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Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156

13 Dezember 1914, Dornach

Wie bekommt man das Sein in die Ideenwelt hinein? II

[ 1 ] Ich habe gestern aufmerksam darauf gemacht, daß viel davon abhängen wird, wie sich wenigstens die Hauptbegriffe, die Hauptvorstellungen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis der allgemeinen Geisteskultur einverleiben. Ich habe versucht gestern, einige Beispiele davon anzuführen, wie etwa zu denken wäre, daß die Denkweise der Menschen aufnähme, wirklich richtig aufnähme die hauptsächlichsten Vorstellungen vom physischen Leib, vom Ätherleib, vom Astralleib und vom Ich und diese Vorstellungen für die verschiedensten Gebiete des Lebens und der Wissenschaft wirklich fruchtbar macht.

[ 2 ] Heute will ich auf ein anderes Beispiel hinweisen. Dasjenige, was wir unterscheiden als physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, das sind Glieder der menschlichen Seele, wir könnten auch sagen des menschlichen seelischen Lebens, welche, natürlich auf einem viel höheren Gebiete, sich etwa so zueinander verhalten wie, ich möchte sagen, auf einem niedrigeren Gebiete die einzelnen Farbennuancen unserer Farbenskala. Und ebensowenig wie es eine wirkliche Erkenntnis des inneren Wesens des Lichtes und seiner inneren Beziehungen zur übrigen Welt geben kann, ohne diese Gliederung in Farbennuancen sich vorzustellen, ebensowenig kann es eine wirkliche Seelenerkenntnis geben, ohne Vorstellungen darüber zu haben, wie sich verhalten zueinander solche Seelenglieder wie Ich, Astralleib, Ätherleib und physischer Leib. Aber wie die einzelnen Farben nicht so einfach nebeneinander stehen, sondern ineinander übergehen, so daß man nicht immer genau in der Farbenskala angeben kann, wo die eine Nuance aufhört und wo die andere Nuance anfängt, so ist es auch mit diesen Seelengliedern: sie gehen ineinander über, und nur unser Verstand trennt sie eigentlich so, wie wir das gewöhnlich tun.

[ 3 ] Nun ist es wichtig, zum Beispiel einmal den Übergang des Ich und des Astralleibes ins Auge zu fassen. Was wir das Ich des Menschen nennen, geht wirklich über in den Astralleib, wie etwa die Rot-Nuance des Farbenspektrums in die Orange-Nuance übergeht. Wir müssen uns dabei nur einmal vergegenwärtigen, von was wir eigentlich reden, wenn wir von dem Ich des Menschen reden. Wir reden vom Ich des Menschen, und wir müssen uns dabei natürlich ganz klar sein, daß das eigentliche Wesen des Ich außerhalb alles dessen ist, was man als physischen Menschenleib beobachten kann. Das Ich erlebt sich eben nur in inneren Erlebnissen. Bekanntlich werden ja der Ätherleib und der Astralleib überhaupt nicht unmittelbar erlebt, sondern erlebt wird der physische Leib durch äußere Anschauung, durch äußere Wahrnehmung, und das Ich in seinen mannigfaltigen Erlebnissen in innerer Weise. Für das Erleben auf dem physischen Plan ist es durchaus so. Zwischen physischem Leib und Ich drinnen stehen der Astralleib und der Ätherleib; beide gehören solchen Tatsachen des Geschehens an, können wir sagen, die von dem Menschen nicht unmittelbar erlebt werden auf dem physischen Plan. Weder kann der Ätherleib unmittelbar äußerlich angeschaut werden ohne vorhergegangene esoterische Schulung, noch kann der Astralleib erlebt werden. Er enthält alles dasjenige, was man oftmals auch die Summe des unterbewußten oder unbewußten seelischen Erlebens nennt.

[ 4 ] Das Ich gliedert sich in die mannigfaltigsten Bewußtseinserlebnisse. Und nun wollen wir einmal ein solches Bewußtseinserlebnis herausheben, besser gesagt, eine bewußte Erlebensart. Das bewußte Leben ist ja ein sehr mannigfaltiges, aber wir wollen, wie gesagt, eine sehr einfache, elementare Erlebensart herausheben, die Art und Weise des Geschmackserlebnisses. So, wie das Ich erlebt die Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, die Vorstellungserlebnisse, so hat es auch Geschmackserlebnisse, Wechselverkehr mit der äußeren physischen Welt. Ich meine die ganz gewöhnlichen Geschmackserlebnisse, die mit der Ernährung im Zusammenhang stehen, nicht diejenigen, die man künstlerische nennt.

[ 5 ] Was wir erleben, wenn wir eine Geschmacksempfindung haben, das ist ein Erlebnis des Ich, insofern dieses Geschmackserlebnis eben bewußt für uns abläuft. Also, wenn wir eine Speise in unseren Mund bringen und ein Geschmackserlebnis haben, so ist dieses Geschmackserlebnis ein Erlebnis unseres Ich. Die mannigfaltigen Geschmackserlebnisse sind eben mannigfaltige Erlebnisse des Ich.

