Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Shaping of Destiny
and Life after Death
GA 157a

21 December 1915, Berlin

Translate the original German text into any language:

Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Wir wollen heute damit beginnen, ein nordisches Gedicht vorzutragen, das wir ja vor einiger Zeit schon einmal auch in diesem Zweige vorgebracht haben. Es ist der ganze Inhalt dieser Dichtung zusammenhängend mit der Weihnacht und der sich an sie anschließenden Zeit. Das Gedicht handelt von dem sagenhaften Olaf Åsteson und enthält die Tatsache, daß jener Olaf Åsteson, eine sagenhafte Persönlichkeit, die dreizehn Tage, die sich anschließen an Weihnacht und mit dem Erscheinungstage Christi endigen, in einer ganz besonderen Weise zugebracht hat. Und wir werden damit erinnert daran, wie innerhalb der Volkssagenwelt die Anschauung lebt von früher in der Menschheit vorhandenem primitivem Hellsehen. Der Inhalt ist ja im wesentlichen der, daß Olaf Åsteson in der Weihnachtsnacht an die Kirchentüre kommt, daß er dann in eine Art schlafähnlichen Zustand kommt und nun in den sogenannten dreizehn Nächten die Geheimnisse der geistigen Welt durchlebt in seiner Art, wie er sie durchleben kann als ein einfaches primitives Naturkind.

[ 1 ] Today we would like to begin by reciting a Nordic poem that we have already presented in this series some time ago. The entire content of this poem is connected to Christmas and the season that follows it. The poem tells of the legendary Olaf Åsteson and relates how this Olaf Åsteson, a legendary figure, spent the thirteen days following Christmas—ending with the day of Christ’s Epiphany—in a very special way. And this reminds us of how the belief in primitive clairvoyance, once present in humanity, lives on within the world of folk legends. The content is essentially that on Christmas Eve, Olaf Åsteson comes to the church door, that he then enters a kind of sleep-like state, and now, during the so-called thirteen nights, experiences the mysteries of the spiritual world in his own way, as a simple, primitive child of nature.

[ 2 ] Wir wissen, daß diese Tage, in denen gewissermaßen von außen die äußerste physische Finsternis auf der Erde waltet, wo das geringste Sprossen und Sprießen der Vegetation stattfindet, wo gewissermaßen äußerlich alles stillesteht im physischen Dasein der Erde, daß da die Erdseele aufwacht, daf3 sie da gerade als Erdseele ihren vollen Wachzustand hat. Wenn nun die Menschenseele zusammenfließt in ihrem geistigen Wesenskern mit dem, was da der Geist der Erde durchlebt, dann kann der Menschenseele, wenn sie in sich noch die primitiven Naturzustände hat, aufgehen ein Schauen der geistigen Welt, das sich die Menschheit wird allmählich wieder erringen müssen durch ihr Hineinstreben in diese geistige Welt. Und so sehen wir denn, wie dieser Olaf Åsteson durchlebt im Grunde dasjenige, was wir wiederum herausholen aus der geistigen Welt. Denn ob dieser Brooksvalin, und wir Kamaloka oder Seelenwelt und geistige Welt sagen, ob wir andere Bilder gebrauchen, als in der Sage von Olaf Åsteson gebraucht werden, darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß wir einsehen, daß die Menschheit ausgegangen ist in ihrer Seelenentwickelung von einem ursprünglichen, primitiven Hellsehen, von einem Verbundensein mit der geistigen Welt, daß dieses aber verlorengehen mußte, damit sich die Menschheit jenes Denken, jenes bewußte Darinnenstehen in der Welt aneignen konnte, durch das sie durchgehen muß, aus dem heraus sie aber nun wiederum entwickeln muß ein höheres Anschauen der geistigen Welt. Ich möchte sagen, dieselbe geistige Welt ist es, die das primitive Hellsehen verlassen hat, in die das entwickelte Schauen sich wiederum hineinlebt. Aber der Mensch hat einen Zustand durchgemacht, durch den er sich anders in diese geistige Welt hineinlebt.

[ 2 ] We know that during these days, when, so to speak, the deepest physical darkness reigns on Earth from without—when the slightest sprouting and growth of vegetation takes place, when, so to speak, everything stands still outwardly in the physical existence of the Earth—it is then that the Earth soul awakens, for it is precisely then that the Earth soul is in its full waking state. When the human soul merges in its spiritual core with what the spirit of the Earth is experiencing, then the human soul—if it still possesses the primitive states of nature within itself—can gain a vision of the spiritual world, which humanity will gradually have to regain through its striving into this spiritual world. And so we see how this Olaf Åsteson essentially experiences what we in turn draw out of the spiritual world. For whether we speak of Brooksvalin, or of Kamaloka or the soul world and the spiritual world, or whether we use different images than those used in the saga of Olaf Åsteson—that is not what matters. What matters is that we realize that humanity, in its soul development, originated from an original, primitive clairvoyance, from a connection with the spiritual world; but that this had to be lost so that humanity could acquire that thinking, that conscious standing within the world through which it must pass, but from which it must now in turn develop a higher vision of the spiritual world. I would like to say that it is the same spiritual world that primitive clairvoyance has left behind, into which developed vision is once again living itself. But human beings have gone through a state through which they live themselves into this spiritual world in a different way.

[ 3 ] Nun ist es wichtig, eine Empfindung davon zu entwickeln, daß wirklich mit der Verwandlung des Erdenzustandes im Laufe des Jahres verknüpft ist ein inneres geistig-seelisches Werden der geistig-seelischen Wesenheit, die mit der Erde so verbunden ist, wie die Seele des Menschen verbunden ist mit der physischen Wesenheit des Menschen. Und wer die Erde für dasjenige hält, für das sie die Geologen ausgeben, wofür sie die sonstigen Naturwissenschaften heute in ihrer materialistischen Gesinnung gerne ausgeben möchten, der kennt von der Erde so viel, als irgendein Mensch von einem anderen Menschen kennt, von dem man ihm ein Modell in Papiermaché gibt, ohne daß dieses angefüllt ist mit demjenigen, was die Seele eben in die äußere Natur des Menschen hineingießt. Wirklich nur ein Papiermaché-Abdruck ist dasjenige, was uns die äußere Naturwissenschaft von der Erde gibt. Und wer sich nicht bewußt zu sein vermag, daß zwischen dem Winter- und dem Sommerzustande der Erde ein seelischer Unterschied ist, der ist wie einer, der nicht einen Unterschied zwischen Wachen und Schlafen sieht. Die großen Wesenheiten der Natur, in denen wir darinnenleben, die machen ebenso geistige Verwandiungszustände durch wie der Mensch selber, der ein mikrokosmischer Abdruck des großen Makrokosmos ist. Und darauf beruht es auch, daß wirklich das Miterleben, auch das geistige Miterleben mit der Natur, eine gewisse Bedeutung hat. Und derjenige, der aufbringen kann ein Bewußtsein davon, daß gerade in diesen dreizehn Nächten mit der Erdseele etwas vorgeht, das man mitmachen kann, der wird einen der Wege haben, durch den man sich immer mehr und mehr in die geistigen Welten hineinleben kann.

[ 3 ] It is now important to develop a sense that the transformation of the Earth’s condition over the course of the year is truly linked to an inner spiritual-psychic development of the spiritual-psychic being, which is connected to the Earth in the same way that the human soul is connected to the physical being of the human being. And anyone who regards the Earth as what geologists claim it to be—or as what the other natural sciences, in their materialistic mindset, would like to present it as today—knows as much about the Earth as any person knows about another human being when given a papier-mâché model of that person, without this model being filled with what the soul actually pours into the human being’s outer nature. What external natural science gives us of the Earth is truly nothing more than a papier-mâché impression. And anyone who is unable to realize that there is a spiritual difference between the Earth’s winter and summer states is like someone who sees no difference between waking and sleeping. The great beings of nature, within whom we live, undergo spiritual transformations just as human beings do, who are a microcosmic imprint of the great macrocosm. And this is also the basis for the fact that truly sharing in these experiences—including spiritual participation with nature—has a certain significance. And whoever can develop an awareness that precisely during these thirteen nights something is taking place with the Earth’s soul that one can participate in will have found one of the paths through which one can increasingly immerse oneself in the spiritual worlds.

[ 4 ] Das Gefühl für dieses Miterleben desjenigen, was im großen Weltendasein gelebt wird, das ist der heutigen Menschheit verlorengegangen. Es kennt der Mensch kaum viel mehr noch von dem Unterschied zwischen Winter und Sommer, als daß man im Winter die Lampe früher anstecken muß als im Sommer, daß es im Winter kalt ist und im Sommer warm. Daß in früheren Zeiten wirklich die Menschen ein Miterleben gehabt haben mit der Natur, das sich darin ausdrückte, daß sie erzählten, wenn auch in bildlicher Weise, von Wesenheiten, die, wahrend die Schneeflocken fallen, durch das Land ziehen, die, während der Sturm braust, durch die Gegend gehen. In seinem tiefsten Sinne versteht das der heutige materialistische Sinn des Menschen nicht mehr. Im tiefsten Sinne kann der Mensch wiederum zusammenwachsen damit, wenn er seinen Blick richtet auf dasjenige, was noch alte Sagen erzählen, insbesondere so tiefe Sagen, wie die Olaf-Åsteson-Sage ist, die in so schöner Weise veranschaulicht, wie ein einfacher, primitiver Mensch hineinwächst bei physischer Bewußtlosigkeit in das helle Licht der geistigen Anschauung. Wir wollen diese Sage jetzt einmal vor unsere Seele ziehen lassen, die Sage, die gelebt hat in älteren Jahrhunderten, die verlorengegangen ist und die aus den Volkserinnerungen wieder aufgezeichnet worden ist. Es ist eine der schönsten Sagen des Nordens, weil sie in wunderbarer Art von tiefen Weltgeheimnissen spricht, insofern es Weltgeheimnisse sind, durch welche die Menschenseele mit der Weltseele zusammenhängt.

[ 4 ] The sense of sharing in what is experienced in the great existence of the world has been lost to humanity today. People know little more about the difference between winter and summer than that one must turn on the light earlier in winter than in summer, that it is cold in winter and warm in summer. In earlier times, people truly shared in the life of nature, which was expressed in their stories—albeit in figurative terms—of beings that roam the land as snowflakes fall, and wander through the countryside as the storm rages. In its deepest sense, this is something that today’s materialistic human sensibility no longer understands. In the deepest sense, however, human beings can once again grow into harmony with this if they turn their gaze to what the old legends still tell, especially such profound legends as the Olaf Åsteson saga, which so beautifully illustrates how a simple, primitive human being, in a state of physical unconsciousness, grows into the bright light of spiritual vision. Let us now allow this legend to unfold before our souls—the legend that lived in centuries past, that was lost, and that has been recorded anew from the memories of the people. It is one of the most beautiful legends of the North, because it speaks in a wondrous way of deep world mysteries—insofar as these are world mysteries through which the human soul is connected to the world soul.

[ 5 ] (Es folgte die Rezitation von: «Das Traumlied vom Olaf Åsteson», siehe Seite 173)

[ 5 ] (This was followed by a recitation of: “The Dream Song of Olaf Åsteson,” see page 173)

[ 6 ] Da wir heute noch zusammensein können, meine lieben Freunde, so dürfen wir vielleicht einiges besprechen, das dem einen oder anderen nützlich sein kann, wenn er mancherlei von dem überblickt, was wir im Laufe der Jahre uns geisteswissenschaftlich erworben haben.

[ 6 ] Since we are able to be together again today, my dear friends, perhaps we may discuss a few things that might be useful to some of you as you take stock of what we have gained over the years in the field of Spiritual Science.

