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Paths to Spiritual Insight and
the Renewal of an Artistic Worldview
GA 161

28 March 1915, Dornach

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Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Der heutige Abend soll einem Dichter gewidmet sein, der versuchte, in gewisse Geheimnisse des dichterischen Schaffens wieder mehr, bedeutsamer einzugreifen, als er glaubte, daß dieses von seiner Zeit geschehen war. Wir möchten hinweisen auf den Wiedererneuerer des Nibelungenliedes, auf Wilhelm Jordan, der die Höhe seines Schaffens gehabt hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts und im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, einen Dichter, von dem man wohl sagen kann, daß er namentlich in bezug auf sein Wollen, wie ja so viele ähnliche künstlerische Erscheinungen, wenig gewürdigt worden ist.

[ 1 ] This evening is dedicated to a poet who sought to delve deeper into certain mysteries of poetic creation—and to do so more meaningfully—than he believed his contemporaries had done. We would like to highlight the reviver of the Nibelungenlied, Wilhelm Jordan,, who reached the height of his creative powers in the mid-19th century and at the beginning of the last third of the 19th century—a poet of whom one can certainly say that, particularly with regard to his intentions, he has been little appreciated, as have so many similar artistic figures.

[ 2 ] Wilhelm Jordan versuchte, mit dem Stoff des Nibelungenliedes zugleich wiederum heraufzuheben in die Dichtweise der Gegenwart die Art, ich möchte sagen, die Wesensart, die Kunstform des Nibelungenliedes. Ich werde dann, wenn Frau Dr. Steiner einige Proben von Wilhelm Jordans Dichtungen vorgetragen haben wird, in einer Schlußbetrachtung des heutigen Abends auf den Wert und die Bedeutung dieser versuchten Erneuerung einer alten Dichtweise vom Standpunkt unserer geisteswissenschaftlich-künstlerischen Weltanschauung einiges Licht zu werfen versuchen. Vorher wollen wir aber eben einige Proben vor unseren Seelen vorüberziehen lassen, die uns veranschaulichen sollen, wie Wilhelm Jordan aus der inneren Kraft der Sprache heraus die alte Dichtweise zu erneuern strebte.

[ 2 ] Wilhelm Jordan sought, through the material of the Nibelungenlied, to bring back into contemporary poetic practice the style—I might say the very essence—the artistic form of the Nibelungenlied. Once Dr. Steiner has recited a few samples of Wilhelm Jordan’s poetry, I will attempt, in a concluding reflection on this evening’s program, to shed some light on the value and significance of this attempt to renew an ancient poetic style from the perspective of our Spiritual Science worldview. But first, let us allow a few examples to pass before our souls, which are intended to illustrate how Wilhelm Jordan strove to renew the old poetic style from the inner power of language.

[ 3 ] Wir wissen ja — denn wem sollte nicht bekannt sein der eigentliche Inhalt der Nibelungensage —, wie diese Nibelungensage zum Ausdruck bringt Menschenwesen, Menschentaten, Menschenfühlen und Menschenwollen lang vergangener Zeiten. Inwiefern solches Menschenwesen, Menschenwollen und Menschentun gerade durch das Nibelungenlied sich zum Ausdruck bringen will, davon werden wir eben nachher sprechen. Aber jeder von uns weiß ja, daß zwei Gestalten richtunggebend im Nibelungenlied dastehen, zwei weibliche Gestalten, Kriemhilde aus dem Burgunderland und Brunhilde vom Isenstein, von weit drüben über dem Meere. Wir wissen, daß Kriemhilde vermählt werden sollte mit Siegfried vom Niederrhein, und wir wissen, daß diese Vermählung unter schwierigen Umständen vor sich geht. Wir wissen, daß Kriemhildens Bruder, Gunther, werben will um Brunhilde, daß Brunhilde aber schwer, schwer zu erringen ist, und Gunther ist nicht die Persönlichkeit, die Brunhilde erringen kann. Aber Gunther verspricht Siegfried vom Niederrhein, daß er ihm Kriemhilde zur Gattin geben wolle, wenn Siegfried ihm, Gunther, behilflich sein würde in der Werbung um Brunhilde. Und Siegfried ist — davon werden wir noch später sprechen der starke Held, der im Kampfe die schier unbezwingliche Brunhilde überwinden kann. Siegfried ist aber auch der, man möchte sagen, von okkulten Kräften umwobene Held, und dadurch kommt es zustande, daß, als im Kampfe Gunther sich erwerben soll Brunhilde, Siegfried, ihr unsichtbar gemacht durch okkulte Mittel, die Tarnkappe, ihm beistehen kann, und daß Siegfried es eigentlich ist, der Brunhilde überwinden kann. Und Gunther, der als der Überwinder gilt, weil man an seiner Seite Siegfried, den wirklichen Sieger nicht gesehen hat, kann Brunhilde heimführen nach Worms.

[ 3 ] We know, of course—for who is not familiar with the actual content of the Nibelungen saga?—how this saga gives expression to human nature, human deeds, human feelings, and human will from times long past. To what extent such human nature, human will, and human actions seek to express themselves specifically through the Nibelungenlied is what we will discuss shortly. But each of us knows that two figures stand out as central in the Nibelungenlied, two female figures: Kriemhilde from Burgundy and Brunhilde of Isenstein, from far across the sea. We know that Kriemhilde was to be married to Siegfried of the Lower Rhine, and we know that this marriage takes place under difficult circumstances. We know that Kriemhilde’s brother, Gunther, wishes to woo Brunhilde, but that Brunhilde is very, very difficult to win, and Gunther is not the sort of man who can win Brunhilde. But Gunther promises Siegfried of the Lower Rhine that he will give him Kriemhilde as his wife if Siegfried would assist him, Gunther, in his courtship of Brunhilde. And Siegfried is—we will speak of this later—the mighty hero who can overcome the seemingly invincible Brunhilde in battle. But Siegfried is also, one might say, the hero shrouded in occult powers, and this is how it comes to pass that, when Gunther is to win Brunhilde in battle, Siegfried—made invisible to her by occult means, the magic cap—can assist him, and that it is actually Siegfried who can overcome Brunhilde. And Gunther, who is regarded as the victor because Siegfried, the true victor, was not seen at his side, is able to bring Brunhilde home to Worms.

[ 4 ] Und noch einmal ist es, daß Gunther zu kämpfen hat mit Brunhilde, als sie schon sein Weib ist. Aber wiederum muß Siegfried für ihn eintreten, und entwunden wird Brunhilden Ring und Gürtel durch Siegfried, während sie glauben muß, durch Gunther seien sie ihr entrungen worden. Das aber wird die Veranlassung dazu, daß heftigste Eifersucht ausbricht zwischen den beiden, zwischen Kriemhilde und Brunhilde. Das alles ist ja so hinlänglich bekannt, daß ich es nicht im breiten zu erzählen brauche. Ich möchte sagen, es tritt ja auch im Nibelungenlied uns klar und deutlich entgegen, wie nach und nach durch die Ereignisse Brunhilde immer eifersüchtiger und eifersüchtiger wird auf Kriemhilde, und wie das eine Art von Widerhall findet im Herzen der Kriemhilde. Wir sehen die Flamme der Rivalität der beiden weiblichen Persönlichkeiten drohend heraufziehen. Das aber kommt besonders zum Ausdruck, als Kriemhilde, im Besitz von Ring und Gürtel, dem Schmuck der Brunhilde, nun Brunhilden vorhält und an diesem Besitz es erhärten kann, daß Siegfried, ihr Mann, der eigentliche Überwinder Brunhildens ist, und daß sie im Grunde genommen einen Schwächling

[ 4 ] And once again, Gunther must fight Brunhilde, even though she is already his wife. But once again Siegfried must intervene on his behalf, and Siegfried seizes Brunhilde’s ring and belt, while she is led to believe that Gunther has taken them from her. This, however, is the cause of the most intense jealousy breaking out between the two, between Kriemhilde and Brunhilde. All of this is, of course, so well known that I need not recount it at length. I would like to say that it is also clearly evident to us in the Nibelungenlied how, little by little, as events unfold, Brunhilde becomes increasingly jealous of Kriemhilde, and how this finds a kind of echo in Kriemhilde’s heart. We see the flame of rivalry between the two female characters looming menacingly. But this is particularly evident when Kriemhilde, in possession of the ring and the belt—Brunhilde’s adornments—now confronts Brunhilde with them and, by virtue of this possession, can confirm that Siegfried, her husband, is the true conqueror of Brunhilde, and that she is, in essence, a weakling

[ 5 ] als Gatten an ihrer Seite hat. Da geht der Gedanke in Brunhilde auf, daß Siegfried sterben müsse, weil er gewissermaßen sie verraten hat. Denn nimmermehr hätte er übergeben dürfen der Kriemhilde Ring und Gürtel, nimmermehr hätte er verraten dürfen das Geheimnis, das nur zu walten hatte zwischen ihm, Siegfried, und Brunhilde.

[ 5 ] as her husband by her side. Then the thought occurs to Brunhilde that Siegfried must die, because he has, in a sense, betrayed her. For he should never have given Kriemhilde the ring and the belt, never should he have betrayed the secret that was meant to remain between him, Siegfried, and Brunhilde.

[ 6 ] Alles dies tritt uns ja auch im Nibelungenlied in einer gewissen Weise entgegen. Allein wenn wir das Nibelungenlied auf alle seine Motive hin verfolgen, so bleibt uns etwas unverständlich. Dieses Unverständliche wird sogleich verständlich, wenn wir uns das Nibelungenlied ergänzt denken durch das, was im Nibelungenlied nicht mehr ist, was uns aber künden alte Sagen aus grauerer Vorzeit noch als die war, in der das Nibelungenlied enstanden ist: wenn wir aufmerksam werden darauf, wie Brunhilde im Grunde die Repräsentantin ist einer alten Wesenheit, einer Walküre, wie sie gleichsam hineingestellt ist, diese Brunhilde, als eine später im Erdenleib weilende Verkörperung einer älteren mächtigen Wesenheit, einer Walkürenwesenheit, und wie das alles hineinwirkt in die Gegenwart. Wie gesagt, im Nibelungenlied ist es nicht ausgesprochen, aber es ist der älteren Sage eigentümlich.

[ 6 ] All of this is, in a certain sense, also reflected in the Nibelungenlied. Yet when we examine the Nibelungenlied in all its motifs, something remains incomprehensible to us. This incomprehensibility becomes immediately clear when we imagine the Nibelungenlied supplemented by what is no longer present in it, but which ancient legends from a time even more remote than that in which the Nibelungenlied was composed still tell us about: when we become aware of how Brunhilde is essentially the representative of an ancient being, a Valkyrie, how she is, as it were, placed within the narrative—this Brunhilde—as a later incarnation dwelling in an earthly body of an older, powerful being, a Valkyrie being, and how all of this influences the present. As I said, it is not explicitly stated in the Nibelungenlied, but it is characteristic of the older legend.

[ 7 ] Wenn wir dies aus der älteren Sage dazunehmen, dann begreifen wir das dämonisch Eigenartige von Brunhilde, wir begreifen aber auch, daß sich in den Ereignissen des Nibelungenliedes Großes, Bedeutungsvolleres abspielt als dasjenige, was sich im Grunde genommen zwischen Persönlichkeiten sonst als Persönliches im Erdenrund abspielen kann. Brunhilde erscheint uns dann schon so, als ob sie in einer späteren Verkörperung gleichsam weniger geworden wäre als das, was sie einmal war als Walküre, aber als wenn sie im Seelenhaften als Walküre hineinbrächte dasjenige, was sie zum dämonischen Wesen macht. Doch bei Siegfried erscheint uns etwas Ähnliches. Auch bei ihm möchten wir sagen: Wir wollen hinsehen, wie Siegfried verkörpert war in alter Zeit, in der er noch ein anderer Mensch war, von dessen Wesenheit er etwas hereingebracht hat in die Siegfried-Inkarnation. Dadurch war es ihm möglich, Brunhilde, die auch mehr ist als die im irdischen Leibe sich darlebende Brunhilde, zu überwinden. Dadurch aber steht Siegfried vor uns, wie wenn in ihm dasjenige, was den Mann zum Manne macht, die Sonnenkraft, in einer früheren Inkarnation mehr entwickelt war, als es in einer Persönlichkeit entwickelt werden konnte in jener Zeit, in der Siegfried als Siegfried lebte. Geradeso wie die Erdenmutterkraft in Brunhilde mehr lebte, als sie in einer Persönlichkeit, in einer weiblichen Persönlichkeit leben konnte in der Zeit, da Brunbilde eben als Brunhilde auftritt.

