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Christus und die menschliche Seele
Über den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
GA 155

30 Mai 1912, Norrköping

Theosophische Moral III

[ 1 ] In dem, was gestern gesagt worden ist, lag die Anerkennung der moralischen Impulse in der Menschennatur, so daß wir versuchten, die Behauptung zu erhärten, zu beweisen aus den vorher angeführten Tatsachen, daß eigentlich der Grund des Moralischen, der Grund des Guten auf dem Boden der menschlichen Seelennatur liegt, und daß eigentlich der Mensch nur im Laufe der Evolution, in seinem Gange von Inkarnation zu Inkarnation, abgeirrt ist von den ursprünglichen, man möchte sagen, instinktiv guten Anlagen und dadurch das Böse, das Unrichtige, das Unmoralische erst in die Menschheit hineingekommen ist.

[ 2 ] Wenn das aber so ist, so müssen wir erst recht verwundert darüber sein, daß das Böse überhaupt möglich ist, daß es entstehen kann, und eine Antwort erheischt die Frage: Wie ist das Böse im Laufe der Evolution möglich geworden?

[ 3 ] Eine gründliche Antwort erhält man eigentlich nur, wenn man hinblickt zu dem moralischen Elementarunterricht, der schon in alten Zeiten den Menschen gegeben worden ist. Die Schüler der Mysterien, die als ihr höchstes Ideal anstrebten, allmählich zu den vollen spirituellen Wahrheiten und Erkenntnissen vorzudringen, mußten überall da, wo zu Recht gearbeitet wurde im Mysteriensinne, aus einer moralischen Grundlage heraus arbeiten, so daß die Eigentümlichkeit der moralischen Natur des Menschen gerade den Mysterienschülern in einer ganz besonderen Weise gezeigt wurde.

[ 4 ] Wenn wir kurz charakterisieren wollen, wie das geschah, so können wir sagen: Es wurde dem Mysterienschüler gezeigt, daß die menschliche Natur nach zwei Seiten hin Verheerungen, Übles anrichten kann, und daß nur dadurch der Mensch in der Lage ist, einen freien Willen zu entwickeln, daß er nach zwei Seiten hin imstande ist, Übles anzurichten; daß ferner das Leben in richtigem, in günstigem Sinne nur dann verlaufen kann, wenn man diese zwei Seiten der Abirrung betrachtet wie zwei Waagschalen, von denen bald die eine, bald die andere hinauf- und hinuntergeht. Das richtige Gleichgewicht ist nur dann vorhanden, wenn der Waagebalken horizontal liegt.

[ 5 ] So wurde den Mysterienschülern gezeigt, daß das richtige Verhalten des Menschen gar nicht in der Weise aufgezeigt werden kann, daß man sagt: Dies ist richtig, und das ist unrichtig. Das richtige Verhalten kann nur dadurch gewonnen werden, daß der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens in die Lage kommt, sowohl nach der einen als auch nach der anderen Seite gezogen zu werden, und daß er selbst das Gleichgewicht, die Mitte herstellen muß zwischen diesen beiden.

[ 6 ] Nehmen wir die Tugenden, von denen wir gesprochen haben: die Tapferkeit, den Starkmut. Die eine Seite, nach der die menschliche Natur dabei ausschlagen kann, ist die Seite der Tollkühnheit, das ist das zügellose Drauflosarbeiten in der Welt mit den Kräften, die einem zur Verfügung stehen, und das Anspannen derselben aufs äußerste. Das ist die eine Seite, die der Tollkühnheit. Die andere Seite, die andere Waagschale, ist die der Feigheit. Nach beiden Seiten kann der Mensch sozusagen ausschlagen, und es wurde den Schülern in den Mysterien gezeigt, daß der Mensch sich verliert, daß der Mensch sein Selbst ablegt und von den Rädern des Lebens zerrieben wird, wenn er in Tollkühnheit ausartet. Das Leben zerfetzt ihn, wenn er nach der Seite der Tollkühnheit ausschlägt. Wenn er dagegen nach der Seite der Feigheit abirrt, dann verhärtet er sich und reißt sich heraus aus dem Zusammenhange der Dinge und Wesenheiten. Dann wird er ein in sich abgeschlossenes Wesen, das herausfällt aus dem Zusammenhang, da er seine Taten und Handlungen nicht in Einklang bringen kann mit dem Ganzen. Das wurde den Mysterienschülern gezeigt mit Bezug auf alles, was der Mensch tun kann. Er kann so ausarten, daß er zerfetzt, verrädert wird von der objektiven Welt, weil er dadurch sein Selbst verliert, und er kann nach der anderen Seite, nicht bloß bei der Tapferkeit, sondern bei jeder Tat, so ausarten, daß er in sich selbst verhärtet. Daher stand über dem Moralkodex der Mysterien überall geschrieben das bedeutungsvolle Wort: Du mußt die Mitte finden, so daß du dich durch deine Taten nicht an die Welt verlierst und daß auch die Welt nicht dich verliert.

[ 7 ] Das sind die zwei möglichen Dinge, in die der Mensch hineingeraten kann: Entweder kann er verloren gehen für die Welt, die Welt ergreift ihn, zermürbt ihn, wie bei der Tollkühnheit, oder die Welt kann verloren gehen für ihn, weil er sich verhärtet in seinem Egoismus, wie es bei der Feigheit der Fall ist. So sagte man den Schülern in den Mysterien: Es kann überhaupt kein Gutes geben, das als ein einmaliges, ruhiges Gutes bloß angestrebt zu werden braucht, vielmehr entsteht ein Gutes nur dadurch, daß der Mensch fortwährend, wie ein Pendel, nach zwei Seiten ausschlagen kann und durch seine innere Kraft die Möglichkeit des Gleichgewichts, des mittleren Maßes findet.

[ 8 ] Sehen Sie, da haben Sie alles, was Sie in die Möglichkeit versetzt, die Freiheit des Willens und die Bedeutung der Vernunft und Weisheit im menschlichen Handeln zu verstehen. Wenn es dem Menschen angemessen wäre, ewige Moralprinzipien einzuhalten, dann brauchte er diese Moralprinzipien sich nur anzueignen und er könnte gleichsam mit gebundener Marschroute durch das Leben gehen. So ist das Leben aber niemals. Die Freiheit des Lebens besteht vielmehr darinnen, daß der Mensch immer die Möglichkeit hat, nach zwei Seiten abzuirren. Dadurch ist dann auch die Möglichkeit des Schlechten, die Möglichkeit des Bösen gegeben. Denn was ist denn das Böse? Das Böse ist dasjenige, was entsteht, wenn der Mensch sich entweder an die Welt verliert oder wenn die Welt den Menschen verliert. In der Vermeidung von beiden besteht dasjenige, was wir das Gute nennen können. Dadurch ist das Böse im Laufe der Evolution, indem der Mensch von Inkarnation zu Inkarnation ging, möglich geworden, daß die Menschen einmal nach der einen Seite, einmal nach der anderen Seite abirrten, und weil sie nicht immer das Gleichgewicht fanden, genötigt waren, in einer zukünftigen Zeit karmisch den Ausgleich zu schaffen. Was eben nicht erreicht werden kann in einem Leben, weil man nicht immer die Mitte trifft, das wird erreicht im Laufe der Evolution, indem der Mensch einmal nach der einen Seite abirrt, dann aber gezwungen wird, im nächsten Leben vielleicht nach der anderen Seite wiederum auszuschlagen und so den Ausgleich zu schaffen.

[ 9 ] Das, was ich Ihnen erzählt habe, ist eine goldene Regel der alten Mysterien gewesen. Wie so vielfach, finden wir auch in diesem Falle bei den Philosophen des Altertums noch einen Nachklang von diesem Mysteriengrundsatz, und wir finden bei Aristoteles, da wo er von der Tugend spricht, einen Ausspruch, den wir nicht anders verstehen können, als wenn wir wissen, daß das, was jetzt gesagt worden ist, ein alter Mysteriengrundsatz war, den Aristoteles überliefert bekommen und seiner Philosophie einverleibt hat.

[ 10 ] Daher die merkwürdige Definition des Aristoteles von der Tugend, die da heißt: Tugend ist eine von vernünftigen Einsichten geleitete menschliche Fertigkeit, die mit Bezug auf den Menschen die Mitte hält zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig.

[ 11 ] Damit ist in der Tat von Aristoteles gegeben die Definition der Tugend, wie sie von keiner Philosophie später wieder erreicht worden ist. Weil Aristoteles die Tradition aus den Mysterien hatte, daher vermochte er wirklich das Richtige zu treffen. Das ist also die berühmte Mitte, die eingehalten werden muß, wenn der Mensch wirklich tugendhaft sein soll, wenn moralische Kraft die Welt durchpulsen soll.

[ 12 ] Aber jetzt können wir uns auch die Frage beantworten, warum überhaupt Moral da sein soll. Was ist denn dann der Fall, wenn keine Moral da ist, wenn das Schlechte geschieht, wenn das Zuviel oder das Zuwenig, das Sichverlieren des Menschen an die Welt durch das Zermalmen oder das Verlieren des Menschen von seiten der Welt geschieht? In jedem dieser Fälle wird immer etwas zerstört. Jedes Schlechte, jedes Unmoralische ist eine Zerstörung, ein Zerstörungsprozeß, und in dem Augenblicke, wo der Mensch einsieht, daß er gar nicht anders kann, als etwas zerstören, als der Welt etwas nehmen, wenn er das Schlechte tut, wirkt das Moment des Guten in überwältigendem Sinne auf den Menschen ein. Dies aber ist besonders die Aufgabe der theosophischen Weltanschauung, die jetzt eigentlich erst beginnt in die Welt ihren Einzug zu halten: klar zu machen, daß alles Böse einen Zerstörungsprozeß bewirkt, etwas hinwegnimmt aus der Welt, auf das gerechnet ist.

