Christus und die menschliche Seele
Über den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
GA 155
12 Juli 1914, Norrköping
Christus und die menschliche Seele I
[ 1 ] Die Freunde aus Norrköping haben gewünscht, daß ich bei dieser Anwesenheit, bei deren Beginn ich Sie, meine lieben Freunde, herzlichst begrüße, über ein Thema spreche, das in Beziehung steht zu jener Wesenheit, die uns ja auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft vor allen Dingen naheliegt und nahegeht: zur Wesenheit des Christus. Und ich habe versucht, diesem Wunsche dadurch nachzukommen, daß ich mir vorgenommen habe, zu sprechen über das Aufleben und die Bedeutung dieses Auflebens der Christus-Wesenheit in der menschlichen Seele. Wir werden gerade bei diesem Thema Gelegenheit haben, von dem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus gewissermaßen über die menschlichste, über die uns am meisten zu Herzen gehende Bedeutung des Christentums zu sprechen.
[ 2 ] Diese menschliche Seele! Wir haben, insofern wir geisteswissenschaftlich sprechen, ein kurzes Wort, welches zwar nicht alles umfaßt, was menschliche Seele uns bedeutet, welches aber doch auf dasjenige hindeutet, was gewissermaßen für uns Erdenmenschen das Seelische in seinen weiten Grenzen ausfüllt und durchdringt — wir haben das kurze Wort Ich. Unsere Ich-Wesenheit geht so weit, insofern wir Erdenmenschen sind, als unser Seelisches. Indem wir nun den Namen der Ich-Wesenheit aussprechen, erinnern wir uns ja sogleich, daß wir mit dieser Ich-Wesenheit eines der vier uns zunächstliegenden Glieder der Menschenwesenheit bezeichnen. Wir sprechen von vier Gliedern der Menschenwesenheit zunächst: von dem physischen Leibe, dem Ätherleibe, dem Astralleibe und dem Ich. Und wir brauchen uns nur einiges ins Gedächtnis zu rufen, um Ausgangspunkte zu gewinnen für die Betrachtung, die wir in diesen Tagen anstellen wollen. Wir brauchen uns nur ins Gedächtnis zu rufen, daß wir des Menschen physischen Leib nicht so ansehen, als ob für uns seine Gesetze — das Wesenhafte, das er enthält — zu erkennen wären aus demjenigen, was unsere Erdenumgebung zunächst darbietet. Wir wissen, daß wir, wenn wir den physischen Menschenleib verstehen wollen, zurückgehen müssen zu drei vorhergehenden Verkörperungen unserer Erde, zur Saturn-, Sonnen- und Mondenverkörperung; wir wissen, daß in urferner Vergangenheit, während der Saturnverkörperung unserer Erde, der physische Leib bereits seine Veranlagung gewonnen hat; wir wissen dann, daß während der Sonnenverkörperung der Ätherleib seine Veranlagung erfahren hat, und während der Mondenverkörperung der Astralleib. Und was ist im Grunde genommen unsere Erdenentwickelung anderes, als in allen ihren Phasen, in allen ihren Epochen dasjenige, was dem Ich die Möglichkeit gibt, sich in allen seinen Weiten zu verwirklichen!
[ 3 ] Wir können sagen: So wie der physische Leib auf einer gewissen, für ihn bedeutungsvollen Stufe seiner Entwickelung angelangt war am Ende der Saturnentwickelung, wie der Ätherleib ebenso auf einer für ihn bedeutungsvollen Stufe angelangt war am Ende der Sonnenentwickelung, und der Astralleib ebenso am Ende der Mondenentwickelung, so wird unser Ich am Ende der Erdenentwickelung an einem bedeutungsvollen Punkte seiner Entwickelung angelangt sein. Und wir sprechen davon, daß unser Ich sich hindurchentwickelt durch drei seelische Glieder: durch die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußtseinsseele. Alle die Welten, die umschlossen sind von diesen drei Seelengliedern, haben auch mit unserem Ich etwas zu tun. Diese drei Seelenglieder sind es, welche im Verlauf unserer Erdenentwickelung sich zuerst die drei äußeren leiblichen Glieder, den physischen Leib, den Ätherleib und den Astralleib zubereitet haben, durch lange Erdenzeiten hindurch zubereitet haben, und die nun in aufeinanderfolgenden Kulturepochen der nachatlantischen Zeit in gewisser Weise sich weiterentwickeln, die in zukünftigen Erdenzeiten sich wieder anpassen werden an Astralleib, Ärherleib und physischen Leib, so daß die Erde sich bereiten kann, zur Jupiterentwickelung hinüberzugehen.
[ 4 ] Wir könnten geradezu auch, wenn wir den Ausdruck umfassend genug nehmen, die Erdenentwickelung des Menschen seine Seelenentwickelung nennen. Man könnte sagen: Als die Erde begonnen hat, da begann auch im Menschen das Seelische gesetzmäßig sich zu regen. Es arbeitete zunächst an den äußeren Hüllen, dann arbeitete es sich selbst heraus und bereitet sich nunmehr vor, wiederum an den äußeren Hüllen zu arbeiten, damit die Jupiterentwickelung vorbereitet werden könne. Nun müssen wir uns vor Augen halten, was der Mensch während der Erdenentwickelung in seiner Seele werden soll. Er soll werden dasjenige, was man bezeichnen könnte mit dem Ausdruck Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit bedarf erstens dessen, was man nennen kann den freien Willen; aber sie bedarf auf der anderen Seite auch der Möglichkeit, in sich den Weg zu finden zu dem Göttlichen in der Welt. Freier Wille auf der einen Seite, die Möglichkeit zu wählen zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen dem Schönen und dem Häßlichen, dem Wahren und dem Falschen, dieser freie Wille auf der einen Seite, und die Erfassung des Göttlichen so, daß es in unsere Seele eindringt und wir uns innerlich erfüllt wissen, frei erfüllt wissen mit dem Göttlichen auf der andern Seite, das sind die zwei Zielpunkte der menschlichen Seelenentwickelung auf Erden.
