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Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159

21 Februar 1915, Bremen

3. Die Geisteswissenschaft und die Rätsel des Todes — Tiefere Zusammenhänge der europäischen Geschichte

[ 1 ] Was man in der Geisteswissenschaft die Todesrätsel nennt, das tritt uns in unseren Zeiten so ganz besonders bedeutungsvoll entgegen. Alles ist mit ihnen in nahem oder fernerem Zusammenhang. Vor allen Dingen empfangen wir durch die Geisteswissenschaft nicht nur die Grundüberzeugung, sondern die Grunderkenntnis über die Welt im physischen Leib und über die Welt, in die wir durch die Pforte des Todes eintreten. Aber diese Welt ist im Grunde genommen auch im sinnlichen Leben immer lebendig und umgibt uns, nur ist sie für den durch das Sinnenleben gebundenen Menschen nicht erkennbar, weil er nicht die nötige Aufmerksamkeit für sie hat. Wenn solche einschneidenden Ereignisse durch die Zeit wallen, die so mannigfaltige Opfer von den Menschen erfordern, wie sie uns jetzt umgeben, so müssen wir mit unserer ganzen Seele darin einverwoben sein. Da ist es naheliegend, manche Dinge aufklärend aus der Geisteswissenschaft vorzuführen.

[ 2 ] Wir wollen den Blick auf Gebiete des Lebens lenken, auf denen sich zeigt, wie die Menschheit durch die materialistische Denkweise zu einer verhängnisvollen Unlogik hinsichtlich dessen, was sie umgibt, gekommen ist. Wir hören zum Beispiel in der heute gewohnten Weise die einzelnen Völker einander vorwerfen: Ich habe den Krieg nicht gewollt, du bist es, der ihn angestiftet hat. — Die Frage ist an sich berechtigt und läßt sich jetzt schon beantworten — denn die Tatsachen sprechen klar —, wo die äußeren Ursachen liegen. Aber für den geisteswissenschaftlichen Betrachter ist es anders. In dieser Frage muß er sich klar sein darüber, daß der Krieg im Grunde genommen eine letzte Phase im Laufe der Ereignisse ist, oder wenigstens eine spätere Phase von Dingen, die schon vorher da waren. Man begeht einen Fehler im Urteilen auch bei Krankheitsprozessen, wo man oft noch von solchen spricht, während es schon Gesundheitsprozesse sind, die vorgehen müssen, um zu gesunden. Die äußerlichen Prozesse, die erfolgen, um die Krankheit zu paralysieren, um zu gesunden, haben sich vorher abgespielt, sind nicht zu bemerken. Der Krieg stellt auch einen scheinbaren Krankheitsprozeß dar. Er ist eine Anstrengung der Menschheit, über gewisse Vorgänge hinauszukommen, die vorher da waren. Die Erkrankung liegt schon vorher in den wirklich ungesunden Beziehungen der Völker untereinander. Wenn man mit dem Verstand die äußeren Ursachen erforscht, so übersieht man die inneren. Auf dem Gebiet, wo wir wie in einer Festung zusammengedrängt und mit einem Ring umschlossen sind, muß es naheliegen, besonders die Frage aufzuwerfen, welches die inneren Gründe sind, oder welcher Art der einzelne Grund ist, wodurch diese Einkreisung hervorgerufen wurde. Man spricht von einer solchen Einkreisung für die letzten Jahre, für die letzten Jahrzehnte, aber wenn man die großen Zusammenhänge betrachtet, beginnt sie viel, viel früher. Es klingt sonderbar, aber man kann das Jahr 860 angeben — nicht 1860, sondern 860. So lange spielt der Prozeß, der jetzt in einer Weise zum Ausdruck kommt, die man als den furchtbarsten Krieg der Menschheit bezeichnen kann, seit sie die Erde bewohnt.