[ 7 ] If we take this into account from the older legend, we come to understand the demonic peculiarity of Brünnhilde; but we also realize that something greater and more significant is unfolding in the events of The Nibelungenlied than what might otherwise occur between individuals as a matter of personal relations in the earthly realm. Brunhilde then appears to us as if, in a later incarnation, she had, so to speak, become less than what she once was as a Valkyrie, yet as if she were bringing into the soul-world, as a Valkyrie, that which makes her a demonic being. Yet something similar appears to us in Siegfried. With him, too, we might say: Let us look at how Siegfried was embodied in ancient times, when he was still a different person, from whose essence he brought something into the Siegfried incarnation. This made it possible for him to overcome Brunhilde, who is also more than the Brunhilde manifesting herself in the earthly body. But through this, Siegfried stands before us as if that which makes a man a man—the solar power—was more developed in him in an earlier incarnation than could be developed in a personality at the time when Siegfried lived as Siegfried. Just as the Earth Mother force lived more fully in Brunhilde than it could have lived in a personality—in a female personality—during the time when Brunhilde appeared as Brunhilde.

[ 8 ] So stehen uns eigentlich die äußeren inkarnierten Seelen, die Persönlichkeiten, wie rätselvolle Wesenheiten gegenüber. Und daher begreifen wir es, daß all dieses Rätselvolle, welches an viele alte Sagen und alte Kräfte anknüpft, die nicht im Nibelungenlied selbst enthalten sind, Wilhelm Jordan heraufholen wollte, als er darzustellen versuchte dasjenige, was in den Ereignissen, nicht im Nibelungenlied selbst, aber in den Ereignissen des Nibelungenliedes lebt, und daß eine Eifersucht, die besteht zwischen Brunhilde mit der Walkürenseele und Kriemhilde, die im eminentesten Sinne als das Erdenweib ihrer Zeit hingestellt wird, besonders ausbricht nicht wie im Nibelungenlied, sondern anders bei Wilhelm Jordan, nämlich zur Zeit als ein Fest, ein Fest der Sonnenwende dargestellt wird für die damalige Zeit: als dargestellt wird, wie der Sonnengott Baldur überwunden wird von Hödur, wie er betrauert wird von Nanna, seiner Gattin, der er entschwunden ist aus dem Reich des Lichtes, um hinunterzusteigen durch den Tod, der verursacht ist durch Hödur, in das Reich der Hel. In Kriemhildens Seele selbst kann etwas wie eine Ahnung auftreten: So wie hier im Festspiel dargestellt wird, wie der alten Göttin entrissen ward der Sonnengott, so wird mir entrissen werden — sie weiß das erst in ahnender Seele — der Sonnenheld! Sie nennt ihn gewiß nicht den Sonnenhelden, aber das alles waltet im Unterbewußtsein dieser rätselvollen Persönlichkeit, die es vielleicht heraufgetragen hat aus Inkarnationen, in denen mehr noch in den Seelen waltete als in der späteren Zeit, in der die Seelen irdische Menschen wurden, welche auch die Zeit des Nibelungenliedes ist. Daher begreifen wir, daß die Leidenschaften bei Brunhilde und Kriemhilde ganz besonders auflodern, als das Spiel von dem alten Sonnengott vor ihnen sich abgespielt hat. Dann geschieht es, daß nachher beim Bade Kriemhilde der Brunhilde vorwirft, was sie vorzuwerfen hat, und in Brunhilde der Entschluß entsteht, Hagen, den Grimmen, dem sie sich anvertraut, zum Mörder zu machen des Siegfried, der sie verraten hat.

[ 8 ] Thus, the external incarnated souls—the personalities—appear to us as enigmatic beings. And so we understand that all this mystery, which ties in with many ancient legends and ancient forces not contained in the Nibelungenlied itself, is what Wilhelm Jordan sought to bring to light when he attempted to portray that which lives in the events—not in the Nibelungenlied itself— but lives on in the events of the Nibelungenlied, and that a jealousy existing between Brunhilde, with her Valkyrie soul, and Kriemhilde—who is portrayed in the most eminent sense as the earthly woman of her time—breaks out particularly not as in the Nibelungenlied, but differently in Wilhelm Jordan’s work, namely at a time depicted as a festival, a solstice festival for that era: as depicted when the sun god Baldur is overcome by Hödur, and is mourned by Nanna, his wife, from whom he has vanished from the realm of light to descend through death—caused by Hödur—into the realm of Hel. In Kriemhild’s own soul, something like a premonition may arise: Just as the festival depicts here how the sun god was snatched from the ancient goddess, so will the sun hero be snatched from me—she knows this only in her premonishing soul! She certainly does not call him the Sun Hero, but all this reigns in the subconscious of this enigmatic personality, who may have carried it up from incarnations in which the soul reigned even more than in later times, when souls became earthly human beings—which is also the time of the Nibelungenlied. Hence we understand that the passions in Brunhilde and Kriemhilde flare up particularly intensely when the play of the old Sun God has unfolded before them. Then it happens that later, while bathing, Kriemhilde reproaches Brunhilde for what she has to reproach her for, and Brunhilde resolves to make Hagen, the Grim, to whom she entrusts herself, the murderer of Siegfried, who has betrayed her.

[ 9 ] So sucht Wilhelm Jordan wiederum zu beleben dasjenige, was in alten Zeiten gelebt hat; aber er versucht es auch so zu beleben, daß in der Belebung waltet jenes wirkende Weben, welches in der Dichtung wirksam war, als noch die Menschenseele intimer mit der Sprache in Verbindung stand, als das in unserer Zeit der Fall ist; als noch die Menschenseele ihr Wallen und Weben und Wirken und Wesen webend wogen . fühlte, indem sie dieses Wallen und Wirken und Weben ausprägte in den Worten der Sprache. Und das Seltsame, wie es ist, wenn ein Dichter wiederum belebt dieses Mit-der-Sprache-Einssein, welches das Eigentümliche war des alten Verses, der alten Dichtkunst, das möchten wir mit ein paar Proben vor Ihre Seele führen. Aber nichts ist in diesen alten Versen von dem äußerlichen Synthetisieren des Endreimes, der das Verstandesmäßige hineinträgt in die künstlerische Gestaltung, der im Grunde doch immer etwas ist, was äußerlich architektonisch der Sprache zugebaut ist. Aus dem Organismus des Sprechens heraus entsprang dasjenige, was in alten Zeiten Verskunst war. Und seltsam klingt es schon dem heutigen Menschen, wenn wirklich Wert gelegt wird auf diese Verskunst. Und hebt man besonders heraus dieses innerliche aus der Seele kommende Verwobensein mit dem Weben der wirkenden Seele, dann erscheint es dem heutigen Menschen nicht mehr natürlich. Aber Wilhelm Jordan faßte den Mut, dies zu tun: herauszuholen jenes Innere des Wort-Anfangsreimes in der Alliteration, in unserer gar nicht der Alliteration so recht fähigen Sprache. Und wenn er selbst sein Nibelungenlied zur Rezitation brachte, so suchte er wiederum dieses ganz alte eigentümliche Wesen des Verses, des Alliterierens in Versen, vor das gegenwärtige Publikum zu bringen. Da hörte man heraus aus dem Sinn der Rede die Alliteration:

[ 9 ] Thus Wilhelm Jordan seeks to revive what once lived in ancient times; but he also attempts to revive it in such a way that this revival is governed by that active weaving which was at work in poetry when the human soul was more intimately connected with language than is the case in our time; when the human soul still felt its surging, weaving, working, and being as a woven whole, expressing this surging, working, and weaving in the words of language. And the strange thing, as it is, when a poet in turn revives this oneness with language, which was the distinctive feature of the old verse, of the old art of poetry—we would like to present a few examples of this to your soul. But there is nothing in these ancient verses of the external synthesis of end-rhyme, which introduces the intellectual into the artistic form—which, after all, is always something architecturally added to the language from the outside. What was the art of verse in ancient times sprang from the very organism of speech. And it already sounds strange to people today when real value is placed on this art of verse. And if one particularly highlights this inner interwoven-ness arising from the soul with the weaving of the active soul, then it no longer appears natural to people today. But Wilhelm Jordan had the courage to do this: to bring out that inner essence of the word-initial rhyme in alliteration, in our language, which is not really well-suited to alliteration. And when he himself recited his Nibelungenlied, he sought once again to present this very old, peculiar nature of verse—of alliteration in verse—to the contemporary audience. There, one could hear the alliteration emerging from the meaning of the speech:

Wo nun rheinische Reben die weltberühmte
Feurige Milch für Männer mischen
Von Säften der Erde und Sonnenstrahlen,
Im Weichbild von Worms, da durfte weiland
Nicht Grabscheit noch Rechen den Grund berühren;
Denn da lag inmitten des weiten Maifelds
Auf sanfter Höhe der heilige Hain.
An seinem Rande, zum Rhein hin blickend,
War jetzt gerichtet ein Schaugerüste,
Die stattliche Bühne zum Balderspiele.

Where Rhineland vines now blend the world-famous
Fiery Milk for Men
From the earth’s juices and the sun’s rays,
In the vicinity of Worms, there once
Neither spade nor rake was allowed to touch the ground;
For there, in the midst of the vast May field
On a gentle hill lay the sacred grove.
At its edge, facing the Rhine,
A viewing platform now stood erected,
The stately stage for the Balderspiel.

[ 10 ] Es ist heute schon kein Gefühl mehr vorhanden für dieses innere, innerste Verhältnis zur Sprache:

[ 10 ] Today, there is no longer any sense of this innermost, most intimate relationship with language:

Wo nun rheinische Reben die weltberühmte ...

Where Rhineland vines now produce the world-famous ...

[ 11 ] Dieses, was ein altes Lied auslöste, das wollen wir nun vor uns hinstellen und zunächst hören, als eine Probe der Wiedererneuerung der Alliteration, das alte Balderlied.

[ 11 ] Let us now set before us this old song that inspired it, and first listen to it—as a sample of the revival of alliteration—the old Balderlied.

... Als die sinkende Sonne den Strom der Sage,
Den smaragdenen Rhein, errötend im Scheiden,
Mit Geschmeiden umgoß von geschmolzenem Golde,
Da glitten bei Worms durch die glänzenden Wellen
Hinauf und hinabwärts zahlreiche Nachen
Und führten das Volk vom Festspiel heimwärts.
Dem geregelten Rauschen und Pochen der Ruder
Am Borde der Boote melodisch verbunden
Erklangen im Takt auch die klaren Töne
Menschlicher Kehlen: in mehreren Kähnen,
Die nah an einander hinunter schwammen,
Sangen die Leute das Lied von der Sehnsucht,
Die hinunter ins Nachtreich auch Nanna getrieben,
Als die Mistel gemordet ihren Gemahl.

Lauschend im Fenster des Fürstenpalastes
Lag Krimhilde und harrte des Gatten.
In banger Befürchtung bittersten Vorwurfs
Verlangte nun doch nach dem fernen Geliebten
Ihre sorgende Seele voll Sehnsucht und Schmerz.
Sie fühlte sich schuldig und ahnte des Schicksals
Nahenden Schritt. So vernahm sie, erschrocken
Und trüben Sinnes, den Trauergesang.
Während der Wohllaut der uralten Weise
Vom Rhein heraufklang, regten sich leise
Ihre Lippen und ließen die Worte des Liedes,
Welche sie kannte seit frühester Kindheit,
Also hören ihr eigenes Ohr:

«O Balder, mein Buhle,
Wo bist du verborgen?
Vernimm doch, wie Nanna
Sich namenlos bangt.

