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Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt
GA 158

15 November 1914, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Inwiefern die Erde selbst ein Inspirator ist für die Menschen, die auf der Erde leben, davon haben wir gestern wenigstens in einigen Andeutungen gesprochen, denn nur Andeutungen können selbstverständlich in einem Gebiete gegeben werden, das so umfassend wie nur irgend möglich ist.

[ 2 ] Wichtig, bedeutungsvoll ist es gerade in unserer Zeit, sich bewußt zu werden, daß solche Zusammenhänge existieren, wie die sind, von denen wir gesprochen haben, denn der Mensch innerhalb der Erdenentwickelung ist gerade in unserer Gegenwart auf dem Punkte, sich gewissermaßen wieder zu emanzipieren von diesem Erdeinfluß, gewissermaßen wiederum sich durchdringen zu lassen von denjenigen Einflüssen, die nicht aus der Erdenwelt, sondern aus der die Erde umgebenden geistigen Welt kommen.

[ 3 ] Dieses Bestreben, gleichsam in die menschlichen Fähigkeiten, in das menschliche Denken und Empfinden hereinzubekommen dasjenige, was nicht bloß irdisch ist, liegt zugrunde unserem geisteswissenschaftlichen Streben. Nach diesem geisteswissenschaftlichen Bestreben geht wirklich alle Tendenz der modernen Bildung hin, und man darf wohl sagen, zwei Dinge sind es, die immer mehr und mehr dem Menschen der Gegenwart zum Bewußtsein kommen müssen.

[ 4 ] Das eine ist, daß der Mensch in bezug auf seine eigene seelische Wesenheit einer Welt angehört, die sich nicht für die äußeren Sinne enthüllt, sondern die erst hinter der äußeren Sinneswelt liegt, daß der Mensch einer solchen Welt angehört mit seinem innersten Seelenwesen, zu der man weder durch Sinnesbeobachtung kommen kann noch auch durch Schlüsse und die Logik, die sich auf die Sinnesbeobachtung gründen. Es wird die Aufgabe unserer Zeit sein, über diesen Punkt sich Klarheit zu verschaffen, daß alles Wissen, welches die äußeren Sinne vermitteln und ihre Philosophie, die sich nur gründet auf das äußere Sinneswissen, nicht herankommen können an dasjenige, was die menschliche Seele eigentlich ist.

[ 5 ] Das zweite ist eine Wahrheit, die Ihnen aus Ihrem geisteswissenschaftlichen Leben heraus geläufig ist, von der Sie aber wissen, daß sie dem allgemeinen Bewußtsein der Gegenwart noch ganz fern steht. Es ist die wichtige Wahrheit von den wiederholten Erdenleben, davon, daß des Menschen Seele sich nicht erschöpft in dem Leibe, in dem sie lebt zwischen Geburt und Tod, in alledem, was mit diesem Leibe zusammenhängt, sondern daß sie von Leben zu Leben geht.

[ 6 ] Weil diese beiden Wahrheiten, daß die Seele einer Welt angehört, die hinter der Sinneswelt liegt, und daß sie von Leben zu Leben geht, zu den allerwichtigsten für unsere Zeit gehören, die zunächst begriffen werden müssen, deshalb habe ich im zweiten Bande meiner «Rätsel der Philosophie» ein Kapitel angefügt, in dem aus dem Entwickelungsgang der Menschheit selber gerade auf diese beiden Wahrheiten in intensiver Weise hingedeutet wird, denn das ist ein dringendes Erfordernis unserer Zeit, daß immer mehr und mehr Menschen gerade diese beiden Wahrheiten begreifen lernen.

[ 7 ] Da dieses Buch «Die Rätsel der Philosophie» ein solches ist, das sich nicht speziell an Anthroposophen wendet, sondern an alle Menschen, die lesen und Gelesenes verstehen können, so mußte versucht werden, in Kürze, aber so scharf als möglich, auf diese beiden Wahrheiten hinzudeuten. Man darf sagen, es liegt im tieferen Bewußtsein der Menschen der neueren Zeit, nach diesen Wahrheiten hin ihre Gedanken zu richten. Ich will zunächst nur sagen, ihre Gedanken zu richten. Wir können überall solche Tendenzen, die Gedanken nach diesen Wahrheiten zu richten, bemerken. Ich habe manchmal versucht, aus der neuen Geistesgeschichte Menschen anzuführen, welche nach solchen Wahrheiten hin tendieren. Ich möchte heute noch ein Beispiel anführen.

[ 8 ] Einer der größten Geister des 19. Jahrhunderts ist ohne Zweifel Emerson,der so bedeutsam eindringlich, wenn auch nicht in pedantisch-philosophischer Sprache, so doch in einer eindringlichen Sprache geschrieben hat. Emerson weist überall, ob er über die Natur spricht oder über das Menschengeschlecht, darauf hin, daß das äußere Gefüge der Welt, welches der Mensch mit seinen Sinnen überschaut und mit dem Verstande begreift, nur die Hülle, die Phantasmagorie ist, und daß man zu der Wahrheit nur kommt, wenn man hinter die Phantasmagorie versucht einzudringen.

[ 9 ] Aber solche Geister wie Emerson gehen noch weiter. Und davon möchte ich ein Beispiel geben. Emerson hat unter seinen sehr bedeutsamen Büchern auch eines geschrieben, welches heißt «Die Repräsentanten des Menschengeschlechtes». In diesem Buche hat er behandelt Plato als Repräsentanten alles philosophischen Menschheitsstrebens; Swedenborg als Repräsentanten des mystischen Menschheitsstrebens; Montaigne, einen bedeutsamen Geist des 16. Jahrhunderts, als Repräsentanten des Skeptizismus; Shakespeare als Repräsentanten des dichterischen Vermögens; Goethe als Repräsentanten des schriftstellerischen Vermögens und Napoleon als den Tatenmenschen, als den Repräsentanten des Menschen der Tat.

