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The Rudolf Steiner Archive

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Christus und die menschliche Seele
Über den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
GA 155

16 Juli 1914, Norrköping

Christus und die menschliche Seele IV

[ 1 ] Die Menschheit braucht fortwährend Wahrheiten, die nicht zu jeder Zeit vollständig verstanden werden können. Wahrheiten in sich aufnehmen, bedeutet nämlich nicht nur etwas für die Erkenntnis, sondern Wahrheiten als solche enthalten Lebenskraft. Und indem wir uns mit der Wahrheit durchdringen, durchdringen wir uns in unserem Seelischen mit einem Elemente der Welt, wie wir uns durchdringen müssen in unserem Leiblichen fortwährend mit der von außen aufgenommenen Luft, damit wir leben können. Das ist der Grund, warum in den religiösen Urkunden tiefe Wahrheiten ausgesprochen werden, aber in solcher Form, daß die Menschen sie oftmals ihrer eigentlich inneren Bedeutung nach erst viel, viel später erkennen können, als sie geoffenbart werden.

[ 2 ] Sehen Sie, das Neue Testament ist geschrieben worden, das Neue Testament liegt als eine Urkunde für die Menschheit, man möchte sagen, ausgebreitet da; aber die ganze Erdenentwickelung, die noch kommen soll, wird notwendig sein, um dieses Neue Testament vollständig zu verstehen. Man wird in der Zukunft noch über die äußere Welt vieles erfahren, man wird vieles erfahren auch über die geistige Welt, und alles wird dazu beitragen können, wenn man es im richtigen Lichte sehen wird, das Neue Testament zu verstehen. Das Verständnis kommt nach und nach, aber das Neue Testament ist geschrieben in einer einfachen Form, so daß es aufgenommen werden kann und später nach und nach verstanden werden kann. Denn es ist nicht bedeutungslos, wenn wir uns durchdringen mit der Wahrheit, die eben im Neuen Testament liegt, auch wenn wir diese Wahrheit noch nicht in ihrem tiefsten Innern verstehen. Später wird die Wahrheit Erkenntniskraft, vorher ist sie aber schon Lebenskraft, indem sie aufgenommen wird, man möchte sagen, in einer mehr oder weniger kindlichen Form. Und gerade die Fragen, die wir gestern angefangen haben zu betrachten, sie erfordern, wenn sie so verstanden werden sollen, wie sie im Neuen Testament mitgeteilt sind, eine immer tiefer und tiefer gehende Erkenntnis, ein Hineinblicken in die geistige Welt und ihre Geheimnisse.

[ 3 ] Wenn wir die gestern begonnenen Betrachtungen fortsetzen wollen, dann müssen wir heute schon ein wenig in einzelne okkulte Geheimnisse hineinblicken, denn die werden uns ein Führer sein können, die Frage, das Rätsel von Sünde und Schuld, noch weiter zu verstehen, um so gerade von diesem Gesichtspunkte aus einiges Licht zu werfen auf das Verhältnis des Christus zur menschlichen Seele.

[ 4 ] Vor allen Dingen ist uns ja öfter schon ein Gesichtspunkt aufgestoßen im Verlauf unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, ein Gesichtspunkt, den wir in eine Frage kleiden können — er ist auch schon öfter von uns in diese Frage gekleidet worden: Warum ist Christus gestorben in einem menschlichen Leibe? Diese Frage, die im Grunde genommen die Frage des Mysteriums von Golgatha ausdrückt: Warum ist der Christus gestorben, warum ist der Gott gestorben in einem menschlichen Leibe?

[ 5 ] Der Gott ist gestorben, weil durch die Weltenentwickelung die Notwendigkeit vorlag, daß der Gott in den Erdenmenschen einziehen könne, daß ein Gott der oberen Welten der Führer der Erdenentwickelung werden konnte. Dazu mußte der Christus todverwandt werden. Todverwandt, meine lieben Freunde! Man möchte, daß dieses Wort recht tief, tief von Menschenseelen verstanden werde.

[ 6 ] Der Tod tritt ja dem Menschen in der Regel nur entgegen, wenn der Mensch den Menschen selber sterben sieht oder auch noch bei anderen Erscheinungen, die man ähnlich dem Tode in der Welt findet, oder in der Gewißheit, daß man selbst zu gehen hat durch die Pforte des Todes, wenn die gegenwärtige Inkarnation abgelaufen sein wird. Aber dieses ist im Grunde genommen nur der äußere Aspekt des Todes. Der Tod ist noch ganz anders in der Welt vorhanden, in der wir leben, und auf das muß aufmerksam gemacht werden. Gehen wir von einer ganz gewöhnlichen alltäglichen Erscheinung aus. Wir atmen die Luft ein und atmen sie wieder aus. Aber die Luft macht eine Veränderung in uns durch. Wenn sie ausgeatmet ist, diese Luft, dann ist sie Todesluft; als ausgeatmete Luft kann sie nicht weiter geatmet werden, die ausgeatmete Luft ist tötend. Ich will das nur andeuten, damit Sie verstehen, was durch den okkulten Satz ausgesprochen wird: «Indem die Luft in den Menschen einzieht, stirbt sie.» Wahrhaftig, dasjenige, was in der Luft lebendig ist, das stirbt, indem es in den Menschen einzieht. Der Tod zieht mit jedem Atemzuge für die Luft ein, indem der Mensch die Luft atmet. Aber das ist nur eine Erscheinung. Der Lichtstrahl, der in unser Auge dringt, muß ebenso sterben, und wir würden nichts in der Welt von Lichtstrahlen haben, wenn unser Auge sich nicht, wie unsere Lunge der Luft, dem Lichtstrahl entgegenstellte. Und jedes Licht, das in unser Auge dringt, stirbt in unserem Auge, und vom Tode des Lichtes in unserem Auge haben wir es, daß wir sehen können. So stirbt dasjenige, was im Lichte lebendig ist, indem es in unser Auge eindringt. In unserem Auge wird der Lichtstrahl getötet. Wir morden ihn, damit wir die Wahrnehmungen des Auges haben. Wir sind so angefüllt mit demjenigen, was in uns ersterben muß, damit wir unser menschliches Erdenbewußtsein haben. Körperlich töten wir die Luft, wir töten auch den Lichtstrahl, der in uns eindringt, und so töten wir in vielfacher Beziehung.

