Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159
19 Februar 1915, Hanover
2. Der Durchgang des Menschen durch die Todespforte — Eine Lebenswandlung
Während der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern die folgenden Gedenkworte gesprochen:
[ 1 ] Die ersten Gedanken, die wir jetzt bei unserem Zusammensein in unseren Zweigen hegen, sollen gerichtet sein nach den Geistern, die jene beschützen, welche draußen stehen auf den Feldern, wo sie jetzt den großen Pflichten der Zeit mit Blut und Seele zu dienen haben. Wir wollen unsere Bitten richten an die schützenden Geister dieser Seelen, damit dasjenige, was wir aufbringen an bittender Liebe, hinausstrahlen und sich vereinigen kann mit der Kraft der diese Seelen auf den Feldern der Ereignisse schützenden Geister.
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 2 ] Und für diejenigen, welche schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 3 ] Und der Geist, den wir durch die Jahre unseres Strebens gesucht haben, er möge die Kraft, die er getragen hat durch das Mysterium von Golgatha, Euch erstrahlen lassen, damit Ihr Stärke habet zum Vollbringen desjenigen, was die großen Pflichten der Menschheit von Euch fordern. Der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Geist des Christus sei mit Euch!
[ 4 ] Es ist eine Zeit, wo in schneller Aufeinanderfolge durch die fast täglichen vielen Tode uns nahetritt des Menschen Zusammenhang mit der geistigen Welt, mit jener Welt, welche der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Und unter ganz besonderen Verhältnissen treten uns diese schnell aufeinanderfolgenden, fast gleichzeitigen Tode entgegen. Diese besonderen Verhältnisse sind dadurch gegeben, daß durch die Pforte des Todes zahlreiche Erdenmenschen gehen, welche unter den Verhältnissen, unter denen man im Grunde genommen sonst den Erdenmenschen stehend glaubt, noch jahrzehntelang auf dieser Erde hätten leben können. Und immer, wenn der Mensch gewissermaßen vorzeitig durch die Pforte des Todes schreitet, treten ja auch außerordentliche Verhältnisse ein.
[ 5 ] Wir wissen, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, zurückläßt, gleichsam dem Erdenelement übergibt dasjenige, was als sein physischer Leib von ihm abfällt. Wir wissen, daß dann als zweites der sogenannte Ätherleib in Betracht kommt, daß aber auch dieser sich von der in die geistigen Gebiete zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgehenden, aus dem Astralleib und dem Ich sich zusammensetzenden Individualität trennt; daß dieser Ätherleib gleichsam fortwirkt, abgetrennt von Ich und Astralleib. Dieser Ätherleib, der nun in die uns zunächststehende geistige Welt eintritt, die wir oftmals ätherische Welt genannt haben, dieser Ätherleib, von ihm können Sie sich denken, daß er anders aussieht bei einem solchen, der frühzeitig durch die Pforte des Todes geht, und anders bei jemand, der sein Leben bis ins hohe Alter hinein gelebt hat. Denn dieser Ätherleib, der bei einem frühzeitig Verstorbenen durch die Pforte des Todes zu gehen hat, er hätte unter normalen Verhältnissen noch viele Jahre, ja Jahrzehnte die Kraft gehabt, den physischen Leib mit Leben zu versorgen. Nun geht in der geistigen Welt ebensowenig eine Kraft verloren wie in der physischen Welt. Diese Kraft, die sonst den physischen Leib mit Leben versorgt, bleibt bestehen. So daß wir sagen können: Wenn jetzt Tausende doch fast jeden Tag durch die Pforte des Todes gehen, dann treten in die elementarische Welt Ätherleiber ein, die noch lebensfähig sind, die andere Kräfte in sich haben, als älter gewordene Ätherleiber. Was geschieht nun mit diesen noch lebensfähigen Ätherleibern?
[ 6 ] Ich habe gestern im öffentlichen Vortrag von der realen Volksseele gesprochen. Diese Volksseele ist eine wirkliche Wesenheit. Sie braucht gerade in unserer Zeit ganz besondere Kräfte. Sie braucht solche Kräfte auch zu andern Zeiten, selbstverständlich, aber ganz besonders in unserer Zeit. Diese Volksseele nimmt diese noch lebensfähigen Ätherleiber auf. Der Mensch selbst mit seinem Ich und Astralleib geht andere Wege — diejenigen Wege, welche ihn dann vorbereiten zu seinem nächsten Erdenleben. Aber diese Ätherleiber trennen sich von den menschlichen Individualitäten, sie gehen in das Wesen, in die Substanz der Volksseelen über. So daß wir nach einer solchen schicksaltragenden Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, einer Zeit entgegengehen, wo die Volksseele in sich enthält — wie in ihr befindliche lebendige Kräfte — die Ätherleiber, welche ihr von denjenigen übergeben worden sind, die in den Schlachten durch die Pforte des Todes gegangen sind. Eine Zeit rückt also heran, wo der Geisteswissenschafter wissen kann, daß unverloren ist dasjenige, was auf dem Altar der großen Zeitereignisse an Ätherleibern hingeopfert worden ist. Eine Zeit rückt heran, wo von der Volksseele eine wirksame Kraft ausstrahlt in die einzelnen Seelen hinein, von denen zugleich ausgeht dasjenige, was in den ersten, zweiten, dritten Jugendjahrzehnten zahlreiche Menschen hier auf der Erde aufgenommen haben, was sie durch viele Jahrzehnte noch hätten behalten können, was sie aber der Volksseele übergeben haben. Das wird in der Zukunft in den Kräften darin sein, welche die Volksseele in die einzelnen Seelen hineinträufelt, das ist unverloren.
[ 7 ] Führen wir uns das so recht zu Gemüt. Bedenken wir einmal, wie sich in unserem Gemüt beleben kann unser Bewußtsein von dem Zusammenhange mit der geistigen Welt, wenn wir dieses festhalten, daß man zukünftig wird sprechen können von der Volksseele so, daß in ihr die Früchte der Opfertode als wirksame Kräfte sind. Und ganz besonders wichtig wird das in der nächsten Zeit sein. Zu andern Zeiten wäre dies anders, für die nächste Zeit aber wird es aus einem ganz besonderen Grunde bedeutsam sein.
[ 8 ] Wir lebten in einer argen Zeit des Materialismus. Gleichsam waren die Seelen, die nicht an die Geisteswissenschaft herankommen konnten, eingetaucht in eine starke Aura des Materialismus. Diese Aura zu bekämpfen, wird die Aufgabe der Volksseele in der nächsten Zeit sein. Kräfte werden dieser Volksseele zur Bekämpfung des Materialismus dadurch zufließen, daß die Ätherleiber der Frühverstorbenen in dieser Volksseele weiterleben, eben als Kräfte weiterleben. Die stärksten Kämpfer gegen den Materialismus werden diese auf dem ‚Altar der Menschheitsentwickelung hingeopferten Ätherleiber sein.
[ 9 ] So müssen wir unterscheiden zwischen dem, was als einzelner Mensch durch die Gefilde der geistigen Welt zieht und mit der menschlichen Individualität vereinigt bleibt, von dem, was auf dem Umweg durch den Ätherleib an die Allgemeinheit abgegeben wird; was in der geistigen Allgemeinheit in dem hier angeführten Sinne in der Substanz der Volksgeister weiterwirkt.
