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Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode
GA 157a

18 November 1915, Berlin

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Als erstes obliegt mir die schwere, traurige Pflicht, Ihnen die Nachricht zu überbringen, daß zu denjenigen, die wir heute schon zu den Sphärenmenschen zu rechnen haben, auch unsere liebe Freundin, die Leiterin der Münchener Loge, Fräulein Stinde, gehört. Sie hat gestern abend diesen physischen Plan verlassen. Es ist keine Möglichkeit, in den ersten Augenblicken über diesen für unsere Gesellschaft so außerordentlich schweren, bedeutungsvollen Verlust zu sprechen, ich will nur ganz wenige Worte über dieses für uns so schmerzliche, bedeutsame Ereignis im Beginne der heutigen Betrachtungen zu Ihnen sprechen.

[ 2 ] Fräulein Stinde gehört ja zu denjenigen, die wohl in den weitesten Kreisen unserer Freunde, ich möchte sagen, wie selbstverständlich bekannt sind. Sie gehört zu denen, welche unsere Sache im Allertiefsten ihres Herzens ergriffen haben, sich ganz mit unserer Sache identifiziert haben. In ihrem und ihrer Freundin, der Gräfin Kalckreuth, Haus konnte ich ja im Jahre 1903 die ersten intimen Vorträge über unsere Sache, die ich in München zu halten hatte, geben. Und man darf sagen: Von diesem ersten Mal an, da uns Fräulein Stinde nähertrat, verband sie nicht nur ihre ganze Persönlichkeit, sondern ihre ganze, auch so wertvolle, so ausgezeichnete, so tief in die Waagschale fallende Arbeitskraft mit unserer Sache. Sie verließ ja dasjenige, was ihr vorher als ein künstlerischer Beruf teuer war, um sich ganz und einzig, mit ihrer ganzen Kraft, in den Dienst unserer Sache zu stellen. Und sie hat in einer selten objektiven, in einer ganz unpersönlichen Weise seit jener Zeit intensiv für diese unsere Sache im engeren Kreise und im weiteren Kreise gewirkt. Für München war sie ja die Seele unseres ganzen Wirkens. Und sie war eine solche Seele, von der man sagen konnte, daß sie durch die inneren Qualitäten ihres Wesens die allerbeste Garantie dafür abgab, daß an diesem Orte unsere Sache in der allerbesten Weise sich entwickeln könne. Sie wissen ja, meine lieben Freunde, es hatten die Aufführungen der Mysterienspiele und all dasjenige, was damit verbunden war für München, den dort für uns tätigen Persönlichkeiten eine ganze Reihe von Jahren hindurch eine riesige Arbeitslast auferlegt. Dieser Arbeitslast unterwarf sich Fräulein Stinde mit ihrer Freundin in der allerintensivsten Weise, und vor allen Dingen darf gesagt werden, in der allerverständnisvollsten Weise, in einer Weise, die ganz herausgeboren war aus dem innersten Wesen unserer Sache, aus dem Wollen, das nun selber aus diesem inneren Wesen unserer Sache herausgeboren werden kann. Und man darf ja vielleicht auch andeuten, daß die intensive Arbeit, welche Fräulein Stinde geleistet hat, wirklich ihre Lebenskraft in den letzten Jahren sehr stark verzehrt hat. So daß man wirklich sich gestehen muß: Diese wertvolle, vielleicht etwas zu schnell in den letzten Jahren aufgezehrte Lebenskraft war in der schönsten, in der tief-befriedigendsten Weise unserer Sache gewidmet. Und es ist wohl unter denen, welche Fräulein Stinde näher kannten, niemand, der sich des Eindruckes je ganz erwehren konnte, daß gerade diese Persönlichkeit zu unseren allerbesten Arbeitern gehörte. Es ist gewiß, meine lieben Freunde, manches auch in der Tätigkeit von Fräulein Stinde da oder dort mißverstanden worden, und es steht zu hoffen, daß auch diejenigen unserer Freunde und Anhänger, welche das Wirken Fräulein Stindes durch Vorurteil verkannt haben, nachträglich das Sonnenhaft-Kraftvolle, das von dieser Persönlichkeit ausgegangen ist, voll anerkennen werden. Und jene, die aus unserem weiteren Kreise beobachten konnten, was Fräulein Stinde für unsere Sache tat, sie werden ihr ja mit allen denen, die ihr nähergestanden haben, das allertreueste Andenken bewahren. Wie wir ja gerade von ihr sicher sein können, daß wir das Wort ganz besonders betonen dürfen, welches in diesen Tagen ja öfters ausgesprochen werden mußte in Anknüpfung an den Abgang vom physischen Plane mancher unserer Freunde — es darf gerade im Hinblick auf Fräulein Stinde bei dem vielen Angefochtenwerden und bei der Gegnerschaft, die unsere Sache in der Welt hat, dieses Wort betont werden: Wir, die wir ja treu und ehrlich zu den geistigen Welten uns bekennen, zählen jene, die nur die Form ihres Daseins gewechselt haben, die aber als Seelen treu mit uns vereint sind, trotzdem sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, zu unseren wichtigsten, bedeutungsvollsten Mitarbeitern. Jene Schleier, die noch vielfach diejenigen umgeben, die im physischen Leibe verkörpert sind, die fallen ja nach und nach ab, und die Seelen dieser unserer teuren Toten wirken — dessen sind wir gewiß — mitten unter uns. Und wir brauchen, meine lieben Freunde, gerade solche Hilfe. Wir brauchen solche Hilfe, die nicht mehr angefochten wird vom physischen Plane aus, solche Hilfe, die auch keine Rücksicht mehr zu nehmen hat in bezug auf die Hemmnisse des physischen Planes. Und wenn wir den tiefen, ernsthaftesten Glauben an das Fortkommen unserer Sache in der Weltkultur haben, so ist es mit darum, daß wir uns voll bewußt sind, daß diejenigen, die einmal zu uns gehört haben, auch dann, wenn sie mit geistigen Mitteln aus der geistigen Welt unter uns wirken, unsere besten Kräfte sind. Manchmal wird das Vertrauen, das wir in unsere Sache brauchen, sich erhärten müssen daran, daß wir wissen: Wir danken unseren toten Freunden, daß sie mitten unter uns sind und daß wir mit ihren Kräften vereint die Arbeit für die geistige Weltenkultur leisten können, die uns obliegt.