[ 7 ] Wir unterscheiden, wenn wir die Geisteswissenschaft zu Hilfe rufen, den Erdenstoff, den Wasserstoff, den Luftstoff, den Wärmestoff. Wir treten dann in die Welt des Lichtäthers, wir sprechen von Wärmeäther, von Lichtäther. Bis zum Lichtäther hinauf töten wir dasjenige, was in uns dringt, wir morden es fortwährend, damit wir unser Erdenbewußtsein haben. Etwas aber können wir nicht töten durch unser Erdendasein. Wir wissen, daß es über dem Lichtäther gibt den sogenannten Chemischen Äther und dann den Lebensäther. Das sind die beiden Ätherarten, die wir nicht töten können. Aber dafür haben diese beiden Ätherarten auch keinen besonderen Anteil an uns. Würden wir in der Lage sein, auch den Chemischen Äther zu töten, dann würden fortwährend in unseren physischen Leib die Wellen der Sphärenharmonie hereintönen, und wir würden diese Wellen der Sphärenharmonie mit unserem physischen Leben fortwährend in uns ertöten. Und könnten wir auch den Lebensäther töten, so würden wir das kosmische Leben, das der Erde zuströmt, fortwährend in uns selber ertöten. Uns ist im irdischen "Ton ein Surrogat gegeben, aber das ist nicht zu vergleichen mit demjenigen, was wir hören würden, wenn uns überhaupt als physischer Mensch der chemische Äther hörbar wäre. Denn der physische Ton ist ein Produkt der Luft, und er ist nicht der geistige Ton; er ist nur ein Surrogat des geistigen Tones.

[ 8 ] Als die luziferische Versuchung kam, da waren die fortschreitenden Götter genötigt, den Menschen in eine Sphäre zu versetzen, wo vom Lichtäther nach abwärts in seinem physischen Leibe der Tod lebt. Aber dazumal sagten diese fortschreitenden Götter — und das Wort ist wohl in der Bibel verzeichnet —: «Die Unterscheidung von Gut und Böse hat sich der Mensch angeeignet, aber das Leben, das soll er nicht haben. Vom Baume des Lebens soll er nicht essen.» (1. Mose 3, 22) Und ein anderes Wort kann im Sinne des Okkultismus dazugefügt werden; die Fortsetzung dieses Wortes «Vom Baume des Lebens soll der Mensch nicht essen» würde heißen: «Und vom Geiste des Stoffes soll er nicht hören.» Vom Baume des Lebens soll der Mensch nicht essen, und vom Geiste des Stoffes soll der Mensch nicht hören! Diese Regionen sind diejenigen, die dem Menschen verschlossen wurden. Nur durch eine gewisse Prozedur in den alten Mysterien wurden den Einzuweihenden, als sie vorausnehmend den Christus sehen durften außer dem Leibe, auch die Töne der Sphärenmusik erschlossen und das durch die Welt pulsende kosmische Leben. Daher sprechen die alten Philosophen von der Sphärenmusik.

[ 9 ] Indem wir auf dieses aufmerksam machen, weisen wir zu gleicher Zeit hin auf diejenigen Regionen, aus denen der Christus zu uns gekommen ist bei der Johannestaufe im Jordan. Woher kam der Christus? Aus denjenigen Regionen kam er, die dem Menschen verschlossen worden sind durch die Versuchung des Luzifer, aus der Region der Sphärenmusik, aus der Region des kosmischen Lebens. Diese Regionen hat der Mensch vergessen müssen am Erdenurbeginn durch die luziferische Versuchung. Der Christus aber zog bei der Johannestaufe im Jordan in einen Menschenleib ein, und dasjenige, was diesen Menschenlesb durchsetzte, das war das Geistige der Sphärenmusik, das war das Geistige des kosmischen Lebens, das war dasjenige, was zur Menschenseele noch gehörte während ihrer ersten Erdenzeit, woraus aber die Menschenseele verbannt werden mußte durch die luziferische Versuchung. So ist der Mensch auch in diesem Sinne geistverwandt. Er gehört eigentlich an mit seiner Seele der Region der Sphärenmusik und der Region des Wortes, des lebendigen kosmischen Äthers. Aber er wurde daraus vertrieben. Und wiedergegeben sollte es ihm werden, so daß er sich nach und nach mit dem, woraus er verbannt worden war, wiederum durchdringen könne. Deshalb berühren uns auch vom Standpunkt der Geisteswissenschaft so tief die Worte des JohannesEvangeliums: Im Urbeginne, als der Mensch der Versuchung noch nicht unterlegen war, da war der Logos. Der Mensch gehörte dem Logos an. Der Logos war bei Gott, und der Mensch war mit dem Logos bei Gott. Und durch die Johannestaufe im Jordan trat der Logos in die menschliche Entwickelung ein, er wurde Mensch.

[ 10 ] Hier haben wir den Zusammenhang, den bedeutungsvollen Zusammenhang. Lassen wir einmal diese Wahrheit dastehen und versuchen wir uns der Frage noch von einer anderen Seite her zu nähern.

[ 11 ] Das ganze Leben zeigt sich uns ja nur von der Außenseite, meine lieben Freunde. Wenn es sich nicht bloß von der Außenseite zeigen würde, so würde der Mensch fortwährend wissen, wie er den Leichnam des Lichtes in sein Auge einsaugt, indem er sieht.

