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Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159

31 Januar 1915, Zürich

1. Die Vier Platonischen Tugenden Und Ihr Zusammenhang Mit Den Menschlichen Wesensgliedern — Das Hereinwirken Geistiger Mächte In Die Physische Welt

[ 1 ] Unsere Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, hinwegzuräumen für unser Bewußtsein, ja für unser ganzes Seelenleben, jene Kluft, die sich aufrichtet für das äußere menschliche Bewußtsein zwischen der physischen Welt, in welcher der Mensch die Zeit verbringt zwischen der Geburt und dem Tode, und der geistigen Welt, in welcher der Mensch die andere Zeit seines Gesamtlebens verbringt, die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 2 ] Solch ein Satz ist ja demjenigen, der in der Geisteswissenschaft mit allen Fasern seiner Seele darinnen lebt, so geläufig, so selbstverständlich. Er wird nur in einem Augenblick, wie es derjenige ist, in dem ich gerade heute zu Ihnen spreche, zu einem, man darf wohl sagen, besonders geheiligten. Haben wir doch vor ganz kurzer Zeit eine Reihe unserer lieben Freunde und Mitglieder durch die schweren Kriegsereignisse vom physischen Plane verloren und sind gewissermaßen im Begriff, zwei Freunde auf dem letzten irdischen Wege zu begleiten. Morgen um elf Uhr werden wir hier in Zürich die Kremation eines lieben Mitgliedes, der Frau Dr. Colazza haben, die in dieser Woche den physischen Plan verlassen hat, und gerade eben haben wir die Nachricht bekommen, daß unser lieber Freund Fritz Mitscher in der Nähe von Davos heute nachmittag um fünf Uhr den physischen Plan verlassen hat. In beiden Mitgliedern gehen uns hier vom physischen Plan liebe Seelen fort. Die Geisteswissenschaft aber weist uns den Weg, zu verstehen, wie wir in einem viel höheren Sinne, als wir das sonst verstehen konnten, solche Seelen nicht verlieren, sondern wie wir mit ihnen verbunden bleiben.

[ 3 ] Es ist ja schon eine größere Anzahl von Seelen, die zu uns gehören, seitdem wir in unserer Bewegung arbeiten, durch die Pforte des Todes gegangen. Vor allem darf aus denjenigen Quellen heraus, aus denen uns die geistigen Erkenntnisse überhaupt fließen, gesagt werden, daß sie uns, je nach ihren Kräften, treue Mitarbeiter in der geistigen Welt geworden sind. Und unter voller Verantwortung, unter der man etwas sagt, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft fest fundiert sein soll, darf von mir gesagt werden: Wir haben in ihnen Stützen und Säulen für unsere geistige Bewegung gewonnen. Viele sind durchgegangen durch die Pforte des Todes, arbeitend innerhalb unserer geistigen Bewegung, hinunterschauend auf das, dem sie in ihrer Liebe zugetan sind. In der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode haben sie die Art des Strebens, das in unserem Kreise vertreten wird, liebgewonnen. Hier in unserer Gesellschaft haben sie selber etwas gelassen, was auf dem Wege zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist.

[ 4 ] Wie uns die Natur ringsumher eine Welt ist, auf die wir zurückschauen, so können wir zurückschauen auf unser physisches Leben von demjenigen Moment ab, den man vergleichen kann mit der Geburt des Menschen. Unmittelbar nach dem Tode macht der Mensch eine Art von Zustand durch, der sich vergleichen läßt mit dem Embryonalleben, mit dem Leben im Leibe der Mutter, nur daß jenes Leben nach dem Tode nur nach Tagen zählt, also viel kürzer ist als das Embryonalleben im Verhältnis zum physischen Leben. Dann folgt dasjenige, was sich vergleichen läßt mit dem Betreten der physischen Welt, mit dem Tun des ersten Atemzuges, dasjenige, was man das Aufwachen in der geistigen Welt nennen kann, wovon man sagen kann, es ist wie ein Gewahrwerden, daß der Wille der Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, aufgenommen wird von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Geradeso, wie hier der Mensch, wenn er aus dem Leibe der Mutter heraus die physische Welt physisch betritt, sich zuerst geeignet findet, die äußere Luft aufzunehmen, wie dann seine Sinne nach und nach erwachen, so kommt nach dem Tode jener Augenblick, wo die Seele fühlt: Der Wille, der während des physischen Lebens eingespannt war dutch die Grenzen des physischen Leibes, fließt jetzt aus mir in das Universum hinaus. Und es empfindet dann diese Seele, wie dieser Wille wirklich aufgenommen wird durch die Tätigkeit der Wesenheiten der zunächst höheren Hierarchie, der Wesen der Hierarchie der Angeloi. Das ist wie das Holen des ersten Atemzuges in der geistigen Welt und das allmähliche Hineinwachsen in die geistige Umgebung, denn das zeigt uns die geistige Erfahrung.

[ 5 ] Ich möchte sprechen über das Schicksal derjenigen, die vom physischen Plane im Laufe der Jahre von uns gegangen sind. Ich möchte den Blick hinlenken auf diejenigen, welche hier unsere geistige Bewegung liebgewonnen haben und auf sie hinunterblicken als auf etwas, wovon sie wissen, daß es dasjenige, in dem sie leben, mitteilt den Menschenseelen auch innerhalb des physischen Leibes. In dieser Weise in der Erinnerung an das irdische Leben anknüpfen können, ist etwas, was hier in der physischen Welt schon zur geistigen Welt gehört. Das bedeutet für die Betreffenden, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, ein unendlich Wertvolles, ein unendlich Bedeutungsvolles. Und wenn sie dann in den Strom, der zu ihnen hinaufströmt aus der physischen Welt, der seine Quelle nimmt aus dem, was sie miterlebt haben in unserer Bewegung, ganz einfließen wie ein Nebenfluß in einen Fluß, wenn einströmen die Gedanken derjenigen, die ihnen in Liebe oder aus Naturbanden heraus zugetan waren, dann ist die Gemeinschaft, weil sie auf den geistigen Banden begründet ist, eine viel innigere, als sie in unserer materialistischen Zeit sonst sein könnte.

