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Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt
GA 158

20 November 1914, Dornach

Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen I

[ 1 ] Es ist uns durch unsere Betrachtungen schon geläufig geworden, daß wir unter oder hinter der physischen Welt, die vor uns liegt, den Beginn anderer Welten finden. Ich möchte heute als Einleitung von einigen Eigentümlichkeiten dieser geistigen Welten sprechen, von denen wir zum Teil schon wissen, die wir durch manches ergänzen wollen, um auch sonstiges noch vor die Seele zu rücken.

[ 2 ] Sie wissen, die nächste Welt, welche an die unsrige angrenzt, ist die sogenannte imaginative Welt. Diese Welt ist in sich viel beweglicher als unsere physische Welt. Unsere physische Welt stellt sich dar mit scharfen Konturen, scharfen Grenzlinien, stellt eine Welt scharf umrissener Gegenstände dar. Eine gleichsam flüssige, flüchtige Welt ist diejenige, in die wir hineinkommen, wenn wir den Schleier zerreißen, den die physische Welt bildet. Auch wissen wir, daß gegenüber dieser ersten geistigen Welt das Gefühl, die Empfindung beginnt, daß wir außerhalb unseres physischen Leibes sind. Zu diesem unserem physischen Leib bekommen wir in dem Augenblicke, wo wir in die geistige Welt hinaufsteigen, gewissermaßen ein neues Verhältnis, ein Verhältnis, wie wir es innerhalb des physischen Leibes etwa haben zu unseren Augen oder zu unseren Ohren. Der physische Leib wirkt mehr als ein Ganzes wie eine Art Wahrnehmungsorgan, aber wir merken sehr bald, es handelt sich eigentlich nicht richtig um den physischen Leib, wenn uns so dieser physische Leib als eine Art Wahrnehmungsorgan zum Gefühl kommt, sondern es handelt sich da um den ätherischen Leib. Der physische Leib gibt uns gleichsam nur ein Gerüst, das den ätherischen Leib hält. Wir blicken von außerhalb nach unserem ätherischen Leibe hin, verspüren ihn auch noch, verspüren ihn als das Sinnesorgan, das eine Welt wahrnimmt webender, schwebender Bilder und Töne. Wie unser Verhältnis zum Ohr und Auge, so wird unser Verhältnis zu dem vom physischen Leibe gehaltenen Ätherleibe.

[ 3 ] Wenn wir uns nun so außerhalb unseres physischen Leibes fühlen, so ist dieses Erlebnis ähnlich dem Schlaferlebnis. Das Schlaferlebnis besteht darin, daß wir mit unserer geistig-seelischen Menschlichkeit außerhalb unseres physischen und Ätherleibes sind, nur daß während des Schlaferlebnisses unser Bewußtsein herabgestimmt ist, und wir nichts wissen von dem, was eigentlich mit uns und um uns vorgeht. Man kann also sagen, daß es noch ein anderes Verhältnis des Menschen zu seinem physischen Leibe gibt als dasjenige, woran wir gewohnt sind. Auf das, worauf die Geisteswissenschaft so aufmerksam machen muß, wird die Menschheit durch ihre Evolution immer mehr und mehr hingelenkt werden, je weiter wir der Zukunft entgegengehen.

[ 4 ] Ich habe es aus vielen Zusammenhängen heraus betont, daß es nicht eine Willkür ist, daß wir heute Geisteswissenschaft treiben, sondern daß die Beschäftigung mit dieser Geisteswissenschaft von uns gefordert wird durch die Evolution der Menschheit, durch das, was im gegenwärtigen Zeitpunkte in der Menschheitsevolution sich vorbereitet. Man kann nämlich dieses gleichsam Sich-Getrenntfühlen in seiner menschlichen Wesenheit von seinem physischen Leibe als etwas bezeichnen, was wie ein unverstandenes Erlebnis immer mehr und mehr über die Menschen wie von selbst kommen wird, je weiter wir als Menschheit der Zukunft entgegengehen. Es wird eine Zeit kommen, wo an viele, viele Menschen immer mehr die Empfindung herantreten wird: Ja, was ist denn das, ich fühle mich so, wie wenn ich mich gespalten hätte, wie wenn da noch ein Zweiter neben mir wäre. — Und diese Empfindung, dieses Gefühl, das als etwas Natürliches auftreten wird, geradeso wie Hunger oder Durst oder andere Erlebnisse, darf nicht unverstanden bleiben bei den Menschen der Gegenwart und Zukunft. Verständlich wird es sein, wenn die Menschen sich bequemen werden, durch die Geisteswissenschaft die eigentliche Bedeutung dieses Gespaltenseins zu verstehen. Insbesondere wird auch die Pädagogik, die Erziehung — je mehr wir diesen Dingen entgegengehen — darauf Rücksicht nehmen müssen. Man wird lernen müssen, auf gewisse Erlebnisse der Kinder sorgfältiger zu achten, als man das bisher getan hat, wo diese Erlebnisse auch nicht in demselben Maße da waren.

