Kunst- und Lebensfragen
im Lichte der Geisteswissenschaft
GA 162
1 August 1915, Dornach
Elfter Vortrag
[ 1 ] Hinweisen konnten wir gestern darauf, wie der Intellekt, also alles dasjenige, was zusammenhängt mit unserer Begriffs- und Vorstellungsbildung, gewissermaßen losgelöst ist, namentlich für das abendländische Denken losgelöst ist von dem inneren Erquellenden, von dem inneren Schaffenden und Wirkenden, und wie dadurch der Mensch dazu kommt, in dem, was er als Vorstellungen, als Begriffe aufnimmt, bloß die Bilder von etwas Äußerem zu sehen und nicht darauf zu achten, wie mit den Vorstellungen, mit dem Denken zu gleicher Zeit in uns selber etwas geschieht, ein inneres Werden sich vollzieht, ein inneres Geschehen sich abspielt.
[ 2 ] Und gewissermaßen als den polarischen Gegensatz habe ich gestern schon erwähnt das Gebanntsein von Gefühls- und Willensimpulsen wiederum in das Innere des Menschen, so daß der Mensch, indem er fühlt, indem er in sich Willensimpulse rege macht, dann das Bewußtsein hat, er sei in diesem Erfühlen, in diesem Willensimpulse-Regemachen ganz nur in sich selber, habe es da nur mit sich zu tun, und das, was sich im Gefühls- und Willensimpuls auslebt, beziehe sich nicht auf irgend etwas draußen in der Welt, im Kosmos. Mit unserem Gefühle glauben wir gewissermaßen nur unser Innenleben zum Ausdruck zu bringen, glauben etwas zu erleben, was nur mit diesem Inneren zusammenhängt.
[ 3 ] Ich habe darauf aufmerksam gemacht: dies rührt davon her, daß gewisse geistige Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi dazumal, als die Trennung des alten Mondes von dem Sonnensein stattfand, diesen Schritt der Trennung nicht mitgemacht haben und gewissermaßen bei dem fortschreitenden Sonnensein geblieben sind. Das, was dadurch ihnen geworden ist, daß sie zurückgeblieben sind hinter dem Schritte des Mitmachens des Mondendaseins, das leben sie nunmehr dadurch aus, daß sie jetzt mit Anteil nehmen an unserem Erdendasein. Sie durchdringen uns, durchweben uns, diese geistigen Wesenheiten, und schließen gewissermaßen unser Fühlen und unseren Willen ab von der äußeren kosmischen Welt. Sie beschränken dieses unser Fühlen, dieses unser Wollen auf das Innere.
[ 4 ] Nun entsteht dadurch aber, wie Sie leicht einsehen können, in einem hohen Maße eine Art Spaltung zwischen etwas in uns, was gewissermaßen auf uns selber beschränkt sein will, was in uns nur leben will als unsere Gefühls- und Willensimpulse, und einem anderen in uns, was wenig achtgibt auf das, was es in uns ist, und was sich viel, viel mehr wendet nach außen, ganz gerichtet sein will nach außen.
[ 5 ] Wollten wir uns schematisch aufzeichnen, was da vorliegt, so könnten wir uns vielleicht sagen: Wenn das schematisch der Mensch ist, so würden wir es zu tun haben zunächst mit unserem intellektuellen Leben (Zeichnung I, gelb), welches sich nach außen richtet, die Außenwelt aufnehmen will und nicht darauf achtet, daß es hier im Inneren ausstrahlt und unsere Gestalt fortwährend hervorruft. Dagegen haben wir ein Element des Willens und der Gefühle hier im Inneren (Zeichnung, violett), die strahlen nur in uns selber aus, und wir werden nicht gewahr, daß sie nun auch in den Kosmos hinausgehen, daß sie wirklich in sich auch etwas tragen, was ebenso vom Kosmos herrührt, wie der Inhalt unserer Gedanken vom Kosmos herrührt.