Erscheine, du Schöner,
Und neige zu Nanna,
Liebkosend und küssend,
Den minnigen Mund.»

Da klingen von Klage
Die flammenden Fluren,
Von seufzenden Stimmen
Und Sterbegesang:

Die Blume verblühet,
Erblassend, entblättert;
Der Sommer entseelt sie
Mit sengendem Strahl.

Beim Leichenbegängnis
Des göttlichen Lenzes
Zerfällt sie und folgt ihm
In feurigen Tod.

«O Balder, mein Buhle,
Verlangende Liebe,
Unsägliche Sehnsucht
Verbrennt mir die Brust.»

Da tönt aus der Tiefe
Der Laut des Geliebten:
«Die Lichtwelt verließ ich,
Du suchst mich umsonst.»

«O Balder, mein Buhle,
O bist du verborgen?
Gib Nachricht, wie Nanna
Dich liebend erlöst!»

«Nicht rufst du zurück mich
Aus Tiefen des Todes.
Was du liebst, mußt du lassen
Und das Leid nur ist lang.»

«O Balder, mein Buhle,
Dich deckt nun das Dunkel;
So nimm denn auch Nanna
Hinab in die Nacht!»

... As the setting sun bathed the river of legend,
The emerald Rhine, blushing as it parted,
With a garland of molten gold,
Numerous boats glided through the shimmering waves near Worms
Up and down the river
And carried the people home from the festival.
To the steady rush and thud of the oars
Melodically joined at the boats’ sides
The clear tones also rang out in time
From human throats: in several boats,
Which sailed close together downstream,
The people sang the song of longing,
Which had also driven Nanna down into the realm of night,
When the mistletoe had slain her husband.

Listening at the window of the prince’s palace
Lay Krimhilde, awaiting her husband.
In anxious fear of the bitterest reproach
Her anxious soul, full of longing and pain,
Now yearned for her distant beloved.
She felt guilty and sensed the approach
Of fate’s footsteps. Thus, startled
And with a heavy heart, she heard the dirge.
While the sweet sound of the ancient melody
Echoed up from the Rhine, her lips moved softly
And let the words of the song,
Which she had known since earliest childhood,
Reach her own ears:

“O Balder, my lover,
Where are you hidden?
Hear, then, how Nanna
Anxiously yearns.

Appear, O fair one,
And bend down to Nanna,
Caressing and kissing,
Her loving mouth.”

There resound with lament
The flaming fields,
With sighing voices
And death songs:

The flower withers,
Paling, shedding its petals;
Summer strips it of life
With scorching rays.

At the funeral
Of the divine spring
She crumbles and follows him
In fiery death.

“O Balder, my lover,
Longing love,
Unspeakable yearning
Burns my breast.”

Then from the depths
The voice of the beloved sounds:
“I have left the world of light,
You seek me in vain.”

“O Balder, my beloved,
O are you hidden?
Give word, how Nanna
Loves you and redeems you!”

“You do not call me back
From the depths of death.
What you love, you must let go
And only the suffering is long.”

“O Balder, my beloved,
Darkness now covers you;
So take Nanna too
Down into the night!”

[ 12 ] Das alte Hellsehen stirbt, verschwindet; der Mensch steht einsam, verlassen, und sucht nach dem Entschwundenen, sehnt sich darnach. Nanna, die Weltseele, sucht Baldur, den Sonnengott, der zu Hel gegangen ist ins Nifelland.

[ 12 ] The ancient clairvoyance is dying, fading away; humanity stands alone, forsaken, searching for what has vanished, longing for it. Nanna, the World Soul, searches for Baldur, the Sun God, who has gone to Hel in Niflheim.

[ 13 ] Es muß nun Hagen allmählich die Vorbereitungen dazu treffen, daß Siegfrieds Tod herbeigeführt werden kann. Das alles kann nicht geschildert werden, was da wunderschön nun aus der Sage und der eigenen Phantasie herausgeholt hat Wilhelm Jordan, um zu zeigen, in wie gewaltiger Weise Hagen vorbereitet Siegfrieds Tod. Allein darauf darf aufmerksam gemacht werden, daß zu diesen Vorbereitungen gehört das Anzünden eines Turmes. Dieser Feuerschein kommt durch das Fenster in das Gemach des Gunther hinein. Und nun wird in großartiger Weise von Wilhelm Jordan wiedererweckt, was eigentlich zusammenhängt mit etwas, was ich auch später, wenn die Zeit reicht, besprechen werde: es wird für uns etwas wieder erweckt von dem ganz eigenartigen alten Naturgefühl, von dem der heutige moderne Mensch keine Vorstellung mehr hat. In dem Scheine des Feuers entzündet sich das Gewissen des Menschen, der noch zusammenhängt mit dem, was draußen unmittelbare Erscheinung ist, der sozusagen noch einen Anflug von der Erscheinung der sich loslösenden Seele im Traumhaften hat und sich draußen mit den Naturgewalten vereinigen kann. Und wie das Schicksal über Siegfried heraufzieht, und wie ihm der Tod hineingewoben wird in sein Schicksal von den Nornen, das löst aus der Seele des Menschen, den es am meisten angeht, das alte Nornenlied aus, das Lied von den Schicksalselementen:

[ 13 ] Hagen must now gradually make the necessary preparations to bring about Siegfried’s death. It is impossible to describe everything that Wilhelm Jordan has so beautifully drawn from the legend and his own imagination to show just how meticulously Hagen prepares for Siegfried’s death. It suffices to note that these preparations include setting a tower ablaze. The glow of this fire enters Gunther’s chamber through the window. And now Wilhelm Jordan magnificently revives something that is actually connected to a topic I will discuss later, if time permits: something is reawakened for us from that very peculiar old sense of nature, of which today’s modern human being no longer has any mental image. In the glow of the fire, the conscience of the human being is kindled—a conscience that is still connected to what is the immediate manifestation outside, that still possesses, so to speak, a hint of the manifestation of the soul detaching itself in the dreamlike realm, and that can unite with the forces of nature outside. And as fate descends upon Siegfried, and as death is woven into his destiny by the Norns, this triggers in the soul of the person most deeply affected the ancient Norn song, the song of the elements of fate:

War da drüben nicht längst das Feuer erloschen,
Der Rauch zerronnen? — Seht, es entringt sich
Den schwarzen Trümmern ein trüber Schwaden.
Schattenhaft steigt es im Schimmer der Sterne
Wie sturmgetriebene Traumgestalten.
Über den Rhein auf rauchigen Schwingen
Kommt es geschwebt. Drei graue Schwestern,
Riesengestalten, stehen jetzt rastend
Hoch in der Luft ob dem Herrscherpalaste.
Spindel und Spule, Webschiff und Weife,
Schärfstein und Schere halten die Hände.
Und sie spinnen und spulen und spannen die Fäden
Und weifen und weben und schärfen die Schere
Und modeln Gesang, so seelenzermalmend,
Daß, von Schauern des Todes geschüttelt, die tauben
Schläfer im Schloß im Traume schluchzen;
Denn ob auch die Ohren ahnungslos schlummern,
Es wacht das Gewissen im horchenden Herzen:

Der Neid hat die Netze
Des Fluches geflochten,
Das Haus ist entheiligt,
Die Hölle beherrscht’s.
Die Schlange beschlich es,
Da wucherte weiter
Der Same der Sünde,
Die Goldesbegier.

Wohl bildet am Baume
Voll gärenden Giftes
Der liebende Lichtgott
Ein reineres Reis;
Und kühnes Erkennen
Des Zieles der Zukunft
Bewahrte das Wunder
Auf Hinderbergs Höhn.

Umsonst! die Versucher
Verdarben auch diesen
Mit Hunger nach Golde,
Mit heißer Begier.
Da wurde der Wille
Zum Krampf nach der Krone,
Das Manneswort Meineid,
Die Treue Betrug.

Getrübt ist das Muster,
Und morgen zertrenne
Das Wundergewebe
Die Schere der Schuld.
Erschlagen sich Söhne
Desselben Geschlechtes,
Da schlürft schon der Säugling
Den Mord in der Milch.

Da blühn aus dem Blute
Die Ranken der Rache
Und stürzen zerstörend
Den Stamm in den Staub.
Nun müßt ihr euch morden
In rastlosem Rasen;
Die Tochter vertilge
Das Schlangengeschlecht.

Die Netze der Nornen
Umflochten mit Flüchen
Den Häschern der Hölle
Dies heillose Haus.
Sein Prahlen und Prunken
Mit glänzendem Glücke
Bezahle nun zehnfach
Der Niblunge Not.

Hasn't the fire over there long since gone out,
The smoke long since dissipated? — Behold, a gloomy wisp
Rises from the black ruins.
It rises like a shadow in the starlight
Like dream figures driven by the storm.
Across the Rhine on smoky wings
It comes, floating. Three gray sisters,
Giant figures, now stand resting
High in the air above the ruler’s palace.
Spindle and spool, shuttle and reed,
Warp stone and scissors hold their hands.
And they spin and wind and stretch the threads
And weave and weave and sharpen the scissors
And shape a song so soul-crushing,
That, shaken by shivers of death, the deaf
Sleepers in the castle sob in their dreams;
For though the ears slumber in ignorance,
Conscience watches in the listening heart:

Envy has woven the nets
Of the curse,
The house is desecrated,
Hell rules it.
The serpent crept into it,
And there continued to proliferate
The seed of sin,
The lust for gold.

Indeed, on the tree
Full of fermenting poison
The loving God of Light
Formed a purer shoot;
And bold recognition
Of the goal of the future
Preserved the miracle
On Hinderberg’s heights.

In vain! The tempters
Corrupted this one too
With hunger for gold,
With burning desire.
Then the will
Became a cramp for the crown,
A man’s word a perjury,
Loyalty a betrayal.

The pattern is clouded,
And tomorrow let the scissors
Of guilt sever
The fabric of wonder.
If sons of the same
Lineage slay one another,
Then even the infant
Sips murder with his milk.

From the blood they bloom
The tendrils of vengeance
And, wreaking destruction,
They cast the clan into the dust.
Now you must slay one another
In restless fury;
Let the daughter destroy
The serpent lineage.

The Norns’ Webs
Interwoven with curses
To the hounds of hell
This accursed house.
Its boasting and pomp
With shining fortune
Now pay tenfold
For the Nibelung’s woe.

[ 14 ] Und als dann Siegfried immer mehr und mehr entgegengeht seinem Todesschicksal, da ist es, daß er ebenfalls wiederum verwoben wird mit der Natur — wie gesagt, in alten Zeiten konnte in einer tragisch tragenden Weise noch ganz anders empfunden werden dieses Hellfühlen der Natur —, da ist es, daß Siegfried durch sein Hellfühlend-Werden in der Natur heranwallen sieht sein Schicksal. Aber verflochten, innig verflochten mit dem ganzen Gang der Erdenentwickelung sieht Siegfried das Walten auch des Geschickes seiner eigenen Seele. Und es ist, wie wenn das Schicksal der Erdenseele in ihrem Weben und Wogen sich zusammendichtete in seinem im Augenblick hellseherisch werdenden Gemüte. Wie wenn durch das Auftreten einer Sonnenfinsternis, die in Siegfried das Gefühl des Hinschwindens der Sonnenkraft bewirkt, ihm zugleich das Hinschwinden der Sonnenkraft für die Erde überhaupt vor die Seele träte, in kommenden Zeiten des Erdenwinters, wo die innere Macht der Sonne hinsterben soll und das, was geistig aus der Sonne in die Menschen fließt, auch hinschwinden soll. Dieses fühlt Siegfried aufsteigen in dem eigenen Gemüte, als er seinem Schicksal entgegengeht. Und aus dem Betrachten der Sonnenfinsternis heraus entringt sich ihm der Hinblick auf das allmähliche Abglühen der Sonnenlohe im Weben und Walten des Kosmos und in dem Zusammensein dieses Webens und Waltens des Kosmos mit dem irdischen Weben und Walten. Und so sieht er denn gleichsam verglimmen die Glut der eigenen Seele, des eigenen Gemütes, in der hinsterbenden Sonnenkraft. Und ein altes Lied, gelernt in Island drüben, jenseits des Meeres, wo Brunhilde her ist, kommt ihm, der plötzlich hellseherisch wissend geworden, in den Sinn. Bange Ahnung legt sich ihm auf die Seele: es spiegelt ab im innigsten Zusammenhang mit dem Naturfühlen sein eigenstes Geschick.

