Die Geheimnisse der Schwelle
GA 147
27 August 1913, München
Vierter Vortrag
[ 1 ] Wenn die hellsichtig gewordene Seele immer weiter und weiter fortschreitet, dann dringt sie aus dem, was in den letzten Tagen hier die elementarische Welt genannt worden ist, weiter hinein in die eigentlich geistige Welt. Vieles von dem, was bereits angedeutet worden ist, muß in einem noch verschärften Maße beachtet werden, wenn es sich um den Aufstieg der menschlichen Seele in die eigentlich geistige Welt handelt. Innerhalb der elementarischen Welt erinnert noch manches in den Vorgängen und Dingen, welche die hellsichtig gewordene Seele in dieser elementarischen Welt um sich hat, an Eigenschaften, an Kräfte, an allerlei in der Sinneswelt. Wenn aber die Seele in die geistige Welt hinaufsteigt, dann treten ihr die Eigenschaften, die Merkmale der Vorgänge und Wesenheiten in einer ganz anderen Art entgegen, als dieses in der Sinneswelt der Fall ist. In einem viel erhöhteren Maße muß die Seele für die geistige Welt gewissermaßen sich abgewöhnen, mit den Fähigkeiten und mit dem Anschauungsvermögen, die für die Sinneswelt taugen, auskommen zu wollen. Und zu dem Beunruhigendsten gehört es ja für die menschliche Seele, gegenüberzustehen einer Welt, an die sie ganz und gar nicht gewöhnt ist, die für sie notwendig macht, daß sie alles gleichsam hinter sich läßt, was sie bisher hat erfahren, beobachten können. Dennoch, wenn Sie in meiner «Theosophie» oder in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» oder auch jetzt wiederum in dem fünften und sechsten Bild von «Der Seelen Erwachen» die Darstellungen ins Auge fassen, die von der eigentlich geistigen Welt gegeben sind, so wird Ihnen auffallen, daß diese Darstellungen — sowohl die mehr wissenschaftlich gehaltenen wie die mehr anschaulich und szenengemäßen — in Bildermaterial gegeben sind, das sozusagen durchaus entnommen ist Eindrücken, Beobachtungen der physisch-sinnlichen Welt.
[ 2 ] Erinnern Sie sich einen Augenblick, wie dargestellt ist der Durchgang durch das sogenannte Devachan, oder wie ich es genannt habe, das Geisterland. Sie werden finden, die Bilder, die da verwendet sind, enthalten Merkmale, die der sinnlichen Anschauung entnommen sind. Das muß von vornherein ja notwendig erscheinen, wenn man es unternimmt, das Geistgebiet, das Gebiet, welches die menschliche Seele durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, szenisch auf der Bühne darzustellen. Da ist es notwendig, die Vorgänge, alles, was geschieht, in Bildern zu charakterisieren, die der physisch-sinnlichen Welt entnommen sind. Denn Sie können sich leicht vorstellen, daß mit dem, was man aus der eigentlich geistigen Welt bringen würde, und was in gar nichts etwas gemein haben könnte mit der Sinneswelt, daß mit dem etwa die heutigen Theaterarbeiter wenig anzustellen wüßten. So ist man in die Notwendigkeit versetzt, wenn man das Geistgebiet darstellt, sich durch Bilder auszudrücken, die der sinnlichen Beobachtung entnommen sind. Nun ist aber nicht bloß dieses der Fall. Man könnte leicht glauben, in der Darstellung müsse man so verfahren — weil dasjenige, was man da als sinnliche Bilder verwendet, hindeutet auf eine Welt, die gar nichts in ihren Merkmalen gemeinschaftlich hat mit der Sinneswelt —, man könnte glauben, derjenige, der diese Welt darstellen will, der nehme eben seine Zuflucht zu sinnlichen Bildern. Das ist aber nicht der Fall. Denn die hellsichtig gewordene Seele, wenn sie sich in die geistige Welt hineinbegibt, sieht wirklich diese Szenerie in genau den Bildern, die Sie im Drama in den beiden Bildern des Geistgebietes dargestellt sehen. Diese Bilder sind nicht ausgedacht, um etwas durch sie zu charakterisieren, was ganz anders ist, sondern die hellsichtig gewordene Seele ist in einer solchen Szenerie, die ihre Umwelt bildet, wirklich und wahrhaftig darinnen. Wie die Seele in der physisch-sinnlichen Welt in einer Landschaft ist, wo Felsen, Berge, Wälder, Felder um sie herum sind, und wie sie diese für Realität, für Wirklichkeit halten muß, wenn sie gesund ist, so ist die hellsichtig gewordene Seele, wenn sie außer dem physischen und auch dem ätherischen Leibe beobachtet, ganz genau so in einer Szenerie darinnen, die sich aufbaut aus diesen Bildern. Diese Bilder sind nicht willkürlich gewählt, sondern sind tatsächlich in der betreffenden Welt die wahre Umgebung der Seele. So ist es also nicht etwa so, daß dieses fünfte und sechste Bild von «Der Seelen Erwachen» dadurch zustande gekommen wären, daß irgend etwas hätte ausgedrückt werden sollen von einer unbekannten Welt, und dann hätte man nachgedacht: Wie kann man das ausdrücken? —, sondern es ist so, daß das eine Welt ist, welche die Seele um sich herum hat und gewissermaßen nur nachbildet.
