Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Wege der geistigen Erkenntnis und
der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
GA 161

6 Februar 1915, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Ich habe gestern die Erzählung von der Manon de Gaussin angeführt aus dem Grunde, weil in ihr wirklich enthalten ist eine sachgemäße Schilderung des Nachwirkens der Ätherorganisation, des Ätherleibes nach dem Tode. Selbstverständlich kann man nicht jede novellistisch-künstlerische Darstellung in einem solchen Zusammenhange anführen, weil natürlich der Darsteller sich die unsachlichsten Vorstellungen machen könnte, und man dann Unrichtiges anführen würde. Aber ich habe eben ein Beispiel gewählt, wo in einer wirklich sachgemäßen, also in einer dem objektiven Tatbestande entsprechenden Weise das Nachwirken eines solchen Ätherleibes geschildert wird.

[ 2 ] Das ist auch gewissermaßen das erste, was der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis entgegentritt, daß, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, der Zusammenhang von Ätherleib, Astralleib und Ich sich herauslöst aus dem physischen Leibe, und daß dann gewissermaßen ein Zwischenzustand eintritt, in dem auf der einen Seite der physische Leib da ist, und auf der anderen Seite noch zusammenhängend da sind: der Ätherleib, der Astralleib und das Ich.

[ 3 ] Wir wissen ja, daß dann nach verhältnismäßig ganz kurzer Zeit der Ätherleib sich loslöst und das Ich mit dem Astralleibe die weitere Weltenwanderung in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, als zusammenhängend mit der menschlichen Individualität, durchzumachen hat.

[ 4 ] Nun müssen wir uns klar sein darüber — ich habe das auch in der letzten Zeit öfter betont —, daß die Ätherorganisation, der Ätherleib etwas ist, was vorbestimmt ist, gewissermaßen das ganze maximale Lebensalter hindurch das menschliche Erdenleben zu versorgen. Ein Mensch, der ein hohes Alter erreicht, hat selbstverständlich noch ganz denselben Ätherleib, den er als Kind gehabt hat. Wenn nun der Mensch in einer Inkarnation frühzeitig den physischen Plan zu verlassen hat, so wie als Beispiel — das muß uns ja naheliegen — unser lieber Theo Faiss, und sich dann der Ätherleib abgetrennt hat von dem Astralleib und dem Ich, dann ist dieser Ätherleib in einem anderen Falle als bei einem Menschen, der ein gewisses Maximalalter erreicht hat, der die Kräfte dieses Ätherleibes durch Jahrzehnte seines irdischen Lebens hat verwenden können. Die Kräfte, die im Ätherleibe noch sind, wenn der Mensch frühzeitig stirbt, würden, wenn nach seinem Karma der Mensch auf der Erde hätte bleiben können, ihre Verwendung gefunden haben im weiteren Leben. Diese Verwendung besteht ja in einem fortwährenden Verbrauch des Ätherleibes. Der Ätherleib, der sich also bei einem in frühem Alter Gestorbenen abtrennt, hat viel unverbrauchte Kräfte; die sind enthalten im Ätherleib. Es sind dies gewissermaßen Kräfte, die übergegangen sind in die geistige Welt, die aber noch lange hätten versorgen können ein physisches Leben.

[ 5 ] Diese Kräfte sind selbstverständlich nicht vernichtet, wenn ein Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn nichts — und viel weniger etwas in der geistigen Welt als in der physischen Welt — wird vernichtet. Alles, was an Kräften entsteht, verwandelt sich in andere Formen. Wir wissen ja, daß dieses Gesetz von der Erhaltung der Kraft in der physischen Wissenschaft seit dem Jahre 1842, wo es von Julius Robert Mayer zuerst aufgestellt worden ist, eine große Rolle spielt. Es ist überall wirksam, auch bei der einfachsten Erscheinung. Wenn man zum Beispiel mit der Hand über eine Fläche streicht, wendet man eine Kraft an. Diese Kraft geht nicht verloren; die Stelle wird warm. Es verwandelt sich die Kraft des Druckes, des Drückens und Streichens in Wärme, Keine Kraft geht verloren, die Kräfte verwandeln sich.

[ 6 ] Ebensowenig geht eine Kraft in der geistigen Welt verloren. So daß wir sagen können: In die geistige Welt gehen über solche Kräfte des Ätherleibes, die von Frühverstorbenen herrühren und die nun gewissermaßen, da sie nicht weiter verwendet werden zu einem irdischen Leben, verwendet werden zu alle dem, was in Betracht kommt für die menschliche Individualität, die ja mit dem Ich und dem Astralleibe weiterlebt. Diese Kräfte, die sonst verbraucht werden würden für die irdische Individualität, finden ihre Verwendung im Geistigen, und zwar verbleiben sie in der elementaren Welt, wie ja der Ätherleib überhaupt sich auflöst in der sogenannten Elementarwelt. Sie bilden in der elementaren Welt ein wirkliches Kraftreservoir, eine wirkliche Kraftquelle. Das ist schon eine sehr bedeutsame Erscheinung, denn sie beleuchtet uns den Zusammenhang zwischen der physischen Welt und der geistigen in einer konkreten Weise.

[ 7 ] Es genügt nicht für eine wirkliche Erkenntnis, nur im Abstrakten sich vorzustellen, daß die physische Welt mit der geistigen zusammenhängt, und daß die geistige Welt hinter der physischen Welt ist. Das Geistige, das hinter der physischen Welt ist, ist gewissermaßen verschiedener Provenienz. Da ist verschiedenes in unserer geistigen Welt, die uns unmittelbar umgibt, was von solchen unverbrauchten Ätherleibern herrührt. Solchen unverbrauchten Ätherleibern dankt insbesondere die für die physische menschliche Erdenentwickelung bedeutsame hellseherische Kunst sehr vieles. Dasjenige, was solche Ätherleiber darstellen in der elementaren Welt, die unmittelbar hinter unserer physischen Welt liegt, das sind insbesondere für die hellseherischen und für die von der Geisteswissenschaft inspirierten Erkenntnisse bedeutsame Anregungen.

[ 8 ] Fassen Sie das wohl auf. Gewissermaßen haben wir solchen Frühverstorbenen, wie unser Theo Faiss es ist, das zu danken, daß sie ihre Ätherleiber unserer elementarischen Welt gegeben haben und daß viele, viele spirituelle Einflüsse gerade von solchen Ätherleibern ausgehen können.

