Christus und die menschliche Seele
Über den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
GA 155
13 Juli 1914, Norrköping
Anthroposophie und Christentum
[ 1 ] Vor allen Dingen bitte ich Sie um Entschuldigung, daß ich nicht in der Lage bin, in der Sprache des Landes am heutigen Abend zu Ihnen zu sprechen. Allein die Freunde, die Mitglieder unserer Anthroposophischen Gesellschaft sind, in deren Mitte ich in diesen Tagen, in dieser Woche Vorlesungen über Geisteswissenschaft halten darf, waren der Meinung, daß ich auch öffentlich in deutscher Sprache in dieser Stadt über einen Gegenstand der Geisteswissenschaft sprechen könne. Auch das Thema, welches der Betrachtung dieses Abends zugrunde liegen soll, ist dem Wunsche unserer werten Mitglieder in dieser Stadt entsprungen. Ich soll sprechen über die Beziehung der Geisteswissenschaft oder, wie man die hier gemeinte Geisteswissenschaft auch nennen kann, über die Beziehung der Anthroposophie zum Christentum. Dabei wird es allerdings notwendig sein, daß ich einiges vorausschicke über das Wesen und über die Bedeutung dessen, was hier mit Geisteswissenschaft gemeint ist, über den Gesichtspunkt, von dem aus gesprochen werden soll.
[ 2 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, strebt nicht an die Begründung irgend einer neuen Religion oder irgend einer neuen religiösen Sekte oder dergleichen. Geisteswissenschaft will sein oder glaubt sein zu dürfen dasjenige, was unserer gegenwärtigen Kultur auferlegt ist in geistiger Beziehung.
[ 3 ] Wenn wir gegenwärtig auf einem Gebiete, auf dem es notwendig ist, Fortschritte machen sollen in der Kulturentwickelung der Menschheit, welche in ähnlicher Weise auf einem anderen Gebiete gemacht worden sind vor drei, vier, fünf Jahrhunderten, als die neuere Naturwissenschaft in ihrer Morgenröte eingezogen ist in das menschliche Kulturleben, so müssen wir sagen: Was für die Erkenntnis der äußeren Natur, was für das Leben durch die Erkenntnis der äußeren Naturgesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das möchte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im allerweitesten Kulturleben; das möchte sie werden für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft. Und so viel man auch diese Geisteswissenschaft notwendigerweise noch verkennen muß, ganz begreiflicherweise verkennen muß, so entnimmt sie das Vertrauen in ihre Wahrheit, auch das Vertrauen in ihre Wirksamkeit in der Menschheitskultur, der Betrachtung des Schicksals der Naturwissenschaft beim Aufgange des neueren Geisteslebens. Auch der Naturwissenschafter stand ja gegenüber jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Vorurteilen; aber die Wahrheit hat Kräfte, die ihr in der Art, wie es angemessen ist im Menschenleben, immer zum Siege verhilft gegen alle widerstrebenden Kräfte.
[ 4 ] Und so sei denn, nachdem von diesem Vertrauen des Geisteswissenschafters in die Wahrheit und Wirksamkeit seiner Arbeit einige Worte gesprochen worden sind, sogleich eingegangen auf das Wesen, auf die Art der Forschung, welche der hier gemeinten Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 5 ] Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. Aber da sich diese Geisteswissenschaft auf ein ganz anderes Gebiet erstreckt als die Naturwissenschaft, nämlich nicht auf das Gebier dessen, was sinnenfällig wahrgenommen werden kann, auf das Gebiet der äußeren Natur, sondern auf das Gebiet des Geistes, so muß es ja einleuchtend sein, daß gerade eine naturwissenschaftliche Denkweise da, wo es sich darum handelt, das Gebiet des Geistigen zu erforschen, sich wesentlich modifizieren muß, zu etwas anderem werden muß als auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Und obgleich die Methode, die Forschungsweise der Geisteswissenschaft ganz so gehalten ist in dem Geiste der Naturwissenschaft, daß jeder naturwissenschaftlich Gebildete, der heute Naturwissenschaft ohne Vorurteile nimmt, sich auf den Boden dieser Geisteswissenschaft stellen kann, so muß doch gesagt werden, daß allerdings, solange man die naturwissenschaftlichen Methoden in ihrer Einseitigkeit nimmt, wie es vielfach heute geschieht, Vorurteil über Vorurteil gegen die Anwendung naturwissenschaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben erwachsen kann. Muß doch naturwissenschaftliches Denken, man möchte sagen, naturwissenschaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen wohl am nächsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen ist, muß doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen des Menschen selbst. Muß doch der Mensch in der Geisteswissenschaft sich selber untersuchen, und muß er doch auch zu dem einzigen Werkzeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfügung steht, nämlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, daß der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren muß, daß er etwas mit sich vornehmen muß, das ihn in die Lage versetzt, in die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltäglichen Leben.
[ 6 ] Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem naturwissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soll, der nur verdeutlichen soll, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungsart ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. In der Natur tritt uns zum Beispiel das Wasser entgegen. Wenn wir das Wasser ansehen, wie es uns draußen entgegentritt, so stellt es sich zunächst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Ja, was macht da der Naturwissenschafter aus dem Wasser? Das Wasser brennt bekanntlich nicht. Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser heraus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der äußerlich das Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, daß da Wasserstoff drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften haben als das Wasser.
[ 7 ] Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der Mensch, wenn er dem Menschen gegenübersteht im Leben, erkennen, was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, der Naturwissenschafter, kommt und uns das Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff, so muß, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelenprozeß, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muß, der Geisteswissenschafter kommen und muß dasjenige, was sich im äußeren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den Menschen in das Äußerlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. Zunächst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem Außerlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Wasserstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser herausgezogen wird.
[ 8 ] Es ist heute sehr oft der Fall, daß in dem Augenblick, wo man beginnt, in dieser Art zu sprechen, einem gesagt wird: Das verstößt doch wider den Monismus, an dem man unbedingt festhalten muß. Nun, der Monismus darf ja auch den Chemiker nicht hindern, daß er das Wasser zerlegt in eine Zweiheit. Der Monismus wird gar nicht dadurch angefochten, daß dasjenige, was in Wirklichkeit geschehen kann, geschieht: daß durch die Geistesforschung, durch die geistesforscherischen Methoden abgetrennt wird von dem Leiblich-Körperhaften das Geistig-Seelische. Nun aber sind diese Methoden allerdings nicht solche, die man im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik vollziehen kann, sondern es sind Vorgänge, die in der Seele selber vollzogen werden müssen. Es sind aber keine Vorgänge der Seele, die Wunder darstellen, sondern es sind nur Steigerungen desjenigen, was der Mensch im gewöhnlichen Leben beobachten kann. Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigenschaften, die der Mensch im alltäglichen Leben in einem gewissen Maße hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern muß, wenn er zum Geistesforscher werden soll. Und da ich nicht in allgemeinen Redensarten herumreden will, so will ich gleich in die Betrachtung der Sache selbst eintreten.
