Menschenschicksale und Völkerschicksale
GA 157
1 September 1914, Berlin
Erster Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde, mit tief bewegtem Herzen ist es, daß ich in diesen ernsten Stunden eine Weile unter Euch sein darf und mit Euch sprechen darf. Unser erster Gedanke sei aber gerichtet an diejenigen lieben Freunde, die so oftmals mit uns hier vereint waren, und die jetzt gerufen sind auf das Feld, wo in einer so eindringlichen Weise gekämpft wird um Menschenschicksale, um Völkerschicksale. Und daß wir dieser Freunde in treuer Liebe in dieser Stunde gedenken und unsere Gedanken ihnen senden, unsere Gedanken, denen Kraft innewohnen möge, auf daß sie sich stärken können auf dem Plan, wo sie jetzt stehen — zum Zeichen dafür erheben wir uns für einen Augenblick von unsern Sitzen!
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 2 ] Und zurufen wollen wir unsern Freunden, daß der Christus, von dem so oft hier gesprochen worden ist, sie stärkend, über sie waltend auf dem Felde, wo jetzt Geschicke der Menschen und Geschicke der Völker sich entscheiden, bei ihnen sei!
[ 3 ] Meine lieben Freunde, Ihr wißt, daß eine ursprüngliche Absicht bestand, den Bau, den wir als eine Warte für das geistige Leben der neueren Zeit errichten wollen, wie es unseren Seelen vorschwebt, im August dieses Jahres fertig zu haben. Das Karma hat es anders gewollt. Und wir mußten uns, gelassen selbstverständlich, in dieses Karma fügen. Wir dachten eine Weile, daß es gerade in dieser Zeit sein könnte, daß in diesem Bau Worte gesprochen werden dürften von jener Siegeszuversicht des geistigen Lebens, von der wir uns durch unsere Geisteswissenschaft immer mehr und mehr überzeugen konnten. Nun steht oder stand in dieser Zeit unser Bau in Dornach bei Basel nicht fertig da. Aber seine Umhüllung steht da. Die Säulen, die seine, die geistigen Himmelswelten repräsentierenden Kuppeln tragen sollten, sind an ihren Orten und sind verbunden mit diesen Symbolen des Himmelsdaches. Die Vollendung wartet noch auf sich. Im Juli war es, wo ich in einem bestimmten Stadium unseres Baues ahnen konnte, daß das eintreten werde, um was ich mich bemüht habe: daß dieser Bau auch sein sollte eine Probe dafür, daß man durch Form und Zusammenstellung ein wirklich gutes Hören, einen wirklich akustischen Raum erreichen könne. Hoffen, sage ich, durfte man das. Denn von den Stellen aus, wo ich durch Worte prüfen konnte, wie die ganze Umschalung den Ton behandelt, da klang es so, daß man hoffen kann, daß die Absicht erreicht werden wird, daß es auch an den richtigen Stellen richtig tönen werde. Daß die Worte, die unserer Gesinnung geweiht sind, also in diesem Raume tönen mögen, das ist unsere Hoffnung.
[ 4 ] Die ersten Töne, die unsere in Dornach arbeitenden Freunde hörten, waren der Widerklang des Feuers, das in unserer unmittelbaren Nähe stattfand, das heraustönte aus den ersten Unternehmungen der ernsten Ereignisse, innerhalb deren wir jetzt leben. Denn unser Bau sieht hinunter auf dasjenige Feld im Oberelsaß, an dessen nach der Schweiz hin gerichteten angrenzenden Gefildungen er steht. Und es waren nicht nur die Signale der ernsten Ereignisse unserer Zeit zu hören, sondern zu sehen war auch von den verschiedenen Punkten unseres Baues aus das Feuer der Kanonen im Oberelsaß. Was dort geschah, das sprach zuerst als Echo in unseren Gegenden. In uns lebte, wenn wir uns inmitten der Arbeit zu unseren Besprechungen trafen, der Gedanke, daß aus den ernsten Ereignissen, innerhalb welcher wir leben, der Menschheit erstehen möge ein Friedensboden, auf dem erblühen kann Heil und Segen der Entwickelung der Menschheit.
