Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden
GA 150
5 May 1913, Paris
4. Die Umwandlung der Kräfte der Seele in der Initiation
[ 1 ] Zu sprechen gedenke ich heute über einen wichtigen Begriff der esoterischen Wissenschaft, den des Zusammenhangs von Mikrokosmos und Makrokosmos. Es gibt innerhalb der esoterischen Wissenschaft verschiedene prinzipielle Begriffe, die wie Leitmotive durch die ganze esoterische Bewegung gehen. Ein solcher ist der Begriff der rhythmischen Zahl, ein anderer der des Mikrokosmos und Makrokosmos. Das Geheimnis der Zahl drückt sich aus darin, daß gewisse Erscheinungen so aufeinanderfolgen, daß die siebente Wiederholung als Abschluß eines Ereignisses, die achte als Anfang eines neuen Ereignisses bezeichnet werden kann. Abgebildet ist diese Tatsache innerhalb der physischen Welt in dem Verhältnis der Oktave zum Grundton. Für diejenigen, welche versuchen, in okkulte Welten einzudringen, wird dieses Prinzip die Grundlage zu einer umfassenden Weltanschauung. Es sind nicht nur die Töne nach dem Gesetz der Zahl angeordnet, sondern auch die Ereignisse in der Zeit. Die Ereignisse der geistigen Welt sind so angeordnet, daß man ein Verhältnis findet wie in dem Rhythmus des Tones.
[ 2 ] Wichtiger noch ist das Verhältnis zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Das sinnliche Abbild davon finden wir auf Schritt und Tritt. Betrachten wir das Verhältnis der ganzen Pflanze zum Keim: in der ganzen Pflanze sehen wir einen Makrokosmos, in dem Keim einen Mikrokosmos. In gewisser Weise sind im Keim die Kräfte, die auf die ganze Pflanze verteilt sind, wie in einem Punkt zusammengedrängt. In ähnlicher Weise können wir die Entwickelung des einzelnen Menschen von der Kindheit bis ins Alter als Mikrokosmos, die Entwickelung eines Volkes als Makrokosmos auffassen. Jedes Volk hat eine Kindheit, in welcher es wichtige Kulturelemente aufnimmt. Ein Beispiel dafür sind die Römer, welche die griechische Kultur in sich aufnahmen. Ein Volk wächst heran und entnimmt aus sich selbst die Kräfte zu seiner weiteren Entwickelung. Daher ist es wichtig, daß der Angehörige eines Volkes durchmacht, was das ganze Volk durchmacht. Er verhält sich zu seiner Nation wie der Keim zur Pflanze. Im höchsten Maße finden wir das Verhältnis zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos beim Menschen, wie er uns in der Sinneswelt entgegentritt, und dem Kosmos. So wie er in der Sinneswelt vor uns steht, hat er die Kräfte des Universums in sich zusammengezogen, so wie im Keim die Kräfte der ganzen Pflanze zusammengezogen sind.
[ 3 ] Wir können uns nun fragen: Sind diese Kräfte im Menschen auch in irgendeiner Art verteilt auf den Makrokosmos, wie die Kräfte des Pflanzenkeims auf die ganze Pflanze verteilt sind? Die esoterische Wissenschaft allein kann uns darauf eine Antwort geben, denn innerhalb des Erdenlebens lernt sich der Mensch nur als Mikrokosmos kennen. Aber er lebt nicht nur im Mikrokosmos, sondern er hat auch ein Leben im Universum.