[ 6 ] Nun ist ja allerdings in uns Menschen eine Verbindung zwischen diesen zwei, man könnte sagen, Zentren in uns. Es ist eine Verbindung (Zeichnung I, hellrot), aber diese Verbindung bleibt im gewöhnlichen Dasein, im gewöhnlichen Leben eigentlich unterbewußt, kommt nicht zum Bewußtsein. Der Mensch erlebt eben als seine Innenwelt sein Fühlen und Wollen und als seine Außenwelt sein Denken, das hinüberleitet zu den Wahrnehmungen, zu den Sinnesempfindungen. Also im gewöhnlichen Leben kommt die Verbindung zwischen diesen beiden Zentren in uns nicht eigentlich zum Bewußtsein. Das hat zur Folge, daß der Mensch leicht das Bewußtsein bekommen kann, es werde ihm von zwei Seiten her die Wahrheit zuteil, es werde ihm die Wahrheit oder etwas wie die Wahrheit dadurch, daß er durch seine Sinne die Außenwelt beobachtet und die Beobachtungen mit seinem Intellekte kombiniert und so weiter.
[ 7 ] Auf diesen Prozeß des Beobachtens der Außenwelt und des Erhaltens von gewissen Begriffswelten auf Grundlage gewisser Beobachtungen hat Kant hingesehen und hat in seinem Suchen nicht gefunden irgend etwas, worauf man da kommen könnte, wenn man dasjenige hinauserstreckte, was von dem einen Zentrum hinaus will in den Kosmos. Er kam dazu, zu sagen: Ja, nach einem «Ding an sich» muß das (Zeichnung I, gelb) wohl hinausgehen, aber man kann es nicht finden. Und auf der anderen Seite fühlte er, wie aus dem Inneren des Menschen etwas aufstößt, was im Willen und im Gefühle lebt. Aber da ihm unbewußt blieb der Zusammenhang, waren dies für ihn zwei Welten: Die Welt des Seins und die Welt des Sollens, Nur das Eine fühlte er klar: Hier kommt man nicht zu irgend etwas. Das «Ding an sich» ist unbekannt, ist im Nebulosen; aber das, was da im Menschen gewissermaßen aufstößt, das gibt eine gewisse innerliche Verbindlichkeit. Die nennt Kant den «kategorischen Imperativ», von dem er dann alle Wahrheiten, die sich auf das Innere beziehen, ableitet ... alle höheren Glaubenswahrheiten, wie er sie nennt im Gegensatz zu den äußeren Wahrheiten, die aber von der eigentlichen Welt nichts überliefern können.
[ 8 ] Worauf wir aber unser Hauptaugenmerk lenken müssen, ist dies, daß so der Mensch in der Tat nicht etwas bloß durch seine eigene Gesinnung, sondern daß er durch seine ganze Entwickelung, die er durchgemacht hat durch den Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand hindurch, teilgenommen hat an der Spaltung, die im Mondenzustand stattfand, und dadurch zu dieser Zweigeteiltheit gekommen ist und diese auf naturgemäße Weise erleben muß.
[ 9 ] Nun kommen wir, wenn wir noch näher diese Sache betrachten, auf eine wichtige, auf eine bedeutungsvolleWahrheit, die uns die Geisteswissenschaft auf dem Boden dessen, was hier charakterisiert worden ist, gibt. Wir können sagen: Daß dies so ist mit unserem Denken, unserem Intellekte, mit unserem Vorstellen, das hängt zusammen mit der einstigen Trennung des Mondes von der fortschreitenden Sonne. Wie wir als Menschen dieses unser Denken und dieses unser Vorstellen auffassen, das hängt zusammen damit, daß gewisse luziferische Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi, die nicht mitgemacht haben das Sich-wieder-Verbinden des Mondes mit der Sonne, durch das, was sie geworden sind, eben in unserem Intellekt leben, so daß etwas Luziferisches in unserem Intellekte lebt und uns abschließt von dem Hinschauen auf das innerlich Bewegliche und Formende. Also, es haust gewissermaßen Luzifer in unserem Denken.
