Paths to Spiritual Insight and
the Renewal of an Artistic Worldview
GA 161
2 April 1915, Dornach
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Paths to Spiritual Insight and the Renewal of an Artistic Worldview, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Die Kirchen rufen ihre Gläubigen das Jahr hindurch zusammen durch Glockenklang. Der Glockenklang bezeichnet die Zeiten, wichtige Zeitangaben, und er bezeichnet auch diejenigen Zeiten, in denen die Gläubigen zur Kirche gerufen werden. Dieser bedeutungsvolle Glockenklang, dieser Glockenzeitenklang hört auf in gewissen Kirchengemeinschaften in diesen Tagen, die da beginnen mit der Feier der Grablegung, des Opfertodes Christi, und er beginnt erst wiederum mit dem Feste der Auferstehung derjenigen Macht, von der wir als Macht, welche der Erde Sinn verleiht, innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen oft gesprochen haben. Die Zwischenzeit wird in ihrer Bedeutung gefeiert dadurch, daß gewissermaßen die Mißtöne der hölzernen Instrumente, welche in diesen Tagen gebraucht werden statt der Glocken, diesen bedeutungsvollen Glockenzeitenklang ersetzen sollen in der Zeit, in der die Seelen sich erinnern sollen, daß die Macht, welche der Erdenentwikkelung Sinn verleiht, durch ihren Opfertod sich vereint hat mit den Tiefen des Daseins. Das Neuerklingen der Glocken am Feste der Auferstehung soll andeuten, wie die Glockenmusik geweiht und bedeutungsvoll gemacht werden soll durch diesen Sinn der Erde, und wie sie dann von diesem Sinn der Erde das ganze übrige, für das gläubige Bewußtsein durchchristete Jahr hindurch ertönen sollen, die Glocken mit ihrem bedeutungsvollen Zeitenklang.
[ 1 ] Throughout the year, churches summon their congregants with the ringing of bells. The ringing of bells marks the hours, important times, and also those times when the faithful are called to church. This meaningful ringing of bells, this ringing at set times, ceases in certain church communities during these days, which begin with the celebration of the burial, of Christ’s sacrificial death, and does not resume until the feast of the Resurrection of that power which we have often spoken of in our Spiritual Science reflections as the power that gives meaning to the earth. The intervening period is celebrated in its significance by the fact that, in a sense, the discordant sounds of the wooden instruments used in these days in place of the bells are meant to replace this meaningful tolling of the bells during the time when souls are to remember that the power that gives meaning to the development of the Earth has, through his sacrificial death, united itself with the depths of existence. The renewed ringing of the bells on the Feast of the Resurrection is meant to suggest how bell music is to be consecrated and imbued with meaning through this sense of the Earth, and how the bells, with their meaningful chime marking the passage of time, are then to resound throughout the rest of the year—a year permeated by Christ for the believing consciousness—through this sense of the Earth.
[ 2 ] Wir haben von den verschiedensten Seiten her uns zu nähern versucht dem Sinn und dem Wesen derjenigen Macht, die eingeflossen ist durch das Mysterium von Golgatha in die Impulse der Erdenentwickelung. Allein, Sie werden gesehen haben aus den verschiedenen Betrachtungen, daß jeder Weg der Seele zu dieser Macht hin doch eben nur einer der Wege sein kann, die immer einseitig gewissermaßen die Empfindungen, die Gefühle der Seele wachrufen, damit sie in würdiger Weise verständnisvoll empfangen können dasjenige, was sich offenbaren soll, wenn man den Christus-Namen ausspricht, dasjenige, was sich offenbaren soll, wenn man von dem Mysterium von Golgatha spricht. Wir werden heute versuchen, wiederum einen solchen Weg zu wählen. Es wird wiederum nur einer der Wege sein, denn nur durch die Zusammennahme vieler Wege, die zu dem Mysterium von Golgatha führen, kann man zu einem Verständnis desselben kommen, zu einem einigermaßen für die entsprechende Zeit, in der man inkarniert ist, gehörigen Verständnis kommen. Da sei heute der Weg gewählt, der uns vor die Seele führen soll, wie gewissermaßen Völker, die noch nichts wußten von. dem Mysterium von Golgatha, wie die Völker Europas dieses Mysterium von Golgatha empfangen mußten nach dem, was sie in ihrem Herzen, in ihrer Seele gleichsam wie eine Vorbereitung auf das Mysterium von Golgatha hin durchgemacht hatten.
[ 2 ] We have attempted to approach the meaning and nature of that power—which, through the Mystery of Golgotha, has flowed into the impulses of Earth’s evolution—from a wide variety of perspectives. However, you will have seen from the various reflections that every path of the soul toward this power can be only one of the paths that, in a sense, unilaterally awaken the soul’s sensations and feelings, so that it may receive in a worthy and understanding manner that which is to be revealed when the name of Christ is spoken, that which is to be revealed when one speaks of the Mystery of Golgotha. Today we shall attempt to choose such a path once again. It will again be only one of the paths, for only by bringing together the many paths that lead to the Mystery of Golgotha can one arrive at an understanding of it—an understanding that is, to some extent, appropriate to the time in which one is incarnated. Let us choose today the path that is to lead us before the soul, as it were, of peoples who knew nothing yet of the Mystery of Golgotha—how the peoples of Europe had to receive this Mystery of Golgotha in accordance with what they had undergone in their hearts, in their souls, as it were, as a preparation for the Mystery of Golgotha.
[ 3 ] Ich habe es schon angedeutet in einigen der vorigen Vorträge, wie verknüpft war mit der europäischen Entwickelung in einer bestimmten Zeit, ich möchte sagen, ein tragisches Naturgefühl, das radikal verschieden ist von demjenigen Naturgefühl, das in den ersten christlichen Zeiten sich über die südlichen Länder Europas gerade aus dem Christentum heraus ausbreitete. Dieses letztere Naturgefühl war in gewisser Weise verbunden mit einer Art von Fliehen der Natur, mit einer Art Hinweggehen von der Natur. In diesen südlichen Ländern, in denen sich in griechische, in römische Kultur hinein das Christentum ausgebreitet hat, wurde der Begriff der Sünde, der Begriff.der Schuld innig und intim verknüpft mit demjenigen, was man fühlt als einfließend in den Menschen, in die Menschenseele von der Natur. Hinweg von der Natur in die Gefilde des geistigen Lebens, in die Gefilde, aus denen heruntergestiegen ist der Christus, um der Menschheit die Erlösung, um der Erdenentwickelung Sinn zu bringen; sich freimachen von dem, was im Menschen nur natürlich ist, und sich hinwenden zu dem, was im Menschen heiligend, das heißt, von der Sünde der Natur heilend sein kann — das sind Worte, die etwa einigermaßen dieses erste christliche Naturgefühl ausdrücken können.
[ 3 ] I have already hinted at this in some of my previous lectures: how European development during a certain period was linked to—I would say—a tragic sense of nature that is radically different from the sense of nature that spread throughout the southern countries of Europe in the early Christian era, precisely as a result of Christianity. This latter sense of nature was, in a certain way, connected to a kind of flight from nature, a kind of turning away from nature. In these southern lands, where Christianity spread into Greek and Roman culture, the concept of sin, the concept of guilt intimately and closely linked to that which is felt to flow into the human being, into the human soul, from nature. Away from nature into the realms of spiritual life, into the realms from which Christ descended to bring salvation to humanity and meaning to the development of the earth; to free oneself from what is merely natural in human beings, and to turn toward what in human beings can be sanctifying—that is, healing from the sin of nature—these are words that can to some extent express this first Christian sense of nature.