[ 9 ] Ich glaube, ich brauche kaum zu bemerken, daß solche Einflüsse nur ausgehen können von solchen Seelen, die im Verlaufe eines wirklich naturgemäßen Karmas ihr Ende gefunden haben, niemals von irgend jemandem, der aus menschlichem Willen heraus, etwa durch Selbstmord, zu seinem Tode etwas beigetragen hat. Da verhält sich die Sache ganz anders, denn man vernichtet fruchtbare Kräfte des Ätherleibes durch die Entschlüsse, die aus jener Bewußtseinsmaja heraus, von der ich gestern gesprochen habe, kommen; und aus dieser kommen alle Entschlüsse heraus, welche in bezug auf den Tod noch im Erdenleben gefaßt werden können. Das ist, wie gesagt, nur eine Zwischenbemerkung.

[ 10 ] Es ist zu sagen, daß solche Ätherleiber, wie sie eben jetzt gemeint worden sind, ganz besonders mit zugrunde liegen den spirituellen Anregungen, die wir haben können. So wird die spirituelle Bewegung, der wir dienen — wie wir das erkennen können —, in einer ganz hervorragenden Weise zu danken haben für das, was ihr also gegeben werden kann von dieser Seite her. Ich brauche vielleicht auch darauf nicht hinzudeuten, wie bedeutsam unsere Erkenntnis bereichert werden kann in bezug auf die Liebe und Verehrung, die wir unseren Toten entgegenbringen, dadurch daß wir solches wissen, daß wir unterscheiden lernen, wie wir jugendlichen Personen zu danken haben, und wie wir im reifen Alter Hingestorbenen zu danken haben, die aufgenommen haben in ihre Individualität dasjenige, was sonst unverbrauchte Kräfte des Ätherleibes sind.

[ 11 ] Wenn jemand in einem höheren Alter stirbt — wir haben auch diesen Fall in den letzten Wochen durchmachen müssen —, so hat er in seinen Astralleib hineingenommen dasjenige, was sonst noch im Ätherleibe ist. Er hat gewissermaßen menschlich gemacht, was sonst kosmisch ist. Dadurch geht dann von ihm selbst, von seiner Individualität, die bedeutsame Anregung aus, von der ich gesprochen habe. Und er ist dadurch in der Weise ganz besonders wirksam, daß diese Anregung dann in die speziellen Menschenherzen auch derer aufgenommen wird, die dazu nicht von der Geisteswissenschaft oder vom Hellsehertum ausgehen, sondern die sich in ihrem Leben den gewöhnlichen Impulsen überlassen, daß auch diese Menschen in ihre Seelen aufgenommen erhalten dasjenige, was so — weniger kosmisch und dafür mehr menschlich — hereinfließt in die spirituelle Welt, in die wir mit unserer Seele immer eingebettet sind.

[ 12 ] Damit haben wir aber schon eines bezeichnet, was wir zu suchen haben in dem, was ich nennen möchte das Todesspektrum, diese ätherische Organisation, welche zurückbleibt dann, wenn das Ich und der Astralleib sich lösen. Ich möchte sie das Todesspektrum nennen. In dem sind also solche Kräfte enthalten, wie ich sie eben charakterisiert habe, aber es ist in ihm auch noch manches andere enthalten. Um gewissermaßen zu studieren, was darinnen noch enthalten ist, müssen wir an solches anknüpfen, wie ich es gestern vor Ihre Seelen hinzustellen versuchte mit der Novelle. |

[ 13 ] Bedenken Sie, daß — wie ich Ihnen erzählt habe, und was nach dem ganzen Verlaufe der Handlung in der Novelle Ihnen ja ersichtlich sein wird — zwischen Manon de Gaussin und dem Manne, der sich dann erschossen hat, ein karmischer Zusammenhang besteht, der selbstverständlich das Ergebnis von früher miteinander verbrachten Erdenleben ist. Solch ein karmischer Zusammenhang besteht in allen dichterischen Kunstwerken. Sie beruhen eben darauf — und gerade die wirksamsten beruhen darauf —, daß solche karmischen Zusammenhänge, die sich aus früheren Erdenleben ergeben, nicht ganz ausgelebt werden. Die Manon de Gaussin steht gegenüber dem Manne, der sie liebt. Sie versteht seine Liebe nicht, sie sträubt sich aus ihrer Bewußtseinsmaja heraus gegen das volle Ausleben des Karma. Daraus entstehen jene Konflikte, die ganz besonders gut künstlerisch zu verwerten sind, weil sich aus der Bewußtseinsmaja heraus die Menschen auflehnen gegen das, was karmisch vorherbestimmt ist.

[ 14 ] Selbstverständlich können sie es ja nicht wegschaffen! Ich will nicht damit sagen, daß man das Karma wegschaffen könne: es muß ja in einer nächsten Inkarnation ausgelebt werden. Dem Karma kann der Mensch selbstverständlich nicht entweichen, wenigstens in den allerseltensten Fällen, und in diesen muß das Karma transformiert werden. Aber es kann in einer Inkarnation sich die Seele gegen das volle Ausleben des Karma sträuben. Dann entstehen solche Dinge wie die, welche die Handlung dieser Novelle bilden. Dann geht der eine Mensch von dem physischen Plane weg, und das Karma hat sich nicht so gestaltet, wie es sich hätte gestalten sollen. Aber dieses «sollen» des Karma ist eingeschrieben in die Menschennatur. Es hätte sich eben sollen das Karma in einer gewissen Weise vollziehen. Wir können gewissermaßen dadurch, daß wir unser Karma in einer bestimmten Inkarnation nicht erkennen, dadurch, daß wir uns dagegen sträuben, dieses Karma verschieben auf eine spätere Inkarnation. Aber in uns war es doch, es war darinnen in uns. Aus dem einen Leben wischen wir dann gleichsam das Karma weg, weg aus den Geschehnissen des Lebens, die sich zwischen Geburt und Tod abspielen.

