Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein
Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden
GA 150
21 December 1913, Stockholm
7. Erdenwinter und Sonnen-Geistessieg
[ 1 ] zur Einweihung des Vidar-Zweiges
[ 2 ] Zu unseren Freunden in Bochum sind eine Anzahl auswärtiger Freunde gekommen, um unter dem Weihnachtsbaum den hier begründeten Zweig unseres geistigen Strebens zu besuchen. Und zweifellos fühlen alle diejenigen, die von auswärts herbeigekommen sind, um heute zusammen mit unseren Bochumer Freunden den hier begründeten Zweig festlich einzuweihen, die Schönheit und die geistige Bedeutung des Entschlusses unserer Bochumer Freunde, hier in dieser Stadt, mitten in einem Felde materieller Tätigkeit, mitten in einem Felde, das gewissermaßen hauptsächlich dem äußeren Leben angehört, zu begründen diese Stätte geistigen Strebens und geistigen Fühlens. Und in vieler Beziehung kann uns gerade ein jeglicher unserer lieben Zweige, hier in dieser Gegend mehr als anderswo, ein Symbolum sein für die Bedeutung unserer Art anthroposophischen geistigen Lebens in der gegenwärtigen Zeit und für die Zukunft der Entwickelung der Menschenseelen.
[ 3 ] Wir stehen wahrhaftig nicht in irgend etwas, das wir kritisierend, abfällig betrachten dürfen, wenn wir mitten in einem Felde modernster materieller Tätigkeit stehen, denn wir stehen da vielmehr auf einem Gebiete, das uns gerade zeigt, wie es im späteren äußeren Erdenleben immer mehr und mehr werden muß. Wir würden uns nur unverständig zeigen, wenn wir sagen wollten: Alte Zeiten, in denen man gewissermaßen Wald und Wiese und das ursprüngliche Naturleben mehr um sich hatte als die Schornsteine der Gegenwart, sie möchten wieder heraufkommen. — Man würde sich nur unverständig zeigen. Denn man würde beweisen, daß man keinen Einblick hat in dasjenige, was die Weisen aller Zeiten genannt haben «die ewigen Notwendigkeiten, in die der Mensch sich zu finden hat». Gegenüber dem die Erde überdeckenden materiellen Leben, wie es insbesondere das 19. Jahrhundert heraufgebracht hat und welches die späteren Zeiten in noch viel umfassenderer Weise der Menschheit bringen werden, gegenüber diesem Leben gibt es keine aus einer Sympathie mit dem Alten genommene berechtigte Kritik, sondern gibt es einzig und allein die Einsicht, daß so das Schicksal unseres Erdenplaneten ist. Mag man die alten Zeiten von einem gewissen Standpunkte aus schön nennen, mag man sie betrachten wie eine Frühlings- oder Sommerzeit der Erde, zu wettern dagegen, daß auch andere Zeiten kommen, wäre ebenso unverständig, wie es unverständig wäre, unzufrieden damit zu sein, daß auf den Frühling und Sommer Herbst und Winter folgen. Deshalb müssen wir es schätzen und lieben, wenn aus einem innerlich mutigen Entschlusse heraus unsere Freunde gerade inmitten des allermodernsten Lebens und Treibens eine Stätte unseres geistigen Lebens schaffen. Und recht wird es sein, wenn alle diejenigen, die nur für den heutigen Tag diesem unserem Zweig ihren Besuch gebracht haben, weggehen mit dankbarem Herzen gerade für die schöne, in echt geisteswissenschaftlichem Sinne gehaltene Tätigkeit unserer Bochumer Freunde.
[ 4 ] Das ist ja das so lieb-sympathische bei dem, was wir seit Jahren unsere «Zweigeinweihungen» nennen, daß sich bei solchen Gelegenheiten zu dem Kreis, der sich an irgendeinem Orte zusammengetan hat, auswärtige Freunde, oftmals von weither, finden. Dadurch geschieht es, daß diese auswärtigen Freunde zunächst in unmittelbarer Anschauung entzünden können das innere Feuer ihrer Dankbarkeit, das wir hegen müssen für alle diejenigen, die solche Zweige gründen, und daß auf der anderen Seite diese auswärtigen Freunde mitnehmen können den lebendigen Eindruck des Erlebten, der die Gedanken wach erhält, die wir dann von überallher der Arbeit eines solchen Zweiges zuwenden, damit diese Arbeit durch die schaffenden Gedanken von allen Seiten her fruchtbar werden kann. Wissen wir doch, daß das geistige Leben eine Wirklichkeit ist, wissen wir doch, daß Gedanken nicht nur dasjenige sind, was der Materialismus glaubt, sondern daß Gedanken lebendige Kräfte sind, die, wenn wir sie in Liebe vereinigen zum Beispiel über irgendeiner Stätte unseres Wirkens, dort sich entfalten, dort Hilfen sind.
[ 5 ] Und überzeugt möchte ich sein dürfen, daß auch von diesem heutigen Beisammensein diejenigen, die ihren Besuch hierher gebracht haben, mitnehmen den Impuls, oft und oft an die Stätte dieser unserer Arbeit zu denken, damit unsere Freunde hier fühlen können, wenn sie still unter sich beisammensitzen, sich vertiefend in dasjenige, was uns durch der Hierarchien Gnade an geistigen Erkenntnissen wird, damit unsere Freunde, wenn sie still wieder allein beisammensitzen, das Gefühl hegen dürfen, daß von allen Seiten her in ihren Arbeitsraum, ihren geistigen Arbeitsraum, die schaffenden Gedanken kommen.
