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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenschicksale und Völkerschicksale
GA 157

31 Oktober 1914, Berlin

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Meine heben Freunde! Auch heute sollen unsere ersten Gedanken denjenigen gelten, die draußen im Felde stehen und mit ihrem Leibe und mit ihrem ganzen Sein für das einzutreten haben, was unsere Zeit von ihnen fordert. Wir richten daher die Gedanken an diejenigen geistigen Wesenheiten, welche diese draußen im Felde Stehenden in Schutz nehmen.

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 2 ] Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, sprechen wir:

Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 3 ] Und der Geist, den wir seit vielen Jahren während unseres Strebens suchten, der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Christus-Geist, der Geist des Mutes, der Geist der Kraft, der Geist der Einigung, der Geist des Friedens — Er möge walten über all demjenigen, was Ihr in diesen Tagen zu verrichten habt!

[ 4 ] Mehr als zu anderen Zeiten muß in diesen Tagen, in diesen Wochen schwerer Ereignisse der Ernst unseres geistigen Strebens unsere Seelen durchweben, der Ernst, aus dem heraus wir empfinden können, wie mit allem wahrhaft Menschlichen dasjenige zusammenhängt, was wir durch unsere geistige Strömung erstreben. Wir streben das an, was nicht allein zu dem vorübergehenden Sein des Menschen spricht, zu demjenigen Sein, welches hingeht mit des Menschen physischem Leibe; wir sprechen von Weistümern, wir sprechen von Seelen- und geistigen Kräften, welche sich unmittelbar an jenes höhere Selbst im Menschen richten, welches mehr ist als dasjenige, das hinwelken kann mit dem Leibe und seinem Dasein. Wir haben oftmals das Wort Maja gebraucht von den äußeren Erscheinungen, und wir haben es oft betont, daß die äußeren Erscheinungen, die Zusammenhänge des physischen Lebens dadurch eine Maja werden, daß? der Mensch sie eben mit seiner Erkenntnis, mit seinem Erkenntnisvermögen nicht richtig durchdringt, durchschaut und dadurch nicht empfindet, nicht vernimmt, was als das Bedeutungsvolle, als das eigentlich Wesenhafte aus den äußeren Erscheinungen zu uns spricht; sondern daß mit seinem Erkenntnisvermögen dieser Mensch selber einen Schleier, ein Gewebe der Täuschung über die äußeren Ereignisse hinzieht. Dadurch werden sie zur Maja.

[ 5 ] Ein Weistum darf vor allem in diesen Tagen vor unsere Seele treten, weil wir ja verstehende Liebe, liebendes Verständnis desjenigen suchen, was um uns herum vorgeht, ein Weistum kann insbesondere vor unsere Seele treten, eine Erkenntnis, die ja im Grunde genommen im Mittelpunkte steht von alledem, was wir erkenntnismäßig erstreben. Aber sie muß eben in diesen Tagen vor unsere Seele treten mit all dem tiefen Ernst und der sittlichen Würde, die in ihr ist. Das ist die Erkenntnis — sie ist uns Ja schon zur einfachsten, elementarsten Erkenntnis des geistigen Lebens geworden von der Wiederkehr der Erdenleben, die Wahrheit, daß unsere Seele im Laufe der Zeiten von Leib zu Leib schreitet. Dem gegenüber, was da als das Ewige im Menschen von Leib zu Leib eilt in der Aufeinanderfolge der irdischen Inkarnationen des Menschen, steht das, was mit dem leiblich-physischen Dasein des Menschen zusammenhängt, steht das auf dem physischen Plan, was diesem äußeren physisch-leiblichen Dasein des Menschen die Konfiguration, die Formation, das Gepräge gibt. Und zu alledem, was dieses äußere Gepräge gibt, was gleichsam den Charakter des Menschen bedingt, insofern er in einem physischen Leibe auf dem physischen Plan lebt, gehört insbesondere dasjenige — wir dürfen in keinem Augenblicke, besonders in dieser Zeit, das vergessen —, was man zusammenzufassen hat unter dem Ausdruck der Nationalität. Wenn wir den Seelenblick auf das richten, was wir als des Menschen höheres Selbst bezeichnen, da verliert der Ausdruck Nationahität seine Bedeutung. Denn zu alledem, was wir ablegen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, gehört der ganze Umfang desjenigen, was sich befaßt mit dem Ausdruck der Nationalität. Und wenn wir im Ernste dasjenige sein wollen, als was wir uns als geistig strebende Menschen wissen wollen, so geziemt es sich für uns, daran zu denken, daß der Mensch, indem er durch seine aufeinanderfolgenden Inkarnationen geht, nicht einer, sondern verschiedenen Nationalitäten angehört, und daß das, was ihn mit der Nationalität verbindet, eben zu demjenigen gehört, was abgelegt wird, in dem Augenblicke abgelegt werden muß, da wir durch die Pforte des Todes gehen.

[ 6 ] Wahrheiten, die in das Gebiet des Ewigen gehen, brauchen nicht leicht zu begreifen zu sein. Sie können schon solche sein, gegen die sich auch zu gewissen Zeiten das Gefühl sträuben mag; die man sich besonders in schwierigen Zeiten schwierig erringen und in diesen schwierigen Zeiten schwierig auch in ihrer vollen Stärke und Klarheit bewahren kann. Aber der wahre Anthroposoph muß das, und er wird gerade dadurch zum rechten Verständnisse dessen kommen, was ihn in der äußeren physischen Welt umgibt. Die Bausteine zu diesem Verständnisse sind ja bereits in unserem anthroposophischen Streben dargebracht worden. In dem Vortragszyklus über die Volksseelen finden Sie gewissermaßen alles das enthalten, was Verständnis geben kann über den Zusammenhang der Menschen, insofern diese Menschenwesen im Ewigen sind, mit ihren Nationalitäten. Diese Vorträge wurden allerdings inmitten des Friedens gehalten, wo die Seelen geeigneter und bereiter sind, um objektive, ungeschminkte Wahrheiten voll aufzunehmen. Vielleicht ist es schwierig, diese Wahrheiten heute in derselben objektiven Weise zu bewahren, wie sie damals hingenommen worden sind. Aber gerade dadurch werden wir unsere Seelen in der allerbesten Weise zu der Stärke bereiten, die sie heute brauchen, wenn wir auch heute diese Wahrheiten in der objektiven Weise hinnehmen können.

[ 7 ] Stellen wir vor unser Seelenauge das Bild des auf dem Schlachtfelde durch die Pforte des Todes gehenden Kriegers. Begreifen wir, daß dies ein ganz besonderer Fall ist, durch die Pforte des Todes zu gehen. Begreifen wir, daß der Eintritt erfolgt in eine Welt, welche wir mit allen Fasern unseres seelischen Lebens durch die Geisteswissenschaft suchen, damit sie uns Klarheit hereinbringt auch in das physische Leben. Bedenken wir, daß durch den Tod der Eintritt in diese geistige Welt erfolgt, in die nicht unmittelbar andere Lebensimpulse mitgenommen werden können — weil sie nicht fruchtbar wären — als diejenigen, die unser geistiges Streben beleben und die doch zuletzt darauf ausgehen, 'ein brüderliches Band zu schlingen um alle Menschen des Erdenrundes. In einem höheren Lichte erscheint uns dann ein Volksausspruch, der einfach ist, wenn wir ihn mit anthroposophischer Weisheit beleuchten, der Volksausspruch: Der Tod macht alle gleich. Er macht sie alle gleich: Franzosen und Engländer und Deutsche und Russen. Das ist doch wahr. Und stellen wir dagegen dasjenige, was uns heute auf dem physischen Plan umgibt, so werden wir wohl den Grund empfinden, um auf diesem Felde über die Maja hinüberzukommen und in den Ereignissen ihr Wesenhaftes zu suchen. Stellen wir dem gegenüber, mit welchen Haß- und Antipathiegefühlen Europas Völker in dieser Stunde erfüllt sind. Stellen wir dem gegenüber alles das, was von den einzelnen Gebieten der europäischen Erde die einzelnen Völker gegeneinander empfinden und in dem, was sie reden und schreiben, zum Ausdruck bringen. Stellen wir auch einmal vor unser Seelenauge alles dasjenige hin, was da an Antipathien sich seelisch auslebt in unserer Zeit.

