Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt
GA 158
14 November 1914, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wenn wir nur des Menschen physischen Leib betrachten, kommen wir sehr schwer zu solchen Erkenntnissen, wie diejenigen sind, von denen wir das letzte Mal gesprochen haben. Insbesondere gilt dieses für diejenigen Völker, welche die Völker der neuen Welt, Europas und Amerikas, sind.
[ 2 ] Der physische Menschenleib in diesen Gebieten ist in weit geringerem Maße, als dies zum Beispiel in Asien und Afrika der Fall ist, von innen heraus gebildet. Bei den Völkerschaften Asiens und Afrikas ist der physische Leib mehr von innen heraus, von den im Ätherleibe liegenden Kräften gebildet, formiert. Bei den Völkern Europas und Amerikas rührt der größere Einfluß in den Bildungs- und Formierungskräften des physischen Leibes von den Einflüssen von außen her.
[ 3 ] Wir können etwa so sagen: Sobald wir nach den Kräften suchen, welche des Menschen physischen Leib bilden, formieren, müssen wir ätherische Kräfte finden. Diese ätherischen Kräfte liegen für die Bewohner Afrikas und Asiens mehr im Inneren des eigenen Ätherleibes. Für die Bewohner Europas und Amerikas liegen sie mehr in der Ätherwelt, die den Menschen von außen umgibt.
[ 4 ] Der Mensch Afrikas und Asiens steht also mehr mit den inneren Ätherkräften, der Mensch Europas und Amerikas mehr mit den äußeren Ätherkräften in Beziehung und dadurch mehr mit den Naturgeistern.
[ 5 ] Wenn ich mich primitiv ausdrücken, weniger auf das Rücksicht nehmen will, was uns klargeworden ist gerade durch die geisteswissenschaftliche Betrachtung, so müßte ich sagen: Der physische Leib der afrikanischen und asiatischen Völker ist mehr von innen heraus, mehr durch innere Bildungskräfte geprägt. Der Leib der europäischen und amerikanischen Völker wird mehr durch die Hinwendung zu den Verhältnissen der Außenwelt geprägt. Die äußeren Kräfte drücken sich mehr in die plastischen Formen ein und bilden daher mehr die Formen des physischen Leibes.
[ 6 ] Ich habe in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» aufmerksam darauf gemacht, wie wir beim Menschen, sobald wir auf seinen Ätherleib Rücksicht nehmen, finden, daß er in einem größeren Maße, als man glauben könnte, wenn man das Auge bloß auf den physischen Leib richtet, mit dem ganzen Organismus der Erde in Beziehung steht. Die Erde selbst ist eine Art lebendiges Wesen. Aber, während uns der Mensch als lebendiges Wesen gewissermaßen wie eine abgeschlossene Einheit erscheint, so daß wir ihn auch als Einheit empfinden müssen, müssen wir die Erde als einen lebendigen Organismus so betrachten, daß wir in ihr ein Vielfaches von Naturwesen, die durcheinanderwirken sehen.
[ 7 ] Zur Erde gehört zunächst die feste Erde selber, welche die Kontinente bildet. Das, was wir aber als dieses Materielle, Feste der Erde ansprechen, ist nichts anderes als Maja. Die Wirklichkeit ist eine große Summe von Naturgeistern, die wieder geführt werden von Geistern höherer Hierarchien. Daß sich das gleichsam zusammenballt und als feste Erde wirkt, ist Maja. Die Erde ist durch und durch Geist. Das ist oftmals betont worden.
[ 8 ] Nun gehört zur Erde nicht nur die feste Erde, sondern auch das, was als Gewässer die Erde durchsetzt, und insofern sich die Materie der Erde im Flüssigen auslebt, haben wir es wieder zu tun mit dem Wasser als der Maja. In Wirklichkeit aber haben wir es zu tun mit einer großen Anzahl von Naturgeistern. Ebenso ist es bei der Luft und ebenso bei der die Erde durchsetzenden und umspülenden Wärme. Das alles ist eine Summe von Naturgeistern, und das Materielle ist nur die äußere Maja.
[ 9 ] Mehr als das in Asien und Afrika der Fall ist, ist beim europäischen Menschen — beschränken wir uns darauf zunächst — gleichsam ein fortwährender Austausch der Impulse zwischen den inneren Ätherkräften und den Elementarwesen, welche in Feuer, Wasser, Luft und Erde enthalten sind. Diese Elementarwesen wirken von außen herein auf die menschlichen Ätherleiber, und dadurch erhalten sie die formenden und bildenden Kräfte, die dann in dem Aussehen und den Verrichtungen des physischen Leibes bis in die Sprache hinein zum Vorschein kommen. Denn die Sprache ist durchaus auch eine Verrichtung des physischen Leibes. Aber selbstverständlich liegen die Impulse dazu im Ätherleibe.