[ 4 ] Von einem ganz anderen Naturgefühl war die keltisch-germanische Volkheit Europas innerlich beseligt, als sie das Christentum empfing. Ihr war es unmöglich, die Natur bloß zu fliehen, die Natur bloß zu verbinden mit dem Sünde- und Schuldbegriff. Ihnen, den europäischen Völkern, war die Natur durch lange, lange Jahrhunderte viel, viel zu bedeutungsvoll geworden, als daß sie sie bloß hätten fliehen können. Sie war ihnen etwas geworden, mit dem sie so zusammengewachsen waren, daß sie sich allerdings, als sie das Christentum empfingen, zu einer anderen Welt wenden konnten, als die Welt der Natur ist, aber sie konnten nicht so ohne weiteres nur sagen: Hinweg von der Natur! — Dieses «Hinweg von der Natur», dieses Hinschauen und Hinstreben in die Gefilde des Geistes verursachte ihnen Klagen und Schmerzen der Seele, verursachte ihnen Trübnis, indem immer im Hintergrund der Herrlichkeiten des Himmelreiches die Trauer war über dasjenige, was innerhalb der Naturgefilde verloren werden mußte. Und wenn man nach dem Grunde fragt, warum ein solches Gefühl auf dem Grunde der Seele war, dann findet man, daß die Art und Weise, wie diese Seelen mit der Natur verbunden waren in verhältnismäßig noch nicht weit hinter ihnen liegender Vergangenheit — einer Vergangenheit, die weit kürzere Zeit hinter ihnen lag, als das bei den orientalischen oder südlichen Völkern der Fall war —, noch in einem Nachklang vorhanden war. Es war, wie wenn in den Herzen, in den Seelen noch gelebt hätte etwas von all dem heiligen Wohlgefühl des Zusammenseins mit der Natur, des Zusammenseins auch mit dem Göttlichen in der Natur. Und die Trauer, der Schmerz, die Klage, sie kamen davon, daß man fühlte: durch eine Notwendigkeit, durch eine eherne Weltennotwendigkeit war einem abhanden gekommen, was einen einstmals mit dem Heiligen, mit dem Göttlichen der Natur verbunden hatte. Es war nicht bloß ein Gefühl, daß die Natur mit Sünde und Schuld behaftet sei, es war vielmehr das Gefühl, daß man mit der Natur etwas einst unendlich Wertvolles verloren habe. Es war nicht das Gefühl, daß man sich wegwenden solle von der Natur, sondern es war vielmehr das trauernde Gefühl, daß sich etwas, was in der Natur heilig ist, selbst von dem Menschenherzen, der Menschenseele weggewendet habe, und daß man nun das, was man früher mit der Natur im Zusammenhang verehrte, auf andere Art durch Erhebung zum Mysterium von Golgatha erleben mußte.
[ 4 ] The Celtic-Germanic peoples of Europe were inwardly inspired by a very different sense of nature when they embraced Christianity. It was impossible for them to simply flee from nature or to associate nature solely with the concepts of sin and guilt. For them, the European peoples, nature had become far, far too significant over many, many centuries for them to simply flee from it. It had become something with which they had grown so intertwined that, when they embraced Christianity, they were indeed able to turn toward a world other than the world of nature, but they could not simply say: Away from nature! — This “away from nature,” this looking toward and striving for the realms of the spirit, caused them grief and pain of the soul, caused them gloom, for always in the background of the glories of the Kingdom of Heaven lay the sorrow over what had to be lost within the realms of nature. And if one asks the reason why such a feeling lay at the bottom of the soul, then one finds that the manner in which these souls were connected to nature in a past that was not yet far behind them—a past that lay far closer behind them than was the case with the Oriental or Southern peoples—still lingered as an echo. It was as if something of all that sacred sense of well-being—of being at one with nature, and also with the divine in nature—still lived on in their hearts and souls. And the grief, the pain, the lament—they arose from the feeling that, through a necessity, through an ironclad cosmic necessity, one had lost what had once connected one to the sacred, to the divine in nature. It was not merely a feeling that nature was tainted with sin and guilt; rather, it was the feeling that, along with nature, one had lost something once infinitely precious. It was not the feeling that one should turn away from nature, but rather the sorrowful feeling that something sacred in nature had itself turned away from the human heart, from the human soul, and that one now had to experience what one had formerly revered in connection with nature in a different way, through the elevation to the Mystery of Golgotha.
[ 5 ] Es war ein unendlich viel realeres, zugleich ein unendlich viel tragischeres Gefühl, welches das Christentum in diesen Gegenden empfing, als das in den Gegenden südwärts der Alpen und im Oriente der Fall sein konnte. Man macht sich durch nichts besser klar, welches der Sinn dieser alten Naturempfindungen war, als wenn man einen Blick wirft auf das, was ja gelten kann wie eine Art Vorempfindung des göttlichen Opfertodes Christi innerhalb der europäischen Völker, wenn man einen Blick wirft auf das, was der Tod Baldurs und Baldurs Versetzung in die Unterwelt, in die Welt der Hel, nach Niflheim bedeutet.
[ 5 ] The feeling with which Christianity was received in these regions was infinitely more real, and at the same time infinitely more tragic, than could have been the case in the regions south of the Alps and in the East. Nothing better illustrates the meaning of these ancient perceptions of nature than a glance at what can be regarded as a kind of foreshadowing of Christ’s divine sacrificial death among the European peoples—a glance at what the death of Baldur and his descent into the underworld, into the realm of Hel, into Niflheim, signifies.
[ 6 ] Ich habe es öfter angedeutet, daß es heute schwierig ist, wiederum wachzurufen in den Seelen all dasjenige, was zusammenhing mit dem Baldur-Mythos, mit dem Mythos dieser eigenartigen alten Sonnengottheit, die von Nordeuropas Volkheit verehrt und angebetet wurde. Und es ist ja schwierig, in einer Zeit dieses klarzumachen, wo man glaubt, daß die menschliche Seele in der Zeit, in der es überhaupt eine Menschheitsentwickelung gibt, immer geradeso ausgesehen habe, immer genau solches erlebt habe, wie sie heute aussieht und wie sie heute erlebt. Man muß sich schon aufschwingen zu dem Gedanken, daß in alten Zeiten der Seele noch weit, weit andere Erlebnisse möglich waren als diejenigen, die dann in späterer Zeit dieser Seele möglich waren, und daß dies zusammenhängt mit einem Gesamterleben des natürlichen Daseins. Stellen Sie sich einmal wirklich vor, die Seele des Menschen hätte durch das alte Auge des Menschen anders hinausgesehen in die Natur, als sie heute sieht, wenn sie durch das heutige Auge in die Natur sieht, und hätte durch das alte Ohr anderes in der Natur gehört als sie heute hört, wenn sie in die Natur hinaushört. Und machen Sie sich den Übergang so klar, indem Sie ein Gleichnis wählen, ein Gleichnis, das, wenn es auch etwas radikal gewählt ist, uns dennoch den Unterschied klarmachen kann. Sie sehen heute hinaus in die Natur durch Ihre Augen, sehen das Grün der Pflanzen, das Grün-Blau der Wälder, das Blau des Himmels, die bunte Mannigfaltigkeit der Blumendecke. Denken Sie sich, es träte eine Revolution im menschlichen Erdendasein durch eine eherne Notwendigkeit so ein, daß aufhören würde für die Menschen die Möglichkeit, Farben zu sehen, und daß die ganze Natur nur erscheinen würde grau in grau, daß Sie hinaufblicken würden zum Himmel und eine etwas andere Schattierung von Grau erblicken würden, als wenn Sie auf graue Wiesen sähen, daß Sie nur verschiedene Nuancen von Grau, Schwarz und Weiß sehen würden, wenn Sie auf die farbige Blumendecke blicken. Denken Sie, eine solche Revolution würde eintreten im Naturschauen der Menschen und Sie haben einen Vergleich mit dem gegeben, was in der Tat eintrat in der Zeit, als hinunterschwand die Möglichkeit für die Menschen: zu schauen auf der ausgebreiteten Wiese all die mannigfaltigen elementarischen Wesenheiten, die mit dem Wachsen und Weben und Wesen der Blumen und Blüten verbunden sind. Aufgehört hatte in der damaligen Zeit durch eine gewaltige Revolution im Naturschauen die Möglichkeit, hinaufzuschauen zu den Sternen und in den Sternen zu sehen die geistiglebendigen Planetengeister, im Äther umwebend die Sterne.
[ 6 ] I have often hinted that it is difficult today to reawaken in people’s souls all that was connected with the Baldur myth, with the myth of this peculiar ancient sun deity who was revered and worshipped by the peoples of Northern Europe. And it is indeed difficult to make this clear in an age when people believe that the human soul, throughout the entire course of human development, has always looked exactly as it does today and has always experienced exactly what it experiences today. One must really open oneself to the idea that in ancient times, the soul was capable of experiences far, far different from those that became possible for that same soul in later times, and that this is connected to an overall experience of natural existence. Just create a mental image for a moment of the human soul looking out at nature through the ancient human eye, which would have seen things differently than it does today when it looks at nature through the modern eye, and that, listening to nature through the ancient ear, it would have heard things differently than it does today when it listens to nature. And make this transition clear to yourself by choosing a parable—a parable that, even if somewhat radical in its choice, can nevertheless make the difference clear to us. Today you look out into nature through your eyes, seeing the green of the plants, the green-blue of the forests, the blue of the sky, the colorful variety of the carpet of flowers. Imagine that a revolution in human existence on Earth were to occur through an ironclad necessity, such that people would no longer be able to see colors, and that all of nature would appear only as gray upon gray; that you would look up at the sky and see a slightly different shade of gray than when you look at gray meadows; that you would see only different shades of gray, black, and white when you look at the colorful carpet of flowers. Imagine that such a revolution were to occur in people’s perception of nature, and you have a comparison with what actually happened at the time when the ability for people to see, in the expanse of the meadow, all the manifold elemental beings connected with the growth, weaving, and being of the flowers and blossoms began to fade away. At that time, a tremendous revolution in the perception of nature had put an end to the possibility of looking up at the stars and seeing in them the spiritually living planetary spirits weaving around the stars in the ether.