[ 13 ] Wenn wir nun im Sinne unserer theosophischen Weltanschauung uns halten an dieses Prinzip, das wir eben geltend gemacht haben, so führt uns dasjenige, was wir wissen über die Natur des Menschen, zu einer besonderen Ausgestaltung des Guten und auch des Bösen. Wir wissen, daß die Empfindungsseele sich vorzugsweise entwickelt hat in der alten chaldäischen Entwickelungsepoche, im dritten nachatlantischen Zeitraume. Was diese Entwickelungsepoche damals war, davon hat das heutige Leben wenig Ahnung. Kaum gelangt man in der äußeren Geschichte weiter zurück als in die ägyptische Zeit. Wir wissen, daß die Verstandes- oder Gemütsseele in dem vierten Zeitraume, in der griechisch-lateinischen Zeit sich entwickelt hat, und daß wir jetzt in unserer Zeit dabei sind, die Bewußtseinsseele zu entwickeln. Das Geistselbst wird erst im sechsten Zeitraum der nachatlantischen Entwickelung zur Geltung kommen.

[ 14 ] Fragen wir uns zunächst einmal: Wie kann die Empfindungsseele nach der einen oder anderen Seite abirren von dem Richtigen? Die Empfindungsseele ist dasjenige, was den Menschen in die Lage versetzt, die Welt der Dinge zu empfinden, sie in sich aufzunehmen, Anteil zu nehmen an den Dingen, nicht durch die Welt zu gehen und unwissend zu bleiben bezüglich der Dinge, sondern so, daß wir ein Verhältnis zu denselben bekommen. Das alles bewirkt die Empfindungsseele. Die eine Seite, nach der der Mensch abirren kann, werden wir finden für die Empfindungsseele, wenn wir uns fragen: Was ist es denn überhaupt, was es dem Menschen möglich macht, zu den Dingen rings herum eine Beziehung zu haben? Was dem Menschen eine Beziehung zu den Dingen rings herum verschafft, ist dasjenige, was wir nennen können das Interesse an den Dingen. Mit diesem Wort Interesse ist etwas in moralischem Sinne ungeheuer Bedeutungsvolles ausgesprochen. Es ist viel wichtiger, daß man die moralische Bedeutung des Interesses ins Auge faßt, als daß man sich hingibt an tausend und abertausend schöne, wenn auch vielleicht nur scheinheilige, kleinliche Moralgrundsätze. Unsere moralischen Impulse werden in der Tat durch nichts besser geleitet, als wenn wir ein richtiges Interesse nehmen an den Dingen und Wesenheiten. Machen Sie sich das nur einmal klar. Wir haben im tieferen Sinne von der Liebe als Impuls im gestrigen Vortrage so gesprochen, daß wir nicht mißverstanden werden können, wenn wir jetzt das Folgende sagen: Selbst das gewöhnliche öftere Deklamieren von Liebe und Liebe und Liebe kann nicht ersetzen den moralischen Impuls, der in dem liegt, was man mit dem Worte Interesse bezeichnen kann.

[ 15 ] Nehmen wir an, wir haben ein Kind vor uns. Was ist die Vorbedingung, daß wir uns dem Kinde widmen, was ist die Vorbedingung dazu, daß wir das Kind vorwärts bringen? Die Vorbedingung ist, daß wir Interesse an seinem Wesen nehmen. Es gehört schon eine Ungesundheit der menschlichen Seele dazu, wenn der Mensch sich zurückzieht vor etwas, woran er Interesse nehmen soll. Immer mehr und mehr wird man es erkennen, daß der Impuls des Interesses ein ganz besonders goldener Impuls in moralischem Sinne ist, je weiter man vorschreiten wird zu den wirklichen moralischen Grundlagen und nicht bloß moralische Predigten halten will. Daß wir unser Interesse erweitern, daß wir die Möglichkeit finden, uns verständnisvoll hineinzuversetzen in die Dinge und Wesen, das ruft unsere Kräfte im Innern auf, auch den Menschen gegenüber.

[ 16 ] Selbst das Mitleid wird in entsprechend richtiger Weise wachgerufen, wenn wir Interesse an einem Wesen haben. Und wenn wir als Theosophen uns die Aufgabe stellen, unser Interesse immer mehr und mehr zu erweitern, unseren Horizont immer größer und größer zu machen, dann wird auch die allgemeine menschliche Brüderlichkeit dadurch gehoben werden. Nicht durch Predigen von allgemeiner Menschenliebe können wir vorwärts kommen, sondern dadurch, daß wir unsere Interessen immer weiter und weiter treiben, so daß wir es immer mehr dazu bringen, uns für Seelen mit den verschiedensten Temperamenten, mit den verschiedensten Charakteranlagen, Rasseneigentümlichkeiten, Nationaleigentümlichkeiten, mit den verschiedensten religiösen und philosophischen Bekenntnissen zu interessieren und ihnen Verständnis entgegenzubringen. Das richtige Verständnis, das richtige Interesse ruft aus der Seele heraus die richtige moralische Tat.

[ 17 ] Hier ist es auch so, daß der Mensch sich in der Mitte zwischen zwei Extremen halten muß. Das eine Extrem ist der Stumpfsinn, der an allem vorbeigeht und das ungeheure moralische Unglück in der Welt anrichtet, der nur in sich selber lebt und eigensinnig auf seinen Prinzipien besteht, der nur immer sagt: Das ist mein Standpunkt. Das Standpunkthaben ist in moralischer Beziehung überhaupt etwas Schlimmes. Ein offenes Auge haben für alles, was uns umgibt, das ist das Wesentliche für uns. Stumpfsinn hebt uns heraus aus der Welt, während das Interesse uns in dieselbe hineinversetzt. Die Welt verliert uns durch unseren Stumpfsinn und wir werden unmoralisch. So sehen wir, daß Stumpfsinn und Interesselosigkeit an der Welt im höchsten Grade moralische Übel sind.

[ 18 ] Nun ist die Theosophie aber gerade eine solche Sache, die den Geist immer reger und reger macht, die uns hilft, das Geistige besser zu denken, es in uns aufzunehmen. So wahr es ist, daß Wärme entsteht aus Feuer, wenn wir im Ofen einheizen, so wahr ist es, daß Interesse an allem Menschlichen und an allen Wesen entsteht, wenn wir uns theosophische Weisheit aneignen. Weisheit ist das Heizmaterial für das Interesse, und wir können einfach sagen, wenn es auch nicht gleich sichtbar ist, daß die Theosophie, wenn sie jene entfernteren Dinge, die Lehre von Saturn, Sonne und Mond, von Karma und so weiter studiert, in uns dann wiedererstehen läßt dieses Interesse. Es geschieht wirklich so, daß das Interesse es ist, was als Umwandlungsprodukt ersteht aus den theosophischen Erkenntnissen, während aus materialistischen Erkenntnissen dasjenige entsteht, was wir heute leider so blühen sehen und was in radikaler Art als der Stumpfsinn bezeichnet werden muß, der, wenn er allein gelten würde in der Welt, ungeheures Unheil anrichten müßte.

[ 19 ] Sehen Sie einmal, wie viele Menschen durch die Welt gehen, wie sie diesen oder jenen Menschen begegnen, aber im Grunde genommen die Menschen nicht kennen lernen, denn sie sind ganz in sich beschlossen, diese Menschen. Wie oft erfahren wir es, daß zwei Menschen seit längerer Zeit Freundschaft geschlossen haben und es dann plötzlich zu einem Bruche kommt. Das rührt daher, daß die Impulse zu der Freundschaft materialistischer Art waren, und nach längerer Zeit stellt sich dann erst für die Beteiligten heraus, daß sie die gegenseitigen unsympathischen Charaktereigenschaften bis jetzt nicht bemerkt hatten. Die wenigsten Menschen haben ein offenes Auge heute für das, was von Mensch zu Mensch spricht. Gerade das ist es aber, was die Theosophie bewirken soll: unseren Sinn dahin zu erweitern, daß wir ein offenes Auge und eine offene Seele bekommen für alles, was Menschliches um uns herum ist, damit wir nicht stumpf, sondern mit richtigem Interesse durch die Welt gehen.

[ 20 ] Das andere Extrem vermeiden wir auch hier, indem wir unterscheiden zwischen dem wirklichen, richtigen Interesse und dem falschen, und dabei die richtige Mitte halten. Sich jedem Wesen, das sich darbietet, sogleich in die Arme werfen, ist leidenschaftliches Sichselbstverlieren an die Wesen und kein wirkliches Interesse. Wenn wir das tun, dann verlieren wir uns an die Welt. Durch den Stumpfsinn verliert die Welt uns, durch sinnlose Leidenschaftlichkeit, die sich benebelt in der Hingabe, verlieren wir uns an die Welt. Durch das gesunde Interesse stehen wir moralisch fest auf dem Standpunkt der Mitte, des Gleichgewichts.

