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Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156

12 Dezember 1914, Dornach

Wie bekommt man das Sein in die Ideenwelt hinein? I

[ 1 ] Wir haben hier vor einiger Zeit, wenigstens in manchen Andeutungen, von dem gesprochen, was man nennt okkultes Lesen und okkultes Hören, und ich werde heute und morgen in diesen Betrachtungen an jene Auseinandersetzungen über okkultes Lesen und okkultes Hören anknüpfen, weil es mir dann gelingen wird, im Zusammenhange damit auch einige wichtige Ideen unseres Baues zu entwickeln.

[ 2 ] Wenn man sich die äußere wissenschaftliche Betrachtung, insofern diese auf das seelische Leben geht, heute ansieht, so findet man ja in dieser äußeren wissenschaftlichen Betrachtung viele Schwierigkeiten, sobald man nur irgendwie zu einer einigermaßen befriedigenden Überschau über die einschlägigen Begriffe kommen will. Unter den vielen Schwierigkeiten ist diejenige wahrhaftig keine kleine, welche sich ergibt, wenn man die Betrachtung der äußeren Wissenschaft über das menschliche Gedächtnis ins Auge faßt.

[ 3 ] Nun müßte ich vieles hier anführen, wenn ich sprechen wollte über dieses oder jenes, was die äußere Psychologie oder Seelenlehre über das Gedächtnis des Menschen zu sagen weiß. Es würde uns aber nicht sehr weit führen, wenn ich das alles ausführen wollte. Ich möchte Sie nur aufmerksam machen darauf, worin die Schwierigkeit für diese äußere Wissenschaft liegt, wenn es sich darum handelt, das Gedächtnis und seine Eigentümlichkeiten zu verstehen.

[ 4 ] Nicht wahr, das menschliche Gedächtnis stellt sich uns so dar, daß wir durch dasselbe Vorstellungen, Begriffe, Ideen, die wir zu irgendeiner Zeit aufgenommen haben, in einer späteren Zeit uns wiederum ins Bewußtsein zurückrufen können. Es liegt also die seelische Tatsache vor, daß wir zum Beispiel heute irgendeine Wahrnehmung machen, irgendein Erlebnis haben, und daß wir nach einiger Zeit, ohne daß wir vor derselben Tatsache stehen, welche die Wahrnehmung oder das Erlebnis hervorgerufen hat, uns aus dem Inneren heraus die Vorstellung von der Tatsache, von dem Erlebnis wiederum lebendig machen können.

[ 5 ] Das scheint nun so, als ob die menschliche Seele alles dasjenige, was sie von außen aufnimmt, gewissermaßen in sich aufbewahrte. Also wenn wir etwa einen Menschen kennenlernen, so haben wir einen Eindruck von ihm. Diesen Eindruck bilden wir uns zu einer Vorstellung um, und dann bewahren wir im Unterbewußten dieses Vorstellungsbild auf; wenn man es braucht, ruft man es wieder herauf.

[ 6 ] Nicht wahr, es würde dann vorliegen, daß unsere Seele, insofern sie die Kraft unseres Gedächtnisses entwickelt — nun, sagen wir —, ein Kasten wäre, in den man alle Vorstellungen und Erlebnisse hineinlegen und in dem man sie aufbewahren kann, und aus dem man sie, wenn man sie braucht, wieder herausnehmen kann, um sie ins Bewußtsein heraufzurufen. Da unten in diesem Seelenschrank würden also alle möglichen Erlebnisse aufbewahrt sein, und sie würden da wiederum hervorgerufen werden können.

[ 7 ] Wenn man heute Bücher liest, die über das Gedächtnis handeln, so hat man allerdings den Eindruck, daß oftmals die Autoren glauben, die Seele sei wirklich ein solcher Aufbewahrungsschrank für alle möglichen Erlebnisse. Nun denken Sie sich, Sie würden herumgehen mit Ihrer Seele und würden in dieser Seele einen Schrank für alle Ihre Eindrücke und Erlebnisse mit sich herumtragen. Es liegt hier, das muß man ohne weiteres zugeben, eine Schwierigkeit vor. Diese Schwierigkeit hat man durch allerlei wissenschaftliche Begriffe zu überbrücken versucht, aber etwas sonderlich Befriedigendes ist dabei nicht herausgekommen. Über diese Schwierigkeit wird man erst hinwegkommen, wenn man eine tiefere Einsicht sich aneignen wird in die Gliederung des Menschen in den physischen Leib, in den Ätherleib, in den astralischen Leib und in das Ich. Denn dieser Ätherleib des Menschen muß in der Tat studiert werden, wenn man sich eine wirkliche Erkenntnis vom Wesen des menschlichen Gedächtnisses verschaffen will, und auch der astralische Leib muß zu diesem Zwecke nicht weniger studiert werden.

[ 8 ] Gehen wir einmal davon aus, uns wenigstens vergleichsweise eine Art von Vorstellung zu bilden, was denn dieser astralische Leib des Menschen eigentlich ist. Nicht wahr, im alltäglichen Wachleben erlebt sich der Mensch nicht in seinem astralischen Leibe, ebensowenig wie er sich im Ätherleibe erlebt. Der Mensch erlebt sich in seinem Ich vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und alle Erlebnisse sind Ich-Erlebnisse. Im astralischen Leibe erlebt sich der Mensch nicht. Dieser astralische Leib ist nämlich — ich habe das schon bei anderen Gelegenheiten betont — im Grunde genommen unendlich viel weiser als der Ich-Mensch. Er kann viel mehr, als der Ich-Mensch kann. Dieser astralische Leib kann tatsächlich dasjenige lesen, was ich Ihnen andeutungsweise geschildert habe als okkulte Schrift. Der Astralleib kann diese okkulte Schrift lesen; er kann sie wirklich lesen.