[ 5 ] Diese menschliche Seelenentwickelung auf Erden hat nun, man möchte sagen, zu diesen zwei Zielpunkten zwei religiöse Gaben empfangen. Die eine religiöse Gabe ist dazu bestimmt, in die menschliche Seele hineinzuverlegen die Kräfte, die zur Freiheit, zur Unterscheidung von Wahr und Falsch, von Schön und Häßlich, von Gut und Böse führen. Und auf der anderen Seite hat eine andere religiöse Gabe dem Menschen werden müssen während seiner Erdenentwickelung, um in die Seele hineinzulegen jenen Keim, durch den die Seele das Göttliche in sich, mit sich vereinigt fühlen kann.
[ 6 ] Die erste religiöse Gabe ist dasjenige, was uns im Beginn des alten Testamentes als das grandiose Bild von dem Sündenfall, von der Versuchung, entgegentritt. Die zweite religiöse Gabe ist das, was uns entgegentritt in alledem, was wir umschließen mit dem Wort Mysterium von Golgatha.
[ 7 ] Ebenso wie Sündenfall und Versuchung es zu tun haben mit dem, was in den Menschen hineinpflanzte Freiheit, Unterscheidungsgabe zwischen Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahr und Falsch, so hat das Mysterium von Golgatha es damit zu tun, daß die Seele des Menschen den Weg wiederfinden könne zu dem Göttlichen, daß sie wissen könne: in ihr kann das Göttliche leuchten, es kann das Göttliche sie durchdringen. Gewissermaßen ist in diese zwei religiösen Gaben eingeschlossen alles Wichtigste der Erdenevolution, alles dasjenige aus der Erdenevolution heraus, was zu tun hat mit dem, was die Seele in ihren tiefsten Tiefen erleben kann, was zusammenhängt im tiefsten mit Wesen und Werden der Menschenseele.
[ 8 ] Inwiefern hängt dasjenige, was mit diesen beiden religiösen Gaben bezeichnet worden ist, und Wesen und Werden der Menschenseele, inneres Erleben der Menschenseele zusammen ?
[ 9 ] Nun, ich möchte nicht bloß abstrakt Ihnen schildern, was ich zu sagen habe, ich möchte ausgehen zunächst von einer ganz konkreten Betrachtung. Ausgehen möchte ich davon, wie uns eine gewisse Szene des Mysteriums von Golgatha in geschichtlicher Überlieferung vor Augen steht, so wie sie sich eingeprägt hat und noch viel mehr einprägen sollte in die Herzen und in die Seelen der Menschen. Setzen wir einen Augenblick voraus, daß wir vor uns haben in dem Christus Jesus diejenige Wesenheit, die wir öfter im Verlauf unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen besprochen und charakterisiert haben; setzen wir voraus, daß wir in dem Christus Jesus dasjenige vor dem geistigen Auge haben, was uns Menschen im ganzen Weltenall als das Wichtigste erscheinen muß. Und dann stellen wir gegenüber dieser Empfindung, diesem Gefühl, das Schreien, das Wüten der aufgeregten Menge von Jerusalem vor der Kreuzigung, bei der Verurteilung. Stellen wir uns vor das geistige Auge die Tatsache, daß der Hohe Rat in Jerusalem vor allen Dingen es für sehr wichtig hält, an den Christus Jesus die Frage zu stellen nach dem, wie er es mit dem Göttlichen halte, ob er sich bekenne als den Sohn des Göttlichen. Und fassen wir ins geistige Auge, daß der Hohe Rat dieses für die größte Lästerung hält, die der Christus Jesus hat aussprechen können. Halten wir uns weiter vor Augen, daß eine Szene vor uns steht, geschichtlich, in der das Volk schreit und wütet nach dem Tode des Christus Jesus. Und versuchen wir nun einmal, uns zu vergegenwärtigen, was dieses Schreien und Wüten des Volkes historisch eigentlich bedeutet. Fragen wir uns einmal: Was hätte denn dieses Volk erkennen sollen in dem Christus Jesus ?
[ 10 ] Erkennen hätte es sollen in dem Christus Jesus diejenige Wesenheit, die dem Erdenleben Sinn und Bedeutung gibt. Erkennen hätte es sollen in dem Christus Jesus diejenige Wesenheit, die zu vollbringen hat die Tat, ohne welche die Erdenmenschheit den Weg zum Göttlichen nicht wiederfinden kann. Erkennen hätte es sollen, daß der Sinn des Erdenmenschen nicht da ist ohne diese Wesenheit. Ausstreichen hätten die Menschen müssen von der Erdenentwickelung das Wort «Mensch», wenn sie hätten ausstreichen wollen das Christus-Ereignis.
[ 11 ] Nun stellen wir uns vor, daß diese Menge diejenige Wesenheit verurteilt, über diejenige Wesenheit wütet, welche den Menschen auf Erden eigentlich zum Menschen macht, welche der Erde ihr Ziel und ihren Sinn geben soll. Was liegt darinnen? Liegt darinnen nicht, daß die Menschheit in ihrer Erdenentwickelung damals angekommen war an einem Punkt, gegenüber dem man sagen kann: In denjenigen, die dazumal in Jerusalem die Vertretung der menschlichen Erkenntnis über das wahre Wesen der Menschen hatten, war verdunkelt die Erkenntnis des Menschen, die wußten nicht, was der Mensch ist, was der Mensch soll auf der Erde. Nichts Geringeres ist uns gesagt, als daß die Menschheit an einem Punkt angekommen war, wo sie sich selbst verloren hatte, wo sie dasjenige verurteilte, was ihr Sinn und Bedeutung in der Erdenentwickelung gibt. Und aus dem Schreien der aufgeregten Menge könnte man heraushören das, was allerdings nicht aus Weisheit, sondern aus Torheit gesprochen ist: Wir wollen nicht mehr Mensch sein, wir wollen von uns stoßen, was uns weiter Sinn gibt als Menschen.
[ 12 ] Wenn man dies alles so bedenkt, dann steht uns doch in einer etwas anderen Weise als sonst vor dem geistigen Auge das, was man zum Beispiel im Sinne des paulinischen Christentums «das Verhältnis des Menschen zur Sünde und zur Schuld» nennt. Daß der Mensch im Verlauf seiner Entwickelung in Sünde und Schuld verfallen konnte, die er nicht selbst von sich wiederum wegwaschen konnte, das meint ja Paulus. Und daß es dem Menschen möglich werde, Sünde und Schuld und damit alles dasjenige, was für ihn mit Sünde und Schuld zusammenhängt, von sich abzuwaschen, dazu mußte der Christus auf die Erde kommen. Das ist des Paulus Meinung. Und man möchte sagen: Braucht diese Meinung irgendeinen wirklichen Beleg, so ist dieser Beleg gegeben in dem Wüten und Schreien derjenigen, die da rufen: «Kreuziget ihn!» Denn in diesem Rufe liegt, daß die Menschen nicht wußten, was sie selbst auf Erden zu bedeuten haben, daß ihre frühere Entwickelung dahin gezielt war, Finsternis zu verbreiten über ihr Wesen.