[ 7 ] Wir wissen ja — es ist in den öffentlichen Vorträgen in der letzten Zeit auch betont worden —, daß zugrunde liegt demjenigen, was als das Äußere des Menschen für äußere Sinne sichtbar ist, ein geistiger Wesenskern des Menschen, der gewissermaßen aus zwei Gliedern sich zusammensetzt. Das eine Glied haben wir kennengelernt als dasjenige, was vor das geistige Auge tritt, wenn dieses geistige Auge die Erfahrung macht, die man gewöhnlich bezeichnet als «vor die Pforte des Todes treten»; das andere Glied des Innenlebens tritt vor die menschliche Seele, wenn der Mensch gewahr wird, wie zu all seinen Willenserlebnissen ein innerer Zuschauer da ist, ein Zuschauer, der eben immer vorhanden ist. So daß wir sagen können: Das menschliche Denken, wenn wir es vertiefen durch die Meditation, zeigt, daß im Menschen innerhalb seines eigentlichen geistigen Wesenskernes immer etwas vorhanden ist, was in bezug auf den äußeren physischen Leib mitwirkt an dem Abbau des menschlichen Organismus, an jenem Abbau, der zuletzt in den Tod ausläuft. Wir wissen aus diesen Betrachtungen, die da angestellt worden sind, daß die eigentliche Kraft des Denkens nicht liegt in etwas Aufbauendem, sondern in etwas gewissermaßen Abbauendem. Dadurch, daß wir sterben können, daß wir unseren Organismus im Laufe des Lebens zwischen Geburt und Tod so entwickeln, daß er sich auflösen kann, verteilen kann in die Weltenelemente, sind wir in der Lage, uns das Organ zu schaffen, durch das wir die edelste Blüte des physischen Menschendaseins entwickeln, das Denken. Aber im Innern des menschlichen Lebens, dieses Lebens zwischen Geburt und Tod, ist wie eine Art Lebenskeim für die Zukunft, wie ein Lebenskeim, der besonders geeignet ist, durch die Pforte des Todes zu schreiten, dasjenige vorhanden, was in der Willensströmung sich entwickelt und eben als der charakterisierte Zuschauer beobachtet werden kann.

[ 7 ] As we know—and as has also been emphasized in recent public lectures—underlying what is visible to the external senses as the human exterior lies a spiritual core of the human being, which is, so to speak, composed of two parts. We have come to know one of these elements as that which appears before the spiritual eye when this spiritual eye undergoes the experience commonly referred to as “stepping before the gates of death”; the other element of inner life appears before the human soul when the human being becomes aware that there is an inner observer present in all their volitional experiences, an observer who is always there. So that we can say: Human thinking, when we deepen it through meditation, reveals that within the human being, at the very core of his spiritual being, there is always something present that, in relation to the outer physical body, contributes to the breakdown of the human organism—that breakdown which ultimately leads to death. We know from these observations that have been made that the actual power of thinking does not lie in something constructive, but in something that is, in a sense, destructive. Because we are able to die, because we develop our organism in the course of life between birth and death in such a way that it can dissolve, can disperse into the elements of the world, we are able to create the organ through which we develop the noblest flower of physical human existence: thinking. But within human life—this life between birth and death—there exists, like a kind of seed of life for the future, like a seed of life particularly suited to passing through the gate of death, that which develops within the stream of the will and can be observed precisely as the characterized spectator.

[ 8 ] Wie gesagt, es muß immer wieder und wiederum wiederholt werden, daß dasjenige, was da das geistige Schauen vor die Seele des Menschen bringt, nicht etwas ist, was sich erst durch das geistige Schauen entwickelt, sondern was immer vorhanden ist, immer da ist, und was die Menschen, in unserem gegenwärtigen Zeitalter namentlich, nur nicht sehen sollen; man darf schon sagen: nicht sehen sollen. Denn die Entwickelung des geistigen Lebens hat namentlich in den letzten Jahrzehnten einen solchen Fortgang genommen, daß}, wer sich so recht überläßt demjenigen, was man heute im materialistischen Zeitalter das «geistige Leben» nennt, sich gerade einen Schleier breitet über dasjenige, was im Innern des Menschen lebt. Diejenigen Begriffe und Ideen werden in unserem gegenwärtigen Zeitalter am meisten entwickelt, die am stärksten verbergen dasjenige, was geistig im Menschen vorhanden ist. Wir dürfen schon einmal, um uns in der rechten Weise zu stärken für unsere besondere Aufgabe, insofern wir in der Geisteswissenschaft stehen, gerade in bedeutungsvoller Jahreszeit auf die ganz besonders finstere Seite des heutigen Geisteslebens hinweisen, die ja auch vorhanden sein muß, wie die Finsternis in der äußeren Natur vorhanden sein muß, aber die man eben wahrnehmen muß, deren Dasein man sich zum Bewußtsein bringen muß. Wir durchleben gewissermaßen eine finstere Kulturzeit in bezug auf das geistige Leben. Wir haben nicht notwendig, immer wiederum darauf aufmerksam zu machen, daf3 wir die großen Errungenschaften, auf welche die Menschheit dieses finsteren Zeitalters so stolz ist, wohl zu würdigen wissen; aber dabei bleibt doch in bezug auf die geistigen Angelegenheiten die Sache bestehen, daß die Begriffe und Ideen, die in unserer Zeit geschaffen werden, gerade für diejenigen, die sich am eifrigsten in diese Begriffe hineinversetzen, am meisten verhüllen dasjenige, was in der Seele des Menschen lebt. Und so darf denn auch das Folgende erwähnt werden:

[ 8 ] As I have said, it must be repeated again and again that what spiritual vision brings before the human soul is not something that develops only through spiritual vision, but rather something that is always present, always there, and which people—especially in our present age—are simply not supposed to see; one might even say: are not supposed to see. For the development of spiritual life has, particularly in recent decades, advanced to such an extent that} whoever truly surrenders to what is today, in the materialistic age, called “spiritual life,” spreads a veil over precisely that which lives within the human being. The concepts and ideas most developed in our present age are precisely those that most strongly conceal what is spiritually present within the human being. We may, in order to strengthen ourselves in the right way for our particular task—insofar as we stand within Spiritual Science—point out, especially at this significant time of year, the particularly dark side of today’s spiritual life, which must indeed exist, just as darkness must exist in the external natural world, but which one must perceive, and whose existence one must bring to consciousness. We are, in a sense, living through a dark cultural era with regard to spiritual life. We do not necessarily need to keep drawing attention to this, for we certainly know how to appreciate the great achievements of which humanity in this dark age is so proud; but when it comes to spiritual matters, the fact remains that the concepts and ideas created in our time obscure most of all—precisely for those who immerse themselves most eagerly in these concepts—that which lives in the human soul. And so the following may also be mentioned:

[ 9 ] Besonders stolz ist unser Zeitalter auf sein klares Denken, das es sich angeeignet haben will durch die bedeutsame wissenschaftliche Schulung. Besonders stolz, sage ich, ist unser Zeitalter. Allerdings nicht so stolz, daß das etwa zur Folge hätte, daß jetzt alle Menschen recht viel denken wollten. Nein, das hat es nicht im Gefolge, sondern es hat im Gefolge, daß die Menschen sagen: Nun ja, in unserem Zeitalter, da muß man viel denken, wenn man etwas wissen will über die geistige Welt. Selber darüber etwas zu denken ist jedoch schwer. Aber die Theologen, die tun das, die denken darüber nach! Also, da unser Zeitalter ein sehr fortgeschrittenes ist, das ja erhaben ist über das finstere Zeitalter des Autoritätsglaubens, so muß man hinhören auf diejenigen, die über geistige Dinge denken können, auf die Theologen. Und fortgeschritten ist unser Zeitalter in bezug auf die Rechtsbegriffe, die Begriffe, was recht und unrecht ist, was gut und böse ist. Unser Zeitalter ist das Zeitalter des Denkens. Aber, daß diese Vorstellung so weit hinaus ist über den Autoritätsglauben, das hat nicht dazu geführt, daß jeder sich dem unterziehen will, tiefer nachzudenken über Recht oder Unrecht, sondern darüber denken die Juristen. Und weil wir schon einmal über das Zeitalter des Autoritätsglaubens hinaus sind, muß man es den aufgeklärten Juristen überlassen, zu denken über das, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Und in bezug auf körperliche Verhältnisse, auf körperliche Heilungen: Weil man da erst recht nicht weiß, was zuträglich oder unzuträglich sein könnte in diesem Zeitalter, das so frei sein will von Autoritätsglauben, geht man zu den Ärzten. Das könnte auf allen Gebieten ausgeführt werden. Gerade viele Anlagen hat ja unser Zeitalter nicht, zu verzweifeln etwa wie Faust, in der Art:

[ 9 ] Our age takes particular pride in its clear thinking, which it claims to have acquired through rigorous scientific training. Our age, I say, takes particular pride in this. However, it is not so proud that this would lead, for example, to everyone wanting to think a great deal. No, that is not the result; rather, the result is that people say: Well, in our age, one has to think a great deal if one wants to know anything about the spiritual world. Thinking about it oneself, however, is difficult. But the theologians—they do that; they think about it! So, since our age is a very advanced one, which is indeed elevated above the dark age of belief in authority, one must listen to those who can think about spiritual matters—the theologians. And our age is advanced with regard to concepts of justice, the concepts of what is right and wrong, what is good and evil. Our age is the age of thought. But the fact that this mental image has moved so far beyond blind faith in authority has not led everyone to want to engage in deeper reflection on right and wrong; rather, it is the lawyers who think about these matters. And since we have already moved beyond the age of belief in authority, we must leave it to enlightened lawyers to think about what is good and evil, what is right and wrong. And with regard to physical conditions, to physical cures: Since one really does not know what might be beneficial or harmful in this age, which wants to be so free from belief in authority, one goes to the doctors. This could be applied to all fields. Our age does not have many inclinations, after all, to despair like Faust, for example, in the manner of:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor...

Alas, I have now studied
law and medicine,
and, alas, theology as well!
I have studied them all with great effort.
And here I stand, poor fool that I am!
And I am just as wise as I was before...

[ 10 ] Es befolgt davon nur das eine, daß es eigentlich nichts von dem wissen will, woran der Faust irregeworden ist, aber um so mehr wissen will, wovon andere alles klar wissen auf den verschiedensten Gebieten, wo man über Wohl und Wehe des Menschen entscheiden will.

[ 10 ] It follows from this only that it actually wants to know nothing about what led Faust astray, but all the more wants to know what others know clearly in the most diverse fields, where decisions are made about human welfare and misfortune.

[ 11 ] Auf unser Denken ist unser Zeitalter so ungeheuer stolz, so stolz, daß diejenigen, die es dahin gebracht haben, sagen wir, gar einmal etwas Philosophisches zu lesen in ihrem Leben — nun, ich will mich nicht so weit versteigen, daß sie Kant gelesen haben, sondern vielleicht irgendeinen Auszug aus Kant —, sich klar darüber sind, daß derjenige, der irgend etwas im Sinne der Geisteswissenschaft über die geistigen Welten behauptet, sich versündigt gegen das unwiderruflich Festgestellte des Kantianismus. Wird doch oft gesagt, es habe das ganze neunzehnte Jahrhundert gearbeitet, dieses menschliche Denken zu entwickeln, dieses menschliche Denken in kritischer Weise zu untersuchen. Und «kritische Denker» nennen sich heute viele, die nur ein wenig von diesen Dingen vernommen haben. So gibt es zum Beispiel heute Menschen, die sagen, der Mensch habe Grenzen der Erkenntnis, weil er ja die äußere Welt durch seine Sinne wahrnehme; aber die Sinne könnten doch nur dasjenige geben, was sie eben in sich erzeugen, also nehme der Mensch die Welt wahr, wie sie auf seine Sinne wirkt, und könne daher nicht hinter die Dinge der Welt kommen, denn er könne die Grenze seiner Sinne niemals überschreiten: Bilder nur der Wirklichkeit könne der Mensch bekommen! Und viele sagen ja gerade aus der Tiefe ihrer Philosophie heraus, die Menschenseele habe nur Bilder der Welt, und daher könne sie niemals zum «Ding an sich» in irgendeiner Weise kommen, man könne dasjenige, was wir durch unsere Sinne haben, durch unsere Augen, Ohren und so weiter, nur mit Spiegelbildern vergleichen. — Gewiß, wenn ein Spiegel da ist und Bilder entwirft, das Bild eines Menschen, das Bild eines zweiten Menschen, und wir schauen die Bilder an, so haben wir eine Bilderwelt. Nun kommen die Philosophen und sagen: So wie der Mensch, der einen zweiten Menschen nicht direkt ansieht, sondern im Spiegelbild, eine Bilderwelt hat, wie der nicht das «Ding an sich» der Menschen ansieht, sondern die Bilder, so hat man eigentlich von der ganzen äußeren Welt nur die Bilder. Indem die Licht- und Farbenstrahlen in unser Auge, die Luftwellen in unser Ohr fallen: Bilder, alles Bilder! — Das hat das kritische Zeitalter ergeben, daß der Mensch in seiner Seele nur Bilder entwirft und daher niemals durch die Bilder hindurch an das «Ding an sich» kommen kann. Unendlicher Scharfsinn — im Ernste sage ich das jetzt — ist von philosophischer Seite im neunzehnten Jahrhundert aufgebracht worden, um zu beweisen, daß der Mensch nur Bilder hat und nicht an das «Ding an sich» kommen kann. Woher rührt denn eigentlich diese kritische Resignation, dieses Daraufbestehen, daß es zu, wie man sagt, «Erkenntnisgrenzen» führt, wenn man also die Bildernatur unseres Anschauens enthüllt? Das rührt davon her, weil in vieler Beziehung das Denken unserer Zeit, in unserem aufgeklärten Zeitalter, ein verwahrlostes Denken geworden ist, ein kurzsinniges Denken, ein Denken, das in der pedantischsten Weise sich einen Begriff aufwirft und nicht über diesen Begriff hinauskommen kann, diesen Begriff wie einen hölzernen Hampelmann sich vorhält, und das, was dieser hölzerne Hampelmann nicht gibt, nicht mehr finden kann. Es ist ja, man kann sagen, fast unglaublich, wie sehr das Denken in unserer Zeit sich verhärtet, sich verholzt hat.

