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The Rudolf Steiner Archive

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Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden
GA 150

8 June 1913, Stockholm

5. Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis

[ 1 ] Als das erste der Themen, die gewählt worden sind für diesen kurzen Vortragszyklus, ist dasjenige über «Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis». Natur und Geist! — Es ist damit scheinbar ein Widerspruch ausgedrückt, bei dem sogleich den Menschenseelen einfallen viele gegnerische Anschauungen und Meinungen, die einander gegenübergetreten sind in der Welt. Wir wissen ja, daß in den letzten Jahrhunderten sich immer mehr eine Art von Wissenschaft herausgebildet hat, die nur die Natur gelten lassen will und die eigentlich, von ihrem Standpunkte aus, kaum anders tun kann als auch den Geist zur Natur zu rechnen. Auf der anderen Seite sehen wir, wie Verteidiger des Geistes und des Geisteslebens sich doch auf allen Gebieten, auch in unserer Zeit, geltend machen. Und wir brauchen nur auf der einen Seite zu sehen nach dem äußersten Extrem, wo gesagt wurde im 19. Jahrhundert: Das Gehirn sondert Gedanken ab, wie die Leber Galle, das heißt, dasjenige, was wir geistig im Menschen wahrnehmen, ist ein rein natürlicher Vorgang, und an einen anderen Geist glauben wir nicht. — Wir brauchen das nur hinzustellen neben die vielen gegenwärtigen Bestrebungen für das Begründen einer Geisteswissenschaft, dann haben wir Extreme.

[ 2 ] Aber man kann über die Worte «Natur und Geist» auch noch anders denken, nämlich hinweisen auf die Goetheschen Worte: «Natur ist Sünde, Geist ist Teufel, sie hegen zwischen sich den Zweifel, ihr mißgestaltet Zwitterkind.» Und so können wir manches vor Augen führen, was Natur und Geist in Gegensatz bringt, und können darin manches finden, was die menschlichen Herzen in Disharmonie gebracht hat, was Stürme von Kampf und Streit in der Welt hervorgerufen hat.

[ 3 ] Auf der anderen Seite klingt uns noch ein Wort der neueren Zeit entgegen, auch von Goethe, das da sagt, daß der Geist niemals ohne Materie und die Materie niemals ohne Geist seiend und wirksam sein könnte. Dieses Wort läßt sich sehr leicht widerlegen. Man braucht nur aufmerksam zu machen, daß, wenn ich ein Stück Granit aus einem Felsen schlage, ich dann Materie ohne Geist habe! Widerlegungen von tiefen Worten sind sehr leicht in der Welt zu finden, und man muß gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung klar einsehen, daß für das Törichte in der Welt nichts leichter ist, als mit einem großen Schein von Recht die Worte der Weisen zu widerlegen. Eine anthroposophische Anschauung muß auf diese Dinge tiefer eingehen.

[ 4 ] Was ist Geist, was ist Natur? — Daran ist kein Zweifel für unser gewöhnliches Empfinden, daß wir der Natur gegenübertreten, wenn wir im Frühling aus der Erde aufsprießen sehen die Pflanzen, wenn wir sie sich entfalten sehen. Da sehen wir das Weben und Leben der Natur. Ebensowenig ist ein Zweifel daran, daß wir mit einem gewissen Recht von der Natur reden, wenn im Winter die Schneeflocken die Erde bedecken. Das sind beides Naturwirkungen. Aber haben wir damit in ganz berechtigter Weise uns beteiligt an dem, was sich um uns herum ausbreiter? Man stelle sich einmal vor: Wesenheiten könnten denken, die viel kleiner sind als wir, so klein, daß für sie unsere Nägel oder unsere Haare so groß wären wie für uns die Bäume, so würden diese Wesenheiten die Haare unseres Hauptes so beschreiben, wie wir die Pflanzen, die aus der Erde kommen. Wir Menschen aber beschreiben nicht die einzelnen Haare oder das Haupt des Menschen als einen Boden, auf dem sich die einzelnen Haare erheben, denn wir wissen, daß wir ein Haar nicht als eine Einzelwesenheit in der Natur finden können; sie sind nur möglich auf einem anderen Wesen. Nur wer durch seine Kleinheit die Haare nicht in ihrer Gesamtheit überschauen kann, könnte ein Haar für sich beschreiben. Eine solche Wesenheit könnte vielleicht sehr wohl unterscheiden zwischen den verschiedenen Haaren. Je nach der Stelle am Kopfe, wo sie wachsen, könnte sie sie in Klassen und Ordnungen bringen: eine Klasse linke Schläfehaare, eine Klasse rechte Schläfehaare; eine Klasse linke Stirnhaare, eine Klasse rechte Stirnhaare; man könnte ihnen später Namen geben, die sie weiter unterscheiden. So könnte es eine Haarwissenschaft für solche kleine Wesenheiten geben. Für andere Wesen gibt es, mit gewissem Recht, eine solche Wissenschaft: es ist die Botanik. Während in der Tat die Erde als Ganzes betrachtet die einzelnen Pflanzen hervorbringt wie unser Kopf die Haare, während die einzelnen Pflanzen zur Erde gehören und nicht als besondere Gattung bestehen, werden in der Botanik die Pflanzen klassifiziert und beschrieben, ohne Rücksicht darauf, daß diese Pflanzenwelt eine zur Erde gehörende Einheit bildet, ebenso wie unsere Haare eine Einheit bilden mit unserem Organismus. Für die Natur oder die Welt ist es sehr gleichgültig, daß der Mensch sich eine Botanik macht, wie eine Haarwissenschaft von einem denkenden kleinen Wesen für den Menschen gleichgültig sein würde.