[ 3 ] In diesem Sinne nur wollte ich mit ein paar Worten heute schon dieses schmerzliche Ereignis berühren und nur noch sagen, daß die Kremation am nächsten Montag um 1 Uhr in Ulm stattfinden wird.

[ 4 ] Ich möchte nun fortfahren in den Betrachtungen, die wir vorgestern begonnen haben. Nicht wahr, solche Zeiten wie die unsrige, in denen so mannigfaltig das Rätsel des Todes an die Menschenseele herantritt — wir haben es schon vorgestern betont —, die mahnen ganz besonders daran, nachzufragen, welche Klarheit der Mensch gewinnen kann über die geistigen Welten. Zeiten, in denen die Menschheit so schweren Prüfungen ausgesetzt ist, wie die gegenwärtige ist, sie sind ja geradezu dazu geschaffen, die Menschenseele die Richtung dahin nehmen zu lassen, wo die Fragen ihr aufgehen nach den Wesenheiten der geistigen Welten. Denn wer, meine lieben Freunde, möchte nicht an jeder Stelle in dem, was heute innerhalb eines großen Teiles der Kulturwelt geschieht, das große Lebensrätsel aufgehen sehen? Und wer möchte nicht ahnen, daß große Zusammenhänge verborgen sind hinter solchen Ereignissen, wie sie heute in unserer weiteren Umgebung leben und die Menschenseelen, die Menschenherzen durchzucken mit Schmerz, mit Leid, aber auch mit Hoffnung und mit Zuversicht?

[ 5 ] Gewiß, wer mit einem nur kurzreichenden Blicke die Weltenereignisse anschaut, der wird solche umfangreichen Ereignisse nach dem nächsten beurteilen, das ihnen vorangegangen ist und das ihnen folgen kann. Wer aber nur auch äußerlich, ohne in irgend etwas Esoterisches einzugehen, den Gang der Weltenereignisse anblickt und frühere Zeiten mit gegenwärtigen Zeiten vergleicht, der wird sich bewußt werden können, wie unendlich viel zusammenhängen kann, sagen wir, mit dem, was sich in einer ganz anderen Art als die Wirkungen nachher in der Welt nunmehr abspielt. Es sind jetzt viele Menschen, die sagen, die gegenwärtigen kriegerischen Ereignisse seien bloßes Ergebnis äußerer politischer Gegensätze, Gegensätze der einzelnen Nationen, der einzelnen Völker. Gewiß ist das wahr. Und nicht darum handelt es sich, im engeren Sinne irgend etwas einzuwenden gegen die Wahrheit einer solchen Auffassung. Aber wenn Sie zum Beispiel im Beginne des mittelalterlichen Lebens die Kämpfe nehmen, die sich abgespielt haben zwischen den in Mitteleuropa und den in Südeuropa lebenden, vor allen Dingen das Römische Reich einnehmenden Völkerschaften, so kann man auch sagen, diese Kämpfe, die sich da abgespielt haben in Form von politischen Kämpfen, gingen hervor aus politischen Gegensätzen, die da bestanden haben, hatten ihre Ursachen in diesen unmittelbar naheliegenden Gegensätzen. Aber nun sind diese Kämpfe abgelaufen. Sie haben gewisse Konfigurationen des ganzen europäischen Lebens hervorgerufen. Wenn Sie nur ein wenig die Geschichte aufschlagen und sich ansehen, was dazumal geschehen ist durch die Kämpfe der mitteleuropäischen Völkerschaften mit, sagen wir, den Völkerschaften des Römerreiches, so werden Sie sich sagen: Es ist aus einer älteren Konfiguration der europäischen Welt eine spätere Konfiguration dieser europäischen Welt entstanden. Aber wenn man ganz würdigen will, um was es sich dabei handelt, dann muß man die ganze nachfolgende Geschichte ins Auge fassen. Denn diese nachfolgende Geschichte, wie sie sich abgespielt hat in Europa, sie hätte sich nicht so abspielen können, wie sie sich abgespielt hat, hätten nicht die Kämpfe dazumal gerade den Ausgang genommen, den sie genommen haben.

[ 6 ] Und was gehört alles zu dieser europäischen Geschichte? Die ganze Art und Weise, wie sich das Christentum in Europa ausgebreitet und eingelebt hat, gehört dazu! Und wenn Sie sich die tieferen Zusammenhänge anschauen, so können Sie sich sagen: Mit allem, was in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, liegt die Sache so, daß dieses durch Jahrhunderte Geschehene wie mit seiner Ursache zusammenhing mit den damaligen Kämpfen. Das heißt, mit den Ereignissen, auf die wir hingedeutet haben, hängt zusammen die ganze spätere Konfiguration der europäischen Welt, bis in die geistigen Verhältnisse hinein. Und betrachten Sie das nur in seinem ganzen Schwergewicht, so daß Sie sich sagen: dadurch, wie sich nun das Christentum in Europa ausbreitete, wie es seine Gestalt angenommen hat dadurch, daß die jungen germanischen Völker gegen die altgewordenen römischen Völker ihre Jugendkraft vereinigt haben mit dem, was als eine reifste Frucht, als die christliche Verkündigung in die Menschheit hineinfloß, dadurch ist eine gewisse europäische Atmosphäre geschaffen worden, in die die folgenden Seelen hineinversetzt worden sind.