[ 3 ] Nun ist es aber doch notwendig, daß die hellsichtig gewordene Seele für das Geistgebiet, für das Geisterland das richtige Verhältnis gewinnt zu der wahrhaftigen Realität, die nichts gemein hat mit der Sinneswelt. Man kann sich eine Vorstellung machen von diesem Verhältnis, das die Seele gewinnen muß zur geistigen Welt, wenn man die Art, wie die Seele aufzufassen hat diese geistige Welt, in der folgenden Weise zu charakterisieren versucht. Denken Sie sich einmal, Sie schlagen ein Buch auf. Da oben, da finden Sie so etwas wie einen Strich von links oben nach rechts unten, dann einen Strich von links unten nach rechts oben, dann wieder einen Strich von links oben nach rechts unten parallel zum ersten und einen weiteren von links unten nach rechts oben parallel zum zweiten; dann kommt etwas, was oben einen Kreis hat und unten einen nicht ganz geschlossenen Kreis; dann kommt etwas, das zwei vertikale Striche hat, die oben verbunden sind, und noch einmal so etwas. Nicht wahr, so machen Sie es nicht, wenn Sie ein Buch aufschlagen und das erste, was da steht, ins Auge fassen, sondern Sie lesen das Wort: Wenn. Sie beschreiben nicht das W als Striche und das e als oben einen Kreis und unten einen nicht ganz geschlossenen Kreis und so weiter, sondern Sie lesen. Sie gewinnen, indem Sie die Formen der Buchstaben, die vor Ihnen sind, ins Auge fassen, ein Verhältnis zu etwas, was nicht auf der Seite des Buches steht, sondern worauf das, was auf der Seite des Buches steht, hindeutet.
[ 4 ] So ist es tatsächlich auch mit dem Verhältnis der Seele zu der gesamten Bilderwelt des Geistgebietes. Das, was man da zu tun hat, ist nicht ein Beschreiben bloß desjenigen, was da ist, sondern es läßt sich vielmehr vergleichen mit einem Lesen; und das, was man an Bildern vor sich hat, ist im Grunde genommen eine kosmische Schrift, und man hat die richtige Seelenverfassung dazu, wenn man sich so stellt, daß man fühlt, man habe in den Bildern eine kosmische Schrift vor sich, und die Bilder vermitteln, bedeuten einem dasjenige, was die Realität der geistigen Welt ist, vor welche eigentlich diese ganze Bilderwelt hingewoben ist. Daher muß man im echten, wahren Sinne sprechen von einem Lesen der kosmischen Schrift im Geistgebiete.
[ 5 ] Nun darf man sich die Sache aber nicht so vorstellen, daß man dieses Lesen der kosmischen Schrift so zu lernen hat wie das Lesen in der physischen Welt. Das Lesen in der physischen Welt beruht mehr oder weniger wenigstens heute — in der Urzeit der Menschheit war es nicht so —, auf der Beziehung von Willkürzeichen zu dem, was sie bedeuten. So lesen zu lernen, wie man für diese Willkürzeichen lesen lernt, braucht man nicht gegenüber der kosmischen Schrift, die sich wie ein mächtiges Tableau als Ausdruck des Geisterlandes für die hellsichtig gewordene Seele darstellt. Sondern man soll eigentlich nur das, was sich da darstellt an Bilderszenerie, unbefangen und mit empfänglicher Seele hinnehmen, denn das, was man daran erlebt, das ist schon das Lesen. Diese Bilder strömen sozusagen ihren Sinn von selber aus. Daher kann es leicht vorkommen, daß eine Art von Kommentieren, von Interpretieren der Bilder der geistigen Welt in abstrakten Vorstellungen eher ein Hindernis ist für das unmittelbare Hingelenktwerden der Seele zu dem, was hinter der okkulten Schrift steht, als daß es einen unterstützen könnte in diesem Lesen. Bei so etwas handelt es sich vor allen Dingen, sowohl in dem Buch «Theosophie» wie auch in den Bildern von «Der Seelen Erwachen» darum, daß man die Dinge unbefangen auf sich wirken läßt. Mit den tieferen Kräften, die manchmal ganz schattenhaft zum Bewußtsein kommen, erlebt man schon den Hinweis auf die geistige Welt. Um diesen Hinweis auf die geistige Welt zu bekommen — fassen Sie das wohl ins Seelenauge —, braucht man nicht einmal die Hellsichtigkeit anzustreben, sondern man braucht nur solche Bilder so aufzufassen, daß man für sie eine offene, empfängliche Seele hat, daß man nicht mit grobem materialistischem Sinn an die Sache geht und sagt: Das ist doch alles Unsinn, das gibt es ja gar nicht! — Eine empfängliche Seele, welche eingeht auf den Verlauf solcher Bilder, lernt sie schon lesen. Durch die Hingabe der Seele an diese Bilder ergibt sich das Verständnis, das gesucht werden sollte für die Welt des Geisterlandes. Und weil das, was ich gesagt habe, wirklich so ist, ergeben sich aus unserer gegenwärtigen materialistischen Weltanschauung heraus die zahlreichen Einwände gegen die Geisteswissenschaft.