[ 9 ] Man kann neben vielen andern Vorstellungen, durch die man ein Verständnis des astralischen Leibes hervorrufen kann, auch die haben, daß er ein Leser der okkulten Schrift ist. Und der ätherische Leib dagegen ist, unter mancherlei anderen Eigenschaften, die.er hat, etwas wie eine Schrifttafel, in welche durch die Vorgänge der Welt fortwährend die okkulte Schrift eingetragen wird.

[ 10 ] Während wir leben — und wir leben ja immer, sei es im Wachen und Schlafen, zwischen Geburt und Tod, und vom Tod bis zu einer neuen Geburt —, gehen im Universum, im Kosmos, fortwährend Vorgänge vor, spielen sich Ereignisse ab. Wesenhaftes lebt im Kosmos. Das alles bildet sich ab, schreibt sich ein in den Ätherleib. Der ätherische Leib des Menschen ist in der Tat ein richtiger Abbildner des gesamten Kosmos. Es gibt nichts im Kosmos, was sich nicht im ätherischen Leibe des Menschen bildhaft abdrückt und, wenn man den Ausdruck gebrauchen will, imaginativ sich spiegelt. Und der astralische Menschenleib liest fortwährend das, was die Welt in den ätherischen Menschenleib einschreibt. Das geht in der Tat im Unterbewußtsein des Menschen vor sich, daß der astralische Menschenleib dasjenige liest, was die Welt in den ätherischen Menschenleib einschreibt.

[ 11 ] Wenn wir nun aber selbst in unserem bewußten, wachen Tagesleben einem Ereignis oder auch einem Gegenstande gegenübertreten, der auf uns einen Eindruck macht, dann bilden wir uns eine Vorstellung dieses Gegenstandes. Bei dem Bilden dieser Vorstellung des Gegenstandes ist zunächst der astralische Leib beschäftigt. Er ist in einer vehementen Bewegung, während wir uns eine Vorstellung von einem Gegenstande bilden, oder uns die Vorstellung des Eindruckes eines äußeren Ereignisses bilden. Was wir so als Vorstellung bilden, was wir als seelisches Erlebnis haben, das schreibt sich auch ein in den Ätherleib des Menschen, bleibt im Ätherleibe des Menschen eingeschrieben. Geradeso wie die Welt mit ihren Ereignissen fortwährend in unseren Ätherleib sich einschreibt, so schreiben wir auch dasjenige, was wir selbst seelisch erleben, in unseren ätherischen Leib ein. Darinnen bleibt es eingeschrieben. Wenn wir uns an etwas erinnern, so geschieht in der Tat ein komplizierter Vorgang. Unser Astralleib liest dasjenige, was in unseren Ätherleib eingeschrieben worden ist, und das Ergebnis dieses Lesens ist das Heraufdringen einer Vorstellung, die wir Erinnerung nennen.

[ 12 ] Nun, so wäre das Gedächtnis zurückgeführt auf eine Art Lesen unseres Astralleibes im Ätherleibe. Und in der Tat, sobald wir dieses wissen, werden wir nicht mehr zu der einfältigen Vorstellung kommen, daß die Seele so ein Aufbewahrungsschrank ist für das, was wir erlebt haben, sondern einsehen: es sind in der Tat wenige Gewohnheiten — ich sage ausdrücklich Gewohnheiten, wir werden das Wort morgen noch besser verstehen —, in die der Astralleib sich immer wieder versetzt, wenn er etwas erlebt hat, und die er dann eindrückt in den Ätherleib. Wie unsere Schrift wenige Buchstaben hat, so hat unser astralischer Leib wenige, recht wenige Gewohnheiten. Und wie wir uns mit unseren wenigen Buchstaben, durch verschiedene Gruppierungen in der Schrift, mitteilen die ganze unendliche Fülle dessen, was sich Menschen überhaupt zu sagen haben über sich und die Welt, so formt sich aus wenigen Gewohnheiten heraus, durch ihre Kombinationen, dasjenige, was das Gedächtnis aufbewahrt.

[ 13 ] Wenn wir wissen, daß es sich um ein Lesen handelt, dann werden wir nicht mehr glauben, daß jedes einzelne Erlebnis eingeschrieben werden muß, sondern es werden einige wenige Gewohnheiten des Astralleibes kombiniert, und die werden dann im Ätherleibe fixiert. So wie wir, wenn wir ein neues Wort hören, mit den alten Buchstaben dieses neue Wort fixieren können, so können wir mit wenigen Gewohnheiten des astralischen Leibes jedes neue Erlebnis im Ätherleibe fixieren. Das kommt davon her, weil sowohl unser Ätherleib als auch namentlich unser Astralleib verknüpft sind mit dem gesamten Kosmos. Wir müssen dasjenige, was eine ältere Weisheitslehre herausgehoben hat aus dem Kosmos, in der Tat nicht so einfach nehmen, wie ein zufällig Herausgehobenes, sondern es hat eine tiefe Bedeutung und Wichtigkeit.