[ 13 ] Damit sind wir aber auch bei dem angekommen, was man nennen könnte «die vorbereitende Stimmung der Menschenseele zu der Christus-Wesenheit». Diese vorbereitende Stimmung der Menschenseele zu der Christus-Wesenheit, sie besteht darinnen, daß die Seele — wenn sie das auch nicht mit klaren Worten aussprechen kann — fühlt durch das, was sie in sich erleben kann: Ich habe mich so entwickelt seit Erdenanbeginn, daß ich durch das, was ich in mir selbst habe, mein Entwickelungsziel nicht erreichen kann. Wo ist etwas, woran ich mich klammern kann, was ich in mich hereinnehmen kann, damit ich mein Entwickelungsziel erreiche? Sich so fühlen, als ob das menschliche Wesen weit über das hinausginge, was die Seele durch ihre Kraft zunächst wegen ihrer bisherigen Erdenentwickelung erreichen kann, das ist die vorbereitende christliche Stimmung. Und wenn dann die Seele das findet, was sie mit ihrer Wesenheit notwendig verbunden wissen muß, wozu sie aber die Kraft nicht in sich selbst findet, wenn dann die Seele das findet, was ihr diese Kräfte gibt, dann ist dieses Gefundene der Christus. Dann entwickelt die Seele ihr Verhältnis zu dem Christus, dann steht die Seele auf der einen Seite so, daß sie sich sagt: Im Erdenanbeginn ist mir eine Wesenheit vorherbestimmt gewesen, die in mir verfinstert worden ist im Laufe der Erdenentwickelung, und blicke ich jetzt in diese verfinsterte Seele, so fehlen mir die Kräfte, diese Wesenheit zu verwirklichen. Aber ich wende den geistigen Blick hin zu dem Christus, der gibt mir diese Kräfte. — Da steht denn die menschliche Seele, indem sie einerseits in der geschilderten Art dasteht, und auf der anderen Seite den Christus an sich herankommen fühlt, wie in einem unmittelbaren persönlichen Verhältnis zu dem Christus. Da sucht sie den Christus und weiß, daß sie ihn nicht finden kann, wenn er sich nicht durch die menschliche Entwickelung der Menschheit selbst gibt, wenn er nicht von außen an sie herankommt.
[ 14 ] Es gibt einen christlichen Kirchenvater, der ziemlich allgemein anerkannt ist, und der nicht davor zurückscheute, Heraklit, den griechischen Philosophen, Sokrates und Plato Christen zu nennen, Christen, die es waren, bevor das Christentum begründet worden ist. Warum tut das dieser Kirchenvater? Ja, dasjenige, was sich heute Konfession nennt, verdunkelt so manches auch von dem, was ursprünglich leuchtende christliche Lehren waren. Hat doch Augustinus selbst gesagt: «In allen Religionen war etwas Wahres, und dasjenige, was in allen Religionen wahr war, das war das Christliche in ihnen, bevor es ein Christentum dem Namen nach gab.» Augustinus durfte das noch sagen. Heute würde mancher verketzert, der innerhalb einer christlichen Konfession das gleiche sagen würde.
[ 15 ] Wir kommen am schnellsten zum Verständnis dessen, was dieser Kirchenvater damit sagen wollte, daß er auch die alten griechischen Philosophen Christen nannte, wenn wir einmal versuchen uns hineinzuversetzen in das Gemüt derjenigen Seelen, die in den ersten Jahrhunderten verständnisvoll ihr persönliches Verhältnis zu dem Christus zu bestimmen suchten. Diese dachten den Christus nicht so, als ob er vor dem Mysterium von Golgatha ohne Verbindung mit der Erdenentwickelung gewesen wäre. Der Christus hatte immer mit der Erdenentwickelung etwas zu tun. Durch das Mysterium von Golgatha ist nur seine Aufgabe, seine Mission in bezug auf die Erdenentwickelung eine andere geworden, als sie früher war. Den Christus in der Erdenentwickelung zu suchen erst seit dem Mysterium von Golgatha, das ist nicht christlich! Wahre Christen wissen, daß der Christus immer mit der Erdenentwickelung zu tun hatte.
[ 16 ] Wenden wir zunächst den Blick zum jüdischen Volke. Kannte das jüdische Volk den Christus? Ich spreche jetzt nicht davon, ob das jüdische Volk den Christus-Namen kannte, nicht davon, ob das jüdische Volk ein Bewußtsein hatte von all dem, was ich Ihnen zu sagen habe, sondern davon spreche ich, ob ein wirklich das Christentum Verstehender sagen kann: Das Judentum hatte den Christus, das Judentum kannte den Christus. — Man kann ja auch irgendeinen Menschen in seiner Mitte haben, den man sozusagen seiner äußeren Gestalt nach sieht, aber dessen Wesenheit man nicht erkennt, den man nicht charakterisieren könnte, weil man nicht sich zu seiner Erkenntnis aufgeschwungen hat. Ich möchte sagen: Im richtig christlichen Sinne hatte das alte Judentum den Christus, nur erkannte es ihn nicht seiner Wesenheit nach. — Ist das, was ich eben sagte, christlich? Es ist christlich, so wahr als es paulinisch ist.
[ 17 ] Wo war für das alte Judentum der Christus? Es wird gesagt im Alten Testament, daß, als Moses die Juden aus Ägypten in die Wüste führte (2. Mose 14), bei Tag eine Wolkensäule, bei Nacht eine Feuersäule ihnen voranzog. Es wird gesagt, daß die Juden durch das Meer zogen und daß das Meer sich ihnen teilte, so daß sie es durchwaten konnten, während die Ägypter hinterher ertranken, da das Meer sich schloß. Es wird erzählt, daß die Juden murrten, weil sie kein Wasser hatten, daß aber auf die Aufforderung ihres Gottes Moses zu einem Fels gehen konnte, daß er aus dem Felsen Wasser herausschlagen konnte mit seinem Stabe und daß dieses Wasser die Juden labte.
