Christ and the Human Soul
On the Meaning of Life
Theosophical Morality
Anthroposophy and Christianity
GA 155
13 July 1914, Norrköping
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Christ and the Human Soul, tr. SOL
Anthroposophie und Christentum
Anthroposophy and Christianity
[ 1 ] Vor allen Dingen bitte ich Sie um Entschuldigung, daß ich nicht in der Lage bin, in der Sprache des Landes am heutigen Abend zu Ihnen zu sprechen. Allein die Freunde, die Mitglieder unserer Anthroposophischen Gesellschaft sind, in deren Mitte ich in diesen Tagen, in dieser Woche Vorlesungen über Geisteswissenschaft halten darf, waren der Meinung, daß ich auch öffentlich in deutscher Sprache in dieser Stadt über einen Gegenstand der Geisteswissenschaft sprechen könne. Auch das Thema, welches der Betrachtung dieses Abends zugrunde liegen soll, ist dem Wunsche unserer werten Mitglieder in dieser Stadt entsprungen. Ich soll sprechen über die Beziehung der Geisteswissenschaft oder, wie man die hier gemeinte Geisteswissenschaft auch nennen kann, über die Beziehung der Anthroposophie zum Christentum. Dabei wird es allerdings notwendig sein, daß ich einiges vorausschicke über das Wesen und über die Bedeutung dessen, was hier mit Geisteswissenschaft gemeint ist, über den Gesichtspunkt, von dem aus gesprochen werden soll.
[ 1 ] First and foremost, I would like to apologize for not being able to address you in the local language this evening. However, the friends who are members of our Anthroposophical Society—among whom I have had the privilege of giving lectures on Spiritual Science these past few days and this week—felt that I could also speak publicly in German in this city on a subject related to Spiritual Science. The topic that will form the basis of our discussion this evening also arose from the wishes of our esteemed members in this city. I am to speak about the relationship of Spiritual Science—or, as the Spiritual Science meant here may also be called—about the relationship of anthroposophy to Christianity. In doing so, however, it will be necessary for me to preface my remarks with some remarks on the nature and significance of what is meant here by Spiritual Science, and on the perspective from which I shall be speaking.
[ 2 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, strebt nicht an die Begründung irgend einer neuen Religion oder irgend einer neuen religiösen Sekte oder dergleichen. Geisteswissenschaft will sein oder glaubt sein zu dürfen dasjenige, was unserer gegenwärtigen Kultur auferlegt ist in geistiger Beziehung.
[ 2 ] Spiritual Science, as understood here, does not seek to establish any new religion, religious sect, or the like. Spiritual Science seeks to be—or believes it is permitted to be—that which is imposed upon our present culture in spiritual terms.
[ 3 ] Wenn wir gegenwärtig auf einem Gebiete, auf dem es notwendig ist, Fortschritte machen sollen in der Kulturentwickelung der Menschheit, welche in ähnlicher Weise auf einem anderen Gebiete gemacht worden sind vor drei, vier, fünf Jahrhunderten, als die neuere Naturwissenschaft in ihrer Morgenröte eingezogen ist in das menschliche Kulturleben, so müssen wir sagen: Was für die Erkenntnis der äußeren Natur, was für das Leben durch die Erkenntnis der äußeren Naturgesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das möchte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im allerweitesten Kulturleben; das möchte sie werden für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft. Und so viel man auch diese Geisteswissenschaft notwendigerweise noch verkennen muß, ganz begreiflicherweise verkennen muß, so entnimmt sie das Vertrauen in ihre Wahrheit, auch das Vertrauen in ihre Wirksamkeit in der Menschheitskultur, der Betrachtung des Schicksals der Naturwissenschaft beim Aufgange des neueren Geisteslebens. Auch der Naturwissenschafter stand ja gegenüber jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Vorurteilen; aber die Wahrheit hat Kräfte, die ihr in der Art, wie es angemessen ist im Menschenleben, immer zum Siege verhilft gegen alle widerstrebenden Kräfte.
[ 3 ] If we are currently in a field where we need to make progress in the cultural development of humanity—progress similar to that made in another field three, four, or five centuries ago, when modern science first dawned upon human cultural life—then we must say: What this natural science has become for humanity in terms of the knowledge of external nature, and in terms of life through the knowledge of the laws of external nature—that is what Spiritual Science would like to become through the knowledge of the laws of our soul and spiritual life, and through the application of these laws of soul and spiritual life in ethical, social, and the broadest cultural life; that is what it would like to become for our present and for the near future. And however much one must necessarily still misunderstand the Spiritual Science—must quite understandably misunderstand it—it draws its confidence in its truth, and also its confidence in its effectiveness in human culture, from the observation of the fate of natural science at the dawn of modern spiritual life. The natural scientist, too, was confronted with prejudices centuries, indeed millennia old; but truth possesses powers that, in the manner appropriate to human life, always help it to triumph over all opposing forces.
[ 4 ] Und so sei denn, nachdem von diesem Vertrauen des Geisteswissenschafters in die Wahrheit und Wirksamkeit seiner Arbeit einige Worte gesprochen worden sind, sogleich eingegangen auf das Wesen, auf die Art der Forschung, welche der hier gemeinten Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 4 ] And so, having said a few words about the spiritual scientist’s confidence in the truth and effectiveness of his work, let us now turn immediately to the nature and method of the research that underlies the Spiritual Science referred to here.
[ 5 ] Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. Aber da sich diese Geisteswissenschaft auf ein ganz anderes Gebiet erstreckt als die Naturwissenschaft, nämlich nicht auf das Gebier dessen, was sinnenfällig wahrgenommen werden kann, auf das Gebiet der äußeren Natur, sondern auf das Gebiet des Geistes, so muß es ja einleuchtend sein, daß gerade eine naturwissenschaftliche Denkweise da, wo es sich darum handelt, das Gebiet des Geistigen zu erforschen, sich wesentlich modifizieren muß, zu etwas anderem werden muß als auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Und obgleich die Methode, die Forschungsweise der Geisteswissenschaft ganz so gehalten ist in dem Geiste der Naturwissenschaft, daß jeder naturwissenschaftlich Gebildete, der heute Naturwissenschaft ohne Vorurteile nimmt, sich auf den Boden dieser Geisteswissenschaft stellen kann, so muß doch gesagt werden, daß allerdings, solange man die naturwissenschaftlichen Methoden in ihrer Einseitigkeit nimmt, wie es vielfach heute geschieht, Vorurteil über Vorurteil gegen die Anwendung naturwissenschaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben erwachsen kann. Muß doch naturwissenschaftliches Denken, man möchte sagen, naturwissenschaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen wohl am nächsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen ist, muß doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen des Menschen selbst. Muß doch der Mensch in der Geisteswissenschaft sich selber untersuchen, und muß er doch auch zu dem einzigen Werkzeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfügung steht, nämlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, daß der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren muß, daß er etwas mit sich vornehmen muß, das ihn in die Lage versetzt, in die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltäglichen Leben.
[ 5 ] The mode of thinking in Spiritual Science is indeed entirely in the spirit of the scientific mode of thinking. But since Spiritual Science extends into a completely different realm than natural science—namely, not into the realm of what can be perceived by the senses, the realm of external nature, but into the realm of the spirit, it must surely be evident that precisely a scientific way of thinking, when it comes to exploring the realm of the spiritual, must undergo a fundamental modification, must become something other than what it is in the realm of natural science. And although the method, the mode of research in the Spiritual Science, is entirely in the spirit of natural science—so that anyone educated in natural science who approaches it today without prejudice can stand on the ground of the Spiritual Science—it must nevertheless be said that, as long as one takes the methods of natural science in their one-sidedness, as is often the case today, prejudice upon prejudice can arise against the application of the scientific mode of thought to spiritual life. For scientific thinking—one might say scientific logic—must be applied to what is perhaps closest to human beings, yet also the most difficult to investigate; this mode of thinking must be applied to the very essence of the human being. For in Spiritual Science, the human being must examine himself, and he must also resort to the only tool available to him for this examination, namely himself. Spiritual Science proceeds from the premise that human beings, by becoming instruments for investigating the spiritual world, must undergo a transformation within themselves; that they must undertake something within themselves that enables them to look into the spiritual world—something they do not do in everyday life.
[ 6 ] Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem naturwissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soll, der nur verdeutlichen soll, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungsart ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. In der Natur tritt uns zum Beispiel das Wasser entgegen. Wenn wir das Wasser ansehen, wie es uns draußen entgegentritt, so stellt es sich zunächst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Ja, was macht da der Naturwissenschafter aus dem Wasser? Das Wasser brennt bekanntlich nicht. Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser heraus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der äußerlich das Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, daß da Wasserstoff drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften haben als das Wasser.
[ 6 ] Let me start with a comparison—a scientific comparison that is not intended to prove anything, but merely to illustrate how the Spiritual Science’s mode of thought is entirely grounded in the scientific way of thinking. In nature, for example, we encounter water. When we look at water as it appears to us in the outside world, it first presents itself through its properties. But the chemist comes along with his methods and applies them to the water; he breaks the water down into hydrogen and oxygen. Indeed, what does the natural scientist make of water? As is well known, water does not burn. The chemist extracts hydrogen from the water, and this is a gas that burns. No one who looks at the water from the outside can tell that there is hydrogen and oxygen inside it, which have properties entirely different from those of water.
[ 7 ] Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der Mensch, wenn er dem Menschen gegenübersteht im Leben, erkennen, was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, der Naturwissenschafter, kommt und uns das Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff, so muß, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelenprozeß, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muß, der Geisteswissenschafter kommen und muß dasjenige, was sich im äußeren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den Menschen in das Äußerlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. Zunächst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem Außerlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Wasserstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser herausgezogen wird.
[ 7 ] Nor, as Spiritual Science shows, can a person, when faced with another person in life, recognize what that person is like on the inside. And just as the chemist, the natural scientist, comes and breaks down water into hydrogen and oxygen, so must the person who practices Spiritual Science—though now through an inner soul process that must be prepared in the deepest depths of the soul—come and break down what presents itself in outer life. And the spiritual scientist can, through the methods of Spiritual Science, break down the human being into the outer-physical and the spiritual-soul. First of all, it is of interest to examine the spiritual-soul, separated from the physical, from the standpoint of Spiritual Science. No one can perceive the true reality of the spiritual-soul aspect from the external-physical, any more than the nature of hydrogen can be perceived unless it is extracted from water.
[ 8 ] Es ist heute sehr oft der Fall, daß in dem Augenblick, wo man beginnt, in dieser Art zu sprechen, einem gesagt wird: Das verstößt doch wider den Monismus, an dem man unbedingt festhalten muß. Nun, der Monismus darf ja auch den Chemiker nicht hindern, daß er das Wasser zerlegt in eine Zweiheit. Der Monismus wird gar nicht dadurch angefochten, daß dasjenige, was in Wirklichkeit geschehen kann, geschieht: daß durch die Geistesforschung, durch die geistesforscherischen Methoden abgetrennt wird von dem Leiblich-Körperhaften das Geistig-Seelische. Nun aber sind diese Methoden allerdings nicht solche, die man im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik vollziehen kann, sondern es sind Vorgänge, die in der Seele selber vollzogen werden müssen. Es sind aber keine Vorgänge der Seele, die Wunder darstellen, sondern es sind nur Steigerungen desjenigen, was der Mensch im gewöhnlichen Leben beobachten kann. Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigenschaften, die der Mensch im alltäglichen Leben in einem gewissen Maße hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern muß, wenn er zum Geistesforscher werden soll. Und da ich nicht in allgemeinen Redensarten herumreden will, so will ich gleich in die Betrachtung der Sache selbst eintreten.
[ 8 ] It is very often the case today that the moment one begins to speak in this way, one is told: “But that goes against monism, which we must hold fast to at all costs.” Well, monism must not prevent the chemist from breaking water down into its two components. Monism is not at all challenged by the fact that what can actually happen does happen: that through spiritual research, through the methods of spiritual research, the spiritual-soul aspect is separated from the physical-bodily aspect. Now, however, these methods are certainly not of the kind that can be carried out in the laboratory, in the physics lab, or in the clinic; rather, they are processes that must be carried out within the soul itself. Yet these are not processes of the soul that constitute miracles, but merely intensifications of what a person can observe in ordinary life. They are not miraculous qualities, but rather qualities that human beings possess to a certain extent in everyday life, which they need only intensify to the infinite degree if they are to become spiritual researchers. And since I do not wish to speak in generalities, I shall proceed directly to the consideration of the matter itself.