[ 15 ] Und so ist aus dem Leben der Manon de Gaussin und desjenigen, der sie geliebt hat, dasjenige hinweggewischt, was sie erlebt hätten, wenn sie ihr Karma voll ausgelebt hätten. Das ist weggewischt aus den physischen Ereignissen des Lebens. Aber woraus es nicht weggewischt werden kann, woraus es nicht getilgt werden kann, das ist das Todesspektrum. Da bleibt es darinnen als Wille, als Wollung, möchte ich sagen, und dann kommt das zustande, daß nach dem Tode eines solchen Menschen dieses Todesspektrum dem Willen des unausgelebten Karma folgt. Wenn also die Manon de Gaussin Ruhe sucht und dies im entsprechenden Augenblicke ist, dann kommt zu ihr das Todesspektrum, aus dem Grunde, weil in diesem Todesspektrum noch der Wille lebt, der die Verbindung der beiden hätte hervorrufen sollen. Das was hätte geschehen sollen, aber nicht ausgeführt worden ist, das führt — so weit das ein solches Spektrum ausführen kann — das Todesspektrum aus.

[ 16 ] Es ist also auch in dieser Beziehung der in dieser Novelle geschilderte Zusammenhang sachgemäß geschildert. So daß wir sagen können: außer dem, was wir schon angeführt haben, ist in diesem Todesspektrum noch enthalten das unausgelebte Karma; und es geschieht nach dem Tode von Menschen in der elementarischen Welt etwas, was wie ein bildlicher Ablauf des unausgelebten Karma ist. Dadurch haben wir es — fassen Sie das wohl — mit zweierlei zu tun. Wenn ein Mensch mit unausgelebtem Karma stirbt, so bleibt selbstverständlich für ihn die Notwendigkeit, in einer folgenden Inkarnation dieses unausgelebte Karma auszuleben. Das geschieht einmal in der Zukunft. Aber mit dem Todesspektrum geschieht etwas, was wie ein prophetisches Bild ist dessen, was sich einmal abspielen muß, was sich hätte abspielen sollen, aber sich noch nicht abgespielt hat. Man erlebt also unausgelebtes Schicksal, Karma, wenn man hellsehend das Todesspektrum betrachtet.

[ 17 ] Man kann sagen, daß mit dem Ätherspektrum des Menschen nach dem Tode etwas vorgeht, was im Leben hätte vorgehen können, aber nicht vorgegangen ist. Also ein Bild von Vorgängen, die hätten Lebensvorgänge werden können, kann in diesem Todesspektrum erlebt werden. Das ist ein sehr bedeutsamer esoterischer Zusammenhang. Dasjenige, was menschliche Individualität ist, geht ja fast unmittelbar nach dem Tode zu einer Art von kosmischem Dasein über, das Ich und der Astralleib, und hängt zusammen, eben noch durch Tage hindurch, mit dem Todesspektrum, dem Ätherleibe, so daß der unausgelebte Karmawille der menschlichen Individualität tätig ist aus dem Kosmos herein in das Todesspektrum. Dann löst sich nach Tagen dasjenige, was den Sphären des Kosmos angehört, von dem, was seine eigentümliche, eigenartige Wesenheit durch den Zusammenhang mit dem physischen Menschen gehabt hat und was nur dadurch die Gestalt des physischen Menschen angenommen hat, daß es eben im physischen Menschenleibe eingeschlossen war. Das Ich und der Astralleib haben nicht diese physische Menschengestalt; aber das Todesspektrum, der Ätherleib hat in gewisser Weise auch des Menschen physische Gestalt. Und es verliert dieses Todesspektrum erst im Verlaufe von Tagen diese menschliche Gestalt, denn wenn die Seele sich losgelöst hat von dem physischen Leibe, verliert 'sie diese menschliche Gestalt. Der physische Leib hat dieses Todesspektrum durch seine Kraft in seiner Gestalt erhalten; da es nun aber außerhalb desselben ist, nimmt es andere Gestalten an, die durch die äußeren Kräfte des Kosmos bedingt werden.

[ 18 ] Es ist also gewissermaßen dadurch begreiflich, daß eine sachgemäße Schilderung das Herausgehen der menschlichen Individualität aus dem physischen Leibe, das mit dem Ätherleibe zusammen erfolgt, so darstellen muß, als ob das Todesspektrum sich heraushebe.gewissermaßen in der Form, die der physische Leib gehabt hat. Wenn also jemand den Moment des Sterbens sachgemäß schildern will, so wird er schildern, wie sich dieser Ätherleib heraushebt, gleichsam wolkenhaft heraushebt und im Herausheben noch die Gestalt des physischen Leibes zeigt mit seinen Armen und den anderen Gliedern, und wie dieses sich allmählich auflöst in die aus dem Kosmos hereinwirkenden, mehr spirituellen Kräfte. Das ist eine Transformation, eine Metamorphose, ein Übergang.

[ 19 ] Die hellseherische Vorstellung wird uns aus dem Grunde schwierig, weil im physischen Leben der Mensch gebunden ist an Zeit und Raum, und zwar an diejenigen Formen von Zeit und Raum, die wir gerade im physischen Leibe zur Verfügung haben, nämlich den gewöhnlichen dreidimensionalen Raum und die eigentlich eindimensionale Zeit mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und so haben viele die Neigung, auch für die rein spirituellen Wahrnehmungen beizubehalten, was der dreidimensionale Raum und was die eindimensionale Zeit mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. Wir können schon von Zeit und Raum auch in bezug auf die spirituelle Welt sprechen, aber sie sind da wirklich anders. Das ist ja das Schwierige, daß man die Worte, die für die physische Welt gemacht sind, wirklich nur mangelhaft verwenden kann für die Darstellung der spirituellen Welt.

[ 20 ] Wenn man von Zeitvorstellungen spricht in der physischen Welt, so ist das Vergangene eben vergangen. Das Vergangene liegt hinter uns, und wir können es nur in der Erinnerung festhalten; in der unmittelbaren Anschauung können wir nur das Gegenwärtige vor uns haben. So ist es in der spirituellen Welt nicht, Schon in der elementaren Welt ist es nicht so, sondern das Vergangene kann da auch so vor uns stehen, wie in der physischen Welt ein Gegenwärtiges vor uns steht.