[ 5 ] Gewiß, in dem späteren, robusteren Leben, unter dem Eindrucke der physischen Welt werden diese Gefühle und Empfindungen, die ich charakterisiert habe, nicht so besonders stark sein in der allernächsten Zukunft, aber in einer ferneren Zukunft werden sie immer stärker und stärker werden. Zunächst werden sie beim heranwachsenden Kinde auftreten, und die Erwachsenen werden von den Kindern gar mancherlei hören, was sie werden verstehen müssen, mancherlei, über das man hinweggehen kann wie über ein Nichts, über das man aber nicht hinweggehen sollte, weil es mit den tiefsten Evolutionsgeheimnissen der Welt zusammenhängt.

[ 6 ] Kinder werden andeuten: Da oder dort habe ich ein Wesen gesehen, das hat zu mir dies oder jenes gesagt, was ich tun soll. — Der materialistisch gesinnte Mensch wird sagen: Du bist ein dummer Bub oder ein dummes Mädchen, das gibt es ja gar nicht. — Wer aber Geisteswissenschaft verstehen will, muß wissen lernen, daß es sich da um eine bedeutsame Erscheinung handelt. Wenn ein Kind sagt: Da habe ich jemanden gesehen, der ist wieder verschwunden, aber er kommt immer wieder und wieder; er sagt zu mir immer das und jenes, und ich kann nicht aufkommen gegen ihn —, so wird der, welcher die Geisteswissenschaft versteht, erkennen, daß sich da etwas in dem Kinde ankündigt, was immer deutlicher in der Menschheitsevolution hervortreten wird. Was ist denn das, was sich da ankündigt?

[ 7 ] Wir werden es verstehen, wenn wir zwei Grunderlebnisse des Menschen ins Auge fassen, von denen das erste ganz besonders wichtig war für den vierten nachatlantischen, den griechisch-lateinischen Zeitraum, und das andere wichtig ist für unseren Zeitraum, in dem es sich langsam erst vorbereitet. Während das erste Grunderlebnis in dem griechisch-lateinischen Zeitraum seinen Abschluß gefunden hat, gehen wir dem zweiten langsam entgegen. In das menschliche Leben spielen immer Erlebnisse herein, die von Luzifer und Ahriman stammen. In das Grunderlebnis der vierten nachatlantischen Periode spielte insbesondere Luzifer herein; in unsere Periode spielt Ahriman herein und bedingt das Grunderlebnis. Nun hängt Luzifer mit alledem zusammen, was noch nicht bis zur Deutlichkeit der einzelnen Sinne sich ausgewachsen hat, was undeutlich an den Menschen, undifferenziert an ihn herankommt. Mit andern Worten, Luzifer hängt mit dem Atemerlebnis zusammen, mit dem Erlebnis des Ein- und Ausatmens. Das Atmen des Menschen ist etwas, was in einem ganz bestimmten geregelten Verhältnis stehen muß zu seiner Gesamtorganisation. In dem Augenblick, wo der Atmungsprozeß in irgendeiner Weise gestört ist, verwandelt sich sogleich die Atmung aus dem, wie sie sonst auftritt, nämlich als unbewußter Vorgang, auf den wir nicht zu achten brauchen, in einen bewußten, in einen mehr oder weniger traumhaft bewußten Vorgang. Und wenn — wir können es ganz trivial ausdrücken — der Atmungsprozeß zu energisch wird, wenn er größere Anforderungen an den Organismus stellt, als dieser Organismus leisten kann, dann hat Luzifer die Möglichkeit, mit dem Atmen einzudringen in den menschlichen Organismus. Er muß es ja nicht selbst sein, aber seine Scharen tun es, diejenigen, die zu ihm gehören.

[ 8 ] Ich weise damit auf eine Erscheinung hin, welche jeder kennt als Traumerlebnis. Dieses Traumerlebnis kann sich in beliebiger Weise steigern. Der Alptraum, wo also der Mensch durch das gestörte Atmen zum Traumbewußtsein kommt, so daß sich Erlebnisse der geistigen Welt hineinmischen können, und auch alle Angst- und Furchterlebnisse, die mit Alpträumen verbunden sind, haben in dem luziferischen Element der Welt ihren Ursprung. Alles, was vom gewöhnlichen Atmungsprozeß übergeht zum Würgen, zu dem Gefühl des Gewürgtwerdens, das hängt zusammen mit dieser Möglichkeit, daß Luzifer sich einmischt in den Atmungsprozeß. Das ist der grobe Prozeß, wo durch eine Herabminderung des Bewußtseins Luzifer sich in das Atemerlebnis hineinmischt, gestaltenhaft in das Traumbewußtsein tritt und da zum Würger wird. Das ist das grobe Erlebnis.

[ 9 ] Es gibt aber auch ein feineres Erlebnis, das uns dieses Würgeerlebnis gleichsam verfeinert, nicht so grob wie ein physisches Würgen darstellt. Man achtet gewöhnlich nicht darauf, daß eine solche Verfeinerung des Würgens zu den menschlichen Erlebnissen gehört. Aber jedesmal, wenn an die menschliche Seele dasjenige herantritt, was zu einer Frage wird oder zu einem Zweifel an diesem oder jenem in der Welt, dann ist in verfeinerter Weise ein Würgeerlebnis da. Man kann schon sagen: Wenn wir eine Frage aufstellen müssen, wenn ein kleines oder ein großes Weltenrätsel sich uns aufdrängt, dann werden wir gewürgt, aber so, daß wir es nicht merken. — Jeder Zweifel, jede Frage ist ein verfeinertes Alpdrücken oder ein verfeinerter Alptraum.