[ 14 ] Wenn wir die zwölf Sternbilder des gesamten Tierkreises nehmen, so können wir sagen, daß in der Tat unser astralischer Leib in lebendiger Verknüpfung ist mit diesen zwölf Sternbildern. Diese zwölf Sternbilder bedeuten für ihn wirklich zwölf bestimmte Gewohnheiten, zwölf bestimmte Arten, sich zu bewegen. Und dann ist unser astralischer Leib auch in Verbindung mit den sieben Planeten, so wie wir das ja öfter auseinandergesetzt haben. Diese bedingen wiederum in ihm gewisse Gewohnheiten. Durch diese Gewohnheiten — ich sage ausdrücklich «Gewohnheiten» —, die entzündet werden in unserem astralischen Leibe durch die Planeten unseres Sonnensystems, entsteht etwas ähnliches in dem Astralleibe wie die Selbstlaute; und durch die Gewohnheiten, die angeregt sind in ihm durch den Einfluß des Tierkreises, entsteht etwas ähnliches wie die Mitlaute.

[ 15 ] Ich will also sagen: Nehmen wir an, unser Astralleib steht in irgendeinem Momente des Lebens — und solche Momente gibt es ja immer, weil wir mit der Welt immer in Verbindung stehen — in Verbindung mit den Kräften, die aus dem Sternbilde des Widders herausströmen. Dadurch, daß unser astralischer Leib in Verbindung oder unter dem besonderen Einflusse desjenigen steht, was aus dem Sternbilde des Widders herausstrahlt, entwickelt sich in diesem Astralleibe die Möglichkeit, sich in seiner besonderen Gestalt abzuschließen, sich eine Grenze zu geben; während, wenn der Astralleib mehr unter dem Einfluß der Waage steht, sich in ihm eine Bewegung entwickelt, die ihn mehr offen sein läßt gegenüber der ganzen übrigen Welt.

[ 16 ] So entwickelt sich eine bestimmte Bewegungstendenz unter dem Einflusse eines jeden Sternbildes. Unter dem Einflusse dieses oder jenes Sternbildes streckt der Astralleib seinen oberen Teil besonders in die Höhe, unter dem Einflusse eines der andern Sternbilder streckt er besonders seinen unteren Teil. Zwölf solche besonderen Bewegungsarten gibt zwölf solche Gewohnheiten, und wiederum sieben besondere Gewohnheiten unter dem Einflusse der Planeten. Das sind mehr innere Bewegungen unter dem Einflusse der Planeten, wodurch die inneren Teile sich bewegen oder sich in ein Verhältnis zueinander bringen. So hat im Grunde genommen unser astralischer Leib eingepflanzt durch den Kosmos 12 + 7 = 19 Gewohnheiten.

[ 17 ] Geradeso wie wir mit unseren Schriftzeichen, mit den Zeichen für die Vokale und Konsonanten durch Kombinierungen alles aufzeichnen können, wenn wir das zum Ausdruck bringen wollen, was wir mit unserer Weisheit zutage fördern, so formt unser Astralleib durch die Kombinationen dieser seiner neunzehn Gewohnheiten alles, was er zu formen hat. Wenn uns ein Mensch gegenübertritt mit einem Gesicht, das uns in bestimmter Weise gut oder böse anschaut, so macht also unser astralischer Leib bestimmte Bewegungen, die kombiniert sind aus diesen neunzehn Gewohnheiten. Das wird dann in den Ätherleib eingeschrieben, und in einer folgenden Zeit kann dasjenige, was da in den Ätherleib eingeschrieben ist, der astralische Leib wieder lesen. Und darauf beruht die Erinnerung! Sobald man nämlich über dasjenige hinausgeht, was die Sinne und der an die Sinne gebundene Verstand ergeben, kommt man sogleich zu der Beziehung des Menschen zum Kosmos. Der physische Leib verbirgt nur diese Beziehung des Menschen zum Kosmos.

[ 18 ] Wir haben also ein fortwährendes inneres Lesen, und wenn wir zurückgehen könnten, auch geschichtlich, zu der Entstehung der Schrift, so würden wir finden, daß in der Tat in den ältesten Bilderschriften der Menschen nachgeahmt ist dieses innere Lesen des Menschen. Es ist nicht so, daß irgendwie zufällig Schriftzeichen entstanden sind, sondern die ursprünglichen Konsonantenzeichen waren Nachahmungen der Tierkreisbilder und die ursprünglichen Vokalzeichen waren Nachahmungen der Planetenbilder. Das äußere Lesen war nichts anderes als ein in der äußeren Welt Nachbilden dessen, was der Mensch als inneres Lesen hatte.

[ 19 ] Damit hängt zusammen die Gesinnung, welche man in älterer Zeit gehabt hat gegenüber dem, was die Schreibkunst ist. Sie galt als etwas ungeheuer Heiliges, weil sie entnommen war den kosmischen Geheimnissen. Und noch aus der ägyptischen Kultur ist es bekannt, daß die Abschreiber, wenn sie Fehler machten, sich unter den dortigen strengen Gesetzen, je nach der Größe des Fehlers, den sie machten, den empfindlichsten Strafen aussetzten, ja sogar der Todesstrafe, wenn der Fehler groß genug war. Es galt als etwas unendlich Hohes und Heiliges, das niederzuschreiben, was der Mensch wissen konnte von den heiligen Geheimnissen, weil man noch ein Gefühl hatte von dem Zusammenhang dieser Schriftzeichen und aller heiligen Geheimnisse der Menschennatur und ihres Zusammenhanges mit dem Göttlichen.