[ 7 ] Ich habe es oftmals betont: Zu den unwahrsten Aussprüchen gehört der, wenn man sagt, die Natur mache keine Sprünge. — Unwahr ist dieser Ausspruch, denn so wie ein Sprung ist vom grünen Blatt der Pflanze zum Blütenblatt, so war es ein gewaltiger Sprung in der Menschheitsentwickelung, als von dem alten Hellsehen, wo man die Elementargeister weben und leben sah dort, wo man heute nur die bunte Blütendecke der Pflanzen ausgebreitet sieht, die Menschen eben übergingen zu dem späteren Anschauen. Ein gewaltiger Sprung war das! Und diejenigen Menschen, die Europas Volkheit ausmachten, die hatten in den Zeiten, die durchaus zusammenfallen mit der Zeit, in welcher sich im Orient schon abspielte das Mysterium von Golgatha, noch eine lebendige Empfindung, daß eine solche alte Schau einmal da war, daß die Vorfahren gelebt haben unter der Bedingung, daß sie sehen konnten die webenden Wesen auf Wiesen und in Wäldern und im unendlich ausgespannten Sternenhimmel, und daß das alles verschwunden, verwest und verglommen sei. Ein Gefühl hatten sie, daß, wenn früher die Menschen das Auge hinaufrichteten zum nächtlichen Monde, dieser Mond nicht bloß in Form der hellen Sichel erschien, daß diese helle Sichel umgeben war von planetarischer lebendiger Geistigkeit, die der Menschenseele vieles sagte, und daß das hingeschwunden ist in den Zeiten, in denen man jetzt leben mußte.
[ 7 ] I have often emphasized this: one of the most untrue statements is the claim that nature does not make leaps. — This statement is untrue, for just as there is a leap from the green leaf of the plant to the petal, so was it a tremendous leap in human development when, from the old clairvoyance—where one saw the elemental spirits weaving and living where today one sees only the colorful blanket of flowers spread out—humanity transitioned to the later mode of perception. That was a tremendous leap! And those people who made up the European peoples had, in times that coincide entirely with the period in which the Mystery of Golgotha was already unfolding in the East, still had a vivid sense that such an ancient vision had once existed, that their ancestors had lived under the condition that they could see the weaving beings in meadows and forests and in the infinitely vast starry sky, and that all of this had vanished, decayed, and faded away. They had a feeling that when people in the past raised their eyes to the moon at night, this moon did not merely appear in the form of a bright crescent, that this bright crescent was surrounded by a living planetary spirituality that spoke much to the human soul, and that this had faded away in the times in which one now had to live.
[ 8 ] Wenn sich die Menschenseele fragte, was denn geschehen sei, daß die Natur also entgöttlicht ist, daß Finsternis sich ausbreitet da, wo früher geistiges Licht war, dann sagte derjenige, der das Volk leitete als Lenker: Es hat einmal in der Götterwelt gegeben einen Baldur, der in sich vereinigte die Kraft des Sonnenlichtes. Aber Baldur hat wegen des Hasses der finsteren Elemente seinen Schauplatz, den er ausgebreitet hatte auf dem Menschen-Erdenhorizont, verlegen müssen zur Hel in die Unterwelt. Verschwunden ist die Schauekraft der alten Zeiten. Versunken ist der helle Sonnenschein, versunken ist der helle Schein der alten Götter, und der tote Schein des Sonnenlichtes glänzt nur zurück durch das Licht der Mondsichel. — Materiell ist die Welt geworden. Wie die trauernde Hinterlassene, die einmal mit dem Göttlichen vereint war und des Göttlichen Widerstrahl in alle Seelen hineinschickte, so erscheint die Natur, über die man klagt, über die man trauert, die man belegen wollte mit den Begriffen bloß von Sünde und Schuld. — Und so wurde die Empfindung erregt, die man haben konnte gegenüber dem Todesgang des alten Sonnengottes Baldur. Er ist nicht mehr da draußen um unsere Schauekräfte herum, der Gott Baldur, er ist in die Unterwelt gezogen, er hat uns die trauernde Natur zurückgelassen. Aber wohin ist er gezogen? Wo ist denn eigentlich in realer Wirklichkeit das Reich der Hel, jenes Reich der Finsternis, in das Baldur eingezogen ist? Wo ist es denn? Auch zu solchen Empfindungen wird sich, ich möchte sagen, unsere materialistische Zeit erst dadurch vorbereiten können, daß sie sich die entsprechenden Begriffe aneignet.
[ 8 ] When the human soul asked what had happened to cause nature to become so devoid of divinity, so that darkness spreads where spiritual light once shone, the one who guided the people as their leader said: There once was a Baldur in the world of the gods who united within himself the power of sunlight. But because of the hatred of the dark elements, Baldur had to move his domain—which he had spread across the human horizon—to Hel in the underworld. The radiant power of ancient times has vanished. The bright sunshine has faded, the bright radiance of the old gods has faded, and the dead glow of sunlight shines back only through the light of the crescent moon. — The world has become material. Like the grieving widow who was once united with the divine and sent the divine radiance into all souls, so nature appears—the nature over which one laments, over which one mourns, which one sought to burden with the concepts of sin and guilt alone. — And so the feeling was aroused that one might have felt regarding the death of the old sun god Baldur. He is no longer out there surrounding our powers of vision, the god Baldur; he has gone down into the underworld; he has left us with nature in mourning. But where has he gone? Where, in actual reality, is the realm of Hel, that realm of darkness into which Baldur has entered? Where is it? I would say that our materialistic age will only be able to prepare itself for such feelings by appropriating the corresponding concepts.
[ 9 ] Fragen wir uns einmal, was bedeutete es denn in uralten Zeiten, wenn man sagen konnte, sich hinauswendend gegen die Natur: Baldur ist da. Was bedeutete denn das? Das bedeutete etwas wahrhaftig Reales, etwas, was diejenigen aber nicht verstehen werden, die da glauben, daß die Menschenbildung eben zu allen Zeiten gewesen ist wie heute. Wenn der Mensch in uralten Zeiten hinausging und auf der Wiese wahrnahm — er konnte es nicht immer, er konnte es nur zu gewissen Zeiten, aber da er es konnte zu gewissen Zeiten, da wußte er, daß sich ihm da jene belebenden Elementargeister zeigten, von denen ich gesprochen habe — wie war es denn, wenn der Mensch in gewissen Zeiten diese Elementargeister schauen konnte? Das war kein bloßes Hinschauen, das war nicht ein totes Empfangen eines Gesichtes, sondern das war verbunden mit einem lebendigen Gefühl, mit einer lebendigen Empfindung. Man ging durch die Wälder, man schaute die Geister, die Elementarwesen. Aber man schaute sie nicht bloß, ich möchte sagen, man trank ihr Wesen mit der Seele in sich, man fühlte ihren Hauch als einen geistig-seelischen Erfrischungstrank, man fühlte in sich durch den Ätherleib hineinziehen den Atem, der ausging von den elementarischen Geistern, die man schaute im Wald und auf der Wiese. Sie machen einen jung — so konnte man empfinden, wenn man des Morgens hinausging und noch das Rückbleibende der Morgendämmerung sie sichtbar machte, die Elementargeister des Waldes und der Wiese —, sie machen einen jung, sie verleihen einem Kraft! Und diese Kraft lebt dann in einem fort. Man war dabei, wenn man verjüngt in der elementarischen Natur war. Man war dabei. Was aber war mit all diesen verjüngenden Kräften geschehen? Aus der äußeren Welt waren sie verschwunden, man konnte nur mehr einen traurigen, halbbewußten Zusammenhang mit ihnen haben. Wo waren sie hingekommen? Sie wirkten weiter, aber sie wirkten weiter gewissermaßen im Unsichtbaren, im Unhörbaren; sie wirkten, aber sie wirkten auf die menschliche Natur so, daß der Mensch mit seinem Bewußtsein nicht mehr dabei war.
