Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode
GA 157a

16 November 1915, Berlin

Erster Vortrag

[ 1 ] Während der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner vor jeden von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern die folgenden Gedenkworte gesprochen:

[ 2 ] Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schützenden Geister derer, die draußen stehen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegenwart:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 3 ] Und zu den schützenden Geistern derer uns wendend, die infolge dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.

[ 4 ] Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geisteswissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!


[ 5 ] Da ich nach langer Abwesenheit zu meiner tiefen Befriedigung wiederum in Ihrer Mitte sein darf, so möchte ich die drei Vorträge dieser Woche vor allen Dingen dazu verwenden, unsere Blicke hinzuwenden auf Erkenntnisse der geistigen Welt, die in einem näheren oder entfernteren Zusammenhang stehen mit demjenigen, was uns ja aus den bedeutsamen, tief einschneidenden Zeitereignissen so sehr beschäftigen und berühren muß. Nicht zunächst auf diese Zeitereignisse selber soll der Blick geworfen werden, sondern auf dasjenige, was wohl in allen Seelen, in allen Empfindungen mit diesen Zeitereignissen wie Rätselfragen, wie bange Fragen an Menschen- und Weltenschicksal zusammenhängt: Auf jenes weitere Schicksal der Menschenseele, welchem die Menschenseele unterliegt auf demjenigen Felde des Weltendaseins, dem der Blick der Geisteswissenschaft ja auch zugewendet ist und das sich nicht erschöpft mit dem irdischen, dem materiellen Dasein, darauf soll der Blick gewendet werden. So nahe, meine lieben Freunde, liegt es uns ja in dieser Zeit, anzuklopfen an die Pforte, durch die das Menschenwesen dringt, wenn es diesen irdischen Leib in irgendeiner Form verläßt. Zu dem hin drängt es uns, zu dem das Menschenwesen aufblicken kann, wenn es einen höheren Trost, eine tiefere Kraftquelle braucht, als der Trost sein kann, der nur vom materiellen Leben kommt, als die Kraftquellen sein können, die nur innerhalb des materiellen Lebens liegen. Wie tausendfältig klopft die Stimme der geistigen Welt in unserer Zeit an unsere Herzen, auch solcher Menschen, die ja oftmals mit ihren Herzen nicht eindringen wollen in die geistige Welt, obwohl diese Herzen auch für jene Menschen die Fenster sind in die geistige Welt hinaus. Wie deutlich klopft so tausendfältig diese geistige Welt in unserer Zeit an diese Fenster, und wie muß es uns naheliegen, wiederum einmal von einem besonderen Gesichtspunkte aus zusammenzufassen mancherlei, was wir wissen können über diese geistige Welt.

[ 6 ] Eine geistige Welt wird derjenige bald zugeben müssen, der über die engsten Vorurteile des Materialismus hinausgekommen ist, und engbegrenzte Vorurteile des Materialismus möchte ich die nennen, aus denen heraus das Dasein einer geistigen Welt überhaupt abgeleugnet wird. Etwas weiter ist ja schon der Blick derjenigen Menschen, die diese geistige Welt nicht ableugnen, sondern nur behaupten, man könne mit menschlichen Mitteln von dieser geistigen Welt nichts wissen. Wie gesagt, wenn man nicht auf dem ganz beschränkten materialistischen Standpunkt der ersteren Art steht und durch das menschliche Leben so weit gereift ist — und man kann bald so weit reifen —, eine geistige Welt — wenn man schon ihre Erkennbarkeit leugnen wollte — wenigstens zuzugeben, so wird man daran denken müssen, daß das Wissen, das man sich aneignen kann, und die Lebensresultate, die man erzielen kann durch die gewöhnliche materielle Welt, geringfügig sind gegenüber dem, was sich als ein weiter Reichtum 'ausbreitet in der geistigen Welt, die hinter der physisch-sinnlichen liegt.

[ 7 ] Gewiß, es gibt in unserer Zeit engherzige materialistische Seelen, welche das ganze menschliche Wesen in so enge Grenzen fassen wollen, daß? man den Menschen anzusehen habe als nur ein wenig höher entwickelt als das Tier, aber ganz im Sinne der tierischen Entwickelung liegend. Gewiß, es gibt solche Menschen. Aber sie werden wohl immer weniger werden, denn, wie wir oftmals gesehen haben, schon die gewöhnliche Wissenschaft läßt diese Vorurteile nicht aufkommen. Und wenn man nur einmal anfängt zuzugestehen, daß im Menschenwesen noch etwas ist, was über das äußerlich Natürliche hinausragt, dann wird einem sehr bald eine Erkenntnis darüber aufgehen können, wie geringfügig, wie engbegrenzt dasjenige ist, was die physische, sinnliche Welt umfaßt, gegenüber dem Großen, Gewaltigen, das die ganze Welt umfaßt. Und wenn man dann auf den Menschen selber sieht, wenn man sich bewußst wird dessen, was im Menschen lebt und leben kann, so kann man doch nicht anders als sagen: So weit auch die geistige Welt reicht, so groß auch ihr Reichtum ist, der Mensch ist eine Art Mikrokosmos in sich. Man möge es für noch so unbekannt halten: in sein Wesen reicht herein der ganze Reichtum der geistigen Welt. Wie gesagt, mag für das sinnliche Anschauen jene Tiefe der Seele noch so verborgen sein, in die die tieferen Partien der geistigen Welt hineinreichen, sie reichen hinein in das menschliche Wesen. Der Mensch ist nicht nur, wie das sein physischer Leib ist, ein Zusammenwirken äußerer physischer Kräfte und Substanzen, der Mensch ist ein Ergebnis der ganzen Welt, ein wirklicher Mikrokosmos. Und vieles, was wir treiben, vieles, was wir aufsuchten, war ja dazu bestimmt, uns im einzelnen klarzumachen, inwiefern der Mensch ein Ergebnis der geistigen Welt ist, inwiefern in ihm wirklich zu suchen sind nicht nur die Kräfte dieser Erde, sondern die aller Himmel, könnte man sagen.