[ 8 ] Wie sollen wir in der Wahrheit diese Dinge ansehen? Wo liegt auf diesem Gebiete das, was hinüberführt über die Maja, über die große Täuschung? Wir lernen auf der Erde einander nicht kennen, wenn wir uns so ansehen, daß wir in dem allgemein Menschlichen ein Abstraktes anschauen, sondern wir lernen uns nur dadurch kennen, daß wir in die Lage kommen, wirklich die Eigentümlichkeiten der Menschen, die über die Erde verbreitet sind, zu verstehen, in ihrer Konkretheit zu verstehen, in dem, was sie im einzelnen sind, wie man einen Menschen im Leben nicht dadurch kennenlernt, daß man einfach sagt: er ist ein Mensch wie ich, und er muß alle Eigenschaften haben wie ich auch, sondern daß man von sich absieht und auf seine, des anderen Eigenschaften eingeht.

[ 9 ] Nun ist in dem Vortragszyklus über die Volksseelen gezeigt, wie das, was als Seelenglieder in uns vorhanden ist — Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele, Ich und Geistselbst — verteilt ist auf die europäischen Nationen; wie jede Nationalität im Grunde genommen eine Einseitigkeit repräsentiert. Und weiter ist dort ausgesprochen, daß so, wie die einzelnen Seelenglieder in uns selbst zusammenzuwirken haben, so haben in Wahrheit die einzelnen Nationalitäten zusammenzuwirken zu der gesamteuropäischen Seele. Wenn wir auf die italienische, auf die spanische Halbinsel hinblicken, so finden wir, daß dort das Nationale sich auslebt als Empfindungsseele. In Frankreich lebt es sich aus als Verstandes- oder Gemütsseele. Wenn wir auf die britischen Inseln gehen, so sehen wir, wie es sich als Bewußtseinsseele auslebt. In Mitteleuropa lebt sich das Nationale aus als Ich. Und wenn wir nach dem Osten hinüberblicken, so ist dies die Gegend, wo es sich auslebt — obwohl der Ausdruck nicht ganz richtig ist, wie wir nachher sehen werden — als Geistselbst. Was sich so auslebt, steht im Nationalen darinnen. Aber das, was im Menschen das Ewige ist, das geht über das Nationale hinaus, das sucht der Mensch, wenn er sich geistig vertieft. Dem gegenüber ist das Nationale nur ein Kleid, eine Hülle, und der Mensch erhebt sich um so höher, je mehr er sich zu dieser Einsicht durchringen kann. Insofern aber der Mensch in der physischen Welt lebt, lebt er eben in der nationalen Hülle, in dem, was seiner äußeren Leiblichkeit die Konfiguration gibt, was im Grunde genommen auch gewissen Eigenschaften, Charaktereigentümlichkeiten seiner Seele die Konfiguration gibt.

[ 10 ] Und nun sehen wir in Abneigung, in Haß die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten gegeneinander. Ich spreche jetzt nicht von dem, was im Waffenkampfe vor sich geht. Ich spreche von dem, was in den Gefühlen, in den Leidenschaften der Menschenseelen vor sich geht. Da haben wir eine Seele: die hat sich darauf vorzubereiten, nun empfangen zu werden von einer geistigen Welt, durch welche sie nun zwischen dem Tode und der nächsten Geburt durchzugehen hat, und welche sie führen wird zu einer Inkarnation, die einer ganz anderen Nationalität angehören wird als der, welche sie verläßt. Gerade an dieser Tatsache sehen wir am besten, am klarsten, am stärksten, wie sich der Mensch gegen das sträubt, was sein eigenes höheres Selbst in ihm ist. Blicken wir heute auf irgendeinen «Nationalen», auf einen national Fühlenden, der insbesondere seine Antipathie gegen die Angehörigen einer anderen Nationalität wendet, vielleicht sogar in seinem Lande gegen diese andere Nationalität wütet: was bedeutet dieses Wüten, diese Antipathie? Es bedeutet das Vorgefühl: in dieser Nationalität wird meine nächste Verkörperung sein! Schon ist im Unterbewußten das höhere Selbst verbunden mit der anderen Nationalität. Gegen dieses höhere Selbst sträubt sich das, was auf dem physischen Plan eingesponnen ist in die Nationalitäten des physischen Planes. Das ist das Wüten der Menschen gegen ihr eigenes höheres Selbst. Und wo dieses Wüten am stärksten ist, wo am meisten gehaßt und gelogen wird über andere Nationalitäten, da ist für den, der die Sachen nicht mit Maja, sondern mit Wahrheit ansieht, der wahre Grund dafür der, daß bei den Angehörigen jener Nation, die gegen eine andere am meisten wütet, am grausamsten sich benimmt und am meisten lügt, die Tatsache vorliegt, daß ein großer Teil ihrer Angehörigen mit der nächsten Inkarnation überzugehen hat in jene andere Nationalität.

[ 11 ] Das ist der Ernst unserer Lehre, das ist die sittliche Würde, die dahintersteckt. Vieles im Menschen sträubt sich gegen die Anerkennung seines höheren Selbstes, seines Ewigen; vieles, unendlich vieles. Daher ist es in der Gegenwart ungeheuer schwierig, objektiv zu reden. Es ist immerhin eine eigentümliche Erscheinung, eine ganz eigentümliche Erscheinung, daß, bevor dieser Krieg begonnen hat, unendlich anerkennende Stimmen von England herübergekommen sind gegenüber deutschem Charakter, deutscher Tüchtigkeit, namentlich aber gegenüber deutschem Geistesleben. Eine Probe dafür versuchte ich im letzten öffentlichen Vortrage zu geben. Diese Beispiele könnten ins Ungeheure vermehrt werden, und sie sollen auch noch vermehrt werden. Was war das?