[ 12 ] Was mußte denn der Christus übernehmen, damit möglich wurde die Erfüllung des Paulinischen Ausspruches «Nicht ich, sondern der Christus in mir»? Es mußte ja möglich sein, daß der Christus die Menschennatur durchdringe; aber die Menschennatur ist erfüllt mit dem, was durch die Menschennatur im Erdendasein ertötet wird, vom Lichtäther abwärts, der im Auge erstirbt. Mit Tod angefüllt ist die Menschennatur, nur entzogen wurde ihr dasjenige, was in den beiden höchsten Ätherarten liegt, damit nicht auch deren Tod die menschliche Natur anfüllen könne. Damit aber der Christus in uns wohnen konnte, mußte er todverwandt werden, verwandt dem Tode, verwandt alledem, was in der Welt ausgebreitet ist, vom Licht anfangend bis hinunter in die Tiefen der Stofflichkeit. Der Christus mußte einziehen können in dasjenige, was wir als den Leichnam des Lichtes, den Leichnam der Wärme, den Leichnam der Luft und so weiter in uns tragen. Nur dadurch hat er menschenverwandt werden können, daß er todverwandt geworden ist. Und wir müssen in unserer Seele fühlen, daß der Gott sterben mußte, damit er uns, die wir uns den Tod erobert haben durch die luziferische Versuchung, erfüllen konnte, und wir sagen können: Der Christus in uns.

[ 13 ] Aber noch manches andere verbirgt sich hinter dem sinnlichen Dasein für den Menschen. Der Mensch richtet seinen Blick auf die Pflanzenwelt; er sieht, wie das Licht der Sonne die Pflanzen hervorzaubert aus den Erdengründen. Die Wissenschaft lehrt uns, daß das Licht zum Wachstum der Pflanzen notwendig ist. Ja, meine lieben Freunde, das ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Derjenige, der mit hellsichtigem Blick die Pflanzen ansieht, der sieht aus den Pflanzen aufsteigen lebendige Geistes-Elemente. Das Licht taucht nämlich in die Pflanzen unter und steigt wiederum auf als lebendiges Geistes-Element. Das Licht steigt in die Pflanzen hinein, um sich in ihnen zu verwandeln, um in ihnen wiedergeboren zu werden als lebendiges Geistes-Element. In die Tiere steigt der chemische Äther hinein, den der Mensch nicht wahrnehmen kann; er würde geistig tönen, wenn der Mensch ihn wahrnehmen könnte. Und die Tiere verwandeln diesen Äther in Wassergeister. Die Pflanzen verwandeln das Licht in Luftgeister, die Tiere verwandeln den Geist, der im chemischen Äther wirkt, in Wassergeister. Der Mensch aber verwandelt dasjenige, was im kosmischen Äther, im Lebensäther liegt, dasjenige, was macht, daß er überhaupt leben kann, und von dem verhindert worden ist, daß er es töten könne in sich, das verwandelt er in Erdgeister. Ja, in Erdgeister verwandelt er es.

[ 14 ] Ich habe einmal bei einem Zyklus in Karlsruhe von dem menschlichen Phantom gesprochen. Es ist hier nicht die Zeit, die Verbindungslinien zu ziehen zwischen dem, was hier zu sagen ist und dem, was dort über das menschliche Phantom gesagt worden ist, aber es gibt eine solche Verbindungslinie. Sie werden sie vielleicht selbst finden, wenn Sie betrachten das heute Gesagte mit dem dort Gesagten. Heute muß ich die Sache von einer anderen Seite darstellen.

[ 15 ] Fortwährend erzeugt sich im Menschen auch etwas Geistiges. Dasjenige, was als Leben im Menschen lebt, das geht gleichsam fortwährend in die Welt hinaus. Der Mensch verbreitet eine Aura um sich, eine Strahlungs-Aura, wodurch er das erdgeistige Element der Erde fortwährend bereichert. In diesem Erdgeist-Element der Erde, da ist aber enthalten, indem es der Mensch hinüberschickt in die Erde, all dasjenige, was der Mensch an moralischen und an sonstigen erworbenen, im Leben erworbenen menschlichen Qualitäten in sich trägt. Wahr ist es, durchaus wahr: Für den hellsichtigen Blick zeigt es sich, wie der Mensch fortwährend in die Welt hinausschickt seine moralische und intellektuelle und ästhetische Aura, und wie diese Aura als Erdengeist in der Erdengeistigkeit weiterlebt. Wir ziehen nach uns durch das ganze Erdenleben, wie der Komet seinen Schweif durch das Weltall nach sich zieht, dasjenige, was wir gleichsam an Geistes-Aura ausdünsten, was sich während unseres Lebens zusammenfügt, phantomhaft, aber zugleich unser moralisches und intellektuelles Seelengut in die Welt hinausstrahlt.

[ 16 ] Das Leben ist kompliziert, und auch dieses ist eine Erscheinung des Lebens.

[ 17 ] Wenn wir zurückgehen in der okkulten Betrachtung vor das Mysterium von Golgatha, da finden wir, daß die Menschen dazumal dieses phantomartige Wesen, das ihre moralischen Qualitäten enthielt, einfach hinausgeschickt haben in die äußere Welt, in die äußere geistige Aura der Erde. Aber die Menschheit entwickelte sich im Laufe des Erdendaseins, und es war zu einem gewissen Stadium dieser Entwickelung gerade in bezug auf dieses phantomartige Wesen, das der Mensch ausstrahlt, in den Zeiten gekommen, in denen das Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung geschah. Man möchte sagen: Früher war das phantomartige Wesen, das der Mensch ausstrahlte, viel flüchtiger. Es wurde dichter, gestaltenartiger in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha über die Erde kam. Und der Mensch mischte als einen Grundcharakter diesem phantomartigen Wesen dasjenige bei, was er an Tod in sich aufnimmt, indem er den Lichtstrahl, der in das Auge eindringt, tötet und so weiter, wie ich es auseinandergesetzt habe. Gewissermaßen ein totgeborenes Geisteskind sind diese erdgeistartigen Wesen, die der Mensch von sich ausstrahlt, weil der Mensch ihnen seinen Tod mitgibt.