[ 6 ] Solche Einwände sind im Grunde genommen auf der einen Seite sehr naheliegend, auf der anderen können sie sehr geistvoll und scheinbar außerordentlich logisch sein. Man kann sagen — und das ist wirklich ein Einwand, der nicht unberechtigt ist —, wenn man zum Beispiel ein Ferdinand Reinecke ist, der so überschlau ist, daß er nicht nur von Menschen dafür gehalten wird, sondern auch in berechtigter Weise von Ahriman, man kann sagen: Ja, ihr, die ihr uns das hellsichtige Bewußtsein beschreibt, die ihr von der geistigen Welt sprecht, ihr stellt diese ganze geistige Welt doch nur mit dem Material der sinnlichen Vorstellungen zusammen; ihr gruppiert das Material der sinnlichen Vorstellungen. Wie könnt ihr behaupten, da ihr doch wirklich nur aus lauter bekannten sinnlichen Bildern eine Szenerie zusammenstellt, daß man dadurch etwas Neues erfahren sollte, etwas, was man sonst nicht erfährt, wenn man sich nicht der geistigen Welt nähert. — Das ist ein Einwand, der sehr viele blenden muß, und der vom gegenwärtigen Bewußtsein aus, man könnte sagen, mit einem gewissen scheinbaren und doch wiederum vollen Recht gemacht wird. Und dennoch, wenn man tiefer eingeht auf solche Einwände Ferdinand Reineckes, dann ist doch das Folgende richtig. Solch ein Einwand käme ganz gleich dem anderen, den jemand machte, wenn er zu einem, der eben einen Brief bekommen hat, sagen würde: Ja, sieh, du hast da einen Brief bekommen, ich sehe da nichts anderes als Buchstaben und Worte, die ich längst kenne; wie willst du da durch diesen Brief etwas Neues erfahren! Da kannst du nur etwas erfahren, was wir längst schon kennen. — Und dennoch, wir erfahren durch das, was man längst kennt, unter Umständen etwas, wovon wir uns nichts haben träumen lassen. So ist es auch mit den Bilderszenerien, die sich nicht nur in der Darstellung einfinden müssen, sondern die dem hellsichtigen Bewußtsein ringsum geoffenbart werden. Sie sind in gewisser Beziehung zusammengestellt aus Reminiszenzen der Sinneswelt; aber wie sie sich darbieten als kosmische Schrift, stellen sie dasjenige dar, was der Mensch nicht innerhalb der Sinneswelt und auch nicht innerhalb der elementarischen Welt erfahren kann. Immer wieder und wieder soll betont werden, daß dieses Sich-Verhalten zur geistigen Welt verglichen werden muß mit einem Lesen, nicht mit einem unmittelbaren Anschauen.
[ 7 ] Während also der Erdenmensch, der hellsichtig geworden ist, die Dinge und Vorgänge der sinnlich-physischen Welt so aufzufassen hat, wenn er mit einer gesunden Seele sich zu diesen Dingen verhalten will, daß er diese Dinge anschaut und möglichst treu beschreibt, ist das Verhältnis zum Geisterland ein anderes. Da hat man es zu tun, sobald man die Schwelle in die geistige Welt überschritten hat, mit etwas, was man mit einem Lesen zu vergleichen hat. Wenn man ins Auge faßt, was aus diesem Geisterlande heraus für das menschliche Leben erkannt werden muß, dann gibt es allerdings noch anderes, was die Einwände Ferdinand Reineckes aus dem Felde schlagen kann. Solche Einwände muß man nicht leicht nehmen; man muß sich gewissermaßen, wenn man in der richtigen Art Geisteswissenschaft verstehen will, mit diesen Einwänden auseinandersetzen. Man muß bedenken, daß die Menschen der Gegenwart vielfach gar nicht umhin können, solche Einwände zu machen, weil alles Vorstellungsleben, weil die Denkgewohnheiten der Menschen der Gegenwart eben so sind, daß sie aus Scheu, aus Furcht, vor dem Nichts zu stehen, wenn sie von der geistigen Welt hören, diese geistige Welt einfach ablehnen. Man kann da von dem Verhältnis der Menschen der Gegenwart zur geistigen Welt gute Begriffe sich machen, wenn man ins Auge faßt, was über die geistige Welt solche Menschen denken, die eigentlich in gewisser Beziehung gutmeinend in bezug auf die geistige Welt sind.