[ 9 ] Let us ask ourselves: What did it mean in ancient times when one could say, turning toward nature, “Baldur is here”? What did that mean? It meant something truly real—something that those who believe human development has always been the same as it is today will not understand. When people in ancient times went out and perceived things in the meadow—they could not always do so, they could only do so at certain times, but since they could do so at certain times, they knew that those life-giving elemental spirits of which I have spoken were revealing themselves to them—what was it like when people could see these elemental spirits at certain times? It was not merely looking; it was not a lifeless reception of a vision, but it was connected with a living feeling, with a living sensation. One walked through the forests, one looked upon the spirits, the elemental beings. But one did not merely look at them; I would say one drank their essence into one’s soul, one felt their breath as a spiritual and soulful refreshment, one felt the breath drawn into oneself through the etheric body, emanating from the elemental spirits one saw in the forest and in the meadow. They make one young—that is how one could feel when one went out in the morning and the lingering twilight still made them visible, the elemental spirits of the forest and the meadow—they make one young, they give one strength! And this strength then lives on within one. One was present when, rejuvenated, one was in the elemental nature. One was present. But what had become of all these rejuvenating forces? They had vanished from the outer world; one could now have only a sad, half-conscious connection with them. Where had they gone? They continued to work, but they worked, so to speak, in the invisible, in the inaudible; they worked, but they worked upon human nature in such a way that the human being was no longer present with his consciousness.
[ 10 ] Und die Zeit kam, wo der Mensch, wenn er wissend wurde, sich sagen mußte: Da in meiner Natur, da wirken diese Kräfte, von denen ich früher nicht nur wissen konnte, daß sie im Dunkeln auf mich wirken, gegenüber denen ich vielmehr eine Schauekraft hatte, deren Einfließen aus der Außenwelt ich bemerken, ich wahrnehmen konnte. — In das Reich der Hel, in des Menschen eigene Finsternis, in des Menschen seelische Untergründe war der Gott Baldur eingezogen. Wo ist Baldur? Der Priester, der zu erklären hatte den Menschen das Geheimnis, wenn der Mensch frug: Wo ist Baldur? — er hatte zu sagen: Baldur ist nicht im Sichtbaren. Weil du als Mensch brauchtest jene Bildekräfte, jene verjüngenden Bildekräfte, die du früher halbwissend aufnehmen durftest, wirken sie jetzt ohne dein Wissen in deinem Inneren, damit du ihnen nichts nimmst durch dein Wissen. Weil du diese Kräfte in deinem Unsichtbaren brauchtest, ist Baldur aus dem Bereich des Sichtbaren verschwunden, hat sich zurückgezogen dahin, wo die Welt deines eigenen unterbewußten Inneren ist.
[ 10 ] And the time came when human beings, upon gaining knowledge, had to admit to themselves: There, within my nature, these forces are at work—forces of which I could not merely know that they were acting upon me in the dark, but rather forces I could perceive, whose influence from the outside world I could sense and take in. — The god Baldur had entered the realm of Hel, into humanity’s own darkness, into the depths of the human soul. Where is Baldur? The priest, who had to explain the mystery to people when they asked, “Where is Baldur?”—he had to say: Baldur is not in the visible world. Because you, as a human being, needed those formative forces, those rejuvenating formative forces that you were once allowed to absorb with half-knowledge, they now work within you without your knowledge, so that you do not take anything away from them through your knowledge. Because you needed these forces in your invisible realm, Baldur has disappeared from the realm of the visible, has withdrawn to where the world of your own subconscious inner self lies.
[ 11 ] Dann kam über den Menschen die Stimmung, die man bezeichnen könnte mit den folgenden Worten: So also steh ich als Mensch im Reich der Hel mit einem Teil meines Wesens. Nicht sehen kann ich, wie die Bildekräfte meines Lebens aus dem Reich der Hel eingreifen in mein Seelisch-Leibliches; der Gott Baldur ist in der Unterwelt, er ist bei der Hel, er wirkt im Unsichtbaren auf mich. Versunken und verflossen ist Baldurs Sonnenseherreich. — Das ist die Stimmung der Klage, der Trauer, die Schmerzen der Seele hervorrufen darf, denn das ist keine hinfällige egoistische Menschenklage, das ist Klage, die der Mensch im Zusammenhang mit dem Kosmos empfindet. Das ist kosmische Klage, das ist kosmische Trauer, das ist kosmischer Schmerz.
[ 11 ] Then a mood came over the person that could be described with the following words: “So this is how I stand as a human being in the realm of Hel with a part of my being.” I cannot see how the formative forces of my life from the realm of Hel intervene in my soul and body; the god Baldur is in the underworld, he is with Hel, he acts upon me in the unseen. Baldur’s sun-gazing realm has sunk and faded away. — This is the mood of lamentation, of mourning, which may evoke the pains of the soul, for this is not a frivolous, selfish human lament; it is a lament that the human being feels in connection with the cosmos. This is cosmic lamentation, this is cosmic mourning, this is cosmic pain.
[ 12 ] Und nun kam die Kunde, daß dasjenige, was sich also zurückgezogen hat in das Reich der Hel, neubelebt ist durch eine andere Macht, durch die Macht, die man wiederfinden kann, wenn man tiefe Einblicke tut in das eigene Innere, wo hinein die alte Baldur-Macht ja verschwunden ist. Baldur ist im Reich der Hel, aber der Christus ist hinuntergestiegen in das Reich der Hel, in das Reich der eigenen unterbewußten Menschenwesenheit; da belebt er den Baldur. Und wenn der Mensch sich genügend vertieft in das, was er im Laufe der Erdenentwickelung geworden ist, da findet er wiederum die verjüngende Bildekraft. Was du verloren hast, du findest es wieder, denn hinuntergestiegen in dein eigenes Reich der Finsternis ist der alte Baldur. Gefunden hat ihn da der Christus, wiederbelebt hat er dasjenige, was dir durch Baldur und seine Macht einmal. geworden ist. — So konnte der Priester dem verkünden, der die tiefen Geheimnisse der Botschaft vom Mysterium von Golgatha in diesen Volksgebieten empfand.
[ 12 ] And now came the news that that which had thus withdrawn into the realm of Hel has been revived by another power—the power that can be rediscovered by looking deeply into one’s own inner self, into which the ancient power of Baldur had indeed vanished. Baldur is in the realm of Hel, but Christ has descended into the realm of Hel, into the realm of one’s own subconscious human being; there he revives Baldur. And when a person delves deeply enough into what they have become in the course of Earth’s evolution, there they find once again the rejuvenating creative power. What you have lost, you will find again, for the old Baldur has descended into your own realm of darkness. There the Christ found him and revived that which once became yours through Baldur and his power. — Thus could the priest proclaim this to those who sensed the deep mysteries of the message of the Mystery of Golgotha in these regions.
[ 13 ] Wie eine heilige Erinnerung an uralt heilige Zeiten erschien die Osterbotschaft, aber doch eine Erinnerung, die zugleich neues Leben gibt. Mußte man sich doch sagen: Jene Macht des alten Baldur war zu gering, um auszureichen für eine ganze menschliche Entwickelung. Eine höhere Macht mußte eintreten, um dasjenige den Menschen wieder zu geben, was sie verlieren mußten, was nur Baldur hatte. — So klang herein die Kunde von dem Christus in die Erinnerung von dem alten Baldur und seinem Tode, so klang herein die Auferstehung alter Herrlichkeit in der Menschenseele, in die sie durch Baldurs Tod hinuntergegangen ist, die Macht, die jetzt neu auferweckt worden ist.
[ 13 ] The Easter message appeared like a sacred remembrance of ancient, holy times, yet it was a remembrance that also gave new life. One had to admit: The power of the ancient Baldur was too small to suffice for the entire course of human development. A higher power had to intervene to restore to humanity what they had lost, what only Baldur possessed. — Thus the news of Christ resounded into the memory of the ancient Baldur and his death; thus the resurrection of ancient glory resounded into the human soul, into which it had descended through Baldur’s death—the power that has now been raised anew.
[ 14 ] Man muß schon sich nähern demjenigen, was als Sinn der Erdenentwickelung das Mysterium von Golgatha ist, dadurch, daß man sich fragt: Mit welchen Empfindungen, mit welchen Gefühlen kam die historische Menschheit dem historischen Christus entgegen? — Denn nicht darauf kommt es an, daß man einen abstrakten Begriff von dem Wesen des Christus oder des Mysteriums von Golgatha sich erwirbt, sondern darauf kommt es an, daß man für sich selbst die Frage zu beantworten vermag: Was alles kann jener Impuls beleben in den tiefsten Tiefen der menschlichen Seele, jener Impuls, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist?