[ 10 ] Besonders tief kann sich dies in unser Gemüt einprägen, wenn wir zwei Menschentypen in bezug auf diesen geistigen Unterschied vor unsere Seelen hinstellen: den auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger, der ganz hingegeben der Aufgabe seines Volkes durch die Pforte des Todes schreitet — der gewissermaßen in dem Augenblick, wo er das Schlachtfeld betritt, wo er sich nur entschließt, das Schlachtfeld zu betreten, sich auch entschließen muß, dem Tode ins Auge zu schauen —, und diesen Menschentypus vergleichen mit dem Asketen. Gerade wenn man ins Auge faßt, was im Menschenleben die Kräfte des Ätherleibes bedeuten, bekommt man eine Vorstellung von dem Unterschied des auf dem Schlachtfeld gefallenen Kriegers und des Asketen. Der Asket arbeitet an sich selbst. Er versucht, so an sich selbst zu arbeiten, daß er das Physische an sich völlig überwindet, daß er noch während der Zeit des Lebens von diesem Physischen frei wird. Dadurch, daß der Asket so arbeitet, vollzieht sich auch eine bedeutende Verwandlung an seinem Ätherleib. Er verbraucht sozusagen in der stärksten Weise die Kräfte dieses Ätherleibes, um sie sich einzuverleiben in sein Ich und seinen Astralleib. Was den Asketen frei macht vom Physischen, das kommt ganz der Individualität zugute, das dient der Umwandlung der Individualität. So daß ein solcher Mensch, der Asket wird, der Menschheit nur auf dem Umwege desjenigen dienen kann, was er aus sich macht. Derjenige aber, der sich vom physischen Leibe in früherer Jugendzeit dadurch frei macht, daß er den kriegerischen Forderungen sich zu ergeben hat, übergibt die Kräfte seines Ätherleibes der Allgemeinheit, er verleibt sie dem allgemeinen Wirken ein. Man muß diesen Unterschied fühlen, es ist ein bedeutsamer Unterschied. Er weist uns wiederum ein bißchen auf das hin, was als Realität im Menschenleben waltet. Und bedeutsam ist es auch, gerade hinzuschauen mit Rücksicht auf dasjenige, was der Ätherleib ist, auf das Durchgehen durch die Todespforte.
[ 11 ] In dem Augenblick, wo der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, ist er noch mit seinem Ätherleibe vereint. Was mit diesem geschieht, haben wir öfter geschildert. Diese Vereinigung mit dem Ätherleib gibt dem Menschen die Möglichkeit, so recht in allen Vorstellungen zu leben, welche das letzte Leben in ihm angefacht hat, ganz aufzugehen wie in einem mächtigen Tableau in all demjenigen, was ihm das letzte Leben gegeben hat. Aber es ist dieses ein Anschauen, das verhältnismäßig kurze Zeit dauert, das mit der Loslösung des Ätherleibes von Ich und Astralleib abglimmt. Ja man kann sagen, es beginnt gleich nach dem Moment des Todes ein Abglimmen, ein Immer-Schwächerwerden der Eindrücke, die noch von dem Besitz des Ätherleibes herrühren, und es macht sich dann dasjenige geltend, was nach dem physischen Tode maßgebend ist. Was da maßgebend ist, wird nur in geringerem Maße richtig vorgestellt von den Menschen, die sich Vorstellungen über das Leben nach dem Tode machen wollen. Es ist sogar schwierig, Worte zu prägen für jene ganz andersartigen Verhältnisse, gegenüber den Verhältnissen, die im physischen Leibe durchlebt werden. Man glaubt leicht, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, ein Bewußtsein sich erst wiederum erwerben müsse. So ist es eigentlich nicht. Was der Mensch durchmacht, wenn er durch die Pforte des Todes durchgeht, ist nicht ein Mangel an Bewußtsein. Mit dem Tode tritt nicht ein Mangel des Bewußtseins ein, das Gegenteil tritt ein. Ein Zuviel, eine Überfülle des Bewußtseins ist da, wenn der Tod eingetreten ist. Man lebt und webt ganz im Bewußtsein darin, und so wie das starke Sonnenlicht die Augen betäubt, so ist man zunächst vom Bewußtsein betäubt, man hat zuviel Bewußtsein. Es muß dieses Bewußtsein erst herabgedämmert werden, damit man sich orientieren kann in dem Leben, in das man nach dem Tode eingetreten ist. Das dauert längere Zeit, es geschieht nach und nach in der Weise, daß nach dem Tode immer mehr Momente eintreten, in denen das Bewußtsein eine solche Orientierung möglich macht; daß die Seele für eine mehr oder weniger kurze Zeit zu sich kommt und dann wiederum in eine Art schlafähnlichen Zustand eintritt, wie man es bezeichnen könnte. Dann werden nach und nach solche Momente immer länger, die Seele kommt immer mehr in solche Verhältnisse hinein, bis ein vollständiges Orientieren in der geistigen Welt da ist.
[ 12 ] Schwierigkeiten macht auch dieses, sich klare, deutliche Vorstellungen zu machen von der Art, wie der durch die Pforte des Todes Gegangene die Umwelt wahrnimmt. Wir haben in den letzten Wochen eine liebe anthroposophische Freundin durch Feuer bestattet, und nach dem Wunsch der Toten war mir die Aufgabe zugefallen, den an dem Orte des eingetretenen Todes sich versammelnden Freunden eine Bestattungsfeier zu machen. In der Zeit, in welcher ich gesprochen habe und meine Worte an die Tote gerichtet hatte, war die Tote gewissermaßen wie schlafend. Dann wirkte die Wärme, es ergriffen gewissermaßen die Flammen den Leib, und in diesem Augenblick kam wie ein Moment des Bewußtseins über die Seele, wie ein Moment der Orientierung, und da hatte die Tote das ganze Bild desjenigen, was die Bestattungsfeier und die Bestattungsrede war, vor sich, wie man etwas Räumliches gleichzeitig vor sich hat. Die Zeit wird da wirklich zum Raum. Man sieht das Vergangene nicht so, wie man im Leben das Vergangene in der Zeit verlaufend sieht, sondern man sieht wie ein Räumliches das, was vergangen ist, vor sich. So daß dasjenige, was schon abgelaufen war, was geschehen war, sagen wir eine Viertelstunde zuvor, dann vor der Seele der Toten stand wie ein erster Aufleuchtemoment des Bewußtseins. Dann kam wiederum ein Zustand des Betäubtseins in dem überflutenden Bewußtseinslicht, um in diesem Zustand entgegenzugehen jenen andern Zuständen, in denen dann die Seele allmählich lernt, sich zu orientieren in der geistigen Welt.
[ 13 ] Es ist wichtig, wenn wir uns wirklich gute Vorstellungen über das Leben nach dem Tode machen wollen, daß wir diese ganz andern Zeitbegriffe ins Auge fassen; daß wir einsehen, wie da die Zeit nicht etwas ist, von dem man sagen kann, es ist verflossen, und man erinnert sich an die Dinge, die in der Zeit geschehen sind, sondern das Verflossene steht da. Wie der Tisch dasteht und dieser Tisch nicht mitgeht, wenn ich dorthin gehe, wie ich auf ihn zurückschaue, so bleibt nach dem Tode .dasjenige, was geschehen ist, was eben nur erinnert werden kann, da stehen, und der Tote schaut darauf zurück, wie man im Leibe auf die räumlichen Gegenstände zurückschaut. Das ist sehr wichtig, ins Auge zu fassen. Was weiter von ganz besonderer Wichtigkeit ins Auge zu fassen ist, das ist, daß wir wirklich in Verbindung bleiben, daß unser Erdenleben in Verbindung bleibt mit dem, was wir nachher zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erleben; wenigstens in enger Verbindung bleibt bis zu dem Zeitpunkt, der im letzten Mysteriendrama als Mitternachtsstunde des geistigen Daseins bezeichnet worden ist.