[ 18 ] Wollten wir auf eine menschlich-verständliche Weise diese Führung der Juden durch Moses aussprechen, so würden wir sagen: Moses führte die Juden, indem er selbst geführt ward von seinem Gotte. Welches war dieser Gott?
[ 19 ] Antworten wir zunächst nicht selbst. Lassen wir Paulus antworten, wer der Gott war, der die Juden durch die Wüste führte. Wir lesen im ersten Korintherbrief, Kapitel 10, Verse 1-4, als die Worte des Paulus:
[ 20 ] «Ich will euch aber, lieben Brüder, nicht verhalten, daß unsere Väter sind alle unter der Wolke gewesen» — er meint die Wolken- und Feuersäule — «und sind alle durchs Meer gegangen, und sind alle auf Mose getauft mit der Wolke und mit dem Meer, und haben alle einerlei geistige Speise gegessen, und haben alle einerlei geistigen Trank getrunken; sie tranken aber von dem geistigen Fels, der mitfolgte, welcher war Christus.»
[ 21 ] Wer also war bei Paulus derjenige, der die Juden geführt hat, der mit Moses gesprochen hat, der das Wasser aus dem Felsen laufen ließ, der das Meer ablenkte von den Pfaden der Juden? Nur derjenige, der behaupten wollte, Paulus sei kein Christ, der dürfte behaupten, daß es unchristlich sei, in dem führenden Gott des Alten Testaments, in dem Herrn des Moses den Christus zu sehen.
[ 22 ] Eine Stelle muß, wie ich glaube, im Alten Testament wirklich für ein tieferes Nachdenken große Schwierigkeiten bereiten. Es ist eine Stelle, an die sich derjenige, der nicht gedankenlos das Alte Testament liest, sondern der es im Zusammenhang verstehen will, immer wieder und wieder wendet. Was mag diese Stelle bedeuten? sagt er sich. Es ist die folgende Stelle:
[ 23 ] «Und Moses hob seine Hand auf und schlug den Felsen mit dem Stabe zweimal. Da ging viel Wasser heraus, daß die Gemeinde trank und ihr Vieh. Der Herr aber sprach zu Moses und Aaron: Darum, daß ihr nicht an mich geglaubt habt, mich zu heiligen vor den Kindern Israels, sollt ihr diese Gemeinde nicht in das Land bringen, das ich ihnen geben werde.» (4. Mose 20, 11-12)
[ 24 ] Nehmen Sie diese Stelle im Zusammenhang im Alten Testament. Der Herr befiehlt Moses, als das Volk murrt, mit dem Stabe an den Fels zu schlagen. Moses schlägt mit seinem Stabe an den Fels, Wasser kommt heraus. Alles geschieht durch Moses und Aaron, was der Herr befohlen hat, und gleich darauf werden wir unterrichtet, daß der Herr dem Moses den Vorwurf macht — wenn es ein Vorwurf ist —, daß er nicht an ihn geglaubt habe. Was bedeutet das? Nehmen Sie alles durch, was an Kommentaren zu dieser Stelle geschrieben worden ist, und versuchen Sie mit diesen Kommentaren die Stelle zu verstehen. Man versteht sie eben so, wie man vieles in der Bibel versteht, nämlich eigentlich nicht, denn hinter dieser Stelle verbirgt sich ein gewaltiges Geheimnis. Dasjenige verbirgt sich an dieser Stelle, was uns da besagen will: Der, der den Moses führte, der dem Moses im brennenden Dornbusch erschien, der das Volk durch die Wüste führte, der Wasser aus dem Felsen herausfließen ließ, das war der Herr, Christus! Aber die Zeit war noch nicht gekommen, Moses erkannte ihn selbst nicht, Moses hielt ihn noch für einen anderen. Das bedeutet es: daß Moses nicht geglaubt habe an den, der ihm befohlen hat, mit dem Stabe an den Felsen zu schlagen.
[ 25 ] Wie erschien der Herr — Christus — dem Judenvolk? Nun, wir hören es ja, «bei Tage in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule», dadurch daß er zu ihrem Heile das Wasser trennte; und vieles tat er noch, wir brauchen es nur nachzulesen im Alten 'Testament. Wir möchten sagen: In Wolken- und Feuererscheinungen, in der Luft, in den elementaren Ereignissen der Natur, da war er wirksam, aber niemals war den alten Juden aufgegangen: Dasjenige, was in der Wolkensäule, in der Feuersäule erschien, was Wunder wirkte wie etwa durch die Teilung des Meeres, das erscheint in seiner ureigensten Form auch in der Menschenseele. Warum war das den alten Juden niemals aufgegangen? Weil die Menschenseele die Kraft verloren hatte, ihr tiefstes Wesen in sich zu erfühlen, ihre Kraft verloren hatte durch den Hergang, den die Entwickelung der Menschheit genommen hatte. So konnte die Judenseele in die Natur schauen, sie konnte die Herrlichkeit der Elementarereignisse auf sich wirken lassen. Da überall konnte sie ihren Gott und Herrn vermuten; in sich selbst, so wie sie war, unmittelbar, konnte sie ihn nicht finden.
[ 26 ] Da haben wir im Alten Testament den Christus, da wirkte er, aber die Menschen haben ihn nicht erkannt. Wie wirkte er, der Christus? Nun, sehen wir denn nicht, wenn wir das Alte Testament durchgehen, wie er wirkte? Das Bedeutsamste, was Moses durch Jahves Mund seinem Volke zu geben hatte, waren die Zehn Gebote. Er hatte sie erhalten aus der Kraft der Elemente heraus, aus der Jahve zu ihm sprach. Nicht stieg Moses in die Tiefen seiner eigenen Seele hinab, nicht fragte Moses etwa in einsamer Meditation: Wie spricht der Gott im eigenen Herzen? Hinauf ging er auf den Berg, durch die Kraft der Elemente enthüllte sich ihm der göttliche Wille. Wille, das ist der Grundcharakter des Alten Testaments. Man nennt diesen Grundcharakter auch oftmals den Gesetzes-Charakter. Wille wirkt durch die Menschheitsentwickelung, und er spricht sich aus in den Gesetzen, zum Beispiel im Dekalog, in den Zehn Geboten. Seinen Willen hat durch die Elemente der Gott den Menschen kundgegeben. Wille waltet in der Erdenevolution. Das ist gleichsam der Sinn des Alten Testamentes, und Unterwerfung unter diesen Willen fordert das Alte Testament seinem ganzen Sinne nach von den Menschen.