[ 10 ] Nun, sehen Sie, muß man, wenn man den Menschen, so wie er auf der Erde lebt, wie er also auf dem Umwege über den ÄÄtherleib ein Erdenwesen ist, der Erde angehört, darauf Rücksicht nehmen, in welch verschiedener Weise die einzelnen Wesenheiten der Erde, des Wassers, der Luft und so weiter auf den menschlichen Ätherleib wirken. Denn von ganz anderer Natur sind die elementarischen und ätherischen Wesenheiten der Erde, von ganz anderer Natur die ätherischen und elementarischen Wesenheiten des Wassers, so daß wir sagen können: Einfach dadurch, daß irgendein Mensch als physisches Wesen im Gebirge lebt oder am Meeresstrande, haben andere Wesenheiten auf seinen ätherischen Leib einen größeren Einfluß. Bei dem, der am Meeresstrande lebt, haben die elementarischen Wesenheiten, die ihren Majaausdruck im Wasser haben, einen viel größeren Einfluß als bei dem Menschen, der im Gebirge lebt. Bei einem Menschen, der im Gebirge lebt, haben die Wesen, die in der Erde leben, einen größeren Einfluß als die Wesenheiten, die ihren Majaausdruck im Wasser haben.
[ 11 ] Nun wird dasjenige, was aus dem Menschen formiert, gemacht wird, durch dieses Zusammenwirken — ich rede jetzt immer hauptsächlich vom europäischen Menschen — der elementarischen Geister mitgewirkt, ich sage mitgewirkt, und in der Art, wie diese elementarischen Geister der Natur wirken, liegt etwas von dem, was aus der geistigen Welt heraus den Menschen bildet, insofern dieser Mensch ein Erdenwesen ist.
[ 12 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal davon gesprochen, daß der östlichen Kultur Europas voranging, sagen wir, eine Kulturschicht, deren Menschen so beschaffen waren, daß sie in ihren Seelen noch etwas hatten von dem, was bei den heutigen Menschen mehr in das Unterbewußtsein zurückgedrängt ist, daß sie etwas im gewöhnlichen Leben hatten von einer Spaltung der Seele in Empfindungs-, Verstandes- oder Gemütsund Bewußtseinsseele. Ich habe Sie darauf hingewiesen, daß das finnische Volk, das in alten Zeiten große finnische Volk — das heutige ist nur ein Rest eines einstmals ausgebreiteten finnischen Volkes -, eine solche Seele hatte, daß die Seelen dieser Menschen bei einem gewissen alten Hellsehen, das bei ihnen ausgebildet war, bei ihrem unmittelbaren Erleben des Tages, etwas hatten von einer Spaltung der Seele in Empfindungs-, Verstandes- oder Gemüts- und Bewußtseinsseele.
[ 13 ] Ich habe Ihnen gesagt, daß in dem großartigen Epos Kalewala in den drei Figuren: Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen zum Ausdruck kommt die Darstellung, wie aus dem Kosmos herein diese dreigespaltene Seele bedingt wird, gleichsam gerichtet wird.
[ 14 ] Nun, wie konnte denn so etwas überhaupt zustande kommen? Wie konnte an einem bestimmten Punkte Europas — so stellen wir uns die Frage — ein großes Volk sich entwickeln, welches eine so geartete Seele hatte, wie ich es beschrieben habe?
[ 15 ] Nun, sehen Sie, wie der Mensch sein eigentliches Ich, die Gabe der Erde, entwickelt, das rührt davon her, daß die Geister der Erde von unten herauf, durch die Maja der irdischen Materie auf ihn wirken. Von unten herauf, gleichsam durch die feste Erde hindurch, wirken die Geister der Erde, und in unserem Zyklus ist es so, daß diese Geister der Erde im wesentlichen dazu benutzt werden, um in dem Menschen die Ich-Natur hervorzurufen.
[ 16 ] Sollte nun in einem Volksstamme, wie es das alte finnische Volk war, in die Seele hereinleuchten etwas von dem, was gleichsam unter der Ich-Natur liegt, was geistiger ist als die Ich-Natur, was mehr zusammenhängt mit den göttlichen Kräften — denn wenn die Seele sich dreigespalten empfindet, hängt sie mehr zusammen mit den göttlichen Kräften, als wenn sie das nicht tut —,, sollte so etwas entstehen, so durfte in einer gewissen Weise nicht bloß das Irdische mit seinen elementarischen Geistern von unten herauf in das Irdische des Menschen strahlen, sondern es mußte etwas anderes in dieses Irdische hereinstrahlen, ein anderer elementarischer Einfluß.