[ 6 ] Und wir dürfen wiederum sagen: Bei manchem, der frühzeitig hingegangen ist durch die Pforte des Todes in die geistige Welt, erscheint es uns, wie wenn er dieses getan hätte aus inniger Liebe zu unserer geistigen Bewegung, um helfen zu können mit stärkeren Kräften von der geistigen Welt herab. Bei einer großen Anzahl von denen, die von uns gegangen sind, leben in ihren Seelen die wunderbar klarsten Empfindungen von der Notwendigkeit unserer geistigen Bewegung. Und für denjenigen, der in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, sind alle diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und jetzt herunterblicken auf die Bewegung, mit der sie verbunden waren, gleichsam die geistigen Herolde unserer Bewegung, diejenigen, die uns die geistigen Devisen vorantragen, indem sie uns unaufhörlich zurufen: Wir waren überzeugt, während wir mit euch vereinigt waren, von der Notwendigkeit dieser Bewegung. Jetzt aber, wo wir die geistige Welt betreten haben, wissen wir, daß wir helfen können und wie wir helfen müssen in der Zeit, in der diese Bewegung notwendig ist.

[ 7 ] Das ist etwas, was immer mehr und mehr diejenigen spüren werden, die hier auf dem physischen Plan zurückbleiben, die teure Angehörige und Freunde auf dem physischen Plan verloren haben und denen gerade das Ausgesprochene der tiefste Trost sein kann, hier alles zu haben, was noch ein tieferes Band zwischen den Seelen knüpft, auch wenn wir nicht mehr in der Lage sind, in der äußeren Offenbarung, durch physische Augen und physische Worte, mit jenen Seelen verbunden zu sein.

[ 8 ] Vieles, vieles wird diese spirituelle Bewegung, derer wir teilhaftig werden sollen, bringen müssen. Aus dem mancherlei, das sie uns bringen soll, möchte ich heute ein besonderes Kapitel auswählen. Eine Zeit wie die unsrige, wo die äußere Kultur sich, trotz der letzten Nachklänge der alten Religionen, ganz und gar auf dem materialistischen Bewußtsein aufbaut, eine solche Zeit kann auch die Impulse des sittlichen Lebens im Grunde genommen nur so aufbauen, daß dabei nur das Leben zwischen Geburt und Tod berücksichtigt wird. Unter den mancherlei Dingen, die durch unsere spirituelle Bewegung kommen werden, wird sein ein neuer Aufbau des gesamten sittlichen, des gesamten Tugendlebens der Menschheit. Denn die Menschen werden lernen, das sittliche Leben, das Leben der Tugend aus einem Gesichtskreise zu betrachten, der über Geburt und Tod hinausgeht, der damit rechnet, daß die menschliche Seele durch wiederholte Erdenleben geht, der damit rechnet, daß die menschliche Seele, so wie man sie trägt in dem Leben zwischen physischer Geburt und Tod, durchgegangen ist durch viele Leben und vorwärts zu hoffen hat auf andere Leben, die sie weiterhin zu durchlaufen hat. Wenn wir den Gesichtskreis von einem Leben auf die aufeinanderfolgenden Erdenleben erweitert haben, dann wird eine umfassendere, richtigere Auffassung von dem Leben, auch eine richtigere und umfassendere Auffassung von der Tugend und dem sittlichen Leben folgen.

[ 9 ] Wenn wir von den Tugenden des Menschen sprechen, so können wir im wesentlichen zunächst vier solcher Tugenden unterscheiden, von denen man gewissermaßen im gewöhnlichen Sprachstil unter Menschen sprechen kann. Die eine Tugend, wie wir nachher andeuten werden, ist eine solche, welche in den Tiefen der menschlichen Seele lebt, von der man aber, wie wir sehen werden, aus heiligen Gründen so wenig wie möglich zu sprechen hat. Alle andern Tugenden, die im Leben vorhanden sind, die das sittliche Leben ausmachen, können als Spezialfälle der vier Tugenden, die wir betrachten wollen, aufgefaßt werden, jener vier Tugenden, von denen insbesondere das Altertum viel gesprochen hat.

[ 10 ] Plato, der große Philosoph des alten Griechenlands, hat diese vier Tugenden deshalb unterschieden, weil er seine Weisheit noch aus den Nachklängen des alten Mysterienwesens hat schöpfen können. Unter den Nachklängen des alten Mysterienwesens hat Plato die Klassifizierung der Tugend besser treffen können als die späteren Philosophen oder gar als die unserer Zeiten, wo das Wissen von der Mysterienweisheit so weit entfernt steht und etwas so chaotisches geworden ist.

[ 11 ] Die erste Tugend, derer wir gedenken müssen, wenn wir in dem Sinne, wie er sich aus einer umfassenden Erkenntnis der Menschennatur ergibt, von einem sittlichen Leben sprechen, das ist die Tugend der Weisheit. Aber man muß diese Weisheit in einem etwas tieferen Sinne und sich mehr auf das Ethische, auf die Sittenlehre beziehend auffassen, als man dies gewöhnlich tut. Wir können nicht sagen, daß Weisheit etwas ist, was gewissermaßen den Menschen einfach anfliegen kann. Noch weniger ist Weisheit etwas, was der Mensch im gewöhnlichen Sinne erlernen kann. Es ist sogar nicht einmal leicht, dasjenige, was Weisheit uns bedeuten soll, mit einigen Worten zu charakterisieren. Wenn wir unser Leben so durchleben, daß wir dasjenige, was in diesem Leben an uns herantritt, auf uns wirken lassen, wenn wir, von den verschiedenen Vorgängen des Lebens veranlaßt, von dem einen Vorgange lernen, wie wir dieses oder jenes richtiger hätten anfassen können, wie wir in bezug auf eine oder andere unsere Kräfte geschickter, stärker hätten machen sollen, wenn wir auf alles achten, was uns im Leben begegnet, in dem Sinne achten darauf, daß, wenn uns ein Ähnliches ein zweites Mal begegnet, wir uns das zweite Mal nicht mehr so anfassen lassen, wie das erste Mal, sondern uns belehrt fühlen. Und wenn wir das Leben hindurch die Stimmung bewahren, vom Leben lernen zu können, und alles, was die Natur und das Leben uns entgegenbringt, so zu betrachten, daß wir etwas lernen, aber nicht nur so lernen, daß wir etwas wissen, sondern so, daß wir immer besser, innerlich wertvoller werden, dann nehmen wir an Weisheit zu, dann wird es so mit unserem Seelenleben, daß das, was wir erlebt haben, nicht wertlos an uns vorübergegangen ist.