[ 6 ] Hinschauen auf dasjenige, was ist, und nicht eine unberechtigte Kritik am Sein üben, das lernen wir ja allmählich gerade durch unsere anthroposophische Weltanschauung. Ganz zweifellos müssen wir uns gestehen, die Erde macht eine Entwickelung durch. Und wenn wir, mit unseren anthroposophischen Kenntnissen ausgerüstet, ja schon wenn wir verständig mit dem, was wir außerhalb der anthroposophischen Kenntnisse wissen können, zurückblicken in frühere Zeiten der Erdenentwickelung, so erscheinen uns frühere Zeiten gegenüber der Erde, die durchfurcht ist von Eisenbahnen und durchsetzt ist von Telegraphendrähten, die durchwallt wird von jenen elektrischen Strömen so erscheinen uns diese Zeiten der Erde wie die Frühlings- und Sommerzeit, und die Zeiten, in die wir eintreten, wie die Herbst- und Winterzeit der Erde. Aber nicht ist es an uns, darüber zu klagen, sondern an uns ist es, dies eine Notwendigkeit zu nennen. Ebensowenig ist esan uns zu klagen, wie es nicht an dem Menschen ist zu klagen, wenn der Sommer zu Ende geht, daß Herbst und Winter kommen.
[ 7 ] Wenn aber der Herbst und der Winter kommen, dann rüstete sich seit langen Jahrhunderten die Menschenseele, um das Zeichen für das Eintreten des lebendigen Wortes in die Erdenentwickelung in der Tiefe der Winternacht aufzurichten. Und damit zeigte das Menschenherz, zeigte die Menschenseele, daß geschaffen werden muß jenes Lebendige, das der Sommer von außen ohne des Menschen Zutun gibt, durch menschliches Zutun aus dem Inneren heraus.
[ 8 ] Erfreuen uns die sprießenden, sprossenden Frühlingskräfte, die von sanften Soemmerkräften, ohne unser Zutun, von außen abgelöst werden, deckt uns der Winter mit seiner Schneedecke dasjenige zu, was uns sonst, ohne unser Zutun, während des Sommers erfreut und immer erneut den Beweis bringt, daß göttlich-geistige Kräfte durch die Welt walten, so erhalten wir uns während der kalten finsteren Winterzeit dasjenige, was in den Winter hineingestellt ist als die sommerliche Zukunftshoffnung, die uns besagt, daß, so wie es nach jedem Winter Frühling und Sommer wird, so auch einstens, wenn die Erde an ihrem Ziel angelangt sein wird im Kosmos, wiederum ein neuer geistiger Frühling und Sommer kommen werden, die unsere schaffenden Kräfte mitgestalten. So errichtet sich das Menschenherz das Zeichen von dem ewig lebendigen Leben.
[ 9 ] In eben diesem Zeichen von dem ewig lebendigen geistigen Leben fühlen wir uns heute vereinigt mit unseren Bochumer Freunden, ihren vor einiger Zeit hier gegründeten Zweig einzüweihen. Schön ist es, daß wir ihn gerade vor dem Weihnachtsfeste einweihen können.
[ 10 ] Es wird vielleicht manchem, der zunächst oberflächlich hört von alldem, was über den Christus Jesus durch unsere Geisteswissenschaft erkundet wird, was sich ihr offenbart über den Christus Jesus, es wird manchem vielleicht, der oberflächlich hinschaut, so erscheinen, als ob wir anstelle der früheren Einfachheit und Kindlichkeit des Weihnachtsfestes mit seiner Erinnerung an die schönen Szenen des Matthäusund Lukas-Evangeliums, etwas ungeheuer Kompliziertes setzen würden. Müssen wir doch die Menschenseele darauf aufmerksam machen, daß im Beginn unserer Zeitrechnung zwei Jesusknaben eingetreten sind in die irdische Entwickelung, müssen wir doch davon sprechen, wie das Ich des einen Jesusknaben herüberzog in die Leiber des anderen Jesusknaben, müssen davon sprechen, daß im dreißigsten Jahre des Jesuslebens sich die Christus-Wesenheit herabsenkte und drei Jahre in den Hüllen des Jesus von Nazareth lebte. Es könnte leicht scheinen, als ob all die Liebe, die Innigkeit, die die Menschen durch Jahrhunderte zu ihrem Heil aufzubringen wußten, wenn ihnen vorgeführt wurde das Jesuskind in der Krippe, umgeben von den Hirten, wenn zu ihren Ohren tönte das wunderbar eindringliche Weihnachtslied, wenn die Weihnachtsspiele da und dort gefeiert wurden, wenn die das kindlichste Herz erfreuenden Lichter am Tannenbaum erschienen, es könnte scheinen, daß gegenüber alldem, was so unmittelbar im Schauen das menschliche Herz zur Innigkeit, zur Frommheit, zur Liebe entzündet, als ob demgegenüber erlöschen müßte das warme Gefühl, die warme Empfindung, wenn man erst aufzunehmen hat die komplizierten Ideen von den beiden Jesusknaben, von dem Hinübergehen des einen Ich in die Leiber des anderen, von dem Heruntersenken einer göttlich-geistigen Wesenheit in die Leibeshüllen des Jesus von Nazareth. Doch dürfen wir uns solchen Gedanken nicht hingeben, denn schlimm wäre es, wenn wir nicht auf diesem Gebiet dem Gesetz der Notwendigkeit uns fügen wollten.