[ 20 ] Das ist das Wichtige, indem wir nach und nach die Geisteswissenschaft in uns aufnehmen, wieder die Empfindung zu bekommen von dem Heiligen der verborgenen Seiten in der Menschennatur. Dieses Empfinden ist viel wichtiger als das bloße theoretische Aufnehmen geisteswissenschaftlicher Dinge. Damit hängt aber auch zusammen, daß in dem Augenblicke, wo man in dem Verlaufe der Mexschheitsentwickelung allen Zusammenhang aufzugeben hatte mit dem Heiligen der Schrift, man da auch fühlte, daß im Grunde genommen, ich möchte sagen, etwas Gruseliges in der Menschheitsgeschichte sich abspielte. Nehmen Sie aus einer Bibliothek ein Buch noch aus dem frühen Mittelalter in die Hand, und versuchen Sie, sich in die Lage zu versetzen, wie ein solches Buch entstanden ist, wie da, ich möchte sagen, ein Mönch jahre-, ja jahrzehntelang geschrieben hat an diesem Buche, wie er an einem einzelnen Buchstaben gemalt hat lange, lange Zeit. Da wußte man, daß die Schrift als etwas gilt, das man heilig zu halten hatte. Man wußte, durch die Schrift steht man im Zusammenhang mit den guten Göttern, und es ist gewissermaßen das, was man der Schrift anvertraute, ein in die äußere Welt Heraustragen dessen, was von den guten Göttern kommt.

[ 21 ] Aber Sie wissen ja, es ist ein Zeichen der Entwickelung, daß all dasjenige, was von den guten Göttern kommt, in der Welt ahrimanisch oder luziferisch verschoben sein kann. In dem Augenblick, als die ganz gewöhnliche Buchdruckerkunst entstand, die sich dann zu dem entwickelt hat, woraus der Mensch hauptsächlich seine Weisheit heute holt, dadurch, daß er sein Haupt über das Papier neigt, auf dem greuliche Zeichen sind, die nur noch die Affen der alten Schriftzeichen sind, die ihm verraten, was die Menschen gedacht oder auch nicht gedacht haben über die Welt und ihre Geheimnisse —, ist die Schreibkunst verschoben worden. Dadurch ist in der Tat das Schrift-Mitteilungswesen in ein neues Stadium getreten, in das Stadium, wo es verloren hat allen Nimbus des Heiligen, wo eingetreten ist — wie man sagen kann — das ahrimanische Stadium der SchriftMitteilung. Und so, wie die alten Schriftzeichen das Heraustragen der verborgenen Geheimnisse sind, wenn auch in Nachbildung, in Sinnbildlichkeit, wie diese Schriftzeichen das Heraustragen der verborgenen Geheimnisse in die Außenwelt sind, und wie diese Geheimnisse entsprechen dem Wesen der im guten Sinne fortschreitenden Wesenheiten der geistigen Welt, so ist das, was wir heute, besonders als Druckschrift haben — aber im weiteren Sinne gilt es auch von der Schreibschrift —, von entschieden ahrimanischem Charakter. Und das empfand das Volk, als es die Buchdruckerkunst den ‚ schwarzen Mächten zuschrieb, sie eine «schwarze Kunst» nannte, ja, ihre Erfindung sogar dem Teufel zuschrieb.

[ 22 ] Es hat doch einen tieferen Zusammenhang, wenn man die Erfindung der Buchdruckerkunst in Verbindung bringt mit Faust, wie Goethe mit der Buchdruckerkunst eben dasjenige in Zusammenhang bringt, was Faust in einer gewissen Phase seines Lebens durchmacht. Die ahrimanische Epoche des Mitteilungswesens ist eingetreten, als die Buchdruckerkunst kam. Wir wissen ja, daß wir mit Recht verlernen müssen, uns geradezu vor allen Dingen, die ahrimanisch genannt werden, zu bekreuzigen. Aber wir wissen auch, daß wir die Dinge beim rechten Namen nennen und verstehen müssen. Wir dürfen als Geisteswissenschafter nicht zu denjenigen gehören, die sagen: Die Buchdruckerkunst ist ahrimanisch, wir müssen sie also ausrotten. — Das werden wir nicht tun, das wird uns selbstverständlich nicht einfallen, weil wir begreifen, daß das Ahrimanische auch in der Weltentwickelung notwendig ist, daß es auch zum Fortschritt der Welt gehört. Aber wir müssen auch die Dinge sehen, wie sie sind. Wir dürfen nicht die Dinge umdeuten, um uns damit in die Bequemlichkeit zu versetzen, daß wir uns gestatten dürfen, in der Welt ohne Luzifer und Ahriman zu leben. Es ist angenehmer, nicht zu wissen, daß uns eigentlich aus jedem heutigen Buche der Ahriman anstarrt; aber notwendig ist es für diejenigen, die die Welt in ihrem wahren Lichte sehen, daß sie diesen Zustand aushalten und ihn nicht in etwas anderes umübersetzen. Die Welt verstehen lernen, das ist die Aufgabe derjenigen, die sich immer mehr und mehr zur Geisteswissenschaft werden hingezogen fühlen.

