Wege der geistigen Erkenntnis und
der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung
GA 161
1 May 1915, Dornach
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Durch alle die Besprechungen, die in der letzten Zeit hier gepflogen worden sind, ging ein Grundzug. Dieser Grundzug enthielt den Ausdruck dafür, daß wir in unserer Gegenwart in der Tat innerhalb der ganzen Kulturentwickelung der Menschheit beobachten können die Notwendigkeit eines neuen Impulses, nämlich eines spirituellen Impulses, eines Impulses geistiger Erkenntnis.
[ 2 ] Es sollte in diesen Vorträgen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus eben gezeigt werden, daß gewissermaßen eine Zeit abgelaufen ist, die einen ganz bestimmten Charakter hatte, und daß eine neue Zeit beginnen muß. Die Zeit, die abgelaufen ist, ist gewissermaßen die Zeit der intensivsten materialistischen Denk- und Empfindungsweise, die Zeit, in welcher das materialistische Denken und Empfinden immer mehr und mehr durch Jahrhunderte hindurch Platz gegriffen hat im inneren Leben der Menschenseele. Aber ebenso wie das Pendel, wenn es nach der einen Seite ausgeschlagen hat, wiederum nach der anderen Seite, in der entgegengesetzten Richtung ausschlagen muß, so stehen wir vor einer Zeit, in welcher die Menschenseele wieder ergriffen werden muß von der Empfindung, daß in allem Sinnlichen, in allem Materiellen, geistige Impulse verborgen sind, geistige Kräfte verborgen sind, und die Geisteswissenschaft soll ja im wesentlichen vermitteln die Erkenntnis und das Erleben dieser geistigen Kräfte hinter den sinnlichen und materiellen Erscheinungen und Erlebnissen, der geistigen Kräfte, auf welche die Menschheit durch Jahrhunderte hindurch weniger Aufmerksamkeit, weniger Interesse hat verwenden können.
[ 3 ] Nun wissen wir alle, wie in unserer Zeit angeschwärzt, verketzert wird allein schon die Geltendmachung dessen, daß es der Menschenseele möglich ist, in geistige Welten hineinzutreten. Wir wissen, wie die mannigfaltigsten Faktoren des Lebens, bewußt oder unbewußt, sich gegen das Heraufkommen einer solchen Weltanschauungsströmung, wie es die geisteswissenschaftliche ist, wenden. Man könnte glauben, daß es in unserer Gegenwart ganz und gar absurd, töricht, phantastisch erscheinen würde, was die Geisteswissenschaft von sich aus zur Regelung des Lebens und seiner Tatsachen darbieten muß; wenn man aber auf dasjenige eingeht, was immerhin, ich möchte sagen, auch jetzt schon einsichtigere Menschen, aus etwas gründlicheren Lebensimpulsen heraus, geltend machen, so sieht das eben Geschilderte doch wieder anders aus.
[ 4 ] Ich möchte Sie zuerst heute hinweisen darauf, daß bei einsichtigeren Menschen der Gegenwart doch nicht überall ein solches Verschließen vorhanden ist gegenüber dem, was die Geisteswissenschaft geltend machen will, obzwar das Verschließen gegen die Geisteswissenschaft wohl da ist, aber nicht so sehr das Verschließen gegen das, was die Geisteswissenschaft geltend macht. Viele, viele Beispiele nach dieser Richtung wären da anzuführen. Ich will ein charakteristisches Beispiel einmal herausheben heute, das sich bezieht auf einen immerhin bedeutenderen Philosophen der jüngst verflossenen Zeit, auf den vor nicht langer Zeit verstorbenen Otto Liebmann.
[ 5 ] Die meisten von Ihnen werden den Namen Otto Liebmann gar nicht kennen, und das macht auch nichts. Aber ich möchte doch sagen, daß Otto Liebmann einer der scharfsinnigsten Zergliederer des menschlichen Gedankenlebens in der neueren Zeit gewesen ist, daß er dasjenige, was man Erkenntnistheorie nennen kann, nach allen Seiten hin durchgeackert hat, daß er sich überall die Frage vorgelegt hat: Was kann der menschliche Gedanke erfassen von der Wirklichkeit?
[ 6 ] Eine kleine Stelle aus den philosophischen Schriften Otto Liebmanns möchte ich Ihnen vorlesen, weil sie charakteristisch ist für einen Mann, der sein ganzes Leben hindurch sich abgemüht hat, zu ergründen, was der menschliche Gedanke ist, was die Gegenwart von ihm zu sagen vermag, wenn er sich stützt auf alle wissenschaftlichen Ergebnisse dieser unserer Gegenwart. Da sagt also Otto Liebmann: Es könnte jemand auf den Gedanken verfallen, in dem Hühnerei stecke nicht bloß Eiweiß und Dotter, sondern außerdem ein unsichtbares Gespenst darinnen; dieses Gespenst vermaterialisiere sich, und wenn es mit seiner Materialisierung fertig ist, sprenge es die Eischale mit dem spitzen Schnabel, laufe auf die Körner zu und picke sie auf.
[ 7 ] Zunächst, sagt er, könnte einem einfallen, daß in dem Ei ein Gespenst wäre, und wenn dann die Eischale aufgepickt ist, käme das Gespenst heraus und könne die Körner aufpicken. Wie werden sich diejenigen äußern, die auf dem Standpunkte stehen, sich aus der gegenwärtigen Wissenschaft eine Weltanschauung aufzubauen? Die werden es folgendermaßen tun: Wenn einer sagt, im Hühnerei darinnen steckt ein Gespenst, so ist er eben ein Narr. — So werden die gescheiten Leute der Gegenwart sprechen. Nur wendet man das bloß auf diejenigen an, die sich Theosophen oder Anthroposophen nennen! Was sagt aber der Philosoph, der sich um die Zergliederung des menschlichen Denkens in der Gegenwart so viel Mühe gegeben hat? Er sagt: Gegen diese Behauptung läßt sich nichts anderes einwenden, als daß die Präposition «im» Unsinn ist, wenn sie im physischen Sinne gebraucht wird; im metaphysischen Sinne ist sie ganz richtig. Daß man mit der Vorstellung, das Gespenst sitzt räumlich darinnen, nichts anfangen kann, ist ganz richtig; aber wenn man sie metaphysisch versteht, so läßt sich gegen sie nichts einwenden. Es ist die Präposition nur nicht im gewöhnlichen Sinne zu gebrauchen.