[ 5 ] Geisteswissenschaft führt uns aber noch weiter. Sie zeigt uns, daß ebensowenig wie man sich denken kann ein Wesen wie der Mensch, mit Haaren auf seinem Kopfe, ohne eine Seele, ebensowenig die Erde anders betrachtet werden kann als wie ein Ganzes, das alle materiellen, lauter natürlichen Dingen als Organe des Erdgeistes oder der Erdseele hat. Wenn wir diesen Erdgeist oder diese Erdseele weiter studieren, so unterscheidet sich dieser zunächst von der Menschenseele. Das Eigentümliche der Menschenseele ist, daß sie uns entgegentritt als eine Art Einheit. Bei dem Erdgeist ist das zunächst nicht so. Zuletzt ist allerdings auch, wie Sie wissen, ein dirigierender Erdgeist da, aber das nächste, was wir bei der spirituellen Erdbetrachtung finden, ist eine große Summe, eine Fülle von Elementarwesen, die als eine Vielheit, eine Mannigfaltigkeit die nächste Stufe des Erdgeistes bilden.

[ 6 ] Mit diesem Erdgeist können wir uns zunächst beschäftigen. Dann zeigt sich, daß zum Beispiel auf der Erdhälfte, wo gerade in einer bestimmten .Zeit Sommer ist, diese Wesenheiten des Erdgeistes eine Art von Schlaf durchmachen, und da wo Winter ist, da wachen sie. Für das spirituelle Erkennen beginnen tatsächlich, in demselben Maße wie die Pflanzen aus der Erde aufsprießen, die elementarischen Wesen und Geister einzuschlafen. Im Winter beginnt es sich zu regen. Dann bilden diese elementarischen Wesen und Geister auf ihre Weise sich ihre Vorstellungen, Empfindungen und Gefühle. Was die Nacht für den Menschen ist, das ist auf der Erdhälfte, wo gerade Sommer ist, der Sommer, und was der Tag für den Menschen ist, das ist für die Erde der Winter. Die Erde als Gesamtwesenheit wacht und schläft wie der Mensch, aber so, daß immer die eine Hälfte mehr wacht, die andere mehr schläft, während der Mensch so organisiert ist, daß, wenn er schläft, er überhaupt im ganzen gleichzeitig schläft. Das ist eigentlich auch nicht richtig, sondern es ist beim Menschen ganz wie bei der Erde. Wenn der Mensch schläft, so schläft nur sein Kopfteil, während die anderen Organe dann um so mehr wachen. Aber der Mensch ist nur nicht darauf eingerichtet, das wahrzunehmen. Es ist eigentlich bei der Erde auch so, obwohl nicht ganz. Die eine Halbkugel der Erde hat ja mehr Wasser als die andere, daher ist es bei der Erde mit Schlafen und Wachen nicht unähnlich dem Schlafen und Wachen des Menschen.