[ 11 ] Ja, meine lieben Freunde, in den Orten, die draußen lagen am Waldesrand oder inmitten der Äcker und Wiesen, zu denen herunter und hinein sprachen die schneebedeckten Berge und Fernen oder die weiten Ebenen und Seen, in jenen Orten, die nicht durchzogen waren von Schienensträngen und Telegraphendrähten, da konnten die Herzen wohnen, die unmittelbar entzündet waren, wenn die Krippe auferbaut wurde, und wenn erinnert wurde an dasjenige, was das Matthäus- und Lukas-Evangelium von der Geburt des wunderbaren Kindleins erzählte. Was in diesen Erzählungen enthalten ist, was geschehen ist auf Erden so, daß diese Erzählungen davon Zeugnis sind, das lebt und wird weiter leben. Nur braucht eine Zeit, welche eintritt, wir dürfen sagen, in den «Erdenwinter», eine Zeit der Eisenbahnen und Telegraphendrähte und der Essen, stärkere Kräfte in der Seele, um gegenüber dem äußeren Mechanismus, gegenüber der äußeren Materialität, Wärme und Innigkeit im Herzen zu entzünden. Es muß die Seele erstarken, um von der Wahrheit dessen, was geschehen ist zur Vorbereitung des Mysteriums von Golgatha, innerlich so überzeugt zu sein, daß es fest im Herzen lebt, wie auch äußerlich die mechanische Naturordnung in das Erdensein eingreifen möge. Anders durfte die Kunde von dem Kinde in Bethlehem dringen in die Seelen, die am Waldesrand, an Bergeshängen, an den Seen und inmitten der Äcker und Wiesen wohnen durften, anders muß die Kunde dringen von dem gleichen Wesen zu denjenigen, welche den neueren Daseinsbedingungen gewachsen sein müssen.
[ 12 ] Aus diesem Grunde geben uns für die heutigen Tage diejenigen, die wir nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen von jenen höheren Zusammenhängen Kunde, die wir beachten müssen, wenn von dem Kinde von Bethlehem die Rede ist. Wir stehen dann mit unseren neueren Erkenntnissen nicht minder seelenerfüllt vor dem Weihnachtsbaum, weil wir anderes noch wissen müssen, als frühere Zeiten gewußt haben. Im Gegenteil, wir lernen besser verstehen diese früheren Zeiten, wir lernen verstehen, warum die Zukunftshoffnung und die zukunftssichere Freude aus den Augen sprach von jung und alt am Weihnachtsbaum und an der Krippe. Wir lernen verstehen, wie da noch mehr lebte, als was man so unmittelbar sehen konnte, wenn wir in unserem Sinne die Gründe uns darlegen, warum wir so tiefe, innige Liebe empfinden zu dem Kinde von Bethlehem. Den einen der Jesusknaben, den aus der nathanischen Linie des Hauses David, wir dürfen ihn im schönsten Sinne, im allerschönsten Sinne nennen «das Kind der Menschheit, das Menschenkind». Denn, was fühlen wir denn gegenüber diesem Kinde, dessen Wesenheit hindurchglänzt noch durch die Schilderungen des Lukas-Evangeliums?
[ 13 ] Die Menschheit hat ihren Ursprung genommen mit dem Erdenursprung. Aber viel ist über die Menschheit hingegangen im Laufe der lemurischen, der atlantischen und nachatlantischen Zeit. Und wir wissen, daß dies ein Abstieg war, daß vorhanden war für die Menschheit in der Urzeit ein Urwissen und Urschauen, ein Urzusammenhang mit den göttlich-geistigen Kräften, ein altes Erbgut eines Wissens des Zusammenhanges mit den Göttern. Immer mehr hat sich herabgestimmt dasjenige, was so aus göttlichen Wesenheiten in den Seelen der Menschen lebte. Die Menschen sind geworden so, daß sie im Laufe der Zeit immer weniger durch ihr unmittelbares Wissen ihren Zusammenhang mit dem göttlich-geistigen Urgrunde fühlten. Immer mehr wurden sie gewissermaßen herausgeworfen auf das Feld des bloßen materiellen Schauens, des Sinnenseins. Nur noch im anfänglichen Menschenleben, im Kindesleben wußte man die Unschuld zu verehren, zu lieben, die Unschuld des Menschen, der noch nicht aufgenommen hat die Niedergangskräfte der Erde.