[ 8 ] Also die Tatsache liegt vor, daß ein Philosoph, der ein geistvolles Buch geschrieben hat «Analysis der Wirklichkeit» und ein Buch «Gedanken und Tatsachen» — im zweiten Heft 1899 der «Naturerkenntnis» steht dies von dem unsichtbaren Gespenst —, zugibt, daß man im Grunde genommen ganz auf dem Höhepunkte der heutigen Philosophie stehen kann und gar nicht anders kann, als zuzugeben, daß im Hühnerei darinnen wirklich ein unsichtbares Gespenst stecke.
[ 9 ] Selbstverständlich würde Otto Liebmann nie sich herbeilassen, in der Geisteswissenschaft etwas Vernünftiges zu sehen. Man könnte die Frage aufwerfen: Warum tut er denn das nicht? Warum würde er oder jemand, der so denkt wie er, nicht herangehen und sich einmal diese Geisteswissenschaft ansehen, um zu dem Urteil zu kommen: Ja, diese Geisteswissenschaft will ja im Grunde genommen gar nichts anderes, als in Wirklichkeit konstatieren, daß dieses unsichtbare Gespenst im Hühnerei wirklich darinnen ist! — Auf den Namen kommt es ja nicht an; es würde eben bei uns Ätherleib genannt werden, der wiederum von dem astralischen Leib durchsetzt ist. Der Geisteswissenschafter beschreibt eben, was da drinnen ist als unsichtbares Gespenst; der Geisteswissenschafter sagt also nichts anderes, als was die anderen sagen. Dennoch wird man sich nicht zur Geisteswissenschaft so leicht wenden. Man wird sie eine "Narretei, eine Phantasterei schelten, trotzdem sie von der Wissenschaft und von der Gedankenarbeit der Gegenwart energisch gefordert wird.
[ 10 ] Wie weit ist es nun von der Behauptung, daß im Hühnerei ein unsichtbares Gespenst steckt, zu der anderen, daß im menschlichen physischen Leib — die Anatomie und Physiologie untersuchen nur das Physische — auch etwas Unsichtbares darinnen steckt? Und wenn man sich hinweghelfen würde über die Anwendung der Präposition «im» darauf kommt es dem Philosophen ja an —, dann wäre man schon daran, auf etwas hinzuweisen, wovon die Geisteswissenschaft sagt, daß es in dem Ätherleibe, dem Astralleibe und dem Ich besteht. Die Geisteswissenschaft tut also nichts, wovon sich nicht streng nachweisen läßt, daß es wirklich gefordert wird von dem ganzen Gedanken- und Kulturprozesse der Gegenwart. Nur muß selbstverständlich die Geisteswissenschaft etwas weitergehen, denn bei der Ahnung kann es nicht bleiben: im Hühnerei steckt ein unsichtbares Gespenst —, insbesondere, wenn man damit zum Menschen übergeht. Da muß es klar sein, daß dasjenige, was unsichtbar im Menschen darinnen steckt, gewisse Eigenschaften, gewisse innere Wirklichkeitsfaktoren hat. Während man sich beim Hühnerei, ich möchte fast sagen, gespenstisch vorstellen kann: da steckt ein unbekanntes Gespenst darinnen —, muß man, wenn man zum Menschen vorschreitet, sich klar sein, daß der Mensch, wenn er im physischen Leibe wohnt, Bewußtsein entwickelt, dadurch Bewufßtsein entwickelt, daß der physische Leib ein so komplizierter Apparat ist. Dadurch ahnt man, daß das, was man hier unsichtbares Gespenst genannt hat, doch gelten muß als etwas, was dem Sichtbaren zugrunde liegt. Wenn nun das Äußere schon Bewußtsein hat, so muß man doch als selbstverständlich annehmen, daß auch das Innere Bewußtsein hat, daß man es nicht «bewußtlos» glauben kann.
[ 11 ] Die Wissenschaft wird darauf hinführen, einzusehen so etwas wie dasjenige, was die Geisteswissenschaft annimmt: daß es in dem physischen Leibe einen geistigen Menschen gibt. Und die Art des Bewußtseins dieses geistigen Menschen ist es ja, auf die uns die Geisteswissenschaft hinweist.
[ 12 ] Wir wissen heute schon, seit längerer Zeit schon, eine Antwort zu geben über die genauen Eigenschaften dieses dem Menschen zugrunde liegenden, unsichtbaren Gespenstes. Nehmen wir zunächst diese philosophischen Darbietungen der Gegenwart, so werden wir zugeben, es liegt auch dem Menschen ein unsichtbares Gespenst zugrunde. Wir fragen uns nun: Können wir über dieses unsichtbare Gespenst etwas wissen? — Jawohl; so wie der Mensch durch die sinnlichen Wahrnehmungen und durch die Gedanken, die an das Gehirn gebunden sind, Erkenntnisse über die äußere Welt erwirbt, erweitert auch dieses Wissen sich: denn in dem Gespenste leben die Imaginationen, lebt dasjenige, was wir beschrieben haben als imaginative Erkenntnis. Wir würden sehen können: nicht nur dem Hühnerei liegt ein unsichtbares Gespenst zugrunde, sondern im Menschen steckt der ätherische Leib darinnen, der, wenn ihm die Möglichkeit gegeben wird — es ist dies in unseren Schriften schon ausgesprochen —, sich vom physischen Leibe frei macht und eine imaginative Erkenntnis entwickelt, eine Erkenntnis, die in Imaginationen in der Welt arbeitet, die in bewegten Imaginationen vor der Seele steht.