[ 8 ] Da ist in der Literatur der Gegenwart in der letzten Zeit ein Buch erschienen, das lesenswert auch für diejenigen ist, die sich ein wirkliches Verständnis für die geistige Welt schon erworben haben, denn es rührt von einem Manne her, der eigentlich gutmeinend ist, und der sich ganz gerne eine Art Erkenntnis von der geistigen Welt bilden möchte, von Maurice Maeterlinck. Das Buch ist auch in die deutsche Sprache übersetzt und heißt: «Vom Tode.» Es rührt von einem Manne her, der in den ersten Kapiteln zeigt, er möchte etwas verstehen von diesen Dingen. Da wir wissen, daß er in gewisser Weise ein feinsinniger Geist ist, der sich unter anderem von Novalis hat anregen lassen, der in einer gewissen Weise die mystische Romantik sich zu eigen gemacht hat, der selber manches, was sehr interessant ist, theoretisch und künstlerisch in bezug auf das Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt geleistet hat, so ist gerade sein Beispiel ganz besonders interessant. In den Kapiteln des Buches «Vom Tode» des Maurice Maeterlinck, in denen er auf das eigentliche Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt zu sprechen kommt, wird nun dieses Buch ganz töricht und absurd. Und das ist eine interessante Erscheinung, daß ein gutmeinender Mensch, der mit den Denkgewohnheiten der Gegenwart operiert, töricht wird. Ich sage das nicht, um eine schimpfende Kritik auszusprechen, sondern um objektiv zu charakterisieren, daß ein solcher gutmeinender Mensch töricht wird, wenn er das Verhältnis der menschlichen Seele zum Geisterlande ins Auge fassen will. Denn davon kann sich Maurice Maeterlinck gar keinen Begriff machen, daß es eine Möglichkeit gibt, die menschliche Seele so zu erkraften und zu erstarken, daß sie alles hinter sich lassen kann, was in sie hereinkommen kann durch sinnliche Beobachtung und durch das gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen auf dem physischen Plan und sogar auch noch in der elementarischen Welt. Für solche Geister, wie Maurice Maeterlinck einer ist, ist einfach, wenn die Seele alles, was die Sinneswahrnehmung und das damit verbundene Denken, Fühlen und Wollen ausmacht, hinter sich läßt, gar nichts mehr da. Daher verlangt Maurice Maeterlinck in dem genannten Buche Beweise für die geistige Welt und ihre Tatsachen. Es ist natürlich durchaus berechtigt, Beweise für die geistige Welt zu verlangen. Man hat damit ganz recht. Aber man kann sie nicht so verlangen wie Maurice Maeterlinck. Er würde sich Beweise gefallen lassen, die so handgreiflich sind wie die Beweise nach dem Muster der Wissenschaft für den physischen Plan. Er würde sich auch noch gefallen lassen weil in der elementarischen Welt die Dinge noch an die physische Welt erinnern — durch Experimente, die den physischen nachgebildet sind, sich beweisen zu lassen, daß die Dinge der geistigen Welt bestehen. Das fordert er. Aber damit zeigt er gerade, daß er für die wahre geistige Welt nicht das allergeringste Verständnis hat. Denn er will Dinge und Vorgänge, die nichts an sich haben von den Dingen und Vorgängen der physischen Welt, mit den Mitteln, die der physischen Welt entlehnt sind, bewiesen haben. Man hätte vielmehr die Aufgabe zu zeigen, wie solche Beweise, die Maurice Maeterlinck verlangt, eben unmöglich sind für die geistige Welt. Ich muß solch ein Verlangen, wie das des Maurice Maeterlinck, immer wieder vergleichen mit etwas, was sich in der Mathematik vollzogen hat. Die ‘ verschiedenen Akademien haben bis vor kurzer Zeit immer wieder und wieder Abhandlungen bekommen über die sogenannte Quadratur des Zirkels. Das heißt, man versuchte geometrisch zu beweisen, wie man einen Kreis in ein Quadrat verwandeln kann. Unzählige mathematische Abhandlungen in mathematischer Beweisführung sind darüber geschrieben worden. Heute ist jeder ein Dilettant, der eine solche Abhandlung noch versuchen wollte, denn es ist bewiesen, daß eine solche Quadratur des Zirkels mit den geometrischen Mitteln nicht ausführbar, nicht möglich ist. Dasjenige nun, was Maurice Maeterlinck als Beweis für die geistige Welt verlangt, ist auf das geistige Gebiet übertragen nichts anderes als die Quadratur des Zirkels, und ist ebenso deplaciert für die geistige Welt wie für das Mathematische die Quadratur des Zirkels. Was verlangt Maurice Maeterlinck im Grunde genommen? Wenn man weiß, daß, sobald man die Schwelle zur geistigen Welt übertritt, man in einer Welt lebt, die nichts gemein hat mit der physischen und auch elementarischen Welt, so kann man nicht verlangen: Ja, wenn du mir etwas beweisen willst, dann gehe gefälligst zurück in die physische Welt und beweise mir dort die Dinge der anderen, der geistigen Welt. — Man muß sich schon einmal für die Dinge der Geisteswissenschaft damit bekanntmachen, daß von den gutmeinendsten Menschen Absurditäten geschehen, die, wenn man sie ins gewöhnliche Leben überträgt, sogleich als Absurditäten erscheinen. Das ist so, wie wenn jemand sagen würde, man solle sich auf den Kopf stellen und dennoch mit den Beinen gehen. Wenn man das verlangt, so sieht das jeder als einen Unsinn ein. Wenn man es in bezug auf Beweise der geistigen Welt macht, dann ist es geistvoll, dann ist es wissenschaftliche Forderung, dann merkt es der Autor am wenigsten, und seine Bekenner, besonders wenn es sich um einen berühmten Autor handelt, merken es natürlich auch nicht. Der ganze Fehler solcher Forderungen entspringt eben daraus, daß Menschen, die solche Forderungen stellen, sich niemals über das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt aufgeklärt haben.
