Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode
GA 157a
20 November 1915, Berlin
Dritter Vortrag
[ 1 ] Wir haben die Tage, die wir jetzt hier zusammensein konnten, dazu verwendet, um nach der einen oder nach der anderen Seite Lichter zu werfen auf den Zusammenhang der Leben der Menschen hier auf dem physischen Plan und der Leben, die zugebracht werden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und auch einiges über den Zusammenhang der einzelnen aufeinanderfolgenden Erdenleben, die der Mensch durchmacht. Sie haben gesehen, daß wenn versucht wird, genauer ins einzelne dieser Verhältnisse einzugehen, die Untersuchung allerdings kompliziert wird, aber sie wird dann im Grunde genommen erst recht fruchtbar, da uns erst eine solche, ins einzelne gehende Untersuchung gewissermaßen über Einzelheiten auch der Lebensfragen und Lebensrätsel manchen Aufschluß geben kann. Wir wollen in einer solchen Betrachtung etwas fortfahren, müssen dazu allerdings heute damit beginnen, ein wenig einzugehen auf die Gliederung des Menschen, die wir ja kennen, die wir aber wiederholentlich besprechen wollen im Hinblick auf solche Eigenschaften, die uns für die folgende Betrachtung wichtig sein werden.
[ 2 ] Nun, meine lieben Freunde, so wie wir als Menschen hier auf der Erde leben, so leben wir ja, wie Sie aus den verschiedenen Zyklen, Vorträgen und Büchern wissen, in einer ganz bestimmten Epoche der Erdenentwickelung. Und wir haben ja entnehmen können aus dem ganzen Geist unserer Betrachtungen, daß es einen inneren Sinn hat, eine gewisse innere Bedeutung hat, daß wir unsere Seele hindurchtragen durch diese verschiedenen Epochen der Erdenentwickelung. Aus den Darstellungen, die gegeben worden sind, werden Sie schon ersehen haben, wie nicht nur das außere, sondern das ganze Leben des Menschen hier auf der Erde selbstverständlich verschieden ist nach den verschiedenen Epochen. Anders war das ganze Leben der Seele schon — wir wollen zunächst ja nur auf das Leben der Seele sehen —, wenn wir nur die nachatlantischen Epochen betrachten, in der altindischen, anders in der urpersischen, anders in der ägyptisch-chaldäischen, anders in der griechisch-lateinischen, anders in unserer Zeit. Durch alle diese Epochen trugen wir unsere Seelen hindurch. In allen diesen Epochen suchten unsere Seelen, die meisten Menschen wiederholt in einer Epoche, Körper, welche der Seele ermöglichen, die Welt so aufzunehmen, wie man gerade mit den Kräften einer solchen Epoche die Welt aufnehmen kann.
[ 3 ] Wenn Sie sich erinnern, was gesagt worden ist über die Eigentüumlichkeiten des Seelenlebens in den einzelnen Epochen, so werden Sie noch einen genaueren Einblick gewinnen können. Sehen wir uns zum Beispiel das Leben in der ersten nachatlantischen Epoche an, so finden wir, daß die menschliche Seele vorzugsweise während des Erdenlebens damit beschäftigt ist, die Wechselwirkung ihres eigenen Wesens mit dem Ätherleib auszuwirken, also sozusagen dasjenige so recht zu erleben, was erlebt werden kann, wenn man hauptsächlich hier im Erdenleben in Wechselwirkung steht als Seele mit dem Ätherleibe. Dann in der zweiten nachatlantischen Epoche lebte die Seele alles das aus, was ausgelebt werden kann, wenn man so recht in Wechselwirkung steht mit dem Astralleibe. In der dritten nachatlantischen Kulturperiode lebte die Seele alles das aus, was ausgelebt werden kann durch die Wechselwirkung mit der Empfindungsseele; in der vierten Kulturperiode lebte die Seele aus die Wechselwirkung mit der Verstandes- oder Gemütsseele, und in unserer Zeit wird ausgelebt alles das, was ausgelebt werden kann, wenn man in Wechselwirkung steht mit der Bewußtseinsseele. Je nachdem die Seele, die sich in diesen einzelnen Epochen bewegte in diesen Gliedern der menschlichen Natur, dieses oder jenes erlebte, rückte sie im allgemeinen Weltenfortschritt weiter. Es ist grundverschieden dasjenige, was man in diesen verschiedenen Epochen an Verhältnissen der eigenen Seele zur ganzen Welt erlebt. Davon muß man sich ja schon eine Vorstellung machen können nach dem, was bisher gegeben ist. Nun, in unserer Zeit lebt man also in der Bewußtseinsseele, und die ganze Kultur unserer fünften Kulturperiode besteht ja darinnen, daß die ganze menschliche Seele, das ganze menschliche Ich zur Welt solche Beziehungen anknüpft, die durch das Verhältnis zur Bewußtseinsseele gegeben sind. Was man erleben kann, wenn man in die Bewußtseinsseele seine Kraft hineinschickt, das erlebt man in unserer Epoche.