[ 14 ] One must approach the Mystery of Golgotha—which is the very meaning of Earth’s evolution—by asking oneself: With what sentiments, with what feelings did historical humanity encounter the historical Christ? — For what matters is not that one acquires an abstract concept of the nature of Christ or the Mystery of Golgotha, but rather that one is able to answer the question for oneself: What can that impulse—the impulse that passed through the Mystery of Golgotha—stir to life in the deepest depths of the human soul?
[ 15 ] Schauen wir es an, dieses Mysterium von Golgatha, wie es noch gefeiert wird von den einzelnen Religionsbekenntnissen der alten Welt. Am Karfreitag wird die Grablegung Christi gefeiert. Die Glocken verstummen, Stummheit breitet sich über die Erde aus. Derjenige, der in den Jahrhunderten gelebt hat, von denen ich spreche, der sagte sich: Stumm, klanglos ist die Welt geworden. Hinuntergestiegen ist der Christus in diejenigen Teile menschlichen Seelendaseins und kosmischen Daseins, in die Baldur hat hinuntersteigen müssen, weil seine Macht nicht ausgereicht hat zur vollständigen Erhebung der menschlichen Seele. Da ist er unten, unten in den geheimnisvollen Tiefen, in denen ich selbst stehe, wenn ich auf die unterbewußten Bildekräfte in meinem Inneren sehe. — Geheimnisvoll kann es das menschliche Herz durchschauern, wenn dieses menschliche Herz bedenkt: Hinweg aus dieser stummen Welt ist der Impuls von Golgatha gegangen. Unten ruht er, wo du auch bist. Warte, warte, und vereinigen wird er sich, dieser Impuls von Golgatha, in den geistigen Welten, denen deine Seele angehören darf, wenn sie den Weg in ihre eigenen Untergründe nur gehen will, mit Baldur. Baldur wird er beleben in diesen Tagen. Und in deinem Inneren, o Mensch, wirst du wiederfinden, was mit Baldurs Hinschwinden aus der Umwelt in deine eigenen Tiefen hinuntergeschwunden und verdämmert ist. Nehme auf, o Mensch, den lebenden Begriff des Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der nicht äußerlich deinem Auge, wohl aber deiner Seele wird wiedererstehen können, wenn sie sich ihres Inneren recht bewußt wird, vom Monde herab, aus der Sonne heraus — als jene elementare Kraft, jene die Seele belebende Bildekraft. Warte, warte, bis er aufersteht, der Wiedererwecker Baldurs. Eine Welt hast du einstmals gehabt; in dieser Welt brauchtest du nur deine Sinne hinauszurichten auf die umgebende Natur, und es floß dir ohne dein Zutun die belebende, beseelende Kraft aus dem Elementarischen dieser äußeren Natur entgegen. Ein Reich des Geistes durchwob alles natürliche Dasein, und du selbst lebtest, wenn du nur die richtigen Augenblicke dazu abwartetest, nicht nur in der geistlosen Natur; du lebtest in dem, was hinter der Natur ist, wovon sie nur der Ausdruck ist, du lebtest in dem Naturdasein. Jetzt findest du nicht mehr das Geistige in der Natur, du mußt es suchen durch vertiefende Belebung deines eigenen Inneren mit der Kraft, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Natur, du warst einmal ausdrucksvoll, oh, so ausdrucksvoll, daß durch deine Formen erschien des Menschen wahre, wahrhaftige Heimat. Sie hat Baldur mit sich genommen, sie ist nicht mehr da, ist in Regionen, die dein äußeres Schauen nicht überblickt. Aber es gibt dieses alte Reich, dessen Formenausdruck einmal die umgebende Natur war, es gibt dieses Reich noch. Du findest es nur nicht, wenn du den Weg der Natur allein gehst; du findest es, wenn du dich verbindest mit dem Impuls, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Nicht bloß sündhaft-schuldig ist die Natur, verlassen ist sie, verlassen ist sie von der Heimat, die man suchen muß, suchen muß, innerlich durchdrungen mit der Kraft des Christus.
[ 15 ] Let us consider this mystery of Golgotha, as it is still celebrated by the various religious traditions of the ancient world. On Good Friday, the burial of Christ is commemorated. The bells fall silent; a stillness spreads across the earth. Those who lived in the centuries of which I speak said to themselves: The world has become silent, soundless. Christ has descended into those parts of human soul life and cosmic existence into which Baldur had to descend, because his power was not sufficient for the complete elevation of the human soul. There he is below, down in the mysterious depths where I myself stand when I look upon the subconscious formative forces within me. — It can mysteriously pierce the human heart when this human heart considers: The impulse of Golgotha has gone forth from this silent world. Down there he rests, wherever you may be. Wait, wait, and this impulse from Golgotha will unite with Baldur in the spiritual worlds to which your soul may belong, if only it is willing to walk the path into its own depths. It will enliven Baldur in these days. And within you, O human, you will rediscover what, with Baldur’s fading from the world, has sunk and grown dim into your own depths. Receive, O human being, the living concept of the Christ who has passed through the Mystery of Golgotha, who will not be able to rise again outwardly before your eyes, but certainly before your soul, if it becomes truly conscious of its inner self, descending from the moon, emerging from the sun—as that elemental force, that soul-animating creative power. Wait, wait until he rises, the re-awakener of Baldur. You once had a world; in this world you need only direct your senses toward the surrounding nature, and the life-giving, soul-stirring power flowed toward you from the elemental forces of this outer nature without any effort on your part. A realm of the spirit interwove all natural existence, and you yourself lived—if only you waited for the right moments—not merely in spiritless nature; you lived in that which lies behind nature, of which it is but an expression; you lived in the existence of nature. Now you no longer find the spiritual in nature; you must seek it through the deepening enlivenment of your own inner being with the power that has passed through the Mystery of Golgotha. Nature, you were once expressive, oh, so expressive, that through your forms the true, genuine home of the human being appeared. It has taken Baldur with it; it is no longer here, but in regions beyond the reach of your outer gaze. Yet this ancient realm still exists—the realm whose form was once the surrounding nature. You simply cannot find it if you walk the path of nature alone; you find it when you connect with the impulse that passed through the Mystery of Golgotha. Nature is not merely sinful and guilty; she is forsaken, forsaken by the home that one must seek, must seek, inwardly permeated with the power of Christ.
[ 16 ] Man könnte meinen, daß man noch etwas durchhörte in den christlichen Zeiten von dem, was die Menschen also aufgenommen haben von dem alten Baldur-Tod in ihre Erinnerung, um es zu verbinden mit der Kunde von dem Mysterium von Golgatha. Es kommt einem vor, wie wenn erst nach und nach versunken und verklungen wäre der Ton der Klage, der Ton der Trauer gegenüber der Natur, wie er eben charakterisiert worden ist. Gewiß, es dringt ein in die christliche Auffassung auch jene Stimmung, welche einzig und allein hinblickt zu dem sich opfernden Christus, einzig und allein aufblickt zu der himmlischen Heimat. Und es wird auch in dieser Volkheit Europas nach und nach die Stimmung vernehmlich, welche die Natur gleichsam wie das mindere Kind, nicht wie das verlassene Kind, anschaut. Aber wenn man hinhorcht nicht bloß auf den Sinn der Worte, sondern auf die Art, wie die Worte geprägt werden da, als schon im 8. Jahrhundert, im 9. Jahrhundert sich ausgebreitet hat über gewisse Gegenden Europas die Kunde von dem Mysterium von Golgatha, wenn man hinhorcht auf die Art, wie gesprochen wird davon, daß man in der irdischen Welt nicht die wahre Heimat der Menschenseele finden kann, dann kann man noch etwas von der alten tragischen Stimmung gegenüber der baldurlosen Natur empfinden. Wie gesagt, man muß nur hinhören nicht bloß auf die Worte und auf den abstrakten Sinn der Worte, sondern auf die Art, wie durch die Worte durchklingt das, was über die Natur empfunden wird, und was empfunden wird über eine andere Heimat der menschlichen Seele, als die Natur jetzt sein kann.