[ 4 ] Zunächst erscheint das nur wie eine Behauptung, daß der Mensch im Erleben von Wach- und Schlafzustand wechselt zwischen einem Leben im Mikrokosmos und einem Leben im Makrokosmos. Wenn er in den Schlaf versinkt, hört das Bewußtsein auf zu wirken, die Affekte hören auf für ihn da zu sein. Eine äußere Wissenschaft wird sich vergeblich bemühen, innerhalb des schlafenden Menschen das zu finden, was im Wachzustand sein Seelenleben ausmacht. Schon logisch aber ist es unmöglich, zu denken, daß beim Einschlafen das Seelenleben des Menschen vernichtet wird, und daß es beim Erwachen wieder aus dem Nichts herauskommt. Die äußere Wissenschaft wird in nicht zu ferner Zeit zugeben, daß man das Seelenleben aus den äußeren materiellen Tatsachen ebensowenig erkennen kann, wie man die Lunge kennt dadurch, daß man die Gesetze des Sauerstoffs kennt. Wir studieren dazu die Lunge in ihren organischen Funktionen. So auch erkennen wir, daß in den äußeren Gesetzen nichts ist von dem physischen Leben, das wir beim Erwachen einatmen und beim Einschlafen ausatmen. Für den Okkultisten ist einschlafen und aufwachen nichts anderes als Atmung. Der Mensch nimmt mit jedem Morgen geistig atmend GeistigSeelisches auf und atmet es wieder aus beim Einschlafen. Wo ist dieses Geistig-Seelische, wenn der Mensch im Schlafzustand ist, entsprechend der Luft im Raum, die er ausgeatmet hat? Die okkulte Wissenschaft zeigt uns, daß es umhüllt ist von der Atmosphäre der Geisteswelt, so wie wir umhüllt sind von der Luftatmosphäre, nur daß diese wenige Meilen sich hinaus erstreckt, jene das Weltall erfüllt.
[ 5 ] Betrachten wir das Quantum von Luft, das der Mensch im Leibe eingeatmet hat, bringen wir es in ein Verhältnis zur ganzen Atmosphäre: dasselbe Quantum, das nach dem Einatmen im menschlichen Leibe ist, fügt sich nach dem Ausatmen der Atmosphäre ein. So kann man im Sinne des Okkultismus sagen: Nach dem Einatmen ist es im Mikrokosmos, nach dem Ausatmen im Makrokosmos. Ebenso ist das seelisch-geistige Leben, das innerhalb unseres Leibes sich betätigt, vom Aufwachen bis zum Einschlafen im Mikrokosmos, vom Einschlafen bis zum Aufwachen im Makrokosmos. Wie uns die äußere physische Wissenschaft die Existenz der physischen Atmosphäre lehrt, so spricht die okkulte Wissenschaft von dem geistigen Makrokosmos, der unsere Seele im Schlafe aufnimmt.
[ 6 ] Die geistige Wissenschaft wird erlangt durch geistige Methoden: die Initiation. Das Leben unserer Seele innerhalb des Mikrokosmos zeigt uns die tägliche Erfahrung, das Leben innerhalb des geistig-seelischen Makrokosmos lernen wir kennen durch die Initiation. Von dieser Wissenschaft muß zuerst gesprochen werden, wenn der Übergang vom Mikrokosmos zum Makrokosmos verstanden werden soll. Diese Wissenschaft gewinnt eine besondere Bedeutung, weil wir in ihr die geistige Welt nach dem Tode betreten. Das Betreten der Schwelle des Todes bedeutet nur ein endgültiges Verlassen des Körpers durch die Seele. Die Methode der Initiation lehrt intime Übungen der Seele. Wie wir im alltäglichen Leben auf die leibliche Umgebung wirken, so müssen wir unsere Seele in die Lage bringen, geistig-seelisch auf den Makrokosmos zu wirken und Eindrücke aus ihm zu bekommen. Wir müssen unsere an das leibliche Leben gebundenen geistig-seelischen Kräfte freizumachen suchen. Drei Seelenkräfte sind im gewöhnlichen Leben mit dem Leibe verbunden, die durch die Initiation frei werden. Die erste Kraft der Seele ist die Denkkraft. Wir verwenden sie im gewöhnlichen Leben zur Bildung der Gedanken, zu Vorstellungen der uns umgebenden Dinge. Versuchen wir, uns in die Natur dieser Denkkraft zu versetzen. Was geschieht, wenn wir denken und uns Vorstellungen machen? Auch die physische Wissenschaft wird zugeben, jedesmal, wenn wir einen Gedanken fassen, der sich auf etwas Sinnliches bezieht, findet in unserem Gehirn ein Zerstörungsprozeß statt. Feine Strukturen des Gehirns müssen wir zerstören, die Ermüdung zeigt das zur Genüge. Was das alltägliche Denken zerstört, das wird wieder hergestellt im Schlaf.
