Christ and the Human Soul
On the Meaning of Life
Theosophical Morality
Anthroposophy and Christianity
GA 155
30 May 1912, Norrköping
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Theosophische Moral III
Theosophical Morality III
[ 1 ] In dem, was gestern gesagt worden ist, lag die Anerkennung der moralischen Impulse in der Menschennatur, so daß wir versuchten, die Behauptung zu erhärten, zu beweisen aus den vorher angeführten Tatsachen, daß eigentlich der Grund des Moralischen, der Grund des Guten auf dem Boden der menschlichen Seelennatur liegt, und daß eigentlich der Mensch nur im Laufe der Evolution, in seinem Gange von Inkarnation zu Inkarnation, abgeirrt ist von den ursprünglichen, man möchte sagen, instinktiv guten Anlagen und dadurch das Böse, das Unrichtige, das Unmoralische erst in die Menschheit hineingekommen ist.
[ 1 ] What was said yesterday acknowledged the moral impulses inherent in human nature, so that we sought to substantiate the claim—to prove, based on the facts cited earlier—that the very foundation of morality, the foundation of goodness, lies in the nature of the human soul, and that, in fact, it is only in the course of evolution, in the human journey from incarnation to incarnation, that humanity has strayed from its original, one might say instinctively good, dispositions, and that it is through this that evil, wrongdoing, and immorality have first entered into humanity.
[ 2 ] Wenn das aber so ist, so müssen wir erst recht verwundert darüber sein, daß das Böse überhaupt möglich ist, daß es entstehen kann, und eine Antwort erheischt die Frage: Wie ist das Böse im Laufe der Evolution möglich geworden?
[ 2 ] But if that is the case, then we must be all the more surprised that evil is possible at all, that it can arise, and the question demands an answer: How did evil become possible in the course of evolution?
[ 3 ] Eine gründliche Antwort erhält man eigentlich nur, wenn man hinblickt zu dem moralischen Elementarunterricht, der schon in alten Zeiten den Menschen gegeben worden ist. Die Schüler der Mysterien, die als ihr höchstes Ideal anstrebten, allmählich zu den vollen spirituellen Wahrheiten und Erkenntnissen vorzudringen, mußten überall da, wo zu Recht gearbeitet wurde im Mysteriensinne, aus einer moralischen Grundlage heraus arbeiten, so daß die Eigentümlichkeit der moralischen Natur des Menschen gerade den Mysterienschülern in einer ganz besonderen Weise gezeigt wurde.
[ 3 ] A thorough answer can really only be found by looking to the basic moral teachings that were already given to people in ancient times. The students of the Mysteries, who strove toward their highest ideal of gradually penetrating to the full spiritual truths and insights, had to work from a moral foundation wherever the work was rightly carried out in the spirit of the Mysteries, so that the peculiarity of the moral nature of human beings was revealed to the students of the Mysteries in a very special way.
[ 4 ] Wenn wir kurz charakterisieren wollen, wie das geschah, so können wir sagen: Es wurde dem Mysterienschüler gezeigt, daß die menschliche Natur nach zwei Seiten hin Verheerungen, Übles anrichten kann, und daß nur dadurch der Mensch in der Lage ist, einen freien Willen zu entwickeln, daß er nach zwei Seiten hin imstande ist, Übles anzurichten; daß ferner das Leben in richtigem, in günstigem Sinne nur dann verlaufen kann, wenn man diese zwei Seiten der Abirrung betrachtet wie zwei Waagschalen, von denen bald die eine, bald die andere hinauf- und hinuntergeht. Das richtige Gleichgewicht ist nur dann vorhanden, wenn der Waagebalken horizontal liegt.
[ 4 ] If we wish to briefly describe how this came about, we can say: The student of the mysteries was shown that human nature can cause devastation and evil in two ways, and that it is only through this—that human beings are capable of causing evil in two ways—that they are able to develop free will; furthermore, that life can proceed in a proper, favorable sense only if one regards these two sides of deviation as two scales, one of which rises and the other falls in turn. The proper balance exists only when the beam of the scales lies horizontal.
[ 5 ] So wurde den Mysterienschülern gezeigt, daß das richtige Verhalten des Menschen gar nicht in der Weise aufgezeigt werden kann, daß man sagt: Dies ist richtig, und das ist unrichtig. Das richtige Verhalten kann nur dadurch gewonnen werden, daß der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens in die Lage kommt, sowohl nach der einen als auch nach der anderen Seite gezogen zu werden, und daß er selbst das Gleichgewicht, die Mitte herstellen muß zwischen diesen beiden.
[ 5 ] Thus, the students of the mysteries were shown that the correct way for a human being to behave cannot be demonstrated by simply saying: This is right, and that is wrong. Proper conduct can only be attained when a person, at every moment of their life, finds themselves in a position where they are drawn toward both one side and the other, and must themselves establish the balance, the middle ground, between these two.
[ 6 ] Nehmen wir die Tugenden, von denen wir gesprochen haben: die Tapferkeit, den Starkmut. Die eine Seite, nach der die menschliche Natur dabei ausschlagen kann, ist die Seite der Tollkühnheit, das ist das zügellose Drauflosarbeiten in der Welt mit den Kräften, die einem zur Verfügung stehen, und das Anspannen derselben aufs äußerste. Das ist die eine Seite, die der Tollkühnheit. Die andere Seite, die andere Waagschale, ist die der Feigheit. Nach beiden Seiten kann der Mensch sozusagen ausschlagen, und es wurde den Schülern in den Mysterien gezeigt, daß der Mensch sich verliert, daß der Mensch sein Selbst ablegt und von den Rädern des Lebens zerrieben wird, wenn er in Tollkühnheit ausartet. Das Leben zerfetzt ihn, wenn er nach der Seite der Tollkühnheit ausschlägt. Wenn er dagegen nach der Seite der Feigheit abirrt, dann verhärtet er sich und reißt sich heraus aus dem Zusammenhange der Dinge und Wesenheiten. Dann wird er ein in sich abgeschlossenes Wesen, das herausfällt aus dem Zusammenhang, da er seine Taten und Handlungen nicht in Einklang bringen kann mit dem Ganzen. Das wurde den Mysterienschülern gezeigt mit Bezug auf alles, was der Mensch tun kann. Er kann so ausarten, daß er zerfetzt, verrädert wird von der objektiven Welt, weil er dadurch sein Selbst verliert, und er kann nach der anderen Seite, nicht bloß bei der Tapferkeit, sondern bei jeder Tat, so ausarten, daß er in sich selbst verhärtet. Daher stand über dem Moralkodex der Mysterien überall geschrieben das bedeutungsvolle Wort: Du mußt die Mitte finden, so daß du dich durch deine Taten nicht an die Welt verlierst und daß auch die Welt nicht dich verliert.
[ 6 ] Let us consider the virtues we have been discussing: courage and fortitude. One extreme toward which human nature can swing is that of recklessness—that is, the unbridled, headlong charging into the world with the forces at one’s disposal, straining them to the utmost. That is one side, the side of recklessness. The other side, the other side of the scale, is that of cowardice. Human beings can, so to speak, swing to either side, and it was shown to the students in the Mysteries that a person loses themselves, that they shed their true self and are ground down by the wheels of life, if they degenerate into recklessness. Life tears him apart if he swings toward the side of recklessness. If, on the other hand, he strays toward the side of cowardice, then he hardens and tears himself away from the context of things and beings. Then he becomes a self-contained being who falls out of the context, since he cannot bring his deeds and actions into harmony with the whole. This was shown to the students of the Mysteries in relation to everything a human being can do. He can degenerate to the point of being torn apart and betrayed by the objective world, because in doing so he loses his self, and he can degenerate in the opposite direction—not merely in bravery, but in every deed—to the point of hardening within himself. Therefore, the meaningful word was written everywhere above the moral code of the Mysteries: You must find the middle way, so that through your deeds you do not lose yourself to the world, and so that the world does not lose you either.
[ 7 ] Das sind die zwei möglichen Dinge, in die der Mensch hineingeraten kann: Entweder kann er verloren gehen für die Welt, die Welt ergreift ihn, zermürbt ihn, wie bei der Tollkühnheit, oder die Welt kann verloren gehen für ihn, weil er sich verhärtet in seinem Egoismus, wie es bei der Feigheit der Fall ist. So sagte man den Schülern in den Mysterien: Es kann überhaupt kein Gutes geben, das als ein einmaliges, ruhiges Gutes bloß angestrebt zu werden braucht, vielmehr entsteht ein Gutes nur dadurch, daß der Mensch fortwährend, wie ein Pendel, nach zwei Seiten ausschlagen kann und durch seine innere Kraft die Möglichkeit des Gleichgewichts, des mittleren Maßes findet.
[ 7 ] These are the two possible situations into which a person can fall: Either they can be lost to the world—the world seizes them and wears them down, as in the case of recklessness—or the world can be lost to them because they harden themselves in their selfishness, as is the case with cowardice. This is what was said to the students in the Mysteries: There can be no good whatsoever that merely needs to be strived for as a singular, static good; rather, good arises only through the fact that a person can continually swing back and forth like a pendulum and, through their inner strength, find the possibility of balance, of the golden mean.
[ 8 ] Sehen Sie, da haben Sie alles, was Sie in die Möglichkeit versetzt, die Freiheit des Willens und die Bedeutung der Vernunft und Weisheit im menschlichen Handeln zu verstehen. Wenn es dem Menschen angemessen wäre, ewige Moralprinzipien einzuhalten, dann brauchte er diese Moralprinzipien sich nur anzueignen und er könnte gleichsam mit gebundener Marschroute durch das Leben gehen. So ist das Leben aber niemals. Die Freiheit des Lebens besteht vielmehr darinnen, daß der Mensch immer die Möglichkeit hat, nach zwei Seiten abzuirren. Dadurch ist dann auch die Möglichkeit des Schlechten, die Möglichkeit des Bösen gegeben. Denn was ist denn das Böse? Das Böse ist dasjenige, was entsteht, wenn der Mensch sich entweder an die Welt verliert oder wenn die Welt den Menschen verliert. In der Vermeidung von beiden besteht dasjenige, was wir das Gute nennen können. Dadurch ist das Böse im Laufe der Evolution, indem der Mensch von Inkarnation zu Inkarnation ging, möglich geworden, daß die Menschen einmal nach der einen Seite, einmal nach der anderen Seite abirrten, und weil sie nicht immer das Gleichgewicht fanden, genötigt waren, in einer zukünftigen Zeit karmisch den Ausgleich zu schaffen. Was eben nicht erreicht werden kann in einem Leben, weil man nicht immer die Mitte trifft, das wird erreicht im Laufe der Evolution, indem der Mensch einmal nach der einen Seite abirrt, dann aber gezwungen wird, im nächsten Leben vielleicht nach der anderen Seite wiederum auszuschlagen und so den Ausgleich zu schaffen.
[ 8 ] You see, there you have everything that enables you to understand the freedom of the will and the significance of reason and wisdom in human action. If it were appropriate for human beings to adhere to eternal moral principles, then they would need only to adopt these moral principles and could, as it were, go through life following a set course. But life is never like that. Rather, the freedom of life consists in the fact that human beings always have the possibility of straying in two directions. This also gives rise to the possibility of the bad, the possibility of evil. For what is evil? Evil is that which arises when human beings either lose themselves to the world or when the world loses human beings. In the avoidance of both lies what we can call the good. Thus, in the course of evolution, as human beings passed from incarnation to incarnation, evil became possible because people strayed sometimes to one side, sometimes to the other, and because they did not always find balance, they were compelled to create karmic equilibrium in a future time. What cannot be achieved in a single lifetime—because one does not always strike the middle ground—is achieved in the course of evolution, as humanity strays toward one side at one time, but is then compelled, perhaps in the next life, to swing toward the other side again, thereby creating balance.
[ 9 ] Das, was ich Ihnen erzählt habe, ist eine goldene Regel der alten Mysterien gewesen. Wie so vielfach, finden wir auch in diesem Falle bei den Philosophen des Altertums noch einen Nachklang von diesem Mysteriengrundsatz, und wir finden bei Aristoteles, da wo er von der Tugend spricht, einen Ausspruch, den wir nicht anders verstehen können, als wenn wir wissen, daß das, was jetzt gesagt worden ist, ein alter Mysteriengrundsatz war, den Aristoteles überliefert bekommen und seiner Philosophie einverleibt hat.
[ 9 ] What I have told you was a golden rule of the ancient mysteries. As is so often the case, we find in this instance as well an echo of this mystery principle among the philosophers of antiquity, and we find in Aristotle, where he speaks of virtue, a statement that we cannot understand otherwise than by knowing that what has just been said was an ancient mystery principle that Aristotle received as a tradition and incorporated into his philosophy.
[ 10 ] Daher die merkwürdige Definition des Aristoteles von der Tugend, die da heißt: Tugend ist eine von vernünftigen Einsichten geleitete menschliche Fertigkeit, die mit Bezug auf den Menschen die Mitte hält zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig.
[ 10 ] Hence Aristotle’s curious definition of virtue, which states: Virtue is a human faculty guided by rational insights that, in relation to human beings, maintains the middle ground between excess and deficiency.
[ 11 ] Damit ist in der Tat von Aristoteles gegeben die Definition der Tugend, wie sie von keiner Philosophie später wieder erreicht worden ist. Weil Aristoteles die Tradition aus den Mysterien hatte, daher vermochte er wirklich das Richtige zu treffen. Das ist also die berühmte Mitte, die eingehalten werden muß, wenn der Mensch wirklich tugendhaft sein soll, wenn moralische Kraft die Welt durchpulsen soll.
[ 11 ] Aristotle thus provided a definition of virtue that no subsequent philosophy has ever matched. Because Aristotle drew on the tradition of the Mysteries, he was truly able to hit the mark. This, then, is the famous middle ground that must be maintained if humanity is to be truly virtuous, if moral strength is to pulse through the world.
[ 12 ] Aber jetzt können wir uns auch die Frage beantworten, warum überhaupt Moral da sein soll. Was ist denn dann der Fall, wenn keine Moral da ist, wenn das Schlechte geschieht, wenn das Zuviel oder das Zuwenig, das Sichverlieren des Menschen an die Welt durch das Zermalmen oder das Verlieren des Menschen von seiten der Welt geschieht? In jedem dieser Fälle wird immer etwas zerstört. Jedes Schlechte, jedes Unmoralische ist eine Zerstörung, ein Zerstörungsprozeß, und in dem Augenblicke, wo der Mensch einsieht, daß er gar nicht anders kann, als etwas zerstören, als der Welt etwas nehmen, wenn er das Schlechte tut, wirkt das Moment des Guten in überwältigendem Sinne auf den Menschen ein. Dies aber ist besonders die Aufgabe der theosophischen Weltanschauung, die jetzt eigentlich erst beginnt in die Welt ihren Einzug zu halten: klar zu machen, daß alles Böse einen Zerstörungsprozeß bewirkt, etwas hinwegnimmt aus der Welt, auf das gerechnet ist.
[ 12 ] But now we can also answer the question of why morality should exist at all. What happens, then, when there is no morality, when evil occurs, when there is too much or too little, when a person loses themselves to the world through being crushed, or when the world causes a person to lose themselves? In each of these cases, something is always destroyed. Every evil, every immoral act is a destruction, a process of destruction, and the moment a person realizes that they have no choice but to destroy something, to take something from the world, when they do evil, the force of the good exerts an overwhelming influence upon them. But this is precisely the task of the theosophical worldview, which is only now beginning to make its way into the world: to make it clear that all evil brings about a process of destruction, taking something away from the world that is counted upon.