[ 7 ] Also wie die Seelen gelebt haben in folgenden Jahrhunderten, wie die Seelen in den folgenden Jahrhunderten geworden sind, das hängt zusammen mit diesen Ereignissen. Wenn daher ein Mensch damals gesagt hätte: Nun, was ist das weiter? Es ist ein politischer Gegensatz der Völker zwischen Süd- und Mitteleuropa —, so würde er recht gehabt haben. Aber derjenige, der gesagt hätte: Sieh hin, die Konfiguration der geistigen Kultur aller folgenden Jahrhunderte nimmt ihren Ausgang von dem, was hier geschieht —, so hätte der auch recht gehabt, und er hätte in weiterem Sinne recht gehabt. Damit, daß? man von irgend etwas die naheliegenden Ursachen auffindet, daf man sagt, was die nächstliegenden Gegensätze sind, hat man nicht die ganze Schwere des Ereignisses getroffen. Die Dinge dieser Welt hängen aufs innigste zusammen. Und wenn wir innerlich Stärkung brauchen, um sozusagen die rechte Kraft zu finden für das Vertreten unserer Sache, dann brauchen wir uns nur zu erinnern, daß in einem wahrhaft noch kleineren Zirkel, als der unsrige einer ist, zusammengesessen haben diejenigen, die im Beginne der christlichen Verkündigung die große Weltwahrheit des Christentums vertreten haben. Ich habe schon öfter diesen Vergleich gebraucht, aber wir wollen ihn auch heute noch einmal anwenden.

[ 8 ] Es gab eine Zeit, die können wir geradezu so beschreiben: Wir sehen das alte Römische Reich. Wir sehen es leben ganz und gar in der Atmosphäre der alten heidnischen Weltanschauung. Wir sehen dieses Reich mit seinen Menschen, die gewissermaßen die obere Schichte bilden. Da unten, wahrhaftig noch mehr unten als unser «unten» heute ist, wirklich im gewöhnlichen Sinne «unten», in den Katakomben unter der Erde, sehen wir die ersten, an Zahl spärlichen Christen, mit dem, was ganz fremd ist der Weltkultur oben, aber was sie so in ihren Herzen tragen, daß die Kraft, mit der sie es tragen, eben weltumschaffend ist. Und, meine lieben Freunde, wenn wir uns diese Katakomben vergegenwärtigen: da unten in den Katakomben, mit ihren Gedanken nach dem Christus-Impuls hin gerichtet, sehen wir die ersten Christen, und oben über ihren Köpfen die Römer — Sie wissen ja, wie die mit den ersten Christen verfahren sind, ich brauche es Ihnen nicht zu erzählen. Und wenn Sie sich ein paar Jahrhunderte danach das Bild vor die Seele malen, wie anders sieht es aus! Hinweggefegt ist das, was oben war, und hinaufgedrungen von unten nach oben ist das, was verachtet unten im Verborgenen war. Gewiß, die Zeiten und die Formen, in denen so etwas geschieht, ändern sich, aber das Wesentliche bleibt. Von denjenigen, die heute die äußere Wissenschaftskultur, die äußere geistige Kultur vertreten, wenn es auch nicht örtlich und wörtlich zu nehmen st, kann auch gesagt werden, sie fühlen sich «oben», und sie nennen das, was getrieben wird in unseren Reihen, eine Weltanschauung von ein paar Sektierern, ein paar unnormalen Köpfen. Aber derjenige, der wirklich in das Wesen dieser unserer Weltanschauung eindringt und der sich vor allen Dingen damit durchdringt, er darf die Zuversicht haben, daß auch hier einmal das Unten das Oben sein wird. Und da können sich dann schon die Gedanken zusammenschließen, die Gedanken der umgestalteten Welt, die aus der so schweren Zeit unserer Tage hervorgehen wird, sich anschließend an das, was im Geistigen die Menschheit ergreifen muß. Denn es gibt kaum eine größere Ähnlichkeit im geschichtlichen Werden als die Ähnlichkeit zwischen unserer Zeit und derjenigen, die sich abgespielt hat, als die alte römische Kultur noch oben und das Christentum, von wenigen getreuen Seelen vertreten, noch unten war.

[ 9 ] Aufmerksam machen möchte ich darauf, wenn ich auch nicht durch ein allzu genaues, pedantisches Hinweisen auf diese Dinge unsere Empfindungen, die in diesen Tagen weit sein sollen, zu stark verengen will, daß gerade dieses gut ist, wenn wir uns so unser Zeitalter und das Rom vom ersten Aufgange des Christentums wie als Bilder für unsere Imagination vor die Seele halten.

[ 10 ] Nun, meine lieben Freunde, viele, die heute dem, was wir Geisteswissenschaft nennen, entgegentreten, müssen ja zweifellos das ganz Andersartige desjenigen empfinden, was Geisteswissenschaft vertreten muß, gegenüber dem, was sonst allgemein unter den heute «normal» benannten Menschen vertreten wird. Aber auch da brauchen wir nur darauf zu blicken, wenn wir dies in rechter Weise verstehen wollen, wie doch ganz andersartig die erste Verkündigung des Christentums war gegenüber demjenigen, was bei den damals normal Genannten, etwa den Römern, gang und gäbe war. Mit einem solchen Gedanken muß man sich vertraut machen, wenn immer wieder und wiederum uns entgegnet wird, daß man ja mit den Mitteln, die berechtigte Erkenntnismittel sind, solche Welten nicht erreichen könne wie die, von denen hier die Rede ist. Aber wir müssen auch wirklich die intimere Arbeit in unseren Zweigen so auffassen, daß wir uns sagen: Dieses Leben in unseren Zweigen ist als solches nicht nutzlos. Es ist nicht gleichgültig gegenüber unserer Sache selbst, daß wir in solchen Zweigen zusammenkommen und immer wieder nicht nur die Bekanntschaft mit den theoretischen Ergebnissen unserer Lehre erneuern — darauf kommt es nicht an —, sondern auch das warme Fühlen und Empfinden für die konkreten Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt. Dadurch gewöhnen wir uns hinein in die Art und Weise des seelischen Empfindens und Fühlens, die es uns allerdings möglich machen, geistige Wahrheiten anders hinzunehmen als diejenigen, die unvorbereitet sind. Es muß schon in unseren Zweigabenden zuweilen etwas aus den höheren, späteren Partien der geistigen Erkenntnis gesagt werden, man kann nicht immer wieder vom Anfang anfangen. Aber es muß auch dieses Vertrautsein mit dem Zweigleben dem größten Teil der Seelen unserer Freunde die Möglichkeit gewähren, solche Dinge, wie ich sie vorgestern angedeutet habe, die besondere Art der Bewahrheitung unserer geistigen Erkenntnis, in sich aufzunehmen.