[ 12 ] Okkultistisch angesehen, war es das Gefühl dafür, daß tatsächlich in dem, was im letzten öffentlichen Vortrage gesagt worden ist über den faustischen Seelencharakter, der in Mitteleuropa angestrebt wird, etwas Sichverjüngendes liegt, etwas das Spirituelle Suchendes, etwas zum Spirituellen Vorbereitendes, etwas, zu dem sich ganz Europa hinwenden wird, wirklich hinwenden wird; das wurde in den Zeiten, welche den unsrigen vorangegangen sind, instinktiv erfühlt. Man wollte etwas verstehen von dem, was da in Mitteleuropa vorgeht. Man wird aber, da man im Nationalen steht, ganz verständnisvoll damit verbunden sein können erst im Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Da wird man verständnisvoll damit verbunden sein können; da wird man den Weg hinfinden zu den mitteleuropäischen Lehrern. Es ist sogar unangenehm, dies jetzt zu sagen, weil es von dem Angehörigen Mitteleuropas wie eine Renommisterei aussieht; aber man muß schon die objektiven Wahrheiten sagen. Was aber so instinktiv empfunden wird, was gesucht werden wird im Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Die Vereinigung mit Seelen, die so nach dem allgemein Menschlichen gestrebt haben, mit der Goethe-Seele, mit der Schiller-Seele, mit der Fichte-Seele was da empfunden wurde von der Tatsache, daß man, wenn man durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufsuchen wird vor allem die Goethe-Seele, die Fichte-Seele, die Schiller-Seele und andere Seelen, die in Mitteleuropa ihre letzte Inkarnation hatten —, gegen diese Tatsache, die sich so instinktiv ausgesprochen hat, sträubt sich noch ein letztes Mal unendliches nationales Leidenschaftliches. Wenn wir dieses Sträuben in die Worte gekleidet empfinden, die jetzt von Westen und Nordwesten so häufig zu uns herübertönen, so haben wir an die Stelle der Maja, der Täuschung, die verstandene Wirklichkeit gesetzt. Dann verstehen wir, wie der Erdenmensch, der in sich den ewigen Menschen hat, nicht will, was der ewige Mensch in ihm will; wie sich ihm die Liebe, die er im Ewigen empfinden muß, in Haß umwandelt im Zeitlichen.

[ 13 ] Wir werden am besten zur verstehenden Liebe, zum liebevollen Verständnis kommen, wenn wir uns in dem Sinne, wie es unsere geistige Wissenschaft uns geben kann, über die Charaktere der europäischen Menschheit unterrichten. Wir dürfen das, denn wir sprechen ja stets zum höheren Selbst des Menschen. Und wer mit uns denken und fühlen will, der anerkennt dieses höhere Selbst und kann daher alles hören, was über die äußere Hülle gesprochen werden muß; denn er weiß, daß die Rede von der äußeren Hülle ist.

[ 14 ] Es ist ja im gewissen Sinne jedem Volke eine bestimmte Mission auferlegt. Wir werden einmal, wenn wir den Bau in Dornach betreten, in der Aufeinanderfolge der Säulen, ihrer Kapitäle und der Architrave darüber, in den Formen ausgedrückt finden, was in den europäischen Impulsen zum Ausdruck kommt. Doch darüber will ich jetzt nicht sprechen, weil es gut ist, darüber zu sprechen, wenn man den Bau vor sich hat. Das habe ich vor einigen Tagen dort getan. Wenn wir aber das, was ohne dieses auf unsere Seele Eindruck machen kann, uns vor Augen halten, dann erkennen wir vor allen Dingen in den Bewohnern der südlichen Halbinseln — Italien und Spanien — Völker, die gewissermaßen in ihrer modernen Mission alles wiederkehren lassen, was in alten Zeiten während der dritten nachatlantischen Kulturperiode sich abgespielt hat, in der ägyptisch-chaldäischen Kultur. Sobald wir dies verstehen, blicken wir erst richtig in die Seele des italischen oder spanischen Nationalen. Das läßt sich bis in die Einzelheiten hinein verfolgen. So daß man sagen kann: was sich uns geistig darstelle, wir finden es in der Wirklichkeit. Und was ist denn das Charakteristische — wir haben es so oft besprochen — der ägyptisch-chaldäischen Kultur gewesen? Das war es, daß große, kosmische Astrologie empfunden wurde! Daß man Sterne und Sternbilder nicht in der Weise ansah, wie wir heute dieselben ansehen, sondern daß man geistige Wesen sah, welche in diesen Sternbildern ihre äußeren Verkörperungen hatten; daß man überall Geistiges ausgebreitet sah. Wenn sich das wiederholen soll als nationale Aufgabe in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, so muß es sich so wiederholen, daß es seelisch verinnerlicht ist, daß ihm das große kosmische Tableau der Ägypter und Chaldäer wie aus der Seele neugeboren entgegentritt. Wo wäre das klarer der Fall als dort, wo die Kultur der italischen Halbinsel ihren Höhepunkt erreicht hat, in Dantes «Göttlicher Komödie»? Aber bis in die Einzelheiten ist es so, daß, wie aus der Seele herausgeboren, innerlich wiedererstanden das zutage tritt, was in der alten ägyptisch-chaldäischen Kultur vorhanden war.

[ 15 ] Was in der griechischen Kultur das Wesentliche war, tritt im französischen Volke zutage, sogar bis in die Charaktere der führenden Persönlichkeiten. Voltaire zum Beispiel wird man nur verstehen, wenn man ihn mit einem wirklichen Griechen vergleicht. Und wenn man sich die Formen der Kunstwerke Corneilles, Racines ansieht, so wird man sehen, wie gerungen wird mit der griechischen Form. Das hat ja eine große kulturhistorische Bedeutung. Das Ringen mit der äußeren Form, mit dem, was Aristoteles über die Form erkundet hat, das lebt in Racine und Corneille fort. Und wenn wir das, was in der vierten nachatlantischen Kulturperiode tonangebend war als Kultur der Verstandes- oder Gemütsseele, wiedersuchen in der französischen Kultur, dann müssen wir dort das finden, was sich in ihr als Größtes ausspricht, was sich, indem sich die Verstandes- oder Gemütsseele hermacht über die Welt, damit gerade befassen kann. Der größte Dichter also, der nicht seinesgleichen finden kann in solcher Form, muß ein solcher sein, daß er aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus gestaltet. Da erreicht ein Volk seine Größe, wo es seine Unvergleichlichen an die Oberfläche bringt. Wer ist in der französischen Dichtung der, der nicht übertroffen werden kann? Das ist Moliere! Da erreicht die französische Seele ihre eigentliche, charakterisierte Höhe; da kann sie nicht übertroffen werden. Ein Abglanz davon wirkt noch in Voltaire.

[ 16 ] Was nun nicht eine Wiederholung von Altem ist, sondern hereingehört in den fünften nachatlantischen Zeitraum, was gleichsam eine Neuschöpfung dieses Zeitraumes ist, das ist die britische Seele. Dieser fünfte nachatlantische Zeitraum strebt ja vorzugsweise nach der Entfaltung der Bewußtseinsseele; stellt diese heraus. Die Bewußtseinsseele ist besonders ausgeprägt in der britischen Volkseigentümlichkeit. Das Eigentümliche der britischen Seele ist dieses Stehen gegenüber den Ereignissen. Schon vor vierzehn, fünfzehn Jahren, als ich die erste Auflage der «Rätsel der Philosophie» schrieb, habe ich danach gerungen, einen Ausdruck zu finden für die britischen Philosophen; und damals ergab sich mir: Sie sind Zuschauer des Lebens; sie stellen sich hin, wie sich die Bewußtseinsseele als Zuschauer dem Leben gegenüber hinstellt. Und wer ist der größte Schöpfer der britischen Seele, der sich hinstellt und die britischen Charaktereigentümlichkeiten bis in die tiefste Seele hinein zum Ausdruck bringt? Das ist Shakespeare! Da ist die britische Seele unvergleichlich im Zuschauerzustande.