[ 9 ] Jeder kennt dasjenige, was man im menschlichen Seelenleben nennt das Erinnerungsvermögen, das Gedächtnis. Jeder weiß ja, wieviel von dem Gedächtnis im Grunde genommen abhängt. Man stelle sich einmal vor, wir würden eines Morgens aufwachen und keine Ahnung haben, was früher um uns und in uns war. Wir würden dadurch die ganze menschliche Wesenheit verlieren. Unser Gedächtnis, das in sich zusammenhängt von einem gewissen frühen Zeitpunkt in der Kindheit an, das gehört notwendig zu unserem menschlichen Leben. Nun werden schon die Philosophen der Gegenwart gegenüber der Untersuchung der Gedächtniskraft stutzig. Sie haben jetzt schon Persönlichkeiten in ihrer Mitte, die gerade, indem sie das Gedächtnis betrachten, von einer materialistisch-monistischen Weltanschauung abkommen, indem sie durch genaue Untersuchung finden, daß, wenn man auch die Sinnesempfindungen, soviel man das nur sagen kann von Seelentätigkeit, in äußerlicher Weise gebunden findet an den Leib, man das Gedächtnis nie als an den Leib gebunden wird anerkennen können. Darauf brauche ich ja nur aufmerksam zu machen. Denn ein Mann, der wahrhaftig keine Neigung hat, in die Geisteswissenschaft einzudringen, der französische Philosoph Bergson, hat auf diese geistige Art des Gedächtnisses hingedeutert.
[ 9 ] Everyone is familiar with what is known in the life of the human soul as the power of recollection, or memory. Everyone knows, after all, how much fundamentally depends on memory. Just imagine if we were to wake up one morning and have no idea what used to be around us and within us. We would thereby lose our entire human being. Our memory, which has been coherent from a certain early point in childhood onward, is an essential part of our human life. Now, even contemporary philosophers are becoming skeptical regarding the study of the power of memory. They already have figures among them who, precisely by examining memory, are departing from a materialistic-monistic worldview, finding through careful investigation that, even if one finds sensory perceptions—insofar as one can speak of them as activities of the soul—externally bound to the body, one can never acknowledge memory as being bound to the body. I need only draw attention to this. For a man who truly has no inclination to delve into Spiritual Science, the French philosopher Bergson, has pointed to this spiritual aspect of memory.
[ 10 ] Wie aber tritt uns im Leben das Gedächtnis, die Erinnerungskraft entgegen? Längst vergangene Ereignisse kommen in Bildern in unsere Seele herein. Die Ereignisse sind längst vergangen, aber die Seele hat es mit sich selbst zu tun. Sie hat es damit zu tun, daß sie heraufzaubert das vergangene Erlebnis aus den Tiefen des inneren Lebens. Und man kann das, was da heraufkommt aus den Seelentiefen, mit dem ursprünglichen Erlebnis vergleichen. Blaß sind die Erinnerungen gegenüber den Bildern, die uns die Wahrnehmung der Sinne bietet. Aber mit der Integrität des Seelenlebens hängen sie zusammen. Und wir könnten uns in der Welt nicht zurechtfinden, wenn wir nicht das Gedächtnis hätten. Diesem Gedächtnis aber liegt die Kraft des Gedächtnisses zugrunde. Die Seele kann dasjenige, was in ihren Erinnerungen verborgen ist, durch die Kraft des Gedächtnisses heraufholen. Aber da gerade setzt nun Geisteswissenschaft ein. Nicht das Gedächtnis als solches — ich bitte ins Auge zu fassen, was ich sagen will —, nicht das Gedächtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Heraufholen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, diese Kraft kann verstärkt werden, ins Unbegrenzte verstärkt werden, so daß sie im Leben der Seele nicht bloß verwendet wird, um durchgemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daß sie zu etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht äußere Methoden, die im Laboratorium verfolgt werden können, nicht das, was man durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistesforscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgänge, die jeder durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvorgänge ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des Gedankenlebens.
[ 10 ] But how does memory, the power of recollection, present itself to us in life? Events long past enter our soul in images. The events are long gone, but the soul is engaged with itself. It is engaged in conjuring up the past experience from the depths of inner life. And one can compare what emerges from the depths of the soul with the original experience. Memories are pale in comparison to the images offered to us by sensory perception. But they are connected to the integrity of the soul’s life. And we could not find our way in the world if we did not have memory. Underlying this memory, however, is the power of memory. The soul can bring up what is hidden in its memories through the power of memory. But this is precisely where Spiritual Science comes in. Not memory as such—I ask you to consider what I mean— not memory as such, but rather the power that underlies the bringing forth of spiritual content from the depths of the soul—this power can be strengthened, strengthened to the infinite, so that in the life of the soul it is not merely used to bring past experiences up from the soul, but can be used for something entirely different. It is not external methods that can be pursued in a laboratory, nor what can be perceived through the external senses, that underlies the methods of spiritual research, but rather intense soul processes that everyone can undergo. What constitutes the value of these intense soul processes is the boundless intensification of attention in human life, or as it is called: the concentration of the life of thought.
[ 11 ] Was ist diese Konzentration des Gedankenlebens?
[ 11 ] What is this concentration of mental activity?
[ 12 ] Ich kann heute nur in einer kurzen einstündigen Betrachtung die Prinzipien dessen anführen, um was es sich handelt. Das Nähere können Sie nachlesen in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» und in meiner «Geheimwissenschaft» im zweiten Teil; diese Bücher sind ja auch übersetzt. Ferner in dem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt». Aber den Prinzipien nach will ich die ersten Vornahmen der Seele auseinandersetzen, die eine unbegrenzte Steigerung dessen sind, was für das menschliche Leben notwendig ist, eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit muß in unbegrenzter Weise gesteigert werden, damit Geistesforschung in die Seele eintreten könne.
[ 12 ] Today, I can only briefly outline the principles of what this is all about in a one-hour lecture. You can read more details in my books *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?* and in the second part of my *The Secret Science*; these books have also been translated. Furthermore, in the book *The Threshold of the Spiritual World*. But based on these principles, I wish to discuss the soul’s first endeavors, which constitute an unlimited expansion of what is necessary for human life: an expansion of attention. Attention must be expanded in an unlimited way so that spiritual research may enter the soul.
[ 13 ] Was macht denn der Mensch in der Regel, wenn er der Außenwelt gegenübertritt? Er nimmt die Dinge wahr; er verarbeitet die Dinge durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Dann macht er sich Vorstellungen über das Wahrgenommene. Und in der Regel ist er zufrieden, wenn er die äußeren Vorstellungen in der Seele bewahrt. Da, wo das Alltagsleben aufhört, da beginnen die Methoden der Geisteswissenschaft, da beginnt dasjenige, was man Konzentration des Denkens nennen kann. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muß den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er gewöhnlich im äußeren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir uns selbst bilden, die wir genau überschauen können, am besten sinnbildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht nötig haben, die Übereinstimmung mit der Außenwelt zu prüfen, sie stellen wir in den Horizont unseres Bewußtseins; Vorstellungen, die wir entweder finden, aus der Praxis der Geisteswissenschaft hervorgegangen, oder zu denen uns der Geistesforscher raten kann, sie stellen wir in den Mittelpunkt des ganzen Bewußtseins, so daß wir durch längere Zeit die Aufmerksamkeit der Seele von allem Äußeren ablenken und uns nur konzentrieren auf eine Vorstellung. Während man sonst nicht bei einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Kräfte seiner Seele zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. Wenn man den Menschen betrachtet bei einer solchen Vornahme, so vollzieht er im Grunde genommen etwas, was dem Schlafe gewissermaßen ähnlich ist, und was doch auch wiederum radikal verschieden ist. Denn, soll solche Konzentration fruchtbar werden, so muß der Mensch in der Tat wie ein Schlafender werden.
[ 13 ] What does a person usually do when facing the outside world? They perceive things; they process them through the mind, which is connected to the brain. Then they form mental images of what they have perceived. And generally, they are satisfied when they retain these external mental images in their soul. Where everyday life ends, there the methods of Spiritual Science begin; there begins what one might call the concentration of thought. Anyone who wishes to become a spiritual researcher must take up the thread of soul life where it is usually left behind in external life. Mental images that we form ourselves, which we can clearly grasp—ideally symbolic mental images where we do not need to verify their correspondence with the external world—we place within the horizon of our consciousness; Mental images that we either find arising from the practice of Spiritual Science, or that the spiritual researcher may advise us to use, we place at the center of our entire consciousness, so that for a prolonged period we divert the soul’s attention from everything external and concentrate solely on a single mental image. Whereas one would not normally dwell on a single mental image, one now gathers all the powers of one’s soul, concentrates them on a single mental image, and remains wholly absorbed in this mental image within oneself. When one observes a person engaged in such an exercise, they are essentially performing something that is, in a sense, similar to sleep, yet at the same time radically different. For if such concentration is to bear fruit, the person must indeed become like one who is asleep.
[ 14 ] Wenn wir einschlafen, da fühlen wir zuerst, wie die Willenskräfte in unseren Gliedern ruhig werden, wie eine gewisse Dämmerung um uns auftritt, wie die Sinne in ihrer Tätigkeit abebben. Dann gehen wir über in Bewußtlosigkeit. Alles Außere muß so werden in der Konzentration wie beim Schlafe. Die Sinne müssen vollständig frei werden von allen Eindrücken der Außenwelt. Das Auge darf so wenig sehen wie im Schlafe; das Ohr so wenig hören wie im Schlafe und so weiter. Dann wird das ganze Seelenleben zusammengenommen und auf eine Vorstellung konzentriert; das ist der radikale Unterschied vom Schlafe. Man könnte den Zustand nennen ein bewußtes Schlafen, ein vollbewußstes Schlafen. Während im Schlafe die Finsternis der Unbewußtheit sich ausdehnt im Seelenleben, lebt in einem erhöhten Seelenleben derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Er strengt alle Kräfte des Seelenlebens an und wendet sie auf eine Vorstellung. Nicht darauf kommt es an, daß wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur eine Gelegenheit, unsere Seelenkräfte zusammenzuraffen, zusammenzudrängen. Auf dieses Zusammendrängen der Seelenkräfte kommt es an. Denn dadurch gelangen wir allmählich dazu — ich muß da wiederum auf das Nähere in meinen Büchern verweisen —, wirklich das Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, herauszureißen aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, höchstens durch Teile einer Stunde festhalten, aber man muß sie immer und immer wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Kräfte, die sonst nur schlummern in der menschlichen Natur — die im Alltagsleben ja auch da sind, die aber schlummern —, so zu verstärken, daß sie wirksam werden in unserer Seele und herausreißen das Geistig-Seelische aus dem Physisch-Leiblichen.
[ 14 ] When we fall asleep, we first feel the forces of the will in our limbs growing calm, a certain twilight descending around us, and our senses gradually ceasing their activity. Then we slip into unconsciousness. In concentration, everything external must become just as it is during sleep. The senses must be completely freed from all impressions of the external world. The eye must see as little as in sleep; the ear must hear as little as in sleep, and so on. Then the entire life of the soul is gathered together and concentrated upon a single mental image; this is the fundamental difference from sleep. One could call this state a conscious sleep, a fully conscious sleep. While in sleep the darkness of unconsciousness expands within the soul life, the one who wishes to become a spiritual researcher lives in an elevated soul life. He strains all the powers of the soul life and directs them toward a single mental image. It is not the point that we contemplate this mental image; it merely gives us an opportunity to gather our soul powers together, to concentrate them. It is this gathering of the soul’s powers that matters. For through this we gradually come to—I must again refer to the details in my books—truly tear out of the physical-bodily what is spiritual-soul-like within us, just as hydrogen is in water, and free it from the physical-bodily. What I have just described cannot be achieved, so to speak, in a single burst. Most people need years of working in such states of concentration, provided that daily life does not distract them from these states; for one can maintain them for only a few minutes, at most for parts of an hour, but one must repeat them over and over again until one truly succeeds in strengthening the forces that otherwise lie dormant in human nature—forces that are indeed present in everyday life but remain dormant—to such an extent that they become effective in our soul and tear the spiritual-soul aspect out of the physical-bodily realm.
[ 15 ] Da ich, wie gesagt, nicht herumreden möchte in abstrakter Art, sondern Ihnen Tatsachen mitteilen möchte, so sei es gleich gesagt, daß, wenn es dem Geistesforscher gelingt, durch Energie und Ausdauer, durch Hingabe an seine Übungen wirklich zur Frucht seiner Übungen zu kommen, er dann zu einem Erlebnis gelangt, das zunächst genannt werden könnte ein Erlebnis des rein inneren Bewußtseins. Man weiß mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu verbinden mit dem Worte, das vorher sinnlos war: Ich weiß mich außerhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres erlebend, außerhalb meines Leibes.