[ 12 ] In Wertlosigkeit geht das Leben an uns vorüber, wenn wir Jahrzehnte verlebt haben und irgend etwas, das wir erlebt haben, in einem späteren Zeitpunkt ebenso beurteilen, wie es von uns in einem früheren Lebensalter beurteilt worden ist. Wenn wir unser Leben so zubringen, dann stehen wir der Weisheit am allerfernsten. Das Karma mag es mit sich gebracht haben, daß wir in der Jugend zornig geworden sind, daß wir dieses oder jenes bei den Menschen schlecht beurteilt haben. Wenn wir das so beibehalten, so haben wir unser Leben schlecht angewendet. Gut haben wir es angewendet, wenn wir, falls wir in der Jugend abfällig geurteilt haben, in einem bestimmten Alter nicht abfällig, sondern verständnisvoll, verzeihend urteilen, wenn wir uns bemühen, begreifen zu wollen. Wenn wir so geboren sind, daß uns gewisse Dinge in Jähzorn gebracht haben und wir im Alter nicht immer noch in Jähzorn kommen wie in der Jugend, wenn uns unser Jähzorn durch das, was uns das Leben gelehrt hat, verlassen hat und wir milder geworden sind, dann haben wir das Leben im Sinne der Weisheit angewendet. Wenn wir in der Jugend Materialisten gewesen sind, dann aber haben einwirken lassen dasjenige, was uns die Zeit an Offenbarungen aus der geistigen Welt hat sagen wollen, dann haben wir unser Leben im Sinne der Weisheit angewendet. Wenn wir uns den Offenbarungen der geistigen Welt verschließen, dann haben wir unser Leben nicht im Sinne der Weisheit angewendet.

[ 13 ] In dieser Weise bereichert werden, mehr Horizont gewinnen, das können wir die Anwendung des Lebens im Sinne der Weisheit nennen. Und das, was uns die Geisteswissenschaft geben will, ist geeignet, daß wir uns dem Leben gegenüber aufschließen, daß wir im Leben weiser werden. Weisheit ist etwas, was im eminentesten Sinne dem menschlichen Egoismus entgegentritt. Weisheit ist etwas, was immer rechnet mit dem Gange der Weltereignisse. Wir lassen uns deshalb durch den Gang der Weltereignisse belehren, weil wir dadurch von dem engen Urteil, das unser Ich faßt, abkommen. Ein weiser Mensch kann im Grunde genommen nicht egoistisch urteilen, denn wenn man von der Welt lernt, lernt man die Welt verstehen, lernt man, aus der Welt heraus sich sein Urteil korrigieren zu lassen, so daß uns die Weisheit gleichsam herausreißt aus dem engen, beschränkten Gesichtskreis und mit sich in Einklang bringt. So könnte noch vieles angeführt werden, was uns allmählich eine Beschreibung der Weisheit liefern könnte. Nicht nach einer Definition solcher Begriffe sollen wir trachten, sondern wir sollen uns offen lassen das Gemüt, so daß wir, auch über die Weisheit, immer weiser werden können.

[ 14 ] Hier in der physischen Welt muß nun alles, was der Mensch im Wachleben zu durchleben hat, sich der Werkzeuge der äußeren physischen und ätherischen Natur bedienen. Wir sind als Menschen zwischen der Geburt und dem Tode nur, wenn wir schlafen, mit unserem seelischen Wesen, insofern es Ich und astralischer Leib ist, außerhalb unseres physischen und Ätherleibes. Wenn wir im bewußten Wachzustande sind, dann bedienen wir uns der Werkzeuge unseres physischen und unseres Ätherleibes. Insofern wir uns mit Weisheit erfüllen, insofern wir trachten, in unserem Handeln und Denken, unserem Fühlen und Empfinden im Sinne der Weisheit zu leben, bedienen wir uns derjenigen Organe unseres physischen und Ätherleibes, welche gewissermaßen die allervollkommensten innerhalb unseres Erdenlebens sind, derjenigen Organe, die zu ihrem Fertigwerden am längsten gebraucht haben, die von Saturn, Sonne und Mond schon vorbereitet und als Erbschaft herübergekommen sind in unser Leben und einen gewissen Abschluß erfahren haben.

[ 15 ] Ich möchte Ihnen von einer andern Seite her noch einen Begriff geben von dem, was man unter mehr oder weniger vollkommenen Organen verstehen kann. Nehmen Sie einmal auf der einen Seite unser Gehirn. Das Gehirn ist noch nicht das vollkommenste Organ, aber wir können es immerhin vollkommener nennen als andere Organe, denn es hat zu seiner Entwickelung länger gebraucht als diese andern Organe. Vergleichen wir das Gehirn mit unserem mittleren Körper, an dem wir die Hände haben. Wenn wir uns vornehmen, mit den Händen etwas zu tun, so haben wir den Gedanken: Ich strecke die Hand aus, ich nehme die Vase, ich ziehe die Hand zurück. Was habe ich da getan? Ich habe nicht nur die physische Hand, sondern auch die äthetische und die astralische Hand und ein Glied meines Ich ausgestreckt, aber die physische Hand ist mitgegangen.

[ 16 ] Wenn ich bloß denke, nur Gedanken hege, dann kann das hellsichtige Bewußtsein sehen, wie auch etwas wie geistige Arme sich herausstreckt aus dem Kopfe, aber das physische Gehirn bleibt in der Schale darinnen. Geradeso wie meine ätherische und astralische Hand zu meiner physischen gehört, so gehört auch etwas Ätherisches und Astralisches zu dem Gehirn. Das Gehirn kann nicht folgen, die Hände können aber folgen. In einer späteren Zeit werden die Hände aber auch einmal fest sein, und wir werden später einmal nur deren astralischen Teil bewegen können. Die Hände sind auf dem Wege, das zu werden, was das Gehirn heute schon ist. In früheren Zeiten, während der alten Sonnen- und Mondenzeit, war dasjenige, was sich heute vom Gehirn aus ausstreckt und nur geistig ist, auch noch begleitet von dem physischen Organ. Es hat jetzt sich nur die Schädelhülle darübergespannt, so daß das physische Gehirn darin festgebannt ist während der Erdenentwickelung. Das Gehirn ist ein Organ, das mehr Stadien der Entwickelung durchgemacht hat. Die Hände sind auf dem Wege, ähnlich zu werden wie das Gehirn, denn der ganze Mensch ist auf dem Wege, ein Gehirn zu werden. Es gibt also Organe, die vollkommener sind, die sich mehr von der Entwickelung abgeschlossen haben, und solche, die weniger vollkommen sind. Die vollkommensten Organe werden gebraucht von dem, was wir vollbringen in Weisheit. Unser gewöhnliches Gehirn wird eigentlich nur als Werkzeug für die niederste Form der Weisheit gebraucht, für die irdische Klugheit. Aber je mehr wir Weisheit erwerben, desto weniger sind wir angewiesen auf unser großes Gehirn, desto mehr ziehen sich, was die äußere Anatomie nicht weiß, die Tätigkeiten zurück auf unser kleines Gehirn, auf das, was in unserem Schädel eingeschlossen ist als kleines Gehirn, das wie ein Baum aussieht. Wir Menschen befinden uns dann, wenn wir weise geworden sind, wenn wir Weisheit geworden sind, tatsächlich unter einem «Baume», der unser kleines Gehirn ist und der dann insbesondere anfängt, seine Tätigkeit zu entfalten.