[ 9 ] Jeder kennt dasjenige, was man im menschlichen Seelenleben nennt das Erinnerungsvermögen, das Gedächtnis. Jeder weiß ja, wieviel von dem Gedächtnis im Grunde genommen abhängt. Man stelle sich einmal vor, wir würden eines Morgens aufwachen und keine Ahnung haben, was früher um uns und in uns war. Wir würden dadurch die ganze menschliche Wesenheit verlieren. Unser Gedächtnis, das in sich zusammenhängt von einem gewissen frühen Zeitpunkt in der Kindheit an, das gehört notwendig zu unserem menschlichen Leben. Nun werden schon die Philosophen der Gegenwart gegenüber der Untersuchung der Gedächtniskraft stutzig. Sie haben jetzt schon Persönlichkeiten in ihrer Mitte, die gerade, indem sie das Gedächtnis betrachten, von einer materialistisch-monistischen Weltanschauung abkommen, indem sie durch genaue Untersuchung finden, daß, wenn man auch die Sinnesempfindungen, soviel man das nur sagen kann von Seelentätigkeit, in äußerlicher Weise gebunden findet an den Leib, man das Gedächtnis nie als an den Leib gebunden wird anerkennen können. Darauf brauche ich ja nur aufmerksam zu machen. Denn ein Mann, der wahrhaftig keine Neigung hat, in die Geisteswissenschaft einzudringen, der französische Philosoph Bergson, hat auf diese geistige Art des Gedächtnisses hingedeutert.
[ 10 ] Wie aber tritt uns im Leben das Gedächtnis, die Erinnerungskraft entgegen? Längst vergangene Ereignisse kommen in Bildern in unsere Seele herein. Die Ereignisse sind längst vergangen, aber die Seele hat es mit sich selbst zu tun. Sie hat es damit zu tun, daß sie heraufzaubert das vergangene Erlebnis aus den Tiefen des inneren Lebens. Und man kann das, was da heraufkommt aus den Seelentiefen, mit dem ursprünglichen Erlebnis vergleichen. Blaß sind die Erinnerungen gegenüber den Bildern, die uns die Wahrnehmung der Sinne bietet. Aber mit der Integrität des Seelenlebens hängen sie zusammen. Und wir könnten uns in der Welt nicht zurechtfinden, wenn wir nicht das Gedächtnis hätten. Diesem Gedächtnis aber liegt die Kraft des Gedächtnisses zugrunde. Die Seele kann dasjenige, was in ihren Erinnerungen verborgen ist, durch die Kraft des Gedächtnisses heraufholen. Aber da gerade setzt nun Geisteswissenschaft ein. Nicht das Gedächtnis als solches — ich bitte ins Auge zu fassen, was ich sagen will —, nicht das Gedächtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Heraufholen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, diese Kraft kann verstärkt werden, ins Unbegrenzte verstärkt werden, so daß sie im Leben der Seele nicht bloß verwendet wird, um durchgemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daß sie zu etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht äußere Methoden, die im Laboratorium verfolgt werden können, nicht das, was man durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistesforscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgänge, die jeder durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvorgänge ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des Gedankenlebens.
[ 11 ] Was ist diese Konzentration des Gedankenlebens?
[ 12 ] Ich kann heute nur in einer kurzen einstündigen Betrachtung die Prinzipien dessen anführen, um was es sich handelt. Das Nähere können Sie nachlesen in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» und in meiner «Geheimwissenschaft» im zweiten Teil; diese Bücher sind ja auch übersetzt. Ferner in dem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt». Aber den Prinzipien nach will ich die ersten Vornahmen der Seele auseinandersetzen, die eine unbegrenzte Steigerung dessen sind, was für das menschliche Leben notwendig ist, eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit muß in unbegrenzter Weise gesteigert werden, damit Geistesforschung in die Seele eintreten könne.
[ 13 ] Was macht denn der Mensch in der Regel, wenn er der Außenwelt gegenübertritt? Er nimmt die Dinge wahr; er verarbeitet die Dinge durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Dann macht er sich Vorstellungen über das Wahrgenommene. Und in der Regel ist er zufrieden, wenn er die äußeren Vorstellungen in der Seele bewahrt. Da, wo das Alltagsleben aufhört, da beginnen die Methoden der Geisteswissenschaft, da beginnt dasjenige, was man Konzentration des Denkens nennen kann. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muß den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er gewöhnlich im äußeren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir uns selbst bilden, die wir genau überschauen können, am besten sinnbildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht nötig haben, die Übereinstimmung mit der Außenwelt zu prüfen, sie stellen wir in den Horizont unseres Bewußtseins; Vorstellungen, die wir entweder finden, aus der Praxis der Geisteswissenschaft hervorgegangen, oder zu denen uns der Geistesforscher raten kann, sie stellen wir in den Mittelpunkt des ganzen Bewußtseins, so daß wir durch längere Zeit die Aufmerksamkeit der Seele von allem Äußeren ablenken und uns nur konzentrieren auf eine Vorstellung. Während man sonst nicht bei einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Kräfte seiner Seele zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. Wenn man den Menschen betrachtet bei einer solchen Vornahme, so vollzieht er im Grunde genommen etwas, was dem Schlafe gewissermaßen ähnlich ist, und was doch auch wiederum radikal verschieden ist. Denn, soll solche Konzentration fruchtbar werden, so muß der Mensch in der Tat wie ein Schlafender werden.
[ 14 ] Wenn wir einschlafen, da fühlen wir zuerst, wie die Willenskräfte in unseren Gliedern ruhig werden, wie eine gewisse Dämmerung um uns auftritt, wie die Sinne in ihrer Tätigkeit abebben. Dann gehen wir über in Bewußtlosigkeit. Alles Außere muß so werden in der Konzentration wie beim Schlafe. Die Sinne müssen vollständig frei werden von allen Eindrücken der Außenwelt. Das Auge darf so wenig sehen wie im Schlafe; das Ohr so wenig hören wie im Schlafe und so weiter. Dann wird das ganze Seelenleben zusammengenommen und auf eine Vorstellung konzentriert; das ist der radikale Unterschied vom Schlafe. Man könnte den Zustand nennen ein bewußtes Schlafen, ein vollbewußstes Schlafen. Während im Schlafe die Finsternis der Unbewußtheit sich ausdehnt im Seelenleben, lebt in einem erhöhten Seelenleben derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Er strengt alle Kräfte des Seelenlebens an und wendet sie auf eine Vorstellung. Nicht darauf kommt es an, daß wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur eine Gelegenheit, unsere Seelenkräfte zusammenzuraffen, zusammenzudrängen. Auf dieses Zusammendrängen der Seelenkräfte kommt es an. Denn dadurch gelangen wir allmählich dazu — ich muß da wiederum auf das Nähere in meinen Büchern verweisen —, wirklich das Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, herauszureißen aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, höchstens durch Teile einer Stunde festhalten, aber man muß sie immer und immer wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Kräfte, die sonst nur schlummern in der menschlichen Natur — die im Alltagsleben ja auch da sind, die aber schlummern —, so zu verstärken, daß sie wirksam werden in unserer Seele und herausreißen das Geistig-Seelische aus dem Physisch-Leiblichen.
[ 15 ] Da ich, wie gesagt, nicht herumreden möchte in abstrakter Art, sondern Ihnen Tatsachen mitteilen möchte, so sei es gleich gesagt, daß, wenn es dem Geistesforscher gelingt, durch Energie und Ausdauer, durch Hingabe an seine Übungen wirklich zur Frucht seiner Übungen zu kommen, er dann zu einem Erlebnis gelangt, das zunächst genannt werden könnte ein Erlebnis des rein inneren Bewußtseins. Man weiß mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu verbinden mit dem Worte, das vorher sinnlos war: Ich weiß mich außerhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres erlebend, außerhalb meines Leibes.