[ 11 ] Our age takes such immense pride in our thinking—so much pride, in fact, that those who have managed, let’s say, to read even a single philosophical text in their lives—well, I won’t go so far as to say they’ve read Kant, but perhaps some excerpt from Kant—are well aware that anyone who asserts anything about the spiritual worlds in the spirit of Spiritual Science is sinning against the irrevocably established tenets of Kantianism. After all, it is often said that the entire nineteenth century was devoted to developing this human thinking, to examining this human thinking in a critical manner. And many today call themselves “critical thinkers” who have heard only a little about these things. For example, there are people today who say that human beings have limits to their knowledge because they perceive the external world through their senses; but the senses can only provide what they themselves produce, so human beings perceive the world as it acts upon their senses and therefore cannot get behind the things of the world, for they can never transcend the limits of their senses: human beings can obtain only images of reality! And many say, precisely from the depths of their philosophy, that the human soul possesses only images of the world, and therefore can never in any way reach the “thing-in-itself”; what we receive through our senses—through our eyes, ears, and so on—can only be compared to mirror images. — Certainly, when there is a mirror and it produces images—the image of a person, the image of a second person—and we look at these images, we have a world of images. Now the philosophers come along and say: Just as the person who does not look directly at a second person but at the mirror image has a world of images—since they do not look at the “thing-in-itself” of human beings but at the images—so, in fact, we have only images of the entire external world. As the rays of light and color enter our eyes, the sound waves enter our ears: images, all images! — This is what the critical age has revealed: that human beings form only images in their souls and therefore can never reach the “thing-in-itself” through these images. Infinite acumen—and I say this in all seriousness—was brought to bear by philosophers in the nineteenth century to prove that human beings have only images and cannot reach the “thing-in-itself.” Where, then, does this critical resignation actually stem from, this insistence that it leads to what are called “limits of knowledge,” when one thus reveals the pictorial nature of our perception? This stems from the fact that, in many respects, the thinking of our time, in our Enlightened age, has become a neglected form of thinking, a short-sighted form of thinking, a form of thinking that imposes a concept upon itself in the most pedantic manner and cannot go beyond this concept, holding this concept up before itself like a wooden puppet, and can no longer find what this wooden puppet does not provide. It is, one might say, almost unbelievable how much thinking in our time has hardened, has become wooden.

[ 12 ] Ich will Ihnen die ganze Geschichte mit dieser Bildnatur unserer Weltanschauung und dem, was das sogenannte kritische Denken, das fortgeschrittene Denken, gemacht hat, einmal gerade aus dem Vergleich mit dem Spiegelbild klarmachen. Das ist nämlich ganz richtig, wovon die Leute ausgehen, daß die Welt, so wie sie der Mensch hier im Sinnendasein hat, nur dadurch da ist, daß sie Eindruck auf ihn macht, Bilder in seiner Seele entwirft, und es ist gut, daß die Menschheit durch die kritische Philosophie, durch den Kantianismus, auf die Sache gekommen ist. Wir können also durchaus sagen: Die Bilder, die wir haben von der Außenwelt, sind so, daß wir sie vergleichen können mit den Spiegelbildern: Da haben wir einen Spiegel, zwei Menschen stehen davor, wir schauen aber nicht die Menschen an, sondern die Bilder. So haben wir Bilder von der Welt durch das, was unsere Seele als Bilder von der Welt entwirft, wir haben Bilder, die wir vergleichen mit zwei Menschen, deren Spiegelabbild wir anschauen. Aber nur jemand, der nie Menschen gesehen hätte, nur Bilder, der würde philosophieren können: «Ich kenne nichts von den Menschen, sondern nur die toten Spiegelbilder.» So schließen aber die kritischen Philosophen. Sie bleiben dabei stehen. Sie wurden sich sogleich in sich selbst widerlegt finden, wenn sie von ihrem Hampelmann des Denkens ein klein wenig weiterkommen könnten, aus dem toten Denken in das lebendige Denken. Denn wenn ich vor dem Spiegel stehe, und da stehen zwei Menschen im Spiegel drinnen, und ich sehe, daß der eine Mensch dem andern eine ordentliche Ohrfeige herunterhaut, so daß der andere sogar blutet, dann würde ich ein Tor sein, wenn ich sagte: Das eine Spiegelbild hat das andere geschlagen. — Da sehe ich nicht mehr bloß das Spiegelbild, sondern durch das Bild sehe ich reale Vorgänge. Ich habe nichts als das Bild, aber ich sehe einen höchst realen Vorgang durch das Spiegelbild hindurch. Und ein Narr wäre ich, wenn ich glaubte, das wäre nur im Spiegelbild vorgegangen. Das heißt, die kritische Philosophie faßt den einen Gedanken: Wir haben es mit Bildern zu tun —, aber nicht mehr den andern Gedanken, daß diese Bilder etwas zum Ausdruck bringen, daß darinnen etwas lebt. Und wenn man diese Bilder erfaßt in lebendiger Art, dann gibt das mehr als die Bilder, dann weist es hin auf das, was das «Ding an sich» ist, was die reale Außenwelt ist.

[ 12 ] I would like to explain the whole story of the pictorial nature of our worldview and what so-called critical thinking—advanced thinking—has done, using the analogy of a mirror image. For it is quite correct, as people assume, that the world, as human beings experience it here in their thinking existence, exists only insofar as it makes an impression on them, creating images in their souls, and it is good that humanity has come to this realization through critical philosophy, through Kantianism. We can therefore certainly say: The images we have of the external world are such that we can compare them to mirror images: There is a mirror, two people stand before it, but we do not look at the people, rather at the images. Thus we have images of the world through what our soul creates as images of the world; we have images that we compare to two people whose mirror images we are looking at. But only someone who had never seen people, only images, would be able to philosophize: “I know nothing of people, but only the dead mirror images.” Yet this is how the critical philosophers conclude. They stop there. They would immediately find themselves refuted within themselves if they could move just a little further from their jumping jack of thought, from dead thinking into living thinking. For if I stand before the mirror, and there are two people inside the mirror, and I see that one person is landing a solid slap on the other, so that the other is even bleeding, then I would be a fool if I said: One reflection has struck the other. — There I no longer see merely the reflection, but through the image I see real events. I have nothing but the image, but I see a highly real event through the reflection. And I would be a fool if I believed that this had taken place only in the reflection. That is to say, critical philosophy grasps the one idea: we are dealing with images—but no longer the other idea, that these images express something, that something lives within them. And when one grasps these images in a living way, then this yields more than the images; then it points to what the “thing-in-itself” is, what the real external world is.

[ 13 ] Kann man da noch sagen, daß die Leute denken können, die solch eine «kritische» Philosophie geben? Das Denken ist, in einem gewissen hohen Grade, ein verwahrlostes in unserer Zeit. Es ist wirklich ein verwahrlostes. Aber man ist bei dem Kritizismus des Denkens stehengeblieben. Ich habe öfter erwähnt, daß dieser Kritizismus, diese kritische Philosophie in unserer Kultur sogar vorgeschritten ist und daß ein Mann in ehrlichem Streben — «ehrenwerte Männer» sind sie alle, ehrlich ist das Streben durchaus — zu einer «Kritik der Sprache» gekommen ist: Fritz Mauthner hat eine «Kritik der Sprache» geschrieben, drei dicke Bände, und noch ein philosophisches Wörterbuch von diesem Standpunkte aus, das zwei noch viel dickere Bände hat. Und eine ganze journalistische Leithammelei ist hinter dem Journalisten Fritz Mauthner her und hält das selbstverständlich für ein großes Werk. Und in unserer Zeit, in der ja der Autoritätsglaube «keine Bedeutung» hat, halten sehr viele, die gerade auf jenem Parteistandpunkte stehen — wie die Zeitungen, deren Journalist Fritz Mauthner war — das für ein bedeutendes Werk; denn «es gibt ja heute keinen Autoritätsglauben».

[ 13 ] Can one still say that people are capable of thinking, given such a “critical” philosophy? Thinking, to a certain extent, has fallen into disrepair in our time. It has truly fallen into disrepair. But we have come to a standstill at the stage of the criticism of thinking. I have often mentioned that this criticism, this critical philosophy, has even advanced in our culture, and that a man in earnest pursuit—they are all “honorable men,” and their pursuit is certainly earnest—has arrived at a “critique of language”: Fritz Mauthner has written a “Critique of Language,” three thick volumes, and a philosophical dictionary from this standpoint, which comprises two even thicker volumes. And a whole journalistic herd is following in the wake of the journalist Fritz Mauthner and naturally regards this as a great work. And in our time, when belief in authority “has no significance,” very many who hold precisely that partisan viewpoint—such as the newspapers for which Fritz Mauthner was a journalist—consider it a significant work; for “there is, after all, no belief in authority today.”

[ 14 ] Nun, sehen Sie, Mauthner kommt dazu, zu erklären, daß der Mensch sich Substantive bildet, Adjektive bildet, aber die bedeuten alle nichts Wirkliches. In der äußeren Welt erlebe man nicht, was die Worte bedeuten. Man lebe sich so hinein in die Worte, daß man eigentlich nicht seine Gedanken und Seelenbilder habe, sondern eigentlich nur Worte, Worte, Worte. — Der Mensch finde sich in die Sprache hinein, die Sprache gebe den Wortvorrat. Und weil er gewöhnt sei, sich an die Sprache zu halten, komme der Mensch nur zu den Zeichen der Dinge, die im Worte gegeben sind. — Das soll nun etwas ganz Bedeutsames sein. Und wenn man die drei Bände von Mauthner durchliest — wenn Sie einmal etwas angestellt haben, was Ihre Seele sich selber vorwirft, meine lieben Freunde, dann ist es eine gute Strafe für Sie, wenn Sie sich dazu verurteilen, wenigstens die Hälfte dieser Bände zu lesen —, dann findet man, daß ihr Verfasser im höchsten Grade davon überzeugt ist — ja, man kann es nicht anders ausdrücken —, gescheiter zu sein als die gescheitesten anderen Leute des Zeitalters. Immer ist ja der, der gerade an seinem Buche sitzt, gescheiter als die anderen, selbstverständlich!

[ 14 ] Well, you see, Mauthner goes on to explain that humans form nouns and adjectives, but these do not signify anything real. In the external world, one does not experience what the words mean. One becomes so immersed in the words that one actually has no thoughts or mental images of one’s own, but only words, words, words. — Human beings find themselves within language; language provides the vocabulary. And because they are accustomed to adhering to language, human beings arrive only at the signs of things that are given in the words. — This is supposed to be something quite significant. And if one reads through the three volumes by Mauthner—if you have ever done something for which your soul reproaches you, my dear friends, then it is a good punishment for you to condemn yourselves to reading at least half of these volumes—then one finds that their author is convinced of this to the highest degree—indeed, one cannot put it any other way—that he is smarter than the smartest other people of the age. After all, the one who is currently sitting at his book is always smarter than the others, of course!