[ 13 ] Wenn wir nun im Sinne unserer theosophischen Weltanschauung uns halten an dieses Prinzip, das wir eben geltend gemacht haben, so führt uns dasjenige, was wir wissen über die Natur des Menschen, zu einer besonderen Ausgestaltung des Guten und auch des Bösen. Wir wissen, daß die Empfindungsseele sich vorzugsweise entwickelt hat in der alten chaldäischen Entwickelungsepoche, im dritten nachatlantischen Zeitraume. Was diese Entwickelungsepoche damals war, davon hat das heutige Leben wenig Ahnung. Kaum gelangt man in der äußeren Geschichte weiter zurück als in die ägyptische Zeit. Wir wissen, daß die Verstandes- oder Gemütsseele in dem vierten Zeitraume, in der griechisch-lateinischen Zeit sich entwickelt hat, und daß wir jetzt in unserer Zeit dabei sind, die Bewußtseinsseele zu entwickeln. Das Geistselbst wird erst im sechsten Zeitraum der nachatlantischen Entwickelung zur Geltung kommen.
[ 13 ] If we now adhere to this principle—which we have just established—in accordance with our theosophical worldview, what we know about human nature leads us to a specific understanding of both good and evil. We know that the feeling soul developed primarily during the ancient Chaldean epoch of evolution, in the third post-Atlantean period. Modern life has little conception of what that epoch of evolution was like. In external history, we rarely go back further than the Egyptian era. We know that the intellectual or emotional soul developed during the fourth epoch, the Greco-Roman period, and that we are now in the process of developing the conscious soul. The Spirit-Self will not come to the fore until the sixth epoch of post-Atlantean development.
[ 14 ] Fragen wir uns zunächst einmal: Wie kann die Empfindungsseele nach der einen oder anderen Seite abirren von dem Richtigen? Die Empfindungsseele ist dasjenige, was den Menschen in die Lage versetzt, die Welt der Dinge zu empfinden, sie in sich aufzunehmen, Anteil zu nehmen an den Dingen, nicht durch die Welt zu gehen und unwissend zu bleiben bezüglich der Dinge, sondern so, daß wir ein Verhältnis zu denselben bekommen. Das alles bewirkt die Empfindungsseele. Die eine Seite, nach der der Mensch abirren kann, werden wir finden für die Empfindungsseele, wenn wir uns fragen: Was ist es denn überhaupt, was es dem Menschen möglich macht, zu den Dingen rings herum eine Beziehung zu haben? Was dem Menschen eine Beziehung zu den Dingen rings herum verschafft, ist dasjenige, was wir nennen können das Interesse an den Dingen. Mit diesem Wort Interesse ist etwas in moralischem Sinne ungeheuer Bedeutungsvolles ausgesprochen. Es ist viel wichtiger, daß man die moralische Bedeutung des Interesses ins Auge faßt, als daß man sich hingibt an tausend und abertausend schöne, wenn auch vielleicht nur scheinheilige, kleinliche Moralgrundsätze. Unsere moralischen Impulse werden in der Tat durch nichts besser geleitet, als wenn wir ein richtiges Interesse nehmen an den Dingen und Wesenheiten. Machen Sie sich das nur einmal klar. Wir haben im tieferen Sinne von der Liebe als Impuls im gestrigen Vortrage so gesprochen, daß wir nicht mißverstanden werden können, wenn wir jetzt das Folgende sagen: Selbst das gewöhnliche öftere Deklamieren von Liebe und Liebe und Liebe kann nicht ersetzen den moralischen Impuls, der in dem liegt, was man mit dem Worte Interesse bezeichnen kann.
[ 14 ] Let us first ask ourselves: How can the sensory soul stray from the right path in one direction or another? The sensory soul is what enables human beings to perceive the world of things, to take it in, to take an interest in things—not to go through the world remaining ignorant of things, but rather to form a relationship with them. The sensory soul brings all this about. We will find one direction in which a person can stray with regard to the soul of sensation if we ask ourselves: What is it, after all, that makes it possible for a person to have a relationship with the things around them? What gives a person a relationship with the things around them is what we can call an interest in things. This word “interest” expresses something of immense significance in a moral sense. It is far more important to grasp the moral significance of interest than to devote oneself to a thousand and one beautiful, though perhaps merely hypocritical, petty moral principles. Our moral impulses are in fact guided by nothing better than when we take a genuine interest in things and beings. Just make that clear to yourself. We spoke in yesterday’s lecture about love as an impulse in a deeper sense, so that we cannot be misunderstood when we now say the following: Even the ordinary, frequent declamation of love, love, and love cannot replace the moral impulse that lies in what can be described by the word “interest.”
[ 15 ] Nehmen wir an, wir haben ein Kind vor uns. Was ist die Vorbedingung, daß wir uns dem Kinde widmen, was ist die Vorbedingung dazu, daß wir das Kind vorwärts bringen? Die Vorbedingung ist, daß wir Interesse an seinem Wesen nehmen. Es gehört schon eine Ungesundheit der menschlichen Seele dazu, wenn der Mensch sich zurückzieht vor etwas, woran er Interesse nehmen soll. Immer mehr und mehr wird man es erkennen, daß der Impuls des Interesses ein ganz besonders goldener Impuls in moralischem Sinne ist, je weiter man vorschreiten wird zu den wirklichen moralischen Grundlagen und nicht bloß moralische Predigten halten will. Daß wir unser Interesse erweitern, daß wir die Möglichkeit finden, uns verständnisvoll hineinzuversetzen in die Dinge und Wesen, das ruft unsere Kräfte im Innern auf, auch den Menschen gegenüber.
[ 15 ] Let us suppose we have a child before us. What is the prerequisite for us to devote ourselves to the child? What is the prerequisite for us to help the child progress? The prerequisite is that we take an interest in the child’s being. It is a sign of an unhealthy human soul when a person withdraws from something in which they should take an interest. The further one advances toward the true moral foundations—rather than merely delivering moral sermons—the more one will recognize that the impulse of interest is a particularly golden impulse in the moral sense. The fact that we expand our interest, that we find the ability to empathize with things and beings, calls upon our inner strength, even in our dealings with other people.
[ 16 ] Selbst das Mitleid wird in entsprechend richtiger Weise wachgerufen, wenn wir Interesse an einem Wesen haben. Und wenn wir als Theosophen uns die Aufgabe stellen, unser Interesse immer mehr und mehr zu erweitern, unseren Horizont immer größer und größer zu machen, dann wird auch die allgemeine menschliche Brüderlichkeit dadurch gehoben werden. Nicht durch Predigen von allgemeiner Menschenliebe können wir vorwärts kommen, sondern dadurch, daß wir unsere Interessen immer weiter und weiter treiben, so daß wir es immer mehr dazu bringen, uns für Seelen mit den verschiedensten Temperamenten, mit den verschiedensten Charakteranlagen, Rasseneigentümlichkeiten, Nationaleigentümlichkeiten, mit den verschiedensten religiösen und philosophischen Bekenntnissen zu interessieren und ihnen Verständnis entgegenzubringen. Das richtige Verständnis, das richtige Interesse ruft aus der Seele heraus die richtige moralische Tat.
[ 16 ] Even compassion is aroused in the proper way when we take an interest in a being. And if, as Theosophists, we set ourselves the task of expanding our interest more and more, of broadening our horizons ever wider, then universal human brotherhood will also be elevated as a result. We cannot make progress by preaching universal love for humanity, but rather by driving our interests ever further and further, so that we increasingly bring ourselves to take an interest in and show understanding toward souls with the most diverse temperaments, the most diverse character traits, racial characteristics, national characteristics, and the most diverse religious and philosophical beliefs. True understanding and genuine interest give rise to the right moral action from within the soul.
[ 17 ] Hier ist es auch so, daß der Mensch sich in der Mitte zwischen zwei Extremen halten muß. Das eine Extrem ist der Stumpfsinn, der an allem vorbeigeht und das ungeheure moralische Unglück in der Welt anrichtet, der nur in sich selber lebt und eigensinnig auf seinen Prinzipien besteht, der nur immer sagt: Das ist mein Standpunkt. Das Standpunkthaben ist in moralischer Beziehung überhaupt etwas Schlimmes. Ein offenes Auge haben für alles, was uns umgibt, das ist das Wesentliche für uns. Stumpfsinn hebt uns heraus aus der Welt, während das Interesse uns in dieselbe hineinversetzt. Die Welt verliert uns durch unseren Stumpfsinn und wir werden unmoralisch. So sehen wir, daß Stumpfsinn und Interesselosigkeit an der Welt im höchsten Grade moralische Übel sind.
[ 17 ] Here, too, it is the case that one must maintain a balance between two extremes. One extreme is the dull-witted person who is oblivious to everything and causes immense moral misery in the world, who lives only within himself and stubbornly insists on his principles, who always says: That is my point of view. Having a point of view is, in moral terms, a bad thing altogether. Keeping an open eye on everything that surrounds us—that is what is essential for us. Apathy lifts us out of the world, while interest places us within it. The world loses us through our apathy, and we become immoral. Thus we see that apathy and disinterest in the world are moral evils of the highest degree.
[ 18 ] Nun ist die Theosophie aber gerade eine solche Sache, die den Geist immer reger und reger macht, die uns hilft, das Geistige besser zu denken, es in uns aufzunehmen. So wahr es ist, daß Wärme entsteht aus Feuer, wenn wir im Ofen einheizen, so wahr ist es, daß Interesse an allem Menschlichen und an allen Wesen entsteht, wenn wir uns theosophische Weisheit aneignen. Weisheit ist das Heizmaterial für das Interesse, und wir können einfach sagen, wenn es auch nicht gleich sichtbar ist, daß die Theosophie, wenn sie jene entfernteren Dinge, die Lehre von Saturn, Sonne und Mond, von Karma und so weiter studiert, in uns dann wiedererstehen läßt dieses Interesse. Es geschieht wirklich so, daß das Interesse es ist, was als Umwandlungsprodukt ersteht aus den theosophischen Erkenntnissen, während aus materialistischen Erkenntnissen dasjenige entsteht, was wir heute leider so blühen sehen und was in radikaler Art als der Stumpfsinn bezeichnet werden muß, der, wenn er allein gelten würde in der Welt, ungeheures Unheil anrichten müßte.
[ 18 ] But theosophy is precisely the kind of thing that makes the mind ever more active, that helps us to think more clearly about the spiritual realm and to absorb it within ourselves. Just as it is true that heat arises from fire when we stoke the stove, so it is true that interest in all that is human and in all beings arises when we acquire theosophical wisdom. Wisdom is the fuel for interest, and we can simply say—even if it is not immediately apparent—that when Theosophy studies those more distant things, the teachings of Saturn, the Sun, and the Moon, of karma, and so on, it reawakens this interest within us. It is indeed the case that interest is what arises as a product of transformation from theosophical insights, whereas from materialistic insights arises that which we unfortunately see flourishing today and which must be described in radical terms as dullness—a dullness that, if it were to prevail alone in the world, would cause immense harm.
[ 19 ] Sehen Sie einmal, wie viele Menschen durch die Welt gehen, wie sie diesen oder jenen Menschen begegnen, aber im Grunde genommen die Menschen nicht kennen lernen, denn sie sind ganz in sich beschlossen, diese Menschen. Wie oft erfahren wir es, daß zwei Menschen seit längerer Zeit Freundschaft geschlossen haben und es dann plötzlich zu einem Bruche kommt. Das rührt daher, daß die Impulse zu der Freundschaft materialistischer Art waren, und nach längerer Zeit stellt sich dann erst für die Beteiligten heraus, daß sie die gegenseitigen unsympathischen Charaktereigenschaften bis jetzt nicht bemerkt hatten. Die wenigsten Menschen haben ein offenes Auge heute für das, was von Mensch zu Mensch spricht. Gerade das ist es aber, was die Theosophie bewirken soll: unseren Sinn dahin zu erweitern, daß wir ein offenes Auge und eine offene Seele bekommen für alles, was Menschliches um uns herum ist, damit wir nicht stumpf, sondern mit richtigem Interesse durch die Welt gehen.
[ 19 ] Just look at how many people go through life, encountering this person or that, yet ultimately never really getting to know them, for these people are completely closed off within themselves. How often do we hear of two people who have been friends for a long time and then suddenly fall out? This stems from the fact that the impulses behind the friendship were of a materialistic nature, and only after a long time does it become clear to those involved that they had not noticed each other’s unsympathetic character traits until now. Very few people today have an open eye for what speaks from person to person. Yet this is precisely what Theosophy is meant to achieve: to expand our consciousness so that we develop an open eye and an open soul for everything human around us, so that we may walk through the world not with indifference, but with genuine interest.
[ 20 ] Das andere Extrem vermeiden wir auch hier, indem wir unterscheiden zwischen dem wirklichen, richtigen Interesse und dem falschen, und dabei die richtige Mitte halten. Sich jedem Wesen, das sich darbietet, sogleich in die Arme werfen, ist leidenschaftliches Sichselbstverlieren an die Wesen und kein wirkliches Interesse. Wenn wir das tun, dann verlieren wir uns an die Welt. Durch den Stumpfsinn verliert die Welt uns, durch sinnlose Leidenschaftlichkeit, die sich benebelt in der Hingabe, verlieren wir uns an die Welt. Durch das gesunde Interesse stehen wir moralisch fest auf dem Standpunkt der Mitte, des Gleichgewichts.
[ 20 ] Here, too, we avoid the other extreme by distinguishing between genuine, proper interest and false interest, thereby maintaining the proper balance. To immediately throw oneself into the arms of every being that presents itself is a passionate loss of self to those beings and not true interest. If we do that, we lose ourselves to the world. Through apathy, the world loses us; through senseless passion, which clouds our judgment in devotion, we lose ourselves to the world. Through healthy interest, we stand morally firm on the middle ground, the point of balance.
[ 21 ] Sehen Sie, in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, also in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, da war eine gewisse Kraft noch in der Majorität der Erdenbevölkerung vorhanden, die man nennen kann den Impuls zur Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Stumpfsinn und leidenschaftlich sich betäubender Hingabe an die Welt; und das ist es, was man in alten Zeiten und auch noch bei Plato und Aristoteles genannt findet: die Weisheit. Aber die Menschen sahen das als Gabe übermenschlicher Wesen an, denn es waren bis in jene Zeiten hinein regsam die alten Impulse der Weisheit. Daher können wir von diesem Gesichtspunkte aus, namentlich in bezug auf die moralischen Impulse, die dritte nachatlantische Kulturepoche diejenige Epoche nennen, wo die Weisheit instinktiv wirkt. Daher, wenn wir zurückgehen in diesen Zeitraum, sprechen wir auch so, daß wir empfinden: Es ist wahr, was in ganz anderer Absicht im vorigen Jahre dargestellt worden ist in den Kopenhagener Vorträgen, deren Inhalt vorliegt in dem Büchelchen: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit»; es ist wahr, was wir dadurch ausdrückten, daß die Menschen damals noch näher standen den göttlich-geistigen Mächten. Und wodurch die Menschen noch näher standen den göttlich-geistigen Mächten, das war für die dritte nachatlantische Epoche die instinktive Weisheit.