[ 16 ] Ich will Ihnen von diesem Erlebnis im einzelnen erzählen. Zunächst verspürt man, daß wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Verrichtungen des Alltags sich regt, sich loslöst vom Leibe. Dumpf ist zunächst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daß man seine Natur erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weiß zuerst dann, wenn man wiederum zurückkehrt in seinen Leib — das möchte ich zunächst charakterisieren —, wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, dieses Gehirn. Man weiß: Mit dem Alltagsdenken denkt man so, daß das Gehirn das Instrument ist; jetzt war man aber draußen. Dann kommt man allmählich dazu, einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: Du erlebst dich im Seelisch-Geistigen. Man erlebt, wie das eigene Haupt umkleidet ist gewissermaßen mit seinen Gedanken. Man weiß, was es heißt, das Seelisch-Geistige abgetrennt zu haben vom äußeren, physisch-leiblichen Leben. Zuerst lernt man den Widerstand kennen, den das leibliche Leben bietet. Dann lernt man erkennen das selbständige Leben außerhalb des Leibes. Es ist wahrhaftig so, wie wenn der Wasserstoff einmal sich selbst außerhalb des Wassers wahrnehmen sollte. So ist es mit dem Menschen, wenn er solche Übungen durchmacht. Und dann, wenn er solche Übungen getreulich fortsetzt, dann tritt der große, der bedeutungsvolle Augenblick ein, an dem man sozusagen den Ausgangspunkt der eigentlichen Geistesforschung hat. Ein Augenblick, der tief erschütternd ist, der ungeheuer bedeutungsvoll ins ganze Leben eingreift. Dieser Augenblick kann in der verschiedensten Art sich einstellen. Er kann tausendfach verschieden sein. Ich will ihn aber typisch charakterisieren, wie er doch seiner Charakteristik nach meistens sein wird.
[ 17 ] Hat man so eine gewisse Zeit hindurch geübt, hat man gewissermaßen aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus die eigene Seele so behandelt, dann kommt der Moment, der eintreten kann entweder im alltäglichen Leben, oder auch mitten im Schlafe, so daß man aus dem Schlafe aufwacht und weiß: man träumt nicht, man erlebt eine neue Wirklichkeit. Man kann das zum Beispiel so erleben, daß man sich sagt: Was ist doch um mich? Es ist, wie wenn ich mich in einer Umgebung befände, die sich von mir loslöst, wie wenn die Elemente blitzartig einschlügen und wie wenn mein Leib zerstört würde durch die Elemente und ich mich aufrecht erhalte gegenüber diesem Leibe. Man lernt erkennen, was alle Geistesforscher durch alle Zeiten hindurch mit einem bildlichen Ausdruck genannt haben: an die Pforte des Todes gelangen. Denn das erlebt man, daß man jetzt weiß durch das Bild — also nicht durch die Wirklichkeit, diese erlebt man nur im Tode —, man erlebt durch das Bild, daß man jetzt weiß, wie der Mensch geistig-seelisch ist, wenn er nicht durch das Instrument seines Leibes sich und die Welt wahrnimmt, sondern wenn er nur im Geistig-Seelischen lebt.
[ 18 ] Das ist zunächst das Erschütternde; man weiß: Du hast dich mit deiner Denkkraft losgelöst von deinem Leibe. Und ebenso können andere Kräfte losgelöst werden von dem Leibe, so daß der Mensch immer reicher, immer innerlicher mit Bezug auf sein Seelenleben wird.
[ 19 ] Aber es genügt die eine Übung nicht, welche ich mit dem Ausdruck Konzentration oder unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit bezeichnet habe. Durch diese Übung erlangt man das Folgende: Wenn man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden von den Bildern des gewöhnlichen Gedächtnisses. Während das gewöhnliche Gedächtnis nur dasjenige in Bildern hat, was äußerlich erlebt worden ist, steigen jetzt Bilder auf aus den grauen Seelentiefen, die nichts gemein haben mit dem, was man in der äußeren Sinneswelt erleben kann. Alle Einwände, daß man sich leicht täuschen könne, daß das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Reminiszenzen des Gedächtnisses sein könnten, alle diese Einwände sind hinfällig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden zwischen dem, was das Gedächtnis heraufrufen kann, und dem, was radikal verschieden ist von allem, was im Gedächtnis stehen kann. Allerdings, eines muß bedacht werden, wenn von diesem Punkte des Eintretens in die geistige Welt gesprochen wird. Es ist dasjenige, daß zur Geistesforschung wenig sich solche Personen eignen, welche an Halluzinationen, an Visionen oder ähnlichen krankhaften Seelengebilden und Seelenzuständen leiden. Je weniger der Mensch dazu neigt, was ja doch nur eine Reminiszenz des Tageslebens ist, desto sicherer kommt er vorwärts auf dem Gebiete der Geistesforschung. Und darin besteht ein großer Teil der Vorbereitung zur Geistesforschung, daß man alles dasjenige, was nur irgendwie unbewußt aus der Menschenseele sich aufdrängen könnte in solch krankhafter Art, genau unterscheiden lernt von dem, was als ein neues Element, als eine geistige Wirklichkeit durch die geisteswissenschaftliche Ausbildung der Seele eintreten kann.
[ 20 ] Ich möchte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen dem Visionären, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistesforscher erschaut. Warum ist es denn so, daß so viele Menschen glauben, schon in der geistigen Welt drinnen zu stehen, wenn sie nur Halluzinationen und Visionen haben? Ja, die Menschen lernen so ungern etwas wirklich Neues kennen! Sie halten so gerne an dem Alten, in dem sie schon drinnen stehen, fest. Im Grunde genommen treten uns in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so entgegen, wie uns die äußere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermaßen nichts dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistesforscher gegenüber seinem neuen geistigen Element nicht. Ich habe davon gesprochen, daß der Geistesforscher alle Kräfte seiner Seele, die im gewöhnlichen Leben schlummern, konzentrieren, heraufarbeiten muß. Das erfordert aber, daß er eine seelische Energie, eine seelische Stärke anwendet, die im äußeren Leben nicht da ist. Aber diese Stärke muß er immer festhalten, wenn er eintritt in die geistige Welt. Der Mensch bleibt passiv, er braucht sich nicht anzustrengen: das ist das Charakteristische der Halluzinationen, der Visionen. In dem Augenblick, wo wir der geistigen Welt gegenüber auch nur einen Moment passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir müssen unausgesetzt tätig, aktiv dabeisein. Daher können wir uns auch nicht täuschen, denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. Wir müssen überall mit unserer Tätigkeit dabeisein, bei jedem Atom desjenigen, was uns aus der geistigen Welt entgegentritt. Wir müssen wissen, wie es sich damit verhält. Diese Aktivität, dieses fortlaufende Tätigsein, das ist notwendig für die wirkliche Geistesforschung. Dann aber tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige Wesen, geistige Tatsachen um uns sind.
[ 21 ] Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Daß man losreißt die Seele vom Leibe, das geschieht in der geschilderten Weise. Das zweite aber, es kann wiederum durch einen naturwissenschaftlichen Vergleich klar gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zunächst für sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muß sich vollziehen mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Dieses Geistig-Seelische muß sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht in der Sinneswelt sind. Es muß mit ihnen eins werden; dadurch nimmt es sie wahr.