[ 6 ] Nun können wir gerade an den Geschmackserlebnissen in interessanter Weise gleichsam den Übergang vom Ich in den Astralleib studieren, von den bewußten Erlebnissen in die unterbewußten Erlebnisse. Es ist ja nicht schwierig zu konstatieren, daß die Geschmackserlebnisse gewissermaßen ersterben, wenn der Nahrungsstoff einen gewissen Weg durchgemacht hat. Für das bewußte Leben ersterben dann die Geschmackserlebnisse, aber das ist nur scheinbar. In Wirklichkeit geht, im groben Sinn gesprochen, das Geschmackserleben des Mundes über in das Geschmackserleben des ganzen Organismus; und der ganze Organismus ist im Grunde genommen durchsetzt von Geschmackserlebnissen im Laufe des Eindringens der Nahrungsmittel in unseren Leib, im Laufe der Verdauung und so weiter; und das, was wir bewußt schmecken, ist nur ein kleiner Teil jenes allgemeinen Schmeckens, das unser ganzer Leib erlebt.

[ 7 ] Nicht nur die Nervenapparate unseres Mundes schmecken, sondern unser ganzer Verdauungskanal schmeckt, und beim Übergang der Nahrungsstoffe in den Organismus, in das Blut und so weiter, schmeckt der ganze Organismus wieder dasjenige, was die Verdauungsorgane für ihn zubereitet haben. Man könnte sagen, der ganze Organismus ist von Geschmacksempfindungen durchdrungen. Und dieser Organismus ist so von Geschmacksempfindungen durchdrungen und durchlebt, daß man von differenzierten Geschmäcken sprechen kann. Man kann sprechen von Organgeschmäcken. Jedes Organ hat sein bestimmtes, spezifisches Geschmackserlebnis; der Magen hat sein bestimmtes Geschmackserlebnis, Leber, Lunge, das Herz haben ihre besonderen Geschmackserlebnisse. Es differenziert sich das allgemeine Schmecken in das Organschmecken.

[ 8 ] Da sehen wir, wie die Sphäre der Ich-Erlebnisse untertaucht in die Sphäre der astralischen Erlebnisse. Denn diese differenzierten Organgeschmäcke sind unterbewußt; sie kommen dem Menschen nicht zum Bewußtsein, und dennoch sind sie unendlich bedeutsam. Denn es beruht auf der normalen Entwickelung dieser Organgeschmäcke überhaupt die normale Entwickelung des Menschenlebens, und das Altern besteht zum Teil darin, daß der Astralleib allmählich gegenüber der Gewohnheit des Schmeckens sich abstumpft. Verstehen Sie mich wohl. Der Astralleib stumpft sich in bezug auf die Gewohnheit des Schmeckens ab; das Wort «Gewohnheit» aber in dem Sinne gebraucht, wie ich es gestern gebraucht habe; nach und nach stumpft er sich ab. Wenn aber nicht mehr der Reiz auf den Astralleib und dadurch auch auf den Ätherleib und den physischen Leib ausgeübt wird, was seinen Ausdruck darin findet, daß geschmeckt wird, dann findet überhaupt die Möglichkeit nicht mehr statt, daß der Astralleib durch Geschmackserlebnisse die Lebensgeschehnisse des Ätherleibes und des physischen Leibes durchdringt. Darauf, daß der Astralleib sich abstumpft gegenüber dem Schmecken, beruht ein gutes Stück dessen, was wir das Altern nennen, und darauf, daß ein einzelnes menschliches Organ die frische Fähigkeit des Schmeckens verliert, das heißt, von seinem Astralleib nicht in der entsprechenden Weise durchzogen ist, entstehen die Organerkrankungen.

[ 9 ] Nun verstehen Sie, daß unter dieser Voraussetzung bestimmte Perspektiven sich ergeben. Die Perspektive erstens, die in pädagogisch-hygienischer Weise wichtig ist: Es ist nicht zu gering anzuschlagen, einen gut entwickelten Geschmacksinstinkt zu haben. Ich habe das bei einer Gelegenheit, wo ich über die Erziehung des Kindes gesprochen habe, schon einmal für unsere Freunde auseinandergesetzt. Es ist wichtig einzusehen, daß man im Essen eine lebendige Beziehung entwickeln soll zu den verschiedenen Nahrungsmitteln, daß es einem gewissermaßen nicht einerlei ist, ob man Salat oder Spinat ißt, sondern daß man ein lebendiges Verhältnis haben soll zu den Differenzierungen der Pflanzenwelt in Salat und Spinat. Denn das, was man erlebt im Schmecken von Salat und Spinat, sind lebendige Beziehungen des Makrokosmos zum Mikrokosmos, und diese lebendigen Beziehungen setzen sich im unterbewußten Geschmackserleben des Astralleibes fort, das durch alle Organe geht. Diejenigen, die Vegetarier werden zum Beispiel, sollten durchaus damit nicht eine falsche Askese verbinden, indem sie ihr Vegetarierwerden etwa dazu verwenden, um sich möglichst abzustumpfen gegen das freundschaftliche Verhältnis zu dem Wesen der Natur, sondern sie sollten gerade das ausbilden, feine Unterschiede zu erschmecken gegenüber den einzelnen Nahrungsgattungen. Man kann das besonders gut als Vegetarier, weil man da in die Lage kommt — wenn das Wort nicht mißverstanden wird, möchte ich sagen —, jene feinen raffinierten Unterschiede zu schmecken zwischen den einzelnen Pflanzen und dem, was man als Speise von ihnen bereitet, während man ja natürlich, wenn man nicht Vegetarier ist, bei den Fleischspeisen brutalere Unterschiede hat. Denn wenn wir uns in dieser Beziehung abstumpfen, droht es uns wirklich, diese Abstumpfung von dem bewußten Teil der astralischen Geschmackserlebnisse fortzusetzen in den unterbewußten Teil der Geschmackserlebnisse. Damit aber unterbinden wir die lebendigen Einwirkungen, die von dem Astralleib ausgehen auf die unteren Glieder unseres Organismus. Und es ist ein unbehaglicher Anblick, in manches vegetarische Restaurant zu kommen und zu sehen, wie sich die Leute auf den Teller ein Gebirge von allen möglichen durcheinandergemischten Nahrungsmitteln häufen und das ohne Verständnis in den Mund hineinstopfen, und sich dabei noch besonders erhaben geben über dasjenige, was der gewöhnliche Mensch als ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner Naturumgebung in bezug auf die Geschmackserlebnisse hat.

