Wege der geistigen Erkenntnis und
der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
GA 161
3 April 1915, Dornach
Elfter Vortrag
[ 1 ] Festliche Gelegenheiten sind diejenigen, in denen die Menschen gemeinsam gedenken können wichtiger, bedeutungsvoller Angelegenheiten der Seele, der Entwickelung. Daher ist es wohl angemessen, daß wir anläßlich dieser Trauerfestestage auch gerade solche Betrachtungen anstellen, die ja in der Meditation oder sonst öfter über die Seele des einzelnen kommen können, die aber, durch solche Festestage veranlaßt, eine gemeinsame Besprechung finden können.
[ 2 ] Gestern deutete ich darauf hin, wie ein Zeichen für ein ganz besonders Wichtiges, sowohl in der menschlichen wie in der kosmischen Entwickelung, die Grablegung des Christus Jesus am Karfreitag jedes Jahres ist, und die Auferstehung am Ostersonntag-Morgen. Es sind die Tage, in denen die Menschenseele eigentlich ein Tiefstes ihrer innersten, wesentlichsten Angelegenheiten erleben kann, durchempfinden kann wenigstens. Das Zeichen für die Tatsache, daß die Christus-Wesenheit, oder sagen wir die Verkörperung der Christus-Wesenheit, auf Erden drei Tage lang im Todesdasein ruhte, das hängt ja — wir wissen das aus anderweitigen Betrachtungen — mit dem Tiefsten des Menschenwesens zusammen. Und vielleicht darf gerade heute vor den hier versammelten Freunden an ein gewichtiges Mysterium erinnert werden, das mit diesem Zeichen zusammenhängt.
[ 3 ] Wenn man so ganz vollständig empfindet dasjenige, was die symbolische Grablegung des Jesus Christus am Karfreitag bedeutet, was das Liegen im Grabe, das Durchgehen des Christus Jesus durch den Tod bedeutet, wenn man sich so ganz sachgemäß und befruchtet durch die Errungenschaften der Geisteswissenschaft in dieses Symbolum vertieft, dann erlebt man wirklich etwas, zunächst empfindend und denkend, das zusammenhängt mit den tiefsten Geheimnissen der Menschennatur auf Erden. Wir werden, wenn einstmals unser Bau fertig werden sollte, an einer bestimmten Stelle stehen haben — in Holz soll es geschnitzt werden — den Sieg der Christus-Wesenheit über Ahriman auf der einen Seite, über Luzifer auf der anderen Seite. Darstellen soll das dann, was Bedeutungsvolles sich abgespielt hat bei dem Durchgang der ChristusWesenheit durch das Mysterium von Golgatha, in bezug auf das Erdenverhältnis zwischen Christus, Ahriman und Luzifer. Und nun darf gesagt werden: Wenn man so recht, recht tief auf die Seele wirken läßt, aber tief verständnisvoll, das Liegen des Christus Jesus im Grabe, dann ist es, daß an die menschliche Seele herantritt ein Gefühl für die Bedeutung des Christus-Kampfes gegen Ahriman und Luzifer. Um dies zu verstehen, wollen wir uns einiges von dem, was wir schon wissen, vor die Seele rücken.
[ 4 ] Man hat insbesondere in der neueren Zeit immer wieder darauf angespielt, daß ja etwas wie der Tod des Gottes und die Auferstehung des Gottes vorbereitend vorhanden war in den alten Religionen, und man hat geglaubt, daraus schließen zu dürfen, daß das Christus-Ereignis auch nur eine Umbildung sei, eine Umbildung, sagen wir etwa des Sterbens des Adonis und des Auferstehens des Adonis. Man hat aber mit solchen Behauptungen nur gezeigt, daß man ein wirkliches Verständnis des Christus-Ereignisses eben nicht gewonnen hat. Denn dieses Adonis-Ereignis oder andere ähnliche Ereignisse, sie sind überall, wo sie angetroffen werden, so, daß man ihnen ansieht gewissermaßen das natürliche Dasein, das Dasein, das sich jedes Jahr wiederholen kann, das Dasein, das mit den Naturereignissen zusammenhängt und eigentlich in die Naturereignisse hineingehört. So wie dasjenige, was wir gestern als das Baldur-Ereignis beschrieben haben, ja im Grunde auch gebunden ist an die Erscheinung der Natur, die Beobachtungen, welche der alte Mensch in der Natur machen konnte. Alle alten vorchristlichen Religionen waren im Grunde genommen solche Religionen, deren Verehrungswesen zusammenhing mit dem, was die alten hellsichtigen Menschenseelen in den Ereignissen der Natur und ihrem Laufe wahrnehmen konnten. Und die orientalischen Religionen sind im Grunde genommen heute noch nicht über diesen Standpunkt hinausgelangt. Wirklich über diesen Standpunkt hinausgelangt ist das Christentum, denn das Christentum ist im eminentesten Sinne dasjenige, was man nennen kann eine historische Religion, das heißt eine Religion, bei der es ankommt auf das, was verstanden werden muß aus dem ganzen Verlauf der Menschengeschichte und Menschenentwickelung im Erdendasein. Eine Historie, eine Erdengeschichte gibt es eigentlich erst durch das Mysterium von Golgatha.