[ 5 ] Wie bricht, zuweilen zu dem einzelnen symbolisch sprechend, ein solches Ereignis herein, wie wir es jetzt erleben! Vielleicht ist in den Händen einiger von Euch, meine lieben Freunde, der erste Band meines Buches «Die Rätsel der Philosophie», in dem ich darstellen wollte den Entwickelungsgang der Menschheit im Suchen nach den großen Weltenrätseln, in dem ich darstellen wollte den Zug des Gedankens durch Menschen- und Völkerherzen. Der zweite Band ist, wie Ihr wißt, noch nicht erschienen; aber er ist im Drucke fertig bis in den dreizehnten Bogen hinein. Dieser dreizehnte Bogen behandelt auf den letzten Seiten, die noch gedruckt sind, die Philosophie Boutroux’ und Bergsons und geht dann über zu Preuß, um als Letztes, was noch gedruckt worden ist, bevor das große Ereignis begonnen hat, zu behandeln den — nach meinem Empfinden dasjenige, was der Philosoph Bergson will, unendlich tiefer ergreifenden — in der deutschen philosophisch-naturwissenschaftlichen Entwickelung stehenden Einsiedler Preuß. Mit wuchtiger Kraft findet man bei dieser Denkerpersönlichkeit Preuß dasjenige, was ein naturwissenschaftlich Denkender über das Geistesleben sagen konnte. So schloß sich zusammen in diesem dreizehnten Bogen dasjenige, was Gedanken behandeln sollte, die im Westen Europas und solche, die im Herzen Europas ersprossen sind. Mitten im Satze schließt mein Druck ab, gleichsam symbolisch spaltend das Geistesleben derjenigen Menschen, zwischen denen jetzt auf dem physischen Plan der schwere Kampf entbrannt ist, der uns so viel bewegt. Und in den ersten Augusttagen mußte ich oft die weißen Seiten des unbedruckt gebliebenen Bogens mir anschauen, denn auch das wirkte wie ein merkwürdiges Symbolum auf mein Gemüt.
[ 6 ] Meine leben Freunde, wir stehen nicht in einer Zeit, in der untergeordnete Ereignisse des Menschenlebens entschieden werden. So schnell auch diese Ereignisse hereingebrochen sind: tief eingreifend sind sie und aus einer Notwendigkeit hervorgegangen, die gleich derjenigen ist, mit der sich einmal Europens Geschicke in den Zeiten der Völkerwanderung aus harten, schweren Kämpfen heraus entwickelt haben. Was in diesen Zeiten bei dem Bekenner der Geisteswissenschaft sein muß, das ist die Zuversicht in den Sieg und in die Sieghaftigkeit des geistigen Lebens und die Festigkeit in dem Glauben, daß die weltenlenkenden Geister die Dinge so entscheiden werden, wie es zum Heile der Menschheit notwendig ist.
[ 7 ] Derjenige, der heute einen Trost braucht dafür, daß durch die Geisteswissenschaft eng befreundete Menschen im Feuer einander gegenüberstehen, der versuche sich diesen Trost zu holen aus den Worten, die uns klingen aus der Bhagavad Gita. Sie weisen uns in alte Zeiten der Menschheitsentwickelung, dahin, wo aus einem ursprünglichen primitiven Leben der Menschheit ein späteres Leben hervorgetreten ist, in welchem nach den geistigen Gesetzen, die wir ja kennen, vereint waren solche, die früher als Brüder mit Brüdern, Schwestern mit Schwestern gelebt haben. Der Übergang war geschehen zu einem andern Leben der Menschheit, zu einer Verbreiterung der Menschheit, so daß innerhalb jener Neuordnung der Menschheit kämpfend sich gegenüberstanden diejenigen, die sich Brüder wußten. Aber der Geist, der durch die Menschheitsentwickelung geht, findet die rechten Worte, um Zuversicht und Glauben und Sicherheit in die Seelen zu gießen, die sich also gegenüberstehen.