[ 14 ] Wie sollte man aber, da wir jetzt wissen, daß mit dem einen der Jesusknaben eine Wesenheit auf die Erde kam, welche vorher nicht auf der Erde als solche war, welche eine Seele war, die nicht mitgemacht hat die übrige Erdenentwickelung der Menschheit — die ich ja dargestellt habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» —, die gleichsam zurückgehalten war in dem unschuldigen Zustand vor der luziferischen Versuchung, daß eine solche Seele, eine in einem viel, viel höheren Sinne als man gewöhnlich meint, kindliche Menschenseele, zur Erde gekommen ist, wie sollte man nicht diese Menschenseele erkennen als «das Kind der Menschheit»? Was wir Menschen selbst im zartesten Kindesalter nicht mehr an uns haben dürfen, weil wir ja in uns tragen die Ergebnisse unserer früheren Inkarnationen, was wir in keinem von uns noch erkennen können, selbst in dem Augenblicke nicht, wenn wir die Augen zuerst aufschließen auf dem Erdenfelde, in dem Kinde stellt es sich dar, das als der Lukas-Jesusknabe die Erde betrat. Denn es war ja in diesem Kinde eine Seele, die vorher nicht auf Erden aus einem Menschenleibe geboren worden war, die von den Menschenseelen zurückgeblieben war, als die Menschheitsentwickelung auf der Erde von neuem begann, die dazumal, im Beginn unserer Zeitrechnung, ganz im Kindheitsstadium des Menschen auf Erden erschien. Daher jenes wunderbare Ereignis, das uns die Akasha-Chronik enthüllt, daß dieses Kind, der nathanische Jesusknabe, unmittelbar nach seiner Geburt nur seiner Mutter verständliche Laute hervorbrachte, Laute, die nicht ähnlich waren einer der gesprochenen Sprachen der damaligen Zeit oder irgendeiner Zeit, aus denen aber herausklang für die Mutter erwas wie eine Botschaft aus Welten, die nicht die Erdenwelten sind, eine Botschaft aus höheren Welten. Daß dieses Jesuskind sprechen konnte, bei seiner Geburt alsbald sprechen konnte, das ist das Wunderbare!
[ 15 ] Dann wuchs es heran so, als ob es konzentriert in seiner eigenen Wesenheit all dasjenige enthalten sollte, was an Liebe und Liebefähigkeit gewissermaßen alle Menschenseelen zusammen aufbringen konnten. Und die große Genialität der Liebe, das war es ja, was in dem Kinde lebte. Nicht lernen konnte es viel von dem, was Menschenkultur errungen hat im Erdenleben. Was im Lauf von Jahrtausenden errungen worden war von den Menschen, das konnte der nathanische Jesusknabe bis zu seinem zwölften Jahre wenig erleben. Weil er es nicht konnte, ging dann das andere Ich in ihn über in seinem zwölften Jahre. Aber alles dasjenige, was er berührte von frühester, zartester Kindheit an, war von der vervollkommneten Liebe berührt. Alle Eigenschaften des Gemütes, alle Eigenschaften des Gefühls, sie wirkten so, wie wenn der Himmel die Liebe auf die Erde gesendet hätte, damit in die Winterzeit der Erde hineingetragen werden könne ein Licht, das in die Dunkelheit der menschlichen Seele leuchtet, wenn die Sonne während dieser Winterzeit ihre volle äußere Kraft nicht entfaltet. Wenn später der Christus einzog in dieses Menschen Hülle, so müssen wir eingedenk sein, daß diese Christus-Wesenheit sich auf Erden nur verständlich machen konnte dadurch, daß sie zu wirken hatte durch diese Hüllen hindurch.
[ 16 ] Die Christus-Wesenheit ist kein Mensch. Die Christus-Wesenheit ist eine Wesenheit der höheren Hierarchien. Auf Erden mußte sie drei Jahre als Mensch unter Menschen leben. Dazu mußte ihr ein Mensch entgegengeboren werden von der Art, wie es von mir öfter geschildert worden ist für den nathanischen Jesusknaben. Und weil dieses Menschenkind nicht hätte aufnehmen können — da es ja vorher nicht betreten hatte die Erde, nicht hatte die Vorbildung früherer Inkarnationen —, weil es nicht hätte aufnehmen können, was äußere Kultur erarbeitet hat auf Erden, so ging in dieses Kind ein eine Seele, die in höchstem Sinne sich das erarbeitet hatte, was äußere Kultur bringen kann: die Zarathustra-Seele.
[ 17 ] Und so sehen wir den wunderbarsten Zusammenhang, als dann der Christus Jesus vor uns steht. Wir sehen das Zusammenwirken von diesem Menschenkinde, das des Menschen beste Erdenanwartschaft, die Liebe, herübergerettet hatte aus den Zeiten, in welchen der Mensch noch nicht der luziferischen Versuchung verfallen war, bis zum Beginn unserer Zeitrechnung, wo es zum erstenmal verkörpert auf Erden erschien, mit dem entwickeltsten Menschheitspropheten, mit Zarathustra, und mit jener geistigen Wesenheit, die ihre eigentliche Heimat bis zum Mysterium von Golgatha innerhalb der Reiche der höheren Hierarchien hatte, und die dann ihren Schauplatz auf Erden zu nehmen hatte, indem sie durch das Tor der Leiber des Jesus von Nazareth einzog in ihr Erdendasein. Dasjenige, was auf Erden das Höchste ist, und was wir nur in der Anlage in seiner Reinheit erschauen können in dem noch unschuldigen Blicke des Menschenwesens, aus dem Auge des Kindes, das brachte im allerhöchsten Maße das Menschenkind mit. Dasjenige, was auf Erden als Höchstes erreicht werden kann, das trug Zarathustra zu diesem Menschenkind bei. Und dasjenige, was die Himmel geben konnten der Erde, damit die Erde geistig empfange, was sie in jedem Sommer neu empfängt durch die verstärkte Kraft der Sonne, das empfing die Erde durch die Christus-Wesenheit.