[ 27 ] Stellen wir das vor unsere Seele, was wir eben betrachtet haben, dann können wir das Ergebnis, das Resultat von alledem zusammenfassen mit den Worten: Es ward gegeben den Menschen des Herrn Wille, aber die Menschen haben den Herrn, haben das Göttliche nicht erkannt; nicht so haben sie es erkannt, daß sie es mit der eigenen Menschenseele verbunden gehabt hätten.
[ 28 ] Und nun wenden wir den Blick von den Juden hinweg zu den Heiden. Haben die Heiden den Christus gehabt? Ist es christlich, davon zu sprechen, daß etwa auch die Heiden den Christus gehabt haben? Die Heiden hatten ihre Mysterien. Die in den Mysterien Eingeweihten wurden dahin gebracht, daß ihre Seele aus ihrem Leibe heraustrat, daß das Band, durch welches Leib und Seele verknüpft sind, gelöst wurde. Und wenn die Seele außerhalb des Leibes war, dann vernahm die Seele in der geistigen Welt die Geheimnisse des Daseins. Vieles war mit diesen Mysterien verbunden, mancherlei Kenntnisse stiegen den Einzuweihenden in den Mysterien auf. Wenn man aber prüft, was das Höchste war, das der Mysterienschüler in sich aufnehmen konnte, so war es das, daß er außerhalb seines Leibes hingestellt wurde vor den Christus. Wie Moses hingestellt worden ist vor den Christus, so wurde der Mysterienschüler in den Mysterien mit seiner Seele außerhalb des Leibes hingestellt vor den Christus. Der Christus war auch da für die Heiden, aber er war für sie nur da in den Mysterien; er enthüllte sich ihnen nur, wenn die Seele außerhalb des Leibes war. Und wenn auch die Heiden ebensowenig wie die Juden, bei denen auch der Christus war, die Wesenheit, von der jetzt eben gesprochen worden ist, die Wesenheit, vor welche die Mysterienschüler hingestellt worden sind, als den Christus erkannt haben, der Christus war für die Heiden da! Man könnte sagen: Für die Heiden waren Mysterien eingerichtet. In die Mysterien wurden diejenigen aufgenommen, die bereit und reif waren. Durch diese Mysterien wirkte der Christus auf die heidnische Welt. Warum wirkte er so? Er wirkte so, weil ja die Seele der Menschen in ihrer Entwickelung seit dem Erdenanbeginn in sich die eigene Kraft verloren hatte, durch sich ihre wahre Wesenheit zu finden. Es mußte diese wahre Wesenheit sich der Menschenseele enthüllen, wenn sie nicht in den Banden der Menschheit, das heißt, wenn sie nicht mit dem Leibe verbunden war. Da mußte der Christus die Menschen dadurch führen, daß der Mensch gleichsam seiner Menschlichkeit entkleidet wurde als Eingeweihter in den Mysterien. Der Christus war auch für die Heiden da. Er führte sie in den Einrichtungen der Mysterien. Aber niemals war es so, daß der Mensch hätte sagen können: Wenn ich meine eigenen Kräfte entfalte, dann finde ich der Erde Sinn. Dieser Sinn war verloren, war verfinstert. Die Kräfte der Menschenseele waren in zu tiefe Regionen hinuntergedrängt worden, als daß die Seele durch ihre eigenen Kräfte sich den Sinn der Erde hätte geben können.
[ 29 ] Wenn wir auf uns wirken lassen, was in den heidnischen Mysterien den Einzuweihenden, den Mysterienschülern gegeben wurde, dann ist es Weisheit. Den Juden wurde der Wille gegeben durch die Gesetze, den heidnischen Mysterienschülern wurde die Weisheit gegeben.
[ 30 ] Allein, blicken wir hin auf dasjenige, was diese heidnische Weisheit charakterisiert, können wir das nicht zusammenfassen in den Worten: durch Weisheit konnte der Erdenmensch als solcher — wenn er nicht aus seinem Leibe hinausging, indem er Mysterienschüler wurde — seinen Gott nicht als solchen erkennen? Durch Weisheit ebensowenig wie durch Wille konnte sich die Gottheit für den Menschen enthüllen. Ja, wir finden ein Wort, das ganz wunderbar hallt durch das griechische Altertum wie eine gewaltige Forderung an die Menschheit, aber dieses Wort stand am Eingang des Apollinischen Heiligtums, also einer Mysterienstätte, das Wort: «Erkenne dich selbst.» Was besagt uns die Tatsache, daß an dem Mysterien-Heiligtum dieses Wort «Erkenne dich selbst» wie eine Aufforderung an den Menschen stand? Das besagt es uns, daß man überall draußen, wo der Mensch als Mensch bleibt, was er seit Erdenanbeginn geworden ist, die Forderung «Erkenne dich selbst» nicht erfüllen könne, daß man etwas anderes werden müsse als Mensch, nämlich, daß man in den Mysterien die Bande lösen müsse, durch welche die Seele an den Leib gebunden ist, um sich selbst zu erkennen. So weist uns dieses Wort, das wie eine wunderbare Forderung am Apollinischen Heiligtum stand, ebenfalls darauf hin, daß Verfinsterung eingetreten war für die Menschheit, mit anderen Worten, daß der Gott nicht durch Weisheit zu erreichen war, ebensowenig wie er sich als Wille unmittelbar enthüllen konnte.
[ 31 ] Wie die einzelne Menschenseele fühlen kann, daß sie in sich selbst nicht die Kräfte aufbringen kann, die ihr den Erdensinn geben, so sehen wir im historischen Verlauf die Menschenseele dastehen in den Juden so, daß selbst Moses, der Führer der Juden, den nicht erkannte, der ihn führte. Und wir sehen an den Heiden, daß die Forderung «Erkenne dich selbst» nur in den Mysterien erfüllt werden konnte, weil der Mensch, wie er geworden ist im Laufe der Erdenentwickelung mit seinem Zusammenhang von Leib und Seele, die Kraft nicht zu entfalten vermag, durch die er sich selbst erkennen kann. Es tönt herüber das Wort zu uns: «Nicht durch Wille und nicht durch Weisheit ist der Gott zu erkennen.» Durch was sollte der Gott erkannt werden ?