[ 4 ] Nun können wir aber auch die ganze Sache von einem anderen Gesichtspunkt fassen. Wodurch geschieht es denn im allgemeinen kosmischen Zusammenhange, daß man in der Bewußtseinsseele lebt? Man lebt ja natürlich als Mensch nicht nur in der Bewußtseinsseele, sondern auch in anderen Gliedern der menschlichen Natur. Im engeren Sinne bilden wir in unserer Zeit die Fähigkeiten, die die Menschheit jetzt gerade ausbildet, vorzugsweise dadurch aus, daß wir mit unserem Ich auf dem Umwege durch die Bewußtseinsseele so recht in der Organisation unseres physischen Leibes hier leben zwischen Geburt und Tod. Der Grieche in der vierten nachatlantischen Epoche lebte noch nicht so stark in Abhängigkeit von seinem physischen Leibe wie wir. Der Grieche lebte im Leibe selber noch auf eine innerliche Art. Das bewirkte, daß er in der Verstandes- oder Gemütsseele arbeitete. Dadurch war er in der Lage, seinen physischen Leib in ganz anderer Weise auszufüllen, als wir es können. Der Grieche zum Beispiel hatte von jeder Handbewegung eine viel stärkere innere Gefühlsnuance als der heutige Mensch. Auf diese Dinge kann keine äußere Wissenschaft eingehen, aber sie sind vorhanden. Der Grieche fühlte, wenn er einen Arm bog, wie die einzelnen Muskeln anschwollen, wie sich ein Winkel bildete. Dadurch war der Grieche als Bildhauer in der Lage, ganz anders zu schaffen. Der heutige Bildhauer arbeitet nach dem Modell. Er schaut das Modell an und arbeitet danach. Nicht so der Grieche. Er hatte ein inneres Gefühl von der Form des Armes, der Physiognomie und so weiter. Das war bei ihm inneres Erleben. Jetzt ist der Mensch in gewisser Weise herausgerissen aus dem, was er erleben kann im physischen Leibe, wenn er in der Bewußtseinsseele lebt. Er ist zwar gleichsam tiefer in seinen physischen Leib hereingegangen, er ist näher verwandt geworden damit, als es der Grieche sein konnte, aber dadurch auch ist er für all dasjenige, was der physische Leib gibt, unempfindlich geworden. Er bedient sich der Organe des physischen Leibes in einem höheren Sinne als der Grieche. Der Grieche konnte gewisse Farbennuancen nicht sehen, wie wir sie heute sehen, weil er noch nicht so im physischen Leibe drinnensteckte wie wir heute. Wenn Sie bei Homer nachlesen, so können Sie sehen, wie wenig Farben er anführt. Das ändert sich also in dieser Weise. Der Mensch macht sich verwandter mit seinem physischen Leibe, aber damit spürt er auch sein Inneres nicht so im physischen Leibe. Man müßte vielmehr sagen, er spürt am physischen Leibe nicht mehr sein Inneres, er stößt mehr nach der Außenwelt. Kurz, es ist ein Ringen mit den Fähigkeiten des physischen Leibes, während es im Griechentum vielmehr ein Ringen mit der Form war. So daß wir sagen können: Wir bilden die Bewußtseinsseele gerade dadurch, daß wir mit unserem Ich eine gewissermaßen innere Verwandtschaft mit dem physischen Leibe eingehen, daß wir uns so recht in den physischen Leib hineinstemmen. Dadurch ist die Zeit gekommen, in der man nicht mehr viel weiß von den spirituellen Vorgängen und Dingen, die Zeit des Materialismus, weil man sich so sehr hineingestoßen hat in den physischen Leib.
[ 5 ] Nun liegt aber natürlich im physischen Leibe wiederum der Ätherleib. Der Grieche wußte viel mehr noch von seinem Ätherleibe. Er spürte, wenn auch nur in einem leisen Anklang, wie der Ätherleib immer nachklingt den physischen Bewegungen des Leibes. Er verspürte noch, daß nicht bloß die physische Hand sich bewegt, sondern daß die Ätherhand sich mitbewegt und zugrunde liegt der physischen Bewegung. Das also ist verlorengegangen. Nun hat der Mensch aber, während er in dieser Griechenzeit war, das alles so durchgemacht, daß er viel intensiver sich in seinem Ätherleibe fühlte als jetzt. Das ist ihm nicht verlorengegangen. Wir haben das ja alle durchgemacht als Seelen, das steckt in unserem Ätherleib darinnen. Das steckt alles darinnen in konservierten Gedanken. Und wenn wir aus der Welt, in der wir sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, heraustreten, so lassen wir wie in einem Vergessen zurück alles dasjenige, was wir eigentlich vorher recht gut in unserem Ätherleibe haben beherrschen können. Indem wir jetzt so tief in unseren physischen Leib hineinstoßen, lassen wir das zurück, was wir uns in der Griechenzeit erworben haben. Sie sehen daraus schon, daß unser Ätherleib eigentlich sehr vieles enthält, wovon der Mensch jetzt nur kein Bewußtsein hat. Der Mensch entwickelt sein Bewußtsein jetzt hauptsächlich im physischen Leibe. Dadurch deckt er zu dasjenige, was in seinem Ätherleibe ist. Wäre dem Menschen all das Wissen von der inneren, menschlichen Organisation, das er in seinen Ätherleib hineingeheimnißt hat, bewußt, so würde er unendlich viel mehr wissen als jetzt. Denn dieser Ätherleib hat sich eine gewisse Vollkommenheit erworben, die größer ist, als der Mensch sich jetzt bewußt ist. Überhaupt ist in bezug auf den Ätherleib vieles zurückgedrängt, weil wir ihn eben nicht in der entsprechenden Weise zum Bewußtsein bringen; wir wissen vieles nicht von diesem Ätherleibe.