[ 21 ] You see, in the third post-Atlantean cultural epoch—that is, the Egyptian-Chaldean period—there was still a certain force present in the majority of the Earth’s population that can be described as the impulse to maintain a balance between dullness and a passionate, self-numbing devotion to the world; and that is what is referred to in ancient times, and even by Plato and Aristotle: wisdom. But people regarded this as a gift from superhuman beings, for the ancient impulses of wisdom were still active right up to those times. Therefore, from this point of view, particularly with regard to moral impulses, we can call the third post-Atlantean cultural epoch the epoch in which wisdom acts instinctively. Therefore, when we go back to this period, we also speak in such a way that we feel: It is true what was presented last year with a completely different intention in the Copenhagen lectures, the content of which is available in the little book: “The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity”; it is true what we expressed through the fact that people at that time were still closer to the divine-spiritual powers. And what brought people even closer to the divine-spiritual powers was, for the third post-Atlantean epoch, instinctive wisdom.
[ 22 ] Es war also eine Göttergabe dazumal, zu finden die richtige Mitte im Handeln, der damaligen Zeit angemessen, zwischen Stumpfsinn und sinnlos leidenschaftlicher Hingabe. Dieser Ausgleich, dieses Gleichgewicht wurde durch die äußeren Einrichtungen in jener Zeit noch aufrecht erhalten. Es war noch nicht jenes völlige Untereinandermischen der Menschheit vorhanden, das im vierten Zeitraum der nachatlantischen Entwickelung durch den Völkerwanderungsprozeß eingetreten ist. Es waren die Menschen noch abgeschlossen in Völker- und Stammessysteme. Da waren die Interessen von Natur aus weisheitsvoll geregelt und so weit rege, daß die richtigen moralischen Impulse durchdringen konnten; und auf der anderen Seite war durch das Gegebensein der Blutsbrüderschaft bei den Stämmen ein Riegel vorgeschoben der sinnlosen Leidenschaft. Sie werden es schon bei der Betrachtung des Lebens zugeben, daß man am leichtesten, auch in unserer Zeit noch, ein Interesse innerhalb dessen findet, was Blutsverwandtschaft oder Abstammung betrifft. Da ist aber auch nicht vorhanden, was man sinnlose Leidenschaft nennt. Weil aber die Menschen auf einem kleineren Gebiete vereinigt waren in der ägyptisch-chaldäischen Zeitperiode, war die weisheitsvolle Mitte leicht da. Das ist aber der Sinn der Vorwärtsentwickelung der Menschheit, daß das, was ursprünglich instinktiv, was nur göttlich-geistig war, allmählich verschwindet, und daß die Menschen selbständig werden gegenüber den göttlich-geistigen Mächten.
[ 22 ] Back then, it was a gift from the gods to find the right balance in one’s actions—appropriate to the times—between apathy and senseless, passionate devotion. This balance was still maintained by the social structures of that era. There was not yet that complete intermingling of humanity that occurred in the fourth period of post-Atlantean development through the process of the Migration Period. People were still enclosed within national and tribal systems. There, interests were naturally and wisely regulated and sufficiently active to allow the right moral impulses to permeate; and on the other hand, the existence of blood brotherhood among the tribes acted as a barrier against senseless passion. You will admit, upon reflecting on life, that even in our time it is easiest to find an interest within the realm of blood kinship or descent. Yet what is called senseless passion is absent there. But because people were united within a smaller territory during the Egyptian-Chaldean period, the wise middle ground was readily available. But this is the meaning of humanity’s forward development: that what was originally instinctive, what was purely divine-spiritual, gradually disappears, and that human beings become independent of the divine-spiritual powers.
[ 23 ] Daher sehen wir, daß schon in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, im griechisch-lateinischen Zeitraume, die Philosophen Plato und Aristoteles, aber auch die öffentliche Meinung in Griechenland, die Weisheit als etwas betrachteten, was errungen werden muß, als etwas, was nicht mehr Göttergabe ist, sondern erstrebt werden muß. Die erste Tugend bei Plato ist die Weisheit, und derjenige ist unmoralisch bei Plato, der nicht Weisheit anstrebt.
[ 23 ] Thus we see that as early as the fourth post-Atlantean cultural epoch, the Greco-Roman period, the philosophers Plato and Aristotle, as well as public opinion in Greece, regarded wisdom as something that must be attained, as something that is no longer a gift from the gods but must be striven for. For Plato, the foremost virtue is wisdom, and anyone who does not strive for wisdom is considered immoral by Plato.
[ 24 ] Wir sind jetzt im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum. Da sind wir noch weit entfernt von dem Punkte, wo die Weisheit, die wie ein göttlicher Impuls der Menschheit instinktiv eingepflanzt ist, derselben wieder bewußt sein wird. Daher ist in unserer Zeit ganz besonders die Möglichkeit vorhanden, daß von den Menschen abgeirrt wird nach den beiden angeführten Richtungen. Daher besteht auch besonders in unserer Zeit die Notwendigkeit, daß den großen Gefahren, die in diesem Punkte zu finden sind, entgegengearbeitet wird durch eine spirituelle, durch eine theosophische Weltanschauung, damit das, was die Menschen einstmals als instinktive Weisheit gehabt haben, jetzt zur bewußten Weisheit werden kann. Das ist das Wesen der theosophischen Bewegung, daß das, was die Menschen früher instinktiv hatten, jetzt errungen wird als bewußtes Weisheitsgut. Was ist es anderes, als daß die Götter der unbewußten Menschenseele die Weisheit einst als etwas wie Instinktives gegeben haben, während wir jetzt die Weisheiten über den Kosmos und über die Menschheitsentwickelung uns erst aneignen müssen ? Die alten Sitten waren ja auch nach den Gedanken der Götter gemacht. Wir sehen die Theosophie im richtigen Sinne an, wenn wir sie als die Erforschung der Göttergedanken ansehen. Dazumal waren sie instinktiv in die Menschen eingeflossen; heute müssen wir sie erforschen, zu unserem Wissen erheben. In dieser Beziehung muß uns also Theosophie etwas Göttliches sein. Wir müssen in einer ehrfürchtigen Stimmung sein können darüber, daß die Gedanken, die uns durch die Theosophie vermittelt werden, wirklich etwas Göttliches sind, etwas, was wir Menschen denken dürfen, was wir nachdenken dürfen, nachdem es die göttlichen Gedanken waren, nach denen die Welt eingerichtet worden ist. Wenn uns Theosophie das ist, dann stehen wir den Dingen so gegenüber, daß wir begreifen: sie sind uns gegeben zur Ausführung unserer Mission. Wenn wir studieren das, was uns mitgeteilt worden ist über die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, über Reinkarnation, über die Entwickelung einzelner Rassen und so weiter, so werden uns gewaltige Aufschlüsse zuteil werden. Aber nur dann stellen wir uns in der richtigen Weise dem gegenüber, wenn wir uns sagen: Die Gedanken, die wir suchen, sind die Gedanken, nach denen die Götter die Evolution geleitet haben. Wir denken die Evolution der Götter. Verstehen wir das richtig, dann kommt aber auch über uns etwas tief Moralisches. Das kann nicht ausbleiben. Dann sagen wir uns: In alten Zeiten haben die Menschen von den Göttern instinktive Weisheit gehabt. Die Götter haben ihnen die Weisheit, nach denen sie die Welt gestaltet haben, mitgegeben. Dadurch war moralisches Handeln möglich. Nun aber verschaffen wir uns die Weisheit bewußt in der Theosophie. Also dürfen wir auch das Vertrauen haben, daß diese Weisheit sich umsetzen wird in uns in moralische Impulse, so daß wir aufnehmen nicht bloß theosophische Weisheit, sondern mit der Theosophie auch moralische Impulse.
[ 24 ] We are now in the fifth post-Atlantean cultural epoch. We are still far from the point where the wisdom that is instinctively implanted in humanity like a divine impulse will once again become conscious to it. Therefore, in our time there is a particular danger that people will stray in the two directions mentioned. Hence, there is also a particular need in our time to counteract the great dangers inherent in this situation through a spiritual, through a theosophical worldview, so that what people once possessed as instinctive wisdom may now become conscious wisdom. This is the essence of the Theosophical Movement: that what people once possessed instinctively is now attained as a conscious treasure of wisdom. What else is it but that the gods once bestowed wisdom upon the unconscious human soul as something instinctive, whereas we must now first acquire for ourselves the wisdom concerning the cosmos and the development of humanity? The ancient customs were, after all, also shaped according to the thoughts of the gods. We view Theosophy in the proper sense when we regard it as the exploration of the gods’ thoughts. In those days, they flowed instinctively into human beings; today we must explore them and elevate them to our knowledge. In this respect, therefore, Theosophy must be something divine to us. We must be able to approach this with a sense of reverence, recognizing that the thoughts conveyed to us through Theosophy are truly something divine—something we humans are permitted to think about and reflect upon, since they were the divine thoughts according to which the world was created. If Theosophy is this to us, then we face these matters in such a way that we understand: they are given to us for the fulfillment of our mission. When we study what has been communicated to us about the Saturn, Sun, and Moon evolutions, about reincarnation, about the evolution of individual races, and so on, we will be granted profound insights. But we will only approach this in the right way if we tell ourselves: The thoughts we seek are the thoughts by which the gods have guided evolution. We think the evolution of the gods. If we understand this correctly, then something deeply moral will also come over us. That cannot fail to happen. Then we say to ourselves: In ancient times, people possessed instinctive wisdom from the gods. The gods imparted to them the wisdom by which they shaped the world. This made moral action possible. Now, however, we consciously acquire this wisdom through Theosophy. Therefore, we may also have confidence that this wisdom will be transformed within us into moral impulses, so that we absorb not merely Theosophical wisdom, but also moral impulses through Theosophy.
[ 25 ] In was für moralische Impulse wird sich nun umsetzen das theosophische Streben, gerade auf dem Gebiete des Weisheitsdaseins? Da müssen wir nun einen Punkt berühren, dessen Entwickelung allerdings der Theosoph voraussehen kann, dessen tiefe moralische Bedeutung, dessen moralisches Gewicht der Theosoph sogar voraussehen soll, einen Punkt der Entwickelung, der weit entfernt ist von dem, was heute üblich ist, nämlich das, was Plato noch nannte das Weisheitsideal. Weil er es nannte mit den Worten, die üblich sind da, wo Weisheit noch instinktiv in den Menschen drinnen lebte, so tun wir gut, diesen Ausdruck durch ein anderes Wort zu ersetzen. Wir tun gut, es zu ersetzen durch das Wort Wahrhaftigkeit, weil wir individueller geworden sind, weil wir uns entfernt haben von dem Göttlichen und daher wieder zu ihm zurückstreben müssen. Wir müssen lernen, das volle Gewicht des Wortes Wahrhaftigkeit zu empfinden, und es wird dies in moralischer Beziehung ein Ergebnis theosophischer Weltanschauung und theosophischer Gesinnung werden. Die Menschen werden die Wahrhaftigkeit durch die Theosophie empfinden lernen.
[ 25 ] What kind of moral impulses will theosophical striving give rise to, particularly in the realm of the life of wisdom? Here we must now touch upon a point whose development the theosophist can indeed foresee, whose profound moral significance and moral weight the theosophist is even meant to foresee—a point of development that is far removed from what is customary today, namely, what Plato still called the ideal of wisdom. Because he described it with words that were common where wisdom still lived instinctively within people, we would do well to replace this expression with another word. We would do well to replace it with the word “truthfulness,” because we have become more individualistic, because we have distanced ourselves from the Divine and must therefore strive to return to it. We must learn to feel the full weight of the word “truthfulness,” and in moral terms this will become a result of theosophical worldview and theosophical attitude. People will learn to feel truthfulness through theosophy.
[ 26 ] Die Theosophen von heute aber werden verstehen, wie notwendig es ist, dieses Moralische der Wahrhaftigkeit vollständig zu fühlen in einer Zeit, wo es der Materialismus dahin gebracht hat, daß man von der Wahrhaftigkeit zwar noch reden kann, daß aber das allgemeine Kulturleben weit davon entfernt ist, das Richtige dabei zu empfinden, das Richtige zu verspüren. Das kann heute nicht anders sein. Wahrheit ist etwas, was der gegenwärtigen Kultur im hohen Maße fehlen muß, wegen einer bestimmten Eigenschaft, die die gegenwärtige Kultur erhalten hat. Ich frage: Was findet ein Mensch heute noch dabei, wenn er in einer Zeitung oder in einer Druckschrift bestimmte Mitteilungen findet, und es stellt sich nachher heraus, daß es einfach nicht wahr ist, was da gesagt wird? Ich bitte sehr, denken Sie nach darüber. Man kann nicht sagen, daß es auf Schritt und Tritt geschieht, sondern man muß sagen, daß es sogar auf Viertelschritt und Vierteltritt passiert. Überall, wo es modernes Leben gibt, ist die Unwahrhaftigkeit eine Eigenschaft unserer gegenwärtigen Kulturepoche geworden, und es ist unmöglich, daß Sie die Wahrhaftigkeit als eine Eigenschaft unserer Epoche nennen können.
[ 26 ] Today’s Theosophists, however, will understand how necessary it is to fully grasp the moral dimension of truthfulness at a time when materialism has led to a situation where, although one can still speak of truthfulness, general cultural life is far removed from perceiving what is right in this regard, from sensing what is right. It cannot be otherwise today. Truth is something that must be sorely lacking in contemporary culture, due to a certain characteristic that contemporary culture has acquired. I ask: What does a person today even think when they find certain reports in a newspaper or a publication, and it later turns out that what is said there is simply not true? Please, do think about this. One cannot say that it happens at every turn, but one must say that it happens even at every quarter-turn. Everywhere modern life exists, untruthfulness has become a characteristic of our present cultural epoch, and it is impossible for you to name truthfulness as a characteristic of our epoch.
[ 27 ] Nehmen Sie einen Menschen, von dem Sie wissen, daß er selber etwas Falsches geschrieben oder gesagt hat, und halten Sie ihm das vor. Sie werden finden, daß er heute in der Regel gar keine Empfindung dafür hat, daß das Unrecht ist. Er wird sofort die Ausrede gebrauchen: Ja, ich habe es im guten Glauben gesagt. Die Theosophen dürfen es nicht als moralisch ansehen, wenn jemand sagt, daß er etwas Unrichtiges im guten Glauben gesagt hat. Die Menschen werden immer mehr verstehen lernen, daß man dazu kommen muß, zu wissen, daß das auch wirklich geschehen ist, was man behauptet. Man darf also nur dann etwas sagen oder mitteilen, nachdem man die Verpflichtung gefühlt und ausgeführt hat, zu prüfen, ob es auch so ist, zu vergleichen mit den Mitteln, die zu benutzen möglich sind. Erst wenn man dieser Verpflichtung inne wird, kann man die Wahrhaftigkeit als moralischen Impuls empfinden. Dann wird aber niemand mehr sagen, wenn er etwas Unrichtiges in die Welt gesetzt hat: Ich habe es so gemeint, ich habe es im guten Glauben gesagt. Denn er wird lernen, daß man nicht bloß verpflichtet ist, zu sagen, was man als richtig zu erkennen glaubt, sondern daß man verpflichtet ist, nur das zu sagen, was wahr ist, was richtig ist. Das wird nicht anders gehen, als daß in gewisser Beziehung eine radikale Änderung nach und nach in unserem Kulturleben eintreten muß. Die Schnelligkeit des Verkehrs, die Sensationslust der Menschen, überhaupt alles, was ein materialistisches Zeitalter im Gefolge hat, sind Gegner der Wahrhaftigkeit. Auf moralischem Gebiete wird die Theosophie eine Erzieherin der Menschheit zur Pflicht der Wahrhaftigkeit sein.
