Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden
GA 150
10 June 1913, Stockholm
6. Die Freiheit der Seele im Lichte anthroposophischer Erkenntnis
[ 1 ] Indem Sie sich dem geistigen Leben widmen, ist es notwendig, sich bewußt zu werden darüber, warum wir als Menschen in der heutigen Zeit, indem wir unsere Aufgabe als Menschen in der heutigen Zeit erfassen, die Sehnsucht und den Drang haben, das geistige Leben zu pflegen. Das ist ja aus dem Grunde, weil in der Tat seit der letzten Zeit des vorigen Jahrhunderts in einer ganz anderen Weise der Mensch sich verhalten kann zu den höheren Welten, als das in den früheren Jahrhunderten der Fall war. Es ist dies etwas, was man im Grunde viel zu wenig berücksichtigt, daß die Entwickelung der Menschheit von Epoche zu Epoche immer neue Impulse zeitigt.
[ 2 ] Während es verhältnismäßig schwierig war, in den Zeiten des 14., 15., 16. Jahrhunderts aus der Menschenseele heraus ein Verständnis zu gewinnen für die spirituelle Welt, für das spirituelle Leben, wird es immer mehr und mehr ein naturgemäßes Bedürfnis der Menschenseele werden in den nächsten Zeiten, spirituelles Verständnis zu suchen. Denn seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts haben sich in gewissem Sinne die Pforten nach der geistigen Welt geöffnet, so daß für jeden, der sie empfangen will, spirituelle Erkenntnis aus der geistigen Welt strömt. In diesem Sinne stehen wir in einer ganz neuen Epoche der Menschheitsentwickelung. Wer heute wie durch einen Instinkt getrieben wird zur Anthroposophie, zu der anthroposophischen Bewegung, der fühlt eben, was in den Zeichen der Zeit geschrieben steht. Wie wir heute zusammenkommen, um spirituelle Geheimnisse des Daseins zu besprechen, würde vor fünfzig Jahren noch ganz und gar unmöglich gewesen sein, weil damals noch nicht zu den Menschen herunterströmten die Wellen des spirituellenVerständnisses. Und wir müssen verstehen, daß das, was wir anstreben und wollen, immer allgemeiner werden muß. Dazu müssen wir auch einmal aufsuchen die Symptome, die die ganze heutige Entwickelung der Menschheit kennzeichnen. Es sind heute erst wenige Menschen, die sich für das spirituelle Leben interessieren und den Drang haben, Erkenntnisse zu erlangen der spirituellen Welt. Die große Masse lehnt noch energisch jede spirituelle Erkenntnis ab. Nun muß man sich zu vertiefen wissen in all das, was zu einem solchen Tatbestand in unserer menschlichen Entwickelung geführt hat. Unter den Ideen, an welchen man am besten sehen kann, was sich als Symptom der gegenwärtigen Zeitepoche herausgebildet hat, ist vielleicht die Idee der Freiheit die wichtigste, sie ist diejenige Idee, welche uns am besten die Evolution der letzten Jahrhunderte anschaulich machen kann.
[ 3 ] Es ist ganz natürlich, daß heute ein Mensch draußen in der Welt, der nicht spirituelle Erkenntnisse sucht, der sich jedoch unterrichten will über die Gesetze der Welt und des menschlichen Seelenlebens, seine Zuflucht nimmt zu der offiziellen Wissenschaft, die wiederum beherrscht wird von der Naturwissenschaft. Wie kommen die Menschen denn zu einer Welterkenntnis? Sie wenden sich an die Menschen, die gelernt haben, sich ein naturwissenschaftliches Verständnis der Welt zu erringen und die dann vielleicht auch in populär-wissenschaftlichen Schriften niedergelegt haben, wie man über die menschliche Seele, über Natur und Freiheit und so weiter zu denken hat. Wie würde so jemand zu einer anderen Idee kommen können, als daß er bei solchen Menschen anfrägt?
[ 4 ] Nun hat aber die offizielle Wissenschaft, da wo sie Weltanschauung werden will, im 19. Jahrhundert etwas sehr Merkwürdiges durchgemacht, das symptomatisch ist. Aber gerade solche allermerkwürdigsten Symptome bemerken die Menschen ganz und gar nicht. Wenn man eine Größe der Wissenschaft frägt, ob es so etwas wie eine Idee der Freiheit gibt, so wird diese antworten: Das gibt es nicht in dem Sinne, wie die alten Weltanschauungen diese Idee auffaßten, denn heute wissen wir, daß, wenn ein Mensch zum Beispiel etwas von dieser oder jener Substanz genießt, daß dieser Stoff sogleich auf sein Gehirn wirkt, und dann kann er sich seines Gehirns nicht mehr richtig bedienen. Man sieht, daß der Mensch abhängig ist von seinem Gehirn, wie kann er dann frei sein? — Oder man sagt: Wir zeigen in der rationalistischen Psychologie, daß ein Mensch, der mit einer seelischen Krankheit behaftet ist, der nicht sprechen oder sich der Sprachlaute nicht erinnern kann, Abnormitäten in seinem Gehirn zeigt. Wie kann man da, wenn der Mensch von seinem Gehirn abhängig ist, von Freiheit reden? — So sagt die gewöhnliche Psychiatrie. Für das gewöhnliche triviale Denken haben alle diese Gründe sehr viel Gewicht. Es klingen solche Dinge sehr plausibel und ergreifen allmählich das Denken der Menschen, und wenn nicht eine spirituelle Weltanschauung die Köpfe wieder in Ordnung bringen wird, werden die Menschen einer Weltanschauung verfallen, welche die Idee der Freiheit ganz leugnet.
[ 5 ] In dieser Hinsicht hat die Wissenschaft einen merkwürdigen Weg zurückgelegt. Im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hat man immer gesucht nach Zweckmäßigkeit in der Natur. Man fragte sich: Warum hat der Stier Hörner, warum wachsen Apfel am Apfelbaume? — Eine weise Weltenlenkung, so sagte man, hat das getan. Sie hat dem Stier Hörner gegeben, um damit stoßen zu können, und sie hat Äpfel wachsen lassen, damit der Mensch sie essen kann und so weiter. Aufgeklärte Geister des 18.und 19, Jahrhunderts haben viel über diese Nützlichkeitsgründe gespottet. Sie haben — ironisch — gesagt: Warum hat das Weltendasein diesen oder jenen Baum wachsen lassen? — Weil der Mensch Wein trinken will und für seine Weinflaschen Korkstöpsel braucht!
