Christ and the Human Soul
On the Meaning of Life
Theosophical Morality
Anthroposophy and Christianity
GA 155
23 May 1912, Copenhagen
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On the Meaning of Life, tr. SOL
Über den Sinn des Lebens I
On the Meaning of Life I
[ 1 ] In diesen beiden Abendbetrachtungen möchte ich zu Ihnen sprechen, von dem Gesichtspunkte der okkulten Forschung aus, über eine oftmals und eindringlich von den Menschen hingestellte Frage, über die Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Nun werden wir, wenn wir uns an diesen beiden Abenden in unseren Betrachtungen nähern wollen dem, was gesagt werden kann über diesen Sinn des Lebens, uns heute erst eine Art von Grundlage, eine Art von Basis schaffen müssen, auf die wir dann sozusagen das Gebäude von Erkenntnissen aufbauen werden, die, wenn auch kurz und skizzenhaft, uns doch eine Antwort geben können auf die gestellte Frage.
[ 1 ] In these two evening lectures, I would like to speak to you, from the perspective of occult research, about a question that people often and urgently ask: What is the meaning of life? Now, if we wish to approach in our reflections on these two evenings what can be said about this meaning of life, we must first establish a kind of foundation, a kind of basis upon which we will then, so to speak, build a structure of insights that, though brief and sketchy, can nevertheless provide us with an answer to the question posed.
[ 2 ] Wenn der Mensch zunächst für seine Sinneserkenntnis und für sein gewöhnliches Leben an sich vorübergehen läßt dasjenige, was ihn umgibt, was er beobachten kann, und wenn er dann auch einen Blick auf das eigene Leben wirft, so kommt eigentlich nicht viel mehr dabei zustande als höchstens eben eine Fragestellung, eine schwere, bange Rätselfrage. Da sieht der Mensch dann entstehen und vergehen die Wesenheiten der äußeren Natur. Er kann ja das jedes Jahr betrachten, wie im Frühling die Erde ihm schenkt, aufgefordert von den Kräften der Sonne und des Kosmos, die Pflanzenwesen, die da grünen und sprießen und ihre Früchte tragen den Sommer hindurch. Gegen den Herbst zu, da sieht der Mensch weiter, wie diese Wesenheiten wieder vergehen. Einige bleiben zwar durch Jahre hindurch, zuweilen sogar recht, recht lange Jahre, wie zum Beispiel unsere lang andauernden Bäume. Aber auch von ihnen weiß der Mensch, daß, wenn sie ihn auch manchmal überdauern in ihrer Lebenszeit, sie doch vergehen, verschwinden, hinuntersinken in das, was in der großen Natur das Gebiet des Leblosen ausmacht. Insbesondere weiß er, wie, bis in die allergrößten Tatsachen des Naturgeschehens hinein, überall Entstehen und Vergehen herrscht, und selbst die Kontinente, die heute den Boden bilden, auf dem sich ausbreiten die Kulturentwickelungen, sie waren, wir wissen das, zu gewissen Zeiten nicht da. Sie haben sich erst im Laufe der Zeit erhoben, und wir wissen genau, daß sie auch wieder in Trümmer gehen werden.
[ 2 ] When a person first allows what surrounds them—what they can observe—to pass them by in the course of their sensory perception and ordinary life, and when they then also cast a glance at their own life, the result is actually little more than, at most, a question—a grave, anxious riddle. There, a person sees the beings of outer nature arise and pass away. After all, they can observe this every year: how in spring the earth, spurred on by the forces of the sun and the cosmos, bestows upon them the plant beings that grow green, sprout, and bear fruit throughout the summer. As autumn approaches, a person sees how these beings pass away again. Some do indeed remain for years, sometimes even very, very long years, such as our long-lived trees. But even of these, the human being knows that, though they may sometimes outlive him in their lifespan, they too pass away, disappear, sinking down into what constitutes the realm of the inanimate in the great realm of nature. In particular, we know how, right down to the very greatest facts of natural phenomena, creation and decay reign everywhere, and even the continents that today form the ground upon which cultural developments spread—we know that at certain times they were not there. They rose only in the course of time, and we know full well that they too will crumble into ruins.
[ 3 ] So sehen wir Entstehen und Vergehen um uns herum. Sie können es für das Pflanzen- und das Mineralreich sowohl wie auch für das Tierreich verfolgen, dieses Entstehen und Vergehen. Was ist nun der Sinn des Ganzen ? Immer entsteht, immer vergeht etwas um uns herum. Was ist der Sinn dieses Entstehens und Vergehens? Wenn wir in unser eigenes Menschenleben hineinblicken und da sehen, wie wir die Jahre und Jahrzehnte hindurch gelebt haben, so haben wir auch in unserem eigenen Leben Entstehen und Vergehen gesehen. Wenn wir uns entsinnen an die frühere Zeit der Jugend: dahingeschwunden ist sie, und nur als eine Erinnerung ist sie uns geblieben. Das, was da geblieben ist, ist im Grunde nur eine Anregung zu einer bangen Lebensfrage. Wir fragen ja, wenn wir dieses oder jenes getan haben: Was ist daraus geworden, was ist entstanden dadurch, daß wir das oder jenes getan haben? Das Wichtigste dabei ist, daß wir selber dabei ein Stückchen weitergekommen sind, daß wir gescheiter geworden sind. Meist ist die Sache aber so, daß wir erst dann, wenn die Dinge von uns gemacht worden sind, wissen, wie sie hätten gemacht werden sollen. Dann wissen wir, daß alles viel besser hätte gemacht werden können, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, es besser zu machen, so daß wir tatsächlich in unser Leben einschließen all die Fehler, die wir machen. Durch unsere Fehler, durch unsere Irrtümer sammeln wir aber gerade unsere weitgehendsten Erfahrungen.
[ 3 ] Thus we see arising and passing away all around us. You can observe this arising and passing away in the plant and mineral kingdoms as well as in the animal kingdom. What, then, is the meaning of it all? Things are constantly arising and passing away around us. What is the meaning of this arising and passing away? When we look into our own human lives and see how we have lived through the years and decades, we have also seen coming into being and passing away in our own lives. When we recall the earlier days of our youth: they have faded away, and only as a memory have they remained with us. What has remained is, in essence, merely a stimulus to a pressing question of life. We ask, after all, when we have done this or that: What has become of it, what has come about because we did this or that? The most important thing here is that we ourselves have moved a little further along, that we have become wiser. Most often, however, the situation is such that only after we have done things do we know how they should have been done. Then we realize that everything could have been done much better, but by that time we are no longer in a position to do it better, so that we actually incorporate all the mistakes we make into our lives. Yet it is precisely through our mistakes and errors that we gain our most extensive experiences.
[ 4 ] Eine Frage stellt sich uns dar, und es scheint, als ob das, was wir mit Sinnen erfassen und mit dem Verstande begreifen können, keine Antwort darauf geben könnte. In dieser Lage sind wir Menschen heute, daß dasjenige, was um uns herum ist, uns eine bange Lebensfrage, nämlich die Frage: Was ist der Sinn des ganzen Daseins? auferlegt und namentlich auch die Frage: Warum sind wir Menschen in dieses Dasein so hineingestellt? Also für uns Menschen stellt sich zunächst diese Frage vor uns hin.
[ 4 ] A question presents itself to us, and it seems as though what we can perceive with our senses and comprehend with our intellect cannot provide an answer to it. This is the situation we humans find ourselves in today: that what surrounds us imposes upon us a profound existential question, namely: What is the meaning of all existence? And specifically, the question: Why have we humans been placed in this existence? So for us humans, this question first presents itself before us.
[ 5 ] Eine außerordentlich interessante Legende des hebräischen Altertums sagt uns, daß in diesem hebräischen Altertum ein Bewußtsein vorhanden war, daß diese bange Frage, die wir aufgeworfen haben über den Sinn des Lebens und namentlich über den Sinn des Menschen, eigentlich nicht nur den Menschen, sondern noch ganz anderen Wesen aufgeht. Diese Legende ist außerordentlich lehrreich und heißt so: Als die Elohim daran gehen wollten, den Menschen zu schaffen nach ihrem Bilde und Gleichnisse, da fragten die sogenannten Dienst-Engel der Elohim, also gewisse Geister von niedrigerer Art, als die Elohim selber sind, den Jahve oder Jehova: Warum sollen die Menschen nach dem Bilde und Gleichnisse des Gottes geschaffen werden? Da versammelte, so geht die Legende weiter, Jahve die Tiere und die Pflanzen, die hervorsprießen konnten schon zu einer Zeit, bevor noch der Mensch in seiner Erdengestalt vorhanden war, und dann versammelte Jahve oder Jehova auch die Engel, die sogenannten Dienst-Engel, das heißt diejenigen, die unmittelbar den Dienst bei Jahve oder Jehova verrichteten. Er zeigte diesen nun die Tiere und auch die Pflanzen und fragte sie, wie denn diese Pflanzen und diese Tiere heißen, was sie für Namen haben. Die Engel wußten nicht die Namen der Tiere und die Namen der Pflanzen. Da wurde geschaffen der Mensch so, wie er war vor dem Sündenfalle. Und wieder versammelte Jehova oder Jahve die Engel, die Tiere und die Pflanzen und fragte darauf vor den Engeln den Menschen, wie die Tiere, die er der Reihe nach vor dem Blicke des Menschen vorbeigehen ließ, hießen, welche Namen sie hätten, und siehe da, der Mensch konnte antworten: Dieses Tier trägt diesen Namen, jenes Tier jenen, diese Pflanze hat diesen Namen, jene Pflanze hat jenen. Und dann fragte Jehova den Menschen: Welches ist dein eigener Name? Da sagte der Mensch: Ich muß eigentlich Adam heißen. — Adam hängt zusammen mit Adama und heißt: aus Erdenschlamm, Erdenwesen; so ist Adam zu übersetzen. — Und wie soll ich selber heißen ? fragte dann Jehova den Menschen. Du sollst heißen Adonai, du bist der Herr aller auf der Erde geschaffenen Wesen, antwortete der Mensch, und die Engel hatten nun eine Ahnung, welcher Sinn verbunden war mit dem menschlichen Dasein auf Erden.
[ 5 ] An extraordinarily interesting legend from ancient Hebrew times tells us that in those ancient Hebrew times there was an awareness that this anxious question we have raised—about the meaning of life and, specifically, the meaning of human existence—actually concerns not only humans but also entirely different beings. This legend is extraordinarily instructive and goes as follows: When the Elohim were about to create human beings in their image and likeness, the so-called ministering angels of the Elohim—that is, certain spirits of a lower order than the Elohim themselves—asked Yahweh or Jehovah: Why should human beings be created in the image and likeness of God? Then, the legend continues, Yahweh gathered the animals and the plants that had already sprung up at a time before humans existed in their earthly form, and then Yahweh or Jehovah also gathered the angels, the so-called ministering angels, that is, those who directly served Yahweh or Jehovah. He then showed them the animals and the plants and asked them what these plants and animals were called, what their names were. The angels did not know the names of the animals or the names of the plants. Then man was created as he was before the Fall. And again Jehovah or Yahweh gathered the angels, the animals, and the plants, and then asked the man in front of the angels what the animals, which he had caused to pass before the man’s eyes one by one, were called, what names they had, and behold, the man was able to answer: This animal bears this name, that animal that one; this plant has this name, that plant has that one. And then Jehovah asked the man: “What is your own name?” Then the man said: “I must actually be called Adam.” — Adam is related to Adama and means: made of earthen clay, a being of the earth; thus Adam is to be translated. — “And what shall I myself be called?” Jehovah then asked the man. “You shall be called Adonai; you are the Lord of all beings created on earth,” replied the man, and the angels now had an inkling of the meaning associated with human existence on earth.
[ 6 ] Religiöse Überlieferungen und religiöse Ausdrücke stellen die wichtigsten Lebensrätsel oft sehr einfach dar, aber die Sache ist deshalb doch schwierig, weil wir erst hinter ihre Einfachheit kommen müssen, weil wir erst einsehen müssen, was dahintersteckt. Gelingt uns dies, dann enthüllen sich uns große Weistümer, dann enthüllt sich uns ein tiefes Wissen. So wird es wohl auch bei dieser Legende sein, die wir zunächst nur vor uns hinstellen wollen, denn die beiden Vorträge werden uns eine Art von Antwort auf die für uns in dieser Legende liegenden Fragen geben.