[ 10 ] So verwandeln sich die Erlebnisse, die uns sonst grob entgegentreten, in feinere Erlebnisse, wenn sie mehr seelisch auftreten. Man kann sich schon denken, daß die Wissenschaft einmal dazu kommen wird, den Zusammenhang des Atmungsprozesses mit der Fragestellung oder der Empfindung eines Zweifels in der Menschenseele zu studieren. Aber auch alles das, was mit Fragen und Zweifeln zusammenhängt, alles das, was damit zusammenhängt, daß wir unbefriedigt sind, weil die Welt an uns herantritt und eine Antwort verlangt, oder weil wir gezwungen sind, eine Antwort zu geben durch das, was wir sind, hängt mit dem Luziferischen zusammen.

[ 11 ] Wenn wir nun die Sache geisteswissenschaftlich betrachten, so können wir sagen: Bei allem, wo der Würgeengel im Alptraum uns bedrückt, oder wo wir durch die Fragestellung eine innere Bedrückung, einen Anflug von Beängstigung erfahren, haben wir es mit einem gleichsam stärkeren, energischeren Atmungsprozeß zu tun, mit etwas, was im Atem lebt, was aber, damit die menschliche Natur in der richtigen Weise funktioniert, harmonisiert, abgeschwächt werden muß, damit das Leben richtig verläuft. Was findet nun statt, wenn ein energischerer Atmungsprozeß eintritt? Da ist gleichsam der Ätherleib und alles, was mit der ätherischen Natur des Menschen zusammenhängt, zu weit ausgedehnt, zu sehr auseinandergedrängt, und da sich das dann auslebt im physischen Leibe, so kann es sich nicht auf den physischen Leib beschränken, es will ihn gewissermaßen auseinanderzerren. Ein zu üppiger, ein zu weit ausgedehnter Ätherleib liegt einem verstärkten Atmungsprozeß zugrunde, und dann besteht die Möglichkeit für das luziferische Element, sich besonders geltend zu machen.

[ 12 ] Man kann also sagen: Das Luziferische kann sich in die menschliche Natur hineinschleichen, wenn der Ätherleib geweitet ist. - Man kann auch sagen: Das Luziferische hat die Tendenz, in einem der menschlichen Form gegenüber geweiteten Ätherleibe sich auszudrücken, also in einem Ätherleibe, der mehr Raum braucht, als in der menschlichen Haut eingeschlossen ist, der die Form üppiger gibt. — Man kann sich nun denken, daß man künstlerisch diese Frage beantworten will, und da kann man sagen: So wie der menschliche Ätherleib normal ist, ist er der Bildner der menschlichen Gestalt, die physisch vor uns steht. Aber sobald er sich weitet, sobald er sich einen größeren Raum, weitere Grenzen verschaffen will, als in der menschlichen Haut darinnen sind, will er auch andere Formen geben. Es kann da nicht die menschliche Form bleiben. Er will überall über die menschliche Form hinaus. — Dieses Problem hat man in alter Zeit schon gelöst. Was für eine Form kommt da heraus, wenn der geweitete Ätherleib, der nicht für das menschliche Wesen, sondern für das luziferische Wesen paßt, sich Geltung verschafft und formhaft vor die menschliche Seele tritt? Was kommt da heraus? Die Sphinx!

[ 13 ] Hier haben wir eine besondere Art, uns in die Sphinx hinein zu vertiefen. Die Sphinx ist es, was eigentlich an einem würgt. Wenn der Ätherleib des Menschen durch die Energie des Atmens sich ausweitet, taucht ein luziferisches Wesen in der Seele auf. Es lebt in diesem Ätherleibe nicht die menschliche Gestalt, sondern die luziferische Gestalt, die Sphinxgestalt. Die Sphinx taucht auf als die Zweifelaufwerferin, als die Fragepeinigerin. Diese Sphinx hat also eine besondere Beziehung zum Atmungsprozeß. Wiederum wissen wir aber, daß der Atmungsprozeß eine besondere Beziehung zur Blutbildung hat. Daher lebt das Luziferische auch im Blute, durchwogt und durchwallt das Blut. Überall kann auf dem Umwege durch die Atmung das Luziferische in das Blut des Menschen hinein, und wenn zuviel Energie in das Blut hineinkommt, dann ist das Luziferische, die Sphinx, besonders stark.