[ 11 ] Man kann diese Dinge nicht in derselben Weise bewahrheiten, wie man die äußeren Dinge bewahrheitet: indem man die Leute mit den Augen darauf stößt. Aber derjenige, der eine Empfindung hat für so etwas, wie ich es das letztemal angedeutet habe, der wird, wenn er auch nicht selbst in die geistigen Welten hineinschaut, fühlen, wie durch das Sich-gegenseitig-Stützen der geistigen Wahrheiten der Wahrheitswert erhöht wird. Deshalb will ich noch einmal darauf aufmerksam machen, wie es so sehr bedeutsam ist, wie auf der einen Seite durch jahrelanges Beobachten ein gewisser Gesichtspunkt herausgekommen ist, daß ein Drittel der Zeit unseres Lebens zwischen Geburt und Tod wiederum nacherlebt wird nach dem Tode, und nunmehr ein ganz anderer Gesichtspunkt aufgefunden wird: der Gesichtspunkt, daß wir eigentlich das Schlafesleben in einer besonderen Form durchleben während dieser Zeit, die wir das Kamaloka nennen, und daß diese Zeit auch ein Drittel des Lebens auf dem physischen Plan ergibt. Diese beiden Gesichtspunkte sind ganz unabhängig voneinander, von verschiedenen Ausgangspunkten aus gefunden worden. Und so haben wir auch bei anderen Gelegenheiten schon gezeigt, wie man von drei oder vier Gesichtspunkten aus immer zu demselben kommt. Da stützen sich die Wahrheiten gegenseitig. Dafür, meine lieben Freunde, muß man sich auch ein Gefühl erwerben! Und davon kann das dann ausgehen, wovon ich sagen möchte, daß es etwas gibt wie ein natürliches elementares Wahrheitsgefühl für diese geistigen Erkenntnisse. An das muß ich ja oft appellieren, sonst könnte ich nicht spätere, höhere Wahrheiten an den einzelnen Zweigabenden aussprechen.

[ 12 ] Wir haben vorgestern darauf aufmerksam gemacht, daß der rechte Zusammenhalt unseres Ich-Bewußtseins zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gleichsam angefacht wird durch jene panoramamäßige Überschau, die wir über das letzte Erdenleben haben nach dem Tode. Wir überschauen da unser Leben gleichsam in einem Lebenstableau. Machen Sie sich nur ganz klar, was das eigentlich ist, was man da schaut. Wir sind gewohnt, hier auf dem physischen Plan als Menschen gewissermaßen in einer Art Mittelpunkt unseres Welthorizontes zu stehen und im Umkreis die Welt zu sehen, die auf unsere Sinne einen Eindruck macht. Wir überschauen den Horizont, der auf uns einen Eindruck machen kann. Wir schauen nicht in uns hinein in diesem normalen Leben auf dem physischen Plan, sondern wir schauen aus uns heraus. Nun ist es wichtig, daß wir, wenn wir uns einen Begriff aneignen wollen von dem unmittelbar auf den Tod folgenden Leben, gleich darauf aufmerksam werden, daß nun dieser Blick auf das Lebenspanorama sofort anders ist als dasjenige, was wir an Wahrnehmung gewohnt sind für den physischen Plan. Auf dem physischen Plan, da sehen wir aus uns heraus; wir sehen die Welt als unsere Umgebung. Da sind wir, wir schauen aus uns heraus, wir schauen nicht in uns herein. Da haben wir nun unmittelbar nach dem Tode ein paar Tage, wo unser Blickfeld ausgefüllt ist von dem, was wir zwischen Geburt und Tod erlebt haben. Da blicken wir hin von dem Umkreise aus auf das Zentrum. Wir blicken auf unser eigenes Leben, auf den zeitlichen Verlauf unseres eigenen Lebens. Während wir sonst sagen: Da sind wir, und da ist alles übrige, haben wir unmittelbar nach dem Tode gleich das Bewußtsein: Diesen Unterschied zwischen uns und der Welt gibt es nicht, sondern wir schauen vom Umkreis auf unser Leben hin, und das ist für diese paar Tage unsere Welt. So wie man im gewöhnlichen Wahrnehmen auf dem physischen Plane Berge, Häuser, Flüsse, Baume und so weiter sieht, so sieht man dasjenige, was man durchlebt hat im Leben von einem gewissen persönlichen Gesichtspunkte aus, als seine nun unmittelbare Welt. Und daß man das sieht, das gibt den Ausgangspunkt für die Erhaltung des Ich nun durch das ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Das stärkt und kräftigt die Seele so, daß sie zwischen Tod und neuer Geburt immer weiß: Ich bin ein Ich!

[ 13 ] Hier im physischen Leben fühlen wir unser Ich dadurch — ich habe das ja schon oft angedeutet —, daß wir in einer gewissen Beziehung zu unserer Körperlichkeit stehen. Sehen Sie, wenn Sie genau auf den Traum achten, so werden Sie sich sagen: im Traume haben Sie kein deutliches Gefühl des Ich, sondern oft ein Gefühl des Losgetrenntseins. Das kommt davon her, daß der Mensch hier auf dem physischen Plan sein Ich eigentlich nur fühlt durch die Berührung mit seinem Leibe. In grober Weise können Sie sich das etwa so vergegenwärtigen: Sie gehen so mit dem Finger durch die Luft — da ist nichts! Sie gehen weiter — da ist immer noch nichts. Indem Sie aber anstoßen, wissen Sie von sich. Sie werden sich gewahr, indem Sie anstoßen. Und so wird auch das Gewahrwerden unseres Ich herbeigeführt. Nicht das Ich selbst — das Ich ist eine Wesenheit —, aber das Ich-Bewußtsein, das Bewußtsein vom Ich. Der Gegenstoß macht uns aufmerksam auf unser Selbst. Also im physischen Leben sind wir ich-bewußt dadurch, daß wir in einem physischen Leibe leben. Dafür haben wir den physischen Leib bekommen. Im Leben zwischen Tod und neuer Geburt haben wir ein Ich-Bewußtsein dadurch, daß wir die Kräfte bekommen haben, die ausgehen von der Anschauung des letzten Lebens. Wir stoßen gewissermaßen an dasjenige, was uns die Raumeswelt gibt, und gewinnen dadurch unser Ich-Bewußtsein für das Leben zwischen Geburt und Tod. Wir stoßen an das, was wir selbst erlebt haben zwischen Geburt und Tod im letzten Leben, und haben dadurch unser Ich-Bewußtsein für das Leben zwischen Tod und neuer Geburt.