[ 8 ] Wenn man aber nur einmal erfaßt wird von diesem Gedanken, dann wird einem auch klar, daß) man ja mit dem gewöhnlichen Wissen von dem Menschen im Grunde das allerwenigste weiß. Mit diesem gewöhnlichen Wissen weiß man einiges über die Gesetze der Natur, man erwirbt sich dieses Wissen zwischen Geburt und Tod. Aber man wird eben nur durch ein klein wenig Vertiefung in die Geisteswissenschaft — nicht einmal, indem man ihr Bekenner ist, sondern nur, indem man Lebensrätsel aufwirft — schon erkennen, daß man, wenn man den Menschen erkennen will, an etwas ganz anderes noch sich wenden muß als an das bißchen äußere Wissen, das man erwerben kann zwischen Geburt und Tod durch die äußeren Mittel des Leibes, durch die äußeren Sinne und den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist.

[ 9 ] Nun, meine lieben Freunde, verbinden wir diesen Gedanken mit einem anderen, mit dem Gedanken, der sozusagen wie ein roter Faden durch alle unsere Betrachtungen geht: mit dem Gedanken der wiederholten Erdenleben. Was denen, die sich ein wenig beschäftigt haben mit unseren Anschauungen, bei diesem Gedanken der wiederholten Erdenleben zunächst am meisten auffallen muß, das ist, daß die Zeit, die wir hier zubringen zwischen Geburt und Tod, verhältnismäßig kurz ist gegenüber der Zeit, die wir in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zubringen. Von den verschiedensten Gesichtspunkten aus haben wir besprochen, daß in der Regel diese Zeit, die der Mensch zu durchleben hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, viel, viel länger ist als die verhältnismäßig kurze Zeit zwischen Geburt und Tod hier im physischen Leben.

[ 10 ] Es besteht zwischen den beiden Gedanken, die ich eben äußerte, ein Zusammenhang: das wenige, das wir uns hier erwerben an Wissen und Lebensfrüchten zwischen Geburt und Tod, das steht zu dem geistigen Reichtum der Welten, mit denen der Mensch zusammenhängt, ungefähr in demselben Verhältnis wie die kurze Zeit zwischen Geburt und Tod zu der langen Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn in der Tat, das wird Ihnen hervorgehen aus manchen Betrachtungen, die wir gepflogen haben, daß es ja die Aufgabe der Menschenseele ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sich ganz andere Erkenntnisse und Kräfte anzueignen, als die Erkenntnisse und Kräfte sind, die man sich hier im physischen Leben aneignet. Wirklich, man kann sagen, meine lieben Freunde, wenn wir so hereintreten in das physische Erdenleben, wenn wir aus der geistigen Welt kommen und einverkörpert werden in den Leib, den uns die Vererbungslinie gibt von unseren Ahnen her, dann gehört es zu unserer Aufgabe, alle die Kräfte und alle die feinen Verzweigungen dieser Kräfte zu haben, die wir brauchen, um diesen unseren Leib durchzuorganisieren.

[ 11 ] Sehen Sie, unser Leib, so wie wir ihn bekommen, wird uns von unseren Eltern geboren. Aber mit diesem Leibe verbindet sich unser geistig-seelisches Wesen, das eine lange Zeit vorher durchgemacht hat in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt. Könnte man sehen — wenn es überhaupt berechtigt wäre, die Hypothese auch nur einen Augenblick in Erwägung zu ziehen —, was dieses äußere Menschenwesen werden kann nur durch die Kräfte der Vererbung, die Kräfte, die der Substanz eigen sind, die von den EItern uns übergeben werden, dann würden wir sehen, daß mit diesen Kräften der Mensch nicht werden kann der, der er ist. Wir müssen in diese Kräfte, die unser äußeres physisches Dasein darstellen, in diese Substanzen und Organgliederungen, in die Form, die wir von den Eltern bekommen, hineingießen dasjenige, was wir als Seele mitbringen, und es aus dem Abstrakten zu dieser individuellen Persönlichkeit machen, die wir sind. Wie gesagt, es ist eine törichte Hypothese, aber man kann sie aufstellen, um sich etwas klarzumachen: Denken wir uns einmal, was entstehen würde, wenn Sie alle nur von Ihren Eltern geboren sein könnten? Wir sehen dabei von Karma ab, sehen davon ab, daß wir natürlich in bestimmte Familien hineingeboren werden, wir sehen nur auf die physische Vererbung. Da würden Sie alle gleich sein als Menschen, da würden Sie nur den allgemeinen physischen Menschencharakter haben! Daß Sie ein ganz bestimmter individueller Mensch sind, daß soundsoviele individuelle Menschen hier vor uns sitzen, das rührt davon her, daß die allgemeine Menschheitsschablone bis in die feinste Gliederung ausziseliert ist von der geistigen Individualität, die aus der geistigen Welt kommt und untertaucht in dasjenige, was von Vater und Mutter gegeben wird. Dazu muß man ebenso, wie man Finger haben muß, um einen Gegenstand der physischen Welt zu ergreifen, und wie man eben den Gegenstand sehen muß, um ihn zu ergreifen, wie man dazu Organe haben und auch gelernt haben muß, etwas zu ergreifen — das Kind kann ja nicht einen Gegenstand ergreifen, es muß es erst lernen —, so muß man gelernt haben, sich anzuschließen all den einzelnen Organen, die unseren Organismus physisch bilden.

[ 12 ] Nicht wahr, wir haben «im allgemeinen» Ohren, aber wir hören in individueller Weise. Wir haben «im allgemeinen» Augen, aber wir sehen in individueller Weise. Für die äußeren Organe ist es noch am wenigsten wahrnehmbar, für das innere Verhalten des Menschen aber, da fallt es schon stärker auf. Deshalb müssen wir unser Geistig-Seelisches hineinschieben in alle diese ganz allgemein gehaltenen Organe, wir müssen das ganz individuell gestalten, müssen die Kräfte, die innerlich-geistig-seelischen Handgriffe kennen, um das, was wir als Ohren, Nase, Augen, Gehirn, um all das, was wir als Vererbungsorgane erhalten haben, individuell zu gestalten. Das heißt, wir müssen, wenn wir in die physische Welt durch die Geburt eintreten, Kenntnisse haben, und nicht nur Kenntnisse, sondern praktische Möglichkeiten der Anwendung dieses ganzen Wunderbaues des Menschen, von dem wir so wenig durch äußere Wissenschaft wirklich wissen. Wir müssen zum Beispiel den ganzen feinen Bau des Gehirns innerlich kennen, weil wir ihn innerlich durchorganisieren müssen. Und alle diese geistig-seelischen Handgriffe, alles dieses, was uns möglich macht, überhaupt in einem Menschenleibe zwischen Geburt und Tod ein Mensch zu sein, all das müssen wir uns erwerben. Genau wie wir uns Geschicklichkeiten im Leben erwerben müssen, so müssen wir uns die Fähigkeit, im physischen Leben ein Mensch sein zu können, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erwerben.