[ 6 ] Religious traditions and religious expressions often present life’s greatest mysteries in very simple terms, but the matter remains difficult precisely because we must first look beyond their simplicity; we must first understand what lies behind them. If we succeed in doing this, great wisdom will be revealed to us, and deep knowledge will be unveiled. This will likely also be the case with this legend, which we will simply set before us for now, as the two lectures will provide us with a kind of answer to the questions this legend poses for us.
[ 7 ] Nun wissen Sie, daß in einer ganz grandiosen Form eine gewisse Religionsströmung die Frage nach dem Wert und Sinn des Daseins gestellt hat, indem sie ihrem eigenen Religionsstifter in einer überwältigend großen Form diese Frage in den Mund legte. Sie kennen sie alle, die Mitteilungen über den Buddha, welche besagen, daß, als er aus dem Palaste, in den er hineingeboren war, hinausging und ihm gezeigt worden sind die Ereignisse des Lebens, von denen er innerhalb seines Palastes in der in Betracht kommenden Inkarnation noch keine Ahnung hatte, er im tiefsten bestürzt war über das Leben und das Urteil fällte: Leben ist Leiden, das, wie wir wissen, in die vier Glieder zerfällt: Geburt ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Alter ist Leiden, Tod ist Leiden, wozu noch hinzugefügt wird: Vereint sein mit denjenigen, die man nicht liebt, ist Leiden, getrennt sein von denen, die man liebt, ist Leiden, nicht erreichen können, was man anstrebt, ist Leiden. — Dann wissen wir, daß der Sinn des Lebens innerhalb dieser Religionsgemeinschaft dadurch herauskommt, daß gesagt wird: Einen Sinn bekommt das Leben, das Leiden, nur dadurch, daß es überwunden wird, daß es über sich selbst hinausgeht.
[ 7 ] Now you know that a certain religious movement has posed the question of the value and meaning of existence in a truly magnificent way, by putting this question into the mouth of its own founder in a strikingly grand manner. You are all familiar with the accounts of the Buddha, which state that when he left the palace into which he was born and was shown the events of life of which he had had no inkling within his palace during that particular incarnation, he was deeply dismayed by life and passed this judgment: Life is suffering, which, as we know, breaks down into four components: birth is suffering, illness is suffering, old age is suffering, death is suffering, to which is further added: being united with those one does not love is suffering, being separated from those one loves is suffering, not being able to attain what one strives for is suffering. — Then we know that the meaning of life within this religious community emerges from the statement: Life, suffering, only gains meaning by being overcome, by transcending itself.
[ 8 ] Im Grunde genommen sind alle die verschiedenen Religionsbekenntnisse, auch alle Philosophien und Weltanschauungen, ein Versuch, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Nun werden wir nicht in einer philosophisch-abstrakten Weise an die Frage herangehen, sondern einstweilen in einer Art okkulter Form uns etwas vor Augen stellen von den Erscheinungen des Lebens, von den Tatsachen des Lebens. Wir werden versuchen, in diese Tatsachen etwas tiefer hineinzuschauen, um zu sehen, ob eine tiefere okkulte Lebensbetrachtung etwas liefert zur Beantwortung der Frage über den Sinn des Lebens.
[ 8 ] Essentially, all the various religious creeds, as well as all philosophies and worldviews, are an attempt to answer the question of the meaning of life. Now, we will not approach the question in a philosophically abstract way, but for the time being, in a kind of occult form, we will consider the phenomena of life, the facts of life. We will try to look a little deeper into these facts to see whether a deeper occult view of life offers anything to answer the question of the meaning of life.
[ 9 ] Greifen wir die Sache wieder da auf, wo wir schon hingedeutet haben auf das jährliche Entstehen und Vergehen in der sinnenfälligen Natur, auf das Leben, auf das Entstehen und Vergehen in der Pflanzenwelt. Der Mensch sieht im Frühling aus der Erde heraussprießen die Pflanzen. Was da aus der Erde heraussprießt und sproßt, erweckt seine Freude, erweckt seine Lust. Er wird gewahr, daß sein ganzes Dasein zusammenhängt mit der Pflanzenwelt, denn ohne sie könnte er nicht da sein. So fühlt er, wie das, was gegen den Sommer hin aus der Erde alles herauskommt, mit seinem eigenen Leben zusammenhängt. Er fühlt dann auch, daß im Herbste das, was in gewisser Weise zu ihm gehört, wieder vergeht.
[ 9 ] Let us return to the point we previously touched upon: the annual cycle of growth and decay in the sensory world, in life, and in the plant kingdom. In spring, people see plants sprouting from the earth. What sprouts and grows from the earth awakens their joy, awakens their delight. They become aware that their entire existence is connected to the plant world, for without it they could not be here. Thus they feel how everything that emerges from the earth as summer approaches is connected to their own life. They then also feel that in autumn, that which in a certain sense belongs to them, passes away once more.
[ 10 ] Es liegt nahe, daß der Mensch das, was er da entstehen und vergehen sieht, mit seinem eigenen Leben vergleicht. Da ist es für eine äußere, rein sinnenfällige und verstandesmäßige Beobachtung auch recht naheliegend, das frühlingsmäßige Hervorgehen der Pflanzen aus der Erde zu vergleichen, sagen wir, mit dem Aufwachen des Menschen am Morgen, und das Hinwelken und Vergehen der Pflanzenwelt im Herbste zu vergleichen mit dem Einschlafen des Menschen am Abend. Aber ein solcher Vergleich wäre ganz äußerlich. Er würde außer acht lassen die eigentlichen Ereignisse, in die wir schon durch die elementaren Wahrheiten des Okkultismus eindringen können. Was geschieht, wenn wir des Abends einschlafen? Wir wissen, wir lassen im Bette zurück unseren physischen Leib und unseren Ätherleib. Mit unserem Astralleibe und unserem Ich ziehen wir uns aus unserem physischen Leibe und unserem Ätherleibe heraus. Wir sind dann mit unserem Astralleibe und unserem Ich während der Nacht, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in einer geistigen Welt. Wir holen uns aus dieser geistigen Welt die Kräfte, die wir brauchen. Aber nicht nur unser Astralleib und unser Ich, sondern auch unser physischer Leib und unser ÄAtherleib machen eine Art Wiederherstellung, eine Art Regeneration durch während des nächtlichen Schlafes, wo sie gewöhnlich, vom Astralleibe und Ich getrennt, im Bette liegen.
[ 10 ] It stands to reason that humans would compare what they see coming into being and passing away with their own lives. Thus, for an external, purely sensory and intellectual observation, it is also quite natural to compare the springtime emergence of plants from the earth, say, with a person’s waking in the morning, and to compare the withering and passing away of the plant world in the fall with a person’s falling asleep in the evening. But such a comparison would be entirely superficial. It would disregard the actual events into which we can already penetrate through the elementary truths of occultism. What happens when we fall asleep in the evening? We know that we leave our physical body and our etheric body behind in bed. With our astral body and our I, we withdraw from our physical body and our etheric body. We then spend the night—from falling asleep until waking—in a spiritual world with our astral body and our I. From this spiritual world, we draw the forces we need. But not only our astral body and our ego, but also our physical body and our etheric body undergo a kind of restoration, a kind of regeneration during the night’s sleep, when they usually lie in bed, separated from the astral body and the ego.
[ 11 ] Wenn man hellseherisch herabblickt vom Ich und dem Astralleib auf den Äther- und physischen Leib, so sieht man, was durch unser Tagesleben zerstört worden ist, sieht, wie das, was sich da in der Ermüdung ausdrückt, als Zerstörung vorhanden ist und während der Nacht wiederhergestellt wird. In der Tat, das ganze bewußte Leben des Tages, wenn wir es ins Auge fassen in seinem Zusammenhang mit dem menschlichen Bewußtsein und in seinem Verhältnis zum physischen und Ätherleib, ist eine Art Zerstörungsprozeß für den physischen und Ätherleib. Wir zerstören damit immer etwas, und die Tatsache, daß wir zerstören, drückt sich in der Ermüdung aus. Das Zerstörte wird in der Nacht dann wiederhergestellt.
[ 11 ] When one looks down clairvoyantly from the ego and the astral body onto the etheric and physical bodies, one sees what has been destroyed by our daily life; one sees how what is expressed there in fatigue exists as destruction and is restored during the night. In fact, the entire conscious life of the day, when we consider it in its connection with human consciousness and in its relationship to the physical and etheric bodies, is a kind of process of destruction for the physical and etheric bodies. We are always destroying something through it, and the fact that we destroy is expressed in fatigue. What has been destroyed is then restored during the night.
[ 12 ] Wenn man nun hinschaut auf das, was da geschieht, wenn wir uns mit dem Astralleibe und Ich herausgehoben haben aus dem Äther- und physischen Leibe, dann ist es so, wie wenn wir ein verwüstetes Feld zurückgelassen hätten. In dem Augenblicke aber, wo wir draußen sind aus dem physischen und Ätherleibe, fängt es an, sich nach und nach wiederherzustellen. Da ist es so, wie wenn die Kräfte, die dem physischen und Ätherleibe angehören, anfangen würden zu blühen und zu sprossen, wie wenn eine ganze Vegetation auf dem Grunde der Zerstörung sich erheben würde. Je weiter es in die Nacht hineingeht, je länger der Schlaf dauert, desto mehr sproßt und sprießt es da im Ätherleibe auf. Je mehr es gegen den Morgen zu geht, je mehr wir mit unserem Astralleibe wieder hineingehen in den physischen und Ätherleib, desto mehr beginnt wieder mit dem physischen und Ätherleibe eine Art Verwelken, eine Art Verdorren.
[ 12 ] If we now look at what happens when we have lifted ourselves out of the etheric and physical bodies with our astral body and I, it is as if we had left behind a devastated field. But the moment we are outside the physical and etheric bodies, it begins to gradually restore itself. It is as if the forces belonging to the physical and etheric bodies were beginning to blossom and sprout, as if a whole vegetation were rising from the ground of destruction. The deeper into the night we go, the longer the sleep lasts, the more it sprouts and shoots up there in the etheric body. The closer we get to morning, the more we re-enter the physical and etheric bodies with our astral body, the more a kind of withering, a kind of drying up, begins again with the physical and etheric bodies.
[ 13 ] Kurz, wenn das Ich und der Astralleib am Abend beim Einschlafen des Menschen aus der geistigen Welt herabschauen auf den physischen und Ätherleib, dann sehen sie dieselbe Erscheinung, wie man sie in der großen Welt draußen sieht, wenn die Pflanzen sprossen und sprießen im Frühlinge. Wir müssen daher, wenn wir innerlich vergleichen, unser Einschlafen und den Beginn des Schlafzustandes in der Nacht in Wahrheit vergleichen mit dem Frühling in der Natur, und die Zeit des Aufwachens, die Zeit des Wiederhineinlebens des Ichs und des astralischen Leibes in den physischen und Ätherleib vergleichen mit dem, was der Herbst draußen in der Natur ist. Vergleichen wir so, dann vergleichen wir richtig, nicht aber, wenn wir in umgekehrter Weise vergleichen. Umgekehrt vergleichen wir äußerlich. In uns selbst entspricht der Frühling dem Einschlafen und der Herbst dem Aufwachen. Wie stellt sich nun die Sache dar, wenn der okkulte Beobachter, derjenige, der wirklich in die geistige Welt sehen kann, den Blick richtet auf die äußere Natur, wie sie verläuft im Laufe des Jahres? Was sich für einen solchen okkulten Blick ergibt, das lehrt uns, daß wir nicht äußerlich, sondern innerlich vergleichen müssen. Was uns die okkulte Beobachtung zeigt, das lehrt uns, daß ebenso, wie mit dem physischen und Ätherleibe des Menschen verbunden sind der Astralleib und das Ich, mit der Erde verbunden ist dasjenige, was wir das Geistige der Erde nennen. Die Erde ist gleichsam auch ein Leib, ein weit ausgedehnter Leib. Wenn wir sie nur betrachten in bezug auf ihr Physisches, so ist das so, wie wenn wir den Menschen nur in bezug auf das Physische betrachten würden. Vollständig betrachten wir die Erde, wenn wir sie betrachten als den Leib von geistigen Wesenheiten, in derselben Weise, wie wir auch beim Menschen den Geist als zu dem Leibe gehörig betrachten. Ein Unterschied ist jedoch da. Der Mensch hat ein einheitliches Wesen, das seinen physischen und ätherischen Leib beherrscht. Ein einheitliches Seelisch-Geistiges entspricht dem, was physischer Menschenleib und ätherischer Menschenleib ist. Viele Geister zunächst entsprechen aber dem Erdenleibe. Was also beim Menschen eine Einheit ist mit Bezug auf das GeistigSeelische, bei der Erde ist es eine Vielheit. Das ist der nächste Unterschied.