[ 14 ] Nun folgt das ganz andere Leben, das ein Drittel an Zeit einnimmt von dem Leben zwischen Geburt und Tod, das man so oft das Kamaloka-Leben nennt. Da ist es so, daß eine Erweiterung unserer Anschauung eintritt. Während in den ersten Tagen unsere Anschauung eigentlich nur auf uns selbst, auf das verflossene Leben, nicht auf die Persönlichkeit hin gerichtet ist, ist das in der nächsten Zeit nun ganz anders. Gewiß, die Kraft, sich nun als Ich zu wissen, die bleibt. Aber nun tritt — Sie können das, was ich jetzt zusammenfasse, sich selbst zusammensuchen aus einzelnen Büchern und Zyklen — etwas ganz Eigenartiges ein: Das, woran der Mensch eben erst sich gewöhnen muß, weil die ganze Anschauungsweise der Welt eine ganz andere ist als die hier auf dem physischen Plan. Es besteht ein großer Teil dessen, was der Mensch nach dem Tode durchzumachen hat, in dem Sichhineingewöhnen in eine andere Anschauungsweise. Hier erblicken wir um uns herum die Natur. Das, was wir hier in der physischen Welt als Natur anblicken, das ist ja ganz und gar nicht vorhanden in der Welt, die unsere Welt ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dafür, wie wir hier die Natur sehen, haben wir eben unsere physischen Augen, Ohren, unseren ganzen physischen Wahrnehmungsapparat. Und mit anderen Wahrnehmungsorganen kann diese Natur, so wie sie ist in ihrer Farbenfülle und sonstigen Eigenschaften, nicht wahrgenommen werden. Deshalb werden wir mit einem physischen Leibe ausgestattet, damit wir die Natur wahrnehmen können. Nach dem Tode ist an Stelle dessen, was hier als Natur um uns ist, die geistige Welt um uns, die wir beschreiben als die Welt der Hierarchien, eine Welt von lauter Wesenheiten, cine Welt von lauter Seelen. Nicht Materie oder Substanz oder Gegenstände, die Farbe haben, sondern lauter Wesen. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. Daher ist selbstverständlich die Überraschung am größten für diejenigen Seelen, die hier im physischen Leben den Geist ableugnen. Denn diejenigen, die den Geist ableugnen und gar nichts davon glauben, die werden in eine Welt versetzt, die sie eben abgeleugnet haben, die ihnen gänzlich unbekannt ist. Sie müssen zwangsweise in einer Welt leben, von der sie eigentlich gewolit haben, daß sie nicht da sei.

[ 15 ] Wir sind also umringt von Geistumgebung, von lauter Wesen, von lauter Seelen. Und nach und nach prägt sich heraus, gestaltet sich heraus aus dieser allgemeinen Seelenwelt — überall sind Seelen, die wir zunächst nicht kennen; wir wissen: da sind lauter Seelen, aber wir kennen sie nicht im einzelnen —, tritt heraus nach und nach die einzelne Seele bestimmter, konkreter, und es treten heraus namentlich in dieser Zeit die Seelen der Menschen, mit denen wir gelebt haben hier auf dem physischen Plane. Wir lernen erkennen, indem wir der Fülle von Seelen, unter denen wir da sind, gegenübertreten: diese Seele ist der, eine andere Seele ist ein anderer. Wir machen Bekanntschaft mit diesen Seelen. Zunächst müssen wir uns bekanntmachen damit, daß die ganze Art und Weise, wie man dann zur Welt steht zwischen Tod und neuer Geburt, doch eine wesentlich andere ist, auch noch in anderer Beziehung als angedeutet, als die Art und Weise, in der man zur Welt steht hier auf dem physischen Plan. Hier nennen wir die Welt außer uns. Nach dem Tode haben wir wirklich das Bewußtsein, daß die Welt in uns ist. Es sieht aus wie ein paradoxer Vergleich, aber es ist doch so: Denken Sie sich einmal, Sie wurden für einen Moment hier auf der Erde sich ganz verflüchtigen, Sie würden in Dunst aufgehen. Diese Dunstwolke, die Sie selber sind, verbreitet sich mehr und mehr, und sie bleibt erst stehen — nehmen wir für einen Augenblick das Firmament wie eine Wesenheit — als Firmament, da, «wo die Welt mit Brettern verschlagen ist», wie man so sagt. Sie fühlen sich dann als dieses Firmament und schauen nun alles drinnen, so daß Sie mit dem Bewußtsein draußen stehen und die Welt im Innern sehen. Wir fühlen uns so, daß alles, was auftritt, innerlich auftritt. So wie ein Schmerz hier in uns auftritt, so treten nach dem Tode die Wesen in uns auf als Innenerlebnis. Das bewirkt ja das unendlich Intime der Erlebnisse zwischen Tod und neuer Geburt, das Verbundensein mit ihnen, daß man sie als Innenerlebnis eigentlich zuerst hat. Aber da gibt es einen gewissen Unterschied. Sehen Sie, von solch einer Seele, die man anfängt zu erkennen, wie ich es beschrieben habe, von der kann man zunächst wissen: Sie ist da; aber sie hat nicht Gestalt, sie ist noch nicht wahrnehmbar. Um sie wahrnehmbar zu machen, muß man eine innere Tätigkeit verrichten, die etwa folgendes darstellt. Man denke sich ins Geistige übersetzt: Ich fühle etwas hinter mir, was ich nicht sehe, so daß ich mir also die Vorstellung mache, es ist da, aber ich muß? eine Tätigkeit verrichten, um diese Vorstellung zu bekommen. Ich möchte sagen, es ist zu vergleichen damit, daß ich mir nach dem Abtasten von einem Gegenstand eine Zeichnung mache. Also innere Tätigkeit ist notwendig, damit die Imagination auftritt. Ich weiß: das Wesen ist da, aber die Imagination muß ich erst schaffen, indem ich mit dem Wesen mich innerlich verbinde. Das ist die eine Art, wie man Seelen wahrnehmen kann. Die andere Art ist so, daß man diese innere Tätigkeit nicht so hervorragend stark verrichtet, sondern daß sie sich selber macht. Sie tritt auf, ohne daf man viel dazu zu tun hat. Es ist so, wie wenn man hier etwas anschaut, aber natürlich ins Geistige übersetzt. Und dieser Unterschied kann zwischen zwei Seelen vorhanden sein: Von der einen Seele bekommt man eine Anschauung dadurch, daß man viel mittut, von der anderen Seele dadurch, daß einem die Imagination sich von selbst gibt: man braucht nur aufmerksam zu sein. So muß man diesen Unterschied angeben. Denn wenn Sie mit einer Seele so bekannt werden, daß Sie mehr Tätigkeit brauchen, so ist das eine Seele, die verstorben ist. Und eine Seele, die sich mehr von selbst ergibt, ist eine solche, die hier auf der Erde verkörpert ist im physischen Leibe. Diese Unterschiede sind eben wirklich auch da. Der Mensch steht — mit Ausnahmen, die wir ja auch einmal erwähnen können — nach dem Tode sowohl in Verbindung mit solchen Seelen, die verstorben sind, wie mit den Seelen, die noch hier auf der Erde sind. Und der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie man selbst tätig oder passiv sein muß, in welcher Weise die Imagination von der Seele, der man gegenübertritt, entsteht.