[ 9 ] Wenn man Vorstellungen, die nur aus der geistigen Welt heraus gewonnen werden können, durch das hellsichtige Bewußtsein erlangt, so können diese von den Ferdinand Reineckes natürlich auch viele Anfechtungen erfahren. Alle Vorstellungen, die wir gewinnen sollen über die sogenannte Reinkarnation, über die wiederholten Erdenleben, also wirklich reale Rückerinnerungen an frühere Erdenleben, kann man nur erlangen durch dasjenige Verhalten der Seele, das eben notwendig ist, zur geistigen Welt. Nur aus der geistigen Welt heraus kann man sie erlangen. Wenn man nun Eindrücke, Vorstellungen in der Seele hat, die einen zurückverweisen auf frühere Erdenleben, so werden solche Eindrücke ganz besonders der Gegnerschaft unserer heutigen Zeit ausgesetzt sein. Es soll von vornherein nicht geleugnet werden, daß gerade auf diesem Gebiete der schlimmste Unfug selbstverständlich getrieben wird, denn gar mancherlei Leute haben diese oder jene Impression und beziehen sie auf diese oder jene vorhergehenden Inkarnationen. Da wird es der Gegner leicht haben, zu sagen: Ja, da fluten in dein Seelenleben Vorstellungen von Erlebnissen zwischen Geburt und Tod herein, die du nur nicht als solche erkennst. — Das kann gewiß — man muß das zugeben — in hundert und aber hundert Fällen der Fall sein. Man muß sich nur klar darüber sein, daß der Geistesforscher in solchen Dingen eben Bescheid wissen muß. Es kann durchaus sein, daß irgend jemand etwas im Kindheits-, im Jugendalter erlebt, und daß in vollständiger Umwandlung in einem späteren Lebensalter das, was da erlebt ist, ins Bewußtsein wieder herauftritt. Es kann sein, daß er das nicht erkennt und es dann für eine Rückerinnerung an vorhergehende Erdenleben hält. Das kann der Fall sein. Man weiß auch innerhalb der Geisteswissenschaft, wie leicht das zustande kommen kann. Sehen Sie, Erinnerungen können sich bilden nicht nur an das, was man klar erlebt hat. Man kann ein Erlebnis haben, das so vorüberhuscht, daß man es sich nicht ganz klar zum Bewußtsein bringt, während man es erlebt, und dennoch kann es später als Erinnerung auftreten und dann deutlich sein. Da wird man, wenn man sich nicht kritisch genug verhält, darauf schwören, man habe etwas in der Seele, was man niemals in diesem gegenwärtigen Leben erlebt hat. Weil das so ist, ist es begreiflich, daß mit solchen Impressionen viel Unfug getrieben wird von mancherlei Leuten, die sich mit Geisteswissenschaft — aber nicht in genügendem Ernst — befassen. Gerade bei der Lehre von der Reinkarnation kann das vorkommen, da außerdem in bezug auf diese Reinkarnation so viel von menschlicher Eitelkeit, von menschlichem Ehrgeiz in Betracht kommt. Es ist für manchen Menschen so wünschenswert, in einer früheren Inkarnation Julius Cäsar oder Marie Antoinette gewesen zu sein. Ich könnte zum Beispiel fünfundzwanzig, sechsundzwanzig wiederverkörperte Maria Magdalenen aufzählen, die mir im Leben vorgekommen sind! Da spielen so viele Dinge hinein, daß der Geistesforscher gar keine Veranlassung hat, nicht selber aufmerksam zu machen auf den Unfug, der in dieser Beziehung getrieben wird. Aber dem gegenüber muß etwas anderes betont werden.
[ 10 ] Bei dem wahren Hellsehen, wenn es Impressionen hat von früheren Erdenleben, treten diese Eindrücke in einer Art, mit einer Charakteristik auf, wenn man als hellsichtige Seele eben eine gesunde Seele hat, daß man dann sehr deutlich erkennen kann und es unverkennbar ist, daß man es nicht mit etwas zu tun hat, was aus dem gegenwärtigen Leben zwischen Geburt und Tod herstammen kann. Denn diese Reminiszenzen, diese wahren, echten Erinnerungen des richtigen Hellsehens an frühere Verkörperungen auf der Erde haben viel mehr etwas Überraschendes, etwas Frappierendes, als daß man glauben könnte, die Seele brächte sie aus ihren Tiefen herauf mit den Mitteln, die ihr menschenmöglich sind, wenn sie nicht bloß das, was in ihrem Bewußtsein ist, sondern auch in ihren unterbewußten Tiefen ist, zuhilfe nimmt. Man muß sich eben als Geisteswissenschafter bekanntmachen mit dem, worauf eine Seele nach ihren Erlebnissen von außen kommen kann. Es werden nicht bloß die Wünsche, die Begierden sein, die eine große Rolle spielen, wenn aus den unbekannten Seelenfluten Impressionen heraufgezogen werden in verwandelter Gestalt, so daß man sie nicht als Erlebnisse des gegenwärtigen Lebens erkennt, es spielen noch viele andere Dinge mit. Aber das, was zumeist die erschütternden Eindrücke aus vorhergehenden Erdenleben sind, kann man sehr leicht unterscheiden von solchen