[ 18 ] Und stellen wir uns vor, der Christus wäre nicht auf die Erde gekommen, dann würden die Menschen während des Aufenthaltes ihrer Seelen im Erdenleibe fortwährend solche Wesen ausstrahlen, denen der Tod eingeprägt ist. Und mit diesem Tode verbunden wären die moralischen Qualitäten der Menschen, von denen wir gestern gesprochen haben: objektive Schuld und objektive Sünde, die wären da drinnen, da drinnen lägen sie. Nehmen wir an, der Christus wäre nicht gekommen, — was wäre geschehen in der Erdenentwickelung? Von der Zeit an, in die also sonst das Mysterium von Golgatha fällt, hätten die Menschen dichte Gestalten geistig geschaffen, denen sie den Tod eingegeben hätten. Und diese dichten Gestalten, sie wären dasjenige geworden, was mit der Erde nach dem Jupiter hätte hinüberziehen müssen. Der Mensch hätte der Erde den Tod erteilt. Eine tote Erde hätte einen toten Jupiter geboren!

[ 19 ] Denn so hätte es kommen müssen, weil dem Menschen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre, die Möglichkeit gefehlt hätte, das, was so ausstrahlt von ihm, zu durchdringen mit dem, was in der Sphärenmusik liegt und mit dem, was im kosmischen Leben liegt. Die wären nicht dagewesen, wären nicht eingeströmt in das, was der Mensch von sich ausstrahlt. Diese aber hat der Christus gebracht mit dem Mysterium von Golgatha. Und indem sich, wenn wir den Christus aufnehmen in uns, erfüllt das «Nicht ich, sondern der Christus in mir», belebt sich, indem wir zu dem Christus Beziehungen in uns entwickeln, dasjenige, was so von uns ausstrahlt, was sonst tot wäre. Weil wir den Tod in uns tragen, muß uns der lebendige Christus durchdringen, damit er das, was wir als geistiges Erdenwesen zurücklassen, belebe. In das, was sich von uns loslöst als objektive Sünde, als objektive Schuld, was wir nicht im Karma weitertragen, in das dringt der lebendige Logos, der Christus ein und belebt es, und indem er es belebt, wird eine lebendige Erde zu einem lebendigen Jupiter hinüber sich entwickeln. Das ist die Folge des Mysteriums von Golgatha.

[ 20 ] Unsere Seele aber kann, wenn sie solches bedenkt, den Christus empfangen in der folgenden Weise. Sie kann sich sagen, diese Seele: Ja, da gab es einmal eine Zeit, in welcher der Mensch im Schoße des göttlichen Logos war. Aber der Mensch mußte der luziferischen Versuchung unterliegen. Er nahm den Tod in sich auf. Er nahm damit den Keim dazu auf, daß eine tote Erde einen toten Jupiter zur Geburt gebracht hätte. Zurückgeblieben ist dasjenige, was die Menschenseele vor der Versuchung für ihr Erdendasein hätte mit empfangen sollen. Mit dem Christus ist es wieder eingezogen in das menschliche Erdendasein.

[ 21 ] Und wenn der Mensch nun aufnimmt den Christus in sich, so daß er sich durchdrungen fühlt mit diesem Christus, dann kann er sich sagen: Dasjenige, was die Götter mir zugeteilt haben vor der luziferischen Versuchung, das aber dadurch, daß die luziferische Versuchung eintrat, hat zurückbleiben müssen im kosmischen All, das zieht mit dem Christus in meine Seele ein. Die Seele wird erst dadurch wieder vollständig, daß sie den Christus in sich aufnimmt. Da bin ich erst ganz Seele, da bin ich erst wiederum, wozu ich durch den göttlichen Ratschluß von Urbeginn der Erde an bestimmt war. — Bin ich denn wahrhaft eine Seele ohne den Christus? frägt man sich. Man fühlt, man wird erst durch den Christus die Seele, die man hätte werden sollen nach dem Ratschluß der führenden Götter. Das ist das wunderbare Heimatgefühl, das die Seelen haben können mit diesem Christus. Denn aus der uralten kosmischen Heimat der Seele ist der kosmische Christus herabgekommen, um der Menschenseele dasjenige wieder zu geben, was sie auf der Erde durch die luziferische Versuchung verlieren mußte. Hinauf führt der Christus die Seele wieder zu ihrer uralten Heimat, die ihr von den Göttern zugeteilt worden ist.

[ 22 ] Das ist das Beglückende, das Beseligende des wirklichen Erlebens des Christus in der Menschenseele. Das war es, was zum Beispiel so beglückend auf gewisse christliche Mystiker des Mittelalters gewirkt hat. Mögen sie auch manches geschrieben haben, das an und für sich in ihren Vorstellungen zu sinnlich war, aber es lag da Geistiges zugrunde. Solche christlichen Mystiker, die sich anschlossen zum Beispiel an Bernhard von Clairvaux und andere, sie empfanden die menschliche Seele wie eine Braut, die ihren Bräutigam verloren hat beim Erdenurbeginn; und wenn der Christus einzog in ihre Seelen, sie durchlebend, durchseelend, durchgeistigend, dann empfanden sie den Christus als den Seelenbräutigam, der sich mit der Seele verband und den sie einstmals verloren hatten, in der uralten Heimat der Seele, die sie verlassen hat, um durch Luzifer den Weg der Freiheit zu gehen, den Weg der Unterscheidung des Guten und des Bösen zu gehen.