[ 13 ] In short, when the ego and the astral body look down from the spiritual world upon the physical and etheric bodies as a person falls asleep in the evening, they see the same phenomenon that one sees in the great world outside when plants sprout and grow in the spring. We must therefore, when making an inner comparison, truly compare our falling asleep and the onset of the sleeping state at night with spring in nature, and compare the time of waking, the time when the ego and the astral body re-enter the physical and etheric bodies, with what autumn is out in nature. If we compare in this way, then we compare correctly; but not if we compare in the reverse manner. In the reverse case, we are comparing externally. Within ourselves, spring corresponds to falling asleep and autumn to waking up. How does the matter present itself, then, when the occult observer—the one who can truly see into the spiritual world—turns their gaze to external nature as it unfolds over the course of the year? What such an occult gaze reveals teaches us that we must compare not externally, but internally. What occult observation shows us teaches us that just as the astral body and the I are connected to the physical and etheric bodies of the human being, so too is that which we call the spiritual aspect of the Earth connected to the Earth. The Earth is, as it were, also a body, a vast body. If we consider it solely in terms of its physical aspect, it is as if we were to consider the human being solely in terms of the physical. We consider the Earth fully when we regard it as the body of spiritual beings, in the same way that we regard the spirit in the human being as belonging to the body. There is, however, a difference. Human beings have a unified being that governs their physical and etheric bodies. A unified soul-spiritual entity corresponds to what the physical human body and the etheric human body are. Many spirits, however, initially correspond to the Earth body. So what is a unity in human beings with regard to the soul-spiritual, is a multiplicity in the Earth. That is the next difference.
[ 14 ] Wenn wir diesen Unterschied hinnehmen, dann ist gleich darauf alles übrige in gewisser Beziehung ähnlich. Für den okkulten Blick zeigt es sich im Frühling so, daß in demselben Maße, in dem die Pflanzen aus der Erde herauskommen, in dem das Grün hervorsprießt, diejenigen Geister, die wir als die Erdengeister bezeichnen, von der Erde fortgehen. Nur ist es dabei wieder so, daß sie nicht wie beim Menschen absolut fortgehen, sondern sie lagern sich in gewisser Weise in der Erde um, sie gehen auf die andere Seite der Erde. Wenn auf der einen Halbkugel der Erde Sommer ist, ist auf der anderen Winter. Bei der Erde geschieht das so, daß dasjenige, was ihr Geistig-Seelisches ist, von der nördlichen Halbkugel zur südlichen bewegt wird, wenn auf der nördlichen Halbkugel Sommer wird. Das ändert daran nichts, daß der okkulte Blick für den Menschen, der auf irgendeinem Teil der Erde den Frühling erlebt, sieht, daß die Geister der Erde fortgehen. Er sieht, wie sie sich erheben und hinausgehen ins weite Weltall. Er sieht sie nicht hinübergehen, sondern fortgehen, ebenso wie er, wenn der Mensch einschläft, das Ich mit dem Astralleibe fortgehen sieht. Und ebenso sieht der Hellseher fortgehen die Geister der Erde von dem, womit sie verbunden waren. Während des Winters, als die Erde mit Eis und Schnee bedeckt war, da waren die Kräfte eben mit der Erde in Verbindung. Das Umgekehrte ist der Fall im Herbste. Da sieht der okkulte Blick herankommen die Erdengeister, sieht, wie sie sich wieder mit der Erde verbinden. Und in der Tat tritt dann für die Erde etwas Ähnliches ein wie beim Menschen: eine Art Selbstbewußtsein. Während des Sommers weiß der geistige Teil der Erde nichts von dem, was um ihn herum im Weltall vorgeht. Aber im Winter weiß der Geist der Erde, was im Weltall rings um ihn vorgeht, so wie der Mensch, wenn er aufwacht, dasjenige weiß und schaut, was um ihn herum vorgeht. So gilt die Analogie vollständig, nur muß sie umgekehrt gemacht werden als das äußerliche Bewußtsein sie macht.
[ 14 ] If we accept this distinction, then everything else is, in a certain sense, similar. To the occult eye, it appears in spring that to the same extent that plants emerge from the earth and greenery sprouts forth, those spirits we call earth spirits depart from the earth. However, it is again the case that they do not depart completely, as humans do, but rather they relocate within the earth in a certain way; they go to the other side of the earth. When it is summer in one hemisphere of the earth, it is winter in the other. With the Earth, this happens in such a way that what constitutes its spiritual-soul aspect is moved from the northern hemisphere to the southern hemisphere when summer arrives in the northern hemisphere. This does not alter the fact that the occult gaze of a human being experiencing spring in any part of the Earth sees that the spirits of the Earth are departing. It sees how they rise and go out into the vast universe. It does not see them pass over, but depart, just as, when a person falls asleep, one sees the I departing with the astral body. And in the same way, the clairvoyant sees the spirits of the Earth departing from that with which they were connected. During the winter, when the earth was covered with ice and snow, the forces were connected with the earth. The opposite is true in the autumn. Then the occult gaze sees the earth spirits approaching, sees how they reconnect with the earth. And indeed, something similar then occurs for the earth as it does for a human being: a kind of self-awareness. During the summer, the spiritual part of the Earth knows nothing of what is happening around it in the cosmos. But in winter, the spirit of the Earth knows what is happening in the cosmos all around it, just as a human being, when he wakes up, knows and sees what is happening around him. Thus the analogy holds completely; it must only be reversed from the way external consciousness perceives it.
[ 15 ] Wenn wir allerdings die Sache ganz vollständig betrachten wollen, so dürfen wir nicht nur sagen: Wenn im Frühling aus der Erde heraussprießen und -sprossen die Pflanzen, dann gehen die Erdengeister fort, denn mit den heraussprießenden und -sprossenden Pflanzen kommen in der Tat andere, mächtigere Geister heraus, wie aus den Untergründen der Erde, wie aus den Tiefen der Erde, wie aus dem Innern der Erde. Deshalb haben die alten Mythologien recht gehabt, wenn sie zwischen oberen und unteren Göttern unterschieden haben. Nur wenn der Mensch von solchen Göttern gesprochen hat, die im Frühling fortgehen, im Herbst wiederkommen, sprach er von den oberen Göttern. Es gab mächtigere Götter, ältere Götter. Die Griechen rechneten sie zu den chthonischen Göttern. Die kommen herauf, wenn im Sommer alles sprießt und sproßt, und sie senken sich wieder hinunter, wenn während des Winters die eigentlichen Erdengeister sich mit dem Leibe der Erde vereinigen.
[ 15 ] However, if we want to consider the matter in its entirety, we must not simply say: When plants sprout and shoot up from the earth in spring, the earth spirits depart, for with the sprouting and shooting-up plants, other, more powerful spirits do indeed emerge, as if from the earth’s underworld, as if from the earth’s depths, as if from the earth’s interior. That is why the ancient mythologies were right when they distinguished between upper and lower gods. Only when people spoke of gods who depart in spring and return in autumn were they speaking of the upper gods. There were more powerful gods, older gods. The Greeks counted them among the chthonic gods. They rise up when everything sprouts and shoots forth in summer, and they descend again when, during winter, the true earth spirits unite with the body of the earth.
[ 16 ] Das sind die Tatsachen. Nun möchte ich gleich hier bemerken, daß ein gewisser Gedanke, der aus der Natur- und okkulten Forschung genommen ist, von ungeheurer Bedeutung ist für das menschliche Leben. Durch diese Forschung zeigt sich ja, daß wir im Grunde genommen wirklich, wenn wir den einzelnen Menschen betrachten, etwas vor uns haben wie ein Abbild des großen Erdenwesens selber. Und was sehen wir, wenn wir den Blick hinrichten auf die Pflanzen, die anfangen zu sprossen und sprießen? Da sehen wir genau dasselbe, was der Mensch tut, wenn er in sich lebt im Schlafen. Wir haben genau gesehen, daß das eine vollständig dem andern entspricht. Wie die einzelnen Pflanzen zu dem Menschenleibe stehen, was sie für das Menschenleben bedeuten, das kann man nur erkennen, wenn man einen solchen Zusammenhang überschaut. Denn es ist in der Tat wahr, daß man sieht, wenn man genau zuschaut, wie beim Einschlafen des Menschen in seinem physischen und ätherischen Leibe alles aufsprießt und sproßt, daß man sieht, wie da eine ganze Vegetation beginnt, sieht, wie der Mensch eigentlich ein Baum ist, oder ein Garten, in dem die Pflanzen wachsen.
[ 16 ] These are the facts. Now I would like to point out right here that a certain idea, drawn from natural and occult research, is of immense significance for human life. This research shows, after all, that when we look at the individual human being, we are essentially faced with something like a reflection of the great Earth being itself. And what do we see when we turn our gaze to the plants that are beginning to sprout and grow? There we see exactly the same thing that the human being does when he lives within himself in sleep. We have seen clearly that one corresponds completely to the other. How individual plants relate to the human body, what they mean for human life, can only be recognized when one surveys such a connection. For it is indeed true that if one looks closely, one sees how, as a human falls asleep in their physical and etheric bodies, everything sprouts and shoots forth; one sees how an entire vegetation begins there, sees how the human is actually a tree, or a garden in which plants grow.
[ 17 ] Wer das mit okkultem Blick verfolgt, sieht, wie das Sprießen und Sprossen im Innern der Menschen entspricht dem, was draußen in der Natur sprießt und sproßt. Und so können Sie sich einen Begriff machen, was da werden kann, wenn man in Zukunft einmal die Geisteswissenschaft, die man heute noch größtenteils als eine Narretei ansieht, aufs Leben anwenden wird, wenn man sie fruchtbar machen wird. Da haben wir zum Beispiel einen Menschen, dem dieses oder jenes fehlt in seinen äußeren Tatsachen des Lebens. Beobachten wir nun einmal, wenn dieser Mensch einschläft, welche Pflanzenarten ausbleiben, wenn sein physischer und sein Ätherleib ihre Vegetation zu entwickeln beginnen. Sehen wir, daß auf der Erde an einer Stelle ganze Pflanzengattungen nicht hervorkommen, so wissen wir, daß da etwas nicht ganz stimmt mit dem Wesen der Erde. Ebenso ist es auch mit dem Fortbleiben gewisser Pflanzen im physischen und Ätherleib des Menschen. Um den Fehler beim Menschen nun gutzumachen, brauchen wir nur auf der Erde aufzusuchen die in dem betreffenden Menschen fehlenden Pflanzen und deren Säfte in entsprechender Weise anzuwenden, entweder in diätetischer Form oder als Arzneimittel, und wir werden dann, aus deren inneren Kräften, die Beziehung von Arznei und Krankheit finden. Daran können wir sehen, wie eingreifen wird Geisteswissenschaft in das unmittelbare Leben. Wir stehen aber erst am Anfange dieser Sache.
[ 17 ] Anyone who observes this with an occult eye will see how the sprouting and growing within human beings corresponds to what sprouts and grows outside in nature. And so you can get an idea of what might come to pass when, in the future, Spiritual Science—which is still largely regarded as folly today—is applied to life, when it is made fruitful. Take, for example, a person who lacks this or that in the external facts of their life. Let us now observe, when this person falls asleep, which plant species are absent when his physical and etheric bodies begin to develop their vegetation. If we see that entire plant genera do not emerge in a certain place on Earth, we know that something is not quite right with the nature of the Earth. The same is true of the absence of certain plants in the physical and etheric bodies of human beings. To make up for the deficiency in the human being, we need only seek out on Earth the plants missing in the person in question and apply their juices in an appropriate manner, either in dietary form or as medicine, and we will then, through their inner powers, discover the relationship between remedy and disease. In this we can see how Spiritual Science will intervene in immediate life. But we are only at the beginning of this endeavor.