[ 17 ] Gehen wir jetzt hinüber nach Mitteleuropa, so finden wir, «was immer wird und niemals ist», wie ich es schon im öffentlichen Vortrage charakterisiert habe: das eigentliche Ich, das Innerlichste des Menschen. Wie verhält es sich zu den Seelengliedern? Es bildet seine einzelnen Beziehungen zur Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und zur Bewußtseinsseele; es zieht die Fäden zu allen hin. Betrachten wir das gleich an Goethe! Wir sehen, wie er sich sehnt nach Italien. Und wie wir es bei ihm sehen, so haben sich die Besten Mitteleuropas immer gesehnt nach Italien, um das zu finden, was das Ich befruchtet und was es empfängt aus der Empfindungsseele heraus. Und mit der Verstandes- oder Gemütsseele tauscht das Ich die Kräfte gegenseitig aus. Versuchen wir im Laufe der Jahrhunderte zu sehen, wie jenes enge Band, welches zwischen Ich und Verstandes- oder Gemütsseele besteht, tatsächlich auch da ist. Beachten wir, wie noch Friedrich der Große, der deutscheste Fürst, eigentlich nur französisch spricht und schreibt, wie er auch besonders die französische Kultur schätzt, was sich zum Beispiel in seinem Verhältnis zu Voltaire zeigt. Ebenso sehen wir, wie der deutsche Philosoph Leibniz seine Werke in der französischen Sprache schreibt. Das ist gerade so, wie es das Ich mit der Verstandes- oder Gemütsseele macht. Und wenn das Ich aus den Tiefen der Seele heraus nach dem sucht, wonach es strebt, da drängt sich etwas aus den Tiefen des Ich, aus unergründlichen Tiefen des Ich herauf: die Bewußtseinsseele sucht es zu erfassen. Wir sehen es an Goethe. Ich habe oft auseinandergesetzt, daß er zu ergreifen sucht, wie die Organismen auseinander hervorgehen; eine große umfassende Lehre der Organismen stellt er auf. Das geht aus der Tiefe des Ich hervor. Doch das kann man nicht gleich verstehen; die Menschheit braucht einen leichteren Verstand; sie braucht die Dinge so, wie sie sich aus der Bewußstseinsseele ergeben. Sie nimmt nicht das, was Goethe gegeben hat, sondern sie nimmt dasselbe in der Übersetzung in die Bewußitseinsseele an, sie nimmt Darwin an. Heute sind wir noch nicht so weit, daß man Goethes «Farbenlehre» anerkennen kann, aber die Übersetzung derselben in die Bewußtseinsseele, die man bei Newton findet, gilt heute allgemein als physikalische Lehre.

[ 18 ] Diese Dinge weisen uns hinein in die Art und Weise, wie sich die einzelnen, jetzt aber nationalen Charaktere gegenüberstehen, und wir erheben uns von der äußeren Maja, in welcher die Menschen befangen sind, zur Wahrheit, wenn wir die Dinge geisteswissenschaftlich betrachten lernen, zu jener Wahrheit, die uns zeigen kann, daß so, wie die einzelnen Seelenkräfte im Menschen Krieg führen, auch die einzelnen in den Volksseelen inkorporierten Seelenkräfte miteinander den Krieg führen. Und es ist kein Zufall, daß in unserer Zeit — wo das, was eben gesagt worden ist, als Lehre hervorgetreten ist — der große Lehrmeister, der Krieg auftritt, der auf so blutige, auf so furchtbare Weise zu den Menschen spricht, was wir auch geistig zu den Menschen sprechen. Es ist kein Zufall, daß, während wir dieses hier so besprechen dürfen, draufen vielleicht eines der blutigsten Ringen waltet, und daß es im Grunde genommen denselben Wahrheiten entspricht, die man nur durchdringen muß in der Maja, um sie in der Wirklichkeit zu verstehen.

[ 19 ] Wir müssen einmal, um über diese Dinge zu sprechen, von den Worten hinwegfegen alle Empfindungsnuancen von Antipathie und Sympathie und sie nur als Charakteristika gebrauchen, dann werden wir die Sachen in der richtigen Weise verstehen. Denn es handelt sich um Dinge, die das Selbst des Menschen in sich trägt, insofern es eingehüllt ist in das Nationale. Das können wir nun bis in die Einzelheiten verfolgen. Ich will zunächst, um vorzubereiten zu dem, was wir verstehen sollen, eines sagen.

[ 20 ] Nehmen wir den Angehörigen Mitteleuropas, der in der Ich-Kultur lebt. In dem öffentlichen Vortrage habe ich gesagt: der Bewohner Mitteleuropas strebt so nach seinem Gott, daß er mit dem Gotte verbunden ist; er will mit seinem Gott zusammensein. Wenn wir auf das Denken schauen, können wir den allgemeinen Satz aussprechen: der Mensch denkt. Aber mit dem allgemeinen Satze «der Mensch denkt» ist eigentlich ungemein wenig gesagt, ist recht wenig gesagt. Man muß gerade durch die Geisteswissenschaft lernen, genauer zu schauen. Man muß allmählich lernen, an die Stelle desjenigen, was so gedankenlos hingesprochen wird, das Richtige zu setzen. Für die, welche sich nicht besonders um die realen Verhältnisse kümmern, ist es ja richtig, was so hingesprochen wird. Aber richtig ist es, wenn man sagt: der Bewohner Mitteleuropas oder Skandinaviens denkt — «denkt» als Tätigkeit betrachtet, weil es auf die Entfaltung des Denkens ankommt. Daß das Seelenwesen denkt, darauf kommt es in Mitteleuropa bis in die nordischen Länder hinauf an. Das Verbundensein des Menschen mit dem Gedanken ist so, daß dieser Gedanke das ureigenste Täugkeitsprodukt der Seele ist, daß die Tätigkeit der Seele nichts anderes ist als das Sichverfangen der Seele im Gedanken.

[ 21 ] Vom Franzosen in derselben Weise zu sprechen, ist nicht richtig. Da müssen wir sagen: er hat Gedanken. Denn «denken» und «Gedanken haben» ist im feineren Unterschiede nicht dasselbe. Zum Verständnis der Sache kann das helfen, was in den «Rätseln der Philosophie» ausgesprochen ist. Im Westen Europas hat man Gedanken; die Gedanken sind etwas, was kommt, was einem gegeben wird, wie einem auch die Sinnesempfindungen gegeben werden. So ist es auch mit den Gedanken: sie treten herein in die Seele, sie leben sich in ihr aus, man hat sie, man berauscht sich auch an ihnen, man ist beglückt, sie zu haben. Dem Deutschen wirft man sogar vor, daß seine Gedanken etwas Kaltes haben. Das kann vielleicht schon sein, weil er sie erst bilden muß in seiner individuellen Seele; sie müssen erst dort warm gemacht werden, und sie bleiben nur solange warm, als sie in der unmittelbaren Tätigkeit sind.

[ 22 ] Das nur zur Vorbereitung. Denn in der Tat: in den einzelnen nationalen Äußerungen nehmen wir überall das Ausleben dessen wahr, was in den Prinzipien der Geisteswissenschaft gegeben ist, welche Sie in den Vorträgen über die Volksseelen finden. Nehmen wir einzelne Äußerungen der nationalen Charaktere.