[ 3 ] Im tieferen Zusammenhang der europäischen Geschichte findet man das höchst Merkwürdige, daß in Mitteleuropa etwas von geistiger Substanz zusammengedrängt wurde. Wenn man diesen tieferen Zusammenhang untersucht, so sieht man, daß es da zu einem besonderen Ziel zusammengedrängt worden ist. Es handelt sich nicht um die äußeren Bestimmungen des Blutes, der Rasse, sondern darum, daß etwas die Welt wie eine geistige Substanz durchzieht. Wie in einem schlangenförmigen Ring, vom äußersten Norden herunterkommend, zieht sich etwas in Mitteleuropa zusammen. Ringförmig gehen zwei Strömungen von Ost und West nach Süden und treffen wieder ringförmig zusammen. Aus einem Zentrum rücken im 9. Jahrhundert die normannischen Stämme herunter, die dem Blut nach mit so vielem verwandt sind, was später in Mitteleuropa ist. Aber sie drängen sich in das romanische Element hinein, das von Südeuropa her kommt; mit dem fließen sie zusammen. 860 stehen sie vor Paris, da werden die Normannen von den Romanen überwältigt. Daraus entsteht das westliche Frankreich. Mehr als die Angeln und Sachsen nach den britischen Inseln bringen konnten, brachten die Normannen aus Frankreich nach England zurück. Im Osten rücken die normannischen Menschen hinunter, sie dringen vom Norden her gegen die Wolga und das Schwarze Meer in das Slawentum hinein. Später geht der tartarische Strom hinein. Das Slawentum überwältigt die Normannen rassenmäßig und bringt ihnen die christliche Religion in ihrer östlichen Form. Sie werden slawisiert als «Ros» — so werden sie in Finnland genannt —, es ist nichts davon geblieben außer dem Namen Rußland. Dieser Name ist germanischen Ursprungs. Den gleichen Ursprung hat der Name Rurik.

[ 4 ] Über diese Zusammenhänge hat man recht bedenkliche Ansichten. Im Westen Europas sprechen viele davon, die Franzosen seien dazu berufen, das alte Keltentum in einer Art Renaissance wieder aufleben zu lassen. Man hat die Vorstellung, in Mitteleuropa seien vorzugsweise Germanen, im Westen wiege das Keltentum vor. Aber es ist umgekehrt, in den Franzosen ist viel mehr Germanenblut, in Mitteleuropa ist mehr Keltenblut, das ist die Wahrheit. So steht die Maja gegen die Wahrheit. Nur sind die Bewohner des Westens ganz überwältigt von dem Romanentum. Im Osten ist das Normannentum und damit das Germanentum überwältigt durch das fremde Rassenelement. Dort herrscht noch heute eine der russischen Volksseele völlig fremde Religion. So sind die Menschen in Mitteleuropa wie in einem Kessel eingekreist. Die Romanen reichen bis Konstantinopel, und auf der andern Seite die slawisierten Normannen ebenfalls bis Konstantinopel. Da haben wir die Schlange, den Ring.

[ 5 ] Wenn wir das, was da geistig zusammengedrängt wurde, ins Auge fassen, so bekommen wir die Anschauung, daß es eine besonders wichtige Aufgabe hat. Ich habe es gestern nur angedeutet, aber ich habe doch davon gesprochen, daß hier ein gewisser vertrauter Umgang der Volksseele mit der einzelnen Seele stattfinden soll und gerade dadurch die schönsten Blüten bei den besten Angehörigen hervorgebracht werden. Unmittelbar das Ich sollte ergriffen werden, nicht die einzelnen Seelenglieder wie im Westen, unmittelbar lebendig sollte es im Ich sein. Daraus geht hervor — das müßte schon der exoterischen Betrachtung klar sein —, daß in Mitteleuropa im Grunde niemals völlige Feindschaft gegen den Idealismus herrschen konnte, daß immer eine gewisse Hinneigung zur geistigen Welt in intensivstem Maße stattfand. Als wir unsere geistige Bewegung begannen, hat es das Karma gefügt, daß wir das zunächst im Verein mit der britischen Bewegung tun mußten. Aber äußerlich war alles weitere nur ein Symptom von dem, was sich innerlich mit einer gewissen Notwendigkeit abspielen mußte. Wenn wir ins Auge fassen, was die theosophische Bewegung ist, von der wir uns trennen mußten, so wird auffallen, daß dort das Kulturleben in zwei Teile gefallen ist. Das äußere Leben nimmt einen rein materialistischen Gang, und daran ist das spirituelle Element gekoppelt. Sie fallen immer auseinander. Vergleichen wir damit, was unser spirituelles Leben uns sein muß. Wie im Organismus der Kopf nicht ohne Leib gedacht werden kann, so wächst unser spirituelles Leben aus dem allgemeinen Kulturleben heraus. Man braucht nur anzufangen bei Tauler, Eckart, Angelus Silesius, dann bei Herder, Lessing, überall müssen wir herausentwickeln, was höhere geistige Kultur werden soll. Wir können nicht unsere spirituelle Anschauung ankoppeln, wir müssen sie als Organismus haben, müssen sie dazu erheben. Wir müssen innerlich die Entdeckung machen, daß die Wiederkunft des Christus eine geistige Angelegenheit ist. Daher können wir nicht die geringste Konzession machen. Wir können dem Christus als Gestalt nur mit dem geistigen Auge, mit dem inneren Erleben nahetreten. Im Westen mußte materialisiert, dogmatisiert werden. Die Leute konnten es sich nicht anders vorstellen, als daß er im physischen Leibe kommen würde. Daher die groteske Idee, den Christus im Leib auf dem Präsentierteller herumzureichen. Das geschah im Zusammenhang mit dem, was da eingekreist wurde.