[ 14 ] So steht der Mensch dadurch, daß er in seinem Atmungsprozeß dem Kosmos geöffnet ist, der Sphinxnatur gegenüber. Dieses Erlebnis, in seinem Atmen der Sphinxnatur des Kosmos gegenüberzustehen, dieses Grunderlebnis ging besonders in der vierten nachatlantischen, der griechisch-lateinischen Kulturperiode auf. Und in der Ödipus-Sage sehen wir, wie der Mensch der Sphinx gegenübersteht, wie die Sphinx sich an ihn kettet, zur Fragepeinigerin wird. Der Mensch und die Sphinx, oder wir können auch sagen, der Mensch und das Luziferische im Weltall sollten gleichsam als ein Grunderlebnis der vierten nachatlantischen Kulturperiode so hingestellt werden, daß, wenn der Mensch sein äußeres normales Leben auf dem physischen Plan nur ein wenig durchbricht, er mit der Sphinxnatur in Berührung kommt. Da tritt Luzifer in seinem Leben an ihn heran, und er muß mit Luzifer, mit der Sphinx fertig werden.

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[ 15 ] Anders ist das Grunderlebnis des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, unseres Zeitraumes. Für unseren Zeitraum ist das besonders vorbereitet, daß der Ätherleib nicht aufgeplustert, nicht ausgedehnt, sondern zusammengezogen ist, daß er nicht zu groß, sondern eher zu klein ist, und das wird immer stärker und stärker werden, je weiter die Evolution fortgeht. Wenn wir sagen können: Die normale Gestalt des Menschen beim Griechen ist so, daß der Ätherleib zu groß ist —, so können wir sagen: Beim modernen Menschen ist es so, daß der Ätherleib sich zusammenschnürt, sich zusammenzieht, zu klein wird. — Je weiter der Mensch kommen wird in der materialistischen Verachtung des Spirituellen, desto mehr wird sich dieser Ätherleib zusammenziehen und austrocknen. Da aber die Durchorganisierung des physischen Leibes davon abhängt, daß der Ätherleib ihn ganz richtig durchdringt, so wird für den physischen Leib immer eine Tendenz auftreten, wenn der Ätherleib zu sehr zusammengedrängt ist, daß der physische Leib auch auszutrocknen beginnt. Und wenn er ganz besonders stark austrocknen würde, so würde er statt der natürlichen Menschenfüße hornartige Füße bekommen. Der Mensch wird sie ja nicht bekommen, aber die Tendenz dazu liegt in ihm, und sie ist begründet in dieser Tendenz des Ätherleibes, auszutrocknen, zu wenig Ätherkraft zu entwickeln. In diesen vertrockneten Ätherleib kann sich nun besonders Ahriman hineinleben, wie Luzifer in den erweiterten Ätherleib. Ahriman wird die Gestalt annehmen, die auf eine Armlichkeit des Ätherleibes hinweist. Er wird zu wenig Ätherkraft entwickeln, um richtig organisierte Füße zu haben, und die erwähnten hornartigen Füße Bocksfüße — ausbilden.

[ 16 ] Mephistopheles ist ja Ahriman; er hat die Bocksfüße nicht umsonst, er hat die Bocksfüße aus diesem Grunde, den ich angedeutet habe. Die Mythen und Sagen sind eben sehr bedeutungsvoll; deshalb erscheint Mephistopheles sehr oft mit Pferdefüßen, wo also die Füße zu Hufen vertrocknet sind. Wenn Goethe das Problem des Mephisto schon vollständig durchdrungen hätte, so hätte er nicht seinen Mephisto wie einen modernen Kavalier auftreten lassen, denn es gehört schon einmal zum Wesen des Ahriman-Mephisto, nicht so viel Ätherkraft zu haben, daß er die menschliche physische Gestalt vollständig durchorganisieren kann.

[ 17 ] Aber noch eine Eigentümlichkeit ist dadurch hervorgerufen, daß der Ätherleib gleichsam zusammengezogen ist, ärmer ist an Ätherkräften, als es im Normalen der Fall ist. Diese Eigentümlichkeit wird uns am klarsten, wenn wir einen Blick auf die gesamte menschliche Natur werfen. Wir sind in gewisser Beziehung schon physisch eine Zweiheit. Denken Sie doch, wenn Sie so dastehen, sind Sie eben der physische Mensch. Aber zu dem physischen Menschen gehört es, daß die Atemluft immerfort in ihm darinnen ist. Diese Atemluft jedoch ist bei dem nächsten Ausatmen schon wieder nach außen befördert, so daß der Atemluftmensch, der Sie durchdringt, fortwährend wechselt. Sie sind nicht bloß das, was aus Muskeln und Knochen besteht, der Fleisch- und Knochenmensch, sondern Sie sind auch der Atemmensch. Der aber wechselt fortwährend, geht hin und her, aus und ein. Und der Atemmensch ist es, der wieder im Zusammenhang steht mit dem immerfort zirkulierenden Blute.