[ 13 ] Es muß schon einmal die Frage vorgelegt werden: Worauf beruht es eigentlich, daß die Geisteswissenschaft heute so viele Gegner findet, trotzdem im Grunde die Leute, die sich selber nicht verstehen, auf das kommen und auf das hinweisen, was die Geisteswissenschaft sagt?
[ 14 ] Meine lieben Freunde, da muß etwas gesagt werden, was, ich möchte sagen, gefährlich ist auszusprechen, jedenfalls nicht ungefährlich. Warum würde Otto Liebmann zweifellos, wenn er ein geisteswissenschaftliches Buch in die Hand bekäme, sagen: Das ist mir zu töricht, zu närrisch —, während er doch sozusagen selber vor der Pforte der geistigen Welt steht? Warum lebt er in dieser sonderbaren Selbsttäuschung, daß er zwar vor der Pforte steht, aber wenn jemand kommt und ihm das Tor aufmachen will, sagen würde: Nein, da gehe ich nicht hinein. — Warum? Das ist doch nicht besonders vernünftig!
[ 15 ] Manchmal erreicht man doch etwas durch Vergleiche, und deshalb möchte ich mit einem Vergleich die Frage beantworten: Warum gibt es unter den Besten der Gegenwart solche vor der Geisteswissenschaft zurückschreckende Menschen?
[ 16 ] Ich möchte da ebenfalls auf etwas aufmerksam machen, worüber wir schon gesprochen haben: auf das, was ich schon gesagt habe über den Schlaf und die Ermüdung. Man redet heute vielfach darüber, wie es kommt, daß die Menschen schlafen müssen, und man sagt sich: weil sie ermüdet sind. So daß die Ermüdung im wesentlichen als die Ursache des Schlafes angesehen wird. So redet man heute vielfach. Nun weiß zwar jeder aus der gewöhnlichsten Erfahrung des Lebens, daß irgendein Rentier, der, sagen wir, aus Courtoisie einen schönen Vortrag besucht, oftmals, kaum nachdem der Vortrag begonnen hat, sogleich einschläft, auch wenn er nicht ermüdet ist, woraus jeder den Schluß ziehen könnte, daß die Ermüdung durchaus nicht die Ursache des Schlafes ist. Im Gegenteil, die Sache würde richtiger ausgedrückt werden, wenn wir nicht sagen würden: Wir schlafen, weil wir ermüdet sind —, sondern sagen würden: Wir fühlen uns ermüdet, weil wir schlafen wollen. — Das würde der richtigere Ausdruck sein.
[ 17 ] Das Schlafen besteht nämlich im wesentlichen darin, daß der Mensch, indem er mit seinem Ich und seinem astralischen Leibe aus dem physischen Leibe und dem Ätherleibe herausgeht, seinen physischen Leib und seinen Ätherleib von außen genießt, man möchte sogar sagen, nicht nur genießt, sondern verdaut; während, wenn er im physischen Leib und im Ätherleib darinnen ist, er mit seinem Bewußtsein in der äußeren Welt lebt. Merken Sie wohl, was damit eigentlich gesagt ist. Sind wir außerhalb unseres physischen Leibes und Ätherleibes mit unserem Ich und unserem Astralleibe, so wenden wir allen Willen und alle Begehrlichkeit nach dem physischen Leibe und dem Ätherleibe hin, wir genießen und verdauen den physischen Leib und den Ätherleib von außen; während die äußere Welt Eindrücke macht auf uns, wenn wir im Ätherleibe und im physischen Leibe darinnen stecken.
[ 18 ] Nun beruht alles, was in der Welt ist, auf Periodizität, geradeso wie es beim Pendel ist. Wenn das Pendel nach der einen Seite bis zu einem gewissen Punkte hinaufgegangen ist, so geht es wieder hinunter und auf der anderen Seite hinauf bis zu derselben Höhe, durch die Kraft, die es sich beim Herunterfallen erworben hat. So wie das Pendel nicht nur bis hierher gehen kann, sondern dann wieder zurück muß und hinauf bis zu dem Punkte, den es erreicht hatte bevor es heruntergegangen war, so sind Schlafen und Wachen einander entgegengesetzt. Im gröbsten Sinne laßt es sich so sagen.
[ 19 ] Nehmen wir an, wir haben vom Aufwachen bis zum Einschlafen uns interessiert für die äußere Welt und deren Ablauf. Dieses Aufnehmen der äußeren Welt war so, wie das Pendel nach der einen Seite ausschlägt. Wenn wir das, was äußere Welt ist, genügend aufgenommen haben, dann entwickelt sich durch die Übersättigung, durch das Genughaben von der äußeren Welt, das normale Bedürfnis, auch uns selber wieder zu genießen, von uns selber den Genuß zu haben, den wir sonst in der äußeren Welt haben: wir schlafen ein. Und haben wir mit diesem Genuß genügend uns aus uns herausgepreßt, dann können wir auch wieder aufwachen. Es ist ein Hin- und Herschlagen, eine Periodizität, die, wie draußen im Mechanismus, regelmäßig ablaufen wird. Aber den Menschen kann Luzifer und Ahriman wirklich herausheben aus dem ganzen Naturlaufe. So kann der Mensch, wenn er zu einem Vortrage oder zu einem Konzerte aus Courtoisie gegangen ist, nicht weil er zuhören will, herausgehen und kann sein Interesse ablenken. Er geht heraus und genießt sich, weil er sich interessanter findet als dasjenige, was äußerlich um ihn herum abläuft.