[ 17 ] Ebenso nun,wie des Menschen physisches Dasein innig zusammenhängt mit den Geistern der Erde — physisches Dasein, insofern es ein irdisches Dasein ist, und es in ihm sein Ich entwickelt —, zusammenhängt mit den Geistern, die von der Erde selber, von unten nach oben, wirken, so hängt zusammen das Seelische des Menschen, das sich wie natürliches, temperamenthaftes, charakterhaftes seelisches Dasein des Menschen bekundet, mit alledem, was als wässeriges Element, als flüssiges Element auf der Erde lebt. Es müssen also Geister des wässerigen, des flüssigen Elementes hereinwirken in diese Seelen, die also dreigespalten sind.
[ 18 ] Nun ist einmal für unseren Zeitenzyklus das irdische Element das ichbildende Element, also dasjenige, worauf es ankommt. Wenn ein anderes Element hereinragt, wie zum Beispiel das wässerige Element, so ragt dieses mehr aus der geistigen Welt herein. Es ist nicht in dem Menschen selber enthalten. Es muß sich gleichsam als ein geistiges Wesen in den Menschen hineinsenken, damit er hereinbekommt in seine irdische Natur etwas, was ihn in die geistige Welt hineinführt.
[ 19 ] Nehmen Sie an, die Fläche der Tafel wäre das, wo die elementarischen Kräfte der Erde herauskommen, so muß, wenn ein geistiges Element sich da hineinsenken will, dies von dem Organismus der Erde selber ausgehen, von etwas, was an sich geistig ist. Ein Wesen muß da sein, ein wirkliches Wesen, das nicht der Mensch selber ist, das den Menschen gleichsam inspiriert zu der Dreigespaltenheit der Seele. Ein Wesen also muß da sein, das gleichsam so auf die Seele wirkt, aus der Naturgeistigkeit heraus wirkt, daß die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewußtseinsseele sich auseinanderlegen, so daß die Seelen wirklich sagen können: Für meine Empfindungsseele wirkt da aus der Natur herein etwas wie Wäinämöinen, das mir entgegenströmt wie ein Naturwesen, das mir die Kräfte der Empfindungsseele gibt.
[ 20 ] Aber es wirkt auch etwas herein wie Ilmarinen, etwas, was mir die Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele gibt, und es wirkt ferner etwas herein wie Lemminkäinen, etwas, was mir die Kräfte der Bewußtseinsseele gibt. Wenn da ein Wesen ist, das gleichsam seine Fühler in die Natur vorstreckt wie durch eine Art von Hals, wenn ein Wesen, das hier gleichsam seinen Hauptgruppenleib hat und hier seine Fühler ausstreckt, so daß wir den einen der Fühler mit der Empfindungsseele hier haben, und sich hier hereinstreckt das zweite Fühlhorn und hier das dritte Fühlhorn, so hat das Naturwesen einen Leib und streckt sein Seelisches gleichsam wie seelische Fühler da hinein, um zu inspirieren, und da können die Ätherleiber sich bilden, welche der Seele die Fähigkeit geben, sich dreigeteilt zu fühlen.
[ 21 ] Die alten Finnen, die Bevölkerung des alten Finnland, sagten: Wir leben hier, aber wir fühlen etwas wie drei gewaltige Wesen, die nicht Wesen des physischen Planes sind, die Naturwesen sind. Sie enthüllen sich von Westen her, sie sind drei Teile, gleichsam Organe eines großen Wesens, das seinen Leib hat da drüben, aber es streckt uns seine Fühlhörner hier entgegen: Wäinämöinen, Ilmarinen, Lemminkäinen. Ein mächtiges Meereswesen breitet sich von Westen nach Osten hin aus, das seine Fühlhörner ausstreckt und diesen Stamm mit demjenigen begabt, was die dreigeteilte Seele ist.