[ 15 ] Since, as I said, I do not wish to speak in abstract terms but rather to share facts with you, let me state right away that if the spiritual researcher succeeds, through energy and perseverance, through devotion to his exercises, in truly reaping the fruits of his efforts, he then arrives at an experience that could initially be called an experience of purely inner consciousness. In short, from a certain point onward, one is able to attach meaning to a word that was previously meaningless: I know myself to be outside my body; I am, perceiving my inner self, experiencing my inner self, outside my body.
[ 16 ] Ich will Ihnen von diesem Erlebnis im einzelnen erzählen. Zunächst verspürt man, daß wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Verrichtungen des Alltags sich regt, sich loslöst vom Leibe. Dumpf ist zunächst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daß man seine Natur erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weiß zuerst dann, wenn man wiederum zurückkehrt in seinen Leib — das möchte ich zunächst charakterisieren —, wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, dieses Gehirn. Man weiß: Mit dem Alltagsdenken denkt man so, daß das Gehirn das Instrument ist; jetzt war man aber draußen. Dann kommt man allmählich dazu, einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: Du erlebst dich im Seelisch-Geistigen. Man erlebt, wie das eigene Haupt umkleidet ist gewissermaßen mit seinen Gedanken. Man weiß, was es heißt, das Seelisch-Geistige abgetrennt zu haben vom äußeren, physisch-leiblichen Leben. Zuerst lernt man den Widerstand kennen, den das leibliche Leben bietet. Dann lernt man erkennen das selbständige Leben außerhalb des Leibes. Es ist wahrhaftig so, wie wenn der Wasserstoff einmal sich selbst außerhalb des Wassers wahrnehmen sollte. So ist es mit dem Menschen, wenn er solche Übungen durchmacht. Und dann, wenn er solche Übungen getreulich fortsetzt, dann tritt der große, der bedeutungsvolle Augenblick ein, an dem man sozusagen den Ausgangspunkt der eigentlichen Geistesforschung hat. Ein Augenblick, der tief erschütternd ist, der ungeheuer bedeutungsvoll ins ganze Leben eingreift. Dieser Augenblick kann in der verschiedensten Art sich einstellen. Er kann tausendfach verschieden sein. Ich will ihn aber typisch charakterisieren, wie er doch seiner Charakteristik nach meistens sein wird.
[ 16 ] I want to tell you about this experience in detail. At first, one senses that the power of thought—which is otherwise only active in the tasks of daily life—is detaching itself from the body. The experience is vague at first, but it occurs in such a way that one recognizes its nature once one has had it. One first realizes—and this is what I would like to characterize at the outset—when one returns to one’s body, what it is like to immerse oneself in the brain life offered by physical matter, and how this brain offers resistance. One knows: In everyday thinking, one thinks in such a way that the brain is the instrument; but now one was outside of it. Then one gradually comes to associate a meaning with the words: You experience yourself in the soul-spiritual realm. One experiences how one’s own head is, as it were, clothed in one’s thoughts. One knows what it means to have separated the soul-spiritual from the outer, physical-bodily life. First one becomes acquainted with the resistance offered by bodily life. Then one learns to recognize the independent life outside the body. It is truly as if hydrogen were to perceive itself outside of water. So it is with the human being when he undergoes such exercises. And then, if he faithfully continues such exercises, the great, the momentous moment arrives at which one has, so to speak, the starting point of actual spiritual research. A moment that is deeply moving, that intervenes in one’s entire life with immense significance. This moment can arise in the most varied ways. It can be a thousand times different. But I want to characterize it in a typical way, as it will most often be in its characteristics.
[ 17 ] Hat man so eine gewisse Zeit hindurch geübt, hat man gewissermaßen aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus die eigene Seele so behandelt, dann kommt der Moment, der eintreten kann entweder im alltäglichen Leben, oder auch mitten im Schlafe, so daß man aus dem Schlafe aufwacht und weiß: man träumt nicht, man erlebt eine neue Wirklichkeit. Man kann das zum Beispiel so erleben, daß man sich sagt: Was ist doch um mich? Es ist, wie wenn ich mich in einer Umgebung befände, die sich von mir loslöst, wie wenn die Elemente blitzartig einschlügen und wie wenn mein Leib zerstört würde durch die Elemente und ich mich aufrecht erhalte gegenüber diesem Leibe. Man lernt erkennen, was alle Geistesforscher durch alle Zeiten hindurch mit einem bildlichen Ausdruck genannt haben: an die Pforte des Todes gelangen. Denn das erlebt man, daß man jetzt weiß durch das Bild — also nicht durch die Wirklichkeit, diese erlebt man nur im Tode —, man erlebt durch das Bild, daß man jetzt weiß, wie der Mensch geistig-seelisch ist, wenn er nicht durch das Instrument seines Leibes sich und die Welt wahrnimmt, sondern wenn er nur im Geistig-Seelischen lebt.
[ 17 ] Once you have practiced this for a certain period of time, once you have, so to speak, treated your own soul in accordance with a scientific way of thinking, then the moment arrives—which can occur either in everyday life or even in the middle of sleep—when you wake up from sleep and know: you are not dreaming; you are experiencing a new reality. You can experience this, for example, by saying to yourself: What is happening around me? It is as if I were in an environment that is breaking away from me, as if the elements were striking in a flash, and as if my body were being destroyed by the elements, yet I remain standing in relation to this body. One learns to recognize what all spiritual researchers throughout the ages have described with a figurative expression: reaching the threshold of death. For one experiences this: through the image—that is, not through reality, which one experiences only in death—one experiences through the image that one now knows what a human being is like in the spiritual-soul realm when he perceives himself and the world not through the instrument of his body, but when he lives solely in the spiritual-soul realm.
[ 18 ] Das ist zunächst das Erschütternde; man weiß: Du hast dich mit deiner Denkkraft losgelöst von deinem Leibe. Und ebenso können andere Kräfte losgelöst werden von dem Leibe, so daß der Mensch immer reicher, immer innerlicher mit Bezug auf sein Seelenleben wird.
[ 18 ] This is what is so shocking at first; one knows: you have detached yourself from your body through the power of your thought. And in the same way, other powers can be detached from the body, so that a person becomes ever richer and more inwardly focused in relation to their spiritual life.
[ 19 ] Aber es genügt die eine Übung nicht, welche ich mit dem Ausdruck Konzentration oder unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit bezeichnet habe. Durch diese Übung erlangt man das Folgende: Wenn man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden von den Bildern des gewöhnlichen Gedächtnisses. Während das gewöhnliche Gedächtnis nur dasjenige in Bildern hat, was äußerlich erlebt worden ist, steigen jetzt Bilder auf aus den grauen Seelentiefen, die nichts gemein haben mit dem, was man in der äußeren Sinneswelt erleben kann. Alle Einwände, daß man sich leicht täuschen könne, daß das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Reminiszenzen des Gedächtnisses sein könnten, alle diese Einwände sind hinfällig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden zwischen dem, was das Gedächtnis heraufrufen kann, und dem, was radikal verschieden ist von allem, was im Gedächtnis stehen kann. Allerdings, eines muß bedacht werden, wenn von diesem Punkte des Eintretens in die geistige Welt gesprochen wird. Es ist dasjenige, daß zur Geistesforschung wenig sich solche Personen eignen, welche an Halluzinationen, an Visionen oder ähnlichen krankhaften Seelengebilden und Seelenzuständen leiden. Je weniger der Mensch dazu neigt, was ja doch nur eine Reminiszenz des Tageslebens ist, desto sicherer kommt er vorwärts auf dem Gebiete der Geistesforschung. Und darin besteht ein großer Teil der Vorbereitung zur Geistesforschung, daß man alles dasjenige, was nur irgendwie unbewußt aus der Menschenseele sich aufdrängen könnte in solch krankhafter Art, genau unterscheiden lernt von dem, was als ein neues Element, als eine geistige Wirklichkeit durch die geisteswissenschaftliche Ausbildung der Seele eintreten kann.
[ 19 ] But the single exercise I have described as “concentration” or “unlimited intensification of attention” is not enough. Through this exercise, one attains the following: When one reaches the point where the soul experiences itself, images then arise that can be called “real imaginations.” Images arise, but images that differ vastly from those of ordinary memory. While ordinary memory holds only those images of what has been experienced externally, images now arise from the gray depths of the soul that have nothing in common with what one can experience in the external sensory world. All objections—that one could easily be deceived, that what rises from the gray depths of the soul might merely be reminiscences of memory—all these objections are invalid. For the spiritual researcher truly learns to distinguish between what memory can evoke and what is radically different from anything that can be found in memory. However, one thing must be borne in mind when speaking of this point of entry into the spiritual world. It is this: those who suffer from hallucinations, visions, or similar pathological mental constructs and states of mind are ill-suited for spiritual research. The less a person is inclined toward what is, after all, merely a reminiscence of daily life, the more surely they advance in the field of spiritual research. And a large part of the preparation for spiritual research consists in learning to distinguish precisely between everything that might impose itself unconsciously from the human soul in such a pathological manner and that which can enter as a new element, as a spiritual reality, through the training in Spiritual Science of the soul.
[ 20 ] Ich möchte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen dem Visionären, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistesforscher erschaut. Warum ist es denn so, daß so viele Menschen glauben, schon in der geistigen Welt drinnen zu stehen, wenn sie nur Halluzinationen und Visionen haben? Ja, die Menschen lernen so ungern etwas wirklich Neues kennen! Sie halten so gerne an dem Alten, in dem sie schon drinnen stehen, fest. Im Grunde genommen treten uns in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so entgegen, wie uns die äußere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermaßen nichts dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistesforscher gegenüber seinem neuen geistigen Element nicht. Ich habe davon gesprochen, daß der Geistesforscher alle Kräfte seiner Seele, die im gewöhnlichen Leben schlummern, konzentrieren, heraufarbeiten muß. Das erfordert aber, daß er eine seelische Energie, eine seelische Stärke anwendet, die im äußeren Leben nicht da ist. Aber diese Stärke muß er immer festhalten, wenn er eintritt in die geistige Welt. Der Mensch bleibt passiv, er braucht sich nicht anzustrengen: das ist das Charakteristische der Halluzinationen, der Visionen. In dem Augenblick, wo wir der geistigen Welt gegenüber auch nur einen Moment passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir müssen unausgesetzt tätig, aktiv dabeisein. Daher können wir uns auch nicht täuschen, denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. Wir müssen überall mit unserer Tätigkeit dabeisein, bei jedem Atom desjenigen, was uns aus der geistigen Welt entgegentritt. Wir müssen wissen, wie es sich damit verhält. Diese Aktivität, dieses fortlaufende Tätigsein, das ist notwendig für die wirkliche Geistesforschung. Dann aber tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige Wesen, geistige Tatsachen um uns sind.
[ 20 ] I would like to point out a radical difference between the visionary, the hallucinatory, and what the spiritual researcher perceives. Why is it that so many people believe they are already in the spiritual world when they are merely experiencing hallucinations and visions? Yes, people are so reluctant to get to know something truly new! They are so fond of clinging to the old, to what they are already immersed in. Basically, in hallucinations and visions, pathological soul formations confront us just as external sensory reality confronts us. They are there; they stand before us. We do, so to speak, nothing to bring them there when they stand before us. The spiritual researcher is not in this position with regard to his new spiritual element. I have spoken of how the spiritual researcher must concentrate and work up all the powers of his soul that lie dormant in ordinary life. But this requires that he apply a soul energy, a soul strength, that is not present in external life. But he must always hold on to this strength when he enters the spiritual world. The person remains passive; he does not need to exert himself: that is the characteristic of hallucinations and visions. The moment we become passive toward the spiritual world, even for an instant, everything vanishes immediately. We must be constantly active, engaged. Therefore, we cannot be deceived, for nothing from the spiritual world can appear before our eyes in the same way that a vision or hallucination appears. We must be present with our activity everywhere, in every atom of that which comes toward us from the spiritual world. We must know how this works. This activity, this continuous engagement, is necessary for true spiritual research. Then, however, one enters a world that is radically different from the physical-sensory world. One enters a world where spiritual beings and spiritual realities surround us.
[ 21 ] Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Daß man losreißt die Seele vom Leibe, das geschieht in der geschilderten Weise. Das zweite aber, es kann wiederum durch einen naturwissenschaftlichen Vergleich klar gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zunächst für sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muß sich vollziehen mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Dieses Geistig-Seelische muß sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht in der Sinneswelt sind. Es muß mit ihnen eins werden; dadurch nimmt es sie wahr.