[ 13 ] Das müssen wir ins Auge fassen, meine lieben Freunde, das muß uns ganz klar sein. Und wir werden uns dann auch einen Begriff machen können, was wir alles durch bloß physisches Wissen vom Menschen nicht erkennen und was wir erkennen müssen durch jenes andere Wissen, das wir uns praktisch anzueignen haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber wir wissen: Dasjenige, was wir uns aneignen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist ja aufgebaut auf alledem, was wir uns in den früheren Erdenleben angeeignet haben. Und so, wie geregelt ist in einer gewissen Weise unser physisches Leben hier zwischen Geburt und Tod, so ist auch in einer gewissen Weise geregelt unser Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Nicht wahr, wir treten in das physische Leben herein, man möchte sagen halb schlafend, träumend, als kleines Kind. Wir können zunächst nicht ein Gedächtnis entwickeln, wir lernen erst, ein Gedächtnis zu entwickeln. Wenn wir aber genauer zusehen, finden wir, daß in der Zeit, bis wir das Gedächtnis entwikkeln, gewisse Anpassungen an die äußere Welt erworben werden. Das Kind krabbelt zuerst und lernt dann erst greifen. Da werden gewisse Dinge erworben, systematisch erworben. Aber es wird vieles gelernt in dieser Zeit, viel mehr, als man gewöhnlich beobachtet. Dann wiederum ist jede einzelne Lebensepoche so verlaufend, daß das Spätere sich auf Früherem aufbaut. Das Menschenleben ist also auch hier zwischen Geburt und Tod in seinem Verlaufe aufgebaut, nicht nur in seinem körperlichen Bau. Ebenso geregelt ist das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Und da brauchen wir uns nur einzelnes vor die Seele zu rücken, das wir langst kennen, so werden wir gewahr werden, wie geregelt dieses Leben ist.

[ 14 ] Sehen Sie, das haben wir ja öfter betont, wir brauchen hier zu unserem seelischen Leben im physischen Dasein eine Vorstellung unseres Ich, die nicht abreißt, nachdem sie einmal geknüpft worden ist im zweiten, dritten, vierten Lebensjahr, an den Zeitpunkt, bis zu dem wir uns zurückerinnern. Bei Menschen, bei denen gewissermaßen dieser Ich-Faden abreißt, findet eine Störung des seelischen Gleichgewichts statt. Es gibt solche Menschen, ich habe es schon öfters erwähnt, aber das, was solche Menschen haben, ist immer eine schwere Seelenkrankheit. Es kommt vor, daß ein Mensch plötzlich herausgerissen wird aus dem Zusammenhang seines Ich. Er erinnert sich nicht an sein früheres Leben, das er gelebt hat. Er geht, sagen wir, zum Bahnhof, kauft sich ein Billett nach irgendeinem Ort. Sein Verstand funktioniert ganz ordentlich. Bei allen Übergangsstationen macht er alles Nötige ganz vernünftig. Aber er erinnert sich nicht an das, was vorher war. Sein inneres Leben ist nur ausgebreitet bis zu einem Punkte, wo er sich entschlossen hat, sich ein Billett zu kaufen und die Reise zu machen. Er reist in der Welt herum, sein Verstand ist ganz in Ordnung. Dann kommt ein Augenblick, wo er weiß: er ist «er». Vorher war sein Seelenleben gedächtnismäßig ausgelöscht. Der Verstand kann in Ordnung sein, das Gedächtnis ist ausgelöscht. Dann ist das Ich eben zerrissen, und der Mensch unterliegt einer schweren Seelenkrankheit.

[ 15 ] Ich habe selbst einen Bekannten gehabt, der in einer verhältnismäßig hohen Stellung plötzlich von einer solchen Krankheit befallen wurde. Er bekam plötzlich den Drang, nachdem er alles vergessen hatte, was er selber war, herumzureisen. Er reiste, wie wir sagen würden, blindlings in der Welt herum von einem Ort zum andern und fand sich wiederum hier in Berlin in einem Asyl für Obdachlose. Da kam er wiederum darauf: Du bist der, der du bist! Die Zwischenzeit war zwar ganz verständig gewesen, aber hing nicht zusammen mit dem übrigen Leben. Dann überfiel ihn ein zweites Mal diese Krankheit; da hat er dann freiwillig den Tod gesucht, in dem Bewußtsein, in dem das Gedächtnis mit dem Ich noch ausgeschaltet war.

[ 16 ] Nun, sehen Sie, so wie in diesem Leben zwischen Geburt und Tod das Ich ein kontinuierlicher Faden sein muß, und in keinem Augenblick während des Tageslebens abgerissen werden darf diese Möglichkeit, sich an alles das zu erinnern, was verlaufen ist seit dem Zeitpunkt in der Kindheit, an den man sich zurückerinnert, so muß es auch sein in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Da müssen wir auch immer die Möglichkeit haben, unser Ich zu bewahren. Nun, diese Möglichkeit wird uns gegeben, und sie wird uns dadurch gegeben, daß die ersten Zeiten nach dem Tode eben so verlaufen, wie wir es öfter beschrieben haben. Die allererste Zeit nach dem Tode verläuft ja so, daß man wie in einem großen Tableau sein eben abgelaufenes Leben vor sich hat. Man umfaßt durch Tage hindurch, aber immer so, daß das Ganze da ist, gewissermaßen auf einmal sein bisheriges Leben. Man hat es wie in einem großen Panorama vor sich. Wenn man allerdings genauer zusieht, dann stellt sich heraus, daß diese Tage mit ihrem Rückblick auf das verflossene Leben sozusagen schon mit einer gewissen Nuance der Beobachtung behaftet sind. Man sieht gewissermaßen das Leben in diesen Tagen von dem Gesichtspunkte des Ich aus, man sieht besonders alles dasjenige, woran unser Ich beteiligt war. Ich will sagen, man sieht die Beziehungen, die man zu einem Menschen gehabt hat, aber man sieht diese Beziehungen zu dem Menschen in einem solchen Zusammenhange, daß man gewahr wird, welche Früchte für einen selbst diese Beziehung zu dem Menschen getragen hat. Man sieht also die Sache nicht ganz objektiv, sondern man sieht all das, was Früchte für einen selber getragen hat. Man sieht sich überall im Mittelpunkt drinnen. Und das ist unendlich notwendig, denn von diesen Tagen, wo man so alles sieht, was fruchtbar für einen geworden ist, geht aus jene innere Stärke und Kraft, die man braucht im ganzen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, um nun da den Ich-Gedanken festhalten zu können. Denn man verdankt die Kraft, das Ich festhalten zu können zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diesem Anschauen des letzten Lebens; von dem geht diese Kraft eigentlich aus. Und insbesondere, meine lieben Freunde — ich muß das noch einmal betonen, wenn ich es auch hier schon gesagt habe -, insbesondere ist da der Moment des Sterbens von außerordentlicher Bedeutung.