[ 23 ] Der italienische, der spanische Charakter ist bestimmt durch die Empfindungsseele. Bis in die Einzelheiten können wir das im Leben verfolgen. Wir finden überall — das bezieht sich natürlich nicht auf das Leben im höheren Selbst — die Empfindungsseele. Sobald sich der Mensch dieser Länder im Nationalen auslebt, lebt er sich aus in der Empfindungsseele. Diese ist insbesondere anhänglich an alles, was Heimat ist, und empfindet als einen Gegensatz dazu die Fremde. Suchen Sie nun zu verstehen, was zum Beispiel alles im italienischen Nationalen lebt, so werden Sie finden, daß der Italiener den anderen, der Nicht-Italiener ist, als den Fremden empfindet, der in der Fremde lebt. Und alle Kämpfe, welche im neunzehnten Jahrhundert in Italien geführt worden sind, wurden im ausgesprochensten Maße um die Heimat geführt. Das ist die Wiederholung der ägyptisch-chaldäischen Kultur.

[ 24 ] Sehen wir jetzt auf den Bewohner Westeuropas, des französischen Gebietes. Wie gesagt, wir müssen dabei alles abstreifen, was Sympathien und Antipathien sind! Er wiederholt die griechische Kultur. Er wird daher den Auswärtigen auch so empfinden, wie ihn der Grieche empfunden hat: er nennt ihn Barbar. — Eine Wiederholung des Griechentums! — Man kann es verstehen, trotzdem es gegossen ist in die wütendsten Antipathiegefühle. Und es ist immer etwas von der Nuance dabei, wie man im alten Griechenland von der nichtgriechischen Menschheit gesprochen hat.

[ 25 ] Dem englischen Volke ist besonders übertragen die Pflege der Bewußtseinsseele, die sich auslebt im Materialismus. Da muß man besonders alles abstreifen, was Antipathien sind. Die Pflege des Materialismus bringt hervor, was die Menschen einfach im Raume nebeneinander hinstellt. Darin zeigt sich etwas, was in den Zeiten vorher gar nicht in dieser Weise empfunden wurde: man empfindet den Konkurrenten. Die Bewußtseinsseele empfindet den anderen als Konkurrenten im physischen Dasein.

[ 26 ] Wie ist es bei den Bewohnern Mitteleuropas, bis zu den Skandinaviern? Es würde zu anderen Zeiten ungemein verlockend sein, dies in seinen Einzelheiten durchzuführen. Was empfindet der Deutsche, wo er dem anderen gegenübersteht, da, wo der Italiener den Fremden, der Franzose den Barbaren, der Engländer den Konkurrenten empfindet? Man muß überall die prägnanten Worte dafür finden: der Deutsche hat den Feind, dem man gegenübersteht, zum Beispiel auch im Duell, wobei gar nichts damit verbunden zu sein braucht von irgendeiner Antipathie sogar, sondern wo man kämpft um die Existenz oder um etwas, was mit der Existenz zusammenhängt. Der Feind braucht nicht in der geringsten Weise herabgemindert zu sein. Es läßt sich dies wieder bis in die Einzelheiten verfolgen. Gerade dieser Krieg zeigt, daß der Deutsche dem Feind gegenübersteht wie im Duell.

[ 27 ] Blicken wir nun nach Osten. Wir haben davon gesprochen, daß auf den südlichen zwei Halbinseln die Empfindungsseele sich auslebt, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemütsseele, auf den britischen Inseln die Bewußtseinsseele; in Mitteleuropa bis hinauf nach Skandinavien lebt das Nationale sich aus im Ich, wobei es sich in den einzelnen Gebieten differenziert, aber im ganzen von dem, was man Ich-Seele nennt, empfunden wird. Als Geistselbst, sagte ich, lebt es sich aus im Osten. Was ist der Charakter des Geistselbst? Es kommt heran an den Menschen, senkt sich auf ihn herunter. Im Ich strebt man; in den drei Seelengliedern strebt man auch; das Geistselbst senkt sich herunter. Es wird schon einmal über den Osten als wirkliches Geistselbst sich heruntersenken. Die Dinge sind wahr, die wir oft betont haben. Aber dazu gehört Vorbereitung, Vorbereitung von der Art, daß die Seele empfängt, daß sie sich einarbeitet in dem Empfangen. Was hat denn das russische Volk bis jetzt im Grunde genommen anderes getan als empfangen? Wir haben innerhalb unserer Bewegung den größten russischen Philosophen, Solowjow, übersetzen lassen. Wenn wir uns in ihn hineinvertiefen — es ist alles westeuropäisches Geistesleben, westeuropäische Kultur. Es ist etwas anderes dadurch, daß es aus der russischen Volksseele herausgeboren ist. Aber was schwebt da, im Gegensatz zur westeuropäischen Kultur, im russischen Volke heran? Italien, Spanien ist die Wiederholung der dritten nachatlantuschen Kulturepoche, das französische Volk die Wiederholung der Kultur des alten Griechenland. Der Brite zeigt das, was neu hinzugekommen ist, aber was man ganz gewiß auf dem physischen Plan erwirbt. In Mitteleuropa ist es das Ich, das aus sich herausarbeiten muß. In Rußland haben wir das Empfangende. Empfangen worden ist zunächst das byzantinische Christentum, das sich wie eine Wolke niedergelassen hat und sich dann ausbreitete; und empfangen worden ist schon unter Peter dem Ersten die westeuropäische Kultur. Erst das Material, möchte man sagen, ist da zum Empfangen. Das, was da ist, ist Spiegelung des Westeuropäischen, und die Arbeit der Seele ist Vorbereitung zum Empfangen. Erst dann wird das Russentum in seinem rechten Elemente sein, wenn es so weit ist, daß es erkennt: es muß das, was in Westeuropa ist, empfangen werden, wie etwa die Germanen das Christentum empfangen haben, oder wie die Germanen in Goethe das Griechentum in sich aufgenommen haben. Das wird noch eine Weile dauern. Und weil sich gegen das, was der Mensch im Osten aufnehmen muß, sein Physisches sträubt, so sträubt sich noch der Osten gegen das, was zu ihm kommen muß. Das Geistselbst muß herunterkommen. Nun ist das, was da von dem Westen herüberkommt, zwar nicht das Geistselbst. Aber die Seele verhält sich so dazu, bereitet sich gleichsam schon vor, um zu empfangen. Als was sieht daher der Russe den anderen an? Als den, der «gegenübersteht», als den auf sein Bewußtsein Herabschwebenden. Daher ist der andere, der beim Italiener der Fremde, beim Franzosen der Barbar, beim Briten der Konkurrent, beim Deutschen der Feind ist, er ist dort der Ketzer. Daher hatte bis jetzt der Russe im Grunde genommen nur Religionskriege! Alle Kriege sind bisher nur Religionskriege gewesen. Alle Völker sollten befreit werden oder zum Christentum gebracht werden, die Balkanvölker und so weiter. Und jetzt auch empfindet der russische Bauer den anderen als das «Böse». Er empfindet den anderen als den Ketzer; er glaubt immer, Religionskriege zu führen. Jetzt auch! Diese Dinge gehen bis in die Einzelheiten hinein, und man lernt sie verstehen, wenn man den guten Willen dazu hat, wirklich in die Dinge hineinzuschauen. Und so können wir auch fragen: Wie erscheint uns nun das, was uns von Osten entgegentritt?

[ 28 ] Der Mensch ist gewissermaßen, wie er im physischen Leben dasteht, ungerecht gegen sein eigenes höheres Selbst. Wer in der Verstandes- oder Gemütsseele lebt, bei dem sich insbesondere die Phantasie ausbildet, der «hat» die Gedanken, dem stellt sich das, als was er sich selber vorkommen muß, insofern er ein Nationaler ist, hin vor sein höheres Selbst. Das empfindet er als seine Glorie, als das, was gleichsam ein drittes Selbst ist, ein nationales Selbst, das sich zwischen ihn, wie er als höheres Selbst ist und als nationaler Mensch, hineinstellt. Aus dem heraus kämpft er. Und nach dem Tode hat er zunächst dies zu überwinden, wenn er es nicht schon vorher durch die Geisteswissenschaft überwunden hat. Er muß durch das hindurch, was sich ihm zunächst vor die Seele stellt wie die Inspiration desjenigen, als was er sich selber vorstellt.