[ 21 ] Also auf das, was vergangen ist, was sich zugetragen hat, was für den Verstand, für die physische Intellektualität nur in der Erinnerung festgehalten werden kann, worauf man nicht mehr hinschauen kann im äußeren Leben, auf das kann man hinschauen; wenn man die Pforte des Todes überschritten hat, kann man hinschauen von einem späteren Zeitpunkte auf einen früheren Zeitpunkt. Es ist dann gerade so, als ob man von einem späteren Zeitraume auf das, was physisch vergangen ist, wie auf ein Gegenwärtiges hinschaute, so wie man von diesem Punkt, wo ich stehe, physisch in die Ecke dort hinschauen kann. Das Vergangene ist wirklich da, steht tatsächlich lebendig vor uns, es umgibt uns.

[ 22 ] Solch eine Anschauung wird insbesondere lebendig, wenn dasjenige geschieht, was vor ganz kurzer Zeit uns geschehen ist, wo wir eine liebe Freundin zur Bestattung zu geleiten hatten, und wo ihr erstes Ordnen der Bewußtseinsverhältnisse geschah unmittelbar in dem Momente, wo den physischen Leib die Verbrennung ergriff. In diesem Momente fing das Bewußtsein an, tätig zu sein. Wir hatten aber vorher, bevor der physische Leib der Verbrennung übergeben worden ist, die Totenfeier, und nun konnte beobachtet werden, wie die Tote lebendig vor sich hatte, so wie man im Raume etwas lebendig vor sich hat, diese Totenfeier.

[ 23 ] Solche Dinge gehören allerdings zu demjenigen, was wir das Esoterischste unserer Esoterik nennen können. Aber wir haben ja im Laufe vieler Jahre gestrebt danach, gewissermaßen die Möglichkeit uns zu erringen, so wie man von den gewöhnlichen Ereignissen des Tages spricht, unter uns auch sprechen zu können über solche geheimnisvollen Vorgänge. Und was wir sagen können, ist dieses: Es wird jedenfalls, wenn die jetzigen schweren Kriegszeiten vorüber sein werden, unser esoterisches Leben einen viel, viel energischeren und intimeren Charakter anzunehmen haben, als es jemals vorher gehabt hat. Es wird dann manches möglich sein, geradezu herausgefordert sein durch das Leid, durch das die Menschheit durchgegangen ist — ich meine nicht das einzelne Leid, das immer dem Egoismus entspringt, sondern das allgemeine Leid, durch das die Allgemeinheit durchgegangen ist —, durch dieses allgemeine Leid wird es möglich sein, vieles auch nach anderen Richtungen hin zu vertiefen, nach Richtungen hin, über die jetzt gerade geschwiegen werden muß, weil wir in einer allgemeinen Übergangszeit der Menschheit leben.

[ 24 ] Fassen wir noch einmal gewissermaßen intimer ins Auge dieses Heraustreten der menschlichen Individualität, also des Ich und des astralischen Leibes mit dem ätherischen Leibe, als ein Hervorgehen des dreigliedrigen Menschen aus dem physischen Leibe. Das ist ja ein Vorgang, der tagelang andauert, der seinen Anfang aber nimmt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Dieser Vorgang zeigt also ganz besonders lebendig, wie in dem ätherischen Leibe des Menschen kosmische Kräfte sein können, zeigt aber auch, wie wir jetzt gesehen haben, gewissermaßen das unausgelebte Karma. Das ist ein Vorgang, der wirklich individuell verschieden ist für die verschiedenen Menschen, ein Vorgang, der nicht bei zwei Menschen der gleiche ist. Daher ist es auch so schwierig, diese Dinge zu schildern, weil sie wirklich nicht in zwei Fällen gleich sind, sondern überall verschieden sind.

[ 25 ] Wenn wir diesen Vorgang ins Auge fassen, so ist es selbstverständlich, daß noch Verschiedenes andere — ich kann aber nicht alles auf einmal schildern — in diesem Todesspektrum enthalten ist. Aber wenn wir einmal zwei Eigenschaften haben, die in diesem Todesspektrum enthalten sind, so haben wir schon eine intimere Vorstellung, als wenn wir nur ein Wort, das Wort «Ätherleib», mit diesem Todesspektrum verbinden können. Unausgelebtes Karma ist in diesem Todesspektrum darinnen, und dadurch entsteht die Möglichkeit, gerade künstlerische Konflikte daraus zu gewinnen, dieses unausgelebte Karma in Zusammenhang zu bringen mit solchen Vorgängen nach dem Tode.

[ 26 ] Ein rein exoterischer Künstler wird sich begnügen müssen, den Lebenskonflikt einfach hinzustellen und dann seine Menschen sterben zu lassen. Aber wenn, wie zum Beispiel bei Shakespeareschen Dichtungen, mit esoterischen Lebenszusammenhängen gerechnet wird — wie ich bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt habe, indem ich auf dasjenige hingewiesen habe, was hinter Shakespeare stand —, wenn gezeigt wird, wie die Dinge Zusammenhang haben mit tieferen Lebensgesetzen, wenn geschildert wird mit Berücksichtigung dessen, was hinter dem äußeren Vorgange steht, dann kommt das zustande, was wir zum Beispiel in dem Hamlet haben. Wir haben wahrhaftig recht viel unausgelebtes, sich verwandelndes Karma sich abspielen sehen in dem, was ausgeht von dem Geiste von Hamlets Vater. Da beginnt gewissermaßen schon der dramatische Konflikt auch für die Hauptperson des Dramas, für Hamlet, durch das Eingreifen des unausgelebten Karma des Vaters.

[ 27 ] Ein Künstler also, der den Zusammenhang der physischen Welt mit der geistigen Welt festzuhalten in der Lage ist, wird sich oftmals gedrängt fühlen, die Menschen nicht einfach so — wie der Monist es sich vorstellt und der Materialist — mit dem Tode hinfallen zu lassen, sondern anzudeuten, daß dieses Durchgehen durch den Tod ein Anfang zu neuen Ereignissen ist, zu Vorgängen, die noch konkreter sind als die konkreten Lebensvorgänge, die sich zwischen Geburt und Tod abspielen.