[ 6 ] Daher muß uns objektiv die Frage berühren: Wie muß sich das mitteleuropäische Kulturwesen zu der Kultur der Zukunft verhalten? — Die Wahrheit ist eine allgemeine, aber wie sie entspringt, ist etwas anderes. In der mitteleuropäischen Kultur liegen die Quellen für die ganze spirituelle Kultur der Zukunft. Wir müssen den Weg finden aus dem deutschen Idealismus in die spirituelle Kultur hinein. Dazu ist nötig, daß hier in der Mitte eine Ich-Kultur begründet werde. Auf okkultem Felde kann das leicht gesehen werden. Das Ich des Menschen muß sich an der Außenwelt entzünden, da erst wacht es auf und wird sich innerlich bewußt. So wird die Ich-Kultur Mitteleuropas von außen angefacht. Man braucht nur die letzten Ereignisse zu betrachten, die Vereinheitlichung des deutschen Wesens. Es ist charakteristisch, daß das Deutsche Reich im Jahre 1871 auf fremden Boden gegründet wurde. So viele Dinge könnten angeführt werden, die auch in den äußeren Ereignissen zeigen, daß in Mitteleuropa Ich-Kultur herrscht.

[ 7 ] Es liegt nahe, zu fragen: Welche Bedeutung haben die Todesopfer für die spirituelle Welt? — Unzählige Menschen gehen in der Blüte ihrer Jugend durch die Pforte des Todes. Zunächst trennt sich der Zusammenhang zwischen Ich, Astralleib, Ätherleib vom physischen Leib ab. Der physische Leib wird scheinbar der Erde übergeben, der Ätherleib der ätherischen Welt, Astralleib und Ich gehen weiter. Aber das muß uns auffallen: Verhält es sich bei Menschen normalen Alters mit dem ätherischen Leib, der durch die Pforte des 'Todes geht, nicht anders als bei den jetzt hinübergehenden Jugendlichen? Für den physischen Leib begreift man das, für den ätherischen wird man es jetzt begreifen. Der hätte noch jahrzehntelang den physischen Leib versorgen, an ihm arbeiten können. Er geht mit diesen unverbrauchten Kräften durch die Pforte des Todes, vereinigt sich da mit der Volksseele, und die Arbeit der Volksseele wird in Zukunft durchimprägniert sein mit den unverbrauchten Kräften dieser ätherischen Leiber. An uns wird es sein, Verständnis dafür zu haben. Menschen werden da sein, die wissen werden: Die Volksseele ist ein aktives Element. Erst wenn man weiß, daß die unverbrauchten Ätherleiber wirken werden als spirituelle Kraft in konkreter Weise in der geistigen Welt, dann kann man verstehen, was real vorgeht. Wichtig wird das Bewußtsein dieses konkreten Zusammenhanges mit der geistigen Welt sein. Dadurch, nämlich durch Erzeugung eines solchen Bewußtseins von der geistigen Welt, wird die Geisteswissenschaft immer mehr etwas Lebendiges werden in den Gemütern und nicht nur Lehre bleiben. Der Mensch weiß, daß er in einer geistigen Aura ist, wie er hier weiß, daß die Luft in seiner Umgebung ist. Wie er hier frische und verbrauchte Luft unterscheidet, so wird er gute und böse Geister empfinden, erlebend empfinden die geistige Aura.