[ 17 ] Der Tod ist etwas, was am allermeisten zwei total voneinander verschiedene Seiten hat. Der Tod von hier aus, von der physischen Welt aus gesehen, hat gewiß viele trostlose Seiten, viele schmerzliche Seiten. Aber es ist wirklich so, daß man von hier aus den Tod von der einen Seite nur ansieht, wenn man aber gestorben ist, sieht man ihn von der anderen. Da ist er das befriedigendste, vollkommenste Ereignis, das man überhaupt erlebt, denn er ist da lebendige Tatsache. Während er hier ein Beweis dafür ist, auch für unsere Empfindung, für unser Gefühl, wie hinfällig, wie vergänglich das physische Leben des Menschen ist, ist der Tod, angeblickt von der geistigen Welt aus, gerade ein Beweis dafür, daß immerdar der Geist den Sieg über alles Ungeistige davonträgt, daß immerdar der Geist das Leben ist, das unvergängliche, das nie versiegende Leben. Er ist gerade ein Beweis dafür, daß es keinen Tod gibt in Wirklichkeit, daß der Tod eine Maja, ein Schein ist. Darin liegt auch der große Unterschied zwischen dem Leben von dem Tode bis zu einer neuen Geburt und dem Leben hier von der Geburt bis zum Tode.

[ 18 ] Denn sehen Sie, kein Mensch kann sich mit gewöhnlichen physischen Erkenntnismitteln an seine eigene Geburt erinnern. Die eigene Geburt kann niemand aus der Erfahrung beweisen, weil er sie nicht gesehen hat. Die Geburt ist etwas, das vor dem Menschenauge hier im physischen Leben nicht stehen kann. Die Geburt liegt vor der Zeit, an die man sich erinnert. Und die Geburt steht nie da. Der Tod aber - und dadurch unterscheidet er sich von der Geburt in seiner Bedeutung nach dem Tode - steht immer als das größte, bedeutendste, lebendigste, vollkommenste Ereignis vor dem geistigen Auge in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn der Tod ist eben das, wovon wir unser Ich-Bewußtsein nach dem Tode haben. Und ebenso wie es uns hier in unserem physischen Leben unmöglich ist, uns an unsere Geburt zu erinnern, ebenso notwendig und selbstverständlich ist es in der ganzen Zeit, die wir in der geistigen Welt verbringen, in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, daß immer der Moment, wo der Geist sich losringt von dem Leibe, vor unserem geistig-seelischen Blick steht. Denn aus diesem Tode heraus fließt uns eben im Zusammenhang mit dem, was wir hier erlebt haben, die Kraft, die wir brauchen, um uns als Ich zu fühlen. Man möchte sagen: könnten wir nicht sterben, so könnten wir ein geistiges Ich überhaupt nicht erleben. Denn daß wir ein geistiges Ich erleben, verdanken wir dem Umstande, daß wir physisch sterben können. So also liegt die Sache für unser Ich. Dieses Ich wird gestärkt und gekräftigt dadurch, daß wir die ersten Tage, in denen wir noch im Ätherleibe sind, nach dem Tode erleben. Dann wird dieser Ätherleib abgelegt, und wir erleben rücklaufend das Leben, das wir den Durchgang der Menschenseele durch die Seelenwelt nennen können, ein Leben, das nun schon länger dauert als das kurze, nur Tage andauernde Leben, das unmittelbar auf den physischen Tod folgt.

[ 19 ] Nun ist die Meinung sehr verbreitet, daß derjenige, der in die geistige Welt hineinsehen kann, sogleich alles überschaut. Ich habe das schon oft korrigiert. Nichts macht so bescheiden, als das wirkliche Hineinsehen in die geistige Welt. Denn man kann lange hineinsehen, aber das Erforschen der einzelnen Tatsachen der geistigen Welt, das ist eben in der geistigen Welt mit den Kräften der geistigen Welt eine wirklich lange, lange Arbeit, und es ist ein Vorurteil, wenn man glaubt, daß derjenige, der in die geistige Welt hineinsieht, nun gleich über alles Auskunft geben könne. Und gerade so, wie hier in der physischen Welt nach und nach die Dinge erforscht werden, von Epoche zu Epoche, so ist das auch für das geistige Leben so, daß nach und nach die Dinge erforscht werden. Aber gerade — und jetzt möchte ich auf einen Punkt eingehen, der doch der einen oder anderen hier sitzenden Seele wichtig sein muß -, gerade die absolute Zusammenstimmung der einzelnen geistigen Tatsachen, wenn man sie so nach und nach erforscht, wie sie sich immer wieder und wiederum herausstellen von neuem, die kann auch demjenigen, der noch nicht in die geistige Welt hineinsieht, ein Beweis der Berechtigung desjenigen sein, was in ehrlichem Forschen errungen wird aus der geistigen Welt. In meiner «Geheimwissenschaft» habe ich schon bestimmte Zeiten angegeben, wie lange die einzelnen Abschnitte in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt dauern, aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus. Nun gibt es aber noch einen anderen Gesichtspunkt, den ich jetzt anführen möchte und den ich in meiner «Geheimwissenschaft» noch nicht angeführt habe, aus einem einfachen Grunde, den ich Ihnen nicht verhehlen möchte, damit Sie auch daraus entnehmen können, daß hier in ehrlicher, aufrichtiger Weise Geisteswissenschaft getrieben wird: aus dem einfachen Grunde, weil ich es dazumal noch nicht gewußt habe, sondern es erst nachher erforschen konnte. Es ergibt sich nämlich ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Leben, das als geistiges Leben hier auf dem physischen Plan entfaltet werden kann, und dem geistigen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 20 ] Sie wissen ja, daß wir unser Leben hier als physisches Leben verbringen in Wachen und Schlafen, daß wir einerseits ein volles Bewußtsein haben im Wachzustand und daß dann für den normalen Menschen ein unbewußter Zustand verläuft in der Zeit zwischen Einschlafen und Aufwachen. Sie wissen auch aus dem, was auseinandergesetzt worden ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten%», daß dieses Schlafesleben durchstrahlt werden kann von Bewußtsein, daß man hineinschauen kann in dasjenige, was zwischen dem Einschlafen und Aufwachen geschieht. Wenn man nun dazu gelangt, immer mehr und mehr kennenzulernen das Leben, das der Mensch hier zwischen Geburt und Tod verbringt im Schlafe, da lernt man ja wirklich einen ungeheuren Reichtum des Lebens kennen. Ein ungeheurer Reichtum des Menschenlebens verfließt eben für das normale menschliche Dasein in diesem unbewußten Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da geht ungeheuer viel vor. Und dasjenige, was sehr bald auffällt in diesem Schlafesleben, das ist das, daß dieses Schlafesleben ein ungeheuer viel aktiveres Leben ist als das Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