[ 28 ] Um zu zeigen, wie die Kunst darnach streben kann, bereichert zu werden dadurch, daß sie das irdische Leben zum Ausgangspunkt verwendet für die Fortsetzung, die sich dann im geistigen Leben daran anschließt, habe ich zu Ihnen gesprochen von der Novelle, von der ich gestern auch ein Stück vorgelesen habe. Aber es ist überhaupt interessant zu beobachten, wie der Mensch darauf kommen kann, unausgelebtes Karma zu empfinden, wie der Mensch etwas schildern kann, was im eminentesten Sinne sich erfühlen läßt wie unausgelebtes Karma. Und hat er dann unausgelebtes Karma geschildert, da kann er sich natürlich gedrängt fühlen, am Ende seiner künstlerischen Schilderung bewußt darauf hinzuweisen, daß das unausgelebtes Karma ist. Und dann kann er sich gedrängt fühlen, gerade das darzustellen, wodurch dieses unausgelebte Karma gleichsam elementarisch, in einer elementarisch realen Imagination sich auslebt, wenn wir das Leben in seiner Ganzheit und nicht bloß in seinem physischen Aspekte nehmen.

[ 29 ] In dieser Beziehung möchte ich noch von einem anderen Kunstwerke sprechen, dessen Inhalt ich nur ganz kurz andeuten kann, noch viel kürzer, als das gestern der Fall war, weil es sich hier um einen zweibändigen Roman handelt. Sie werden sehen, daß auch in diesen Schilderungen etwas von unausgelebtem Karma vorkommt. Ich werde so schnell wie möglich andeuten, inwiefern in diesem Kunstwerke unausgelebtes Karma zum Ausdrucke kommt.

[ 30 ] Eine Mutter kommt mit ihrer Tochter aus Amerika nach Europa. Der Vater ist in Amerika vor längerer Zeit gestorben. Auf der Reise in Europa treffen sie einen Nachkömmling eines alten, in den formellen Traditionen festgewurzelten Adelsgeschlechtes. Die mannigfaltigsten Vorgänge spielen sich nun ab, wobei für den, der die Dinge in ihrem geistigen Zusammenhange beobachtet, sogleich klar wird, daß zwischen dem Manne, der in dem Kunstwerke Arthur genannt wird, und den beiden Damen, die der Mann einfach sieht auf der Straße, während sie ins Theater fahren, karmische Zusammenhänge walten. Diese karmischen Zusammenhänge führen dann auch zu den komplizierten Lebensverhältnissen, die sich da abspielen. Sie spielen sich so ab, daß wirklich in einem großen Kulturtableau der ganze Gegensatz der altgewordenen europäischen Kultur und der noch jungen amerikanischen Kultur geschildert wird. Mit einer eindringlichen Anschaulichkeit und hingebenden Liebe wird der ganze Gegensatz der beiden Kulturen geschildert; deren Repräsentanten sind Emmy — so heißt die Tochter — und Arthur, der ihr entgegenläuft und sie furchtbar zu lieben anfängt. Es wird also der ganze Gegensatz in diesen beiden Seelen gespiegelt, und vieles spielt sich ab, was dem, der die geisteswissenschaftlichen Zusammenhänge im Auge hat, sogleich erscheint als Folge des Karma, das zwischen den beiden spielt.

[ 31 ] Gewissermaßen ist das äußere Milieu, mit dem man es in dem Zusammenwirken amerikanischer und europäischer Lebensauffassung zu tun hat, etwas, was zusammenhängt mit der frischen, von historischen Traditionen unberührten Kultur Amerikas, und auf der anderen Seite mit der eingesulzten, ganz. von Traditionen lebenden europäischen Kultur. In diesem ganzen Milieu lebt etwas, was sich spiegelt in den Seelen, und was Lebenskonflikte über Lebenskonflikte herbeiführt. Das führt dann auch zu dem letzten großen Lebenskonflikt, der darin besteht, daß Arthurs Vater, der gestorben ist, dem ein Gut gehörte, und der mit seinen ganzen Anschauungen in den alten Adelstraditionen noch darinnen stand, nun gewissermaßen mit seinem Gelde, oder vielmehr mit dem Schwinden seines Geldes herausgewachsen ist aus den alten Adelstraditionen — wie das heute in Europa so vielfach geschieht — und das Gut hat fallen lassen. Das Gut ist also verkauft worden, so daß Arthur um die Erbschaft dieses Gutes gekommen ist.

[ 32 ] Nun spielt da in der edelsten Weise hinein, was nicht immer in dieser Weise der Fall ist, daß durch die Art, wie sich die amerikanischen Verhältnisse zu den europäischen stellen, eine kleine Aufbesserung geschieht. Mit ihrem Geld kann Emmy aushelfen, das heißt die Mutter, kann für Arthur das Gut zurückkaufen. Das geschieht auch, soll wenigstens geschehen. Da ist aber noch so ein unklarer Sprößling, welcher dort geblieben ist; er weiß nicht recht, woher er gekommen ist, aber er treibt sich wie ein Vagabund so auf dem Gute herum. Es gehört ihm selbstverständlich nicht, aber in seinen, man möchte sagen, Wahnsinnsvorstellungen hat er den Gedanken, daß er da der Herr sei, und nun steigt ihm in den Kopf die Idee, daß das Gut ihm gehören sollte. Er findet von seinem Standpunkte aus, daß, indem dieses Gut wieder angekauft worden ist, ein Eingriff in seine Rechte geschehen sei; seine Rechte bestehen aber nur in einer Art dekadenten Wahnsinnsidee: er betrachtet sich als Herrn des längst einem reichen Bankier verpfändet gewesenen Gutes. Er treibt sich herum, wie man so geistig gestörte Menschen sich herumtreiben läßt, die nicht gerade gefährlich sind. Es spielt sich nun da ein Konflikt ab, der sich dadurch äußert, daß dieser Mensch wütend wird über den Ankauf des Gutes und daß er, da sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, den Arthur wirklich auf dem Gute erschießt.