[ 8 ] Das ist erst die rechte Frucht der Geisteswissenschaft. Wir sehen es, wenn wir uns naheliegende Ereignisse betrachten, die uns belehren können. Eines davon geschah gerade an der Stätte unseres Baues. In diesem Falle war es ein Kind, dessen Ätherleib unverbraucht war. Die Kräfte sind da, wer sie sieht, wer sie zu sehen weiß, der sieht, daß sie in die Aura unseres Dornacher Baues übergegangen sind und darin leben. Das ist ein Beispiel, für das ich eintrete. Der Ätherleib, der mit seinen Kräften mehr der Allgemeinheit gehört, wirkt richtig weiter. Seither versucht er, durch Inspirationen in der Nähe des Baues etwas zu tun. Das sind helfende Kräfte.

[ 9 ] Solche Dinge liegen uns nahe, wir können uns von ihnen belehren lassen, wie geheimnisvoll die Zusammenhänge sind in der geistigen Welt. Gerade in der letzten Zeit haben wir es in unserem Gesellschaftskarma gehabt, daß uns liebe Freunde vom physischen Plan weggestorben sind. Was ich im Wiener Zyklus über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt gesagt habe, wurde gerade an manchen von diesen Seelen ganz klar. Eine dieser Seelen hat so recht den Weg in unsere Bewegung gefunden, als der physische Leib schon mürbe geworden war. Es war ein Wesen, bei dem mir, seit es überhaupt in unserer Bewegung war, das Seelische schon entgegengetreten ist wie durch den glashell gewordenen Leib. Nach dem Tod wob sich das Bild der Seele, das vorher schon da war, zusammen mit dem, wie es nachher sich darstellte. Ich konnte nicht anders, als den Nachruf geben, der zeigt, daß ich so recht mit dieser Seele zusammen war. Die folgenden Worte machten sich hörbar etwa drei Tage, nachdem der Tod eingetreten war:

Du tratest unter uns.
Deines Wesens bewegte Sanftmut
Sprach aus Deiner Augen stiller Kraft —
Ruhe, die seelenvoll belebt,
Floß in den Wellen, Mit denen Deine Blicke
Zu Dingen und zu Menschen
Deines Innern Weben trugen; —
Und es durchseelte dieses Wesen
Deine Stimme, die beredt
Durch des Wortes Art mehr
Als in dem Worte selbst
Offenbarte, was verborgen
In Deiner schönen Seele weset;
Doch das hingebender Liebe
Teilnahmsvoller Menschen
Sich wortlos voll enthüllte —
Dies Wesen, das von edler, stiller Schönheit
Der Welten-Seelen-Schöpfung
Empfänglichen Empfinden kündete.

[ 10 ] Nach dem Tode tritt ein Abdämpfen des Bewußtseins ein, gerade weil ein überflutendes Bewußtsein da ist. Das geschieht durch den Rückblick, den man zuerst auf den Tod hat — nicht bei Selbstmord —, gleichsam ein Sonnenpunkt. Es gehört zu dem Schönsten, Höchsten. Man knüpft da an, man sagt sich: Da hast du gelebt —, und so orientiert man sich in der geistigen Welt.

[ 11 ] Unsere Freundin war aus dem Stadium des ätherischen Rückblicks heraus, so daß man zu dem zwar anwesenden, aber nicht bewußten Wesen sprach. Dann kam durch die Wärme ein Moment des Bewußtseins und sie sah die Feuerbestattung. Die Zeit wird da zum Raum.

[ 12 ] Es gibt ein Korrespondieren zwischen dem, was in der physischen und in der geistigen Welt stattfindet. In einem solchen Fall kommt ein Anruf nicht wie ein Echo aus der geistigen Welt zurück, sondern wandelt sich zur sinngemäßen Antwort aus der noch nicht bewußten Seele um. Durch solche Beispiele des in uns erkennenden Gefühls, in unserem gefühlsmäßigen Erkennen der geistigen Welt, muß das Ergebnis sein, die Realität der geistigen Welt zu erfahren. Es ist besonders wichtig, dieses konkrete Gefühl in unserer Zeit zu erwerben, damit aus der Schwere der Gegenwart für die ganze Menschheit im Physischen und Seelischen Heil erwachse, denn immer sind die großen, bedeutsamen Ereignisse des Weltgeschehens auch für eine oberflächliche geistige Erkenntnis der klare Ausdruck dafür gewesen, daß wir in der sinnlichen Welt nicht nur sinnliche Wesen haben, sondern daß die geistigen Wesen hereinwirken.