[ 21 ] Sehen Sie, in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, also in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, da war eine gewisse Kraft noch in der Majorität der Erdenbevölkerung vorhanden, die man nennen kann den Impuls zur Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Stumpfsinn und leidenschaftlich sich betäubender Hingabe an die Welt; und das ist es, was man in alten Zeiten und auch noch bei Plato und Aristoteles genannt findet: die Weisheit. Aber die Menschen sahen das als Gabe übermenschlicher Wesen an, denn es waren bis in jene Zeiten hinein regsam die alten Impulse der Weisheit. Daher können wir von diesem Gesichtspunkte aus, namentlich in bezug auf die moralischen Impulse, die dritte nachatlantische Kulturepoche diejenige Epoche nennen, wo die Weisheit instinktiv wirkt. Daher, wenn wir zurückgehen in diesen Zeitraum, sprechen wir auch so, daß wir empfinden: Es ist wahr, was in ganz anderer Absicht im vorigen Jahre dargestellt worden ist in den Kopenhagener Vorträgen, deren Inhalt vorliegt in dem Büchelchen: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit»; es ist wahr, was wir dadurch ausdrückten, daß die Menschen damals noch näher standen den göttlich-geistigen Mächten. Und wodurch die Menschen noch näher standen den göttlich-geistigen Mächten, das war für die dritte nachatlantische Epoche die instinktive Weisheit.

[ 22 ] Es war also eine Göttergabe dazumal, zu finden die richtige Mitte im Handeln, der damaligen Zeit angemessen, zwischen Stumpfsinn und sinnlos leidenschaftlicher Hingabe. Dieser Ausgleich, dieses Gleichgewicht wurde durch die äußeren Einrichtungen in jener Zeit noch aufrecht erhalten. Es war noch nicht jenes völlige Untereinandermischen der Menschheit vorhanden, das im vierten Zeitraum der nachatlantischen Entwickelung durch den Völkerwanderungsprozeß eingetreten ist. Es waren die Menschen noch abgeschlossen in Völker- und Stammessysteme. Da waren die Interessen von Natur aus weisheitsvoll geregelt und so weit rege, daß die richtigen moralischen Impulse durchdringen konnten; und auf der anderen Seite war durch das Gegebensein der Blutsbrüderschaft bei den Stämmen ein Riegel vorgeschoben der sinnlosen Leidenschaft. Sie werden es schon bei der Betrachtung des Lebens zugeben, daß man am leichtesten, auch in unserer Zeit noch, ein Interesse innerhalb dessen findet, was Blutsverwandtschaft oder Abstammung betrifft. Da ist aber auch nicht vorhanden, was man sinnlose Leidenschaft nennt. Weil aber die Menschen auf einem kleineren Gebiete vereinigt waren in der ägyptisch-chaldäischen Zeitperiode, war die weisheitsvolle Mitte leicht da. Das ist aber der Sinn der Vorwärtsentwickelung der Menschheit, daß das, was ursprünglich instinktiv, was nur göttlich-geistig war, allmählich verschwindet, und daß die Menschen selbständig werden gegenüber den göttlich-geistigen Mächten.

[ 23 ] Daher sehen wir, daß schon in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, im griechisch-lateinischen Zeitraume, die Philosophen Plato und Aristoteles, aber auch die öffentliche Meinung in Griechenland, die Weisheit als etwas betrachteten, was errungen werden muß, als etwas, was nicht mehr Göttergabe ist, sondern erstrebt werden muß. Die erste Tugend bei Plato ist die Weisheit, und derjenige ist unmoralisch bei Plato, der nicht Weisheit anstrebt.

[ 24 ] Wir sind jetzt im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum. Da sind wir noch weit entfernt von dem Punkte, wo die Weisheit, die wie ein göttlicher Impuls der Menschheit instinktiv eingepflanzt ist, derselben wieder bewußt sein wird. Daher ist in unserer Zeit ganz besonders die Möglichkeit vorhanden, daß von den Menschen abgeirrt wird nach den beiden angeführten Richtungen. Daher besteht auch besonders in unserer Zeit die Notwendigkeit, daß den großen Gefahren, die in diesem Punkte zu finden sind, entgegengearbeitet wird durch eine spirituelle, durch eine theosophische Weltanschauung, damit das, was die Menschen einstmals als instinktive Weisheit gehabt haben, jetzt zur bewußten Weisheit werden kann. Das ist das Wesen der theosophischen Bewegung, daß das, was die Menschen früher instinktiv hatten, jetzt errungen wird als bewußtes Weisheitsgut. Was ist es anderes, als daß die Götter der unbewußten Menschenseele die Weisheit einst als etwas wie Instinktives gegeben haben, während wir jetzt die Weisheiten über den Kosmos und über die Menschheitsentwickelung uns erst aneignen müssen ? Die alten Sitten waren ja auch nach den Gedanken der Götter gemacht. Wir sehen die Theosophie im richtigen Sinne an, wenn wir sie als die Erforschung der Göttergedanken ansehen. Dazumal waren sie instinktiv in die Menschen eingeflossen; heute müssen wir sie erforschen, zu unserem Wissen erheben. In dieser Beziehung muß uns also Theosophie etwas Göttliches sein. Wir müssen in einer ehrfürchtigen Stimmung sein können darüber, daß die Gedanken, die uns durch die Theosophie vermittelt werden, wirklich etwas Göttliches sind, etwas, was wir Menschen denken dürfen, was wir nachdenken dürfen, nachdem es die göttlichen Gedanken waren, nach denen die Welt eingerichtet worden ist. Wenn uns Theosophie das ist, dann stehen wir den Dingen so gegenüber, daß wir begreifen: sie sind uns gegeben zur Ausführung unserer Mission. Wenn wir studieren das, was uns mitgeteilt worden ist über die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, über Reinkarnation, über die Entwickelung einzelner Rassen und so weiter, so werden uns gewaltige Aufschlüsse zuteil werden. Aber nur dann stellen wir uns in der richtigen Weise dem gegenüber, wenn wir uns sagen: Die Gedanken, die wir suchen, sind die Gedanken, nach denen die Götter die Evolution geleitet haben. Wir denken die Evolution der Götter. Verstehen wir das richtig, dann kommt aber auch über uns etwas tief Moralisches. Das kann nicht ausbleiben. Dann sagen wir uns: In alten Zeiten haben die Menschen von den Göttern instinktive Weisheit gehabt. Die Götter haben ihnen die Weisheit, nach denen sie die Welt gestaltet haben, mitgegeben. Dadurch war moralisches Handeln möglich. Nun aber verschaffen wir uns die Weisheit bewußt in der Theosophie. Also dürfen wir auch das Vertrauen haben, daß diese Weisheit sich umsetzen wird in uns in moralische Impulse, so daß wir aufnehmen nicht bloß theosophische Weisheit, sondern mit der Theosophie auch moralische Impulse.

[ 25 ] In was für moralische Impulse wird sich nun umsetzen das theosophische Streben, gerade auf dem Gebiete des Weisheitsdaseins? Da müssen wir nun einen Punkt berühren, dessen Entwickelung allerdings der Theosoph voraussehen kann, dessen tiefe moralische Bedeutung, dessen moralisches Gewicht der Theosoph sogar voraussehen soll, einen Punkt der Entwickelung, der weit entfernt ist von dem, was heute üblich ist, nämlich das, was Plato noch nannte das Weisheitsideal. Weil er es nannte mit den Worten, die üblich sind da, wo Weisheit noch instinktiv in den Menschen drinnen lebte, so tun wir gut, diesen Ausdruck durch ein anderes Wort zu ersetzen. Wir tun gut, es zu ersetzen durch das Wort Wahrhaftigkeit, weil wir individueller geworden sind, weil wir uns entfernt haben von dem Göttlichen und daher wieder zu ihm zurückstreben müssen. Wir müssen lernen, das volle Gewicht des Wortes Wahrhaftigkeit zu empfinden, und es wird dies in moralischer Beziehung ein Ergebnis theosophischer Weltanschauung und theosophischer Gesinnung werden. Die Menschen werden die Wahrhaftigkeit durch die Theosophie empfinden lernen.

[ 26 ] Die Theosophen von heute aber werden verstehen, wie notwendig es ist, dieses Moralische der Wahrhaftigkeit vollständig zu fühlen in einer Zeit, wo es der Materialismus dahin gebracht hat, daß man von der Wahrhaftigkeit zwar noch reden kann, daß aber das allgemeine Kulturleben weit davon entfernt ist, das Richtige dabei zu empfinden, das Richtige zu verspüren. Das kann heute nicht anders sein. Wahrheit ist etwas, was der gegenwärtigen Kultur im hohen Maße fehlen muß, wegen einer bestimmten Eigenschaft, die die gegenwärtige Kultur erhalten hat. Ich frage: Was findet ein Mensch heute noch dabei, wenn er in einer Zeitung oder in einer Druckschrift bestimmte Mitteilungen findet, und es stellt sich nachher heraus, daß es einfach nicht wahr ist, was da gesagt wird? Ich bitte sehr, denken Sie nach darüber. Man kann nicht sagen, daß es auf Schritt und Tritt geschieht, sondern man muß sagen, daß es sogar auf Viertelschritt und Vierteltritt passiert. Überall, wo es modernes Leben gibt, ist die Unwahrhaftigkeit eine Eigenschaft unserer gegenwärtigen Kulturepoche geworden, und es ist unmöglich, daß Sie die Wahrhaftigkeit als eine Eigenschaft unserer Epoche nennen können.