[ 27 ] Take a person whom you know has written or said something false, and confront them with it. You will find that, as a rule, they have no sense today that this is wrong. They will immediately use the excuse: “Yes, I said it in good faith.” Theosophists must not regard it as morally acceptable when someone says they said something incorrect in good faith. People will increasingly come to understand that one must be certain that what one claims actually happened. One may therefore only say or communicate something after having felt and fulfilled the obligation to verify whether it is indeed so, using the means available. Only when one becomes aware of this obligation can one experience truthfulness as a moral impulse. Then, however, no one will say anymore, when they have put something untrue into the world: “I meant it that way; I said it in good faith.” For they will learn that one is not merely obligated to say what one believes to be correct, but that one is obligated to say only what is true, what is correct. This will inevitably lead to a radical change gradually taking place in our cultural life. The speed of communication, people’s thirst for sensation, and indeed everything that accompanies a materialistic age are enemies of truthfulness. In the moral realm, Theosophy will serve as humanity’s teacher of the duty of truthfulness.
[ 28 ] Es ist heute nicht meine Aufgabe, davon zu sprechen, inwiefern die Wahrhaftigkeit heute schon in der Theosophischen Gesellschaft verwirklicht ist, aber es ist zu sagen, daß dasjenige, was heute ausgesprochen worden ist, im Prinzip ein hohes theosophisches Ideal sein muß. Genug wird die moralische Evolution innerhalb der theosophischen Bewegung zu tun haben, wenn nach allen Richtungen durchdacht, durchfühlt und empfunden werden wird das moralische Ideal der Wahrhaftigkeit.
[ 28 ] It is not my task today to discuss the extent to which truthfulness is already being realized within the Theosophical Society, but it must be said that what has been expressed today must, in principle, be a lofty theosophical ideal. Moral evolution within the Theosophical Movement will have enough to do once the moral ideal of truthfulness is thoroughly thought through, felt, and experienced in every direction.
[ 29 ] Dieses moralische Ideal der Wahrhaftigkeit wird heute dasjenige sein, was die Tugend in der Empfindungsseele des Menschen in der richtigen Weise bewirkt.
[ 29 ] This moral ideal of truthfulness is what today properly instills virtue in the human soul.
[ 30 ] Das zweite Seelenglied, das wir in der Theosophie aufzählen müssen, ist das, was wir gewöhnlich nennen die Verstandes- oder Gemütsseele. Sie wissen, daß es besonders in der vierten nachatlantischen Kulturepoche, in der griechisch-lateinischen Zeit seine Geltung gefunden hat. Die Tugend, die da besonders maßgebend ist für dieses Seelenglied, haben wir schon öfter angeführt, es ist der Starkmut, die Tapferkeit, das Mutvolle. Sie haben zu ihren Extremen die Tollkühnheit und die Feigheit. Das Mutvolle, der Starkmut, die Tapferkeit ist in der Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Das Wort der germanischen Sprache, das im Deutschen heißt Gemüt, drückt schon im Wortanklang aus, daß es in Beziehung dazu steht. Mit dem Worte Gemüt wird gerade der mittlere Teil der menschlichen Seele gemeint, das, was darin das Mutvolle, das Starke, das Kräftige ist. Das war auch die mittlere "Tugend bei Plato und Aristoteles. Das war diejenige Tugend, die in der vierten nachatlantischen Kulturperiode noch als ein göttliches Geschenk bei den Menschen vorhanden war, während die Weisheit eigentlich nur noch in der dritten nachatlantischen Kulturperiode wie instinktiv da war. Instinktive Tapferkeit und Starkmut, das können Sie aus den ersten Vorträgen entnehmen, war wie ein Göttergeschenk vorhanden bei den Menschen, die als Angehörige der vierten nachatlantischen Kulturperiode entgegengekommen sind der Ausbreitung des Christentums nach Norden. Sie zeigten, daß die Tapferkeit noch ein Göttergeschenk bei ihnen war. Während bei den Chaldäern die Weisheit, das weisheitsvolle Eindringen in die Geheimnisse der Sternenwelt wie ein Göttergeschenk, als etwas Inspiriertes vorhanden war, so war bei den Menschen des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes Tapferkeit und Starkmut vorhanden, namentlich bei den Griechen und Römern, und auch bei den Völkern, denen die Ausbreitung des Christentums übergeben war. Diese Tapferkeit ist später verloren gegangen als die Weisheit.
[ 30 ] The second aspect of the soul that we must mention in theosophy is what we usually call the intellectual or emotional soul. You know that it came to the fore especially during the fourth post-Atlantean cultural epoch, the Greco-Roman period. We have already mentioned on several occasions the virtue that is particularly characteristic of this soul element: it is fortitude, bravery, and courage. Its extremes are recklessness and cowardice. Courage, fortitude, and bravery lie in the middle between recklessness and cowardice. The word in the Germanic language, which in German is “Gemüt,” already expresses in its very sound that it is related to this. The word “Gemüt” refers precisely to the middle part of the human soul, that which is courageous, strong, and vigorous within it. This was also the middle “virtue” in Plato and Aristotle. It was the virtue that was still present among humans as a divine gift in the fourth post-Atlantean cultural epoch, whereas wisdom was actually only present as an instinct in the third post-Atlantean cultural epoch. Instinctive bravery and fortitude, as you can gather from the first lectures, were present as a gift from the gods among the people who, as members of the fourth post-Atlantean cultural epoch, met the spread of Christianity to the north. They demonstrated that bravery was still a gift from the gods among them. While among the Chaldeans wisdom—the wise penetration into the mysteries of the starry world—was present as a gift from the gods, as something inspired, so too was bravery and fortitude present among the people of the fourth post-Atlantean cultural period, namely among the Greeks and Romans, and also among the peoples to whom the spread of Christianity was entrusted. This bravery was lost later than wisdom.
[ 31 ] Wenn wir uns jetzt umsehen im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, dann müssen wir sagen: Wir sind in bezug auf diese Tapferkeit und diesen Starkmut in einer Lage, wie die Griechen mit Bezug auf die Weisheit es waren den Chaldäern und Ägyptern gegenüber. Wir sehen zurück auf dasjenige, was ein Göttergeschenk im unmittelbar vorhergehenden Zeitraum war und was wir in gewisser Weise wieder anstreben können. Aber nun haben uns ja gerade die zwei vorangegangenen Vorträge gezeigt, daß bei diesem Anstreben in gewisser Beziehung eine Umwandlung vor sich gehen muß. Von dem, was als Starkmut und Tapferkeit als ein Göttergeschenk einen äußerlichen Charakter hat, haben wir die Umwandlung gesehen bei Franz von Assisi. Wir haben die Umwandlung gesehen als Folge einer inneren moralischen Kraft, die wir gestern als die Kraft des ChristusImpulses erkannt haben. Die Umwandlung von Starkmut und Tapferkeit ergibt dann dasjenige, was echte Liebe ist. Diese echte Liebe muß aber geleitet werden von der anderen Tugend, von dem Interesse, von der Teilnahme an demjenigen Wesen, auf das wir die Liebe anwenden. Shakespeare hat in seinem «Timon von Athen» gezeigt, wie auch Liebe oder Gutherzigkeit, wenn sie leidenschaftlich auftritt, wenn sie bloß als Eigenschaft der menschlichen Natur erscheint, ohne von Weisheit und Wahrhaftigkeit geleitet zu werden, Schaden anrichtet. Wir finden da eine Persönlichkeit geschildert, die nach allen Seiten Güter verschwendet. Freigebigkeit ist eine Tugend; aber Shakespeare zeigt uns auch, daß lauter Parasiten geschaffen werden durch das, was da verschwendet wird.
[ 31 ] If we now look around at the fifth post-Atlantean cultural epoch, we must say: With regard to this bravery and fortitude, we are in a position similar to that of the Greeks with respect to wisdom in relation to the Chaldeans and Egyptians. We look back on what was a gift from the gods in the immediately preceding epoch and what we can, in a certain sense, strive for once more. But now the two preceding lectures have shown us that in this striving, a transformation must take place in a certain respect. We have seen this transformation in Francis of Assisi, where what was once external courage and bravery—a gift from the gods—has been transformed. We have seen this transformation as the result of an inner moral force, which we recognized yesterday as the power of the Christ impulse. The transformation of courage and bravery then yields what true love is. This genuine love, however, must be guided by another virtue: concern, or participation in the very being toward whom we direct our love. In his “Timon of Athens,” Shakespeare showed how even love or kindness, when it appears passionately, when it appears merely as a quality of human nature without being guided by wisdom and truthfulness, causes harm. There we find a character portrayed who squanders goods in every direction. Generosity is a virtue; but Shakespeare also shows us that nothing but parasites are created by what is squandered there.
[ 32 ] So müssen wir also sagen: Wie die alte Tapferkeit und der Starkmut geleitet wurden aus den Mysterien heraus von den europäischen Brahminen, von den sich zurückgezogen haltenden Weisen, so muß auch in der menschlichen Natur eine Leitung, ein Zusammenklingen der Tugend stattfinden mit dem Interesse. Das Interesse, das uns in der richtigen Weise mit der Außenwelt zusammenführt, das muß uns leiten und lenken, wenn wir uns mit unserer Liebe an die Außenwelt wenden. Im Grunde geht auch das aus dem charakteristischen, wenn auch radikalen Beispiele des Franz von Assisi hervor. Es war bei Franz von Assisi nicht ein Mitleid für die Menschen, das leicht auch etwas Aufdringliches und Beleidigendes haben kann, denn auch solche Menschen sind durchaus nicht immer von den richtigen moralischen Impulsen beseelt, die die anderen Menschen überschütten wollen mit ihrem Mitleide. Wieviele Menschen gibt es, die sich durchaus nichts aus Mitleid geben lassen wollen. Verständnisvolles Entgegenkommen ist aber etwas, das nichts Beleidigendes hat. Bemitleidet werden ist unter Umständen etwas, was der Mensch zurückweisen muß. Verständnis finden für sein Wesen ist etwas, das kein gesunder Mensch zurückweisen kann. Daher kann auch das Verhalten eines anderen Menschen nicht getadelt werden, der sich diesem Verständnis entsprechend in seinem Handeln verhält. Dieses Verständnis ist es, das uns leiten kann in bezug auf die zweite Tugend: die Liebe. Sie ist dasjenige, was durch den Christus-Impuls namentlich die "Tugend der Verstandes- oder Gemütsseele geworden ist; sie ist diejenige Tugend, die wir als die von menschlichem Verständnis begleitete, menschliche Liebe bezeichnen können.
[ 32 ] We must therefore say: Just as ancient bravery and fortitude were guided by the mysteries of the European Brahmins, the reclusive sages, so too must there be a guiding force in human nature—a harmonious union of virtue with interest. The interest that brings us together with the outside world in the right way must guide and direct us when we turn our love toward the outside world. Fundamentally, this also emerges from the characteristic, if radical, example of Francis of Assisi. In the case of Francis of Assisi, it was not a pity for people that can easily take on something intrusive and offensive, for even such people are by no means always inspired by the right moral impulses that others wish to shower upon them with their pity. How many people are there who do not want to be given anything out of pity? Understanding and consideration, however, are qualities that are in no way offensive. Being pitied is, under certain circumstances, something a person must reject. Finding understanding for one’s nature is something no healthy person can reject. Therefore, the behavior of another person who acts in accordance with this understanding cannot be criticized. It is this understanding that can guide us with regard to the second virtue: love. It is the virtue that, through the Christ impulse, has specifically become the “virtue of the intellectual or emotional soul”; it is the virtue that we can describe as human love accompanied by human understanding.
[ 33 ] Das Mitleid, die Mitfreude ist diejenige Tugend, welche in Zukunft die schönsten und herrlichsten Blüten im menschlichen Zusammenleben treiben muß, und in gewisser Weise werden bei demjenigen, welcher den Christus-Impuls in der richtigen Weise versteht, dieses Mitgefühl und diese Liebe, dieses Mitleiden und diese Mitfreude in entsprechender Weise entstehen, denn es wird daraus ein Gefühl werden. Gerade durch das theosophische Begreifen des Christus-Impulses wird diese Tatsache eintreten, daß es ein Gefühl werden wird.
[ 33 ] Compassion and shared joy are the virtues that must blossom most beautifully and magnificently in human coexistence in the future, and in a certain sense, in those who understand the Christ impulse correctly, this compassion and this love, this sympathy and this shared joy will arise accordingly, for they will become a feeling. It is precisely through the theosophical understanding of the Christ impulse that this will come to pass—that it will become a feeling.
[ 34 ] Der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha herabgestiegen in die Erdenentwickelung. Seine Impulse, seine Wirkungen sind da. Überall sind sie da. Warum ist er nun herabgestiegen auf diese Erde? Damit durch das, was er der Welt zu geben hat, die Evolution im richtigen Sinne vorwärts gehe, damit die Evolution der Erde mit dem aufgenommenen Christus-Impuls sich in der richtigen Weise vollziehen kann. Zerstören wir jetzt, nachdem der Christus-Impuls in der Welt ist, etwas durch das Unmoralische, durch das interesselose Vorbeigehen an unseren Mitmenschen, dann nehmen wir aus der Welt, in die der Christus-Impuls hineingeflossen ist, einen Teil heraus. Wir zerstören also an dem Christus-Impulse direkt etwas, weil er nun einmal da ist. Indem wir aber dasjenige der Welt geben, was durch die Tugend, die schaffend ist, der Welt gegeben werden kann, bauen wir auf. Wir bauen auf eben dadurch, daß wir hingeben. Es ist nicht umsonst gesagt worden oft und oft, daß der Christus zunächst gekreuzigt worden ist auf Golgatha, daß er aber fort und fort immer wieder gekreuzigt wird durch die Taten der Menschen. Da der Christus-Impuls durch die Tat auf Golgatha eingeflossen ist in die Erdenentwickelung, so beteiligen wir uns jederzeit durch das Unmoralische, das wir durch Lieblosigkeit, Interesselosigkeit und so weiter verüben, an den Leiden und Schmerzen, die dem auf die Erde gekommenen Christus zugefügt werden. Daher ist es immer und immer wieder gesagt worden: Stets aufs neue wird der Christus gekreuzigt, solange Unmoralität, Lieblosigkeit und Interesselosigkeit bestehen; da der Christus-Impuls die Welt durchdrungen hat, so ist es dieser, dem das Leid zugefügt wird.