[ 33 ] Nun hat schon früher Emmy furchtbare Erlebnisse durchgemacht; sie muß auch noch das durchmachen, und infolgedessen entwickelt sich eine in ihrer Anlage vorhandene Krankheit — sie geht erst in die Zwanzigerjahre — weiter. Sie wird krank nach Montreux gebracht von ihrer Mutter und wird da, in Montreux, von einem außerordentlich sympathisch geschilderten Amerikaner gepflegt, einem Mr. Wilson und einigen anderen, die noch da sind. Es ist das gerade ein wunderbares Moment, ein ganz hervorragender Zug dieses Kunstwerkes, wie dieser Mr. Wilson geschildert wird. — Es lebt gleichsam ganz Nordamerika in ihm. Es ist dies in ganz wunderbarer Weise lebendig gemacht. Aber Emmy kann, trotzdem sie so gepflegt wird, auch von dem Arzte, der ihr noch in den Lebensweg tritt, der so gewissermaßen ein Nebenbuhler des Arthur ist, aber ein alter Freund von ihm, nicht geheilt werden. Sie stirbt in Montreux, und nun wird ihr Tod geschildert.

[ 34 ] Beachten wir also aus dem geisteswissenschaftlichen Zusammenhange heraus, daß wir es hier im eigensten Sinne mit unausgelebtem Karma zu tun haben, mit einem überall in seinen Fäden abgerissenen Karma, das überall in Konflikte gekommen ist, in Konflikte, die hauptsächlich spielen zwischen Amerika und Europa, einem Karma, das dann einfach durch einen Flintenschuß zum Abschluß gekommen ist. Derjenige, der das empfindet, muß das Bedürfnis haben, wenn er nicht ein materialistisch gesinnter Mensch ist, sich zu fragen: Wo ist die Realität, wo kommt nun unmittelbar nach dem Tode dieses unausgelebte Karma hin, wo wird das weiterleben? Ich möchte sagen, von dieser Art und Weise des Weiterlebens von unausgelebtem Karma hat ein Mensch, der nicht Materialist ist, eine Empfindung: er muß also, wenn er Künstler ist, das Bedürfnis fühlen, eine Hindeutung darauf zu geben, und eine solche Hindeutung finden wir wirklich am Schlusse des Werkes.

[ 35 ] Nur ein paar Zeilen brauche ich vorzulesen. Arthur ist also tot, erschossen. Mutter und Tochter reisen nach Montreux; Emmy ist längere Zeit krank, und in ihrem letzten Traum erscheint ihr Arthur. Aber sogleich wird einem klar, daß es sich hier nicht um ein bloßes Traumbild handelt, um einen Reminiszenztraum, sondern um ein wirkliches Hereingreifen des realen Arthur in die physische Welt. Und nun wird der Moment des Todes so geschildert:

[ 36 ] «Zwischen Mitternacht und Morgen glaubte sie zu erwachen.

[ 37 ] Ihr erster Blick auf das Fenster, durch das matte Helligkeit ein- strömte, war frei und klar, und sie wußte, wo sie war. Auch ihre Mutter, die neben ihr schlief, hörte sie atmen. Noch einen Moment weiter aber, und mit einem Druck, den sie nie zuvor empfunden, befiel sie überwältigende Angst. Es waren nicht mehr jene einzelnen Gedanken, die sie in den letzten Tagen quälten, sondern als hielte eine Riesenhand alle Gebirge der Erde an einem dünnen Faden über ihr und jeden Moment könnten sich die Finger öffnen, die ihn hielten und die Masse herabstürzen, um ewige Zeiten auf ihr liegen zu bleiben. Sie irrte mit den Blicken umher in sich und außer sich, nach einem Schimmer von Licht suchend, nichts aber bot sich dar, der Schein des Fensters erloschen, der Atem ihrer Mutter nicht mehr hörbar, und erstickende Einsamkeit sie umgebend, als würde sie niemals wieder Lebendiges erreichen. Sie wollte rufen, aber sie konnte nicht, sie wollte sich rühren, aber kein Glied mehr gehorchte ihr. Ganz still war es, ganz finster, keine Gedanken selbst mehr möglich zu fassen in dieser furchtbar eintönigen Angst: die Erinnerung sogar ihr fortgenommen — da ein Gedanke endlich zurückkehrend: Arthur!

[ 38 ] Und wunderbar jetzt: es war, als hätte sich dieser eine Gedanke in einen Lichtpunkt verwandelt, der den Augen sichtbar wurde. Und in dem Maße, wie der Gedanke anwuchs zu grenzenloser Sehnsucht, wuchs dieses Licht, kam und dehnte sich aus, und plötzlich als spränge es auseinander und entfaltete sich und nähme Gestalt an Arthur stand vor ihr! Sie sah ihn, sie erkannte ihn endlich. Er war es sicherlich selbst. Er lächelte und war dicht neben ihr. Sie sah nicht, ob er nackt sei, nicht ob er bekleidet sei: er aber war es, sie kannte ihn zu wohl, er selbst, kein Phantom nur, das seine Gestalt angenommen.

[ 39 ] Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte: «(Komm .»

[ 40 ] Niemals hatte seine Sprache so süß und lockend geklungen wie heute.

[ 41 ] Mit aller Kraft, deren sie fähig war, suchte sie ihre Arme zu erheben ihm entgegen; aber sie vermochte es nicht.

[ 42 ] Er kam noch näher und streckte die Hand näher auf sie zu: «Komm» sagte er noch einmal.

[ 43 ] Emmy war, als müsse die Gewalt, mit der sie ein Wort wenigstens über die Lippen zu bringen versuchte, Berge zu verrücken imstande sein, nicht aber dies eine Wort zu sagen vermochte sie.

[ 44 ] Arthur sah sie an und sie ihn. Nur die Möglichkeit jetzt, einen Finger zu bewegen, und sie hätte ihn berührt. Und nun das Furchtbarste: er schien zurückzuweichen wieder! «Komm» sagte er zum dritten Male. Und sie im Gefühle, daß er zum letzten Male gesprochen, daß die furchtbare Finsternis wieder hereinbrechen werde auf seinen himmlischen Anblick, von einer Angst jetzt erfüllt, die sie zerriß, wie der Frost Bäume spaltet, machte den letzten Versuch, die Arme zu ihm zu erheben. Unmöglich aber die Schwere und Kälte zu überwinden, die sie gefesselt hielten — da aber, wie eine Knospe platzt, aus der eine Blüte wächst vor unseren Augen, herauswachsend aus ihren Armen leuchtend andere Arme, glänzende andere Schultern aus ihren Schultern, und diese Arme sich hebend Arthurs Armen entgegen, und er mit seinen Händen ihre Hände fassend, und langsam zurückschwebend sie nach sich ziehend, und die ganze herrliche Gestalt mit ihnen, die sich erhob aus der Emmys.»