[ 8 ] Wiederum erleben wir heute Zeiten, in denen sich aus verschiedensten Gegenden der Erde durch jene Geistesströmung, die wir die unsrige nennen, Menschen zusammengefunden haben, die durch ihre Empfindungen, durch das, was sie aus der Seele Tiefen heraus tief verbindet, sich Brüder, sich Schwestern nennen. Und wiederum müssen sie einander gegenüberstehen. Das Menschheitskarma will es so. Aber, meine lieben Freunde, die Gewißheit müssen wir gewonnen haben durch das, was wir von unserer geistigen Strömung in unsere Herzen und in unsere Seelen aufgenommen haben, daß der Geist, der durch die Menschheitsentwickelung wallt, uns in diesen Sturmeszeiten kräftige und mit Zuversicht erfülle, so daß wir den Glauben in uns tragen können, daß im Weltenkarma das Rechte geschehen werde, daß gekämpft werden muß, daß Blut über Blut fließen muß, damit erreicht werden könne, was der Welten-Schicksalslenker mit der Erdenmenschheit erreichen will. Auch ein Opferblut wird dieses sein, ein heiliges Opferblut! Und diejenigen unserer Lieben, die dieses Opferblut vergießen werden, sie werden in den geistigen Reichen starke Helfer der Menschheit werden nach den schönsten, nach den hehrsten Zielen. Denn auf viele Arten sprechen die Weltengeister zu uns Menschen. Sie sprechen zu uns auf die Art, wie wir es gewohnt sind innerhalb unserer Kreise durch die Worte, die entnommen sind unserer geistigen Forschung und unserer geistigen Gesinnung. Sie sprechen aber auch zu uns durch die ernsten Zeichen des Kriegesdonners. Und so sehr es mancher Seele naheliegen möchte, mit Bedauern darauf hinzublikken, daß auch diese Sprache in der Weltenlenkung der Menschheit geführt werden muß — geistergriffene Seelen müssen bedenken können, daß solche Sprache im Weltenkarma notwendig ist. Es ist die Sprache, deren richtigen Sinn zu verstehen für den einzelnen Fall erst den folgenden Zeiten auferlegt ist, die auf dasjenige zurückblikken können, was ihnen dadurch geworden ist, daß ihre Vorfahren ihren Leib zum Opfer gebracht haben, um aus diesem Opfer des Kriegsfeldes heraus die verklärte Seele zum Heile der Menschheit in die geistigen Sphären hinaufzuschwingen. Und mit diesem Funken geistiger Ergriffenheit im Herzen können wir uns gestärkt hineinstellen in alle die Sorgen, in alle die tiefen Bekümmernisse und Betrübnisse, aber auch in alle die Hoffnungen und in alle die Zuversichten, welche Ereignisse solch ernster Art, wie die gegenwärtigen, vor unsern äußeren Augen darstellen und offenbaren.
[ 9 ] Meine lieben Freunde, am 26. Juli konnte ich in Dornach zu unseren dort versammelten Freunden, anschließend an einen Vortrag, der die Angelegenheiten unseres Baues betraf, die Worte sprechen, die hinwiesen auf die ernsten Zeiten, die uns bevorstehen. Unter den Zuhörern dieses 26. Juli waren auch diejenigen unserer damals dort befindlichen Freunde, die jetzt schon draußen stehen auf dem Felde der ernsten, der ernstesten Ereignisse. Damals durfte ich neben unserem Bau in Dornach, der eine Geisteswarte werden soll, unseren Freunden die Worte ins Herz rufen: Möge dasjenige, was wir uns durch unsere geistige Strömung und durch unsere geistige Gesinnung angeeignet haben, in jedem einzelnen von uns dahin wirken, daß er die Möglichkeit finde in dem, was jetzt kommen werde, kraftvoll, zuversichtlich an dem Orte in der Welt zu stehen, auf den ihn das Schicksal hinstellt.
[ 10 ] Es waren Beweisstücke dafür da, daß unsere geistige Bewegung Kraft zu geben vermag, rechte Kraft auch in solchen Zeiten, in denen wir jetzt leben, und in solchen ernsten Ereignissen, in denen wir jetzt stehen. Und vielleicht gehört es auch zu dem Schmieden dieser Kraft, daß diejenigen, an denen draußen die Kugeln vorbeipfeifen, die im Sturmesgebraus des Kriegsdonners leben müssen, daß diese wissen dürfen, wie wir in treuer Liebe, und in uns hegend alle die Gedanken, die ihnen stärkend helten wollen, ihrer gedenken, uns mit ihnen zusammengehörig fühlen. Wie stünde es um unsere Bewegung, wenn sie nicht geeignet wäre, Seelenkräfte aufrechtzuerhalten dort, wo diese Seelenkräfte starken Prüfungen der Welt ausgesetzt sind! Möge uns die Kraft, die wir selber gewonnen haben, dauernd fest zusammenhalten mit den lieben Freunden, die draußen stehen, und möge diese Kraft so stark sein, daß sie in der geistigen Welt etwas ist, daß der Geist, den wir in uns aufzunehmen versuchten, im Weltenwirken selber etwas sein könne; und möge die Liebe, die wir vereint wissen mit unserem geistigen Streben, sich insbesondere dort stark erweisen, wo unsere Freunde draußen in der physischen Welt ein heiliges Opfer zu bringen haben!