[ 10 ] Das ist das eine, meine lieben Freunde. Wenn einmal durchdrungen werden wird das Verständnis des äußeren Erlebens in bezug auf das Essen von dem Verständnis des Astralleibes und seiner Wirkungsweise, dann wird sich wirklich eine gesunde Hygiene des Essens ergeben, und die werden wir brauchen, weil jenes unbewußte Instinktleben dem Menschengeschlecht allmählich verlorengehen wird und ersetzt werden muß durch ein bewußtes Verhältnis zu der kosmischen Umgebung.

[ 11 ] Aber andrerseits ergibt sich auch noch eine Perspektive, und die besteht darin, daß wirklich ein bestimmtes Verhältnis besteht zwischen der ganzen Pflanzenwelt, die draußen über die Erde ausgebreitet ist, und dem menschlichen Organismus, dem Mikrokosmos. Und dieses Verhältnis drückt sich aus in dem spezifischen Schmekken eines Organes. Es ist wirklich wahr und kein bloßes Symbolum, das ich ausspreche, wenn ich sage: irgendeine Pflanze, die draußen wächst, schmeckt nur einem ganz bestimmten Organ des Menschen, andern Organen schmeckt sie nicht. Ein bestimmtes Organ läßt sich anregen durch die Kräfte dieser Pflanze, ein anderes nicht. Wenn man diese Beziehungen einmal studieren wird, dann wird man etwas sehr Wichtiges gewonnen haben.

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Diagram 1

[ 12 ] Ich habe Ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt: Die Pflanze besteht zwar, wenn wir ihre Form nehmen, aus dem physischen Leib und dem dazugehörigen Ätherleib; aber sie streckt gleichsam, indem sie sich nach aufwärts entwickelt, ihr Blühen hinein in die umliegende Astralität, und wenn wir ein Pflanzenbeet überschauen, so finden wir Astralität ausgebreitet über die Pflanzen hin, Astralität, die zu den Pflanzen gehört. Nicht jede Pflanze hat ihren besonderen Astralleib, aber doch ist es so, daß die allgemeine Astralität — die über die Oberfläche der Erde ausgebreitet ist, wie die Luft physisch ausgebreitet ist — sich spezifiziert. Das, was sich gleichsam aus dem Astralleib der Erde heruntersenkt zu einer besonderen Blüte, sagen wir der Lilienblüte, das äußert sich anders als dasjenige, was sich heruntersenkt zu einer Kleeblüte. Da spezifiziert sich die allgemeine Astralität.

[ 13 ] Diese Verwandtschaft, die da besteht zwischen der Astralität der Erde und dem ganzen ausgebreiteten Pflanzenteppich, diese Beziehung besteht auch innerlich zwischen dem menschlichen Astralleib und seinen einzelnen Organen. Auch in dieser Beziehung ist der Mensch durchaus ein Mikrokosmos, nur daß ein ungesundes Verhältnis eintreten kann zwischen dem menschlichen Astralleib und seinen einzelnen Organen, indem einzelne Organe ihre lebendige Geschmacksempfindung verlieren, sich abstumpfen. Dasjenige Verhältnis, das zwischen der allgemeinen Astralität der Erde und der gesamten Pflanzendecke besteht, ist im wesentlichen — ich sage im wesentlichen — ein gesundes, und wenn man die Beziehungen herausfindet zwischen den einzelnen Pflanzen und den menschlichen Organen, dann findet man auch die Möglichkeit, durch Zuführung der Stoffe der einzelnen Pflanzen die Organe wiederum anzuregen und sie von innen heraus gesund zu machen. Denn wenn man die Stoffe einer bestimmten Pflanze in den menschlichen Organismus hineinbringt, so bringt man damit die Verwandtschaft, welche die Pflanze zur allgemeinen Astralität der Erde hat, mit hinein. Wenn nun diese Verwandtschaft zur Astralität der Erde bei einzelnen Organen des menschlichen Organismus abgestumpft ist, so kann sie wiederum angeregt werden, auch im menschlichen Astralleib, indem man die Kräfte der betreffenden Pflanze in den menschlichen Organismus hineinbringt.

[ 14 ] Sie sehen daraus die Möglichkeit, daß man ein Pflanzensystem aufstellt, welches in gewisser Weise der menschlichen Organisation entspricht, und welches zugleich darstellt ein rationales System von gewissen Heilmitteln für bestimmte Organerkrankungen. Man würde da über das rein empirische, probierende Suchen hinauskommen, und man würde wirklich ganz rational durch Parallelisieren der menschlichen Organgeschmäcke mit den Kräften der Pflanzenwelt aufsteigen können zu einer Rationalisierung zunächst der Pflanzentherapie.