[ 20 ] So kann man sehen: Derjenige, welcher in anormaler Weise in Schlaf verfällt, hat einfach kein Interesse an der Umwelt, an dem, was in der Umwelt vorgeht. Nichts anderes liegt aber vor bei solchen Menschen, von denen ich gesprochen habe, die eigentlich hingewiesen werden auf dasjenige, was die Geisteswissenschaft darbietet. Otto Liebmann ist auf geisteswissenschaftlichem Gebiete ein solcher Mann, wie der, welcher aus Courtoisie ein Konzert oder einen Vortrag besucht und gleich einschläft. Er geht hin, aber eigentlich will er doch nicht dasjenige aufnehmen, was darinnen geboten wird.
[ 21 ] In einem höheren Stile kann man dasselbe sagen von Menschen wie Otto Liebmann. Sie kommen zur Philosophie, ins Land des Geistes durch Zusammenhänge, die in unserer Welt sind. Man schreibt eine Dissertation, ein Buch, dann wird man als Dozent auf das Gymnasium geschickt; man erweist sich als guter Denker und wird dann auf die Universität geschickt. Das Philosophische ist maskierte Weltcourtoisie. Man braucht nicht den inneren Ruf nach dem Lande des Geistes zu haben, Weltcourtoisie ist das. Man geht bis zum Tore, geht auch hinein, und schläft ein; schläft nicht gleich — wie der satte Rentier, der zum Konzert geführt wird, schläft, auch wenn er gar nicht ermüdet ist —, man schläft ein wie durch einen Mangel an Interesse für das Gegenstandsbewußtsein; aber man kann nicht aufwachen für das imaginative Bewußtsein. Ist es einem unmöglich aufzuwachen für das imaginative Bewußtsein, so schläft man sogleich ein in dem Augenblicke, wo etwas erzählt wird von der geistigen Welt. Mit anderen Worten: es ist den Leuten zu schwer, von der Geisteswissenschaft etwas aufzunehmen. Und es ist deshalb nicht so ganz ungefährlich das festzustellen, weil die Menschen nun sagen: Also seid Ihr diejenigen, die das betreiben, was anderen Menschen, bedeutenden Menschen so beschwerlich ist! — Wir werden aber, da wir uns der Schwierigkeit bewußt sind, nicht gerade hochmütig werden. Aber wir werden auch wissen, daß dasjenige, worin wir uns begegnen müssen, deshalb von der Welt bekämpft wird, weil die Menschen sich nicht einlassen wollen auf so schwierige Sachen, eben weil sie ihnen zu schwierig sind.
[ 22 ] Nun wollen wir noch etwas genauer auf die Schwierigkeiten achten,
[ 23 ] die da bestehen. Wir wollen darauf hinweisen, indem wir fragen: Worin besteht das gewöhnliche Denken der Menschen vom Aufwachen bis ‚zum Einschlafen? Worin besteht es? Nun, der grobmaterialistische Denker meint: es besteht darinnen, daß der Mensch ein Gehirn mit außerordentlich feiner Struktur hat, daß in diesem Gehirn Prozesse vor sich gehen, und daß, weil diese Prozesse vor sich gehen, das Denken eintritt. Das Denken ist eine Konsequenz dieser Gehirnprozesse —, meint er.
[ 24 ] Ich habe Sie schon darauf aufmerksam gemacht, daß das so ist, wie wenn jemand sagte: Ich gehe über die Straße; da sind Fuß- und Räderspuren. Woher sind diese Räderspuren gekommen? Die Erde unten, die hat das wohl gemacht, die Erde hat die Fuß- und Räderspuren selbst hervorgetrieben. — Logisch ganz auf derselben Stufe steht der, welcher denkt, das Gehirn macht durch sich selber solche Eindrücke. Ganz dasselbe ist es, wenn einer auf der Straße geht, auf der Straße allerlei Spuren sieht und dann sagt: Aha, da ist diese Erde da, die ist innerlich mit allerlei Kräften fein durchzogen, mit Kräften, die solche Spuren machen. — Ganz dasselbe ist es, wenn der Physiologe kommt und das menschliche Gehirn anschaut und darin alle möglichen Vorgänge konstatiert und sagt: Das macht alles das Gehirn. — So wenig diese Spuren am Erdboden bewirkt werden durch den Erdboden selber, sondern durch die Menschen und Wagen, die sich auf dem Wege fortbewegen, so wenig wird das, was der Anatom und der Physiologe entdecken, bewirkt durch das Gehirn, sondern vielmehr durch die Kräfte, die sich im Ätherleibe bewegen.
[ 25 ] Dadurch werden Sie darauf kommen, worin die Täuschung des Materialismus besteht. Es gibt nichts im alltäglichen Leben, was nicht auf das Gehirn einen Eindruck machte. Geradeso wie jeder Schritt einen Eindruck in die Erde macht, und wie Sie nachweisen können, daß jeder Ihrer Schritte einen Eindruck erzeugt hat, so können Sie nachweisen, daß das, was da gewollt und gedacht wird, einen Eindruck, eine Wirkung auf das Gehirn ausübt. Aber das ist nur die Spur davon, das ist nur das, was zurückgelassen ist von dem Denken. Das Denken geht nämlich im Ätherleibe vor sich, und in Wahrheit ist alles das, was Sie als Denken empfinden, nichts als innere Tätigkeit des Ätherleibes. Solange wir im physischen Leibe sind, brauchen wir den physischen Leib für das Denken. Auch das ist sehr leicht einzusehen, warum der Materialist auf die Wahrheit nicht kommt. Der Materialist sagt: Um Gottes willen, da siehst du ja doch, daß du ein Gehirn haben mußt, sonst kannst du ja nicht denken! Also siehst du auch, daß dein Gehirn eigentlich das Denken macht. — Dieser Schluß ist gerade so gescheit, wie wenn einer sagte: Ich kann dir beweisen, daß diese Spur da auf dem Wege von dem Boden selber gemacht worden ist. Ich werde ein Stück von dem Boden wegräumen, und du wirst sehen, daß du ohne ihn nicht gehen kannst. Der Boden ist notwendig; so ist es auch notwendig, daß wir ein Gehirn haben, damit wir im physischen Leibe denken können.