[ 7 ] Durch die Methode der Initiation erlangen wir einen Zustand, durch den wir die Denkkraft frei bekommen von dem physischen Gehirn: es wird dann nichts zerstört. Das erreichen wir in der Meditation, Konzentration, Kontemplation. Diese sind gewisse Vorgänge in unserer Seele, die sich vom gewöhnlichen Seelenleben unterscheiden. Diejenigen Vorstellungen und Seelenvorgänge, die im gewöhnlichen Leben uns erfüllen, sind wenig geeignet, in unserer Seele die Meditation zu erzeugen; man muß andere dazu wählen. Um konkret zu sprechen, soll ein Beispiel gegeben werden. Stellen Sie sich zwei Gläser vor, das eine leer, das andere halb gefüllt. Dann stellen Sie sich vor, wir füllen Wasser aus dem halb gefüllten Glase in das leere, und nun stellen wir uns vor, das halb gefüllte würde immer voller und voller dabei werden. Der Materialist findet so etwas närrisch. Aber bei einer Vorstellung, die zur Meditation geeignet ist, handelt es sich nicht um etwas im physischen Sinne Wirkliches, sondern um etwas, das Seelenvorstellungen bildet. Gerade weil sich eine solche Vorstellung auf nichts Wirkliches bezieht, lenkt sie unseren Sinn ab vom Wirklichen. Ein Symbol aber kann sie sein, nämlich für den Seelenvorgang, der mit dem Geheimnis der Liebe verknüpft ist. Bei dem Vorgange der Liebe verhält es sich wie mit dem halb gefüllten Glas, aus dem man in ein leeres gießt und das dabei doch voller wird. Die Seele wird nicht leerer, sie wird voller in dem Maße, wie sie gibt. Eine solche Bedeutung kann dieses Symbol haben.
[ 8 ] Wenn wir eine solche Vorstellung so behandeln, daß wir alle Seelenkräfte auf sie hinwenden, dann ist dies eine Meditation. Wir müssen bei einer solchen Vorstellung alles andere vergessen, auch uns selbst. Unser gesamtes Seelenleben muß lange auf sie gerichtet sein, etwa eine Viertelstunde lang. Es genügt nicht, einmal oder wenige Male eine solche Übung zu machen; sie muß immer wiederholt werden. Je nach der Veranlagung des Individuums wird sich zeigen, daß das Seelenleben sich dabei verändert. Wir bemerken, daß wir dabei eine solche Denkkraft entwickeln, die das Gehirn nicht zerstört. Wer eine solche Entwickelung durchmacht, wird erkennen, daß die Meditation keine Ermüdung hervorruft und das Gehirn nicht zerstört. Dem scheint zu widersprechen, daß Anfänger bei der Meditation einschlafen. Aber dieses rührt davon her, daß wir im Beginn noch an der äußeren Welt hängen und noch nicht die Gedanken vom Gehirn befreit haben. Haben wir durch wiederholte Anstrengungen die Denkkräfte vom Gehirn befreit, haben wir das Meditieren ohne Ermüdung erreicht, dann tritt eine Umwandlung in unserem ganzen menschlichen Leben ein. Wie wir bisher im Schlafe ohne Bewußtsein außerhalb des Körpers waren, so sind wir es jetzt bewußt. Und wie wir unser Ich im alltäglichen Leben in unserer Haut denken, so erleben wir uns nach der Meditation außerhalb unseres Leibes. Der Leib wird ein Objekt, auf das wir hinschauen. Jetzt aber lernen wir das noch anders kennen als im Schlafe. Wir lernen es wie magnetische Kräfte kennen, die uns an unseren Leib ketten. Er ist etwas, in das wir untertauchen wollen. Und wir erkennen, es sind dieselben Kräfte, die jeden Morgen uns zu unserem physischen Körper ziehen, die wir vor der Geburt uns aus der geistigen Welt herausgeholt haben, und die uns veranlaßt haben, die Vererbungsströmungen aufzusuchen, um einen neuen Körper zu finden. Wir erfahren dadurch, warum wir uns zu unseren Eltern und Ahnen hingezogen fühlen.