[ 14 ] Ich möchte doch nicht versäumen, von diesen schwierig zu schildernden Verhältnissen nach und nach unseren Freunden Vorstellungen zu geben. Auf das, was wir als Erdenmenschen zwischen Geburt und Tod durchlebt haben, sieht die Seele, die in den Tod gegangen ist, zurück — aber nicht so, als ob das, was man da durchgemacht hat, bloß da wäre, sondern es wirkt mit in einer eigentümlichen Weise mancher Lebenszustand des Toten. Der Lebenszustand des Toten ist ja nicht so wie der Lebenszustand des zwischen Geburt und Tod Lebenden. Der Lebenszustand des zwischen Geburt und Tod Lebenden ist so, daß er sich in seine Haut eingeschlossen fühlt und durch seine Sinne hinausschaut in die Welt. Sobald man als 'Toter eintritt in die geistige Welt, ist man in die ganze geistige Welt ausgeflossen. Man fühlt sich wie die ganze geistige Welt erfüllend nach und nach. Und das, was man durchlebt hat während des physischen Erdendaseins, empfindet man wie etwas, was einem bleibt — nicht als physischer Leib natürlich, sondern als das, was die Form, die Kräfte des physischen Leibes ausmacht. Das bleibt einem wohl nach dem Tode, aber man hat es so, wie man jetzt im physischen Leibe das menschliche Auge hat. Wie man das Auge zum Sehen hat, so hat man dann sich selbst, das Erdenleben, das man durchlebt hat, wie ein kosmisches Sinnesorgan, um die Welt damit wahrzunehmen. Was unser Auge jetzt für unseren Leib ist, das ist unser Erdenleben für unser geistiges Leben nach dem Tode.
[ 15 ] Es wird uns unser Erdenleben gleichsam eingesetzt als ein Auge, als ein Sinnesorgan. Sie werden erst nach und nach bei längerem Meditieren darauf kommen, welch Bedeutsames eigentlich damit ausgesprochen ist, daß unser Erdenleben Sinnesorgan wird für unser Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wenn der Mensch beim Einschlafen mit seinem Ich und Astralleib aus seinem physischen Leibe und Ätherleibe heraustritt, so ist es nämlich auch schon ähnlich. Wenn die Initiation eintritt und der Mensch sehend wird in der geistigen Welt außerhalb seines physischen und ätherischen Leibes, dann weiß er: In der geistigen Welt nimmst du wahr wie durch ein Sinnesorgan mit dem geistigen Teil deines physischen Leibes, und du denkst in der geistigen Welt mit deinem Ätherleib. Dein Ätherleib ist eigentlich wie dein Gehirn in der geistigen Welt und dein früherer physischer Leib ist ein Sinnesorgan. Du selbst aber bist mit all deinen Lebenskräften ausgegossen über die geistigen Weiten. Du hast dich verbreitet, du fühlst dich nicht durch deine Haut zusammengedrängt an einen Ort, du fühlst dich ausgegossen, ausgebreitet über die geistige Welt.
[ 16 ] Es ist das ein ganz anderes Dasein. Und damit hängt zusammen, daß derjenige, der selbst in die geistige Welt eintritt, sei es durch den Tod, sei es durch Initiation, mit den andern Wesenheiten der geistigen Welt, mit Wesenheiten höherer Hierarchien oder mit Menschenseelen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt leben, so vereinigt lebt, daß er sie nicht so erlebt, wie man Erdenmenschen außen trifft, wo man räumlich von ihnen getrennt ist. Sondern er erlebt sie als mit ihm befindlich in einem gemeinsamen Geistraum, sich gegenseitig durchdringend. Das, was eine andere Seele erlebt, erfährt man nicht dadurch, daß sie einem etwas sagt, wie bei den Erdenmenschen, sondern so, daß man in die andere Seele sich hineinlebt und in ihrer Wesenheit ihre Gedanken miterlebt. Daher ist es auch, daß man nur dann sicher sein kann, in sich wirklich das zu erleben, was zum Beispiel ein Toter erlebt, wenn man weiß: Man ist gewissermaßen in dem Toten darinnen, man gibt nicht nur etwas wieder, was man nach dem Musterbild von irgend etwas vernimmt, das man auf der Erde erlebt, sondern man vernimmt:.Der Tote selbst spricht durch deine Wesenheit.
[ 17 ] Auch das möchte ich Ihnen durch ein Beispiel erläutern. Eines unserer Mitglieder ist vor kurzem gestorben. Noch vor der Feuerbestattung war es, daß gewissermaßen die Notwendigkeit gefühlt wurde, zu vernehmen, was diese Persönlichkeit nach dem Tode zu sagen habe. Zu sagen habe dadurch, daß sie gewissermaßen mit ihrem Ätherleib noch zusammensteckte und sich durch ihren Ätherleib gewissermaßen auf irdische Art ausdrücken konnte, dennoch aber alles zusammenfaßte, was durch ein intensives Miterleben der anthroposophischen Weltanschauung in ihre Seele verwebt worden war. Also wir haben es mit einer Persönlichkeit zu tun, die zu ziemlich hohen Jahren gekommen war, die in der letzten Zeit ihres Lebens wirklich intensiv und mit allen Kräften ihres Herzens sich eingelebt hat in unsere geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Dann ging sie durch die Pforte des Todes. Nun hatte sie also noch ihren Ätherleib. Es war noch vor der Feuerbestattung, und der Ätherleib war noch da als ein Mittel, sich auszudrücken. Das gab die Möglichkeit, sich noch durch irdische Worte auszudrücken, weil der Ätherleib diese nacherleben konnte. Und die Befreiung vom Leibe, vom Erdendasein, gab zugleich die Möglichkeit, das ganze Wesen zusammenzufassen, das sich durch das Herz eingegraben hatte in die Seele. Und indem sich mir zeigte, wie diese Persönlichkeit, die also durch die Pforte des Todes gegangen ist, ihr Wesen aussprechen wollte — etwa am zweiten Tage, nachdem der Tod eingetreten war —, bildeten sich die Worte, die ich Ihnen mitteilen kann, Worte, die also anzusehen sind als Worte, von der Toten erlebt. So daß man sich vorzustellen hat, daß hier, am zweiten Tage nach dem Tode, dieses Wesen der Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen war, erfüllt war von der Kraft dieser Worte, sich in der Kraft dieser Worte aussprach. Und wenn man sich in diese Seele versetzte, so sprach durch einen in diesen Worten sich dieses Wesen der Seele, dieses Wesen der Toten aus. Deshalb konnte ich nichts besseres tun, als dann bei der Bestattung gerade diese Worte an die Tote zu richten, denn es waren die Worte, die sie gleichsam selbst zu den Freunden sprach, die um die irdischen Reste umherstanden. Ich kann Ihnen die Versicherung geben: Ich habe nichts, nichts zu diesen Worten hinzugetan, sondern ich habe versucht, sie aufzufassen aus dem Wesen der Toten. Gewiß, später tritt dann das ein, was ich die Betäubung des Bewußtseins genannt habe, was man eine Art Schlafzustand nennen könnte. Nun würde die Tote nicht dieses ihr Wesen ebenso zum Ausdruck haben bringen können, weil ihr jetzt das Mittel des Ätherleibes fehlt. Sie wird es nach einiger Zeit wiederum können, aber unmittelbar nach dem Tode wäre das unmöglich. Die Worte heißen:
In Weltenweiten will ich tragen
Mein fühlend Herz, daß warm es werde
Im Feuer heil’gen Kräftewirkens;In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daß klar es werde
Im Licht des ew’gen Werde-Lebens;In Seelengründe will ich tauchen Ergeb’nes
Sinnen, daß stark es werde
Für Menschenwirkens wahre Ziele;In Gottes Ruhe streb’ ich so
Mit Lebenskämpfen und mit Sorgen,
ein Selbst zum höhern Selbst bereitend;Nach arbeitfreud’gem Frieden trachtend,
Erahnend Welten-Sein im Eigensein,
Möcht’ ich die Menschenpflicht erfüllen;Erwartend leben darf ich dann Entgegen
einem Schicksalsterne, Der mir im
Geistgebiet den Ort erteilt.