[ 26 ] Es ist notwendig, daß man sich diese Dinge klarmacht, denn man lernt da erst erkennen, unter welchen ungeheuren Irrtümern das Denken der Gegenwart leidet, mit welcher Summe von Irrtümern sich dieses Denken der Gegenwart selber narrt, und wie eine Gesundung stattfinden muß durch jenes schwierigere Wissen, welches nicht etwa keine Rücksicht nimmt auf den physischen Leib: wenn wir mit dem physischen Leibe gehen, müssen wir den Boden unter unseren Füßen haben; wenn wir in der physischen Welt denken, so müssen wir eine Widerlage als Boden für das Denken haben: das Nervensystem. Wenn wir aber unsere Denkarbeit zurückverlegen in unseren astralischen Leib, dann wird für uns der Ätherleib dasselbe, was dann, wenn wir im Ätherleibe denken, der physische Leib ist.
[ 27 ] Schreiten wir zum imaginativen Denken fort, dann denken wir im astralischen Leibe, und der ätherische Leib behält dann die Spuren, wie sonst, wenn im Ätherleibe gedacht wird, der physische Leib die Spuren behält. Und wenn wir nach dem Tode außerhalb des physischen Leibes sind und auch den Ätherleib abgelegt haben, wie das oftmals beschrieben worden ist, dann ist unsere Widerlage der äußere Lebensäther, dann schreiben wir dasjenige, was der Astralleib und später das Ich entwickelt, in den ganzen Weltenäther ein.
[ 28 ] So also ist der Vorgang, den wir durchmachen bei dem, was man die erste Stufe der Initiation nennt. Dieser Vorgang ist der, daß wir unser Denken zurückverlegen — es bleibt nicht Denken, es ist nur die Tätigkeit des Denkens —, daß wir unser Denken zurückverlegen vom Ätherleib in den Astralleib, und die Aufbewahrung der Spuren, die früher dem physischen Leibe obgelegen hat, dem flüchtigeren Ätherleibe auferlegen. Das ist das Wesentliche des ersten Schrittes der Initiation: die Zurückverlegung dieser Tätigkeit, die vorher der Ätherleib ausgeführt hat, auf den astralischen Leib.
[ 29 ] So sehen wir, daß wir, während wir in imaginativen Erkenntnissen leben, uns gewissermaßen zurückziehen von dem physischen Leibe auf den Ätherleib, und dann keine weiteren Spuren in den physischen Leib eingraben. Dadurch geschieht es, daß für den, der diese ersten Schritte der Initiation durchmacht, dieser physische Leib, von dem er sich zurückzieht, objektiv wird, daß er ihn jetzt außerhalb seines astralischen Leibes und Ichs hat. Früher hat er darinnen gesteckt; jetzt ist er außerhalb. Er denkt, fühlt und will im astralischen Leibe. Den Ätherleib beeinflußt er, macht Spuren darin; aber den physischen Leib beeinflußt er nicht mehr, den sieht er jetzt wie etwas Äußeres.
[ 30 ] Das ist gewissermaßen der normale Gang in bezug auf die ersten Schritte in der Initiation. Er spricht sich im subjektiven Erleben in einer ganz bestimmten Weise aus.
[ 31 ] Nun will ich Ihnen zuerst durch eine Art schematischer Zeichnung klarmachen, worin diese ersten Schritte der Initiation bestehen. Nehmen wir an, das sei das menschliche physische Haupt, so sei der Ätherleib um dieses menschliche physische Haupt herum. Wenn nun der Mensch anfängt, dasjenige zu entwickeln, wovon ich gesprochen habe, wenn er anfängt, imaginative Erkenntnisse zu entwickeln, dann vergrößert sich der Ätherleib in dieser Weise, und das Eigenartige ist dabei, daß natürlich dem parallel gehen die Erscheinungen, die wir beschrieben haben als die Ausbildung der Lotusblumen. Der Mensch wächst gleichsam ätherisch aus sich heraus, und das Eigentümliche ist, daß der Mensch, indem er ätherisch also aus sich herauswächst, außerhalb seines Leibes etwas ähnliches entwickelt, möchte ich sagen, wie eine Art Ätherherz.
[ 32 ] Als physische Menschen haben wir unser physisches Herz, und wir wissen alle zu schätzen den Unterschied zwischen einem trockenen, abstrakten Menschen, der wie eine richtige Maschine seine Gedanken entwickelt, und einem Menschen, der mit seinem Herzen bei alledem ist, was er erlebt; ich meine, mit seinem physischen Herzen dabei ist. Diesen Unterschied wissen wir alle zu schätzen. Dem trockenen Schleicher, der mit seinem Herzen nicht ist bei dem, was er in der Seele erlebt, muten wir nicht viel zu in bezug auf wirkliche Welterkenntnis auf dem physischen Plan. Eine Art geistiges Herz, das außerhalb unseres physischen Leibes ist, bildet sich aus, parallel all den Erscheinungen, die ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», so wie sich das Blutnetz bildet und im Herzen sein Zentrum hat. Dieses Netz geht außerhalb des Leibes, und wir fühlen uns außerhalb des Leibes dann herzlich verbunden mit demjenigen, was wir geisteswissenschaftlich erkennen. Nur muß man nicht verlangen, daß der Mensch sozusagen mit dem Herzen, das er im Leibe hat, bei dem geisteswissenschaftlichen Erkennen dabei ist, sondern mit dem Herzen, das ihm außerhalb des Leibes wird; mit dem ist er herzlich bei dem, was er geisteswissenschaftlich erkennt.
[ 33 ] Man kann gewiß auch sagen, wenn man so dasjenige durchliest, was auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft geschrieben ist: Das ist wiederum nun wissenschaftlich trocken, das ist Wissenschaft. Da muß man ja wieder lernen! Man muß schon sowieso genug im Leben lernen und nun soll man noch das, was die Geisteswissenschaft sagt, lernen! Da ist ja kein Herz darinnen. — Man wird das Herz schon darinnen entdecken, wenn man nur genügend tief hineingeht in die Dinge.