[ 22 ] Die Völker, die das noch empfunden haben, haben so gefühlt und auch gesprochen, auch in Kalewala, wie ich es auseinandergesetzt habe. Der moderne Mensch, der heute nur noch auf dem physischen Plane lebt, sagt, das westliche Meer erstreckt sich hier hinein; das ist der Bottnische, das ist der Finnische und das ist der Rigaische Meerbusen. Wir nehmen zusammen aber, indem wir das Geistige des äußeren Physischen durchschauen wollen, dasjenige, was uns wie in einem Querschnitt von der Natur heraus erscheint, wir nehmen zusammen das Folgende. Da drunten ist noch viel Wasser, da drüben ist die Luft, der Mensch atmet Luft, und die Meereswelt da ist ein großes, mächtiges Wesen, das nur anders formiert ist, als wir es gewohnt sind. Das ist ein mächtiges Wesen, das sich darüber ausbreitet, und mit diesem Wesen stand der Mensch der früheren Rasse in einem ganz ausgesprochenen, bestimmt konfigurierten Zusammenhang. Und wenn wir jetzt sprechen von Volksgeistern, so haben diese Volksgeister in den Elementarwesen, die in zahlreichen solchen Seelenäußerungen leben, die Werkzeuge, um zu wirken. Sie organisieren sich gleichsam ein Heer, um zu wirken, um hineinzuwirken bis in den Ätherleib und vom Ätherleib aus den Menschen so zu machen, daß sein physischer Leib ein Werkzeug ist für dasjenige, was er gerade für seine spezielle Mission auf der Erde sein soll.
[ 23 ] Nur dann, wenn wir die Formen, die uns in der Natur entgegentreten, als Ausdruck von Geistigem ansehen können, verstehen wir die Natur selbst in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen, wenn wir nicht so einfach gedankenlos hinblicken auf die Meeres- und Landesgrenzen, sondern verstehen, was sich in diesen Formen ausdrückt. Es könnte ja auch jemandem beim Gesicht des Menschen einfallen, zu sagen: Ja, es sind da solche Formen. Da grenzen Fleisch und Luft zusammen. — Wenn dieses jemand sagt, so wird man aber wenig verstanden haben davon. Man hat das doch erst verstanden, wenn man es als Ausdruck des Menschen, als Gesicht auffaßt. So hat man das hier auch erst verstanden, wenn man es als eine gewisse Physiognomie eines mächtigen Wesens betrachtet, das aus dem Ozean heraus gewisse Teile seines Hauptkörpers vorstreckt, das diesen Teil seiner Physiognomie vorstreckt.
[ 24 ] Vieles geht eben wirklich unterhalb der Schwelle des Bewußtseins vor, und die Geister der Form haben die Formen in die Natur nicht umsonst hineingestellt. Diese Formen können verstanden werden. Sie sind der Ausdruck innerer Wesenheit. Und wenn wir die Schüler der Geister der Form werden, dann bilden wir selber Formen, welche ausdrücken, was in der inneren Wesenheit des Natürlichen und des Geistigen lebt.
[ 25 ] So sollten auch zum Beispiel in unseren Architraven, in dem, was über den Säulen ist, Formen gebildet werden, die wirklich der Ausdruck sind für diejenige Geistigkeit, die in Zusammenhang gebracht werden soll mit dem, was innerhalb des Baues geschehen soll. Der Mensch ist durchaus ein Wesen, welches gleichsam wie aus einem Meer heraustaucht mit seiner Oberfläche, aus einem Meer von Realität, von verborgener Realität, in das er eingetaucht ist.
[ 26 ] Sehen Sie, das ist wiederum ein Beispiel, wie wir eigentlich hinter die Maja dringen müssen, wenn wir das, was uns vorliegt in der Welt, wirklich verstehen wollen, namentlich wenn wir den Menschen verstehen wollen mit all seinen Äußerungen. Da müssen wir oft hinuntergehen in das, was im Menschen lebt, ohne daß er es weiß, oder das er erst nach und nach lernt durch Vermittelung des Wissens.
[ 27 ] Wir können nämlich gar nicht anders, wenn wir irgendwohin den Blick wenden, als daß wir zunächst auf die äußere Maja schauen, und dann müssen wir uns klar sein darüber, daß hinter dieser äußeren Maja etwas außerordentlich Kompliziertes liegt.
[ 28 ] Würden wir die Neigung haben, überall einzugehen auf dasjenige, was hinter der Maja liegt, dann würde es eine unendliche Harmonie, einen Zusammenklang geben können in der ganzen Menschenwesenheit, denn gewissermaßen steht diese Menschenwesenheit durch unendliche unterirdische Impulse mit einer harmonischen Einheitswesenheit in Beziehung, und alles, was in der Welt vorhanden ist, kann nur verstanden werden, wenn man es in bezug auf das, was unter der Oberfläche des Daseins liegt, prüft.