[ 21 ] But a second thing is necessary for this. The separation of the soul from the body occurs in the manner described. The second aspect, however, can be clarified through a scientific analogy. When we separate hydrogen, it is at first on its own; but it forms compounds with other substances, becoming something entirely different. The same must occur with our spiritual-soul aspect after its separation from the body. This spiritual-soul aspect must unite with beings that are not in the sensory world. It must become one with them; through this, it perceives them.
[ 22 ] Die erste Stufe der Geistesforschung ist das Abtrennen des SeelischGeistigen vom Physisch-Leiblichen. Die zweite Stufe ist das Eingehen von Verbindungen mit Wesen, die hinter der Sinneswelt sind. Das letztere ist etwas, was einem in der Gegenwart nicht verziehen wird, weit weniger verziehen wird als das Reden von einem «Geiste im allgemeinen». Es gibt ja heute schon viele Menschen, die wissen, daß es sie drängt, ein Geistiges anzunehmen. Sie sprechen aber von einem Geiste, der hinter der Welt ist und sind froh beseelt, wenn sie Pantheisten sein können. Aber für den Geistesforscher ist der Pantheismus gerade dasselbe, wie wenn man jemand in die Natur führt und sagt zu ihm: Schau nur, das alles, was dich hier umgibt, es ist Natur! wenn man ihm nicht sagt: Das sind Bäume, das sind Wolken, das ist eine Lilie, das ist eine Rose, sondern: das ist alles Natur! Wenn man den Menschen also von einem Vorgang zum anderen Vorgang, von einem Wesen zum anderen Wesen führt und ihm sagt: Es ist das alles Natur ! — damit ist ja nichts gesagt. Im einzelnen, im Konkreten muß auf die Tatsachen eingegangen werden. Es wird einem heute verziehen, wenn man von einem Geiste spricht, der in allem darinnen ist. Der Geistesforscher kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Er tritt ja ein in eine Welt, die besteht aus einer Welt von geistigen Wesenheiten, geistigen Tatsachen, die differenziert sind so, wie die äußere Welt konkret differenziert ist, indem sie besteht aus Wolken, Bergen, Tälern, aus Bäumen, Blumen und so weiter. Daß man aber davon spricht, daß nicht nur die natürlichen Vorgänge differenziert sind in Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, sondern daß man, wenn der Mensch in eine geistige Welt eintritt, auch dort von konkreten Einzelheiten und Tatsachen spricht, das wird einem heute nicht verziehen. Aber der Geistesforscher kann nicht anders als darauf aufmerksam machen, daß, wenn er so in die geistige Welt eintritt, er eintritt in eine Welt wirklicher, konkreter geistiger Wesenheiten und geistiger Vorgänge.
[ 22 ] The first stage of spiritual research is the separation of the soul-spiritual from the physical-bodily. The second stage is establishing connections with beings that exist beyond the sensory world. The latter is something one is not forgiven for in the present day, far less so than speaking of a “spirit in general.” There are, after all, already many people today who know that they feel compelled to accept something spiritual. But they speak of a spirit that lies beyond the world and are happily content when they can be pantheists. But for the spiritual researcher, pantheism is precisely the same as if one were to lead someone into nature and say to them: “Just look, everything that surrounds you here is nature!”—if one does not tell them: “These are trees, these are clouds, this is a lily, this is a rose,” but rather: “This is all nature!” So if one leads a person from one process to another, from one being to another, and says to them: “It is all nature!”—that says nothing at all. In the particular, in the concrete, one must address the facts. Today, one is forgiven for speaking of a spirit that is present in everything. But the spiritual researcher cannot be satisfied with that. After all, he enters a world consisting of spiritual beings and spiritual facts that are differentiated just as the external world is concretely differentiated, in that it consists of clouds, mountains, valleys, trees, flowers, and so on. But to speak of the fact that not only are natural processes differentiated into the plant, animal, and human kingdoms, but that when a human being enters a spiritual world, one speaks there as well of concrete details and facts—this is not accepted today. But the spiritual researcher cannot help but point out that, when he enters the spiritual world in this way, he enters a world of real, concrete spiritual beings and spiritual processes.
[ 23 ] Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewöhnlichen Leben oder im gesteigerten gewöhnlichen Leben in der religiösen Frömmigkeit empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert muß das entwickelt werden, daß der Mensch wirklich dazu kommt, daß er gleichsam im Strome des Weltgeschehens hingebungsvoll ruht wie im Schlafe. Im Schlafe vergißt er jede Regung des eigenen Leibes, so muß der Mensch jede Regung des eigenen Leibes vergessen in der Kontemplation oder Meditation. Es ist dies die zweite Übung, die abwechseln muß mit der ersten Übung. Der Übende vergißt seinen Leib vollständig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, daß er auch alle Gemütsregungen und Willensregungen abzusondern vermag, so wie er sich im Schlafe abzusondern vermag von jeder Regsamkeit des Leibes. Aber bewußt muß dieser Zustand herbeigeführt werden. Indem der Mensch diese Hingabe hinzufügt zu der ersten Übung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt durch die äußeren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. Eine neue Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. Dann aber wird für den Menschen etwas zur Tatsache. Zur Tatsache wird es, so sagte ich, für die Innenbeobachtung, was heute noch durchaus zurückgewiesen wird von den Vorurteilen unserer Zeit, was aber ebenso ein Ergebnis einer streng wissenschaftlichen Forschung ist, wie die Evolutionslehre der neueren Zeit es ist: der Mensch lernt seinen seelisch-geistigen Wesenskern kennen, und zwar so lernt er ihn kennen, daß er weiß: Bevor ich vor der Empfängnis und vor der Geburt in dieses Leben eingetreten bin, das mich mit dem Leibe bekleidete, war ich geistig-seelisch in einem geistigen Reiche. Indem ich durch die Pforte des Todes schreiten werde, wird mein Leib abfallen, aber dasjenige, was ich jetzt kennen gelernt habe als geistig-seelischen Wesenskern, dasjenige, was außer dem Leibe leben kann, das wird durch die Pforte des Todes schreiten. Das gehört, nachdem es durch die Pforte des Todes geschritten ist, zu einer geistigen Welt, das geht in eine geistige Welt ein. - Man lernt, mit anderen Worten, die unsterbliche Seele kennen schon in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Man lernt kennen dasjenige, wovon man weiß, daß es auf den Leib nicht angewiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele nach dem Tode eintritt. Aber man lernt diesen geistig-seelischen Wesenskern des Menschen in einer solchen Weise erkennen, wie es sich wiederum wissenschaftlich-anschaulich beschreiben läßt.
[ 23 ] The second thing that is then necessary is an intensification of devotion—that devotion which a person feels in ordinary life, or in an intensified form of ordinary life, within religious piety. But this must be developed to the point of infinity, so that a person truly comes to rest devotedly in the flow of world events, as if in sleep. In sleep, one forgets every sensation of one’s own body; so too must a person forget every sensation of one’s own body in contemplation or meditation. This is the second exercise, which must alternate with the first exercise. The practitioner completely forgets his body, not only in a mental sense, but in such a way that he is also able to separate himself from all emotional and volitional stirrings, just as he is able to separate himself in sleep from every bodily activity. But this state must be brought about consciously. By adding this devotion to the first exercise, the person comes to truly place themselves within a spiritual world through the awakening spiritual senses, just as they enter the world of sensuality that surrounds us through the external senses. A new world then appears before the person—the world in which the person is always present with their spiritual-soul aspect. But then something becomes a fact for the human being. It becomes a fact, as I said, for inner observation—something that is still thoroughly rejected today by the prejudices of our time, but which is just as much a result of rigorous scientific research as the modern theory of evolution is: the human being comes to know the core of his soul-spiritual being, and indeed he comes to know it in such a way that he knows: Before I entered this life—which clothed me in a body—prior to conception and birth, I existed spiritually and psychologically in a spiritual realm. As I pass through the gate of death, my body will fall away, but that which I have now come to know as my spiritual-soul core—that which can live apart from the body—will pass through the gate of death. Once it has passed through the gate of death, it belongs to a spiritual world; it enters into a spiritual world. - In other words, one comes to know the immortal soul already in this life between birth and death. One comes to know that which one knows is not dependent on the body. One comes to know the world into which the human soul enters after death. But one learns to recognize this spiritual-soul core of the human being in a way that can in turn be described scientifically and vividly.
[ 24 ] Wenn wir die Pflanze betrachten, wie der Keim sich entwickelt, wie die Blätter und Blüten entstehen, wie die Frucht sich bildet, aus der dann wiederum ein Keim hervorgeht, dann werden wir gewahr, daß das Leben dieser Pflanze sich zuspitzt in diesem Keim. Man sieht das Abfallen der Blüten und Blätter, man sieht, daß der Keim bleibt, der in sich trägt eine neue Pflanze. So wird man gewahr: In dieser Pflanze, die man vor sich hat, da lebt der Keim, der Kern zu einer neuen Pflanze. So lernt man erkennen, indem man das Leben zwischen Geburt und 'Tod betrachtet, daß sich im Geistig-Seelischen dasjenige entwickelt, was durch die Pforte des Todes geht, was aber der Keim, der Kern eines neuen Lebens ist. So gewiß wie der Pflanzenkeim die Anlage hat, eine neue Pflanze zu werden, so gewiß hat dasjenige, was sich in dem Alltagsleben als Seelisch-Geistiges verbirgt, was sich aber der Geisteswissenschaft zeigt, die Anlage zu einem neuen Menschen. Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den wiederholten Erdenleben. Man weiß, daß das gesamte Menschenleben besteht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und aus dem Leben, das verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aus dem dann der Mensch wiederum in ein neues Erdenleben eintritt. Das einzige, was eingewendet werden könnte gegen das eben Gesagte, ist, daß ja der Pflanzenkeim auch zugrunde gehen könnte, wenn die Bedingungen nicht da sind, die ihn zu einer neuen Pflanze aufrufen. Dieser Einwand erledigt sich für die Geisteswissenschaft dadurch, daß allerdings der Pflanzenkeim, weil er angewiesen ist auf die äußere Welt, auch zugrunde gehen kann. In der geistigen Welt aber, in der der menschliche Seelenwesenskern heranreift zu einem neuen Erdenleben, da gibt es kein Hindernis dafür, daß dasjenige, was als Seelenkern im Erdenleben reift, in einem anderen Erdenleben wiederum zum Vorschein kommt. Ich kann nur flüchtig in kurzen Worten andeuten, wie der Geistesforscher, festhaltend an der naturwissenschaftlichen Forschungsart, zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben kommt.
[ 24 ] When we observe the plant—how the seed develops, how the leaves and flowers emerge, how the fruit forms, from which a new seed then emerges—we realize that the life of this plant culminates in that seed. We see the flowers and leaves fall away; we see that the seed remains, carrying within itself a new plant. Thus we become aware: in this plant before us lives the seed, the core of a new plant. Thus, by observing life between birth and ‘death,’ one learns to recognize that what develops in the spiritual-soul realm is that which passes through the gate of death, yet is the seed, the core of a new life. Just as surely as the plant seed has the potential to become a new plant, so surely does that which is hidden in everyday life as the soul-spiritual, but which reveals itself to Spiritual Science, have the potential to become a new human being. And through such contemplation, one arrives at the concept of repeated earthly lives in full harmony with the scientific way of thinking. We know that the entire human life consists of the life between birth and death and of the life that unfolds between death and a new birth, from which the human being then enters a new earthly life. The only objection that could be raised against what has just been said is that the plant seed could also perish if the conditions necessary to bring it forth as a new plant are not present. This objection is resolved in Spiritual Science by the fact that, while the plant seed—because it is dependent on the external world—can indeed perish, In the spiritual world, however, where the core of the human soul matures toward a new earthly life, there is no obstacle preventing that which matures as the soul core in one earthly life from emerging again in another earthly life. I can only briefly hint at how the spiritual researcher, adhering to the scientific method of inquiry, arrives at the concept of repeated earthly lives.
[ 25 ] Man hat die Geisteswissenschaft angeklagt des Buddhismus, weil sie von den wiederholten Erdenleben spricht. Nun, die Geisteswissenschaft holt das, was sie zu sagen hat, wahrhaftig nicht aus dem Buddhismus, sondern sie steht voll und ganz auf dem Boden der neueren Naturwissenschaft. Aber, sie dehnt diese neuere Naturwissenschaft auf das geistige Leben aus. Und sie kann nichts dafür, daß sie, ohne irgendwie auf den Buddhismus Rücksicht zu nehmen, zu der Anschauung von den wiederholten Erdenleben kommt. Sie kann nichts dafür, daß der Buddhismus in uralten Zeiten aus alten Traditionen heraus gesprochen hat von den wiederholten Erdenleben.