[ 34 ] Gewiß, viele Leute sagen: Ach, die Theosophie muß darinnen bestehen, daß der Mensch vor allen Dingen in seinem Ich eins wird mit der ganzen Welt. — Dieses «Einswerden», dieses «Entwickeln des Gottmenschen im Menschen», diese «Auffindung des göttlichen Ich» und so weiter sind beliebte Phrasen von solchen, die Theosophen sein wollen, ohne die Theosophie zu kennen. Das alles entspringt nur daraus, daß man sich nicht einlassen will auf die Entwickelung von Herzenswärme, auch wenn man nicht mehr unterstützt wird durch die Lebenswärme des physischen Herzens. Geradeso wie Lichtenberg gesagt hat: «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen, und es klingt hohl, so muß nicht gerade das Buch daran schuld sein», könnte man sagen: Wenn ein Mensch mit Geisteswissenschaft zusammenkommt, und er findet darin eben die Herzenswärme nicht, so muß ja nicht die Geisteswissenschaft daran schuld sein. — Alles das, was ich jetzt als normalen Gang zum Hellsehertum beschrieben habe, besteht darinnen, daß der Mensch seinen Ätherleib, ja selbst auch die höheren Glieder der Organisation, heraushebt aus dem physischen Leibe, daß er sich ein Herz eingliedert außerhalb des Umfangs des physischen Leibes.
[ 35 ] Worauf beruhen denn die gewöhnlichen Gedanken? Sehen Sie, solch ein Gedanke wird wirklich im Ätherleibe nur entwickelt; aber nun stößt er an den physischen Leib an, er macht überall im Gehirn darinnen Eindrücke. Wenn man das Wesentliche, worauf es ankommt bei dem Denken des Alltags, sich vor die Seele führt, so kann man sagen: Es beruht darauf, daß man denkt im Ätherleibe, und daß das Gedachte auf das Nervensystem des Gehirns fällt; es macht da Eindrücke, aber diese Eindrücke gehen nicht tief, sondern sie prallen zurück. Und dadurch spiegelt sich das Denken, dadurch kommt es uns zum Bewußtsein. Also ein Gedanke besteht zunächst darinnen, daß wir ihn in der Seele haben bis zum Ätherleibe hin; dann macht er einen Eindruck auf das physische Gehirn, da kann er aber nicht hinein und muß daher zurück. Diese zurückgeprallten Gedanken nehmen wir wahr. Und da kommt die Physiologie her und zeigt die Spuren, die im physischen Gehirn darinnen entstanden sind.
[ 36 ] Was wäre es denn nun, wenn der Gedanke nicht zurückprallte, sondern wenn er ins Gehirn hineinginge und darinnen bloß Prozesse verursachen würde? Wenn er nicht zurückprallte, könnten wir ihn nicht wahrnehmen; dann würde er ins Gehirn hineingehen und da einfach Prozesse verursachen. Es wäre denkbar, daß der Gedanke, statt zurückgeworfen zu werden, ins Gehirn hineinginge. Da würden wir kein Bewußtsein haben, denn das Bewußtsein entsteht erst, indem der Gedanke reflektiert wird.
[ 37 ] Es gibt aber eine solche Tätigkeit der Seele, die in den Leib hineingeht: das ist das Wollen. Das Wollen unterscheidet sich dadurch vom Denken, daß das Denken zurückprallt an der Leibesorganisation und im Spiegelbilde wahrgenommen wird, das Wollen aber nicht. Bei ihm ist es so, daß es in die Leibesorganisation hineingeht, und es wird dann ein physischer Leibesprozeß hervorgerufen. Das bewirkt, daß wir gehen oder die Hände bewegen und so weiter. Das eigentliche Wollen entsteht auf ganz andere Weise als der Gedanke. Der entsteht dadurch, daß er zurückprallt. Das Wollen aber geht in die Leibesorganisation hinein, wird nicht zurückgeworfen, sondern bewirkt in der Leibesorganisation bestimmte Prozesse.
[ 38 ] Nun gibt es aber in einem Teile unserer Leibesorganisation doch noch die Möglichkeit, daß so etwas, was da untertaucht, wiederum zurückprallt. Verfolgen Sie wohl dasjenige, was ich sagen werde. Bei unserem Gehirndenken geht das so vor sich, daß die Gedankentätigkeit sich entwickelt in dem ätherischen Gehirn, an dem physischen Nervensystem zurückprallt, und daß uns dadurch die Gedanken zum Bewußtsein kommen. Beim Hellsehen stoßen wir gleichsam das Gehirn zurück. Wir denken mit dem astralischen Leibe, und es wird uns schon das Denken zurückgeworfen durch den Ätherleib.
[ 39 ] Hier (siehe Zeichnung I) ist Außenwelt, hier der physische Leib (beim Gehirndenken); hier beim Hellsehen die Außenwelt, dasjenige was wir verarbeiten mit dem astralischen Leibe (siehe Zeichnung II); den Ätherleib lassen wir das zurückwerfen, und den physischen Leib lassen wir ganz ausgeschaltet.
[ 40 ] Hier (siehe Zeichnung I), wenn wir wollen, taucht aber die Tätigkeit der Seele in den physischen Leib hinein. Daher, wenn wir gehen, die Hand bewegen, ist es die Seele, die das tut. Aber ihre Tätigkeit muß innere, organische, materielle Prozesse bewirken, und in denen lebt sich die Tätigkeit der Seele aus. Ich möchte sagen: der Wille besteht darinnen, daß die Tätigkeit der Seele erstirbt in der materiellen Betätigung im Leibe.