[ 15 ] So ist Fritz Mauthner endlich dahintergekommen, wie der Mensch immer nur Zeichen hat. Er ist sogar zu noch mehr gekommen. Sehen Sie, er ist dazu gekommen, folgendes zu sagen: Der Mensch hat Augen, Ohren, einen Gefühlssinn — nun, eine Anzahl von Sinnen hat halt der Mensch. Ja, aber der Mensch könnte zum Beispiel, so meint Fritz Mauthner, nicht nur Augen und Ohren und Gefühlssinn und Geruchssinn haben, sondern noch ganz andere Sinne. Er könnte zum Beispiel noch einen Sinn außer dem Auge haben. Dann würde er, so wie er durch die Augen Bilder wahrnimmt, mit den anderen Sinnen ganz anders die Welt wahrnehmen. Also würde es noch vieles geben, was es für den jetzigen Menschen nicht gibt. Und jetzt fühlt sich der kritische Denker sogar ein wenig mystisch beseelt und sagt: Der unermeßliche Reichtum der Welt, der wird uns also nur durch unsere Sinne gegeben. Und er nennt diese Sinne «Zufallssinne», weil er meint, es sei ein weithistorischer Zufall, daß wir just diese Sinne haben. Hätten wir andere Sinne, so wurde die Welt anders ausschauen. Also tut man am besten, zu sagen, wir haben Zufallssinne. Also eine Zufallswelt! Aber die Welt ist unermeßlich. — Es klingt schön! Einer derjenigen, die hinter Fritz Mauthner herlaufen, hat eine Broschüre geschrieben: «Skepsis und Mystik.» In dieser Broschüre wird ganz besonders darauf aufmerksam gemacht, wie man nun aus der Tiefe seiner Seele heraus ja sogar Mystiker werden dürfe, wenn man nicht mehr an dasjenige glaube, was die Zufallssinne geben können. Da finden wir einen schönen Satz; auf Seite 12 des Buches, da heißt es:

[ 15 ] This is how Fritz Mauthner finally realized that humans always have only signs. He even went further. You see, he came to say the following: Humans have eyes, ears, a sense of touch—well, humans simply have a number of senses. Yes, but humans could, for example, according to Fritz Mauthner, have not only eyes and ears and a sense of feeling and a sense of smell, but also entirely different senses. They could, for example, have a sense other than sight. Then, just as they perceive images through their eyes, they would perceive the world quite differently with their other senses. So there would be many things that do not exist for humans today. And now the critical thinker even feels a little mystically inspired and says: The immeasurable richness of the world is thus given to us only through our senses. And he calls these senses “accidental senses,” because he believes it is a historical coincidence that we happen to have precisely these senses. If we had other senses, the world would look different. So it is best to say that we have random senses. Thus, a random world! But the world is immeasurable. — It sounds beautiful! One of those who follow Fritz Mauthner has written a pamphlet: “Skepticism and Mysticism.” This pamphlet draws particular attention to how one may even become a mystic from the depths of one’s soul if one no longer believes in what the random senses can provide. There we find a beautiful sentence; on page 12 of the book, it says:

[ 16 ] «Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unserer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unseren alten Wortvorrat fest, da wir nichts anderes haben, womit wir es halten können. Die Welt strömt aber weiter, auch unsere Sprache strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen der Sprachgeschichte, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.»

[ 16 ] “The world flows toward us; with the few meager openings of our random senses, we take in what we can grasp and attach it to our old vocabulary, since we have nothing else with which to hold it. But the world continues to flow, and our language continues to flow as well, only not in the same direction, but according to the vagaries of linguistic history, for which no laws can be established.”

[ 17 ] Auch eine Weltanschauung! Was will sie? Sie sagt: Die Welt ist unermeßlich, aber wir haben so eine Anzahl Zufallssinne, da strömt die Welt ein. Was machen wir mit dem, was da einströmt? Was machen wir damit, nach dem Zufallsgerede dieses Herrn? Wir erinnern uns an das, was die Herren Gedächtnis nennen, hängen das an, kleben das an, an die Worte, die wir aus der Sprache übermittelt erhalten haben, und die Sprache strömt ihrerseits wiederum weiter. Wir reden also über dasjenige in den Wortzeichen, was uns durch die Zufallssinne von dem unermeßlichen Weltendasein hereingeströmt ist. — Ein scharfsinniges Denken! Ich sage das wiederum im Ernst, meine lieben Freunde: es ist ein scharfsinniges Denken. Man muß in unserer Zeit immerhin ein gescheiter Mensch sein, um so etwas zu denken. Und man kann schon sagen von diesen Leuten, nicht nur sind sie ehrliche Leute — ehrenwert sind sie alle —, sondern: sie sind bedeutende Denker. Aber sie sind verstrickt mit dem Denken, das das Denken unseres Zeitalters ist, und sie haben keinen Willen, aus diesem Denken herauszukommen.

[ 17 ] A worldview, too! What does it want? It says: The world is immeasurable, but we have so many random senses through which the world pours in. What do we do with what flows in? What do we do with it, according to this gentleman’s talk of chance? We recall what these gentlemen call memory, attach it, affix it to the words we have received through language, and language, for its part, flows on again. So we speak of that which is contained in the word-signs, which has flowed into us through the random senses from the immeasurable existence of the world. — A subtle way of thinking! I say this again in all seriousness, my dear friends: it is a subtle way of thinking. One must, after all, be a clever person in our time to think such a thing. And one can certainly say of these people that not only are they honest people—they are all honorable—but also: they are significant thinkers. But they are entangled in the thinking that is the thinking of our age, and they have no will to break free from this thinking.

[ 18 ] Ich habe mir eine Art «Weihnachtstrauer» — Freude kann man nicht sagen, es ist eine Weihnachtstrauer geworden — dadurch gemacht, daß ich wiederum aus diesem Zusammenhang heraus einzelne dieser Sachen anschauen mußte, und ich habe mir einen Gedanken aufgeschrieben, der ganz genau nach dem Muster dieses Denkers geformt ist, der da das beschrieben hat, was ich eben vorgelesen habe. Schauen wir es uns noch einmal an:

[ 18 ] I’ve developed a sort of “Christmas melancholy” — you can’t really call it joy; it has turned into a kind of Christmas melancholy — by having to look at some of these things again from this perspective, and I’ve jotted down a thought that is shaped exactly according to the model of that thinker who described what I just read aloud. Let’s take another look at it:

[ 19 ] «Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unserer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unseren alten Wortvorrat fest, da wir nichts anderes haben, womit wir es halten können. Die Welt strömt aber weiter, auch unsere Sprache strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen der Sprachgeschichte, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.»

[ 19 ] “The world flows toward us; with the few meager openings of our random senses, we take in what we can grasp and attach it to our old vocabulary, since we have nothing else with which to hold it. But the world keeps flowing, and our language keeps flowing too, just not in the same direction, but according to the vagaries of linguistic history, for which no laws can be established.”

[ 20 ] Ich habe den Gedanken auf einen anderen Gegenstand angewendet, genau denselben Gedanken, dieselbe Gedankenform; da ergibt sich das Folgende: «Goethes Genialität strömt auf das Papier, mit den paar armseligen Formen seiner Zufallsbuchstaben nimmt das Papier auf, was es fassen kann, und läßt sich aufdrucken, was es aufnehmen kann nach dem alten Buchstabenvorrat, da nichts anderes da ist, wodurch ihm etwas aufgedruckt werden kann. Goethes Genialität strömt aber auch weiter, auch der Schriftausdruck auf dem Papier strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen, in denen sich Buchstaben gruppieren können, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.» — Es ist ganz genau derselbe Gedanke, ich habe bei jedem Wort genau achtgegeben, es ist derselbe Gedanke! Wenn jemand behauptet: Die unermeßliche Welt strömt auf uns zu, wir nehmen sie auf mit den paar Zufallssinnen, wie wir es eben können, kleben sie an unseren Wortvorrat an; die Welt strömt weiter, die Sprache strömt in einer anderen Richtung, nach den Zufällen der Sprachgeschichte, und so verfließe das menschliche Erkennen — so ist das eben genau derselbe Gedanke, wie wenn jemand sagt: Goethes Genialität fließt durch die 23 Zufallsbuchstaben, weil das Papier eben nur dadurch die Sache aufnehmen kann; aber Goethes Genialität ist doch niemals dadrinnen, sie ist unermeßlich! Die Zufallsbuchstaben können das nicht aufnehmen, sie strömen weiter. Dasjenige, was da auf dem Papier ist, strömt auch weiter und gruppiert sich nun nach den Bildungen, in denen sich die Buchstaben gruppieren können und deren Gesetze man nicht erkennen kann. — Wenn nun die sehr gescheiten Herren schließen aus solchen Voraussetzungen: Also ist dasjenige, was wir in die Welt hereinbekommen, eben das Ergebnis von Zufallssinnen, und man kann nicht kommen auf dasjenige, was eigentlich der Welt im Innersten zugrunde liegt, dann ist das genau so, wie wenn jemand darüber nachdenkt, wie eigentlich jemals ein Mensch das aufnehmen kann, was eigentlich in Goethes Genialität gelebt hat. Denn es ist doch klar: Es ist ja nichts da von dieser Genialität als die Gruppierung von 23 Zufallsbuchstaben; es ist nichts anderes da! Genau denselben Gedanken haben diese Herren, sie werden es nur nicht gewahr. Und so viel Wert es hat, wenn jemand sagt: Nichts, nichts, nichts kann jemals ein Mensch wissen von Goethes Genialität, denn siehst du denn nicht, daß nichts von ihr auf dich fließen kann? Du kannst ja nichts anderes haben, als was die verschiedene Gruppierung von 23 Zufallszeichen gibt — so viel Sinn dieses hätte, so viel Sinn hat das Gerede, das diese Herren vollbringen über Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit des Welt-Erkennens. Genau so viel Sinn hat dieses ganze Denken — nicht das Denken der Tröpfe, sondern das Denken derjenigen, die heute wirklich die gescheiten Menschen sind, die nur nicht hinauswollen aus dem Denken unseres Zeitalters.

[ 20 ] I applied the idea to a different subject—exactly the same idea, the same form of thought—and this is what emerged: “Goethe’s genius flows onto the paper; with the few meager forms of its random letters, the paper absorbs what it can hold and allows itself to be imprinted with what it can take in from the old stock of letters, since there is nothing else there by which anything can be imprinted upon it. But Goethe’s genius also flows on, and the written expression on the paper flows on as well, only not in the same direction, but according to the random ways in which letters can group together, for which no laws can be established.” — It is exactly the same thought; I paid close attention to every word—it is the same thought! If someone claims: The immeasurable world flows toward us; we take it in with our few random senses as best we can, attaching it to our vocabulary; the world keeps flowing, language flows in a different direction, according to the vagaries of linguistic history, and thus human cognition flows away—this is precisely the same idea as when someone says: Goethe’s genius flows through the 23 random letters, because that is the only way the paper can capture the thing; but Goethe’s genius is never really in there; it is immeasurable! The random letters cannot contain it; they keep flowing. What is there on the paper also keeps flowing and now groups itself according to the formations in which the letters can group themselves, and whose laws cannot be discerned. — Now, when these very clever gentlemen conclude from such premises: So what we bring into the world is precisely the result of random processes, and one cannot arrive at what actually underlies the world at its very core, then this is exactly like someone pondering how a human being could ever grasp what actually lived within Goethe’s genius. For it is clear: There is nothing of this genius left but the grouping of 23 random letters; there is nothing else! These gentlemen have exactly the same thought; they just do not realize it. And as much value as it has when someone says: Nothing, nothing, nothing can a human being ever know of Goethe’s genius, for do you not see that nothing of it can flow to you? You can have nothing other than what the various groupings of 23 random characters provide—as much sense as that would have, so much sense does the talk these gentlemen engage in about the possibility or impossibility of knowing the world. This entire line of thought makes just as much sense—not the thinking of the fools, but the thinking of those who are truly the intelligent people of today, who simply do not want to step outside the thinking of our age.

[ 21 ] Die Sache hat aber wirklich noch eine andere Seite. Wir müssen uns klar sein darüber: Dieses Denken, das uns da an einem solchen Beispiel entgegentritt, wo es Grenzen der Erkenntnis feststellt, dieses Denken ist unser Denken im gegenwärtigen Zeitalter. Dieses Denken herrscht heute, es lebt überall. Und ob Sie heute dieses oder jenes noch so tief scheinende philosophische Buch lesen, das oftmals große Welträtsel lösen — oder verhüllen — will, oder ob Sie in der Zeitung lesen, überall regiert dieses Denken. Die Art und Weise dieses Denkens regiert. Sie regiert auch die Welt. Sie schlürft der Mensch heute mit seinem Morgenkaffee ein — nicht gerade heute allerdings, weil Meinungen heute in den Zeitungen nicht stehen dürfen, aber sonst, wenn Meinungen in den Zeitungen stehen dürfen. Er schlürft sie ein, es erscheinen ja mehr und mehr Tageszeitungen, in denen Meinungen drinnenstehen. Aber auch im ganzen Gewebe unseres sozialen Zusammenlebens lebt diese Art des Denkens. Ich habe es an der philosophischen Entwickelung klarzulegen versucht, dieses Denken, aber man könnte es klarlegen in den Gedanken, die sich die Menschen machen über alle möglichen Lebensverhältnisse: in allem, worüber die Menschen nachdenken, lebt dieses Denken heute. Und daß es lebt, das ist die Ursache davon, daß die Menschen nicht den Willen entwickeln können, das wirklich zu empfinden, was zum Beispiel Geisteswissenschaft geben will. Denn unverständlich ist es nicht für ein Denken, das ein wirkliches Denken ist. Aber selbstverständlich muß dasjenige, was Geisteswissenschaft geben kann, immer unverständlich bleiben für Menschen, die, sagen wir also, nach dem Schnitt von Fritz Mauthner konstruiert sind. Aber nach diesem Schnitt ist eben die Mehrzahl der Menschen heute konstruiert. Dieses Denken lebt in unserer zeitgenössischen Wissenschaft wirklich ganz und gar drinnen. Damit wird nichts gesagt gegen die Bedeutung und die großen Errungenschaften dieser Wissenschaft; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, wie das Seelische in unserer Zeit, in unserer ganzen Kultur lebt. Unserer Zeit fehlt ganz und gar die Möglichkeit, mit ihren Gedanken beweglich zu sein, wirklich zu folgen dem, dem man eben folgen muß, wenn diese Gedanken begreifen sollen dasjenige, was die Geisteswissenschaft mitzuteilen hat.