[ 10 ] Mit diesem Buche ist allerdings etwas Bedeutsames getan. Es sind herausgehoben die Typen des Menschentums in bezug auf das Seelenleben. Es würde eine interessante Betrachtung abgeben, wenn man beleuchten würde, wie in der Tat das Repräsentative des philosophischen Strebens in Plato, das Repräsentative des skeptischen Strebens in Montaigne getroffen ist. Dieses Buch bedeutet eine der größten Taten des geistigen Menschheitsstrebens. Nun widmet Emerson merkwürdigerweise Montaigne, ich möchte sagen, eine ganz besonders liebevolle Darstellung, obwohl gerade diese liebevolle Darstellung einem erst entgegentritt, wenn man sich gründlich genug auf dieses Kapitel über Montaigne einläßt. Das ist auch wieder sehr bedeutungsvoll für das Hintendieren Emersons zur geisteswissenschaftlichen Weltauffassung. Derjenige, der sich auf diese Weltauffassung im Ernste einläßt, wird gewahr, wie wirklich jedes Ding zwei Seiten hat, wie, wenn man versucht, eine Wahrheit auszusprechen, man nur etwas Einseitiges sagen kann und die zweite Seite gleichsam im Hintergrunde lauern muß.

[ 11 ] Der Skeptiker, der ein lebendiges Gefühl dafür hat, daß man gewissermaßen schon ein Unrecht tut, wenn man eine Wahrheit strikt formuliert, ist im tiefsten Sinne berührt von dem geistig-seelischen Fluidum, das in der Menschenseele immer da ist und das einen verhindert, sobald man nur von der geistigen Welt berührt ist, mit allzuviel Aplomb eine scharf konturierte Wahrheit hinzustellen, ohne darauf hinzuweisen, daß in gewissem Sinne auch das Gegenteil davon eine Berechtigung hat.

[ 12 ] Dieses in gewissem Sinne Berührtsein von einem Gefühle, das aus der Geistigkeit herauskommt, macht Montaigne zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Aber das ist es nicht, worauf ich hinweisen wollte. Hinweisen wollte ich auf das, wie Emerson erzählt, wie er auf Montaigne gekommen ist. Er sagt da: Schon als Knabe fand ich einen Band von Montaigne in der Bibliothek meines Vaters, den ich aber nicht verstand. — Als er dann die Hochschule absolviert hatte, sah er sich das Buch noch einmal an, und da bekam er den merkwürdigen Drang, Satz für Satz kennenzulernen von dem, was Montaigne geschrieben hat. Und das tat er, diesem Drange folgend. Nun sehen wir in dem Kapitel über Montaigne, welches Emerson schrieb, daß er nach einem Ausdruck dafür suchte, warum er plötzlich damals wie besessen war von Montaigne und plötzlich anfing, ihn ganz in sich aufzunehmen. Da findet er keinen besseren Ausdruck dafür, als daß er sagt: Es war mir so, als wenn ich diese Bücher von Montaigne in einem früheren Leben selber geschrieben hätte. — Daraus ersehen Sie, wie ein im eminentesten Sinne moderner Geist, der an das herandringt, was Forderung der Gegenwart ist, da, wo er sich über das Intimste in seiner Seele ausdrücken will, gezwungen ist, sich einen Ausdruck zu bilden, der ganz nach der geisteswissenschaftlichen Wahrheit der Reinkarnation hin tendiert. Er findet keinen besseren Ausdruck und muß daher die Idee der wiederholten Erdenleben zu Hilfe nehmen.

[ 13 ] So etwas ist außerordentlich charakteristisch, ist ungeheuer bedeutungsvoll, und dies führt uns nun dahin, anzuknüpfen an den Gedanken, der gestern ausgeführt worden ist. Sehen wir uns gerade die vornehmsten Geister unserer Zeit an — und einer der vornehmsten ist Emerson —, so haben Sie auf der einen Seite, wenn sie so bedeutende Geister sind wie Emerson, das Erdenwissen, das sie übernommen haben, insofern sie hineingestellt sind in den Evolutionsprozeß der Erde. Das wissen sie, was man heute aufnimmt als Mensch. Sie wissen, daß man, wenn man an einen gewissen Punkt der Erde gesetzt ist, eine bestimmte Sprache spricht und so weiter, daß es üblich ist, an dem Orte, wo man hinverserzt ist, dem Kinde, dem jungen Menschen diese Dinge zu überliefern und so dasjenige, was man Bildung nennt, an den Menschen heranzubringen. Dieses Wissen, das einem Volke auf diese Weise überliefert wird, ist ein Wissen eines großen Umkreises. Man darf schon sagen, daß das ein Wissen eines großen Umkreises ist, das kann man sagen, wenn man sieht, wie Emerson eigentlich vorgeht.

[ 14 ] Wir wissen, daß bei ihm, wenn er einen Vortrag zu halten hatte, es so erschien, als ob das, was er sagte, unmittelbar, während er es sagte, aus seinem Geiste hervorsprühte. Wie improvisiert erschien alles. Wenn er besucht wurde an einem Tage, wo er einen Vortrag halten sollte, konnten die Besucher sehen, daß im ganzen Zimmer alle möglichen Notizen herumlagen, aus denen er zusammengeholt hatte dasjenige, was er sozusagen über das Äußere seines Stoffes zu sagen hatte. Aber hinter dem, was er so der Menschheit überlieferte, lagen Intimitäten, und dieses ist eben eine Intimität, was ich ausgesprochen habe, daß durchschimmert die Idee der wiederholten Erdenleben ganz keusch an einer Stelle.

[ 15 ] Man kann sehen, wie sogar die Besten unserer Zeit, indem sie solche Wahrheiten in der Seele durchempfinden, durchfühlen und auch aussprechen, keusch in sich selbst bleiben, diese Wahrheiten noch nicht hereintragen wollen in das Gebiet, dem das äußere Wissen entspringt.

[ 16 ] Wenn wir nun geisteswissenschaftlich an die Sache herangehen, so müssen wir sie noch anders beleuchten, denn unsere Zeit ist einmal diejenige, deren Mission es ist, das, was bisher in der Seele zurückgehalten und nur zuweilen angedeutet worden ist, zur Klarheit, zur wirklichen Erkenntnis zu bringen, in Wissensformen zu prägen, so daß unsere Zeit wirklich die Aufgabe hat, manches, was bis zu dieser unserer Zeit sich wie herausdrängt aus den Seelen der Besten, zur vollen Klarheit, zu einer für die Menschen selbstverständlichen Wahrheit zu machen. Und da können wir ganz genau beschreiben, wie es war, wenn Emerson in seinen gehaltreichen Vorträgen bald einen Satz sagte, der eine Erkenntnis ausdrückte über das industrielle Leben seiner Umgebung und dann wenige Zeilen später etwas bringt, was von dem alten Indien handelt, und dann wieder etwas, was von Shakespeare handelt. So trägt er sozusagen das Erdenwissen zusammen und dann entschlüpft ihm oft eine Bemerkung so mittenhinein, die aus dem Intimen seiner Seele kommt.