[ 18 ] Damit habe ich Ihnen in einem Gleichnis eine Art Naturgedanken gegeben über den Zusammenhang des Menschen und die Beziehung seines ganzen Wesens zu der Umgebung, in der er ja mit seinem Wesen selber darinnensteckt.
[ 18 ] In this way, I have presented you with a kind of philosophical reflection, in the form of a parable, on the connection between human beings and the relationship of their entire being to the environment in which they are, after all, immersed with their very being.
[ 19 ] Wir wollen jetzt einmal auf einem geistigen Gebiet die Sache ins Auge fassen. Da möchte ich gleich aufmerksam machen auf eine Sache, die außerordentlich wichtig ist, nämlich, daß unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung, indem sie den Blick vom Standpunkte des Okkultismus schweifen läßt über die Menschheitsentwickelung, um den Sinn des Daseins zu entziffern, nicht etwa irgendeinem Bekenntnisse, irgendeiner Weltanschauung einen äußerlichen Vorzug gibt vor irgendeinem anderen Bekenntnisse, vor irgendeiner anderen Weltanschauung. Wie oft ist es betont worden innerhalb unserer okkulten Strömung, daß wir hinweisen können auf dasjenige, was die Erdenmenschheit entwickelt und erlebt hat, unmittelbar nachdem die große atlantische Katastrophe über die Erde hereingebrochen war. Da erlebten wir als erste große nachatlantische Kultur die uralt-heilige indische Kultur. Auch hier, an diesem Orte, haben wir schon über diese uralt-heilige indische Kultur gesprochen und betont, daß es eine so hohe Kultur war, daß es nur ein Nachklang ist, was in den Veden oder schriftlichen Überlieferungen, die auf uns gekommen sind, noch davon vorhanden ist. Die uralte Lehre, die hervorgegangen ist aus jener Zeit, ist nur in der Akasha-Chronik zu erblicken. Da blicken wir auf eine Höhe der Kultur, die seither nicht wieder erklommen worden ist.
[ 19 ] Let us now consider the matter from a spiritual perspective. I would like to draw your attention right away to something that is of extraordinary importance, namely, that our worldview based on Spiritual Science, by allowing the gaze to wander from the standpoint of occultism over the course of human development in order to decipher the meaning of existence, does not give any particular creed, any particular worldview over any other creed or any other worldview. How often has it been emphasized within our occult movement that we can point to what humanity on Earth developed and experienced immediately after the great Atlantean catastrophe had befallen the Earth. There we encountered, as the first great post-Atlantean culture, the ancient and sacred Indian culture. Here, too, in this place, we have already spoken of this ancient and sacred Indian culture and emphasized that it was such a high culture that what remains of it in the Vedas or the written traditions that have come down to us is merely an echo. The ancient teaching that emerged from that time can only be glimpsed in the Akashic Records. There we behold a height of culture that has not been reached again since then.
[ 20 ] Die späteren Epochen hatten eine ganz andere Aufgabe. Wir wissen auch, daß ein Hinunterstieg stattgefunden hat seit jenen Zeiten. Wir wissen aber auch, daß wieder ein Aufstieg stattfinden wird und daß, wie wir schon bemerkt haben, Geisteswissenschaft dazu da ist, diesen Aufstieg vorzubereiten. Wir wissen, daß im siebenten nachatlantischen Kulturzeitraum eine Art Erneuerung der uralt-heiligen indischen Kultur da sein wird. So ist es also, daß wir nicht einen Vorzug geben irgendeiner religiösen Anschauung oder irgendeinem Bekenntnis. Mit gleichem Maße werden sie gemessen, überall werden sie charakterisiert, überall wird der Wahrheitskern gesucht.
[ 20 ] The later epochs had a completely different task. We also know that a descent has taken place since those times. But we also know that an ascent will take place again and that, as we have already noted, Spiritual Science exists to prepare for this ascent. We know that in the seventh post-Atlantean cultural epoch there will be a kind of renewal of the ancient, sacred Indian culture. Thus, we do not give preference to any religious view or any creed. They are measured by the same standard, characterized everywhere, and the core of truth is sought everywhere.
[ 21 ] Das aber, worauf es ankommt, ist, daß wir das Wesenhafte ins Auge fassen. Wir dürfen uns nicht beirren lassen in der Betrachtung über das Wesen jedes einzelnen Religionsbekenntnisses, und wenn wir so an die Weltanschauungen herangehen, dann finden wir einen Grundunterschied. Wir finden Weltanschauungen, die mehr orientalisierender Art sind, und solche, die mehr die Kultur des Abendlandes durchdrungen haben. Wenn wir uns nun dies besonders klarmachen, dann haben wir etwas, was uns große Aufschlüsse gibt über den Sinn des Daseins. Da finden wir, daß die Alten schon etwas hatten, was wir uns jetzt erst wieder mit Mühe erobern müssen, nämlich die Lehre von der Wiederkunft des Lebens. Die orientalisierenden Richtungen hatten das wie etwas, was aus den tiefsten Gründen des Lebens heraufstieg. Sie sehen noch, wie diese orientalisierenden Richtungen ihr ganzes Leben von diesem Gesichtspunkte aus gestalten, wenn Sie das Verhältnis des orientalischen Menschen zu seinen Bodhisattvas und seinen Buddhas ins Auge fassen. Wenn Sie ins Auge fassen, wie es dem Orientalen weniger darauf ankommt, eine einzige Gestalt herauszunehmen mit diesem oder jenem bestimmten Namen als die regierende Macht der Menschheitsentwickelung, so sehen Sie zugleich, wieviel mehr es ihm darauf ankommt, die durch die verschiedenen Leben hindurchgehende Individualität zu verfolgen.
[ 21 ] What matters, however, is that we focus on the essential. We must not allow ourselves to be misled when considering the essence of each individual religious creed, and if we approach worldviews in this way, we will find a fundamental difference. We find worldviews that are more of an Eastern nature, and those that have permeated Western culture more deeply. If we make this particularly clear to ourselves, then we have something that provides us with great insight into the meaning of existence. There we find that the ancients already possessed something that we must now reclaim with great effort: namely, the doctrine of the return of life. The Oriental-influenced schools regarded this as something that arose from the deepest foundations of life. You can still see how these Oriental-influenced schools shape their entire lives from this perspective when you consider the relationship of the Oriental person to his Bodhisattvas and his Buddhas. When you consider how little it matters to the Oriental to single out a single figure with this or that specific name as the ruling power of human development, you see at the same time how much more important it is to him to trace the individuality that runs through the various lives.
[ 22 ] Die Orientalisten sagen, es gibt soundsoviele Bodhisattvas, hohe Wesenheiten, die ausgegangen sind von dem Menschen, aber sich nach und nach hinaufentwickelt haben zu jener Höhe, welche wir damit bezeichnen, daß wir sagen: Fine Wesenheit ist durch viele Inkarnationen gegangen und ist dann zu einem Bodhisattva geworden, wie Gautama, der Sohn des Königs Sudhodana, es getan hat. Er war Bodhisattva und wurde Buddha. Der Name Buddha aber wird vielen gegeben dafür, daß sie durch viele Verkörperungen hindurchgegangen, Bodhisattva geworden und dann zur nächsthöheren Würde, zur Buddhawürde, aufgestiegen sind. Der Name Buddha ist ein Generalname. Er gibt eine menschliche Würde an und ist nicht zu denken, ohne daß man auf das Geistig-Seelische blickt, das durch viele Inkarnationen hindurch geht. In dieser Beziehung stimmt der Brahmanismus mit dem Buddhismus völlig überein, daß er den Blick hauptsächlich richtet auf das Individuelle, das durchgeht durch die verschiedenen Persönlichkeiten, und weniger auf die einzelnen Persönlichkeiten, denn es kommt auf dasselbe heraus, wenn der Buddhist sagt: Ein Bodhisattva ist dazu bestimmt, zu der höchsten menschlichen Würde aufzusteigen, zu der man aufsteigen kann, und dazu muß er durch viele Inkarnationen hindurchgehen, das Höchste aber sehe ich in dem Buddha — oder ob der Anhänger des Brahmanentums sagt: Die Bodhisattvas sind in der Tat hochentwickelte Wesen und steigen dann zu den Buddhas auf, aber sie sind von den Avataren, den höheren geistigen Individualitäten, ausgegangen. Sie sehen, die Betrachtung des Geistigen, das da durchgeht durch viele Inkarnationen, ist etwas, das diesen beiden orientalischen Anschauungen eigen ist.
[ 22 ] Orientalists say that there are countless Bodhisattvas, exalted beings who originated from human beings but have gradually evolved to that level which we describe by saying: A noble being has passed through many incarnations and then become a Bodhisattva, just as Gautama, the son of King Sudhodana, did. He was a Bodhisattva and became a Buddha. The name Buddha, however, is given to many because they have passed through many incarnations, become Bodhisattvas, and then ascended to the next higher dignity, the dignity of a Buddha. The name Buddha is a general term. It denotes a human dignity and cannot be conceived of without looking at the spiritual-soul aspect that passes through many incarnations. In this respect, Brahmanism is in complete agreement with Buddhism in that it focuses primarily on the individual essence that passes through the various personalities, and less on the individual personalities themselves; for it amounts to the same thing when the Buddhist says: A Bodhisattva is destined to ascend to the highest human dignity to which one can ascend, and to do so he must pass through many incarnations; but I see the highest in the Buddha—or whether the follower of Brahmanism says: The Bodhisattvas are indeed highly evolved beings and then ascend to become Buddhas, but they have emerged from the Avatars, the higher spiritual individualities. You see, the contemplation of the spiritual that runs through many incarnations is something peculiar to these two Eastern views.
[ 23 ] Nehmen wir aber nun das Abendland und sehen zu, was da das Große und Gewaltige war. Um in dieser Beziehung etwas tiefer zu schauen, müssen wir die alte hebräische Weltanschauung ansehen, müssen die Blicke auf das persönliche Element lenken. Wenn wir von Plato, von Sokrates, von Michelangelo, von Karl dem Großen oder von sonst jemandem reden, so reden wir immer von einem Persönlichen, wir stellen vor die Menschen das abgeschlossene Leben der Persönlichkeiten hin mit dem, was diese Persönlichkeiten für die Menschheit geworden sind. Wir richten in der abendländischen Kultur nicht den Blick auf das Leben, das von Person zu Person hindurchgegangen ist; denn das war gerade die Aufgabe der abendländischen Kultur, eine Zeitlang den Blick zu richten auf das einzelne Leben. Wenn man im Oriente von dem Buddha spricht, dann weiß man: Die Bezeichnung Buddha ist eine Würde, die vielen Persönlichkeiten zugeeignet ist. Wenn man dagegen den Namen Plato nennt, so weiß man, daß es nur eine einzelne Persönlichkeit war. So war die Erziehung des Abendlandes. Das Persönliche sollte zunächst geschätzt und geachtet werden.
[ 23 ] But let us now turn to the West and see what was great and mighty there. To look a little deeper into this matter, we must examine the ancient Hebrew worldview; we must direct our gaze toward the personal element. When we speak of Plato, Socrates, Michelangelo, Charlemagne, or anyone else, we are always speaking of a personality; we present to people the completed lives of these personalities along with what these personalities have come to represent for humanity. In Western culture, we do not direct our gaze toward the life that has passed from person to person; for that was precisely the task of Western culture: for a time, to direct its gaze toward the individual life. When one speaks of the Buddha in the East, one knows that the title “Buddha” is a dignity bestowed upon many personalities. When, on the other hand, one mentions the name Plato, one knows that it was only a single personality. Such was the education of the West. The personal was to be valued and respected first and foremost.
[ 24 ] Nehmen wir nun unsere eigene Zeit. Wie muß sich diese zu dieser ganzen Tatsachenreihe stellen? Die Menschheit ist durch die Kultur des Abendlandes eine Weile erzogen worden in dem Hinschauen auf das Persönliche. Jetzt mußte zu dem Persönlichen das Individuelle, die Individualität hinzugefügt werden. Jetzt stehen wir also an dem Punkte, uns wieder zu erobern das Individuelle, aber verstärkt, durchkraftet von der Betrachtung des Persönlichen.