[ 32 ] Wir haben ja den Zeitpunkt in seiner Wesenheit öfter charakterisiert, in dem der Christus in die Entwickelung der Erdenmenschheit eintrat. Wir wollen uns jetzt einmal ganz genau den Sinn vor Augen führen, den es hat, wenn man davon spricht, daß eine gewisse Verfinsterung der Menschenseele eingetreten war, daß weder durch Wille noch durch Weisheit zu enthüllen war das eigentlich Göttliche. Welchen Sinn hat denn das eigentlich?
[ 33 ] Ja, man spricht von so mancherlei Beziehungen des Menschlichen zu dem Göttlichen. Man spricht, wenn man von den Beziehungen des Menschlichen zu dem Göttlichen spricht und von dem Sinn, den das Menschliche in dem Göttlichen hat, man spricht davon so, daß wirklich oftmals nicht zu unterscheiden ist, wie das Menschliche zu dem Göttlichen sich verhält, und wie irgendein anderes Irdisches zum Beispiel sich zu dem Göttlichen verhält. Heute finden wir ja noch immer, daß Philosophen sich durch reine Philosophie zu dem Göttlichen erheben wollen. Aber durch reine Philosophie kann man nicht zu dem Göttlichen kommen. Gewiß kommt man durch reine Philosophie dazu, zu wissen, daß ein Göttliches in der Welt waltet, und sich verbunden zu fühlen mit dem Weltenall; gewiß kommt man dazu, zu wissen, daß die menschliche Wesenheit mit dem Tode irgendwie mit dem Weltenall verbunden werden müsse, allein wie sie verbunden wird, dazu kann man durch reine Philosophie nicht kommen. Warum nicht? Ja, wenn Sie den ganzen Sinn desjenigen, was wir heute schon besprochen haben, nehmen, so werden Sie sich sagen können: Das, was sich zunächst dem Erdenmenschen in seiner Seele enthüllt zwischen Geburt und Tod, das ist eben in seinen Kräften zu schwach, um irgend etwas wahrzunehmen, das über das Irdische hinausgeht, das in das Göttlich-Geistige hineinführt. Wir wollen, um uns das ganz deutlich zu machen, einmal forschen nach dem Sinn der Unsterblichkeit.
[ 34 ] Viele Menschen wissen heute schon gar nicht mehr, welches eigentlich der Sinn menschlicher Unsterblichkeit sein kann. Viele Menschen reden heute vor allen Dingen von Unsterblichkeit auch dann, wenn sie nur zugeben können, daß die Menschenseele mit ihrer Wesenheit durch die Pforte des Todes hindurchgeht und dann etwa irgend welchen Platz im All findet. Das aber tut jedes Wesen. Dasjenige, was mit dem Kristall vereinigt ist, wenn er sich auflöst, geht in das All über; die Pflanze, die hinwelkt, geht in das All über; das Tier, das abstirbt, geht in das All über. Für den Menschen verhält sich die Sache doch noch anders. Unsterblichkeit hat für den Menschen nur einen Sinn, wenn er durch die Pforte des Todes sein Bewußtsein tragen kann. Denken Sie sich eine unsterbliche Menschenseele, die etwa nach dem Tode unbewußt wäre. Solche Unsterblichkeit hätte keinen Sinn, hätte nicht den geringsten Sinn. Bewußtsein muß die Menschenseele durch den Tod tragen, wenn sie von ihrer Unsterblichkeit sprechen soll. So wie die Seele mit dem Leibe vereint ist, kann sie nichts in sich finden, von dem sie sagen könnte: Das ist so, daß ich es bewußt durch den Tod trage. Denn das Bewußtsein des Menschen ist eingeschlossen zwischen Geburt und Tod, es reicht ja nur bis zum Tode. So wie es die menschliche Seele zunächst hat, dieses Bewußtsein, so reicht es nur bis zum Tode. In dieses Bewußtsein leuchtet hinein der göttliche Wille, zum Beispiel in den Zehn Geboten. Lesen Sie im Buch Hiob, ob dieses Hineinleuchten den Menschen so weit hat bringen können, daß sein Bewußtsein etwa aufgerüttelt worden wäre und solche Kräfte aus sich herausgetrieben hätte, daß er sich hätte sagen können: Ich gehe mit Bewußtheit durch die Pforte des Todes. Oh, wie mutet uns an das Wort, das zu dem Hiob gesprochen worden ist: «Sage Gott ab und stirb!» (Hiob 2, 9) Wir wissen, der Mann ist unsicher, ob er mit Bewußtsein durch die Pforte des Todes geht. Und stellen wir dazu das griechische Wort, das uns des Griechen Furcht vor dem Tode vorstellt: Besser ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten — dann haben wir auch aus dem Heidentum heraus den Beleg, wie unsicher man geworden war über menschliche Unsterblichkeit. Und wie unsicher sind selbst heute noch viele Menschen. Alle die Menschen, die da sprechen, daß der Mensch, indem er durch die Pforte des Todes geht, in dem All aufgehe, sich mit irgendeinem Allwesen verbinde, achten nicht darauf, was die Seele, wenn sie von ihrer Unsterblichkeit sprechen will, sich selbst zuschreiben muß.
[ 35 ] Wir brauchen nur ein Wort auszusprechen, und wir werden erkennen, wie der Mensch zu seiner Unsterblichkeit stehen muß. Dieses Wort ist das Wort Liebe. Und all dasjenige, was wir über die Unsterblichkeit gesagt haben, können wir jetzt mit dem in Zusammenhang bringen, was das Wort Liebe bezeichnet. Liebe ist nichts, was wir uns aneignen durch den Willen. Liebe ist nichts, was wir uns aneignen durch Weisheit. Liebe sitzt in der Region der Gefühle. Aber wir wissen und müssen es uns gestehen, daß die menschliche Seele, wie sie sein sollte, nicht sein könnte, wenn diese menschliche Seele nicht erfüllt sein könnte von Liebe. Ja, man kommt darauf, wenn man in das Wesen der Seele eindringt, daß unsere Menschenseele nicht mehr Menschenseele sein würde, wenn sie nicht lieben könnte.