[ 17 ] Woher kommt denn das, was in einer solchen Bemerkung liegt? Das kann man sich nur beantworten, wenn man alle Seiten der menschlichen Natur in Betracht zieht. Der Mensch erkennt in der Erdenzeit nur das wenigste, nur ein Stück seines Lebens, das sich abspielt vom Aufwachen bis zum Einschlafen, Der andere Teil des Lebens wird verbracht im Schlafe, und dieser Teil des Menschenlebens ist recht, recht mannigfaltig.

[ 18 ] Es ist einmal wahr, daß für viele, viele Menschen dieses Leben im Schlafe so verläuft, daß sie da in Berührung kommen mit elementarischen Weltenwesenheiten, die mit niedrigeren Äußerungen der menschlichen Natur zusammenhängen, als die Tagesäußerungen sind. Man möchte sagen, die Menschen treiben vom Einschlafen bis zum Aufwachen, also im Bereiche elementarischen Lebens, des Nachtlebens, allerlei Allotria, Dinge, über die sie hinaus sind, wenn sie im äußeren Leben stehen. Wer wüßte nicht, daß er sich oft seiner Träume schämen muß. Das ist eine allgemeine Erfahrung, die jeder machen kann. Der Mensch treibt also während des Schlafes allerlei Allotria, in einer Gesellschaft, die nicht etwa eine gute ist, die sich vielmehr wendet an seine Leidenschaften, seine Triebe, die viel schlechter ist als die, in welcher er während seines Wachlebens erzogen ist.

[ 19 ] Nur wenn man das versteht, versteht man manches besser, was sich geschichtlich ereignet hat. Der heutige Mensch muß, damit er nicht allzu stark Allotria auch im physischen Leben treibt, schon einmal mit der Gabe ausgestattet sein, daß er nicht allzu großen Wert auf die Träume legt. Er vergißt seine Träume daher sehr leicht, vergißt die Allotria aus den Träumen, und das ist gut für ihn, denn er soll vorbereitet werden dazu, im Wachbewußtsein einzutreten in die geistige Welt, während die Vorzeit dazu da war, den Menschen während des Schlafens bis zum Aufwachen in diese geistige Welt eintreten zu lassen.

[ 20 ] Im Grunde genommen liegt ein stärkeres Bewußtsein von dieser Welt noch gar nicht so weit hinter uns, wie man gewöhnlich glaubt. Auch dafür will ich Ihnen ein Beispiel geben. Es gibt ein Bild von Albrecht Dürer, das vielen Leuten, namentlich aber den Gelehrten, viele Rätsel aufgegeben hat. Die Radierung hat ungefähr das zum Inhalt, daß eine satyrhafte, faunenhafte Gestalt da ist, die gleichsam umschlungen hält ein weibliches Wesen. Aus dem Hintergrunde erscheint ein anderes weibliches Wesen, welches sich wie strafend diesem Paare nähert. Und eine herkulesartige männliche Gestalt steht in der Nähe, die eine Keule in der Hand hält, welche das strafende weibliche Wesen von der Gruppe des Weibes mit dem Satyr zurückhält, so daß sie nicht heran kann. Es ist, man möchte sagen ganz merkwürdig, äußerst merkwürdig, wie sich die Gelehrten abgemüht haben, dieses Bild zu verstehen. Man nennt es gewöhnlich «Herkules». Aber das, was damit ausgedrückt ist, gibt es nicht in der gewöhnlichen Herkules-Sage. Man frägt sich daher: Wie ist Albrecht Dürer zu dieser Szene gekommen? Und da sind die kuriosesten Ideen aufgestellt worden. Man kann sehen zum Beispiel bei Herman Grimm, wie hilflos er diesem Bilde gegenüber ist. Er weiß nichts damit anzufangen. Er stellt die kuriosesten Ideen auf. Und warum geschieht das? Warum wissen die Menschen nichts damit anzufangen? Weil er und die Gelehrten nicht wissen — was Albrecht Dürer noch wußte —, daß die Menschen im Schlafe noch eindringen können in eine geistige Welt. Heute ist dieses Bewußtsein verlorengegangen. Dürer wußte aber noch, daß es zum Beispiel Männer gibt, welche während der Schlafenszeit in Gemeinschaft mit der elementaren Welt allerlei Allotria treiben, Männer, die während der gewöhnlichen Zeit ganz gesittete Männer sind, aber während der Schlafenszeit in die Triebwelt zurückfallen und allerlei unnütze Dinge, allerlei Allotria treiben.

[ 21 ] In dem Bilde des Albrecht Dürer sehen wir den Satyr und den Herkules mit der Keule. Der gute Herkules, der dasteht, möchte gern selber dieser Satyr sein. Aber er lebt in der physischen Welt, in einer sittlichen Welt auf dem physischen Plan, und das gestattet ihm die Gattin nicht. Die kommt daher und will ihn wegtreiben. Ihm aber gefällt das doch, und er hält sie zurück.

[ 22 ] Wir sehen hier einen inneren Seelenprozeß und wissen, daß Albrecht Dürer noch etwas von diesen Dingen wußte. So ist vieles in der Kunst gar nicht so weit zurückliegender Jahrhunderte zu erklären, weil damals noch ein Bewußtsein des Zusammenhanges des Menschen mit der unmittelbar an das Physische anstoßenden geistig-elementaren Welt vorhanden war.

[ 23 ] Aber wenn wir den Blick wenden auf solche vornehme Geister, wie Emerson einer war, so müssen wir sagen, sie treiben während ihres Schlaflebens keine Allotria, sondern eben Vornehmes. Wenn sie so mit ihrem Ich und mit dem astralischen Leibe in der geistigen Welt sind, kommen sie mit den Wahrheiten in Beziehung, was in der Menschheit wahrhafte Anthroposophie sein soll. Da drängt sich in ihr Bewußtsein, was künftiges physisches Wissen werden soll. Man könnte sagen, Emerson empfängt so etwas im Schlafe. Daher stellt es sich so keusch, intim in dasjenige hinein, was er mit den physischen Sinnen und dem Verstande, überblickend das weite Erdenleben, über das physische Leben zu sagen hat.