[ 27 ] Nehmen Sie einen Menschen, von dem Sie wissen, daß er selber etwas Falsches geschrieben oder gesagt hat, und halten Sie ihm das vor. Sie werden finden, daß er heute in der Regel gar keine Empfindung dafür hat, daß das Unrecht ist. Er wird sofort die Ausrede gebrauchen: Ja, ich habe es im guten Glauben gesagt. Die Theosophen dürfen es nicht als moralisch ansehen, wenn jemand sagt, daß er etwas Unrichtiges im guten Glauben gesagt hat. Die Menschen werden immer mehr verstehen lernen, daß man dazu kommen muß, zu wissen, daß das auch wirklich geschehen ist, was man behauptet. Man darf also nur dann etwas sagen oder mitteilen, nachdem man die Verpflichtung gefühlt und ausgeführt hat, zu prüfen, ob es auch so ist, zu vergleichen mit den Mitteln, die zu benutzen möglich sind. Erst wenn man dieser Verpflichtung inne wird, kann man die Wahrhaftigkeit als moralischen Impuls empfinden. Dann wird aber niemand mehr sagen, wenn er etwas Unrichtiges in die Welt gesetzt hat: Ich habe es so gemeint, ich habe es im guten Glauben gesagt. Denn er wird lernen, daß man nicht bloß verpflichtet ist, zu sagen, was man als richtig zu erkennen glaubt, sondern daß man verpflichtet ist, nur das zu sagen, was wahr ist, was richtig ist. Das wird nicht anders gehen, als daß in gewisser Beziehung eine radikale Änderung nach und nach in unserem Kulturleben eintreten muß. Die Schnelligkeit des Verkehrs, die Sensationslust der Menschen, überhaupt alles, was ein materialistisches Zeitalter im Gefolge hat, sind Gegner der Wahrhaftigkeit. Auf moralischem Gebiete wird die Theosophie eine Erzieherin der Menschheit zur Pflicht der Wahrhaftigkeit sein.

[ 28 ] Es ist heute nicht meine Aufgabe, davon zu sprechen, inwiefern die Wahrhaftigkeit heute schon in der Theosophischen Gesellschaft verwirklicht ist, aber es ist zu sagen, daß dasjenige, was heute ausgesprochen worden ist, im Prinzip ein hohes theosophisches Ideal sein muß. Genug wird die moralische Evolution innerhalb der theosophischen Bewegung zu tun haben, wenn nach allen Richtungen durchdacht, durchfühlt und empfunden werden wird das moralische Ideal der Wahrhaftigkeit.

[ 29 ] Dieses moralische Ideal der Wahrhaftigkeit wird heute dasjenige sein, was die Tugend in der Empfindungsseele des Menschen in der richtigen Weise bewirkt.

[ 30 ] Das zweite Seelenglied, das wir in der Theosophie aufzählen müssen, ist das, was wir gewöhnlich nennen die Verstandes- oder Gemütsseele. Sie wissen, daß es besonders in der vierten nachatlantischen Kulturepoche, in der griechisch-lateinischen Zeit seine Geltung gefunden hat. Die Tugend, die da besonders maßgebend ist für dieses Seelenglied, haben wir schon öfter angeführt, es ist der Starkmut, die Tapferkeit, das Mutvolle. Sie haben zu ihren Extremen die Tollkühnheit und die Feigheit. Das Mutvolle, der Starkmut, die Tapferkeit ist in der Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Das Wort der germanischen Sprache, das im Deutschen heißt Gemüt, drückt schon im Wortanklang aus, daß es in Beziehung dazu steht. Mit dem Worte Gemüt wird gerade der mittlere Teil der menschlichen Seele gemeint, das, was darin das Mutvolle, das Starke, das Kräftige ist. Das war auch die mittlere "Tugend bei Plato und Aristoteles. Das war diejenige Tugend, die in der vierten nachatlantischen Kulturperiode noch als ein göttliches Geschenk bei den Menschen vorhanden war, während die Weisheit eigentlich nur noch in der dritten nachatlantischen Kulturperiode wie instinktiv da war. Instinktive Tapferkeit und Starkmut, das können Sie aus den ersten Vorträgen entnehmen, war wie ein Göttergeschenk vorhanden bei den Menschen, die als Angehörige der vierten nachatlantischen Kulturperiode entgegengekommen sind der Ausbreitung des Christentums nach Norden. Sie zeigten, daß die Tapferkeit noch ein Göttergeschenk bei ihnen war. Während bei den Chaldäern die Weisheit, das weisheitsvolle Eindringen in die Geheimnisse der Sternenwelt wie ein Göttergeschenk, als etwas Inspiriertes vorhanden war, so war bei den Menschen des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes Tapferkeit und Starkmut vorhanden, namentlich bei den Griechen und Römern, und auch bei den Völkern, denen die Ausbreitung des Christentums übergeben war. Diese Tapferkeit ist später verloren gegangen als die Weisheit.

[ 31 ] Wenn wir uns jetzt umsehen im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, dann müssen wir sagen: Wir sind in bezug auf diese Tapferkeit und diesen Starkmut in einer Lage, wie die Griechen mit Bezug auf die Weisheit es waren den Chaldäern und Ägyptern gegenüber. Wir sehen zurück auf dasjenige, was ein Göttergeschenk im unmittelbar vorhergehenden Zeitraum war und was wir in gewisser Weise wieder anstreben können. Aber nun haben uns ja gerade die zwei vorangegangenen Vorträge gezeigt, daß bei diesem Anstreben in gewisser Beziehung eine Umwandlung vor sich gehen muß. Von dem, was als Starkmut und Tapferkeit als ein Göttergeschenk einen äußerlichen Charakter hat, haben wir die Umwandlung gesehen bei Franz von Assisi. Wir haben die Umwandlung gesehen als Folge einer inneren moralischen Kraft, die wir gestern als die Kraft des ChristusImpulses erkannt haben. Die Umwandlung von Starkmut und Tapferkeit ergibt dann dasjenige, was echte Liebe ist. Diese echte Liebe muß aber geleitet werden von der anderen Tugend, von dem Interesse, von der Teilnahme an demjenigen Wesen, auf das wir die Liebe anwenden. Shakespeare hat in seinem «Timon von Athen» gezeigt, wie auch Liebe oder Gutherzigkeit, wenn sie leidenschaftlich auftritt, wenn sie bloß als Eigenschaft der menschlichen Natur erscheint, ohne von Weisheit und Wahrhaftigkeit geleitet zu werden, Schaden anrichtet. Wir finden da eine Persönlichkeit geschildert, die nach allen Seiten Güter verschwendet. Freigebigkeit ist eine Tugend; aber Shakespeare zeigt uns auch, daß lauter Parasiten geschaffen werden durch das, was da verschwendet wird.

[ 32 ] So müssen wir also sagen: Wie die alte Tapferkeit und der Starkmut geleitet wurden aus den Mysterien heraus von den europäischen Brahminen, von den sich zurückgezogen haltenden Weisen, so muß auch in der menschlichen Natur eine Leitung, ein Zusammenklingen der Tugend stattfinden mit dem Interesse. Das Interesse, das uns in der richtigen Weise mit der Außenwelt zusammenführt, das muß uns leiten und lenken, wenn wir uns mit unserer Liebe an die Außenwelt wenden. Im Grunde geht auch das aus dem charakteristischen, wenn auch radikalen Beispiele des Franz von Assisi hervor. Es war bei Franz von Assisi nicht ein Mitleid für die Menschen, das leicht auch etwas Aufdringliches und Beleidigendes haben kann, denn auch solche Menschen sind durchaus nicht immer von den richtigen moralischen Impulsen beseelt, die die anderen Menschen überschütten wollen mit ihrem Mitleide. Wieviele Menschen gibt es, die sich durchaus nichts aus Mitleid geben lassen wollen. Verständnisvolles Entgegenkommen ist aber etwas, das nichts Beleidigendes hat. Bemitleidet werden ist unter Umständen etwas, was der Mensch zurückweisen muß. Verständnis finden für sein Wesen ist etwas, das kein gesunder Mensch zurückweisen kann. Daher kann auch das Verhalten eines anderen Menschen nicht getadelt werden, der sich diesem Verständnis entsprechend in seinem Handeln verhält. Dieses Verständnis ist es, das uns leiten kann in bezug auf die zweite Tugend: die Liebe. Sie ist dasjenige, was durch den Christus-Impuls namentlich die "Tugend der Verstandes- oder Gemütsseele geworden ist; sie ist diejenige Tugend, die wir als die von menschlichem Verständnis begleitete, menschliche Liebe bezeichnen können.

[ 33 ] Das Mitleid, die Mitfreude ist diejenige Tugend, welche in Zukunft die schönsten und herrlichsten Blüten im menschlichen Zusammenleben treiben muß, und in gewisser Weise werden bei demjenigen, welcher den Christus-Impuls in der richtigen Weise versteht, dieses Mitgefühl und diese Liebe, dieses Mitleiden und diese Mitfreude in entsprechender Weise entstehen, denn es wird daraus ein Gefühl werden. Gerade durch das theosophische Begreifen des Christus-Impulses wird diese Tatsache eintreten, daß es ein Gefühl werden wird.

[ 34 ] Der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha herabgestiegen in die Erdenentwickelung. Seine Impulse, seine Wirkungen sind da. Überall sind sie da. Warum ist er nun herabgestiegen auf diese Erde? Damit durch das, was er der Welt zu geben hat, die Evolution im richtigen Sinne vorwärts gehe, damit die Evolution der Erde mit dem aufgenommenen Christus-Impuls sich in der richtigen Weise vollziehen kann. Zerstören wir jetzt, nachdem der Christus-Impuls in der Welt ist, etwas durch das Unmoralische, durch das interesselose Vorbeigehen an unseren Mitmenschen, dann nehmen wir aus der Welt, in die der Christus-Impuls hineingeflossen ist, einen Teil heraus. Wir zerstören also an dem Christus-Impulse direkt etwas, weil er nun einmal da ist. Indem wir aber dasjenige der Welt geben, was durch die Tugend, die schaffend ist, der Welt gegeben werden kann, bauen wir auf. Wir bauen auf eben dadurch, daß wir hingeben. Es ist nicht umsonst gesagt worden oft und oft, daß der Christus zunächst gekreuzigt worden ist auf Golgatha, daß er aber fort und fort immer wieder gekreuzigt wird durch die Taten der Menschen. Da der Christus-Impuls durch die Tat auf Golgatha eingeflossen ist in die Erdenentwickelung, so beteiligen wir uns jederzeit durch das Unmoralische, das wir durch Lieblosigkeit, Interesselosigkeit und so weiter verüben, an den Leiden und Schmerzen, die dem auf die Erde gekommenen Christus zugefügt werden. Daher ist es immer und immer wieder gesagt worden: Stets aufs neue wird der Christus gekreuzigt, solange Unmoralität, Lieblosigkeit und Interesselosigkeit bestehen; da der Christus-Impuls die Welt durchdrungen hat, so ist es dieser, dem das Leid zugefügt wird.