[ 21 ] Wir sind ja während des Schlafens in unserem Ich und Astralleibe und haben sozusagen außer uns liegen unseren physischen Leib und den Ätherleib. Nun gewiß, auch dieses äußere Leben ist ein aktives Leben, bei manchen Menschen ja sogar ein sehr aktives Leben. Es kommt einem nämlich so aktiv vor, weil wir alle die Passivitäten, die in diesem äußeren Leben sind, eigentlich gar nicht so sehr in Erwägung ziehen. Wirklich, wenn alles aus unserer Initiative hervorgehen müßte, was das äußere Leben trägt, dann würden wir uns sehr verwundern, wie anders es vor sich gehen würde. Denken Sie einmal: Sie stehen jeden Morgen auf. Sie kommen kaum zu dem Entschluß, aufzustehen, Sie tun es aus Gewohnheit. Und Sie kommen wirklich nicht zu einer genaueren Erkenntnis dessen, was das heißt, daß man so zusammenhängt mit der ganzen Welteinrichtung, daß man in gewissen Zeiten in dem einen und anderen Zustand sein Leben zubringen muß, daß das in entsprechender Weise pendeln muß - ja, wo wäre solche Überlegung, das verläuft ganz gewohnheitsmäßig. Und nun versuchen Sie einmal zu überlegen, wie vieles so verläuft, daß wir gewissermaßen als Automaten durch das Leben gehen. Dann kommen Sie darauf, zu erkennen, daß ungeheuer viel Passives ist im Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, aber viel Aktives in dem Leben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da ist völlige Aktivität, ungeheure Aktivität. Interessant ist, daß Menschen, die verhältnismäßig träge sind im äußeren Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, gerade die geschäftigsten sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da ist der Mensch ungeheuer tätig, nur im normalen Leben weiß er es nicht. Und wenn man genauer hineinsieht in das, was die Seele — also Ich und Astralleib - da treibt, so ist diese Tätigkeit wirklich mit dem ganzen Dasein des Menschen innig zusammenhängend. Wenn wir so durch das Leben schreiten, nehmen wir ja bewußt außerordentlich wenig von diesem Leben mit. Wir verarbeiten das Leben, so wie es äußerlich an uns herankommt, durchaus nicht vollständig. Ich möchte ein naheliegendes Beispiel nehmen. Sehen Sie, jetzt hören Sie sich diesen Vortrag an, der, sagen wir, eine Stunde dauert. Ja, wirklich ohne irgend jemandem nahetreten zu wollen von den lieben Freunden, die hier sitzen, darf ich sagen: Es wäre möglich, ungeheuer viel mehr in den Worten dieses Vortrages zu hören, als die einzelnen verehrten Freunde hören, die hier sitzen. Denn es wäre möglich, viel mehr zu hören, als ich selber weiß von dem, was ich sagen kann. Aber Sie werden - dieses soll nur gesagt werden, um das andere zu betonen — nach Hause gehen, Sie werden sich ins Bett legen und schlafen und morgen früh aufwachen. Und in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen werden Sie - allerdings ganz unbewußt für das normale Bewußtsein — vieles von dem, was Sie jetzt gar nicht in der Lage sind zu hören, verarbeiten. Sie verarbeiten es ungeheuer genau in Ihrem nächsten Schlafe, und vielleicht auch noch in den anderen Nächten verarbeiten Sie es. Man sieht die Seele in einer ganz anderen Weise zwischen Einschlafen und Aufwachen das verarbeiten, was aufgenommen wird. Und selbst wenn das vorkäme, daß jemand sehr unaufmerksam zugehört hätte, aber nur etwas hingebungsvoll wäre, so würde er schon durch das Hingebungsvolle doch mit seiner Seele verbinden dasjenige, was in dem Vortrag an geistigen Potenzen, an geistigen Impulsen liegt. Und das würde dann während des Schlafes verarbeitet, wie wir es brauchen, nicht nur für das nächste Leben bis zum Tode, sondern über den Tod hinaus.

[ 22 ] So verarbeiten wir das ganze Leben, wie es verläuft im Wachzustande, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Alles, was wir den Tag über erleben, das verarbeiten wir während der Nacht, so daß wir sozusagen Lehren daraus ziehen, wie wir es brauchen für unser ganzes folgendes Leben über den Tod hinaus, bis in die nächste Inkarnation hinein. Wir sind unsere eigenen prophetischen Verarbeiter unseres Lebens, wenn wir in Schlaf versinken. Dieses Schlafleben ist ein tief Rätselvolles, weil es viel inniger zusammenhängt mit dem, was wir erleben, als es mit dem äußeren Bewußtsein zusammenhängen kann. Aber wir verarbeiten das alles unter dem Gesichtspunkte seiner Fruchtbarkeit für das folgende Leben. Was wir aus uns machen können dadurch, daß wir das erfahren haben, darauf geht unsere Arbeit in der Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wenn wir in der Seele energischer, mächtiger werden oder wenn wir uns Vorwürfe zu machen haben -: wir verarbeiten das, was wir auf diese Art erleben, so, daß es Lebensfrucht wird. Sie sehen daraus, meine lieben Freunde, daß dieses Leben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen wirklich ungeheuer bedeutungsvoll ist, daß es tief einschneidet in das ganze Menschenrätsel.