[ 6 ] Solche Einwände gegenüber der leichtsinnigen Art, welche sich die Natur dachte wie den Menschen, sind ganz berechtigt. Bei einem Menschen kann man immer fragen: Was für einen Zweck verfolgt er mit dem, was er tut? — Nun hatte man die Natur vermenschlicht oder veranthropomorphisiert, man hatte eine anthropomorphe Weltanschauung geschaffen, die bei der Natur ebenso nach Zielen fragte, wie man bei einem Menschen nach seinem Ziele fragen kann. Es war vollberechtigt, daß das 19. Jahrhundert sich widersetzte diesem Anthropomorphismus, der nichts in der Natur selbst sah, sondern nur den Menschen in die Natur hineingetragen hatte, Die Geister des 19. Jahrhunderts wollten die Natur unmittelbar betrachten, sie selbst fragen. Sie wollten nicht solche Zwecke, wie der Mensch sie hat, in die Natur hineinphantasieren. Dieses Streben war ganz berechtigt, denn die alte Betrachtungsweise trug menschliches Seelenleben in die Natur hinein. Und berechtigt ist es zu sagen, man wolle die Natur betrachten, wie sie, abgesehen vom Menschen, ist. Man sagte: Wir wollen alles, was zum Menschen gehört, herauswerfen aus der Natur. — Das führte dann im 19. Jahrhundert zu einem Bilde der Natur, in dem nichts mehr vom Menschen darinnen war. Dadurch entstand eine materialistische Naturwissenschaft. Die menschlichen Begriffe wurden aus der Natur herausgedrängt. Es war in gewissem Sinne eine richtige Reaktion gegen die alte Nützlichkeitslehre oder Teleologie.
[ 7 ] So entstand eine materialistische Naturwissenschaft unter der Voraussetzung, daß in dieser Naturwissenschaft nichts von dem Menschen zu finden ist. Das war damals eine ganz berechtigte Forderung. Aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam dann heraus, daß man sich sagte: Wir müssen aber den Menschen auch als Naturprodukt betrachten, wir müssen den Menschen auch so betrachten wie die Natur. Durch diese zweite Forderung, den Menschen nach den materiellen Verhältnissen der Natur zu betrachten, wurde die Sache ganz anders, denn man hatte den Menschen herausgeworfen aus der Natur. Da war es ganz klar, daß der Mensch gar nicht mehr zu finden war in dieser so hergerichteten Naturwissenschaft. Das hat sich herausgebildet im Laufe des 19. Jahrhunderts. Da hat sich vollzogen, daß man herausdestilliert hat aus der Naturwissenschaft alles, was der Menschenseele angehört, was zu vergleichen ist damit, daß man etwa sagt: Ich habe eine Flasche, da ist Wasser darin. Ich will aber eine leere Flasche haben, also schütte ich das Wasser aus der Flasche. — Und man wundert sich dann, daß kein Wasser mehr in der Flasche ist. Bei der Flasche merkt ein jeder sogleich, daß die Flasche dann leer ist. Bei der Naturwissenschaft merkte man die Torheit nicht, aus der von dem Menschen entleerten Natur heraus den Menschen verstehen zu wollen. Ich bin überzeugt, daß eine materialistische Versammlung über diese einfachen Betrachtungen nur lachen würde, denn man ist sich dieses kapitalen Fehlers nicht bewußt. Unter diesen Mißauffassungen hatte die Idee der Freiheit, der Unsterblichkeit und dergleichen am meisten zu leiden. Denn wer die Sache so ansieht, wie sie eben geschildert wurde, findet es ganz selbstverständlich, daß in der Naturwissenschaft über diese Begriffe kein Aufschluß zu bekommen ist.
[ 8 ] Nun handelt es sich darum, daß es in der Tat notwendig ist gerade für eine spirituelle Weltanschauung, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, daß der Mensch in seiner Leiblichkeit zwar der äußeren Natur und ihren Gesetzen angehört, daß er aber als Seele etwas in sich trägt, was nur auf spirituellem Wege gefunden werden kann. Mit anderen Worten: Wenn wir den Menschen erkennen wollen in seiner ureigensten Wesenheit, dann dürfen wir nicht auf dasjenige im Menschen sehen, was zwischen Geburt und Tod seine äußere Hülle ist, sondern dann müssen wir auf dasjenige sehen, was von Inkarnation zu Inkarnation gehend seine eigentliche, wahre Wesenheit ist. Und es wird die Aufgabe der Anthroposophie sein, die Aufmerksamkeit der Menschen hinzulenken auf jene Vorgänge des inneren Lebens, die beweisen, daß es einen solchen von der äußeren Leiblichkeit unabhängigen, ewigen Wesenskern im Inneren des Menschen gibt.
[ 9 ] Wenn man den Menschen zunächst so betrachtet, daß man zugibt, die eigentliche menschliche Wesenheit lebt nicht nur zwischen Geburt und Tod, sondern sie ist dasjenige, was den Menschen hineinstellt in das physische Dasein und was auch bleibt nach dem Tode, dann wird man die Notwendigkeit einsehen, menschliches Wissen und Erkennen hinaufzuführen zu den Gebieten, wo die menschliche Wesenheit Anteil hat durch ihre Erkenntnis an jener höheren Welt, der sie durch ihr seelisch-geistiges Wesen angehört. Aber in dem Augenblicke, wo der Mensch mit seinem Erkennen eintritt in die höheren Welten, kommt er ebenso mit geistigen Wesenheiten der höheren Welten zusammen wie hier in der physischen Welt mit den Wesen der drei Naturreiche.
[ 10 ] Nun ist es die allerunberechtigtste Anschauung, die zum Beispiel Pascal, der berühmte christliche Forscher, einmal geäußert hat und in der ihm zum Beispiel Maeterlinck heute wiederum so ganz recht gibt, daß er sagt, Pascal habe das ein für allemal gewollt. — Pascal sagt: Wir haben von dem irdischen Dasein eigentlich nichts anderes, als daß es uns die Ewigkeit, die Unendlichkeit verbirgt. — Man muß sagen, dieser Glaube ist sehr verbreitet. Wo man hinhört, überall findet man eine berechtigte Sehnsucht nach dem Geistigen, dem Ewigen, die so zum Ausdruck gebracht wird, daß man sagt: Das irdische Dasein ist doch recht unbefriedigend. Erst in der Anschauung des Ewigen kann der Mensch wirklich Befriedigung finden. — Wenn man aber wirklich eindringt in die ewigen Welten, dann kommt noch etwas anderes zu dem Ausspruch Pascals hinzu. Wenn man nämlich in die Ewigkeit eindringt, dann hat man das Erleben, daß sie einem keineswegs das irdische Dasein verbirgt, sondern daß sie einem sogar noch zeigt, daß alles dort darauf angelegt ist, wieder zum irdischen Dasein hinzuführen.