[ 14 ] And as Siegfried moves ever closer to his fatal destiny, it is then that he, too, becomes interwoven with nature—as I said, in ancient times this clear perception of nature could still be experienced quite differently, in a tragically profound way—it is then that Siegfried, through his growing sensitivity to nature, sees his destiny rising up before him. But interwoven, intimately interwoven with the entire course of the Earth’s development, Siegfried sees the working of the destiny of his own soul as well. And it is as if the destiny of the Earth’s soul, in its weaving and surging, were condensing in his mind, which is becoming clairvoyant in that moment. As if, through the occurrence of a solar eclipse—which in Siegfried evokes the feeling of the sun’s power waning—the waning of the sun’s power for the Earth as a whole were simultaneously brought before his soul, in the coming times of the Earth’s winter, when the inner power of the sun is to die away and that which flows spiritually from the sun into human beings is also to wane. Siegfried feels this rising within his own soul as he goes to meet his fate. And from contemplating the solar eclipse, the realization dawns upon him of the gradual fading of the sun’s blaze in the weaving and ruling of the cosmos, and in the interplay of this weaving and ruling of the cosmos with earthly weaving and ruling. And so he sees, as it were, the embers of his own soul, of his own mind, fading away in the dying power of the sun. And an old song, learned over in Iceland, across the sea, where Brunhilde comes from, comes to mind for him, who has suddenly become clairvoyant. A foreboding sense settles upon his soul: it reflects, in the most intimate connection with the feeling of nature, his very own destiny.

... Der Held gehorchte
Und eilte nun einsam hinunter gen Abend.

Und abendlich ward’s auch in seinem Innern.
Ein trübes Ahnen traurigen Endes
Umzog mit Schatten sein sonniges Schicksal.

Doch nachzugrübeln den grausigen Worten
Des irren Weibes und aus dem Wahnwitz
Der kranken Seele den Sinn zu sichten
Verwehrt’ ihm andres: Abendlich ward es
Auch rings um ihn her. Aber hoch noch am Himmel
Strahlte die Sonne; auch nicht ein Streifchen
Verschwimmender Wolken sah er schweben,
So weit er blickte. Doch diese Bläue
Glich der des Stahles. Die Vögel verstummten,
Versteckten sich still in den Wipfeln der Stämme
Und bargen ihr Haupt im bunten Gefieder.
Nur die Schwalben noch schwirrten in ängstlichen Schwärmen,
Und wie Verzweiflung erklang ihr Gezwitscher.
Es huschte die Maus hervor aus dem Schlupfloch;
Der Marder beschlich die schläfrigen Vögel
Wie ein heimlicher Meuchler;
häßliche Motten Flogen empor und Fledermäuse;
Der kichernde Kauz und der ächzende Uhu
Jauchzten erfreut, so früh schon zu jagen.

Dunkler dämmert’s und dennoch bleiben
Alle Dinge wundersam deutlich,
Ja, schärfer noch scheiden sich Schatten und Licht.
Doch eben im Schatten der schirmenden Linde
Zu seinen Füßen faßt er das Rätsel:
Wo das zitternde Licht durch die Lücken des Laubes
Den Rasen erreicht, da bildet es am Boden
Nicht Scheibchen wie sonst, nein, scharfe Sicheln.
Er schaut gen Himmel, — da flammt’s wie ein Halbmond,
Noch immer zu blendend, ihn anzublicken.
Er späht umher, und siehe, dort spiegelt
Ein schwärzlicher Sumpf geschwächt und gesänftigt
Die Sonne deutlich in Sichelgestalt.

Da erfaßte das Herz des furchtlosen Helden
Ein bekümmertes Ahnen kommenden Unheils,
Doch nicht mehr für sich. Wie zur Seele der Erde
Dehnte sich nun voll Nachtgedanken
Sein umdunkelter Geist. Die Götterdämm’rung,
Der zürnende Sturztag entstieg der Zukunft,
Und ein uraltes Lied, gelernt in Island,
Entrang sich laut den Lippen des Helden:

Auch da droben ist Drangsal
Und droht mit Vernichtung.
Auch am Himmel, so hör’ ich,
Erloschen schon Lichter
Und die stolzesten Sterne
Erwartet Zerstörung.
Auch die Nacht wird einst nahen,
Der kein Morgen mehr nachfolgt;
Denn die Sonne wird siech
In kommenden Sommern.

Schon war einst ein Winter,
Der endlos währte,
Den lauere Lüfte
Niemals durchlenzten.
Wie von ewigem Eise
Die Alpen jetzt starren,
So lagen die Länder
Mit Gletschern belastet;
Denn die Sonne war siech
In vergangenen Sommern.

Und wiederum werden
Wird solch ein Winter,
Wo furchtbare Fröste
em Frühling folgen.
Ein Qualm verdunkelt
Die Daseinsquelle
Bis sie kaum noch erkennbar
Wie Kohle glastet;
Denn die Sonne wird siech
Um die Sommerwende.

Da wälzt sich ein Walfisch
Durch Eisgewässer
Und schwingt seinen Schweif
Gen Süden schwimmend.
In der klirrenden Flut
Verklammen die Flossen,
Sein Puls erstarrt
Am Palmengestade;
Denn die Sonne ward siech,
Und nirgend ist Sommer.

Mit solchem Gesange wanderte Sigfrid
Einsam gen Abend, bis daß er endlich
Von fern gewahrte das Fürstenlager,
Wo, seltsam bestrahlt von der schwindenden Sonne,
Die Burgunden erschienen wie Geister und Schatten,
Die noch harren des Heiles im dämmernden Haine
Am pfadlosen Fuße der Felsen von Idha.

... The hero obeyed
And now hurried down alone toward the evening.

And evening fell within him as well.
A gloomy foreboding of a sad end
Cast a shadow over his sunny fate.

But to dwell on the gruesome words
Of the mad woman and to sift through the madness
Of her sick soul
Something else prevented him: Evening fell
All around him as well. But high in the sky
The sun still shone; not a single wisp
of drifting clouds did he see,
as far as he could see. Yet this blue
resembled that of steel. The birds fell silent,
hiding quietly in the treetops
and concealing their heads in their colorful plumage.
Only the swallows still whirled in fearful swarms,
And their chirping sounded like despair.
The mouse scurried out of its hiding place;
The marten crept up on the sleepy birds
like a secret assassin;
ugly moths flew up, and bats;
the giggling owl and the groaning eagle owl
cheered with delight, hunting so early.

Darker it grows, and yet
all things remain wondrously clear,
Yes, shadows and light are even more sharply defined.
But right there in the shade of the sheltering linden tree
At his feet, he grasps the mystery:
Where the trembling light filters through the gaps in the foliage
And reaches the lawn, there it forms on the ground
Not little discs as usual, no, sharp crescents.
He looks toward the sky—there it blazes like a crescent moon,
Still too dazzling to gaze upon.
He peers around, and behold, there reflects
A blackish marsh, dimmed and softened
The sun clearly in crescent form.

Then the heart of the fearless hero
Was seized by a foreboding of coming doom,
But no longer for himself. As if to the soul of the earth
His darkened spirit now expanded, full of nocturnal thoughts
The twilight of the gods,
The wrathful day of ruin rose from the future,
And an ancient song, learned in Iceland,
Escaped loudly from the hero’s lips:

Even up there, there is tribulation
And the threat of destruction.
Even in the heavens, so I hear,
Lights have already gone out
And the proudest stars
Await destruction.
Even the night will one day draw near,
Followed by no more mornings;
For the sun will grow feeble
In summers to come.

Once there was a winter,
That lasted endlessly,
Through which no balmy breezes
Ever blew.
Just as the Alps now stand frozen
In eternal ice,
So lay the lands
Burdened with glaciers;
For the sun was fading
In summers past.

And once again there will be
Such a winter,
Where terrible frosts
Follow spring.
A smoke darkens
The source of existence
Until it is barely recognizable
As coal glows;
For the sun grows weak
Around the summer solstice.

There a whale rolls
Through icy waters
And swings its tail
Swimming southward.
In the icy flood
Its fins grow stiff,
Its pulse freezes
On the palm-lined shore;
For the sun has grown weak,
And summer is nowhere to be found.

With such a song, Siegfried wandered
Lonely toward evening, until at last
He perceived from afar the prince’s camp,
Where, strangely illuminated by the fading sun,
The Burgundians appeared like ghosts and shadows,
Who still await salvation in the twilight grove
At the pathless foot of the rocks of Idha.

[ 15 ] Dem Stoff, dessen Erneuerung Wilhelm Jordan im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf seine Weise wieder versuchte, diesem Stoff kommen wir nur nahe, wenn wir uns überzeugt wissen, daß eigentlich der Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft notwendig ist, um überhaupt ein Verhältnis zu gewinnen zu dem, was in diesem auch inhaltlich so tiefen Stoff enthalten ist. Stoff und Sprache, sie gehören auch bei diesen Dingen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zusammen, und so sei denn mit einigen Strichen heute auf Stoff und Sprache dieser Dinge hingedeutet.

[ 15 ] We can only come close to this subject matter—which Wilhelm Jordan attempted to revitalize in his own way during the last third of the 19th century—if we are convinced that the perspective of Spiritual Science is actually necessary in order to establish any kind of relationship with what is contained in this subject matter, which is so profound in its content. Content and language—even in these matters, they belong together from the perspective of the Spiritual Science—and so let us briefly touch upon the content and language of these matters today.

[ 16 ] Dasjenige, was in mittelalterlicher Vorzeit an Erinnerungen bedeutsamer Ereignisse in den Nibelungenversen gebracht worden ist, das war ja in einer Zeit, die dann darauf folgte und die in bezug auf den geistigen Inhalt eine ganz andere war als die frühere, man kann sagen, versunken und vergessen. Was uns heute erhebt, wenn wir uns in das Nibelungenlied vertiefen, das war gewissermaßen nicht da für die Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts; auch noch für die Menschen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es nicht da, wirklich nicht da. Vorher war es da, vorher bildete es, wenn es durch die Rezitatoren, wie es der Brauch war, vor das Volk gebracht wurde, den Inhalt von Erhebung zu der Größe “und Bedeutung des menschlichen Wesens. Aber als Mitteleuropa von der Fremdherrschaft überschwemmt worden war, da war es das Schicksal des geistigen Lebens in diesem Mitteleuropa, daß vergessen werden mußte alles dasjenige, was gerade die einstmalige Größe ausgemacht hat. Nur so konnte es kommen, daß der Stoff des Nibelungenliedes erst wiedergefunden werden mußte aus einzelnen Handschriften. Und für viele große Schätze vergangener Zeiten, in denen so Bedeutsames lebt, gilt dies wirklich eigentümliche Schicksal, wie es gerade dem Schatze des Nibelungenliedes und der Nibelungensage beschieden war.

[ 16 ] What was recorded in the Nibelungen verses as memories of significant events from medieval times was, in the era that followed—an era that was, in terms of its intellectual content, quite different from the earlier one—one might say, lost and forgotten. What uplifts us today when we immerse ourselves in the Nibelungenlied was, in a sense, not there for the people of the 16th and 17th centuries; nor was it there—truly not there—for the people of the first half of the 18th century. Before that, it was there; before that, when it was presented to the people by reciters, as was the custom, it formed the content of an elevation to the greatness “and significance of the human being.” But when Central Europe had been overrun by foreign rule, it was the fate of intellectual life in this Central Europe that everything which had once constituted that former greatness had to be forgotten. Only thus could it come to pass that the material of the Nibelungenlied first had to be rediscovered from individual manuscripts. And for many great treasures of bygone times, in which such significance lives on, this truly peculiar fate applies, just as it was destined for the treasure of the Nibelungenlied and the Nibelungen saga.