[ 34 ] Through the Mystery of Golgotha, the Christ descended into the evolution of the Earth. His impulses, his effects are present. They are present everywhere. Why, then, did he descend to this Earth? So that, through what he has to give to the world, evolution might advance in the right sense, so that the evolution of the Earth, with the Christ impulse it has received, might unfold in the right way. If we now, after the Christ impulse has entered the world, destroy something through immorality, through our indifferent disregard for our fellow human beings, then we take a part out of the world into which the Christ impulse has flowed. We thus directly destroy something of the Christ impulse, precisely because it is there. But by giving to the world that which can be given through virtue—which is creative—we build it up. We build it up precisely by giving. It has not been said in vain, time and again, that Christ was first crucified on Golgotha, but that he is continually crucified again and again through the deeds of human beings. Since the Christ impulse flowed into the development of the Earth through the event at Golgotha, we participate at all times, through the immoral acts we commit through lack of love, indifference, and so on, in the sufferings and pains inflicted upon the Christ who came to Earth. That is why it has been said time and again: Christ is crucified anew as long as immorality, lack of love, and indifference persist; since the Christ impulse has permeated the world, it is to this impulse that the suffering is inflicted.
[ 35 ] Ebenso wie es wahr ist, daß wir durch das zerstörende Böse dem Christus-Impuls etwas entziehen und gleichsam die Kreuzigung auf Golgatha weiter fortsetzen, so ist es auch wahr, wenn wir in Liebe handeln, daß wir überall da, wo wir diese Liebe gebrauchen, dem Christus-Impulse Geltung verschaffen, ihm zum Leben verhelfen. «Was ihr einem der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Matthäus 25, 40), das ist das bedeutungsvollste Wort der Liebe, und dieses Wort muß der tiefste moralische Impuls werden, wenn es einmal theosophisch verstanden wird. Das tun wir, wenn wir verständnisvoll unseren Mitmenschen gegenüberstehen und ihnen dieses oder jenes zufügen, was aus dem Verständnisse ihres Wesens heraus unsere Handlungen, unsere Tugenden, unser Verhalten zu ihnen bedingt. Wir verhalten uns, insofern wir gegenüber dem Mitmenschen uns verhalten, gegenüber dem Christus-Impulse selber.
[ 35 ] Just as it is true that through destructive evil we deprive the Christ impulse of something and, as it were, continue the crucifixion on Golgotha, so it is also true that when we act in love, wherever we apply this love, we give the Christ impulse validity and help it to come to life. “Whatever you did for one of the least of these my brothers, you did for me” (Matthew 25:40)—these are the most significant words of love, and these words must become the deepest moral impulse once they are understood theosophically. We do this when we treat our fellow human beings with understanding and do for them this or that which, based on an understanding of their nature, determines our actions, our virtues, and our behavior toward them. Insofar as we behave toward our fellow human beings, we are behaving toward the Christ impulse itself.
[ 36 ] Das ist ein starker, moralischer Impuls, das ist etwas, was wirklich Moral begründet, wenn wir fühlen: Das Mysterium von Golgatha hat sich für alle Menschen vollzogen, und es ist ausgestreut von da ein Impuls in die ganze Welt. Stehst du deinen Mitmenschen gegenüber, so versuche sie zu verstehen in allen ihren Unterschieden, sei es nach Rasse, Farbe, Nationalität, sei es nach Religionsbekenntnis, Weltanschauung und so weiter. Stehst du ihnen gegenüber und tust ihnen dieses oder jenes, so tust du es dem Christus. Was du auch dem Mitmenschen tust, du tust es in der gegenwärtigen Erdenentwickelung dem Christus. Dieses Wort «Was ihr einem meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» wird für den, der die fundamentale Bedeutung des Mysteriums von Golgatha versteht, zugleich zu einem kräftigen moralischen Impulse. So daß wir sagen können: Während die Götter der vorchristlichen Zeit dem Menschen gegeben haben instinktive Weisheit, instinktiven Starkmut und instinktive Tapferkeit, strömt herunter von dem Symbolum des Kreuzes die Liebe, jene Liebe, die aufgebaut ist auf dem gegenseitigen Interesse von Mensch zu Mensch. Dadurch wird dieser Christus-Impuls in mächtiger Weise in der Welt wirken. Wenn einmal nicht nur der Brahmine den Brahminen, der Paria den Paria, der Jude den Juden, der Christ den Christen lieben und verstehen wird, sondern wenn der Jude den Christen, der Paria den Brahminen, der Amerikaner den Asiaten als Mensch zu verstehen und sich in ihn zu versetzen vermag, dann wird man auch wissen, wie tief christlich empfunden es ist, wenn wir sagen: Ohne Unterschied eines jeglichen äußeren Bekenntnisses muß Brüderlichkeit unter den Menschen sein. Gering soll man achten dasjenige, was uns sonst verbindet. Vater, Mutter, Bruder, Schwester, selbst das eigene Leben sollen wir geringer achten als dasjenige, was von Menschenseele zu Menschenseele spricht. Wer nicht in diesem Sinne gering achtet, was die Zugehörigkeit zu dem die menschlichen Unterschiede ausgleichenden Christus-Impuls beeinträchtigt, wer nicht gering achtet die Differenzierungen, der kann nicht mein Jünger sein. Das ist der Impuls der Liebe, der ausströmt von dem Mysterium von Golgatha, den wir in dieser Beziehung wie eine Erneuerung dessen empfinden, was als ursprüngliche Tugend dem Menschen gegeben worden ist. Wir haben jetzt nur noch zu betrachten das, was wir als Tugend der Bewußtseinsseele ansprechen können: die Mäßigkeit, die Besonnenheit. Insofern wir im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum uns befinden, sind diese Tugenden noch immer instinktiv. Plato und Aristoteles haben sie genannt die hauptsächlichsten Tugenden der Bewußtseinsseele, indem sie sie wiederum als Gleichgewichtszustände aufgefaßt haben, als die Mitte von dem, was so in der Bewußtseinsseele vorhanden ist. Die Bewußtseinsseele besteht dadurch, daß sich der Mensch durch seine Körperlichkeit der Außenwelt bewußt wird. Der sinnliche Leib ist zunächst das Werkzeug der Bewußtseinsseele, und der sinnliche Leib ist es auch, durch den der Mensch sogar zum Ich-Bewußtsein kommt. Der sinnliche Leib muß daher erhalten werden. Würde der sinnliche Leib des Menschen für die Erdenmission nicht erhalten werden, dann könnte die Erdenmission nicht erfüllt werden.
[ 36 ] This is a powerful moral impulse; it is something that truly grounds morality when we feel: The mystery of Golgotha has been fulfilled for all people, and from there an impulse has been sent out into the whole world. When you face your fellow human beings, try to understand them in all their differences, whether by race, color, nationality, religious creed, worldview, and so on. When you stand before them and do this or that to them, you are doing it to Christ. Whatever you do to your fellow human being, in the present course of earthly development, you are doing it to Christ. This saying, “Whatever you did for one of the least of these brothers and sisters of mine, you did for me,” becomes at the same time a powerful moral impulse for those who understand the fundamental significance of the Mystery of Golgotha. So that we can say: While the gods of pre-Christian times gave humanity instinctive wisdom, instinctive fortitude, and instinctive bravery, love flows down from the symbol of the cross—that love which is built upon mutual concern from person to person. Through this, this Christ impulse will work powerfully in the world. Once not only the Brahmin loves the Brahmin, the Pariah the Pariah, the Jew the Jew, and the Christian the Christian, but when the Jew is able to understand the Christian, the Pariah the Brahmin, and the American the Asian as human beings and to put himself in their place, then one will also know how deeply Christian it is when we say: Without distinction of any external creed, there must be brotherhood among people. We should regard as of little importance whatever else binds us together. Father, mother, brother, sister, even our own life—we should regard these as of less importance than that which speaks from human soul to human soul. Whoever does not, in this sense, regard as of little importance that which impedes belonging to the Christ impulse that balances human differences, whoever does not regard the distinctions as of little importance, cannot be my disciple. This is the impulse of love that flows forth from the Mystery of Golgotha, which we perceive in this regard as a renewal of that which was given to humanity as an original virtue. We now have only to consider what we can address as the virtue of the consciousness soul: moderation, prudence. Insofar as we find ourselves in the fourth post-Atlantean cultural epoch, these virtues are still instinctive. Plato and Aristotle called them the principal virtues of the consciousness soul, understanding them in turn as states of equilibrium, as the middle ground of what is present in the consciousness soul. The consciousness soul exists in that human beings become conscious of the external world through their physicality. The physical body is first and foremost the instrument of the conscious soul, and it is also through the physical body that the human being attains even self-consciousness. The physical body must therefore be preserved. If the human being’s physical body were not preserved for the earthly mission, then the earthly mission could not be fulfilled.
[ 37 ] Aber eine Grenze besteht auch hier. Wenn der Mensch alle Kräfte, die er in sich hat, nur benützte, um zu genießen, dann schlösse er sich in sich ab, dann würde ihn die Welt verlieren. Der bloße Genußmensch, der alle Kraft, die er in sich hat, nur dazu gebraucht, so meinen Plato und Aristoteles, um sich Genüsse zu verschaffen, der schließt sich von der Welt ab, die Welt verliert ihn. Der Mensch, welcher sich alles versagt, macht sich immer schwächer und schwächer und wird endlich ergriffen von dem äußeren Weltprozeß, er wird zermürbt von dem äußeren Weltengang. Der, welcher hinausgeht über die Kräfte, die ihm als Mensch zugemessen sind, sie übertreibt, wird von dem Weltenprozeß ergriffen und verliert sich an die Welt. Das also, was der Mensch entwickelt hat zur Ausbildung der Bewußtseinsseele, kann zermürbt werden, so daß er in die Lage kommt, die Welt zu verlieren. Die Tugend, welche diese beiden Extreme vermeidet, ist die Mäßigkeit. Mäßigkeit ist also weder Askese noch Schwelgerei, sondern die richtige Mitte zwischen beiden. Und das ist die Tugend der Bewußtseinsseele.
[ 37 ] But there is a limit here as well. If a person were to use all the strength within him solely for the sake of pleasure, he would shut himself off from the world, and the world would lose him. The mere hedonist, who uses all the strength within him solely to procure pleasures—so Plato and Aristotle believe—shuts himself off from the world, and the world loses him. The person who denies himself everything grows weaker and weaker and is finally overtaken by the external course of the world; he is worn down by the external flow of the world. He who goes beyond the powers allotted to him as a human being, who overreaches them, is overtaken by the world’s process and loses himself to the world. Thus, what the human being has developed to form the conscious soul can be worn down, so that he finds himself in a position to lose the world. The virtue that avoids these two extremes is moderation. Moderation is therefore neither asceticism nor indulgence, but the right middle ground between the two. And that is the virtue of the consciousness soul.
[ 38 ] In bezug auf diese Tugend sind wir auch noch nicht über den instinktiven Standpunkt hinausgekommen. Ein leichtes Nachdenken wird Sie lehren können, daß im Grunde die Menschen gar sehr auf das Probieren, auf das Hin-und-her-Pendeln zwischen den Extremen angewiesen sind. Wenn Sie absehen von den wenigen Menschen, die sich heute schon bemühen, eine Bewußtheit auf diesem Gebiete anzustreben, so werden Sie finden, daß die große Mehrzahl der Menschen gar sehr nach einem bestimmten Muster lebt, das man in Mitteleuropa oft damit bezeichnet, daß man sagt: Es gibt in Berlin gewisse Menschen, welche den ganzen Winter hindurch schwelgen und immer wieder schwelgen und sich vollpfropfen mit allerlei Delikatessen und Leckereien, und dann im Sommer nach Karlsbad gehen, um das dadurch hervorgerufene Übel nach der Methode des anderen Extrems zu beseitigen. Da haben Sie das Ausschlagen der Waagschale nach der einen und nach der anderen Seite hin. Das ist nur ein radikaler Fall. Wenn das Geschilderte auch nicht überall in diesem Maße stattfindet, dieses Pendeln zwischen Genuß und Entziehung ist überall vorhanden. Das ist hinlänglich klar. Daß das Übermaß nach der einen Seite eintritt, dafür sorgen die Menschen selber, und sie lassen sich dann von den Ärzten sogenannte Entziehungskuren vorschreiben, das heißt das andere Extrem, damit das Falsche wieder gutgemacht werde.
[ 38 ] With regard to this virtue, we have not yet moved beyond the instinctive stage. A moment’s reflection will show you that, deep down, people are very much dependent on experimentation, on swinging back and forth between extremes. If you disregard the few people who are already striving today to develop an awareness in this area, you will find that the vast majority of people live very much according to a certain pattern, which in Central Europe is often described by saying: There are certain people in Berlin who indulge throughout the entire winter, indulging again and again and stuffing themselves with all manner of delicacies and treats, and then go to Karlsbad in the summer to eliminate the resulting ill effects by resorting to the opposite extreme. There you have the scales tipping first to one side and then to the other. That is merely a radical case. Even if what has been described does not occur to this extent everywhere, this oscillation between indulgence and deprivation is present everywhere. That is sufficiently clear. People themselves ensure that excess occurs on one side, and they then allow doctors to prescribe so-called detoxification cures—that is, the other extreme—so that the wrong may be made right again.
[ 39 ] Sie sehen daraus, daß die Menschen auf diesem Gebiete noch recht sehr in einem instinktiven Zustande sind und daß wir sagen müssen: Es liegt eine Art Göttergeschenk bei dem Menschen vor, der ja ein instinktives Gefühl dafür hat, nicht zuviel nach der einen und nicht zuviel nach der anderen Seite zu tun. Aber ebenso, wie die anderen instinktiven Eigenschaften des Menschen verloren gegangen sind, wird auch diese verloren gehen beim Übergange von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Kulturzeitraum. Als Naturanlage wird das verloren gehen, und jetzt werden Sie ermessen können, wie sehr theosophische Weltanschauung und Gesinnung dazu wird beitragen müssen, Bewußtsein auf diesem Gebiete nach und nach zu entwickeln.
[ 39 ] You can see from this that people are still very much in an instinctive state in this area, and that we must say: There is a kind of divine gift present in human beings, who do indeed have an instinctive sense of not leaning too much toward one side or the other. But just as humanity’s other instinctive qualities have been lost, so too will this one be lost during the transition from the fifth to the sixth post-Atlantean cultural epoch. It will be lost as a natural predisposition, and now you will be able to appreciate how much the theosophical worldview and attitude will have to contribute to gradually developing consciousness in this area.