[ 24 ] Nun würde es nicht gehen im Sinne der Evolution der Menschheit, daß es einfach dabei bliebe, daß die Menschen nur so, ich möchte sagen in ihrem Schlafleben erfassen, was da hinter dem Sinnenschein, hinter der Sinnesphantasmagorie liegt. Denn das ist wieder der Sinn der Evolution, daß das Schlafleben immer mehr und mehr bei der Erkenntnis an Bedeutung verliert. Man muß schon ein bedeutender Geist sein wie Emerson, wenn man sich aus dem Schlafleben heraus so etwas erobern will wie die Idee der wiederholten Erdenleben. Das aber, was geistig ist, muß in die Menschheit kommen, muß in der Menschheit Einzug halten. So, wie im Zusammenhange mit dem innersten menschlichen Seelenleben diese Wahrheiten sind, wie sie sich da gleichsam wie in einer Art von Morgenröte verkündigen gerade bei solchen Geistern wie Emerson, muß auf der andern Seite wieder eine irdische Veranlagung da sein, solche Wahrheiten im hellen Wachbewußtsein zu verstehen. Es muß die irdische Veranlagung vorhanden sein, sich selber so zu empfinden, daß man es natürlich findet, diese Wahrheiten anzuerkennen. Daß das noch nicht natürlich ist in der Gegenwart, begreifen Sie, denn wir sind als Geisteswissenschafter noch ein so kleines Häuflein, und alle, die außerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens stehen, sehen uns als Narren oder etwas Ähnliches an.

[ 25 ] Es liegt nicht in der modernen Bildung, diese Wahrheiten unmittelbar anzuerkennen. Das natürliche Temperament des Menschen spricht dagegen. Was die Leute Logisches vorbringen gegen die Geisteswissenschaft, ist in der Regel außerordentlich minderwertig, denn aus logischen Gründen sträuben sich die Menschen nicht; sie sträuben sich, weil sie ihrer Natur nach durch alles, was sie durch die Kräfte der Erde sind, nicht veranlagt sind im allgemeinen, solche Wahrheiten heute schon aufzunehmen.

[ 26 ] Aber es muß eine Zeit kommen, in der des Menschen Natur so konstituiert sein wird, daß er unmittelbar diese Wahrheiten einsehen kann, so wie er heute die mathematischen Wahrheiten einsehen kann. Der: Mensch muß naturhaft so organisiert werden, daß er diese Wahrheiten einsehen kann. Dazu ist notwendig, daß er für die Zeit, die verläuft zwischen der Geburt und dem Tode, auch physisch so konstituiert ist, daß sein Gehirn so durchgebildet ist, daß er diese Wahrheiten einsehen kann.

[ 27 ] Im Sinne der gestrigen Auseinandersetzung gesprochen, muß ein solches Verhältnis hergestellt werden zwischen den Geistern, die in der Erde wirken, und den Menschen, daß die Menschen so konstituiert werden, daß sie diese Wahrheiten aufnehmen können, und das geschieht auf die Weise, daß eine Landfläche, wie ich das gestern gezeigt und aufgezeichnet habe, sich herüberneigt von Osten nach Westen gegen die drei Meerbusen, von denen ich gestern gesprochen habe. Diese Landesfläche ist äußerlich nur eine Phantasmagorie. Diese Landesfläche ist in Wirklichkeit zusammengesetzt aus den Geistern der Erde. In Wirklichkeit ist es so, daß die Geister dieser Landesfläche wirken auf die Menschen und sie physisch bilden so, daß sie die Wahrheiten von der geistigseelischen Konstitution des Menschen und den wiederholten Erdenleben einsehen. Was, ich möchte sagen mehr westliche Geister wie aus dem Schlafe heraus sich erobern müssen, das wird im Wachen eine mehr selbstverständliche Wahrheit werden müssen bei denjenigen, die sich vom Osten herüber zuneigen der Evolution der Menschheit. Die Erde bereitet zu ihre Leiber, möchte man sagen, zu dem, was sie für die Evolution brauchen. Diese Erde ist durchaus dasjenige, was ich gestern auseinandergesetzt habe: ein weit umgreifender Organismus, der beseelt ist und der aus seinem Seelenleben heraus von Zeit zu Zeit die Erdengeister ausschickt, welche die Leiber so durchorganisieren, daß sie in entsprechender Weise in die Evolution eingreifen können.

[ 28 ] Sehen Sie, diese Dinge sind außerordentlich tief und bedeutsam, und man muß sich schon auf solche Dinge einlassen, wenn man verstehen will, um was es sich da handelt. Wenn man allerdings die Erde als einen beseelten und durchgeistigten Organismus vergleicht mit dem, was der Mensch ist als durchseelter und durchgeistigter Organismus, so gibt es einen großen Unterschied. Der Mensch steht durch das Äußere seines physischen Leibes, in dem er eigentlich für gewöhnlich gar nicht darin lebt, aber in dem er darinnensteckt, in Beziehung zu den eigentlichen Geistern der Erde. Durch den Ätherleib steht er in Beziehung zu den Geistern desWassers; durch den Astralleib in Beziehung zu den Geistern der Luft, und durch seine Verbindung mit dem Ich steht er in Beziehung zu den Geistern des Feuers.

[ 29 ] Wenn der Mensch im Schlafe den physischen Leib und ätherischen Leib verläßt, dann lebt er mit seinem Ich und dem Astralleibe nur in Beziehung zu der die Erde durchwogenden Wärme und der die Erde durchflutenden und durchhauchenden Luft. Er ist herausgerissen aus alledem, was Erde und Wasser im physischen Leib konfigurieren. Da ist der Mensch wirklich herausgerissen, wenn er schläft, aus alledem, was, ich möchte sagen, der physische und Ätherleib als Erdenwesen machen. Natürlich gehören dieLuft und dieWärme auch zur Erde, aber nur zur Erde, nicht zu den Teilen der Erde. Nun ist für den Menschen als beseeltes, durchgeistigtes Wesen die Wärme gewissermaßen dasjenige, in dem er sich aufhält wie in seinem eigenen Elemente. Bei den höheren Tieren ist schon eine Vorbereitung dazu vorhanden. Sie haben Eigenwärme, nicht bloß die Wärme ihrer Umgebung. Sie leben in ihrem Seelischen, in ihrer Eigenwärme. Der Mensch hat das insbesondere ausgebildet, daß er in seiner Eigenwärme lebt, daß er seine eigene Temperatur hat. Das ist etwas, was ihn abschließt von dem, was in der Außenwelt so verschiedenartig ist. Die Wärme ist gleichsam etwas, wovon jeder Mensch sein Quantum in sich trägt und es mit sich trägt. Da ist er in seinem eigentlichen Ich darinnen, da ist er zu Hause in der Wärme.