[ 18 ] Das ist gewissermaßen das Lebensergebnis des jahrelangen Aufgehens in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Dieses jahrelange Aufgehen in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung ist zum Wesen der Seele selbst geworden und hat sich so ausgesprochen.
[ 19 ] Es ist dieses ein konkretes, ein anschauliches Beispiel, wie die Kräfte der Seele erfaßt werden, wenn man nicht bloß in der Theorie die geisteswissenschaftliche Weltanschauung aufnimmt, sondern wenn man sie zu Lebenskräften in der Seele macht. Da tritt die Empfindung, da treten die Gefühle, die aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung kommen, hinaus über das Theoretische und werden selbst Kräfte in der Seele. Denn ganz gewiß ist es: Niemand, der nicht durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung gegangen ist, würde sein eigenes Wesen nach dem Tode in solche Worte zusammenfassen:
In Weltenweiten will ich tragen
Mein fühlend Herz, daß warm es werde
Im Feuer heil’gen Kräftewirkens;In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daß klar es werde Im
Licht des ew’gen Werde-Lebens...
[ 20 ] Ich möchte dieses als ein anschauliches Beispiel vor Ihre Seele hinstellen für den geheimnisvollen Gang, den die menschliche Seele nimmt gerade durch den Zeitpunkt hindurch, der das Leben zwischen Geburt und Tod trennt von dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wo gewissermaßen alles das, was uns im Erdenleben noch äußere Erfahrung war, innerer Reichtum der Seele wird und so in uns lebt. Hier nimmt man Geisteswissenschaft noch als etwas Äußeres an. Gleich nach dem Tode aber zeigt es sich, wie sie so in der Seele lebt, ja, sagen wir, so wie Muskelkraft jetzt in unserem physischen Leibe lebt. Das muß man einmal erfühlen, wenn man so richtig den inneren Sinn, die innere Bedeutung dessen erfassen will, was die Geisteswissenschaft der menschlichen Seele sein kann. Man wird dann nach und nach — dazu muß man Geduld haben — sich einen Begriff aneignen von den doch ganz andersartigen Verhältnissen, die in der geistigen Welt bestehen. Wenn wir uns von den Verhältnissen, die in der Sinneswelt sind, Worte und Begriffe prägen, so können wir höchstens Sinnbilder dessen geben, was in der geistigen Welt ist. Man muß sich in Geduld hinarbeiten zu Begriffen und Empfindungen und Gefühlen, die einigermaßen richtig und wahr dasjenige ausdrücken, was die Verhältnisse der geistigen Welt sind. Die Logik des Erdenlebens ja, es ist wirklich nur eine Logik des Erdenlebens —, sie ist für das Erdenleben schon manchmal recht brüchig. Ich habe auch hier schon angeführt, wie man mit der Logik des Erdenlebens an den wirklichen Tatsachen vorbeigehen kann. Ich habe öfter das Beispiel angeführt: Nehmen wir an, ein Mensch geht an einem Bach spazieren. Wir sehen, daß er in den Bach hineinfällt. Wir eilen herbei und entdecken, daß er schon tot ist. Wir sehen einen Stein an der Stelle, wo der Mensch in den Bach gefallen ist, und können uns jetzt ein ganz logisches, aber doch oberflächliches Urteil bilden. Wir können sagen: Der Mensch ist über den Stein gestolpert, in den Bach gefallen und ertrunken. Er ist den Tod des Ertrinkens gestorben. — Aber das kann ganz falsch sein. Wenn man vielleicht rein äußerlich anatomisch die Sache untersucht, so kann es sich herausstellen, daß der Mensch vom Herzschlag getroffen worden ist; dadurch fiel er ins Wasser. Der Herzschlag ist die Ursache seines Todes. Mit der gewöhnlichen richtigen Logik schließen wir das Verkehrte. Solche Schlüsse — das sei nur nebenbei bemerkt — werden im menschlichen Leben und namentlich in der Wissenschaft fortwährend gemacht. Die Wissenschaft ist voll von solchen Schlüssen, wo Ursache und Wirkung verwechselt werden.
[ 21 ] Aber wichtig wird die Sache, wenn menschliche Schicksalsfragen in Betracht kommen. Wir haben in Dornach im Herbst einen solchen Schicksalsschlag erlebt, der im bedeutungsvollsten Sinne lehrreich ist. Der kleine, siebenjährige Sohn unseres Mitgliedes, Theo Faiß, der ein außerordentlich liebes, aufgewecktes Kind war, wurde eines Abends vermißt. Es war gerade an einem Vortragsabend. Die Mutter suchte das Kind, es war nicht zu finden. Und als der Vortrag vorbei war, da hörte man eigentlich erst, daß die Mutter den Knaben vermisse, und man konnte sich nichts anderes denken, als daß der Tod des Knaben in Zusammenhang stände mit dem Umfallen eines Möbelwagens. Ein Mitglied unserer Gesellschaft hatte ihre Möbel in einem Möbelwagen schicken lassen, und dieser Möbelwagen war an dem Abend an der Stelle, wo er stand, umgefallen. Es war zehn ein Viertel Uhr des Abends und wir wendeten alles mögliche an, um den Wagen zu heben. Das mobilisierte Militär kam uns entgegen, um uns zu helfen, diesen Möbelwagen aufzuheben. Der Möbelwagen wurde gehoben, und man fand den Knaben erdrückt unter dem Wagen. Nun bedenken Sie, in dieser Gegend ist überhaupt vorher niemals ein Möbelwagen gefahren; nachher auch nicht. Der Knabe ist, man konnte das später konstatieren durch alles Mögliche, was man so Zwischenfälle und Zufälle nennt, gerade in der Zeit — es hat sich ja nur um Minuten, ja um einen Augenblick gehandelt — dort an der Stelle gewesen, wo der Möbelwagen umfiel. Merkwürdig war es allerdings, daß zunächst diejenigen, die an der Stelle waren, wo der Wagen umgefallen ist, nur daran gedacht haben, die Pferde in Sicherheit zu bringen. Man hatte keine Ahnung, daß der Möbelwagen auf den kleinen Knaben gefallen war.
[ 22 ] Das Kind war also tot. Die äußere materialistische Anschauung kann sagen: Nun ja, zufällig ist dort zu dieser Stunde der Möbelwagen umgefallen, das Kind kam darunter und wurde zerquetscht. 'So wird natürlich die materialistische Anschauung sagen. Vor der spirituellen Anschauung ist das ein vollständiger Unsinn. Denn das, was da vorliegt, ist das Karma des Kindes, und dieses Karma des Kindes lenkte all die einzelnen Verhältnisse. Es hat auch den Möbelwagen dorthin gelenkt gerade zu der Stunde, wo das Kind den Tod brauchte, weil das Karma des Kindes es so wollte. Das Karma des Kindes war abgelaufen. Wir haben es hier zu tun mit der Notwendigkeit, Ursache und Wirkung wirklich umzukehren.