[ 11 ] Meine lieben Freunde, vieles wird uns noch vor Augen treten im Gefolge desjenigen, was jetzt begonnen hat. Wir aber haben es oft ausgesprochen, das Wort von der kraftvollen Gelassenheit. Möge es sich an unseren Seelen jetzt erfüllen. Nicht sei es das Wort von jener bequemen Gelassenheit, die den Dingen zusieht in Gleichgültigkeit, sondern es sei das Wort von jener tatkräftigen Gelassenheit, die Mittel und Wege sucht, und durch treues geistiges Suchen auch findet — um am rechten Orte das Rechte zu tun. Oftmals mußte ich mich in diesem August fragen, ob es recht sei, unsere Freunde an unserem Bau in Dornach zurückzuhalten, und ob nicht mancher an einem anderen Platz in dieser Zeit Bedeutungsvolleres leisten könne. Doch es scheint, daß es gut ist, daß es zusammenhängt mit gewissen Kräften, die der Geist in unseren Zeiten braucht, daß dieser Bau nicht stillesteht. So wird denn treulich an ihm auch in diesen schweren Zeiten fortgearbeitet. So soll er denn lebendig erhalten werden in dem Gedanken, daß er ja gerade ein Wahrzeichen sein soll für das richtige Verständnis der großen Taten, die in unserer Zeit geschehen, ein Wahrzeichen für das Verständnis, daß bei allem, was in unserer Zeit geschieht, auch des Geistes Kraft sein müsse. Und den Glauben hegen wir, daß alle die Freunde, die bei ihrer Pflicht in Dornach ausharren, weil dieses ihr Karma zu sein scheint, auch in alledem, was sich an Wichtigem ergeben wird aus den gewaltig bewegenden Ereignissen, in denen wir stehen, ihre Stelle werden ausfüllen können, jeder an dem Platze, an den ihn das Karma hinstellt. Versuchen wir es, meine lieben Freunde, so wie es uns erscheint nach dem, was der Tag an unsere Seelen heranbringt, was der Tag uns beobachten läßt als unsere etwaige Pflicht in dieser Zeit, versuchen wir das alles zu tun; versuchen wir jede Pflicht zu tun, die wir ansehen müssen als eine Pflicht selbstloser Menschenliebe, als eine Pflicht der Opferwilligkeit in der Zeit, wo von den Menschen so viele Opfer verlangt werden müssen. Beteiligen wir uns an dem Opferdienst der Menschheitsentwickelung nach der Art, wie es unseren Kräften vom Karma zugeteilt erscheint, helfen wir überall, wo wir helfen können. Suchen wir die Möglichkeiten auf, wo uns gestattet ist zu helfen, und vergessen wir nicht, daß wir die Überzeugung in uns aufgenommen haben, daß der Geist ein wirksames Werkzeug im menschlichen Helfen, in der menschlichen dienenden Liebe hat.
[ 12 ] Als unsere Freunde in Dornach auch etwas zu verstehen verlangten von äußeren Hilfeleistungen, von ersten Verbänden, da wurde nicht nur in einer Reihe von Stunden Anleitung zu solchem Verbinden innerhalb unseres Baues zu geben versucht für den Fall, daß einstmals einen von uns sein Karma dazu rufen sollte, solche Kenntnis anzuwenden, sondern es lag mir am Herzen, unseren Freuden auch die Worte zu sagen, welche aus geistiger Anschauung heraus, in der helfenden liebenden Seele erfühlt, die werktätige geistige Liebe hinübertragen können aus der verbindenden Hand, aus dem helfenden Leibe — auf geistige Art — in denjenigen, dem geholfen werden soll. Wie in der menschlichen Organisation selber heilende Kräfte liegen, wie in dem Blute, das aus der Wunde fließt, zugleich dasjenige lebt, was heilend auf die Wunde wirkt, darauf wurde zuerst aufmerksam gemacht. Und dann wurde gesagt, daß es gut ist, das Herz beim Heilen gegenüber dem hilfebedürftgen Menschen zu erfüllen mit den Worten:
Quelle Blut,
Im Quellen wirke,
Regsamer Muskel
Rege die Keime,
Liebende Pflege
Wärmenden Herzens,
Sei heilender Hauch.