[ 21 ] But there is truly another side to this matter. We must be clear about this: this way of thinking, which confronts us in such an example where it identifies the limits of knowledge, is our way of thinking in the present age. This way of thinking prevails today; it is everywhere. And whether you read this or that seemingly profound philosophical book today—which often seeks to solve—or obscure—the great mysteries of the world—or whether you read the newspaper, this way of thinking reigns everywhere. The nature of this thinking reigns. It also rules the world. People today sip it in with their morning coffee—not exactly today, though, because opinions aren’t allowed in the newspapers today, but otherwise, when opinions are allowed in the newspapers. They sip it in; after all, more and more daily newspapers are appearing that contain opinions. But this way of thinking also lives in the very fabric of our social coexistence. I have tried to elucidate this way of thinking through the development of philosophy, but one could elucidate it in the thoughts people form about all manner of life circumstances: this way of thinking lives today in everything people reflect upon. And the fact that it lives is the reason why people cannot develop the will to truly perceive what, for example, Spiritual Science seeks to offer. For it is not incomprehensible to a way of thinking that is true thinking. But of course, what Spiritual Science has to offer must always remain incomprehensible to people who are, so to speak, cut from the same cloth as Fritz Mauthner. Yet the majority of people today are cut from precisely this cloth. This way of thinking is truly and completely embedded in our contemporary science. This says nothing against the significance and the great achievements of this science; but that is not the point. What matters is how the soul lives in our time, in our entire culture. Our time is completely lacking the ability to be flexible with its thoughts, to truly follow that which one must follow if these thoughts are to grasp what Spiritual Science has to communicate.

[ 22 ] Nun können wir uns aber fragen: Wie kommt es denn, daß zum Beispiel ein solches Buch geschrieben werden kann wie das, was ich hier vor mir habe: «Skepsis und Mystik» von Gustav Landauer, ein Buch, das von Selbstgefälligkeit nur so trieft. Man trieft selber, wenn man es gelesen hat, möchte ich sagen, von der ganzen Stimmung der Selbstgefälligkeit, die da drinnen ist, wie man trieft, wenn man Mauthners «Sprachkritik» gelesen hat oder Artikel aus dem «Philosophischen Wörterbuch». Wie kommt denn das? Wie es kommt, das erfährt man nicht, wenn man das Denken verfolgt. Ich kann mir sehr gescheite Menschen denken, die solch ein Buch in die Hand bekommen, es durchlesen und sagen: Das ist ein grundgescheiter Mensch! Sie haben recht, und Mauthner ist auch ein gescheiter Mensch. Daran liegt es nicht, denn Gescheitheit drückt sich ja dadurch aus, daß man in einer gewissen logischen Weise die Begriffe, die man sich bilden kann, eben bildet, auseinanderquasselt, und wieder bildet in irgendeiner Weise. Daran liegt es nicht. Man kann auf diesem oder jenem Gebiet eine große Gescheitheit haben, eine ganz richtige Gescheitheit, aber wenn man in das Leben hereinkommt, das getragen wird von dem Bewußtsein geistiger Erkenntnis, dann entwickelt sich mit jedem Schritt ein gewisses Verhältnis zur Welt so, daß man das Gefühl hat: Du mußt immer weiter und weiter. Mit jedem Tag mußt du deine Begriffe vervollkommnen. Zu dem Glauben mußt du dich entwickeln, daß du mit deinen Begriffen immer weiterkommen kannst. Bei dem, der ein solches Buch geschrieben hat, hat man das Gefühl, daß er in dieser Weise gescheit ist: Der 21. Dezember 1915. Ich bin gescheit und ich habe mir durch meine Gescheitheit etwas ganz Bestimmtes errungen. Das schreibe ich jetzt in ein Buch hinein. Das, was ich jetzt bin, das schreibe ich in ein Buch, denn ich bin gescheit am 21. Dezember 1915! Das Buch wird dann fertig werden und gibt meine Gescheitheit wieder! — Dieses Gefühl hat man, wenn man ein wirklich Erkennender ist, nie. Sondern man hat das Gefühl eines fortwährenden Werdens, einer fortwährenden Notwendigkeit, alle Begriffe zu läutern, hinaufzuentwickeln. Und in der Regel hat man dann nicht das Gefühl: Am 21. Dezember 1915, da bin ich gescheit; jetzt schreibe ich ein Buch, das meine Gescheitheit eingegeben hat; das wird dann fertig sein nach Monaten oder Jahren — sondern hat man ein Buch geschrieben, blickt man wahrhaftig nicht zurück auf die Gescheitheit, die man hatte, als man anfing, das Buch zu schreiben, sondern man hat durch das Buch das Gefühl bekommen: Wie wenig hast du eigentlich mit der Sache geleistet und wie nötig hast du gerade, durch das, was du da hingeschrieben hast, dich weiter zu entwickeln. Dieses Sich-auf-den-Weg-der-Erkenntnis-Begeben, dieses stetige innere Arbeiten, das kennt das materialistische Zeitalter fast gar nicht mehr, es glaubt es vielfach zu kennen, es kennt es aber nicht mehr wirklich. Und, sehen Sie, der tiefste Grund ist der, den man eben in die Worte fassen kann: Diese Leute sind so unbändig eitel. Ich sagte: es trieft solch ein Buch, es trieft eigentlich von Eitelkeit. Gescheit ist das Buch, aber ungeheuer eitel. Jenes Selbstbescheiden, jene Demut, die sich einem solchen Erkenntniswege ergibt, wie eben dargelegt, sie fehlen da ganz. Sie sind überhaupt nicht da, wenn man sich am 21.Dezember 1915 die Gescheitheit bedingungslos zuspricht. Sie kann nicht da sein, diese Demut.

[ 22 ] But now we might ask ourselves: How is it possible, for example, that a book like the one I have here before me—*Skepticism and Mysticism* by Gustav Landauer—could be written, a book that is simply dripping with self-satisfaction? One is oneself, I would say, steeped in the whole atmosphere of self-satisfaction that is contained within it after reading it, just as one is steeped in it after reading Mauthner’s “Sprachkritik” or articles from the “Philosophisches Wörterbuch.” How is that possible? One does not learn how it comes about by following the line of thought. I can imagine very intelligent people who pick up such a book, read through it, and say: This is a fundamentally intelligent person! They are right, and Mauthner is also an intelligent person. That is not the reason, for intelligence is expressed precisely by the fact that one forms the concepts one can form in a certain logical way, dissects them, and forms them again in some way. That is not the reason. One can possess great intelligence in this or that field, a perfectly sound intelligence, but when one enters into a life sustained by the consciousness of spiritual knowledge, then with every step a certain relationship to the world develops in such a way that one has the feeling: You must go on and on. With every day you must perfect your concepts. You must develop the conviction that you can always go further with your concepts. With someone who has written such a book, one has the feeling that he is clever in this way: December 21, 1915. I am clever, and through my cleverness I have achieved something very specific. I am now writing this down in a book. What I am now, I am writing into a book, for I am wise on December 21, 1915! The book will then be finished and will reflect my cleverness! — One never has this feeling if one is truly a person of insight. Rather, one has the feeling of a continuous becoming, of a continuous necessity to purify all concepts, to develop them further. And as a rule, one does not then have the feeling: On December 21, 1915, I was wise; now I am writing a book inspired by my wisdom; it will be finished in months or years — but once you have written a book, you truly do not look back on the wisdom you had when you began writing the book; rather, through the book you have gained the feeling: How little have you actually accomplished in this matter, and how necessary it is for you, precisely through what you have written down there, to continue developing yourself. This setting out on the path of knowledge, this constant inner work—the materialistic age hardly knows it anymore; it often believes it knows it, but it no longer truly knows it. And, you see, the deepest reason is the one that can be put into words: these people are so uncontrollably vain. I said: such a book is dripping, it is actually dripping with vanity. The book is clever, but immensely vain. That self-effacement, that humility which arises from such a path of knowledge, as just explained, is entirely absent here. It is not there at all when one unconditionally attributes cleverness to oneself on December 21, 1915. That humility cannot be there.

[ 23 ] Nun werden Sie sagen: Ja, die Leute wären doch dumm, wenn sie sich für gescheit halten würden. — Mit dem Oberbewußttsein tun sie es auch nicht, aber im Unterbewußtsein tun sie es doch. Sie lernen eben nie unterscheiden zwischen dem, was als Wahres sich belebt im Unterbewußtsein, und dem, was sie sich im Oberbewußtsein vormachen. Und so ist es die luziferische Natur des Menschen, die eigentlich die heutige Menschheit dazu treibt, klug sein zu wollen, auf einem bestimmten Standpunkt der Klugheit zu stehen und von da aus alle Dinge überschauen zu können, über alle Dinge etwa urteilen zu können. Aber wenn man diesen Luzifer in sich trägt, dann wird man, indem man mit diesem Luzifer die äußere Welt überschaut, zu Ahriman hingeführt und sieht diese äußere Welt für unser Zeitalter ganz selbstverständlich materialistisch. Dann, wenn man mit Luzifer im Leibe beginnt die Welt anzuschauen, dann trifft man, wenn man sie anschaut, Ahriman. Denn die beiden suchen einander in dem menschlichen Umgang mit dieser Welt. Daher kommt ein solches Denken, das so grundeitel ist, nicht einmal dazu, sich das Folgende überlegen zu können: Wenn ich ein Wort gebrauche, hat man selbstverständlich nur ein Zeichen für dasjenige, was das Wort bedeutet. — Mauthner hat die grandiose Entdeckung gemacht, daft es Substantive nicht gibt. Es gibt keine! Sie sind keine Wirklichkeit, selbstverständlich nicht! Nicht wahr, wir fassen gewisse Erscheinungen, die wir einen Moment erstarrt denken, auf, und nennen die mit einem Substantiv. Gewiß, Substantive sind keine Wirklichkeit; Adjektive auch nicht. Ganz selbstverständlich nicht. Das ist alles wahr. Aber wenn ich nun ein Substantiv und Adjektiv zusammenfasse, wenn ich die Sprache in Fluß bringe, dann drückt sie Realität, Wirklichkeiten aus. Dann geht das Bild innerhalb der Bildnatur, in dem, daß es eben Bild ist, über sich selber hinaus. Alle einzelnen Worte sind keine Wirklichkeit, aber wir sprechen ja nicht in einzelnen Worten, sondern wir sprechen ja in Wortzusammenhängen. Und in ihnen haben wir ein unmittelbares Drinnenstehen in der Wirklichkeit. Drei Bände mußten heute geschrieben werden, und ein zweibändiges Wörterbuch noch dazu, um den Menschen alle diese Dinge mit Gedanken unendlicher Gescheitheit vorzutragen, die einfach hinwegsehen darüber, daß, weil einzelne Worte nur Zeichen sind, die Verbindung nicht etwas bloß Bezeichnendes ist, sondern in der Realität drinnensteht. Unendliche Weisheit, unendliche Gescheitheit wird heute aufgebracht, um die allergrößten Torheiten zu «beweisen», wie man sagt.

