebens. Es muß durchaus betont werden, daß dasjenige, was ich charakterisiert habe in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als die Ausbildung der Lotusblumen, die bei dem sich heranbildenden Hellseher gleichsam in dem Geistleib des Menschen sich kristallisieren, daß dieses Heranbilden der Lotusblumen auch geschehen kann — aber eben nicht geschehen sollte — mit Außerachtlassung der moralischen Stärkungsmittel.

[ 18 ] Diese Lotusblumen müssen da sein, wenn der Mensch die Verwandlungsfähigkeit haben will; denn letztere besteht darin, daß die Lotusblumen ihre Blätter in Bewegung von dem Menschen hinweg entfalten und die geistige Welt umfassen, sich an sie anschmiegen. Was man als Verwandlungsfähigkeit entwickelt, drückt sich für das hellseherische Anschauen in der Entfaltung der Lotusblumen aus. Was man als verstärktes Ich-Gefühl heranbildet, ist innere Festigkeit, die man nennen könnte ein elementarisches Rückgrat. Beides muß man entsprechend entwickelt haben: Lotusblumen, daß man sich verwandeln kann, und etwas Ähnliches wie ein Rückgrat in der physischen Welt, ein elementarisches Rückgrat, damit man sein verstärktes Ich in der elementarischen Welt entwickeln kann. So wie gestern erwähnt worden ist, daß dasjenige, was — in geistiger Art entwickelt zu hohen Tugenden in der geistigen Welt führen kann, wenn man es in die Sinneswelt hinunterströmen läßt, zu den stärksten Lastern führen kann, so ist es auch in bezug auf die Lotusblumen und das elementarische Rückgrat. Es ist auch möglich, daß man durch gewisse Verrichtungen die Lotusblumen und auch das elementarische Rückgrat erweckt, ohne daß man moralische Festigkeit sucht, aber kein gewissenhafter Hellseher wird das anempfehlen. Denn es handelt sich nicht bloß darum, daß man für die höheren Welten dieses oder jenes erreicht, sondern darum, daß man alles beachtet, was in Betracht kommt.

[ 19 ] In dem Augenblick, wo man die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, kommt man in ganz anderer Weise, als man ihnen in der physisch-sinnlichen Welt gegenübertritt, in die Nähe der luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten, von denen wir schon gesprochen haben. Und man erlebt das Eigentümliche, sobald man die Schwelle überschritten hat, das heißt, sobald man Lotusblumen und ein Rückgrat hat, daß man sogleich die luziferischen Mächte herankommen sieht. Diese haben das Bestreben, die Blätter der Lotusblüten zu ergreifen. Sie strecken die Fangarme aus nach unseren Lotusblüten, und man muß in der richtigen Weise sich entwickelt haben, damit man diese Lotusblüten zur Erfassung der geistigen Vorgänge verwendet, und daß sie einem nicht erfaßt werden von luziferischen Mächten. Daß sie nicht erfaßt werden von luziferischen Mächten, ist aber nur möglich, wenn man mit Befestigung der moralischen Kräfte in die geistige Welt hinaufsteigt.

[ 20 ] Ich habe schon angedeutet, daß in der physisch-sinnlichen Welt die ahrimanischen Kräfte mehr von außen, die luziferischen mehr von innen in der Seele an den Menschen herankommen. In der geistigen Welt ist es umgekehrt: da kommen die luziferischen Wesenheiten von außen und wollen die Lotusblumen ergreifen, und die ahrimanischen Wesenheiten kommen von innen und setzen sich fest in dem elementarischen Rückgrat. Und jetzt schließen, wenn man nicht in Moralität hinaufgestiegen ist in die geistige Welt, einen merkwürdigen Bund miteinander die ahrimanischen und die luziferischen Mächte. Wenn man mit Ehrgeiz, Eitelkeit, mit Machtgelüsten, mit Stolz hinaufgestiegen ist, dann gelingt es Ahriman und Luzifer miteinander einen Bund zu schließen. Ich werde zwar ein Bild gebrauchen für das, was dann Ahriman und Luzifer tun, aber dieses Bild entspricht der Wirklichkeit, und Sie werden mich verstehen. Es geschieht wirklich, was ich durch dieses Bild andeute: Ahriman und Luzifer schließen einen Bund, und Luzifer mit Ahriman zusammen knüpfen die Blätter der Lotusblumen an das elementarische Rückgrat an. Alle Blätter der Lotusblumen werden mit dem elementarischen Rückgrat zusammengebunden, der Mensch wird in sich selber zusammengeschnütrt, in sich selber gefesselt durch seine entwickelten Lotusblumen und durch sein elementarisches Rückgrat. Und das hat zur Folge, daß ein Grad von Egoismus und ein Grad von Liebe zur Täuschung eintritt, die ganz undenkbar sind, wenn der Mensch in der physischen Welt nur stehenbleibt. Das ist es also, was passieren kann, wenn hellsichtiges Bewußtsein nicht in der gehörigen Weise herangebildet wird: Ahriman und Luzifer schließen den Bund, durch den die Blätter der Lotusblumen an das elementarische Rückgrat angebunden werden. Und so wird man in sich selber gefesselt durch seine eigenen elementarischen oder ätherischen Fähigkeiten. Das sind alles Dinge, die man wissen muß, wenn man versuchen will, in die wirkliche geistige Welt erkennend einzudringen.