[ 5 ] Daß die Erdenentwickelung des Menschen einen aufsteigenden Weg durchmacht und wiederum einen absteigenden Weg, und in der Mitte, so wie das öfter beschrieben worden ist — man kann es auch umgekehrt sagen, daß die Menschen einen absteigenden Weg durchmachen und wiederum einen aufsteigenden Weg, von einem anderen Gesichtspunkte aus —, in der Mitte das Christus-Ereignis, das Ereignis von Golgatha steht, und daß durch dieses Christus-Ereignis die Geschichte ihren eigentlichen Sinn erhält, das ist das Wesen und die wahre Bedeutung des Christentums. Wir müssen uns nun eine Frage beantworten: Was ist denn überhaupt dieser Geschichtsverlauf, der, ich möchte sagen, wie eine Fortsetzung der Natur aus den Taten der Menschen heraus über die Erdenentwickelung hinläuft? Was ist denn das eigentlich: Geschichte? Was ist denn eigentlich das Geschehen, das sich abspielt durch den Fortgang der menschlichen Taten, der menschlichen Empfindungen, der menschlichen Gedanken, was ist denn das eigentlich? Was das ist, es tritt einem so recht erst vor die Seele, wenn man mit dem durch die Geisteswissenschaft geschärften Seelenblick vor dem im Grabe ruhenden Christus Jesus in den Kar-Tagen steht.
[ 6 ] Da tritt einem vor die Seele, was das ist, Geschichte. Denn da wird man gewahr, wenn man nur eben den Seelenblick durch die Geisteswissenschaft sich geschärft hat, daß dasjenige, was hier auf Erden Geschichte ist, einstmals auf dem Weltenkörper, der sich wie eine neue Verkörperung der Erde ausnehmen wird, Natur sein wird. Geschichte der Erde ist Vorbereitung der Natur auf dem Jupiter. Wie eine prophetische Vorherverkündigung desjenigen, was auf dem Jupiter Naturereignisse sein werden, tritt im Erdendasein dasjenige auf, was geschichtliche Ereignisse sind. Wie ist das?
[ 7 ] Hier auf der Erde verläuft das menschliche Leben so in physischer Verkörperung, daß wir durch die Geburt hereinverpflanzt werden in dieses physische Erdendasein, daß wir dann bis in die Dreißigerjahre hinein eine aufsteigende Entwickelung und dann eine absteigende Entwickelung unseres physischen Daseins durchmachen. Am Beginn dieses physischen Erdendaseins steht unsere physische Geburt, am Ende dieses physischen Erdendaseins steht unser physischer Tod oder dasjenige, was wir den physischen Tod nennen. Die Mitte des Menschendaseins, ich möchte sagen, etwa die Mitte der Dreißigerjahre, geht ja für den Erdenmenschen in seiner physischen Verkörperung, wenn er nicht besonders teilnimmt an den gewichtigen, wesenhaften inneren Ereignissen des Seelendaseins, mehr oder weniger spurlos, wenigstens für die in den meisten Fällen vorhandene Selbsterkenntnis, mehr oder weniger spurlos vorüber.
[ 8 ] Das wird anders sein, wenn die Erdenmenschheit einstmals das Jupiterdasein durchmachen wird; ganz, ganz anders wird das dann sein. Ich will heute nicht davon sprechen — das kann ein anderes Mal geschehen —, auf welche ganz andere Weise als durch eine physische Geburt, wie es im Erdendasein geschieht, der Jupitermensch in sein physisches Dasein treten wird. Und auch aus dem Jupiterdasein hinaus wird der Mensch auf ganz andere Art treten, als die Art des physischen Erdentodes ist. Aber gewissermaßen dasjenige, was entspricht der Mitte des Lebens, was also für unser Erdendasein hereinfallen würde in die Mitte unserer Dreißigerjahre, das wird dann gewichtig, bedeutungsvoll für das Jupiterdasein des Menschen sein. Ich möchte sagen: was Geburt und Tod, wenn man sie durcheinander mischen würde, zusammen sind am Anfang und Ende des Erdenlebens, das würde etwas geben, was in der Mitte des Jupiterdaseins für den dann zu diesem Jupiterdasein entwickelten Menschen eintreten wird. Also denken Sie, der Mensch wird in der Mitte des Jupiterdaseins etwas durchzumachen haben, was Sie herausbekommen würden, wenn Sie die irdische Geburt mit dem irdischen Tod etwa zusammenmischen. Nur müssen Sie sich nicht denken, daß Sie die beiden ohne weiteres so, wie sie sich darstellen als irdische Erscheinung, zusammenmischen können, sondern Geburt und Tod müssen etwa so zusammengebracht werden wie eine chemische Verbindung. Wenn man . Sauerstoff und Wasserstoff, wenn man zwei Gase zusammenmischt, so entsteht etwas, was gar nicht ähnlich ist weder dem Wasserstoff noch dem Sauerstoff, nämlich das Wasser. So wird auch ein Erlebnis sein in der Mitte des Jupiterdaseins, das wirklich eine Art Verbindung ist zwischen irdischem Tod und irdischer Geburt, aber durchaus verschieden von dem, was eine ideelle, eine verstandesmäßige Mischung der beiden Erscheinungen von Geburt und Tod ergeben kann.