[ 6 ] Unter anderem arbeitet im Ätherleib, wie Sie wissen, wiederum der Astralleib. Alles dasjenige, was der Ätherleib so arbeitet, muß natürlich durchdrungen gedacht werden vom Astralleibe. Wenn man alles das plötzlich heraufbringen könnte, was der Ätherleib enthält, so würde man unendlich viel gescheiter sein, als man es in der jetzigen Epoche ist, wo man ben mit seinem physischen Leibe kämpft. Denn dieser Ätherleib enthält zum Beispiel — natürlich ist der Astralleib daran beteiligt — unendlich viele Weisheitsschätze. Die sind unten in unserer Seele, in dem Ätherleibe. Da sind vor allen Dingen eine Menge von Geschicklichkeiten, eine Menge von Wissensstoff. Zum Beispiel in bezug auf Geometrie: Ich habe schon einmal hier ausgesprochen, wie viel Sie unbewußt von Geometrie wissen. Es ist dies wirklich eine Wahrheit; denn wenn Sie Geometrie kennenlernen, so können Sie sie nicht außen von den Dingen her kennenlernen, sondern es holt sie der Mensch herauf, indem er das, was im Ätherleib ist, zum Bewußtsein bringt. Wenn er äußerlich Figuren aufzeichnet, so dienen sie nur als eine Anregung. Wenn ich ein Dreieck aufzeichne, von dem ich weiß, daß es 180 Grad hat, so weiß ich das aus dem Ätherleibe. Daß man die Figur aufzeichnet, das ist nur eine Spekulation auf die menschliche Faulheit. In Wahrheit wissen Sie alles, was Sie an Geometrie lernen können, unbewußt; das steckt da unten in den Tiefen des unbewußten Seelenlebens. Überhaupt, man glaubt gar nicht, wie gescheit man ist in den unterbewußten Seelentiefen. Wenn man es nur wüßte! Das Unheil der menschlichen Entwickelung liegt nicht darin, daß die Menschen wenig Weisheit in sich haben, sondern darin, daß sie die Weisheit nicht heraufholen können aus der eigenen Seele. Alle erzicherische Entwickelung beruht darauf, daß man die verborgene Weisheit heraufholt aus den Tiefen der Seele. Nun würden wir aber, wenn wir diese Dinge nicht so heraufholen müßten, doch unsere Entwickelung nicht fördern können, wie wir sie fördern sollen. Sehen Sie, wenn wir nicht zum physischen Leibe ein solches Verhältnis bekommen würden, wie wir es jetzt bekommen haben, so würden wir als furchtbar gescheite Kinder geboren werden, und es würde gar nicht viel kosten, verhältnismäßig früh dasjenige, was im Ätherleibe steckt, heraufzuholen. Aber der Mensch würde dann viel zu wenig Muhe darauf verwenden, die Weisheit zu erlangen. Dadurch würde sie zu wenig sein Eigentum sein, er wurde zu sehr ein Abklatsch sein der Weisheit. Die persönliche Aneignung erfolgt dadurch, daß wir ein solches Verhältnis zum physischen Leibe haben wie jetzt in der fünften Kulturperiode. Diese persönliche Aneignung macht erst, daß das Wissen zu unserem eigenen Wissen wird, und dann haben wir es für uns, wenn wir es auf diese Weise heraufholen. Das gilt in bezug auf den Ätherleib.
[ 7 ] Mit Bezug auf den Astralleib gilt aber noch etwas ganz anderes, da gilt das Folgende: Wenn wir alle Einzelheiten heraufholen könnten, die im Astralleibe liegen, alles, was der Astralleib weiß, dann ware das eigentlich für unser gegenwärtiges Leben kein Gewinn. Denn wir würden dadurch wirklich wie Automaten innerhalb der Menschheit leben. Unser Astralleib weiß zum Beispiel in der Tat — nicht unser Bewußtsein, aber der Astralleib — wie er als Astralleib zu all den einzelnen Menschen steht, mit denen er sich im Leben begegnet. Unser Astralleib hat ein solches Bewußtsein. So daß, wenn wir könnten — derjenige, der es will, kann es nicht, und derjenige, der es kann, macht es nicht, weil das zur Ausbildung eines okkulten Egoismus schlimmster Art führen würde —, aber wenn man alles das, was der Astralleib weiß, bewußt machen könnte, so würde man zum Beispiel genau wissen: Mit dieser oder jener Persönlichkeit erwirkst du dir Unannehmlichkeiten, mit dieser oder jener wirst du Freundlichkeiten erleben. Solches Wissen würde das Leben natürlich ganz verändern, aber für unser gegenwärtiges irdisches Verhältnis nicht im günstigen Sinne. Nun könnte ich noch viel erzählen, was der Astralleib weiß, aber der übt unbewußt sein Wissen auch schon aus, nur ein Wissen, das wirklich im Zusammenhange des Menschenlebens wenig beachtet wird.
[ 8 ] Nehmen Sie einmal an, ein Mensch kommt durch ein Unglück um. Das erscheint uns so, nicht wahr, wenn wir das gewöhnliche Menschenleben betrachten, daß dieses Unglück den Menschen getroffen hat. Denn ein Unglück sucht der Mensch, so wie sein gegenwärtiges Bewußtsein beschaffen ist, nicht. Würde man den Astralleib prüfen, so würde man kein Unglück finden, das der Mensch, insofern er in dem Astralleibe ist, nicht sucht. Was da notwendig ist für das gewöhnliche Bewußtsein, das ist aus freier innerer Wahl gesucht vom Astralleibe. Das ist so gewollt, richtig gewollt vom Astralleibe. Selbst wenn man von einem Eisenbahnzuge überfahren wird, ist das von dem Astralleibe eigentlich für den ganzen Lebenszusammenhang in Erwägung gezogen, es ist nicht etwas, was bloß zugestoßen ist.
[ 9 ] Also nicht nur, daß wir unseren Zusammenhang mit den übrigen Menschen in unserem Astralleibe haben als Weisheit, wir haben auch wirklich unseren Zusammenhang mit dem ganzen äußeren Leben, mit dem, was sich als Naturereignisse oder sonstige soziale Ereignisse abspielt, in die wir verwickelt sind. Was uns da verschlossen ist und sein soll, ist gut, sonst würden wir nichts lernen für die weitere Entwickelung. Aber im Astralleibe ist ein wirklicher Gedanke vorhanden, das heißt eine Art von Wissen für alles dasjenige, was unser Wesen in Zusammenhang zeigt mit den Ereignissen und Menschenelementen, in die hinein wir verwickelt sind. Die Menschen, sage ich, achten das im gewöhnlichen Leben eigentlich ziemlich wenig. Denn wenn uns irgend etwas zustößt, von dem man sagt, «es stößt uns eben zu», dann betrachtet man in der Regel dasjenige, was uns da zugestoßen ist, nur danach, daß es uns eben zugestoßen ist. Man zieht wirklich nicht in Erwägung, was geschehen ware, wenn einem das nicht gerade zugestoßen wäre. Ich will einen eklatanten Fall herausgreifen. Ein Mensch wird verwundet in einem Augenblick seines Lebens. Nicht wahr, im gewöhnlichen Leben denkt man: Nun, er ist verwundet worden. — Da schließt man ab. Was aber geschehen wäre, wenn der Mensch nicht verwundet worden wäre, darauf sieht man nicht. Denn, nicht wahr, durch eine Verwundung ändert sich das ganze Leben, alles Folgende geschieht anders. Aber der Astralleib durchschaut den ganzen Zusammenhang, indem er vor der Verwundung steht. Man kann sagen, der Astralleib ist hellsehend.