[ 15 ] Alle diese Gesichtspunkte ergeben sich in ungemein fruchtbarer Weise, wenn man wirklich sich einlassen will darauf, Anthroposophie oder Geisteswissenschaft fruchtbar zu machen für das Leben. Und stellen Sie sich nur einmal vor, nach den paar Proben, die gegeben werden konnten gestern und heute, was einem im Grunde genommen für wunderbar anregende Aufgaben für das Leben der Gegenwart aus der geistigen Erkenntnis heraus erwachsen! Man möchte nur wünschen, daß die Menschheit in der nächsten Zukunft nicht zu faul wäre, sich im größeren Umfange zu widmen der Durchdringung der Wissenschaft mit demjenigen, was die Geisteswissenschaft im einzelnen zu geben vermag.

[ 16 ] Gewiß ist es unendlich wichtig, daß man die zentralen Erkenntnisse der Geisteswissenschaft der Menschheit mitteilt, denn würde man diese zentralen Erkenntnisse nicht mitteilen, so würde ja die Grundlage für einen weiteren Ausbau fehlen. Aber statt daß diese zentralen Erkenntnisse so aufgenommen werden, wie viele sich versucht fühlen zu tun, in allerlei neuen, literarisch schlechten Wiederholungen desjenigen, was schon vorliegt, doch immer wieder dasselbe zu sagen, sollte einmal das Augenmerk darauf gewendet werden, die einzelnen Kapitel dieser zentralen Erkenntnisse auszubauen und die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse in Wissenschaft und Leben wirklich einzuführen. Ich erwähne das aus dem Grunde, weil es wirklich innerhalb unserer Bewegung recht viele Leute gibt, und darunter einzelne besonders hervorragen, welche es bequemer finden, immer wieder und wiederum das, was schon vorliegt in der Literatur, wiederzugeben und zu wiederholen, anstatt sich darauf einzulassen, in die Gebiete, die ihnen besonders naheliegen, das geisteswissenschaftliche Erkennen einzuführen.

[ 17 ] Wenn man dieses bedenkt, dann nuanciert sich einem gleichsam das, was immer wieder und wieder betont wird: Geisteswissenschaft muß durchdringende Gesinnung des Menschenlebens werden. Wenn man in unserer Zeit in so schmerzlicher Weise erlebt, wie menschliches Denken und menschliches Urteilen und auch menschliches Tun zu einem Punkte geführt hat, der unendliche Opfer fordert, und auf der andern Seite zeigt, wie menschliches Urteilen und menschliches Empfinden in eine Sackgasse geraten ist, so sollte das hingenommen werden als ein bedeutsames Zeichen der Zeit dafür, daß eine Neubelebung der Seelenkräfte für die Menschheit notwendig ist. Das sollte man als die Hauptsache ansehen, daß eine Neubelebung des Seelenwesens Jetzt notwendig ist.

[ 18 ] Weniger die Aufstellung dieser oder jener Programmpunkte, wie es beliebt war in der unserer traurigen Epoche unmittelbar vorangegangenen Zeit, als vielmehr das Lebendig-sich-Erfassenlassen von geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, das wird eine würdigere Epoche herbeiführen, das wir herausführen können aus den chaotischen Ereignissen unserer Gegenwart. Je weniger man glauben wird, daß auf irgendeinem realen Gebiete der europäischen Menschheit etwa schon das vorhanden sei, was man jetzt zu verteidigen habe, je weniger man das glauben wird, und je mehr man glauben wird, daß man eine neue Zukunft zu erwarten, zu erhoffen hat, eine geistigere Zukunft, eine Zukunft geistigerer Anschauungen, desto mehr wird man das Richtige treffen.