[ 23 ] Nun kommt dem Geistesforscher eines Tages die Intention - ja, man kann wohl sagen, die Absicht kommt dem Geistesforscher eines Tages -, nun einmal dieses Leben des Schlafes zu vergleichen mit einem anderen Leben, mit einem außersinnlichen Leben. Und da verfällt er dann darauf, es zu vergleichen mit den Tagen, die folgen auf das Lebenstableau, im Kamaloka. Und siehe da, meine lieben Freunde — aber es ergibt sich das eben erst dem Blick der Forschung -, während man sich hier im Leben gedächtnismäßig erinnert an all das, was man im Tagesleben erlebt hat, nach dem Tode, nachdem der Moment vorbei ist, bis zu dem das Lebenstableau gedauert hat, da bekommt man ein Gedächtnis für alle seine Nächte. Und das ist ein wichtiges Geheimnis, das einem aufgeht. Man erinnert sich an alles Nachtleben. Dieser Rückgang stellt sich so dar, daß man wirklich von der letzten Nacht, die man hier verbracht hat im Leben, zur vorhergehenden und so immer weiter zurücklebt. Man erlebt da das ganze Leben wieder zurück, aber so, wie man es angeschaut hat von der Nachtseite aus. Also alles das, was man über das Leben unbewußt gedacht und geforscht hat, erlebt man wiederum im rücklaufenden Gedächtnis. Man geht sein Leben wirklich durch, aber nicht von der Tagseite aus.

[ 24 ] Wie lange kann das ungefähr dauern? Nun, denken Sie sich, daß man ungefähr ein Drittel seines Lebens verschläft. Es gibt Menschen, die schlafen natürlich noch viel länger, aber im Durchschnitt ist es doch ein Drittel des Lebens, das man verschläft. Deshalb dauert auch der Rückgang ungefähr ein Drittel des verbrachten Erdenlebens, weil man die Nächte durchlebt. Denken Sie, wie wunderbar das zusammenstimmt mit den anderen Gesichtspunkten, die sich ergeben. Wir haben immer gesagt, daß das Kamaloka-Leben ungefähr ein Drittel dauert der Lebensdauer. Wenn man aber das vorher Gesagte in Betracht zieht, dann sieht man ein, daß es wiederum ein Drittel sein muß. So stimmen die Dinge zusammen! Alle einzelnen Dinge stimmen immer wieder zusammen. Das ist das Wunderbare bei der Geistesforschung: Man lernt eine Tatsache kennen, und ist sie bestimmt, so lernt man sie von einer anderen Seite kennen. Es ist so, wie wenn man auf einen Berg steigt: Da hat man eine Aussicht einmal von der einen Seite und dann von einer anderen Seite. Trotz der Verschiedenheit wird das Wesentliche immer zusammenstimmen. So können wir hier sagen: Im Erdenleben zwischen Geburt und Tod durchlebt man das Leben so, daß es einem immer abgerissen wird, daf3 es einem immer unterbrochen wird durch das Nachtleben, und man erinnert sich an das Tagesleben, an die Dinge, die man im Tagesleben erlebt hat. Aber in dem Nachtleben hat man sich in anderer Weise mit diesen Dingen beschäftigt, man hat sie, wie gesagt, nur verarbeitet. An das, woran man sich im physischen Leben nicht erinnern kann, daran erinnert man sich aber während des Kamaloka-Lebens. Das ist nun ein wichtiger Zusammenhang, und daraus werden Sie manches begreifen, was vielleicht sonst nicht so ohne weiteres zu begreifen ist.

[ 25 ] Sehen Sie, insbesondere in unserer jetzigen Zeit gehen ja sehr viele, verhältnismäßig junge Menschen durch die Pforte des Todes hindurch. Ich habe schon von vielen Gesichtspunkten aus gesagt, was das für eine Bedeutung hat für das gesamte Leben des Menschen. Aber sehen wir zunächst nur auf die beiden Abschnitte, die wir jetzt charakterisiert haben - auf anderes werden wir noch kommen in diesen Tagen -, auf das Leben, das nur Tage dauert, im Ätherleib, wo man das Lebenstableau vor sich hat, und dann auf das Leben der Seele in der Seelenwelt. Indem man nachtweise das vorhergehende Erdenleben durchschreitet, wird man leicht einsehen können, warum der Geistesforscher sagen muß: Schon diese beiden Abschnitte des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt sind anders für einen Menschen, der verhältnismäßig früh durch die Pforte des Todes gegangen ist, als für einen, der erst spät durch sie hindurchgegangen ist. Das geht uns ja nahe, weil jetzt so viele Menschen in verhältnismäßig frühem Alter durch die Pforte des Todes gehen.