[ 9 ] Eine Vorstellung können wir ausnehmen, ein Seelenerlebnis, das anders ist als die, die wir beim Übergang vom Mikrokosmos zum Makrokosmos haben. Wenn wir vom Makrokosmos auf den Leib blicken, sagen wir bei allen Erfahrungen: Dieser ist außer uns. — Haben wir aber das Paulus-Erlebnis in uns erweckt, dann haben wir ein Seelenelement ausgebildet, das schon in uns ein äußeres ist. Wenn wir außerhalb des Leibes sind, dann fühlen wir das Christus-Erlebnis als ein inneres. Dies kann man die erste Begegnung mit dem Christus-Impuls im Makrokosmos nennen. Nun müssen wir eine zweite Art von Initiationskräften besprechen. Wie wir die Denkkraft loslösen, so können wir auch die Kraft loslösen, die wir zum sprachlichen Ausdruck verwenden. Die materialistische Wissenschaft sagt, die motorischen Sprachorgane hätten ihr Zentrum im sogenannten Brocaschen Sprachorgan. Aber nicht das Brocasche Organ hat die Sprache gebildet, sondern diese hat jenes gebildet.
[ 10 ] Die Denkkraft wirkt zerstörend, die Sprache, die aus der sozialen Umgebung kommt, wirkt aufbauend. Nun können wir diese Kraft, die das Brocasche Organ aufbaut, loslösen. Das erreichen wir dadurch, daß wir unsere Meditation durchtränken mit Gefühlswerten. Wenn ich meditiere: Im Lichte strahlet Weisheit —, so spiegelt auch das keine äußere Wahrheit, aber einen tiefen Sinn hat es, eine tiefe Bedeutung. Wenn wir unser Gefühl damit durchdringen: Wir wollen leben mit dem ganzen Lichte, das Weisheit strahlt —, dann fühlen wir, wie wir die Kraft ergreifen, die sonst im Worte zum Ausdruck kommt, und die nun in unserer Seele lebt. Wenn man vom goldenen Schweigen spricht, so bezieht sich das darauf: Wir haben in unserer Seele eine Kraft, die das Wort schafft. — Wir können sie ergreifen wie die Denkkraft. Dann überwinden wir die Zeit, wie wir durch das Ergreifen der Denkkraft den Raum überwinden. Was für das alltägliche Leben ein Erinnern ist bis zur Kindheit, das dehnt sich dann aus über das vorgeburtliche Leben. Das ist der Weg, um Erfahrungen zu bekommen über das Leben vom letzten Tode bis zu unserer jetzigen Geburt, und zugleich der Weg, die Entwickelung der Menschheit zu durchschauen. Wir durchschauen die Kräfte, die die Evolution der Menschengeschichte leiten.
[ 11 ] Und das Leben von der Geburt bis zum Tode erkennen wir. Wenn wir die Kraft des stummen Wortes ausbilden, erkennen wir die spirituelle Grundlage des Erdenlebens. Hier ist es wieder so, daß wir auf eine historische Stelle treffen, auf das Mysterium von Golgatha. Denn dies ist der Weg, auf dem wir die auf- und absteigende Entwickelung der Menschheit finden und den Punkt, wo Christus sich inkarniert. Wie er in seiner ureigenen Kraft ist, so wird er erkannt. Wie wir durch die Befreiung des Denkens uns verbinden mit dem Christus, wie er auf Erden war, so verbinden wir uns durch die Befreiung des Wortes mit dem Mysterium von Golgatha. Ein besonderes Licht fällt damit auf die erste Zeile des Johannes-Evangeliums.