[ 22 ] Die erste Stufe der Geistesforschung ist das Abtrennen des SeelischGeistigen vom Physisch-Leiblichen. Die zweite Stufe ist das Eingehen von Verbindungen mit Wesen, die hinter der Sinneswelt sind. Das letztere ist etwas, was einem in der Gegenwart nicht verziehen wird, weit weniger verziehen wird als das Reden von einem «Geiste im allgemeinen». Es gibt ja heute schon viele Menschen, die wissen, daß es sie drängt, ein Geistiges anzunehmen. Sie sprechen aber von einem Geiste, der hinter der Welt ist und sind froh beseelt, wenn sie Pantheisten sein können. Aber für den Geistesforscher ist der Pantheismus gerade dasselbe, wie wenn man jemand in die Natur führt und sagt zu ihm: Schau nur, das alles, was dich hier umgibt, es ist Natur! wenn man ihm nicht sagt: Das sind Bäume, das sind Wolken, das ist eine Lilie, das ist eine Rose, sondern: das ist alles Natur! Wenn man den Menschen also von einem Vorgang zum anderen Vorgang, von einem Wesen zum anderen Wesen führt und ihm sagt: Es ist das alles Natur ! — damit ist ja nichts gesagt. Im einzelnen, im Konkreten muß auf die Tatsachen eingegangen werden. Es wird einem heute verziehen, wenn man von einem Geiste spricht, der in allem darinnen ist. Der Geistesforscher kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Er tritt ja ein in eine Welt, die besteht aus einer Welt von geistigen Wesenheiten, geistigen Tatsachen, die differenziert sind so, wie die äußere Welt konkret differenziert ist, indem sie besteht aus Wolken, Bergen, Tälern, aus Bäumen, Blumen und so weiter. Daß man aber davon spricht, daß nicht nur die natürlichen Vorgänge differenziert sind in Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, sondern daß man, wenn der Mensch in eine geistige Welt eintritt, auch dort von konkreten Einzelheiten und Tatsachen spricht, das wird einem heute nicht verziehen. Aber der Geistesforscher kann nicht anders als darauf aufmerksam machen, daß, wenn er so in die geistige Welt eintritt, er eintritt in eine Welt wirklicher, konkreter geistiger Wesenheiten und geistiger Vorgänge.
[ 23 ] Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewöhnlichen Leben oder im gesteigerten gewöhnlichen Leben in der religiösen Frömmigkeit empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert muß das entwickelt werden, daß der Mensch wirklich dazu kommt, daß er gleichsam im Strome des Weltgeschehens hingebungsvoll ruht wie im Schlafe. Im Schlafe vergißt er jede Regung des eigenen Leibes, so muß der Mensch jede Regung des eigenen Leibes vergessen in der Kontemplation oder Meditation. Es ist dies die zweite Übung, die abwechseln muß mit der ersten Übung. Der Übende vergißt seinen Leib vollständig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, daß er auch alle Gemütsregungen und Willensregungen abzusondern vermag, so wie er sich im Schlafe abzusondern vermag von jeder Regsamkeit des Leibes. Aber bewußt muß dieser Zustand herbeigeführt werden. Indem der Mensch diese Hingabe hinzufügt zu der ersten Übung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt durch die äußeren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. Eine neue Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. Dann aber wird für den Menschen etwas zur Tatsache. Zur Tatsache wird es, so sagte ich, für die Innenbeobachtung, was heute noch durchaus zurückgewiesen wird von den Vorurteilen unserer Zeit, was aber ebenso ein Ergebnis einer streng wissenschaftlichen Forschung ist, wie die Evolutionslehre der neueren Zeit es ist: der Mensch lernt seinen seelisch-geistigen Wesenskern kennen, und zwar so lernt er ihn kennen, daß er weiß: Bevor ich vor der Empfängnis und vor der Geburt in dieses Leben eingetreten bin, das mich mit dem Leibe bekleidete, war ich geistig-seelisch in einem geistigen Reiche. Indem ich durch die Pforte des Todes schreiten werde, wird mein Leib abfallen, aber dasjenige, was ich jetzt kennen gelernt habe als geistig-seelischen Wesenskern, dasjenige, was außer dem Leibe leben kann, das wird durch die Pforte des Todes schreiten. Das gehört, nachdem es durch die Pforte des Todes geschritten ist, zu einer geistigen Welt, das geht in eine geistige Welt ein. - Man lernt, mit anderen Worten, die unsterbliche Seele kennen schon in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Man lernt kennen dasjenige, wovon man weiß, daß es auf den Leib nicht angewiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele nach dem Tode eintritt. Aber man lernt diesen geistig-seelischen Wesenskern des Menschen in einer solchen Weise erkennen, wie es sich wiederum wissenschaftlich-anschaulich beschreiben läßt.
[ 24 ] Wenn wir die Pflanze betrachten, wie der Keim sich entwickelt, wie die Blätter und Blüten entstehen, wie die Frucht sich bildet, aus der dann wiederum ein Keim hervorgeht, dann werden wir gewahr, daß das Leben dieser Pflanze sich zuspitzt in diesem Keim. Man sieht das Abfallen der Blüten und Blätter, man sieht, daß der Keim bleibt, der in sich trägt eine neue Pflanze. So wird man gewahr: In dieser Pflanze, die man vor sich hat, da lebt der Keim, der Kern zu einer neuen Pflanze. So lernt man erkennen, indem man das Leben zwischen Geburt und 'Tod betrachtet, daß sich im Geistig-Seelischen dasjenige entwickelt, was durch die Pforte des Todes geht, was aber der Keim, der Kern eines neuen Lebens ist. So gewiß wie der Pflanzenkeim die Anlage hat, eine neue Pflanze zu werden, so gewiß hat dasjenige, was sich in dem Alltagsleben als Seelisch-Geistiges verbirgt, was sich aber der Geisteswissenschaft zeigt, die Anlage zu einem neuen Menschen. Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den wiederholten Erdenleben. Man weiß, daß das gesamte Menschenleben besteht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und aus dem Leben, das verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aus dem dann der Mensch wiederum in ein neues Erdenleben eintritt. Das einzige, was eingewendet werden könnte gegen das eben Gesagte, ist, daß ja der Pflanzenkeim auch zugrunde gehen könnte, wenn die Bedingungen nicht da sind, die ihn zu einer neuen Pflanze aufrufen. Dieser Einwand erledigt sich für die Geisteswissenschaft dadurch, daß allerdings der Pflanzenkeim, weil er angewiesen ist auf die äußere Welt, auch zugrunde gehen kann. In der geistigen Welt aber, in der der menschliche Seelenwesenskern heranreift zu einem neuen Erdenleben, da gibt es kein Hindernis dafür, daß dasjenige, was als Seelenkern im Erdenleben reift, in einem anderen Erdenleben wiederum zum Vorschein kommt. Ich kann nur flüchtig in kurzen Worten andeuten, wie der Geistesforscher, festhaltend an der naturwissenschaftlichen Forschungsart, zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben kommt.
[ 25 ] Man hat die Geisteswissenschaft angeklagt des Buddhismus, weil sie von den wiederholten Erdenleben spricht. Nun, die Geisteswissenschaft holt das, was sie zu sagen hat, wahrhaftig nicht aus dem Buddhismus, sondern sie steht voll und ganz auf dem Boden der neueren Naturwissenschaft. Aber, sie dehnt diese neuere Naturwissenschaft auf das geistige Leben aus. Und sie kann nichts dafür, daß sie, ohne irgendwie auf den Buddhismus Rücksicht zu nehmen, zu der Anschauung von den wiederholten Erdenleben kommt. Sie kann nichts dafür, daß der Buddhismus in uralten Zeiten aus alten Traditionen heraus gesprochen hat von den wiederholten Erdenleben.