[ 17 ] Stellen Sie sich einmal vor, ein besonders weise gewordener Mensch streckt die Organe seiner Weisheit wie die Äste eines Baumes mächtig hinaus. Sie haben ihre Quelle im kleinen Gehirn, das sitzt in der Schädelhülle darin, aber die geistigen Organe erstrecken sich hinaus, und er ist unter dem Baume, dem Buddhibaume, in Realität, in geistiger Realität.

[ 18 ] Da sehen wir aber auch, daß dasjenige, was wir in Weisheit tun, das Geistigste an uns ist, oder wenigstens zum Geistigsten gehört, denn die Organe ruhen schon. Wenn wir mit der Hand etwas tun, so müssen wir noch einen Teil der Kräfte auf die Bewegung der Hand verwenden. Wenn wir in Weisheit etwas beurteilen, in Weisheit etwas entscheiden, da bleiben die Organe ruhig, da wird auf das physische Organ keine Kraft mehr verwendet, da sind wir geistiger, und diejenigen Organe, die wir auf dem physischen Plan anwenden, um in Weisheit zu leben, sind diejenigen, auf die wir die wenigste Kraft anzuwenden brauchen, die gewissermaßen schon die vollkommensten sind.

[ 19 ] Daher ist die Weisheit etwas im sittlichen Menschenleben, was den Menschen sich erleben läßt auf geistige Art. Damit hängt zusammen, daß das, was der Mensch an Weisheit erwirbt, ihn fähig macht, aus seinen früheren Inkarnationen die möglichst größten Früchte zu ziehen. Weil wir im Geistigen ohne Anstrengung physischer Organe in Weisheit leben, sind wir durch das Weisheitsleben auch am meisten fähig, das, was wir uns in früheren Inkarnationen erworben haben, für dieses Leben fruchtbar zu machen, herüberzubekommen aus früheren Inkarnationen diese Weisheit.

[ 20 ] Für einen Menschen, der nicht weise werden will, haben wir im Deutschen einen guten Ausdruck. Wir nennen ihn einen Philister. Ein Philister ist ein solcher Mensch, der sich gegen das Weisewerden sträubt, der sein ganzes Leben lang so bleiben will, wie er ist, der nicht zu einem andern Urteil kommen will. Ein Mensch aber, der weise werden will, bestrebt sich, dasjenige, was er an Arbeit in früheren Inkarnationen geleistet und aufgespeichert hat, aus den früheren Inkarnationen herüberzubringen. Je weiser wir werden, desto mehr bringen wir aus früheren Inkarnationen in die gegenwärtige herüber, und wenn wir nicht weise werden wollen, so daß wir das Weisewerden von früheren Inkarnationen brach liegen lassen, dann kommt einer, der es absägt: Ahriman.

[ 21 ] Niemand will es lieber als Ahriman, daß wir nicht weiser werden. Die Kraft haben wir. Wir haben viel, viel mehr in den früheren Inkarnationen erworben, als wir glauben, viel mehr erworben in den Zeiten, in denen wir durch die alten Hellseherzustände durchgegangen sind. Ein jeder könnte viel weiser werden, als er wird. Es darf sich niemand damit ausreden, daß er nicht viel herüberbringen konnte. Weisewerden heißt, das, was man in früheren Inkarnationen erworben hat, herausbringen, so daß es uns erfüllt in dieser Inkarnation.

[ 22 ] Eine andere Tugend ist diejenige, welche wir mit einem Worte, das eigentlich schwer zu bilden ist, die mutartige Tugend nennen können. Sie ist von derartiger Gemütsverfassung, daß sie dem Leben gegenüber nicht passiv bleibt, sondern geneigt ist, die Kräfte anzuwenden. Die mutartige Tugend kommt, wie man sagen könnte, aus dem Herzen. Von einem solchen, der diese Tugend im gewöhnlichen Leben hat, kann man sagen: Er hat das Herz auf dem rechten Fleck. — Und das ist auch ein guter Ausdruck dafür, wenn wir imstande sind, nicht feige uns zurückzuziehen von den Dingen, die das Leben von uns verlangt, sondern wenn wir fähig sind, uns in die Hand zu nehmen, einzugreifen verstehen, wo es notwendig ist. Wenn wir in solcher Weise unsere Aktivität in Bewegung zu setzen geneigt sind, kurz, wenn wir wacker sind — der Ausdruck «wacker» ist auch ein guter für diese Tugend —, dann haben wir diese Tugend des wackeren Lebens. Man könnte auch sagen, diese Tugend, die mit einem gesunden Gemütsleben zusammenhängt, das im richtigen Momente die Tapferkeit erzeugt, deren Fehlen die Feigheit im Leben mit sich bringt, diese Tugend kann natürlich im physischen Verlaufe des Lebens nur durch gewisse Organe geübt werden. Diese Organe, zu denen das physische und das Ätherherz gehört, sind solche, welche nicht so vollendet sind wie diejenigen, die der Weisheit dienen. Diese Organe sind noch auf dem Wege, anders zu werden, und werden auch in Zukunft anders werden.