[ 30 ] In der Luft lebt er schon weniger allgemein darinnen. Ich möchte sagen, da übt schon die Differenzierung der Erde einen gewissen Einfluß auf ihn aus. Ob er in Höhenluft, Wasserluft oder Landluft lebt, das macht schon einen gewissen Unterschied. Da kommt der Mensch in Beziehung zu dem, was von außen auf ihn wirkt. So ist es bei dem Menschen als einem durchseelten und durchgeistigten Organismus.

[ 31 ] Das Umgekehrte ist bei der Erde als durchseeltem, durchgeistigtem Organismus der Fall. Was für den Menschen die Wärme ist, das ist für die Erde eben die Erde, das feste Irdische, und die Wärme ist für sie das ÄAußerlichste, was zu der beseelten Erde ein Verhältnis hat wie zu uns die Erde. Die Erde ist Erde durch und durch, wie wir durch und durch Wärme sind. Die Erde ist nach außen differenziert in bezug auf die Wärme. Je nachdem sie in die Eisregionen ihre Glieder erstreckt oder in die schwüle Region der Tropen, öffnet sie nach außen hin ihr Seelisches so nach der Wärme, wie wir in bezug auf unseren physischen Leib hinneigen nach der Gegend, in der wir gerade wohnen. Es ist bei der Erde gerade das Entgegengesetzte wie beim Menschen, und darauf beruht das Zusammenwirken der Erde als beseelter und geistiger Organismus mit dem Menschen als beseeltem und geistigem Organismus. Durch dieses Zusammenwirken entsteht dann dasjenige, was im physischen Menschenleibe zustande kommt, damit dieser physische Menschenleib in der Nacheinanderfolge der Nationen und Völker in richtiger Weise in die Evolution des ganzen Erdendaseins eintritt. Wir haben gerade in den Völkern, welche als Völkermassen von Osten nach Westen herüberrückten, ein intensives Verhältnis des Irdischen zu dem Menschlichen. Und man könnte dieses intensive Verhältnis so aussprechen, wie wenn man in der Erde selber sehen würde ein mächtiges Wesen, und dieses mächtige Wesen würde sich entschließen, in die Evolution in entsprechender Weise einzugreifen, sagen wir vom 20. Jahrhundert ab. Da muß es sich sagen: Ich muß gewisse geistige Wesenheiten hinauflenken nach meiner Oberfläche, ich muß sie tätig sein lassen so, daß sie physische Leiber zubereiten, damit die physischen Leiber durch das Gehirn die Wahrheiten aufnehmen können, die in dieser Zeit der Evolution der Menschheit frommen.

Diagram 1

[ 32 ] Wie ein Gedanke, den die Erde hat, ist dasjenige, was ich eben ausgesprochen habe. Man erfaßt diesen Gedanken nur, wenn man ihn in der richtigen Frömmigkeit und Ehrerbietung erfaßt, wenn man ihn nicht nimmt wie die Gedanken der äußeren Wissenschaft, sondern wenn man ihn betrachtet wie etwas Heiliges, wie etwas, das man nicht ohne Ehrerbietung aussprechen kann, weil man erinnert wird an den Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, weil man unmittelbar darinnensteht in dem Verkehr des Menschlichen mit dem Göttlichen, wo solche Dinge ausgesprochen werden. Daher sollte auch überall darauf geachtet werden, daß die nötige Atmosphäre des Fühlens und Empfindens da sein sollte, wo solche Dinge ausgesprochen werden. Das ist ungeheuer wichtig bei solchen Dingen. Man möchte sagen: In einem gewissen Sinne dürfen solche Dinge nicht anders ausgesprochen werden, als daß ihnen das Gefühl, die Stimmung des Gebetartigen zugrunde liegt. Ein Aufschauen zu den geistigen Welten muß durchpulsen dasjenige, was wir so durchdenken, indem wir uns solchen Gedanken nähern. — Und daß dies auf eine naturgemäße Weise geschehen kann, schon durch das äußere Milieu, dazu wird unser Bau aufgeführt, und dazu wird alles das gemacht, was darin zum Vorschein kommen soll.

[ 33 ] So sehen wir in dem, was ich eben dargestellt habe, eine Art Beispiel, wie die Erde als Erde durch das, was in ihrem festen Elemente enthalten ist, geistig wirkt, wie sie dasjenige schafft und schöpft, was auf ihr in der Evolution lebt.

[ 34 ] Gehen wir dagegen mehr nach Westen herüber, so haben wir andere Verhältnisse. Ich habe Ihnen gestern ein Verhältnis auseinandergesetzt, wo der Westen mit dem Osten zusammenwirkt, wo sich das flüssige Element wie ein mächtiges Wesen herüberneigt nach dem Osten und die dreigeteilte Seelennatur ausdrückend sich herüberneigt in den drei großen Meerbusen, die noch die spirituell veranlagten Völker des alten Finnland als Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen empfanden, und die man heute so prosaisch als Finnischen, Bottnischen und Rigaischen Meerbusen bezeichnet. Da wirkte zusammen in dem alten finnischen Volk dasjenige, was aus dem flüssigen und dasjenige, was aus dem festen Elemente kommt. In dem finnischen Volke vereinigte sich das Element, das mehr den ätherischen Menschen konstituiert und den physischen Menschen verfeinert, das Flüssige, und das Element der Erde, das, was aus der Erde herauskommt, was den physischen Menschen konstituiert.

[ 35 ] Es kann die Frage aufgeworfen werden, welche Bedeutung ein solches Volk hat, das eine solche eminente Mission im Verlaufe der Erdenmission vollzogen hat wie das große finnische Volk und das doch noch bleibt für die spätere Zeit. Das hat alles seine Bedeutung in dem ganzen Fortschritt der Evolution, daß ein solches Volk dableibt, daß es nicht verschwindet von der Erde, wenn es seine Mission vollzogen hat. So wie der Mensch selber die Gedanken, welche er in einem bestimmten Lebensalter gefaßt hat, für ein späteres Lebensalter im lebendigen Gedächtnisse behält, so müssen auch frühere Völker bleiben wie ein Gewissen, wie ein lebendig fortwirkendes Gedächtnis gegenüber dem, was in späterer Zeit geschieht: wie ein Gewissen.