[ 18 ] Man wird nur verstehen lernen müssen, was mit der Erde alles geschehen ist. Und für unsere kommenden Zeiten wird die Seele schwellen können in Innigkeit, wird die Seele sich erkraften können durch eine Kraft, die stärker sein wird als alle Kräfte, die bisher sich angeschlossen haben an das Mysterium von Golgatha, in einer Zeit, die äußerlich wenig unterstützen kann das Erstarken jener Kräfte, die sich hinneigen zu des Menschen wahrer Quellkraft, zu des Menschen innerster Wesenheit, zum Verständnis dessen, wie diese Wesenheit erfließt aus dem Geistig-Kosmischen. Aber wir müssen uns erst, um solches voll zu verstehen, wiederum so zu verstehen, wie man einstmals verstand das Jesuskind am Weihnachtstage, wir müssen uns erst aufschwingen zur Erkenntnis des Geistes. Zeiten werden kommen, wo man gewissermaßen mit dem Auge der Seele hinschauen wird auf das Erdengeschehen. Dann wird man so manches sich sagen, was man sich heute in weitesten Kreisen noch nicht sagen kann, wozu uns heute nur die Geisteswissenschaft befähigt, so daß wir uns manches schon sagen können, was man sich heute in weitesten Kreisen noch nicht sagen kann.
[ 19 ] Wir sehen den Frühling heraufziehen. Wir sehen während des herankommenden Frühlings die aus der Erde sprießenden, sprossenden Pflanzen. Wir fühlen unsere Freude sich entflammen an dem, was da aus der Erde herauskommt. Wir fühlen die Kraft der Sonne stärker und stärker werden bis zu jener Höhe, wo sie unsere Leiber jauchzen macht, bis zur Johanni-Sonne, die gefeiert wurde in den nordischen Mysterien. Die Eingeweihten dieser Mysterien, sie wußten, daß die Johanni-Sonne sich über die Erde mit ihrer Wärme und ihrem Licht ergießt, um das Walten des Kosmos im Umkreise der Erde zu offenbaren. Wir schauen, wir fühlen das alles.
[ 20 ] Wohl schauen und fühlen wir während dieser Zeit auch noch anderes. Es krachen manchmal hinein Blitze und Donner in die Strahlen der Frühlingssonne, wenn Wolken diese Strahlen überziehen. Es ergießen sich unregelmäßig die Regengüsse über die Oberfläche der Erde. Und wir verspüren dann die unendliche, durch nichts zu beeinflussende harmonische Regelmäßigkeit des Sonnenganges, und die — nun, brauchen wir das Wort — wetterwendische Wirksamkeit der Entitäten, die auf der Erde wirken als Regen und Sonnenschein, als Gewitter, als andere Erscheinungen, die abhängen von allem möglichen unregelmäßigen Treiben, gegenüber dem durch nichts zu beeinflussenden regelmäßigen, harmonischen Wirken des Sonnenganges und seiner Folgen für die Entwickelung der Pflanzen und alles dessen, was auf der Erde lebt. Unendlich regelmäßige Harmonie der Sonnenwirksamkeit und das Wetterwendische wie Launische desjenigen, was unmittelbar in unserer Atmosphäre vorgeht, wir fühlen das wie eine Zweiheit.
[ 21 ] Dann aber, wenn der Herbst naht, fühlen wir das Absterben des Lebendigen, das Hindorren desjenigen, was uns erfreut. Und haben wir ein Mitgefühl mit der Natur, so werden unsere Seelen vielleicht traurig über die absterbende Natur. Die weckende, liebende Kraft der Sonne, dasjenige, was regelmäßig, harmonisch das Weltenall durchwallt, wird gleichsam unsichtbar, und dasjenige, was wir als das Wetterwendische bezeichneten, das siegt dann. Es ist wahr, was noch frühere Zeiten wußten, was unserer Materialität aus dem Bewußtsein geschwunden ist: daß zur Winterzeit der Egoismus der Erde siegt gegenüber den Kräften, die, durchdringend unsere Atmosphäre, aus dem weiten Weltensein auf unsere Erde herniederströmen und das Leben auf unserer Erde erwecken.
[ 22 ] Und wie eine Zweiheit erscheint uns so die ganze äußere Natur. Ganz verschieden das Frühlings- und Sommerwirken und das Herbstund Winterwirken. Wie wenn die Erde selbstlos würde und sich hingeben würde der Umarmung des Weltenalls, aus dem ihr die Sonne Licht und Wärme zusendet und ihr Leben erweckt, wie ihre Selbstlosigkeit zeigend erscheint uns die Frühlings- und Sommererde. Wie ihren Egoismus zeigend, aus sich selber hervorzaubernd alles dasjenige, was sie in ihrer eigenen Atmosphäre enthalten und hervorbringen kann, so steht die Herbst- und Wintererde vor uns. Besiegend das Sonnenwirken, das Weltallwirken durch den Egoismus des irdischen Wirkens, so erscheint uns die Wintererde.