[ 35 ] Ebenso wie es wahr ist, daß wir durch das zerstörende Böse dem Christus-Impuls etwas entziehen und gleichsam die Kreuzigung auf Golgatha weiter fortsetzen, so ist es auch wahr, wenn wir in Liebe handeln, daß wir überall da, wo wir diese Liebe gebrauchen, dem Christus-Impulse Geltung verschaffen, ihm zum Leben verhelfen. «Was ihr einem der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Matthäus 25, 40), das ist das bedeutungsvollste Wort der Liebe, und dieses Wort muß der tiefste moralische Impuls werden, wenn es einmal theosophisch verstanden wird. Das tun wir, wenn wir verständnisvoll unseren Mitmenschen gegenüberstehen und ihnen dieses oder jenes zufügen, was aus dem Verständnisse ihres Wesens heraus unsere Handlungen, unsere Tugenden, unser Verhalten zu ihnen bedingt. Wir verhalten uns, insofern wir gegenüber dem Mitmenschen uns verhalten, gegenüber dem Christus-Impulse selber.

[ 36 ] Das ist ein starker, moralischer Impuls, das ist etwas, was wirklich Moral begründet, wenn wir fühlen: Das Mysterium von Golgatha hat sich für alle Menschen vollzogen, und es ist ausgestreut von da ein Impuls in die ganze Welt. Stehst du deinen Mitmenschen gegenüber, so versuche sie zu verstehen in allen ihren Unterschieden, sei es nach Rasse, Farbe, Nationalität, sei es nach Religionsbekenntnis, Weltanschauung und so weiter. Stehst du ihnen gegenüber und tust ihnen dieses oder jenes, so tust du es dem Christus. Was du auch dem Mitmenschen tust, du tust es in der gegenwärtigen Erdenentwickelung dem Christus. Dieses Wort «Was ihr einem meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» wird für den, der die fundamentale Bedeutung des Mysteriums von Golgatha versteht, zugleich zu einem kräftigen moralischen Impulse. So daß wir sagen können: Während die Götter der vorchristlichen Zeit dem Menschen gegeben haben instinktive Weisheit, instinktiven Starkmut und instinktive Tapferkeit, strömt herunter von dem Symbolum des Kreuzes die Liebe, jene Liebe, die aufgebaut ist auf dem gegenseitigen Interesse von Mensch zu Mensch. Dadurch wird dieser Christus-Impuls in mächtiger Weise in der Welt wirken. Wenn einmal nicht nur der Brahmine den Brahminen, der Paria den Paria, der Jude den Juden, der Christ den Christen lieben und verstehen wird, sondern wenn der Jude den Christen, der Paria den Brahminen, der Amerikaner den Asiaten als Mensch zu verstehen und sich in ihn zu versetzen vermag, dann wird man auch wissen, wie tief christlich empfunden es ist, wenn wir sagen: Ohne Unterschied eines jeglichen äußeren Bekenntnisses muß Brüderlichkeit unter den Menschen sein. Gering soll man achten dasjenige, was uns sonst verbindet. Vater, Mutter, Bruder, Schwester, selbst das eigene Leben sollen wir geringer achten als dasjenige, was von Menschenseele zu Menschenseele spricht. Wer nicht in diesem Sinne gering achtet, was die Zugehörigkeit zu dem die menschlichen Unterschiede ausgleichenden Christus-Impuls beeinträchtigt, wer nicht gering achtet die Differenzierungen, der kann nicht mein Jünger sein. Das ist der Impuls der Liebe, der ausströmt von dem Mysterium von Golgatha, den wir in dieser Beziehung wie eine Erneuerung dessen empfinden, was als ursprüngliche Tugend dem Menschen gegeben worden ist. Wir haben jetzt nur noch zu betrachten das, was wir als Tugend der Bewußtseinsseele ansprechen können: die Mäßigkeit, die Besonnenheit. Insofern wir im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum uns befinden, sind diese Tugenden noch immer instinktiv. Plato und Aristoteles haben sie genannt die hauptsächlichsten Tugenden der Bewußtseinsseele, indem sie sie wiederum als Gleichgewichtszustände aufgefaßt haben, als die Mitte von dem, was so in der Bewußtseinsseele vorhanden ist. Die Bewußtseinsseele besteht dadurch, daß sich der Mensch durch seine Körperlichkeit der Außenwelt bewußt wird. Der sinnliche Leib ist zunächst das Werkzeug der Bewußtseinsseele, und der sinnliche Leib ist es auch, durch den der Mensch sogar zum Ich-Bewußtsein kommt. Der sinnliche Leib muß daher erhalten werden. Würde der sinnliche Leib des Menschen für die Erdenmission nicht erhalten werden, dann könnte die Erdenmission nicht erfüllt werden.

[ 37 ] Aber eine Grenze besteht auch hier. Wenn der Mensch alle Kräfte, die er in sich hat, nur benützte, um zu genießen, dann schlösse er sich in sich ab, dann würde ihn die Welt verlieren. Der bloße Genußmensch, der alle Kraft, die er in sich hat, nur dazu gebraucht, so meinen Plato und Aristoteles, um sich Genüsse zu verschaffen, der schließt sich von der Welt ab, die Welt verliert ihn. Der Mensch, welcher sich alles versagt, macht sich immer schwächer und schwächer und wird endlich ergriffen von dem äußeren Weltprozeß, er wird zermürbt von dem äußeren Weltengang. Der, welcher hinausgeht über die Kräfte, die ihm als Mensch zugemessen sind, sie übertreibt, wird von dem Weltenprozeß ergriffen und verliert sich an die Welt. Das also, was der Mensch entwickelt hat zur Ausbildung der Bewußtseinsseele, kann zermürbt werden, so daß er in die Lage kommt, die Welt zu verlieren. Die Tugend, welche diese beiden Extreme vermeidet, ist die Mäßigkeit. Mäßigkeit ist also weder Askese noch Schwelgerei, sondern die richtige Mitte zwischen beiden. Und das ist die Tugend der Bewußtseinsseele.

[ 38 ] In bezug auf diese Tugend sind wir auch noch nicht über den instinktiven Standpunkt hinausgekommen. Ein leichtes Nachdenken wird Sie lehren können, daß im Grunde die Menschen gar sehr auf das Probieren, auf das Hin-und-her-Pendeln zwischen den Extremen angewiesen sind. Wenn Sie absehen von den wenigen Menschen, die sich heute schon bemühen, eine Bewußtheit auf diesem Gebiete anzustreben, so werden Sie finden, daß die große Mehrzahl der Menschen gar sehr nach einem bestimmten Muster lebt, das man in Mitteleuropa oft damit bezeichnet, daß man sagt: Es gibt in Berlin gewisse Menschen, welche den ganzen Winter hindurch schwelgen und immer wieder schwelgen und sich vollpfropfen mit allerlei Delikatessen und Leckereien, und dann im Sommer nach Karlsbad gehen, um das dadurch hervorgerufene Übel nach der Methode des anderen Extrems zu beseitigen. Da haben Sie das Ausschlagen der Waagschale nach der einen und nach der anderen Seite hin. Das ist nur ein radikaler Fall. Wenn das Geschilderte auch nicht überall in diesem Maße stattfindet, dieses Pendeln zwischen Genuß und Entziehung ist überall vorhanden. Das ist hinlänglich klar. Daß das Übermaß nach der einen Seite eintritt, dafür sorgen die Menschen selber, und sie lassen sich dann von den Ärzten sogenannte Entziehungskuren vorschreiben, das heißt das andere Extrem, damit das Falsche wieder gutgemacht werde.

[ 39 ] Sie sehen daraus, daß die Menschen auf diesem Gebiete noch recht sehr in einem instinktiven Zustande sind und daß wir sagen müssen: Es liegt eine Art Göttergeschenk bei dem Menschen vor, der ja ein instinktives Gefühl dafür hat, nicht zuviel nach der einen und nicht zuviel nach der anderen Seite zu tun. Aber ebenso, wie die anderen instinktiven Eigenschaften des Menschen verloren gegangen sind, wird auch diese verloren gehen beim Übergange von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum. Als Naturanlage wird das verloren gehen, und jetzt werden Sie ermessen können, wie sehr theosophische Weltanschauung und Gesinnung dazu wird beitragen müssen, Bewußtsein auf diesem Gebiete nach und nach zu entwickeln.