[ 29 ] Und der, welcher als Nationaler in der Bewußtseinsseele lebt? Er hat vor allem den Hang zu dem, was sich die Bewußtseinsseele in der physischen Welt aneignet. Das steht da wie eine wehtuende Erinnerung in der Welt, die sich ausbreitet im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.

[ 30 ] Der Bewohner Mitteleuropas sucht. Das tritt sogar zutage, wo er von den Gegnern abfällig besprochen wird, wenn gesagt wird, er sei nur dazu da, den Acker zu pflügen und in den Wolken zu suchen. Mag er immer wie weit gekommen sein: er sucht schon hier das geistige Selbst. Daher sucht er in gewissem Sinne schon in seinem Streben während der Erdenlaufbahn das hinwegzuschaffen, was immer hinweggeschafft werden muß, wenn man durch die Pforte des Todes eintritt in die geistige Welt.

[ 31 ] Wer seine letzte Inkarnation in einem Russenleibe durchgemacht hat, hat zunächst, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet, das Bewußtsein eines Angelos anzunehmen, wie in den Schoß eines Angelos einzugehen — wenn er sich nicht durch Geisteswissenschaft anders vorbereitet hat —, hat in das sich einzuleben, was von den nächsten Stufen der höheren Hierarchien herunterkommt.

[ 32 ] Aus allen diesen Gründen können wir sagen: Schauen wir nach Westen, so finden wir es natürlich, daß aus dem Wesen der Menschen, sofern sie Nationale sind, Kampf entsteht, denn der Nationale ist dort verbunden mit dem, was eben die äußere Hülle ist. Es ist ganz natürlich, daß Kampf entsteht. In der geistigen Welt kann das, was in dieser berechtigt ist, sich ungehindert ausbreiten. Das, als was man sich selber in seiner Phantasie erscheint, muß sich durch äußere Mittel geltend machen. Das bedarf, um hervorzutreten, daß es sich ausbreiten kann. Was die Konkurrenz sucht, muß sich selbstverständlich ausbreiten wollen. Wir finden es nicht unverständlich, daß von den Vertretern der Bewußtseinsseele Kampf herüberkommt. Wenn wir wirklich in Mitteleuropa das Ich suchen, so wollen wir sehen, ob die Eigenschaften des Ich schon anwendbar sind. Ich habe zum Beispiel schon hervorgehoben, daß das Ich jeden Morgen von neuem angefacht werden muß. Wenn wir in die Schlafenssphäre mit dem Ich hineingehen, so ist es in derselben unangefacht; jeden Morgen beim Aufwachen muß es aufs neue angefacht werden. Wenn ich von Österreich sprechen darf: schon in meiner Jugend wurde davon gesprochen, daß Österreich einmal bei dieser oder jener Gelegenheit zerfallen werde. Wir haben etwas anderes gewußt: es mag in sich noch so viel Zentrifugalkraft haben, es wird von außen zusammengehalten, es konnte nicht auseinanderfallen. Sehen wir auf Deutschland. Hat es einen Ich-Charakter in seinem Äußeren, in seiner Form? Es ist doch eine weithin sprechende Tatsache, daß durch einen großen Teil des Jahrhunderts die Deutschen getrieben haben zur Einigung. Im Innern haben sie dieselbe nicht geschaffen. Durch einen äußeren Anstoß, ja sogar nicht einmal in Deutschland, sondern im Äußeren, mitten in Frankreich, ist das heutige Deutschland zustande gekommen, wie es dem Ich-Charakter entspricht. Man versteht die Welt nur, wenn man sie geisteswissenschaftlich versteht. Das Ich hat im Grunde genommen nicht die Tendenz, um sich zu schlagen; denn die überschüssigen Kräfte des physischen Planes gehen dann über in das Geistige. Dieses könnte ja an der deutschen Geschichte, an der Geschichte Österreichs, an der Geschichte der skandinavischen Völker immer und immer wieder nachgewiesen werden. Daher das Bewußtsein ein richtiges ist: der Deutsche oder der Bewohner Mitteleuropas muß zum Kriege erst sozusagen herausgeholt werden; er kann ihn im Grunde genommen nicht aus sich selbst heraus beginnen. Wenn er einen Krieg aus Initiative führt, dann macht er es so, wie die Initiative es im Ich macht, und diese Kriege sind ja auch genügend im Innern geführt worden. So muß man das empfinden, was das Verhältnis Mitteleuropas zum Kriege ist.

[ 33 ] Aber was bildet sich für den, der Volkscharaktere empfinden kann, denn dann im Osten? Das ist überhaupt das Allerunnatürlichste, wenn der Russe Krieg führt. Und würde er sich selbst erkennen, so würde er es auch als das Allerunnatürlichste empfinden, Krieg zu führen. Wir im Westen, wenn wir auch alles Russische noch so gut verstehen, wir können keine Tolstoianer werden. Aber dem Russen ist es unnatürlich, Krieg zu führen. Ihm muß erst der Krieg aufgedrängt werden, denn er ist etwas für den tiefsten Volkscharakter Unnatürliches. Der Russe steht dem Krieg so gegenüber wie einem Religionskrieg, wie etwas, was von außen kommt. Man kann ihm den Krieg nicht plausibel machen; denn vielmehr möchte er erbeten, was an ihn herankommen soll. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß man gar nicht im innersten russischen Volkscharakter die Motive zum Kriege sucht, sondern in dem, was ihm von außen als solche aufgedrängt wird. Und mehr als irgendwo anders muß in diesem Falle gesagt werden: dort ist es nicht das Volk, das den Krieg macht — das Volk ist es nur äußerlich und nur seinem Glauben nach —, aber es ist das, wogegen sich das Volk am meisten wenden muß. In Rußland ist ein Krieg immer im ärgsten Sinne eine Maja, eine Täuschung. Aus diesem Grunde ist es, daß man so klar und präzise sagen kann, was ich im öffentlichen Vortrage als Frage aufwarf: Wer hätte den Krieg verhindern können? — wenn man überhaupt davon sprechen will, daß er hätte verhindert werden können. Den Franzosen war der Krieg seit dem Jahre 1871 natürlich, und davon zu sprechen, daß sie ihn hätten verhindern können, wäre nicht natürlich. Wem ein Konkurrenzkampf aufgedrungen ist, der hat selbstverständlich kein Recht, darüber entrüstet zu sein, wenn irgendwo eine Neutralitätsverletzung stattgefunden hat, und man muß in diesem Falle die Entrüstung umdeuten in das nationale Element hinein; aber daß er den Krieg führt, ist selbstverständlich. Das kann ihm nicht verübelt werden. Da ist der Krieg ebensowenig von der Hand zu weisen, wie man, wenn man die Natur der Lebewesen interpretiert, aus dem Element der Bewußtseinsseele heraus ein anderes Wort finden muß als vom Ich-Standpunkte aus, und deshalb vom Kampf ums Dasein spricht. Goethe hat dieses Wort nicht geprägt, weil es vom Ich-Standpunkte aus nicht anwendbar ist. Aber wo es sich darum handelt, daß der Krieg eine Unwahrheit ist, daß er sogar erst uminterpretiert werden muß in einen Religionskrieg, da ist zu sagen, daß er, weil er äußerlich aufgetreten ist, auch äußerlich hätte verhindert werden können. Wenn man in alle Tiefen blickt, in die man blicken kann — es ist nun der Krieg selbstverständlich eine Notwendigkeit gewesen, aber das ist eine andere Sache —, so muß gesagt werden: Wahr ist es, Rußland hätte Zuschauer bleiben können, und der Krieg hätte verhindert werden können. Wäre es Zuschauer geblieben, so hätte der Krieg verhindert werden können. Denn hier ist der Krieg aufgepfropft auf einen Volkscharakter, wo er im Grunde genommen ganz unnatürlich ist.