[ 19 ] Daß immer ein ahnendes Bewußtsein vorhanden war von dem, was Geisteswissenschaft heute zu klarem Bewußtsein bringen muß, das wurde oft, gerade auch an diesem Orte hier berührt und auch sogar mit äußeren Belegen versehen. Immer wieder und wieder muß man daran erinnert werden, wie Geisteswissenschaft zwar in einem gewissen Sinne etwas radikal Neues ist in unserer Zeit, aber doch gut vorbereitet war im gesamten neueren Geistesleben, so daß überall, wo reges geistiges Leben vorhanden ist, Ahnungen aufgetreten sind nicht nur von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern Ahnungen von der durchgreifenden Bedeutung dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse. Sehen Sie, ein interessantes Beispiel ist das folgende: Ein europäischer Geist versuchte einmal nachzudenken darüber, welche Einflüsse auf sein inneres Leben ganz besonders bedeutsam geworden sind. Dieser europäische Geist, der also nachdachte, welche Einflüsse auf sein inneres Leben ganz besonders bedeutsam geworden sind, erwähnte dann drei verhältnismäßig neuere Geister, die auf sein Leben großen Einfluß gehabt haben. Er erwähnt den Ihnen ja auch in diesen Vorträgen hier von gewissen Gesichtspunkten aus charakterisierten Emerson, er erwähnt Ruysbroek und den deutschen Mystiker Novalis. Diese drei Geister haben einen besonderen Einfluß auf diesen mitteleuropäischen Geist gehabt — so setzt er selber auseinander. Nun sucht er einen gewissen Maßstab zu gewinnen, dieser europäische Geist, für das, was in das Geistesleben der Menschen wird einziehen müssen, wenn dieses Geistesleben die notwendige neue Befruchtung wird wirklich erfahren sollen, und da sagt dieser Geist etwas höchst Merkwürdiges. Er sagt: Wenn man so einen Blick zum Beispiel auf Shakespeare oder Sophokles lenkt, so findet man, daß da menschliche Konflikte zur Darstellung gebracht werden, aber schließlich — so meint der Betreffende —, was sind denn das für Konflikte, die um Hamlet und Ophelia, um Antigone oder Elektra sich abspielen? Gewiß — so meint er für die irdischen Wesen, die man Menschen nennt, höchst bedeutungsvolle Konflikte, aber — so meint der Betreffende —, wenn ein Geist von einem anderen Planeten herunterkommen würde, also aus ganz anderen Erlebnissen heraus, von einem Planeten, wo ganz andersartige Erlebnisse sind, er würde sich nicht sonderlich interessieren können für das, was sich um die Ophelia herum abspielt oder um Wallenstein oder um Maria Stuart. Das kann Erdenmenschen interessieren; wenn aber ein Geist von einem andern Planeten käme, würde er verlangen, daß die Menschen ihm etwas zu erzählen haben, was nicht bloß Erdenwesen interessiert, sondern was Wesen interessiert, die eben im weiteren Umfang dem Kosmos angehören. Und derartige Seelen — meint der Betreffende — gibt es noch recht wenige, welche so etwas zu sagen haben, daß das auch einem Geist, der sich auf die Erde niedersenkt, etwas geben könnte. Und zu diesen Seelen zählt der betreffende Denker den Dichter Novalis. Die Seelenerlebnisse in Novalis’ Dichtungen findet er so fein, so intim, so aus dem herausgeholt, was nicht nur Menschen interessieren kann, was nicht nur im Zeitlichen lebt, sondern was im Ewigen webt und lebt, so daß sich für einen solchen Geist wie Novalis auch ein Wesen interessieren könnte, welches von einem anderen Planeten sich niedersenkte. Ich will Ihnen die Worte vorlesen, die er schrieb, als er Novalis kennenlernte, oder dasjenige kennenlernte, was Novalis als seine Seelenerlebnisse zu geben hat. Es sind sehr schöne Worte, so schön, daß ich vorlesen möchte, was der betreffende Denker gerade mit Bezug auf die Novalis-Erlebnisse zu sagen hat:

[ 20 ] «Wenn es aber anderer Beweise bedürfte», so sagt der betreffende Denker in Anknüpfung an das, was er selber an Novalis erlebt hat, und von dem er also meint, daß es auch die Geister anderer Planeten interessieren würde: «Wenn es aber anderer Beweise bedürfte, würde sie» — nämlich die Menschenseele — «ihn unter Die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu kümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewußtsein sich um einen Grad steigert, und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst plagt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muß. Auf diesen Höhen allein giebt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, welche ihr ähneln, und die so gebieterisch sind, wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde dem Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unsrer Seele. Wir empfinden, daß die Leidenschaften des Geistes und Körpers in den Augen einer höheren Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber in ihren Werken sind die genannten Menschen aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch Denen von Wert sind, die nicht von der irdischen Gemeinde sind.»

[ 21 ] Das sind wahrhaft schöne, herrliche Worte! Der Betreffende glaubt, sie an Novalis erlebt zu haben, schöne, herrliche Worte, die charakterisieren, wie die Menschheit wirklich zu etwas kommen muß, was unmittelbar sich angliedert an das Ewige, was uns hinausführt über die bloß irdischen Erlebnisse in die Erlebnisse des Kosmos. Die Worte, die ich Ihnen vorgelesen habe, hat Maurice Maeterlinck über Novalis gesprochen, allerdings schon vor einiger Zeit, nicht in den letzten Monaten! Aber Sie sehen daraus, daß überall bei denjenigen, die nachdenken können — in den Zeiten, in denen sie nachdenken können —, ein wahres, ein echtes Bewußtsein vorhanden ist von dem Gang in die geistige Welt hinein, den die Menschheitsentwickelung wirklich nehmen muß.