[ 40 ] Wir haben heute noch wenige, vielleicht selbst entwickelte Theosophen, denen es einleuchtet, daß die Theosophie das Rezept ist, um auch auf diesem Gebiete die richtige Bewußtheit zu erzielen. Wenn die Theosophie auf diesem Gebiete mehr zur Geltung kommt, dann wird sich nämlich einstellen, was ich nur in folgender Weise werde schildern können: Die Menschen werden allmählich immer mehr und mehr Sehnsucht haben nach den großen geistigen Wahrheiten. Wenn auch heute die Theosophie noch verspottet wird, sie wird es nicht immer werden. Sie wird sich ausbreiten, wird besiegen alle äußere Gegnerschaft und auch alles übrige, was ihr noch entgegensteht, und die Theosophen werden sich nicht damit begnügen, bloß allgemeine Menschenliebe zu predigen. Die Menschen werden begreifen, daß man ebensowenig an einem Tage sich Theosophie aneignen kann, wie sich der Mensch an einem "Tage für sein ganzes Leben zu nähren vermag, und daß es dazu gehört, immer Weiteres und Weiteres von der Theosophie sich anzueignen. Es wird immer seltener werden innerhalb der theosophischen Bewegung, daß die Menschen sagen: Das sind unsere Grundsätze, und wenn wir diese Grundsätze haben, dann sind wir eben Theosophen. Das Immer-darin-Stehen in der Gemeinschaft, das Lebendige der Theosophie fühlen und erleben, das Zusammenerleben wird immer weiter und weiter sich ausbreiten. Indem aber die Menschen die eigentümlichen Gedanken, die eigentümlichen Empfindungen und Impulse, wie sie von der theosophischen Weisheit kommen, in sich verarbeiten, was geschieht denn da? Nicht wahr, es ist uns allen bekannt, daß die Theosophen niemals eine materialistische Anschauung haben können. Sie haben gerade das Gegenteil der materialistischen Anschauung. Materialistisch denkt jemand, der sagt: Wenn der Mensch diesen oder jenen Gedanken hat, so geht eine Bewegung der Gehirnmoleküle oder Atome vor sich, und weil diese Bewegung vor sich geht, deshalb hat der Mensch den Gedanken. Der Gedanke geht gleichsam wie ein feiner Rauch aus dem Gehirn hervor, ähnlich wie die Flamme aus der Kerze. So ist die materialistische Anschauung. Die entgegengesetzte ist die theosophische. Da sind es die Gedanken, die seelischen Erlebnisse, welche das Gehirn, das Nervensystem in Bewegung bringen. Die Art und Weise, wie unser Gehirn sich bewegt, hängt davon ab, welche Gedanken wir denken. Das ist aber gerade das Umgekehrte von dem, was der Materialismus meint. Willst du wissen, wie das Gehirn eines Menschen beschaffen ist, so mußt du erforschen, welche Gedanken er gedacht hat; denn geradeso, wie die Schriftzüge nichts anderes sind als die Folge der Gedanken, so sind auch die Bewegungen des Gehirns nichts anderes als die Folge der Gedanken.

[ 41 ] Müssen Sie so nicht dazu kommen, zu sagen, die Gehirne werden anders bearbeitet jetzt in diesem Momente, wo Sie theosophische Gedanken durchleben, als in einer Gesellschaft, die Karten spielt? Andere Vorgänge spielen sich ab in diesen Ihren Seelen, wenn Sie theosophischen Gedanken folgen, als wenn Sie sich in einer Gesellschaft befinden, welche Karten spielt oder der Vorstellung in einem Kinematographentheater folgt. Im menschlichen Organismus ist aber nichts, das isoliert, das einzeln dasteht. Alles ist im Zusammenhang; es wirkt eines auf das andere. Die Gedanken wirken auf das Gehirn und das Nervensystem; dieses steht mit unserem gesamten Organismus in Verbindung. Ist es auch noch jetzt für viele Menschen verdeckt — wenn einmal die vererbten Eigenschaften, die heute noch in den Leibern stecken, überwunden sein werden, so wird das Folgende eintreten. Die Gedanken werden vom Gehirne aus sich mitteilen, sie werden auf den Magen übergehen, und die Folge davon wird sein, daß die Dinge, welche heute noch den Menschen schmecken, denjenigen, die theosophische Gedanken aufgenommen haben, nicht mehr schmecken werden. Dafür sind die Gedanken, welche die Theosophen aufgenommen haben, Gottesgedanken. Diese bearbeiten den ganzen Organismus so, daß er das Richtige schmeckt. Was nicht für ihn passend ist, das riecht und empfindet der Mensch dann als unsympathisch. Eine eigentümliche Perspektive, eine Perspektive, die vielleicht materialistisch genannt werden kann. Sie ist aber gerade das Gegenteil davon. Diese Art von Appetit, daß Sie das eine lieben und beim Essen bevorzugen, das andere hassen und nicht werden essen wollen, das wird sich als eine Folge des theosophischen Arbeitens ergeben. Sie können das an sich selber beurteilen, wenn Sie beobachten, daß Sie heute vielleicht einen Ekel haben vor gewissen Dingen, welchen Sie nicht hatten in Ihrer vortheosophischen Zeit.

[ 42 ] Das wird sich immer mehr und mehr verbreiten, wenn der Mensch in selbstloser Weise an seiner Höherentwickelung so arbeiten wird, daß die Welt das Richtige von ihm haben kann. Man darf mit den Worten Selbstlosigkeit und Egoismus nur nicht Verstecken spielen. Man kann tatsächlich sehr leicht diese Worte mißbrauchen. Es ist nicht bloß selbstlos, wenn der Mensch sagt: «Ich will nur tätig sein in der Welt und für die Welt; was liegt an meiner eigenen geistigen Entwickelung? Ich will nur arbeiten, nicht egoistisch streben ...» Es ist nicht Egoismus, wenn der Mensch sich höher entwickelt, weil der Mensch sich dadurch doch tauglicher macht, an der Weiterentwickelung der Welt tätig teilzunehmen. Wenn man die eigene Weiterentwickelung versäumt, macht man sich untauglich für die Welt; man entzieht der Welt seine Kraft. Es muß nämlich auch für diese das Richtige getan werden, um das, was die Gottheit mit uns beabsichtigt hat, an uns selber zur Entwickelung zu bringen.

[ 43 ] So wird ein Menschengeschlecht durch die Theosophie, oder sagen wir besser, ein Kern der Menschheit durch die Theosophie entwickelt werden, der nicht bloß instinktiv die Mäßigkeit als leitendes Ideal empfindet, sondern auch bewußte Sympathie zu dem hat, was den Menschen in würdiger Weise zu einem Baustein der göttlichen Weltordnung macht, und bewußte Abneigung hat gegen das, was den Menschen zerstört als Baustein der Weltordnung.

[ 44 ] So sehen wir, wie auch in dem, was an dem Menschen selber gearbeitet wird, die moralischen Impulse vorhanden sind, und so finden wir dasjenige, was wir nennen können die Lebensweisheit, als die umgestaltete Mäßigkeit. Das für die nächste, sechste nachatlantische Kulturperiode in Anspruch zu nehmende Ideal der «Lebensweisheit» wird diejenige ideale Tugend sein, die Plato nennt die «Gerechtigkeit». Das ist die harmonische Zusammenstimmung dieser Tugenden. Indem die Tugenden sich etwas verschoben haben in der Menschheit, ist auch anders geworden dasjenige, was in der vorchristlichen Zeit als Gerechtigkeit angesehen worden ist. Eine solche einzelne Tugend, welche das Zusammenstimmen bewirkt, ist in jener Zeit nicht da. Die Zusammenstimmung steht als Ideal fernster Zukunft vor den Augen der Menschen. Starkmut, von ihm haben wir gesehen, daß er sich umgewandelt hat in die Liebe als moralischer Impuls. Wir haben auch gesehen, daß Weisheit geworden ist zur Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist zunächst dasjenige, was als Tugend auftritt, die den Menschen hineinstellen kann in würdiger Weise und in richtiger Beziehung in das äußere Leben. Wenn wir aber zur Wahrhaftigkeit kommen wollen den geistigen Dingen gegenüber, wie können wir dann das den geistigen Dingen gegenüber einrichten? Wir kommen zur Wahrhaftigkeit, wir kommen zu demjenigen, was unsere Empfindungsseele als Tugend durchglühen kann, durch das richtige Verständnis, das richtige Interesse, die entsprechende Teilnahme. Was ist nun diese Teilnahme gegenüber der geistigen Welt? Wenn wir der physischen Welt, und zwar zunächst dem Menschen, uns gegenüberstellen wollen, dann müssen wir uns ihm gegenüber öffnen, wir müssen ein offenes Auge für sein Wesen haben. Wie gewinnen wir aber der geistigen Welt gegenüber ein offenes Auge? Wir gewinnen der geistigen Welt gegenüber ein offenes Auge dann, wenn wir eine ganz bestimmte Gefühlsart entwickeln, eine Gefühlsart, die auch aufgetaucht ist, als die alte Weisheit, die instinktive Weisheit, hinuntergesunken war in die Tiefen des Seelenlebens. Es ist diejenige Gefühlsart, die wir oftmals bei den Griechen bezeichnen hören durch das Wort: Alles philosophische Denken beginnt mit dem Verwundern, mit dem Erstaunen. Mit dem Verwundern und Erstaunen als Ausgangspunkt unseres Verhältnisses zur übersinnlichen Welt ist in der Tat auch etwas bedeutungsvoll Moralisches gesagt. Der wilde, unkultivierte Mensch ist zunächst durch die großen Erscheinungen der Welt wenig in Verwunderung zu setzen. Gerade durch die fortschreitende Vergeistigung kommt der Mensch dazu, Rätsel zu finden in den alltäglichen Erscheinungen und ein Geistiges hinter denselben zu ahnen. Die Verwunderung ist es, die unsere Seele hinauflenkt in die geistigen Gebiete, damit wir in die Erkenntnisse derselben eindringen, und nur dann können wir in diese Erkenntnisse eindringen, wenn unsere Seele angezogen wird durch die zu erkennenden Gegenstände. Diese Anziehung ist es, die die Verwunderung, das Erstaunen, den Glauben auslöst. Eigentlich ist es immer diese Verwunderung und dieses Erstaunen, welche uns hinlenken zu dem Übersinnlichen, und es ist zugleich auch dasjenige, was man gewöhnlich als Glaube bezeichnet. Glaube, Verwunderung und Erstaunen sind die drei Seelenkräfte, welche uns über die gewöhnliche Welt hinausführen.