[ 24 ] Let us now consider our own time. How must it relate to this entire sequence of facts? Through Western culture, humanity has for some time been trained to focus on the personal. Now, the individual, individuality, had to be added to the personal. So now we stand at the point of reclaiming the individual, but strengthened and invigorated by the contemplation of the personal.
[ 25 ] Nehmen wir einen bestimmten Fall. Wir richten den Blick in dieser Beziehung auf die alte hebräische Weltanschauung, die vorherging der abendländischen. Lenken wir den Blick auf eine so gewaltige Persönlichkeit wie diejenige des Propheten Elias. Wir charakterisieren ihn zunächst als Persönlichkeit. Im Abendlande wird wenig Bedacht darauf genommen, ihn anders zu betrachten. Wenn man absieht von allen Einzelheiten und die Persönlichkeit im großen ins Auge faßt, so sieht man, daß Elias im Fortgang der Weltentwickelung etwas Bedeutsames war. Er drückte aus etwas wie eine Vorläuferschaft für den Christus-Impuls.
[ 25 ] Let us consider a specific case. In this regard, let us turn our attention to the ancient Hebrew worldview that preceded the Western one. Let us focus on a figure as formidable as the prophet Elijah. We shall first characterize him as a personality. In the West, little thought is given to viewing him in a different light. If one disregards all the details and considers the personality in broad terms, one sees that Elijah was significant in the course of world development. He embodied something like a forerunner of the Christ impulse.
[ 26 ] Wenn wir zurückblicken in die Zeit des Moses, so sehen wir, wie etwas verkündigt wird dem Volke, wir sehen, daß dem Menschen verkündigt wird der Gott im Menschen: Ich, der Gott, der da war, der da ist und der da sein wird. Im Ich muß er erfaßt werden, aber er wird erfaßt im Althebräischen so, wie die Seele des Volkes war. Elias geht nun noch weiter. Durch ihn wird noch nicht klar, daß das Ich in der einzelnen menschlichen Individualität lebt als das höchste Göttliche; aber er konnte es dem Volke seinerzeit noch nicht klarer machen, als die Welt es aufzunehmen vermochte. Daher sehen wir da sozusagen einen Sprung in der Entwickelung gemacht. Während noch die Moseskultur bei den Althebräern sich klar war darüber: In dem Ich liegt das Höchste — und dieses Ich wurde in dieser Moseszeit in der Volksseele ausgedrückt —, wird bei Elias schon auf die einzelne Seele hingedeutet. Aber es bedurfte auch hier eines Impulses, und dazu war wieder eine Vorläuferschaft da, die wir als die Persönlichkeit des Johannes des Tänfers kennen. Wieder war es ein bedeutsames Wort, in dem diese Vorläuferschaft des Johannes des Täufers zum Ausdruck kommt. Was drückt uns dieses Wort aus? Eine große okkulte Tatsache. Er weist darauf hin, daß die Menschen einmal, als Urmenschen, ein altes Hellsehen hatten, so daß sie hineinsehen konnten in die geistige Welt, in das Göttlich-Wirksame; dann haben sie sich aber mehr und mehr dem Materiellen genähert. Es hat sich verschlossen der Blick für die geistige Welt. Darauf weist Johannes der Täufer hin, indem er sagt: Ändert die Seelenverfassung! Blickt nicht mehr auf das, was ihr in der physischen Welt erringen könnt, sondern seid aufmerksam, jetzt kommt ein neuer Impuls! — damit meint er den Christus-Impuls —, deshalb sage ich euch, ihr müßt die geistige Welt suchen mitten unter euch. — Da tritt herein das Geistige, mit dem ChristusImpuls. Dadurch wurde Johannes der Täufer der Vorläufer des Christus-Impulses.
[ 26 ] When we look back to the time of Moses, we see how something is proclaimed to the people; we see that God in humanity is proclaimed to humankind: I, the God who was, who is, and who will be. He must be grasped in the “I,” but in ancient Hebrew times he was grasped in the way the soul of the people was. Elijah now goes even further. Through him it is not yet clear that the “I” lives in the individual human being as the highest divine; but he could not make it any clearer to the people at that time than the world was capable of receiving. Thus we see, so to speak, a leap made in development. While the culture of Moses among the ancient Hebrews was still clear about this: In the “I” lies the highest—and this “I” was expressed in the folk-souls during the time of Moses—Elijah already points to the individual soul. But here, too, an impulse was needed, and for this there was again a forerunner, whom we know as the personality of John the Baptist. Once again, it was a significant word in which this forerunner role of John the Baptist is expressed. What does this word express to us? A great occult fact. He points out that human beings once, as primordial humans, possessed an ancient clairvoyance, enabling them to look into the spiritual world, into the divine-active; but then they drew closer and closer to the material. Their vision of the spiritual world became closed off. John the Baptist points this out by saying: Change the state of your souls! Do not look any longer at what you can achieve in the physical world, but be attentive—a new impulse is coming! —by which he means the Christ impulse—therefore I say to you, you must seek the spiritual world right here among you. —Thus the spiritual enters, with the Christ impulse. Through this, John the Baptist became the forerunner of the Christ impulse.
[ 27 ] Jetzt können wir eine andere Persönlichkeit, die merkwürdige Persönlichkeit des Malers Raffael, ins Auge fassen. Diese merkwürdige Persönlichkeit stellt sich einem, wenn man sie betrachtet, sonderbar dar. Vor allen Dingen braucht man nur Raffael als Maler der lateinischen Rasse zu vergleichen mit den späteren Malern, meinetwillen mit Tizian. Wer einen Blick hat für solche Dinge und auch nur die Nachbildungen der Bilder ansieht, wird den Unterschied finden. Werfen Sie einen Blick auf die Bilder von Raffael und auch auf die von Tizian. Raffael hat so gemalt, daß er die christlichen Ideen in seine Bilder legte. Er hat gemalt für die europäischen Menschen als Christen des Abendlandes. Seine Bilder sind für alle Christen des Abendlandes verständlich, und sie werden es immer mehr und mehr noch werden. Nehmen Sie dagegen die späteren Maler. Die haben fast ausschließlich für die lateinische Rasse gemalt, so daß sogar die kirchlichen Spaltungen in ihren Bildern zum Ausdruck kommen.
[ 27 ] Now we can turn our attention to another figure, the remarkable figure of the painter Raphael. This remarkable figure presents a strange picture when one looks at him. Above all, one need only compare Raphael, as a painter of the Latin race, with later painters—say, Titian. Anyone with an eye for such things, even when looking merely at reproductions of the paintings, will notice the difference. Take a look at Raphael’s paintings and also at those of Titian. Raphael painted in such a way that he incorporated Christian ideas into his paintings. He painted for the people of Europe as Christians of the West. His paintings are understandable to all Christians of the West, and they will become so more and more. Take, by contrast, the later painters. They painted almost exclusively for the Latin race, so that even the schisms within the Church are expressed in their paintings.
[ 28 ] Welche Bilder sind aber nun Raffael am besten gelungen ? Diejenigen, mit welchen er ankündigen kann, welche Impulse im Christentum liegen! Da, wo er den Jesusknaben hinstellen kann in irgendein Verhältnis zur Madonna, da, wo er dieses Christus-Verhältnis zur Madonna wie etwas, was Empfindungsimpuls ist, hinstellen kann, gelingen ihm die Dinge am besten. Er hat auch im Grunde genommen am besten diese Dinge gemalt. Eine Kreuzigung zum Beispiel haben wir nicht von ihm, wohl aber eine Verklärung. Da, wo er das Sprießende und Sprossende, das Sich-Verkündigende malen kann, da malt er mit Freude und malt seine größten und besten Bilder.
[ 28 ] But which of Raphael’s paintings are his finest? Those through which he can reveal the impulses inherent in Christianity! Wherever he can place the infant Jesus in some relationship to the Madonna, wherever he can portray this relationship of Christ to the Madonna as something that is an impulse of feeling, that is where he succeeds best. In fact, these are the subjects he painted best. We have no Crucifixion by him, for example, but we do have a Transfiguration. Where he can paint the sprouting and budding, the self-revealing, there he paints with joy and creates his greatest and finest paintings.
[ 29 ] Im Grunde genommen geht es auch so mit der Wirkung seiner Bilder. Wenn Sie einmal nach Deutschland kommen und in Dresden die Sixtinische Madonna anschauen, da werden Sie sehen, daß das Kunstwerk — von dem man sagt, daß die Deutschen froh sein können, ein so bedeutsames Bild in ihrer Mitte zu haben, ja, daß die Deutschen dieses Bild als die Blüte der Malerei betrachten dürfen — ein Geheimnis des Daseins enthüllt.
[ 29 ] Essentially, the same applies to the impact of his paintings. If you ever come to Germany and view the Sistine Madonna in Dresden, you will see that the artwork—of which it is said that the Germans can be glad to have such a significant painting in their midst, indeed, that the Germans may regard this painting as the pinnacle of painting—reveals a mystery of existence.
[ 30 ] Als Goethe seinerzeit von Leipzig nach Dresden fuhr, da hörte er etwas anderes über das Bild der Madonna. Die Beamten der Galerie in Dresden sagten ungefähr so: Da haben wir auch ein Bild von Raffael. Es ist aber nichts Besonderes. Es ist schlecht gemalt. Der Blick des Kindes, das ganze Kind, alles, was da gemalt ist an dem Kinde, ist gemein. Die Madonna selber ebenso. Man kann nur glauben, daß sie gemalt worden ist von einem Stümper. Und nun gar noch unten die Figuren, von denen man nicht weiß, ob es Kinderköpfe oder Engel sein sollen. — Dieses grobe Urteil hat Goethe damals gehört. Daher hatte er auch zunächst keine richtige Schätzung des Bildes. Alles, was wir heute über das Bild hören, das lebte sich erst nachher ein, und der Umstand, daß Raffaels Bilder in den Nachbildungen ihren Siegeszug durch die Welt machten, ist eine Folge dieser besseren Einschätzung. Man braucht nur zu erinnern daran, was gerade England für die Reproduktion und Verbreitung der Bilder Raffaels getan hat. Was aber bewirkt wurde in England dadurch, daß so gesorgt worden ist für die Reproduktion und Verbreitung Raffaelscher Bilder, das wird man erst erkennen, wenn man die Sache vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus mehr betrachten lernen wird.
[ 30 ] When Goethe traveled from Leipzig to Dresden back then, he heard a different account of the painting of the Madonna. The officials at the gallery in Dresden said something along these lines: “We have a painting by Raphael here, too. But it’s nothing special. It’s poorly painted.” The child’s gaze, the whole child, everything painted on the child, is crude. The Madonna herself is the same. One can only believe that it was painted by a bungler. And then there are the figures at the bottom, of which one does not know whether they are meant to be children’s heads or angels.”—Goethe heard this harsh judgment at the time. That is why he initially had no proper appreciation of the painting. Everything we hear about the painting today only took hold later, and the fact that Raphael’s paintings made their triumphant march across the world in reproductions is a consequence of this improved assessment. One need only recall what England in particular has done for the reproduction and dissemination of Raphael’s paintings. But the impact in England of having ensured the reproduction and dissemination of Raphael’s paintings will only become apparent once one learns to view the matter more from a perspective of Spiritual Science.
[ 31 ] So ist uns Raffael durch seine Bilder wie ein Vorherverkündiger eines Christentums, das international werden wird. Der spekulative Protestantismus sah die Madonna lange Zeit als spezifisch katholisch an. Heute ist die Madonna auch in die evangelischen Länder überall eingedrungen, und man erhebt sich mehr zu der okkulten Auffassung, zu einem höheren, interkonfessionellen Christentum. So wird es immer weitergehen.
[ 31 ] Thus, through his paintings, Raphael appears to us as a forerunner of a Christianity that is destined to become international. For a long time, speculative Protestantism regarded the Madonna as specifically Catholic. Today, the Madonna has also penetrated everywhere into Protestant countries, and people are increasingly turning toward an occult conception, toward a higher, interdenominational Christianity. This is how it will continue to be.
[ 32 ] Wenn wir diese Wirkungen für ein interkonfessionelles Christentum erhoffen dürfen, so wird uns das, was Raffael gemacht hat, auch in der Geisteswissenschaft helfen.