[ 10 ] Und das wahre Ich, das noch tiefer im Unterbewußtsein ruht, das wir im Tiefsten haben, das ist noch hellsehender, viel hellsehender. Nicht wahr, Sie sind sich ja klar darüber, meine lieben Freunde, daß wir unseren physischen Leib schon auf dem alten Saturn gebildet haben, daß wir unseren Ätherleib auf der Sonne gebildet haben und daß wir unseren Astralleib auf dem alten Mond gebildet haben. Unser Ich ist das Baby unter den menschlichen Gliedern, es ist am jüngsten. Dieses Ich wird so, wie jetzt der physische Leib gebildet ist, erst auf dem Vulkan gebildet sein, also nachdem die JupiterEntwickelung und die Venus-Entwickelung vorüber sein wird. Aber dieses Ich ruht zugleich im Schoße der geistigen Welt. Dann, während der Vulkanzeit, wird ein ungeheures Wissen von dem Zusammenhang des Lebens von dem Ich ausstrahlen. Aber dieses Wissen ist schon jetzt in uns, und die Jupiter- und Venus-Entwickelung wird darin bestehen, daß die Fähigkeit dazu heraufgeholt wird.
[ 11 ] Wir erblicken also, indem wir auf diesen Untergrund des Seelenlebens blicken, in einer wunderbaren Weise unseren Zusammenhang mit der geistigen Welt. Uns Menschen ist ja im normalen Menschenleben zunächst nur das gegeben, was wir empfangen, indem das Ich sich spiegelt im physischen Leibe. Aber dahinter ruht ein weit ausgebreitetes Erdenwissen, das im Ätherleibe ist. Dahinter ruht wiederum ein hellsichtiges Wissen, das im Astralleibe schon ist, und ein noch hellsichtigeres Wissen, das im wahren Ich ist. Diese Dinge sich vorher zu überlegen, ist gut, bevor man auf das eingeht, was ich nun eigentlich besprechen will.
[ 12 ] Nehmen wir den Fall, der uns ja jetzt in so tausendfältiger Weise so tief zur Seele spricht, den Fall: Ein Mensch wir im jugendlichen Alter, wie es jetzt oft geschieht, auf dem Kriegsschauplatz durch die Pforte des Todes geführt. Sehen Sie, was da eintritt, das ist, daß in ganz anderer Weise die tieferliegenden Glieder der menschlichen Natur, Ätherleib, Astralleib und Ich, aus dem Zusammenhang mit dem physischen Leibe gerissen werden, als wenn der Mensch alt geworden ist und langsam in seinem Bette stirbt. Ein schnelleres Trennen von dem physischen Leibe findet da oftmals statt. Ich habe schon gesprochen von dem Prophetischen des Ätherleibes. Wir haben gesagt, daß selbst in den Bildern des Traumes — der ja dadurch entsteht, daß sich der Astralleib nach dem Ätherleibe hinneigt und daß der Ätherleib gespiegelt bekommt dasjenige, was der Astralleib erlebt —, wenn wir diese Bilder in gewisser Weise auslegen könnten, etwas von prophetischer Art liegt, was uns auf unser künftiges Leben hinweist.
[ 13 ] Für denjenigen, der nun als Geistesforscher diese Dinge zu erforschen hat, entsteht aus solchen Erwägungen heraus eine wichtige Frage. Man muß sich allerdings die Frage zunächst einmal vorlegen, aber dann ist dieses Vorlegen der Frage eine Art Leitung zu der Antwort hin, die sich dann aus der hellsichtigen Beobachtung ergeben muß. Man sagt sich zum Beispiel: Der Mensch ist ja doch bestimmt, hier auf der Erde, wenn das Leben normal abläuft, das Patriarchenalter zu erreichen, das Leben langsam aufzubrauchen. Dafür ist sein Ätherleib und sein Astralleib und sein Ich eingerichtet. Das kann im normalen Lebensablauf geschehen. Nun wird plötzlich durch eine Kugel, die den Menschen trifft, der ganze Zusammenhang gestört. Damit aber wird eine Fähigkeit, zum Beispiel die Fähigkeit des Ätherleibes — ich will jetzt die Betrachtung auf den einzelnen Menschen richten —, die Kraft, die nun durch das ganze Leben hindurch hätte wie prophetisch wirken können, die den Menschen hätte hindurchführen können durch viele Lebensverhältnisse noch, herausgerissen aus dem Leben; sie wird getrennt von dem physischen Plan. Nehmen Sie an, die Kugel hätte nicht getroffen wir können die Hypothese stellen und absehen davon, daß es ja selbstverständlich Karma ist —, dann würde der Mensch diese Kraft nach und nach verbraucht haben in seinem Ätherleibe, vielleicht durch viele Jahre hindurch. Diese Kraft ist trotzdem in seinem Seeleninnern da; sie ist «nicht nicht da», diese Kraft. Daß sie da ist, das sieht man schon, wenn nun ein solcher Mensch, den eine Kugel getroffen hat, auf sein Lebenstableau zurückblickt, zurückblickt im Ätherleibe. Ich habe es schon angedeutet: Dieses Lebenstableau hat einen ganz anderen Charakter. Es hat den Charakter, als ob es von der Außenwelt herankomme, nicht so sehr von der Innenwelt erzeugt werden müßte. Kurz, diese Energie, diese Kraft, die da abgeschnitten wird, die ist im Menschen. Und die Beobachtung ergibt auch, daß sie da ist, daß sie verändert das ganze folgende Leben nach dem Tode. Ebenso ist es mit der Kraft, die im Astralleibe ist. Die wurde ja auch verwendet worden sein während des ganzen Lebens. Die ist auch noch da. Kurz, der Mensch tritt ganz anders durch die Pforte des Todes, wenn er gewaltsam aus dem physischen Leben herausgerissen wird, wenn er etwa durch eine Kugel getroffen wird und dadurch das Leben verläßt, als wenn er langsam im Bette gestorben wäre.