[ 45 ] Wenn wir dem Menschen gegenüber in Erstaunen stehen, so suchen wir sein Verständnis. Durch das Verständnis seines Wesens kommen wir zu der Tugend der Brüderlichkeit, und diese werden wir dann am besten verwirklichen, wenn wir dem Menschen mit Ehrfurcht gegenübertreten. Wir werden dann sehen, daß Ehrfurcht zu etwas wird, was wir jedem Menschen entgegenbringen müssen. Tun wir das, dann werden wir dazu kommen, immer wahrhafter und wahrhafter zu werden. Wahrheit wird uns etwas werden, wozu wir uns verpflichtet fühlen. Die übersinnliche Welt wird uns etwas werden, wozu wir, wenn wir sie ahnen, uns hinneigen, und durch das Wissen werden wir erlangen das, was als übersinnliche Weisheit schon hinuntergegangen ist in die unterbewußten Seelengebiete. Erst als die übersinnliche Weisheit hinuntergesunken war, trat das Wort auf, das besagt, daß die Philosophie beginne mit dem Erstaunen und dem Verwundern. Dieses Wort kann Ihnen klarmachen, daß Erstaunen und Verwunderung erst hereingetreten sind in die Weltenentwickelung in der Zeit, als der Christus-Impuls in die Welt gekommen war.

[ 46 ] Nun blicken wir, da wir schon die zweite der Tugenden als die Liebe angeführt haben, einmal zu dem, was wir als Lebensweisheit für die kommenden Zeiten, und für die gegenwärtigen Zeiten noch als instinktive Mäßigkeit angeführt haben. In diesen Tugenden steht der Mensch sich selbst gegenüber. Da handelt er sozusagen so, daß er durch die Handlungen, die er in der Welt ausführt, für sich sorgt. Daher ist es nötig, daß für ihn ein objektiver Wertmaßstab gewonnen wird.

[ 47 ] Nun sehen wir etwas heraufkommen, was sich entwickelt immer mehr und mehr, und wovon ich auch schon in anderem Zusammenhange öfter gesprochen habe, etwas, was auch in der griechischen Zeit, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode zuerst aufgeht. Wir können geradezu nachweisen, wie in der alten griechischen Dramatik, wie zum Beispiel bei Aeschylos, die Erinnyen und Furien eine Rolle spielen, die sich dann umgewandelt zeigen bei Euripides in das Gewissen. Daraus ersehen wir, daß in den älteren Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, was wir Gewissen nennen. Gewissen ist insbesondere das, was wie ein Normativ für unsere eigenen Handlungen da steht, wo wir in unseren Ansprüchen zu weit gehen, zu sehr unseren eigenen Vorteil suchen. Als Normativ wirkt da das Gewissen, das zwischen unsere Antipathien und Sympathien sich hineinstellt.

[ 48 ] Damit gewinnen wir sozusagen dasjenige, was mehr objektiv ist, was mehr nach außen hin wirkt, gegenüber der Tugend der Wahrhaftigkeit, der Liebe und der Lebensweisheit. Liebe steht hier in der Mitte, und die wirkt wie etwas, was alles Leben, auch alles soziale Leben, regelnd durchdringen muß. Ebenso wirkt sie regelnd auf das, was der Mensch als innere Impulse entwickelt hat. Das aber, was der Mensch als Wahrhaftigkeit entwickelt hat, wird sich zeigen in dem Glauben an ein übersinnliches Wissen. Lebensweisheit, das, was auf uns selbst zurückgeht, müssen wir wie einen göttlich-geistigen Regulator fühlen, der sicher führt den Weg der richtigen Mitte, in ähnlicher Weise wie das Gewissen.

[ 49 ] Es wäre natürlich außerordentlich leicht, den verschiedenen Einsprüchen, die an dieser Stelle gemacht werden können, zu begegnen, wenn wir Zeit dazu hätten. Nur auf einen wollen wir etwas näher eingehen. Es könnte zum Beispiel gesagt werden: Da behauptet jemand, daß Gewissen und Erstaunen etwas sind, was in die Menschheit erst eingetreten ist, während es doch ewige Eigenschaften der menschlichen Natur sind. Das sind sie eben nicht. Wer behaupten wollte, daß sie ewige Eigenschaften der menschlichen Natur sind, der zeigte damit nur, daß er die einschlägigen Verhältnisse nicht kennt. Es wird immer mehr sich herausstellen, daß in den alten Zeiten die Menschen noch nicht so weit heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, daß sie noch mehr zusammenhingen mit den göttlichen Impulsen, daß der Mensch in einem Zustande war, den er bewußt wieder anstreben wird, wenn er mehr beherrscht sein wird von Wahrhaftigkeit, Liebe und Lebenskunst in bezug auf den physischen Plan, und in bezug auf das geistige Erkennen, wenn er beherrscht sein wird von dem Glauben an die übersinnliche Welt. Es braucht kein Glaube zu sein, der in die übersinnliche Welt unmittelbar hinaufführt. Er wird sich aber zuletzt in ein übersinnliches Wissen verwandeln.

[ 50 ] Wie mit dem Glauben, so ist es auch mit der Liebe, die äußerlich wirkt. Das Gewissen ist dasjenige, was in die Bewußstseinsseele regelnd eingreifen wird. Glaube, Liebe, Gewissen, diese drei Kräfte werden die drei Sterne der moralischen Kräfte sein, die insbesondere durch die theosophische Weltanschauung in die Menschenseelen einziehen werden. Die moralische Perspektive der Zukunft kann sich nur denjenigen eröffnen, die die genannten Tugenden sich immer mehr und mehr gesteigert denken. Die theosophische Weltanschauung wird das sittliche Leben in das Licht dieser Tugenden stellen, und diese werden aufbauende Kräfte sein in die Zukunft hinein.

[ 51 ] Etwas, was nur in längeren Auseinandersetzungen gewiß werden könnte, was ich daher nur mitteilen kann, soll unsere Betrachtung abschließen. Wir sehen den Christus-Impuls einziehen in die Menschheitsevolution durch das Mysterium von Golgatha. Wir wissen, daß dazumal mit dem Ereignisse des Mysteriums von Golgatha ein menschlicher Organismus, bestehend aus physischem Leib, aus dem Ätherleibe und dem Astralleib, den Ich-Impuls von oben herunter, als Christus-Impuls, aufgenommen hat. Dieser Christus-Impuls war es, der von der Erde aufgenommen worden und in das Erdenkulturleben eingeflossen ist. Er war jetzt darinnen als das Ich des Christus. Wir wissen ferner, daß geblieben sind bei Jesus von Nazareth der physische Leib, der Ätherleib und der Astralleib. Der Christus-Impuls war ja wie das Ich darinnen. Jesus von Nazareth trennte sich von dem Christus-Impulse auf Golgatha, der dann einfloß in die Erdenentwickelung. Dieser Impuls bedeutet in seiner Entwickelung die Erdenentwickelung selber.

[ 52 ] Nehmen Sie ernst diejenigen Dinge, die oft erwähnt werden, so daß der Mensch sie leichter einsehen kann. Die Welt ist Maja oder Illusion, wie wir oft gehört haben. Der Mensch muß aber nach und nach zu der Wahrheit, dem Realen dieser äußeren Welt kommen. Die Erdenentwickelung besteht nun im Grunde darin, daß in bezug auf alle äußeren Dinge in der zweiten Periode der Erdenentwickelung, in der wir jetzt sind, alles sich auflöst, was in der ersten sich gebildet hat, so daß alles, was wir äußerlich physisch sehen, von der Menschheitsentwickelung abfallen wird, wie von dem Menschen sein physischer Leib abfällt.

[ 53 ] Was bleibt dann da noch übrig? — so könnte man fragen. Die Kräfte, die als reale Kräfte den Menschen einverleibt werden durch den Entwickelungsprozeß der Menschheit auf der Erde. Und der realste Impuls darin ist der, welcher durch den Christus eingeflossen ist in die Erdenentwickelung. Dieser Christus-Impuls findet nun aber auf der Erde nichts, womit er sich bekleiden könnte. Er muß daher erst durch die weitere Entwickelung der Erde eine Hülle bekommen, und wenn die Erde an ihrem Ende angekommen sein wird, dann wird der vollentwickelte Christus der Endmensch sein, wie Adam der Anfangsmensch war, um den sich die Menschheit in ihrer Vielheit gruppiert hat.

[ 54 ] In dem Worte «Was ihr einem meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» liegt ein bedeutungsvoller Hinweis für uns. Was ist denn da getan worden für den Christus? Die Handlungen, die verrichtet werden im Sinne des Christus-Impulses unter dem Einflusse des Gewissens, unter dem Einflusse des Glaubens und im Sinne der Erkenntnis, sie gliedern sich heraus aus dem bisherigen Erdenleben, und indem der Mensch durch seine Handlungen und sein moralisches Verhalten seinen Brüdern etwas gibt, gibt er zugleich dem Christus. Wie eine Richtschnur soll es hier aufgestellt werden: Alles, was wir an Kräften, an Handlungen des Glaubens und Vertrauens, an Handlungen, die durch Verwunderung und Erstaunen getan werden, erschaffen, das ist, indem wir es damit zugleich hingeben an das Christus-Ich, etwas, was sich wie eine Hülle um den Christus schließt, die zu vergleichen ist mit dem astralischen Leibe des Menschen. Wir formen den astralischen Leib zu dem Christus-Ich-Impulse hinzu durch alle moralischen Handlungen der Verwunderung, des Vertrauens, der Ehrfurcht, des Glaubens, kurz durch alles, was zur übersinnlichen Erkenntnis den Weg gründet. Wir fördern durch alle diese Handlungen die Liebe. Das ist schon im Sinne des angeführten Ausspruches: «Was ihr einem meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.»