[ 23 ] Now you might say: Yes, people would be foolish if they thought they were smart. — They don’t do that in their conscious mind, but they do it in their subconscious. They simply never learn to distinguish between what comes alive as truth in the subconscious and what they delude themselves into believing in the conscious mind. And so it is the Luciferic nature of the human being that actually drives today’s humanity to want to be clever, to stand on a certain level of cleverness, and from there to be able to survey all things, to be able to judge all things, as it were. But when one carries this Lucifer within, then by surveying the outer world with this Lucifer, one is led to Ahriman and sees this outer world, quite naturally for our age, as materialistic. Then, when one begins to view the world with Lucifer within, one encounters Ahriman when looking at it. For the two seek each other in humanity’s engagement with this world. Hence, such thinking, which is so fundamentally vain, does not even come to consider the following: When I use a word, one naturally has only a sign for that which the word signifies. — Mauthner made the grandiose discovery that nouns do not exist. There are none! They are not reality, of course not! Isn’t it true that we grasp certain phenomena that we think of as frozen for a moment, and name them with a noun. Certainly, nouns are not reality; neither are adjectives. Of course not. All of that is true. But when I now combine a noun and an adjective, when I set language in motion, then it expresses reality, realities. Then the image, within the nature of the image—in that it is precisely an image—transcends itself. Individual words are not reality, but we do not speak in individual words; rather, we speak in contexts of words. And in them we have an immediate standing within reality. Three volumes had to be written today, and a two-volume dictionary on top of that, to present all these things to people with thoughts of infinite cleverness, which simply overlook the fact that, because individual words are only signs, the connection is not merely something denoting, but stands within reality. Infinite wisdom, infinite cleverness is mustered today to “prove” the greatest follies, as they say.

[ 24 ] Daß nun schließlich in einer Kritik der Sprache, selbst in einer Kritik des Denkens, Torheiten sich darleben, das wäre ja nicht besonders schlimm. Aber dasselbe Denken, das sich in diesen Torheiten auslebt, in diesen sehr klugen, sehr gescheiten Torheiten, das lebt in allem übrigen Denken, das die gegenwärtige Menschheit hat. Und wenn wir die Aufgabe, die innerhalb unserer geistigen Bewegung steckt, ergreifen wollen, so gehört wirklich dazu, sich bewußt zu werden, daß diejenigen, die Geisteswissenschafter sein wollen, dahin kommen, ihr Zeitalter in der richtigen Weise zu sehen, wirklich sich zu ihrem Zeitalter in der richtigen Weise zu stellen. So daß wirklich, ich möchte sagen, zu dem Praktischen unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsströmung es schon einmal dazugehört, daß wir versuchen, über das Denken, das sich so charakterisiert, wie wir es heute gesehen haben, hinauszukommen, nicht mitzugehen mit diesem Denken, sondern daß wir versuchen, das Denken wiederum einmal anders zu nehmen. Wir werden geradezu kinderleicht, meine lieben Freunde, zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen, wenn wir nur diejenigen Hindernisse aus dem Wege räumen, die durch das erstarrte, das versteinte Denken in das geistige Kulturleben der Gegenwart hereingekommen sind. Allem gegenüber sollten wir daher jenen Autoritätsglauben, der heute unter der Maske der Autoritätsfreiheit auftritt, gründlich einmal in unserer eigenen Seele beseitigen. Das gehört zu dem praktischen Drinnenleben in unserer Geisteswissenschaft. Und es wird immer notwendiger werden, daß es wenigstens einzelne Menschen gibt, die den Tatbestand, den man also, wie ich heute tat, charakterisieren kann, wirklich durchschauen, und nicht nur durchschauen, sondern ihn auf Schritt und Tritt im Leben ernst nehmen. Darauf kommt es an. Man braucht ja das nicht äußerlich zur Schau zu tragen, aber es ist vieles getan, wenn es einmal eine Anzahl von Menschen gibt, die also, wie es folgt aus diesen Auseinandersetzungen, sich gerade auf ihren Posten im Leben so hinzustellen wissen.

[ 24 ] The fact that follies ultimately reveal themselves in a critique of language—or even in a critique of thought—would not be particularly bad. But the very same thinking that expresses itself in these follies—in these very clever, very astute follies—is present in all other forms of thinking that contemporary humanity possesses. And if we wish to take up the task inherent in our spiritual movement, it truly involves becoming aware that those who wish to be spiritual scientists must come to see their age in the right way, truly to face their age in the right way. So that, I would say, part of the practical aspect of our Spiritual Science worldview is that we try to move beyond the kind of thinking we have seen today, not to go along with it, but to approach thinking in a different way. We will come to an understanding of Spiritual Science with the greatest of ease, my dear friends, if we only clear away those obstacles that have entered into the spiritual cultural life of the present through rigid, fossilized thinking. In the face of everything, we should therefore thoroughly eliminate from our own souls that belief in authority which today appears under the guise of freedom from authority. This is part of the practical inner life of our Spiritual Science. And it will become increasingly necessary that there be at least a few individuals who truly see through the reality that can be characterized, as I did today, and not only see through it but take it seriously at every turn in life. That is what matters. One need not display this outwardly, but much will have been accomplished if there are a number of people who, as follows from these discussions, know how to stand firm in their place in life.

[ 25 ] Wir können an einem bestimmten Gebiete sehen, wie geradezu, ich möchte sagen, kategorisch unser Zeitalter verlangt, daß wir wiederum zu einer Belebung des Denkens kommen. Stellen wir nur kurz etwas vor unsere Seelen hin, was wir oftmals ausführlich vor diese Seelen hingestellt haben: Im Beginne unserer Zeitrechnung ging diejenige Wesenheit, die wir oft charakterisiert haben, die Christus-Wesenheit, durch das Leben eines menschlichen Organismus hindurch und vereinigte sich mit der Erdenaura. Dadurch wurde der Erde, nachdem sie ihren Sinn durch die luziferische Verführung verloren hatte, in ihrer Weiterentwickelung eigentlich erst der rechte Sinn gegeben. Das Ereignis von Golgatha hat sich abgespielt. Sehernaturen, die aber zum größten Teil Sehernaturen im alten Stile waren, haben als Evangelisten dieses Ereignis aufgezeichnet. Paulus, dem auf eine andere Art die Sehernatur aufgegangen ist — wir haben auch das charakterisiert —, Paulus, der durch dasjenige, was man das Ereignis von Damaskus nennt, geistig den Christus geschaut hat, den er so lange geleugnet hatte, als er nur auf dem physischen Plan von ihm hörte, er hat das Mysterium von Golgatha aufgezeichnet. Aus diesen Aufzeichnungen heraus haben eine Anzahl von Menschen die Verbindung ihrer Seele mit diesem Christus-Ereignis gefunden. Durch diese Verbindung mit dem Christus-Ereignis bei einzelnen Menschen breitete sich das Christentum aus. Zuerst war es unterirdisch vorhanden, so daß wirklich das Bild immer wieder vor unsere Seele treten kann: Im alten Rom, unten unter der Erde, halten Christen, diejenigen, die schon das Mysterium von Golgatha mit der Seele begriffen haben, ihren Gottesdienst ab. Droben geht dasjenige vor, was auf der Höhe der Zeit steht, was der eigentliche Inhalt der Zeitkultur ist. Einige Jahrhunderte vergehen. Dasjenige, was unten in den Katakomben vor sich gegangen ist, verborgen, verachtet, das erfülit die Welt. Und dasjenige, was Zeitinhalt war, die alte römische Geisteskultur, verschwindet. Das Christentum breitet sich aus. Aber die Zeit ist heute herangekommen, wo die Menschen angefangen haben zu denken, wo sie gescheit geworden sind, wo sie autoritätsfrei geworden sind. Denker sind aufgetreten, die die Evangelien geprüft haben: ehrliche Denker, gescheite Denker. «Ehrenwerte Männer» sind sie alle. Sie sind dahintergekommen, daß} keine historischen Zeugnisse in den Evangelien vorliegen. Sie haben diese Evangelien durch Jahrzehnte hindurch mit ernster kritischer Arbeit durchstudiert. Sie sind darauf gekommen, daß in den Evangelien keine wirklichen geschichtlichen Zeugnisse vorliegen, daß der Christus Jesus jemals gelebt hat. Nichts ist einzuwenden gegen die kritische Arbeit. Fleißig ist sie. Wer sie kennt, weiß von ihrem Fleiße; wer sie kennt, weiß von ihrer Gescheitheit. Man hat keinen Grund, sie leichten Herzens zu verachten, diese kritische Weisheit. Aber was liegt denn eigentlich in Wirklichkeit vor? Das liegt vor, daß} die Menschen gar nicht sehen, worauf es im Grunde ankommt. So bequem hat es der Christus Jesus den Menschen nicht machen wollen, daß hinterher Historiker auftreten können, die so bequem das Dasein des Christus auf der Erde nachweisen können, wie das Dasein Friedrichs des Großen nachzuweisen ist. So bequem hat es der Christus den Menschen nicht machen wollen — auch nicht machen sollen. So wahr es ist, daß diese kritische Arbeit über die Evangelien gescheit und fleißig ist, so wahr ist es auch, daß eben auf diese Weise gar nicht das Dasein des Christus bewiesen werden soll, denn das wäre ein materialistischer Beweis. Bei allem, was man auf äußere Weise beweist, ist Ahriman mit im Spiel. Aber Ahriman soll nie bei dem Christus-Beweise im Spiele sein, daher gibt es keine historischen Beweise. Daher wird die Menschheit erkennen müssen: Der Christus muß, trotzdem er auf der Erde gelebt hat, durch inneres Erkennen gefunden werden, nicht durch historische Urkunden. Das Christus-Ereignis muß an den Menschen kommen auf geistige Weise, da darf sich nichts von materialistischem Wahrheitsforschen hineinmischen. Es darf sich nichts Materialistisches hineinmischen.

[ 25 ] We can see in a particular area just how—I would say—categorically our age demands that we return to a revitalization of thought. Let us just briefly place before our souls something we have often presented to them at length: At the beginning of our era, the being we have often described—the Christ being—passed through the life of a human organism and united with the Earth’s aura. Through this, the Earth—having lost its purpose through the Luciferic temptation—was actually only then given the right purpose for its further development. The event of Golgotha took place. Seers, who were for the most part seers of the old school, recorded this event as evangelists. Paul, in whom the seer nature had dawned in a different way—we have also described this—Paul, who through what is called the Damascus event spiritually beheld the Christ whom he had denied for so long as he had only heard of him on the physical plane, he recorded the Mystery of Golgotha. From these records, a number of people have found the connection of their soul with this Christ event. Through this connection with the Christ event in individual people, Christianity spread. At first it existed underground, so that the image can truly appear before our soul again and again: In ancient Rome, deep underground, Christians—those who had already grasped the Mystery of Golgotha with their souls—held their worship services. Above, what was at the height of the times was taking place, what constituted the very essence of the culture of the age. Several centuries passed. That which took place down in the catacombs, hidden and despised, fills the world. And that which was the essence of the age—the ancient Roman spiritual culture—disappears. Christianity spreads. But the time has now come when people have begun to think, when they have become intelligent, when they have become free from authority. Thinkers have emerged who have examined the Gospels: honest thinkers, intelligent thinkers. They are all “men of integrity.” They have discovered that there are no historical records in the Gospels. They have studied these Gospels for decades with serious critical work. They have concluded that there is no real historical evidence in the Gospels that Jesus Christ ever lived. There is nothing to object to in this critical work. It is diligent. Those who know it are aware of its diligence; those who know it are aware of its intelligence. There is no reason to lightly despise this critical wisdom. But what is actually the case? The case is that people do not see what really matters. Christ Jesus did not want to make it so convenient for people that historians could later come along and prove the existence of Christ on earth as easily as one proves the existence of Frederick the Great. Christ did not want to make it that easy for people—nor was he meant to. As true as it is that this critical work on the Gospels is intelligent and diligent, it is equally true that the existence of Christ is not to be proven in this way at all, for that would be a materialistic proof. In everything that is proven in an external way, Ahriman is involved. But Ahriman must never be involved in the proof of Christ; therefore, there are no historical proofs. Therefore, humanity will have to recognize: Christ, even though he lived on Earth, must be found through inner knowledge, not through historical documents. The Christ event must come to humanity in a spiritual way; nothing from materialistic truth-seeking must interfere. Nothing materialistic must interfere.

[ 26 ] Das wichtigste Ereignis für die Erdenentwickelung wird niemals auf materialistische Weise bewiesen werden können, gleichsam weil durch die Weltgeschichte den Menschen gesagt werden soll: Eure materialistischen Beweise, dasjenige, was ihr überhaupt in dem materialistischen Zeitalter noch als Beweise gelten lassen wollt, das gilt nur für dasjenige, was im Felde der Materie vorhanden ist. Für das Geistige sollt und dürft ihr keine materialistischen Beweise haben. Da dürfen sogar diejenigen recht haben, die auch die historischen Urkunden zerfasern. Gerade mit Bezug auf das Christus-Ereignis muß in unserem Zeitalter verstanden werden, daß man zu dem Christus nur hinkommen kann auf geistige Art. Niemals wird man ihn in Wirklichkeit auf äußere Art finden. Man kann es sich sagen lassen, daß er existiert, aber wirklich finden kann man den Christus nur auf geistige Art. Das ist wichtig zu bedenken, daß in dem Christus-Ereignis ein Ereignis da ist, über das alle diejenigen im Mißverständnis leben müssen, die keine geistige Erkenntnis zulassen wollen.