[ 12 ] Dann wird noch eine dritte Kraft durch die Meditation selbständig. Nicht nur das Gehirn und den Kehlkopf, sondern auch die Blutzirkulation und das Herz ergreift sie. In schwacher Form wirkend, fühlen wir sie beim Erröten und Erblassen. Da greift ein Seelisches in die Pulsation des Blutes ein und geht bis zum Herzen. Diese Seelenkraft kann herausgezogen werden aus der Pulsation des Blutes und eine selbständige Seelenkraft werden. Dieses geschieht durch Meditation, da wo der Wille sich mit der Meditation verbindet. Wir meditieren: Im Lichte erstrahlet Weisheit. — Aber wir fassen den Entschluß, unser Wollen so damit zu verbinden, daß wir mitgehen wollen mit dieser strahlenden Weisheit in der Evolution der Menschheit. Wenn wir zu solcher Willensmeditation kommen, dann erreichen wir, daß die Willenskräfte in die Seele einströmen. Diese Kräfte kann man erfassen und herausziehen aus dem Blute — man kann sie zwar nicht ganz herausziehen —, dann bilden sie eine hellseherische Kraft, durch die wir hinauskommen über unsere Erde. Wir lernen unsere Erde erkennen als einen wiederverkörperten Planeten, der sich neu verkörpern wird und wir Menschen mit ihm. So wachsen wir durch die geistig-seelische Welt hinein in den Makrokosmos. In gewisser Weise erfahren wir, wie das Leben zwischen Tod und Geburt entgegengesetzt sein muß dem Leben in einer Inkarnation. Denn was der Mensch da nach dem 'Tode erlebt, befreit vom Körper, das erfährt ja der. Initiierte. Nehmen wir das Hauptcharakteristikum dessen, was sich uns dargeboten hat im leibfreien Zustande. Es ist dasselbe Erlebnis wie im Leben nach dem Tode. Im Mikrokosmos lebend, nehmen wir wahr durch das physische Organ der Sinne. Nach dem Tode sehen wir auf den Körper wie der Initiierte. Nicht wahrnehmen kann man da, was die Sinnesorgane wahrnehmen. Der Initiierte kann das Leben zwischen Tod und neuer Geburt erkennen, weil er schon hier den Übergang vom Mikrokosmos zum Makrokosmos gefunden hat.
[ 13 ] In der gewöhnlichen Menschensprache kann man nicht mit den Toten reden. Wenn wir aber die Kraft der Sprache befreit haben, können wir erkennen, wie wir mit den Toten zusammen sind. Dadurch, daß wir die Denkkraft befreien, können wir reden mit denen, die zwischen Tod und neuer Geburt sind.
[ 14 ] Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Ein Seher konnte mit einem Verstorbenen sprechen. Der war ein vortrefflicher Mann gewesen, aber nur im materiellen Sinne hatte er sich um die Seinen gekümmert. Er war ohne religiöse und anthroposophische Vorstellungen. Der Seher konnte von dem Manne folgendes erfahren: Ich weiß, ich habe mit meiner Familie, mit den Meinen zusammengelebt und sie waren mein Sonnenschein. Sie leben auch jetzt noch, das weiß ich, aber ich sehe sie nur bis zu dem Zeitpunkt, wo ich die Erde verlassen habe. Kein Zusammenhang ist herzustellen mit ihnen. — Die Verhältnisse sind kompliziert nach dem Tode. Der Seher konnte folgendes sehen: Die Frau zeigte in ihrem Wesen noch etwas wie die Folgen des Einflusses ihres Mannes. Diese Wirkungen konnte der Mann sehen, aber nicht wie man einen Menschen sieht, sondern wie im Spiegel: Es gibt da wohl ein Sehen, aber es ist so, wie wenn man nur ein Bild im Spiegel sähe. Das wirkt schauerlich, weil man den Menschen nicht wirklich, wie er ist, sehen kann. Wie wir im Sinnendasein das Leibliche sehen, so müssen wir nachher das Seelische sehen können. Wie wir aber im dunkeln Raume eine Kerze nicht sehen, wenn sie nicht brennt, so ist auch hier das Erkennen herabgedämpft, verdunkelt. Doch ist ein Zusammenhang noch möglich zwischen dem Toten und dem Menschen auf Erden, wenn letzterer sich mit spirituellem Leben durchdringt. Darauf beruht die Wohltat, die wir den Toten erweisen können. Jemand ist durch die Pforte des Todes gegangen, mit dem uns gemeinsame Interessen verbinden: wir können ihm vorlesen. Wir stellen uns vor, daß er vor uns sei, wir lesen ihm leise vor, auch Gedanken können wir ihm senden. Aber er bekommt nur dann einen Eindruck, wenn wir ihm Ideen und Begriffe mit spirituellem Leben senden. Die Aufgabe der Anthroposophie wird begriffen werden, wenn wir verstehen, daß wir den Abgrund wegschaffen müssen, der uns von den Toten trennt.