[ 23 ] In unserer Zeit sehen wir eine äußere Naturwissenschaft, welche am liebsten alles in eine Art mechanische Bewegung kleinster Massenteilchen umwandeln möchte. Ich habe öfter über dieses Weltbild gesprochen, das die äußere Naturwissenschaft aus unserer Welt macht. Da wird uns gesagt: Ach was Farben — rot, gelb, grün, violett, blau —, nichts als Schwingungen sind das in Wirklichkeit! Die Farbe ist nur etwas, was das Auge hervorruft. Aus so und so viel Schwingungen des Äthers ergibt sich rot, aus so und so viel Schwingungen gelb, aus so und so vielen blau, aus so und so viel Schwingungen violett. — Und man möchte sagen, der moderne Weltbetrachter hat die Tendenz, dasjenige, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt in der Welt, aus dem Weltbilde auszutilgen und sich einen materiellen Wirbel an seine Stelle zu setzen.

[ 24 ] Einer der letzten großen Geister, die sich aufgelehnt haben gerade auf dem Gebiete der Farbenlehre gegen dieses, was man einen Wirbeltanz der materiellen Teilchen nennen kann, das ist Goethe. Und weil die moderne Welt immer mehr und mehr zugeschritten ist dieser materialistischen Auffassung, diesem Auslöschen desjenigen, was als mannigfaltige Welt um uns herum ist, deshalb hat man nicht verstehen können, was Goethe eigentlich in seiner Farbenlehre hat sagen wollen.

[ 25 ] Die Geisteswissenschaft wird an dieser Stelle wieder einige Ordnung schaffen, und die Farbenlehre Goethes wird in demselben Maße, in dem die Geisteswissenschaft die Menschen durchdringt, zur rechten Geltung kommen können. Denn Goethe erschien es zweifellos doch wie eine Art kleinen Wahnsinns — ich sage «kleinen Wahnsinns», bei seinen besonderen Ausdrücken würde er vielleicht auch «großen Wahnsinns» gesagt haben —, an Stelle der die Welt durchflutenden Farben sich zu denken, daß diese Farben nichts weiter seien als dasjenige, was das Auge hervorruft aus einem Schwingungswirbel, aus einem schwingenden Kosmos.

[ 26 ] Dieser schwingende Kosmos — ich habe ihn öfter als eine Phantastik der neueren Naturwissenschaft bezeichnet —, er war für Goethe einfach nicht vorhanden, er gehörte für Goethe zu einer der Verführungen des Mephistopheles. Denn Goethe war mit seinen wachen Sinnen der ganzen Fülle des Farbigen und Farbenflutenden in der Welt auch wirklich wach hingegeben und lebte in den Farbenfluten. Es wäre ihm als die wüsteste graue Theorie erschienen, wenn er an die Stelle dieses flutenden Farbenmeeres die greulichen Schwingungen der modernen Physik hätte setzen sollen.

[ 27 ] Warum war das? Weil Goethe — man darf sagen, das Wort im tiefsten Sinne genommen — eine allseitig ausgebildete, gesunde Menschennatur hatte und sich durch diese gesunde menschliche Natur immer in das richtige Verhältnis zur Welt zu stellen bemüht war. Eine solche gesunde Natur — ich werde jetzt etwas scheinbar sehr Triviales sagen, was aber nicht trivial ist, sondern eine bedeutsame Weisheit enthält —, eine solche Natur wie Goethe schläft auch gesund. Ja, eine triviale Wahrheit! Aber gesund schlafen bedeutet für den Geistesforscher eigentlich sehr viel. Im Schlafe ist der Mensch außerhalb seines physischen und Ätherleibes, in seinem Ich und seinem astralischen Leibe anwesend. Da ist er wirklich in den Erlebnissen darinnen, die seinen astralischen Leib in Zusammenhang bringen zum Beispiel mit dem ganzen Sternenkosmos. Das leuchtet alles auf im astralischen Leibe, was an Einflüssen der Tierkreisbilder und der Planeten sich geltendmachen kann. So wie der Mensch im Wachzustande lebt mit der Außenwelt, so lebt der Mensch im Schlafzustande mit der Sternenwelt. Aber Sie wissen es ja alle: Der Mensch weiß nicht sonderlich viel von diesem Leben mit der Sternenwelt, und das ist wichtig zu verstehen, warum der Mensch nicht viel weiß von diesem Zusammenleben mit der Sternenwelt. Warum eigentlich?

[ 28 ] Nicht wahr, man übersieht eine Landschaft nicht, wenn diese Landschaft mit Nebel bedeckt ist. Der Nebel zieht über die Landschaft hin und die Teile der Landschaft, die Flüsse, Gebirge, Ebenen und so weiter erscheinen uns nicht, wenn sie vom Nebel durchsetzt sind. So ist der Mensch durchsetzt von einem Nebel, einem seelischen Nebel, wenn er schläft. Worin besteht dieser seelische Nebel? Er ist ein Begierdennebel, besteht aus Begierden, und diese Begierden werden gebildet durch die Sehnsucht nach dem physischen Leibe. Wenn der Mensch heraußen ist aus dem physischen Leibe und Ätherleibe, also in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, hat er fortwährend die Begierde nach dem physischen Leibe; er möchte zurück nach seinem physischen Leib. Er wird durch die Kräfte des Kosmos herausgeholt aus dem physischen Leibe, und erst, wenn diese Kräfte ihn wieder entlassen, schlüpft er wieder hinein in den physischen Leib beim Aufwachen. Da wird seine Begierde nach dem physischen Leib wieder befriedigt.