[ 40 ] Wir haben heute noch wenige, vielleicht selbst entwickelte Theosophen, denen es einleuchtet, daß die Theosophie das Rezept ist, um auch auf diesem Gebiete die richtige Bewußtheit zu erzielen. Wenn die Theosophie auf diesem Gebiete mehr zur Geltung kommt, dann wird sich nämlich einstellen, was ich nur in folgender Weise werde schildern können: Die Menschen werden allmählich immer mehr und mehr Sehnsucht haben nach den großen geistigen Wahrheiten. Wenn auch heute die Theosophie noch verspottet wird, sie wird es nicht immer werden. Sie wird sich ausbreiten, wird besiegen alle äußere Gegnerschaft und auch alles übrige, was ihr noch entgegensteht, und die Theosophen werden sich nicht damit begnügen, bloß allgemeine Menschenliebe zu predigen. Die Menschen werden begreifen, daß man ebensowenig an einem Tage sich Theosophie aneignen kann, wie sich der Mensch an einem "Tage für sein ganzes Leben zu nähren vermag, und daß es dazu gehört, immer Weiteres und Weiteres von der Theosophie sich anzueignen. Es wird immer seltener werden innerhalb der theosophischen Bewegung, daß die Menschen sagen: Das sind unsere Grundsätze, und wenn wir diese Grundsätze haben, dann sind wir eben Theosophen. Das Immer-darin-Stehen in der Gemeinschaft, das Lebendige der Theosophie fühlen und erleben, das Zusammenerleben wird immer weiter und weiter sich ausbreiten. Indem aber die Menschen die eigentümlichen Gedanken, die eigentümlichen Empfindungen und Impulse, wie sie von der theosophischen Weisheit kommen, in sich verarbeiten, was geschieht denn da? Nicht wahr, es ist uns allen bekannt, daß die Theosophen niemals eine materialistische Anschauung haben können. Sie haben gerade das Gegenteil der materialistischen Anschauung. Materialistisch denkt jemand, der sagt: Wenn der Mensch diesen oder jenen Gedanken hat, so geht eine Bewegung der Gehirnmoleküle oder Atome vor sich, und weil diese Bewegung vor sich geht, deshalb hat der Mensch den Gedanken. Der Gedanke geht gleichsam wie ein feiner Rauch aus dem Gehirn hervor, ähnlich wie die Flamme aus der Kerze. So ist die materialistische Anschauung. Die entgegengesetzte ist die theosophische. Da sind es die Gedanken, die seelischen Erlebnisse, welche das Gehirn, das Nervensystem in Bewegung bringen. Die Art und Weise, wie unser Gehirn sich bewegt, hängt davon ab, welche Gedanken wir denken. Das ist aber gerade das Umgekehrte von dem, was der Materialismus meint. Willst du wissen, wie das Gehirn eines Menschen beschaffen ist, so mußt du erforschen, welche Gedanken er gedacht hat; denn geradeso, wie die Schriftzüge nichts anderes sind als die Folge der Gedanken, so sind auch die Bewegungen des Gehirns nichts anderes als die Folge der Gedanken.
[ 40 ] Today there are still few—perhaps even self-taught—theosophists who realize that theosophy is the key to achieving true awareness in this area as well. When Theosophy gains more prominence in this field, what I can only describe in the following way will come to pass: People will gradually develop an ever-increasing longing for the great spiritual truths. Even if Theosophy is still mocked today, it will not always be so. It will spread, will overcome all external opposition and everything else that still stands in its way, and theosophists will not be content merely to preach universal love for humanity. People will come to understand that one cannot master Theosophy in a single day any more than a person can sustain themselves for a lifetime in a single day, and that it involves continually acquiring more and more of Theosophy. It will become increasingly rare within the Theosophical Movement for people to say: These are our principles, and if we have these principles, then we are simply Theosophists. The constant immersion in the community, feeling and experiencing the living essence of Theosophy, and living together will spread further and further. But as people process within themselves the unique thoughts, the unique feelings and impulses that come from Theosophical wisdom, what happens then? Is it not true that we all know that Theosophists can never hold a materialistic view? They hold precisely the opposite of a materialistic view. Someone thinks materialistically who says: When a person has this or that thought, a movement of brain molecules or atoms takes place, and because this movement takes place, that is why the person has the thought. The thought emerges from the brain, as it were, like a fine smoke, similar to the flame from a candle. Such is the materialistic view. The opposite is the theosophical view. Here it is the thoughts, the soul experiences, that set the brain and the nervous system in motion. The way our brain functions depends on what thoughts we think. But this is precisely the opposite of what materialism claims. If you want to know what a person’s brain is like, you must investigate what thoughts they have had; for just as handwriting is nothing other than the result of thoughts, so too are the movements of the brain nothing other than the result of thoughts.
[ 41 ] Müssen Sie so nicht dazu kommen, zu sagen, die Gehirne werden anders bearbeitet jetzt in diesem Momente, wo Sie theosophische Gedanken durchleben, als in einer Gesellschaft, die Karten spielt? Andere Vorgänge spielen sich ab in diesen Ihren Seelen, wenn Sie theosophischen Gedanken folgen, als wenn Sie sich in einer Gesellschaft befinden, welche Karten spielt oder der Vorstellung in einem Kinematographentheater folgt. Im menschlichen Organismus ist aber nichts, das isoliert, das einzeln dasteht. Alles ist im Zusammenhang; es wirkt eines auf das andere. Die Gedanken wirken auf das Gehirn und das Nervensystem; dieses steht mit unserem gesamten Organismus in Verbindung. Ist es auch noch jetzt für viele Menschen verdeckt — wenn einmal die vererbten Eigenschaften, die heute noch in den Leibern stecken, überwunden sein werden, so wird das Folgende eintreten. Die Gedanken werden vom Gehirne aus sich mitteilen, sie werden auf den Magen übergehen, und die Folge davon wird sein, daß die Dinge, welche heute noch den Menschen schmecken, denjenigen, die theosophische Gedanken aufgenommen haben, nicht mehr schmecken werden. Dafür sind die Gedanken, welche die Theosophen aufgenommen haben, Gottesgedanken. Diese bearbeiten den ganzen Organismus so, daß er das Richtige schmeckt. Was nicht für ihn passend ist, das riecht und empfindet der Mensch dann als unsympathisch. Eine eigentümliche Perspektive, eine Perspektive, die vielleicht materialistisch genannt werden kann. Sie ist aber gerade das Gegenteil davon. Diese Art von Appetit, daß Sie das eine lieben und beim Essen bevorzugen, das andere hassen und nicht werden essen wollen, das wird sich als eine Folge des theosophischen Arbeitens ergeben. Sie können das an sich selber beurteilen, wenn Sie beobachten, daß Sie heute vielleicht einen Ekel haben vor gewissen Dingen, welchen Sie nicht hatten in Ihrer vortheosophischen Zeit.
[ 41 ] Doesn’t this lead you to say that the brain is processed differently at this very moment, when you are experiencing theosophical thoughts, than when you are in a group playing cards? Different processes take place in your souls when you follow theosophical thoughts than when you are in a group playing cards or watching a mental image in a cinema. But in the human organism, nothing exists in isolation; nothing stands alone. Everything is interconnected; one thing affects the other. Thoughts affect the brain and the nervous system; this is connected to our entire organism. Even if this is still hidden from many people today—once the inherited traits that still reside in our bodies have been overcome, the following will occur. Thoughts will communicate from the brain; they will pass into the stomach, and the result will be that the things which still appeal to people today will no longer appeal to those who have taken up theosophical thoughts. Instead, the thoughts that theosophists have taken up are thoughts of God. These work upon the entire organism so that it tastes what is right. What is not suitable for him, the person will then perceive as unpleasant through smell and sensation. A peculiar perspective, a perspective that might perhaps be called materialistic. But it is precisely the opposite of that. This kind of appetite—that you love one thing and prefer it when eating, while hating another and not wanting to eat it—will result as a consequence of theosophical work. You can judge this for yourself if you observe that today you may feel a revulsion toward certain things that you did not have in your pre-theosophical time.
[ 42 ] Das wird sich immer mehr und mehr verbreiten, wenn der Mensch in selbstloser Weise an seiner Höherentwickelung so arbeiten wird, daß die Welt das Richtige von ihm haben kann. Man darf mit den Worten Selbstlosigkeit und Egoismus nur nicht Verstecken spielen. Man kann tatsächlich sehr leicht diese Worte mißbrauchen. Es ist nicht bloß selbstlos, wenn der Mensch sagt: «Ich will nur tätig sein in der Welt und für die Welt; was liegt an meiner eigenen geistigen Entwickelung? Ich will nur arbeiten, nicht egoistisch streben ...» Es ist nicht Egoismus, wenn der Mensch sich höher entwickelt, weil der Mensch sich dadurch doch tauglicher macht, an der Weiterentwickelung der Welt tätig teilzunehmen. Wenn man die eigene Weiterentwickelung versäumt, macht man sich untauglich für die Welt; man entzieht der Welt seine Kraft. Es muß nämlich auch für diese das Richtige getan werden, um das, was die Gottheit mit uns beabsichtigt hat, an uns selber zur Entwickelung zu bringen.
[ 42 ] This will become more and more widespread as people work selflessly on their higher development in such a way that the world can benefit from them. One must not simply play hide-and-seek with the words “selflessness” and “egoism.” It is indeed very easy to misuse these words. It is not merely selfless when a person says: “I only want to be active in the world and for the world; what does my own spiritual development matter? I only want to work, not strive selfishly...” It is not egoism when a person develops themselves further, because by doing so they make themselves more capable of actively participating in the further development of the world. If one neglects one’s own further development, one renders oneself unfit for the world; one withdraws one’s strength from the world. For the world’s sake, too, the right thing must be done in order to bring about in ourselves the development that the Divine has intended for us.
[ 43 ] So wird ein Menschengeschlecht durch die Theosophie, oder sagen wir besser, ein Kern der Menschheit durch die Theosophie entwickelt werden, der nicht bloß instinktiv die Mäßigkeit als leitendes Ideal empfindet, sondern auch bewußte Sympathie zu dem hat, was den Menschen in würdiger Weise zu einem Baustein der göttlichen Weltordnung macht, und bewußte Abneigung hat gegen das, was den Menschen zerstört als Baustein der Weltordnung.
[ 43 ] Thus, through theosophy—or, to put it better, a core of humanity will be developed through theosophy, which not only instinctively perceives moderation as a guiding ideal, but also has a conscious sympathy for that which makes human beings, in a dignified way, a building block of the divine world order, and a conscious aversion to that which destroys human beings as a building block of the world order.
[ 44 ] So sehen wir, wie auch in dem, was an dem Menschen selber gearbeitet wird, die moralischen Impulse vorhanden sind, und so finden wir dasjenige, was wir nennen können die Lebensweisheit, als die umgestaltete Mäßigkeit. Das für die nächste, sechste nachatlantische Kulturperiode in Anspruch zu nehmende Ideal der «Lebensweisheit» wird diejenige ideale Tugend sein, die Plato nennt die «Gerechtigkeit». Das ist die harmonische Zusammenstimmung dieser Tugenden. Indem die Tugenden sich etwas verschoben haben in der Menschheit, ist auch anders geworden dasjenige, was in der vorchristlichen Zeit als Gerechtigkeit angesehen worden ist. Eine solche einzelne Tugend, welche das Zusammenstimmen bewirkt, ist in jener Zeit nicht da. Die Zusammenstimmung steht als Ideal fernster Zukunft vor den Augen der Menschen. Starkmut, von ihm haben wir gesehen, daß er sich umgewandelt hat in die Liebe als moralischer Impuls. Wir haben auch gesehen, daß Weisheit geworden ist zur Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist zunächst dasjenige, was als Tugend auftritt, die den Menschen hineinstellen kann in würdiger Weise und in richtiger Beziehung in das äußere Leben. Wenn wir aber zur Wahrhaftigkeit kommen wollen den geistigen Dingen gegenüber, wie können wir dann das den geistigen Dingen gegenüber einrichten? Wir kommen zur Wahrhaftigkeit, wir kommen zu demjenigen, was unsere Empfindungsseele als Tugend durchglühen kann, durch das richtige Verständnis, das richtige Interesse, die entsprechende Teilnahme. Was ist nun diese Teilnahme gegenüber der geistigen Welt? Wenn wir der physischen Welt, und zwar zunächst dem Menschen, uns gegenüberstellen wollen, dann müssen wir uns ihm gegenüber öffnen, wir müssen ein offenes Auge für sein Wesen haben. Wie gewinnen wir aber der geistigen Welt gegenüber ein offenes Auge? Wir gewinnen der geistigen Welt gegenüber ein offenes Auge dann, wenn wir eine ganz bestimmte Gefühlsart entwickeln, eine Gefühlsart, die auch aufgetaucht ist, als die alte Weisheit, die instinktive Weisheit, hinuntergesunken war in die Tiefen des Seelenlebens. Es ist diejenige Gefühlsart, die wir oftmals bei den Griechen bezeichnen hören durch das Wort: Alles philosophische Denken beginnt mit dem Verwundern, mit dem Erstaunen. Mit dem Verwundern und Erstaunen als Ausgangspunkt unseres Verhältnisses zur übersinnlichen Welt ist in der Tat auch etwas bedeutungsvoll Moralisches gesagt. Der wilde, unkultivierte Mensch ist zunächst durch die großen Erscheinungen der Welt wenig in Verwunderung zu setzen. Gerade durch die fortschreitende Vergeistigung kommt der Mensch dazu, Rätsel zu finden in den alltäglichen Erscheinungen und ein Geistiges hinter denselben zu ahnen. Die Verwunderung ist es, die unsere Seele hinauflenkt in die geistigen Gebiete, damit wir in die Erkenntnisse derselben eindringen, und nur dann können wir in diese Erkenntnisse eindringen, wenn unsere Seele angezogen wird durch die zu erkennenden Gegenstände. Diese Anziehung ist es, die die Verwunderung, das Erstaunen, den Glauben auslöst. Eigentlich ist es immer diese Verwunderung und dieses Erstaunen, welche uns hinlenken zu dem Übersinnlichen, und es ist zugleich auch dasjenige, was man gewöhnlich als Glaube bezeichnet. Glaube, Verwunderung und Erstaunen sind die drei Seelenkräfte, welche uns über die gewöhnliche Welt hinausführen.
[ 44 ] Thus we see that moral impulses are present even in what is cultivated within the human being himself, and so we find what we might call “wisdom” as moderation in its transformed form. The ideal of “wisdom of life” to be embraced for the next, sixth post-Atlantean cultural epoch will be that ideal virtue which Plato calls “justice.” This is the harmonious harmony of these virtues. As the virtues have shifted somewhat within humanity, what was regarded as justice in pre-Christian times has also changed. Such a single virtue, which brings about this harmony, does not exist in that era. Harmony stands before people’s eyes as an ideal of the distant future. Courage—we have seen that it has transformed into love as a moral impulse. We have also seen that wisdom has become truthfulness. Truthfulness is, first and foremost, the virtue that can place the human being in a dignified manner and in the right relationship within external life. But if we wish to attain truthfulness in relation to spiritual matters, how can we then establish this in relation to spiritual matters? We come to truthfulness; we come to that which can set our feeling soul ablaze as a virtue through the right understanding, the right interest, and the appropriate participation. What, then, is this participation in relation to the spiritual world? If we wish to face the physical world—and first and foremost, human beings—then we must open ourselves to them; we must have an open eye for their nature. But how do we gain an open eye toward the spiritual world? We gain an open eye toward the spiritual world when we develop a very specific kind of feeling, a kind of feeling that also emerged when ancient wisdom—instinctive wisdom—had sunk into the depths of the soul life. It is the kind of feeling that we often hear described in connection with the Greeks by the words: All philosophical thinking begins with wonder, with amazement. In taking wonder and amazement as the starting point of our relationship to the supersensible world, something profoundly moral is indeed being expressed. The wild, uncultivated human being is initially little inclined to wonder at the great phenomena of the world. It is precisely through progressive spiritualization that the human being comes to find mysteries in everyday phenomena and to sense a spiritual reality behind them. It is wonder that directs our soul upward into the spiritual realms so that we may penetrate their insights, and we can penetrate these insights only when our soul is drawn to the objects to be known. It is this attraction that triggers wonder, amazement, and faith. In fact, it is always this wonder and this amazement that draw us toward the supernatural, and it is at the same time what is commonly called faith. Faith, wonder, and amazement are the three powers of the soul that lead us beyond the ordinary world.