[ 23 ] Und wenn wir mit dem Auge, das uns die geistige Forschung eröffnen kann, von der Erde weg und auf uns selber sehen, wenn wir überhaupt über das Materielle hinaus zu dem Geistigen schauen, dann erblicken wir noch etwas anderes. Wir wissen es: Ja, in dem, was im Frühlings- und Sommerringen um uns herum sich abspielt, und was so aussieht, als wenn nur in die Entfaltung der Sonnenkräfte hineinwirkten die wetterwendischen Kräfte der Erdenatmosphäre, in dem leben die elementarischen Geister, in dem leben unzählige geistige Wesenheiten, die in dem Elementarreich die Erde umspielen, niedere Geister, höhere Geister. Niedere Geister, die erdgebunden sind in dem elementarischen Reich, die es erdulden müssen während der Frühlings- und Sommerzeit, daß die höheren Geister, die aus dem Weltenall herniederströmen, eine größere Herrschaft ausüben, sie zu Dienern machen des Geistes, der von der Sonne herabströmt, zu Dienern machen die dämonischen Kräfte, die im Egoismus der Erde selber walten. Wir sehen während der Frühlings- und Sommerzeit der Erde, wie die Geister der Erde, der Luft, des Wassers, des Feuers Diener werden der kosmischen Geister, die ihre Kräfte herabsenden auf die Erde. Und verstehen wir den ganzen geistigen Zusammenhang der Erde und des Kosmos, dann gehen unseren Seelen während des Frühlings und Sommers diese Beziehungen auf und wir sagen uns: Du, Erde, zeigst uns dich selber, indem du dir die Geister, welche Diener des Egoismus sind, zu Dienern des Weltenalls, der kosmischen Geister machst, die das Leben hervorzaubern aus deinem Schoße, das du selbst nicht hervorzaubern könntest!
[ 24 ] Dann schreiten wir der Herbst- und Winterzeit entgegen. Und dann spüren wir den Egoismus der Erde, spüren, wie mächtig jene Geister der Erde werden, die an diese Erde selber gebunden sind, die sich losgelöst haben vom Weltenall seit Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, spüren, wie sie sich abschließen gegenüber dem Wirken, das aus dem Kosmos hineinströmt. Wir fühlen uns in der egoistisch sich erlebenden Erde. Und dann halten wir vielleicht Einschau in uns selbst. Da prüfen wir unsere Seele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, prüfen sie ernstlich und fragen uns: Wie tauchen aus den Untergründen unserer Seele Gedanken auf? Wie tauchen erst unsere Gefühle, Affekte und Empfindungen auf? Haben sie jene Regelmäßigkeit, mit der die Sonne durch das Weltenall zieht und der Erde die aus ihrem Schoß hervorsichzaubernden Lebenskräfte leiht? — Das haben sie nicht. Die Kräfte, die in unserem Denken, Fühlen und Wollen sich zeigen im Alltag, sie sind schon ihrer Außenseite nach ähnlich dem wetterwendischen Treiben in unserer Atmosphäre. So wie Blitz und Donner hereinbrechen, so brechen die menschlichen Leidenschaften herein in die Seele. So wie kein Gesetz regelt Regen und Sonnenschein, so brechen die menschlichen Gedanken aus den Tiefen der Seele herauf. Mit dem, wie Wind und Wetter wechseln, müssen wir äußerlich schon unser Seelenleben vergleichen, nicht mit der Regelmäßigkeit, mit der die Sonne unsere Erde beherrscht. Da draußen sind es die Luft- und Wassergeister, die Feuer- und Erdgeister, die da wirken im elementarischen Reiche, und die eigentlich den Egoismus der Erde darstellen. In uns selber sind es die elementarischen Kräfte. Aber diese wechselnden Kräfte in uns, die unser Alltagsleben regeln, das sind Embryonen, sind Keimwesen, die, nur als Keim, aber doch als Keim gleichen den elementarischen Wesen, die draußen in allem Wetterwendischen enthalten sind. Wir tragen die Kräfte derselben Welt in uns, indem wir denken, fühlen und wollen, die als dämonische Wesen im elementarischen Reich in Wind und Wetter draußen leben.
[ 25 ] Als die Zeiten herannahten, in denen die Menschen, die an der Zeitenwende der alten und neuen Zeit standen, fühlten: Es kommt eine solche Zeit, die an die Winterzeit der Erde erinnert —, ja da gab es unter diesen Menschen solche Lehrer, solche Weise, die die Zeichen der Zeit zu deuten verstanden, welche aufmerksam machten darauf: Wenn auch unser inneres Seelenleben gleicht der wetterwendischen Wirksamkeit der Außenwelt und so wie da der Mensch weiß: Hinter dieser Wirksamkeit der Außenwelt, besonders im Herbst und Winter, scheint doch die Sonne, lebt und webt die Sonne im Weltenall, sie wird wieder kommen —, so darf der Mensch auch festhalten an dem Gedanken, daß gegenüber seinem eigenen Wetterwendischen, das in seiner Seele lebt, eine Sonne vorhanden ist, tief, tief in jenen Gründen, wo der Quell unserer Seele sprudelt aus dem Quell der Welt selber. Darauf haben aufmerksam gemacht die Weisen an der Zeitenwende, daß so, wie die Sonne wieder erscheinen und ihre Kraft wieder gewinnen muß gegenüber dem Egoismus der Erde, so auch aus jenen Tiefen unserer Seele heraus Verständnis sich wird entwickeln müssen für das, was zu dieser Seele herandringen kann aus den Quellen, wo diese Seele in ihrem Leben selber zusammenhängt mit der geistigen Sonne der Welt, so wie das Erdenleben mit der physischen Sonne der Welt zusammenhängt.
[ 26 ] Erst war dies ausgesprochen wie eine Hoffnung, indem man hinwies auf das große Symbolum, das die Natur selber darbot. Es wurde so ausgesprochen, daß man für jene Tage, wo die Sonne wieder ihre Kraft bekommt, die Wintersonnenwende zur Feier ansetzte, die Zeit, von der man sich sagte: Und wie sich auch mag der Egoismus der Erde entfalten, sieghaft ist die Sonne über den Egoismus der Erde. Es dringen hinein wie durch das Dunkel einer Weihenacht in die Welt der elementarischen Geister, die den Egoismus der Erde darstellen, die Geister, die von der Sonne herüberkommen und die uns zeigen, wie sie die egoistischen Geister der Erde zu ihren Dienern machen.