[ 16 ] Nun gibt es einen Begriff, eine Eigenschaft, über die wir schon verschiedentlich gesprochen haben, die wir aber noch einmal zusammenfassen wollen für dieses ganze Leben, das ein Drittel der Zeit des verflossenen Erdenlebens einnimmt und das wir gewohnt sind, das Kamaloka-Leben zu nennen. Wenn Sie hier auf der Erde leben und Sie einer pufft, so wissen Sie es, Sie nehmen das wahr, Sie sagen, er hat mich gepufft. Und es ist in der Regel anders, das Erlebnis, wenn Sie einer pufft, als wenn Sie einen anderen puffen. Und wenn Sie von jemandem etwas gesagt bekommen, so ist das Erlebnis hier anders, als wenn Sie etwas sagen. Ganz umgekehrt ist es in dem Kamaloka-Leben, in dem man zurücklebt diese Zeit zwischen Geburt und Tod. Da ist es nun so — lassen Sie mich dieses grobe Beispiel anwenden —: wenn man jemandem einen Puff gegeben hat im Leben, so empfindet man das, was er an dem Puff empfunden hat. Wenn man jemanden verletzt hat durch ein Wort, so macht man durch die Empfindung, die er durchgemacht hat. Man erlebt also aus den Seelen der anderen heraus. Mit anderen Worten, man erlebt die Wirkungen, die man durch seine eigenen Taten erreicht hat, man erlebt bei diesem Zurückgehen alles dasjenige, was die anderen Menschen hier während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod durch uns erlebt haben. Wenn Sie mit so und so viel hundert Menschen hier zwischen Geburt und Tod gelebt haben, so haben ja diese vielen hundert Menschen durch Sie etwas erlebt. Aber hier im physischen Leben können Sie nicht das fühlen, was die anderen fühlen und erleben durch Sie, sondern Sie erleben nur dasjenige, was Sie selbst durch die anderen erleben. Nach dem Tode ist es umgekehrt. Und das ist das Wesentliche, daß wir bei dem Rückgang alles erleben, was die anderen durch uns erlebt haben. Also die Wirkungen des letzten Erdendaseins, die machen wir durch. Und es liegt wirklich die Aufgabe dieser Jahre darin, daß wir diese Wirkungen durchmachen.

[ 17 ] Nun, indem wir diese Wirkungen durchmachen, wird das Erlebnis dieser Wirkungen in uns zu Kräften. Das geschieht auf die folgende Weise. Nehmen Sie an, ich habe einem Menschen eine Beleidigung zugefügt. Er hat dadurch Bitterkeit empfunden. Diese Bitterkeit mache ich nun durch während der Kamaloka-Zeit, die erlebe ich als eigenes Erlebnis. Ja, indem ich sie nun erlebe, macht sich in mir die Kraft geltend, die als Gegenkraft gelten muß, das heißt indem ich diese Bitterkeit durchlebe, nehme ich in mich die Kraft auf, diese Bitterkeit wegzuschaffen aus der Welt. So nehme ich alle Wirkungen meiner Taten wahr und nehme dadurch auf die Kraft, sie wegzuschaffen. Und ich nehme während der Zeit, die ein Drittel des verflossenen Erdenlebens dauert, in mich alle die Kräfte auf, die man ausdrücken kann als die intensive Begierde in uns, in der jetzt entkörperten Seele alles wegzuschaffen, was die Vervollkommnung stört, weil es die Seele zurückwirft in der Entwickelung.