[ 32 ] If we may hope for these effects for an interdenominational Christianity, then what Raphael has done will also help us in Spiritual Science.
[ 33 ] Es ist merkwürdig — drei Persönlichkeiten treten uns so entgegen, alle drei haben sie zu tun mit einer Vorläuferschaft für das Christentum. Und jetzt richten wir den okkulten Blick auf diese drei Persönlichkeiten. Was lehrt uns der? Der okkulte Blick lehrt uns, daß es dieselbe Individualität ist, die in Elias, die in Johannes dem Täufer, die in Raffael lebte. So unmöglich es scheint, es ist doch dieselbe Seele, die in Elias, in Johannes und in Raffael gelebt hat. Jetzt aber fragen wir uns, wenn der okkulte Blick, der forscht und nicht etwa äußerlich verstandesmäßig vergleicht, nun erforscht, daß es dieselbe Seele ist, die in Elias, in Johannes dem Täufer und in Raffael vorhanden war: Wie kommt es denn, daß Raffael, der Maler, der Träger wird für die Individualität, die in Johannes dem Täufer gelebt hatte? Kann man sich vorstellen, daß diese merkwürdige Seele des Johannes des Täufers in den Kräften lebte, die in Raffael vorhanden waren? Da kommt nun wieder die okkulte Forschung, aber nicht so, daß sie bloß "Theorien in die Welt setzt, sondern so, daß sie sagt, wie die Dinge sind, wie die Dinge wirklich ins Leben eingepflanzt sind! Wie schreiben die Leute heute noch Raffael-Biographien? Sie können es überall sehen, auch die besten sind heute so geschrieben, daß sie einfach angeben: Raffael wurde geboren an dem Karfreitage des Jahres 1483. Raffael ist nicht umsonst an einem Karfreitage geboren! Ankündigend schon durch diese Geburt seine Sonderstellung im Christentum, zeigt sich bei ihm, daß er mit den christlichen Geheimnissen in der tiefsten und bedeutungsvollsten Weise zu tun hat. An einem Karfreitag also war Raffael geboren. Sein Vater war Giovanni Santi. Giovanni Santi starb, als Raffael elf Jahre alt war. Als Raffael acht Jahre zählte, hatte er ihn in die Lehre zu einem Maler gegeben, der aber nicht so hervorragend war. Aber wenn man nimmt, was in dem Giovanni Santi, dem Vater Raffaels, war, so hat man einen eigentümlichen Eindruck, der sich noch erhöht, wenn man die Sache in der AkashaChronik betrachtet. Da zeigt sich, daß das, was lebte in der Seele des Giovanni Santi, viel mehr ist, als eigentlich aus ihm herausgekommen war, und man muß der Herzogin recht geben, die bei seinem Tode sagte: Ein Mensch voll Licht und Recht und allerbestem Glauben ist gestorben. Als Okkultist könnte man sagen, daß in ihm ein viel größerer Maler gelebt hat, als äußerlich zur Geltung gekommen war. Aber die äußeren Fähigkeiten, die von den physischen und Äther-Organen abhängen, die waren bei Giovanni Santi nicht entwickelt. Das war die Ursache, weshalb die Fähigkeiten seiner Seele sich nicht durchringen konnten. Aber in seiner Seele lebte wirklich ein großer Maler.
[ 33 ] It is remarkable—three figures appear before us, all three of whom are associated with the forerunners of Christianity. And now let us turn our occult gaze to these three figures. What does it teach us? The occult gaze teaches us that it is the same individuality that lived in Elijah, in John the Baptist, and in Raphael. As impossible as it may seem, it is indeed the same soul that lived in Elijah, in John, and in Raphael. But now we ask ourselves: if the occult gaze—which investigates rather than making superficial intellectual comparisons—discovers that it is the same soul that was present in Elijah, in John the Baptist, and in Raphael, how is it then that Raphael, the painter, becomes the bearer of the individuality that had lived in John the Baptist? Can one form a mental image of this remarkable soul of John the Baptist living within the forces present in Raphael? Here again comes occult research, but not in a way that merely “puts theories out into the world,” but rather in a way that states how things are, how things are truly implanted in life! How do people still write Raphael biographies today? You can see it everywhere; even the best ones today are written in such a way that they simply state: Raphael was born on Good Friday of the year 1483. It is no coincidence that Raphael was born on a Good Friday! Already announcing his special position within Christianity through this birth, it becomes evident that he is connected to the Christian mysteries in the deepest and most significant way. So Raphael was born on Good Friday. His father was Giovanni Santi. Giovanni Santi died when Raphael was eleven years old. When Raphael was eight, his father had placed him in apprenticeship with a painter, who, however, was not particularly outstanding. But when one considers what was in Giovanni Santi, Raphael’s father, one gets a peculiar impression that is further heightened when one examines the matter in the Akashic Records. There it becomes clear that what lived in the soul of Giovanni Santi was far more than what actually came forth from him, and one must agree with the duchess, who said upon his death: “A man full of light and righteousness and the very best faith has died.” As an occultist, one might say that a much greater painter lived within him than had come to the fore outwardly. But the external abilities, which depend on the physical and etheric organs, were not developed in Giovanni Santi. That was the reason why the abilities of his soul could not come to the fore. But a great painter truly lived within his soul.
[ 34 ] Da stirbt er, als Raffael elf Jahre alt war. Wenn man nun verfolgt, was da vorliegt, so wird zur Wahrheit, daß der Mensch zwar den Leib verliert, aber das, was seine Sehnsucht war, was die Aspirationen, die Impulse seiner Seele waren, das lebt sich aus, wirkt und wirkt in dem, womit es am meisten zusammenhängt.
[ 34 ] He died when Raphael was eleven years old. If one now considers what is presented here, it becomes clear that while a person loses their body, what was their longing—the aspirations and impulses of their soul—continues to live on, working and taking effect in that which is most closely connected to it.
[ 35 ] Zeiten werden kommen, wo man die Geisteswissenschaft fruchtbar machen wird für das Leben, wie diejenigen sie schon fruchtbar machen können, welche sie lebensvoll beherrschen und nicht bloß theoretisch. Ich darf hier etwas einfügen, bevor ich die Sache mit Raffael fortsetze. Ich spreche so, daß ich in meinen Beispielen nicht etwa Spekulationen gebe. Sie sind im Gegenteil immer aus dem Leben genommen. Nehmen wir nun an, ich hätte Kinder zu erziehen. Wer achtgibt auf die Fähigkeiten, der merkt bei jedem Kinde das Individuelle heraus. Solche Erfahrungen kann man aber nur machen, wenn man Kinder erzieht. Wenn nun bei einem Kinde die Mutter oder der Vater früh gestorben ist und nur der eine Teil des Elternpaares noch lebt, da kann man das Folgende erleben. Es zeigen sich da bei dem Kinde gewisse Neigungen, die vorher nicht vorhanden waren und die man sich somit nicht erklären kann. Als Erzieher muß man sich aber mit ihnen beschäftigen. Der Erzieher täte nun gut, wenn er sich sagte: Das, was in den geisteswissenschaftlichen Büchern steht, betrachten die Menschen zwar als eine Narrheit. Ich will es aber nicht von vornherein als Narrheit betrachten. Ich will es untersuchen auf seine Richtigkeit. Dann wird er bald sagen können: Ich finde, daß da Kräfte sind, die früher schon vorhanden waren, und wieder andere, die hineinwirken in diejenigen, welche früher schon da waren. Nehmen wir an, der Vater sei durch die Pforte des Todes gegangen, und jetzt kommen mit einer gewissen Stärke bei dem Kinde Eigenschaften heraus, welche in ihm gelebt haben. Macht man diese Voraussetzung und betrachtet man die Sache in dieser Weise, so wendet man die Erkenntnisse, die uns durch die Geisteswissenschaft zufließen, in vernünftiger Weise auf das Leben an und kommt dann, wie man bald finden wird, zurecht im Leben, während man vorher nicht zurechtgekommen ist. Der durch die Pforte des Todes Gegangene bleibt also verbunden mit seinen Kräften mit denjenigen, mit welchen er im Leben zusammenhing.
[ 35 ] There will come a time when Spiritual Science will be made fruitful for life, just as those who have mastered it in a living way—and not merely theoretically—are already able to do. I would like to add something here before I continue with the matter of Raphael. I speak in such a way that my examples are not mere speculations. On the contrary, they are always drawn from life. Let us suppose, for instance, that I had children to raise. Whoever pays attention to their abilities will discern the individuality in each child. But one can only have such experiences when raising children. If, for instance, a child’s mother or father has died early and only one parent is still alive, one may observe the following. Certain inclinations emerge in the child that were not present before and which one cannot therefore explain. As an educator, however, one must engage with them. The educator would do well to say to himself: What is written in the books on Spiritual Science, people may indeed regard as nonsense. But I do not want to regard it as nonsense from the outset. I will examine it to see if it is true. Then he will soon be able to say: I find that there are forces that were already present before, and still others that are working into those that were already there. Let us assume that the father has passed through the gate of death, and now qualities that lived within him are emerging with a certain strength in the child. If one makes this assumption and views the matter in this way, one applies the insights that flow to us through Spiritual Science to life in a reasonable manner and then, as one will soon discover, finds one’s way in life, whereas before one could not. The one who has passed through the gate of death thus remains connected through his forces to those with whom he was connected in life.
[ 36 ] Die Menschen beobachten nur nicht genau genug, sonst würden sie häufiger sehen, daß Kinder bis zum Tode ihrer Eltern ganz anders sind als nach demselben. Man lenkt nur nicht den Blick genügend auf die Sachen; aber die Zeit wird noch kommen, wo man das auch noch tun wird.
[ 36 ] People simply do not observe closely enough; otherwise, they would see more often that children are quite different before their parents’ death than they are afterward. People simply do not pay enough attention to these things; but the time will come when they will do so as well.
[ 37 ] Wenn man den Blick auf Raffael richtet und sich sagt: Giovanni Santi, der Vater, starb, als Raffael elf Jahre alt war; er hatte zwar keine besondere Vollendung als Maler erreichen können, aber seine kraftvolle Phantasie blieb ihm, und diese entwickelte sich nun hinein in die Seele des Raffael — so sagen wir nichts Trivialisierendes und Verkleinerndes für Raffael, wenn wir den Blick hinrichten auf Raffaels Seele und sagen: Giovanni Santi lebte in Raffael weiter, und daher erscheint dieser uns, als ob er eine voll abgeschlossene Persönlichkeit wäre; er erscheint uns so, als wenn er keiner Steigerung mehr fähig wäre, weil ein Toter seinen Arbeiten Leben gibt.
[ 37 ] When one looks at Raphael and reflects: Giovanni Santi, his father, died when Raphael was eleven years old; he may not have achieved any particular mastery as a painter, but his powerful imagination remained with him, and this now developed into Raphael’s soul—then we are not saying anything trivial or belittling about Raphael when we turn our gaze to Raphael’s soul and say: Giovanni Santi lived on in Raphael, and therefore he appears to us as if he were a fully formed personality; he appears to us as if he were no longer capable of further growth, because a dead man breathes life into his works.
[ 38 ] Jetzt begreift man, da in dem Menschen Raffael, in seiner eigenen Seele, wiedererstanden sind die energischen Kräfte des Johannes des Täufers und nun außerdem auch leben in seiner Seele die energischen Kräfte von Giovanni Santi, daß diese beiden Dinge zusammen das Ergebnis in der Seele des Raffael zeitigen konnten, was als Raffael vor uns steht.
[ 38 ] Now we understand that, since the dynamic forces of John the Baptist have been reborn within Raphael, within his own soul, and since the dynamic forces of Giovanni Santi now also live within his soul, these two things together could have produced in Raphael’s soul the result that stands before us as Raphael.
[ 39 ] Gewiß, heute kann über so außerordentliche Dinge noch nicht öffentlich geredet werden. In fünfzig Jahren wird das vielleicht schon möglich sein, weil die Entwickelung schnell voranschreitet und die bisherige Anschauung rasch ihrer Dekadenz entgegeneilt.
[ 39 ] Certainly, such extraordinary matters cannot yet be discussed publicly. In fifty years, this may well be possible, because progress is advancing rapidly and the prevailing view is swiftly heading toward obsolescence.