Impressionen aus dem gegenwärtigen Leben. Um ein Beispiel anzuführen: Wenn jemand eine wahre Impression hat aus einem vorhergehenden Erdenleben, wird das zum Beispiel so der Fall sein, daß der Betreffende innerlich erlebt, wie aus den Seelenfluten herauftauchend: du warst im vorhergehenden Erdenleben der und der. — Und dann wird sich zeigen, daß in dem Zeitpunkt, in dem diese Impression herankommt, man äußerlich in der physischen Welt gar nichts anzufangen weiß mit dieser Erkenntnis. Diese kann einen vorwärtsbringen in der Entwickelung, aber sie zeigt sich in der Regel so, daß man sich sagt: Nun, du warst eben in der vorhergehenden Inkarnation mit dieser Fähigkeit ausgestattet. Wenn man aber eine solche Impression hat, dann ist man schon so alt, daß man gar nichts mehr mit dem anfangen kann, was manin dem vorhergehenden Leben gewesen ist. Und solche Umstände werden immer da sein, die einem zeigen, die Impressionen können gar nicht aus dem stammen, worauf man aus dem gegenwärtigen Leben kommen könnte, denn wenn man aus dem gewöhnlichen Traum heraus arbeiten würde, dann würde man sich ganz andere Eigenschaften für eine vorhergehende Inkarnation beilegen. Wie man in der vorhergehenden Inkarnation war, davon läßt man sich gewöhnlich nichts träumen. Es ist gewöhnlich alles anders, als man denkt. Wenn man die Impression hat, daß man dieses oder jenes Verhältnis zu einem Erdenmenschen hatte, wenn das im wahren Hellsehen als eine wirkliche, richtige Impression von einem vorhergehenden Erdenleben auftaucht, muß man natürlich wiederum darauf aufmerksam machen, daß im unrichtigen Hellsehen ja viele vorhergehende Inkarnationen so beschrieben werden, daß sie sich auf die Freunde und Feinde, die man in der unmittelbaren Umgebung hat, beziehen. Das ist meist Unfug. Wenn man eine wirkliche richtige Impression hat, dann zeigt sich, daß man ein Verhältnis hat zu einer Persönlichkeit, zu der man nicht kommen kann, wenn man die Impression hat, so daß man diese Dinge unmöglich auf das unmittelbar praktische Leben anwenden kann.
[ 11 ] Und man muß solchen Impressionen gegenüber auch eine Stimmung entwickeln, die notwendig ist für das hellsichtige Bewußtsein. Natürlich, wenn man die Impression hat: Zu der Persönlichkeit stehst du so —, so müssen sich die Dinge ausleben, die durch die Impression gegeben sind. Man muß durch die Impression mit der Persönlichkeit wiederum in ein Verhältnis kommen. Das kann sein in einem zweiten, dritten Erdenleben. Man muß die Stimmung haben, ruhig zu warten, eine Stimmung, die man bezeichnen kann als wirkliche innere Seelenruhe, Geistesfriedsamkeit. Das gehört zur richtigen Beurteilung dessen, was man in der geistigen Welt erlebt.
[ 12 ] Wenn man in bezug auf irgendeinen Menschen in der physischen Welt etwas erfahren will, so tut man irgend etwas, was man in dem Sinne dieser Erfahrung für nötig hält. Das kann man nicht mit der Impression von Geistesfriedsamkeit, Seelenruhe, Abwartenkönnen. Es ist eine durchaus berechtigte Schilderung der Verfassung der Seele gegenüber den wahren Eindrücken der geistigen Welt, wenn man sagt:
Erstreben nichts — nur friedsam ruhig sein,
Der Seele Innenwesen ganz Erwartung.
[ 13 ] In einer gewissen Beziehung muß diese Stimmung über das ganze Seelenleben ausgegossen sein, wenn in der richtigen Weise an die hellsichtige Seele die Erfahrungen des Geisterlandes herantreten sollen.
[ 14 ] Aber die Ferdinand Reineckes sind nicht immer so leicht zu widerlegen, selbst nicht in einem solchen Fall, wo Impressionen in der Seele auftreten, von denen man sagen kann: Es ist nicht menschenmöglich, daß die Seele mit den Kräften und Gewohnheiten, die sie sich im gegenwärtigen Erdenleben angeeignet hat, das vorstellen könnte, was da herauftaucht aus den Seelenfluten —, im Gegenteil, wenn es nach ihr ginge, würde sie sich etwas anderes vorgestellt haben. — Selbst wenn man das sagen kann, was ein sicheres Kennzeichen ist für die wahren, echten Eindrücke aus der geistigen Welt, so kann noch ein überschlauer Ferdinand Reinecke kommen und etwas einwenden. Und in der Geisteswissenschaft muß man durchaus auf dem Standpunkt stehen, daß man nicht gegenüber den Einwänden der der Geisteswissenschaft fernestehenden und von ihr nichts wissen wollenden Gegner sagt: Der Seele Innenwesen ganz Erwartung. — Das ist gegenüber der geistigen Welt die richtige Stimmung. Aber in bezug auf die Einwände der Gegner sollte man gerade als Geistesforscher nichts erwarten, sondern sich selber all diese Einwände machen, so daß man weiß, was eingewendet