[ 9 ] Ja, sehen Sie, so rückt das Dasein von Stufe zu Stufe weiter, daß wir uns schon, wenn wir zum Jupiterdasein gehen wollen, vorstellen müssen, daß dann für den Jupitermenschen in der Mitte des Jupiterdaseins ein bedeutungsvolles Ereignis eintritt, ein Ereignis von solcher Art, wie ich es eben charakterisiert habe. Es wird, wie Sie ja wissen, das ganze Jupiterbewußtsein des Menschen ein ganz anderes sein als das Erdenbewußtseiin. Sie brauchen, um sich zu unterrichten über die verschiedenen Stufen menschlichen Bewußtseins, nur nachzulesen dasjenige, was in der «Akasha-Chronik» über die verschiedenen Entwickelungsstufen des menschlichen Bewußtseins vom Saturn- bis zum Vulkandasein hin gesagt worden ist, und Sie werden dann sich ins Gedächtnis rufen können, daß auf dem Jupiter eine Art höheren bewußten Bilderschauens eintritt, ein imaginatives Bewußtsein, das eine höhere Bewußtseinsstufe darstellt als das irdische Bewußtsein ist. Hinaufwachsen werden wir also zu einem Bewußtsein, das nicht so verlaufen wird wie das Erdenbewußtsein, sondern das die Eindrücke von außen in ganz anderer Weise empfangen wird als der Erdenmensch, das aber von diesen Eindrücken dann in innerer Willkür sich Bilder wie Imaginationen entwerfen wird, etwa so, wie ich als Erdenmensch etwas wahrnehme und dann entwerfe, aufzeichne. So wird es sein im Jupiterbewußtsein, nur, daß das Jupiterwahrnehmen etwas anderes ist als das Erdenwahrnehmen. Dann wird der Mensch sich selbst Bilder suchen, Bildervorstellungen, wie sie durch das Erdensein entstehen; dann wird er sich gleichsam etwas wie Gemälde bilden desjenigen, was in ihn einfließt als Inhalt des imaginativen Bewußtseins.
[ 10 ] Zur Erlangung dieses imaginativen Bewußstseins wird der Mensch das Jupiterdasein betreten. Und dieses imaginative Bewußtsein, das wird, ebenso wie das irdische Bewußtsein durch die Kindheit hindurch eine Entwickelung, eine Entfaltung durchmacht, auch eine Entfaltung, eine Entwickelung durchmachen. Dann wird die Mitte des Jupiterlebens kommen, und in dieser Mitte des Jupiterlebens wird durch einen Zeitraum, der uns wirklich versinnbildlicht werden kann durch drei Erdentage, für den Jupitermenschen Wichtiges eintreten: nämlich es wird eintreten mitten im Jupiterbewußtsein eine Wiederholung, eine kurze Wiederholung — denn nur tagelang dauert die Wiederholung — des Erdenbewußtseins. Also das wird zu diesem Erlebnis des Jupiterlebens gehören, daß das Erdenbewußtsein sich dort für kurze Zeit erneuert, daß der Mensch sich in der Mitte seines Jupiterlebens als Erdenmensch erfühlen wird. Dann, wenn der Mensch also durch sein imaginatives Jupiterbewußtsein gegangen sein wird, wird eintreten eine Zeit, in der er nur sein Erdenbewußtsein wieder hat, das wirklich dann zum Jupiterbewußtsein sich verhalten wird wie unser jetziges Traumbewußtsein zu unserem Tagesbewußstsein.
[ 11 ] Wenn der Mensch in dieses Jupiter-Erdenbewußtsein, in diese Wiederholung des Erdenbewußtseins eintreten wird, dann wird es über ihn kommen, daß er wird wollen wie eine Art inneren Resümees halten, wie eine Art Rückschau halten auf all dasjenige, was er sich erworben hat als Erdenmensch, was er sich überhaupt erworben hat durch all seine Vergangenheit hindurch. Wir werden, wie gesagt, nur kurze Zeit ein Erdenbewußtsein haben während eines Jupiterlebens, aber während dieses Erdenbewußtseins werden wir das Bedürfnis empfinden, in intensiver Weise Rückschau zu halten auf unsere ganze menschliche Vergangenheit. Dazu wird es da sein, dieses Erneuern des Erdenbewußtseins. Und wenn wir dann zurückschauen werden, dann wird es uns überkommen, daß wir uns müssen die Fragen stellen: Was hast du eigentlich erreicht durch deine ganze Vergangenheit? Was hast du denn erreicht durch dasjenige, was du als Erdenmensch geworden bist? — Diese Frage wird man sich stellen müssen aus kosmischer Notwendigkeit heraus. So wie man auf der Erde essen und schlafen muß, um zu bestehen, so wird man während dieses Erneuerns des Erdenbewußstseins sich fragen müssen: Was hast du denn dadurch, daß du Mensch geworden bist, erreicht? Wozu bist du ein freier Mensch geworden? — Man wird gleichsam das Ergebnis, die Summe ziehen seines ganzen Erdenseins. Und indem man diese Frage stellt, indem man diese Summe zieht, wird einem in mächtigem Jupitertraume vor die Seele treten, was man dadurch wirklich erreicht hat. Aber dieser Jupitertraum wird eine solche Realität haben wie alle unsere realen Erdenwahrnehmungen. Nicht als ein Traumbild wird es vor uns hintreten, sondern so wird das alles Realität haben, wie der Erdenmensch, der jetzt vor uns tritt, jetzt Realität hat. Und dann wird es sich ereignen, daß eine Gestalt vor uns hintritt, die deutlich die Antwort gibt auf unsere Frage. Und die Wesenheit, die dann vor uns treten wird als die Antwort auf die Frage, die wir uns also haben stellen müssen — wissen Sie, wer diese Wesenheit sein wird? Luzifer wird es sein, und Luzifer wird sagen: Erkenne jetzt, daß du mir gehörst durch all dasjenige, was du als Mensch in deiner Vergangenheit geworden bist. Und man wird sicher wissen — so wie man als Erdenmensch einen anderen Menschen erkennt, wenn er vor einem in die physische Wahrnehmung tritt —, daß das Luzifer ist und daß man für ihn gearbeitet hat durch all dasjenige, was man als Mensch hat werden wollen. Dann wird man die ganze Bedeutung und Kraft des Christus erkennen, denn man wird erkennen, daß man durch sich selbst nicht imstande ist, einen anderen Entschluß zu fassen als den, Luzifer in sein Reich zu folgen.