[ 11 ] Gegen die Wiederverkörperungslehre gibt es bisweilen die eigentümlichsten Einwände. Eine Dame, der ich die Notwendigkeit der Wiederverkörperung mit allen Gründen auseinandersetzte, sagte mir: Ich will nicht wiederum auf die Erde kommen, das Leben gefällt mir zu wenig. — Ich versuchte ihr klarzumachen, daß ihre Gefühle nichts mit der Sache zu tun haben. Sie hörte mich an und reiste dann ab. Vom nächsten Bahnhof schickte sie mir eine Ansichtskarte, auf der geschrieben stand: Ich will doch nicht wieder geboren werden! — Man kann über eine solche Gesinnung lachen. Man findet sie vielfach. Man bedenkt eben nicht, daß es auf die Gesinnung gar nicht ankommt, nicht ankommt auf das, was man hier auf der Erde ausspricht innerhalb dieses Lebens. Man weiß eben nicht, daß es ganz unbedeutend sein kann, ob man zurückkehren will oder nicht. Man weiß nicht, daß man in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt alle Kräfte in seiner Seele trägt, die nach Wiederverkörperung hindrängen, die wiederum zurückkehren wollen. Diese Kräfte sind da in der Tat vorhanden. Dort ist alles dar‚auf angelegt, daß die Kräfte, die man da entwickelt, nur befriedigt werden können, wenn man wieder eintritt in das irdische Leben. Man spürt, daß die Seele unvollkommen geblieben ist, daß sie gewisse Eigenschaften nicht entwickelt hat in ihrem letzten Erdenleben. Hier auf Erden kann einem das vielleicht gleichgültig sein, ob man vollkommen oder unvollkommen ist, nicht aber in dem Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. Da drängen unwiderstehliche Kräfte dazu, die Unvollkommenheit in Vollkommenheit umzuwandeln. Man sieht ein, daß das in vielen Fällen nur durch Leid und Schmerz erreicht werden kann, und man weiß, daß, um eine Vollkommenheit zu erreichen, man die Leiden und Freuden eines irdischen Lebens auf sich nehmen muß. Und da geht man mit aller Macht hinein in eine neue Inkarnation.
[ 12 ] Ich habe dieses angeführt, weil man aus einer solchen Sache sehr scharf sehen kann, daß unsere Weltanschauung allseitig werden muß, daß man nicht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod, so wie es sich darbietet für unsere Begierden und Interessen, schließen darf auf die Begierden und Interessen, die man hat zwischen Tod und neuer Geburt. In einer gründlichen, energischen Weise denken lernen, wird der Mensch erst, wenn er durch die spirituelle Weltanschauung in dieser Weise sich zur Allseitigkeit ausbildet, wenn er erkennen lernt, daß ein jedes Ding von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden muß. Schon die Lebenspraxis zwingt den Menschen dazu im gewöhnlichen Leben. Wenn einer sagt: Das Feuer ist wohltätig —, so hat er recht. Wenn man aber sagt: Das Feuer ist sehr schädlich, denn es verbrennt Städte und Dörfer —, so ist das auch wahr. Der absolute Satz: Das Feuer ist gut —, oder: Das Feuer ist böse —, gilt nicht. In bezug auf das Feuer lehrt schon die Lebenspraxis, diese zwei Seiten anzuerkennen. Wird aber dasselbe verlangt für Wesenheiten der höheren Welten, zum Beispiel Luzifer und Ahriman, so geht man nicht gerne darauf ein, sondern man frägt: Ist Luzifer ein gutes oder ein böses Wesen, ist Ahriman ein gutes oder ein böses Wesen? — Die Menschen wollen Definitionen haben, die ihnen eine Antwort auf solche Fragen geben, und man betrachtet eine Antwort als höchst unbefriedigend, welche sagt: Luzifer und Ahriman können sowohl gut als auch böse sein. Vom Feuer fordert man das nicht. Da hilft uns die Lebenspraxis, ein unrichtiges Urteil in ein richtiges zu verwandeln,
[ 13 ] Unter den mancherlei Dingen, die jetzt zum Beispiel in Deutschland zirkulieren, um uns anzugreifen, ist auch dieses, daß vor kurzem gesagt wurde: Er — das heißt Doktor Steiner — setzt in seinen öffentlichen Vorträgen die Sachen so auseinander, wie sie sich seiner Anschauung darbieten, aber er vermeidet es, bestimmte Begriffe oder Urteile zu geben. — Meine lieben Freunde, in einer griechischen Philosophenschule wollte man einmal einen ganz bestimmten Begriff davon haben, was ein Mensch ist. Nach langem Hinundherreden kam man überein, zu sagen, um den Begriff Mensch zu definieren, daß ein Mensch ein Wesen sei, das auf zwei Beinen geht und keine Federn hat. Am nächsten Tag brachte jemand einen gerupften Hahn und sagte: Das ist also ein Mensch, denn er hat zwei Beine und keine Federn. Nach der Definition müsse das also ein Mensch sein! — Mit «bestimmten Begriffen» steht es eben so, daß sie, wenn man näher zusieht, sehr wirklichkeitsfremd sein können. Deshalb wird gerade die spirituelle Weltanschauung die Menschen daran gewöhnen, die Dinge allseitig zu charakterisieren. Die Naturwissenschaft hat auch ein gutes Stück einseitigen Denkens erzeugt, und sogar diejenigen, die sich mit ihrem Geist etwas erheben möchten über das naturwissenschaftliche Denken, zeigen oftmals — bei allem guten Willen — eine gewisse bewundernswerte Naivität. Man muß auf diesem Gebiet wirklich nach und nach den Willen entwickeln zu einer vollen Klarheit.
[ 14 ] So wie ich gestern versuchte zu zeigen, wie Menschen, die man als gründliche Naturforscher ansehen darf und deren Namen nicht verunglimpft werden sollen, gerade auf dem Gebiete der geisteswissenschaftlichen Forschung nicht urteilen können, so soll man sich, ohne ungerecht zu werden, auch nicht sofort verblüffen lassen von einer Idee, die vielleicht in guter Absicht gebracht wird, dafür aber nicht stichhaltig ist. Da ist zum Beispiel der Naturforscher William Crookes. Er hat vieles Bedeutsame für die naturwissenschaftliche Forschung geleistet, er ist zu gleicher Zeit jemand gewesen, der sich mit vollstem Herzen bekannt hat zu der Unsterblichkeitsforschung. Er wollte über die Unsterblichkeit Gewißheit erlangen mit den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methoden, und er hat wunderbare Resultate erzielt in seiner medialen Forschung. Nun hat er einmal eine Idee geäußert so, daß man sich diese Idee auch aneignen kann, mit ihr mitgehen kann bis zu einem gewissen Punkt. Wenn jemand behauptet: daß wir Farben sehen, hängt von der Beschaffenheit unserer Augen ab, daß wir Töne hören, verdanken wir unseren Ohren, und wenn wir andere Sinnesorgane hätten, würde die Welt um