[ 34 ] Wenn man über solche Dinge spricht, dann hat man sie aus der geistigen Welt heraus, dann gehen sie daraus hervor; aber sie können immer bewahrheitet, bestätigt gefunden werden in der äußeren Welt, und was man aus dem Geistigen heraus findet, bestätigt sich in der äußeren Welt. Wir würden sagen: eine natürliche Geste wäre es für den russischen Nationalcharakter, betend zu warten auf das, was zu ihm kommen soll. Es ist sehr eigentümlich: die russischen Intellektuellen — ich habe darauf auch schon hingewiesen — erwarten auch, und sie empfinden auch, daß etwas Zukünftiges an sie herankommen muß. Nun ist zwar das noch sehr weit in der Zukunft, was an sie herankommen muß, und wir haben gesehen, wie abgelehnt wurde, was jetzt aufgenommen werden soll. Es ist vielleicht mehr als ein äußeres Symbolum, daß, während jetzt die Kämpfe im Schwarzen Meer vor sich gehen, der Russe noch immer dort hinuntersieht, um gleichsam auf eine Verkörperung dessen zu schauen, was er geistig erwarten soll, indem er hinweist auf die Hagia Sophia. Mereschkowski erzählt uns von zwei Reisen, die er zur Hagia Sophia gemacht hat. Er hat in der Hagia Sophia gleichsam ein äußeres Symbolum für das empfunden, was er in seinen Gefühlen nicht kennt, aber was er erwartet, und er hat es das an die Russen herankommende Christentum genannt. Er würde es aber richtig erkennen, wenn er wüßte, daß das durch die faustische Natur durchgegangene Christentum den Russen ergreifen muß. Das weiß er aber noch nicht. Er glaubt, es in der Hagia Sophia vor sich zu haben. Wie steht er dem Christentum gegenüber? Wenn wir auf das blikken, worüber Solowjow spricht, so ist das etwas, worüber ich sagen kann, daß er ein gewisses Verständnis dafür hat. Denn als ihm wieder einmal von Petersburg und dem Heiligen Synod Schwierigkeiten gemacht worden sind, da meinte er: Ja, so geht es einem schon einmal, wenn man schwierig durchdringt mit dem, was man sagen will. Die einen klagen mich an als einen liberalen westeuropäischen Atheisten, die andern als einen Orthodoxen, und wieder andere schauen mich gar an als einen Jesuiten. — Und er schließt damit, daß er sagt: Ja, was kann man noch alles werden, wenn man beurteilt wird von den Petersburger Halunken! — Das sind nicht meine Worte, sondern die Worte eines guten Russen, eines Russen, an dem man sehen kann, wie es nicht leicht ist, die Gefühle der Sympathie oder Antipathie so ohne weiteres abzustreifen. Aber nehmen wir an, der russische Intellektuelle überläßt sich sich selbst. Wir haben gesagt: es ist die Welt erwartungsvoller Stimmung, die natürlich ist für das, was kommen soll, und das nicht mit Schwertern und Kanonen zu erkämpfen ist. Deshalb ist der Panslawismus so verlogen. Wenn er sich sich selbst überläßt, dann überläfßt sich Mereschkowski dem, was er empfand, als er der Hagia Sophia gegenüberstand. Er hat es nur verwechselt mit dem westeuropäischen Christentum, das durch das faustische Streben durchgegangen ist. Aber wie spricht er davon?

[ 35 ] Ich habe versucht, das was man bei den einzelnen Völkern gegenüber dem Kriege empfinden kann, auf die prägnante Formel zu bringen, und habe gesagt: Der Russe glaubt Krieg zu führen um die Religion, der Engländer um die Konkurrenz, der Franzose um die Glorie, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche führt den Kampf um die Existenz. Und wir werden nun sagen können: Italien will die Heimat bewahren; Frankreich empfängt seine eigene [Glorie-]Vorstellung als das nationale Ideal; der Engländer handelt; der Deutsche strebt; der Russe betet — und das ist natürlich. Ich meine nicht das äußere Gebet, sondern die Herzensstimmung. Was sagt denn Mereschkowski am Schlusse des Buches, das ich vorgestern angeführt habe? «Die Hagia Sophia — hell, traurig und durchflutet von bernsteinklarem Lichte des letzten Geheimnisses — hob meine gefallene, erschreckte Seele. Ich blickte auf zum Gewölbe, das dem Himmelsdome gleicht, und dachte: da steht sie, von Menschenhand erschaffen, sie — die Annäherung der Menschen an den dreieinigen Gott auf Erden. Diese Annäherung hat bestanden, und mehr noch wird dereinst kommen. Wie sollten, die an den Sohn glauben, nicht zum Vater kommen, der die Welt bedeutet? Wie sollten die nicht zum Sohne kommen, die die Welt lieben, welche auch der Vater also liebte, daß er seinen Sohn für sie hingab? Denn sie geben ihre Seele hin für ihn und für ihre Freunde; sie haben den Sohn, weil sie die Liebe haben, nur den Namen kennen sie nicht.» Den ganzen Zusammenhang haben sie nicht! Und dann schließt er: «Und es trieb mich, für sie alle zu beten, in diesem zur Stunde heidnischen, aber einzigen Tempel der Zukunft zu beten um die Verleihung jener wahren, sieghaften Kraft an mein Volk: um den bewußten Glauben an den dreieinigen Gott.» Nun, da haben Sie das Gebet! Da haben Sie die ganze Unnatur eines Kampfes, der von Ost nach West geht!

[ 36 ] Wenn wir so versuchen, zum inneren Verständnisse desjenigen. zu kommen, was uns jetzt entgegentritt, wenn wir versuchen, aus der Maja herauszukommen und in die Wahrheit hineinzukommen, dann dürfen wir uns auch sagen, daß wir nicht eine abstrakte Anthroposophie treiben, die sich fürchtet vor dem Erkennen. Denn es hieße Furcht haben vor dem Erkennen, wenn man wegen unseres ersten Grundsatzes davor zurückbeben würde, die Volkscharaktere in ihren wahren Grundlagen zu erkennen. Gerade dann befolgen wir ihn, wenn wir uns dem Menschen nähern, wie er ist, und wirklich in seine Seele blicken wollen. Und dann sprechen wir am meisten zu dem Unvergänglichen des Menschen, und dann finden wir auch das, was über das Nationale hinausgeht, was zu dem Ewigen hingeht, und finden die Gefühle und Empfindungen, die sich an das Ewige im Menschen richten können. Und dann finden wir die Möglichkeit, dasjenige herbeizuführen, was doch herbeigeführt werden muß. Denn denken Sie, Menschenheil und Menschenfortschritt leiden nicht, wenn die Stimmungen, die jetzt die europäischen Völker durchdringen, bleiben sollten? Stimmungen, die ja außerdem nur aus der Maja herausgeboren sind! Von dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit, die darin besteht, daß sich die Menschen wieder verstehen lernen, daß eine Fortsetzung desjenigen da ist, was im gewissen Sinne von Mitteleuropa aus schon angebahnt war, ist es erforderlich, daß diese Atmosphäre, in der wir leben — diese geistige Atmosphäre, die heute so furchtbar tumultuarisiert ist —, auch noch andere Einschläge habe als die tumultuarischen. Wie könnten wir es nicht empfinden, wenn wir im geistigen Leben darinnenstehen, wie tumultuarisch heute die geistige Atmosphäre ist! Je tiefer man darinnensteht, desto mehr muß man das empfinden. Wahrhaftig Erschütterndes könnte sich erschließen aus dem geistigen Leben heraus. Der Okkultist konnte vieles erfahren. Aber so vieles, so Erschütterndes, so Eindringliches war nicht zu erfahren wie in den letzten drei Monaten.