[ 17 ] Was erscheint uns denn eigentlich in den Erzählungen dieses Nibelungenliedes? Menschen treten vor uns hin, von denen wir sogleich, indem wir Bekanntschaft mit ihnen schließen durch das Nibelungenlied, wissen, daß eigentlich mehr in ihnen lebt, als was in dieser irdischen Hülle, in der sie ihre Lebenskämpfe und Lebenssorgen ausfechten, zu unmittelbarem Ausdruck, zur unmittelbaren Offenbarung kommen kann. Mehr lebt in all diesen Seelen, als der Körper zur äußerlichen Wirklichkeit bringen kann; und dies gilt in hohem Maße für Brunhilde, dies gilt in hohem Maße für Siegfried und auch noch in bestimmter Weise für Hagen; während wir bei Kriemhilde und Gunther schon sehen, wie sie Menschen sind, die durch das, was ihre Seelen sind, eher in ihre Zeit hineinpassen.

[ 17 ] What, then, do we actually encounter in the tales of this Nibelungenlied? People appear before us, and as soon as we become acquainted with them through the Nibelungenlied, we know that there is actually more alive within them than what can be directly expressed or revealed in this earthly shell in which they wage their life’s struggles and grapple with their life’s sorrows. There is more to all these souls than the body can bring into outward reality; and this applies to a great extent to Brunhilde, to a great extent to Siegfried, and also, in a certain way, to Hagen; whereas with Kriemhilde and Gunther we already see how they are people who, through what their souls are, fit more readily into their time.

[ 18 ] In Brunhilde und Siegfried sind Wesenheiten verkörpert, die eigentlich gar nicht mehr hineinpassen in die Zeit, in der sie leben. Siegfried ist noch ein Sonnenheld, Brunhilde eine Walküre, eine Weltenmutter. Deshalb haben sie beide Verwandtes, und deshalb kann Brunhilde, die Walküre, auch nur durch Siegfried, den Sonnenhelden, überwunden werden. Kriemhilde und Gunther sind Wesenheiten, die mehr hineinpassen in die Zeit, in der sie leben, indem sie schon das alte Hellsehen verloren haben. Brunhilde und Siegfried haben es zum Teil noch, auch Hagen noch bis zu einem gewissen Grade, aber Siegfried muß doch leben in dieser Zeit, Siegfried muß doch das Wesen seiner Seele in seiner Zeit darleben. So wie er es darlebt, so zeigt uns diese Seele für den geisteswissenschaftlichen Blick: sie war einmal in dem Körper eines uralten Eingeweihten, eines uralten Menschen in früheren Verkörperungen, der tief bekannt war mit den Eigentümlichkeiten der geistigen Welten. Und wenn wir die Brunhilde-Seele vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus auf uns wirken lassen, diese Walkürenseele, so zeigt sie uns: das, was sie in sich schließt, ist etwas von SeelischWesenhaften, welches in uralten Zeiten den Menschen mit ihrem traumhaften hellseherischen Blick noch erscheinen konnte, was aber in den neueren Zeiten höchstens den Helden sichtbar werden kann, wenn sie, durch den Kämpfermut geführt, durch die Pforte des Todes eingehen ins Geisterreich, wo ihnen solche Seelen wie die Brunhilde-Seele als Walkürenseelen begegnen.

[ 18 ] Brunhilde and Siegfried embody beings who no longer truly belong in the era in which they live. Siegfried is still a sun hero; Brunhilde is a Valkyrie, a mother of the world. That is why they are kindred spirits, and why Brunhilde, the Valkyrie, can only be overcome by Siegfried, the sun hero. Kriemhilde and Gunther are beings who fit more into the time in which they live, having already lost the old clairvoyance. Brunhilde and Siegfried still possess it to some extent, as does Hagen to a certain degree, but Siegfried must still live in this time; Siegfried must still live out the essence of his soul in his time. Just as he lives it out, this soul reveals to the Spiritual Science gaze: it was once in the body of an ancient initiate, an ancient human in earlier incarnations, who was deeply acquainted with the peculiarities of the spiritual worlds. And when we allow the Brunhilde soul—this Valkyrie soul—to work upon us from a Spiritual Science perspective, it shows us: that what it contains within itself is something of a soul-essence which, in ancient times, could still appear to human beings through their dreamlike clairvoyant vision, but which in more recent times can become visible at most to heroes when, guided by their warrior courage, they pass through the gate of death into the spirit realm, where they encounter souls such as the Brunhilde soul as Valkyrie souls.

[ 19 ] Nun sind diese Menschen hereingestellt in die Welt des physischen Erdengeschehens. Daher lagert über diesen Seelen dasjenige, was sich vorbereiten kann allein als ein tragisches Geschick. Selbst im Kampfesmut und Kampfesgewühl bereitet sich geistig vor das Leid, das Tragische, die Klage, die das ganze Nibelungenlied durchweht und durchzieht, Denn diese Seelen tragen etwas in sich, was in ihre unmittelbare Gegenwart nicht mehr sich voll hineinzustellen vermag. Man möchte sagen, in der unterbewußten Erinnerung dieser Seelen lebt etwas von vergangener Erdengröße, in diesen Seelen lebt vieles noch von alten atlantischen Zeiten her: so groß und gewaltig waren diese Seelen. Wie sich in solchen Seelen abspielen irdische Ereignisse, was da spielen kann an Treue zwischen solchen Seelen und an Verhängnis, das will ja gerade das Nibelungenlied darstellen, wie es so schön die älteren Sagen noch dargestellt haben bei solchen Persönlichkeiten, wie Siegfried eine ist.

[ 19 ] Now these people have been brought into the world of physical earthly events. Therefore, hanging over these souls is that which can only take shape as a tragic fate. Even amidst the spirit of battle and the turmoil of war, the suffering, the tragedy, and the lament that pervade the entire Nibelungenlied are spiritually preparing themselves. For these souls carry within them something that can no longer fully assert itself in their immediate present. One might say that in the subconscious memory of these souls lives something of past earthly grandeur; in these souls much still lives on from the ancient Atlantean times: so great and mighty were these souls. How earthly events unfold within such souls, what can play out there in terms of loyalty between such souls and in terms of fate—this is precisely what the Nibelungenlied seeks to portray, just as the older sagas so beautifully depicted it in the case of such personalities as Siegfried.

[ 20 ] Denken wir einmal, es wäre so, daß Siegfried in einer früheren Inkarnation eine Seele gewesen wäre: bekannt mit dem Weben der geistigen Welten, daß er gewaltig drinnengestanden wäre mit seinen Seelenkräften, seinem Seelischen, in den geistigen Welten und ihrem Weben. Und jetzt ist er geboren als Siegfried. Da taucht in seiner Seele auf etwas von jenen Kräften, die hinziehen zu dem, womit er einmal verwoben war, was jetzt nicht mehr als traumhaftes Hellsehen da ist, was jetzt verborgen ist in Untiefen des physischen Daseins. Da wird er hingetrieben zu dem, was er nicht mehr recht schauen kann, höchstens in besonders herausgerissenen Augenblicken. Da wird er hingetrieben zu Drachen und zu verzauberten Persönlichkeiten, und da wird das, was er nun nicht mehr schauen kann, verwoben mit dem Mut, der Kampfeslust, die in seinem Herzen lebt. Und eine Hornhaut wird ihm aus dem Drachenblute, weil er als Kraft dasjenige in sich trägt, was er einmal als Sinn des Schauens in sich gehabt hat. Unendlich Tiefes ist in diesem Stoff, unendlich Bedeutsames. Vor allen Dingen ist die ganze Erinnerung darin: Ja, es gab einmal eine hellsichtige, eine traumhaft-hellsichtige Menschheit, für deren Seelen offen lag ein Teil der übersinnlichen Welten, ihres Wirkens und Webens. Aber hinuntergesunken ist diese Kraft der Sonnenschau, diese Sonnenseherkraft, sie ist hinuntergesunken. Baldur ist hinuntergesunken, und Nanna, die Menschenseele, sie empfindet die Tragik des Versinkens der alten Sonnenseherkraft. Versetzen wir uns so in die Stimmung, aus der der Nibelungenstoff gewoben ist, in die Trauer über das Versinken der alten Sonnenseherkraft, in das Wissen: Jetzt ist sie höchstens noch in den Willenskräften vorhanden, diese Sonnenseherkraft, verwandelt in das Weben der Willenskräfte!

[ 20 ] Let us suppose for a moment that Siegfried, in a previous incarnation, was a soul: familiar with the workings of the spiritual worlds, so deeply immersed in them with his soul forces, his soul life, within the spiritual worlds and their workings. And now he is born as Siegfried. Then something of those powers emerges in his soul that are drawn to what he was once interwoven with—what now exists only as dreamlike clairvoyance, what is now hidden in the depths of physical existence. He is drawn toward what he can no longer truly see, except perhaps in particularly vivid moments. He is drawn toward dragons and enchanted beings, and there what he can no longer see becomes interwoven with the courage and the fighting spirit that live in his heart. And a cornea forms from the dragon’s blood, because he carries within himself as a force that which he once possessed as the sense of sight. There is infinite depth in this material, infinite significance. Above all, the entire memory is contained within it: Yes, there once was a clairvoyant, a dreamlike-clairvoyant humanity, for whose souls a part of the supersensible worlds, their working and weaving, lay open. But this power of sun-gazing, this power of the sun-seer, has sunk down; it has sunk down. Baldur has sunk down, and Nanna, the human soul, feels the tragedy of the sinking of the old power of sun-gazing. Let us thus immerse ourselves in the mood from which the Nibelungen material is woven, in the sorrow over the sinking of the old power of sun-gazing, in the knowledge: Now it is present at most only in the forces of the will, this power of sun-gazing, transformed into the weaving of the forces of the will!

[ 21 ] Hohlheit, Professoritis des 19. Jahrhunderts, sie hat es zustande gebracht, daß verwandelt wurde diese tieftragische Stimmung von dem Versinken der alten Sonnenseherkraft für die Menschenseele einer späteren Zeit in das abstrakte Gleichnis von dem Hinuntersinken des Frühlings in Baldur, und dergleichen mehr, wie all diese abstrakten, gelehrten, vertrackten, verkehrten Symbole, die aufgebracht worden sind von, der Gelehrtheit, Verlehrtheit, Verkehrtheit, die malträtiert hat das Große, das Gewaltige, das da liegt in der Kunde von dem Herabsinken der alten traumhaften Sonnenseherkraft aus der Menschenseele. Wir müssen in Nanna die Menschenseele sehen, die trauert um Baldur, der mit ihr früher verbunden war als Sonnenseherkraft, und der jetzt unten weilt in Hels finsterm Reich, da in dem Menschen nur geblieben ist das Gold des Sinnenverstandes, das er auch nur suchen kann mit der an das Gehirn gebundenen Verstandeskraft und den Kräften der Erde, das heißt der Sinnenmaterie. Nur wenn wir so verstehen diese ganze Stimmung, die durch den Nibelungenstoff geht, verstehen wir wirklich dasjenige, was in ihm lebt und webt. Dann verstehen wir auch, wie in den Ereignissen etwas geschaut werden kann wie ein Hereinragen desjenigen, was in uralten Zeiten gelebt hat und was nur nachlebte in schwachem Nachklang in den Menschen der damaligen Gegenwart.

[ 21 ] Emptiness, 19th-century professoritis—it has managed to transform this profoundly tragic mood, arising from the decline of the ancient power of sun-gazing for the human soul of a later age, into the abstract parable of spring’s descent into Baldur, and the like, just like all these abstract, scholarly, convoluted, perverted symbols that have been conjured up by the scholarship, perversion, and perversion that has maltreated the Great, the Mighty, which lies in the knowledge of the descent of the ancient, dreamlike power of sun-gazing from the human soul. In Nanna we must see the human soul, which mourns for Baldur, who was once connected to it as the power of sun-gazing, and who now dwells below in Hel’s dark realm, since all that remains in man is the gold of the sensory intellect, which he can seek only with the power of reason bound to the brain and the forces of the earth, that is, sensory matter. Only when we understand this entire mood that runs through the Nibelungen material do we truly understand what lives and weaves within it. Then we also understand how, in the events, something can be perceived as a protrusion of that which lived in ancient times and which only lived on in a faint echo in the people of that time.