[ 36 ] Und nun könnte man sagen: Des europäischen Ostens Gewissen wird dasjenige sein, was das finnische Volk bewahrt hat. — Es muß eine Zeit kommen, wenn ein Verständnis die Herzen ergreifen soll für die Aufgaben der Evolution, wo gerade aus der Mitte des finnischen Volkes heraus ein Aufblühen der Ideen von Kalewala stattfinden wird, wo durchgeistigt und durchsetzt werden wird mit den modernen geisteswissenschaftlichen Ideen dieses wunderbare Epos von Kalewala, wo es in seiner Tiefe dem ganzen Europäertum wiederum zum Bewußtsein gebracht werden wird.

[ 37 ] Die europäischen Völker verehrten die homerischen Epen. Allein aus noch tieferen Gründen des Seelenlebens heraus floß das Epos Kalewala. Nur kann man das noch nicht einsehen heute. Das wird man aber, wenn man die Lehren der Geisteswissenschaft in entsprechender Weise verwenden wird für die Erklärung geistiger Erscheinungen der Erdenevolution. Ein solches Epos wie Kalewala kann nicht erhalten werden, ohne daß es im lebendigen Dasein erhalten wird, ohne die Seelen, welche im Leibe wohnen, welche verwandt sind mit den Schöpferkräften von Kalewala. Als lebendiges Gewissen bleibt es. Dadurch kann es fortwirken, dadurch daß nicht die Worte, sondern daß das, was in ihm selber gelebt hat, weiterlebt, daß ein Zentrum da ist, von dem es ausstrahlen kann. Darauf kommt es an, daß dieses da ist, wie die Gedanken, die wir früher gehabt haben, da sind im späteren Lebensalter.

[ 38 ] Im Westen ist mehr dasjenige, was den ätherischen Leib formiert und gestaltet. Es sind dies schwierige Wahrheiten, und Sie müssen sich schon daran gewöhnen, weil ich nicht die Möglichkeit habe, die man hoffentlich aber einmal haben wird in der Erdenevolution, die Möglichkeit, die Dinge, die ich in einer Stunde auseinandersetzen muß, in einem ganzen Jahre auseinanderzusetzen, Sie müssen sich darauf einlassen, vieles durch Ihre Gedanken zu ergänzen, das Gesagte meditativ zu durchdenken. Dann wird es Ihnen voll geläufig werden. Namentlich versuchen Sie nicht, mit diesen oder jenen voreiligen Empfindungsnuancen an die Dinge heranzukommen.

[ 39 ] Im Westen ist mehr eine Wirkung auf den ätherischen Leib vorhanden, der da in derselben Weise, aber in früherer Zeit, als es für den Osten mit dem physischen Leib geschehen muß, geformt, gebildet werden mußte.

[ 40 ] Sehen Sie, man kann in solchen Dingen sich sehr leicht Mißverständnissen hingeben, denn die Unterschiede sind fein, sehr subtil. Wenn man zum Beispiel im Westen sieht, daß es bei den Völkern darauf ankommt, daß der ätherische Leib mehr von den Geistern des Wassers gebildet worden ist, so ist es selbstverständlich — weil der physische Leib ein Abdruck davon ist —, daß auch der physische Leib als Abdruck des Ätherleibes damit gebildet worden ist, aus den Kräften des Wassers heraus. Aber es kommt darauf an, daß im Osten die Kräfte direkt mehr in den physischen Leib hineinwirken. Man muß also sein Augenmerk auf dasjenige richten, auf das es ankommt. Die äußere physische Wissenschaft kann diesen feinen Unterschied nicht machen. Sie sieht, daß der östliche physische Leib so konfiguriert ist und der westliche physische Leib anders. Mehr sieht sie nicht. Erst die Geisteswissenschaft kann auf solche Unterschiede näher eingehen. Außerdem ist die Sprache so ungeschickt und sehr wenig geeignet, solche Unterschiede auszudrücken. Wenn man ganz etwas Verschiedenes sagt, hat man oft den Eindruck, man sage eigentlich das Gleiche. Gestern habe ich zum Beispiel sagen müssen, daß bei den asiatischen Völkern es darauf ankomme, daß die Kräfte, die den physischen Leib aufbauen, im eigenen Ätherleib liegen. Heute muß ich sagen, daß es von den Völkern des Westens darauf ankommt, daß der Ätherleib geformt wird aus den Kräften des Wassers. Wenn Sie das Ganze zusammennehmen, werden Sie verstehen, daß in den alten Zeiten es der Fall gewesen ist, daß bei den östlichen Völkern Europas der Ätherleib geformt werden mußte, aber es ist heute, jetzt, die Zeit, wo der physische Leib geformt werden muß, während bei den westlichen Völkern der Fall so ist, daß ihr Ätherleib geformt wird, nachdem ihr physischer Leib schon das Gepräge mehr von außen erhalten hat, daß ihr Ätherleib unmittelbar den Genien des Meeres, den Genien des Wassers ausgesetzt wird.

[ 41 ] Bei den Völkern des Westens kommt das, was sie sind, dadurch zustande, daß die Impulse in den Ätherleib hineingehen. Da, wo die Impulse mehr in den Ätherleib hineingehen, kommt es weniger auf das Räumliche, sondern mehr auf das Zeitliche an. Wie in der Aufeinanderfolge der Zeit die Impulse wirken, darauf kommt es mehr an.

[ 42 ] Wenn wir nach dem Osten hinüberschauen, sehen wir, wie gleichsam die Gedanken aus der Erde herausquillen, um den Menschen vorzubereiten zur zukünftigen Evolution. Wenn wir nach dem Westen schauen, so sehen wir aus dem Flüssigen herausquellen die Gedanken, die Kräfte, welche die Ätherleiber formen in der Aufeinanderfolge der Zeit.

[ 43 ] Und da sehen wir, wie geformt wurde schon in den alten Zeiten im Westen bis weit nach Mitteleuropa herein an dem Ätherleibe des Menschen, so geformt wurde, daß dieser Ätherleib sein unmittelbares Leben leibhaft, lebendig, äußerlich auslebt.

[ 44 ] Was heißt das? Das heißt, meine lieben Freunde, es lebten in alten Zeiten in Europas Westen Menschen, welche ihre Lebensart so aus dem Ätherleibe heraus zutage brachten wie jetzt — wo der Ätherleib schon gewirkt hat mit diesen alten Impulsen — der Mensch aus dem physischen Leibe heraus wirkt. Menschen lebten, die noch einen lebendigen Umgang hatten mit der geistigen Welt, namentlich mit der elementarischen Welt. Das gehört den alten Zeiten an. Diese Zeiten sind gewissermaßen schon vorüber, in denen in der allerlebendigsten Weise die Genien des flüssigen Elementes zum Ätherleibe des Menschen im Westen sprachen. Wenn aber zu diesem Ätherleibe gesprochen wird, ist es anders als in unserer Zeit, in der vorzugsweise zum physischen Leibe des Menschen gesprochen wird. Zum physischen Leibe des Menschen wird so gesprochen, daß auf seine Sinne Eindruck gemacht wird, daß er sich ein Wissen aneignet und gewisse Lebensgewohnheiten annimmt, die mit den Eindrücken der Sinne zusammenhängen.