[ 29 ] Bei einem Menschen wie Goethe ist der gesunde Schlaf dadurch vorhanden, daß die Begierde nach dem physischen Leibe geringer ist als bei manchem andern Menschen, und daher die Einflüsse aus dem Kosmos größer sind als bei andern Menschen während des Schlafes. Sie können sich ganz gut einen Menschen, wie Goethe so vorstellen, daß er empfänglicher ist für die Einflüsse des Kosmos während des Schlafes, und das ist sein gesunder Schlaf. Die Begierde nach dem physischen Leibe ist zwar da, aber gesünder als bei andern Menschen. Und warum ist sie gesünder? Gerade darum ist sie gesünder, weil Goethe in so gesunder Weise während des Wachens den Eindrücken der Außenwelt hingegeben ist, weil er zum Beispiel sich nicht darauf eingelassen hat, etwas Theoretisches wie Schwingungen an die Stelle der Farben zu setzen, sondern weil er die Farben selbst in ihrer Wirklichkeit, in ihrer vollsaftigen Realität betrachtet hat. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch wie Goethe, obwohl er aller Weisheit voll ist, durch die Natur geht und das Grüne als Grünes sieht, das Violette als Violettes und das Verhältnis vom Grün zum Violett oder zum Gelb und so weiter, der also das Inhaltliche unmittelbar als Farbe ansieht, oder ob ein trockener Theoretiker durch das Feld geht und nicht die Farben sieht, sondern darüber spekuliert, was für eine Billion oder Million Schwingungen dem Grün oder dem Rot oder dem Gelb entspreche.

[ 30 ] Warum geht denn der als so ein vertrockneter Theoretiker durch die Welt? Weil er nicht hingegeben ist an die Welt der Farben, sondern weil er zu stark hingegeben ist an seinen physischen Leib, wenn es auch zunächst sein physisches Gehirn ist. Alle graue Theorie entspringt einem zu starken Hingegebensein an den physischen Leib während des Tagwachens. Wir hätten alle die materialistischen Theorien heute nicht, wenn die Menschen nicht so stark hingegeben wären an den physischen Leib. Je mehr der Mensch nämlich während des Wachlebens selbstlos dem Inhalte der Welt sich hingibt, desto mehr hat er die Möglichkeit, wiederum hingegeben zu sein den Einflüssen des außerirdischen Kosmos während des Schlafes, und dann wieder zurückzubringen die gesunde Nachwirkung dieser Eindrücke ins Tagesleben. Dann wird er nicht wie derjenige, der als vertrockneter Physiker geschildert worden ist, hinter den flutenden Farben Atomwirbel vermuten, sondern Geist, die elementarische Geistigkeit, wirkliche Geisterwirksamkeit.

[ 31 ] Zu wissen also, daß hinter den Eindrücken der Sinne die lebendige geistige Welt ist, das ist eine Nachwirkung des gesunden Schlafes. Denn wenn man während des Tagwachens nicht selbstlos hingegeben sein kann dem, was draußen in der Welt flutet, sondern sich greuliche Theorien davon bildet, die eigentlich Phantasmen sind, dann bekommt man in den Schlaf hinein einen stärkeren, übermächtigen Trieb nach dem physischen Leibe und verdüstert sich nicht nur das Bewußtsein gegenüber den Eindrücken während des Schlafes, sondern vermindert neben dem Bewußtsein auch die Intensität, die Stärke dieser Eindrücke selber. Damit hängt es zusammen, daß in der Tat, je mehr die Geisteswissenschaft lebendig ergreifen wird das menschliche Seelenleben, desto mehr werden auch gerade solche Weistümer wie die der Goetheschen Physik die Menschen wieder ergreifen gegenüber den grauen Theorien, die jetzt ihr Unwesen treiben in der äußeren Wissenschaft.

[ 32 ] Mit vielem hängt also das Aufnehmen der Geisteswissenschaft in der Menschheit zusammen. Es wird wirklich ein Ungeheures bedeuten, wenn das allgemeine Bewußtsein einmal wird durchdrungen sein von der Wahrheit: In der Nacht bist du als Mensch im außerirdischen Universum auf geistige Art darinnen und im Tagesleben tauchst du unter in deinen physischen und deinen Ätherleib. Vieles, vieles wird man in Gemeinsamkeit mit diesem Wissen erfühlen und empfinden lernen.

[ 33 ] So zum Beispiel — indem ich jetzt übergehe zu etwas mehr Seelischem — werden wir lernen müssen, daß dasjenige, was wir als das Leben mit dem Volksgeiste bezeichnen, mit der Volksseele, zu der wir uns im engeren Sinne rechnen, vorhanden ist mit dem Untertauchen in den physischen und den ätherischen Leib des Menschen. Vorhanden also ist das Zusammenleben mit der Volksseele vom Aufwachen bis zum Einschlafen, denn dasjenige, was die Volksseele ist, was sie entwickelt an Kräften und Betätigungen, das wird hineingegossen in den physischen Leib und in den Ätherleib, in den physischen Leib mehr das Rassenmäßige, in den Ätherleib mehr das Volksmäßige. Es wird hineingegossen in jene Umhüllungen, in die wir eintreten, wenn wir aufwachen. Da sind wir mit unserer eigenen Volksseele eigentlich fortwährend im Austausch der Kräfte. Diejenige Wissenschaft, welche allgemein-menschlich ist, welche nichts zu tun hat mit den Konfigurationen und Differenzierungen, die in die Menschen hineingegossen werden durch die Volksseelen, diese Wissenschaft muß ja gewonnen werden von demjenigen Teil der Menschennatur, der sich frei machen kann, unabhängig machen kann vom Leiblichen, wie der Mensch im Schlafe davon unabhängig ist. Diese Wissenschaft ist notwendigerweise allgemein-menschlich, weil sie gewonnen wird mit denjenigen Gliedern der Menschennatur, die unabhängig sind vom physischen Leibe und vom Ätherleibe.