[ 22 ] So sehen wir, wie in den älteren Zeiten das, was durch Seherkraft heraufkam in die Menschenseele, sich verband mit dem, was durch Seherkraft in der anderen Menschenseele lebte; aber wir sehen auch, wie in Zeiten, in denen das nicht mehr sein kann, daß sich Seelen-Seherkraft mit Seelen-Seherkraft verbindet, die Menschen einander nicht mehr finden, die doch füreinander bestimmt scheinen, dadurch daß sie Seelenkräfte, die einstmals gewaltige Seelenkräfte waren, wiederverkörpert haben, aber in einem Körper, der nicht voll zum Ausdruck bringt diese alten Seelen-Seherkräfte. Siegfried kann Brunhilde nicht finden. Siegfried freit Kriemhilde, die eigentlich hineingeboren ist in die Zeit der Gegenwart. Und Gunther, der hereingeboren ist in die Zeit der Gegenwart, der freit Brunhilde, die eigentlich eine Seele in sich trägt, die ausgerüstet ist mit den Kräften der alten Zeit, der Sonnenseherkraft der Seele. Und so kommen in der Zeit, die den Materialismus vorbereitet, die Seelen durcheinander. Damit entwickelt sich ihr tragisches Geschick. |

[ 22 ] Thus we see how, in earlier times, what arose in the human soul through clairvoyance connected with what lived in the soul of another human being through clairvoyance; but we also see how, in times when it is no longer possible for soul-seeing powers to unite with soul-seeing powers, people who seem destined for one another can no longer find each other, because they have reincarnated soul powers that were once mighty soul powers, but in a body that does not fully express these ancient soul-seeing powers. Siegfried cannot find Brunhilde. Siegfried woos Kriemhilde, who was actually born into the present time. And Gunther, who was born into the present time, woos Brunhilde, who actually carries within her a soul endowed with the powers of the ancient time, the soul’s power of sun-seeing. And so, in the age that prepares the way for materialism, the souls become confused. Thus their tragic fate unfolds. |

[ 23 ] In dem Schicksal der Menschen spielt sich ab dasjenige, was übergegangen ist von der alten durchseelten Seherzeit zu der neueren, bloß verständigen Sinnenzeit. Und wenn wir einmal in die Lage kommen werden, noch mehr heraufgeholt zu haben aus den Untergründen seelisch-geistiger Wissenschaft, dann werden wir unendlich Tiefes finden gerade in solchen Stoffen, wie der Nibelungenstoff es ist. Es wird einmal heraufgeholt werden dasjenige, was lebt in diesen wunderbaren alten Sagen; heute kann nur, ich möchte sagen, mit ein paar Strichen hingedeutet werden auf den tiefen Inhalt des Nibelungenstoffes. Aber solch ein Geist wie Wilhelm Jordan hatte zwar nicht ein klares Bewußtsein denn Geisteswissenschaft gab es zu seiner Zeit noch nicht — von alledem, wovon ich eben gesprochen habe, aber eine Ahnung hatte er aus jener Zeit heraus, die ich Ihnen gestern auch andeutete, wo Ludwig Feuerbach in den vierziger Jahren, trotzdem er ein Gegner aller Spiritualität war, einen eminent spirituellen Gedanken faßte, um ihn zu bekämpfen. Die Götter geben alles, es handelt sich nur darum, wie die Menschen fähig sind, es aufzufassen. Aber Wilhelm Jordan hatte sich wirklich abgründig vertieft in das Wallen und Wogen und Weben und Strömen seiner Zeit. Er hatte ein ahnendes Gefühl in seinem abgründigen Sich-Vertiefen in das alles, und er suchte nun in seiner Weise wieder zu erneuern dasjenige, was im Nibelungenlied lebt.

[ 23 ] The destiny of humankind reflects the transition from the ancient, spiritually inspired age of vision to the more recent, purely rational age of the senses. And when we eventually reach a point where we have drawn even more from the depths of spiritual science, we will find infinite depth precisely in such material as the Nibelungen saga. What lives in these wonderful old legends will one day be brought to light; today, I would say, we can only hint at the deep content of the Nibelungen material with a few strokes. But a spirit like Wilhelm Jordan, though he did not have a clear awareness—for Spiritual Science did not yet exist in his time—of all that I have just spoken of, but he had a sense of that time, which I also hinted at yesterday, when Ludwig Feuerbach in the 1840s, even though he was an opponent of all spirituality, conceived an eminently spiritual thought in order to combat it. The gods provide everything; it is only a matter of how capable human beings are of grasping it. But Wilhelm Jordan had truly immersed himself profoundly in the surging, swelling, weaving, and flowing of his time. He had an intuitive sense in his profound immersion in all of this, and he now sought, in his own way, to renew that which lives in the Nibelungenlied.

[ 24 ] So schlimm war es ja nicht mehr wie in der Zeit des 17. und im Anfang des 18. Jahrhunderts, wo man in der Zeit des aufkeimenden Materialismus neben allem übrigen Spirituellen auch das Nibelungenlied vollständig vergessen hatte, wo keiner etwas wußte davon und wo es so kommen mußte, daß ein tiefsinniger Schweizer, der Professor wurde am Joachimsthaler Gymnasium in Berlin, Christoph Heinrich Müller, erst wiederum aufmerksam machte auf die ganze Größe und Bedeutung, die im Nibelungenstoff enthalten ist. Müller war es ja, der zuerst aus der Handschrift von Hohenems in [Vorarlberg] — zwei Handschriften hat er da gefunden — die ersten Schätze veröffentlichte unter dem Titel «Kriemhildens Rache». Da mußte wiederum aus der Vergessenheit herausgezogen werden dasjenige, was zur Erhebung unzähliger Seelen durch Jahrhunderte gedient hat. Und als so der Schweizer Müller, der Professor in Berlin war, hinwies auf die große Bedeutung des Nibelungenliedes, da war es der Zögling Voltaires, Friedrich II., der an diesen Schweizer Müller schrieb:

[ 24 ] It wasn’t as bad as it had been in the 17th and early 18th centuries, when, amid burgeoning materialism, the Nibelungenlied had been completely forgotten along with everything else of a spiritual nature, when no one knew anything about it, and when it was inevitable that a profound Swiss man, who became a professor at the Joachimsthaler Gymnasium in Berlin, Christoph Heinrich Müller, was the one who first drew attention once again to the full grandeur and significance contained in the Nibelungen material. It was Müller, after all, who first published the initial treasures from the Hohenems manuscript in [Vorarlberg]—he found two manuscripts there—under the title “Kriemhild’s Revenge.” Thus, what had served to uplift countless souls over the centuries had to be rescued from oblivion once again. And when the Swiss Müller, who was a professor in Berlin, pointed out the great significance of the Nibelungenlied, it was Voltaire’s protégé, Frederick II, who wrote to this Swiss Müller:

Hochgelahrter, lieber getreuer. Ihr urtheilt viel zu vortheilhafft, von denen Gedichten, aus dem 12. 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache, so brauchbahr haltet. Meiner Einsicht nach, sind solche, nicht einen Schuss Pulver, werth; und verdienten nicht, aus dem Staube der Vergeßenheit, gezogen zu werden. In meiner Bücher Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeug, nicht dulten; sondern heraus schmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag da hero sein Schicksal in der dortigen großen Bibliothec abwarten. Viele NachFrage verspricht aber solchem nicht; Euer sonst gnädiger König.

Potsdam den 22ten Februar 1784.

Most learned, dearest, and most faithful friend. You judge far too favorably those poems from the 12th, 13th, and 14th centuries, the publication of which you have promoted, and which you consider so useful for the enrichment of the German language. In my opinion, such works are not worth a single grain of gunpowder and do not deserve to be pulled from the dust of oblivion. In my own book collection, at least, I would not tolerate such wretched rubbish, but would throw it out. The copy sent to me may await its fate there in the great library. However, such works do not promise to be in high demand; Your otherwise gracious King.

Potsdam, February 22, 1784.

[ 25 ] Ich weiß nicht, ob es noch der Fall ist, aber unsere Zürcher Freunde werden es wissen: lange Zeit wurde dieser Brief unter Glas verwahrt in der Zürcher Zentralbibliothek, so daß man ihn sehen konnte, wenn man in diese Zürcher Bibliothek kam. Aber, wie gesagt, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging allmählich einigen der Sinn auf für die ganze Größe des Nibelungenstoffes. Und Wilhelm Jordan hatte nun das Bedürfnis, mit etwas die Zeit selbst aufzuwecken, in der der Nibelungenstoff leben konnte; denn diese Zeit war eine solche, in der man in ganz anderer Weise zur Sprache stand, als wir heute zur Sprache stehen. Und derjenige, der etwa das Gefühl gehabt hat, daß in dem eigentümlich Alliterierenden der Sprache, die Wilhelm Jordan wieder zu bilden suchte, etwas Unnatürliches lebe, der zeigt dadurch, daß er nicht mehr in sich beleben kann jenes alte intime Verhältnis zur Sprache, wo man noch wußte: es lebt etwas vom göttlichen Wort im Wirken der Sprache, wo der Mensch noch fühlte, wie dasjenige, was von dem Zusammenhang der Dinge in seinen Gedanken lebte, auch hinaus mußte in die Sprache, in das Weben und Leben und Wirken und Wesen der Sprache.

[ 25 ] I don’t know if this is still the case, but our friends in Zurich will know: for a long time, this letter was kept under glass at the Zurich Central Library, so that anyone who visited the library could see it. But, as I said, in the first half of the 19th century, some people gradually began to grasp the full magnitude of the Nibelungen material. And Wilhelm Jordan now felt the need to somehow reawaken the very era in which the Nibelungen material could thrive; for that was a time when people related to language in a completely different way than we do today. And anyone who felt, for example, that there was something unnatural in the peculiar alliteration of the language that Wilhelm Jordan sought to recreate, thereby shows that they can no longer revive within themselves that old, intimate relationship with language, where one still knew: that something of the divine Word lives in the workings of language, when people still felt how that which lived in their thoughts through the interconnection of things also had to find its way out into language, into the weaving, life, workings, and essence of language.

[ 26 ] Allerdings, es ist unsere Zeit eine solche, in der der Materialismus alles, alles ergriffen hat, auch unser Verhältnis zur Sprache. Im gewöhnlichen Sprechen wissen wir überhaupt nicht mehr, was einmal die Sprache war, wie sie herausfloß aus dem lebendigen Leben der Seele, wo die Seele intim verwoben war mit der Sprache. Wilhelm Jordan hatte noch eine Ahnung, daß mit der Sprache das Geistige verbunden sei. Die Sprache ist heute abstrakt geworden, sie besteht nurmehr aus Zeichen für das, was ausgedrückt werden soll. Das Geistige schwingt nicht mehr mit. Sie ist nicht mehr ein Hervorquillen des inneren Lebens, des Hauches des Menschen, des Atmens des Menschen. Wie die Hand ein Stück von mir ist, wie ich sie zur Geste forme, so empfand der Sprechende in der früheren Zeit im Weben und Leben des Wortes etwas wie eine Geste, wie eine Gebärde seines Luftmenschen, seines elementaren Menschen in sich. Dazu aber, daß solches der Fall sein konnte, mußte die Sprache reicher sein, reicher, als sie heute sein kann, wo sie zum Zeichen geworden ist, und wo die Seele nicht mehr fühlt den Zusammenhang zwischen den Lauten und den Gedanken.