[ 22 ] Ein anderes Beispiel möchte ich Ihnen noch anführen. Wir reden in der Geisteswissenschaft heute ganz bewußt davon, wie durch die Initiation erreicht werden kann ein Sich-Erleben im Ich und Astralleib, getrennt vom physischen Leib und Ätherleib, ein bewußtes Sich-Erleben, wie sonst das unbewußte Sich-Erleben im Schlafe geschieht. Damit aber ist zu gleicher Zeit die Geisteswissenschaft in der Lage, über das Erlebnis des Todes die nötigen Aufschlüsse zu geben. Denn was der Geisteswissenschafter erlebt außerhalb des Leibes im Hinblicke auf den physischen Leib und Ätherleib, das ist ja dasselbe, was die Seele nach dem Tode erlebt, indem sie zurückblickt auf ihren physischen Leib und auf die Schicksale des Ätherleibes; so daß der Geisteswissenschafter in besonderer Weise spricht von einem Anschauen des in den Weltprozeß aufgehenden physischen Leibes, des in den Weltprozeß aufgehenden Ätherleibes von jenem Standpunkte her, den die Seele gewinnt, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Nicht wahr, es bedeutet Unendliches für die Fortentwickelung des ganzen menschlichen Bewußtseins, des ganzen menschlichen Geisteskulturlebens, daß solche Vorstellungen in dieses Geisteskulturleben übergehen können, wie die, daß die Menschen immer mehr und mehr dazu kommen werden, zu wissen, daß, wenn die Seele durch die Pforte des Todes gegangen sein wird, sie im Rückblick das ganze vergangene Leben und das, was mit dem Leibe vorgeht, anschaut, gerade so, wie Sie jetzt in Ihrer Erinnerung zurückblicken auf Ihre Erlebnisse in dem gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod. Wenn es einmal — um den trivialen Ausdruck zu gebrauchen — in Fleisch und Blut übergegangen sein wird, daß man nach dem Tode zurückschaut auf die Erlebnisse im Leibe, so wie man jetzt zurückschaut auf Erlebnisse früherer Zeiten im Leben zwischen Geburt und Tod, wenn es selbstverständlich geworden sein wird, daß man so zurückschaut, dann wird etwas Ungeheures erreicht sein. Und aus verschiedenem, das ich mit Ihnen besprochen habe, werden Sie einsehen, wie nötig es ist, daß möglichst schnell ein solches Bewußtsein für die allgemeine Menschheit erreicht wird.

[ 23 ] Und nun schauen wir einmal, ob diese Vorstellungen, die jetzt vollbewußt in so klaren Umrissen schon in der elementaren Geisteswissenschaft gegeben werden, ob solche Vorstellungen — wenn wir auf ein ahnendes Verständnis sehen — dem Menschengeschlechte immer ganz fremd waren, bevor die Geisteswissenschaft aufkam. Als Fichte eine Anzahl von Reden hielt, in denen er die Erziehungsweise seines Volkes umzugestalten suchte — eine solche Umgestaltung, wie Pestalozzi sie hervorgerufen hat, nur universeller —, da sagte Fichte, es seien gewiß viele Menschen, welche nicht mitkönnen mit der Vorstellung, daß man durch solche Gedanken gewissermaßen das Menschengeschlecht neugestalten und neubeleben könne. Solche Menschen haften an dem Alten, das sie sich vorstellen können, meinte Fichte. Und nun suchte er nach einem Vergleich, um das, was sie gelernt haben und an dem sie haften, so recht klar auszudrücken. Nach einem Vergleich suchte Fichte, und sehr merkwürdig ist dieser Vergleich. Ich will ihn Ihnen vorlesen.

[ 24 ] «Die Zeit», sagt Fichte — er meint alle die Menschen der Zeit, die sich nicht vorstellen können, daß ein Neues aus dem Alten hervorgehen könne — «die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichnam, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelt alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern» — damit meint er die andern Geistwesen, von denen wir umgeben sind —, «und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Inneren nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.»

[ 25 ] Ja, ist es nicht so, als wenn einer, der aus der Geisteswissenschaft kommt, einen Vergleich aus der Geisteswissenschaft nimmt vom Anschauen des Leichnames nach dem Tode? So sprach Fichte 1808. Wir sehen daraus, wie alles hintendiert nach Geisteswissenschaft, und wie in den besten Geistern diese Geisteswissenschaft als Ahnung aufsteigt, aber, wie dieses Beispiel zeigt, als eine solche Ahnung, die in ganz bestimmten Formen sich ausdrückt.

[ 26 ] Sie werden verstehen, nach dem, was Sie von mir zu hören gewohnt sind, und namentlich, wie Sie es zu hören gewohnt sind, wie solche Worte gemeint sind. Aber könnte nicht eine ganz bestimmte Empfindung, ein ganz bestimmtes Gefühl in den Seelen der Menschen auftauchen, wenn sie so etwas lesen, das 1808 ausgesprochen wurde? Könnte da nicht in den Seelen, welche es mit der Menschheitskultur ernst nehmen, ein ganz bestimmtes Gefühl auftauchen? Könnten nicht diese Seelen sich sagen: Hätten wir eigentlich nicht, nachdem solche Ahnungen vorhanden waren, uns an solchen Ahnungen halten und eigentlich längst schon etwas weitergekommen sein müssen in der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis der Welt? Und dann könnten solche Seelen vielleicht zu der Empfindung kommen: Schämen wir uns! — Wenn nur in recht vielen Seelen solche Empfindungen auftauchen würden, dann wäre es ein großes Glück für die Entwickelung des Geisteslebens der Menschheit. Aber ich denke, es werden viele Seelen noch lange den bequemeren Weg wählen, und dasjenige, was ihnen gefällt zum Beispiel in solchen Reden, wie sie Fichte gehalten hat, hinnehmen, aber über solche Dinge hinweglesen, die ihnen nicht gefallen. Und wenn man sie aufmerksam macht darauf, werden sie sagen: Nun ja, großen Geistern ist es schon erlaubt, auch einmal in gewisser Beziehung Querköpfe zu sein. Und dann machen sie solche Vergleiche, die gar keiner Realität entnommen sind.

[ 27 ] Es wird das ganze Leben durchdrungen werden können von dem, was die Geisteswissenschaft durch ihre Vorstellungen an Empfindungen in den Menschenseelen anregt. Und wirklich zu keinem andern Ziele, als um möglichst eindringlich hinzuweisen, wie das Leben von geisteswissenschaftlichen Vorstellungen durchdrungen sein kann, ist eigentlich unser Bau entstanden und wird alle die Einzelheiten aufweisen, die er enthalten wird.