[ 14 ] Nun entsteht die große Frage für den Geistesforscher: Was bedeutet das denn eigentlich? Was bedeutet es für eine Epoche, daß der Mensch durch dasjenige, was ich angeführt habe, eigentlich etwas ganz anderes hineinbringt in die geistige Welt, als er hineinbringt, wenn er das Leben ausgelebt hat? Für eine solche Epoche, wie die ist, in der wir leben, ist das von unendlich großer Bedeutung, denn vieles von der Art des Geschilderten wird in die geistige Welt hineingetragen. Was bedeutet denn das für die geistige Welt? Das ist eine ungeheuer bedeutungsvolle Frage. — Wenn man sich ein wenig ansieht das Verhältnis der geistigen Welt zur physischen Welt, wie Sie es nachlesen können in dem Wiener Zyklus: «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt», dann kommt das näher, was man so lange nicht glauben kann, was sich aber der geistigen Forschung ganz klar darstellt: daß sich wirklich alle Begriffe und Vorstellungen ändern, wenn man in die geistige Welt kommt. Und so ist es nicht nur, wenn man durch Initiation hineinkommt in die geistige Welt, sondern so ist es auch bei dem Durchgang durch den Tod.
[ 15 ] Sehen Sie, hier entwickelt sich eigentlich die Menschheit im Grunde immer mehr und mehr nach einer bestimmten Richtung, man kann sagen, des sogenannten Seinsbegriffes. Und heute ist schon ein gewaltiges Versenktsein in die Vorliebe für den Seinsbegriff vorhanden. Was meine ich eigentlich mit dem Seinsbegriff, mit dem Begriff des Seins? Nun, es laßt ja heute kaum einer noch etwas gelten, was sich nicht gibt als ein «Sein». Wenn irgendeiner kommt, der nicht von etwas spricht, was handgreiflich ist, so wird er für einen Phantasten gehalten. Die Menschen gehen umher und reden von dem «Wirklichen», und demgegenüber ist ein bloßer Gedanke nichts. Es gibt heute unzählige Menschen, die achten den Gedanken deshalb nicht, weil sie nicht von ihm angebissen werden können. «Sein» bedeutet für sie: man bekommt knüppeldick dasjenige, was wahrgenommen wird. Man hat nichts dazu zu tun, daß irgend etwas ist, sondern es gibt sich als seiend. Und was nicht in dieser Weise sich als seiend gibt, das wollen die Menschen immer weniger gelten lassen.
[ 16 ] In der Entwickelung der geistigen Welt ist das Umgekehrte der Fall. Dasjenige, was seiend ist, was einen Eindruck macht wie physische Gegenstände, das ist für den Menschen im Geistigen etwas Feindliches, etwas Störendes, etwas, wovon er weiß, daß es zum Nichtigen gehört, daß es verurteilt ist, in das Nichtige zu verschwinden. Und kommt man so ohne weiteres in ein geistiges Gebiet, wo nicht sehr weit entwickelte Seelen sind, Seelen, die also, ich möchte sagen, für den Geist noch ebenso naiv sind, wie viele Seelen für die Erde naiv sind, so findet man für die verstorbenen Seelen dort das entgegengesetzte Urteil. Etwas, worauf sie Wert legen, das darf nicht «sein», wie man hier auf der Erde von «sein» spricht. Dasjenige, was hier Sein ist, das ist nicht wertvoll für diese Seelen. Im geistigen Leben ist es ja so, daß man lauter geistigen Wesen gegenübersteht. Die wirken auf einen. Die muß man erst zur Anschauung bringen. Es ist da so: Man steht in der geistigen Welt; hinter einem stehen Seelen der geistigen Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so weiter. Man weiß, sie sind da. Aber wenn sie für einen da sein sollen, so muß man sie erst auferwecken zu dem, was man hier das Sein nennt. Das, was in der geistigen Welt auf einen wirkt, das muß man zur Imaginierung bringen. Was nichterwecktes Sein ist, wozu man nichts tut, was so knüppeldick einfach vorhanden ist, das ist dort nicht wertvolles Sein.
[ 17 ] Hier auf der Erde steht man und ist umgeben von der Natur, und die geistige Welt, zu der muß man sich erheben, die ist nicht so ohne weiteres da. Es kostet keine besondere Mühe, die Natur um sich zu haben. Sie ergibt sich von selbst als ein Sein. Deshalb lieben es die Materialisten, die Natur um sich zu haben. Die ist aber nicht mehr da in der geistigen Welt. Es ist nichts da in der geistigen Welt, als was man sich immer erarbeitet. Da muß man immerfort tätig sein. Das, was da ist, das ist die andere Welt, die Welt, die man verlassen hat; auf die blickt man immer hin als auf eine seiende Welt: diese Welt, die das Vergängliche in sich trägt, die fortwährend kämpft mit dem Nichtigen.
[ 18 ] Wenn für einen Augenblick die Sache so wäre, daß die Welt, welche die Materialisten lieben, verschwinden würde, daß die Menschen nichts wissen würden von ihrem Leibe, daß sie sich die Imagination erst schaffen müßten, wenn sie nichts von dem Tisch wissen würden, bis sie ihn sich selbst denkend erschaffen würden, dafür aber die geistige Welt sehen würden, so hätten sie für das Leben hier, was sie dort haben in der geistigen Welt. In der geistigen Welt ist die Welt eben nur durch die eigene Tätigkeit zur Anschauung zu bringen. Die jenseitige Welt, also unser Diesseits, ist dort immer da. Während hier der Himmel verborgen ist und nur die Welt, die um uns ist, immer da ist, ist dort die Welt eigentlich verborgen, wenn man sie nicht tätig erst zur eigenen Anschauung bringt. Das Jenseits, unser Diesseits, das ist eine Welt, an die man nicht bloß glauben kann, sondern von der man wissen kann unmittelbar. Aber das, was diese unsere Welt hier, vom Gesichtspunkte der anderen Welt betrachtet, ich möchte sagen, fatal macht, das ist, daß sie mit dem Sein durchdrungen ist. Das stört, daß diese Welt mit dem Sein durchdrungen ist, wirklich, das stört. Wenn viele sagen: Ich wollte schon an eine geistige Welt glauben, wenn ich sie nur hier sehen könnte!, so kann man das vergleichen mit dem, was die Seelen in der geistigen Welt sagen: Ja, diese fortwährend da unten vorhandene physische Welt, man wollte sie schon ertragen, wenn sie nur nicht fortwährend «wäre», wenn sie nur nicht das Sein so aufdringlich in sich hätte. Man kann gar nicht hinunterschauen auf die Erde, ohne daß sie in allen ihren Punkten das furchtbare «Sein» hat.