[ 25 ] Spiritual Science has been accused of being Buddhist because it speaks of repeated earthly lives. Well, Spiritual Science certainly does not derive its ideas from Buddhism, but is based entirely on modern natural science. However, it extends this modern natural science to the spiritual life. And it is not its fault that, without taking Buddhism into account in any way, it arrives at the view of repeated earthly lives. It is not its fault that Buddhism, in ancient times and based on old traditions, spoke of repeated earthly lives.
[ 26 ] In diesem Zusammenhange möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Lessing aus seinem reifen und erfahrungsreichen Denken heraus dazu gekommen ist, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat Lessing seine Abhandlung «Über die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, und da vertritt er diese Lehre von den wiederholten Erdenleben. Er sagt ungefähr das Folgende: Sollte denn diese Lehre deshalb zu verwerfen sein, weil sie in den ersten Morgenstunden der Menschheit aufgetreten ist, als noch keine Vorurteile der Schulen sie getrübt haben ? So wenig Lessing sich beirren ließ dadurch, daß diese Lehre von den wiederholten Erdenleben in der Morgenröte der Menschheit aufgetreten ist und dann später durch die Vorurteile der Schulen in den Hintergrund gedrängt worden ist, so wenig braucht die Geisteswissenschaft vor dieser Lehre zurückzuschrecken, weil diese Lehre auch im Buddhismus vorkommt. Es ist durchaus unbegründet, die Geisteswissenschaft deshalb des Buddhismus zu zeihen. Geisteswissenschaft bekennt sich zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben aus ihren eigenen Quellen heraus, und der Mensch wird hingewiesen durch diese Geisteswissenschaft darauf, daß er mit dem gesamten Menschheitsleben auf Erden in Zusammenhang steht. Denn diese Seelen, die in uns leben, sie waren schon oftmals da, sie werden noch oftmals da sein. Wir blicken zurück auf uralte Kulturepochen, auf Zeiten zum Beispiel, wo die Augen der Menschen hinaufgeblickt haben zu den Pyramiden. Wir wissen: Unsere Seelen haben schon dazumal gelebt, und wiederum werden sie erscheinen in der Zukunft; sie nehmen teil an allen Menschheitsepochen. Es ist heute noch durchaus zu verstehen, wenn die Vorurteile der Menschen sich gegen eine solche Lehre wenden. Es gibt ja auch Menschen, die sich alles so zurechtlegen, wie sie es gerne mögen. Daß Lessing ein großer Mensch war, ist bekannt. Daß er sich auf der Höhe seines Lebens zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben bekannt hat, das ist manchen Menschen unbequem und sie sagen deshalb: Nun ja, Lessing ist eben auch schwach geworden im Alter! Das ist den Menschen bequemer zu denken, als zu denken: der Mensch steht in Verbindung mit der gesamten Erdenkultur.
[ 26 ] In this context, I would like to point out that Lessing, drawing on his mature and experience-rich thinking, came to speak of repeated earthly lives. After a life of hard work, Lessing wrote his treatise “On the Education of the Human Race,” in which he advocates this doctrine of repeated earthly lives. He says something to the following effect: Should this doctrine be rejected simply because it arose in the earliest dawn of humanity, when it had not yet been clouded by the prejudices of the schools? Just as Lessing was not deterred by the fact that this doctrine of repeated earthly lives arose in the dawn of humanity and was later pushed into the background by the prejudices of the schools, so too does Spiritual Science have no reason to shy away from this doctrine simply because it also appears in Buddhism. It is entirely unfounded to accuse Spiritual Science of being Buddhist for this reason. Spiritual Science embraces the doctrine of repeated earthly lives from its own sources, and through Spiritual Science, humanity is reminded that it is connected to the entire history of human life on Earth. For these souls that live within us have been here many times before, and will be here many times yet. We look back on ancient cultural epochs, on times, for example, when people’s eyes looked up to the pyramids. We know: our souls have already lived back then, and they will appear again in the future; they participate in all epochs of humanity. It is still quite understandable today when people’s prejudices turn against such a teaching. After all, there are also people who arrange everything just as they like it. It is well known that Lessing was a great man. That he, at the height of his life, professed the doctrine of repeated earthly lives—this is uncomfortable for some people, and so they say: Well, Lessing just grew weak in his old age!” It is more comfortable for people to think this than to think: human beings are connected to the entire culture of the Earth.
[ 27 ] Nun, in welchem Sinne will die Geisteswissenschaft dasjenige, was soeben auseinandergesetzt worden ist, vor die ganze Menschheitskultur hintragen? In keinem anderen Sinne, als die neuere Naturwissenschaft ihre Erkenntnisse vor die Menschheit bringt. Aber indem diese Geisteswissenschaft in dieser Art gegenwärtig vor die Menschheitskultur hinrtritt, ist sie denselben Vorurteilen ausgesetzt, denen dasjenige ausgesetzt war, was die neuere naturwissenschaftliche Denkungsweise gebracht hat. Erinnern wir uns nur an Kopernikus, an Galilei, an Giordano Bruno. Wie war es denn dazumal, als Kopernikus auftrat mit der Ansicht, daß die Erde nicht stille steht, sondern daß sie sich dreht um die Sonne, daß die Sonne in Wahrheit gegenüber der Erde stille steht? Was hatte man geglaubt? Man hatte geglaubt, daß jetzt die Religion auf dem Spiel stehe, daß durch solche Fortschritte des Wissens die religiöse Frömmigkeit der Menschen gefährdet sei. Gewisse kirchliche Bekenntnisse haben bis zum neunzehnten Jahrhundert gebraucht, um die Lehre des Kopernikus vom Index abzusetzen und im Schoße ihrer Weltanschauung anzuerkennen. Geistiger Fortschritt hat zu jeder Zeit gegen alte Vorurteile zu kämpfen gehabt. Nicht anders, als das neue naturwissenschaftliche Wissen dazumal in die Menschheitskultur eingetreten ist, will das neue Geisteswissen in die Menschheitskultur eintreten. Daß man etwas wissen kann über den Geist, und daß die Menschheit dazu reif ist, dieses Wissen sich anzueignen, das will Geisteswissenschaft so betonen, wie betont worden ist durch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, daß ein neues Wissen notwendig geworden war, für das die Menschheit reif war, in bezug auf die Natur. Und wie man dazumal selbst den christlichen Domherrn Nikolaus Kopernikus angeklagt hat, kein Christ zu sein, so hat man es ja auch in gewissen Punkten leicht, die neuere Geisteswissenschaft nun wiederum anzuklagen, daß sie unchristlich sei. Ich muß bei einer solchen Anklage immer wiederum eines Priesters gedenken, der, als er einmal sein Universitätsrektorat angetreten hat, einen Vortrag hielt über Galilei, und der dazumal sagte: Es waren eben religiöse Vorurteile dazumal unter den Menschen, als sie Kopernikus entgegengetreten sind. Derjenige aber, der wahrhaft Religiosität in sich hat, der weiß, daß die Herrlichkeit und das Licht der Gottheit nicht vermindert wird dadurch, daß man in die Geheimnisse des Weltalls wissend eindringt; er weiß, daß die Größe der Gottesanschauung der Menschen nur zugenommen hat dadurch, daß der Mensch sein Wissen ausdehnte über den Sinnenschein hinaus zu einem Berechnen der Sternenbahnen und der Gestirne Eigentümlichkeiten. — Daß Religion nur gewinnen kann, wenn sie sich wissenschaftlich vertieft, das kann das wahrhaft religiöse Gemüt einsehen. Und Geisteswissenschaft will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die Zeit der Propheten ist vorüber. Die Menschheit ist reif geworden. Und Menschen, die mit Prophetennatur in der Zukunft vor die Menschheit hintreten wollten, sie werden ein anderes Schicksal haben als die alten Propheten. Die alten Propheten, sie sind mit Recht nach den Eigenarten ihrer Zeit als hervorragende Menschen verehrt worden. Propheten der Gegenwart, die es in dem alten Sinne sein wollten, werden ihr Schicksal erfahren: sie werden ausgelacht werden ! Geisteswissenschaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer ganzen Natur nach auf dem Boden, daß dasjenige, was sie zu sagen hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in welche die Menschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, findest du es selbst! Und immer mehr und mehr werden sich die Zeiten nähern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wird als schlichter Forscher, so wie der Chemiker, der Biologe als Forscher anerkannt werden auf ihrem Gebiete; nur daß der Geistesforscher auf dem Gebiete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht.
[ 27 ] Now, in what sense does Spiritual Science intend to present what has just been discussed to the whole of human culture? In no other sense than modern natural science presents its findings to humanity. But in presenting itself in this way to human culture, Spiritual Science is exposed to the same prejudices to which the modern scientific way of thinking was exposed. Let us only recall Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno. What was the situation back then, when Copernicus put forward the view that the Earth does not stand still, but rather that it revolves around the Sun, and that the Sun, in truth, stands still relative to the Earth? What had people believed? People had believed that religion itself was at stake, that such advances in knowledge endangered people’s religious piety. It took certain church denominations until the nineteenth century to remove Copernicus’s teachings from the Index and to accept them within the framework of their worldview. Spiritual progress has always had to struggle against old prejudices. Just as the new scientific knowledge entered human culture in its time, so too does the new spiritual knowledge seek to enter human culture. That one can know something about the spirit, and that humanity is ripe to acquire this knowledge—this is what Spiritual Science seeks to emphasize, just as Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno emphasized that a new knowledge had become necessary, for which humanity was ripe, with regard to nature. And just as the Christian canon Nicolaus Copernicus was once accused of not being a Christian, so too is it easy, in certain respects, to accuse modern Spiritual Science in turn of being unchristian. Whenever I hear such an accusation, I am always reminded of a priest who, upon assuming his rectorship at the university, gave a lecture on Galileo and said at the time: “It was simply religious prejudice among people back then that led them to oppose Copernicus.” But the one who truly possesses religiosity within himself knows that the glory and light of the Deity are not diminished by the fact that one knowingly penetrates the mysteries of the universe; he knows that humanity’s conception of God has only grown greater through the expansion of human knowledge beyond sensory perception to the calculation of the orbits of the stars and the peculiarities of the celestial bodies. — That religion can only gain by deepening itself scientifically is something the truly religious mind can understand. And Spiritual Science does not seek to be anything to do with the founding of a new religion. It does not seek to found a new sect. It does not seek to produce prophets or founders of religions. The time of religious foundations, the time of the prophets, is over. Humanity has come of age. And people who, in the future, might wish to step before humanity with a prophetic nature will have a different fate than the ancient prophets. The ancient prophets were rightly revered as outstanding individuals in accordance with the peculiarities of their time. Prophets of the present who wish to be such in the old sense will meet their fate: they will be laughed at! Spiritual Science has no need of prophets, for Spiritual Science is, by its very nature, grounded in the principle that what it has to say belongs to the depths of the human soul—those depths into which the human soul cannot always shine its light. And what the spiritual researcher says, he seeks to investigate as a simple researcher. He wishes to draw attention to what is necessary. The spiritual researcher says: I have found it; if you seek, you will find it yourself! And the time will come, ever more and more, when the spiritual researcher will be recognized as a simple researcher, just as the chemist and the biologist are recognized as researchers in their fields; only that the spiritual researcher conducts research in the realm that is close to every human soul.
[ 28 ] Ich konnte ja heute nur skizzieren, was bei der Forschung auf diesem Gebiete herauskommt. Aber wenn Sie darauf eingehen, so werden Sie sehen, daß das die Erforschung der für die Menschenseele wichtigsten Fragen ist: der Menschheits- und Schicksalsfragen, der beiden Fragen, die die Menschen tief bewegen können, stündlich, täglich - derjenigen Fragen, die die Menschenseele stark machen zur Arbeit. Und weil die Gegenstände der Geistesforschung mit den Tiefen der Menschenseele zu tun haben, daher ist es ihr eigen, daß sie die Menschen ergreift, daß sie sich verbindet mit dem tiefsten Innern des Menschen, und daß sie dadurch sein religiöses Empfinden vertieft, daß sie den Menschen religiöser macht in seinem Empfinden, als er sonst gewesen wäre.
[ 28 ] Today I was only able to outline the findings of research in this field. But if you look into it, you will see that this is the exploration of the questions most important to the human soul: questions of humanity and destiny—the two questions that can deeply move people, hour by hour, day by day—the very questions that strengthen the human soul for its work. And because the subjects of spiritual research have to do with the depths of the human soul, it is inherent in them that they move people, that they connect with the deepest inner being of the human being, and that they thereby deepen his religious feeling, making him more religious in his sensibility than he would otherwise have been.