[ 12 ] Nur dadurch, daß aus der Erdengeschichte auftreten wird, eben auch in der Erinnerung, das Christus-Ereignis, die Christus-Wesenheit, dadurch wird man wissen, daß in die Erdenentwickelung diese ChristusWesenheit eingetreten ist, und daß sie uns Gaben zu geben hatte, diese Christus-Wesenheit, die sich uns jetzt, während des Jupiterseins, realisieren, das heißt, in wirkliche Jupiterwesenheit verwandeln, durch die wir allein imstande sein werden, nicht den Weg mit Luzifer zu gehen, sondern eben den Weg des sich regelmäßig entwickelnden Kosmos zu gehen. Denn was wird Luzifer von uns wollen? Was wird er denn dann von uns wollen? Er wird uns sagen: Der Zustand, den du jetzt durchmachst, diese Wiederholung des Erdenbewußtseins, der bedeutet viel für dich. — Denn auf dem Jupiter ist es anders als auf der Erde, ganz anders. Auf der Erde ist es so, daß wir, wenn wir die Mitte der Dreißiger erreicht haben, in der zweiten Hälfte des Lebens in bezug auf manche Dinge genau dasselbe tun, was wir früher getan haben. Wir essen und trinken, um unser physisches Dasein zu erhalten, nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr ebenso wie vor dem fünfunddreißigsten Lebensjahr. Auf dem Jupiter wird das anders sein, ganz anders. Auf dem Jupiter werden wir zwar nicht in derselben Weise zu essen und zu trinken brauchen, wie wir das im Erdenleibe auf der Erde tun müssen, aber man wird in einer ähnlichen Weise mit dem dann zu einem gehörigen Jupiterleibe mit den Wirkungen der Jupiterphysis zusammenhängen, wie man durch Speise und Trank mit den Wirkungen der Erdenphysis zusammenhängt. Man wird von dem Momente des Lebens ab, den man erreicht hat, indem sich das Erdenbewußtsein erneuert hat, nicht mehr in derselben Weise zu der Jupiterumgebung stehen können wie früher. Wenn ich es trivial ausdrücken darf, möchte ich sagen: sie wird nicht mehr anschlagen. Es wird etwa so sein, daß ich den Vergleich brauchen könnte: Wenn das auf der Erde der Fall sein würde, dann würden wir erreichen mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahr einen solchen Zustand unseres Magens, unserer Organe, daß wir die Erdenluft dann nicht mehr atmen könnten, die Erdennahrung nicht mehr vertragen würden. Denken Sie, was es wäre, wenn wir im fünfunddreißigsten Jahre eine solche Entwickelung unseres Leibes durchmachen müßten, daß zwar unser Inneres durchaus noch fähig wäre, Erdenjahre durchzumachen, daß aber unser Leib unfähig wäre, irgend etwas, was auf der Erde wächst, zu ertragen. So wird es dann auf dem Jupiter entsprechend sein. Natürlich sind die Verhältnisse ganz andere, aber so wird es sein: Wir werden nicht mehr können in der unmittelbar physischen Berührung mit dem Jupiter sein in unserer zweiten Lebenshälfte des Jupiter. Das wird Naturgesetz sein dann auf dem Jupiter, das wird durchaus Naturgesetz sein dann.
[ 13 ] Aber durch die Kraft dieses Naturgesetzes würde Luzifer unsere Seele, die dann durchaus noch lebensfähig sein wird, aber die ihren Leib nicht wird unterhalten können für das Jupiterdasein, mit sich führen können, wenn nicht Christus uns dann zeigen könnte, daß er in der ersten Lebenshälfte des Jupiterdaseins in uns Schätze angesammelt hat, die uns nun erhalten durch die zweite Hälfte unseres Daseins auf dem Jupiter. Auf dem Jupiter wird der Christus durchaus nicht bloß diesen ethischen Charakter nach außen zeigen, den er während des Erdendaseins zeigt, sondern er wird für die zweite Lebenshälfte der Menschen auf dem Jupiter der innere Ernährer sein, und die Ernährung wird zu gleicher Zeit von moralischer Bedeutung sein. Er wird uns allein dadurch, daß er Ernährungsschätze ansammelte in der ersten Lebenshälfte des Jupiterdaseins, von Luzifer befreien können. Würde das nicht geschehen, würde uns der Christus nicht von Luzifer befreien können auf dem Jupiter, so würde Luzifer unsere Seele mitnehmen. Unser Leib, der dann keine Möglichkeit hätte, in eine Beziehung zur Jupiterphysis zu treten, er würde zerfallen, würde abfallen von uns, und Luzifer würde uns zeigen: Siehe da, deine Seele nehme ich, dein Leib aber fällt von dir ab in die Schatzkammer des Ahriman. Der wird ihn nun haben, der wird mit ihm weiterleben.