[ 26 ] Indeed, we live in a time when materialism has taken hold of everything, everything—including our relationship to language. In everyday speech, we no longer have any idea what language once was, how it flowed from the living life of the soul, where the soul was intimately interwoven with language. Wilhelm Jordan still had a sense that the spiritual was connected to language. Today, language has become abstract; it consists only of signs for what is to be expressed. The spiritual no longer resonates within it. It is no longer a welling up of inner life, of the human breath, of the human breathing. Just as the hand is a part of me, just as I shape it into a gesture, so in earlier times the speaker sensed in the weaving and life of the word something like a gesture, like a sign of his airy human being, of his elemental human being within himself. But for this to be the case, language had to be richer, richer than it can be today, where it has become a sign, and where the soul no longer feels the connection between sounds and thoughts.

[ 27 ] Wir sagen heute ganz gedankenlos, selbstverständlich gedankenlos, «ein tapferer Held». Wenn in seinem damaligen Leibe ein mittelalterlicher Mensch auferstehen würde, und er würde hören, daß wir sagen «ein tapferer Held», er würde nicht wissen sich zu halten vor Lachen, er würde sagen: Ein tapferer Held? — Was soll mir das? — denn er hat noch das Gefühl, daß «tapfer» heißen soll tapsen. Er würde sagen: Ein Nilpferd, einen Elefanten kann man tapfer nennen, aber doch nicht einen Helden! — Und nimmer würde er sich unterfangen haben, einen Helden groß zu nennen. Groß und klein waren ihm nur sinnliche Begriffe. Wir nennen unsere Helden groß, weil wir keinen Begriff mehr haben von dem, was das Wort ausdrückt, nämlich nur das sinnliche Ragen. Dafür aber hatten diese Menschen allerdings einen reicheren Schatz, einen wirklich reicheren Schatz für die Art, wie sie zum Beispiel einen Helden bezeichnen wollten. Ein Held war «balde», das heißt kühn — etwa in unserer Sprache ausgedrückt —, und bei «balde», da fühlte der mittelalterliche Mensch noch das, was drinnen war. Oder ein Held war «streng», ein strenger Held. Was würde der heutige Mensch sich darunter denken? Der mittelalterliche Mensch würde wissen, daß ein strenger Held gewaltige Muskeln hat. «Streng» war der Ausdruck für die Gestalt des Helden in bezug auf seine Muskeln. Besonders lachen würde auch ein mittelalterlicher Mensch, wenn man sagen würde: «Ein Held ist mutig.» Er würde sagen: Ja, was meinst du denn damit eigentlich? Ein mutiger Held, das ist einer, bei dem der Mut, das Gemüt wegläuft, durchgeht, ein Mensch, der besonders leidenschaftlich ist. — Niemals würde man da gesagt haben «ein mutiger Held». Aber sehen Sie, die Sprache war eben durchaus reicher, unendlich viel reicher, als sie heute ist an Worten. Viele Worte hat die Sprache verloren, denn jenes innerliche Verhältnis zur Sprache ist verlorengegangen. Nehmen wir nur ein Beispiel, ein ganz naheliegendes Beispiel — ich möchte Ihnen das mitteilen —, nehmen wir an, es hätte ein Mensch sagen wollen: «Die Männer waren auf der Warte der Pferde» oder «warteten der Pferde». Da hätte er sagen können:

[ 27 ] Today we say, quite thoughtlessly—and I mean thoughtlessly—“a brave hero.” If a medieval person were to rise from the dead in his body, and he were to hear us say “a brave hero,” he wouldn't be able to keep from laughing; he would say: A brave hero? — What’s that supposed to mean? — for he still has the feeling that “brave” is supposed to mean “to plod along.” He would say: You can call a hippopotamus or an elephant brave, but certainly not a hero! — And he would never have dared to call a hero great. “Great” and “small” were merely sensory concepts to him. We call our heroes “great” because we no longer have any concept of what the word expresses, namely only the sensory towering. But in return, these people certainly possessed a richer treasure, a truly richer treasure for the way they wanted to describe a hero, for example. A hero was “bold,” that is, daring—to put it in our language—and in “bold,” the medieval person still sensed what lay within. Or a hero was “strict,” a strict hero. What would a person today think of that? The medieval person would know that a strict hero has powerful muscles. “Streng” was the term for the hero’s physique in terms of his muscles. A medieval person would also laugh heartily if someone were to say, “A hero is brave.” They would say: Well, what do you actually mean by that? A brave hero is someone whose courage, whose spirit, runs away, gets the better of them—a person who is particularly passionate. —No one would ever have said “a brave hero.” But you see, the language was simply much richer, infinitely richer in words than it is today. The language has lost many words, for that inner relationship to language has been lost. Let’s take just one example, a very obvious example—I’d like to share this with you—let’s suppose someone wanted to say: “The men were on the watch for the horses” or “were waiting for the horses.” He could have said:

warun weros an wahtu wiggeo.

Why do we have to wait so long?

[ 28 ] Nun haben wir hier die Alliteration. Hätte aber einer zum Beispiel sagen wollen: «Der Mann war zu Hause unter dem Gesinde», hätte er das sagen wollen, so hätte er, wenn er dabei auch diese Form für «Männer» angewendet hätte, kein Glück gehabt mit der Alliteration. Für diesen Satz: «Der Mann war in seinem Heim unter dem Gesinde», da könnte man sagen:

[ 28 ] Here we have alliteration. But if, for example, someone had wanted to say, “The man was at home among the servants,” and had used this form for “men” as well, the alliteration would not have worked. For this sentence: “The man was at home among the servants,” one could say:

Segg was in selda undar gisindun.

Say something to Selda and the others.

[ 29 ] Man hat also die Möglichkeit, dieses «selda» als Heimat mit «segg» zu verbinden, womit man auch ausdrücken konnte «der Mann». Oder man konnte wiederum zum Beispiel sagen: «Der Männer teuerster war Dietrich»:

[ 29 ] So one has the option of combining this “selda” (home) with “segg,” which could also be used to mean “the man.” Or, for example, one could say: “The most expensive of the men was Dietrich”:

Degano dechisto Diotrihhe.

Degano dechisto Diotrihhe.

[ 30 ] Man hatte also die Möglichkeit mehrere Formen zu finden, um auszudrücken «Mann» und «Männer». Das ist alles verlorengegangen, und wir müssen alle diese Sätze übersetzen in gleichförmiger Weise mit «Mann» und «Männer». Unsere Sprache hat ganz verloren das innere Verhältnis zu den Gedanken, zu dem Ausdrucke.

[ 30 ] So there used to be a variety of ways to express “man” and “men.” All of that has been lost, and we now have to translate all these sentences uniformly using “man” and “men.” Our language has completely lost its intrinsic connection to thought and expression.

[ 31 ] Wilhelm Jordan hat nun versucht, ein solches Verhältnis wieder herzustellen; und er hat getan, was er gekonnt hat. Allein er konnte natürlich nicht mehr dasjenige heraufbringen, was die alte Sprache hatte: ein innerliches Verwobensein mit dem Sinn des lebendigen Gedankenwesens in den Worten. Wie ist heute einer zufrieden, wenn er nur sagen kann: «Der Mann hat ein Heim» oder «der Mann hat ein Haus». So einfach würde der mittelalterliche Mensch nicht gesagt haben etwas, was in seiner Sprache bedeutete «Haus und Hof». Oder er würde nicht leicht gesagt haben, dieser mittelalterliche Mensch: «Mit meinen Sinnen nehme ich irgend etwas wahr», sondern er hat gewollt dieses mit den Sinnen Wahrgenommene zerteilen, so daß es ihm konkreter, bestimmter, inhaltvoller, gesättigter entgegengetreten ist, wie wenn er etwa gesagt haben würde: «hugi endi herta». Beides, könnte man sagen, heißt: «Sinn und Sinn», weil dieser Unterschied zwischen hugi und herta abgeschwächt ist. Immer wieder fühlen Sie eine unendliche Inhaltsfülle in dieser alten Sprache.

[ 31 ] Wilhelm Jordan has now attempted to reestablish such a relationship; and he has done what he could. But of course he could no longer bring forth what the old language possessed: an inner interwoven connection with the meaning of the living thought-being within the words. How satisfied is anyone today if they can only say: “The man has a home” or “the man has a house.” A medieval person would not have expressed so simply something that in their language meant “house and farmstead.” Nor would this medieval person have easily said, “With my senses I perceive something,” but rather he would have sought to break down what was perceived by the senses, so that it appeared to him more concrete, more definite, more meaningful, and more saturated, as if he had said, for example, “hugi endi herta.” Both, one might say, mean “sense and sense,” because this distinction between hugi and herta is blurred. Time and again, you sense an infinite richness of meaning in this ancient language.

[ 32 ] Nun hat Wilhelm Jordan wenigstens etwas von diesem inneren Leben der Sprache noch heraufretten wollen. Und so entstand bei ihm der Kampf zwischen diesem Wollen und dem Abstraktgewordensein unserer modernen Sprache. Und er hat retten wollen dasjenige, was eben noch — und zwar einzig und allein in der deutschen Sprache — vorhanden ist von der Möglichkeit, diese alten Intimitäten in der Sprache zu retten. Heute wird der Mensch selbstverständlich versucht sein, so etwas wie die Zeilen, die ich Ihnen vorgelesen habe, sich vorzulesen sinngemäß, so daß das, was in den Zeilen steht, eben nur noch sprachliches Zeichen ist für den Sinn. Der größte Teil der europäischen Menschen hat ja überhaupt kein anderes Gefühl, als daß die Sprache Zeichen sei für den Sinn, und er wird befriedigt sein, wenn er hört:

[ 32 ] Wilhelm Jordan, at least, sought to salvage something of this inner life of language. And so a struggle arose within him between this desire and the abstract nature of our modern language. And he wanted to save what still exists—and indeed exists solely in the German language—of the possibility of preserving these old intimacies in language. Today, people will naturally be tempted to read something like the lines I have read to you in a way that conveys the meaning, so that what is written in the lines is merely a linguistic sign for the meaning. The majority of Europeans have no other sense at all than that language is a sign for meaning, and they will be satisfied when they hear:

Wo nun rheinische Reben die weltberühmte
Feurige Milch für Männer mischen
Von Säften der Erde und Sonnenstrahlen,
Im Weichbild von Worms, ...

(gelesen ohne Betonung der Alliteration).

Where Rhineland vines now blend the world-famous
Fiery Milk for Men
From the juices of the earth and rays of the sun,
In the vicinity of Worms, ...

(read without emphasizing the alliteration).

[ 33 ] Gewiß, da benützt man die Sprache eben als Zeichen. Gibt es ja sogar heute schon Sprachen, die viele Silben abfallen lassen, weil die Sprache völlig zum Zeichen nur geworden ist, da nichts mehr lebt in dem Gesprochenen. Vor allen Dingen wird man niemals zum wahren lebendigen Prinzip der Kunst vordringen können, wenn man das Gefühl har, daß die Sprache nur Zeichen ist, denn das kann ja höchstens für die Prosa ausreichen. Die Poesie verlangt, daß die Sprache innerlich gestaltet ist, und jetzt nicht bloß mechanisch durch den Endvers, sondern innerlich gestaltet ist, wie der lebendige Organismus gestaltet ist, durch Alliteration oder Assonanz. Wie sich der Mechanismus zum Leben verhält, so verhält sich der Endreim zu der Alliteration.

[ 33 ] Certainly, in such cases language is used merely as a sign. Indeed, there are already languages today that have dropped many syllables because the language has become nothing but a sign, since nothing is alive in what is spoken anymore. Above all, one will never be able to penetrate the true, living principle of art if one feels that language is merely a sign, for that can suffice at most for prose. Poetry demands that language be internally structured—and not merely mechanically through the end rhyme, but internally structured, just as a living organism is structured, through alliteration or assonance. Just as the mechanism relates to life, so does the end rhyme relate to alliteration.