[ 19 ] Und wenn hier jemand praktischer Materialist ist und nicht an Ideale glauben kann, dann liebt er nur das Sein. Aber damit nicht sich die Gesinnung von dem bloßen knüppeldicken Sein hier ausbreite, erstehen immer von Zeit zu Zeit die Idealisten, die die Menschen an die Kraft der Ideale und ihre Wirksamkeit im geschichtlichen Fortschritt glauben machen. Diese Ideale des Sittlichen, des Schönen, des Religiösen, sie werden hineingetragen in die Welt. Gewiß, die grobklotzigen Materialisten, die geben nichts darauf; höchstens tun sie sie ab mit ein paar Worten. Es wird das, was nicht knüppeldick im materiellen Sinne seiend ist, gerade als das Wertvolle des Lebens auf den physischen Plan hereingetragen. Und wenn man von einem höheren menschlichen Gesichtspunkte aus die Entwickelung der Menschheit über die Erde betrachtet, so sagt man sich: Gewiß, die Natur ist groß, ist bedeutend; sie ist «da». Aber was wäre dieses ganze menschliche Leben, wenn nur die seiende Natur wäre — und wäre sie noch so schön —, wenn der Mensch nicht Ideale haben könnte, wenn er nicht angespornt werden könnte, nicht von dem Seienden, sondern von dem Sein-Sollenden des sittlichen, des religiösen, des künstlerischen, des pädagogischen Lebens? Das Nicht-Seiende, möchte ich sagen, das hereindringt aus einer geistigen Welt als die Ideale der Menschheit — das NichtSeiende, aber Sein-Sollende, das macht das Leben erst wertvoll. Das empfindet jeder gut, der nicht ganz im Sumpfe des Materialismus untergegangen ist. Und so erscheinen die, die im Laufe der Geschichte auftreten und im besonderen Sinne Träger der Ideale sind, als diejenigen, die das seiende Leben aus dem Sein-Sollenden erst wertvoll machen.
[ 20 ] Und für den Geistesforscher stellt sich nun heraus: Von der geistigen Welt sieht man in einer ähnlichen Weise zurück auf das irdische Leben, aber so, daß man als höhere Seele Verlangen trägt danach, daß nicht alles auf dieser Erde bloß «ist», daf} es unter dem, was auf die Erde getreten ist, auch etwas gibt, was nicht im eminentesten Sinne nach Erdenart «ist». Es muß etwas beigemischt sein dem Erdensein, was nicht im gewöhnlichen Erdensinne ist. Und dies stellt sich heraus, ich möchte sagen, als etwas unendlich Bedeutungsvolles, wenn es sich dem Geistesforscher ergibt, bei denjenigen Leben, die veranlagt waren für ein langes Leben und gewaltsam abgeschnitten worden sind, so daß wir einen Teil eines solchen Lebens haben, der vom jenseitigen Standpunkte aus angesehen eigentlich für das Sein bestimmt war und dieses Sein nicht ausgelebt hat. Nehmen wir an, ein Mensch hat, statt bis zum siebzigsten, achtzigsten Jahre nach seinen Lebenskräften, nur bis zum fünfundzwanzigsten, sechsundzwanzigsten Jahre in der Welt gelebt. Dann wurde er, sagen wir, von einer Kugel getroffen. Seine Glieder der Menschennatur wurden plötzlich auseinandergelöst. Der Ätherleib, der Astralleib und das Ich hätten noch lange die Gabe entwickeln können, den physischen Leib zu erhalten. Das, was da noch hätte folgen können nach dem Schüsse, das ist für das Erdendasein bestimmt gewesen; es ist nicht im Sein aufgegangen. Das nimmt sich aber von jenseits aus gesehen so aus, daß man sieht: Da unten ist nicht bloß Seiendes, da unten ist dem Erdensein auch etwas beigemischt, was zum Sein bestimmt ist, aber nicht das Sein durchlebt hat, Sein, das bloß der Anlage nach vorhanden ist. Auch Sein-Sollendes im gewissen Sinne. Daher sind diejenigen, die ihr Leben also früh endigen durch eine äußere Veranlassung, indem sie durch die Todespforte gehen, für die geistige Welt in einem ähnlichen Sinne — nur in einem ähnlichen Sinne, nicht im gleichen Sinne — geistige Boten wie die Idealisten, die hier auf die Erde kommen, um dem Seienden das Sein-Sollende beizumischen. So steigen herauf diejenigen, die früh durch die Pforte des Todes gegangen sind, um dem Himmel Kunde zu bringen, daß da unten auf der Erde auch Sein-Sollendes, nicht bloß Seiendes ist.
[ 21 ] Es ist eine unendlich tiefe, bedeutsame Entdeckung, die man machen kann, wenn man auf dieses Kapitel der Geistesforschung kommt, indem man kennenlernt jene dem Himmel zugekehrten Idealisten, die Idealisten werden dadurch, daf3 sie hier auf der Erde in der angedeuteten Weise durch die Pforte des Todes gehen. Und solch einen Gedanken wirklich mit unserer Seele zu vereinigen, es geziemt uns das in der jetzigen Zeit sehr wohl.
[ 22 ] Betritt man eben die Gefilde des geistigen Lebens, so ist es nötig, daß neben denjenigen, die dort sozusagen ihre Aufgabe im geistigen Leben verrichten, auch solche sind, die hinweisen auf die Erde, so daß sie eigentlich etwas in die Erdenentwickelung hineinverwoben haben, aber es früher herausgenommen haben, als es der Anlage nach hätte heraufgebracht werden sollen. Daher kann man auch sagen: Diejenigen, die also durch die Pforte des Todes gehen, sie werden in vieler Beziehung für die Menschenseelen der geistigen Welt diejenigen, die an das Hohe des Erdenlebens glauben lassen, die glauben lassen im Jenseits, daß das Erdenleben wirklich auch Geistiges als Wertvolles in sich enthält. Sie nehmen dort eine ähnliche Stellung ein wie die Idealisten hier auf der Erde.