[ 7 ] So wie wir den Menschen als ein belebtes und beseeltes Wesen betrachten, so müssen wir auch die Erde betrachten. Nur weil wir als so kleine Wesen über die Erde gehen, sehen wir nicht, daß sie zugleich Leib und Seele hat. Aber das rührt auch von der materialistischen Zeit her. Kepler zum Beispiel, der doch auch zu denken wußte, sagt noch, daß er die Erde als einen großen Organismus betrachtet. Nur hatte er keine okkulte Anschauung über die Erde, daher wußte er nicht, daß der Winter Wachen und der Sommer Schlafen bedeutet für die Erde, und er stellte sich die Erde vor als einen großen Walfisch, anstatt sie sich als ein beseeltes Wesen zu denken, das höher ist als der Mensch. Er schob die Verhältnisse etwas herab, sah die. Erde als einen Walfisch an, und in der Luftbewegung sah er das Ein- und Ausatmen des Tieres. Das war auch die Anschauung Giordano Brunos. Für ihn war die Erde ein großer, beseelter Organismus, der in Ebbe und Flut seinen Atmungsprozeß hat. So auch Goethe: Die Erde ist ein großes, belebtes Individuum, das in der Ebbe und Flut, in den Luftströmungen und im Meere seinen Ein- und Ausatmungsprozeß bekundigt. — Ja, die Geister der älteren, mehr spirituellen Zeit wußten noch, daß man die Erde nicht so abstrakt theoretisch betrachten kann, wie man das heute tut in einer Weise, als ob man ein Haar oder einen Nagel für sich beschreiben könnte, während man wissen sollte, daß diese nicht ohne den ganzen Organismus bestehen können, daß sie begründet sind im ganzen Organismus. Die naturalistische Anschauung weiß nicht, worauf es ankommt. Bei der Weltbetrachtung kommt es darauf an, daß man bei allem in der Welt sich muß fragen können: Ist das ein Teil eines Ganzen oder ist es selber ein Ganzes? — Wenn jemand einen menschlichen Zahn findet, dann darf er diesen nicht als Einzelwesen betrachten, sondern der Zahn ist nur begründet, wenn er betrachtet wird als ein Teil des Menschen. So ist es auch ein Unding, eine einzelne Pflanze zu beschreiben, denn sie ist nur denkbar als ein Teil des ganzen Erdenwesens. So ist nur denkbar der äußere Leib der Erde mit der Seele und dem Geist der Erde. Und wenn man nichts weiß von dem Geist der Erde, wenn man nicht weiß, daß diese Erde der Leib ist eines Geistes, wie es unser eigner Leib ist, dann betrachtet man eben die Erde, wie die Mineralogie, die Geologie, die Botanik sie betrachten. Diese haben nicht das Bewußtsein, daß hinter allem, was sie beschreiben, der dirigierende Erdgeist ist. Wenn ich ein Stück aus einem Felsen schlage, ist es leicht zu sagen: Da ist kein Geist darin! — In einem Stück Zahn ist auch kein Geist darin, aber das Stück Zahn ist nicht denkbar ohne den ganzen Menschen und das Seelisch-Geistige, zu dem es gehört.

[ 8 ] Das müssen wir im Auge behalten, wenn wir von Natur und Geist sprechen. Wenn wir von der Erde also als von einem natürlichen Planeten reden, ohne von dessen Seele und Geist zu sprechen, so rührt diese Beschreibung nur davon her, daß wir vom Geiste absehen, nichts von ihm wissen wollen. Wo besteht denn die Erde als bloß natürlicher Planet? Die Botanik, die Geologie, die Astronomie würden sagen: Sie bewegt sich in dem Weltenraum! — Wenn jene Behauptung wahr wäre, dann würde sie bald aufhören sich zu bewegen, dann würde sie zusammenbrechen, wie der menschliche Leib nach dem Tode, wenn der Geist ihn verlassen hat.

[ 9 ] Diese Art der Weltbetrachtung hat abgefärbt. Auch die Glieder des Menschen und der ganze Mensch werden heute so beschrieben, als ob sie nur Natur wären, das heißt, man betrachtet den Leichnam. Denn wäre der Mensch so, wie der Physiologe, der Anatom und so weiter ihn beschreibt, so müßte er sogleich sterben. Die Physiologie beschreibt nur ihre eigene Phantasie, desgleichen die Astronomie, die Geologie mit ihrer Erdbeschreibung. Diese ist ein reines Phantasieprodukt. Das gibt es gar nicht, diese bloß natürliche Erde. Denn daß die Erde so ist, wie sie ist, ist bis in das kleinste Felsenstückchen hinein dadurch begründet, daß die Erde von dem Erdgeist durchdrungen ist.