[ 34 ] Wilhelm Jordan wollte dieses Wirken der Sprache noch wiedergeben; das, was herrührt aus der alten Seherzeit, das wollte er der Sprache geben. In der alten Seherzeit hätte man nicht so reden können wie heute in der materialistischen Zeit, wo man für das innere Weben der Sprache kein Gefühl mehr hat. In der alten Seherzeit hatte man die Sucht und Sehnsucht, wirklich auch in das Wesen des Wortes hineinzulegen das Licht, das im Gedanken lebt. Und davon hatte eine Ahnung Wilhelm Jordan. Insbesondere von seinem Bruder, mit dem ich befreundet war, habe ich oftmals gerade im Stile Wilhelm Jordans vorlesen gehört, und da war ganz besonders die Sehnsucht, hervorzuheben das alliterierende Wesen, hervorzuheben das Künstlerische gegenüber dem unkünstlerischen, bloß verständnismäßig Sinnhaften.

[ 34 ] Wilhelm Jordan wanted to restore this power of language; he wanted to imbue language with what stems from the ancient age of the seers. In the ancient age of vision, people could not have spoken as they do today in our materialistic age, where there is no longer any feeling for the inner weaving of language. In the ancient age of vision, there was a longing and a desire to truly imbue the very essence of the word with the light that lives in thought. And Wilhelm Jordan had a sense of this. In particular, I often heard his brother—with whom I was friends—read aloud in the very style of Wilhelm Jordan, and there was a special longing to emphasize the alliterative nature, to highlight the artistic over the inartistic, the merely rationally meaningful.

Wo nun rheinische Reben die weltberühmte
Feurige Milch für Männer mischen
Von Säften der Erde und Sonnenstrahlen
Im Weichbild von Worms ...

Where Rhineland vines now blend the world-famous
Fiery Milk for Men
From the earth's juices and the sun's rays
In the vicinity of Worms ...

[ 35 ] Ich kann mir denken, daß der heutige materialistische Verstandesmensch dies überhaupt für eine Spielerei ansieht. Seit dem Jahre 1907 arbeiten wir daran, daß wir eine für die moderne Deklamation notwendige Form finden, um zum Vortrag zu bringen dasjenige, was also aus alten Zeiten wieder auferstehen sollte. Der erste Versuch kam nicht zur Ausführung, den wir unternehmen wollten zur Zeit des Münchner Kongresses im Jahre 1907. Aber ich denke, das Mögliche und Unmögliche gegenüber der gegenwärtigen Sprache wird gerade bei dem heutigen Versuch vor Ihre Seelen getreten sein. Denn wir können nichts anderes sagen als: Das Unmögliche kann niemand leisten; und unsere Sprache ist so geworden, daß es unmöglich ist, in ihr im vollen Sinne das alles, was lebte in der alten Sonnenseherzeit, durch Alliteration etwa heraufzubringen. Und daß er es wollte, ist gewiß — man kann es sogar sagen — ein Irrtum des Wilhelm Jordan; es ist ein heldenhafter Versuch, aber auch in gewissem Sinne ein heldenhafter Irrtum. Aber was folgt daraus? Es folgt daraus, daß es nicht mehr möglich ist, wirklich das, was in alten Zeiten die Alliteration war, in alten Zeiten, die noch den unmittelbaren Nachklang hatten des traumhaften Hellsehens, zu beleben. Die Sprache ist materiell, ist abstrakt geworden. Aber Geisteswissenschaft wird ein neues künstlerisches Schaffen heraufbringen, ein Schaffen mit inneren Sinnformen, wobei wir durch das unmittelbare Ergreifen wiederum des Spirituellen auch mitergreifen das Wort. Solche Versuche sind gemacht. Nehmen Sie das siebente Bild, das Bild des Geisterlandes in der «Pforte der Einweihung» und manches andere, wo wiederum der Versuch gemacht ist, gerade durch das Ergreifen des Geistigen auch hereinzukommen in das Sprachliche, wo versucht worden ist, solche Kunst wieder hereinzubringen in die Sprache, daß gewissermaßen das Geistige sich ausdrückt, mitschwingt in den Worten. Einzig in der deutschen Sprache ist es heute noch halbwegs möglich, das ausdrücken zu können.

[ 35 ] I can well imagine that today’s materialistic, rational-minded people regard this as nothing more than a gimmick. Since 1907, we have been working to find a form suitable for modern recitation, in order to present what should thus be resurrected from ancient times. The first attempt we intended to undertake at the time of the Munich Congress in 1907 did not come to fruition. But I think that the possible and the impossible in relation to the present-day language will be laid bare before your souls in this very attempt. For we can say nothing other than: No one can achieve the impossible; and our language has become such that it is impossible to bring forth in it, in the full sense, all that lived in the ancient age of the sun-seers, through alliteration, for example. And that he wanted to do so is certainly—one might even say—a mistake on the part of Wilhelm Jordan; it is a heroic attempt, but also, in a certain sense, a heroic error. But what follows from this? It follows that it is no longer possible to truly revive what alliteration was in ancient times, in times that still had the immediate resonance of dreamlike clairvoyance. Language has become material, has become abstract. But Spiritual Science will bring forth a new artistic creation, a creation with inner forms of meaning, whereby, through the direct grasping of the spiritual, we also grasp the word. Such attempts have been made. Take the seventh image, the image of the spirit realm in The Portal of Initiation, and many others, where the attempt has again been made to enter into the linguistic realm precisely through grasping the spiritual, where an effort has been made to reintroduce such art into language so that, in a sense, the spiritual expresses itself and resonates within the words. Only in the German language is it still halfway possible today to express this.

[ 36 ] Auch da haben wir ein Gebiet heute, durch das wir sehen, wie es vorgezeichnet ist im Entwickelungsgang der Menschheit, das Geistige so zu beleben, daß es stark sei, daß dieses Geistige nicht nur beim verstandesmäßigen Sinn bleibe, sondern wiederum ergreifen könne die stärkere Gewalt des Wortes. Dann wird in der Rede wieder reimen und im Reime wieder reden dasjenige, was neue Rune geworden ist. Rune ist das unmittelbare Verwebtsein des Ausdruckes mit der Sache, so daß der Ausdruck nicht bloßes Zeichen ist. Wiederum haben wir hier ein Gebiet, wo sich uns die Notwendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung für unsere Zeit in tiefem und auch in ernstem Sinne zum Ausdruck bringt. Möchten doch baldigst recht viele einsehen, daß noch auf gar, gar vielen Gebieten beobachtet werden kann, wie sehr das Leben der Menschheit verdorrt, wenn es nicht befruchtet wird von einem neuen Strahl der Spiritualität. Denn dasjenige, was unter den Menschen lebt wie in einer physischen Aura, die Sprache selbst, ist abstrakt, materialistisch, ist verstandesmäßig geworden; und indem wir sprechen, nicht bloß indem wir denken, sind wir Materialisten geworden. Aber dasjenige, was schon Stroh geworden ist im Worte, so daß wir in «tapfer» nicht mehr das «tapsen» fühlen, das muß wiederum Seele gewinnen, Seele statt Mechanismus. Denn Mechanismus ist die Sprache geworden.

[ 36 ] Here, too, we have a field today through which we can see how it is foreshadowed in the course of human development: to enliven the spiritual so that it may be strong, so that this spiritual does not remain merely at the level of intellectual understanding, but may once again take hold of the greater power of the word. Then what has become a new rune will once again rhyme in speech and speak through rhyme. A rune is the direct interweaving of expression with the thing itself, so that the expression is not merely a sign. Here again we have a realm where the necessity of a worldview based on Spiritual Science for our time expresses itself in a profound and also serious sense. May many people soon come to realize that in very, very many areas it can be observed how much the life of humanity withers away if it is not fertilized by a new ray of spirituality. For that which lives among human beings as in a physical aura—language itself—has become abstract, materialistic, and intellectual; and by speaking, not merely by thinking, we have become materialists. But that which has already become straw in the word, so that in “tapfer” we no longer feel the “tapsen,” must regain its soul, soul instead of mechanism. For language has become mechanism.

[ 37 ] Die geisteswissenschaftliche Strömung muß auch der Sprache Seele einhauchen. Und dieses Ringen mit der Sprache, um ihr Seele einzuhauchen, wir können es empfinden, wenn wir uns gerade vertiefen in solch künstlerisches Streben, wie es bei einem eminenten Weltanschauungsmenschen, bei Wilhelm Jordan, da war. Aber jenes Falsifikat, das man die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts nennt, das wird ja überhaupt umgeschrieben werden müssen, wenn die Menschen einmal wahre Begriffe von dem, was eigentlich geschehen ist, werden erhalten wollen. Ganz andere Dichternamen wird man dann in den Literaturgeschichten lesen als diejenigen, welche ernannt worden sind zu großen Dichtern, währenddem echtes, ehrliches künstlerisches Streben, wie es auch Wilhelm Jordan in der Mitte des 19. Jahrhunderts in dem von ihm herausgegebenen «Demiurgos» zeigt, von solchen Literatur-Hofräten, wie es der Herr Karl Rudolf von Gottschall war, in Grund und Boden getreten worden ist. Wer weiß heute davon, daß sich Wilhelm Jordan bemüht hat, in seinem «Demiurgos» darzustellen, wie Menschen hier auf Erden wandern, und dieses Erdenwallen der Menschen eigentlich ein Abbild ist von etwas, was überirdisch geschieht, so daß der Mensch, der da steht, ein Zeichen ist für etwas, was sich zugleich im Überirdischen abspielt! Wer weiß heute, daß eine solche Persönlichkeit, wie es Wilhelm Jordan war, mit so großen, gewaltigen Problemen gerungen hat in der Morgenröte der neueren Zeit? Aber die Sonne der neueren Zeit, die Sonne der Geisteswissenschaft wird ganz anderes erwecken aus dem Strome des künstlerischen Lebens, als es die Falsifikate sind, welche uns heute in den Schulen und außer den Schulen als Literaturgeschichte kredenzt werden, in denen sich die neue materialistische Seele nur selbst spiegelt und das groß findet, bei dem sie sich, wie man so sagt, die Finger ablecken kann, weil sie es so ähnlich mit sich selbst findet.

[ 37 ] The Spiritual Science must also breathe life into language. And we can sense this struggle with language—this effort to breathe life into it—when we immerse ourselves in artistic endeavors such as those of an eminent thinker like Wilhelm Jordan. But that forgery known as the literary history of the 19th century will have to be completely rewritten if people ever wish to gain a true understanding of what actually happened. One will then read entirely different poets’ names in the literary histories than those who have been designated as great poets, whereas genuine, honest artistic endeavor—such as Wilhelm Jordan demonstrated in the mid-19th century in the “Demiurgos” he published—has been trampled underfoot by such literary court counselors as Mr. Karl Rudolf von Gottschall was trampled into the ground. Who knows today that Wilhelm Jordan endeavored, in his “Demiurgos,” to depict how people wander here on earth, and that this earthly wandering of humans is actually a reflection of something that takes place in the supernatural, so that the human being standing there is a sign of something that is simultaneously unfolding in the supernatural! Who knows today that a personality such as Wilhelm Jordan wrestled with such great, formidable problems at the dawn of the modern era? But the sun of the modern era, the sun of Spiritual Science, will awaken something entirely different from the stream of artistic life than the forgeries that are served up to us today in schools and outside of schools as literary history—in which the new materialistic soul merely reflects itself and finds great value in that which, as the saying goes, it can “lick its fingers over,” because it finds it so similar to itself.

[ 38 ] Fühlen wir die Größe der Aufgabe des geisteswissenschaftlichen Denkens und geisteswissenschaftlichen Empfindens. Fühlen wir es an so etwas, daß wir uns zum Bewußtsein bringen, wenn wir Stroh reden statt der lebendigen Pflanze des Wortes, die einmal gesproßt und gesprießt hat zwischen den Seelen, die einander verstehen wollen. Leben, wirkliches Leben wird einfließen in den Strom des Daseins, wenn Geist aus der Geisteswissenschaft heraus die Menschen wiederum mit dem Sinn des Lebens durchdringen wird.

[ 38 ] Let us feel the magnitude of the task of Spiritual Science thinking and Spiritual Science feeling. Let us sense it in something like this: that we become aware when we speak empty words instead of the living plant of the word, which once sprouted and grew between souls that wish to understand one another. Life—true life—will flow into the stream of existence when the spirit, emerging from Spiritual Science, once again permeates humanity with the meaning of life.