[ 45 ] In wunderbarer Weise ist da geschildert der Moment des Sterbens, dieses Hervorgehen des Ätherleibes, der Übergang des Todesspektrums in das Kosmische. In diesem Todesspektrum, das geistig anschaulich geschildert ist in dem Herausgehen aus dem Leibe, ist wirklich enthalten der sich formende Lebenswille; im Ausdruck dieses Todesspektrums ist das unausgelebte Karma, das zwischen Arthur und Emmy unausgelebt blieb, enthalten.

[ 46 ] Ich führe dieses Beispiel noch an, weil Sie bei der Novelle, die ich gestern erwähnte, haben sehen können, wie einseitig an die andere noch lebende Person das Todesspektrum heran kommt und Beziehungen entwickelt zu der noch lebenden Persönlichkeit. Hier haben wir es aber mit zwei rein spirituellen Entitäten zu tun, mit dem Ätherleib, der vorhanden ist von Arthur, der schon mannigfaltige Verwandlungen in der geistigen Welt durchgemacht hat, und dem sich heraushebenden Todesspektrum der Emmy. Also eine alte unausgelebte Beziehung, unausgelebtes Karma, zwischen dem Ätherleib des Arthur und dem Todesspektrum der Emmy, die eben erst in die geistige Welt übergeht, spielt sich da ab. Da spielt sich also in der geistigen Welt etwas ab, was sich im Leben nicht hat abspielen können, was unausgelebtes Karma ist.

[ 47 ] Wir müssen gleichsam zu fassen versuchen, richtig zu fassen versuchen dasjenige, was als die ersten Momente da ist, nachdem die menschliche Individualität durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn gewissermaßen löst sich ja das, was da auch als unausgelebtes Karma vorhanden ist, von der Individualität los. Die Individualität kann dieses unausgelebte Karma erst in späteren Inkarnationen ausleben. Das löst sich also los und wird auch kosmisch draußen; daraus werden kosmische Ereignisse. Und in manchem, was in den Wolken, auf den Bergen, mit den Quellen vor sich geht, was aber namentlich vor sich geht in unterbewußten seelischen Vorgängen der Menschen, die hier leben, da lebt sich dasjenige aus, was an unausgelebtem Karma herübergenommen ist in die geistige Welt, was wie ein Grundquell in diesem Todesspektrum ist. Denn diese kosmischen Ereignisse spielen in das Menschenleben fortwährend herein, wir sind ganz von ihnen durchdrungen und durchwoben.

[ 48 ] So müssen wir unterscheiden zwischen dem, was gewissermaßen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, kosmisch wird, und dem, was individuell bleibt. Im eminentesten Sinne kosmisch wird das, was vom physischen Leibe zurückbleibt. Das geht entweder langsam, bei der Erdenbestattung, oder schneller, bei der Feuerbestattung, über in die elementarische, mehr physisch-elementarische Erdenwelt; und es ist eine grobe materialistische Vorstellung, wenn man glaubt, daß das einfach darin verschwindet oder die Rolle spielt, wie sie die chemischen Elemente spielen. Das ist Unsinn, und wir werden morgen sehen, wie das in dem Planeten weiterlebt, wie das für den Planeten seine große Bedeutung hat. Das lebt im planetarischen Leben weiter.

[ 49 ] Was der Chemiker weiß von dem, was aus dem physischen Leibe wird, das ist eben gar nichts. Denn die Erde hat ihren wichtigsten Bestand dadurch, daß Menschen auf ihr gelebt haben und gestorben sind, und das sind die wichtigsten Kräfte, die bleiben. Die Erde besteht auch von dem Physischen der verstorbenen Menschen. Da wird also etwas Kosmisches aus dem physischen Leibe heraus. Das andere wird kosmisch aus dem Ätherleibe heraus. Und ich versuchte heute anzudeuten, was aus der Ätheraura kosmisch wird. Das andere, was da bleibt von dem Ätherleib, das lebt als Individualität in der höheren spirituellen Welt weiter. Sie finden das in meiner «Theosophie» oder auch in der «Geheimwissenschaft im Umriß» näher ausgeführt. Das lebt nun als Individualität weiter, und darüber werde ich morgen noch etwas zu sagen haben. Klar müssen wir aber sein, daß das, was individuell weiterlebt, in neuen Verhältnissen zu leben beginnt, die sich wesentlich unterscheiden von den gewöhnlichen irdischen Verhältnissen.

[ 50 ] Wenn Sie den Wiener Zyklus von dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchstudieren, werden Sie wenigstens einiges — man kann immer nur einiges schildern — davon verstehen können. Vor allen Dingen kann man diese Verhältnisse zwischen Tod und neuer Geburt nicht gut beurteilen, wenn man sich nicht daran gewöhnt hat, die Vorstellung in sich zu beleben, daß die Zeit, so wie sie für unsere physische Anschauung als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vorhanden ist, daß diese geradlinig fortlaufende Zeit wirklich eine physische Maja ist, daß wir tatsächlich eindringen mit dem Tode in eine andere Welt, wo das Vergangene nicht bloß für die Erinnerung vorhanden ist, sondern ein wirklich Gegenwärtiges ist, in der Umgebung da ist, wo der Mensch lebt unter Verhältnissen, die gewissermaßen sein Inneres nun als sein Äußeres zeigen, wo der Mensch so lebt, daß er in der Offenbarung, in der Anschauung sich unmittelbar darbietet mit seiner inneren, seelischen Wesenheit, mit jener Wesenheit, die sich gewissermaßen den Leib sowohl wie das physische Dasein hier in der physischen Inkarnation gestaltet hat zwischen Geburt und Tod.

[ 51 ] Die Art, wie man sich erkennend zu verhalten hat zu dem, der durch die Pforte des Todes geschritten ist, ist nicht ein äußeres Anschauen, sondern ein inneres Miterleben seiner Erlebnisse. Diese Individualität ist auch schon voll da, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, obwohl der Mensch erst — wie ich es schon angedeutet habe und wie ich morgen weiter ausführen werde — gewissermaßen sich in der Überfülle seines Bewußtseins orientieren muß. Aber das, was er ist, das, was sein Wesentliches ist, das ist da, wenn es auch noch nicht immer schon mit seinem Bewußtsein verknüpft ist. Es ist da, und so kann es angeschaut werden. Es kann gewissermaßen miterlebt werden, was der Mensch seiner Wesenheit nach ist.