[ 40 ] Derjenige, der also eingeht auf solche Dinge, sieht, daß wir in der Geisteswissenschaft die Aufgabe haben, das Leben von einer neuen Seite überall zu betrachten. Wie man in der Zukunft heilen wird in der Form, wie ich es angedeutet habe, so wird man die eigentümlichen Wunder des Lebens betrachten, indem man zuhilfe ziehen wird die Taten, die aus der Geisterwelt von den Menschen noch kommen, welche durch die Pforte des Todes gegangen sind.
[ 40 ] Anyone who reflects on such matters will see that our task in Spiritual Science is to view life from a new perspective in every respect. Just as healing in the future will take the form I have indicated, so too will we view the unique wonders of life by drawing upon the deeds that still come from the spirit world from those who have passed through the gate of death.
[ 41 ] Zwei Dinge möchte ich noch vor Ihre Seele hinstellen, indem ich von den Rätseln des Lebens spreche. Das ist etwas, in dem uns so recht der Sinn des Lebens aufgehen kann. Es ist, wenn wir die Erscheinung Raffaels ansehen, das Schicksal, dem seine Werke entgegengehen. Der, welcher heute die Bilder in Reproduktion ansieht, sieht nicht das, was Raffael gemalt hat, auch der, welcher nach Dresden oder Rom geht, nicht, denn diese Bilder sind auch schon so verdorben, daß man nicht sagen kann, daß man die Bilder von Raffael noch sieht. Leicht ist es ins Auge zu fassen, was aus denselben werden wird, wenn man das Schicksal des Abendmahl-Gemäldes des Leonardo da Vinci betrachtet, welches immer mehr und mehr dem Verfall entgegengeht. Wer sich dieses überlegt, der weiß, daß diese Bilder mit der Zeit pulverisiert werden. Er wird die traurige Überzeugung bekommen, daß alles das verschwinden wird, was die großen Menschen einst geschaffen haben. Da also diese Dinge verschwinden werden, so könnten wir uns fragen: Welcher Sinn liegt denn in dem Entstehen und Vergehen derselben? Wir werden sehen, daß im Grunde genommen nichts bleibt von dem, was von der einzelnen Persönlichkeit geschaffen worden ist.
[ 41 ] There are two things I would like to present to your soul as I speak of life’s mysteries. This is something in which the meaning of life can truly dawn upon us. It is, when we look at Raphael’s work, the fate that his works are heading toward. Those who view the paintings today in reproductions do not see what Raphael painted, nor do those who travel to Dresden or Rome, for these paintings are already so damaged that one cannot say one is still seeing Raphael’s paintings. It is easy to grasp what will become of them when one considers the fate of Leonardo da Vinci’s Last Supper, which is increasingly falling into ruin. Anyone who reflects on this knows that these paintings will eventually crumble to dust. They will come to the sad realization that everything the great masters once created will vanish. Since these things will vanish, we might ask ourselves: What is the meaning of their creation and decay? We will see that, ultimately, nothing remains of what has been created by the individual artist.
[ 42 ] Und noch eine andere Tatsache möchte ich vor Ihre Seele hinstellen, und das ist diese: Wenn wir heute mit der Geisteswissenschaft als Instrument das Christentum begreifen wollen und begreifen sollen — es wurde von mir schon früher ausgeführt, wie wir ins Auge fassen das Christentum als einen Impuls, der wirkt für die Zukunft —, dann brauchen wir gewisse Grundbegriffe, durch die wir wissen, wie der Christus-Impuls weiterwirken wird. Das brauchen wir. Nun ist es merkwürdig, daß wir vor der Tatsache hier stehen, daß wir auf ein Werden des Christentums hinweisen müssen; aber wir brauchen dazu die Geisteswissenschaft. Nun gibt es auch eine Persönlichkeit, bei der wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in einer eigenartigen Form finden, und zwar in kurzen Sätzen dargestellt. Wenn wir herangehen an diese Persönlichkeit, so sehen wir, daß wir bei ihr manches finden können, was bedeutsam ist für die Geisteswissenschaft. Diese Persönlichkeit ist der deutsche Dichter Novalis., Wenn wir seine Schriften durchsehen, so finden wir, daß er die Zukunft des Christentums aus dessen okkulten Wahrheiten heraus schildert. Die Geisteswissenschaft lehrt uns, daß wir es dabei mit derselben Individualität zu tun haben wie bei Raffael, derselben Individualität wie bei Johannes dem Täufer und Elias.
[ 42 ] And there is yet another fact I would like to present to your soul, and that is this: If we want to—and indeed must—understand Christianity today using Spiritual Science as our tool—I have already explained how we view Christianity as an impulse that works toward the future—then we need certain basic concepts through which we can know how the Christ impulse will continue to work. We need that. Now it is curious that we are faced with the fact that we must point to a future development of Christianity; but for this we need Spiritual Science. Now there is also a figure in whom we find the truths of Spiritual Science in a unique form, expressed in short sentences. When we approach this figure, we see that we can find in him many things that are significant for Spiritual Science. This figure is the German poet Novalis. When we look through his writings, we find that he describes the future of Christianity based on its occult truths. Spiritual Science teaches us that we are dealing here with the same individuality as in Raphael, the same individuality as in John the Baptist and Elijah.
[ 43 ] Wieder haben wir da eine Vorschau der Fortentwickelung des Christentums. Das ist eine Tatsache okkulter Art, denn niemand kommt durch Schlüsse zu diesem Resultat.
[ 43 ] Once again, we have a glimpse into the future development of Christianity. This is a fact of an occult nature, for no one can arrive at this conclusion through logical reasoning.
[ 44 ] Stellen wir die einzelnen Bilder nochmals zusammen. Wir haben da das Tragische des Unterganges in den Geschöpfen und in den Werken der einzelnen Personen. Raffael tritt auf und läßt sein interkonfessionelles Christentum hineinströmen in die Menschenseelen. Aber eine Ahnung geht uns auf, daß sein Schaffen zugrunde gehen, seine Werke einst pulverisiert sein werden. Es tritt wieder auf Novalis, um die Lösung der Aufgabe von neuem in Angriff zu nehmen, um fortzusetzen das, was er begonnen, was er gearbeitet hat.
[ 44 ] Let us piece the individual images back together. We see the tragedy of decline in the creatures and in the works of the individual figures. Raphael appears and allows his interdenominational Christianity to flow into the souls of men. But a premonition dawns on us that his creative work will perish, that his works will one day be reduced to dust. Novalis appears again to tackle the task anew, to continue what he began, what he has worked on.
[ 45 ] Jetzt erscheint uns der Gedanke nicht mehr so tragisch, jetzt sehen wir, daß, wie die Persönlichkeit in ihren Hüllen zerrinnt, auch die Werke zerrinnen, daß aber der Wesenskern weiterlebt und weiterführt das, was er begonnen hat. Da werden wir hingewiesen also wieder zur Individualität. Aber weil wir energisch die abendländische Weltanschauung und damit die Persönlichkeit ins Auge gefaßt haben, wird uns erst die Bedeutung der Individualität so recht klar. So sehen wir, wie bedeutsam es ist, daß das Morgenland auf die Individualität das Auge gerichtet hat, auf die Bodhisattvas, die durch viele Inkarnationen hindurchgegangen sind, und wie bedeutsam es ist, daß das Abendland zunächst das Auge gerichtet hat auf die Betrachtung der einzelnen Persönlichkeit, um dann erst dazu zu kommen, zu erfassen, was die Individualität ist.
[ 45 ] Now the idea no longer seems so tragic to us; now we see that, just as the personality dissolves within its outer forms, so too do the works dissolve, yet the core of being lives on and carries forward what it has begun. Thus, we are once again directed toward individuality. But because we have vigorously focused on the Western worldview and thus on the personality, the significance of individuality only now becomes truly clear to us. Thus we see how significant it is that the East has turned its gaze toward individuality, toward the Bodhisattvas who have passed through many incarnations, and how significant it is that the West first turned its gaze toward the contemplation of the individual personality, only to then come to grasp what individuality is.
[ 46 ] Nun glaube ich, daß es viele Theosophen gibt, die sagen werden: Nun, das müssen wir eben glauben, wenn so von Elias, von Johannes dem Täufer, von Raffael und Novalis gesprochen wird. Für manche wird es in der Hauptsache auch so sein, daß sie es glauben müssen, denn es ist ebenso wie mit der Tatsache, daß es viele glauben müssen, wenn von wissenschaftlicher Seite behauptet wird, daß dieses oder jenes Spektrum sich zeigt, wenn dieses oder jenes Metall oder wenn zum Beispiel der Orionnebel vermittelst der Spektralanalyse untersucht wird. Einige haben es gewiß untersucht, aber die andern, die Mehrzahl, die glauben es. Darauf kommt es aber im Grunde gar nicht an. Es kommt darauf an, daß die Geisteswissenschaft am Anfange ihrer Entwickelung steht und immer mehr die Seelen dazu bringen wird, solche Dinge, wie sie heute gesagt worden sind, selber einzusehen. In dieser Beziehung wird die Geisteswissenschaft sehr rasch die Menschheitsevolution weiterbringen.
[ 46 ] Now, I believe there are many Theosophists who will say: Well, we simply have to believe it when such things are said about Elijah, John the Baptist, Raphael, and Novalis. For some, it will essentially be the case that they have to believe it, for it is just as with the fact that many have to believe it when science asserts that this or that spectrum appears when this or that metal—or, for example, the Orion Nebula—is examined by means of spectral analysis. Certainly, some have investigated it, but the others—the majority—believe it. But that is not what really matters. What matters is that Spiritual Science is at the beginning of its development and will increasingly lead souls to see for themselves the things that have been spoken of today. In this respect, Spiritual Science will very rapidly advance human evolution.
[ 47 ] Ich habe einiges, was sich als okkulte Gesichtspunkte über das Leben ergeben hat, angeführt. Nehmen Sie nur die drei Gesichtspunkte, die wir ins Auge gefaßt haben, so sehen Sie, wie man dadurch, daß man sieht, wie das Leben zum Erdgeiste steht, der Heilkunst eine neue Richtung geben kann, ihr neue Impulse zuführt; wie man Raffael nicht so betrachtet, daß die Persönlichkeit des Raffael allein es ist, welche wirksam war, sondern daß auch die Kräfte da hineinragten, die vom Vater stammen, und wie man so diese Persönlichkeit erst recht wird verstehen können. Das dritte ist, daß wir Kinder erziehen können, wenn wir wissen, wie die Sache liegt mit den Kräften, die in sie hineinspielen. Äußerlich geben die Menschen durchaus zu, daß sie selber umringt sind von einer Unzahl von Kräften, die fortwährend auf sie einwirken, daß der Mensch von der Luft, von der 'Temperatur, von der Umgebung und den anderen Verhältnissen des Klimas, in denen er lebt, fortwährend beeinflußt wird. Und daß seine Freiheit dadurch nicht beeinträchtigt ist, das weiß jeder Mensch. Das sind die Faktoren, mit denen wir schon heute rechnen. Daß aber der Mensch fortwährend umgeben ist von geistigen Kräften und daß man diese geistigen Kräfte zu untersuchen hat, das wird die Menschheit durch die Geisteswissenschaft lernen. Sie wird rechnen lernen mit diesen Kräften, und sie wird mit ihnen zu rechnen haben in wichtigen Fällen von Gesundheit und Krankheit, von Erziehung und Leben. Sie wird solcher Einflüsse, wie sie aus der Umgebung, aus der übersinnlichen Welt kommen, eingedenk sein müssen, wenn zum Beispiel einem ein Freund dahingestorben ist und er sich dann trägt mit diesen oder jenen Sympathien und Ideen, die dem Dahingestorbenen eigen waren. Das, was jetzt gesagt worden ist, bezieht sich nicht bloß auf Kinder, sondern auf alle Lebensalter. Die Menschen brauchen durchaus nicht mit ihrem Oberbewußtsein zu wissen, wie die Kräfte der übersinnlichen Welt tätig sind. Aber ihre gesamte Gemütsverfassung kann es uns zeigen, ja ihre Gesundheits- oder Krankheitszustände können es uns zeigen.