uns herum ganz anders sein —, so ist das ganz richtig. Wenn nun William Crookes sagt: Warum leugnet ihr denn das Dasein einer übersinnlichen Welt, die doch auch nur deshalb nicht für euch da ist, weil ihr solche Organe habt, die nicht geeignet sind, sie wahrzunehmen? — so hat das auch seine Richtigkeit. Diese vollberechtigte Idee drückt er genauer aus, indem er davon ausgeht, daß er sagt: Die Farben nehmen wir wahr, die Töne hören wir, aber von Elektrizität und Magnetismus sehen wir nur Wirkungen. Sie sind Naturkräfte, deren Wesen der Mensch nicht kennt, wenn er sie auch im praktischen Leben anwendet. Das findet man überall, daß man sagt, das seien Naturkräfte, deren Wesen der Mensch nicht ergründet hat. — Zugegeben! Es bedeutet in Wirklichkeit nichts anderes als: Für die Farben hat der Mensch seine Augen, für die Töne seine Ohren und so weiter; in dem Falle des Magnetismus sieht der Mensch zwar, daß der Magnet das Eisen anzieht, aber den Magnetismus selber, das, was der Magnetismus eigentlich selber ist, das sieht er nicht. Bei der Elektrizität nimmt er Licht- und Wärmewirkungen wahr, nicht aber die Elektrizität selber. — Nun sagt William Crookes: Wie würde sich die Welt ausnehmen für Wesen, die Elektrizität und Magnetismus unmittelbar mit besonderen Sinnesorganen wahrnehmen könnten, aber dafür nicht Licht, Farben, Töne und so weiter? Wenn wir kein Licht wahrnehmen könnten, so würde zum Beispiel ein Kristall für uns undurchsichtig sein, Glas ebenso, und Fenster anzubringen würde dann keinen Sinn haben. Sie würden uns nur daran hindern, eine Verbindung mit der Außenwelt zu haben. Hätten wir dagegen Organe für den elektrischen Strom, so würden wir einen Telegraphendraht sehen wie eine Lichtlinie, die durch den finsteren Raum zieht; fließende, lichtvolle Elektrizität würden wir da wahrnehmen. Magneten könnten wir, wenn wir ein Organ für Magnetismus hätten, so wahrnehmen, daß magnetische Kräfte nach allen Seiten ausstrahlen würden und so weiter. — William Crookes sagt nun: Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es solche Wesen gibt, deren Organe eingerichtet sind auf Schwingungen, die unsere Organe unberührt lassen. Solche Wesen leben in einer ganz anderen Welt als wir. — Und er betrachtet dann, wie diese Welt ausschauen würde. Glas und Kristall sind in dieser Welt dunkle Körper, Metalle, da sie die Elektrizität leiten, sind schon etwas heller, mit dunklen Teilen durchsetzt. Ein Telegraphendraht wäre ein langes, enges Loch in einem Körper von undurchdringbarer Festigkeit. Eine arbeitende Dynamomaschine würde ähnlich sein einer Feuersbrunst, und ein Magnet würde gar den Traum der mittelalterlichen Mystiker erfüllen von einer ewigen Lampe, die nie erlischt.
[ 15 ] Schön hat das William Crookes auseinandergesetzt, und man kann auf diese Weise schon eine Vorstellung davon erwecken, wie unsinnig es ist, zu behaupten, daß diese sinnlich-physische Welt die einzige sei, daß es keine andere Welt gäbe als nur die unsrige, und daß es andere Wesen als die Menschen nicht geben könne. Alles richtig! Aber man kann noch etwas anderes sagen über diese Idee — und hier beginnt die andere Seite der Sache, die den wahren Geistesforscher angeht. Nehmen wir einmal an, wir stellen die Frage: Wie würde es sein, wenn der Mensch anstelle der Augen wirklich diese Organe hätte, um direkt Elektrizität und Magnetismus wahrzunehmen, wenn diese Idee, die in einer naiven Weise ein Mensch hinstellt, verwirklicht wäre an uns Menschen, wie wäre das? Dann würden wir Menschen uns in dem Reich von Elektrizität und Magnetismus ebenso unmittelbar zurechtfinden, wie wir uns jetzt im Reiche des Lichtes und der Töne zurechtfinden. Das würde aber eine Folge haben. Hätte der Mensch ein Organ für das unmittelbare Wahrnehmen von Elektrizität und Magnetismus, so hätte er zugleich mit diesem Organ, das dann für ihn ein Erkenntnisorgan wäre, die Macht und die Gewalt, jeden anderen Menschen zu töten oder krank zu machen. Diese Fähigkeit würde ein solches Organ unmittelbar verleihen.
[ 16 ] Das ist es, was Geisteswissenschaft zu sagen hat zu der Idee des William Crookes, weil Geisteswissenschaft weiß, daß der Mensch durchzogen ist von solchen Kräften, die eine Verwandtschaft haben hier auf Erden mit den magnetischen und elektrischen Kräften. Nun bekommt die Frage einen ganz anderen Sinn, nun wird wirklich das Stück Naivität in dem einfachen Aufstellen einer solchen Idee erst recht sichtbar. Während ein Mensch, der kein höheres Schauen besitzt, die Idee von dem Hineinschauen in die elektrischen und magnetischen Kräfte aufstellt, folgt für den Geistesforscher aus ihr sogleich das soeben Gesagte. Wenn wir uns das vergegenwärtigen, kommen wir erst dazu, uns klar zu werden darüber, daß wir nicht an der Oberfläche bleiben dürfen, wenn wir uns in die Weisheit, die der Weltenordnung zugrunde liegt, wirklich vertiefen und sie verstehen wollen. Denn diese Erkenntnis des Geistesforschers zeigt uns, daß es sehr gut ist für den Menschen, daß er die elektrischen und magnetischen Organe nicht hat, daß er also seine Mitmenschen mit ihnen nicht schädigen kann. So können sich zunächst seine niederen Instinkte und Begierden auch nicht in solcher Weise ausleben und für ihn und die Welt verhängnisvoll werden. Der Mensch hat eine Welt um sich herum, die ihm in langsamer und allmählich wirkender Erziehung erlaubt, diese niederen Kräfte zu besiegen und dann erst zu den höheren Kräften aufzusteigen.
[ 17 ] Das ist der ganze Sinn der Erdenentwickelung, daß der Mensch durch viele Erdenleben gehend, in mannigfaltigen auf und ab wogenden Wellenbewegungen allmählich doch der Vervollkommnung entgegengeht, aber so, daß er lernt, seine niederen Kräfte, Instinkte und Sehnsüchte in den Dienst der höheren Ideen und Motive zu stellen. Das würde er nicht tun können, wenn er in der Zeit, als er sich erst im Laufe der Erdenentwickelung zur Moralität zu erziehen hatte, Organe bekommen hätte, die ihn Elektrizität und Magnetismus unmittelbar wahrnehmen ließen, denn da würde die Versuchung zu stark gewesen sein, die Menschen, die ihm aus irgendeinem Grunde nicht gefallen hätten, zu töten, und nur diejenigen Menschen auf der Erde zu lassen, die ihm recht wären.