[ 13 ] Ich glaube zu wissen, daß die Seele, die sich mit solcher Gesinnung erfüllt, der Hand, die helfen will, eine helfende Kraft zu geben in der Lage ist. Und wie sollten wir nicht nach allem, was durch die Jahre durch unsere Seelen gezogen ist, davon überzeugt sein, daß die Erfüllung mit dem Christus-Geist in dieser Zeit uns die Fähigkeit erteilen wird, in rechter Art dort einzugreifen, wo es das Schicksal fordert, wo uns das Schicksal hinstellt. Wie oft können wir Gelegenheit erhalten, in dem, was uns die nächsten Zeiten bringen können, zu erproben, ob wir von dem Christus in der richtigen Weise durchdrungen sind, der von unseren eigenen Herzen hinüberwirkt in die Herzen der anderen Menschen, der den leidenden, den schmerzertragenden Menschen in eine Einheit mit uns selber verwebt. Wie oft wurde davon gesprochen, daß es zur Entwikkelung der Menschenseelen in die geistigen Welten hinein gehöre, das eigene Gefühl verbinden zu können mit dem Schmerz, der in dem andern lebt. Und gerade an den Stellen, wo die Ereignisse unserer Zeit Schmerz wirken werden, da wird oftmals des einen oder des andern Platz von uns sein; da werden wir erproben können, ob wir stark genug sind, um das rechte Gefühl mit dem Schmerz des andern zu verbinden, ob der Schmerz, der drüben in der anderen Seele lebt, unser Schmerz, unser gefühlter Schmerz sein kann.
[ 14 ] Daß es so sein kann, daß die Menschheit allmählich dazu kommen kann, daß der Schmerz, der in dem andern lebt, uns nicht selber meidet, sondern in uns fortwebt, dazu ist Christi Blut auf Golgatha geflossen. Darum suchen wir auch die Gesinnung, die hiermit angedeutet ist, gerade in diesen Zeiten in unseren Seelen zu verstärken. Das kann geschehen mit Worten wie diesen, die man ganz wie zu sich selber spricht, möglichst oft in den Gedanken, die uns verbinden mit dem Ernst dieser Zeit, indem man in der ersten Zeile sich an den Mitmenschen wendet. Die Worte lauten:
So lang du den Schmerz erfühlest,
Der mich meidet,
Ist Christus unerkannt
Im Weltenwesen wirkend.
Denn schwach nur bleibet der Geist,
Wenn er allein im eignen Leibe
Des Leidesfühlens mächtig ist.
[ 15 ] Ja, meine lieben Freunde, jetzt sind die Zeiten, in denen eine jede Seele, die gelernt hat in die geistige Welt aufzuschauen, die bittenden Gedanken an die Geister richten muß, von denen sie sich geschützt glaubt, daß diese Geister helfen mögen, uns in der richtigen Weise in die Zeit hineinzuführen. Und empfinden werden wir das Rechte in unserem Herzen, die rechten Kräfte in unserer Seele, wenn wir uns zu dem Geiste wenden, der uns führen soll durch unsere Erdeninkarnationen hindurch zu unserm eigenen Rechten. Und wie können wir wissen, daß unsere Bitten sich an den rechten Geist wenden? Wir können es empfinden, wenn wir uns an diesen Geist so wenden, wie es im Sinne des wahren ChristusImpulses ist.
[ 16 ] Denn der Geist, der uns zum Rechten führt — dessen können wir sicher sein, meine lieben Freunde —, er ist mit dem Christus verbunden. Er hält Zwiesprache mit dem Christus. Er hält solche Zwiesprache mit dem Christus in der geistigen Welt, daß aus dem, wofür jetzt gekämpft wird, wofür jetzt Blut vergossen wird, das Rechte zum Heil der Menschheit geschehe. Im Geiste des Christus wenden wir uns an den Geist, von dem wir beschützt sein wollen. Dann wird es der richtige Geist sein.