[ 10 ] Da sehen wir, worauf es ankommt. Bei der Menschenbetrachtung kommt es darauf an, daß man den Ausgangspunkt findet von dem Teil zum Ganzen hin, daß man nicht abbröckelt den Teil vom Ganzen. Der Mensch ist als solcher ein Ganzes. Handelt es sich aber um die Erde, so ist die ganze Erde als ein Ganzes zu betrachten. Wenn wir die Natur und ihre Wirkungen absondern von der Erde, was ist dann diese Natur? Dann ist sie unser Phantasieprodukt, das in Wirklichkeit gar nicht besteht, das sich uns nur so vorspiegelt, weil wir einen Teil aus einem Ganzen herausschneiden. Daher sieht man, daß es gar nicht darauf ankommt, daß einer etwas getreu beschreibt, sondern daß er weiß, wie ein Teil sich in das Ganze eingliedert oder vielmehr aus dem Ganzen herauswächst. So muß die Erde als Ganzes betrachtet werden, nicht etwa als physisches Ganzes, sondern als ein leibliches Wesen, das zu seinem Geist gehört.

[ 11 ] Man könnte aber jetzt noch in einer anderen Weise über Natur und Geist sprechen. Man braucht nur den Menschen selber zu betrachten. Beim Menschen tritt uns in gewisser Weise etwas entgegen, was die Begriffe «Natur und Geist» als Gegensätze zu rechtfertigen scheint. Das Kind wird geboren, alle Lebensäußerungen des Kindes in der ersten Zeit erscheinen wie etwas aus dem Physischen, aus der ganzen physischen Natur Herausgebildetes. Daher sagt man oft: Das Kind handle noch ganz nach seiner Natur. Erst später werde das Geistige, das Seelische aus dem Leibe geboren. Im Anfang seines Lebens ist der Mensch mehr Natur, später entwickelt er mehr den Geist. — Das ist aber wiederum nichts als eine nachlässige Betrachtungsweise. Denn in den ersten Zeiten unseres Lebens ist viel Geist in uns, er ist nur in mehr verborgener Weise in uns als später. Alles, was unserem Leibe seine Formen gibt, ist wirkender Geist, nur ist es nicht so, daß wir uns innerlich im Geiste betätigen und ihn mit dem Erinnerungsvermögen durchleuchten. Wir haben wahrhaftig in den ersten Kindheitsjahren nicht weniger Geist in uns als in den späteren Jahren. Man könnte wirklich unter Umständen noch radikaler sprechen. Jemand fragte in diesen Tagen: Was bedeutet es, wenn ein Kind nur ein paar Tage lebt und dann stirbt? — Es zeigt uns nun die okkulte Wissenschaft, daß ein so kurzes Leben doch einen Sinn hat. Oft hat das Wesen, das in diesem Kinderleibe ist, vieles ausbilden können, aber bisweilen hat es eines nicht ausbilden können, zum Beispiel ganz gesundes Sehen. Nehmen wir an, jemand ist in einer Inkarnation ein vorzüglicher Mensch gewesen, hatte aber ein schwaches Sehvermögen. Dann wird es geschehen, daß ein solcher später in einer Inkarnation nur wenige Tage lebt, nur um das, was ausgeblieben ist in dem vorigen Leben wegen seiner schwachen Augen, auszugleichen. In diesem Falle muß man diese Inkarnation zu der vorigen mitrechnen. Man unterschätzt im allgemeinen sehr die Bedeutung des Lernvermögens von dem Kinde in den ersten Tagen. Wenn das Kind lernt ins Licht zu sehen, so ist dazu mehr Kapazität notwendig, als zu alledem, was man lernt im ersten akademischen Semester.