[ 29 ] Geisteswissenschaft will nicht das Christentum ersetzen, aber ein Instrument zum Ergreifen des Christentums will sie sein. Und gerade dadurch wird uns durch die Geisteswissenschaft klar, daß dasjenige Wesen, das wir den Christus nennen, in den Mittelpunkt alles Erdendaseins zu stellen ist, daß dasjenige, was wir das christliche Bekenntnis nennen, die letzte der Religionen ist, die für die Erdenzukunft ewige Religion ist. Gerade das zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß die vorchristlichen Religionen aus ihrer Einseitigkeit herausgewachsen sind, zusammengewachsen sind in die Religion des Christentums. Geisteswissenschaft will nicht etwas anderes an die Stelle des Christentums setzen, sondern sie will nur dazu helfen, das Christentum tiefer, inniger zu verstehen.
[ 29 ] Spiritual Science does not seek to replace Christianity, but it aims to be a tool for understanding Christianity. And it is precisely through Spiritual Science that it becomes clear to us that the being we call Christ must be placed at the center of all earthly existence, that what we call the Christian creed is the final of the religions, the eternal religion for the future of the earth. This is precisely what Spiritual Science shows us: that the pre-Christian religions have outgrown their one-sidedness and have merged into the religion of Christianity. Spiritual Science does not seek to replace Christianity with something else, but only to help us understand Christianity more deeply and intimately.
[ 30 ] Kann man sagen, daß Kopernikus, als er in seinem stillen Kämmerlein ein neues astronomisches Weltensystem aufstellte, die Natur umschaffen wollte? Wahnsinn wäre es, solches zu sagen. Die Natur ist geblieben, was sie war; aber die Menschen haben verstehen gelernt in einer Weise, wie es der neuen Kultur geziemte, über die Natur zu denken. Ich habe mir erlaubt, mein Buch, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe über das Christentum, zu nennen: «Das Christentum als mystische Tatsache». Derjenige, der gewohnt ist, über die Dinge auch nachzudenken, die er der Welt überliefert, wählt einen solchen Titel nicht ohne Bedenken. Warum habe ich diesen Titel gewählt? Nun, um zu zeigen, daß das Christentum nicht eine bloße Lehre ist, die man so oder so verstehen kann, sondern daß es als eine Tatsache, die nur geistig zu verstehen ist, in die Welt eingetreten ist. So wahr die Natur keine andere geworden ist durch Kopernikus, so wahr wird die Tatsache des Christentums keine andere, wenn Geisteswissenschaft zum Instrument wird, diese Tatsache des Christentums in einem vollen Sinne zu verstehen, besser zu verstehen, als das in abgelebten Zeiten möglich gewesen ist.
[ 30 ] Can one say that Copernicus, when he devised a new astronomical system of the world in his quiet little room, wanted to reshape nature? It would be madness to say such a thing. Nature has remained what it was; but people have learned to think about nature in a way befitting the new culture. I took the liberty of naming my book, which I wrote many years ago about Christianity, “Christianity as a Mystical Fact.” One who is accustomed to reflecting on the things he bequeaths to the world does not choose such a title without careful consideration. Why did I choose this title? Well, to show that Christianity is not merely a doctrine that can be understood in one way or another, but that it has entered the world as a fact that can only be understood spiritually. Just as nature did not become any different because of Copernicus, so the fact of Christianity does not become any different when Spiritual Science becomes the instrument for understanding this fact of Christianity in a full sense, for understanding it better than was possible in times past.
[ 31 ] Nur ein Punkt aus der geisteswissenschaftlichen Erforschung des Christentums sei mir gestattet hervorzuheben. Ich habe zwar die Zeit schon überschritten, die mir gesetzt war, aber ich bitte Sie, noch auf diesen einen konkreten Punkt der christlichen Geistesforschung hinweisen zu dürfen.
[ 31 ] Allow me to highlight just one point from the study of Christianity in Spiritual Science. Although I have already exceeded the time allotted to me, I would ask you to permit me to draw your attention to this one specific aspect of Christian Spiritual Science research.
[ 32 ] Wenn man die alten Kulturen, die vorchristlichen Kulturen mit dem Blicke des Geistesforschers verfolgt, dann findet man, daß diese vorchristlichen Kulturen überall das hatten, was man die Mysterien nennt, Stätten, von denen man sagen kann, daß sie religiöse Stätten, Kunststätten und Wissenschaftsstätten zugleich waren. Während die äußere Kultur so beschaffen war, daß in den alten Zeiten der Mensch niemals dazu gekommen ist, so, wie ich es geschildert habe, durch die geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt einzudringen, während die äußere Kultur nie eindringen ließ in die geistige Welt, konnten die einzelnen Menschen aufgenommen werden in die Mysterien. Da waren die Schüler, die man auch nannte die Einzuweihenden. Sie wurden dazu gebracht, das zu erlangen, was heute geschildert worden ist, nämlich aus ihrem physischen Leibe herauszugehen. Sie wurden sozusagen durch die Kunst der Mysterien dazu gebracht, ein leibfreies Seelenleben zu entwickeln. Und was erlangten sie durch dieses leibfreie Seelenleben ? Sie erlangten die Möglichkeit, die geistige Welt zu erleben und diesen Mittelpunkt der Erdenmenschheitsgeschichte, das Christus-Ereignis, zu erleben. Man berücksichtigt in der äußeren Wissenschaft viel zu wenig, was aus den Schülern der Mysterien geworden ist, aber man könnte vieles anführen, um dieses darzustellen. Nur das Eine lassen Sie mich erwähnen wie ein Symptom, ein Wort des Kirchenvaters Augustinus. Er sagte: Christen gibt es nicht nur, seitdem der Christus auf Erden erschienen ist, Christen gab es auch schon vorher! Wenn man das heute sagt, wird man als Ketzer angeklagt; aber ein christlicher Kirchenvater durfte es sagen, daß es vor dem Christus, vor dem Erscheinen des Christus auf Erden Christen gab; und es ist das auch die Anschauung des Augustinus selber. Warum sagte dieser christliche Lehrer solche Worte? Man erlangt ein gewisses Bewußtsein davon, warum er das sagte, wenn man zum Beispiel bei Plato liest, wie er die Mysterien schätzt, wie er spricht über die Bedeutung der Mysterien für das ganze Wesen und Leben der Menschheit. Ein Wort, das uns hart erscheinen kann, ist uns überliefert von Plato: Die Menschenseelen leben wie im Schlamm, leben wie im Sumpfe, solange sie nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht sind. Er sagte das, weil er überzeugt war, daß die Menschenseele eigentlich ihrem Wesen nach geistig-seelisch ist, daß aber nur derjenige, der herausnimmt seine Seele aus dem physischen Leibe, durch die Mysterien ansichtig wird der geistigen Welt. Als jemand, der seinem wahren Wesen entzogen ist, erscheint dem Plato der Mensch, der nicht in die Mysterien eingedrungen ist. Und das ist das Wesentliche: Der einzige Weg, aus dem Physisch-Sinnlichen in das Geistige hereinzugelangen, war in alten Zeiten der Weg durch die Mysterien.
[ 32 ] When one examines ancient cultures—pre-Christian cultures—through the eyes of a spiritual researcher, one finds that these pre-Christian cultures everywhere possessed what are called the Mysteries: places that can be described as religious sites, artistic centers, and centers of science all at once. While external culture was such that in ancient times human beings never managed, as I have described, to penetrate the spiritual world through the methods of Spiritual Science—while external culture never allowed entry into the spiritual world—individuals could be admitted into the Mysteries. There were the disciples, who were also called the initiates. They were led to attain what has been described today, namely, to step out of their physical body. They were, so to speak, led through the art of the mysteries to develop a soul life free from the body. And what did they attain through this soul life free from the body? They attained the ability to experience the spiritual world and to experience this central event in the history of humanity on Earth, the Christ event. In mainstream scholarship, far too little attention is paid to what became of the students of the Mysteries, but one could cite many examples to illustrate this. Let me mention just one as a symptom: a statement by the Church Father Augustine. He said: There have been Christians not only since Christ appeared on earth; there were Christians even before that! If one says that today, one is accused of heresy; but a Christian Church Father was permitted to say that there were Christians before Christ, before Christ’s appearance on earth; and that is also Augustine’s own view. Why did this Christian teacher speak such words? One gains a certain understanding of why he said this when, for example, one reads in Plato how he values the Mysteries, how he speaks of the significance of the Mysteries for the entire being and life of humanity. A statement that may seem harsh to us has been handed down to us from Plato: Human souls live as if in mud, live as if in a swamp, as long as they are not initiated into the sacred mysteries. He said this because he was convinced that the human soul is, in its very essence, spiritual and soulful, but that only the one who withdraws his soul from the physical body becomes, through the mysteries, a beholder of the spiritual world. To Plato, a person who has not entered into the Mysteries appears as someone deprived of their true nature. And this is the essential point: in ancient times, the only way to pass from the physical-sensual into the spiritual was through the Mysteries.
[ 33 ] Das ist aber heute nicht mehr so. Ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden in bezug auf das Verhältnis der Menschenseele zu der geistigen Welt gegenüber den vorchristlichen Zeiten. Dasjenige, was ich Ihnen heute erzählt habe, und was jede Seele vornehmen kann mit sich, um ihren Einzug in die geistige Welt zu halten, das ist erst möglich in der Welt seit der Begründung des Christentums. Seither erst kann jede Seele, die dasjenige anwendet, was ich heute und in den genannten Büchern dargestellt habe, durch Selbsterziehung hinaufgelangen in die geistige Welt. Vor der Begründung des Christentums brauchte man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. Und wenn die Geisteswissenschaft gefragt wird: Worauf beruht dieser Umschwung? - dann hat sie aus ihren Forschungen heraus zu antworten: Dieser Umschwung ist möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Durch die Begründung des Christentums ist eine Tatsache, die nur im Geiste erforscht werden kann, in die Menschheit eingetreten. Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus selbst, er ist nach der Begründung des Christentums von jeder Menschenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleichsam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist allen Menschenseelen zuteil geworden. Woher ist das gekommen? Diejenigen, von denen man wußte, daß sie durch die Mysterien gegangen sind, Heraklit, Plato, sie nennt der Kirchenlehrer «Christen», weil sie durch die Mysterien die geistige Welt gesehen haben.
[ 33 ] But that is no longer the case today. There is a vast difference in the relationship of the human soul to the spiritual world compared to pre-Christian times. What I have told you today, and what every soul can do for itself to gain entry into the spiritual world, has only been possible in the world since the founding of Christianity. Only since then has every soul who applies what I have described today and in the books mentioned been able to ascend into the spiritual world through self-education. Before the founding of Christianity, one needed the mysteries; one needed the authoritative instructions of the teachers. Self-initiation did not exist in ancient times. And when Spiritual Science is asked: On what does this transformation rest?—then it must answer, based on its research: This transformation has become possible through the Mystery of Golgotha. Through the founding of Christianity, a reality that can only be explored in the spirit has entered into humanity. Something that previously could only be found in the spiritual realm—when a person had left the body through the Mysteries—Christ himself—has, since the founding of Christianity, become accessible to every human soul through its own efforts. That which the Mysteries, as it were, brought into human souls has, since the Mystery of Golgotha, resided in every human soul; it has been bestowed upon all human souls. Where did this come from? Those known to have undergone the mysteries—Heraclitus, Plato—are called “Christians” by the Church Fathers because they saw the spiritual world through the mysteries.
[ 34 ] Die Geisteswissenschaft zeigt uns, daß, indem Jesus gelebt hat in der Art, wie Sie es in den Evangelienbüchern finden können, für Jesus ein Moment eintritt in seinem Leben — es ist die Taufe im Jordan —, wo dieser Jesus sich umgewandelt hat, wo etwas eingetreten ist in ihm, das früher nicht da war, das dann in ihm lebte während dreier Jahre. Und dasjenige, was da in ihn eingezogen ist, es geht durch das Mysterium von Golgatha hindurch. Es ist jetzt nicht die Zeit hier, die Einzelheiten des Mysteriums von Golgatha zu schildern. Aber die Geisteswissenschaft bestätigt dasjenige, was in den Evangelien geschrieben ist, von ihrem Gesichtspunkte aus, von ihrem vollständig wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus. Durch dasjenige, was auf Golgatha geschieht, verbindet sich etwas, das vorher nur in den geistigen Höhen zu erreichen war, mit der Erdenmenschheit selbst. Es lebt seit der Zeit, da der Christus durch den Tod gegangen ist auf Golgatha, in allen menschlichen Seelen drinnen. Es ist die Kraft, durch welche jede Seele den Weg in die geistige Welt hinein finden kann. Das Menschengeschlecht auf Erden ist in bezug auf seine Seele ein anderes geworden durch das Mysterium von Golgatha. Der Christus ist, wie er selber sagt, «von oben», aber er ist eingezogen in die MenschenErdenwelt.