[ 26 ] In diesem Zusammenhange möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Lessing aus seinem reifen und erfahrungsreichen Denken heraus dazu gekommen ist, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat Lessing seine Abhandlung «Über die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, und da vertritt er diese Lehre von den wiederholten Erdenleben. Er sagt ungefähr das Folgende: Sollte denn diese Lehre deshalb zu verwerfen sein, weil sie in den ersten Morgenstunden der Menschheit aufgetreten ist, als noch keine Vorurteile der Schulen sie getrübt haben ? So wenig Lessing sich beirren ließ dadurch, daß diese Lehre von den wiederholten Erdenleben in der Morgenröte der Menschheit aufgetreten ist und dann später durch die Vorurteile der Schulen in den Hintergrund gedrängt worden ist, so wenig braucht die Geisteswissenschaft vor dieser Lehre zurückzuschrecken, weil diese Lehre auch im Buddhismus vorkommt. Es ist durchaus unbegründet, die Geisteswissenschaft deshalb des Buddhismus zu zeihen. Geisteswissenschaft bekennt sich zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben aus ihren eigenen Quellen heraus, und der Mensch wird hingewiesen durch diese Geisteswissenschaft darauf, daß er mit dem gesamten Menschheitsleben auf Erden in Zusammenhang steht. Denn diese Seelen, die in uns leben, sie waren schon oftmals da, sie werden noch oftmals da sein. Wir blicken zurück auf uralte Kulturepochen, auf Zeiten zum Beispiel, wo die Augen der Menschen hinaufgeblickt haben zu den Pyramiden. Wir wissen: Unsere Seelen haben schon dazumal gelebt, und wiederum werden sie erscheinen in der Zukunft; sie nehmen teil an allen Menschheitsepochen. Es ist heute noch durchaus zu verstehen, wenn die Vorurteile der Menschen sich gegen eine solche Lehre wenden. Es gibt ja auch Menschen, die sich alles so zurechtlegen, wie sie es gerne mögen. Daß Lessing ein großer Mensch war, ist bekannt. Daß er sich auf der Höhe seines Lebens zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben bekannt hat, das ist manchen Menschen unbequem und sie sagen deshalb: Nun ja, Lessing ist eben auch schwach geworden im Alter! Das ist den Menschen bequemer zu denken, als zu denken: der Mensch steht in Verbindung mit der gesamten Erdenkultur.
[ 27 ] Nun, in welchem Sinne will die Geisteswissenschaft dasjenige, was soeben auseinandergesetzt worden ist, vor die ganze Menschheitskultur hintragen? In keinem anderen Sinne, als die neuere Naturwissenschaft ihre Erkenntnisse vor die Menschheit bringt. Aber indem diese Geisteswissenschaft in dieser Art gegenwärtig vor die Menschheitskultur hinrtritt, ist sie denselben Vorurteilen ausgesetzt, denen dasjenige ausgesetzt war, was die neuere naturwissenschaftliche Denkungsweise gebracht hat. Erinnern wir uns nur an Kopernikus, an Galilei, an Giordano Bruno. Wie war es denn dazumal, als Kopernikus auftrat mit der Ansicht, daß die Erde nicht stille steht, sondern daß sie sich dreht um die Sonne, daß die Sonne in Wahrheit gegenüber der Erde stille steht? Was hatte man geglaubt? Man hatte geglaubt, daß jetzt die Religion auf dem Spiel stehe, daß durch solche Fortschritte des Wissens die religiöse Frömmigkeit der Menschen gefährdet sei. Gewisse kirchliche Bekenntnisse haben bis zum neunzehnten Jahrhundert gebraucht, um die Lehre des Kopernikus vom Index abzusetzen und im Schoße ihrer Weltanschauung anzuerkennen. Geistiger Fortschritt hat zu jeder Zeit gegen alte Vorurteile zu kämpfen gehabt. Nicht anders, als das neue naturwissenschaftliche Wissen dazumal in die Menschheitskultur eingetreten ist, will das neue Geisteswissen in die Menschheitskultur eintreten. Daß man etwas wissen kann über den Geist, und daß die Menschheit dazu reif ist, dieses Wissen sich anzueignen, das will Geisteswissenschaft so betonen, wie betont worden ist durch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, daß ein neues Wissen notwendig geworden war, für das die Menschheit reif war, in bezug auf die Natur. Und wie man dazumal selbst den christlichen Domherrn Nikolaus Kopernikus angeklagt hat, kein Christ zu sein, so hat man es ja auch in gewissen Punkten leicht, die neuere Geisteswissenschaft nun wiederum anzuklagen, daß sie unchristlich sei. Ich muß bei einer solchen Anklage immer wiederum eines Priesters gedenken, der, als er einmal sein Universitätsrektorat angetreten hat, einen Vortrag hielt über Galilei, und der dazumal sagte: Es waren eben religiöse Vorurteile dazumal unter den Menschen, als sie Kopernikus entgegengetreten sind. Derjenige aber, der wahrhaft Religiosität in sich hat, der weiß, daß die Herrlichkeit und das Licht der Gottheit nicht vermindert wird dadurch, daß man in die Geheimnisse des Weltalls wissend eindringt; er weiß, daß die Größe der Gottesanschauung der Menschen nur zugenommen hat dadurch, daß der Mensch sein Wissen ausdehnte über den Sinnenschein hinaus zu einem Berechnen der Sternenbahnen und der Gestirne Eigentümlichkeiten. — Daß Religion nur gewinnen kann, wenn sie sich wissenschaftlich vertieft, das kann das wahrhaft religiöse Gemüt einsehen. Und Geisteswissenschaft will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die Zeit der Propheten ist vorüber. Die Menschheit ist reif geworden. Und Menschen, die mit Prophetennatur in der Zukunft vor die Menschheit hintreten wollten, sie werden ein anderes Schicksal haben als die alten Propheten. Die alten Propheten, sie sind mit Recht nach den Eigenarten ihrer Zeit als hervorragende Menschen verehrt worden. Propheten der Gegenwart, die es in dem alten Sinne sein wollten, werden ihr Schicksal erfahren: sie werden ausgelacht werden ! Geisteswissenschaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer ganzen Natur nach auf dem Boden, daß dasjenige, was sie zu sagen hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in welche die Menschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, findest du es selbst! Und immer mehr und mehr werden sich die Zeiten nähern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wird als schlichter Forscher, so wie der Chemiker, der Biologe als Forscher anerkannt werden auf ihrem Gebiete; nur daß der Geistesforscher auf dem Gebiete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht.
[ 28 ] Ich konnte ja heute nur skizzieren, was bei der Forschung auf diesem Gebiete herauskommt. Aber wenn Sie darauf eingehen, so werden Sie sehen, daß das die Erforschung der für die Menschenseele wichtigsten Fragen ist: der Menschheits- und Schicksalsfragen, der beiden Fragen, die die Menschen tief bewegen können, stündlich, täglich - derjenigen Fragen, die die Menschenseele stark machen zur Arbeit. Und weil die Gegenstände der Geistesforschung mit den Tiefen der Menschenseele zu tun haben, daher ist es ihr eigen, daß sie die Menschen ergreift, daß sie sich verbindet mit dem tiefsten Innern des Menschen, und daß sie dadurch sein religiöses Empfinden vertieft, daß sie den Menschen religiöser macht in seinem Empfinden, als er sonst gewesen wäre.
[ 29 ] Geisteswissenschaft will nicht das Christentum ersetzen, aber ein Instrument zum Ergreifen des Christentums will sie sein. Und gerade dadurch wird uns durch die Geisteswissenschaft klar, daß dasjenige Wesen, das wir den Christus nennen, in den Mittelpunkt alles Erdendaseins zu stellen ist, daß dasjenige, was wir das christliche Bekenntnis nennen, die letzte der Religionen ist, die für die Erdenzukunft ewige Religion ist. Gerade das zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß die vorchristlichen Religionen aus ihrer Einseitigkeit herausgewachsen sind, zusammengewachsen sind in die Religion des Christentums. Geisteswissenschaft will nicht etwas anderes an die Stelle des Christentums setzen, sondern sie will nur dazu helfen, das Christentum tiefer, inniger zu verstehen.