[ 18 ] So sehen wir, daß eigentlich erst die spirituelle Weltanschauung uns die Möglichkeit gibt, allseitig das Dasein zu betrachten und tiefer in dieses einzudringen. Wenn der Mensch wirklich so zum Geistesforscher wird, wie das gestern im öffentlichen Vortrag nur flüchtig charakterisiert werden konnte, so kommt er wirklich in die geistige Welt hinein und wird dann gewahr, daß dort um ihn herum die höheren Hierarchien sind wie hier um ihn herum die drei Naturreiche. Da lernen wir erkennen gewisse Wesenheiten, die wir die luziferischen und ahrimanischen Wesen nennen. Was sind denn die luziferischen Wesen für Kräfte? Es sind solche, die zu Wesenheiten gehören, die während der vorhergehenden Erdenverkörperung, in der alten Mondenzeit, in ihrer Entwickelung zurückgeblieben sind, also nicht eingetreten sind in die volle Verhärtung des Erdendaseins, in die der Mensch eingetreten ist, sondern die stehengeblieben sind auf einer Stufe, die vor der Vermaterialisierung des Menschen liegt. Dadurch sind sie mit ihren Kräften geistiger geblieben, als der Mensch ist. Sie haben es in ihrer Entwickelung nur bringen können bis zu einer Stufe, die geistiger ist als die Stufe, in der der Mensch seine irdischen Verkörperungen durchmacht. Indem diese nun mit ihren Kräften die menschliche Natur durchsetzt haben, haben sie bewirkt, daß diese menschliche Natur Geistigeres in sich hat, als sie eigentlich haben sollte. Wenn diese luziferischen Kräfte nicht dagewesen wären, würde der Mensch in seinem Astralleibe in den gegenüber den bewußten Ich-Kräften untergeordneten, unbewußten Kräften persönlich Durchgeistigtes haben, wie die luziferischen Kräfte es sind, aber nicht solche Kräfte, die er jetzt hat. In seiner niederen Natur ist der Mensch geistiger geworden durch den luziferischen Einfluß, als er sonst gewesen wäre. Der Mensch hätte alles dasjenige, was er auf der Erde hätte bekommen sollen, von den nur fortschreitenden Mächten erhalten, aber er wäre nicht so geistig, wie er heute ist. Er wäre ohne den luziferischen Einschlag.
[ 19 ] Aber auch etwas anderes würde der Mensch nicht haben. Ohne diesen Einfluß hätte der Mensch nicht die Freiheit haben können, denn er würde, wenn dieser luziferische Einfluß nicht gekommen wäre, alle seine Handlungen so ausführen, daß er, wenn er dieses oder jenes zu tun hätte, nur hätte hinschauen können auf die Motive, die ihm in der Gestalt von aus der geistigen Welt zufließenden Ideen zugekommen wären. Was immer der Mensch auf der Erde vollbringen würde, er würde es so vollbringen, daß er sehen würde auf die Idee, die dem zugrunde liegt wie ein Bild, das ihm zeigt, was zu geschehen hat, ohne daß er sich diese Idee zu bilden hätte. Es würde wie eine Eingebung sein aus den höheren Welten, und diese würde so auf ihn wirken, daß er ihr unmöglich widerstehen könnte. Er würde wie selbstverständlich dem Willen der Götter folgen.
[ 20 ] Nun aber war der luziferische Einfluß da. Durch ihn ist der Mensch in die Lage gekommen, sich nicht einfach die Motive zu einer Tat zufließen zu lassen, sondern er muß sich diese Motive durch seine eigene Arbeit aus den Untergründen seiner Seele heraus erst selbst bereiten. Er muß sich erziehen zu sittlichen Ideen, und dieses Sich-Erziehen zu sittlichen Ideen, das würde der Mensch nicht können, wenn der luziferische Einfluß nicht gekommen wäre. Denn dadurch ist in unsere astrale Natur ein Geistigeres hereingekommen. Dadurch wirkt nicht nur im Ich-Bewußtsein die Idee der Sittlichkeit — die so wirken würde, daß es keinem Menschen einfallen würde, das Böse zu tun, da von göttlichgeistigen Wesenheiten die Idee des Guten für eine Handlung unmittelbar vor sein geistiges Auge gestellt würde —, sondern es wirken mit die Triebe und Leidenschaften. Es würde diese Idee gar nicht im Ich-Bewußtsein auftauchen können, wenn nicht seine astrale Natur, individuell gestaltet durch den luziferischen Einfluß, ihr entgegentreten würde. Dieser luziferische Einfluß hat bewirkt, daß in unserer Natur, aus dem Unbewußten heraus zum Bewußtsein hin, die Läuterung eintreten muß, daß wir uns zu bewußten sittlichen Ideen und Motiven heraufarbeiten müssen im Kampf mit uns selber, und diesen Ideen dann aus eigenem Antrieb folgen. So ist es Luzifer, der uns fähig macht, den sittlichen Ideen zu folgen, nachdem wir sie uns selbst erst erarbeitet haben.
[ 21 ] Nun können wir sagen: Da gibt es also doch eine Kraft, die aus unserem Inneren aufsteigt, wenn wir uns zu sittlichen Ideen hinarbeiten. Wo ist diese Kraft im Menschen, wenn der Mensch nicht ohne weiteres sittlich ist, sondern sich dazu erziehen muß; wo ist die Kraft, die da in der Seele aus dem Unbewußten heraus arbeitet, um sittliche Ideen vor den Menschen hinzustellen? Wo ist sie in uns, daß wir sie aus uns herausholen können? — Wenn der Mensch zum Geistesforscher wird, wenn er in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, dann entdeckt er auch, wo die Kraft ist, die sittliche Ideen erzeugt. Sie arbeitet fortwährend in den unbewußten Kräften, sie ist im Menschen, wird aber in der gewöhnlichen Welt zu etwas ganz anderem verwendet. Wenn wir in der gewöhnlichen Welt handeln, bevor wir uns sittliche Ziele gesetzt haben, handeln wir unter dem Einfluß unserer Triebe, Begierden und Instinkte. Wir können aber nur handeln, wenn wir unseren Körper in Tätigkeit versetzen. Da arbeiten wir fortwährend mit unbewußten Kräften, denn wer weiß, wenn er sich nicht mit Geisteswissenschaft befaßt hat, mit welchen Kräften man einen Arm beugt, einen Fuß vor den anderen setzt und so weiter? Was das für Kräfte sind, die da im Menschen wirken, das weiß man ohne Geisteswissenschaft nicht. Kein Mensch weiß, wie seine Bewegungen, wie alles, was da wirkt, daß er ein handelnder Mensch sein kann in der physischen Außenwelt, wie das zustande kommt und welche Kraft da wirkt. Das merkt erst der Geistesforscher, wenn er zur sogenannten imaginativen Erkenntnis kommt. Da macht man sich zunächst Bilder, die dadurch wirken, daß sie stärkere Kräfte aus der Seele heraus schöpfen, als sie sonst im gewöhnlichen Leben angewendet werden. Woher kommt denn diese Kraft, die die Bilder des imaginativen Erlebens in der Seele entfesselt? Sie kommt dorther, wo die Kräfte wirken, die uns zu einem handelnden Menschen in der Welt machen, die uns unsere Hände und Füße bewegen lassen. Weil das der Fall ist, kommt man nur zur Imagination, wenn man in Ruhe verbleiben kann, wenn man den Willen seines Leibes zum Stillstand bringen kann, ihn beherrschen kann. Dann merkt man, wie diese Kraft, die sonst die Muskeln bewegt, heraufströmt in das Seelisch-Geistige und die imaginativen Bilder erbildet. Man vollbringt also eine Umlagerung der Kräfte. Da unten in den Tiefen des Leiblichen ist also etwas von unserem ureigensten Wesen, von dem wir im gewöhnlichen Leben nichts spüren. Dadurch, daß wir das Körperliche ausschalten, dringt der Geist, der sonst in unseren Handlungen zum Ausdruck kommt, herauf in die Seele und erfüllt diese mit dem, was sie sonst für das Körperliche verwenden muß. Der Geistesforscher weiß, daß er dasjenige dem Leibe entrücken muß, was sonst der Leib konsumiert. Für die imaginative Erkenntnis muß also das Leibliche ausgeschaltet werden. Im gewöhnlichen Leben, da denken wir zwar, da bilden wir uns die Ich-bewußten Vorstellungen, aber die soeben besprochene Kraft strömt in unserem Organismus im Wachbewußtsein in unsere Organe herab, wird da wirksam und wird in der Regel gar nicht dazu verwendet, in der Seele geistig sichtbar zu werden.