[ 23 ] Durch solche Verhältnisse und ihre Anschauung kann man sich allmählich hinaufranken zu der wirklichen Auffassung des Lebens, die uns dazu bringt, das, was der äußere Sinnenschein darbietet, gerade umzukehren. Wir müssen das vielfach umkehren. Aber so ganz bedeutsam wird die Sache dann, wenn nachher erlebt wird, was aus einer solchen Tatsache wird. Die Seele eines Menschenwesens geht durch die Pforte des Todes. Diese Seele war sieben Jahre in einem physischen Leibe verkörpert. Warum hätte denn der kleine Theo nicht auch siebzig, achtzig, neunzig Jahre werden können, äußerlich angesehen, wenn das Karma es nicht unmöglich gemacht hätte? Ein Ätherleib ist da, der das Leben noch Jahrzehnte hindurch hätte versorgen können; ein Ätherleib, der wirklich angefüllt war von Kräften des Ewigen, Guten. Es war ein ausgezeichneter Knabe. Von der eigentlichen Individualität, dem Ich und Astralleib, wissen Sie ja, daß sie dann ihren Weg weitergehen. Aber der Ätherleib löst sich los, dieser Ätherleib, in den hineinverwoben sind alle die zarten, schönen Kräfte, die sich im Kindheitsalter entwickelt haben, in dem aber auch leben alle die Kräfte, die aus den früheren Inkarnationen kommen. Nun bedenken Sie, was man mit einem solchen Ätherleib vor sich hat. Die Individualität kommt aus den früheren Inkarnationen. Sie verleibt sich neu ein in dieser Inkarnation; sie bringt mit, was aus früheren Inkarnationen kommt. Das Leben in dieser Inkarnation ist gewissermaßen die Frucht, das Ausleben dessen, was Ursache in einem Leben war in früheren Inkarnationen. Durch das ganze Leben hindurch hätten sich diese Früchte ausleben können. Dann wäre in diesen Ätherleib alles dasjenige hineingegangen, was aus den Früchten der früheren Inkarnationen kommt. Das ist nicht geschehen. Dafür steckt in diesem Ätherleib alles das darin, was noch Ursachen in den früheren Inkarnationen hat. Und das Merkwürdigste ist nun: Derjenige, der versucht, die Aura unseres Dornacher Baus zu durchforschen, der findet diesen Ätherleib des kleinen Theo in der Aura des Dornacher Baus. Da ist er, da umschwebt er, umlebt er den Dornacher Bau. Derjenige, der zu tun hat mit dem Dornacher Bau oder noch zu tun haben wird nach jenem Spätherbstnachmittag, an dem der kleine Theo durch die Pforte des Todes gegangen ist, der weiß, was verändert worden ist an der geistigen Aura des Dornacher Baues dadurch, daß dieser Aura einverleibt worden ist jener Ätherleib, der die Kräfte enthält, die sonst noch jahrzehntelang für die Versorgung eines physischen Menschenleibes verwendet worden wären, und dieser Ätherleib ist eben ausgegossen in diese Aura des Baues.
[ 24 ] So geheimnisvoll sind die Wege, welche die durch die Welt flutende Weisheit mit ihren Geschöpfen durchzumachen hat. Es gibt erst richtige Vorstellungen von der Art, wie das gesamte Menschenleben verläuft — zu dem ja im eminentesten Sinne das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gehört —, wenn man auf Einzelheiten dieser Dinge eingeht. Und da unsere anthroposophische Bewegung wirklich nicht etwas Abstraktes sein soll, sondern etwas, worin wir sind mit unserem ganzen Wesen, worinnen auch diejenigen sind, die eben zu uns gehören, so darf auch über solche Dinge gesprochen werden. Wir vereinigen uns ja nicht nur wie andere Gesellschaften mit einem bestimmten Programm, sondern wir wollen nit unserer ganzen Seele in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung darin sein. Wir wollen diese geisteswissenschaftliche Bewegung als einen konkreten Strom denken, zu dem jeder gehört, der sich wirklich empfindungsgemäß zu ihr bekennt. Und so können wir sagen: Da sprechen wir, wie man eben in einer erweiterten Familie über die Angehörigen da oder dort spricht. Denn dasjenige, was uns sozusagen familiär vertraut berührt, das gibt uns zugleich über die geistige Welt die höchsten, die bedeutsamsten, die für uns wichtigsten Aufschlüsse.
[ 25 ] Aus solcher Gesinnung heraus möchte ich noch einen der uns gerade in der letzten Zeit öfter betroffenen Tode unserer Freunde erwähnen. Der uns allen so unendlich liebe Freund Fritz Mitscher ist vor kurzem durch die Pforte des Todes gegangen. Und da war es so, daß sich mir die Notwendigkeit ergab, zusammenzufassen in Worte, was die eigene Seele fühlte, indem sie sich hinneigte zu der Seele, die eben durch die Pforte des Todes gegangen war. Merken Sie den Unterschied zwischen den vorhergehenden Worten, die ich Ihnen vorgelesen habe, und den Worten, die ich jetzt Ihnen vorlesen will. Die soeben hier vorgelesenen Worte sind aus der Seele der Toten heraus. Die Worte, die ich Ihnen jetzt vorlesen werde, sind angeregt in der eigenen Seele beim Anblick des seelisch mit seinem Ätherleib noch vereinten Toten, Fritz Mitscher. Es ist also der Eindruck, den der Tote machte, der jetzt in diesen Worten wiedergegeben ist. Sie wissen vielleicht, Fritz Mitscher war schon als junger Lehrer an den verschiedensten Orten, besonders in Berlin, tätig für unsere Anthroposophische Gesellschaft. Und viele von uns wissen ja auch, wie gerade er gewillt war in so schöner Weise, alles das, was er an Erdenwissenschaft und Erdengelehrsamkeit sich hat aneignen können, zu verbinden mit dem edelsten, schönsten anthroposophischen Bewußtsein. Das drückt sich auch nach dem Tode aus, wo vereinigt war in seinem gesamten Wesen das, was er war, und was jetzt wiederstrahlt nach dem Tode aus der leibbefreiten Seele, die noch ihren Ätherleib hatte. Und es scheint mir, daß das so ausgedrückt werden mußte, was Fritz Mitscher nach dem Tode war, mit den Worten, die ich ihm nachsenden mußte bei der Feuerbestattung.
Eine Hoffnung, uns beglückend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesblüten,
Durch die Kraft des Seelenseins,
Sich dem Forschen zeigen möchten.Lautrer Wahrheitliebe Wesen
War Dein Sehnen urverwandt;
us dem Geisteslicht zu schaffen,
War das ernste Lebensziel,
Dem Du rastlos nachgestrebt.Deine schönen Gaben pflegtest Du,
Um der Geist-Erkenntnis hellen Weg,
Unbeirrt vom Welten-Widerspruch
Als der Wahrheit treuer Diener
Sichern Schrittes hinzuwandeln.Deine Geistorgane übtest Du,
Daß sie tapfer und beharrlich
An des Weges beide Ränder
Dir den Irrtum drängten
Und Dir Raum für Wahrheit schufen.Dir Dein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Daß die Seelen-Sonnenkraft
Dir im Innern machtvoll strahle,
War Dir Lebenssorg’ und Freude.Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie berührten Deine Seele kaum,
Weil Erkenntnis Dir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.Eine Hoffnung, uns beglückend:
So betratest Du das Feld,
Wo der Erde Geistesblüten
Durch die Kraft des Seelenseins
Sich dem Forschen zeigen möchten.Ein Verlust, der tief uns schmerzt,
So entschwindest Du dem Feld,
Wo des Geistes Erdenkeime
In dem Schoß des Seelenseins
Deinem Sphärensinne reiften.Fühle, wie wir liebend blicken
In die Höhen, die Dich jetzt
Hin zu andrem Schaffen rufen.
eiche den verlaß’nen Freunden
Deine Kraft aus Geistgebieten.Höre unsrer Seelen Bitte,
Im Vertrau’n Dir nachgesandt:
Wir bedürfen hier zum Erdenwerk
Starker Kraft aus Geistes-Landen,
Die wir toten Freunden danken.Eine Hoffnung, uns beglückend,
in Verlust, der tief uns schmerzt:
Laß uns hoffen, daß Du ferne-nah,
Unverloren unsrem Leben, leuchtest
Als ein Seelenstern im Geistbereich.