[ 45 ] Wenn wir dem Menschen gegenüber in Erstaunen stehen, so suchen wir sein Verständnis. Durch das Verständnis seines Wesens kommen wir zu der Tugend der Brüderlichkeit, und diese werden wir dann am besten verwirklichen, wenn wir dem Menschen mit Ehrfurcht gegenübertreten. Wir werden dann sehen, daß Ehrfurcht zu etwas wird, was wir jedem Menschen entgegenbringen müssen. Tun wir das, dann werden wir dazu kommen, immer wahrhafter und wahrhafter zu werden. Wahrheit wird uns etwas werden, wozu wir uns verpflichtet fühlen. Die übersinnliche Welt wird uns etwas werden, wozu wir, wenn wir sie ahnen, uns hinneigen, und durch das Wissen werden wir erlangen das, was als übersinnliche Weisheit schon hinuntergegangen ist in die unterbewußten Seelengebiete. Erst als die übersinnliche Weisheit hinuntergesunken war, trat das Wort auf, das besagt, daß die Philosophie beginne mit dem Erstaunen und dem Verwundern. Dieses Wort kann Ihnen klarmachen, daß Erstaunen und Verwunderung erst hereingetreten sind in die Weltenentwickelung in der Zeit, als der Christus-Impuls in die Welt gekommen war.
[ 45 ] When we are filled with wonder at our fellow human beings, we seek to understand them. By understanding their nature, we arrive at the virtue of brotherhood, and we will best realize this virtue when we approach others with reverence. We will then see that reverence becomes something we must show to every human being. If we do this, we will come to become ever more truthful. Truth will become something to which we feel committed. The supersensible world will become something toward which we incline when we sense it, and through knowledge we will attain that which, as supersensible wisdom, has already descended into the subconscious realms of the soul. Only after supersensible wisdom had descended did the saying arise that philosophy begins with wonder and amazement. This saying can make it clear to you that wonder and amazement first entered world development at the time when the Christ impulse came into the world.
[ 46 ] Nun blicken wir, da wir schon die zweite der Tugenden als die Liebe angeführt haben, einmal zu dem, was wir als Lebensweisheit für die kommenden Zeiten, und für die gegenwärtigen Zeiten noch als instinktive Mäßigkeit angeführt haben. In diesen Tugenden steht der Mensch sich selbst gegenüber. Da handelt er sozusagen so, daß er durch die Handlungen, die er in der Welt ausführt, für sich sorgt. Daher ist es nötig, daß für ihn ein objektiver Wertmaßstab gewonnen wird.
[ 46 ] Now that we have already identified the second of the virtues as love, let us turn to what we have described as wisdom for the times to come, and for the present times as instinctive moderation. In these virtues, man stands face to face with himself. There, so to speak, he acts in such a way that he provides for himself through the actions he performs in the world. Therefore, it is necessary that an objective standard of value be established for him.
[ 47 ] Nun sehen wir etwas heraufkommen, was sich entwickelt immer mehr und mehr, und wovon ich auch schon in anderem Zusammenhange öfter gesprochen habe, etwas, was auch in der griechischen Zeit, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode zuerst aufgeht. Wir können geradezu nachweisen, wie in der alten griechischen Dramatik, wie zum Beispiel bei Aeschylos, die Erinnyen und Furien eine Rolle spielen, die sich dann umgewandelt zeigen bei Euripides in das Gewissen. Daraus ersehen wir, daß in den älteren Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, was wir Gewissen nennen. Gewissen ist insbesondere das, was wie ein Normativ für unsere eigenen Handlungen da steht, wo wir in unseren Ansprüchen zu weit gehen, zu sehr unseren eigenen Vorteil suchen. Als Normativ wirkt da das Gewissen, das zwischen unsere Antipathien und Sympathien sich hineinstellt.
[ 47 ] Now we see something emerging that is developing more and more, and which I have often spoken of in other contexts as well—something that first arose in the Greek era, during the fourth post-Atlantean cultural epoch. We can actually demonstrate how, in ancient Greek drama—for example, in Aeschylus—the Erinyes and Furies play a role that is then transformed in Euripides into the conscience. From this we see that what we call conscience did not yet exist at all in earlier times. Conscience is, in particular, that which stands as a normative standard for our own actions, where we go too far in our demands, seeking our own advantage too much. Conscience acts as a normative standard, interposing itself between our antipathies and sympathies.
[ 48 ] Damit gewinnen wir sozusagen dasjenige, was mehr objektiv ist, was mehr nach außen hin wirkt, gegenüber der Tugend der Wahrhaftigkeit, der Liebe und der Lebensweisheit. Liebe steht hier in der Mitte, und die wirkt wie etwas, was alles Leben, auch alles soziale Leben, regelnd durchdringen muß. Ebenso wirkt sie regelnd auf das, was der Mensch als innere Impulse entwickelt hat. Das aber, was der Mensch als Wahrhaftigkeit entwickelt hat, wird sich zeigen in dem Glauben an ein übersinnliches Wissen. Lebensweisheit, das, was auf uns selbst zurückgeht, müssen wir wie einen göttlich-geistigen Regulator fühlen, der sicher führt den Weg der richtigen Mitte, in ähnlicher Weise wie das Gewissen.
[ 48 ] In this way, we gain, so to speak, that which is more objective, that which has a greater outward effect, as opposed to the virtues of truthfulness, love, and wisdom. Love stands at the center here, and it acts as something that must permeate and regulate all life, including all social life. Likewise, it exerts a regulating influence on what human beings have developed as inner impulses. But what human beings have developed as truthfulness will manifest itself in the belief in a supersensible knowledge. Wisdom, that which stems from within ourselves, we must feel as a divine-spiritual regulator that surely guides us along the path of the right middle, in a manner similar to that of the conscience.
[ 49 ] Es wäre natürlich außerordentlich leicht, den verschiedenen Einsprüchen, die an dieser Stelle gemacht werden können, zu begegnen, wenn wir Zeit dazu hätten. Nur auf einen wollen wir etwas näher eingehen. Es könnte zum Beispiel gesagt werden: Da behauptet jemand, daß Gewissen und Erstaunen etwas sind, was in die Menschheit erst eingetreten ist, während es doch ewige Eigenschaften der menschlichen Natur sind. Das sind sie eben nicht. Wer behaupten wollte, daß sie ewige Eigenschaften der menschlichen Natur sind, der zeigte damit nur, daß er die einschlägigen Verhältnisse nicht kennt. Es wird immer mehr sich herausstellen, daß in den alten Zeiten die Menschen noch nicht so weit heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, daß sie noch mehr zusammenhingen mit den göttlichen Impulsen, daß der Mensch in einem Zustande war, den er bewußt wieder anstreben wird, wenn er mehr beherrscht sein wird von Wahrhaftigkeit, Liebe und Lebenskunst in bezug auf den physischen Plan, und in bezug auf das geistige Erkennen, wenn er beherrscht sein wird von dem Glauben an die übersinnliche Welt. Es braucht kein Glaube zu sein, der in die übersinnliche Welt unmittelbar hinaufführt. Er wird sich aber zuletzt in ein übersinnliches Wissen verwandeln.
[ 49 ] It would, of course, be extremely easy to address the various objections that might be raised at this point, if we had the time. We will, however, examine just one of them in a bit more detail. One might say, for example: Someone claims that conscience and wonder are something that has only recently entered into humanity, whereas they are in fact eternal qualities of human nature. They are not. Anyone who were to claim that they are eternal qualities of human nature would thereby only demonstrate that they are unfamiliar with the relevant circumstances. It will become increasingly clear that in ancient times, people had not yet descended so far onto the physical plane, that they were still more closely connected to the divine impulses, that humanity was in a state which it will consciously strive to attain again when it is more governed by truthfulness, love, and the art of living with regard to the physical plane, and with regard to spiritual knowledge, when he is governed by faith in the supersensible world. It need not be a faith that leads directly into the supersensible world. But it will ultimately transform into supersensible knowledge.
[ 50 ] Wie mit dem Glauben, so ist es auch mit der Liebe, die äußerlich wirkt. Das Gewissen ist dasjenige, was in die Bewußstseinsseele regelnd eingreifen wird. Glaube, Liebe, Gewissen, diese drei Kräfte werden die drei Sterne der moralischen Kräfte sein, die insbesondere durch die theosophische Weltanschauung in die Menschenseelen einziehen werden. Die moralische Perspektive der Zukunft kann sich nur denjenigen eröffnen, die die genannten Tugenden sich immer mehr und mehr gesteigert denken. Die theosophische Weltanschauung wird das sittliche Leben in das Licht dieser Tugenden stellen, und diese werden aufbauende Kräfte sein in die Zukunft hinein.
[ 50 ] Just as with faith, so it is with love, which acts outwardly. Conscience is that which will intervene in the conscious soul to regulate it. Faith, love, conscience—these three forces will be the three stars of moral power that will enter human souls, particularly through the theosophical worldview. The moral perspective of the future can open itself only to those who conceive of the aforementioned virtues as ever-increasing. The theosophical worldview will place moral life in the light of these virtues, and these will be constructive forces moving into the future.
[ 51 ] Etwas, was nur in längeren Auseinandersetzungen gewiß werden könnte, was ich daher nur mitteilen kann, soll unsere Betrachtung abschließen. Wir sehen den Christus-Impuls einziehen in die Menschheitsevolution durch das Mysterium von Golgatha. Wir wissen, daß dazumal mit dem Ereignisse des Mysteriums von Golgatha ein menschlicher Organismus, bestehend aus physischem Leib, aus dem Ätherleibe und dem Astralleib, den Ich-Impuls von oben herunter, als Christus-Impuls, aufgenommen hat. Dieser Christus-Impuls war es, der von der Erde aufgenommen worden und in das Erdenkulturleben eingeflossen ist. Er war jetzt darinnen als das Ich des Christus. Wir wissen ferner, daß geblieben sind bei Jesus von Nazareth der physische Leib, der Ätherleib und der Astralleib. Der Christus-Impuls war ja wie das Ich darinnen. Jesus von Nazareth trennte sich von dem Christus-Impulse auf Golgatha, der dann einfloß in die Erdenentwickelung. Dieser Impuls bedeutet in seiner Entwickelung die Erdenentwickelung selber.
[ 51 ] Let us conclude our discussion with something that can only be ascertained through prolonged examination, and which I can therefore only mention. We see the Christ impulse entering human evolution through the Mystery of Golgotha. We know that at that time, with the events of the Mystery of Golgotha, a human organism—consisting of the physical body, the etheric body, and the astral body—received the I-impulse from above as the Christ impulse. It was this Christ impulse that was received by the Earth and flowed into earthly cultural life. It was now present within it as the I of the Christ. We further know that the physical body, the etheric body, and the astral body remained with Jesus of Nazareth. The Christ impulse was, after all, present within him as the I. Jesus of Nazareth separated from the Christ impulse on Golgotha, which then flowed into the development of the Earth. In its development, this impulse signifies the development of the Earth itself.
[ 52 ] Nehmen Sie ernst diejenigen Dinge, die oft erwähnt werden, so daß der Mensch sie leichter einsehen kann. Die Welt ist Maja oder Illusion, wie wir oft gehört haben. Der Mensch muß aber nach und nach zu der Wahrheit, dem Realen dieser äußeren Welt kommen. Die Erdenentwickelung besteht nun im Grunde darin, daß in bezug auf alle äußeren Dinge in der zweiten Periode der Erdenentwickelung, in der wir jetzt sind, alles sich auflöst, was in der ersten sich gebildet hat, so daß alles, was wir äußerlich physisch sehen, von der Menschheitsentwickelung abfallen wird, wie von dem Menschen sein physischer Leib abfällt.
[ 52 ] Take seriously those things that are often mentioned, so that people can understand them more easily. The world is maya, or illusion, as we have often heard. But people must gradually come to understand the truth, the reality of this outer world. The development of the Earth essentially consists in the fact that, with regard to all external things in the second period of Earth’s development—in which we now find ourselves—everything that was formed in the first period is dissolving, so that everything we see physically on the outside will fall away from human development, just as the physical body falls away from the human being.
[ 53 ] Was bleibt dann da noch übrig? — so könnte man fragen. Die Kräfte, die als reale Kräfte den Menschen einverleibt werden durch den Entwickelungsprozeß der Menschheit auf der Erde. Und der realste Impuls darin ist der, welcher durch den Christus eingeflossen ist in die Erdenentwickelung. Dieser Christus-Impuls findet nun aber auf der Erde nichts, womit er sich bekleiden könnte. Er muß daher erst durch die weitere Entwickelung der Erde eine Hülle bekommen, und wenn die Erde an ihrem Ende angekommen sein wird, dann wird der vollentwickelte Christus der Endmensch sein, wie Adam der Anfangsmensch war, um den sich die Menschheit in ihrer Vielheit gruppiert hat.
[ 53 ] What, then, remains? — one might ask. The forces that, as real forces, are incorporated into human beings through the process of human development on Earth. And the most real impulse within this is the one that flowed into Earth’s development through the Christ. This Christ impulse, however, finds nothing on Earth with which it can clothe itself. It must therefore first receive a shell through the further development of the Earth, and when the Earth has reached its end, then the fully developed Christ will be the final human being, just as Adam was the first human being around whom humanity in all its diversity has grouped itself.
[ 54 ] In dem Worte «Was ihr einem meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» liegt ein bedeutungsvoller Hinweis für uns. Was ist denn da getan worden für den Christus? Die Handlungen, die verrichtet werden im Sinne des Christus-Impulses unter dem Einflusse des Gewissens, unter dem Einflusse des Glaubens und im Sinne der Erkenntnis, sie gliedern sich heraus aus dem bisherigen Erdenleben, und indem der Mensch durch seine Handlungen und sein moralisches Verhalten seinen Brüdern etwas gibt, gibt er zugleich dem Christus. Wie eine Richtschnur soll es hier aufgestellt werden: Alles, was wir an Kräften, an Handlungen des Glaubens und Vertrauens, an Handlungen, die durch Verwunderung und Erstaunen getan werden, erschaffen, das ist, indem wir es damit zugleich hingeben an das Christus-Ich, etwas, was sich wie eine Hülle um den Christus schließt, die zu vergleichen ist mit dem astralischen Leibe des Menschen. Wir formen den astralischen Leib zu dem Christus-Ich-Impulse hinzu durch alle moralischen Handlungen der Verwunderung, des Vertrauens, der Ehrfurcht, des Glaubens, kurz durch alles, was zur übersinnlichen Erkenntnis den Weg gründet. Wir fördern durch alle diese Handlungen die Liebe. Das ist schon im Sinne des angeführten Ausspruches: «Was ihr einem meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.»
[ 54 ] The words “Whatever you did for one of the least of these brothers and sisters of mine, you did for me” contain a meaningful message for us. What, then, has been done for Christ? The actions performed in accordance with the Christ impulse, under the influence of conscience, under the influence of faith, and in the spirit of knowledge, stand apart from earthly life as we have known it; and insofar as a person gives something to his brothers through his actions and moral conduct, he gives to Christ at the same time. Let this be established here as a guiding principle: Everything we create in terms of forces, acts of faith and trust, and acts performed out of wonder and amazement—by offering this simultaneously to the Christ-I—becomes something that envelops the Christ like a shell, comparable to the human astral body. We shape the astral body around the Christ-I impulse through all moral acts of wonder, trust, reverence, and faith—in short, through everything that paves the way for supersensory knowledge. Through all these acts, we foster love. This is already in the spirit of the saying cited: “Whatever you do for one of my brothers, you have done for me.”