[ 34 ] Wenn man voraussetzen würde, daß derjenige, der wirklich in die geistige Welt hineinschauen und ein Wissen von der geistigen Welt gewinnen kann, durch volksmäßige Vorurteile gebunden sein könnte, so würde man einfach auf die Geheimnisse der Initiation nicht in gebührender Weise Rücksicht nehmen. Denn geradeso wie das Leben im Schlafe in den vorhin angeführten Fällen ganz anders ist als im Wachen, wie sie aber doch beide aufeinander Bezug haben, so ist es auch mit Bezug auf das Verhältnis des Menschen zu der Volksseelennatur und der Volksart. Der Mensch ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen nicht zusammen mit den Kräften, die unmittelbar aus seiner Volksseele herauskommen, denn die können nur hineingeschickt werden in den physischen und Ätherleib allein. Derjenige also, der es zum bewußten inneren Erleben seines Ich und seines astralischen Leibes gebracht hat, der ist, während er das erfährt, erlebt, was er dann zur Geisteswissenschaft zu formen hat, ja außerhalb des physischen und Ätherleibes; er erlebt außerhalb des physischen und Ätherleibes. Man ist aber trotzdem nicht außerhalb der Welt. Während man nämlich, sobald man hineinschlüpft in seinen physischen Leib und damit auch in seinen Ätherleib, mit seinem Volksgeiste zusammen ist, so ist man, wenn man herausschlüpft aus dem physischen und Ätherleibe, wie es beim Schlafen oder in der Initiation ist, außerhalb der eigenen Volksseele, die in den physischen und ätherischen Leib hineinwirkt. Man ist außerhalb, aber man ist nicht außerhalb des Reigens der Volksseelen überhaupt, denn das sind ja geistige Wesen. Und wenn man außerhalb seines physischen und ätherischen Leibes in der geistigen Welt ist, ist man eigentlich nur außerhalb einer einzigen Volksseele, die für die Gegenwart eine bestimmte Bedeutung für einen hat, nämlich außerhalb seiner eigenen Volksseele, derjenigen, die in den physischen und den Ätherleib hineinwirkt. Dadurch, daß man mit ihr in Gemeinschaft steht oder in Gemeinschaft kommt beim Wachen, verliert sich das Interesse für sie im Schlafe und während der Initiation. Die eigentümliche Tatsache stellt sich heraus, daß man im Schlafe und während der Initiation wesentlich mit allen anderen Volksseelen zusammen ist, nur nicht mit seiner eigenen.

[ 35 ] Wenn Sie sich also den Reigen der zeitgenössischen Volksseelen vorstellen, so ist man als Mensch, wenn man im physischen Leibe ist und während des Wachens diesen wahrnimmt, mit der eigenen Volksseele zusammen; wenn man dagegen im Schlafzustande oder im Initiationszustande ist, so ist man mit allen andern Volksseelen, nur nicht mit der eigenen, zusammen. Das ist eine objektive Wahrheit.

[ 36 ] Nun können Sie sich daraus eine Vorstellung machen, wie unsinnig es wäre, wenn derjenige, der bewußt mit andern Volksseelen zusammen sein kann, verkennen würde die andern Volksseelen, oder wenn er sie mit Sympathie oder Antipathie belegen würde. Es ist, wie wenn man die Volksseelen nicht anerkennen wollte. Nur für denjenigen, der nicht bis zur Initiation vorgeschritten ist, hat es einen Sinn, Sympathie und Antipathie für diese oder jene Volksseele zu hegen, weil er ja nicht weiß, daß er für die Schlafhälfte seines Lebens wirklich mit den andern Volksseelen zusammen ist. Doch ist jetzt ein Unterschied. Während man im Wachleben sozusagen mit einer Volksseele verbunden ist, mit der eigenen, ist man im Schlafleben mit den anderen Volksseelen verbunden, also nicht mit den Wirkungen nur, die von einer ausgehen, sondern mit dem Zusammenwirken der anderen, gleichsam mit dem, was die anderen Volksseelen als Reigentanz in Harmonie zusammenwirkend ausführen.

Diagram
Diagram 1

[ 37 ] Also Sie können sich geradezu vorstellen das Leben mit der einen Volksseele und das Leben mit den andern Volksseelen. Jenes ist das Leben im Wachen, das andere ist das Leben im Schlafe. Während des Schlafes oder während der Initiation ist man mit dem Zusammenwirken der andern Volksseelen zusammen. Mit seiner eigenen Volksseele allein zusammen sein kann der Mensch nicht, wenn er nicht immerfort wachen würde. Es ist ihm ganz unmöglich, denn da müßte er immerfort wachen. Der Unterschied ist eben der, daß man im Wachzustande mit seiner eigenen Volksseele die Kräfte austauscht, im Schlafzustande nicht mit seiner eigenen, sondern mit der Gesamtheit, mit dem Reigen der andern Volksseelen.