[ 23 ] Wir müssen uns ja schon einmal bekanntmachen damit, daß wir uns die Menschen, indem sie weiterleben in der geistigen Welt, nicht so vorstellen dürfen, wie sie zuletzt hier gewesen sind. Die triviale Vorstellung, die sich die Menschen machen, zum Beispiel, daß die, die als Kinder sterben, weiterleben als Kinder, ist selbstverständlich nicht richtig. Die Gestalt, die die Toten zuletzt hatten, kann bildhaft in der Imagination so erscheinen; das ist aber nicht die Gestalt, sondern der Ausdruck. Es kann ein Kind sterben, aber das Menschenwesen, das in dem Kinde verkörpert war, kann eine sehr entwickelte Seele sein und fortleben nach dem Tode als eine sehr hoch entwickelte Seele. Das habe ich schon oft erwähnt.
[ 24 ] Nun aber sehen wir, daß in die geistige Welt etwas hinaufgetragen wird, was als ein mit dem irdischen Sein verbundenes und doch nicht in demselben aufgehendes, ein gleichsam jenseitiges SeinSollendes ist. Das wirkt in der Entwickelung, welche die Menschenseele nun wiederum zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, mit. Menschen, die durch die Todespforte gegangen sind, sieht man dann das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt so durchmachen, daß sie gewissermaßen das menschliche der Erde in einem viel reicheren, viel umfänglicheren Sinne jenseits zur Vorstellung bringen, als man es zur Vorstellung bringen kann, wenn man ein normales Erdenleben ausgelebt hat. Nicht wahr, das soll nichts darüber entscheiden, was dem Menschen vorgezeichnet ist durch das Karma. Wenn man alt wird, es ist Karma. Wenn man jung stirbt, es ist Karma. Aber gerade so, wie man sich nicht willkürlich auf der Erde zu dieser oder jener Individualität machen kann nach dem diesseitigen Bewußtsein, so kann man auch nicht bestimmen vom Erdenbewußtsein aus, wie sich dieses Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gestalten soll. Wenn man also gewaltsam vom physischen Dasein in die geistige Welt hinaufgeht, so hat man ein viel intensiveres Anschauen, imaginativ, von allem Menschlichen, als man es hat, wenn man eben auf eine andere Weise in die geistige Welt eingetreten ist.
[ 25 ] Man kann sagen: Diejenigen Menschen, die also durch die Pforte des Todes gehen, die stehen während ihres Lebens zwischen Tod und neuer Geburt insbesondere demjenigen nahe, was auf der Erde geschieht im Sinne des Allgemein-Menschlichen. Man kann das sehen, wenn man Menschen prüft, die etwas ganz besonders Wichtiges in irgendeinem Abschnitt ihres Lebens tun, so daß es darauf ankommt, daß dieser Mensch das Betreffende tut. Sagen wir, ein Mensch tut im neunundvierzigsten Jahre etwas — es ist das selbstverständlich nur nach okkulter Anschauung zu sehen —, was ungeheuer bedeutsam nach irgendeiner Richtung hin ist. Das prüft man zurück. Dann findet man den Menschen in einer früheren Verkörperung so, daß er dazumal vielleicht gerade in seinem neunundvierzigsten Lebensjahr eines mehr oder weniger gewaltsamen Todes gestorben ist. Das heißt, er hat dadurch eben diesen starken Zusammenhang mit der ideellen Entwickelung auf der Erde hier erlangt, daß er das aufgenommen hat, dieses Sein-Sollende für die geistige Welt. Dadurch hat er die starke Kraft gehabt, daß er einverleibt hat seinem ganzen seelischen Wesen, das Bestimmte gerade in einem bestimmten Jahre zu vollbringen. Man kann auch daraus wieder ersehen — ich habe das letztemal ja darüber gesprochen —, daß Menschen, welche namentlich durch ihren Willen mancherlei zu bewirken haben, die also mehr für die allgemeine Menschheit leben, in irgendeiner Weise solch sein-sollendes Leben mit hinaufgenommen haben in irgendeiner früheren Inkarnation.
[ 26 ] Es ist ja besonders schwierig, wenn man sich das Leben im Geistigen nur so vorstellen will wie ein etwas verdünntes irdisches Leben, sich mit dieser Vorstellung auszusöhnen, die man vom geistigen Leben erlangt: daß hier das physische Leben fortwährend bekannt ist von selbst; daß jenseits das Leben ist, das unbekannt ist; und daß auch davon das Gegenteil gilt im geistigen Leben. Man pflegt sich nicht gleich richtig vorzustellen, daß eigentlich, wenn man nicht etwas dazu tut, alles dunkel und finster ist im geistigen Leben, daf man alles erst zum Licht heraufholen muß und daß alles, was diesseits ist, von jenseits aus sichtbar ist — jenseits, das aber unser Diesseits ist —, und daß das Bedeutungsvolle, das beigemischt ist, in einem Sein-Sollenden besteht. Dies ist eine Vorstellung, die man sich erwerben muß, wenn man in richtiger Weise den Zusammenhang des physischen Lebens mit dem geistigen Leben einsehen will.
[ 27 ] Ich sagte: Es ist wirklich ganz gut in unserer Zeit, sich mit solchen Vorstellungen bekanntzumachen. Denn die schmerzbewegte Seele fragt sich so sehr häufig heute: Warum müssen denn so viele Menschen im blühendsten Lebensalter in die geistige Welt abgerufen werden? Warum können sie ihr Leben hier nicht ausbilden? Und so sonderbar es klingt — wie gesagt, die geistigen Wahrheiten sind ja zuweilen etwas, was grausam scheinen kann —, so ist es doch wahr: In die geistige Welt muß die Möglichkeit hineingetragen werden, auf die Erde so zu blicken, daß diese Erde selber vom Geiste durchdrungen werden kann. Würden alle Menschen ihr normales Lebensalter erreichen, kein Mensch als Märtyrer, kein Mensch im frühen Alter sich zu opfern in der Lage sein, dann würde die Erde von drüben als dem wertlosen Sein verfallen aussehen. Das, was der Erde hier beigemischt ist an Ideellem, ist aber auch zu gleicher Zeit dasjenige, was immerzu aus dem Vergangenen ein besseres Zukünftiges hervorbringt. Und das hängt auch zusammen mit diesem, was da hingeopfert wird. Ein Mensch, der mit sechsundzwanzig Jahren sein ganzes folgendes Leben opfert, der gibt dieses ganze folgende Leben, das er sonst an seine äußere Arbeit gewendet hätte, dem Fortschrittsprozeß der Menschheit. Es lebt weiter. In dem, was jetzt an Fortschrittskräften da ist, lebt das, was Menschen hingeopfert haben an Leben, die sie hätten hier noch durchleben können. Die Erdenentwickelung braucht die Lebensopfer. Da kann man sehen, wie das, was sonst in unserem materialistischen Zeitalter eigentlich nur mehr ein abstrakter Begriff ist, wie das unendlich konkret wird.