[ 16 ] One might think that, even in Christian times, there was still something lingering in people’s memories of the ancient legend of Baldur’s death, which they had absorbed and linked to the message of the Mystery of Golgotha. It seems as if the tone of lamentation, the tone of mourning toward nature, as it has just been characterized, had only gradually faded away and died out. Certainly, the Christian conception is also permeated by that mood which looks solely and exclusively toward the self-sacrificing Christ, looks solely and exclusively toward the heavenly homeland. And in this European culture, too, the mood gradually becomes audible that regards nature, as it were, as the lesser child, not as the abandoned child. But if one listens not merely to the meaning of the words, but to the way the words are shaped there, as already in the 8th century, in the 9th century, as the news of the Mystery of Golgotha spread across certain regions of Europe—if one listens to the way it is spoken of, that one cannot find the true home of the human soul in the earthly world—then one can still sense something of the old tragic mood toward a nature devoid of Balder. As I said, one need only listen—not merely to the words and their abstract meaning, but to the way in which the words convey what is felt about nature, and what is felt about a home for the human soul other than what nature can now be.
[ 17 ] Daß so etwas erklang auch noch, nachdem das Christentum sich ausgebreitet hat, nachdem die Menschen da waren, die das Christentum auszubreiten suchten in der Form, in der man es eben empfangen hatte aus dem Orient, das kann man wie gesagt aus den verschiedensten Kundgebungen des 8., des 9. Jahrhunderts ersehen, wenn man nur durch sie, durch diese Kundgebungen, hindurchhört, was empfunden wurde. Wir haben aus diesen Zeiten gewissermaßen europäisch gemachte Evangelien, und eines dieser europäisch gemachten Evangelien ist die sogenannte «Evangelienharmonie» des Otfried, eines Mönches, der im Elsaß gelebt hat, der noch durch Hrabanus Maurus die Geheimnisse des Christentums gelernt hat, der dann versucht hat, in die Sprache seiner Heimat hineinzutragen dasjenige, was ihm das Evangelium, was ihm die Botschaft von dem Tode und der Auferstehung des Christus geworden war. Geboren ist Otfried in Weißenburg im Elsaß. In eine Sprache, die dazumal im Elsaß gesprochen worden ist, hat er übersetzt das, was ihm geworden war, in seine Empfindungen hinein, von dem Evangelium. Hören wir nur ein paar Proben desjenigen, was uns gerade in unserem heutigen Zusammenhang interessieren kann aus dieses elsässischen Mönches Christus-Botschaft aus dem 9. Jahrhundert, und versuchen wir, nicht den abstrakten Sinn der Worte nur zu hören, sondern versuchen wir durchzuhören durch die Worte dasjenige, was gerade als Trauer gegenüber der verlassenen Naturheimat des Menschen empfunden werden könnte. Deshalb will ich das in der damaligen Sprache zuerst mitteilen, und es dann, so gut es geht, in die neuere Sprache bringen.
[ 17 ] That something like this was still being heard, after Christianity had spread, after people were there who sought to spread Christianity in the form in which it had just been received from the East—this can be seen, as I said, in the most diverse expressions of the 8th and 9th centuries, if one only listens through them, through these expressions, to what was felt. From these times we have, so to speak, Europeanized Gospels, and one of these Europeanized Gospels is the so-called “Gospel Harmony” by Otfried, a monk who lived in Alsace, who had learned the mysteries of Christianity from Hrabanus Maurus, and who then attempted to convey into the language of his homeland what the Gospel—what the message of Christ’s death and resurrection—had become to him. Otfried was born in Weißenburg in Alsace. He translated what the Gospel had become to him—in his own feelings—into the language spoken in Alsace at that time. Let us listen to just a few examples of what might interest us in our present context from this 9th-century Alsatian monk’s message of Christ, and let us try not merely to hear the abstract meaning of the words, but to listen through the words to what might be felt as a sense of mourning for humanity’s abandoned natural homeland. Therefore, I will first present this in the language of that time, and then, as best I can, render it into modern language.
Otfried 111,19-30:
Tharben wir nu lewes, liebes filu manages
joh thulten hiar nu noti bittero ziti.
Nu birun wir mornente mit seru hiar in lante
in managfalten wunton bi unseren sunton;
Arabeiti manego sint uns hiar jo garawo,
ni wollen heim wison wir wenegon weison.
Wolaga elilenti, harto bistu herti,
thu bist harto filu swar, thaz sagen ih thir in alawar.
Mit arabeitin werbent, thie heiminges tharbent;
Ih haben iz funtan in mir, ni fand ih liebes wiht in thir.
Ni fand in thir ih ander guat suntar rozagaz muat,
seragaz herza joh managfalta smerza.
Otfried 111,19-30:
Let us now live, dear friends,
for we have endured bitter times here.
Now let us spend the morning with joy here in the land
and dwell in abundance with our loved ones;
Much work awaits us here,
we do not wish to return home, for we know little of the way.
O noble lady, your heart is hard,
yet you are so very kind, that I tell you this in all sincerity.
With work we strive, the homelands we long for;
I have found a fountain within me, yet I found no love in them.
I found in them no other good but rose-scented air,
the scent of hearts, oh, manifold sorrow.
[ 18 ] Versuchen wir, so annähernd das wiederzugeben in der neueren Sprache:
[ 18 ] Let’s try to render this as closely as possible in modern language:
Leiden und darben wir an sehr Vielem, das uns lieb war,
Und dulden hier nun bittere Zeiten,
Nun sind wir trauernd mit unserem Schmerz hier im Land
— er meint im Erdenland
In mannigfaltigem Bund durch unsere Sünden.
Arbeit — Arbeit heißt in früherer Sprache mehr «Sorge, Mühe» —, der
Besorgungen viele sind uns jetzt bereitet,
Nichts können wir von der Heimat wissen, wir, die für Klagen werbend, verlassene Waisen.
Wehe, du fremdes Land — so spricht er die Erde an! — O, wie bist du hart!
Du bist wahrlich recht schwer, das sage ich dir allerwärts.
Mit Besorgnissen werbend — also wandelnd — sind die, die der Heimat nun entbehren.
Ich habe es empfunden an mir, nie fand ich Liebes etwas in dir,
Nie fand in dir ich andres Gut, als zum Klagen reifen Sinn,
Sorgenvolles Herz und mannigfaltig und viel Schmerz.
We suffer and endure hardship because of so much that was dear to us,
And now we endure bitter times here,
Now we are here in this land, mourning our pain
— he means on this earth
In manifold bondage because of our sins.
Work—work, in the language of old, means more “worry, toil”—, the
many tasks are now prepared for us,
We can know nothing of our homeland, we who, seeking lamentation, are forsaken orphans.
Woe to you, foreign land—thus he addresses the earth!—O, how harsh you are!
You are truly quite heavy, I tell you this everywhere.
Bearing sorrows—thus wandering—are those who now lack a homeland.
I have felt it myself; I never found anything loving in you,
I never found in you any other good than a mind ripe for lamentation,
A heart full of sorrow and manifold and great pain.
[ 19 ] So klingt aus dieses Mönches Seele dasjenige, was empfunden wurde jetzt gegenüber der Natur. Und so empfand man gegenüber der Macht, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
[ 19 ] This is how the monk’s soul expresses what he now feels toward nature. And this is how one felt toward the power that passed through the Mystery of Golgotha.
[ 20 ] Es ist heute selbst das schon schwierig, recht schwierig, das wieder auferstehen zu lassen, wie die großen Festeszeiten herausgehoben waren aus dem ganzen Horizont des Alltagslebens in den Zeiten, in denen man noch lebendiger empfunden hat, an was man sich zu erinnern habe als an Baldurs Tod, und was man, nachdem man durch die traurige Zeit der Verlassenschaft hindurchgegangen war, nunmehr empfangen hatte durch den, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Man hatte gewissermaßen die ganze Bitternis des Todes erst erkannt, als aus der Erde Gefilden nicht mehr sprießten für das menschliche Anschauen die alten elementarischen Lebekräfte, als die Erde in ihren Formen selbst erschien wie formend nur den Tod, den Tod, mit dem Baldur sich vereint hatte. Und jetzt empfand man, indem man hinstellte Karfreitag, Karsamstag bis zum Auferstehungs-Ostersonntag, indem man hinstellte diesen Tod, den man erst in seiner Bitternis zu empfinden gelernt hatte, jetzt empfand man, daß er birgt die siegende Kraft des Lebens, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, und die immer wieder und wieder gehen soll durch des Menschen an diesen Tagen trauerfestlich gestimmte Seele, in der nach des Angelus Silesius Ausspruch selbst gefeiert werden soll der Todesgang des Christus und die Auferstehung dieses Christus.