[ 18 ] Wie getrennt von diesem ganzen Atmungsmenschen liegt in Ihnen der Nervenmensch, der andere Pol, in dem das Nervenfluidum zirkuliert, und es ist nur eine Art äußere Berührung, ein äußeres Zusammenkommen zwischen dem Nervenmenschen und dem Blutmenschen. So wie nur diejenigen Ätherkräfte, die nach dem Luziferischen hin tendieren, durch das Atmen leicht an das Blutsystem herankommen können, so können die Ätherkräfte, welche nach dem Mephistophelischen oder Ahrimanischen hin tendieren, nur an das Nervensystem herankommen, aber nicht an das Blutsystem. Ahriman ist es versagt, in das Blut unterzutauchen; er kann fortwährend in den Nerven leben, bis zum Vertrocknen, zur Nüchternheit leben, weil er nicht an die Wärme des Blutes heran kann. Will er aber eine Beziehung zur Menschennatur hin entwickeln, dann wird er lechzen müssen nach einem Tröpfchen Blut, weil er so schwer herankommen kann an das Blut. Ein Abgrund liegt zwischen Mephistopheles und dem Blute. Willer an den Menschen herankommen, an das, was im Menschen lebt, will er mit dem Menschen in Verbindung treten, dann wird er gewahr, daß das Menschliche in dem Blute lebt. Er muß nach dem Blute trachten.

[ 19 ] Sehen Sie, damit hängt zusammen die Weisheit der MephistophelesSage, daß die Verschreibung mit Blut geschieht. Faust muß sich dem Mephisto durch das Blut verschreiben, weil dieser nach dem Blute lechzen muß, weil er abgetrennt ist vom Blute. Geradeso wie der griechische Mensch der Sphinx gegenüberstand, die im Atmungssystem lebt, so steht der Mensch des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes dem Mephistopheles gegenüber, der im Nervenprozesse lebt, der kalt und nüchtern ist, weil er an Blutleere leidet, weil die Wärme des Blutes ihm fehlt. Und dadurch wird er zum Spötter, zum nüchternen Begleiter des Menschen.

[ 20 ] Wie Ödipus mit der Sphinx, so hat der Mensch der fünften nachatlantischen Kulturepoche mit Mephistopheles fertigzuwerden. Er steht diesem Mephistopheles wie einem zweiten Wesen gegenüber. Der Grieche stand der Sphinx durch den energisch gewordenen Blut- und Artmungsprozeß gegenüber; ihm stand gegenüber, was mit der energischeren Atmung in seine Natur hineinkam. Der moderne Mensch steht mit allem, was aus seinem Verstande, seiner Nüchternheit drängt, dem gegenüber, was an den Nervenprozeß gebannt ist. Prophetisch konnte dieses Gegenüberstehen des Menschen dem Mephistophelischen, ich möchte sagen, dichterisch vorausgeahnt werden. Aber es wird immer mehr und mehr heraufziehen als ein Grunderlebnis, je weiter wir in der Evolution des fünften nachatlantischen Zeitraumes kommen. Und das, wovon ich erzählt habe, daß es im kindlichen Erlebnisse auftreten wird, wird dieses mephistophelische Erlebnis sein.

[ 21 ] Während der griechische Mensch unter der Pein einer Überfülle von Fragen gestanden hat, wird der moderne Mensch nicht so sehr einer Fragepein entgegengehen als vielmehr der Pein, in seine Vorurteile hinein verzaubert zu sein, einen zweiten Leib neben sich zu haben, der seine Vorurteile enthält. Und wie bereitet sich das vor?

[ 22 ] Betrachten Sie einmal ganz unbefangen die Evolution. Wieviel hat im Verlaufe des fünften nachatlantischen Kulturzeitalters aufgehört, in warmer unmittelbarer Weise an den Menschen heranzutreten. Nehmen Sie die unzähligen Fragen, die wirklich an uns herantreten, wenn wir uns in die Geisteswissenschaft vertiefen. Sie sind alle für den modernen materialistisch gesinnten Menschen nicht da. Das Rätsel der Sphinx empfindet er nicht; das hat der Grieche noch in lebendiger Weise empfunden. Der moderne Mensch wird aber ein anderes empfinden müssen. Er weiß eigentlich alles so gut nach seiner Meinung, beobachtet die Sinneswelt, kombiniert sie mit seinem Verstande, und dann lösen sich ihm alle Rätsel. Er ahnt nicht, wie sehr er in der äußeren Phantasmagorie herumtappt. Das aber verdichtet immer mehr seinen Ätherleib, trocknet immer mehr seinen Ätherleib aus und führt endlich dazu, daß das mephistophelische Element wie eine zweite Natur sich heften wird an das Wesen des Menschen der Gegenwart in die Zukunft hinein. Alles das, was an materialistischen Vorurteilen, an materialistischer Beschränktheit sich entwickelt, wird die mephistophelische Natur verstärken, und wir können jetzt schon sagen: Wir sehen in eine Zukunft hinein, wo jeder geboren wird mit einem zweiten Menschen, welcher sagen wird, die da von der geistigen Welt reden, sind Narren. Ich weiß alles, ich verlasse mich auf meine Sinne. — Gewiß, der Mensch wird abweisen, so wie das Sphinxrätsel, auch das Mephistopheles-Rätsel, aber er wird heften an seine Fersen ein zweites Wesen. Das wird ihn so begleiten, daß er den Zwang empfinden wird, matertalistisch zu denken nicht durch sich, sondern durch ein zweites Wesen, das sein Begleiter ist.