[ 28 ] Bei diesem Bau soll nicht eine Sünde begangen werden gegen das naive Leben und Empfinden der Menschen. Diese Sünde glauben ja alle diejenigen an sich oder an den andern nicht zu begehen, die immer wieder und wieder betonen, das künstlerische Schaffen müsse möglichst unbewußt verlaufen. In Wahrheit ist es nur bequemer, wenn das künstlerische Schaffen unbewußt verläuft, als wenn es zum Wissen erhoben wird. Denn das Wissen, wenn es ein Wissen vom Kosmos wird, ist ebenso naiv wie das primitive Unbewußste, das so häufig im Leben aus der Bequemlichkeit der Menschen heraus als das in der Kunst Notwendige hingestellt wird in Redensarten, wie ich sie eben angeführt habe.

[ 29 ] Vergegenwärtigen Sie sich einmal folgendes, das Sie sich wie eine Konsequenz heraus ziehen können aus mancherlei Besprechungen, so werden Sie auch den Eindruck empfangen, daß aus der Geisteswissenschaft heraus wichtige Impulse auch für künstlerische Einzelheiten gegeben werden können und gegeben werden müssen. Wenn wir einen Menschen anschauen im Lichte der heutigen Geisteswissenschaft, wissen wir ja, daß dieser Mensch nicht auf die Weise sich gebildet hat, die die heutige Naturwissenschaft einseitig darlegt, sondern daß dieser Mensch eine Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung brauchte und dann die bisherige Erdenentwickelung, um zu dem zu werden, was er geworden ist. Und wir wissen, wenn wir die einzelnen Teile auch der äußeren physischen menschlichen Gestalt ins Auge fassen, daß an ihr ganze Generationen der Wesen der höheren Hierarchien gearbeitet haben durch lange Zeiträume, und daß ihre Tätigkeit so spezifiziert war, wie wir es geschildert haben in der Saturn-, Sonnen-, Monden- und Erdenentwickelung.

[ 30 ] Wir wissen, daß das, was heute als fertiger Teil des Menschen erscheint, zum Beispiel das Haupt, erst durchgehen mußte durch die Sonnen-, Monden- und die ganze bisherige Erdenentwickelung hindurch, um das zu werden, was es heute ist, daß es umgewandelt und umgelormt werden mußte, daß es zuerst vorhanden war während der Sonnenentwickelung, daß es während der Mondenentwickelung wieder auftrat und umgeformt wurde, und daß es während der Erdenentwickelung wiederum umgeformt wurde. Wenn man dann sich überlegt, wie eigentlich der Mensch studiert werden müßte, dann wird man dazu kommen, die ganze Kompliziertheit dieser menschlichen Organisation und ihren Zusammenhang mit dem Makrokosmos zunächst zu empfinden und dann allmählich auch erkennen zu lernen.

[ 31 ] Ich will heute nur einiges andeuten, das in den nächsten Zeiten genauer zur Ausführung kommen wird. Ich will es andeuten aus dem Grunde, weil es uns zu einem Schlußgedanken führen wird. Wie gesagt, ich werde es in den nächsten Tagen weiter ausführen. Wir haben zum Beispiel an unserem Organismus Glieder, welche in ihrer Konfiguration sehr deutlich die ursprünglichen Impulse der alten Saturnentwickelung heute noch an sich tragen, die aber vielfach umgestaltet, umgeformt sind, so daß man sie in ihrer heutigen Gestalt ohne das Studium der Akasha-Chronik nicht ohne weiteres erkennen kann. Schematisch dargestellt (siehe Zeichnung S. 148, a) sind die das Rückenmark umschließenden Knochen zuerst veranlagt worden während der alten Saturnentwickelung, noch im Elemente der Wärme, und sind bei den nächsten Entwickelungen immer umgestaltet worden. Diejenigen Knochen, die sich als Rippenknochen ansetzen, sind dann angegliedert worden zur Zeit der Mondenentwickelung. Sie sind weniger umgestaltet, weil ihre ersten Ansätze weniger weit zurückliegen.

[ 32 ] Andere Organe sind nach oben gerichtet angesetzt worden, zuerst während der Sonnenentwickelung, und dann umgestaltet worden. Das, was wir heute als den menschlichen Schädel, das menschliche Haupt bezeichnen, ist während der Sonnenentwickelung angelegt und dann vielfach umgestaltet worden. Wenn aber nur das vor sich gegangen wäre, was die Sonnenentwickelung dem Menschen gegeben hat in bezug auf seinen Schädel, dann würde der Mensch sein Haupt tragen müssen, wie er es nicht tragen kann, nämlich so, daß es immer nach oben gerichtet wäre. Daher ist während der Erdenentwickelung durch den Sonneneinfluß eine Wendung eingetreten um neunzig Grad, so daß dasjenige, was nach oben gerichtet sein müßte, jetzt so gerichtet ist. Statt daß wir also den Sonnenpfeil für die Erdenentwickelung so zeichnen, müssen wir ihn jetzt für die Erdenentwickelung so zeichnen (siehe Zeichnung). Es gehört zur normalen Entwickelung, die die menschliche Gestalt durchgemacht hat unter dem Einfluß des Kosmos, daß die Gestalt des Hauptes, aus ihrem Gerichtetsein nach oben, nach vorne gerichtet worden ist, so gedreht worden ist nach vorne.