werden kann. Und da ist ein Einwand, der heute naheliegt, der wirklich auch in der psychologischen, psychopathologischen, physiologischen Literatur, in den manchmal gelehrt und wissenschaftlich sich dünkenden Schriften gemacht wird, da ist der Einwand: Nun, das Seelenleben des Menschen ist kompliziert. In den Tiefen desselben ist manches, was in das Oberbewußtsein nicht heraufdringt. — Da, wo man heute überschlau sein will, sagt man nicht nur, daß die Wünsche, die Begierden allerlei heraufbringen, was da unten in den Seelenfluten ist, sondern man sagt noch: Das Seelenleben, wenn es irgendein Erlebnis hat, erlebt im Geheimen etwas wie eine Auflehnung, wie eine Art Opposition gegen das, was es erlebt. Von dieser Opposition, die der Mensch immer erlebt, weiß er in der Regel nichts, aber sie kann dann heraufdringen aus den unteren in die oberen Regionen des Seelenlebens. — Man gibt sogar vielfach in der psychologischen, psychopathologischen, physiologischen Literatur, weil man die Tatsachen nicht leugnen kann, Dinge zu, wie die folgenden: Nun, wenn eine Seele in eine andere recht verliebt ist, so kann sie nicht anders, als in den unbewußten Seelentiefen neben der bewußten Verliebtheit eine furchtbare Antipathie gegen die geliebte Seele nebenbei zu entwickeln. — Und es liegt im Sinne mancher Psychopathologen, zu sagen: Wenn einer recht liebt, so ist in den Tiefen der Seele Haß. Dieser Haß wird nur überstimmt durch die Liebesbegierde, aber Haß ist doch vorhanden. — Wenn solche Dinge — sagen dann die Ferdinand Reineckes — aus den Tiefen der Seele heraufkommen, dann sind das Impressionen, die sehr leicht die Täuschung abgeben können, daß sie nicht in der individuell erlebten Seele ihren Sitz haben können; dennoch können sie ihn haben, weil das Seelenleben kompliziert ist sagen die Ferdinand Reineckes. Man kann immer nur sagen: Gewiß, das weiß der Geistesforscher gerade so gut wie der Psychologe oder Psychopathologe oder Physiologe der Gegenwart. Es wurzelt tief in dem materialistischen Bewußtsein unserer Zeit, solche Einwände zu machen. Dieses Erlebnis hat man schon einmal, wenn man heute die genannte Literatur durchmacht, die gerade über das Seelenleben handelt, über das gesunde und kranke, diesen Eindruck, daß Ferdinand Reinecke eine realistische, überall vorkommende, außerordentlich bedeutungsvolle Figur in der Gegenwart ist. Ferdinand Reinecke ist keine Erfindung. Wenn man all die Schriften, die heute so zahlreich erscheinen, Seite für Seite durchnimmt, wenn man die Blätter so umblättert, hat man den Eindruck: da springt überall das merkwürdige Gesicht Ferdinand Reineckes hervor. Er läuft überall herum in der heutigen Wissenschaft. Aber demgegenüber muß immer und immer wiederum betont werden, und ich stehe nicht an, demgegenüber auch eine Sache immer wiederum zu wiederholen, daß der Beweis, daß etwas nicht Phantasie, sondern Wirklichkeit, Realität ist, durch das Leben geführt werden muß. Immer wieder muß ich es sagen: Dieser Teil der Schopenhauerschen Philosophie, als ob die Welt nur Vorstellung wäre und man nicht unterscheiden könne Vorstellung von wirklicher Wahrnehmung, kann nur durch das Leben widerlegt werden. Ebenso wird die Kantsche Behauptung gegen den sogenannten Gottesbeweis, daß hundert mögliche Taler genau so viel Pfennige enthalten wie hundert wirkliche Taler, von jedem widerlegt, der seine Schuld mit möglichen Talern bezahlen will und nicht mit wirklichen. Und so muß auch das, was man Vorbereitung, Hineinleben der Seele in die Hellsichtigkeit nennt, in seiner Realität genommen werden. Da theoretisiert man nicht bloß, da eignet man sich ein Leben an, durch das man im Geistgebiete ebenso klar unterscheidet eine wirkliche Impression von einem vorhergegangenen Erdenleben von einer Impression, die das nicht ist, wie man heißes Eisen, das man an die Haut anlegt, unterscheidet von bloß eingebildetem Eisen. Wenn man das bedenkt, wird man sich auch darüber klar sein, daß die Einwände Ferdinand Reineckes auf diesem Gebiete eigentlich gar nichts besagen, weil sie eben von Leuten herkommen, die das Geistgebiet — ich will gar nicht sagen — nicht hellsichtig beschritten haben, sondern es auch niemals zu ihrem Verständnis gebracht haben.
[ 15 ] Das also muß ins Auge gefaßt werden, daß man sich, wenn man die Schwelle der geistigen Welt überschreitet, in ein Weltgebiet hineinbegibt, welches nichts mehr gemein hat mit dem, was die Sinne wahrnehmen können, und mit dem, was man wollend und denkend und fühlend in der physischen Welt erlebt.