[ 23 ] Die materialistische Gesinnung wird den Ätherleib vertrocknen, und in dem vertrockneten Ätherleib wird Mephistopheles leben. Das werden wir verstehen müssen, und die Menschheit wird dem Kinde in zukünftigen Zeiten so viel an Bildung mitgeben müssen — sei es durch Eurythmie, sei es durch geisteswissenschaftliche Gesinnung —, durch welche der Ätherleib belebt werden muß, daß der Mensch seine richtige Stellung wird einnehmen können, daß er erkennen wird, was sein Begleiter bedeutet. Sonst wird er diesen Begleiter nicht verstehen, sonst wird er sich ihm gegenüber fühlen, wie wenn er verzaubert, gebannt wäre. Wie der Grieche mit der Sphinx hat fertig werden müssen, so wird der moderne Mensch mit Mephistopheles fertig werden müssen, mit der satyrhaften, faunhaften Gestalt, dieBocks- oder Pferdefüße hat.

[ 24 ] Man kann schon sagen: Ein jedes Zeitalter weiß dasjenige, was sein Charakteristisches ist, in eine Grund- oder Ursage zu fassen. — Solche Grund- oder Ursagen sind die OÖdipus-Sage in Griechenland und die Mephistopheles-Sage in der neueren Zeit. Aber diese Dinge müssen möglichst aus den Fundamenten heraus wirklich verstanden werden.

[ 25 ] Sie sehen, was sonst nur als Dichtung auftritt — die Auseinandersetzungen von Faust und Mephisto —, das wird, man möchte sagen, zum Fundament für die Zukunftspädagogik. Das Vorspiel davon besteht darin, daß das Volk oder der Dichter den Begleiter geahnt haben. Aber das Nachspiel wird darin bestehen, daß ein jeder Mensch diesen Begleiter haben wird, der ihm nicht unverständlich bleiben darf, und daß dieser Begleiter am lebendigsten, am mächtigsten in der Kindheit des Menschen auftreten wird. Und wenn die erwachsenen Erzieher nicht die richtige Stellung einnehmen werden gegenüber dem, was das Kind äußert, dann wird durch das unverstandene Gegenüberstehen den Verzauberungen des Mephistopheles die menschliche Natur verdorben werden.

[ 26 ] Es ist sehr merkwürdig, daß man in der Sagen- und Märchenliteratur, wenn man sie verfolgt, überall diese Züge finden kann. Sagen und Märchen, die so unverständig von den Gelehrten unserer Gegenwart betrachtet werden, weisen ihrer Struktur nach entweder nach dem Mephistophelischen, dem Ahrimanischen hin, oder nach dem Sphinxartigen, dem Luziferischen. Alle Sagen und Märchen rühren davon her, daß ihr Inhalt ursprünglich entweder durch das Verhältnis, das der Mensch zur Sphinx hat, erlebt worden ist oder durch das Verhältnis, das der Mensch zu Mephisto hat. In den Sagen und Märchen finden wir mehr oder weniger verborgen auftreten entweder das Fragemotiv: das ist das Sphinxmotiv, das Motiv, daß irgend etwas gelöst werden muß, daß eine Frage beantwortet werden muß, oder das Motiv der Verzauberung, des Gebanntseins an irgend etwas: das ist das mephistophelische, das ahrimanische Motiv. Denn worin besteht das ahrimanische Motiv im genaueren? Es besteht darin, daß, wenn wir Ahriman neben uns haben, wir fortwährend in der Gefahr sind, ihm zu verfallen, in seine Natur überzugehen, uns nicht mehr losreißen zu können von ihm. Und man möchte sagen: Der Sphinx gegenüber empfindet der Mensch etwas, was in ihn eindringt und ihn gleichsam auseinanderreißt; dem Mephistophelischen gegenüber empfindet der Mensch etwas wie: er muß untertauchen in dieses Mephistophelische, er muß sich ihm verschreiben, er muß ihm verfallen.

[ 27 ] Die Griechen hatten keine Theologie in unserem modernen Sinne, aber sie standen in bezug auf alles, was Weisheit ist, doch noch der Natur und ihren Erscheinungen näher als der moderne Mensch. Ohne Theologie näherten sie sich den Weistümern der Natur, und dadurch entstand in ihnen die Fragepein.

[ 28 ] Der Mensch ist näher der Natur in seinem Atmungsprozeß als in seinem Nervenprozesse. Daher empfand der Grieche besonders lebendig dieses Entgegengehen der Weisheit in seinem Verhältnis zur Sphinx. Anders ist das beim Menschen in der modernen Zeit geworden. Die Theologie kommt herauf. Nicht in dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur glaubt der Mensch der göttlichen Weltweisheit nahe zu sein, sondern er will sie studieren; er will sich ihr nähern nicht durch den Atmungs- und Blutprozeß, sondern durch den Nervenprozeß. Nervenprozeß wird das Suchen nach Weisheit, Theologie. Aber dadurch bannt der Mensch seine Weisheit in den Nervenprozeß hinein, nähert sich dem Mephistopheles. Und als der fünfte nachatlantische Zeitraum heraufkam, entwickelte sich gerade aus diesem Bannen der Weisheitswandelung in seinen Nervenprozeß die Ahnung, daß man den Mephisto an seine Fersen kettet, daß man ihn neben sich hinstellt.