[ 23 ] Wenn sich die Menschenseele wirklich einlebt in den Christus, wenn sie den Christus als das lebendige Wesen empfindet, das ausgeflossen ist vom Tod auf Golgatha in die geistige Erdenatmosphäre und das einfließen kann in die Seele, dann fühlt sie sich in der Tat durch diesen Christus innerlich belebt. Sie fühlt einen Übergang von einem Tode zum Leben!

[ 24 ] Nicht können wir — weil wir ja bis in unsere fernere Erdenzeit irdisches Leben absolvieren müssen in Menschenleibern — die Sphärenmusik unmittelbar hören, nicht können wir das kosmische Leben unmittelbar in uns erleben, aber wir können erleben dasjenige, was von dem Christus ausfließt, und haben stellvertretend damit dasjenige, was uns sonst aus der Sphärenmusik und dem kosmischen Leben zukommen würde.

[ 25 ] Der alte Pythagoras hat von der Sphärenmusik gesprochen. Warum hat er davon gesprochen, meine lieben Freunde? Nun, er war ein Eingeweihter der alten Mysterien. Er hat durchgemacht jenen Prozeß, durch den die Seele herausging aus dem Leibe. Wenn die Seele heraus war aus dem Leibe, da konnte er entrückt werden in die geistigen Welten; da sah er den Christus, der erst später in die Erde kommen sollte. So kann der Mensch nach dem Mysterium von Golgatha nicht von der Sphärenmusik sprechen wie Pythagoras gesprochen hat, aber er kann, auch wenn er nicht außerhalb des Leibes lebt mit seiner Seele, in anderer Weise sprechen von der Sphärenmusik. Als Eingeweihter könnte er auch heute sprechen wie Pythagoras; aber der gewöhnliche Erdenmensch in seinem physischen Leibe kann von Sphärenmusik und vom kosmischen Leben nur sprechen, wenn er in seiner Seele erlebt das «Nicht ich, sondern der Christus in mir», denn das ist, was in der Sphärenmusik gelebt hat, das ist, was im kosmischen Leben gelebt hat. Aber wir müssen wirklich auch den Prozeß durchmachen in uns, wir müssen wirklich den Christus in unsere Seele aufnehmen.

[ 26 ] Nehmen wir an, der Mensch würde sich sträuben, den Christus in seiner Seele aufzunehmen, er würde den Christus nicht in seiner Seele aufnehmen wollen. Dann würde er an das Erdenende ankommen, und er würde am Erdenende in dem, was sich aus den im Laufe der Menschheitsentwickelung entstandenen Erdengeistern herausgebildet hat, in jenem Geistnebelgebilde, das sich dann aus der Erde gebildet haben wird, all diese phantomartigen Wesen haben, die aus ihm herausgegangen sind in den früheren Inkarnationen. Die würden alle da sein. Das, was so da sein würde, das würde eine tote Erde sein und tot zum Jupiter hinübergehen. Ein Mensch könnte sein Karma vollständig ausgetragen haben, getilgt haben, das heißt, er könnte subjektiv alles das ausgleichend sich angeeignet haben, was er an Unvollkommenheiten verübt hat, am Ende der Erdenzeit; er könnte vollkommen geworden sein in seinem Seelischen, in seinem Ego, aber objektiv würde Schuld und Sünde dastehen in dem, was da zurückbleibt. Das ist durchaus eine Wahrheit, denn wir leben nicht nur für uns selbst, wir leben nicht dafür, daß wir durch Ausgleich unseres Karma uns egoistisch vollkommener machen, wir leben für die Welt, und am Ende der Zeiten werden dastehen die Reste unserer Erden-Inkarnationen wie ein mächtiges 'Tableau, wenn wir nicht den lebendigen Christus in uns aufgenommen haben. Denn wenn wir das, was wir gestern gesagt haben, verbinden mit dem, was heute gesagt worden ist — es ist im Grunde, nur von zwei Seiten gesehen, dasselbe —, so ersehen wir, wie der Christus Schuld und Sünde der Erdenmenschheit, insofern sie objektive Schulden und Sünden sind, auf sich nimmt. Und haben wir innerlich ergriffen dieses «Nicht ich, sondern der Christus in mir, der Christus in uns», so übernimmt er das, was aus uns herauszieht, und unsere Reste stehen da von dem Christus belebt, von dem Christus durchlebt und durchstrahlt. Ja, unsere Inkarnationen stehen da, das heißt, die geschilderten Reste dieser Inkarnationen. Und was geben sie alle zusammen?

[ 27 ] Dadurch, daß der Christus sie alle vereinigt, der Christus, der ja aller Menschheit gehört in Gegenwart und in Zukunft, pressen sich ineinander alle diese Reste der einzelnen Inkarnationen. Jede Menschenseele lebt in aufeinanderfolgenden Inkarnationen. Nehmen wir eine Inkarnation: bestimmte Reste bleiben da, wir haben sie geschildert. Nehmen wir die nächste Inkarnation: bestimmte Reste bleiben da, wir haben sie geschildert; weitere Inkarnationen: bestimmte Reste bleiben da, und so weiter bis zum Ende der Erdenzeiten. Die einzelnen Inkarnationen lassen ihre Reste zurück bis zum Ende der Erdenzeiten. Sind diese Reste durchchristet, so drücken sie, pressen sie sich zusammen. Dadurch aber, daß sich das Dünne zusammenpreßt, wird es dicht — auch Geistiges wird dicht — und unsere sämtlichen ErdenInkarnationen, sie sind zu einem Geistesleib vereinigt. Der gehört uns, den brauchen wir, indem wir zum Jupiter hinüber uns entwickeln, denn er ist der Ausgangspunkt unserer Verkörperung auf dem Jupiter. Wir werden dastehen mit unserer Seele am Ende der Erdenzeit — mag sie mit ihrem Karma wie immer stehen —, wir werden dastehen vor unseren vom Christus gesammelten Erdenresten und werden uns mit ihnen zu vereinigen haben, um mit ihnen gemeinschaftlich zum Jupiter hinüberzugehen.