[ 41 ] Fragen Sie sich jetzt: Wie leben wir eigentlich, wenn wir in unserem Denken leben? Ich möchte sagen, in unserem Denken leben wir hart an der Grenze der Ewigkeit. In dem Augenblicke, wo wir den physischen Leib ausschalten und von dem Ätherleibe unsere Gedanken zurückstrahlen lassen, leben wir in dem, was wir durch die Pforte des Todes tragen. Solange wir von dem physischen Leibe die Gedanken zurückstrahlen lassen, leben wir in dem, was zwischen der Geburt und dem Tode da ist. Wenn wir aber wollen, so gehört unser Wollen lediglich unserem physischen Leibe an. Unser physischer Leib ist da, damit er Tätigkeit entwickle. Während das Denken sozusagen schon an der Pforte der Ewigkeit steht, ist das Wollen für den physischen Leib gestiftet.
[ 42 ] Erinnern Sie sich, daß ich in einem der Vorträge gesagt habe: Das Wollen ist das Baby, und wenn es älter wird, dann wird es zum Denken. Das stimmt überein mit dem, was wir heute von einem anderen Gesichtspunkte aus entwickeln können. Das Wollen ist in die Zeitlichkeit hineingebannt, und nur dadurch, daß der Mensch sich entwickelt, daß er immer weiser und weiser wird, immer mehr mit Gedanken sein Wollen durchdringt, erhebt er das, was geboren wird im Wollen, aus der Zeitlichkeit in die Sphäre der Ewigkeit hinauf, erlöst er sein Wollen aus seinem Leibe.
[ 43 ] Aber in einem Teile seines Leibes ist etwas eingeschaltet: das untergeordnete Nervensystem, das Gangliensystem, das Bauchnervensystem; das Sonnengeflecht wird oftmals auch ein Teil desselben genannt. Dieses Nervensystem ist so, wie es sich jetzt im Menschen entwickelt, ein unvollkommenes Organ; es ist erst in den allerersten Anlagen vorhanden. Später wird es sich weiter ausbilden. Aber geradeso wie man von einem Kinde weiß, daß es noch die Eigenschaften entwickeln kann, die man als Erwachsener entwickelt, so kann man wissen, daß dieses Nervensystem, das heute dazu dient, organische Tätigkeiten zu versorgen, sich noch entwickeln wird. Dieses Nervensystem, das neben dem eigentlichen Gehirn und Rückenmarksystem und neben den in den Gliedmaßen verzweigten Nerven hergeht, dieses Bauchnervensystem ist heute noch nicht so entwickelt, daß es dasjenige tun könnte, was es tun wird, wenn der Mensch einmal auf dem Jupiter sein wird. Da werden das Gehirn und das Rückenmark zurückgebildet sein, und das Bauchnervensystem wird eine ganz andere Ausbildung haben, als es heute hat. Dann wird es an der Oberfläche des Menschen gelagert sein. Denn alles das, was zuerst darinnen ist in dem Menschen, lagert sich später an der Oberfläche des Menschen ab.
[ 44 ] Dafür aber benützen wir auch für das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod dieses Nervensystem nicht direkt, wir lassen es im Unterbewußten liegen. Aber es kann eintreten durch abnorme Verhältnisse, daß dasjenige, was im menschlichen Willen und Begehrungsvermögen liegt, hineingeht in den menschlichen Organismus, und daß es durch abnorme Verhältnisse, über die wir noch sprechen werden, zurückgeworfen wird vom Bauchnervensystem, so wie sonst der Gedanke vom Gehirn zurückgeworfen wird. Der Wille geht hinein ins Gangliensystem, aber, statt daß er Tätigkeit wird, wird er zurückgeworfen von dem Gangliensystem, und es entsteht im Menschen etwas, was sonst im Gehirn entsteht. Es entsteht ein Prozeß im Menschen, den man auch so charakterisieren kann: Wenn Sie den Übergang vom gewöhnlichen Wachzustande zum Hellsehen ins Auge fassen, so können Sie sehen, wie in uns im gewöhnlichen Nervensystem unser Denken, Fühlen und Wollen sich spiegeln — Fühlen und Wollen insofern sie Gedanken sind —, dasjenige aber, was Wollen ist, lassen wir untertauchen in die Organisation.
[ 45 ] Im Hellsehen bilden wir uns — außerhalb des Leibesraumes sozusagen — damit aber auch ein gegenüber dem Gehirn höheres Organ. Wie unser gewöhnliches Gehirn mit unserem physischen Herzen zusammenhängt, so hängt dasjenige, was draußen, im Astralleibe, als Gedanke sich entwickelt, mit diesem Ätherherzen zusammen. Das ist höheres Hellsehen: Kopfhellsehen.