[ 26 ] The most important event in the development of the Earth will never be able to be proven in a materialistic way, as it were, because world history is meant to tell humanity: Your materialistic proofs—that which you still wish to accept as proof in this materialistic age—apply only to what exists in the realm of matter. You should not and must not have any materialistic proofs for the spiritual. In this regard, even those who pick apart the historical documents may be right. Precisely with regard to the Christ event, it must be understood in our age that one can only reach Christ in a spiritual way. One will never actually find him in an external way. One can be told that he exists, but one can truly find Christ only in a spiritual way. It is important to bear in mind that within the Christ event there is an event about which all those who refuse to allow spiritual insight must live in misunderstanding.

[ 27 ] Es ist merkwürdig: Wenn man das ausspricht, was ich jetzt ausgesprochen habe, daß der Christus auf geistige Weise erkannt werden kann — auch dasjenige, was historisch ist, auf geistige Weise erkannt werden kann —, dann zerbrechen sich gewisse Leute darüber den Kopf, daß das ja eigentlich gar nicht möglich sei, und wenn es einer sage, so könne es nicht wahr sein! — Ich habe das wiederholt ausgesprochen. Nun, unsere verehrten anthroposophischen Mitglieder sind noch so, daß sie da oder dort an ungehörigem Orte manches durchsickern lassen, weil sie das noch immer nicht im Herzen tragen und nicht in die rechte Gesinnung gießen, was sie im Herzen haben. Da drang es zu einem Manne durch, an den es in einer besonderen Form herangebracht wurde, ich hätte einmal gesagt — es ist dies zwar eine persönliche Bemerkung, aber vielleicht darf ja einmal eine persönliche Bemerkung gemacht werden —: Persönlich sei ich gar nicht von der Bibel ausgegangen mit Bezug auf meine Jugendentwickelung, sondern ich sei von der Naturwissenschaft ausgegangen, und ich betrachte es als von besonderer Wichtigkeit, daß ich diesen Geistesgang genommen habe und eigentlich von der inneren Wahrheit desjenigen, was in der Bibel steht, überzeugt war, bevor ich sie gelesen hatte; daß ich klar war darüber, als ich dann äußerlich die Bibel gelesen habe, daß ich also in mir die Probe gemacht habe, daß man auf geistige Weise den Inhalt der Bibel finden könne, bevor man ihn nachträglich auf äußerliche Weise findet.

[ 27 ] It is strange: When one says what I have just said—that Christ can be known in a spiritual way, and that even what is historical can be known in a spiritual way—certain people rack their brains over it, thinking that this is actually not possible at all, and that if someone says it, it cannot be true! —I have said this repeatedly. Well, our esteemed anthroposophical members are still such that they let certain things slip out here and there in inappropriate places, because they still do not carry this in their hearts and do not pour what they have in their hearts into the right attitude. It reached a man to whom it was conveyed in a particular way that I had once said—this is admittedly a personal remark, but perhaps a personal remark may be made once in a while—: Personally, I did not start from the Bible at all with regard to my development in youth, but rather I started from the natural sciences, and I consider it of particular importance that I took this line of thought and was actually convinced of the inner truth of what is written in the Bible before I had read it; that I was clear about this when I then read the Bible externally, that I had thus tested within myself that one can find the content of the Bible in a spiritual way before finding it subsequently in an external way.

[ 28 ] Es hat dies persönlichen Charakter, aber es kann zur Illustration dienen. Nun, das kam in ungeziemender Weise an einen Mann heran, der nicht verstehen kann, daß es so etwas gibt, denn er ist, verzeihen Sie, Theologe. Er konnte das nicht verstehen. Da wollte er in einem Vortrage seinen Zuhörern die Sache klarmachen, und er tat es auf folgende Weise: Er las in einem Buch, daß ich einmal Ministrantendienste geleistet habe. Ministranten, das sind also Meßknaben, Knaben, die bei der Messe Handreichungen machen. Da sagte er sich: Wer das getan hat, der kann ja unmöglich gar nicht die Bibel kennengelernt haben. Steiner übersieht eben, daß er da ja genau die Bibel kennengelernt hat. Später kamen ihm diese Sachen dann nur von dem Bibelkennen her. — Ja, diese Sache hat aber Häkchen, man kann sagen Haken. Erstens ist die ganze Geschichte nicht wahr, aber das geniert ja heute die Leute nicht, etwas als tatsächlich zu behaupten, was nicht wahr ist. Zweitens lernt man ja als Ministrant bei der Messe niemals die Bibel, sondern das Meßbuch; das hat nichts zu tun mit der Bibel. Aber das Wichtige ist, daß man eben berücksichtigt: Dieser Mann kann sich gar nicht vorstellen, daß es ein geistiges Verhältnis gibt. Er kann sich nur vorstellen, daß man mit den Buchstaben, und häangend an Buchstaben, zu dem Geistigen hinkommt. Es ist sehr wichtig, daß wir solche Dinge wissen, aber praktisch wissen. Denn nicht eher wird unsere geistige Bewegung gedeihen können, bis wir wirklich, nicht bloß äußerlich, sondern bis ins Innerste unseres seelischen Markes hinein, den Mut finden, für all das einzutreten, was mit dem ganzen Sinne und der Bedeutung unserer Weltanschauung zusammenhängt. Und man kann sagen, mit Bezug auf dieses Verbundensein mit der geistigen Welt ist wirklich ein Tiefstand eingetreten, gerade in unserem Zeitalter. Am wenigsten fühlen sich heute gerade diejenigen Menschen, die sich für die aufgeklärtesten halten, mit der geistigen Welt verbunden. Das soll nicht als Vorwurf oder als Kritik gesagt werden, sondern das soll als Tatsache verzeichnet sein. Daher wird es ganz besonders in unserer Zeit auch wichtig sein, ein inneres Verständnis für solche bedeutsamen Weltsymbole zu beleben, wie sie uns entgegentreten in alledem — es sind ja reale Symbole, keine bloßen Symbole —, was zum Beispiel das Weihnachtsmysterium umgibt. Denn dieses Weihnachtsmysterium, das kann tief, tief sich verbinden mit der menschlichen Natur, ohne daß es sich durch den Buchstaben, durch das Lernen verbindet. Da müssen wir allerdings dann das Weihnachtsmysterium in jeder Lebenslage lebendig machen können, insbesondere in unserer eigenen Seele lebendig machen können.

[ 28 ] This is a personal matter, but it may serve as an illustration. Well, this came across in an inappropriate way to a man who cannot understand that such a thing exists, for he is, forgive me, a theologian. He could not understand it. So he wanted to explain the matter to his audience in a lecture, and he did so in the following way: He read in a book that I had once served as an altar boy. Altar boys are, of course, boys who assist during Mass. So he said to himself: Anyone who has done that cannot possibly have been unfamiliar with the Bible. Steiner simply overlooks the fact that that is exactly where he got to know the Bible. Later on, these things came to him solely from that knowledge of the Bible. — Yes, but there’s a catch to this, one might say a snag. First of all, the whole story isn’t true, but that doesn’t bother people today—they’ll claim something is true even when it isn’t. Second, as an altar server at Mass, one never learns the Bible, but rather the missal; that has nothing to do with the Bible. But the important thing is to take into account: This man cannot even create a mental image of a spiritual relationship. He can only create a mental image of arriving at the spiritual through the letters, and by clinging to letters. It is very important that we know such things, but know them practically. For our spiritual movement will not be able to flourish until we truly—not merely outwardly, but down into the very core of our soul—find the courage to stand up for everything connected with the full meaning and significance of our worldview. And one can say that, with regard to this connection with the spiritual world, a real low point has indeed been reached, especially in our age. Today, it is precisely those people who consider themselves the most enlightened who feel least connected to the spiritual world. This is not meant as a reproach or criticism, but simply as a statement of fact. Therefore, it will be particularly important in our time to revive an inner understanding of such significant world symbols as we encounter in all of this—for they are real symbols, not mere symbols—such as those surrounding the Christmas mystery. For this Christmas mystery can connect deeply, deeply with human nature without being mediated by the letter of the law or by learning. We must, however, be able to bring the Christmas mystery to life in every situation of life, and especially within our own souls.

[ 29 ] Wir schauen hin, indem wir das Weihnachtsmysterium vor unserer Seele erwecken, und sagen uns: Es erinnert uns die Weihenacht an das Herabsteigen des Christus Jesus auf den Erdenplan, an die Wiedergeburt desjenigen in dem Menschen, was verlorengegangen ist durch die luziferische Versuchung. Diese Wiedergeburt geschieht in verschiedenen Stufen. Eine Stufe davon ist diejenige, innerhalb der wir stehen. Wiedergeboren soll werden dasjenige, was zur Weiterentwickelung verlorengehen mußte, wiedergeboren soll werden das Sich-Vereinigefühlen des menschlichen Herzens mit der geistigen Welt; es soll geboren werden der Christus in uns — das ist nur ein anderes Wort dafür. Gerade das, was wir wollen, was wir immer anstreben, das hängt innig zusammen mit diesem Weihnachtsmysterium. Und wir sollen schon dieses Weihnachtsmysterium nicht bloß so ansehen, daß wir an einem oder an zwei Tagen des Jahres unseren Weihnachtsbaum aufstellen und ihn anschauen und da allerlei Erbauliches in uns aufnehmen, sondern wir sollen es sehen, wie es wirklich durch unser ganzes Dasein hindurch uns erscheinen kann in allem, was uns umgibt.

[ 29 ] We contemplate this by awakening the mystery of Christmas within our souls, and we tell ourselves: Christmas Eve reminds us of the descent of Christ Jesus onto the earthly plane, of the rebirth within humanity of that which was lost through the Luciferic temptation. This rebirth takes place in various stages. One of these stages is the one in which we now find ourselves. What had to be lost for the sake of further development is to be reborn; the human heart’s sense of union with the spiritual world is to be reborn; Christ is to be born within us—that is simply another way of saying it. Precisely what we desire, what we always strive for, is intimately connected with this Christmas mystery. And we should not view this Christmas mystery merely as something where, on one or two days of the year, we set up our Christmas tree and look at it, absorbing all manner of edifying things into ourselves; rather, we should see how it can truly appear to us throughout our entire existence, in everything that surrounds us.

[ 30 ] Wie ein Symbolum möchte ich zum Schlusse etwas hinstellen, was ein bedeutender, lang verstorbener Dichter gerade aus Empfindungen von Weihnachten heraus geschrieben hat.

[ 30 ] As a kind of symbol, I would like to conclude by sharing something that a renowned poet, long since deceased, wrote specifically inspired by the spirit of Christmas.

[ 31 ] «Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht, und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier, in den meisten Gegenden wird schon die Mitternachtsstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen, beleuchteten Fenstern emporragt.»

[ 31 ] “Our Church celebrates various feasts that touch the heart. One can hardly imagine anything more lovely than Pentecost, and hardly anything more solemn and holy than Easter. The sadness and melancholy of Holy Week, followed by the solemnity of Sunday, accompany us through life. One of the most beautiful feasts is celebrated by the Church almost in the middle of winter, when the nights are nearly the longest and the days the shortest, when the sun is at its lowest point in our region, and snow covers all the fields: the feast of Christmas. Just as in many countries the day before the Lord’s Nativity is called Christmas Eve, so here it is called Holy Evening, the following day Holy Day, and the night in between Christmas. The Catholic Church observes Christmas Day as the day of the Savior’s birth with its grandest liturgical celebration; in most regions, midnight itself is already sanctified as the hour of the Lord’s birth with a magnificent midnight service, to which the bells summon through the quiet, dark, wintry midnight air, to which the inhabitants hurry with lights or along dark, well-trodden paths from snowy mountains, past frost-covered forests, and through creaking orchards to the church, from which the solemn sounds emanate and which rises from the center of the village, shrouded in frost-covered trees, with its long, illuminated windows.”

[ 32 ] Was das Christfest für die Kinder ist, beschreibt er weiter. Dann beschreibt er, wie in einem abgelegenen alten Dorfe ein Schuster lebt, der sich eine Frau holt aus dem benachbarten Dorfe, nicht aus dem eigenen Dorfe, wie die Kinder dieses Schusterpaares Weihnachten kennenlernen, eben wie Kinder es kennenlernen: eigentlich nur dadurch, daß man ihnen sagt, der Heilige Christ hat ihnen diese oder jene Geschenke gebracht. Und wenn sie genügend müde sind von den Geschenken, so legen sie sich an diesem Tage besonders ermüdet zu Bett und hören dann nicht die Mitternachtsglocke. Die Kinder haben also noch nicht die Mitternachtsglocken gehört.