[ 23 ] Zwischen dem Gehirn und dem Herzen ist ein großer Unterschied in bezug auf das kosmische Werden. Nehmen Sie einmal an, ein Mensch geht durch die Pforte des Todes, geht durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sein Gehirn ist überhaupt ein Götterprodukt. Das Gehirn ist von Kräften durchzogen, die, wenn man durch die Pforte des Todes geht, eigentlich ganz fortgehen und beim nächsten Leben wird dann das Gehirn vollständig neu aufgebaut, auch die inneren Kräfte dazu, nicht nur das Materielle. Also auch die Kräfte dazu werden neu aufgebaut. Das ist beim Herzen nicht der Fall. Beim Herzen liegt die Sache so, daß nicht das physische Herz, wohl aber die Kräfte, die im physischen Herzen tätig sind, bestehen bleiben. Diese Kräfte gehen zurück in das Astralische und in das Ich und bleiben auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Dieselben Kräfte, die in unserem Herzen darinnen klopfen, klopfen auch das nächste Mal bei unserer neuen Inkarnation. Das, was im Gehirn funktioniert, ist fort, das kommt nicht in einer nächsten Inkarnation heraus. Aber die Kräfte, die das Herz durchzucken, sind auch in der nächsten Inkarnation wieder da. Wenn wir in ein Haupt hineinschauen, können wir sagen: Darin funktionieren unsichtbare Kräfte, die das Gehirn zusammensetzen. Aber wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, werden diese Kräfte dem Kosmos übergeben. Wenn wir aber den Herzschlag eines Menschen vernehmen, vernehmen wir geistige Kräfte, die nicht nur in dieser Inkarnation vorhanden sind, sondern auch in einer nächsten Inkarnation leben werden, die hindurchgehen durch den Tod und durch die neue Geburt.

[ 24 ] Solche Dinge ahnte das Volksgemüt in wunderbarer Weise. Daher legt es so viel Wert auf das Fühlen des Herzschlages, nicht weil man den physischen Herzschlag so sehr wertschätzt, sondern weil wir auf ein viel Ewigeres blicken, wenn wir den Herzschlag eines Menschen in Betracht ziehen. Wenn wir die Tugend des Mutartigen, des Wakkeren haben, so können wir nur einen Teil von gewissen Kräften für dieses Mutartige verwenden. Den andern Teil müssen wir verwenden für die Organe, die als Werkzeug für das Mutartige dienen. Das sind Organe, für die wir immer noch ein Stück der Kräfte verwenden müssen. Sind wir nicht mutartig begabt, entwickeln wir die Tugend der Wackerheit nicht, lassen wir uns gehen, treten wir feige vom Leben zurück, überlassen wir uns der Schwere unseres Wesens, dann können wir nicht diejenigen Kräfte beleben, die mitleben müssen mit der Auslebung der Tugend der Wackerheit, des Mutartigen.

[ 25 ] Während wir feige im Leben dastehen, bleiben auch die Kräfte untätig, die unser Herz durchzucken sollen. Sie sind eine Saat für Luzifer. Der bemächtigt sich ihrer, und wir haben sie dann im nächsten Leben nicht. Feige sein dem Leben gegenüber bedeutet, Luzifer eine Anzahl Kräfte auszuliefern, die uns fehlen, wenn wir in unserer nächsten Inkarnation unsere Herzen aufbauen wollen, die eigentlich die Organe, die Werkzeuge des Mutartigen sind. Wir kommen mit defekten, unausgebildeten Organen zur Welt.

[ 26 ] Die dritte Tugend, die mit den unvollkommensten Organen rechnet,, denjenigen, die erst in der Zukunft eine Gestalt bekommen werden, zu der sie jetzt nur den Keim enthalten, ist diejenige, die man nennen kann: die Besonnenheit. Man kann sie auch, in einer gewissen Schattierung, das maßvolle Leben nennen. Dann haben wir also drei Tugenden: Weisheit, Tapferkeit oder Wackerheit, Besonnenheit. Auch die Mäßigkeit könnte man Besonnenheit nennen.

[ 27 ] Unbesonnen kann man nun in der verschiedensten Weise sein. Unbesonnen kann man dadurch sein, daß man sich überißt und übertrinkt. Das ist die niedrigste Art der Unbesonnenheit. Da geht das Seelische ganz unter in der leiblichen Begierde, und wir leben uns ganz in unserem Leibe aus. Wenn wir aber unsere Begierde in die Hand nehmen, wenn wir geradezu befehlen dem Leibe, was er tun darf und nicht tun darf, dann sind wir besonnen, man kann auch sagen: mäßig. Und dann behalten wir durch solche Mäßigkeit auch diejenigen Kräfte in der richtigen Ordnung, die mitwirken sollen, daß wir in der nächsten Inkarnation die betreffenden Organe nicht dem Luzifer ausliefern. Denn wir liefern die Kräfte dem Luzifer aus, die wir ausgeben durch Hingabe an ein leidenschaftliches Leben. Am schlimmsten dann, wenn uns die Leidenschaften in einen Rauschzustand versetzen, wenn wir uns wohl fühlen bei dem Dahinträumen und dem Dahinduseln.

[ 28 ] Da, wo wir unsere Besonnenheit verlieren, geben wir immer Kräfte dem Luzifer hin. Diese Kräfte nimmt er, aber damit nimmt er uns auch die Kräfte, welche wir für die Atmungs- und Verdauungsorgane brauchen, und wir kommen dann mit schlechten Atmungs- und schlechten Verdauungsorganen wieder, wenn wir nicht die Tugend der Mäßigkeit üben. Diejenigen, welche es lieben, sich hinreißen zu lassen von ihrem Begierdeleben, die sich ihrem Leidenschaftsleben hingeben, sind die Kandidaten für die dekadenten Menschen der Zukunft, für diejenigen Menschen der Zukunft, die unter allen möglichen Fehlern ihres physischen Leibes leiden werden.