[ 29 ] Wenn man die Faust-Sage von allem Rankenwerk befreit, das sich um sie herumschlingt, so haben wir doch immer die Tatsache, daß ein junger Theologe nach Weisheit strebt, von Zweifeln geplagt wird und sich deshalb dem Teufel, dem Mephisto verschreibt, und dadurch in seinen Wirkungskreis gezogen wird. So wie aber der Grieche mit der Sphinx fertig werden mußte dadurch, daß er die Ich-Natur des Menschen völlig ausbildete, so wie man fertig werden mußte mit der Sphinx durch die Ausbildung der Ich-Natur, so muß man fertig werden in unserem Zeitraum mit Mephistopheles durch die Erweiterung und Erfüllung des Ich mit jener Weisheit, die allein von der Erforschung der geistigen Welt, durch die Erkenntnis der geistigen Welt, durch die Geisteswissenschaft kommen kann.

[ 30 ] Ödipus sollte der Mächtigste dieser Sphinxbesieger sein. Jeder Grieche, der sein Menschentum ernst nahm, war im Grunde genommen im kleinen mehr oder weniger ein Sphinxbesieger. Ödipus sollte nur das, was jeder Grieche erleben mußte, in besonders typischer Gestalt darstellen. Was geschieht also? Ödipus sollte dasjenige, was im Atmungs- und Blutprozesse lebt, besiegen. Dem Menschen, der in diesem lebt, soll er gegenüberstellen den gleichsam mit verarmten Ätherkräften lebenden Nervenmenschen. Wodurch kommt er dazu? Dadurch, daß er in seine eigene Natur die Kräfte, die mit dem Nervenprozeß verwandt sind, also die mephistophelischen Kräfte, aufnimmt, aber in gesunder Weise aufnimmt, so daß sie nicht nebenhergehen und ihm zum Begleiter werden, sondern daß sie in ihm sind und er durch diese Kräfte der Sphinxnatur gegenübertreten kann.

[ 31 ] Da sehen wir, wie im Grunde genommen Luzifer und Ahriman an ihrem richtigen Orte segensreich wirken, an dem Orte, wohin sie gleichsam erst versetzt sind, und daß sie, wo sie nicht stehen sollen, nachteilig wirken. Für den Griechen war die Sphinxnatur etwas, womit er fertig werden sollte, was er aus sich heraussetzen sollte. Wenn er sie in den Abgrund stürzen, also den erweiterten Ätherleib in den physischen Leib hineinbringen konnte, dann hatte er die Sphinx überwunden. Der Abgrund ist nicht da draußen, der Abgrund ist der eigene physische Leib, in den in gesunder Weise die Sphinx untergetaucht werden muß. Aber da muß der andere Pol, der Nervenprozeß, der entgegengesetzte Prozeß, vom Ich ausgehend, stärker werden — nicht das, was draußen ist, sondern das, was drinnen sein muß. Das Ahrimanische wird im Menschen aufgenommen und dadurch an den richtigen Ort gestellt.

[ 32 ] Ödipus ist der Sohn des Laios. Diesem war vorausgesagt worden, daß, wenn er ein Kind haben würde, dieses Unglück bringen würde für sein ganzes Geschlecht. Daher setzte er das Knäblein, das ihm geboren wurde, aus. Er durchstach ihm die Füße, und daher bekam es den Namen Ödipus, das heißt Klumpfuß. Da haben wir die mephistophelischen Kräfte in dem Ödipus-Drama.

[ 33 ] Ich habe gesagt, wenn durch diese Kräfte die Ätherkraft verarmt, können sich die Füße nicht mehr entwickeln, sie müssen verkümmern, verdorren. Bei Ödipus wurde das künstlich bewirkt. Er wurde bekanntlich an einem Baum aufgehängt von dem Hirten gefunden, der ihn aufzieht, während er hätte zugrunde gehen sollen. Er trägt nun die Klumpfüße durch die Welt. Er ist gewissermaßen der ins Heilige übersetzte Mephistopheles. Da ist er an der richtigen Stelle, da kann er das Ich kräftig durchpulsen, wo es gilt, die Aufgabe des vierten nachatlantischen Zeitraumes zu lösen. Alles dasjenige, wodurch der Grieche groß geworden ist, wodurch er so recht zum Griechen geworden ist, der harmonische Einklang zwischen dem Ätherleibe und dem physischen Leibe, den wir noch so lebendig an den griechischen Gestalten in ihrer Wohlgestalt bewundern, alles das geht dem Ödipus ab, damit er «Persönlichkeit» werden kann, damit er gerade der Repräsentant wird des Menschen, in dem das Ich stark wird. Das zum Kopfe heraufwandernde Ich wird stark, indem die Füße verkümmern.