[ 12 ] Gegen solche Dinge kann man manches einwenden, aber man denke nur einmal über den Inhalt einer solchen Sache nach, und man wird schon sehen, daß es richtig ist. Wir betrachten das Kindheitsalter erst in der richtigen Weise, wenn wir wissen, daß der Geist dann nicht weniger in dem Leibe ist, wenn wir unser Gehirn aufbauen, unsere Physiognomie herausarbeiten und so weiter, als später, wenn wir etwas Scharfsinnigeres verrichten können. Im späteren Alter hat der Geist sich etwas mehr aus dem Leibe herausgezogen und wirkt als der mehr abstrakte Geist, der aber dann nicht mehr das Gehirn organisieren kann. Dieses ist dann schon wieder fest geworden. Der Geist, den man später im Menschenleben so gerne «Geist» nennt, war schon im ersten Teil des Menschenlebens vorhanden, hatte da aber etwas anderes zu tun, war mehr mit den Naturprozessen verknüpft. Das sieht man nur nicht, deshalb nennt man das, was da geschieht, nur Natur, und das, was später bewußt geschieht, nur Geist. Deshalb nimmt der Mensch einen Gegensatz an zwischen den «natürlichen» Prozessen der ersten Kindheit und der Geistigkeit des Denkens, Fühlens und Wollens im späteren Leben. Der Gegensatz ist aber ein ganz anderer.

[ 13 ] Im ersten Kindheitsalter ist ein inniger Zusammenhang zwischen Natur und Geist, sie durchdringen einander, stehen einander noch freundschaftlich gegenüber. Später sondern sie sich, und der Geist und die Naturprozesse gehen mehr abgesondert vor sich. Dafür werden die Naturprozesse auch mehr geistlos, indem der Geist aus ihnen herausdifferenziert ist und zu der besonderen Seele geworden ist, auf die der Mensch so stolz ist. Diese erkauft sich der Mensch damit, daß sein Leib mehr geistlos wird. Der Mensch hat erst Geist aus seinem Leibe gesogen, damit er ihn mehr abgesondert für sich gebrauchen kann. In der ganzen Erdenentwickelung gibt es ein Ähnliches. In sehr frühen Zeiten der Erde war überall der Geist mit der Natur der Erde innig verbunden, daher war dazumal ein inniges Zusammenwirken zwischen Erdgeist und Erdennatur. Heute ist in gewisser Weise die Erdennatur so abgesondert von ihrem Geist wie beim Menschen die Natur von dem Seelischen. Und wie beim Menschen der Geist es ist, der Denken, Fühlen und Wollen dirigiert, so läuft in der Erdenentwickelung auch der Erdgeist als Geschichtsverlauf neben dem Naturprozeß einher. Diese waren in der lemurischen Zeit noch mehr miteinander verwoben, wie die geistigen und die Naturprozesse beim Kinde auch enger verwandt sind als beim späteren Menschen. Worauf kommt es denn hier an? Kommt es darauf an, zu sagen: Der Geist entwickelt sich im späteren Lebenszeitalter oder Erdzeitalter? — Nein, er war schon da, aber er hat dazumal seine Tätigkeit verwendet auf das, was dann abgesondert ist. Und das verhärtet, es verholzt, es stirbt.

[ 14 ] Aus dem Grunde müssen wir auch das Ganze, das als Ganzes zu betrachten ist, nicht in der Zeit, nur nach seinen Teilen betrachten. Der Mensch, so wie er als Kind ist, ist kein physisches Ganzes auf Erden. Der Mensch mit Jugend, mittlerem Alter, Alter und so weiter ist erst ein Ganzes, und wir können nicht sagen: Der Mensch macht eine Entwickelung durch von dem Natürlichen zum Geistigen —, sondern wir müssen sagen: In seiner ersten Kindheit waren Natur und Geist innig verbunden. Später sondern sie sich mehr voneinander. Dadurch wird das Natürliche etwas toter, etwas weniger innerlich lebendig, und der Geist wird selbständiger. Es ist also eine Differenzierung eingetreten in dem ganzen Menschenwesen. — Das ist der richtige Eindruck. Nicht aber entwickelt sich das Geistige ohne weiteres aus dem Natürlichen. Differenzierung gibt es. Wenn wir. von Natur reden ohne den Geist, dann reden wir von einem bloßen Phantasieprodukt. Niemals könnte ein Mensch unter den heutigen physischen Erdverhältnissen später ein denkendes, fühlendes und wollendes Wesen sein, das so stolz ist auf seine Geistigkeit, wenn er seinen Geist nicht erst losgelöst hätte von dem natürlichen Dasein. Man muß lernen, über Natur und Geist ganz umzudenken.