[ 36 ] Nun aber denken wir uns einmal, wir gingen durch die Pforte des Todes so, daß wir verlören unsere Menschenindividualität, daß wir uns vereinigen würden mit einer Allgöttlichkeit. Dann wären wir in dieser Göttlichkeit darinnen, wir gehörten dazu. Wir könnten den Gott nicht mehr lieben, wir wären in ihm selbst. Liebe hätte keinen Sinn, wenn wir in dem Gotte wären. Zugeben müssen wir, wenn wir unsere Individualität nicht durch den Tod tragen könnten, daß wir im Tode die Liebe verlieren müßten, daß die Liebe in dem Augenblick aufhören müßte, wo die Individualität aufhört. Lieben kann nur ein Wesen das andere, das von dem andern getrennt ist. Wollen wir unsere Gottesliebe durch den Tod tragen, dann müssen wir durch den Tod unsere Individualität tragen, dann müssen wir durch den Tod tragen dasjenige, was in uns die Liebe entzündet. Sollte dem Menschen der Sinn der Erde gebracht werden, dann mußte ihm Aufschluß gebracht werden über seine Unsterblichkeit so, daß sein Wesen als unzertrennlich mit der Liebe gedacht werde. Nicht Wille und nicht Weisheit können dem Menschen geben, was er braucht; geben kann dem Menschen das, was er braucht, allein die Liebe.
[ 37 ] Was war denn verdunkelt worden im Laufe des Entwickelungsganges des Menschen über die Erde? Nehmen wir den Juden oder nehmen wir den Heiden: verdunkelt war worden das Bewußtsein über den Tod hinaus. Bewußtsein zwischen Geburt und Tod; außerhalb von Geburt und Tod Dunkelheit, nichts verbleibt vom Bewußtsein innerhalb des Erdenleibes. «Erkenne dich selbst!» am Eingang des griechischen Heiligtumes: heiligste Forderung dieses griechischen Heiligtums an die Menschheit. Aber der Mensch konnte sich nur die Antwort geben: Ja, ich kann mich, wenn ich so verbunden bleibe in meinem Leibe mit meiner Seele, wie ich es als Erdenmensch bin, nicht in jener Individualität erkennen, die über den Tod hinaus lieben kann. Das kann ich nicht! Erkenntnis, daß man über den Tod hinaus als Individualität lieben kann, das war es, was den Menschen verloren gegangen war.
[ 38 ] Tod ist nicht das Aufhören des physischen Leibes. Dieses kann nur der Materialist sagen. Man denke sich nur einmal, daß der Mensch sein Bewußtsein in jeder Stunde, in der er im Leibe lebt, so hätte, daß er so gewiß wissen würde, was über den Tod hinaus liegt, wie er heute weiß, daß morgen die Sonne aufgehen und über den Himmel gehen wird, dann hätte der Tod keinen Stachel für den Menschen, dann wäre der Tod nicht dasjenige, was wir den Tod nennen, dann wüßten die Menschen im Leibe, daß der Tod nur eine Erscheinung ist, die von einer Form zur anderen führt. Unter «Tod» verstand auch Paulus nicht das Aufhören des physischen Leibes, sondern unter «Tod» verstand er die Tatsache, daß das Bewußtsein nur bis zum Tode reicht, daß der Mensch, insofern er an den Leib gebunden war im damaligen Erdenleben, innerhalb seines Leibes sein Bewußtsein nur bis zu dem Tode hindehnen konnte. Wir können überall hinzusetzen, wo Paulus vom Tode spricht: Mangel eines Bewußtseins über den Tod hinaus.
[ 39 ] Was gab dem Menschen das Mysterium von Golgatha? Stand mit dem Mysterium von Golgatha eine Summe von Naturereignissen vor der Menschheit, eine Wolkensäule, eine Feuersäule? Nein, ein Mensch stand vor den Menschen, der Christus Jesus. Erfüllte sich etwa mit dem Mysterium von Golgatha aus der geheimnisvollen Natur heraus so etwas, daß ein Meer sich spaltete, damit das Volk Gottes durchziehen könne? Nein, ein Mensch stand da vor den Menschen und machte Lahme gehend und Blinde sehend. Von einem Menschen ging das aus.
[ 40 ] Der Jude hatte in die Natur schauen müssen, wenn er denjenigen hat sehen wollen, den er seinen göttlichen Herrn nennt. Einen Menschen konnte man jetzt sehen, von einem Menschen konnte man so reden, daß der Gott in ihm lebe. Der Heide hatte eingeweiht werden müssen, er hatte die Seele aus dem Leibe herausziehen müssen, um der Wesenheit gegenüberzustehen, die der Christus ist. Er hat auf der Erde den Christus nicht vermuten können, er konnte nur wissen, daß der Christus außerhalb der Erde ist. Das aber, was außerhalb der Erde war, es ist auf die Erde gekommen, es hat einen Menschenleib angenommen.
[ 41 ] In dem Christus Jesus stand als Mensch vor den Menschen diejenige Wesenheit, die sonst vor der leibbefreiten Seele in den Mysterien gestanden hatte. Und was ist dadurch geschehen ? Der Anfang ist damit gemacht worden, daß die Kräfte, die der Mensch verloren hat in der Erdenentwickelung seit Erdenanbeginn, diese Kräfte, durch die ihm seine Unsterblichkeit verbürgt wird, durch das Mysterium von Golgatha wieder an ihn herankommen. In der Überwindung des Todes auf Golgatha haben die Kräfte den Ursprung genommen, die in der Menschenseele wieder anfachen können die verlorengegangenen Kräfte. Und des Menschen Weg durch die Erdenentwickelung wird weiter so sein, daß, indem der Mensch den Christus immer mehr und mehr aufnehmen wird, er in sich entdecken wird dasjenige, was in ihm über den Tod hinaus lieben kann, das heißt, daß er als unsterbliche Individualität seinem Gott gegenüberstehen kann. Darum ist erst seit dem Mysterium von Golgatha das Wort wahr geworden: «Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst.» (Lukas 10, 27)
[ 42 ] Wille wurde gegeben aus dem brennenden Dornbusch. Wille wurde gegeben durch die Gebote. Weisheit wurde gegeben durch die Mysterien. Die Liebe aber wurde gegeben, indem der Gott Mensch geworden ist in dem Christus Jesus. Und die Bürgschaft, daß wir über den Tod hinaus lieben können, daß eine Liebesgemeinschaft gestiftet werden kann durch die wiedergewonnenen Kräfte unserer Seele zwischen dem Menschen und Gott und allen Menschen untereinander, die Bürgschaft dafür geht von dem Mysterium von Golgatha aus. Die Menschenseele hat in dem Mysterium von Golgatha dasjenige gefunden, was sie seit Erdenurbeginn verloren hat, indem ihre Kräfte immer schwächer und schwächer geworden sind.