[ 34 ] Spiritual Science shows us that, as Jesus lived in the way you can find described in the Gospels, there comes a moment in his life—it is the baptism in the Jordan—when this Jesus was transformed, when something entered into him that had not been there before, something that then lived within him for three years. And that which entered into him at that time passes through the Mystery of Golgotha. Now is not the time here to describe the details of the Mystery of Golgotha. But Spiritual Science confirms what is written in the Gospels from its own perspective, from its entirely scientific perspective. Through what happens on Golgotha, something that was previously attainable only in the spiritual heights becomes connected with humanity itself. Since the time Christ passed through death on Golgotha, it has lived within every human soul. It is the power through which every soul can find the way into the spiritual world. The human race on Earth has become a different one in regard to its soul through the Mystery of Golgotha. Christ is, as he himself says, “from above,” but he has entered into the human world on Earth.
[ 35 ] Man wirft der Geisteswissenschaft vor, daß sie sagt, der Jesus sei nicht immer der Christus gewesen, sondern erst im dreißigsten Jahre des Jesus hätte das Christus-Leben auf Erden begonnen. Oberflächlichkeit über Oberflächlichkeit, aus dem Vorurteil der Menschheit herausgeboren, tritt der Geisteswissenschaft entgegen; wenn man die Tatsache zugibt, tritt einem gleich ein Vorurteil entgegen. Und so ist es fast mit allem, was gesagt wird von der Gegnerschaft in bezug auf die Stellung der Geisteswissenschaft zum Christentum.
[ 35 ] Spiritual Science is accused of claiming that Jesus was not always the Christ, but that the Christ life on earth did not begin until Jesus was thirty years old. Superficiality upon superficiality, born of humanity’s prejudice, confronts Spiritual Science; as soon as one acknowledges the fact, one is immediately met with prejudice. And so it is with almost everything that is said by opponents regarding the position of Spiritual Science toward Christianity.
[ 36 ] Müssen wir nicht sagen: Erst im dritten Lebensjahr ungefähr kann der Mensch beginnen, sich zu erinnern. Sagt man aber deshalb, daß dasjenige, was später im Menschen lebt, nicht früher schon in ihm war? Wenn man spricht von dem Einzuge des Christus in den Jesus, leugnet man deshalb, daß der Christus mit dem Jesus von der Geburt an verbunden war? Ebensowenig leugnet man dieses, wie man leugnet, daß die Seele im Kinde ist, bevor die Seele sozusagen aufersteht in diesem Kinde im Laufe des dritten Jahres. Man muß nur verstehen, was die Geisteswissenschaft sagt, dann wird man nicht mehr ihr Gegner sein.
[ 36 ] Must we not say: It is only around the age of three that a human being can begin to remember. But does that mean we can say that what later lives within a person was not already there before? When we speak of Christ entering into Jesus, does that mean we deny that Christ was united with Jesus from birth? One denies this just as little as one denies that the soul is in the child before the soul, so to speak, arises in this child in the course of the third year. One need only understand what Spiritual Science says, and then one will no longer be its opponent.
[ 37 ] Ferner wird der Geisteswissenschaft vorgeworfen, daß sie aus dem Christus ein kosmisches Wesen macht. Sie tut nichts anderes, als den Blick des Erdenmenschen erweitern über die bloßen irdisch-physischen Angelegenheiten hinaus in die Weiten des Weltenalls, daß er auch geistig das Weltenall umfasse mit seinem Wissen, so wie Kopernikus die äußere Welt umfaßt hat mit seinem Wissen. Daß die Geisteswissenschaft das Bedürfnis hat, einzubeziehen, was ihr das Heiligste ist, in dieses ihr Wissen, das entspricht nur einem religiösen Gefühl und zugleich einem tief wissenschaftlichen Gefühl. Geurteilt haben die Menschen über die Bewegungen im Weltenall nach dem, was sie sahen, vor Kopernikus; unabhängig von der Sinneswelt haben sie gelernt zu urteilen. Ist es strafbar, wenn Geisteswissenschaft dasselbe tut in bezug auf die geistigen Angelegenheiten der Menschheit? Geurteilt haben die Menschen in einer gewissen Weise über das Christentum, über das Leben des Christus Jesus, wie sie bisher urteilen konnten. Geisteswissenschaft will erweitern den Blick in die kosmisch-geistigen Weiten. Sie fügt zu dem bisher Gewußten hinzu, was sie aus der Geisteswissenschaft heraus über den Christus zu sagen hat. Geisteswissenschaft erkennt in dem Christus ein Wesen, das ewig ist; ein Wesen, das nur einmal eingezogen ist in einen menschlichen Leib, das sich dadurch unterscheidet von den übrigen Menschen, daß es nicht wiederholte Erdenleben durchmacht. Der Christus ist nur einmal eingezogen in einen Menschenleib und ist nun vereinigt mit den Seelen der Menschen.
[ 37 ] Furthermore, Spiritual Science is accused of turning Christ into a cosmic being. It does nothing other than expand the earthly human being’s gaze beyond mere earthly-physical matters into the vastness of the universe, so that he may also spiritually encompass the universe with his knowledge, just as Copernicus encompassed the outer world with his knowledge. That Spiritual Science feels the need to incorporate what is most sacred to it into this knowledge of its own corresponds only to a religious sentiment and, at the same time, to a deeply scientific sentiment. Before Copernicus, people judged the movements in the universe according to what they saw; they learned to judge independently of the sensory world. Is it reprehensible for Spiritual Science to do the same with regard to the spiritual affairs of humanity? People have, in a certain way, judged Christianity and the life of Christ Jesus as best they could until now. Spiritual Science seeks to expand the view into the cosmic-spiritual expanses. It adds to what has been known so far what it has to say about Christ from the perspective of Spiritual Science. Spiritual Science recognizes in the Christ a being who is eternal; a being who entered a human body only once, and who differs from other human beings in that he does not undergo repeated earthly lives. The Christ entered a human body only once and is now united with the souls of human beings.
[ 38 ] Einen merkwürdigen Fehler machen diejenigen, die die Geisteswissenschaft vom Standpunkte des Christentums aus bekämpfen. Man frage einmal bei der Geisteswissenschaft an, ob sie dasjenige, was sie innerhalb des Christentums finden kann, bekämpft! Sie sagt zu allem Ja, wozu das Christentum Ja sagt. Aber sie sagt noch etwas anderes dazu. Dieses andere verbieten, das heißt nicht, auf seinem Christentum bestehen, sondern das heißt bestehen auf der Beschränktheit des Christentums; das heißt so operieren, wie diejenigen operiert haben, die über Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno so gesprochen haben, wie ich es angeführt habe. Welcher logische Fehler da zugrunde liegt, das kann man leicht einsehen. Diejenigen, die da kommen und sagen: Ihr redet ja von einem kosmischen Christus, der auch in den Weltenweiten lebt, daher seid Ihr Gnostiker — begehen ungefähr denselben Fehler, den einer begeht, der sagt: Ja, der Mann, der mir jetzt Geld gab, er ist mir 30 Kronen schuldig, er hat mir aber 40 Kronen gegeben, weil er mir 10 dazu leiht. Wenn ich jetzt komme und sage: Der Mann hat mir die Schuld nicht bezahlt, er hat mir ja die 30 Kronen nicht gegeben, sondern 40 Kronen, begehe ich da nicht einen törichten Fehler?! Wenn aber die Leute kommen und sagen zu den Vertretern der Geisteswissenschaft: Ihr sagt uns nicht nur das, was wir über den Christus sagen, sondern ihr sagt noch etwas dazu — dann merken es die Leute nicht, welch ungeheuren Fehler sie machen, weil sie aus ihrer Leidenschaft heraus sprechen und nicht wirklich objektiv. Meinetwegen mag man polemisieren dagegen, daß das, was Geisteswissenschaft über das Christentum gibt, etwas sein kann oder nicht sein kann für die Menschen. Das hängt davon ab, was die Menschen brauchen. Man könnte ja auch Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno zurückweisen. Aber man darf nicht sagen, Geisteswissenschaft gebe weniger über das Christentum oder Geisteswissenschaft trete gegen das Christentum auf.
[ 38 ] Those who oppose Spiritual Science from a Christian standpoint are making a curious mistake. One should ask Spiritual Science whether it opposes what it can find within Christianity! It says “yes” to everything to which Christianity says “yes.” But it adds something else to that. To forbid this other aspect does not mean to insist on one’s Christianity, but rather to insist on the limitations of Christianity; it means to act in the same way as those who spoke of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno as I have described. The logical error underlying this is easy to see. Those who come along and say: You are talking about a cosmic Christ who also lives in the vastness of the universe, therefore you are Gnostics—commit roughly the same error as someone who says: Yes, the man who just gave me money owes me 30 crowns, but he gave me 40 crowns because he is lending me 10 on top of that. If I now come and say: “The man didn’t pay me what he owed; he didn’t give me the 30 crowns, but 40 crowns”—am I not making a foolish mistake?! But when people come and say to the representatives of Spiritual Science: “You don’t just tell us what we say about Christ, but you add something else to it”—then people don’t realize what a tremendous mistake they are making, because they speak out of passion and not truly objectively. For my part, one may argue against the idea that what Spiritual Science offers regarding Christianity may or may not be of value to people. That depends on what people need. One could also reject Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno. But one must not say that Spiritual Science offers less regarding Christianity or that Spiritual Science opposes Christianity.
[ 39 ] Und noch eines ist es, was ausgesprochen werden muß, wenn über das Verhältnis von Geisteswissenschaft zum Christentum die Rede ist: Die Menschheit ändert sich, indem sie in den einzelnen Menschenleben von Epoche zu Epoche geht. Unsere Menschenseelen haben durchgemacht Erdenleben in Zeiten, wo der Christus noch nicht mit der Erde vereinigt war, und sie werden durchmachen noch fernere Erdenleben, in denen der Christus mit der Erde vereint ist. Der Christus lebt nunmehr in den Menschenseelen selbst. Dann aber, wenn die Menschenseele sich immer mehr und mehr vertieft, wenn die Menschenseele immer wieder und wiederum durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird sie immer selbständiger und selbständiger, immer innerlich freier und freier. Daher ist es so, daß sie immer neue Instrumente braucht, um die alten Wahrheiten zu verstehen, daß sie aus dieser inneren Freiheit heraus immer weiter und weiter vorzudringen hat. So muß gesagt werden: Das Christentum wird gerade durch die Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daß die Geisteswissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form diese alten christlichen Wahrheiten verkündigt. Mögen diejenigen, die nur bei ihren Vorurteilen stehenbleiben wollen, glauben, daß Geisteswissenschaft dem Christentum Abbruch tue. Wer in die Kultur der Gegenwart eindringt, der wird finden, daß gerade diejenigen Menschen, die nicht mehr in der alten Weise Christen sein können, durch Geisteswissenschaft wiederum von der Wahrheit des Christentums überzeugt werden. Denn dasjenige, was die Geisteswissenschaft über das Christentum zu sagen hat, das darf sie sagen zu jeder Seele, weil den Christus, von dem sie spricht, jede Seele in sich selbst finden kann. Aber sie darf auch sagen, daß sie den Christus findet als das Wesen, das einmal wirklich durch die Tatsache des Mysteriums von Golgatha eingetreten ist in die Menschenseelen, in die Erdenwelt. Der Glaube hat nichts zu fürchten von dem Wissen, denn die Gegenstände des Glaubens, wenn sie zum Geiste aufsteigen, haben das Licht des Wissens nicht zu scheuen. Und so wird Geisteswissenschaft dem Christentum diejenigen Seelen erobern, die ihm nicht anders werden gewonnen werden können als dadurch, daß man zu ihnen nicht spricht wie ein prophetischer Religionsstifter, sondern wie ein schlichter Wissenschafter, der aufmerksam macht auf dasjenige, was auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gefunden werden kann, und der die Saiten, die in jeder Seele sind, zum Mitschwingen bringt.