[ 22 ] Wenn wir nicht Geistesforscher sind, haben wir über diese Kraft keine Gewalt, wir müssen sie da unten im Unterbewußtsein lassen, aber sie tut doch etwas, diese Kraft. Sie wirkt auf unsere moralischen Ideen. Wenn sie bewußt heraufströmt, erzieht man sich mittels dieser Kraft zu der imaginativen Erkenntnis; wenn sie nicht bewußt dazu verwendet wird, dient sie dem Menschen bei seinem Handeln in der Welt. Nun ist aber der Mensch nicht immer in Handlung, in Tätigkeit; dann wird unbewußt diese Kraft frei, die da unten sitzt, und sie arbeitet dann auch an dem Zustandekommen der moralischen Ideen. Dieselbe Kraft also, welche die Glieder bewegt, die geistig den Leib durchdringt, damit der Mensch greifen, gehen kann und so weiter, die macht sich bisweilen frei im menschlichen ‚Leibe und erzeugt die sittlichen Ideale. Wenn man irgendwo einen sittlichen Denker bewundern kann, der einsam hohe Ideale ausbildet, so sieht man in diesen Idealen das Freiwerden derselben Kräfte, die in seinen Handbewegungen und so weiter spielen. Zum Ausbilden der sittlichen Ideale muß also der Mensch gewissermaßen erst zur Ruhe kommen.
[ 23 ] Man kann aber auch sittliche Ideale ausbilden und ihnen dann nicht folgen, denn die Kräfte, die wir gebrauchen zum Ausbilden der sittlichen Ideen, gebrauchen wir auch dazu, uns zu bewegen und sie können für das eine und für das andere verwendet werden. Sittliche Ideale ausbilden, bedeutet noch nicht, sittlich zu sein. Erst ihnen folgen, heißt sittlich handeln. Die sittlichen Ideale tauchen dann wie Erinnerungen auf. Solange man sich noch zu ihnen erziehen muß, muß man dieselbe Kraft zu ihrer Erzeugung verwenden, welche man später braucht, um ihnen zu folgen. Wir tragen sie als Erinnerungsbilder in uns als unsere sittlichen Normen. Daher muß der Mensch zur Sittlichkeit erzogen werden, damit diese Erinnerungsbilder als seine sittlichen Normen in ihm aufsteigen und er ihnen folgen kann.
[ 24 ] Wer ist es denn, der da in uns wirkt, um diese sittlichen Ideale so aus unserer Natur hervorzuzaubern? Das ist Luzifer. Er nötigt uns, unsere sittlichen Ideen, unsere freie Sittlichkeit aus uns selbst heraus zu erzeugen. Luzifer verdankt es der Mensch, daß er seine sittliche Freiheit aus sich selber heraus erzeugen muß. Freiheit gibt es nicht in der Natur. Freiheit findet man nur, wenn man ausführt, zur Ausführung bringt, was als Geistig-Seelisches den Menschen durchdringt. Indem Luzifer in die niederen Begierden des Menschen eindrang, wurde er nicht nur der Verführer des Menschen, sondern zugleich der Schöpfer der menschlichen Freiheit. Durch Luzifers Impuls wurde der Mensch frei gemacht.
[ 25 ] Wenn wir also die innerste Natur unseres physischen Leibes studieren in der Weise, wie die Naturwissenschaft die Natur studiert, und dabei den logischen Gesetzen folgen, dann kommen wir zu diesem Ursprung der menschlichen Freiheit. Wenn heute ein Mensch sagen würde: An Magnetismus glaube ich nicht, ich sehe nur ein Eisen und das kann unmöglich ein anderes Eisen anziehen, das ist Phantasterei —, so widerlegt dieses die Lebenspraxis. Auf geistig-seelischem Gebiete benehmen sich die Menschen aber wohl so, daß sie die vorhandenen Kräfte leugnen. Luziferische Kräfte stecken in der Freiheit. Ohne diese luziferischen Kräfte könnten wir keine freien Wesen sein, könnten niemals aus unseren Seelentiefen heraus ethische Impulse entwickeln und uns nach ihnen richten. Verstehen wird man erst die Freiheit, wenn man verstehen wird, daß die physisch-sinnliche Natur des Menschen durchzogen ist von einem Geistig-Seelischen, das sich schon äußert in der Handbewegung, das sich aber freimachen kann, bewußt in den Imaginatiionen des Geistesforschers, unbewußt in dem Vor-sich-Hinstellen der sittlichen Motive. Wenn wir auf unser Inneres sehen, lernen wir auch die gute Seite des Luzifer kennen, und man kann nicht länger sagen: Luzifer ist ein böses Wesen —, denn er ist zugleich auch der Bringer der menschlichen Freiheit.
[ 26 ] Nun wandelt aber der Mensch auch noch andere Kräfte in seiner Seele zu leiblichen Verrichtungen um, zum Beispiel beim Sprechen, bei dem In-Bewegung-Bringen des Sprachorgans im Gehirn. Da sind wir nicht mit dem ganzen Körper in Aktion, aber indem wir vom GeistigSeelischen aus die Organisation des physischen Leibes in Tätigkeit versetzen, vollbringen wir eine innere Tätigkeit. Wenn wir sprechen, greifen geistig-seelische Kräfte in das sogenannte Brocasche Organ, das sich in der dritten Gehirnwindung befindet, und dann in den Kehlkopf ein. Wenn wir diese Kraft, die auf das Brocasche Organ einwirkt, gleichsam herausziehen aus dem Sprechen, wenn wir uns ihrer bewußt werden, ohne daß wir sie zum Sprechen verwenden, dann haben wir sie in ihrem Geistig-Seelischen erfaßt. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie meditieren so, daß Sie sich in die Kräfte Ihrer Seele versetzen, die sonst im Sprechen zum Ausdruck kommen, ohne zu sprechen, Sie bleiben stumm. Wenn man so das Seelische gleichsam aufhält in seinem Inneren, bevor es in das Körperliche eingreift, so hat man eine Kraft in sich erfaßt, die zu der sogenannten Inspiration führt, zu dem geistigen Hören. Darauf beruht der okkulte Ausspruch von der sogenannten «schweigenden Erkenntnis». Ein solches Schweigen ist da gemeint, bei welchem man die Kräfte, die sonst in den Kehlkopf fließen, innerlich verwendet. Da dringen diese in das Seelische hinein und machen die Seele innerlich regsam. So dringt man ein in die Welt der Inspiration.