[ 55 ] Wir formen den Ätherleib dem Christus durch die Handlungen der Liebe, und wir formen durch das, was durch die Impulse des Gewissens gewirkt wird in der Welt, dasjenige für den Christus-Impuls, was dem physischen Leibe des Menschen entspricht. Wenn die Erde einst an ihrem Ziele angelangt sein wird, wenn die Menschen verstehen werden die richtigen moralischen Impulse, durch die alles Gute bewirkt wird, dann wird gelöst sein, was durch das Mysterium von Golgatha als Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung eingeflossen ist wie ein Ich. Er wird dann umhüllt sein von einem Astralleibe, der gebildet ist durch den Glauben, durch alle Taten der Verwunderung und des Erstaunens der Menschen, von etwas, was wie ein Ätherleib ist, der gebildet ist durch die Taten der Liebe, von etwas, was um ihn ist wie ein physischer Leib, der gebildet ist durch die Taten des Gewissens.

[ 56 ] So wird die zukünftige Menschheitsevolution sich vollziehen durch das Zusammenarbeiten der moralischen Impulse der Menschen mit dem Christus-Impulse. Wie eine ganz große organische Gliederung sehen wir perspektivisch vor uns die Menschheit. Indem die Menschen verstehen werden, ihre Handlungen diesem großen Organismus einzugliedern, ihre Impulse durch ihre eigenen Taten wie Hüllen darum zu formieren, so werden die Menschen durch die Erdenentwickelung die Grundlage bilden für eine große Gemeinschaft, die durch und durch von dem Christus-Impulse durchzogen, durchchristet sein kann.

[ 57 ] So sehen wir, daß Moral nicht gepredigt zu werden braucht, daß sie wohl aber begründet werden kann, indem man zeigt, was wirklich geschieht, was wirklich geschehen ist und was wahr macht solche Dinge, wie sie besonders geistig veranlagte Naturen empfinden. Es wird einen immer eigentümlich berühren, wenn man ins Auge faßt, wie Goethe, nachdem er seinen Freund, den Herzog Karl August, verloren hatte, in Dornburg bei Jena in einem längeren Briefe allerlei Dinge schreibt, und dann an demselben Tage — es war im Jahre 1828, dreieinhalb Jahre vor seinem Tode, sozusagen am Ende seiner Lebensbahn - ein wunderbar merkwürdiges Wort niederschreibt: «Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt.» Wie könnte ein solcher Gedanke mehr an Konkretheit gewinnen als dadurch, daß wir uns dieses Individuum unter uns wirkend und schaffend vorstellen und uns mit demselben wirkend und schaffend verbunden denken? Durch das Mysterium von Golgatha ist das größte Individuum eingezogen in die menschliche Entwickelung, und die Menschen werden sich, indem sie vorsätzlich ihr Leben so einrichten, wie es vorhin geschildert worden ist, herumgliedern um den Christus-Impuls, so daß um ihn etwas gebildet wird, was wie eine Hülle um das Wesen, um den Kern sein wird.

[ 58 ] Vieles hätte ich noch zu sagen über dasjenige, was von der Theosophie her als Tugend sich ergibt. Insbesondere könnten ja lange und wichtige Betrachtungen über jene Wahrhaftigkeit noch angeknüpft werden, die sich ergeben würde mit Beziehung auf das Karma. Durch die theosophische Weltanschauung wird die Karma-Idee immer mehr und mehr in die Menschheitsentwickelung einziehen müssen. Immer mehr und mehr wird der Mensch dadurch auch lernen müssen, sein Leben so anzusehen und so einzurichten, daß seine Tugenden dem Karma entsprechen. Auch das wird der Mensch erkennen lernen müssen durch die Karma-Idee, daß er durch seine folgenden Taten nicht verleugnen darf seine vorhergehenden Taten. Eine gewisse Konsequenz des Lebens, ein Auf-uns-Nehmen dessen, was wir getan haben, das wird sich noch aus der Menschheitsentwickelung ergeben müssen. Wie weit entfernt noch der Mensch davon ist, das sehen wir, wenn wir die Menschen näher betrachten. Daß ein Mensch sich entfaltet an den Dingen, die er vollbracht hat, ist eine bekannte Tatsache. Wenn es nun scheint, daß die Folge einer Tat nicht mehr da ist, dann wird doch getan, was man eigentlich nur tun dürfte, wenn man die erste Tat nicht getan hätte. Daß der Mensch sich verantwortlich fühlt für das, was er getan hat, daß er Karma auch in sein Bewußtsein aufnimmt, das ist etwas, was sich noch als Gegenstand der Betrachtung ergeben könnte.

[ 59 ] Vieles werden Sie aber noch durch die angegebenen Richtlinien dieser drei Vorträge selber finden; Sie werden finden zum Beispiel, wie fruchtbar diese Ideen werden können, wenn Sie sie weiter ausführen. Daß der Mensch für den Rest der Erdenentwickelung in immer erneuten Inkarnationen leben wird, das liegt in der Aufgabe: alles dasjenige, was in bezug auf die geschilderten Tugenden nach der einen oder der anderen Seite versehen wurde, durch freie Gestaltung, durch Gestaltung nach seinem freien Willen zu ändern, so daß das Gleichgewicht, der mittlere Zustand, eintreten und damit allmählich das Ziel erreicht werden kann, das charakterisiert worden ist mit der Schilderung der Hüllenbildung gegenüber dem Christus-Impulse.

[ 60 ] So sehen wir vor uns nicht bloß ein abstraktes Ideal allgemeiner menschlicher Brüderlichkeit, das zwar auch starke Impulse bekommt, wenn wir die theosophische Weltanschauung zugrunde legen, sondern wir sehen, daß in unserer Erdenentwickelung etwas Reales steckt, daß darin ein Impuls steckt, der durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist. Wir sehen uns dann aber auch in die Notwendigkeit versetzt, so auf die Empfindungsseele, auf die Verstandes- und Bewußtseinsseele einzuwirken, daß diese ideale Wesenheit wirklich wird und wir verbunden sind mit diesem Wesen wie mit einem großen unsterblichen Individuum. Der Gedanke, daß nur darin die Möglichkeit der weiteren Evolution, die Möglichkeit der Erreichung der Erdenmission liegt, mit diesem großen Individuum zusammen ein Ganzes zu bilden, der verwirklicht sich in dem zweiten moralischen Grundsatz: Was du tust so, wie wenn es herausgeboren wäre allein aus dir, das schiebt dich weg, entfernt dich von dem großen Individuum, dadurch zerstörst du etwas; dasjenige aber, was du tust, um aufzubauen dieses große unsterbliche Individuum in der vorhin angeführten Weise, das tust du zur Fortentwickelung, zum Fortleben des ganzen Weltenorganismus.

[ 61 ] Das sind zwei Gedanken, die wir uns nur vorzulegen brauchen, um als Wirkung zu sehen, daß sie die Moral nicht nur predigen, sondern sie begründen. Denn schreckens- und schauervoll und alle entgegengesetzten Gelüste hinunterdrängend ist der Gedanke: Du zerstörst durch deine Taten dasjenige, was du aufbauen sollst. Befeuernd aber zu guten Taten, sogar zu intensiv moralischen Impulsen, ist der Gedanke: Du baust auf an diesem unsterblichen Individuum, du machst dich zum Gliede dieses unsterblichen Individuums. Damit ist nicht nur Moral gepredigt, sondern es ist damit auf Gedanken hingewiesen, die selber moralische Impulse sein können, auf Gedanken, die Moral zu begründen vermögen.

[ 62 ] Eine solche Moral wird um so schneller theosophische Weltanschauung und theosophische Gesinnung werden, je mehr die Wahrhaftigkeit gepflegt werden wird. Dies auszusprechen in diesen drei Vorträgen, habe ich mir zur Aufgabe gesetzt. Manches hat zwar nur angedeutet werden können, aber Ihre eigenen Seelen werden manchen Gedanken, der in diesen drei Abenden angeschlagen worden ist, weiter ausbilden. So werden wir auch den allermeisten Zusammenhalt haben über die Erde hin. Wenn wir uns zusammenfinden, wie wir das jetzt als mitteleuropäische Theosophen und als Theosophen des Nordens getan haben, in gemeinsamer Betrachtung, und wenn wir weiter in uns dasjenige nachklingen lassen, was als Gedanken uns bei solchen Zusammenkünften aufgestiegen ist, so werden wir am allerbesten es wahrmachen, daß Theosophie begründen soll, auch schon in der Gegenwart, wirklich spirituelles Leben. Wenn wir auch wieder auseinandergehen müssen, wir wissen doch, daß wir am meisten beieinander sind in unseren theosophischen Gedanken, und dieses Wissen ist zugleich auch ein moralischer Impuls. Zu wissen, unter denselben Idealen vereint zu sein mit Menschen, die in der Regel räumlich weit voneinander entfernt sind, mit denen man aber ab und zu bei besonderen Gelegenheiten zusammenkommen kann, ist ein stärkerer moralischer Impuls als das stete Beisammensein.

[ 63 ] Daß wir so denken über unser Zusammensein, daß wir unsere gemeinsamen Betrachtungen so auffassen, das erfüllt insbesondere am Schlusse dieser Vorträge auch meine Seele als etwas, womit ich sozusagen Ihnen den Abschiedsgruß sagen möchte, und von dem ich überzeugt bin, wenn es im richtigen Lichte verstanden wird, daß es das sich so entwickelnde theosophische Leben auch spirituell begründen wird. Mit diesem Gedanken, mit diesen Gefühlen wollen wir diese Betrachtungen heute abschließen.