[ 29 ] Es bleibt immer eine Einseitigkeit, wenn man irgend etwas nur betrachtet in bezug auf die Maja. Ich will hier etwas einschalten. Nicht wahr, solche Dinge, wie wir sie jetzt besprochen haben, kann man nur nach und nach ganz verstehen. Ich will zeigen, wie schon im gewöhnlichen Leben es schwer ist, auf alles das, was in den Dingen liegt, die an uns herantreten, wirklich einzugehen. So zum Beispiel werden vielleicht die wenigsten unserer lieben Freunde bemerkt haben, daß ich in einem Vortrage der letzten Zeit einmal intensiv über die Schweiz gesprochen habe, über etwas, was intensiv mit der schweizerischen Natur zusammenhängt. Ich weiß nicht, in wieviel Gemütern jetzt eigentlich ein Bewußtsein davon lebt, wovon ich spreche. Sie erinnern sich aber vielleicht, daß ich an die vier Vorträge, die ich gehalten habe über okkultes Lesen und Hören, einen Vortrag angeschlossen habe, in dem ich rein äußerlich, geschichtlich, viel von Herman Grimm gesprochen habe. Das war ein Vortrag, in dem tatsächlich außerordentlich viel über die Schweiz gesprochen worden ist, aber man muß zurückgehen auf das Innere der Sache, auf das, was unter der Oberfläche liegt. Wieso denn?
[ 30 ] Sehen Sie, der Mensch — ich wiederhole etwas ganz Elementares — besteht, wie wir wissen, aus seinem physischen Leibe, seinem Ätherleibe, seinem Astralleibe und seiner Ich-Natur. Wir wissen, daß die Ich-Natur und der astralische Leib beim schlafenden Menschen den physischen und den Ätherleib verlassen und gleichsam sich außen, mehr in der geistigen Welt aufhalten, in einer Welt, von der wir sagen können also: In der Nacht sind wir darinnen in dieser Welt, wo auch die elementarischen, ätherischen Wesenheiten sind. — Da sind aber auch diejenigen geistigen elementarischen Wesenheiten darinnen, welche zusammenhängen mit dem ganzen Aufbau unseres physischen Seins. Die sind und wirken alle darinnen. Mit dem ganzen Aufbau unseres physischen Seins hängt eine Anzahl von elementarischen Wesenheiten zusammen. Ich habe einmal aufmerksam gemacht in einem Vortragszyklus, den ich in Kassel gehalten habe über den Zusammenhang des Johannes-Evangeliums mit den andern Evangelien, wie der Mensch durch seine Vorfahren zusammenhängt mit den Wesenheiten der elementarischen Natur. Ich habe aufmerksam gemacht — Sie können es in diesem Vortragszyklus nachlesen —, daß der Mensch, wenn wir in dieser Weise seine vier Glieder anordnen, hier den physischen Leib, hier das Ich, hier den Ätherleib, hier den astralischen Leib hat, daß er dann ererbt hat dasjenige, was mehr in seinem physischen Leibe und seinem Ich lebt, von der väterlichen Seite her.
[ 31 ] Derjenige, welcher den Vortragszyklus aufmerksam gelesen hat, wird sich erinnern, daß das, was mehr im Ätherleibe und im astralischen Leibe lebt, von der mütterlichen Seite her vererbt wird. Wenn wir nun schlafen, so haben wir den physischen und den ätherischen Leib im Bette liegen, also etwas Väterliches und etwas Mütterliches. Wir haben aber das Ich und den astralischen Leib draußen. Der astralische Leib enthält dasjenige, was unseren Empfindungen, unserer ganzen Temperamentsanlage sich einprägt, dasjenige, was uns den Seelencharakter gibt. Und in dieses, was uns da den Seelencharakter gibt, wirken wiederum herein in der Zeitenfolge elementarische Wesenheiten, Wesenheiten, die von den Vorfahren zu den Nachkommen hintragen die Kräfte, so daß diese Nachkommen in einer gewissen Weise werden.
[ 32 ] Bei einer solchen Persönlichkeit, wie Herman Grimm war, wirkt etwas ganz Eigentümliches. Man hat eine Nachwirkung bei Herman Grimm von dem, was seine unmittelbaren Vorfahren waren. Seine unmittelbaren Vorfahren, sein Vater und sein Onkel, waren die Sammler der Kinder- und Hausmärchen, und diese Kinder- und Hausmärchen haben sie erzählen hören. Sie haben einfach hingehört, wenn man sie ihnen erzählt hat, und haben sie dann aufgeschrieben. Aber man tut so etwas nicht, wenn man nicht einen besonders zugerichteten astralischen Leib hat, der dazu veranlagt ist. Solche Dinge müssen tief begründet sein in dem ganzen Hergang der Sache.