[ 14 ] Alles wird davon abhängen, wie unsere Seele dann bei dieser Rückschau, im Wiederherstellen des Erdenbewußtseins, sich zurückerinnern kann an die Art und Weise, wie sie während der Erdenzeit sich erfüllt hat mit dem Geheimnis von Golgatha, sich erfüllt hat mit dem Verständnis davon, daß das Christus-Wesen in die menschliche Entwickelung, in die geschichtliche Entwickelung des Erdendaseins eingetreten ist. Denn denken Sie den furchtbaren Zustand der Jupiter-Menschenseele, die dann die Rückschau halten müßte und sich sagen müßte: Ich habe während meiner Erdenzeit den Christus verleugnet. Ich habe nichts wissen wollen von dem Christus. Ich habe es abgelehnt, zur rechten Zeit mich zu unterrichten über dasjenige, was als das Christus-Wesen durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung eingetreten ist. Ich kann mich an nichts erinnern, was auf der Erde durch den Christus geschehen ist. — Könnte es Seelen geben, in denen alle Erinnerung an den Christus ausgetilgt sein müßte während des Jupiterdaseins, weil sie während des Erdendaseins sich niemals herbeigelassen haben, sich mit dem Verständnis für das Christus-Ereignis zu durchdringen, dann träte für sie der furchtbare Gerichtstag ein, daß Christus sie dann im Jupiterdasein nicht mit sich nimmt, um sie in der zweiten Hälfte ihres Jupiterdaseins zu ernähren und zu pflegen, sondern daß er sie verweist mit der einen Hand dahin, wo Ahriman die Jupiter-Physisreste nimmt, und mit der anderen Hand dahin, wo Luzifer die Seele auf seine Pfade führt.
[ 15 ] Und nun, wenn man mit dem Verständnis, das uns die Geisteswissenschaft von dem Mysterium von Golgatha geben kann, an das Symbolum des im Grabe liegenden Jesus tritt, wenn man nicht bloß ein äußeres Symbolum darin sieht, sondern wenn man verbindet mit diesem Symbolum alles dasjenige, was man wissen kann über das Mysterium von Golgatha, und wenn man sich schon einige Fähigkeiten errungen hat, auch zu schauen dasjenige, wovon die Geisteswissenschaft spricht, dann tritt einem das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, als eine Vision der Menschen-Jupiterzukunft vor das Seelenauge. In den alten Einweihungsstätten haben die Schüler suchen müssen unter der Führung ihrer Eingeweihten dasjenige, was man genannt hat in den alten Mysterien «das Schauen der Sonne um Mitternacht». Physisch schaut man die Sonne bei Tage. Um Mitternacht, durch die Erde durch, schauten die Eingeweihten die Sonne, während für den physischen Blick die Erde undurchsichtig ist. Indem sie also durch die Erde hindurch um Mitternacht die Sonne schauten, war abgestreift von der Sonne ihr physisches Dasein; dafür aber war eingeschrieben in das Sonnendasein das Geheimnis von dem Christus, dem Sonnengeist. Und voraus schauten die Schüler der alten Eingeweihten das Geheimnis von dem Christus, dem Sonnengeist. Es war ein höheres Naturschauen, ein Hellsichtigwerden innerhalb der Natur.
[ 16 ] Dasjenige, was uns das Ostersymbolum darstellen kann, ist ein Hellsichtigwerden innerhalb des geschichtlichen Lebens der Erdenmenschheit, ist ein Hellsichtigwerden darüber, daß wir, im Grunde genommen, indem wir freie Erdenmenschen geworden sind, schon den Bund mit Luzifer und Ahriman wirklich geschlossen haben, und daß der Christus uns von diesem Bund allein erlösen kann. Dasselbe, was für die alten Schüler der Eingeweihten bedeutet hat «das Sehen der Sonne um Mitternacht», kann für die Christenmenschen allmählich werden die betende Ehrfurcht gegenüber dem Karfreitag- und Karsamstag-Mysterium. Wir haben allen Grund, an diesem Tage uns zu konzentrieren auf dasjenige, was mit der inneren Tragik, mit der inneren berechtigten Trauer des tiefsten Inneren des Menschenwesens zusammenhängt. Wir hätten als Erdenmenschen niemals freie Wesen werden können, wenn wir nicht in eine solche Beziehung zu Luzifer und Ahriman getreten wären, wie das ‚im Sinne dessen liegt, was heute angegeben worden ist, wenn wir nicht fähig geworden wären, den Luziferweg und den Ahrimanweg zu gehen. Der Mensch kann wohl das Tragische, das auf dem Untergrund seines Wesens ruht, in diesen Tagen sich vor das Bewußtsein rufen, indem er sich sagt: Meine Freiheit wäre niemals möglich geworden ohne die Möglichkeit, Ahriman und Luzifer zu folgen. — Und aufgehen kann ihm dieses Bewußtsein, indem er anschaut das Symbolum des im Grabe ruhenden Christus, der durch dasjenige, was er mit seiner Tat vollbracht hat, wiederum rückgängig macht, was eintreten mußte um der menschlichen Freiheit willen.