[ 30 ] Kann man sagen, daß Kopernikus, als er in seinem stillen Kämmerlein ein neues astronomisches Weltensystem aufstellte, die Natur umschaffen wollte? Wahnsinn wäre es, solches zu sagen. Die Natur ist geblieben, was sie war; aber die Menschen haben verstehen gelernt in einer Weise, wie es der neuen Kultur geziemte, über die Natur zu denken. Ich habe mir erlaubt, mein Buch, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe über das Christentum, zu nennen: «Das Christentum als mystische Tatsache». Derjenige, der gewohnt ist, über die Dinge auch nachzudenken, die er der Welt überliefert, wählt einen solchen Titel nicht ohne Bedenken. Warum habe ich diesen Titel gewählt? Nun, um zu zeigen, daß das Christentum nicht eine bloße Lehre ist, die man so oder so verstehen kann, sondern daß es als eine Tatsache, die nur geistig zu verstehen ist, in die Welt eingetreten ist. So wahr die Natur keine andere geworden ist durch Kopernikus, so wahr wird die Tatsache des Christentums keine andere, wenn Geisteswissenschaft zum Instrument wird, diese Tatsache des Christentums in einem vollen Sinne zu verstehen, besser zu verstehen, als das in abgelebten Zeiten möglich gewesen ist.
[ 31 ] Nur ein Punkt aus der geisteswissenschaftlichen Erforschung des Christentums sei mir gestattet hervorzuheben. Ich habe zwar die Zeit schon überschritten, die mir gesetzt war, aber ich bitte Sie, noch auf diesen einen konkreten Punkt der christlichen Geistesforschung hinweisen zu dürfen.
[ 32 ] Wenn man die alten Kulturen, die vorchristlichen Kulturen mit dem Blicke des Geistesforschers verfolgt, dann findet man, daß diese vorchristlichen Kulturen überall das hatten, was man die Mysterien nennt, Stätten, von denen man sagen kann, daß sie religiöse Stätten, Kunststätten und Wissenschaftsstätten zugleich waren. Während die äußere Kultur so beschaffen war, daß in den alten Zeiten der Mensch niemals dazu gekommen ist, so, wie ich es geschildert habe, durch die geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt einzudringen, während die äußere Kultur nie eindringen ließ in die geistige Welt, konnten die einzelnen Menschen aufgenommen werden in die Mysterien. Da waren die Schüler, die man auch nannte die Einzuweihenden. Sie wurden dazu gebracht, das zu erlangen, was heute geschildert worden ist, nämlich aus ihrem physischen Leibe herauszugehen. Sie wurden sozusagen durch die Kunst der Mysterien dazu gebracht, ein leibfreies Seelenleben zu entwickeln. Und was erlangten sie durch dieses leibfreie Seelenleben ? Sie erlangten die Möglichkeit, die geistige Welt zu erleben und diesen Mittelpunkt der Erdenmenschheitsgeschichte, das Christus-Ereignis, zu erleben. Man berücksichtigt in der äußeren Wissenschaft viel zu wenig, was aus den Schülern der Mysterien geworden ist, aber man könnte vieles anführen, um dieses darzustellen. Nur das Eine lassen Sie mich erwähnen wie ein Symptom, ein Wort des Kirchenvaters Augustinus. Er sagte: Christen gibt es nicht nur, seitdem der Christus auf Erden erschienen ist, Christen gab es auch schon vorher! Wenn man das heute sagt, wird man als Ketzer angeklagt; aber ein christlicher Kirchenvater durfte es sagen, daß es vor dem Christus, vor dem Erscheinen des Christus auf Erden Christen gab; und es ist das auch die Anschauung des Augustinus selber. Warum sagte dieser christliche Lehrer solche Worte? Man erlangt ein gewisses Bewußtsein davon, warum er das sagte, wenn man zum Beispiel bei Plato liest, wie er die Mysterien schätzt, wie er spricht über die Bedeutung der Mysterien für das ganze Wesen und Leben der Menschheit. Ein Wort, das uns hart erscheinen kann, ist uns überliefert von Plato: Die Menschenseelen leben wie im Schlamm, leben wie im Sumpfe, solange sie nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht sind. Er sagte das, weil er überzeugt war, daß die Menschenseele eigentlich ihrem Wesen nach geistig-seelisch ist, daß aber nur derjenige, der herausnimmt seine Seele aus dem physischen Leibe, durch die Mysterien ansichtig wird der geistigen Welt. Als jemand, der seinem wahren Wesen entzogen ist, erscheint dem Plato der Mensch, der nicht in die Mysterien eingedrungen ist. Und das ist das Wesentliche: Der einzige Weg, aus dem Physisch-Sinnlichen in das Geistige hereinzugelangen, war in alten Zeiten der Weg durch die Mysterien.
[ 33 ] Das ist aber heute nicht mehr so. Ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden in bezug auf das Verhältnis der Menschenseele zu der geistigen Welt gegenüber den vorchristlichen Zeiten. Dasjenige, was ich Ihnen heute erzählt habe, und was jede Seele vornehmen kann mit sich, um ihren Einzug in die geistige Welt zu halten, das ist erst möglich in der Welt seit der Begründung des Christentums. Seither erst kann jede Seele, die dasjenige anwendet, was ich heute und in den genannten Büchern dargestellt habe, durch Selbsterziehung hinaufgelangen in die geistige Welt. Vor der Begründung des Christentums brauchte man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. Und wenn die Geisteswissenschaft gefragt wird: Worauf beruht dieser Umschwung? - dann hat sie aus ihren Forschungen heraus zu antworten: Dieser Umschwung ist möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Durch die Begründung des Christentums ist eine Tatsache, die nur im Geiste erforscht werden kann, in die Menschheit eingetreten. Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus selbst, er ist nach der Begründung des Christentums von jeder Menschenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleichsam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist allen Menschenseelen zuteil geworden. Woher ist das gekommen? Diejenigen, von denen man wußte, daß sie durch die Mysterien gegangen sind, Heraklit, Plato, sie nennt der Kirchenlehrer «Christen», weil sie durch die Mysterien die geistige Welt gesehen haben.
[ 34 ] Die Geisteswissenschaft zeigt uns, daß, indem Jesus gelebt hat in der Art, wie Sie es in den Evangelienbüchern finden können, für Jesus ein Moment eintritt in seinem Leben — es ist die Taufe im Jordan —, wo dieser Jesus sich umgewandelt hat, wo etwas eingetreten ist in ihm, das früher nicht da war, das dann in ihm lebte während dreier Jahre. Und dasjenige, was da in ihn eingezogen ist, es geht durch das Mysterium von Golgatha hindurch. Es ist jetzt nicht die Zeit hier, die Einzelheiten des Mysteriums von Golgatha zu schildern. Aber die Geisteswissenschaft bestätigt dasjenige, was in den Evangelien geschrieben ist, von ihrem Gesichtspunkte aus, von ihrem vollständig wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus. Durch dasjenige, was auf Golgatha geschieht, verbindet sich etwas, das vorher nur in den geistigen Höhen zu erreichen war, mit der Erdenmenschheit selbst. Es lebt seit der Zeit, da der Christus durch den Tod gegangen ist auf Golgatha, in allen menschlichen Seelen drinnen. Es ist die Kraft, durch welche jede Seele den Weg in die geistige Welt hinein finden kann. Das Menschengeschlecht auf Erden ist in bezug auf seine Seele ein anderes geworden durch das Mysterium von Golgatha. Der Christus ist, wie er selber sagt, «von oben», aber er ist eingezogen in die MenschenErdenwelt.