[ 33 ] Herman Grimm hat eine gewisse Art, sich fein geistig auszudrücken, eine Art, die schon fast herankommt an das Geisteswissenschaftliche. Das ist dadurch in ihm enthalten, daß schon in seiner Vorfahrenschaft eine Hinneigung zum Märchenhaften war und zu demjenigen, worin Naturgeistigkeit lebt. Da sehen wir, wie die Naturgeister etwas in ihn hineingetragen haben, was sie noch nachklingen ließen, wenn Herman Grimm mit seinem Ich und seinem Astralleibe außerhalb des physischen und Ätherleibes war. Wer hat denn dem Vater und dem Oheim zunächst in besonderer Anschaulichkeit — wie in einem Elementarwesen darinnen stehend — die Märchen erzählt? Die Frau des Vaters Herman Grimms, also die Mutter Herman Grimms. Die Mutter Herman Grimms war das belebende Element bei dieser Märchenübertragung. Sie hat eine besondere Freude gehabt, hinzuhorchen auf diese Märchen, wo sie im Volke lebten, und sie hat sie so aufgenommen, daß sie die beiden Brüder Grimm, Herman Grimms Vater und Oheim, aufschreiben konnten.
[ 34 ] Wer war diese Mutter? Dorothea Grimm, geborene Wild, war aus einem alten Berner Geschlecht. Sie selbst war noch Bürgerin dieser Stadt. Die Vorfahren hatten noch mitgekämpft in der Schlacht von Murten. Das ganze Gefühl, das sie da gewonnen hatte, mit all den Elementargeistern, wurde dann ins Hessische hinaufgetragen, weil der Vater, der ausgewandert war von Bern — der Großvater von Herman Grimm —, das Apothekerhandwerk gelernt hatte, dann nach Kassel gezogen war und dort die Sonnenapotheke gegründet hatte. Wenn wir also suchen nach dem, was die Elementargeister wirkten gerade in Herman Grimm, was sozusagen gerade die besondere Konfiguration dieses Geistes machte, weil sozusagen diese Geister, während er schlief, in ihm wirkten, dann müssen wir an die Schweiz denken, und wir reden eigentlich, indem wir von dem Charakteristischen bei Herman Grimm sprechen, von charakteristisch Bernerisch-Schweizerischem.
[ 35 ] So tritt uns manchmal, äußerlich ganz und gar von Maja überstrahlt, dasjenige entgegen, was das Wesentliche ist. Man horcht hin auf das, was das Wesen im Gemüte der Mutter Herman Grimms ist, wenn man das eigentümliche Gefüge seines Geistes in Betracht zieht, so daß ich eigentlich in dem Geistigen, in dem, was ich als unter der Schwelle des Bewußtseins liegend hervorgehoben habe, etwas unmittelbar Schweizerisches sagte und von dem Schweizerischen, speziell Bernerischen gesprochen habe, als ich von Herman Grimm sprach. Daher war vorauszusetzen, daß gerade diese Art, von der da Andeutungen gemacht worden sind, unter manchen unserer Freunde recht vertraute, heimische Gefühle hervorgerufen haben wird.
[ 36 ] Es kommt also nicht bloß darauf an, was sozusagen äußerlich uns entgegentritt, sondern, was in dem lebt, was uns äußerlich entgegentritt. Die Erde mit allem, was auf ihr ist, ist tatsächlich im innigen Zusammenhange, die Erde als Einheitswesen ist tatsächlich im innigen Zusammenhange mit dem, was der Mensch auf ihr sein kann, mit dem, was auf dem Umwege durch den Ätherleib um den Menschen sich gestaltet, figuriert.
[ 37 ] Nun gehen wir, nachdem ich durch das vorliegende Beispiel klargemacht habe, wie wir durch die Maja hindurchgehen müssen, wenn wir verstehen wollen, was da ist, nochmals zu dem Meeresdrachen zurück, der gleichsam der Inspirator der europäischen Menschheit ist, der sich vom Atlantischen Ozean herüberdrängte, um der Inspirator der europäischen Menschheit zu sein. Er enthält, wenn wir die Gesamtheit seiner elementarisch-ätherischen Wesenheiten ins Auge fassen, alles dasjenige, was geistig ist in der europäischen Menschheit. Würden wir ihn vollständig verstehen, diesen Drachen, würden wir uns ihm ganz hingeben können, dann würden wir alle Hellseher sein. Aber die europäische Menschheit hat nicht die Aufgabe, etwa bloß hellsehend zu sein, sondern sie hat die Aufgabe, gerade denjenigen Teil des Seelenhaften zu entwickeln, der über das Hellsehen hinausragt, wie die Inseln aus dem Meere herausragen. Dasjenige, was nun ganz besonders sich entwickeln mußte als, ich möchte sagen, die Grundtypen der fünften nachatlantischen Kulturperiode, mußte das Grundgepräge haben, sich herauszuheben als Bewußtseinsnatur, sich herauszuheben aus dem bloß Seelenhaften. Das mußte inspiriert werden von den durch die Erde wirkenden Naturgeistern. Es mußte die Möglichkeit haben, überall zusammenzuhängen, gleichsam durch unzählige fließende Impulse zusammenzuhängen mit diesem inspirierenden Wesen. Aber es mußte sich herausheben, es mußte hineinschicken in das Wässerige das Erdenhafte. Und das ist dadurch geschehen, daß die britischen Inseln sich heraushoben mit der Summe aller ihrer Naturgeister aus dem sie ganz umgebenden inspirierenden Meere.