[ 26 ] Das sind die Worte, die aus der Wesenheit des Toten heraus dem Toten nachgesandt wurden. Und dann verging, nachdem diese Worte bei der Feuerbestattung gesprochen waren, einige Zeit. Und aus der Wesenheit des Toten heraus, noch nicht aus dem wohlgeordneten Bewußtsein, sondern wie aus der Wesenheit heraus ertönend, erklangen die folgenden Worte; Worte, die also jetzt von dem Toten herüberklangen in der auf die Feuerbestattung folgenden Nacht.
Mir mein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Daß die Seelen-Sonnenkraft
Mir im Innern machtvoll strahle,
War mir Lebenssorg’ und Freude.Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie berührten meine Seele kaum,
Weil Erkenntnis mir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.
[ 27 ] So klangen die Worte zurück. Ich hatte selbst erst nachher entdeckt, daß die zwei Strophen, die mitten darinnen sind, sich unmittelbar aus dem Du ins Ich und aus dem Dir ins Mir umwandeln lassen. Ich hatte es vorher nicht gewußt. Denn ich hatte die Strophen so vernommen, wie ich sie Ihnen zuerst gelesen habe. Und nun kamen sie zurück aus dem Wesen des Toten, von ihm gesprochen:
Mir mein Selbst zur Offenbarung
Reinen Lichtes zu gestalten,
Daß die Seelen-Sonnenkraft
Mir im Innern machtvoll strahle,
War mir Lebenssorg’ und Freude.Andre Sorgen, andre Freuden,
Sie berührten meine Seele kaum,
Weil Erkenntnis mir als Licht,
Das dem Dasein Sinn verleiht,
Als des Lebens wahrer Wert erschien.
[ 28 ] Das zeigt, wie auch in der Zeit, in der das Bewußtsein noch nicht die Form hat, die es dann nach dieser Zeit wieder aus der Seele heraus hat durch das ganze Gebiet zwischen Tod und neuer Geburt, es zeigt, wie sogar in lebendiger Umgestaltung, ja in sinnvoller Umgestaltung die Worte kommen, die heraufgetönt sind zu dem Toten. Man muß nur fühlen, wie die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wirklich lebendig wird in dem Zusammenhangschaffen zwischen der physischen und der geistigen Welt. Denn es kann wirklich etwas wie ein Schauer durch unsere Seele gehen, wenn wir gerade an einem solchen Beispiel erfühlen, wie dem Toten die Worte zugerufen werden — und er sie uns verändert wiedergibt. Wie auf der einen Seite wir fühlen, daß sie zu dem Toten hingegangen sind, weil sie von ihm wiederklingen, aber nicht nur wie ein Echo wiederklingen, sondern sinnvoll verändert, für ihn angepaßt.
[ 29 ] Das sind Dinge, die uns auch für unsere Gegenwart die Gewißheit, die Zuversicht geben, daß die Seelen, die hier in Erdenleibern leben, in Zusammenhang, in Verbindung stehen mit den durch die Welt waltenden und webenden geistigen Mächten, und daß wiederum in diesem Strom von waltenden und webenden geistigen Mächten die durch den Tod gegangenen Menschenerdenseelen hineinverwoben sind, darin sind, da darin ihre weiteren, ihre Post-mortem-Schicksale erleben.
[ 30 ] Wenn wir den Zusammenhang der physischen Welt mit der geistigen Welt so recht auf unser Gemüt wirken lassen, so können wir ja Verschiedenes ins Auge fassen. Ich habe schon einmal auch hier darauf hingewiesen, daß uns bei diesem Zusammenwirken, bei diesem im konkreten Sinne verlaufenden Zusammenwirken von physischer Welt und geistiger Welt auch besonders nahetritt dasjenige, was der Impuls des Mysteriums von Golgatha ist. Wir wissen ja, daß wir eigentlich erst jetzt anfangen, durch Geisteswissenschaft Sinn und Bedeutung des Mysteriums von Golgatha und der Christus-Wesenheit völlig ins Auge zu fassen. Bisher haben die Menschen das mit dem Verstand getan, richtig mit dem Verstand getan. Und was ist herausgekommen mit diesem Verstand? Nun, wenn die Wirksamkeit des Christus im Menschenerdenleben auf das angewiesen gewesen wäre, was die Menschen davon verstanden haben, so hätte die Wirksamkeit des Christus-Impulses auf Erden keine sehr große sein können. Theologisches Gezänk, allerlei Streitigkeiten, das haben die Menschen in ihrem Verstand vom Christentum begriffen. Aber der Christus hat aus lebendiger Kraft gewirkt.
[ 31 ] Ich habe wohl auch schon hier das Beispiel von der Schlacht angeführt, die Konstantin gegen Maxentius geführt hat, durch die das Schicksal des damaligen Europa entschieden worden ist. Damit ist das Christentum eigentlich erst anerkannt und dann zur herrschenden Macht in Europa geworden. Diese Schlacht ist nicht gewonnen worden durch Feldherrenkunst noch durch die Heere des Konstantin. Maxentius hatte Rom zu verteidigen. Durch das Nachschlagen der sibyllinischen Bücher und durch einen Traum, den er gehabt hat, wurde ihm eingegeben, daß sein Heer, das fünfmal stärker war als das des Konstantin, der gegen Rom heranmarschierte, von ihm aus Rom heraus geführt werden solle; dann würde er die Feinde Roms vernichten. Nun führte er wirklich sein Heer aus Rom heraus, strategisch das Allerungeschickteste, was er hat machen können, denn nach der Strategie sprach alles dafür, sein Heer in Rom zu lassen und die feindlichen Heere herankommen zu lassen; aber er führte sein Heer aus Rom heraus. Und auch auf der Seite Konstantins, der seine Heere gegen Rom führte, waren es nicht kriegerisch-wissenschaftliche Gründe, die ihm die Kraft gaben, sondern auch er hatte einen Traum. Der Traum sagte ihm: Wenn du das Monogramm Christi deinen Heeren vorantragen lässest, wirst du Rom besiegen. — Durch den Sieg Konstantins mit seinem schwächeren Heer wurde damals und für später noch die ganze Landkarte Europas verwandelt. Auch das geistige Leben Europas ist dadurch ein anderes geworden. Dasjenige, was die Menschen dazumal haben begreifen können, hätte nicht ausgereicht, um die Leistungen zu vollbringen. Der Christus-Impuls wirkte in das Unterbewußtsein der Menschen herein, in das, was in den Tiefen der Seelen lebte, wovon die Menschen nur haben träumen können, was ihnen höchstens in Traumbildern aufschoß.