[ 52 ] Sehen Sie, ich habe mich bemüht, bei den irdisch traurigen Gelegenheiten, die wir in der letzten Zeit durchzumachen hatten durch den Verlust lieber Freunde, ich habe mich bemüht, da wo ich zu sprechen hatte, aus den Seelen heraus zu sprechen, aus der Wesenheit der Betreffenden. Ich will zunächst — morgen will ich über etwas anderes noch sprechen — von den drei zuletzt verstorbenen Freunden ein paar Andeutungen machen, soweit ich sie hier machen darf. Ich habe mich einzig und allein darum bemüht, aus diesen Seelen heraus zu sprechen, gewissermaßen mit diesen Seelen zu sprechen. Und wenn ich jetzt darauf wiederum zurückblicke, so muß ich finden, daß gute Gründe vorhanden waren, ganz besonders gute Gründe, in den drei Fällen ganz individuell verschieden zu sprechen — weil eben die Menschen individuell verschieden sind —, und zwar in einer ganz eminenten Weise verschieden zu sprechen. Dies war, das gestehe ich ganz offen, nicht da in meinem Bewußtsein, als die Worte geprägt wurden. Es hat sich ganz aus der entsprechenden Situation heraus entwickelt, und am wahrsten entwikkeln sich ja die Worte, die für die Geisteswissenschaft geprägt werden sollen und auch für das, in dem wir darinnenstehen im Leben durch die Geisteswissenschaft, am besten und wahrsten entwickeln und prägen sich diese Worte, wenn sie, auch nicht im entferntesten, von irgendeinem Lebenswunsche mitgeprägt werden. Man muß sich ja, damit man überhaupt richtig und wahr schildern kann auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft, von jedem Wunsche, dies oder jenes so oder so zu prägen, ganz fernhalten. Man muß jeden Wunsch, daß dies oder jenes so oder so sein möchte, ganz fernhalten.

[ 53 ] Wenn man in die Notwendigkeit versetzt ist, bei der Bestattung eines lieben Freundes zu sprechen, dann ist ja — wie es begreiflich erscheinen wird — ganz gewiß kein Lebenswunsch vorhanden, diese Worte zu sagen, die da gesagt werden. Sie werden ganz gewiß nicht aus irgendeinem Wunsche heraus gesagt, sondern aus der Notwendigkeit heraus. Denn es ist begreiflich, daß man einzig und allein wünschen möchte in jedem einzelnen Falle, daß man in der betreffenden Zeit diese Worte nicht zu sprechen hätte. Das ist etwas, was, ich möchte sagen, die Prägung der Worte noch ganz besonders fördert. Daher war es mir wirklich bedeutsam — ich möchte das ganz anspruchslos sagen —, daß in dem ersten Falle, bei unserer lieben Frau Grosheintz, ich zu sprechen hatte eigentlich nur wie das Ausdrucksorgan für diese Seele selber.

[ 54 ] Eine Seele, die durch ein langes Erdenleben gegangen war, die in den letzten Jahren ihres Erdenlebens in so energischer, so bedeutungsvoll energischer Weise alle Kräfte der Seele vereinigt hatte mit dem, was die Impulse der Geisteswissenschaft sind, sie vielleicht so vereinigt hatte, wie nur wenige unter uns in selbstloser Weise die Geisteswissenschaft vereinigen mit den eigenen Lebensimpulsen, eine solche Seele geht durch die Todespforte so hindurch, daß das, was sich ihr nicht als theoretische, sondern als unmittelbar praktische, in der Seele lebende Impulse durch die Geisteswissenschaft ergibt, da ist. Sie lebt das unmittelbar dar. Es ist da, selbst wenn die Seele noch nicht bis zu dem Grade erwacht ist, daß sie es schon wahrnimmt. Es ist da, es ist das Charakteristische in dem, was sich da loslöst. Und so werden Sie zugeben, daß in den Worten, die ich da zu sprechen hatte, wirklich das liegt, was ich nennen konnte: verwandelte Geisteswissenschaft, zum Willen, zum Gefühl gewordene Geisteswissenschaft, die so herauskommen mußte, weil eine solche Seele durch ein langes Erdenleben gegangen ist, und mit reifen Ätherkräften durch die Pforte des Todes gegangen ist. Es ist so, daß man gezwungen war, ganz aus dieser Seele heraus zu sprechen. Daher konnte nicht anders gesprochen werden in den Hauptworten, denn als ob die Seele selbst spräche, und so ist das geworden:

In Weltenweiten will ich tragen
Mein fühlend Herz, daß warm es werde
Im Feuer heil’gen Kräftewirkens;

In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daß klar es werde
Im Licht des ew’gen Werde-Lebens;

In Seelengründe will ich tauchen
Ergeb’nes Sinnen, daß stark es werde
Für Menschenwirkens wahre Ziele;

In Gottes Ruhe streb? ich so
Mit Lebenskämpfen und mit Sorgen,
Mein Selbst zum höhern Selbst bereitend;

Nach arbeitfreud’gem Frieden trachtend,
Erahnend Welten-Sein im Eigensein,
Möcht’ ich die Menschenpflicht erfüllen;

Erwartend leben darf ich dann
Entgegen meinem Schicksalsterne,
Der mir im Geistgebiet den Ort erteilt.

[ 55 ] Das innerlich Bewegliche, Lebendige der Seele zeigt sich dadurch, daß das erste Mal, am Anfang der Feier, gesagt werden mußte: «Entgegen meinem Seelensterne», und am Schlusse der Feier: «Entgegen meinem Schicksalsterne.»

[ 56 ] Es ist die Nähe, in der man sein muß demjenigen, der also durch die Todespforte gegangen ist, welche bewirkt, daß in dieser Art, charakteristisch für die besondere Weise des Seins der betreffenden Individualität nach dem Tode, solche Worte herauskommen müssen.

[ 57 ] Ich möchte dasjenige, was ich über die beiden anderen Fälle noch zu sagen habe, im Zusammenhange mit dem, was ich sonst noch mitzuteilen habe, morgen sagen.