[ 15 ] Auch eine Seele, die sich zur Anthroposophie gegnerisch verhielt, kann durch solches Vorlesen eine Wohltat empfinden. In unserem Seelenleben sind zwei Seiten zu unterscheiden: Bewußt Durchlebtes und die Seelenuntergründe, die, wie die Tiefe des Meeres, sich nur in den Wellen an der Oberfläche ausdrücken. So können wir erfahren, daß von zwei Brüdern zum Beispiel der eine Anthroposoph, der andere ein Gegner der Anthroposophie wird. Dies kann nur eine Tatsache der Außenwelt sein. Der innere Vorgang ist: Eine tiefe Sehnsucht nach Religiösem ist da, und man will sich nur darüber betäuben durch das Ablehnen der Anthroposophie. Die bewußte Vorstellung ist nur ein Opiat, um zu vergessen, was in der Tiefe vorgeht. Der Tod schafft all das fort und wir hungern dann gerade nach dem unbewußt Ersehnten. Darum ist das Vorlesen anthroposophischer Schriften da gerade eine Wohltat. Allmählich kommt das Bewußtsein der Verbindung mit den Toten. Aber auch bevor wir dieses Gefühl haben, riskieren wir ja nichts weiter, als daß der Tote uns nicht anhört, wenn wir ihm vorlesen. So sehen wir, daß durch das lebendige Erfassen der anthroposophischen Lehre Tote und Lebende, Mikrokosmos und Makrokosmos in Zusammenhang kommen.
[ 16 ] Noch auf einem anderen Gebiete geschieht dies. Wenn der Seher Schlafende beobachtet, so sieht er: Es gehen Seelen durch die Pforte des Schlafes, die nie spirituelle Interessen haben, und andere, die am Tage spirituelle Gedanken aufnehmen. — Da zeigt sich ein Unterschied: Die schlafenden Seelen sind wie Keime im Felde. Hungersnot würde in der geistigen Welt eintreten, wenn keine spirituellen Gedanken mit hinübergenommen würden. Der Tote nährt sich von dem, was an spirituellen, an anthroposophischen Ideen mitgebracht wird von den Einschlafenden. Wenn wir beim Einschlafen nicht hinauftragen spirituelle Begriffe, so entziehen wir den Toten Nahrung. Mit dem Vorlesen geben wir ihnen geistige Anregung, mit den spirituellen Ideen, die wir beim Einschlafen hinauftragen, geben wir den Toten Nahrung.
[ 17 ] Durch das, was der Mensch in seiner Seele schafft, wird er eine Brücke vom Mikrokosmos zum Makrokosmos. Was wir uns aneignen, ist wie ein Samenkorn. Die lebendige, nicht nur die theoretische Mission der Anthroposophie möchte ich so darstellen: Die Theorie verwandelt sich in Lebenselixier, die Unsterblichkeit wird eine Erfahrung. Wie der Keim die Garantie gibt für einen nächsten Keim, so entwickeln wir geistig-seelische Kräfte, die Garantien sind für ein Wiederkommen in einem nächsten Erdenleben. Wir begreifen nicht nur, wir erleben die Unsterblichkeit in uns. So erleben wir von dem Augenblick an, wo das Haar ergraut, das, was durch die Pforte des Todes durchgeht. In solchem Sinne wird Anthroposophie Lebenselixier werden, wie das Blut unseren physischen Körper durchzieht. Nur dann wird Anthroposophie das sein, was sie sein soll. Wenn wir das erkennen lernen und es zusammenfassen wollen in eine Grundempfindung, in die Grundempfindung, daß die Menschenseele zusammenhängt mit der spirituellen Welt wie unser physischer Leib mit der physischen Welt, dann erlebt der Mensch:
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Wesen in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe.
Erlebend dringt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Ins Reich der Ewigkeiten ein.