[ 17 ] Was das Wesen eines Geistes ist, das nennt man in der Sprache der Geisteswissenschaft das Alter eines Geistes. Darum kommt dieses Wort in der Formel vor, von der jetzt Euch Mitteilung geschehen soll. Das Wort Alter bedeutet darin etwa dasselbe wie das Wesen des Geistes. Denn danach, wie die Geister alt sind, haben wir sie Ja unterscheiden gelernt. Wir sprechen von luziferischen und ahrimanischen Geistern gerade in diesem Sinne, daß wir wissen: sie entwickeln in einem ihnen unrecht zukommenden Alter das, was im richtigen Zeitalter das der Welt Angemessene in der Entwickelung ist. Daher sprechen wir von dem Alter eines Geistes, wenn wir von seiner Wesenheit sprechen. Die Formel, die jetzt mitgeteilt werden soll, heißt:
Du, meines Erdenraumes Geist,
Enthülle deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns.
[ 18 ] Ja, versuchen wir fruchtbar zu machen dasjenige, was sich in unsere Seelen pflanzen konnte im Laufe unseres geistigen Strebens, versuchen wir, dieses so fruchtbar zu machen, daß wir erhoffen können, unseren Prüfungen gewachsen zu sein. Versuchen wir den Glauben, daß Liebe die Seele unseres geistigen Strebens ist, zu erweisen in einer Zeit, in welcher Liebe, Liebe, Liebe notwendig ist!
[ 19 ] Meine lieben Freunde, das war es, was mir am Herzen lag, zu Euren Seelen gerade am heutigen Abend zu sprechen. Möge die Liebe, an die wir so oftmals appelliert haben, in uns kräftig Wurzel fassen. Mögen wir die Möglichkeit finden, in ernsten Zeiten treu zusammenzuhalten selber und zusammenzuhalten mit allen heiligen Gütern der Menschheit. Dieses, meine lieben Freunde, mit meinen Empfindungen zu verbinden und immer wieder und wieder auch meine Gedanken mit den Eurigen zu vereinigen in den nächsten Zeiten, das verspreche ich Euch. Und möge uns beschieden sein nach dem Erleben der Symbole, von denen in den Eingangsworten des heutigen Abends gesprochen worden ist, nachdem in unserem Dornacher Bau widergehallt hat der Ton des Krieges, widergeschienen hat der Lichtschein des Krieges, möge uns beschieden sein, dafß gesprochen werden dürfe in kürzerer oder längerer Zeit in diesem Bau das Wort von der Zuversicht in den Sieg und die Sieghaftigkeit des Geistes, gesprochen werden dürfe in dem Bewußtsein, daß dieser Bau von seiner erhöhten Stelle aus herabschaut auf eine Menschheit, welche durch die schweren Prüfungen und durch die schweren Kämpfe dieser Zeiten sich ein Rechtes, ein Gutes, ein Schönes, ein Wahres innerhalb der Menschheitsentwickelung erkämpft hat. Mögen die Tage des Kampfes so verlaufen, daß in den künftigen Tagen des Friedens mit Befriedigung auf die Opfer zurückgeschaut werden darf, welche diese Zeiten gefordert haben.
[ 20 ] Hoffen möchte ich, daß diese Worte, die ich am heutigen Abend zu sprechen versuchte, Eure Seelen mit derjenigen Tiefe berühren, von der ich glaube, daß sie aus ihr entsprungen sind. Mögen sie Euch einiges sein in den Zeiten, in denen mancher von uns so viel zu ertragen hat. Mögen sie aber auch Euch dasjenige sein können, was alle die Herzen, die jetzt mit edler Begeisterung und mit frohem Kampfesmute erfüllt sind, so erfüllt mit dieser edlen Begeisterung und mit diesem Kampfesmute, daß die Geister, die da wissen, was das Rechte ist, in diese Herzen mit Befriedigung schauen werden. Erfüllen wir uns mit solchen Gesinnungen, und wir werden die Möglichkeit haben, am rechten Orte das Rechte zu tun. Das ist es, wozu uns unsere geistige Arbeit, die wir nun schon seit Jahren zu vollbringen versuchten, Kraft geben soll und Kraft geben möge.
[ 21 ] Auf Wiedersehen, meine lieben Freunde, in dieser Gesinnung und aus diesen Empfindungen des Herzens heraus!