[ 13 ] Es ist schwer, den Schleier zu durchbrechen, der die physische von der geistigen Welt trennt. Das macht die Selbsterkenntnis schwer im weitesten Umfang, man stellt sich darunter oft zu Leichtes vor. Schon im äußerlich physischen Sinn ist sie manchmal schwer. Ein groteskes Beispiel dafür gab der bedeutende Philosoph Professor Ernst Mach — nicht Ferdinand Maack, ich hätte sonst nicht von einem bedeutenden Philosophen gesprochen. Mach schildert in einem seiner Werke, als junger Mensch sei ihm einmal in einem Schaufensterspiegel ein unangenehmes, widerwärtiges Gesicht aufgefallen, das er zu seiner Bestürzung gleich darauf als sein eigenes erkennen mußte. Etwas ähnliches erlebte er später nochmals. Beim Einsteigen in einen Omnibus erblickte er einen Mann mit einem häßlichen Gesicht, der ihm von der andern Seite entgegenkam, und erkannte erst nachträglich, daß er sich selbst im Spiegel gesehen hatte. Darüber, was das Wesen, die Gestalt der Seele ist, ist sich der Mensch noch viel mehr im Unklaren. Durch was man alles hindurch muß, um zur Selbsterkenntnis zu kommen, davon läßt sich der Mensch nichts träumen. In den Untergründen der Seele ist die Maja oft in großem Ausmaß vorhanden. Ein Mensch hat den Trieb zur Grausamkeit, er lebt mit Menschen zusammen, die er von Zeit zu Zeit quält und so weiter. Er sucht nach einem äußeren Grund dafür, wendet oft eine geniale Erfindungsgabe auf, um das Gefüge der Seele zu verschleiern. Ich selbst kannte jemanden, der immer wieder davon sprach, unter wie großen Opfern sich seine Tätigkeit vollzogen habe. Aber ich mußte sagen, daß es nur seelische Wollust war, die er befriedigte. Wenn er so von Opfern sprach, so stand hinter alldem nur Egoismus. Wirkliche Selbsterkenntnis ist nur erreichbar, wenn man nach und nach in der Geisteswissenschaft vorschreitet, insofern man durch sich erlebt, was in der Welt ist.

[ 14 ] Es gibt schwatzende Leute in der Welt, die Schwatzstündchen veranstalten. Das soll es sogar unter Männern geben, die zum Dämmerschoppen gehen. Wenn sie gefragt werden, warum sie schwatzen, so haben die Leute allerlei wichtige Gründe dafür. Aber wenn wir mit unserer Hand über Samt oder Seide streichen, so haben wir ein Gefühl des Wohlgefallens. Wenn man schwatzt, stößt sich der Ätherleib fortwährend an der in Bewegung gesetzten Luft, er wird dadurch gestreichelt. Das ist nichts Böses. Man versteht das, was beim Schwatzen vorgeht, nur, wenn man weiß, daß der Mensch einen Ätherleib hat.

[ 15 ] Die Menschheit geht einer Zeit entgegen, wo sie solchen Dingen mehr und mehr ins Antlitz schauen muß. Die Geisteswissenschaft muß immer mehr und mehr das Bewußtsein dafür erwecken. Es wird dann eintreten, daß die Menschen, die heute in ihrem materialistischen Sinn behaupten, alles Geistige sei Träumerei, sich so ausnehmen werden, wie wenn jemand sagen wollte, wo die Luft ist, sei überhaupt nichts. Wie man entdeckt, daß die Luft real ist, so wird die Menschheit entdecken, daß der Geist etwas Reales ist. Wenn man das größte Mysterium, das Mysterium von Golgatha ins Auge faßt, so kann man glauben, daß der Christus, nachdem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, auf die Menschheit vornehmlich durch eine Lehre gewirkt hätte. Aber was die Menschen über den Christus gewußt haben, das ist das Allergeringste. Die Theologen haben sich gezankt, aber die wenigsten haben etwas Richtiges verstanden. Nur ein Teil dessen, was in der Geschichte geschieht, spielt sich im Bewußtsein ab. Ein Beispiel dafür ist die Schlacht zwischen Maxentius und Konstantin an der Milvischen Brücke am 28. Oktober 312, die nicht durch irgendwelche äußeren Umstände, sondern durch Einwirkungen nichtphysischer Art entschieden wurde. Mit einem Heer, das weit stärker war als das seines Gegners Konstantin, hatte Maxentius Rom zu verteidigen. Bei Befragung der Sibyllinischen Bücher wurde ihm bedeutet, er solle seine Truppen aus Rorm herausführen; auf diese Weise werde er die Feinde Roms vernichten. Hierin wurde er noch durch einen Traum bestärkt. Auch Konstantin hatte einen Traum: ihm wurde aufgegeben, seinen Soldaten statt der alten Feldzeichen Banner mit dem Monogramm Christi vorantragen zu lassen. So geschah es, und das Heer des Maxentius, das allen Vernunftgründen zum Trotz aus Rom herausgeführt worden war, wurde durch die schwächeren Streitkräfte des Konstantin geschlagen, und Maxentius selbst fand auf der Flucht den Tod. Der Christus-Impuls hatte hier in das Unterbewußtsein der Menschen hineingewirkt.