[ 47 ] I have cited a number of insights that have emerged regarding life from an occult perspective. If you consider just the three perspectives we have examined, you will see how, by understanding the relationship between life and the spirit of the earth, one can give medicine a new direction and provide it with fresh impetus; how one can view Raphael not as if it were solely the personality of Raphael that was effective, but rather that forces originating from the father also played a role, and how one can thus understand this personality all the more fully. The third point is that we can educate children if we know the nature of the forces at work within them. Outwardly, people certainly admit that they themselves are surrounded by a myriad of forces that constantly act upon them, that human beings are continually influenced by the air, the temperature, the surroundings, and the other climatic conditions in which they live. And every person knows that this does not impair their freedom. These are the factors we already take into account today. But that human beings are constantly surrounded by spiritual forces, and that these spiritual forces must be investigated—this is what humanity will learn through Spiritual Science. It will learn to take these forces into account, and it will have to reckon with them in important matters of health and illness, of education and life. It will have to be mindful of such influences as come from the environment and from the supersensible world when, for example, a friend has passed away and one then carries within oneself certain sympathies and ideas that were characteristic of the deceased. What has just been said applies not only to children but to all ages. People do not need to know with their conscious mind how the forces of the supersensible world operate. But their entire state of mind can reveal this to us; indeed, their states of health or illness can reveal it to us.
[ 48 ] Und noch viel weiter gehen die Dinge, die den Zusammenhang des Menschen in bezug auf das Leben auf dem physischen Plan mit den Tatsachen der übersinnlichen Welt bedeuten. Ich möchte eine einfache Tatsache vor Sie hinstellen, die Ihnen zeigen wird, wie dieser Zusammenhang ist, eine Tatsache, die nicht bloß ausgedacht ist, sondern in vielen Fällen beobachtet wurde: Ein Mensch merkt in einer bestimmten Zeit, daß er Empfindungen hat, die er früher nicht hatte, daß Sympathien und Antipathien auftreten bei ihm, die er früher nicht kannte, daß ihm das oder jenes leicht gelingt, was ihm früher nur schwer gelungen ist. Er kann sich das nicht erklären. Seine Umgebung kann es ihm nicht erklären. Die Tatsachen des Lebens selber geben ihm auch nicht die Erklärung. Bei einem Menschen, bei welchem wir solches beobachtet haben, wird man erfahren können, wenn man aufmerksam zu Werke geht — man muß allerdings auch einen Blick für solche Dinge haben —, daß er jetzt Dinge weiß und kann, über die er früher nichts gewußt, die er früher nicht gekannt hat. Geht man der Sache weiter nach, wenn man durch die Lehren des Okkultismus und der Geisteswissenschaft durchgegangen ist, so wird man von ihm ungefähr folgendes hören können: Ich komme mir jetzt ganz merkwürdig vor. Ich träume jetzt etwas von einer Persönlichkeit, die ich nie im Leben gesehen habe. Sie spielt in meine Träume hinein, obgleich ich mich nie mit ihr beschäftigte. — Verfolgt man die Sache nun, so wird man finden, daß er bisher keine Veranlassung gehabt hat, sich mit ihr zu beschäftigen. Nun starb aber die Person, und nun erst tritt sie an ihn heran in der geistigen Welt. Als sie ihm genügend nahe gekommen war, zeigte sie sich ihm noch als Traumgestalt in einem "Traume, der mehr war als Traum. Von dieser Person, die er vorher im Leben nicht gekannt hat, die aber, nachdem sie gestorben war, Einfluß auf sein Leben gewann, kamen die Impulse, die er vorher nicht gehabt hatte.
[ 48 ] And things go even further when it comes to the connection between human beings on the physical plane and the realities of the supersensible world. I would like to present a simple fact to you that will show you what this connection is like, a fact that is not merely imagined but has been observed in many cases: At a certain point in time, a person notices that they have feelings they did not have before, that sympathies and antipathies arise in them that they did not know before, that they easily succeed at this or that which was previously difficult for them. They cannot explain this to themselves. Their surroundings cannot explain it to them. Nor do the facts of life themselves provide the explanation. In a person in whom we have observed such things, one will be able to discover—if one proceeds with care (though one must also have an eye for such matters)—that they now know and can do things about which they previously knew nothing, things they previously did not know. If one investigates the matter further, having studied the teachings of occultism and Spiritual Science, one will likely hear the following from him: “I feel quite strange now. I am now dreaming about a person I have never seen in my life. This person is appearing in my dreams, even though I have never had anything to do with them.” — If one follows up on this, one will find that he has had no reason to concern himself with this person up to now. But now the person has died, and only now does she approach him in the spiritual world. When she had come close enough to him, she revealed herself to him as a dream figure in a “dream that was more than a dream.” From this person, whom he had not known in life but who, after her death, gained influence over his life, came the impulses he had not had before.
[ 49 ] Es kommt nicht darauf an, zu sagen: Es ist ja nur ein Traum, der hier vorliegt. Es kommt vielmehr auf das an, was er enthält. Es kann etwas sein, was zwar in Traumform erscheint, aber der Wirklichkeit viel näher ist als das äußere Bewußtsein. Kommt es denn etwa darauf an, ob Edison im Traume oder bei hellem Tagbewußtsein eine Erfindung machte? Es kommt darauf an, ob die Erfindung wahr, brauchbar ist. So kommt es auch nicht darauf an, ob ein Erlebnis im Traumbewußtsein oder im äußeren physischen Bewußtsein stattfindet, sondern darauf, ob das Erlebnis wahr oder nicht wahr ist.
[ 49 ] It does not matter to say: “It is, after all, only a dream we are dealing with here.” What matters, rather, is what it contains. It may be something that appears in the form of a dream but is much closer to reality than external consciousness. Does it really matter whether Edison made an invention in a dream or in broad daylight? What matters is whether the invention is true and useful. Similarly, it does not matter whether an experience takes place in dream consciousness or in external physical consciousness, but rather whether the experience is true or not.
[ 50 ] Fassen wir zusammen, was wir uns klarmachen konnten aus dem, was jetzt gesprochen worden ist, so können wir sagen: Wir konnten uns klarmachen, daß, wenn wir die okkulten Erkenntnisse zugrunde legen, das Leben sich uns in einem ganz anderen Zusammenhang darstellt, als wenn wir diese okkulten Erkenntnisse nicht haben. In dieser Beziehung sind die in materialistischer Denkweise gescheiten Leute wirklich recht kuriose Kinder. Man kann sich jede Stunde davon überzeugen. Als ich heute mit der Bahn zu Ihnen hierher fuhr, hatte ich eine Broschüre zur Hand genommen, die ein deutscher Physiologe geschrieben hat und die jetzt in zweiter Auflage erschienen ist. Darin sagt er, daß man nicht sprechen könne von einer aktiven Aufmerksamkeit in der Seele, von einem Hinlenken der Seele auf etwas, sondern daß alles abhänge von der Funktion der einzelnen Gehirnganglien, und weil da von den Gedanken die Bahnen gemacht werden müssen, sei alles davon abhängig, wie die einzelnen Gehirnzellen funktionieren. Keine Intensität der Seele könne da eingreifen, es hinge eben lediglich davon ab, ob diese oder jene Verbindungsfäden in unserem Gehirn gezogen sind oder nicht gezogen sind. Es sind wirklich rechte Kinder, diese materialistischen Gelehrten. Wenn man so etwas in die Hand bekommt, muß man sich folgendes denken: Arglos sind diese Herren, denn in derselben Broschüre findet sich der Satz, daß man in neuester Zeit gefeiert habe den hundertsten Geburtstag von Darwin und daß dabei Berufene und Unberufene gesprochen hätten. Natürlich hält sich der Verfasser der Broschüre für einen ganz besonders Berufenen, Und dann kommt die ganze Gehirnzellen-Theorie und ihre Verwendung. Wie steht es aber mit der Logik der Sache? Wenn man gewohnt ist, die Dinge in Wahrheit zu betrachten und dann ins Auge faßt, was diese großen Kinder den Menschen über den Sinn des Lebens bieten, da kommt man auf den Gedanken, daß es eigentlich dasselbe ist, wie wenn jemand sagen würde, es sei einfach Unsinn, daß irgendeinmal ein menschlicher Wille eingegriffen hätte in die Art und Weise, wie über die Fläche Europas hin die Eisenbahnen gehen. Denn es ist doch ganz dasselbe, wenn man in einem gewissen Zeitpunkte alle Lokomotiven in ihren Teilen und Funktionen ins Auge fassen und sagen würde: Die Lokomotiven sind soundso eingerichtet und fahren nach soundso vielen Richtungen, es begegnen sich aber die verschiedenen Richtungen an gewissen Knotenpunkten und somit kann man alle Lokomotiven nach allen Richtungen hin ableiten. — Was dadurch geschehen würde, wäre ein großes Durcheinanderwirbeln der Lokomotiven und Züge auf den europäischen Eisenbahnen. Ebensowenig aber kann man erklären, daß das, was in den Gehirnzellen sich abspielt als menschliches Gedankenleben, lediglich von der Beschaffenheit der Zellen abhängt. Wenn solche Gelehrten dann einmal unvorbereitet einen Vortrag über Okkultismus oder Geisteswissenschaft zu hören bekommen, so sehen sie das, was da gesagt wird, als den heillosesten Unsinn an. Sie sind fest überzeugt, daß niemals ein Wille eingreifen kann in die Art und Weise, wie die europäischen Lokomotiven gehen, sondern daß es abhängt davon, wie sie geheizt und gerichtet sind.
[ 50 ] To summarize what we have been able to grasp from what has just been said, we can say: We have come to understand that, when we take occult knowledge as our foundation, life presents itself to us in a completely different context than when we do not have this occult knowledge. In this respect, people who are clever in a materialistic way of thinking are really quite curious children. One can see this for oneself every hour. As I was traveling here by train today, I had picked up a pamphlet written by a German physiologist, which has now been published in a second edition. In it, he states that one cannot speak of active attention in the soul, of the soul directing itself toward something, but rather that everything depends on the function of the individual brain ganglia, and because the pathways for thoughts must be formed there, everything depends on how the individual brain cells function. No intensity of the soul can intervene there; it simply depends on whether these or those connecting threads in our brain are formed or not. These materialistic scholars are truly innocent children. When one comes across something like this, one must think the following: These gentlemen are unsuspecting, for in the very same brochure there is a sentence stating that the hundredth anniversary of Darwin’s birth was recently celebrated and that both the qualified and the unqualified spoke on the occasion. Of course, the author of the brochure considers himself a particularly qualified individual, and then comes the whole brain-cell theory and its application. But what about the logic of the matter? If one is accustomed to viewing things in truth and then considers what these big children offer people regarding the meaning of life, one comes to the conclusion that it is actually the same as if someone were to say it is simply nonsense that at some point a human will ever intervened in the way the railroads run across the face of Europe. For it is quite the same as if, at a certain point in time, one were to consider all the locomotives in terms of their parts and functions and say: The locomotives are arranged in such-and-such a way and travel in so many directions, but the various directions meet at certain junctions, and thus one can route all the locomotives in all directions. — What would result from this would be a great jumble of locomotives and trains on the European railways. Nor, however, can one explain that what takes place in the brain cells as human thought life depends solely on the nature of the cells. When such scholars happen to hear a lecture on occultism or Spiritual Science without being prepared for it, they regard what is said as the most utter nonsense. They are firmly convinced that no will can ever intervene in the way European locomotives run, but that it depends on how they are stoked and directed.
[ 51 ] So sehen wir, wie wir in der Gegenwart vor der Frage nach dem Sinn des Lebens stehen. Auf der einen Seite wird sie in uns stark verdunkelt, auf der anderen Seite drängen sich uns aber auf die okkulten Tatsachen. Wenn wir zusammenfassen, was heute mitgeteilt worden ist, dann werden wir mit dieser Grundlage die Frage vor unsere Seele so hinstellen, wie man sie sich im Okkultismus stellen kann, nämlich: Welches ist der Sinn des Lebens und des Daseins, insbesondere des menschlichen Lebens und des menschlichen Daseins?
[ 51 ] Thus we see how, in the present day, we are faced with the question of the meaning of life. On the one hand, it is greatly obscured within us; on the other hand, however, occult facts press upon us. If we summarize what has been communicated today, then on this basis we will pose the question to our soul in the way it can be posed in occultism, namely: What is the meaning of life and existence, particularly of human life and human existence?