[ 28 ] Auferstehen werden wir im Leibe, in dem aus den einzelnen Inkarnationen verdichteten Erdenleibe. Wahrhaftig, meine lieben Freunde, mit tief bewegtem Herzen spreche ich es hier aus: Auferstehen werden wir im Leibe!

[ 29 ] Sechzehnjährige und noch jüngere Leute fangen heute an, ihr eigenes Glaubensbekenntnis zu fordern und davon zu reden, daß sie «glücklich hinaus sind über solchen Unsinn wie — Auferstehung des Leibes». Diejenigen aber, die sich vertiefen okkultistisch in die Geheimnisse der Welt, die heben sich allmählich hinauf zum Verständnis dessen, was den Menschen gesagt worden ist; weil es ihnen — wie ich es im Eingang des Vortrages ausgeführt habe — zuerst gesagt werden mußte, damit sie es als Lebenswahrheit ergriffen, um es dann hinterher zu verstehen. Die Auferstehung der Leiber ist eine Wirklichkeit, aber unsere Seele muß es empfinden, daß sie auferstehen will gegenüber den vom Christus gesammelten Erdenresten, gegenüber dem Geistesleib, der durchchristet ist. Das muß unsere Seele verstehen lernen. Denn, nehmen wir an, wir könnten dadurch, daß wir den lebendigen Christus nicht in uns aufgenommen haben, an diesen Erdenleib mit seiner Schuld und seiner Sünde nicht herantreten und uns mit ihm vereinigen. Hätten wir den Christus zurückgewiesen, so würden am Ende der Erdenzeit unsere einzelnen Inkarnationsreste zerstreut dastehen; die wären verblieben, die wären nicht gesammelt worden von dem die ganze Menschheit durchgeistenden Christus. Wir ständen als Seele am Ende der Erdenzeiten erdgebunden da, wir wären an dasjenige in der Erde gebunden, was tot zurückbleibt in unseren Resten. Unsere Seele wäre zwar im Geiste für sich egoistisch befreit, aber wir könnten nicht an unsere leiblichen Reste heran. Solche Seelen, meine lieben Freunde, die sind die Beute Luzifers, denn er strebt danach, das eigentliche Erdenziel zu durchkreuzen, er strebt danach, die Seelen ihr Erdenziel nicht erreichen zu lassen, sie in der geistigen Welt zurückzubehalten. Und Luzifer wird in die Jupiterzeit hinübersenden dasjenige, was zerstreute Erdenreste geblieben sind, als toten Einschluß Jupiters, der dann als Mond, der sich nicht abtrennt vom Jupiter, im Jupiter darinnen sein wird und immer hinauftreiben wird diese Erdenreste. Und diese Erdenreste werden von den Seelen oben als von Gattungsseelen belebt werden müssen auf dem Jupiter.

[ 30 ] Und jetzt erinnern Sie sich, was ich vor Jahren schon ausgesprochen habe: daß das Menschengeschlecht auf dem Jupiter sich spalten wird in ein solches, bei dem die Seelen ihr Erdenziel erreicht haben, die das Jupiterziel erreicht haben werden, und in solche Seelen, die ein Mittelreich bilden werden zwischen dem Menschenreich des Jupiter und dem Tierreich des Jupiter. Das werden Seelen sein, die luziferisch, das heißt bloß geistig da sind; ihren Leib werden sie unten haben, dieser Leib wird ein deutlicher Ausdruck sein ihres ganzen Seeleninnern, sie werden ihn aber nur von außen dirigieren können. Zwei Rassen, die Guten und die Bösen, werden sich auf dem Jupiter voneinander unterscheiden. — Das ist schon vor Jahren ausgeführt worden; heute wollen wir es tiefer betrachten.

[ 31 ] Dem Jupiterdasein wird ja noch ein Venusdasein folgen, und ein Ausgleich wird geschaffen werden wiederum durch die weitere EvoJution des Christus, aber der Mensch soll gerade auf dem Jupiter dessen ansichtig werden, was es heißen soll: nur in seinem eigenen Ego vollkommen werden wollen und nicht die ganze Erde zu seiner Angelegenheit machen! Das soll der Mensch einmal durch den ganzen Jupiter-Zyklus hindurch erfahren, indem ihm alles dasjenige dann vor das geistige Auge treten kann, was er im Erdendasein nicht durchchristet hat.

[ 32 ] Nehmen wir das alles zusammen, meine lieben Freunde, und gedenken wir von diesem Gesichtspunkte aus des Christus-Wortes, mit dem er hinausschickte seine Jünger in die Welt, zu verkündigen seinen Namen und in seinem Namen die Sünden zu vergeben. (Johannes 20, 23) Warum in seinem Namen die Sünden zu vergeben? Weil diese Sündenvergebung mit seinem Namen zusammenhängt; weil die Sünde nur getilgt und zu lebendigem Leben umgeschaffen werden kann, wenn der Christus mit unseren Erdenresten verbunden sein kann, wenn wir ihn zuerst während unseres Erdendaseins im Sinne des Paulinischen Wortes: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» in uns getragen haben.