[ 34 ] Dem muß gegenüberstehen der Mensch der fünften nachatlantischen Kulturperiode. So wie der Ödipus, um der Sphinx gegenüberzustehen, um sie zu besiegen, den Ahriman aufnehmen mußte, so muß der Mensch der fünften nachatlantischen Kulturperiode, der dem Ahriman-Mephistopheles gegenübersteht, den Luzifer in sich aufnehmen, das heißt, er muß den umgekehrten Prozeß durchmachen wie Ödipus. Er mußte das, was vom Ich aufgehäuft war im Kopfe, hinunterdrängen von dem Kopfe in die andere Menschennatur. Da hat sich angehäuft in dem Ich, insofern dieses Ich im Nervenprozeß lebt, Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie — alles Nervenprozesse! Da entsteht der Drang, alles wegzukriegen aus dem Kopfe und durch die Sinnlichkeit zur ganzen Welt durchzudringen.

[ 35 ] Jetzt nehmen Sie den Faust, wie er dasteht, mit alledem, was das Ich sich errungen hat, und wie er das alles gleichsam aus dem Kopfe herauswerfen will, das, was Goethe zusammenfaßt in die Worte: «Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn.» Das suchte er nun alles aus dem Kopfe wegzubekommen. Er tut es auch, indem er sich dem Leben ergibt, das nicht an den Kopf gebunden ist. Er ist der umgekehrte Ödipus, der die Luzifernatur in sich hereinbekommt.

[ 36 ] Und nun verfolgen Sie, was Faust alles macht, damit er den Luzifer in sich hereinbekommt, damit er den Ahriman, den Mephisto neben sich bekämpfen kann. Das alles zeigt uns, inwiefern wirklich dieser Faust der umgekehrte Ödipus ist. Während alles dasjenige, was durch die umgekehrte Ahrimannatur in Ödipus geschieht, in Zusammenhang steht mit Luzifer, steht alles dasjenige, was durch die umgekehrte Luzifernatur in Faust geschieht, in Zusammenhang mit Ahriman-Mephisto. Wie Ahriman-Mephisto mehr in der äußeren Welt lebt, so lebt Luzifer mehr in der inneren Welt. All das Unglück, das Ödipus dadurch trifft, daß er sich mit der Ahrimannatur durchdringen muß, besteht in äußeren Dingen. Über das Geschlecht kommt Verhängnis, nicht bloß über ihn selber. Und auch das Verhängnis, das über ihn selber kommt, ist äußerlich angedeutet. Daß er sich die Augen durchsticht und sich blendet, das sind auch äußere Dinge. Daß die Pest kommt über seine Vaterstadt, ist etwas Äußeres. Alles, was bei Faust auftritt, sind innere Seelenerlebnisse, ist ein Tragisches in des Menschen Inneren, so daß Faust sich auch hier als der umgekehrte Ödipus darstellt.

[ 37 ] Wenn wir diese zwei Gestalten oder vielmehr diese zwei Doppelgestalten: Ödipus und Sphinx, Faust und Mephisto, vor unser Auge hinstellen, so haben wir in typischer Weise vor uns die Evolution des vierten und des fünften nachatlantischen Zeitraums. Wenn einmal die Zeit kommen wird, wo man weniger darstellen wird als Geschichte die äußere Phantasmagorie, dasjenige, was als Abdruck des Außeren geschehen ist, sondern darstellen wird, was die Menschen erleben, dann wird man erst sehen, wie bedeutungsvoll und wichtig diese Grunderlebnisse des Menschen sind. Dann wird man erst bemerken, was im fortlaufenden Evolutionsprozeß wirklich lebt, wie übergeht die Geschichte, die äußere Phantasmagorie von derjenigen Darstellung, die gewöhnlich als Geschichte gegeben wird, in das, wovon die äußeren Ereignisse, wenn sie auch noch so bedeutungsvoll auftreten, im Grunde nur der äußere phantasmagorische Abdruck sind.

[ 38 ] Wie das Ich einerseits sich kräftigen mußte dadurch, daß AhrimanMephistopheles in den Ödipus, das heißt, in den Griechen einzog, so ist andererseits im modernen Menschen dieses Ich zu stark geworden. Und der moderne Mensch muß von diesem Ich wieder loskommen dadurch, daß er sich in die geistigen Geschehnisse vertieft, vertieft in dasjenige, was zusammenhängt mit der Welt, der das Ich angehört, wenn dieses Ich sich bewußt wird, daß es nicht nur im Menschenleibe lebt, sondern ein Bürger der spirituellen Welt ist. Und in diesem Zeitalter leben wir. Während im vierten nachatlantischen Zeitalter der Mensch streben mußte, mit aller Gewalt sich bewußt zu werden des Ich im physischen Leibe, so muß der Mensch unseres fünften nachatlantischen Zeitraumes darauf hinarbeiten, sich bewußt zu werden, daß das Ich der geistigen Welt angehört. Und die Erweiterung des Ich-Bewußtseins über die geistige Welt, das ist Geisteswissenschaft. Daher ist diese Geisteswissenschaft auch in tiefstem Zusammenhang mit den höchsten Forderungen der menschlichen Evolution in unserem fünften nachatlantischen Zeitraume.