[ 17 ] Daß Trauer über das Menschenwesen berechtigt ist, daß der Mensch nicht nur Grund zur Fröhlichkeit, sondern auch tiefen, wahren Grund, wesenhaften Grund zur Trauer über sein Wesen hat, das darf durch die Seele raunen in den Tagen, die der Grablegung in festlicher Weise gewidmet sind. Es bleiben ja noch viele Tage des Jahres, in denen der Mensch dann denken darf mehr an dasjenige, was ihm geworden ist. dadurch, daß die Erdenentwickelung nicht verlassen geblieben ist, daß der Christus als ein Auferstehender zum Erdendasein gekommen ist. Aber was notwendig gemacht hat dieses Mysterium von Golgatha, was als eine kosmische Trauer in der menschlichen Seele leben kann, all das darf sich entladen in diesen Tagen. Und wenn man sich ein Gefühl erworben hat für dasjenige, was mit der Menschenseele verbunden ist aus ihrer Geschichte heraus, dann sind diese Tage solche, in denen man traurig werden kann über die menschliche Entwickelung; viel besser würde man noch sagen: in denen man traurig werden darf über diese menschliche Entwickelung.
[ 18 ] Und ist dieses Gefühl lebendig, dann ist. gerechtfertigt die schwarze Verkleidung, die wir gerade in diesen Tagen wählen müssen für die Ausschmückung dieses Raumes. Daher war es mir so störend gestern, als aus dem Schwarzen noch herausragte das Rot, das Rot, welches die Farbe sein kann, die unserem Auge wiederum entgegentreten darf dann, wenn die Tage der Trauer vorüber sein dürfen, der Trauer über dasjenige, was als tiefe Tragik mit der menschlichen Wesenheit zusammen‚hängt. Es war durchaus christlich-künstlerisch stillos, daß gestern hier Rotes herausragte. Auch diese Dinge muß man eben lernen; aber hat man sie gelernt, dann wird man schon empfinden, wie die äußeren Formen ihre tiefe Bedeutung haben, und wie sie wesenhaft zusammenhängen mit dem, was man nennen kann das Zusammenwachsen der Menschenseele mit den Ereignissen des Kosmos.
[ 19 ] Ist denn dieses nicht ausgedrückt in der Festsetzung dieses Osterfestes selbst? Kosmisch ist der Zeitpunkt des Osterfestes festgesetzt: der erste Sonntag nach dem Vollmond, der auf Frühlingsanfang, auf den 21. März folgt. Da oben am Himmel sollen die Zeichen sein, nach denen das Osterfest festgelegt wird. Barbarische Wissenschaftlichkeit hat in den letzten Jahren die Forderung aufgestellt, daß die Ostertage jedes Jahr gleich, auf dieselben Tage fallen sollen. Wird sich das realisieren, so wird man am besten ersehen, wie weit sich die Menschen entfernen wollen in unserer Zeit von einem wirklich spirituellen Leben, das nicht entwickelt werden kann, ohne daß der Mensch gewahr wird, wie. seine Seele nicht bloß lebt in dem, was auf der Erde zirkuliert so, daß man etwa als äußeres Zeichen für dieses Zirkulieren das Geldeinnehmen und -ausgeben ansehen kann. Denn dieses, wofür das Geldeinnehmen und Geldausgeben das äußere Zeichen ist, dafür wäre allerdings die Festsetzung des Ostertages eine bequeme Sache. Für dasjenige aber, was hineinfluter aus dem Leben des Kosmos in die menschliche Seele, wäre es ertötend, wenn jene barbarische Wissenschaftlichkeit siegen würde, die den Ostersonntag und Ostermontag immer auf den gleichen Tag des Jahres festlegen wollte, und man nicht mehr hinblicken würde auf die kosmische Festsetzung dieser Tage.
[ 20 ] An solchen Einzelheiten sieht man, wie die Menschheit hineinsegelt in den ahrimanischen Materialismus. Menschen wird es geben müssen, die durch ihr Bekenntnis zur Geisteswissenschaft in solchen Dingen werden in der Zukunft einigen Bescheid wissen.
[ 21 ] Sie kennen ganz gewiß entweder aus dem Original, das ja schon sehr verdorben ist, oder aber aus Nachbildungen und Stichen, Michelangelos gewaltiges Werk in der Sixtinischen Kapelle in Rom, «Das Jüngste Gericht». Wenn Sie dieses Werk, das darstellt das Weltengericht, in seiner Komposition anschauen, was müssen Sie sich sagen — jetzt, da Sie der Geisteswissenschaft nähergetreten sind —, was dieses Bild vom Weltengericht eigentlich ist? Ich sagte vorhin: Demjenigen, der ausgerüstet mit dem, was die Geisteswissenschaft ihm werden kann, vor das Symbolum des im Grabe liegenden Christus am Karfreitag und Karsamstag hintritt, dem kann sich, wenn er es schon zum Schauen gebracht hat, die Vision des vorhin geschilderten Jupitermenschen, des JupiterMenschendaseins, vor die Seele stellen. Wenn er es noch nicht zum Schauen gebracht hat, so wird sich ihm, wenn er fühlend Verständnis der Geisteswissenschaft erlangt, immerhin der Gedanke hinstellen können, der auf einer gewissen Stufe ebenso berechtigt ist wie das Schauen. Das wird der heutigen Zeit entsprechen.