[ 45 ] Bei diesen alten Menschen des Westens war es so, daß sie in ihren Lebensgewohnheiten, in dem, was innerlich in ihnen lebte, noch mehr mit der elementarischen Welt zusammenhingen. Bei den Kelten hat man solche Menschen, die geradeso wußten von der elementarischen Welt, wie wir heute wissen von der physischen Welt; Menschen, denen die elementarische Welt nicht verschlossen war, die von Naturgenien, von Wassergenien, von Erdengenien reden konnten, wie wir von den Bäumen, Pflanzen, Bergen, Wolken reden, die unmittelbaren Umgang hatten mit diesen Naturgenien. Und die Eigenart des Lebens in Europa beruht darauf, daß das eben in der alten Zeit so gewesen ist, weil damals so, wie man heute durch die Sinne auf den physischen Leib wirkt, gewirkt wurde auf den ätherischen Leib des Menschen.

[ 46 ] Dann wurde weiter gewirkt allerdings gerade auf den ätherischen Leib des Menschen, aber daß dieser ätherische Leib so formiert, gebildet wird, daß das Verhältnis der Genien des Flüssigen zu ihm sich mehr im Unterbewußtsein abspielt, daß mehr zurücktritt der bewußte Verkehr mit den Naturgeistern.

[ 47 ] Wodurch kam das zustande? Für Frankreich zum Beispiel kam das zustande dadurch, daß über die Welle der keltischen Entwickelung sich die Welle der romanischen Entwickelung zog, daß das keltische Element von dem romanischen durchsetzt wurde. In dem Zusammenfluß des Keltischen mit dem Romanischen haben wir zwei Impulse. Einen alten Impuls, der unmittelbar den Verkehr vermittelt zwischen der elementarischen Welt und dem Ätherleibe, und in dem neuen Impuls, in dem Einfluß des Romanischen haben wir dasjenige, was auch in den Ätherleib einzieht, aber so einzieht, daß es wie eine historische, eine geschichtliche Welle ist, so daß das eintreten konnte, was ich in den früheren Vorträgen schon gesagt habe, daß in dem französischen Elemente ein Aufleben des alten griechischen Elementes stattfinden konnte.

[ 48 ] Will man diese westliche Menschenart richtig verstehen, so muß man diese verschiedenen Impulse, die auch in den Ätherleib einfließen, in der richtigen Weise taxieren. Und nun haben wir gewissermaßen von charakteristischen Erscheinungen in bezug auf die Einflüsse auf den physischen Leib und in bezug auf die Einflüsse auf den ätherischen Leib gesprochen. Anders stehen die Sachen, wenn wir die mittlere Region ins Auge fassen. Da liegen die Sachen etwas anders. Da haben wir es zu tun mit etwas, ich möchte sagen, viel Unausgesprochenerem, mit etwas, was sich weniger deutlich charakterisieren läßt. Da haben wir es zu tun damit, daß sowohl Geister der Erde wie Geister des flüssigen Elementes unmittelbar auf den physischen Leib einwirken.

[ 49 ] Sie sehen, es ist ein Übergang. Hier, im Westen, wirken unmittelbar Geister des flüssigen Elementes auf den Ätherleib. Die Geister des flüssigen Elementes lassen nach, in Mitteleuropa, und es gesellen sich zu ihnen gewisse Geister des irdischen Elementes. Sie wirken auf den physischen Leib unmittelbar; weniger stark auf den Ätherleib. Die Geister des irdischen Elementes verfeinern den physischen Leib, wenn Sie weiter nach Osten gehen. Daher haben wir irgendwie mit Mitteleuropa zusammenhängend all dasjenige, was Europa durch lange Zeit mit solchen physischen Leibern versorgt, die zugänglich sind dem flüssigen Elemente und dem festen Elemente, und daher sehen wir, wie sich komplizieren muß dasjenige, was in die Menschheitsevolution einfließt. Wir sehen, wie aus diesem Fonds, diesem Reservoir, das Volk der Franken vorbereitet, wie ich es geschildert habe, durch die Genien des Flüssigen und des Festen — sich wieder hineinschiebt in das keltisch-romanische Volkselement; und dann erst entsteht dasjenige, was uns entgegengetreten ist als das Wirksame in der Menschheitsevolution.

[ 50 ] Die Franken, die zurückbleiben, behalten damit die Eigentümlichkeit, die Eigenschaft, vorzugsweise in dem physischen Leibe dasjenige aufzunehmen — die Sachsen sind damit verwandt —, was von den flüssigen und irdischen Geistern ausgeht. Die Franken, die nach dem Westen zogen, vereinigten ihr Wesen mit demjenigen Wesen, das aus dem unmittelbaren Einfluß der Genien des Meeres kommt, was dadurch noch bedeutsamer wird, daß es aufnimmt das Historische des romanischen Elementes.

[ 51 ] So schieben sich die Impulse ineinander und so können wir begreifen, wie, vor allen Dingen wenn wir Westeuropa charakterisieren wollen, wir gar nicht anders zu einem Verständnis kommen, als wenn wir Rücksicht auf alles dasjenige nehmen, was in den ätherischen Leib eingreift.