[ 20 ] Even today, it is difficult—quite difficult—to revive the way the great festivals used to stand out from the everyday horizon of life in times when people felt more keenly what they had to remember—such as the death of Baldur—and what they, having passed through the sorrowful time of abandonment, had now received through the One who had gone through the Mystery of Golgotha. One had, so to speak, only truly recognized the full bitterness of death when the old elemental life forces no longer sprang forth from the earth for human sight, when the earth itself appeared in its forms as shaping only death, the death with which Baldur had united. And now, as one contemplated Good Friday, Holy Saturday, and on up to Resurrection Sunday, as one contemplated this death, the bitterness of which one had only just learned to feel, now one sensed that it harbors the victorious power of life, which has passed through the Mystery of Golgotha, and which is to pass again and again through the soul of humanity, which on these days is in a mood of mournful festivity, in which, according to the words of Angelus Silesius, the death of Christ and the Resurrection of this Christ are to be celebrated.
[ 21 ] Unendlich lebendiger war des Christus Todeskraft und Todesopfer in den Zeiten, in denen dieses Todesopfer, diese Todeskraft noch in Verbindung gebracht war mit dem hingestorbenen Baldur. In der Asen Reich, hinunterschauend auf die Erde von Breidablick — so hieß die Burg des Baldur —, hinunterschauend auf die Erde wie das silberne SonnenMondenlicht; so war er einst, Baldur, in seiner Kraft der Erde elementare Wesenschaft belebend. In finstere Tiefen war er gegangen, Karfreitag, Karsamstag, Karsamstagnacht. Hin richtete sich der Blick zu Baldurs neuem Todesreich, aber wissend: da unten im Todesreich, da ruht der Keim, der sich verbindet mit der Erde Entwickelungsimpulsen, und der ein neues Leben bringen wird, wenn er aufersteht. Das ist der Tod, der empfunden wird in der Pflanzenkeimeskraft, vermodert in den Tiefen der Erde, der die neue Pflanze wieder hervorbringt.
[ 21 ] The power of Christ’s death and his sacrificial death were infinitely more alive in the times when this sacrificial death, this power of death, was still associated with the deceased Baldur. In the realm of the Aesir, looking down upon the earth from Breidablik—such was the name of Baldur’s castle—looking down upon the earth like the silver light of sun and moon; such was he once, Baldur, in his power enlivening the elemental essence of the earth. Into dark depths he had gone, Good Friday, Holy Saturday, Holy Saturday night. There the gaze turned toward Baldur’s new realm of death, yet knowing: down there in the realm of death, there rests the seed that connects with the Earth’s developmental impulses, and that will bring forth new life when it rises again. This is the death that is felt in the germinative power of plants, decaying in the depths of the Earth, which brings forth the new plant once more.
[ 22 ] Wie mächtige Gottesworte war die Kunde gekommen zu Menschen, die den Tod hatten begreifen gelernt an dem Schicksal ihres Baldur. Drei Tage lang konnten sie empfinden, wie zur Wirkung gekommen ist dasjenige, was Baldur getötet hat, was Baldur selbst nicht besiegen kann. Deshalb muß einzigartig die Empfindung sein, die unsere Seele belebt in der Weltenstummheit der drei Tage, von der wir umgeben sind. Einzigartig muß diese Empfindung sein, so etwa muß sie sich ausdrücken, daß um der Menschen Weiterentwickelung willen der Tod immer intensiver und intensiver auch in die Erdenentwickelung eingreifen mußte, daß finster und todesstumm um den Menschen herum werden mußte die einstmals paradieseshelle Natur, daß aber reift im Todesacker des Seins die ewig siegende Lebenskraft. So schauen wir sie an — diese drei Tage: Da ruht er unten, der Christus, im todesdurchtränkten Abgrundreiche des Seins. Da hinein verfolgen wir ihn, weil wir wissen, daß wir mit einem Teil unseres eigenen Wesens hineinreichen in diesen Abgrund des Weltendaseins, und weil wir wissen: hinauftragen werden wir den Teil von uns, der da hinunterreicht in den Abgrund des Todesweltenseins, nur, wenn wir uns verbinden mit dem, was sonst in uns allein der Tod sein würde, durch die Kraft, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
[ 22 ] Like mighty words from God, the news had reached the people, who had come to understand death through the fate of their Baldur. For three days they could feel the full effect of that which had killed Baldur—that which Baldur himself could not overcome. That is why the feeling that animates our soul in the world’s silence of these three days, which surrounds us, must be unique. This feeling must be unique; it must express itself in such a way that, for the sake of humanity’s further development, death had to intervene ever more intensely in the development of the earth, that the nature once as bright as paradise had to become dark and death-silent around humanity, yet that the eternally victorious life force matures in the death-field of being. Thus we look upon them—these three days: There he rests below, the Christ, in the death-soaked abyss of being. We follow him into it, because we know that we reach into this abyss of worldly existence with a part of our own being, and because we know: we will carry up that part of ourselves which reaches down into the abyss of the world of death only if we unite ourselves with that which would otherwise be death alone within us, through the power that has passed through the Mystery of Golgotha.
[ 23 ] So steigen wir hinunter in die Tiefen und wissen, daß wir differenzieren müssen die Empfindungen, daß wir nicht gut tun, wenn wir uns. nicht unsere differenzierten Empfindungen für gewisse Tage bewußt machen. Wir sollen vielmehr wissen lernen: Jetzt sind die Tage, wo sich die Seele verbinden muß mit dem, was sie lernen kann über den Tod, über den Tod, der es notwendig machte, der es in eherner Norwendigkeit mit sich brachte, daß der Christus zu ihm hinunterstieg. Wir werden morgen hinwenden den Blick zu dem Mysterium von Golgatha von einer anderen Seite. Aber, wie gesagt, viele Wege führen hinauf auf den Gipfel, wo uns allmählich verständlich und immer verständlicher wird der tiefe Sinn des Mysteriums von Golgatha. Er kann uns nur verständlich werden, wenn wir nicht bloß vor uns hinstellen den siegenden Christus, den einseitig siegenden Christus, sondern wenn wir auch hinstellen vor unsere Seele den sich mit dem Tod verbindenden Christus. Und was der Tod bedeutet für das ganze Menschenleben, es könnte uns vielleicht um ein Stückchen klarer werden, wenn wir uns vertieften in die Empfindungen, die man haben kann an dem Baldur-Mythos, an dem, was Baldur, was die durch die elementare Welt wirkende belebende Sonnenkraft ist, nachdem sie durch den Tod hindurchgegangen ist. Wenn man diese Empfindung in der Seele noch belebt, diese Empfindung von dem Untergang Baldurs, dadurch, daß man sich sagt: Wie müßten wir empfinden in einer zukünftigen Welt, in der wir uns erinnern: Götter waren da, sie haben einmal uns sehen lassen die umliegende Welt im farbigen Sinnenschein; grau in grau ist jetzt alles! Daß das nicht so sein wird — und es würde so, wenn der Christus nicht in die Welt gekommen wäre —, das wird die siegende Kraft des Christus bewirken. Was heute die Menschen noch nicht glauben, sie werden es einmal glauben: daß dasjenige, was heute nur wirken kann als ChristusKraft in den menschlichen Herzen selbst, wirksam empfunden werden wird den ganzen Kosmos durchdringend, namentlich den irdischen Teil des Kosmos durchdringend, so weit dieser Kosmos den Menschen verjüngende, belebende Kraft gibt.
[ 23 ] So we descend into the depths, knowing that we must distinguish between our feelings, that we do ourselves a disservice if we do not become aware of our nuanced feelings on certain days. Rather, we must learn to recognize: Now are the days when the soul must connect with what it can learn about death—about the death that made it necessary, that brought with it an iron necessity, for Christ to descend to it. Tomorrow we will turn our gaze to the Mystery of Golgotha from a different angle. But, as I said, many paths lead up to the summit, where the deep meaning of the Mystery of Golgotha gradually becomes understandable to us, and ever more so. It can only become understandable to us if we do not merely set before us the victorious Christ, the one-sidedly victorious Christ, but if we also set before our soul the Christ who unites himself with death. And what death means for the whole of human life might perhaps become a little clearer to us if we immersed ourselves in the feelings one can have regarding the myth of Baldur, regarding what Baldur is—that is, the life-giving solar power working through the elemental world—after it has passed through death. If we can still awaken this feeling in our souls—this feeling of Baldur’s downfall—by saying to ourselves: How must we feel in a future world in which we remember: Gods were there; they once let us see the surrounding world in a colorful radiance; now everything is gray upon gray! That this will not be so—and it would be so if Christ had not come into the world—will be brought about by the victorious power of Christ. What people do not yet believe today, they will one day believe: that what today can only work as the Christ-force within human hearts themselves will be felt as an active force permeating the entire cosmos, specifically permeating the earthly part of the cosmos, insofar as this cosmos gives humanity a rejuvenating, life-giving force.