[ 22 ] Und denken Sie sich, ein Maler, mit der ganzen malerischen Kunst der Gegenwart ausgerüstet, würde das Symbolum des Mysteriums von Golgatha auf sich wirken lassen und malerisch die Frage beantworten wollen: Was erscheint mir, wenn ich von dem $Symbolum des im Grabe liegenden Christus Jesus ausgehe und mit dem, was ich dadurch gewonnen habe, den Blick in das Innere vertiefe? Was erscheint mir? — Der Christus erscheint mir in seiner Jupiterherrlichkeit, in seiner zukünftigen Herrlichkeit, Ahriman durch die Bande des Lichtes im Unterirdischen fesselnd, so daß er den Menschen nicht erreichen kann, und überwindend den Luzifer, daß er auf seine Pfade nicht führen kann die menschliche Seele.
[ 23 ] So ist es angemessen dem, was die Menschenseele sich aneignen kann durch die Geisteswissenschaft. All dasjenige, was jetzt der Menschenseele so erscheinen kann, es kleidete sich für die Menschen, die vor uns gelebt haben, also für uns selbst in früheren Inkarnationen, in das Bild des Jüngsten Gerichtes, wie es Michelangelo auf die Wand der Sixtinischen Kapelle gemalt hat. Das ist nur ein prophetischer Vorblick; der richtige Blick ist der, den ich Ihnen eben geschildert habe. Menschen, die nur durch das christliche Gefühl unterrichtet wurden, noch nicht durch die Geisteswissenschaft, sie haben dasjenige, was durch das KarfreitagMysterium geschaut werden kann, geschaut in der Form, wie das Jüngste Gericht gemalt worden ist. Wir aber, wir leben in einer Übergangszeit, und die fortgeschrittensten Seelen können sich am meisten bewußt sein, wenn sie noch nicht Geisteswissenschaft aufgenommen haben, wie man in der Gegenwart in einer Übergangszeit lebt, lebt in einer Zeit, der gegenüber man sich sagen muß: $o wie man früher geschaut hat das Jüngste Gericht als Ergebnis des Ostermysteriums, besser noch des Karfreitag-Mysteriums, so haben die Menschenkinder das Verständnis dafür verloren. Aber aufgehen muß ein neues Verständnis, solch ein Verständnis, das durch die Geisteswissenschaft gewonnen wird, wie es geschildert worden ist am heutigen Tage, womit auch wir diesmal hier feiern das Fest der Grablegung des Christus Jesus.
[ 24 ] Ich habe öfter hier gesprochen in diesem Raum von mancherlei, was Herman Grimm so schön gesehen hat. Er hat nun in seinem «Leben Michelangelos» ausführlich auch gesprochen über «Das Jüngste Gericht» des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Und da er eine Persönlichkeit war, die nicht so war wie die Dutzendgelehrten, die alles — unter Gänsefüßchen sage ich das — «objektiv» schildern, sondern weil er eine Persönlichkeit war, die auch, nachdem sie gründliche Forschungen gemacht hatte, mit der Seele, mit der Empfindung, mit dem Gefühl bei den Ergebnissen der Forschung war, so fügte Herman Grimm, als er in seinem «Leben Michelangelos» vollendet hatte seine schöne Abhandlung über «Das Jüngste Gericht», die folgenden Worte seiner Betrachtung über das Jüngste Gericht bei: «Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, über solche Dinge zu reden.» Über dasjenige, meinte er, was im Zusammenhang stehen soll mit dem, was das Jüngste Gericht darstellt für das Wesen der menschlichen Seele. In der Zeit des Michelangelo war es noch nicht schwer, darüber zu reden, vor allem nicht in der Malerei, denn Michelangelo hat ja malerisch darüber gesprochen. Und diejenigen, die dazumal eingeweiht waren in die Mysterien der Religion, haben über diese Dinge sprechen können. Schwer ist es erst geworden durch die Weiterentwickelung der Zeit.
[ 25 ] «Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, über solche Dinge zu reden. Unser Gefühl darüber wohnt in einer Tiefe, die mit klarem Lichte zu erfüllen nicht gelingen kann. Noch wagen wir freilich nicht, die körperlichen Bilder, die uns als heilige Vermächtnisse überliefert sind, ganz für Schatten zu erklären .. .»
[ 26 ] Also er sagt, noch wagen wir es nicht in unserer Zeit, zu sagen: ' Dasjenige, was ein Michelangelo als real mir dem Leben der menschlichen Seele zusammenhängend gedacht und auf die Leinwand gebracht hat, das ist eine bloße Phantasie. Tiefere Geister, wie Herman Grimm, wagen es noch nicht. Andere, die mehr nach dem Typus von Ludwig Feuerbach oder David Friedrich Strauß gebaut sind, die wagen es, zu sagen: Das ist eine Phantasterei — oder, wenn sie es schöner, moderner ausdrücken wollen, sagen sie: Das ist eine Phantasie —, doch sie meinen Phantasterei, wenn sie von Michelangelos Werken sprechen. Aber andere, tiefere Geister, sie wagen es nicht.
[ 27 ] «Noch wagen wir freilich nicht, die körperlichen Bilder, die uns als heilige Vermächtnisse überliefert sind, ganz für Schatten zu erklären; aber wie der Gang der geistigen Entwicklung sich mir darstellt: immer blässer müssen diese Vorstellungen werden, und anderes muß an ihre Stelle treten, das als Symbol der ewigen Dinge gilt.»