[ 27 ] Diese Welt der Inspiration ist im Grunde zunächst, wenn der Geistesforscher in sie eintritt, eine Welt, die getrennt ist von der Welt der bloßen Imagination. Sie ist eine Welt, durch welche andere Wesenheiten der geistigen Welten sich uns kundgeben. In unserem Zeitenzyklus ist es so, daß wie durch eine Naturnotwendigkeit immer mehr auch im Menschen unbewußt solche Kräfte zur Geltung kommen, die sonst nur in den Organen des physischen Leibes und deren inneren Tätigkeiten sich ausleben.
[ 28 ] Wenn nun im Menschen wie naturgemäß die Kraft wirkt, die er sonst im Sprechen gebraucht, dann setzt ihn diese Kraft instand, ein Geistiges wahrzunehmen, was einer Inspiration entspricht. Das ist etwas anderes, als wenn man die Bilder wahrnimmt in der imaginativen Erkenntnis mit dem Auge des wahren Sehers. Diese Kraft, die in unseren moralischen Ideen wirkt, läßt uns die gute Seite der luziferischen Wesen erkennen. Wenn wir wahrnehmen können mit dieser Kraft, die sonst zum Sprechen verwendet wird, dann treten wir in die Sphäre ein, für die, ohne alles religiöse Vorurteil, das Johannes-Evangelium uns das richtige Verständnis gibt, indem es sagt: «Im Urbeginne war das Wort.» — Dieses «Wort» vernimmt man, wenn man das eigene Wort, die eigene Leiblichkeit so abdämpfen kann, daß man die Kraft, die sonst durch den Kehlkopf spricht, vor dem Kehlkopf aufhalten kann und sie dadurch frei wird.
[ 29 ] Was war also das Hindernis, das machte, daß die Menschen nicht von Anfang an das Weltenwort wahrgenommen haben? Das war, daß sie sprechen lernen mußten! Aber bei der Weiterentwickelung wird in der Tat aus der Sprache etwas sehr Merkwürdiges werden. Die Sprache hat sich im Laufe der Menschheitsentwickelung doch sehr verändert. Wenn man zu ursprünglichen Sprachstufen zurückgeht, da waren die Menschen noch unmittelbar verknüpft mit der Sprache. Sogar heute noch findet man auf dem Lande, daß der Mensch dort viel mehr in ihr lebt und webt, mit ihr verwachsen ist. Er fühlt noch, wenn er ein Wort ausspricht, daß darin etwas liegt wie eine Nachbildung dessen, was er um sich herum sieht. Je weiter die Menschheitsentwickelung vorschreitet, um so abstrakter wird das Wort, es wird nur zum Zeichen dessen, was es ausdrücken soll. Die Sprache wird immer unorganischer,
[ 30 ] Of immer arabeskenartiger, immer fremder dem Menschen. Woher kommt das? In diesem Fremdwerden der Sprache von der inneren Bedeutung der Worte werden bloßgelegt diejenigen Kräfte, die früher dazu verwendet wurden, die Sprache auszubilden. Das hängt wiederum damit zusammen, daß bald eine geistige Wahrnehmung kommen wird von dem Christus-Wesen, eben weil der Mensch die sprachbildende Kraft frei bekommt. In älteren Zeiten war die Sprache eng verwachsen mit dem menschlichen Organismus, jetzt beginnt sie sich von diesem zu emanzipieren. Dadurch wird die sprachbildende Kraft frei und wird verwendet werden für das Wahrnehmen des Weltenwortes, des geistigen Christus.
[ 31 ] So haben wir zwei Seiten der menschlichen Natur betrachtet; wie der Mensch auf der einen Seite die luziferische Kraft gebraucht in dem freien Erzeugen der sittlichen Ideale, und wie er auf der anderen Seite durch das Freiwerden der sprachbildenden Kraft — durch etwas also, was er mit der ganzen Menschheit teilt, da diese Kräfte innerhalb der ganzen Menschheit frei werden — die Kraft erlangt, den Christus geistig wahrzunehmen. Zu dem Christus-Impuls dringen wir, indem wir Angehörige des ganzen Menschengeschlechts sind. In demselben Maße, in dem die Sprache immer abstrakter wird und die Sprachkraft sich emanzipiert von dem Organismus in der menschlichen Natur, bereitet sich der Mensch vor, den geistigen Christus wirklich wahrzunehmen. Das ist die andere Seite der menschlichen Entwickelung. Während der Mensch durch den luziferischen Einfluß innerlich freier geworden ist, indem dieser ihm die Möglichkeit gab, sich seine sittlichen Ideen zu bilden, wird er wie durch eine äußere Gewalt sich die Fähigkeit erwerben, sich mit dem Christus zu verbinden. Der Christus wird an den Menschen so herantreten, daß er sein Wesen als den Inbegriff der sittlichen Ideen ausgießen wird über die ganze Menschheitsevolution. Die Christus-Wesenheit wird, wenn sie der ganzen Menschheit so bekannt werden wird, in sich etwas haben von der Natur der moralischen Motive. Und da berühren wir etwas, was zeigt, daß Anthroposophie sich erheben kann zu etwas, was höchstes Wahrheitsgefühl vereinigen kann mit den edelsten moralischen Motiven. Ich habe in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit», das vor zwanzig Jahren abgeschlossen wurde, versucht zu zeigen, daß wirkliche Freiheit dann vorhanden ist in der Menschenseele, wenn der Mensch den moralischen Motiven folgt, die er in sein Bewußtsein heraufgehoben hat. Was ist die Natur dieser sittlichen Motive? Sie zwingen nicht, wir folgen ihnen ohne Zwang. Kein Motiv ist sittlich, das zwingt. Motive, denen wir aus Zwang folgen, sind aus der Außenwelt an uns herangebracht. Sittliche Motive sind daran erkennbar, daß wir ihnen auch nicht folgen können. Wir müssen uns von ihrem Wert durchdringen in freier Weise. Zu den ethisch-sittlichen Motiven bekennt sich der Mensch nur dann in wahrhaft sittlicher Weise, wenn er zu ihnen geht, wenn sie sich ihm nicht aufdrängen. Das ist das Charakteristikon der sittlichen Motive. Der Christus, wenn ihn die Menschheit im Geiste erkennen wird, wird das gemeinschaftlich mit den ethischen Motiven haben, daß man ihn auch verleugnen kann, daß er keinen zur Anerkennung zwingt. Die alten Götter haben noch auf andere Kräfte der Menschenseele gewirkt. Sie haben den Menschen noch da erfaßt, wo er sich noch nicht zur Bewußtheit heraufgeführt hatte. Der Christus aber wird dem Menschen bewußt in seiner Geistigkeit erscheinen in dem Maße, als der Mensch sich im Bewußtsein frei gemacht hat und sich zu ihm erhoben haben wird. Er wird da sein für alle, die ihn erkennen wollen, ohne daß jemand gezwungen wird, ihn anzuerkennen. Er wird so vor der Menschheit erscheinen, daß man ihm in freier Weise folgen kann. Wie ein sittliches Motiv den Menschen nicht zwingt, sondern ihn frei läßt, diesem Motiv zu folgen oder nicht, so wird es auch mit dem Christus-Wesen sein: daß der Mensch durchaus sich voll bewußt des Wertes dieses Christus-Wesens sein muß, wenn er ihm folgen will. Die Anerkennung der Christus-Wesenheit wird in Zukunft für jeden einzelnen Menschen zugleich eine freie Tat seiner Seele sein. Das wird das unendlich Bedeutungsvolle sein, daß wir uns zu einer Wahrheit durchringen dürfen, die uns nicht zwingt, sie anzuerkennen, sondern die wir erst anerkennen, wenn wir ihren vollen Wert einsehen.