[ 43 ] Drei Kräfte in drei menschlichen Seelengliedern: Wille, Weisheit und Liebe! In dieser Liebe erlebt die Seele ihr Verhältnis zum Christus.
[ 44 ] Von einer gewissen Seite her wollte ich Ihnen das vor Augen führen. Was aphoristisch geklungen hat in der heutigen Auseinandersetzung, es wird seinen Zusammenhang in den Betrachtungen der folgenden Tage finden. Das aber, glaube ich, können wir tief in unsere Seele schreiben, daß ein Fortschritt in der Christus-Erkenntnis ein realer Erwerb für die Menschenseele ist, und daß auch dann, wenn wir die Beziehung der Menschenseele zu dem Christus betrachten, uns wiederum so recht klar wird, wie gleichsam eine Hülle war zwischen der Menschenseele und dem Christus vor dem Mysterium von Golgatha, wie diese Hülle durchbrochen worden ist durch das Mysterium von Golgatha, und wie wir mit Recht sagen können: Durch das Mysterium von Golgatha ist eingeflossen eine kosmische Wesenheit in das Erdenleben, eine überirdische Wesenheit verband sich mit der Erde.
[ 45 ] Gestatten Sie, meine lieben Freunde, auch heute — vielleicht werden die nächsten Tage nochmals Gelegenheit dazu geben — eine Bemerkung, die ich aber auch unter Ihnen machen möchte:
[ 46 ] Die Vorwürfe, die Gegnerschaften gegenüber unserer geisteswissenschaftlichen Lehre, sie werden immer stärker und stärker. Mit viel Wahrheit kämpfen allerdings diese Gegnerschaften nicht, aber diese Gegnerschaften sind immerhin da. Überlegen wir uns einmal ein Wort, das Sie in den letzten T’agen auch hier haben lesen können, das von anderer Seite gesprochen worden ist und das hier wiederholt worden ist, überlegen wir uns dieses Wort am Schlusse dieser Betrachtungen, die uns wiederum von einer anderen Seite her gezeigt haben, wie eine kosmische Wesenheit im Christus eine irdische Wesenheit wird — ich meine das Wort, das da gesprochen worden ist, als ob es irgend etwas Unchristliches hätte, von dem Christus als von einer kosmischen Wesenheit zu sprechen. Ja, sogar so ist das Wort gesprochen worden, daß gesagt worden sein soll: «Diese theosophische oder anthroposophische Lehre, die sieht gar nicht, wie es unchristlich ist, von einem kosmischen Prinzip, von einer kosmischen Wesenheit zu sprechen, während gerade dasjenige die Menschen gewonnen hat, was die Evangelien in ihren Einzelheiten über das Menschliche des Jesus erzählen.» Menschen, die so etwas sagen, sie dünken sich recht christlich. Aber viele, die sich christlich dünken, bemerken gar nicht, daß sie mit ihrer Christlichkeit alle Augenblicke der wahren Christlichkeit ins Gesicht schlagen. Unchristlich soll es sein, von Christus als einer Wesenheit zu sprechen, die eine kosmische Wesenheit ist, das heißt die nicht für die Erde bloß, sondern für den Kosmos Bedeutung hat! Das wurde gesagt von einer Seite, die das Christentum verteidigen will gegenüber der Geistesforschung. Gesagt wurde: «Der Christus, so wie er uns entgegentritt, ohne daß wir auf das Kosmische Rücksicht nehmen, der wird in Menschenseelen leben, solange die Erde steht.» Ich glaube nicht, daß viele Leute merken, wie sonderbar unevangelisch die Zunge redet gerade mit solch einem Wort. Man wird vielleicht zuweilen merken: Da spricht Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft — nun ja, man kann das verstehen. Das ist eben so, daß da vom «christlichen Standpunkt» aus gesprochen wird. — Dieser christliche Standpunkt aber, ist er ein wirklich christlicher Standpunkt? Er verketzert uns — denn Verketzerung darf das schon genannt werden —, er nimmt das als sein Privilegium in Anspruch; er verketzert uns. Er findet unser Christentum oder, besser gesagt, unsere Anthroposophie als Christentum bedenklich. In ihm lebt nicht nur in seinem Begriff das wirkliche Christentum nicht mehr, sondern auch in seinen Seelenlebensgewohnheiten lebt nicht das richtige Christentum. Denn die Seele, die richtig christlich ist, sie wird niemals sagen: Solange die Erde steht, wird der Christus, der da gemeint ist, in den Herzen der Menschen leben. — Warum nicht? Weil ein Christ, der das sagt, einfach vergessen hat die Worte der Evangelien: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» (Matthäus 24, 35) Damit aber ist auch der Christus als kosmische Wesenheit hingestellt. Und derjenige, der wahr macht ein Wort, wie «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen», der spricht christlich. Derjenige aber, dem im Augenblick gleich die Zunge ausgleitet, wenn er sein Christentum gegen die Anthroposophie richten will, der sündigt gegen das Wort «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen», indem er sagt: Wir wollen einen Christus, der da wirkt, solange die Erde steht; — der versteht nichts von dem wahren Christentum, das nicht bloß in den Büchern, sondern auch in den Sternen steht.
[ 47 ] Wir müssen uns schon zuweilen verständigen, wessen Geistes manche Angriffe sind, die heute von da oder dort gegen die Christlichkeit unserer Anthroposophie vorgebracht werden. Man merkt an dem Zungenausgleiten manchmal viel mehr, zu was das Christentum in solchen Seelen geworden ist, als durch das Lesen, wie es heute üblich ist.
[ 48 ] Was die Menschenseele erleben kann mit ihrem Christus in sich, wir wollen dann in den allernächsten Tagen davon sprechen.