[ 15 ] Das geht noch weiter. Betrachten wir das äußere Wesen von Mann und Weib. Wer das ganz oberflächlich macht, wird zu dem Urteil kommen: Die Frau steht näher zur Natur, urteilt mehr unmittelbar aus den Gründen der Natur heraus. Der Mann hat sich mehr von der Natur entfernt, in ihm lebt mehr das selbständige Denken, der selbständige Geist. — Das materialistische Zeitalter, das den Geist sich materialistisch denkt, hat noch andere Gründe für diesen Unterschied beigebracht, wie zum Beispiel das Gewicht des Gehirns. Als man aber das Gehirn gewogen hat von demjenigen, der diese Theorie erdacht hat, stellte es sich heraus, daß er ein ganz besonders kleines Männergehirn gehabt hat! Wenn wir also Natur und Geist so betrachten, dann zeigt schon ein oberflächlicher Anblick, wie wenig das zutrifft. Wer hier auf die Tiefen eingeht, wird wiederum zu einer ganz anderen Art der Betrachtung kommen. Das Äußere der Frau ist in einer gewissen Hinsicht allerdings natürlicher, dafür aber auch wiederum geistiger als das Äußere des Mannes. Die Frauheit auf der heutigen Erde ist deshalb natürlicher, weil sich die geistige Tätigkeit in ihr noch nicht so getrennt hat von ihrem Leiblichen, wie das beim Manne der Fall ist. Daher ist der Mann nicht mit einer größeren Geistigkeit als die Frau zu denken, sondern beim Manne tritt nur das, was destillierter Geist ist, der die Materie neben sich läßt, mehr hervor. Dafür ist. auch für gewisse Partien die männliche Leiblichkeit mehr geistverlassen. Die weibliche Leiblichkeit ist mehr geistdurchdrungen, wie zum Beispiel diejenige des Kindes es ist, die männliche Leiblichkeit im späteren Alter mehr geistverlassen, als es in der Jugend der Fall ist. Aber von mehr Natürlichkeit oder Geistigkeit beim Mann- oder Frausein dürfen wir nicht sprechen.

[ 16 ] Die Betrachtungsweise muß also ganz anders werden. Es ist wahr: In gewisser Hinsicht hängt das, was mit dem Wesen von Mann und Frau zu tun hat, uns unser ganzes Leben an. Es ist nicht immer angenehm, darauf hinzuweisen. Warum sind zum Beispiel mehr Frauen als Männer in der Anthroposophischen Gesellschaft? Spricht das nicht eigentlich gegen das Vorhandensein von Intellekt in der Anthroposophie? — frägt man wohl. Das ist ganz objektiv zu beantworten, nur wird man dann leicht mißverstanden. Daß die Frauen mehr zu der Anthroposophischen Gesellschaft kommen, das heißt sich die geistigen Wahrheiten leichter aneignen, das kommt, weil .sie sich im. späteren Leben mehr bewahren die Geistigkeit des Nervensystems und des: Gehirns. Beim Manne sondert sich diese früher vom Leiblichen, daher hat er nicht die Möglichkeit, so leicht das aufzunehmen, was spricht zu dem, was weder Mann noch Frau ist, sondern was darüber steht: das Wesen selber.

[ 17 ] Der Mensch ist in einer Inkarnation entweder Mann oder Frau. Beim Manne sind mehr ausgebildet die verholzten Teile, und etwas mehr destilliert aus seiner Gesamtnatur heraus ist der Geist, der zeitliche, vorübergehende Geist. Bei der Frau bleibt im ganzen Leben mehr verbunden Natur und Geist, daher bleibt ihre Natur. mehr beweglich. Aber die spirituellen Wahrheiten sprechen zu etwas im Menschen, was nichts zu tun hat mit dem Unterschied zwischen Mann und Frau. Denn das Wesen, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, kann abwechselnd Mann und Frau sein, wenn das auch eine Wahrheit ist, über die die Männer oft böse werden.