[ 29 ] Man kann sagen, diese Tugend der Besonnenheit ist angewiesen auf die unvollkommensten Organe der Menschen, auf die Organe, die im Anfangsstadium des Werdens sind, die sich noch ganz wesentlich umformen müssen. Wenn wir auf unsere Verdauungsorgane und auf das, was damit zusammenhängt, sehen, müssen wir, um diese in Bewegung zu setzen, das Ich, den astralischen Leib, den Ätherleib und den physischen Leib anwenden. Wenn wir zu den Organen, die die Werkzeuge für das Mutartige sind, übergehen, dann ist die Sache schon anders. Da bleiben wir mit unserem Ich mehr oder weniger draußen, in dem bewegen wir uns frei, und nur unser Astralisches und unser Ätherisches geht in das Physische hinein. Wenn wir gar zu den Tugenden kommen, die die Weisheit umfaßt, da behalten wir das Ich und den astralischen Leib frei draußen. Denn indem wir weiser und weiser werden, organisieren wir den astralischen Leib, bekommen wir den astralischen Leib in die Hand. Das ist das Wesentliche, daß wir beim Weiserwerden das Astralische in das Geistselbst umbilden, und es geht nur das Ätherische mit dem Physischen zusammen. Im Gehirn ist das Ätherische nur mit dem Physischen zusammen. Und während wir beim Wachen in bezug auf den übrigen Leib sehr stark zusammenhängen wenigstens mit dem astralischen, mit dem physischen Organ, behalten wir für das Gehirn den Zustand, in dem wir im Schlafe sind, am meisten bei. Daher brauchen wir für das Gehirn den physischen Schlaf am meisten. Denn wenn wir wach sind, sind wir mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe auch außerhalb des Gehirns, und die müssen sich dann am meisten anstrengen in sich selber, ohne daß sie eine Stütze haben an dem äußeren Organ.

[ 30 ] So finden wir einen Zusammenhang zwischen unserem menschlichen Wesen und den Tugenden. Wir können die Weisheit eine Tugend nennen, die dem Menschen als geistiges Wesen zukommt, wo er mit seinem Ich und seinem astralischen Leibe frei tätig ist und in dem physischen und ätherischen Organe nur eine Art Rückhalt hat. Wir können das Mutartige als Tugend nennen, da, wo der Mensch nur mit seinem Ich frei ist und in seinem astralischen, seinem ätherischen und seinem physischen Leibe seine Stütze hat. Wir können endlich von der Besonnenheit sprechen, wo wir mit unserem Ich-Keim frei werden, wo wir gebunden sind mit unserem Ich an den astralischen, ätherischen und physischen Leib und uns mit unserem Ich aus dieser Gebundenheit herausarbeiten.

[ 31 ] Dann aber gibt es eine Tugend, welche am allergeistigsten ist. Diese geistigste Tugend steht gewissermaßen mit dem Gesamtmenschen in gewisser Beziehung. Es gibt eine Handhabe des menschlichen Wesens, die wir im Grunde frühzeitig verlieren, die wir nur in den ersten Kinderjahren haben. Ich habe das schon öfter erwähnt, was hier vorliegt. Es ist ja so, daß wir, wenn wir den physischen Plan betreten, nicht dieselbe Lage haben, die wir zu unserer Menschenwürde brauchen: Wir kriechen auf allen vieren. Ich habe aufmerksam darauf gemacht, daß wir uns erst durch unsere eigene Kraft in die richtige Lage bringen und aufrichten. Ebenso entwickeln wir uns durch die Kräfte, die in die Sprache hineingehen. Kurz, in den ersten Jahren unseres Lebens entwickeln wir Kräfte, welche uns im wesentlichen — geben Sie acht auf den Ausdruck — hinrichten in die Lage, die wir als wahre Menschen in der Welt haben. Wir kommen nicht so zur Welt, daß wir «richtig» in die Welt hineingerichtet sind. Wir kriechen. Aber wir sind richtig hineingesetzt, wenn wir das Haupt hinausrichten zu den Sternen. Das entspricht inneren Kräften.

[ 32 ] Diese Kräfte verlieren wir im späteren Leben. Sie treten nicht mehr auf. Es tritt nichts mehr auf, was in ähnlicher Weise so energisch in das Menschenleben eingreift wie das Gehenlernen und das Aufrechtstehen. Wir ermüden immer mehr und mehr in bezug auf das UnsAufrechterhalten. Wenn wir frühmorgens anfangen, mit unserem Gehirn zu leben, so werden wir, wenn wir den Tag vollbracht haben, müde, wir haben das Bedürfnis des Schlafes. Dasjenige, was uns in der Kindheit aufrichtet, wenn wir müde sind, bleibt das ganze Leben lang ziemlich müde und geht in eine Schlaffheit hinein, und so etwas Ähnliches wie das Aufrichten in der Kindheit wenden wir im späteren Leben nicht mehr an.

[ 33 ] Und wie richten wir uns hinein in das Leben, wenn wir die Sprache lernen? Auch wenn wir sprechen lernen, wirken Richtekräfte mit. Dieselben Kräfte, die wir in frühester Kindheit anwenden, gehen uns aber während des späteren Lebens nicht etwa verloren. Sie bleiben uns, nur hängen sie mit einer Tugend zusammen, mit der Tugend, die mit dem Richtigen, dem Rechten zusammenhängt, mit der Tugend der allumfassenden Gerechtigkeit, der vierten Tugend. Dieselbe Kraft, die wir gebrauchen als Kind, wenn wir uns vom kriechenden Wesen aufrichten, lebt in uns, wenn wir die Tugend der Gerechtigkeit, die vierte der von Plato angeführten, haben.

[ 34 ] Wer wirklich die Tugend der Gerechtigkeit übt, stellt ein jedes Ding, ein jedes Wesen an den richtigen Platz hin, geht aus sich heraus und in die andern hinein. Das heißt, in der allumfassenden Gerechtigkeit leben. In der Weisheit leben, heißt, die besten Früchte ziehen aus den Kräften, die wir in früheren Inkarnationen aufgespeichert haben. Und wenn wir da schon hinweisen mußten auf dasjenige, was uns in den früheren Inkarnationen zuteil war, wo noch göttliche Kräfte uns durchzogen, müssen wir bei der Gerechtigkeit noch mehr darauf hinweisen: Wir stammen aus dem Kosmos. Gerechtigkeit üben wir, wenn wir die Kräfte entfalten, durch die wir mit dem ganzen Kosmos, aber in geistiger Beziehung, zusammenhängen. Die Gerechtigkeit stellt das Maß dazu dar, wie ein Mensch mit dem Göttlichen zusammenhängt. Die Ungerechtigkeit ist, praktisch, gleich dem Gottlosen, gleich dem, der seinen göttlichen Ursprung verloren hat, und wir lästern Gott, den Gott, von dem wir abstammen, wenn wir irgendeinem Menschen Unrecht tun.