[ 33 ] Und wenn irgendwo ein religiöses Bekenntnis in seinen äußeren Handlungen anknüpft an dieses Christus-Wort, um den Seelen immer wiederum und wiederum das zu vergegenwärtigen, was mit dem Christus zusammenhängt, dann müssen wir darin auch diese tiefere Bedeutung suchen. Wenn in irgendeinem religiösen Bekenntnis, gleichsam im Auftrage Christi einer seiner Diener spricht von Vergebung der Sünden, so heißt das nichts anderes als: derjenige, der mit seinen Worten der Sündenvergebung anknüpft an die Vergebung der Sünden durch den Christus, der deutet der Seele, die getröster sein will, an: Ja, ich habe gesehen, du hast dein lebendiges Verhältnis zu dem Christus entwickelt, du vereinigst mit dem, was objektive Sünde und Schuld ist und einziehen soll als objektive Sünde und Schuld in deine Erdenreste, dasjenige, was dir der Christus ist. Weil ich erkannt habe, daß du dich durchdrungen hast mit dem Christus, so darf ich sagen: «Deine Sünden sind dir vergeben.»

[ 34 ] Immer ist stillschweigend darinnen, daß derjenige, der in irgendeinem religiösen Bekenntnis von Sündenvergebung spricht, sich die Überzeugung verschafft hat: Der Betreffende hält es mit seinem Christus, er will seinen Christus in seinem Herzen und seiner Seele tragen. Deshalb darf er ihn trösten, wenn der andere schuldbewußt ihm entgegentritt: Der Christus wird dir verzeihen, und ich darf dir sagen, daß dir in seinem Namen deine Sünden vergeben sind.

[ 35 ] So ist es eine schöne Anknüpfung an den einzigen Sündenvergeber — weil er der Sündenträger, weil er das die menschlichen Erdenreste belebende Wesen ist —, wenn diejenigen, die ihm dienen wollen, jene Seelen, denen gegenüber sie sich überzeugen können, daß sie in ihrem Innern sich mit dem Christus verknüpft fühlen, trösten können mit den Worten: «Deine Sünden sind dir vergeben.» Denn es ist gleichsam eine neue Bekräftigung des Verhältnisses der Seele zum Christus, wenn diese Seele hört: Ich habe meine Schulden, meine Sünden so aufgefaßt, daß mir gesagt werden darf, der Christus nehme sie auf sich, er durchwirke sie mit seinem Wesen. Immer ist in dem Unterton — wenn das Wort von der Sündenvergebung ein Wahrheitswort sein soll — das enthalten, daß der Sünder, der Schuldige, wenn er auch seinen Bund mit dem Christus nicht neuerdings schließt, wenigstens an sein Schließen erinnert wird. Denn ein so inniger Bund muß geschlossen werden zwischen der Seele und dem Christus, daß die Seele nicht oft genug das Bewußtsein von diesem Bund erneuern kann. Und weil der Christus in der geschilderten Weise mit objektiver Schuld und objektiver Sünde der Menschenseele verbunden ist, so kann die Seele ihr Verhältnis zu dem Christus im alltäglichen Leben am besten dadurch stets sich zum Bewußtsein bringen, daß sie gerade in dem Moment der Sündenvergebung sich an das Dasein des kosmischen Christus im Erdendasein immer wieder und wiederum erinnert.

[ 36 ] Es werden diejenigen, die sich im echten Geiste die durchchristete Geisteswissenschaft aneignen — nicht bloß in einem äußeren Sinne, sondern im echten Geiste —, ganz gewiß auch ihre eigenen Beichtväter werden können. Ganz gewiß werden sie durch die Geisteswissenschaft den Christus immer mehr und mehr so intim kennen lernen, so intim sich mit ihm verbunden fühlen, daß sie unmittelbar seine geistige Gegenwart empfinden. Und sie werden, indem sie sich neuerdings ihm angeloben als dem kosmischen Prinzip, ihm im Geiste die Beichte verrichten und in ihrer stillen Meditation die Sündenvergebung von ihm erlangen können. Solange aber die Menschen sich noch nicht in diesem tiefen geistigen Sinne mit der Geisteswissenschaft durchdrungen haben, muß mit Verständnis hingewiesen werden auf dasjenige, was gleichsam in einem äußeren Zeichen in den verschiedenen Religionen der Welt als Sündenvergebung herrscht. Geistig freier und freier werden ja die Menschen, und indem sie geistig freier und freier werden, wird auch ihr Verkehr mit dem Christus immer unmittelbarer und unmittelbarer werden.

[ 37 ] Und Toleranz soll geübt werden!

[ 38 ] Gleich wie derjenige, der dadurch, daß er den Geist des Mysteriums von Golgatha, den Christus, in seinem Innern so tief ergriffen zu haben glaubt, daß er unmittelbar, man möchte sagen, Zwiesprache mit diesem Christus pflegen kann, mit Verständnis hinblicken muß auf die, welche die positiven Satzungen eines Bekenntnisses brauchen, welche den Christus-Diener brauchen, der ihnen immer wieder und wiederum "Trost mit den Worten gibt: «Deine Sünden sind dir vergeben», so sollten auf der anderen Seite tolerant sein diejenigen, welche sehen, daß Menschen da sind, die schon mit sich selber fertig werden. — Das mag alles ein Ideal sein im Erdendasein, aber wenigstens der Anthroposoph darf zu einem solchen Ideal aufblicken.