[ 18 ] Dasjenige also, was unser tiefstes Wesen ist, hat mit Mann und Frau nichts zu tun. So wie das mit Mann und Frau nichts zu tun hat, so. hat das tiefste Wesen der Welterscheinungen und Tatsachen überhaupt mit Natur und Geist nichts zu tun, sondern es gestaltet sich das eine Mal mehr geistig, das andere Mal mehr natürlich. Das sind beides Phasen eines Daseins, so schreitet das Leben weiter. Wie im Menschenleben abwechseln sein mehr seelisch-geistiges Tun am Tag und sein für den physischen Menschen mehr natürliches Tun in der Nacht, so wechseln im Weltall ab Zeiten der Wesen, in denen sie sich mehr vergeistigen, und Zeiten, in denen sie sich mehr «vernatürlichen». Das ist ein Rhythmus im Weltall. Wer zum Beispiel auf das Wesen des Menschen sieht, wenn er Mann ist in einer Inkarnation, wenn er also karmisch dazu verurteilt ist, den Geist zu destillieren aus dem Natürlichen, dann kann er sich sagen: Nun bin ich allerdings karmisch dazu bestimmt, den Geist aus der Natur zu destillieren, aber das muß rhythmisch, zyklisch abwechseln mit einem Frauendasein, wo ich mit meinem Geist mehr in dem Natürlichen stecken darf, damit ich wiederum einen Pendelschlag in die Richtung des natürlichen Daseins haben darf.

[ 19 ] So ist es bei allen Planeten, bei allen Ganzen, Totalitäten, bei allen Welten. Wo wir ein Natürliches finden, gehört ein Geistiges dazu, und wo wir einen Geist finden, hat er die Neigung, etwas aus sich abzusondern, was ein Natürliches ist. Natur und Geist sind nicht Gegensätze, sondern Wechselzustände des dahinterstehenden höheren Wesenhaften.

[ 20 ] So müssen wir sehen, daß durch unsere spirituelle Weltanschauung mancher alter Begriff, mit dem viel Unfug getrieben worden ist, korrigiert werden muß. Wenn man aufhören wird, nur Teile zu beschreiben von einem Wesen, das eigentlich ein Ganzes ist, wird man auch zur Klarheit kommen über die Begriffe Geist und Natur und wird sich nicht länger in Einseitigkeiten beschränken. Dann wird man einsehen, daß der Geist etwas sehr Schwaches sein würde, wenn die Natur ihm feindlich gegenüberstände, dann wird man einsehen, daß die Natur etwas ist, was der Geist zeitweise aus sich heraussetzt, wie die Schnecke ihr Haus aus sich heraussetzt. Aber auch wiederum zu sich nehmen und in sich auflösen kann der Geist die Natur. Dann macht er sie unsichtbar, aber dann hat er sie in sich, dann ist er mit ihr eine Einheit geworden. Würde irgendwo eine vollständige Einheit von Geist und Natur vorhanden sein, so würde das bedeuten: Für das Gebiet der Tatsachen hat der Geist alle Natur, die zu ihm gehört, aufgelöst.

[ 21 ] Nehmen wir an, ein Mensch ist vierzig Jahre alt. Da hat er seine Natur und er hat seine Seele, seinen Geist, auf die er so stolz ist. Gehen wir zurück bis in seine Kindheit, so ist das mehr eine Einheit, aber dafür erscheint es mehr in seiner Naturgrundlage. Gehen wir noch weiter zurück, vor seine Geburt, dann ist er ganz geistig, da hatte er noch alle Geistigkeit ohne Naturgrundlage, ohne Materie in sich.

[ 22 ] Es ist in der Welt ein Pendelspiel: Das Wesenhafte schafft sich sein Abbild im Naturaspekt und offenbart sich durch ihn. Der Geist trägt die Natur in seinem Schoße, um sich mit dem, was er in seinem Schoße selber als Natur gebiert, ein Abbild zu machen. Aber das Wesenhafte hat auch wiederum die Macht, alles, was da draußen Natur ist, in den Geist aufzunehmen. Und so kann der Geist über alle Abbilder von sich selbst siegen, um immerwährend in neuen Verwandlungen, neuen Gestaltungen von neuem zu erscheinen. Das bezeugt uns, daß unendlich viele Gestaltungen im Schoße des Wesenhaften ruhen, und daß in immer neuem und neuem Werden der Sinn der Welt sich eigentlich vollzieht. Wenn man einsehen kann die Zusammengehörigkeit, die Un trennbarkeit von Geist und Natur, kommt man zu dem Wesenhaften in der Welt.