[ 55 ] Wir formen den Ätherleib dem Christus durch die Handlungen der Liebe, und wir formen durch das, was durch die Impulse des Gewissens gewirkt wird in der Welt, dasjenige für den Christus-Impuls, was dem physischen Leibe des Menschen entspricht. Wenn die Erde einst an ihrem Ziele angelangt sein wird, wenn die Menschen verstehen werden die richtigen moralischen Impulse, durch die alles Gute bewirkt wird, dann wird gelöst sein, was durch das Mysterium von Golgatha als Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung eingeflossen ist wie ein Ich. Er wird dann umhüllt sein von einem Astralleibe, der gebildet ist durch den Glauben, durch alle Taten der Verwunderung und des Erstaunens der Menschen, von etwas, was wie ein Ätherleib ist, der gebildet ist durch die Taten der Liebe, von etwas, was um ihn ist wie ein physischer Leib, der gebildet ist durch die Taten des Gewissens.
[ 55 ] We shape the etheric body of the Christ through acts of love, and through what is brought about in the world by the impulses of conscience, we shape for the Christ impulse that which corresponds to the physical body of the human being. When the Earth has one day reached its goal, when human beings will understand the right moral impulses through which all good is brought about, then what has flowed into human evolution as the Christ impulse through the Mystery of Golgotha—like an I—will be resolved. It will then be enveloped by an astral body formed by faith, by all the acts of wonder and amazement of human beings; by something like an etheric body formed by acts of love; and by something surrounding it like a physical body formed by acts of conscience.
[ 56 ] So wird die zukünftige Menschheitsevolution sich vollziehen durch das Zusammenarbeiten der moralischen Impulse der Menschen mit dem Christus-Impulse. Wie eine ganz große organische Gliederung sehen wir perspektivisch vor uns die Menschheit. Indem die Menschen verstehen werden, ihre Handlungen diesem großen Organismus einzugliedern, ihre Impulse durch ihre eigenen Taten wie Hüllen darum zu formieren, so werden die Menschen durch die Erdenentwickelung die Grundlage bilden für eine große Gemeinschaft, die durch und durch von dem Christus-Impulse durchzogen, durchchristet sein kann.
[ 56 ] Thus, the future evolution of humanity will unfold through the interaction of human moral impulses with the Christ impulse. We see humanity before us in perspective as a vast organic structure. As people come to understand how to integrate their actions into this great organism, shaping their impulses through their own deeds as if they were shells around it, so will humanity, through the development of the Earth, form the foundation for a great community that can be thoroughly permeated by the Christ impulse, made Christian through and through.
[ 57 ] So sehen wir, daß Moral nicht gepredigt zu werden braucht, daß sie wohl aber begründet werden kann, indem man zeigt, was wirklich geschieht, was wirklich geschehen ist und was wahr macht solche Dinge, wie sie besonders geistig veranlagte Naturen empfinden. Es wird einen immer eigentümlich berühren, wenn man ins Auge faßt, wie Goethe, nachdem er seinen Freund, den Herzog Karl August, verloren hatte, in Dornburg bei Jena in einem längeren Briefe allerlei Dinge schreibt, und dann an demselben Tage — es war im Jahre 1828, dreieinhalb Jahre vor seinem Tode, sozusagen am Ende seiner Lebensbahn - ein wunderbar merkwürdiges Wort niederschreibt: «Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt.» Wie könnte ein solcher Gedanke mehr an Konkretheit gewinnen als dadurch, daß wir uns dieses Individuum unter uns wirkend und schaffend vorstellen und uns mit demselben wirkend und schaffend verbunden denken? Durch das Mysterium von Golgatha ist das größte Individuum eingezogen in die menschliche Entwickelung, und die Menschen werden sich, indem sie vorsätzlich ihr Leben so einrichten, wie es vorhin geschildert worden ist, herumgliedern um den Christus-Impuls, so daß um ihn etwas gebildet wird, was wie eine Hülle um das Wesen, um den Kern sein wird.
[ 57 ] Thus we see that morality need not be preached, but that it can certainly be justified by showing what actually happens, what has actually happened, and what gives truth to such things as are felt by particularly spiritually inclined individuals. It will always strike one as particularly poignant when one considers how Goethe, after losing his friend, Duke Karl August, wrote all manner of things in a lengthy letter from Dornburg near Jena, and then on the very same day—it was in the year 1828, three and a half years before his death, so to speak at the end of his life’s journey—penned a wonderfully remarkable phrase: “The rational world is to be regarded as a great immortal individual, which inexorably brings about what is necessary and thereby even rises above the contingent to become the Lord.” How could such a thought become more concrete than by creating a mental image of this individual acting and creating among us, and by conceiving ourselves as connected to it in its action and creation? Through the Mystery of Golgotha, the greatest Individual has entered into human evolution, and by deliberately organizing their lives as described above, human beings will arrange themselves around the Christ impulse, so that something is formed around him that will be like a shell around the being, around the core.
[ 58 ] Vieles hätte ich noch zu sagen über dasjenige, was von der Theosophie her als Tugend sich ergibt. Insbesondere könnten ja lange und wichtige Betrachtungen über jene Wahrhaftigkeit noch angeknüpft werden, die sich ergeben würde mit Beziehung auf das Karma. Durch die theosophische Weltanschauung wird die Karma-Idee immer mehr und mehr in die Menschheitsentwickelung einziehen müssen. Immer mehr und mehr wird der Mensch dadurch auch lernen müssen, sein Leben so anzusehen und so einzurichten, daß seine Tugenden dem Karma entsprechen. Auch das wird der Mensch erkennen lernen müssen durch die Karma-Idee, daß er durch seine folgenden Taten nicht verleugnen darf seine vorhergehenden Taten. Eine gewisse Konsequenz des Lebens, ein Auf-uns-Nehmen dessen, was wir getan haben, das wird sich noch aus der Menschheitsentwickelung ergeben müssen. Wie weit entfernt noch der Mensch davon ist, das sehen wir, wenn wir die Menschen näher betrachten. Daß ein Mensch sich entfaltet an den Dingen, die er vollbracht hat, ist eine bekannte Tatsache. Wenn es nun scheint, daß die Folge einer Tat nicht mehr da ist, dann wird doch getan, was man eigentlich nur tun dürfte, wenn man die erste Tat nicht getan hätte. Daß der Mensch sich verantwortlich fühlt für das, was er getan hat, daß er Karma auch in sein Bewußtsein aufnimmt, das ist etwas, was sich noch als Gegenstand der Betrachtung ergeben könnte.
[ 58 ] There is much more I could say about what theosophy holds to be a virtue. In particular, one could add lengthy and important reflections on that truthfulness which would arise in relation to karma. Through the theosophical worldview, the idea of karma will have to become increasingly integrated into human development. Through this, humanity will also have to learn more and more to view and organize its life in such a way that its virtues correspond to karma. Through the concept of karma, humanity will also have to learn to recognize that it must not, through its subsequent actions, deny its previous actions. A certain consistency in life, a taking responsibility for what we have done—this will still have to emerge from human development. We can see how far humanity still is from this when we look more closely at people. That a person develops through the things they have accomplished is a well-known fact. If it now seems that the consequence of an action is no longer present, then one nevertheless does what one should actually only do if one had not committed the first action. That human beings feel responsible for what they have done, that they also take karma into their consciousness—this is something that could yet emerge as a subject of consideration.
[ 59 ] Vieles werden Sie aber noch durch die angegebenen Richtlinien dieser drei Vorträge selber finden; Sie werden finden zum Beispiel, wie fruchtbar diese Ideen werden können, wenn Sie sie weiter ausführen. Daß der Mensch für den Rest der Erdenentwickelung in immer erneuten Inkarnationen leben wird, das liegt in der Aufgabe: alles dasjenige, was in bezug auf die geschilderten Tugenden nach der einen oder der anderen Seite versehen wurde, durch freie Gestaltung, durch Gestaltung nach seinem freien Willen zu ändern, so daß das Gleichgewicht, der mittlere Zustand, eintreten und damit allmählich das Ziel erreicht werden kann, das charakterisiert worden ist mit der Schilderung der Hüllenbildung gegenüber dem Christus-Impulse.
[ 59 ] However, you will discover much more for yourselves through the guidelines provided in these three lectures; you will find, for example, how fruitful these ideas can become if you develop them further. The fact that human beings will live through ever-renewed incarnations for the remainder of Earth’s evolution is part of the task: to change, through free creation, through creation according to one’s free will, everything that has been skewed in one direction or another with regard to the virtues described, so that balance—the middle state—may be established and thus the goal, characterized by the description of the formation of the physical body in relation to the Christ impulse, may gradually be attained.
[ 60 ] So sehen wir vor uns nicht bloß ein abstraktes Ideal allgemeiner menschlicher Brüderlichkeit, das zwar auch starke Impulse bekommt, wenn wir die theosophische Weltanschauung zugrunde legen, sondern wir sehen, daß in unserer Erdenentwickelung etwas Reales steckt, daß darin ein Impuls steckt, der durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist. Wir sehen uns dann aber auch in die Notwendigkeit versetzt, so auf die Empfindungsseele, auf die Verstandes- und Bewußtseinsseele einzuwirken, daß diese ideale Wesenheit wirklich wird und wir verbunden sind mit diesem Wesen wie mit einem großen unsterblichen Individuum. Der Gedanke, daß nur darin die Möglichkeit der weiteren Evolution, die Möglichkeit der Erreichung der Erdenmission liegt, mit diesem großen Individuum zusammen ein Ganzes zu bilden, der verwirklicht sich in dem zweiten moralischen Grundsatz: Was du tust so, wie wenn es herausgeboren wäre allein aus dir, das schiebt dich weg, entfernt dich von dem großen Individuum, dadurch zerstörst du etwas; dasjenige aber, was du tust, um aufzubauen dieses große unsterbliche Individuum in der vorhin angeführten Weise, das tust du zur Fortentwickelung, zum Fortleben des ganzen Weltenorganismus.
[ 60 ] Thus, we see before us not merely an abstract ideal of universal human brotherhood—which, admittedly, receives strong impulses when we take the theosophical worldview as our foundation—but we see that there is something real in our earthly evolution, that there is an impulse within it that came into the world through the Mystery of Golgotha. We then also find ourselves compelled to act upon the soul of feeling, the soul of understanding, and the soul of consciousness in such a way that this ideal being becomes real, and we are united with this being as with a great immortal individual. The thought that only in this lies the possibility of further evolution, the possibility of fulfilling the Earth’s mission by forming a whole together with this great individual, is realized in the second moral principle: Whatever you do as if it were born solely from yourself pushes you away, distances you from the great individual; thereby you destroy something; but whatever you do to build up this great immortal individual in the manner described above, you do for the further development, for the continued existence of the entire world organism.
[ 61 ] Das sind zwei Gedanken, die wir uns nur vorzulegen brauchen, um als Wirkung zu sehen, daß sie die Moral nicht nur predigen, sondern sie begründen. Denn schreckens- und schauervoll und alle entgegengesetzten Gelüste hinunterdrängend ist der Gedanke: Du zerstörst durch deine Taten dasjenige, was du aufbauen sollst. Befeuernd aber zu guten Taten, sogar zu intensiv moralischen Impulsen, ist der Gedanke: Du baust auf an diesem unsterblichen Individuum, du machst dich zum Gliede dieses unsterblichen Individuums. Damit ist nicht nur Moral gepredigt, sondern es ist damit auf Gedanken hingewiesen, die selber moralische Impulse sein können, auf Gedanken, die Moral zu begründen vermögen.
[ 61 ] These are two thoughts that we need only consider to see that their effect is not merely to preach morality, but to establish it. For terrifying and horrifying, and suppressing all opposing desires, is the thought: Through your actions, you are destroying that which you are meant to build up. But the thought that spurs us on to good deeds, even to intensely moral impulses, is this: You are building up this immortal individual; you are making yourself a part of this immortal individual. Thus, morality is not merely preached; rather, attention is drawn to thoughts that can themselves be moral impulses, to thoughts capable of establishing morality.
[ 62 ] Eine solche Moral wird um so schneller theosophische Weltanschauung und theosophische Gesinnung werden, je mehr die Wahrhaftigkeit gepflegt werden wird. Dies auszusprechen in diesen drei Vorträgen, habe ich mir zur Aufgabe gesetzt. Manches hat zwar nur angedeutet werden können, aber Ihre eigenen Seelen werden manchen Gedanken, der in diesen drei Abenden angeschlagen worden ist, weiter ausbilden. So werden wir auch den allermeisten Zusammenhalt haben über die Erde hin. Wenn wir uns zusammenfinden, wie wir das jetzt als mitteleuropäische Theosophen und als Theosophen des Nordens getan haben, in gemeinsamer Betrachtung, und wenn wir weiter in uns dasjenige nachklingen lassen, was als Gedanken uns bei solchen Zusammenkünften aufgestiegen ist, so werden wir am allerbesten es wahrmachen, daß Theosophie begründen soll, auch schon in der Gegenwart, wirklich spirituelles Leben. Wenn wir auch wieder auseinandergehen müssen, wir wissen doch, daß wir am meisten beieinander sind in unseren theosophischen Gedanken, und dieses Wissen ist zugleich auch ein moralischer Impuls. Zu wissen, unter denselben Idealen vereint zu sein mit Menschen, die in der Regel räumlich weit voneinander entfernt sind, mit denen man aber ab und zu bei besonderen Gelegenheiten zusammenkommen kann, ist ein stärkerer moralischer Impuls als das stete Beisammensein.
[ 62 ] The more truthfulness is cultivated, the more quickly such a moral code will become a theosophical worldview and a theosophical mindset. I have made it my task to express this in these three lectures. Admittedly, some things could only be hinted at, but your own souls will further develop many of the thoughts that have been touched upon during these three evenings. In this way, we will also achieve the greatest possible unity across the earth. When we come together, as we have now done as Central European Theosophists and as Theosophists of the North, in shared contemplation, and when we allow the thoughts that arose during such gatherings to resonate within us, we will best realize that Theosophy is meant to establish, even in the present, a truly spiritual life. Even if we must part ways again, we know that we are most united in our theosophical thoughts, and this knowledge is at the same time a moral impulse. To know that we are united under the same ideals with people who are generally far apart geographically, but with whom we can occasionally come together on special occasions, is a stronger moral impulse than constant physical togetherness.
[ 63 ] Daß wir so denken über unser Zusammensein, daß wir unsere gemeinsamen Betrachtungen so auffassen, das erfüllt insbesondere am Schlusse dieser Vorträge auch meine Seele als etwas, womit ich sozusagen Ihnen den Abschiedsgruß sagen möchte, und von dem ich überzeugt bin, wenn es im richtigen Lichte verstanden wird, daß es das sich so entwickelnde theosophische Leben auch spirituell begründen wird. Mit diesem Gedanken, mit diesen Gefühlen wollen wir diese Betrachtungen heute abschließen.
[ 63 ] The fact that we think this way about our time together, that we interpret our shared reflections in this manner, fills my soul—especially at the conclusion of these lectures—with something I would like to use, so to speak, to bid you farewell, and of which I am convinced that, if understood in the right light, it will also provide a spiritual foundation for theosophic life as it unfolds. With this thought, with these feelings, let us conclude these reflections today.