[ 52 ] Wenn wir Mitteleuropa charakterisieren wollen, so müssen wir sagen, da kommt es mehr auf den physischen Leib an, kommt es mehr darauf an, was im physischen Leibe konfiguriert wird. Nun sehen wir, wie sich solche Impulse, wie die ausgesprochenen, in gewissen Zentren gleichsam konzentrieren, wie sie charakteristisch hervortreten in gewissen Zentren. Zwei solcher Zentren, die sich wirklich charakteristisch zueinander verhalten, sind gegeben in Mitteleuropa auf der einen Seite und in den britischen Inseln auf der andern Seite. In Mitteleuropa, wo es am stärksten zum Ausdrucke kommt, haben wir dasjenige, was ich das feste Element genannt habe und wo einfließt in den physischen Leib das, was von den Genien des Flüssigen und von den Genien des Festen kommt, wo sich das also vermischt, und auf den britischen Inseln, wo — in gewisser Weise stärker, als das zum Beispiel in Frankreich der Fall ist in die ätherischen Leiber vorzugsweise hineinwirkt das, was von den Genien des flüssigen Elementes kommt. Das hat bewirkt, daß auf diesen zwei Gebieten Menschen leben, die im Grunde genommen dieselben Impulse in sich tragen; nur die einen tragen sie im physischen Leibe und sind zu alledem geeignet, was mit dem Wirken dieser Genien im physischen Leibe zusammenhängt; die andern, auf den britischen Inseln, tragen sie im Ätherleibe und sind dadurch berufen, alles dasjenige zu bewirken, was mit den Impulsen des ätherischen Leibes zusammenhängt. Wenn ich das grotesk sagen darf, so könnte ich sagen, wenn man einen Deutschen und einen Engländer zusammenstellt, so merkt man den Unterschied, wenn man sie als physische Leiber betrachtet. Man merkt erst die Ähnlichkeit, wenn man den physischen Leib des Deutschen mit dem ätherischen Leibe des Engländers zusammenstellt. Da tritt erst dasjenige hervor, was uns zeigt, daß dieselben Impulse da leben, richtig dieselben Impulse da leben.

[ 53 ] Sie sehen, was in der äußeren Anschauung, die bei der äußeren Phantasmagorie bleibt, ich möchte sagen, karikiert hervortritt. Mißverstehen Sie das Wort nicht. Das tritt einem in seiner wahren Gestalt erst entgegen, wenn man das, was Lebensgrundlage wird, was die Wahrheit ist, ins Auge faßt. Aber weil in der Welt die Wesenheiten zusammenwirken müssen, weil es gar nicht anders sein kann, als daß die Wesenheiten zusammenwirken, denn dieWelt ist ein Ganzes, so muß das so sein, daß auf der einen Seite gewisse Impulse durch den physischen Leib, auf der andern Seite durch den Ätherleib wirken. Ich möchte sagen, das gehört sich so. Dadurch entsteht das entsprechende wirkliche Zusammenwirken.

[ 54 ] Dadurch, sehen Sie, ist dasjenige gekommen, was in der geistigen Welt erscheint als ein ganz besonderes Verhältnis zwischen der deutschen Welt und der britischen Welt. Ich habe dieses ganz besondere Verhältnis für den Osten und Westen in einer vorigen Stunde auseinandergelegt, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie für den Osten und Westen ein gewisser Kampf stattfindet in der geistigen Welt, durch die Verschiedenheit bewirkt der Seelen, die aus einem östlichen und der Seelen, die aus einem westlichen Leibe kommen.

[ 55 ] Dasjenige, was durch die eben geschilderten Verhältnisse bewirkt wird, ist etwas anderes. Ich bitte Sie, auch das, was ich heute zu sagen habe, nicht so zu nehmen, als ob man es verstandesgemäß oder spekulierend nehmen kann. Man muß da schon in der geistigen Welt beobachten, sonst wird man nicht auf das Richtige kommen können. Es bildet sich nach und nach heraus ein Zusammenklang zwischen dem, was von Mitteleuropa und den britischen Inseln zurückwirkt, eine Harmonie, ein richtiges geistiges Bündnis, das allmählich eine solche Stärkung erfahren hat, daß man sagen kann, geistig gefaßt, lieben sich heute keine Erdenseelen mehr als die Erdenseelen Mitteleuropas und die Erdenseelen der britischen Inseln. Es ist da die stärkste Liebe, geistig gefaßt, vorhanden, und das drückt sich äußerlich in dem aus, was wir jetzt vor uns sehen. So verwickelt sind die Dinge.

[ 56 ] Man würde solche Dinge wahrhaft nicht aussprechen, wenn sie nur auf einer leicht fundierten Erkenntnis beruhten, wenn man sie sich nicht durch schmerzlichste Erfahrungen errungen hätte. Glauben Sie nicht, daß Sie schablonisieren dürfen, indem Sie denken, daß jedes Bündnis in der physischen Welt ein Krieg in der geistigen Welt ist, und ein Krieg in der physischen Welt ein Bündnis in der geistigen Welt. Die Dinge sind so, wie ich sie Ihnen geschildert habe. Und daß das als Kampf zum Ausdruck kommt, ist der Ausdruck in der heutigen materialistischen Kultur für die Schwierigkeit, die Sache im Geistigen wirklich auszuleben.

[ 57 ] Es sträubt sich unsere Zeit nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, das anzuerkennen, was in der geistigen Welt vorhanden ist. Sie versucht, das Gegenteil dessen hinzustellen, was in der geistigen Welt vorhanden ist, weil sich das materialistische Zeitalter gegen die Anerkennung des Geistigen auch in Taten sträubt. Und so wird das, wohin die geistige Welt tendiert — nämlich nach der Harmonie des im Physischen Errungenen in Mitteleuropa und des im Ätherischen Errungenen auf den britischen Inseln —, in der Maja übertönt durch das, was man heute als Kampf und gegenseitigen Haß vor sich hat.

[ 58 ] Sehen Sie, es lohnt sich schon für diejenigen, die keine Geisteswissenschafter sind, uns für Narren zu halten, da die Erkenntnisse, die aus der geistigen Welt dringen, gar sehr widersprechen dem, was man auf der physischen Welt beobachten kann. Aber dessen können wir uns doch versichert halten, daß die Fortentwickelung der Menschheit davon abhängt, daß wirklich die geistigen Wahrheiten durchdringen werden, daß wirklich die Menschen hinter die Sinneswelt sehen lernen. Dazu sind Ereignisse notwendig, von denen ich mehr oder weniger deutlich in diesen Tagen gesprochen habe.

[ 59 ] Man darf froh sein, daß das Karma uns hier zusammengeführt hat in einem neutralen Gebiete, wo es geht, so rückhaltlos über diese Dinge zu sprechen, denn es ist nicht ganz leicht, gerade heute über diese Dinge zu sprechen. Aber für die Geisteswissenschafter ist es gut, sich in diese Dinge hineinzufinden, weil sie betrachten dürfen dasjenige, was in der äußeren Welt geschieht, gerade als Ansporn dafür, hinter den Schleier zu schauen. Es müßte vieles ganz unverständlich bleiben, wenn man nicht hinter diesen Schleier schauen könnte. Die Dinge bekommen erst ihre volle Bedeutung, wenn man hinter diesen Schleier sieht.