[ 35 ] Man wirft der Geisteswissenschaft vor, daß sie sagt, der Jesus sei nicht immer der Christus gewesen, sondern erst im dreißigsten Jahre des Jesus hätte das Christus-Leben auf Erden begonnen. Oberflächlichkeit über Oberflächlichkeit, aus dem Vorurteil der Menschheit herausgeboren, tritt der Geisteswissenschaft entgegen; wenn man die Tatsache zugibt, tritt einem gleich ein Vorurteil entgegen. Und so ist es fast mit allem, was gesagt wird von der Gegnerschaft in bezug auf die Stellung der Geisteswissenschaft zum Christentum.
[ 36 ] Müssen wir nicht sagen: Erst im dritten Lebensjahr ungefähr kann der Mensch beginnen, sich zu erinnern. Sagt man aber deshalb, daß dasjenige, was später im Menschen lebt, nicht früher schon in ihm war? Wenn man spricht von dem Einzuge des Christus in den Jesus, leugnet man deshalb, daß der Christus mit dem Jesus von der Geburt an verbunden war? Ebensowenig leugnet man dieses, wie man leugnet, daß die Seele im Kinde ist, bevor die Seele sozusagen aufersteht in diesem Kinde im Laufe des dritten Jahres. Man muß nur verstehen, was die Geisteswissenschaft sagt, dann wird man nicht mehr ihr Gegner sein.
[ 37 ] Ferner wird der Geisteswissenschaft vorgeworfen, daß sie aus dem Christus ein kosmisches Wesen macht. Sie tut nichts anderes, als den Blick des Erdenmenschen erweitern über die bloßen irdisch-physischen Angelegenheiten hinaus in die Weiten des Weltenalls, daß er auch geistig das Weltenall umfasse mit seinem Wissen, so wie Kopernikus die äußere Welt umfaßt hat mit seinem Wissen. Daß die Geisteswissenschaft das Bedürfnis hat, einzubeziehen, was ihr das Heiligste ist, in dieses ihr Wissen, das entspricht nur einem religiösen Gefühl und zugleich einem tief wissenschaftlichen Gefühl. Geurteilt haben die Menschen über die Bewegungen im Weltenall nach dem, was sie sahen, vor Kopernikus; unabhängig von der Sinneswelt haben sie gelernt zu urteilen. Ist es strafbar, wenn Geisteswissenschaft dasselbe tut in bezug auf die geistigen Angelegenheiten der Menschheit? Geurteilt haben die Menschen in einer gewissen Weise über das Christentum, über das Leben des Christus Jesus, wie sie bisher urteilen konnten. Geisteswissenschaft will erweitern den Blick in die kosmisch-geistigen Weiten. Sie fügt zu dem bisher Gewußten hinzu, was sie aus der Geisteswissenschaft heraus über den Christus zu sagen hat. Geisteswissenschaft erkennt in dem Christus ein Wesen, das ewig ist; ein Wesen, das nur einmal eingezogen ist in einen menschlichen Leib, das sich dadurch unterscheidet von den übrigen Menschen, daß es nicht wiederholte Erdenleben durchmacht. Der Christus ist nur einmal eingezogen in einen Menschenleib und ist nun vereinigt mit den Seelen der Menschen.
[ 38 ] Einen merkwürdigen Fehler machen diejenigen, die die Geisteswissenschaft vom Standpunkte des Christentums aus bekämpfen. Man frage einmal bei der Geisteswissenschaft an, ob sie dasjenige, was sie innerhalb des Christentums finden kann, bekämpft! Sie sagt zu allem Ja, wozu das Christentum Ja sagt. Aber sie sagt noch etwas anderes dazu. Dieses andere verbieten, das heißt nicht, auf seinem Christentum bestehen, sondern das heißt bestehen auf der Beschränktheit des Christentums; das heißt so operieren, wie diejenigen operiert haben, die über Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno so gesprochen haben, wie ich es angeführt habe. Welcher logische Fehler da zugrunde liegt, das kann man leicht einsehen. Diejenigen, die da kommen und sagen: Ihr redet ja von einem kosmischen Christus, der auch in den Weltenweiten lebt, daher seid Ihr Gnostiker — begehen ungefähr denselben Fehler, den einer begeht, der sagt: Ja, der Mann, der mir jetzt Geld gab, er ist mir 30 Kronen schuldig, er hat mir aber 40 Kronen gegeben, weil er mir 10 dazu leiht. Wenn ich jetzt komme und sage: Der Mann hat mir die Schuld nicht bezahlt, er hat mir ja die 30 Kronen nicht gegeben, sondern 40 Kronen, begehe ich da nicht einen törichten Fehler?! Wenn aber die Leute kommen und sagen zu den Vertretern der Geisteswissenschaft: Ihr sagt uns nicht nur das, was wir über den Christus sagen, sondern ihr sagt noch etwas dazu — dann merken es die Leute nicht, welch ungeheuren Fehler sie machen, weil sie aus ihrer Leidenschaft heraus sprechen und nicht wirklich objektiv. Meinetwegen mag man polemisieren dagegen, daß das, was Geisteswissenschaft über das Christentum gibt, etwas sein kann oder nicht sein kann für die Menschen. Das hängt davon ab, was die Menschen brauchen. Man könnte ja auch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno zurückweisen. Aber man darf nicht sagen, Geisteswissenschaft gebe weniger über das Christentum oder Geisteswissenschaft trete gegen das Christentum auf.
[ 39 ] Und noch eines ist es, was ausgesprochen werden muß, wenn über das Verhältnis von Geisteswissenschaft zum Christentum die Rede ist: Die Menschheit ändert sich, indem sie in den einzelnen Menschenleben von Epoche zu Epoche geht. Unsere Menschenseelen haben durchgemacht Erdenleben in Zeiten, wo der Christus noch nicht mit der Erde vereinigt war, und sie werden durchmachen noch fernere Erdenleben, in denen der Christus mit der Erde vereint ist. Der Christus lebt nunmehr in den Menschenseelen selbst. Dann aber, wenn die Menschenseele sich immer mehr und mehr vertieft, wenn die Menschenseele immer wieder und wiederum durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird sie immer selbständiger und selbständiger, immer innerlich freier und freier. Daher ist es so, daß sie immer neue Instrumente braucht, um die alten Wahrheiten zu verstehen, daß sie aus dieser inneren Freiheit heraus immer weiter und weiter vorzudringen hat. So muß gesagt werden: Das Christentum wird gerade durch die Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daß die Geisteswissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form diese alten christlichen Wahrheiten verkündigt. Mögen diejenigen, die nur bei ihren Vorurteilen stehenbleiben wollen, glauben, daß Geisteswissenschaft dem Christentum Abbruch tue. Wer in die Kultur der Gegenwart eindringt, der wird finden, daß gerade diejenigen Menschen, die nicht mehr in der alten Weise Christen sein können, durch Geisteswissenschaft wiederum von der Wahrheit des Christentums überzeugt werden. Denn dasjenige, was die Geisteswissenschaft über das Christentum zu sagen hat, das darf sie sagen zu jeder Seele, weil den Christus, von dem sie spricht, jede Seele in sich selbst finden kann. Aber sie darf auch sagen, daß sie den Christus findet als das Wesen, das einmal wirklich durch die Tatsache des Mysteriums von Golgatha eingetreten ist in die Menschenseelen, in die Erdenwelt. Der Glaube hat nichts zu fürchten von dem Wissen, denn die Gegenstände des Glaubens, wenn sie zum Geiste aufsteigen, haben das Licht des Wissens nicht zu scheuen. Und so wird Geisteswissenschaft dem Christentum diejenigen Seelen erobern, die ihm nicht anders werden gewonnen werden können als dadurch, daß man zu ihnen nicht spricht wie ein prophetischer Religionsstifter, sondern wie ein schlichter Wissenschafter, der aufmerksam macht auf dasjenige, was auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gefunden werden kann, und der die Saiten, die in jeder Seele sind, zum Mitschwingen bringt.