[ 32 ] Ein späteres, ganz bedeutungsvolles Beispiel für das Hereinwirken des Christus-Impulses haben wir bei der Jungfrau von Orleans. Wer die Geschichte wirklich studiert, also nicht so, wie man heute oftmals Geschichte studiert, sondern so, daß man versucht, die wirklichen Zusammenhänge zu erkennen, der kann wissen, daß durch das, was die Jungfrau von Orleans getan hat, wiederum das Schicksal Europas für die nächsten Jahrhunderte absolut bestimmt wurde. Nicht Feldherrenkunst, nicht die Weisheit der Politiker, sondern das, was das Hirtenmädchen von Orleans getan hat, war entscheidend für das Schicksal Europas, besonders auch für das Schicksal Frankreichs. Nun aber wirkte in der Jungfrau von Orleans, durch seinen michaelischen Vertreter, der Christus-Impuls. Er wirkte in die Seele der Jungfrau von Orleans hinein. Ihre Seele war völlig durchdrungen, durchinspitiert von dem Christus-Impuls. Geradeso wie dazumal, als die Schlacht zwischen Konstantin und Maxentius entschieden worden ist, der Christus-Impuls wirkte, ohne daß die Menschen im Oberbewußtsein etwas davon wußten, so wirkte der Christus-Impuls auch da, als die Jungfrau von Orleans die französischen Heere den englischen Heeren entgegenschickte. Das ganze Festland wäre ja anders geworden, auch England, wenn Frankreich damals nicht gesiegt hätte. Auch England wäre nicht das, was es geworden ist, wenn es nicht besiegt worden wäre. Aber wie gesagt, dasjenige, was den Sieg herbeigeführt hat, es waren die unterbewußten Kräfte, die in Visionen heraufkamen; durch sie wurden die Fähigkeiten der Jungfrau von Orleans inspiriert. So daß man sagen kann: Dasjenige, was die Jungfrau von Orleans getan hat, steht unter dem Einfluß einer mehr oder weniger unbewußten Initiation. Es ist ja natürlich eine unbewußte, man kann auch sagen, eine atavistische Initiation. Es mußte eben unbewußt ergriffen werden ein reines seelisches Gefäß, wie es die Jungfrau von Orleans war, durch das der Christus-Impuls durch seinen michaelischen Vertreter wirken konnte — ein reines Gefäß.
[ 33 ] Sehen wir uns nun einmal die Sache genauer an. Wenn jemand heute bewußt eine Initiation durchmacht — nun, dazu gibt es Regeln. Die Anfangsgründe stehen ja in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Es gibt Regeln, durch die man sich allmählich hinaufarbeiten kann. Von solch einer bewußten Initiation konnte natürlich bei der Jungfrau von Orleans nicht die Rede sein. Aber es mußte ein Geist, der sonst nicht mit der menschlichen Seele vereint ist, in dieser menschlichen Seele Platz greifen, diese menschliche Seele durchsetzen. Dazu mußten besonders günstige Umstände eintreten. Es kann ja nicht immer ein Geist höherer Sphären in Seelen eingreifen, die dazu befähigt sind. Es müssen besonders günstige Umstände eintreten, damit eine menschliche Einzelseele ohne Initiation, ohne bewußtes Arbeiten an sich selbst, in Zusammenhang mit höheren Welten kommt. Besonders günstige Umstände liegen vor in der Zeit, wenn gewissermaßen der Erdgeist besonders aufwacht: in der Zeit vom 25. Dezember bis 6. Januar. Wenn im Sommer die Sonne am höchsten steht, wenn die physische Wärme der Erde am meisten zustrahlt, dann sind die Bedingungen für die Initiation am schlechtesten, weil da der Geist der Erde schläft. Der Geist der Erde ist am wachsten in der Winterfinsternis, bei der Wintersonnenwende.
[ 34 ] Daher ist es keine bloße Legende, sondern entspricht einer Wahrheit, wenn in alten Legenden erzählt wird, daß in den dreizehn Nächten, die dem 6. Januar vorangehen, gewisse besonders geeignete Seelen initiiert wurden, so daß sie hineingehen konnten in die geistige Welt, daß sie dort erleben konnten dasjenige, was wir Kamaloka und Devachan nennen. Wir erinnern uns wohl, hier in Hannover ist einmal die Legende von Olaf Åsteson vorgetragen worden, der in den dreizehn Nächten schlafend durchgemacht hat den ganzen Weg, der der Weg sein kann durch Kamaloka und Devachan. Olaf Åsteson erzählt dann, was er erlebt hat in diesen dreizehn Tagen.
[ 35 ] Wenn also die äußere physische Erdenfinsternis am stärksten ist, sind die Verhältnisse am günstigsten, um eine Seele in die geistige Welt hineinzuführen. Für Seelen, die nicht durch unmittelbar bewußtes Erarbeiten, sondern durch besonders günstige Umstände initiiert werden für die ganze Menschheit zu einer solchen Tat, wie sie die Jungfrau von Orleans vollbracht hat, wäre es also wohl das günstigste gewesen, wenn sie etwa hätte schlafen können in den dreizehn Nächten, und sie hätte schlafend in Zusammenhang mit der geistigen Welt gebracht werden können; wenn sie das alles also in einer Art von Schlafzustand hätte durchmachen können. Nun, es ist wirklich so, daß die Jungfrau von Orleans einen solchen Schlafzustand durchgemacht hat. Und das ist so gekommen, daß die Jungfrau von Orleans diese dreizehn Tage bis zum 6. Januar hin im Leibe der Mutter zugebracht hat in einem Zustand, wo der Mensch noch schläft. Denn der Mensch wacht ja für das physische Leben erst auf, wenn er geboren ist und den ersten Atemzug tut. Bei der Jungfrau von Orleans fallen die letzten Schlafnächte des Embryonalzustandes in die Zeit der dreizehn Nächte, denn sie wurde geboren am 6. Januar. Da haben Sie einen tief bedeutsamen innerlich historischen Zusammenhang. Da haben Sie die Grundlage der Mission der Jungfrau von Orleans, die dazu ausersehen war, als diese reine Seele vor ihrem ersten Atemzug in den letzten dreizehn Nächten der Schwangerschaft ihrer Mutter, in diesem Schlafzustand die Initiation zu empfangen, eben in den besonders günstigen Umständen des Erdenlebens. Hier zeigt es Ihnen einfach der Kalender. Denn schlagen Sie es im Kalender auf: Am 6. Januar werden Sie den Geburtstag der Jungfrau von Orleans finden. Da zeigt Ihnen der Kalender, wie hier ein tief innerlicher Zusammenhang zwischen der physischen Welt und den Vorgängen in der geistigen Welt besteht. Natürlich war notwendig die durch die vorhergehenden Inkarnationen zubereitete Seele der Jungfrau von Orleans. Aber da zusammentrafen in den dreizehn Nächten diese Seele und das, was durch diese Seele kommen konnte, so geschah dasjenige, was eben geschichtlich erfolgte, um möglich zu machen gerade an dieser Stelle der Menschheitsentwickelung das Hereinwirken der geistigen Welt in die physische Welt.
[ 36 ] Die geistige Welt ist also mit ihren Ingredienzien immer da. Die geistige Welt ist immer unter uns. Und vielfach und mannigfaltig sind die Wege, die sich die geistige Welt aussucht, um in der physischen Welt zu wirken. Und unser Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Welt wird immer stärker, je mehr wir in solchen Einzelheiten besonders tief die Zusammenhänge zwischen physischer und geistiger Welt ausdrücken, indem solche Zusammenhänge lebendig in unserer Seele stehen.