[ 28 ] Noch in einem anderen Sinne, als ich es im Juli hier entwickelte, können wir sagen: Nicht nur diese Ätherleiber wirken sozusagen im ganzen Zusammenhang des Menschheitsfortschrittes, sondern auch die Arbeit der früh durch den Tod Gegangenen. Die Arbeit dieser Individualitäten ist eine solche, daß wir sagen können: Wer sind denn diejenigen, die vorzugsweise für das Allgemeine der Menschheit arbeiten, die sich allgemeine Aufgaben stellen in späteren Inkarnationen? Es sind diejenigen, die in einer früheren Inkarnation in irgendeiner Weise einen Opfertod durchgemacht haben. Die hingebungsvollen, dem Geistigen hier auf der Erde zugeneigten Naturen, die verdanken das ihrem ein Martyrium zu nennenden Leben in einer vorhergehenden Inkarnation. Die Erde könnte nicht fortschreiten, wenn sich nicht Menschen opfern würden.
[ 29 ] Und wenn man dies bedenkt, meine lieben Freunde, dann kann man von der Gegenwart in die Zukunft einen Blick tun. So unendlich viele werden jetzt geopfert, opfern sich. So schmerzlich dieses ist, von den persönlichen Gesichtspunkten aus betrachtet, so kann man sich damit versöhnen, wenn man es vom Gesichtspunkte der Weisheit der Welt betrachtet. Ebensoviel, als jetzt geopfert wird, wird der Zukunft an Fortschrittskräften gegeben. Die Menschheit braucht solche Fortschrittskräfte. Man bedenkt das heute noch nicht in genügendem Sinne, aber man wird es bedenken, wenn nicht einmal Jahrhunderte, sondern genügend viele Jahrzehnte über die materialistische Entwickelung der Menschheit hingeflossen sind. Der Materialismus wird in rasender Eile seine Konsequenzen ziehen. Innerlich war der Höhepunkt des Materialismus im neunzehnten Jahrhundert, aber die Menschen würden versinken im Materialismus, wenn nicht eine Umkehr gegeben wird. Diese Umkehr, sie soll gegeben werden durch die Geisteswissenschaft. Aber sie kann nur dadurch gegeben werden, daß starke Kräfte arbeiten, daß wirklich das Ideelle in das Erdenleben hineingearbeitet werde. Viele, die jetzt abgerufen werden, werden dazu dienen, daß die Erde nicht verfällt dem Materialismus, daß der Materialismus nicht allein herrschen wird.
[ 30 ] Lesen Sie es, meine lieben Freunde, in dem Vortragszyklus über die Apokalypse, wo es nur in großen Zügen angedeutet worden ist, nach, und machen Sie sich daraus einen Begriff, wie viele Früchte des Opfertodes die Erde in der Zukunft brauchen wird, damit sie vom Versinken im Materialismus und dem, was damit verbunden ist, Streit, Haß, Feindschaft, wenigstens soweit erlöst wird, als sie erlöst werden muß, damit sie ihren weiteren Weg im Kosmos durchmachen kann. Es ist schon so, daß solche Zeiten wie die unserige mehr als andere dazu auffordern, nicht nur zu denken an das, was geschieht, sondern auch zu denken an die Früchte dessen, was geschieht. Und diese Früchte können wir nur erkennen, wenn wiir die zwei Seiten des Weltendaseins ins Auge fassen, diese zwei Seiten, die uns zeigen, daß wir wirklich zwei völlig verschiedene Pole des Lebens durchmachen, hier zwischen der Geburt und dem Tode, und dort zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Hier sind wir in gewissem Sinne mit unserem innersten Wesen passiv und müssen arbeiten, wahrhaftig so, daß es vielen viel zu viel wird, wenn wir zur Anschauung einer geistigen Welt uns aufschwingen wollen. Dort ist es notwendig, daß wir aktiv sind, tätig sind, um das, in dem wir sind, um die unmittelbar gegenwärtige Welt in unserer Anschauung zu haben. Dagegen haben wir immer, wie eine Mahnung, die «seiende» Welt drunten vor uns.
[ 31 ] Hier herein in diese irdische Welt tragen die Idealisten das, was das Sein-Sollende ist, was das Seiende wertvoll macht. In die Welt, in die die Menschen gehen durch die Pforte des Todes, in die diejenigen eintreten, die ihr Leben ausgelebt haben, um in regelmäßigem Gang das irdische Leben fortzuführen, treten auch jene ein, die mehr oder weniger früh als Märtyrer sterben, und sind dort die Zeugen davon, daß da unten nicht bloß Materielles, nicht bloß dem Nichtigen, dem Vergänglichen Verfallenes ist, sondern daß} beigemischt ist dieser Erde auch das, was da zurückbehalten diejenigen, die ein Leben nicht voll auslebten, sondern denen es gewaltsam zerstört worden ist.
[ 32 ] Man muß schon solche Dinge nicht nur verstandesmäßig nehmen, sondern tief mit seiner Empfindung durchdringen, dann klärt sich einem manches auf. Es sind gewiß viele Rätsel in der Gegenwart enthalten, aber einige davon klären sich auf, wenn man also das Schmerzliche, was geschieht, im Zusammenhang mit der großen Weisheit der Welt betrachtet.
[ 33 ] Auch das ist wiederum ein Kapitel, das uns, wenn wir das eben Ausgesprochene auf unsere Zeit anwenden, die wichtige Wahrheit verkörpern kann:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht—
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