[ 16 ] Der Impuls lebt im Unterbewußtsein so, wie wenn auf dem Meere Schiffe fahren, aber das Wichtige sich in Unterseebooten abspielen würde. Im 15. Jahrhundert ist wieder ein wichtiger Zeitpunkt. Damals griff die Jungfrau von Orleans so in den Gang der Geschichte ein, daß alles, was später geschehen ist, davon bestimmt wurde. Die ganze Karte von Europa wäre anders, auch das geistige Leben, wenn die Engländer gesiegt hätten. Die Jungfrau war ein Michaels-Diener. Schiller war tief berührt von der Gestalt der Jungfrau von Orleans: «Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen.» Während Voltaire Gift und Galle gegen sie spie, selbst Shakespeare sie nicht verstehen konnte, Anatole France sie ins materialistische Fahrwasser herabgedrückt hat, alle westlichen Geister sie nicht verstanden haben, hat Schiller diese hehre Gestalt in seinem Drama verkörpert.

[ 17 ] Damit die Jungfrau von Orleans ihre historische Mission erfüllen konnte, war notwendig, daß sie eine Art unbewußter Initiation durchmachte. Es handelte sich dabei um eine Einweihung, wie sie uns in der Legende von Olaf Åsteson geschildert wird. Solche Einweihungen, für die bestimmte karmische Voraussetzungen vorliegen mußten, konnten in der Zeit der dreizehn Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar erfolgen. Wenn das äußere Licht die geringste Stärke hat, ist eine innere Erleuchtung am ehesten möglich. So hatte Olaf Åsteson im Schlafzustand während der dreizehn Nächte reale geistige Erlebnisse, über die er dann, wie es in dem «’Traumlied» dargestellt ist, vor der Kirchentüre berichtet. Auch die Jungfrau von Orleans hat die dreizehn Nächte gewissermaßen im Schlafzustand zugebracht, nämlich im Leibe der Mutter. In der letzten Zeit vor der Geburt ist der Mensch unbewußten Einflüssen aus der geistigen Welt besonders zugänglich. Am 6. Januar wurde die Jungfrau von Orleans geboren. An diesem Tage lief die ganze Einwohnerschaft ihres Geburtsortes zusammen, weil etwas ganz Außergewöhnliches in der Aura des Dorfes zu spüren war. Es war die Geburt der Jungfrau von Orleans, der unmittelbar, bevor sie das physische Sonnenlicht erblickte, der Christus-Impuls eingepflanzt worden war.

[ 18 ] Das Lebendige des Zusammenhanges zwischen physischer und geistiger Welt sich zu erringen, ist das eigentliche Ziel aller unserer Bestrebungen und das, worauf es uns ankommt. Man wird erkennen, daß die Dämmerungszeit dieses Krieges eine Zeitenwende bezeichnet. Die Menschen sollen wissen, daß die Seelen derer, die sich geopfert haben, weiter wirken und daß dieser Krieg die Aufgabe hat, das materialistische Zeitalter abzuschließen.

[ 19 ] Es ist notwendig, daß Seelen da sind, die wie sich entgegenstreckende Arme Gedanken in die geistige Welt hinaufsenden und das Bewußtsein von der geistigen Welt herabbringen, geistbewußte Seelen. Je mehr solche geistbewußte Seelen ihre Gedanken hinaufsenden — es ist viel davon abhängig, daß unsere geistige Atmosphäre von solchen Gedanken durchzogen wird —, desto mehr können die Früchte reifen, die aus den Todesopfern kommen. So fassen wir unsere Betrachtung in die Worte zusammen:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.