[ 24 ] Heute wollen wir noch vor unsere Seelen rufen, wie berechtigt es ist gegenüber einer solchen Empfindung, die das menschliche Seelengefühl in Zusammenhang bringt mit dem kosmischen Christus, zu erwägen dasjenige, was das Evangelium verkündet auch von der kosmischen Macht des Christus, wenn es anschaulich machen will, wie der Christus eine universelle, kosmische Macht ist, wie er Wind und Wogen geboten hat. Gerade in diesem Anschauen des durch Wind und Wogen hindurch wirkenden Christus haben noch die Völker des 8. und 9. Jahrhunderts vieles empfunden. Sie sagten: Baldur war es ja, der machte, daß wir einstmals die wunderbar wirkende, wesende elementarische Welt sahen um uns herum. Baldur ist tot. Der Christus aber hat die Macht, durch unsere Seelenkraft wieder zu erwecken — indem wir ihn aufnehmen in unsere Seelenkraft —, der Christus hat die Macht, wiederum aufzuwekken das, was durch Baldurs Tod verloren ist. Wie Baldur erschien durch Wind und Wogen, so erscheint auch der Christus in Wind und Wogen. Es ist keine abstrakte Seelenkraft, es ist eine durch Wind und Wogen wirkende Kraft.
[ 24 ] Today we wish to call upon our souls to consider how justified it is, in the face of such a feeling that connects the human soul with the cosmic Christ, to reflect on what the Gospel proclaims regarding the cosmic power of Christ, when it seeks to illustrate how Christ is a universal, cosmic power, how he commanded the wind and the waves. It was precisely in this vision of Christ working through wind and waves that the peoples of the 8th and 9th centuries still sensed much. They said: It was Baldur who once enabled us to see the wonderfully active, living elemental world around us. Baldur is dead. But Christ has the power to reawaken through our soul-power—by taking him into our soul-power—Christ has the power to reawaken what was lost through Baldur’s death. Just as Baldur appeared through wind and waves, so too does Christ appear in wind and waves. It is not an abstract soul-power; it is a power working through wind and waves.
[ 25 ] Und so möchte man auch noch etwas durchhören, wenn man genau hinhorcht auf den Evangelientext des «Heliand», einer zweiten Evangeliendichtung neben der des Otfried aus dem 9. Jahrhundert, wie da besonders empfunden, wenn auch nicht ausgesprochen wurde: Ja, da draußen in der Natur lebte Baldur. — Gewiß, der Dichter des «Heliand» hat ihn längst abgetan, diesen Baldur. Er hatte auch nicht das Interesse, mit dem abstrakten Verstand diese Idee wieder unter sein Volk zu bringen. Sie sollte ja gerade ausgerottet werden. Aber in der Art, wie er prägt die Worte, wie er gerade herzlich wird da, wo er anschaulich machen kann, wie durch die Natur, durch Wind und Wogen hindurchwirkt des Christus Kraft, da ist es einem, wie wenn man — wenn er selbst es auch nicht in sein Bewußtsein brachte — es in sein Bewußtsein bringen müsse: Ja, durch Wind und Wogen hat gewirkt die Kraft, die größer ist als Baldurs Kraft, die Kraft, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. — Und so etwas empfindet man bei den Worten, mit denen er verkündet die Szene, wo der Christus die Winde und die Wogen des Meeres, nach dem Evangelium, stillet. Das macht auf ihn einen besonderen Eindruck. Da wählt er, besonders als er die Seele in seiner mystischen Art hinwenden will auf das, was sie da empfinden kann gewissermaßen in der Naturtätigkeit, in der Durchgöttlichung der Natur durch Christus, da wählt er besondere Worte, wo des Christus Größe sich besonders in die Seele prägen kann, Worte, durch die des Christus ganz besondere Weltenmacht zur Seele sprechen kann.
[ 25 ] And so, if one listens closely to the Gospel text of the *Heliand*—a second Gospel poem from the 9th century, alongside that of Otfried—one can still sense something, even if it was not explicitly stated: Yes, out there in nature lived Baldur. — Certainly, the poet of the “Heliand” had long since dismissed him, this Baldur. Nor did he have any interest in using abstract reason to reintroduce this idea to his people. It was, after all, meant to be eradicated. But in the way he shapes the words, in the way he becomes particularly heartfelt precisely where he can make vivid how the power of Christ works through nature, through wind and waves—it feels as though one must bring it into one’s consciousness, even if he himself did not bring it into his own: Yes, through wind and waves has worked the power that is greater than Baldur’s power, the power that has passed through the Mystery of Golgotha. — And one senses something of this in the words with which he describes the scene where Christ, according to the Gospel, calms the winds and the waves of the sea. This makes a special impression on him. There he chooses—especially when he wishes to turn the soul, in his mystical way, toward what it can sense there, so to speak, in the activity of nature, in the deification of nature through Christ—there he chooses special words through which Christ’s greatness can be particularly imprinted on the soul, words through which Christ’s very special power in the world can speak to the soul.
[ 26 ] «Da das Volk gesehen hat, wie der Christus den Winden geboten hat, den Meereswogen geboten hat... .» — hier drückt der «Heliand» besonders herzlich aus, was das Volk empfand gegenüber dieser ChristusKraft, dieser Christus-Wesenheit, dieser Christus-Persönlichkeit, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist — «.... da begann das Volk unter sich, die Menge begann sich zu wundern, und es sprachen einige mit ihren Worten: Was das für ein mächtiger Mann wäre, daß ihm so der Wind wie die Wogen auf seine Worte gehorchen. Beide hören auf seine Botschaft. Da hatte sie des Gottes Kind — nämlich da hatte die Menschen —, des Gottes Kind behütet, herausbehütet aus der Not. Das Schiffchen weiter schwamm, das hornerne Schiff; die Jünger kamen, die Leute kamen zu Lande, sagten: Gott sei gelobt! und verkündeten seine — nämlich Gottes — Überkraft.»
[ 26 ] “Since the people have seen how Christ commanded the winds, commanded the waves of the sea...” — here the *Heliand* expresses with particular warmth what the people felt toward this Christ-power, this Christ-essence, this Christ-personality that had passed through the Mystery of Golgotha — «.... then the people began to wonder among themselves, the crowd began to marvel, and some spoke, saying: What a mighty man this must be, that the wind and the waves obey his words so. Both heed his message. There the child of God—namely, there the people—had been protected by the child of God, saved from distress. The little boat swam on, the horned ship; the disciples came, the people came ashore, said: “Praise be to God!” and proclaimed his—namely God’s—superior power.”
[ 27 ] So sagt dieser Dichter des «Heliand» in einer der ersten Verkündigungen, die von der Größe des Christus sprach, der heute in den Tiefen des Todesdaseins symbolisch liegt. Und damals klang das so:
[ 27 ] So says this poet of the *Heliand* in one of the first proclamations that spoke of the greatness of Christ, who today lies symbolically in the depths of death. And at that time, it sounded like this:
Aus 8, 30-38 des «Heliand»:
Thuo began that folc undar im,
werod, wundraian, endi suma mid iro wordun sprakun,
huilic that so mahtigro manno wari,
that im so thie wind endi thie wag wordu hordin,
bethiu is gibodskepies. Thuo habda sia that barn godes
ginerid fan theru nodi: Thie naco furthor scred,
hoh hurnidscip; helithos quamun,
thia ludi, te lande, sagdun lof gode — sie sprachen: Gott sei das Lob!
maridun — das heißt: «märchenartig» sein, man könnte heute sagen:
verkündeten — maridun is megincraft — verkündeten seine Über kraft.
From 8:30–38 of the *Heliand*:
Then the people gathered around him,
and were amazed, and some spoke to him,
wondering who this mighty man was,
that the wind and the waves were held in check by him,
as was his will. Then they, the children of God,
were saved from their distress: They went on their way,
high above the waves; they arrived safely,
and the people in the land praised God—they said: Praise be to God!
maridun—that is: to be “fairy-tale-like”; today one might say:
proclaimed—maridun is megincraft—proclaimed his superhuman power.
[ 28 ] Also: die Leute, die da kamen zu Lande, verkündeten seine Überkraft!
[ 28 ] So, the people who came ashore proclaimed his mighty power!
Thia ludi, te lande, sagdun lof gode, maridun is megincraft!
O land, sing the praises of God, for His power is mighty!