[ 27 ] Erst fühlte man es wie eine Hoffnung. Und als der große Zeitenwendepunkt gekommen war, wo wirklich sonst Trostlosigkeit und Ode in den Menschenseelen hätten erscheinen müssen, da bereitete sich das Mysterium von Golgatha vor. Da zeigt sich auf dem geistigen Gebiet: Ja, im Inneren des Menschen leben solche Kräfte, welche nur zu vergleichen sind mit den wetterwendischen Kräften der Erdenatmosphäre, mit dem Erdenegoismus. Sie zeigten sich in alten Zeiten, wo die Menschen noch das Erbstück aus den alten Götterkräften in sich trugen, wie jene Kräfte, die im Frühling und Sommer sich zeigen: sie waren Diener der alten Götterhierarchien. Aber in der Zeit, da es gegen das Mysterium von Golgatha hinging, wurden die inneren Kräfte der Menschenseelen immer mehr und mehr so, wie die äußeren dämonischen elementarischen Geister im Herbst und Winter sind. Entreißen sollten sich diese unsere Kräfte den alten Götterströmungen und Wirksamkeiten, wie sich im Winter entziehen die wetterwendischen Kräfte unserer Erde dem Sonnenwirken. Und da trat denn für den Menschen in seiner Erdenentwickelung dasjenige ein, was man immer schon hoffend symbolisch sich darstellte in dem Sieg der Sonne über die Winterkräfte, da trat ein die Weltenwinterwende, in der die geistige Sonne das durchmachte für die ganze Erdenentwickelung, was die physische Sonne zur Wintersonnenwende immer durchmacht. Das sind die Zeiten, in die das Mysterium von Golgatha fiel.
[ 28 ] Zwei Erdenzeiten müssen wir wirklich unterscheiden. Eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha, wo es durch den Sommer der Erde gegen den Herbst zu geht, wo die inneren Kräfte der Menschen immer mehr und mehr den wetterwendischen Kräften der Erde ähnlich werden, und das große Weihnachtsfest der Erde, die Zeit des Mysteriums von Golgatha, wo hereinbricht über die Erde dasjenige, was ja allerdings Winterzeit der Erde ist, aber wo aus der Dunkelheit heraus der sieghafte Geist der Sonne, der Christus, der Erde sich nähert, der den Seelen innerlich das bringt, was die Sonne äußerlich an Wachstumskräften der Erde bringt.
[ 29 ] So fühlen wir so recht unser ganzes menschliches Erdenschicksal, unser innerstes menschliches Wesen, wenn wir am Weihnachtsbaum stehen. So fühlen wir uns innig verbunden mit dem Menschenkinde, das Botschaft herüberbrachte aus jener Zeit, wo die Menschheit noch nicht der Versuchung und damit der Anlage zum Niedergang verfallen war, das Botschaft brachte davon, daß ein Aufstieg wieder beginnen werde, wie in der Wintersonnenwende der Aufstieg beginnt. Wir fühlen gerade an diesem Tage so recht die innige Verwandtschaft des Geistigen im Inneren der Seele mit dem Geiste, der alles durchwebt und durchwallt, der äußerlich sich ausdrückt in Wind und Wetter, aber auch in dem regelmäßigen, harmonischen Gang der Sonne, innerlich sich ausdrückt in dem Gang der Menschheit über die Erde hin, in dem großen Feste von Golgatha.
[ 30 ] Sollte die Menschheit nicht gegen die Zukunft hin aus diesen Gedanken heraus — die keine Gedanken bleiben sollten, die Gefühle und Empfindungen werden können —, eine neue Frömmigkeit entwickeln, eine innige innere Frömmigkeit, eine Frömmigkeit, welche sich nicht abstumpfen kann auch gegenüber dem äußersten Mechanismus, wie der sich immer mehr und mehr auf Erden entfalten muß? Sollten nicht wiederum Weihnachtsgebete, Weihnachtsgesänge möglich sein, auch in der abstrakt gewordenen, von Telegraphendrähten und Rauch erfüllten Erdenatmosphäre, wenn die Menschheit fühlen lernen wird, wie sie verbunden ist mit den göttlich-geistigen Mächten in ihren Tiefen, dadurch daß sie in ihren Tiefen ahnt das große Weihnachtsfest der Erde mit der Geburt des Lukas-Jesusknaben?
[ 31 ] Wahr ist es, was auf der einen Seite uns durch alle menschliche Erdengeschichte tönt: daß einmal kommen mußte das große Weihnachtsfest der Erde, das das Osterfest von Golgatha vorbereitete, Wahr ist es, daß dieses einmalige Ereignis auftreten mußte als der Sieg des Sonnengeistes über die wetterwendischen Erdengeister. Wahr ist es auf der anderen Seite, was Angelus Silesius sagte: «Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.» Wahr ist es, daß wir in uns finden müssen in jenen Tiefen unserer Seele, das, wodurch wir den Christus Jesus verstehen.