[ 35 ] So haben wir zwei Tugenden, die Gerechtigkeit und die Weisheit, die uns zurückweisen auf das, was wir in früheren Zeiten, in andern Inkarnationen waren, in den Zeiten, als wir selbst noch im Götterschoße gewesen sind. Und zwei andere Tugenden haben wir, das mutartige und das besonnene Leben, die uns hinweisen auf spätere Inkarnationen. Diesen führen wir um so mehr Kräfte zu, je weniger wir Luzifer geben. Wir haben gesehen, wie das Mutartige und das Besonnene in die Organe hineingehen und wie dadurch die Organe für die nächste Inkarnation zubereitet werden. Ebenso dehnt sich sittliches Leben über das zukünftige Leben aus, wenn wir uns mit Geistigkeit erfüllen. Zwei Tugenden leuchten hin über die verflossenen Inkarnationen: Weisheit und Gerechtigkeit. Tapferkeit und Besonnenheit aber leuchten hin über die zukünftigen Inkarnationen.

[ 36 ] Die Zeit wird kommen, wo der Mensch sich klar sein wird, daß er sich dem Ahriman in den Rachen wirft, wenn er sich gegenüber der Gerechtigkeit und der Weisheit verschließt. Das, was in früheren Inkarnationen sein war, was der göttlichen Welt angehört hat, würde er dem Luzifer hinwerfen durch das, was er in Unbesonnenheit oder Feigheit des Lebens vollbringt. Was Luzifer erhascht, wird uns an Kräften für den Aufbau unseres Leibes im nächsten Leben entzogen.

[ 37 ] Weisheit und Gerechtigkeit können wir nicht üben, ohne daß wir, wie schon angedeutet, selbstlos werden. Derjenige kann nur ungerecht sein, der selbstsüchtig ist. Derjenige kann nur unweise bleiben wollen, der selbstsüchtig ist. Weisheit und Gerechtigkeit führen uns über unser Selbst hinaus und machen uns zu Gliedern des gesamten Menschheitsorganismus. Die Tapferkeit oder Wackerheit oder das Mutartige und die Besonnenheit machen uns in gewisser Weise zu Gliedern des gesamten Menschheitsorganismus. Nur dadurch, daß wir Mut und Besonnenheit erleben, daß wir mit ihnen unser Leben verbringen, sorgen wir dafür, daß wir uns in der Zukunft in die Menschheit mit einer stärkeren Organisation hineinstellen. Entzogen wird uns dann nicht dasjenige, was wir sonst dem Luzifer hinwerfen. Der Egoismus verwandelt sich von selber in Selbstlosigkeit, wenn er im richtigen Sinne ausgedehnt wird über den gesamten Horizont des Lebens und der Mensch sich in das Licht der vierten Tugend stellt. Das ist dasjenige, was die spirituelle Weisheit der menschlichen Zukunft bringen wird, was sich ausdehnen wird auf die Ethik und auf das sittliche Leben. Das wird dann auch einfließen in die Pädagogik. Dadurch, daß die Weisheit und die Gerechtigkeit so aufgefaßt werden, wie ich es angedeutet habe, wird man das ganze Leben hindurch lernen wollen. Man wird sehen, daß man erst dann richtig lernen muß, wenn man die Jugend hinter sich hat, während jetzt die Menschen so denken, daß sie, nachdem sie die Jugend hinter sich haben, nichts mehr zu lernen brauchen. Es gehen so selbst die größten und edelsten Früchte der Kunst, der großen Dichter der Menschheit verloren. Sie würden am besten in uns aufgehen, wenn wir als alte Leute wieder deren Werke hernähmen. Wenn die Leute die «Iphigenie» von Goethe oder Schillers «Tell» lesen, so meinen sie gewöhnlich: Das haben wir ja schon in der Schule gelesen. — Das ist aber nicht richtig, denn man darf nicht vergessen, daß diese Werke am besten wirken, wenn man sie im Alter liest, denn dann dienen sie der Gerechtigkeit und der Weisheit.

[ 38 ] Und wiederum wird auch die Kindheitspädagogik besondere Früchte tragen, wenn man die Tugend des Mutartigen und die Tugend der Besonnenheit im richtigen Lichte sehen wird. Diese Tugenden müssen da, wo man Kinder zu erziehen hat, individuell berücksichtigt werden, dadurch, daß man die Kinder immer wieder darauf hinweist, daß sie das Leben wacker ergreifen, daß sie nicht vor allem möglichen sich scheuen, allem möglichen gegenüber sich zurückziehen, und daß sie das Leben in Besonnenheit und Mäßigkeit auffassen, damit sie allmählich von ihren Leidenschaften hinwegkommen. Das ist dasjenige, womit man ungeheuer viel für die Kindererziehung tun kann. Diese Dinge werden wir im späteren Verlaufe unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen immer mehr auszuführen haben.

[ 39 ] So sehen wir, wie dasjenige, was im sittlichen Leben der Menschheit sonst nur für den äußeren, physischen Plan, für das Leben zwischen der Geburt und dem Tode Gesetze hat, durch die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen über einen unendlich weiten Horizont ausgedehnt wird. Es ist auch da so, wie es mit den übrigen Dingen in der Geisteswissenschaft ist. Hat doch auch die Menschheit in bezug auf die Naturwissenschaft es durchmachen müssen, daß ihr Horizont erweitert worden ist. Giordano Bruno weist die Menschen darauf hin, daß nicht nur die Erde da ist, sondern daß noch viele andere Welten draußen im Weltenraume da sind. Die Geisteswissenschaft weist die Menschen darauf hin, daß nicht nur ein Erdenleben da ist, sondern daß viele Erdenleben da sind. Die Menschen vor Giordano Bruno haben geglaubt, daß da oben eine Grenze sei. Giordano Bruno hat darauf aufmerksam gemacht, daß da keine Grenze ist, daß das Blaue des Himmels keine Grenze darstellt. Die Geisteswissenschaft zeigt, daß Geburt und Tod gar nicht da sind, sondern daß wir sie hineinsetzen in das Leben durch die Eingeschränktheit unseres Begreifens.