[ 37 ] Auf der andern Seite muß man sagen: Auch dasjenige, was hier in der physischen Welt geschieht, kann vorbereitend sein für die Art des Zusammenhanges der geistigen Welt und unserer physischen Welt. Und wenn jemand, der so intensiv wie Fritz Mitscher dasjenige aufgenommen hat, was durch unsere Geisteswissenschaft fließt, und im dreißigsten Jahr seines Lebens in die geistige Welt hinübergeht — am 26. Februar würde sein dreißigster Geburtstag sein — und seine Seele imprägniert hat mit dem, was als Kraft in die Seele eindringen kann durch unsere Geisteswissenschaft, dann haben wir eine mächtige Individualität, die weiter mit uns zusammenbleiben wird in der geistigen Welt, die ein Helfer ungeheuerster Art ist. Und wenn man bedenkt, wie schwierig gerade in unserer Zeit, in dieser Zeit, die doch ganz durchprägt ist mit Materialismus, das Streben nach spiritueller Wissenschaft ist, dann darf vielleicht auch gesagt werden, daß der, welcher mit allen Fasern seines Lebens mit der geistigen Welt zusammenhängt, die größten Hoffnungen auf diejenigen setzt, die geistige Helfer werden können, die nach Ablegung ihres physischen Leibes geistige Helfer werden. Es braucht selbstverständlich nicht gesagt zu werden, daß dieses durch die Pforte des Todes Gehen niemals ein persönlicher Entschluß sein darf, sondern daß es nur durch Karma herbeigeführt werden darf. Diese geistigen Helfer, es sind diejenigen, die uns Trost und Hoffnung geben, wenn wir sehen, wie schwierig es wird, gerade in der Gegenwart, unsere geisteswissenschaftliche Bewegung durch die mannigfaltigen Hemmungen hindurchzubringen. Aber wir wissen, wie höhere geistige Kräfte hereinwirken in die Erde, damit der Strom der geistigen Welten in die physischen Erdenziele hineingeht. So kommen die unverbrauchten Kräfte der Menschenseelen hinauf in die geistigen Welten, um da eben zu wirken mit ihren Kräften, vereint mit andern Kräften. Daher war es, daß ich wirklich aus innerstem Herzen heraus die Worte unserem Fritz Mitscher nachrief:
Höre unserer Seelen Bitte,
Im Vertrau’n Dir nachgesandt:
Wir bedürfen hier zum Erdenwerk
Starker Kraft aus Geistes-Landen,
Die wir toten Freunden danken.
[ 38 ] Dann, wenn wir in ehrlicher Weise unsere geistige Bewegung fortzubringen versuchen zu ihrem Ziele, dann sind wir uns bewußt, daß hereinwirken in die Kräfte, die wir hier auf der Erde anwenden, auch diejenigen, welche unsere Freunde schon hinaufgetragen haben durch die Pforte des Todes in die geistige Welt hinein.
[ 39 ] Das alles können wir nun auch zusammennehmen zum Verständnis der allgemeinen Weltenlage. Die Menschenseelen, die jetzt durch die schicksaltragenden Zeitereignisse durch die Pforte des Todes gehen, sie tragen auf der einen Seite den Volksgeistern zu ihre Ätherleiber. Sie tragen hinein auf der andern Seite alles das, was sie aufgebracht haben an opferwilliger Hingabe, indem sie gerade durch diese Zeitereignisse durch die Pforte des Todes gegangen sind mit ihrer Individualität. Und das alles wird ausgegossen sein als Wirksamkeit in das kommende Zeitalter. Und an den Menschen, die dann den Frieden durchleben, wird es liegen, von sich aus die Verbindung herzustellen mit dem, was da oben sein wird. Diejenigen, die heute als Mütter und Väter, als Brüder und Schwestern oder sonstige Verwandte den Hingang eines ihnen teuren Menschen auf dem Schlachtfelde erleben, können in ihr Bewußtsein aufnehmen die Tatsache, daß mit dem Ätherleib übergeht in die allgemeine Erdenmenschen-Wirksamkeit etwas für die Zukunft ungemein Bedeutsames. Nicht nur, daß sie wissen können, daß die Individualitäten gestärkt und gekräftigt durch das Todesopfer einem späteren kräftigeren Erdenleben entgegengehen, sondern sie können auch wissen: Dasjenige, was der durch die Pforte des Todes gegangene Krieger der Volksseele übergeben hat, webt und west lebendig. Doppelt, muß man sagen, in der allgemeinen Volksseele darin und als Individualität haben nun Väter und Mütter, Schwestern und Brüder selber diejenigen, die jung dutch die Pforte des Todes gegangen sind. Und großen Wert wird diese Idee erst dann haben, wenn sie ganz Gefühl geworden sein wird, so daß man nicht nur reden wird von der Unsterblichkeit, sondern daß man im Gefühl wissen wird: die Toten sind da, sind mitten unter uns —, wenn dieses Band ein so starkes sein wird, daß auch für unser Gefühl der Tod eigentlich eine Unwahrheit sein wird. Denn sogar wahrer als oftmals in der physischen Verkörperung kann sich der Tote zeigen, wenn er alles von seiner Wesenheit zusammennehmen kann und wenn er nicht mehr ein Hindernis an seinem physischen Leibe hat. Ungeheure Ströme von Trost, Ströme von innerer Kraft der Selbsttröstung gehen aus von dem, was in lebendigem Bewußtsein und lebendigen Empfindungen Geisteswissenschaft den Seelen geben kann. Dann, wenn dies so empfunden wird, dann können insbesondere diejenigen, die sich zur Geisteswissenschaft bekennen, trostvoll in die Zukunft schauen. Sie können in diesen gegenwärtigen schicksalschweren, schicksaltragenden Ereignissen etwas empfinden wie eine Dämmerung in der Zeitenwende, auf die ebenso folgen wird eine Friedenssonnenzeit. Aber ein Wichtiges in der geistigen Wirksamkeit dieser Friedenssonnenzeit wird dasjenige sein, was errungen ist durch den Opfertod so vieler.
[ 40 ] Fruchtbar gemacht hier auf Erden wird es besonders dadurch werden, daß eine Brücke, eine Verbindung geschaffen wird zwischen den Lebendigen, den im physischen Leibe verkörperten Seelen hier auf der Erde und den Seelen, die oben sind und herunterstrahlen wollen dasjenige, was sie mit hinaufgenommen haben. Und hier ist es, wo so recht das wirkliche Verständnis der Geisteswissenschaft an unser Herz schlägt und uns auffordert, dasjenige zu tun, was wir aus dem Bewußtsein heraus, das wir uns durch Geisteswissenschaft angeeignet haben, tun können, was wir empfindend tun können, damit die großen, schicksalerregenden, schmerzausgießenden Ereignisse der gegenwärtigen Zeit, soweit es an uns liegt, zur Fruchtbarkeit und zum Heile der Menschheit ausschlagen. Diejenigen, die etwas wissen von der Geisteswissenschaft, können fühlend wissen und wissend fühlen, wodurch die Brücke geschaffen wird hinauf in die geistige Welt: dadurch daß von den Seelen, die unten geblieben sind, die Gedanken und die Empfindungen hinaufgeschickt werden, die durch Geisteswissenschaft entzündet werden können. Der Horizont dazu wird sein ein Friedenshorizont. Oben werden die Seelen sein, die geistige Lichtstrahlen werden heruntersenden wollen. Unten müssen Menschen sein, die gelernt haben, aus ihren Seelen solche Gedanken und Empfindungen hinaufzusenden, welche durch Geisteswissenschaft angeregt werden. Dann, wenn es wirklich Seelen geben wird, die geistbewußt den Sinn ins Geisterreich lenken, dann wird die Brücke geschlagen sein, dann wird die Zeit gekommen sein, wo gerade durch solche schmerzausgießenden, schicksaltragenden Ereignisse, wie sie sich in unserer Zeit abspielen, ein inniges Band gewoben werden muß zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt, zu der wir hinstreben durch unsere Geisteswissenschaft.
[ 41 ] So fassen wir zusammen dasjenige, was unsere Erkenntnis und unsere Aufgabe sein soll und was Zuversicht erwecken soll, in die Worte:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertate
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