[ 28 ] Er sieht ein, daß anderes an die Stelle treten muß, aber er sucht vergeblich in der Zeitenkultur, die ihm erreichbar ist, nach diesem anderen. Und ich möchte sagen, tragisch klingen seine folgenden Worte:
[ 29 ] «Denn ohne Symbole, seien es sichtbare Bilder oder Gedanken, beruhigen wir uns nicht, mag uns auch noch so deutlich werden, daß alles Symbolische nur ein Gleichnis sei: leer für den, der den Inhalt nicht selbst aus der eigenen Seele in sie hineinlegt. So aber wie das Jüngste Gericht an der Wand der Sixtinischen Kapelle steht, ist es für uns kein Gleichnis mehr, sondern ein Denkmal des phantastischen Seelenlebens einer vergangenen Zeit und eines fremden Volkes, deren Gedanken nicht mehr die unseren sind.»
[ 30 ] Das ist ein Geständnis, in Aufrichtigkeit von der Menschenseele sich selbst gegeben, wie ein Geist es sich geben mußte, der nicht einfach dabei stehenbleiben kann: Wir können jetzt in alle Zukunft leben, auch wenn wir verloren haben dasjenige, was früher vor die Menschenseele sich hinstellen mußte, wenn sie das Karfreitag-Mysterium empfand. Das sind die Worte eines Geistes, der empfindet, daß das Alte vergangen ist, und der in die Gegenwart schaut; der wie vergeblich sich nach etwas umschaut, was an die Stelle des Alten treten kann.
[ 31 ] Solch ein Geist ist in unseren Zeiten durch die Pforte des Todes gegangen mit diesem Gedanken: Wo, wo, du Seele, du Menschenseele, ‘die du einstmals dich im Anblick des im Grabe liegenden Kruzifixus vertieftest in deine heiligsten Geheimnisse im Weltengang — wo, du Menschenseele, findest du dasjenige, was deine neuen Gedanken und Empfindungen über dieses Geheimnis werden müssen? Wo, du Menschenseele, findest du etwas, was wiederum dich ausfüllt, wenn du zu dem im Grabe liegenden Kruzifixus, wenn du auf das Karfreitag-Mysterium hinblickst? Wo, du Menschenseele, findest du das? — Mit diesen Gedanken schreitet ein solcher Geist durch die Todespforte.
[ 32 ] Jetzt werden Sie es begreifen, was es bedeutet, wenn ich vor einigen Tagen hier in diesem Raume sagen durfte: Es hat Seelen gegeben, die durch die Todespforte geschritten sind, und die ein Gefühl, ein neues Gefühl von dem, was der Mensch wahrhaftig ist, empfingen, als in ihre Genossenschaft unser Freund Christian Morgenstern getreten ist, mit einem durch Geisteswissenschaft erleuchteten, durchgeistigten Bewußtsein, mit einem deutlichen Bewußtsein alles dessen, was diesen Seelen verlorengegangen war. Durchdrungen von dem Bewußtsein von der neuen Christus-Verkündigung, trug er die neuen Gedanken über die Christus-Entwickelung und ihren Zusammenhang mit der Menschheitsentwickelung hinauf durch die Pforte des Todes in die geistigen Welten. Die Seelen, die sich sehnten nach diesen Gedanken, weil sie durch ihre eigene Pforte des Todes nur dasjenige haben tragen können, was ihnen als Ungedanken oder blaß gewordene Bildgedanken der Vorzeit vor die Seele trat, diese Seelen fanden in unserem Freunde den sie aufklärenden Genossen.
[ 33 ] So ist es schon nach dem Tode, wenn auch Oberflächliche glauben können, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, von selbst alle Geheimnisse überschaut. Das tut er nicht, denn wie er durch das Leben in der Embryonalzeit vorbereitet wird für das Leben außer dem Mutterleibe, so muß er für das Leben, das er verbringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, durch das Leben hier im Erdenleibe vorbereitet werden. Und für die Seelen, die, ohne im Erdenleibe Gedanken über das Mysterium von Golgatha empfangen zu haben, durch die Pforte des Todes geschritten sind, war ein Offenbarer der Mensch, der hinaufkam, seine Seele durchleuchtet von dem, was die neue ChristusVerkündigung der Seele sein kann.
[ 34 ] Durchdringen wir uns in aller Ehrfurcht in diesen Tagen des Jahres gerade mit solchen Gedanken. Nehmen wir sie auf in ihrer Konkretheit, wie sie im Zusammenhang mit unserer Anthroposophischen Gesellschaft an unsere Seele herantreten, nehmen wir sie in ihrer Konkretheit in unsere Seele auf, und versuchen wir es in diesen Tagen, von der vor unsere Seele rückenden geheimnisvollen Karfreitag-, Karsamstag-Festlichkeit die Kraft uns geben zu lassen, solche Dinge noch tiefer und immer tiefer zu verstehen. Benützen wir das, was uns diese auch für uns heiligen, tragisch-heiligen Tage sein können, um so recht auf uns wirken zu lassen dasjenige, was gerade bei solchem Anlaß in unserer Seele aufgehen kann, beleuchtend tiefste, tiefste Abgründe unseres ganzen Menschendaseins, wie es sich entwickelt durch die Erde hindurch, aber auch durch diejenigen Himmelskörper hindurch, die Wiederverkörperungen unserer Erde sein werden. Versuchen wir, das Osterereignis sein zu lassen im tiefen, im ganz tiefen Sinne ein Gleichnis, ein Bild desjenigen, was vom Ewigsten mit dem Wesen der Menschenseele — und dadurch mit unserer Selbsterkenntnis zusammenhängt.