[ 32 ] He goes on to describe what Christmas means to children. Then he describes how a cobbler lives in a remote old village, who takes a wife from the neighboring village, not from his own village, and how the children of this cobbler couple come to know Christmas—just as children come to know it: really only because they are told that Saint Nicholas has brought them this or that gift. And when they are tired enough from the gifts, they go to bed on this day especially weary and then do not hear the midnight bells. So the children have not yet heard the midnight bells.

[ 33 ] Die Kinder besuchen öfters das Nachbardorf. Als sie so weit herangewachsen sind, daß sie alleine gehen können, besuchen sie die Großmutter im Nachbardorf. Die Großmutter hat die Kinder ganz besonders gern, wie es ja öfter vorkommt, daß die Großeltern die Kinder noch lieber haben als Vater und Mutter. Daher sieht die Großmutter die Kinder sehr gerne bei sich gerade da, als sie schon zu schwach ist, auszugehen. An einem Weihnachtsabend, der sich als schöner Weihnachtsabend ankündet, werden die Kinder zur Großmutter geschickt. Die Kinder gehen hinüber am Vormittag, nachmittags sollten sie zurückkehren, wie das ja auf dem Lande möglich ist, von Dorf zu Dorf, um dann eben am Abend zu Hause den Christbaum zu finden. Aber der Tag läßt sich anders an, als er veranlagt war. Die Kinder kommen in einen furchtbaren Schneesturm hinein. Sie irren über die Berge. Sie kommen vom Wege ab, kommen in eine ganz unwegsame Gegend, in einen furchtbaren Schneesturm.

[ 33 ] The children often visit the neighboring village. Once they are old enough to go on their own, they visit their grandmother in the neighboring village. The grandmother is particularly fond of the children; as is often the case, grandparents tend to love their grandchildren even more than their parents do. That is why the grandmother is so happy to have the children with her, especially now that she is too frail to go out. On a Christmas Eve that promises to be a beautiful one, the children are sent to their grandmother’s. The children set off in the morning; they are supposed to return in the afternoon—as is possible in the countryside, traveling from village to village—so that they can find the Christmas tree waiting for them at home that evening. But the day turns out differently than planned. The children are caught in a terrible snowstorm. They wander through the mountains. They stray from the path, ending up in a completely impassable area, in a terrible snowstorm.

[ 34 ] Es wird sehr schön beschrieben, was da die Kinder durchmachen; wie sie ein Naturgeschehnis vor sich haben in der Nacht. Es wird wünschenswert sein, daß ich Ihnen diese Stelle vorlese, denn man kann sie nicht so schön nacherzählen, wie sie da geschildert wird; es kommt eigentlich auf jedes Wort an. Die Kinder sind gerade auf eine Eisfläche gekommen. Im Gletscher sind sie drinnen. Sie hören hinter sich das Krachen der Gletscher in der Nacht. Sie können sich denken, was das fur einen Eindruck auf die Kinder macht. — Da fließt die Erzählung weiter:

[ 34 ] It describes very beautifully what the children are going through; how they find themselves facing a natural phenomenon in the night. It would be best if I read this passage to you, because it’s impossible to retell it as beautifully as it’s described there; every word really matters. The children have just come upon a sheet of ice. They are inside the glacier. Behind them, they hear the glacier cracking in the night. You can imagine what an impression this makes on the children. — The story continues:

[ 35 ] «Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zuruckzogen und erblaßten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün, sachte und lebendig unter die Sterne floß. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floß helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanften Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur: nach und nach wurde er schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde, und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.»

[ 35 ] “Something began to take shape for their eyes as well. As the children sat there, a pale light blossomed in the sky before them, right among the stars, and stretched a faint arc across them. It had a greenish glow that gently extended downward. But the arc grew brighter and brighter until the stars before it receded and faded. It also sent a glow into other parts of the sky, which flowed shimmering green, gently and vividly among the stars. Then beams of varying light rose at the height of the arc like the prongs of a crown and burned. It flowed brightly through the neighboring regions of the sky, it sparkled softly and moved in gentle tremors through vast spaces. Had the stormy fabric of the sky now become so taut from the unprecedented snowfall that it poured out in these silent, magnificent streams of light, or was it some other cause of unfathomable nature: little by little it grew weaker and weaker; the beams faded first, until it gradually and imperceptibly diminished, and once again there was nothing in the sky but the thousands upon thousands of simple stars.”

[ 36 ] Die Kinder saßen so die Nacht durch. Sie hörten nichts von einem Glockenklange von unten. Sie haben nur Schnee und Eis um sich, und die Sterne und die nächtliche Erscheinung über sich, im Gebirge, von der sie bis dahin nichts gehört hatten. — Die Nacht vergeht. Man war besorgt um die Kinder. Das ganze Dorf wurde ausgeschickt, die Kinder zu suchen. Man fand die Kinder und brachte sie nach Hause. Ich will alles übrige übergehen, will nur sagen, daß die Kinder fast erstarrt waren vor Kälte, daß sie ins Bett gebracht wurden, und es wurde ihnen gesagt, daß sie ihre Weihnachtsgeschenke bekommen würden. Die Mutter ging zu den Kindern hinein. Das wird so erzählt:

[ 36 ] The children sat there all night long. They heard no sound of bells from below. All around them was snow and ice, and above them, in the mountains, were the stars and the nocturnal apparition—of which they had heard nothing until then. — The night passed. People were worried about the children. The whole village was sent out to look for them. They found the children and brought them home. I will skip over everything else; I will only say that the children were nearly frozen stiff from the cold, that they were put to bed, and that they were told they would receive their Christmas presents. The mother went in to the children. This is how the story goes:

[ 37 ] «Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und Freunde sich in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: «Mutter, ich hab’ heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.»

[ 37 ] “The children were dazed by all the commotion. They had been given something to eat, and someone had put them to bed. Late in the evening, after they had recovered a little, and some neighbors and friends had gathered in the parlor to talk about the events, while the mother sat in the bedroom by Sanna’s little bed and stroked her, the girl said: ‘Mother, last night, when we were sitting on the mountain, I saw the Holy Christ.’

[ 38 ] Es ist eine wunderschöne Darstellung. Die Kinder waren aufgewachsen ohne irgendeine Belehrung über das Weihnachtsfest; sie mußten die Weihenacht gerade in einer so furchtbaren Situation zubringen, oben auf den Bergen, in Schnee und Eis, nur die Sterne über sich, und diese Naturerscheinung. Sie werden aufgefunden, nach Haus gebracht, und das Mädchen sagt: «Mutter, ich habe heute nacht den heiligen Christ gesehen!» — Gesehen! Gesehen! Sie hat ihn gesehen! — so sagt sie.

[ 38 ] It is a beautiful scene. The children had grown up without any instruction about Christmas; they had to spend Christmas Eve in such a terrible situation, high up in the mountains, in snow and ice, with only the stars above them and this natural phenomenon. They are found, brought home, and the girl says: “Mother, I saw the Holy Christ tonight!” — Saw! Saw! She saw him! — that is what she says.

[ 39 ] Es ist schon ein tiefer Sinn darin, wenn gesagt wird — was wir ja auch im Zusammenhang unserer Geisteswissenschaft schon oft betont haben —, daß wir den Christus nicht nur da finden können, wo wir ihn finden in der Entwickelung der Erdenzeit, historisch hineingestellt im Beginn unserer Zeitrechnung, da wo der Kultus ihn uns zeigt, sondern daß wir ihn finden können überall, gerade wenn wir in den ernstesten Augenblicken des Lebens der Welt gegenübergestellt sind! Wir können den Christus schon finden. Und auch wir, ich möchte sagen, wir Geistesschüler können ihn finden, wenn wir nur genügend davon überzeugt sind, daß ja all unser Streben darauf hingehen muß, daß ein Geistiges wieder in der Menschheitsentwikkelung geboren werde und daß dieses Geistige, das da durch besondere Betätigung der menschlichen Seelen und Herzen geboren werden muß, daß das auf Grundlage desjenigen geschehe, was der Erdenentwickelung geboren ist dadurch, daß das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat. Das ist etwas, was wir aufnehmen wollen in dieser Zeit. Können Sie, meine lieben Freunde, in den Tagen, von denen wir heute gesprochen haben und die jetzt nahen, ein richtiges inneres Gefühl finden von dem Werden und Weben des äußeren Erdendaseins, in seiner Ähnlichkeit mit dem Schlafen und Wachen des Menschen, können Sie ein tieferes Miterfühlen des äußeren Geschehens erleben, dann werden Sie immer mehr und mehr die Wahrheit des Wortes empfinden: «Der Christus ist da» Wie er selbst gesagt hat: «Ich bleibe bei euch, bis an das Ende der Erdenzeiten!»

[ 39 ] There is indeed a profound meaning in the statement—which we have often emphasized in the context of our Spiritual Science—that we can find Christ not only where we find him in the course of Earth’s history, historically situated at the beginning of our calendar, where the religious tradition reveals him to us, but that we can find him everywhere, especially when we are confronted with the world in the most serious moments of life! We can indeed find Christ. And we, too—I would say, we students of spiritual science can find him, if only we are sufficiently convinced that all our striving must be directed toward the rebirth of the spiritual in human development, and that this spiritual, which must be born through the special activity of human souls and hearts, must be based on what has been born into Earth’s development through the fulfillment of the Mystery of Golgotha. This is something we wish to take to heart at this time. If you, my dear friends, can find a true inner sense of the unfolding and weaving of outer earthly existence—in its likeness to human sleeping and waking—during the days we have spoken of today and which are now approaching, and if you can experience a deeper empathy with outer events, then you will increasingly feel the truth of the words: “Christ is here.” As he himself said: “I will remain with you until the end of the age!”

[ 40 ] Und er ist immer zu finden, wenn man ihn nur sucht. Das soll der Gedanke sein, der uns stärkt, der uns kräftigt gerade an dem in unserem Sinne gehaltenen Weihnachtsfest. Nehmen wir ihn auf, diesen Gedanken, und versuchen wir, mit diesem Gedanken dasjenige zu finden, was wir ja als den eigentlichen Gehalt, die eigentliche Tiefe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens ansehen müssen. Verwenden wir damit unsere Zeit, gerade eine so gestärkte Seele dazu, um uns im richtigen Sinne zu dieser Zeit zu stellen, wie wir es jetzt wiederum machen wollen, indem wir von der allgemeinen Betrachtung, die wir über die geistige Welt angestellt haben, mit dem Gefühl, das uns aus dieser Betrachtung werden kann, unsere Seele stärkend, nun hinblicken zu den Geistern derjenigen, die auf den großen Feldern der Ereignisse stehen:

[ 40 ] And it can always be found, if only one looks for it. That should be the thought that strengthens us, that gives us strength, especially during this Christmas season that we hold dear. Let us take this thought to heart and try, with this thought, to find what we must indeed regard as the true substance, the true depth of our endeavor in Spiritual Science. Let us use our time for this, especially a soul thus strengthened, to face this season in the right sense, as we now wish to do once more, by turning from the general contemplation we have undertaken of the spiritual world—strengthening our souls with the feeling that can arise from this contemplation—and now looking toward the spirits of those who stand in the great fields of events:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe,
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle,
Den Seelen, die sie liebend sucht.

Spirits of your souls, active guardians,
May your wings carry
The pleading love of our souls,
To the earthly people entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine forth in aid,
To the souls it lovingly seeks.

[ 41 ] Und für diejenigen, die schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:

[ 41 ] And for those who have already passed through the gates of death:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe,
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle,
Den Seelen, die sie liebend sucht.

Spirits of your souls, watchful guardians,
May your wings carry
The pleading love of our souls,
To the beings of the spheres entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine forth in aid,
To the souls it lovingly seeks.

[ 42 ] Und der Geist, an den wir uns gerade erinnern wollten in diesen Tagen, der Geist, dessen Wesen wir in unser eigenes Wesen in Demut und Hingebung aufnehmen wollen, der Geist, von dem uns veranschaulicht wird, wie er sich für sein Erdendasein bestimmt hat durch das Weihnachts-Weihefest, der Geist, der dann durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.

[ 42 ] And may the Spirit whom we have sought to remember during these days, the Spirit whose nature we wish to incorporate into our own being with humility and devotion, the Spirit who shows us how he chose his earthly existence through the Christmas festival, the Spirit who then passed through the Mystery of Golgotha, be with you and your heavy duties.