[ 18 ] Wenn Sie sich das durchdenken, so werden Sie sehen, daß man sich selber das Karma macht, das heißt, daß man in sich diesen Wunsch hat, so zu werden, daß das ausgelöscht werden kann, was man für auslöschenswert hält. Es wird also das Karma vorbereitet gerade in dieser Zeit. Wir einverleiben unserer Seele die Kraft, die wir aufnehmen müssen zwischen Tod und neuer Geburt, um in der nächsten Inkarnation die Konfiguration unseres Lebens herbeizuführen, die wir als die richtige ansehen können. Ich möchte sagen, das ist die Technik des Karma-Schaffens. Man muß sich, um diese Dinge recht zu verstehen — nicht theoretisch, sondern so, daß sie tief in unsere Gefühls- und Willenskraft hineingehen —, klar sein, daß die ganze Gefühlsrichtung des Toten eine ganz andere wird, als die des Lebenden ist. Der Lebende wird unendlich leicht sagen können: Ich bedaure diesen oder jenen Toten, daß er durchmachen muß das oder jenes, wofür er vielleicht nichts kann! Sie können annehmen, irgend jemand hat einem anderen schwere Verletzungen zugefügt, kann aber nichts dafür. Nun bedauern Sie vielleicht den Toten. Das ist unangemessen; denn der Tote will nichts sehnlicher, als daß3 die Kraft sich in ihm entwickele, wodurch er das ausgleichen kann. Das ist gerade das, was er als sein Gutes ansieht. Sie würden ihm anwünschen, daß er dasjenige nicht erreicht, was er sehnlichst erreichen will. Dazu muß er aber das alles durchmachen. Denn das Positive entwickelt sich am Negativen. An dem Einsehen dessen, was man angerichtet hat, entwickelt man die Kräfte, es auszugleichen.

[ 19 ] So kann man sagen: Am Ende dieses Kamaloka-Abschnittes hat man nach dem Wiedererleben des letzten Lebens schon bestimmt, wie man in der nächsten Inkarnation in dieses Dasein wieder eintreten will, wie man da und dort mit dem und jenem Menschen zusammensein will, damit man dieses oder jenes ausgleichen kann. Im wesentlichen bestimmt man da das Karmische für das Leben, in das man eintritt.

[ 20 ] Für die nächste Zeit ist es so, daß wir uns aus der geistigen Welt heraus die Kräfte aneignen, durch die wir den Menschen im allgemeinen formen können, durch die wir einen für unsere Individualität geeigneten Leib uns schaffen können. Zuerst haben wir den Plan unseres Karma. Nun müssen wir erst den Menschen dazu gestalten. Das bedarf einer viel längeren Zeit noch, aber das folgt dann darauf. Daraus können Sie aber ersehen, daß das Wesentliche der Kamaloka-Zeit eben darin liegt, daß uns die Möglichkeit geboten wird, unsere nächste Inkarnation in moralischer Weise in der richtigen Art vorzubereiten. Nun müssen wir uns klar sein, daß immer jede folgende Inkarnation abhängt von der früheren Inkarnation. Wir sehen ja, wie sie vorbereitet wird, die folgende Inkarnation. Und wir sehen, daß die ganze Art des Lebens eines Menschen abhängt von der Art, wie er sein früheres Leben durchlebt hat. Daß das der Freiheit widerspreche — ich werde darauf noch zurückkommen —, das ist ein Einwand, der von Menschen, die die Sache nicht durchdrungen haben, gemacht wird; aber es widerspricht nicht der Freiheit.

[ 21 ] Wenn wir so die einzelnen Menschen im Leben betrachten, so finden wir, daß sie tausendfältig verschieden sind; soviel überhaupt Menschen sind auf der Erde, so verschieden sind sie. Aber man kann Kategorien unterscheiden. Es gibt Menschen, welche so wirken, daß man von ihrer frühesten Jugend an sieht: Dieser Mensch ist zu diesem oder jenem ganz besonders geeignet. Nicht wahr, es gibt solche Menschen. In der Kindheit schon kann man sagen, sie werden das oder jenes vollbringen. Sie stoßen sich gleichsam in dieses Dasein herein, sie haben Aktivität. Sie haben eine bestimmte Aufgabe und entwickeln Kraft dazu. Andere Menschen finden wir, die haben für vieles Interesse, sie haben aber nicht solche ausgesprochene Richtung auf irgend etwas hin. Sie nehmen viel auf. Sie kommen vielleicht sogar später im Leben zu einer bestimmten Aufgabe, die ihnen nicht ganz entspricht; sie hätten vielleicht eine andere in ähnlicher Weise vollführen können.

[ 22 ] Kurz, die Menschen sind in bezug auf die Art und Weise, wie sie im Leben wirken, voneinander recht verschieden, und das macht ja eigentlich das Leben möglich. Es gibt zum Beispiel Menschen, die treten im Leben auf, und es liegt ihnen nicht, ich möchte sagen, in äußeren Taten viel zu wirken; aber sie brauchen nur das oder jenes Wort zu sagen, so hat das eine Wirkung auf die Menschen. Sie wirken mehr durch ihr Innerliches. Andere Menschen wirken mehr durch ihr Äußeres. Das hängt innig zusammen mit der Art und Weise, wie man in der vorhergehenden Inkarnation durch das Leben gegangen ist. Es gibt Menschen, die sterben jung, sagen wir vor dem fünfunddreißigsten Jahr, um diese Grenze zu haben. SolcheMenschen sind durch diesen Tod in einer ganz anderen Lage als diejenigen Menschen, die nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahre sterben. Stirbt man vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr, so ist es so, daß man noch nähersteht der Welt, aus der man bei der Geburt herausgekommen ist. Und das fünfunddreißigste Lebensjahr ist eine wichtige Grenze. Da überschreitet man gleichsam eine Brücke. Da zieht sich die Welt, aus der man herausgegangen ist, zurück, und man gebiert mehr aus dem Innern heraus eine neue geistige Welt. Das ist wichtig, daß wir das unterscheiden. Und nun stirbt ein Mensch vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr. Wird er dann wiederverkörpert, so wächst ihm in einer gewissen Weise die Kraft zu, die er nicht verwendet hat in der Lebenszeit, die auf das fünfunddreißigste Lebensjahr folgen würde. Solche Menschen, die in einer Inkarnation vor dem fünfunddreißigsten Jahr durch den Tod gehen und dadurch für diese Inkarnation die Kräfte sparen, die sonst aufgebraucht worden wären, wenn sie fünfzig, sechzig, siebzig Jahre alt geworden wären, bei denen summiert sich diese Kraft, die sie da erspart haben, mit den Kräften, mit denen sie sich in die nächste Inkarnation einverleiben, und dadurch werden solche Seelen in Leibern geboren, durch die sie imstande sind, zumeist in ihrer Jugend, mit starken Eindrücken dem Leben entgegenzutreten.