[ 37 ] Wie oft habe ich die okkultistische Wahrheit betont, daß Dinge, die in der physischen Welt so sind, in der geistigen den entgegengesetzten Charakter zeigen. Einige unserer Freunde werden sich auch erinnern, wie oft ich davon gesprochen habe, daß der Krieg in der geistigen Luft hänge und eigentlich nur durch etwas zurückgehalten werde, was auch im physischen Leben einen geistigen Impuls bedeutet: die Furcht. Die Furchtkräfte haben ihn zurückgehalten, solange er astralisch war. Furcht hat ihn zurückgehalten, daß er nicht früher zum Ausbruch kam. Nun, äußerlich geht ja der Krieg von dem Attentat von Sarajewo aus. Das hat ja auch seine bedeutungsvolle Seite. Das ist das Erschütternde an der Sache. Und da wir ja hier unter uns zusammen sind, muß es auch möglich sein, solche Dinge auszusprechen. Die Individualität, welche damals hingemordet worden ist und dann durch die Pforte des Todes ging, zeigte nachher einen Anblick, wie ich ihn vorher weder selber gesehen, noch ihn von anderen habe schildern hören. Ich habe verschiedentlich geschildert, wie Seelen aussehen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen. Diese Seele aber zeigte etwas Merkwürdiges. Sie war wie ein Kristallisationszentrum, um das sich bis zum Ausbruch des Krieges alles wie herumkristallisierte, was Furchtelemente waren. Nachher zeigte sie sich als etwas ganz anderes. War sie vorher eine große kosmische Kraft, die alle Furcht anzog, so ist sie jetzt etwas Entgegengesetztes. Die Furcht, die hier auf dem physischen Plan gewaltet hatte, hielt alle zurück. Nachdem aber dann diese Seele in den geistigen Plan hinaufgekommen war, wirkte sie in entgegengesetzter Weise und brachte den Krieg.

[ 38 ] Diese Dinge zu erleben, das erschüttert die Seele. Und so gibt es viele Dinge, die jetzt darinnenstehen in dem Auf- und Abwogen jener astralischen Impulse, die aus den Gemütern der Menschen in die geistige Welt hinaufziehen. Und Ihnen darf ich es sagen: ein Gleiches wie in den letzten Monaten habe ich vorher nicht erlebt; etwas, was die Seelen in so furchtbare Wogen gebracht hat. Daraus aber ist auch zu entnehmen, was dort in der geistigen Atmosphäre spielt. Und es müssen, wenn das kommen soll, was in der geistigen Atmosphäre kommen muß, in dieselbe Gedanken hinein, die nur von Seelen kommen können, welche die geistige Welt begriffen haben. So intensiv und so inbrünstig man nur bitten kann, werden daher Ihre Seelen gebeten, Gedanken zu fassen, die wir anzuregen versuchen durch Betrachtungen wie die heutigen, oder die wir das letztemal gepflogen haben, die also in dieser Weise aus der geistigen Erkenntnis hervorgehen, und die nur Seelen, welche durch die Geisteswissenschaft hindurchgegangen sind, in die geistige Welt hinaufsenden können. Denn schon während des Krieges und nachher erst recht, werden die Seelen solche Gedanken brauchen. Denn die Gedanken sind Realitäten! Man möchte sein heißestes Gebet in die geistige Welt senden, daß das, was aus diesem Kriege und nach diesem hervorgehe, unter keinen anderen Auspizien hervorgehe als durch Gedanken, die nicht aus der menschlichen Maja, sondern aus der Wahrheit und der spirituellen Wirklichkeit herrühren. Je mehr Sie solche Gedanken in die geistige Welt hinaufsenden, desto mehr tun Sie für das, was aus diesen Weltenkämpfen hervorgehen soll, und desto mehr tun Sie für das, was für die ganze Evolution der Menschheit notwendig ist.

[ 39 ] In dieses Gebet also möchte ich ausklingen lassen, was ich durch diese Betrachtung an Ihre Seelen heranbringen wollte. Und wenn das, was wir betrachtet haben, wirklich in unsere Seelen übergegangen ist, wenn unsere Seelen als Seelen, die jetzt in der Geisteswissenschaft gelebt haben, in die geistige Welt hinaufströmen lassen das die Menschen Befriedende, dann hat sich unsere Geisteswissenschaft in diesen schicksalschweren Zeiten bewährt! Dann hat sie sich so bewährt, daß unsere Kämpfer draußen ihren Mut nicht umsonst ausgelebt haben; daß das Blut der Schlachten nicht umsonst geflossen ist! Dann ist nicht umsonst in der Welt das Leid der Leidtragenden, dann waren nicht umsonst die Opfertaten, die gebracht worden sind. Dann wird Geistesfrucht erwachsen aus unseren schicksalschweren Tagen, wird erwachsen um so mehr, als die Menschen imstande sein werden, solche Gedanken, wie die angedeuteten, in die geistige Welt hinaufzusenden.

[ 40 ] Ich bemerke ausdrücklich, daß die Worte, die ich jetzt sprechen werde, siebengliedrig sind und eine Art Mantram bilden, wobei zu beachten ist, daß in der vorletzten Zeile «Lenken Seelen» zu lesen ist: wenn Seelen lenken.

[ 41 ] Darüber wollte ich sprechen, daß diese Ereignisse, die so von der Wirklichkeit sprechen, sich uns dadurch ins rechte Licht rükken, daß wir uns erheben von der Maja zur rechten Wirklichkeit. Oh, die Seelen werden sich finden, die also unsere Gegenwart anzüschauen verstehen werden. Die Seelen werden sich finden, wenn sie sich finden werden im Sinne der Lehren, welche Krishna gibt auch über kämpfende Seelen. Und wenn es wirklich möglich ist, daß sich in unserer harten, schicksalschweren Zeit bewährt, daß die Seelen, die durch Geisteswissenschaft gegangen sind, in der Lage sind, geistbefruchtende Gedanken in die geistige Welt hinaufzusenden, dann wird die rechte Frucht hervorgehen aus dem, was in so schweren Kämpfen und mit so harten Opfern geschieht. Daher kann ich, was ich zu Ihren Seelen heute sprechen wollte, ausklingen lassen in das, was ich so gern sehen würde als Bewußtsein, als innerstes Bewußtsein derjenigen Seelen, die durch Geisteswissenschaft gegangen sind:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.