[ 38 ] Wenn es einmal eine wirkliche Geisteswissenschaft geben wird, dann wird man wissen, daß auf einem solchen kontinentalen Gebiet des Menschen Seelenträger, sein physischer und sein Ätherleib, sich so bilden müssen, wie das Verhältnis von Meer und Land das bedingt. Genauso wie die Hebung über das Meer, die Hebung des Landes über das Meer das bedingt, genau ebenso ist es, wie der Mensch in seiner Natur bestimmte Räume dadurch ausfüllen muß, daß er sie nicht Muskeln sein läßt, sondern zu Knochen werden läßt, also so, daß das weiche Wesen und das harte Wesen ein bestimmtes Verhältnis zueinander haben.
[ 39 ] So gestaltet sich auch draußen in der großen Erdenmutter die Sache, und zwar so, daß aus dem flüssigen Elemente das feste Element auftaucht. Man kann sagen: Die Erde schickt aus ihren Tiefen die elementarischen Geister herauf, welche die Erde bilden in bestimmter Konfiguration, an einer bestimmten Stelle der geistigen Inspiration, damit ein solcher Boden entsteht, auf welchem solche Leiber wohnen können, in denen die Bewußtseinsseele sich entwickelt.
[ 40 ] Das feste Land im Meere ist wirklich wie ein Knochengerüst in der elementarischen Wesenheit. Geradeso wie unser Knochensystem im weichen Muskelsystem darinnen sitzt, so sitzt konfiguriert das Feste der Erde im Meere darinnen. Und die Länder entstehen nicht so regellos, wie es die Geologie darstellt, sondern entstehen in ihren Formen ebenso regelmäßig, wie in uns das Knochensystem regelmäßig entsteht, allerdings nicht durch Zellen gerade, wie sich die Knochen bilden. Wir müssen nur verstehen lernen, warum die einzelnen Kontinente in dieser oder jener Form gebildet sind. Ich möchte noch einen Vergleich gebrauchen, der Sie nur nicht zu einem Mißverständnisse verführen soll. Ich möchte sagen: Damit hier bei diesem alten finnischen Volke jene Anschauung entstehen konnte, von der wir gesprochen haben, war es notwendig, daß eine solche Landkonfiguration entstand in den Meerbusen.
[ 41 ] Wie die menschliche Lunge hereinläßt die Luft, so sind in dieser Landkonfiguration vorgezeichnet — wie hineingenommen — Fangarme jenes großen Wesens, das zusammenhängt mit aller Konfiguration Europas.
[ 42 ] Wir haben nun das letzte Mal gesprochen von den Leibern, die der russischen Seele verliehen werden, wenn sich diese Seele in einem russischen Leibe inkarniert. Wir haben gezeigt, das letzte Mal und auch im Verlaufe anderer Betrachtungen, daß in einem russischen Leibe die russische Seele sich erwartungsvoll bildet, daß sie dasjenige vorbildet in sich, was einmal ein Zukünftiges empfangen kann. Dazu ist notwendig, daß diese Seele in einer gewissen Weise mit dem Geistigen in Beziehung bleibt. Sonst würde nicht das Geistselbst einmal gebildet werden können. Aber auf der andern Seite muß diese Seele verhindert werden, allzu früh sich in diejenigen Regionen zu entwickeln, die ihr eigentlich vorgebildet sind.