[ 38 ] Aber es gibt ein Mittel, mit einer besonderen Volksseele auch im Schlafe zusammen zu sein, mehr beeinflußt zu werden von den Kräften, die von einer Volksseele ausgehen und nicht von der Gesamtheit der Volksseelen. Dann ist man im Schlafe gleichsam gebannt an diese eine Volksseele. Dieses Mittel besteht darin, daß man im Wachzustande diese Volksseele besonders haßt. Eine Volksseele, die man besonders haßt während des Wachzustandes, die reißt man heraus aus dem Reigen der anderen Volksseelen, und sie bannt, sie fesselt einen an ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Wenn ich mich trivial ausdrücken darf, meine lieben Freunde, so muß gesagt werden — Sie werden mir in diesem Falle den trivialen Ausdruck nicht übelnehmen: eine Volksseele richtig hassen im Wachzustande heißt, sich verurteilen dazu, mit dieser Volksseele schlafen zu müssen! — Das ist wirklich eine okkulte Wahrheit, wenn auch eine erschütternde, eine Wahrheit, über die es wirklich nichts zu lachen gibt. Dies muß man ins Auge fassen, wenn man von einer gewissen Seite her auch ein Verständnis dafür gewinnen will, wie die Geisteswissenschaft influenzieren muß, indem sie sich über die Welt verbreitet, die Gesinnung der Menschen, wie sie durchdringen muß das ganze Empfinden und Fühlen.

[ 39 ] Ich habe absichtlich dasjenige, was ich zu sagen habe in bezug auf das Verhältnis des Menschen zur Volksseele, in eine Formel gefaßt, über die Sie lachen. Das mußte ich, weil man sehr häufig als Okkultist das Bestreben hat, über das, was das Erschütterndste, das Tragischste ist, dadurch hinwegzuhelfen, daß man das nicht in seiner ganzen tragischen Schwere sagt, da es den Menschen erdrücken würde, sondern es so sagt, daß es den Menschen dazu verhilft, es aufnehmen zu können wie jede andere wissenschaftliche Vorstellung.

[ 40 ] Deshalb darf aber doch nicht außer acht gelassen werden, daß die Geisteswissenschaft uns in recht gründlicher Weise zeigt, inwieweit wir die Welt als Maja hinnehmen wollen. Denn sobald wir mit dem tiefsten Ernste in die Geisteswissenschaft eindringen, wird es ernst, ich möchte sagen, wird es wirklich tief ernst mit ihr und mit alle dem, was sie für den Menschen sein soll. Man kann sagen, heute haben die meisten Menschen noch etwas gegen die Geisteswissenschaft, weil sie mit ihrem Verstande nicht einsehen können, was die Geisteswissenschaft eigentlich aus dem Menschen machen soll. Die Menschen verstehen heute nicht den Grundnerv der Geisteswissenschaft. Aber nicht nur, daß sie ihn mit dem Verstande nicht verstehen können, es liegt noch etwas viel Tieferes vor. Wenn wir tiefer in die Weistümer der Geisteswissenschaft eindringen, dann ist es so, daß sie auch an unser Gemüt und an unseren Willen Anforderungen stellt. Sie zeigt uns den Menschen in einem Lichte, wie wir uns gewöhnlich selber nicht haben wollen. Nicht nur unser Verstand wendet sich lieber an die Maja als an die Wirklichkeit, sondern auch der Wille.

[ 41 ] Wenn ich wiederum trivial sprechen darf, so kann ich sagen: es ist in hohem Maße unbequem, mit den tieferen Weistümern der Geisteswissenschaft zu leben, weil das Leben ein anderes Gesicht bekommen muß unter dem Einflusse der Geisteswissenschaft. In dem Augenblicke, wo man weiß, was es bedeutet, wenn da auf der Bühne des Lebens Capesius und Strader einander gegenüberstehen in ihren Geistgestalten und Worte wechseln, in Wahrheit aber diese Worte in den elementarsten Kräften der Welt Tumult und Rumoren bewirken, in dem Augenblicke, wo man das weiß, was vorgeht in der Welt, im ganzen Kosmos, wenn der Mensch in seiner Seele dieses oder jenes erlebt, da zeigt sich der ganze volle Ernst der Geisteswissenschaft, und da sieht man erst ein, wie die Menschen nicht nur mit dem Verstande in der Maja leben wollen, sondern auch mit dem Willen eigentlich bloß in der Maja leben wollen. Wir brauchen nur diese oder jene Sympathie zu entwickeln oder diese oder jene Antipathie, und das, was wir da tun, wird dann die Ursache davon, daß wir als schlafendes oder totes Menschenwesen getrieben werden in den Bereich dieses oder jenes Wesens des Kosmos und dort dieses oder jenes bewirken. Denn durch unser Zusammensein mit dem oder jenem Wesen des Kosmos geschehen wieder kosmische Ereignisse.

[ 42 ] Mit solchen Worten möchte man ein Gefühl davon hervorrufen, wie die Geisteswissenschaft wirklich nicht nur zum Verstande der Menschen sprechen will, sondern den ganzen Menschen, die ganze Seele ergreifen möchte, weil das Leben der Menschen heute in einem Stadium ist, von dem uns die Zeichen der Zeit deutlich weisen, wie dieses Leben erfaßt werden muß, wenn es weitergehen soll, von jener Welle, welche die geistigen Geheimnisse in sich schließt und den Menschen nicht bloß in der Maja läßt, sondern ihn hineinführt in die wahre Wirklichkeit. Das sind Dinge, die wir betrachten müssen, wenn wir zu einem tieferen Verständnisse unseres geisteswissenschaftlichen Wollens kommen wollen. Und von solchen Dingen werden wir morgen weiter sprechen und wohl ausmünden in etwas, was mit einem Grundgedanken unseres Baues zusammenhängt.