[ 40 ] Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; die Wege dazu können Sie in den genannten Büchern angegeben finden. Aber auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahrheit in unbefangener Weise auf sich wirken läßt, von dieser Wahrheit durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegenheit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu überschauen; aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinneswelt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geisteswissenschafter auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er darauf, daß es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen können, weil sie in jeder Seele vorhanden sind.
[ 41 ] Da ich zum Schlusse noch aufmerksam machen möchte, wie die Geisteswissenschaft sich hineinstellt in das Kulturleben, so möchte ich noch das Folgende sagen: Geisteswissenschaft stimmt wirklich überein mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart und Denkungsart, und nicht anders will sie sich hinstellen vor die Kultur der Gegenwart, als sich der kirchliche Domherr Kopernikus, als sich Galilei, als sich Giordano Bruno hingestellt haben vor ihre Gegenwart. Vergegenwärtigen wir uns Giordano Bruno. Was hat er eigentlich getan ? Bevor er auftrat und seine für die Menschheitsentwickelung so bedeutungsvollen Worte sprach, blickten die Menschen ins Weltenall hinein. Sie sprachen von den Sternensphären so, wie sie glaubten, sie zu sehen. Sie sprachen von der blauen Himmelskugel, die das Weltall begrenzt. Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, sie hatten den Mut, den Sinnenschein zu durchbrechen und eine neue Denkungsweise zu begründen. Was war es denn im Grunde genommen, was Giordano Bruno vor seinen Zuhörern sagte? Er sagte: Seht euch die blaue Himmelskugel an; das Firmament, ihr macht es selbst durch die Begrenztheit eurer Erkenntnis. Eure Augen sehen nur bis dahin, und eure Augen sind es, die sich diese Grenze schaffen! Über diese Grenzen hinaus erweiterte Giordano Bruno den Blick der Menschen. Er glaubte darauf hinweisen zu dürfen, daß eingebettet sind in die Raumesweiten ewige Sternenwelten.
[ 42 ] Was muß der Geistesforscher tun? Lassen Sie es mich bescheiden im Sinne der neueren Geistesentwickelung aussprechen. Hinweisen muß der Geistesforscher auf das Zeitenfirmament, hinweisen muß er auf die Grenzen von Geburt und Tod des Menschenlebens, sagen muß er: Die äußere Anschauung sieht Geburt und Tod als ein Zeitenfirmament durch die Begrenztheit des menschlichen Verstandes und Wahrnehmungsvermögens. Aber wie Giordano Bruno muß er darauf hinweisen, daß dieses Zeitenfirmament nicht da ist, sondern daß es nur herrührt von der Begrenztheit der menschlichen Anschauung. Wie Giordano Bruno hinausweist über die Begrenztheit des Raumes, wie er darauf hinweisen muß, wie unendliche Welten eingebettet sind in die Weiten des Raumes, so muß der Geistesforscher darauf hinweisen, daß hinter den nicht vorhandenen Grenzen von Geburt und Tod die Zeitenunendlichkeit liegt, und daß darin eingebettet ist der Menschenseele Ewigkeit, die ewige Wesenheit des Menschen, wie sie von Leben zu Leben geht. In vollem Einklang mit dem, was für die Naturwissenschaft geschehen ist, steht die Geisteswissenschaft da.
[ 43 ] Und noch einmal sei es mir gestattet, auch in dieser Stadt darauf aufmerksam zu machen, wie die Geisteswissenschaft keine Religion stiften will, wie sie aber das Seelenleben religiöser stimmt, und wie sie gerade zu der Wesenheit im religiösen Mittelpunkte, zu dem Christus hinführt. Wiederholt sei es mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, wie Geisteswissenschaft, obzwar sie keine neue Religionsgemeinschaft stiften will, sie doch die Menschenseele tief religiös stimmt, wie sie aus der Wissenschaft des Geistes heraus nicht eine neue Religion, aber ein vertieftes religiöses Bewußtsein herbeiführt. Und derjenige, der sich fürchtet vor der Geisteswissenschaft so, als ob sie zerstören könnte das religiöse Bewußtsein, der gleicht einem Menschen, der etwa vor Kolumbus hingetreten wäre, als er nach Amerika gefahren ist — gestatten Sie, daß ich diesen Vergleich gebrauche — und gesagt hätte: Warum entdeckst du Amerika? Hier in unserem alten Europa geht so schön die Sonne auf; wissen wir denn, ob in Amerika auch die Sonne aufgehen wird und die Menschen wärmt und die Erde beleuchtet? Derjenige aber, der in den Sinn des physischen Erdendaseins eingetreten ist, der wird gewußt haben, daß in allen Ländern die Sonne leuchtet. Wer da aber für sein Christentum fürchtet, der gleicht einem solchen Menschen, der die Entdeckung eines neuen Landes fürchtet, weil er meint, es könne vielleicht dort die Sonne nicht scheinen. Wer wahrhaft Christus-Sonne in seiner Seele trägt, der weiß, daß die Christus-Sonne in jedem Lande leuchten wird. Und welche Gebiete auch noch entdeckt werden mögen, sei es auf Gebieten der Natur oder auf Gebieten des Geistes, das Amerika des Geistes wird niemals entdeckt werden, wenn nicht das wahrhaft religiöse Leben in Zugehörigkeit zum Mittelpunkt des Erdendaseins, zur Christus-Sonne sich hinneigen wird, und wenn nicht diese Christus-Sonne, die Seelen erleuchtend, die Seelen erwärmend, die Seelen befeuernd scheinen wird. Nur derjenige, der schwach ist in seinem religiösen Fühlen, kann fürchten, daß dieses religiöse Fühlen ersterben oder erlahmen könnte in einer neu entdeckten Lage. Wer aber stark ist in seinem echten Christus-Gefühl, der wird nicht Furcht haben vor dem Wissen, der wird nicht fürchten, daß in irgendeiner Weise gefährdet werden könnte der Glaube durch das Wissen.
[ 44 ] In diesem Vertrauen lebt Geisteswissenschaft. In diesem Vertrauen spricht Geisteswissenschaft zur Kultur der Gegenwart. Denn sie weiß, daß das wahr ist, daß wahres religiöses Denken und Fühlen durch keine Forschung gefährdet werden kann, sondern nur eine schwache Religiosität etwas zu fürchten hat. Sie weiß, daß man Vertrauen haben darf zum Sinn der Wahrheit. Und weil der Geistesforscher durch die erschütternden Ereignisse seines Seelenlebens, durch das, was er objektiv durchgemacht hat, weiß, was in den Tiefen der Menschenseele lebt, und weil er durch seine Forschungen Vertrauen zur Menschenseele gewinnt, weil er sieht, daß die Menschenseele die innigste Verwandtschaft hat mit der Wahrheit, so glaubt er, wie auch die Zeichen in der Gegenwart gegen die Geisteswissenschaft sprechen mögen, doch an den endlichen Sieg der Geisteswissenschaft. Und er erhofft ihn von dem wahrheitsliebenden und auch von dem echten religiösen Leben der Menschenseele.