[ 33 ] Diejenigen Geister nun, welche zurückgeblieben sind in der Mondenentwickelung, die haben das Bestreben mitgebracht, indem sie den Menschen durchdringen und durchsetzen, sein Haupt nach oben zu richten. Menschen, welche die Neigung haben, in unsympathischer Weise die Nase hoch zu tragen, wie man so sagt, die sind verführt von solchen luziferischen Geistern. Das hat seinen realen Hintergrund. Das ist wirklich eine physiognomisch-kosmische Wahrheit, und man trifft durchaus das Richtige, wenn man von einem, der die Nase hoch trägt, sagt: Na, dem sitzt der Luzifer im Genick! Das ist durchaus wahr. Daher wird es für das Leben unendlich wichtig sein, diese kosmischen Beziehungen wirklich zu kennen.

[ 34 ] Wenn wir die menschlichen Außengliedmaßen nehmen — Arme, Beine —, so haben wir es bei den Beinen zu tun mit Gliedmaßen, die direkt der Erdenentwickelung angehören, ganz hingeordnet sind zur Erde. Die Arme aber sind in ihrer normalen Entwickelung so, daß der Mensch, wenn er bloß der Erdenentwickelung gefolgt wäre, die Arme nur nach unten senken könnte. Indem er sie auch nach oben heben kann, lenkt er sie willkürlich zur Mondenentwickelung hin, das heißt, er gibt ihnen mit jeder Erhebung einen luziferischen Charakter. Derjenige, der fein empfinden kann, empfindet daher jede Armbewegung, die so ausgeführt wird (Arme nach vorne und aufwärtsgehoben) als etwas, was luziferischen Charakter hat. Fassen wir das ins Auge, und denken wir uns jetzt einen Menschen, der zugleich das Haupt neigt und die Hand hebt, aber so, daß diese beiden Bewegungen festgehalten werden in einer menschlichen Geste: der Mensch senkt das Haupt und hebt den Arm. Dieses Senken des Hauptes ist ein Entgegenwirken gegen die Luziferität des Kopfes, des Hauptes. Das Heben des Armes ist: ein Luziferisches in die Arme hineinbringen. Aber nun ist es so: Indem man in den Arm hinein Luzifer fahren läßt, und das gesenkte Haupt mit der Stirne auf den Arm stützt, erlöst man die Luziferkraft, die durch den Arm fließt, durch die Gegenwirkung der Christus-Kraft im Haupte. Man erlöst gleichsam Luzifer im Arme durch Christus im Haupte.

Diagram 2
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[ 35 ] Malen Sie hin in der richtigen Geste die menschliche Gestalt, das Haupt auf den Arm gestützt, dann haben Sie es in dieser Geste ausgedrückt. Der Mensch bildet eine Geste, die ausdrückt: Luzifer wird durch Christus erlöst! — Und fügen Sie dazu etwa noch ein Beugen der Knie, so haben Sie diese Geste verschärft. Heben Sie beide Arme nach oben, und unterdrücken Sie die Kraft des Hebens, wie das beim Falten der Hände geschieht (also die Arme mit gefalteten Händen gehoben), und dann versuchen Sie, mit den gefalteten Händen der luziferisch nach oben strömenden Kraft, indem Sie sie gleichsam lähmen, die Christus-Kraft entgegenzuführen.

[ 36 ] Die menschlichen Gesten werden Ausdruck für das ganze Leben der Welt, für das Geistleben der Welt. Wie vertieft werden kann die Anordnung der menschlichen Gestalt in der Kunst durch ein solches Wissen von den Geheimnissen des Kosmos, das muß man empfinden! Auch das aber können Sie sich sagen: Was ist denn geschehen, indem das gleichsam luziferisch Nach-oben-Geordnetsein des Hauptes — durch den Sonneneinfluß auf der Erde — nach vorne hingewendet worden ist, und der Mensch mit dem nach vorne gewendeten Haupte auf der Erde steht? Er ist dadurch ein Erdenwesen geworden! Dasjenige, was nicht ein Erdenwesen ist, das kann also nicht Beine und Füße im menschlichen Sinne haben. Sein Haupt, und damit auch das Antlitz, hat der Mensch nicht von der Erde, sondern vom Kosmos; aber es entsteht in seiner Form dadurch, daß es sich der Erde zuwendet. Nehmen wir andere Genien, andere Geister, so können wir sie unmöglich mit menschlichen Beinen machen. Genien, die nicht zum Erdendasein gehören, mit menschlichen Beinen zu machen, ist einfach falsch, ist tatsächlich falsch. Das kann man wirklich einsehen aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus. Und diesen Empfindungen, die aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis kommen, soll unsere Kunst bei unserem Bau allseitig Rechnung tragen.

[ 37 ] Sie sehen also, daß damit wirklich ein neuer Impuls in, bezug auf künstlerisches Gestalten gegeben werden kann. Wenn Geisteswissenschaft nicht mehr als eine graue Theorie aufgefaßt werden wird, sondern als etwas, was als Empfindung und Fühlen in den Menschen eingehen wird, dann wird man einsehen, daß sie befruchtend wirken kann auf alle Bestrebungen der menschlichen Kulturentwickelung. Ein kleiner Anfang soll damit gemacht werden in unserem Bau.