[ 26 ] Sehen Sie, es ist ja so, daß wirklich die einzelnen Abschnitte, die ich angegeben habe für das physische Leben, für dieses Leben eine große Bedeutung haben. Ich habe die Lebensabschnitte angegeben: den ersten bis zum siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel, dann bis zum vierzehnten Jahre, zur Geschlechtsreife, dann bis zum einundzwanzigsten Jahre und so weiter, von sieben zu sieben Jahren. Und wenn Sie das ernst nehmen, was in diesen Unterscheidungen des dahinfließenden Lebens liegt, so ist uns ja das fünfunddreißigste Jahr ein wichtiger Lebensabschnitt. Bis dahin sind wir sozusagen in einer Art von Vorbereitung, während wir später die Vorbereitung beendet haben und das Leben mehr aufbauen auf Grundlage dessen, was bis zum fünfunddreißigsten Jahr vorbereitet wurde. Dieses fünfunddreißigste Lebensjahr hat eine sehr große Bedeutung. Bis dahin dauert zwar nicht gerade das körperliche, aber das seelische Wachstum bei einem Menschen, der nun wirklich seelisch wächst. Dann muß entschieden betont werden, daß manches von dem, was Reifezustand des Lebens ist, erst nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr gewonnen werden kann. Nun, wenn wir aber dieses fünfunddreißigste Lebensjahr von einem anderen Gesichtpunkte betrachten, dann wird es uns noch bedeutsamer erscheinen. Sehen Sie, wenn wir diese siebenjährigen Lebensepochen uns vor die Seele führen, haben wir zunächst bis zum siebenten Jahre die Ausbildung des physischen Leibes, bis zum vierzehnten Jahre die Ausbildung des Ätherleibes. Vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr gliedert sich, gestaltet sich aus dasjenige, was wir den Astralleib nennen, dann die Empfindungsseele bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr, die Verstandes- oder Gemütsseele bis zum fünfunddreißigsten Jahr, und dann weiter die Bewußtseinsseele bis zum zweiundvierzigsten Jahr. Und dann kommen wir zum Geistselbst, was eine Art Zurückentwickelung an dem Astralleib ist, und so weiter. Die weiteren Lebensepochen verlaufen nicht in siebenjährigen Perioden, sondern unregelmäßig. Da wird es in der Zukunft erst zu einer Regelmäßigkeit kommen. Abgesehen von dem, was die Erziehung sündigt, geht es aber bis zum fünfunddreißigsten Jahr mit einer ziemlichen Regelmäßigkeit.

[ 27 ] Nun, auffallen kann einem dasjenige, was die tiefere Bedeutung dieser ganzen Lebensentwickelung ist, namentlich dann, wenn man Menschen betrachtet, die da sterben in diesen verschiedenen Lebensaltern. Nehmen wir an - dies sei zunächst beispielsweise angeführt —, wir verfolgen die Seele eines elf-, zwölf-, dreizehnjahrigen Mädchens oder Knaben, eine Seele, die also elf-, zwölf-, dreizehnjährig durch die Pforte des Todes gegangen ist. Nach dem, was ich schon ausgeführt habe, liegt ja in einem solchen Falle das vor, daß der Ätherleib - er hätte ja in der Theorie noch die ganzen folgenden Jahre versorgen können - unverbrauchte Kräfte in sich hat. Aber auch im übrigen liegt das vor, daß der Mensch ja eigentlich während des ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod sich vorbereitet für den Tod. Er bereitet sich wirklich vor für den Tod, denn eigentlich besteht unser ganzes Leben darin, eine Vorbereitung für den Tod zu sein insofern, als wir ja fortwährend arbeiten an der Zerstörung des Leibes. Könnten wir ihn nicht zerstören, so könnten wir es überhaupt zu keiner Vollkommenheit bringen, denn diese Vollkommenheit erkaufen wir sozusagen mit einer Zerstörung des äußeren physischen Leibes. Wenn nun der Mensch dreizehnjährig durch die Pforte des Todes geht, so leistet er eine ganz lange Zerstörungsarbeit nicht, die er eigentlich hätte leisten können. Er macht nicht mit das, was er hätte mitmachen können. Das drückt sich in einer merkwürdigen Weise aus.

[ 28 ] Wenn wir eine solche Seele verfolgen, so finden wir sie in der geistigen Welt in einer bestimmten Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verhältnismäßig sehr bald in einer, ich möchte sagen, höchst bemerkenswerten Gesellschaft: Wir finden sie mitten unter denjenigen Seelen, die sich vorbereiten für ein nächstes Leben so, daß sie schon bald auf diese Erde herunterkommen müssen, also unter Seelen, die sich bald verkörpern. Unter denen leben dann solche Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind im elften, zwölften, dreizehnten, vierzehnten Jahre, die werden da hineinversetzt. Und wenn man sich genauer umsieht in diesen Zusammenhängen, da stellt es sich eigentümlicherweise heraus, daß diese Seelen, die nun bald in ihr Erdenleben heruntergehen, das brauchen, was ihnen diese anderen Seelen hinauftragen können von der Erde, um sich ihrerseits wiederum an Kraft zu erstarken, die sie brauchen, um sich zu verleiblichen. Also die jugendlichen Seelen bilden eine starke Hilfe für diejenigen Seelen, die nun bald herunterkommen müssen auf die Erde.

[ 29 ] Solche Hilfe, wie unter normalen Verhältnissen junge Kinder, die ganz normal waren, das heißt kein hervorragendes geistiges Leben hatten, sondern nur aufgeweckte Kinder waren, solche Hilfe, wie die leisten, kann man zum Beispiel nicht mehr leisten, wenn man im späteren Alter stirbt. Da hat man auch seine Aufgabe. Jeder muß sich seinem Karma fügen und soll nicht denken: Ich möchte in diesem oder jenem Lebensalter sterben; sondern man stirbt in dem Alter, in dem einen das Karma sterben läßt. Solche Hilfe, die man leisten kann als Seele für jene Seelen, die da erwarten ihre Inkarnation, kann man also nicht mehr leisten, wenn man im späteren Lebensalter stirbt. Das hängt damit zusammen, daß3 man in der ersten Lebenshälfte in einer gewissen Weise der geistigen Welt noch nähersteht als in der zweiten Lebenshälfte. In einer anderen Weise ist es wieder nicht der Fall; aber in einer gewissen Weise steht man der geistigen Welt näher in der ersten Lebenshälfte. Das ganze Leben verläuft nämlich so, daß, je länger man im physischen Leibe lebt, man sich desto mehr von der geistigen Welt entfernt. Ein Kind von einem Jahr steht der geistigen Welt noch sehr nahe. Es verläßt den physischen Plan und ist schnell drinnen in der geistigen Welt. Noch bis zum vierzehnten Jahr ist es so; da ist man so im physischen Leibe drinnen, daß man leicht in die Welt der Seelen kommen kann, die bald wiederum ihre Inkarnation suchen. Das bedingt, daß ein Sterben in sehr jugendlichem Alter damit verbunden ist, schon bei dem Tableau, das man da durchlebt, anderes zu erleben, als der erlebt, welcher in späterem Alter stirbt. Und da ist das fünfunddreißigste Lebensjahr eine wichtige Grenze.