[ 16 ] Man muß sich den Eigentümlichkeiten der geistigen Welt auch noch durch das Folgende nähern. Man muß sich sagen: Wodurch und wie man erfährt und beobachtet in der physisch-sinnlichen Welt, das alles muß man auch hinter sich lassen. — Ich habe beim Wahrnehmen der elementarischen Welt ein Bild gebraucht, das scheinbar ganz grotesk ist, das Bild von dem Hineinstecken des Kopfes in einen Ameisenhaufen. So ist es wirklich mit dem Bewußtsein in der elementarischen Welt. Man hat es da nicht zu tun mit Gedanken, die alles vertragen, die passiv sich vertragen, sondern man steckt das Bewußtsein in eine Welt hinein, in eine Gedankenwelt, wenn man sie so nennen will, die kribbelt und krabbelt, die Eigenleben hat. Daher muß man sich stark aufrecht erhalten in der Seele gegen die sich selbst bewegenden Gedanken. Aber in der elementarischen Welt erinnert eben so manches auch in diesem Raum kribbelnder und krabbelnder Gedanken an die physische Welt noch. Wenn man in die geistige Welt eintritt, dann erinnert nichts mehr an die physische Welt, sondern da lebt man sich ein in eine Welt — ich will den Ausdruck gebrauchen, den ich auch in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» gebrauchen werde —, in eine Welt von Gedankenlebewesen. In dieser geistigen Welt findet man das, von dem man in der physisch-sinnlichen Welt, wenn man denkt, nur etwas wie Schattenbilder, wie Gedankenschatten hat: die Gedankensubstanz, aus der die Wesen bestehen, in die man sich da hineinlebt. Wie die physisch-sinnliche Welt aus Fleisch und Blut besteht, so bestehen diese Wesen in der geistigen Welt aus Gedankensubstanz; sie sind Gedanken, lautere Gedanken, bloße Gedanken, aber lebendige Gedanken mit Innenwesenheit, sie sind Gedankenlebewesen. Daher können diese Gedankenlebewesen, in die man sich hineinlebt, auch nicht so Taten verrichten wie mit physischen Händen. Das, was die Wesen an Taten verrichten, was das Verhältnis des einen zum anderen Wesen bewirkt, das läßt sich für die geistige Welt nur vergleichen mit dem, was in der Sinneswelt als schwache Nachbilder davon existiert, mit der Verkörperung der Gedanken im Sprechen. Man lebt sich in die geistige Welt hinein, erlebt Gedankenlebewesen, und alles, was sie tun, was sie sind, wie sie aufeinander wirken, bildet ein Geistergespräch. Ein Geist spricht zum anderen, und eine Gedankensprache wird gesprochen in diesem Geisterlande. Aber diese Gedankensprache ist nicht bloß eine Sprache, sondern sie ist in ihrer Gesamtheit das, was die Taten der geistigen Welt darstellt. Indem diese Wesen sprechen: handeln, tun, agieren sie. Man lebt sich also, wenn man die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, in eine Welt hinein, wo Gedanken Wesen, wo Wesen Gedanken sind, aber als Wesen dort viel realer sind als der Mensch in Fleisch und Blut in der Sinneswelt. In eine Welt lebt man sich hinein, wo das Handeln im Geistgespräch besteht, wo die Worte sich hinüber- und herüberbewegen und wo etwas geschieht, indem es ausgesprochen wird. Daher muß man innerhalb dieser geistigen Welt und für die Vorgänge innerhalb derselben dasjenige sagen, was im dritten Bild von «Der Hüter der Schwelle» gesagt wird:
An diesem Orte sind die Worte Taten,
Und weitre Taten müssen ihnen folgen.
[ 17 ] Und alle okkulte Wahrnehmung, alles das, was die Eingeweihten aller Zeiten für die Menschheit geleistet haben, erschaute auf einem gewissen Gebiete dasjenige, was dieses Geistergespräch, das zugleich Geister-Tun ist, bedeutet. Und mit einem charakteristischen Ausdruck wurde das genannt das Weltenwort.
[ 18 ] Sehen Sie, jetzt sind wir unmittelbar mit unserer Betrachtung darinnen in dem Geisterlande, schauen uns die Wesenheiten und die Taten der Wesenheiten an. Und ihr Zusammenhang ist das vielstimmige, vieltönige, vieltatenreiche Weltenwort, in das man sich selber mit seiner eigenen seelischen Wesenheit — selber Weltenwort — tönend hineinlebt, so daß man selber Taten innerhalb der geistigen Welt verrichtet. Der Ausdruck Weltenwort, der durch alle Zeiten und Völker geht, drückt durchaus einen wahren Tatbestand des Geisterlandes aus. Verstehen in unserer Gegenwart, was mit dem Weltenwort gemeint ist, kann man nur dadurch, daß man sich in der Art, wie wir es versucht haben in dieser Betrachtung, der Eigentümlichkeit der geistigen Welt nähert. Wie man in den Okkultismen der verschiedenen Zeiten und Völker mehr oder weniger verständnisvoll gesprochen hat von dem Weltenwort, so ist es unserer Zeit notwendig, damit die Menschheit nicht durch den Materialismus veröde, daß Verständnis gewonnen werde für solche Worte, welche mit Bezug auf das Geisterland gesprochen werden:
An diesem Orte sind die Worte Taten,
Und weitre Taten müssen ihnen folgen.
[ 19 ] Notwendig ist es für unsere Zeit, daß die Seelen Realität, Vorstellung von Realitäten empfinden, wenn solche Worte gesprochen werden aus der Erkenntnis der geistigen Welt heraus. Man muß wissen, inwiefern dieses ebenso eine Charakteristik der geistigen Welt ist, als wenn man die gewöhnlichen sinnlichen Vorstellungen anwendet, um die sinnlich-physische Welt zu charakterisieren.
[ 20 ] Wie weit unsere Gegenwart solchen Worten: «An diesem Orte sind die Worte Taten, und weitre Taten müssen ihnen folgen», mit Verständnis entgegenkommt, davon wird abhängen, wie die Gegenwart die Geisteswissenschaft aufnimmt und wie gut die Menschen der Gegenwart vorbereitet sein werden, zu verhüten, daß durch den Materialismus, der sonst doch herrschen muß, die Menschheitskultur immer mehr und mehr in die Verödung, in die Verarmung, in den Niedergang hineinkomme.