[ 43 ] Nehmen wir einmal an, es wäre hier — wo die Ostsee jetzt ist — Land und das hier — wo Rußland ist — wäre alles Meer. Es würden sich nur halbinselförmige Gebilde vorstrecken wie Italien und so weiter. Der Bottnische, Finnische, Rigaische Meerbusen würden bis zum Kaspischen Meer sich ausdehnen, statt daß wir russisches Land hier haben würden. Dann würden wir hier ein Seefahrervolk haben, daß diese Seezungen hier befahren würden. Dadurch würden sich aber die Leiber hier nicht bilden können, wie sie sich bilden sollen. Da würde jenes Wesen, welches die Fangarme hier herüberstreckt, dasjenige ausatmen, was empfangen würden diese Seefahrer, und sie würden vorzeitig — also in zu früher Zeit — ihre Anlagen entfalten. Sie würden dasjenige, was auf eine spätere Zeit warten müßte, zu früh entfalten. Das Geistselbst muß eine gewisse Zeit warten, darf nicht zu früh entfaltet werden. Daher muß hier nicht Meer sein, sondern das Land muß so weit auftauchen, daß nicht zu früh das Geistselbst entwickelt werde, daß aber noch die Möglichkeit bleibt, die Inspirationen dieses großen Wesens zu empfangen. Es dürfen also nicht hohe Gebirge wie die Alpen vorhanden sein und auch nicht flache Länder, nur solche Erhebungen, daß nicht zu früh das Geistselbst empfangen wird. Gerade soviel Land muß es sein, um das Geistselbst zu erzeugen: also ausgedehnte, mehr flache Landgebiete. Wäre hier ein seefahrendes Volk, so würde dieses seefahrende Volk längst das Geistselbst entwickelt haben. Aber das wäre unreif, da würde zur Unzeit die Entwickelung eintreten.
[ 44 ] Und jetzt kommen wir auf den kosmischen Verstand der Erde. Die Erde hat kosmischen Verstand, der ihre Form bedingt, ihre Form so bedingt, daß sie überall aufwirft das Land so weit, als es nötig ist, damit die richtigen Elementargeister mit den auf der Erde befindlichen Wesen in Zusammenhang kommen, und andererseits das Wasser bestehen läßt, so weit es nötig ist, damit die inspirierenden Genien wirken können.
[ 45 ] Wir bekommen den Eindruck, daß wir förmlich auf unsere Erde hinschauen und in einem solchen Aufwerfen von Land etwas Ähnliches sehen können, wie wenn wir diese oder jene Miene im Gesichte bilden, wo auch das Seelische in der Miene in dieser oder jener Konfiguration des Ausdruckes zum Vorschein kommt. Das Seelische der Erde tritt uns in der Konfiguration der Erde entgegen. Tatsächlich: sobald wir auf den menschlichen Ätherleib kommen, dehnt sich gleichsam diese Wesenheit des menschlichen Ätherleibes über die ganze Organisation der Erde aus, und es steht überall im Zusammenhang der menschliche Ätherleib mit dem Organismus der Erde. Überall finden wir, daß das eigentlich Irdische — die Maja also für die Erdgeister — für den jetzigen Menschen zusammenhängt mit seiner Ich-Natur, mit der äußeren physischen Natur. Alles dasjenige, was Wasser und Luft — geistig betrachtet — ist, hängt zusammen mit dem, was er im Widerspruch mit der Ich-Natur entwickelt. Denn die ganze Erde ist dazu da, um eben den irdischen Menschen zu bilden. Das andere besteht darinnen, diesen irdischen Menschen zu nuancieren. Dieses Nuancieren wird eben durch das gegenseitige Verhältnis von Land und Wasser und Luft durch die Erde bewirkt.
[ 46 ] Wenn wir Europa im Süden anschauen und insbesondere die griechische und die italienische Halbinsel betrachten, so finden wir durch die Art, in der hier Land und Wasser verteilt sind, die Erde vorbereitet für solche Leiber, die gerade die vierte nachatlantische Kultur tragen konnten, in welcher die Verstandes- oder Gemütsseele so ganz besonders zum Ausdruck kommt.
[ 47 ] Wären die Länder im Süden Europas größer und die Meereinschnitte kleiner gewesen, so hätte in Griechenland und Italien etwas entstehen müssen, was erst später entstehen sollte, das heißt, es würde für die Evolution etwas in unbrauchbarer Weise entstanden sein. Damit in solcher Weise, wie ich es dargestellt habe, das griechische Wesen in dem romanischen Wesen seine Wiederholung hat finden können, mußte gegen die Meere hin eine breitere Landmasse vorgestreckt werden, als es bei Griechenland der Fall ist. Das ist aber in Frankreich der Fall. Und in dem Verhältnisse, von dem ich gesagt habe, wie es besteht zwischen Frankreich und Griechenland, können Sie genau ausgedrückt finden in der Physiognomie Griechenlands, wie es überall eingeschnitten ist von dem Meere, und in der Physiognomie Frankreichs, wie es mehr im großen seine Vorsprünge gegen das Meer vorstreckt.
[ 48 ] Ich wollte Ihnen heute einige Anhaltspunkte geben für allerlei Dinge, die noch weiter in unserem Zusammensein ausgeführt werden müssen. Zunächst werden wir auf diesen Anhaltspunkten dann morgen weiterbauen.