[ 30 ] Wenn man vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr stirbt, dann erlebt man zunächst das Lebenstableau, dann geht man das Leben durch die Nächte zurück. Aber während dieser Rückschau auf das vergangene Leben sieht man wie von «hinter dem Spiegel, wie wenn man durch das Lebenstableau durchsehen würde, die geistige Weit, die man verlassen hat, indem man geboren worden ist. Die Perspektive geht noch hin auf die geistige Welt. Hat man das fünfunddreißigste Lebensjahr überschritten, so ist das ganz anders. Man sieht nicht so hinein, wie man selber drinnen war, bevor man geboren worden ist. Das ist etwas von dem, was einem jetzt gerade so besonders auffällt, wo so viele Menschen jung sterben. Denn dieses «Die geistige Welt noch hinten sehen», das hat noch eine gewisse Bedeutung bis zum 35. Lebensjahr. Nach dem vierzehnten bis sechzehnten Lebensjahr ist es allerdings kein solch direktes Sehen mehr, aber von da ab bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr, wenn da gestorben wird, da ist es so, als ob in dem Lebenstableau, dem Rückblick, sich noch überall drinnen spiegeln würde das geistige Leben. Also wenn man ganz als Kind stirbt, sieht man eigentlich nicht viel von einem durchlebten Leben; da sieht man fast ganz gleich in die geistige Welt hinein. Wenn man als dreizehnjähriges Kind stirbt, so hat man schon einen Rückblick, aber dahinter liegt die geistige Welt. Man hat sie noch klar, die geistige Welt. Stirbt man noch später, so hat man sie zwar nicht unmittelbar, aber sie ist in dem enthalten, was man als eigenes Leben sieht. Man hängt also noch zusammen mit demjenigen, aus dem man herausgekommen ist, bis zum fünfunddreißigsten Jahr, so daß der, welcher vor dem fünfunddreißigsten Jahr stirbt, wirklich schon in diesen ersten Lebensabschnitten, die er da durchlebt in den Tagen, in denen er das Lebenstableau sieht, dann wiederum bei dem Rückgang durch die Seelenwelt, eigentlich durch dieses Erleben in eine Art Heimat, die er mit der Geburt verlassen hat, recht unmittelbar wiederum hineinkommt. Er hat unmittelbar das Erlebnis: Du kommst hinein in eine Welt, aus der du herausgetreten bist. Das ist von einer ungeheuren Wichtigkeit, denn jeder, der so stirbt, wird unmittelbar, wie Sie sehen, von einer gewissen Seite her leichter in die geistige Welt versetzt als einer, der später stirbt. Er trägt also aus dem Rückblick, den er hat nach dem Tode, in sein nächstes Leben zwischen Geburt und Tod ungeheuer viel Spirituelles, ungeheuer viel Geistiges hinein. Und die vielen, die in unserer jetzigen Zeit früh sterben, die werden auch von diesem Gesichtspunkte aus wichtige Träger der geistigen Wahrheiten und geistigen Erkenntnisse sein, wenn sie in einer nächsten Inkarnation wiederum herunterkommen auf die Erde.

[ 31 ] So sieht man, wie der ungeheure Schmerz, der sich ausgießt über die Welt, doch notwendig ist für den gesamten Verlauf des Daseins. Denn das Blut, das jetzt fließt, wird das Symbolum sein für eine gewisse Erfrischung des spirituellen Lebens in einer gewissen Zukunft, die der gesamten Entwickelung der Menschheit notwendig ist. Denn anders werden die Seelen, die jetzt so früh durch die Pforte des Todes gehen, herunterkommen, die meisten werden anders herunterkommen, als sie heruntergekommen wären, wenn sie im materiellen Dasein bis an die äußerste Grenze des Lebens gekommen und dann gestorben wären. Auch das ist Weisheit der Welt, daß jetzt eine Anzahl von Seelen hinweggerufen werden, damit sie schon in dem Rückblicke und Rückerleben tiefe geistige Geheimnisse auf eine dem Irdischen verwandte Art schauen können. Das ist auch Weisheit der Welt, damit diese Seelen dann erfüllt werden können mit dem, was sie stärker schauen, wenn sie es noch einmal schauen, gestärkt werden durch das kürzere irdische Leben, das sie durchgemacht haben.

[ 32 ] Das ist wirkliche Weisheit der Welt. Und so muß man sagen, daß vieles von dem, was uns mit Recht tief schmerzt, wenn wir den Blick bloß darauf richten können vom Gesichtspunkte des irdischen Daseins aus, daß vieles davon uns seinen versöhnenden Anblick zeigt, wenn wir es vom Gesichtspunkte des geistigen Anschauens betrachten können. Nun, so ist es mit dem ganzen Leben. Gewiß, meine lieben Freunde, der irdische Schmerz kann durch eine solche Betrachtung ja zunächst nicht vermindert werden. Er muß auch durchlebt werden. Denn das ist eben die Bedingung dafür, daß er wiederum ausgeglichen werden kann. Hätten wir ihn nicht erlebt in der physischen Welt, so könnte er nicht ausgeglichen werden. Aber wenn wir auch leiden müssen über vieles in der physischen Welt, so gibt es doch auch Augenblicke, in denen wir uns versetzen können auf die Standpunkte des Geistigen. Dann werden wir gar manches, was von niederen Gesichtspunkten aus uns schmerzvoll erscheinen muß, eben erkennen als einen Tribut, der gebracht werden muß den höheren geistigen Welten mit ihren Weisheiten, damit nicht in einseitiger, sondern in allseitiger Weise die Entwickelung der ganzen Welt und des Menschendaseins vorwärtsgehen kann.

[ 33 ] Das Versöhnende für manchen Schmerz muß eben erst errungen werden, und dazu muß der Schmerz erst durchgemacht werden. Ersparen kann uns ja die Geisteswissenschaft gewiß den Schmerz nicht, aber sie kann uns lehren, ihn hinzutragen auf den Altar des Daseins und den Ausgleich zu suchen, und die Weisheit der Welt anzuerkennen trotz allem Schmerz, den sie um höherer Ziele willen verursachen muß. Das ist das, was uns als cine wichtige Wegzehrung für das ganze menschliche Dasein Geisteswissenschaft eben geben kann. So dürfen wir auch von diesem Gesichtspunkte aus, ich möchte sagen, so recht aus den Empfindungen, die uns die Geisteswissenschaft geben kann, hinblickend auf die auch schmerzvollen Ereignisse unserer Zeit, eben sagen, was wir oftmals hier sagten:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht—
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.