[ 46 ] Aber es kann der Mensch auch den umgekehrten Weg machen. Er kann mit dem, was in dem «Baby» Wollen steckt, in die Organisation so hineingehen, daß das Wollen zu einem Denken wird, während er sonst das Denken zum Wollen gemacht hat. Das ist die tiefere Begründung von dem, was ich vor einiger Zeit hier angeführt habe als den Unterschied zwischen Kopfhellschen und Bauchhellsehen. Beim Kopfhellsehen wird ein neues Ätherorgan gebildet, in dem man unabhängig wird von der Leibesorganisation. Beim Bauchhellsehen appelliert man an das Gangliensystem, appelliert man an dasjenige, was sonst unberücksichtigt bleibt. Daher sind die Ergebnisse des Bauchhellsehens flüchtiger als die gewöhnlichen Wacherlebnisse, sie haben keine Bedeutung für die Seelen, wenn diese durch die Pforte des Todes gehen. Alles was durch Kopfhellsehen gewonnen ist, hat eine geistige, dauernde Bedeutung auch für die ‚Seelen, welche durch die Pforte des Todes gegangen sind, hat mehr Bedeutung als das wache Tageserleben. Das, was durch Bauchhellsehen gewonnen wird, hat sogar eine noch geringere Bedeutung für das Leben nach dem Tode als das alltägliche wache Wissen. Jedes somnambule Hellsehen steht unter dem wachen Tagesbewußtsein, nicht darüber. Dagegen spricht gar nicht, daß allerlei poetische und sonstige Eigenschaften entwickelt werden können durch das Bauchhellsehen; weil in dem Augenblicke, wo dieses Bauchhellsehen eintritt, es wirklich die Gänglien sind, welche stets das Wollen in den physischen Leib hineingeben. Dadurch wird in den Ganglien die Tätigkeit des Ätherleibes zurückgehalten und strahlt zurück, und dadurch nimmt man dann wahr dasjenige, was man nicht durch das Gehirn wahrnehmen kann. Man kann dadurch Gedanken wahrnehmen, die man sonst durch das Gehirn nicht wahrnimmt; aber es bleibt doch eine untergeordnete Tätigkeit. Sie sehen, daß man scharf unterscheiden kann zwischen dem, was man als Kopf- und was man als Bauchhellsehen bezeichnet. Nun können Sie fragen: Wie unterscheide ich, ob ich Kopfhellsehen oder Bauchhellsehen entwickele? — Man kann nur sagen: Kopfhellsehen wird sich immer dann bilden, wenn man in unserem Menschheits-Zeitenzyklus dieses Hellsehen wirklich sucht auf dem Wege, wie er angegeben wird, durch Meditation und Konzentration, und wenn man alles ausbildet, was sich auf dem Wege der Meditation und Konzentration ergibt. Das Bauchhellsehen ist etwas, was sich nicht auf dem Wege der Meditation und der Konzentration ergibt. Das Bauchheilsehen beruht darauf, daß das Gangliensystem empfunden wird, und das kann durch die verschiedensten abnormen Verhältnisse des Lebens geschehen. Es ist bequemer, Bauchhellseher zu sein, weil es in gewissem Sinne von selbst kommt, während das Kopfhellsehen im strengsten Sinne des Wortes erworben werden muß. Darum ist es das beste, sich nicht zu sagen, wenn ein Hellsehen von selbst auftritt, man sei ein gottbegnadeter Mensch, dem etwas gegeben wird, was er nicht erworben hat; denn da ist es das beste, mißtrauisch zu sein. Man kann an einzelnen Beispielen zeigen, wie Bauchhellsehen entstehen kann. Kopfhellsehen wird auf keine andere Weise entstehen, als indem man fleißig und regelmäßig durch Meditation und Konzentration sich auf gewisse Stufen der Initiationsentwickelung bringt. Bezüglich des Bauchhellsehens will ich, weil es in einem etwas anderen Sinne als dies vorhin der Fall war, nicht ungefährlich ist, von diesen Dingen zu sprechen, einen der harmlosesten Fälle anführen, wodurch einer Bauchhellseher werden kann.
[ 47 ] Nehmen wir an, ein Mensch wächst unter solchen Bedingungen auf, daß sich in seiner Seele früh die Begierde entwickelt, sagen wir, im äußeren physischen Leben ein möglichst «hohes Tier» zu werden, wie Geheimrat, Hofrat, Staatsrat, wo es solche gibt. Nehmen wir also an, es wächst früh die Begierde: man will so ein Geheimer Hofrat oder Regierungsrat und so weiter werden. Daß man so etwas werden will, heißt: ehrgeizig sein. Dieser Ehrgeiz lebt in der Begierdennatur, kann brennen, furchtbar, in der Begierdennatur. Der Mensch macht sich nicht klar: Du willst Geheimer Hofrat werden; aber es brennt ihn seine Begierde, und er geht mit dieser brennenden Begierde durch die Welt und wächst heran mit seiner Begierde. Daher geschieht es, daß seine Begierde nicht immer regulär hineingeht in die physische Organisation. Etwas stört. Wenn einer Geheimer Hofrat wird, so wird er kein Bauchhellseher. Wenn er aber Geheimer Hofrat werden will und es nicht wird und mit dem brennenden Ehrgeize durch die Welt geht, der an ihm frißt und frißt, dann kann er es werden. Diese Begierde muß aber sehr stark sein. Da unter uns niemand ist, der Geheimer Hofrat werden will, so kann ich das alles wohl sagen. Wenn diese Begierde frißt und frißt, dann bleibt sie stecken im Organismus, und dann gewöhnt sich das Gangliensystem daran, zurückzuwerfen die Begierde, und es ist möglich, mit den zurückgespiegelten Begierden so Hellseher zu werden. Dadurch ist es dann möglich, daß, wenn er zum Beispiel wohnt in Berlin in Schönhauserallee 25, und ein anderer, der in Schönhauserallee 23 wohnt, Hofrat wird, er dieses Ereignis gerade durch das besonders ausgebildete Hellsehen wahrnimmt. Das rührt davon her, daß sein Gangliensystem besonders empfänglich gemacht worden ist durch die ihm innewohnende Begierde, Geheimer Hofrat zu werden. Und wenn ein anderer etwas anderes wird, was auch ungefähr in dieser Richtung liegt, so wird er gerade für solche Dinge ein feines, intensives Hellsehen entwickeln können.
[ 48 ] Ein solches Hellsehen entwickelt sich gewöhnlich auf einem bestimmten Gebiete. Da Sie wissen, daß es auch andere Begierden im Leben gibt, als die von mir harmlos gewählten, so werden Sie sehen, durch welche Begierden die verschiedenen Formen und Gebiete dieses Hellsehens geweckt werden können. Denn sie strömen im Organismus, diese Begierden, weil sie unbefriedigt bleiben im physischen Leben, während sie doch da sind. Sie werden also sehen, durch welche Begierden Bauchhellsehen gezüchtet werden kann; es wird immer durch Begierde gezüchtet, man sieht es nur nicht immer ein. In der brennenden Begierde, die zurückgespiegelt wird, spiegeln sich auch die Ereignisse, die dann wahrgenommen werden können im Ätherleibe. Sie haben jetzt einen genaueren Blick tun können in den tieferen Zusammenhang des Kopf- und des Bauchhellsehens. Wir brauchen diese Dinge, weil sie zusammenhängen mit dem, was ich morgen entwickeln werde.