[ 39 ] Meine lieben Freunde, ich habe Ihnen gesprochen von geistigen Geheimnissen, die sich enthüllen und die wohl den Menschen doch auch, wenn er schon vieles von Anthroposophie in sich aufgenommen hat, noch tiefer hineinblicken lassen in das ganze Wesen unseres Seins. Ich habe Ihnen gesprochen von jener Überwindung des Egoismus des Menschen, von jenen Dingen, deren Verständnis uns auch erst ein richtiges Karma-Verständnis gibt. Ich habe Ihnen gesprochen von dem Menschen, insofern er nicht nur ein Ich-Wesen ist, sondern dem ganzen Erdendasein angehört und dazu berufen ist, das göttliche Erdenziel mit zu fördern. Der Christus ist nicht etwa bloß dafür in die Welt gekommen und durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen, damit er jedem einzelnen von uns etwas sein kann in unserem Egoismus. Furchtbar wäre es zu denken, daß der Christus etwa so aufgefaßt würde, daß das Paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir» nur einen höheren Egoismus fördern würde. Der Christus ist für die ganze Menschheit gestorben, für die Erdenmenschheit! Der Christus ist der zentrale Geist der Erde geworden, der alles Erdengeistige, das von Menschen ausfließt, für die Erde zu retten hat.

[ 40 ] Man kann heute Werke von Theologen lesen — und diejenigen, welche diese Werke gelesen haben, werden bestätigen können, was ich jetzt sage —, die etwa sagen: Ja, gewisse Theologen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts haben endlich ausgerottet den mittelalterlichen Volksglauben, daß der Christus in der Welt erschienen ist, um die Erde dem Teufel zu entreißen, um die Erde dem Luzifer zu entreißen. — Es gibt ja auch innerhalb der Theologie heute einen aufgeklärten Materialismus, der sich nur nicht frank und frei als solcher bekennen will und besonders aufgeklärt tut. Ja, so sagen sie, in diesem finsteren Mittelalter, da haben die Leute davon gesprochen, daß der Christus in der Welt erschienen ist, weil er die Erde dem Teufel hat entreißen sollen. — Die wahre Aufklärung führt uns zu diesem einfachen, schlichten Volksglauben zurück ! Denn von der Erde gehört Luzifer all dasjenige, was durch den Christus nicht befreit wird. Und alles Menschliche, was in uns mehr ist als das, was bloß beschlossen ist in unserem Ego, es wird geadelt, es wird fruchtbar gemacht für die ganze Menschheit, wenn es durchchristet ist. Und indem ich am Ende der Betrachtungen dieser Tage vor Ihnen stehe, meine lieben Freunde, möchte ich nicht unterlassen, zu jeder einzelnen Seele derer, die da vereinigt waren in diesen Tagen, auch diese Worte noch zu sprechen:

[ 41 ] Zukunftshoffnung und Vertrauen in die Zukunft unserer Sache, sie können wohnen in unseren Herzen, weil wir uns bemüht haben, von Anfang unserer Arbeit an, zu durchdringen dasjenige, was wir zu sagen haben, mit dem Willen des Christus. Und Hoffnung und Vertrauen gibt, daß gesagt werden darf: Schließlich ist unsere Lehre selbst dasjenige, was uns der Christus hat sagen wollen, erfüllend sein Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» (Matthäus 28, 20) Wir haben nur horchen wollen auf dasjenige, was von Ihm kommt. Und das, was Er uns inspiriert hat nach seinem Versprechen, wir wollen es in unsere Seele aufnehmen als unsere Geisteswissenschaft. Nicht, weil wir von irgend etwas Christlich-Dogmatischem durchsetzt fühlen unsere Geisteswissenschaft, betrachten wir sie als christlich, sondern weil wir, in uns durchchristet, sie als eine Offenbarung des Christus in uns selbst betrachten. Deshalb bin ich auch überzeugt, daß das, was so als echte, wahre Geisteswissenschaft aufkeimt in den Seelen, die mit uns zusammen diese unsere durchchristete Geisteswissenschaft aufnehmen wollen, fruchtbar wird für die ganze Menschheit und für diejenigen wiederum, die diese Früchte empfangen sollen, insbesondere.

[ 42 ] Vieles von dem, was gut ist, geistig gut ist in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, wenn man es hellsichtig betrachtet, zeigt sich so, daß es herrührt von denen, die mit uns unsere durchchristete Geisteswissenschaft aufgenommen haben, und die, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, das, was Früchte sind dieser durchchristeten Geisteswissenschaft, wiederum zu uns herunterschikken. Das lebt schon in uns, was uns herunterschicken aus den geistigen Welten diejenigen, die durchchristete Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Denn sie behalten es nicht zu ihrer eigenen Vervollkommnung, in ihrer eigenen karmischen Strömung, sie können es einströmen lassen in Seelen, die es aufnehmen wollen. Trost und Hoffnung für unsere Geisteswissenschaft erblüht uns daraus, daß wir wissen: auch unsere sogenannten Toten arbeiten mit uns.

[ 43 ] In einem gewissen Zusammenhang wurde schon vorgestern von solchen Dingen hier gesprochen. Aber heute, da ich am Schlusse dieser Betrachtungen stehe, meine lieben Freunde, darf ich, ich möchte sagen, persönlich, auch zu Ihren Seelen noch das eine Wort sagen:

[ 44 ] Indem ich gesprochen habe zu diesem Zweige unserer Gesellschaft hier in Norrköping, da konnte ich nicht anders als immer fühlen den guten Geist derjenigen, die ja so innig verknüpft war mit dem, was wir hier unseren Norrköpinger Zweig nennen. Wie ein guter Engel dieses Zweiges schaut der Geist Frau Danielsons auf all das, was dieser Zweig unternehmen will. Und es war im geschilderten Sinne auch christlicher Geist. Die Seelen, die ihn erkennen, werden sich niemals getrennt von ihm fühlen. Möge er als Schutzgeist weiter über diesem Zweige walten. Er wird es gerne wollen; er will es sicher gern, wenn die Seelen, die in diesem Zweige arbeiten, ihn aufnehmen.

[ 45 ] Mit diesen aus tiefstem Herzen heraus gesprochenen Worten, meine lieben Freunde, schließe ich diese Vorträge ab und hoffe, daß wir in den eingeschlagenen Geistesbahnen miteinander weiter arbeiten werden.