[ 40 ] So wird die Kluft zwischen dem Physischen und dem Geistigen überbrückt. Und so sind die Dinge, die auf geisteswissenschaftlichem Boden stehen, für diejenigen, die einen wirklichen, einen wahrhaftigen Monismus begründen. Diejenigen, die sich heute oftmals Monisten nennen, machen es mit ihrem Monismus sehr einfach. Sie nehmen den einen Teil der Welt und machen ihn zu einer Einheit, indem sie die andere Hälfte der Welt wegwerfen. Wahrer Monismus entsteht dadurch, daß man die beiden Hälften sinngemäß ineinanderfließen läßt. Dies geschieht durch die Geisteswissenschaft. Aber nicht nur, daß dies sinngemäß im Bewußtsein entsteht, sondern es muß entstehen für unser ganzes Leben. Immer mehr müssen wir dazukommen, wirklich zu wissen, wenn wir hinausschauen in die Welt: Da ist um uns herum, in alledem, was lebt und wirkt, etwas Übersinnliches, nicht nur in dem, was unser Auge sieht, sondern auch in dem, was der Verstand wahrnehmen kann, der an das Gehirn gebunden ist. Überall sind geistige Kräfte, hinter jeder Erscheinung, hinter der Erscheinung des Regenbogens, hinter der Bewegung der Hand und so weiter.

[ 41 ] Wenn Sie nachlesen den Zyklus von Vorträgen, den ich um die Jahreswende vorigen Jahres in Leipzig gehalten habe, werden Sie finden, wie der Christus-Impuls durchgewirkt hat durch das Mysterium von Golgatha, wie der Christus in den wichtigsten Menschheitsangelegenheiten lebt, nicht nur in dem, was die Menschen gewußt haben. Da haben sie sich zum Beispiel über Dogmen gezankt. Während sie sich aber zankten, lebte der Christus-Impuls sich durch und bewirkte das, was geschehen sollte.

[ 42 ] Nehmen wir die Gestalt der Jungfrau von Orleans. In der Entwickelung Europas tritt das einfache Hirtenmädchen auf. Merkwürdig tritt sie auf, so daß in ihrer Seele nicht nur diejenigen Kräfte leben, die man sonst eigentlich im Menschen hat, sondern daß in dieser Persönlichkeit der Christus-Impuls wirkt und sie durch seinen mächtigen Impuls belebt und trägt. Sie wurde gleichsam eine Darstellung des Christus-Impulses selber für ihre Zeit. Das konnte sie nur, indem der Christus-Impuls in ihr Platz griff.

[ 43 ] Sie wissen, daß wir das Weihnachtsfest feiern in der Zeit, wo die Sonnenkraft am geringsten ist, im tiefsten Dunkel der Winterszeit, weil wir da überzeugt sein können, daß das innere Licht, das geistige Licht die größte Intensität hat.

[ 44 ] Alte Sagen erzählen uns, daß über Weihnachten bis zum 6. Januar Leute etwas ganz Besonderes durchgemacht haben, weil da das Erdenleben und die inneren Kräfte der Erde am konzentriertesten sind. Die, welche dazu veranlagt sind, erleben da in der Tat die geistigen Kräfte in den Erdenkräften. Zahllose Sagen bekunden uns das. Die beste Zeit dafür sind die dreizehn Tage vor dem 6. Januar.

[ 45 ] Die Jungfrau von Orleans hat in einem besonderen Zustande diese dreizehn Tage verbracht, in einem Zustande, wo ihr Gemüt noch nicht empfänglich war für die äußere Welt. Sonderbarerweise fällt die Zeit, in der die Jungfrau von Orleans im Leibe der Mutter getragen wurde, so, daß sie ablief in der Weihnachtszeit im Jahre 1411. Sie wurde geboren, nachdem sie die letzten dreizehn Tage im Leibe der Mutter zugebracht, am 6. Januar. Bevor sie den ersten Atemzug getan hat, bevor sie mit dem physischen Auge das physische Licht gesehen hat, erlebte sie das Irdische in den dreizehn Tagen in dem Schlafe, den der Mensch durchmacht, bevor er die physische Welt betritt. |

[ 46 ] Ich deute hier auf eine ungeheuer bedeutsame Sache hin, die zeigt, wie die Welt von dem Spirituellen aus regiert wird, wie das, was äußerlich in der physischen Welt geschieht, in der Richtkraft der geistigen Welt dirigiert wird, wie unter dem Physischen die geistige Welt fließt.

[ 47 ] So müssen wir in der jetzigen Zeit immer bewußter durch die Geisteswissenschaft die Kluft zwischen dem Physischen und dem Geistigen hinwegräumen. Auf einem Gebiete tun wir das für das Leben, wenn wir uns bewußt werden, daß gerade innerhalb unserer Bewegung die Kräfte derjenigen sind, die Seele und Leib während ihres irdischen Lebens vereint haben mit unserer Bewegung und durch die Pforte des Todes gegangen sind. Wenn wir hinblicken auf das andere Ufer des Stromes, wo sie tätig sind und uns mit ihnen vereint fühlen und unsere Gedanken auf sie richten, dann tun wir das aus vollem Bewußtsein heraus, dem Bewußtsein, das wir uns durch die Geisteswissenschaft aneignen. Wir wissen uns im lebendigsten Zusammenhange mit denjenigen, die dutch die Pforte des Todes gegangen sind, und wir wissen sie als die besten Kräfte unter uns. Wenn wir dies tun oder denken können, so betrachten wir das Leben als ein Saatfeld. Zwischen dem, was wir selber pflanzen, sehen wir überall darinnen diejenigen Pflanzen, die heraufsprießen, ohne daß wir selber sie aufsprießen lassen konnten. Und dann können wir wissen: Diese Pflanzen setzen diejenigen, welchen es vergönnt ist, in der Welt des Geistes zu sein, diejenigen, mit denen wir uns verbunden fühlen, mit denen wir eins werden.

[ 48 ] Eine Menschenbruderschaft auch mit denjenigen, die nicht mehr den physischen Leib tragen, das wird das charakteristische Zeichen dieser Bewegung sein und derjenigen, die sich als Glieder dieser Bewegung fühlen und in Zukunft sich zu ihr rechnen. Andere, nur auf das Irdische gebaute Gesellschaften werden manche Schranke zwischen Mensch und Mensch hinwegräumen. Die Schranken zwischen den Lebenden und den Toten werden immer mehr und mehr durch die Bewegung hinweggeräumt werden, welche die Menschen vereinigen wird, die sich im Zeichen der Geisteswissenschaft vereinigen wollen. Das wollen wir alle in unseren Seelen tragen und als bleibende Empfindung aufnehmen gerade das Charakteristische, das uns verbindet mit dieser uns teuer gewordenen geistigen Bewegung.