[ 39 ] And there is one more thing that must be said when discussing the relationship between Spiritual Science and Christianity: Humanity changes as it moves from one epoch to the next through individual human lives. Our human souls have lived through earthly lives in times when Christ was not yet united with the Earth, and they will live through even more distant earthly lives in which Christ is united with the Earth. Christ now lives within the human souls themselves. But then, as the human soul deepens more and more, as the human soul passes through repeated earthly lives again and again, it becomes ever more independent, ever more inwardly free. Therefore, it is the case that it needs ever new instruments to understand the old truths, that out of this inner freedom it must advance ever further and further. Thus it must be said: Christianity is recognized through Spiritual Science in such depth, in such truth, in such significance, that Spiritual Science may have confidence when it proclaims these old Christian truths in a new form. Let those who wish to remain stuck in their prejudices believe that Spiritual Science does Christianity a disservice. Whoever delves into contemporary culture will find that it is precisely those people who can no longer be Christians in the old way who are once again convinced of the truth of Christianity through Spiritual Science. For what Spiritual Science has to say about Christianity, it may say to every soul, because every soul can find within itself the Christ of whom it speaks. But it may also say that it finds the Christ as the being who once truly entered into human souls, into the earthly world, through the fact of the Mystery of Golgotha. Faith has nothing to fear from knowledge, for the objects of faith, when they rise to the spirit, need not shy away from the light of knowledge. And so Spiritual Science will win over to Christianity those souls who cannot be won over in any other way than by speaking to them not as a prophetic founder of a religion, but as a simple scientist who draws attention to what can be found in the realm of Spiritual Science, and who causes the strings within every soul to resonate.
[ 40 ] Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; die Wege dazu können Sie in den genannten Büchern angegeben finden. Aber auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahrheit in unbefangener Weise auf sich wirken läßt, von dieser Wahrheit durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegenheit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu überschauen; aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinneswelt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geisteswissenschafter auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er darauf, daß es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen können, weil sie in jeder Seele vorhanden sind.
[ 40 ] Anyone can become a spiritual researcher; you can find instructions on how to do so in the books mentioned. But even those who are not spiritual researchers can, if they allow the truth to take effect upon them in an unbiased way, be permeated by this truth. And if they do not do so, then they simply cannot free themselves from prejudices. All truths lie within the human soul. Perhaps not everyone has the opportunity to survey the truth of the spiritual realm as a spiritual researcher; but just as our thinking already takes us beyond the realm of the sensory world, so too does thinking accompany us when the scientist of Spiritual Science seeks to draw attention to what he explores on his spiritual paths. And he seeks only to draw attention to the fact that there are truths that can take root in every soul, because they are present in every soul.
[ 41 ] Da ich zum Schlusse noch aufmerksam machen möchte, wie die Geisteswissenschaft sich hineinstellt in das Kulturleben, so möchte ich noch das Folgende sagen: Geisteswissenschaft stimmt wirklich überein mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart und Denkungsart, und nicht anders will sie sich hinstellen vor die Kultur der Gegenwart, als sich der kirchliche Domherr Kopernikus, als sich Galilei, als sich Giordano Bruno hingestellt haben vor ihre Gegenwart. Vergegenwärtigen wir uns Giordano Bruno. Was hat er eigentlich getan ? Bevor er auftrat und seine für die Menschheitsentwickelung so bedeutungsvollen Worte sprach, blickten die Menschen ins Weltenall hinein. Sie sprachen von den Sternensphären so, wie sie glaubten, sie zu sehen. Sie sprachen von der blauen Himmelskugel, die das Weltall begrenzt. Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, sie hatten den Mut, den Sinnenschein zu durchbrechen und eine neue Denkungsweise zu begründen. Was war es denn im Grunde genommen, was Giordano Bruno vor seinen Zuhörern sagte? Er sagte: Seht euch die blaue Himmelskugel an; das Firmament, ihr macht es selbst durch die Begrenztheit eurer Erkenntnis. Eure Augen sehen nur bis dahin, und eure Augen sind es, die sich diese Grenze schaffen! Über diese Grenzen hinaus erweiterte Giordano Bruno den Blick der Menschen. Er glaubte darauf hinweisen zu dürfen, daß eingebettet sind in die Raumesweiten ewige Sternenwelten.
[ 41 ] Since I would like to conclude by drawing attention to how Spiritual Science fits into cultural life, I would like to add the following: Spiritual Science truly corresponds to the scientific way of conceiving and thinking, and it seeks to present itself to contemporary culture in no other way than the church canon Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno presented themselves to their contemporaries. Let us recall Giordano Bruno. What did he actually do? Before he appeared and spoke his words, so significant for the development of humanity, people gazed into the universe. They spoke of the celestial spheres as they believed they saw them. They spoke of the blue celestial sphere that bounds the universe. Copernicus, Galileo, Giordano Bruno—they had the courage to break through the illusion of the senses and establish a new way of thinking. What was it, after all, that Giordano Bruno said to his listeners? He said: Look at the blue celestial sphere; the firmament—you yourselves create it through the limitations of your knowledge. Your eyes see only as far as that, and it is your eyes that create this boundary! Giordano Bruno expanded people’s vision beyond these boundaries. He believed he could point out that eternal starry worlds are embedded in the vastness of space.
[ 42 ] Was muß der Geistesforscher tun? Lassen Sie es mich bescheiden im Sinne der neueren Geistesentwickelung aussprechen. Hinweisen muß der Geistesforscher auf das Zeitenfirmament, hinweisen muß er auf die Grenzen von Geburt und Tod des Menschenlebens, sagen muß er: Die äußere Anschauung sieht Geburt und Tod als ein Zeitenfirmament durch die Begrenztheit des menschlichen Verstandes und Wahrnehmungsvermögens. Aber wie Giordano Bruno muß er darauf hinweisen, daß dieses Zeitenfirmament nicht da ist, sondern daß es nur herrührt von der Begrenztheit der menschlichen Anschauung. Wie Giordano Bruno hinausweist über die Begrenztheit des Raumes, wie er darauf hinweisen muß, wie unendliche Welten eingebettet sind in die Weiten des Raumes, so muß der Geistesforscher darauf hinweisen, daß hinter den nicht vorhandenen Grenzen von Geburt und Tod die Zeitenunendlichkeit liegt, und daß darin eingebettet ist der Menschenseele Ewigkeit, die ewige Wesenheit des Menschen, wie sie von Leben zu Leben geht. In vollem Einklang mit dem, was für die Naturwissenschaft geschehen ist, steht die Geisteswissenschaft da.
[ 42 ] What must the spiritual researcher do? Let me put it modestly in the spirit of recent spiritual developments. The spiritual researcher must point to the firmament of time; he must point to the limits of birth and death in human life; he must say: The external view perceives birth and death as a firmament of time due to the limitations of the human intellect and powers of perception. But like Giordano Bruno, he must point out that this firmament of time does not exist, but rather that it arises solely from the limitations of human perception. Just as Giordano Bruno points beyond the limitations of space, just as he must point out how infinite worlds are embedded in the vastness of space, so must the spiritual researcher point out that behind the non-existent boundaries of birth and death lies the infinity of time, and that embedded within it is the eternity of the human soul, the eternal essence of the human being as it passes from life to life. Spiritual Science stands in full harmony with what has taken place in the natural sciences.
[ 43 ] Und noch einmal sei es mir gestattet, auch in dieser Stadt darauf aufmerksam zu machen, wie die Geisteswissenschaft keine Religion stiften will, wie sie aber das Seelenleben religiöser stimmt, und wie sie gerade zu der Wesenheit im religiösen Mittelpunkte, zu dem Christus hinführt. Wiederholt sei es mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, wie Geisteswissenschaft, obzwar sie keine neue Religionsgemeinschaft stiften will, sie doch die Menschenseele tief religiös stimmt, wie sie aus der Wissenschaft des Geistes heraus nicht eine neue Religion, aber ein vertieftes religiöses Bewußtsein herbeiführt. Und derjenige, der sich fürchtet vor der Geisteswissenschaft so, als ob sie zerstören könnte das religiöse Bewußtsein, der gleicht einem Menschen, der etwa vor Kolumbus hingetreten wäre, als er nach Amerika gefahren ist — gestatten Sie, daß ich diesen Vergleich gebrauche — und gesagt hätte: Warum entdeckst du Amerika? Hier in unserem alten Europa geht so schön die Sonne auf; wissen wir denn, ob in Amerika auch die Sonne aufgehen wird und die Menschen wärmt und die Erde beleuchtet? Derjenige aber, der in den Sinn des physischen Erdendaseins eingetreten ist, der wird gewußt haben, daß in allen Ländern die Sonne leuchtet. Wer da aber für sein Christentum fürchtet, der gleicht einem solchen Menschen, der die Entdeckung eines neuen Landes fürchtet, weil er meint, es könne vielleicht dort die Sonne nicht scheinen. Wer wahrhaft Christus-Sonne in seiner Seele trägt, der weiß, daß die Christus-Sonne in jedem Lande leuchten wird. Und welche Gebiete auch noch entdeckt werden mögen, sei es auf Gebieten der Natur oder auf Gebieten des Geistes, das Amerika des Geistes wird niemals entdeckt werden, wenn nicht das wahrhaft religiöse Leben in Zugehörigkeit zum Mittelpunkt des Erdendaseins, zur Christus-Sonne sich hinneigen wird, und wenn nicht diese Christus-Sonne, die Seelen erleuchtend, die Seelen erwärmend, die Seelen befeuernd scheinen wird. Nur derjenige, der schwach ist in seinem religiösen Fühlen, kann fürchten, daß dieses religiöse Fühlen ersterben oder erlahmen könnte in einer neu entdeckten Lage. Wer aber stark ist in seinem echten Christus-Gefühl, der wird nicht Furcht haben vor dem Wissen, der wird nicht fürchten, daß in irgendeiner Weise gefährdet werden könnte der Glaube durch das Wissen.
[ 43 ] And once again, allow me to point out, even in this city, that Spiritual Science does not seek to establish a religion, but rather that it makes the life of the soul more religious, and that it leads precisely to the being at the heart of religion, to Christ. Once again, allow me to point out how Spiritual Science, although it does not seek to establish a new religious community, nevertheless imbues the human soul with a deep sense of the religious; how, out of the science of the spirit, it brings about not a new religion, but a deepened religious consciousness. And anyone who fears Spiritual Science as if it could destroy religious consciousness is like a person who might have stepped before Columbus when he set sail for America—allow me to use this comparison—and said: Why are you discovering America? Here in our old Europe the sun rises so beautifully; do we know whether the sun will also rise in America and warm the people and illuminate the earth? But the one who has entered into the meaning of physical earthly existence will have known that the sun shines in all countries. But whoever fears for his Christianity is like such a person who fears the discovery of a new land because he thinks the sun might not shine there. Whoever truly carries the Christ-Sun in his soul knows that the Christ-Sun will shine in every land. And whatever territories may yet be discovered, whether in the realms of nature or in the realms of the spirit, the America of the spirit will never be discovered unless true religious life inclines toward the center of earthly existence, toward the Christ-Sun, and unless this Christ-Sun shining, illuminating the souls, warming the souls, and kindling the souls. Only those who are weak in their religious feeling may fear that this religious feeling might die out or wane in a newly discovered situation. But whoever is strong in his genuine Christ-feeling will have no fear of knowledge; he will not fear that faith might in any way be endangered by knowledge.
[ 44 ] In diesem Vertrauen lebt Geisteswissenschaft. In diesem Vertrauen spricht Geisteswissenschaft zur Kultur der Gegenwart. Denn sie weiß, daß das wahr ist, daß wahres religiöses Denken und Fühlen durch keine Forschung gefährdet werden kann, sondern nur eine schwache Religiosität etwas zu fürchten hat. Sie weiß, daß man Vertrauen haben darf zum Sinn der Wahrheit. Und weil der Geistesforscher durch die erschütternden Ereignisse seines Seelenlebens, durch das, was er objektiv durchgemacht hat, weiß, was in den Tiefen der Menschenseele lebt, und weil er durch seine Forschungen Vertrauen zur Menschenseele gewinnt, weil er sieht, daß die Menschenseele die innigste Verwandtschaft hat mit der Wahrheit, so glaubt er, wie auch die Zeichen in der Gegenwart gegen die Geisteswissenschaft sprechen mögen, doch an den endlichen Sieg der Geisteswissenschaft. Und er erhofft ihn von dem wahrheitsliebenden und auch von dem echten religiösen Leben der Menschenseele.
[ 44 ] Spiritual Science lives in this trust. It is through this trust that Spiritual Science speaks to contemporary culture. For it knows that it is true that genuine religious thought and feeling cannot be endangered by any research, but that only a weak form of religiosity has anything to fear. It knows that one may have confidence in the meaning of truth. And because the spiritual researcher, through the shattering events of his inner life, through what he has objectively experienced, knows what lives in the depths of the human soul, and because through his research he gains trust in the human soul, because he sees that the human soul has the most intimate kinship with truth, he believes, however much the signs of the present may speak against Spiritual Science, in the ultimate victory of Spiritual Science. And he hopes for it from the truth-loving and also from the genuine religious life of the human soul.