[ 32 ] So wird in der Tat die Idee, die uns die Anthroposophie von dem Christentum gibt — das erst in seiner wahren Gestalt kommen wird —, eine Wahrheit an die Menschen heranbringen, die im eminentesten Sinne zugleich eine freie Wahrheit ist. Dem kann noch folgendes, in bildhafter Form Gegebenes, hinzugefügt werden, was dann durch Meditation weiter verstanden werden kann. Zweimal ist in der Menschheitsentwickelung dasselbe Wort gebraucht worden: Einmal bei der Paradiesesversuchung, als Luzifer zu dem Menschen sagte: «Ihr werdet sein wie die Götter, eure Augen werden geöffnet werden.» Das ist der bildliche Ausdruck für den luziferischen Impuls. Luzifer hat damit die Geistigkeit in die niedere Natur des Menschen gegossen und dafür den Menschen die Möglichkeit gegeben, zur inneren Freiheit durch sittliche Motive zu kommen. Und ein zweites Mal wurde gesagt, jetzt von dem Christus: Seid ihr nicht Götter? — Dasselbe Wort! Daraus sieht man, daß es nicht nur ankommt auf den Inhalt eines Wortes, sondern auf das Wesen, das ein Wort ausspricht, auf die Art und Weise, wie ein Wort gesprochen wird. Da sieht man den notwendigen Zusammenhang zwischen der Luzifertat und der Tat des Christus auch in bildlicher Weise ausgedrückt, wie die religiösen Urkunden das zu tun pflegen.
[ 33 ] Luzifer ist der Bringer der persönlichen Freiheit des einzelnen Menschen, Christus ist der Träger der Freiheit des ganzen Menschengeschlechtes, des ganzen Menschentums auf Erden. Das ist das Bedeutsame der Anthroposophie, daß sie uns lehrt, daß die Anerkennung des Christus-Wesens in solcher Weise geschehen wird, daß es dem Menschen freisteht, den Christus anzuerkennen oder nicht, wie es dem Menschen freisteht, nicht moralisch zu sein.
[ 34 ] Eine freie Wahrheit soll der Christus für die Menschenseele sein. Alle anderen Wahrheiten, welche der ganzen Menschheit angehören, zwingen uns. Es ruhen aber noch Wahrheiten im Weltenschoße, die gerade mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, deren Anerkennung freie Taten des Menschenwesens sein müssen und die diese Menschenwesenheit adeln und veredeln dadurch, daß sie aus freiem Willen von dem Menschenwesen anerkannt werden. So tief greift freie Wahrheit, die freie konkrete Wahrheit, in das sich auf der Erde entwickelnde Wesen des Menschen ein. Es zeigt sich uns, wie die Wahrheit, die in Freiheit gewonnen wird, zu den Grundgesetzen der menschlichen Entwickelung gehört.
[ 35 ] Es hat sich uns gezeigt, wie die Freiheit erst durch den luziferischen Einfluß in die menschliche Entwickelung kommen konnte und daß der Mensch sich zunächst mit Hilfe dieses luziferischen Impulses zur Wahrheit erheben mußte. Da wurde die Menschheit zur Wahrheit noch gezwungen, man konnte nur durch Zwang die Wahrheit anerkennen. Das aber kann der Mensch als Ideal für die Zukunft ansehen, daß er sich in einer solchen Weise, wie hier dargelegt, zur Freiheit entwickeln und Wahrheiten in freier Weise anerkennen kann. Man könnte vieles über Anthroposophie sagen, aber etwas, was mit unserem Freiheitsbedürfnis inniger zusammenhängt, als das eben Ausgesprochene von der freien Wahrheit, wird es nicht leicht geben, etwas, was in der tiefsten, edelsten Weise sprechen muß von dem, was in unserer Menschheitsbestimmung liegt.
[ 36 ] Wir fühlen erst, was Mensch sein heißt auf Erden, wenn wir wissen, was als bewußtes Ideal vor uns steht: das Ideal von der Freiheit und der Wahrheit, von der Wahrheit, die sich in der Freiheit einen äußeren Leib schaffen wird.
[ 37 ] Über solche Ideen der Freiheit mußte zu Ihnen gesprochen werden gerade in dem Zeitpunkte, wo wir unsere eigene Befreiung als Anthroposophische Gesellschaft gewonnen haben aus für uns unmöglich gewordenen Fesseln, um mit diesen Ideen eine empfindungsgemäße Andeutung zu geben über die Art, wie man überhaupt in einer Gesellschaft gesinnt sein sollte, die sich solche Ideale zum Ziele ihres Zusammenseins macht.
[ 38 ] Nun möchte ich noch in herzlichster Weise Ihnen sagen — wie alle Freunde, die von auswärts mit unseren schwedischen Freunden hier zusammengetroffen sind, es mit mir fühlen werden —, wie tief befriedigend es ist, und noch tiefer befriedigend am Schlusse unserer Veranstaltung, daß hier in diesem Lande dem, was hier vorgetragen werden konnte, ein so tiefes, gründliches Verständnis entgegengebracht worden ist, daß sich hier ein so gründliches Verständnis entwickelt hat für dasjenige, was wir mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft wollen. Und wahrhaftig, nicht um irgend etwas zu bekämpfen, sondern in rechter Weise zu dienen unserem frei gefaßten anthroposophischen Ideal, sei dies als Abschiedswort gewählt. Möge die Gesellschaft, die Sie unter sich begründet haben, noch vieles an Arbeit und Leistung beitragen zu dem, was wir heute besprechen durften in unserem Vortrage über die Freiheit der Seele im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. Möge durch diese Arbeit aus den spirituellen Welten dasjenige herabströmen, was dort schon wartend, hoffend vorhanden ist, was sicher für uns Menschen in Erfüllung gehen wird, wenn durch unsere Arbeit geleistet werden wird, was so ungeheuer bedeutsam werden wird für die Entwickelung des spirituellen Strebens der Menschheit. Möge dies die Arbeit gerade dieses Zweiges sein! Mit diesen Worten möchte ich zu Ihnen mein Abschiedswort gesprochen haben.