[ 23 ] Mit anderen Worten, wenn solche Seelen, die in der vorhergehenden Inkarnation vor dem fünfunddreißigsten Jahr gestorben sind, sich wieder inkarnieren, so macht alles auf sie einen starken Eindruck. Es entrüstet sie etwas stark, sie freuen sich stark, sie haben lebhafte Empfindungen, und es drängt sie rasch zu Willensimpulsen. Das sind solche Menschen, die dann stark in das Leben hineingestellt werden, die ihre Mission bekommen. Man stirbt nicht umsonst vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr, sondern man wird dann hineingestellt in das Leben in einer ganz bestimmten Weise. Wenn man aber nach dem fünfunddreißigsten Jahr stirbt — die Dinge kreuzen sich miteinander, es kann das Sterben vor dem fünfunddreißligsten Jahr noch etwas anderes bringen, es sind nur Beispiele, es muß nicht so sein —, so kann das dazu führen, daß man im nächsten Leben von den Dingen der Weltumgebung nicht so starke Einflüsse bekommt. Man kann sich nicht rasch begeistern, man kann nicht rasch entrüstet sein. Man macht sich langsamer, aber intimer mit den Dingen bekannt und wächst dadurch in der nachsten Inkarnation in ein solches Leben hinein, durch das man mehr durch die Innerlichkeit wirkt, ohne so bestimmt hingeführt zu werden zu einer bestimmten Lebensaufgabe. Man wird im Leben stehen so, daß man eine andere Aufgabe vielleicht lieber hätte, aber dazu verwendet werden kann, etwas Besonderes auszuführen, vielleicht gar gegen seinen Willen. Weil man durch die vorhergehende Erdeninkarnation sich dazu geeignet gemacht hat, feiner zu wirken, ist man brauchbar in weiterem Umfange.

[ 24 ] Wird zum Beispiel ein Mensch — ich habe diesen Fall schon früher erwähnt — in sehr früher Jugend durch die Pforte des Todes geführt, sagen wir im elften, zwölften, dreizehnten Lebensjahr, so hat er eine kurze Kamaloka-Zeit, aber er steht noch sehr nahe der Welt, die er verlassen hat bei der physischen Geburt. Da stellt sich alles anders heraus. Wenn man eben dies in seinem Karma hat, dann folgt auf ein solches Leben, das mit dem zwölften Jahre schon geschlossen hat, auch schon eine Rückschau in den ersten Tagen nach dem Tode, aber man hat sie in einer solchen Weise, daß sie mehr von außen an einen herantritt, während man, wenn man im fünfzigsten, sechzigsten, siebzigsten Jahr stirbt, selber viel mehr dazu tun muß, um die Rückschau zu bekommen. Man bekommt sie durch eigene Aktivität. Und dadurch, daß man dieses Leben nach dem Tode in verschiedener Weise zu durchleben hat, dadurch werden die Menschen in verschiedener Weise für ein nächstes Leben vorbereitet. Es kann sein, daß man in einem Leben besonders aktiv ist. Würde man als eine besonders aktive Natur früh hinweggerafft aus dem Leben, so würde das eintreten, daß man im nächsten Leben durch sein Karma bestimmt wäre, hineingestellt zu werden mit einer ganz bestimmten Lebensaufgabe, die man dann auch unbedingt durchführt. Man ist wie prädestiniert. Ist man aber in einem Leben ganz besonders aktiv und lebt man bis in ein späteres Alter hinein, dann verinnerlichen sich diese Kräfte. Dann hat man im nächsten Leben eine kompliziertere Aufgabe. Die äußere Aktivität tritt dann zurück, und es tritt gerade die Notwendigkeit an die Seele, innere Aktivität zu entwickeln.

[ 25 ] So kompliziert ist das Leben des Menschen, wie es sich eben von Inkarnation zu Inkarnation entwickelt. Wir werden diese Betrachtungen dann übermorgen fortsetzen. Jetzt möchte ich nur eben schließen damit, daß ich Ihnen sage: Wenn Sie nun einer solchen Zeit gegenüberstehen, wie die unsrige ist, in der in verhältnismäßig kurzer Zeit ausnahmsweise viele Menschen in abnormer Weise durch den Tod geführt werden, dann bereitet sich dadurch etwas ganz Abnormes vor. Und das muß sich einmal vorbereiten. Sie sehen jedes Jahr, wie die Zeit der Blüten stoßweise in die Welt kommt. Wenn Sie zurückblicken in die Geschichte, so können Sie sagen: auch da treten stoßweise die Blüten auf. Eine große Blütezeit war die Zeit von Lessing, Herder, Schiller, Fichte, Goethe. Es ist, als seien alle genialen Menschen wie auf einem Haufen beisammen. Dann hört es wieder auf, und so geht die Welt stoßweise fort. Man spricht ja von solch stoßweisem Auftreten der Genies; dann geht es wieder anders. Da haben wir auf geistigem Gebiet stoßweise ein Aufblühen, ein besonderes Sprießen. Nun sehen wir in unseren Tagen stoßweise auf physischem Gebiet ein Sterben. Da haben Sie wiederum zwei Dinge, die Sie als Bilder nebeneinanderstellen können und die ungeheuer vielsagend als Bilder sind. Großes physisches Sterben, das ist der Same für späteres bedeutsames geistiges Aufblühen. Die Dinge haben alle zwei Seiten. Von diesem Gesichtspunkte aus sagen wir uns eben, immer wieder und wiederum Kraft und Trost suchend, aber auch in unseren Hoffnungen Zuversicht uns erringend, im Zusammenhang mit unserer Zeit und gerade aus dem Bewußtsein unserer Geisteswissenschaft heraus:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht—
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.