[ 32 ] Aber wahr auch ist es, daß anders in den Orten am Waldesrande, am Seeufer, umgeben von Bergen, die Menschen nach einem auf dem Acker und der Weide vollbrachten Sommer dem Symbolum des ChristusKindes entgegenschauen durften, daß sie anderes noch in ihren Seelen fühlten als wir, die wir die Kraft, die Weihnachtsbotschaft zu empfinden, auch fühlen müssen gegenüber unserer rauchigen, trockenen, abstrakt-mechanisch gewordenen Zeit. Können in unseren Herzen diese starken Gedanken wurzeln, die uns die Geisteswissenschaft geben kann, dann wird eine Sonnenkraft aus diesen unseren Herzen hervorkommen, die imstande sein wird, hineinzuleuchten in die ödeste äußere Umgebung, hineinzuleuchten mit der Kraft, die sein wird, wie wenn sich in ‘unserem Inneren selber Licht auf Licht entzündete am Baume unseres Seelenlebens, den wir, weil seine Wurzeln die Wurzeln unserer Seele selbst sind, immer mehr und mehr in dieser Winterzeit selber zum Weihnachtsbaume umgestalten sollen. Wir können es, wenn wir nicht bloß als Theorie, wenn wir als unmittelbares Leben in uns aufnehmen dasjenige, was uns die Botschaft des Geistes, was uns die wahre Anthroposophie sein kann. So wollte ich die Gedanken des Weihnachtsfestes aus unserer Geisteswissenschaft hineinholen in den Raum, den wir heute weihen wollen für die Arbeit, die ja schon seit längerer Zeit unsere lieben Freunde hier leisten.
[ 33 ] Auf den Namen jener Gottheit, die im Norden angesehen wird als die Gottheit, die wiederbringen soll verjüngende Kräfte, geistige Kindheitskräfte der altwerdenden Menschheit, zu dem hin sich neigen gerade nordische Seelen, wenn sie sprechen wollen von dem, was, vom Christus Jesus-Wesen ausfließend, unserer Menschheit neue Botschaft einer Verjüngung bringen kann, auf diesen Namen wollen unsere Freunde hier ihre Arbeit und ihren Zweig weihen. «Vidar-Zweig» wollen sie ihn nennen. Möge dieser Name verheißungsvoll sein, wie verheiRungsvoll für uns ist, die wir verstehen wollen die Arbeit, die hier geleistet wird, dasjenige, was aus liebenden, aus geistliebenden Seelen hier schon geleistet wurde und zu leisten beabsichtigt ist. Wollen wir so recht tief schätzen, was unsere Bochumer Freunde hier versuchen, und wollen wir ihrem Zweig und ihrer Arbeit die Weihe, die heute zugleich eine Christweihe sein soll, dadurch geben, daß wir unsere schönsten, unsere liebevollsten Gedanken hier entfalten für den Segen, für die Kraft und für die echte, wahre, geistige Liebe zu dieser Arbeit. Wenn wir so fühlen können, dann begehen wir mit unseren Bochumer Freunden dieses heutige Fest der Namengebung des «Vidar»-Zweiges im rechten Sinne.
[ 34 ] Und lassen wir unsere Gefühle hinaufdringen zu denen, die wir da nennen die Leiter und Lenker unseres spirituellen Lebens, zu den Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, und erflehen wir ihren Segen für die Arbeit, die sich hier in dieser Stadt durch unsere Freunde entfalten soll:
Ihr, die Ihr das geistige Leben leitet, und gebet den Menschen
je nach den Epochen, was der Mensch braucht,
Ihr arbeitet mit, wenn hingebungsvoll dem geistigen Leben
unsere Freunde hier in dieser Stadt dienen.
[ 35 ] Solches möchten wir als Gebet zu den geistigen Leitern, den höheren Hierarchien in diesem Augenblick, der in zwiefacher Beziehung feierlich ist, hinaufsenden. Und hoffen dürfen wir, daß walten werde über diesem Zweige dasjenige, was verheißen ist, trotz aller Widerstände, die sich immer mehr und mehr auftürmen, trotz aller Hemmnisse und Gegnerschaften, was verheißen ist unserer Arbeit: daß durch sie das Christus-Geheimnis in der Weise, wie es geschehen muß, der Menschheit neuerdings einverleibt werde.
[ 36 ] Daß dies walten möge, das sei heute unser Weihnachtsgeber: daß auch dieser Zweig werden mag ein lebendiger Zeuge dessen, was als Kraft in die Menschheitsentwickelung aus höheren Welten hineinfließt und immer mehr und mehr den Menschenseelen das Bewußtsein geben kann von der Wahrheit der Worte:
Es sprechen zu den Sinnen
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenstrome;
Erkennend dringt die Menschenseele,
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unerreicht vom Zeitenstrom,
Ins Reich der Ewigkeiten ein.
[ 37 ] Von diesem Gefühl durchdrungen, werden unsere lieben Bochumer Freunde hier an ihre Arbeit schreiten. Von diesem Gefühl durchdrungen werden diejenigen, die nunmehr durch ihr Beisammensein mit ihnen konkret wissen von ihrem Arbeiten, oft und oft an diese Arbeit denken. Können ja doch diese Gedanken ihre besondere Kraft noch dadurch entfalten, daß wir der Arbeit die Weihe geben durften unmittelbar vor dem Weihnachtsfest dieses Jahres, vor dem Feste, das uns immer ein Symbol sein kann für alles dasjenige, was der Geist Sieghaftes hat über das Materielle, über alle Widerstände, die ihm irgendwie in der Welt entgegentreten können und entgegentreten müssen.