[ 10 ] Was ist denn nun das Wesentliche dieses Luziferischen? Das Wesentliche dieses Luziferischen ist, daß wir dasjenige, was von den regulär fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten in uns veranlagt ist und entwickelt wird, nicht wahrnehmen, sondern wahrnehmen das, was Luzifer gewissermaßen aus dieser normalen Entwickelung macht. Und was ist das für Luzifer selber, daß er das, was er während der Mondentwickelung hätte durchmachen sollen, aber nicht durchgemacht hat, nun in die Erdenentwickelung hineinträgt und in der Erdenentwickelung seinerseits das durchmacht, was er damals nicht durchgemacht hat? Worin wird das bestehen, was er da durchmachen soll während der Erdenentwickelung? — Ich bitte, gerade auf diesen Zusammenhang recht sehr zu achten, denn er ist bedeutungsvoll, aber schwierig. Also, was will Luzifer? Was wollen diese luziferischen Engelwesen, die in unserem Intellekt sind?
[ 11 ] Dazumal wollten sie nicht den Schritt mitmachen der Vereinigung des Mondes mit der Sonne. Hätten sie dazumal den Schritt mitgemacht, dann hätten sie gewissermaßen in richtiger Weise das Vorstellen und Denken mit der menschlichen Natur verbunden. Sie haben das nicht getan, und so tragen sie jetzt nichts dazu bei. Jetzt aber, während des Erdendaseins, wollen sie das machen, was sie dazumal nicht gemacht haben: sie wollen jetzt den Intellekt mit dem Menschen verbinden, sie wollen während der Erdenentwickelung das machen, was sie eigentlich auf dem Monde, während der Mondenentwickelung, hätten machen sollen. Wenn Sie das richtig überlegen, werden Sie verstehen, daß etwas ungeheuer Bedeutungsvolles daraus folgt.
[ 12 ] Würden wir nämlich nicht in der angedeuteten Weise von luziferischen Wesenheiten verführt werden, so würden wir das Denken nicht so auf uns beziehen, wie wir es jetzt tun, sondern wir würden zurückschauen auf die Mondenentwickelung und würden sagen: Vor urfernen Zeiten wollte sich unser Denken mit unserem Inneren verbinden, wollte uns gehören. — So sagen wir aber dies nicht, sondern wir sagen: Wir eignen uns die Gedanken der Welt an und nehmen sie jetzt in uns auf. — Das aber ist richtige luziferische Verführung. Im Sinne der fortschreitenden göttlich-geistigen Wesenheiten würden wir denken: Da draußen breitet sich die Sinnenwelt aus, so wie wir sie sehen. In dem Augenblicke, wo wir nun zum Denken übergehen, blicken wir zurück zum alten Mondendasein und führen die ganze irdische Sinnenwelt zurück auf das alte Mondendasein.
[ 13 ] Wir würden also folgendes durchmachen: Denken Sie, wenn wir das (Zeichnung, grün) als die irdisch-wahrgenommene Sinneswelt bezeichnen, so würden wir da die Erde in uns haben, das heißt den Erdeninhalt, und wir würden nicht so, wie wir es jetzt machen, uns Begriffe von dem Erdeninhalt bilden, sondern wir würden sagen: Alles dasjenige, was wir so als Erdeninhalt haben, beziehen wir zurück auf den alten Mondinhalt, und während wir sinnlich wahrnehmen, und uns der Erdeninhalt sinnlich erscheint, leuchtet in uns auf, wie alles, was auf der Erde lebt und webt, west und wirkt und wird, auf der Grundlage des alten Mondendaseins erscheint. — Es würde uns aufleuchten etwas wie ein Zusammenhang mit einem scheinbar vergangenen Stern, der aber noch da wäre und in unserer Gedankenwelt lebte. Wir würden uns in Zusammenhang fühlen mit der gegenwärtigen Vergangenheit und würden durchschauen das luziferische Trugbild, das darinnen besteht, daß Luzifer uns vor das leuchtende Mondendasein einen Teppich, einen Schleier vorhält, weil er dazumal es unterlassen hat, sich mit dem Sonnendasein zu vereinigen. Und er gaukelt uns vor, daß wir alles dasjenige, was wir erblicken sollten als in uns hereinleuchtend vom alten Mondendasein — das heißt, vom ewig neuen Mondendasein — so aufnehmen, wie unseren Gedankeninhalt, der sich jetzt durch unser Gehirn in uns festsetzt und in uns ruht als Erdenmenschen.
[ 14 ] Also wir sind abgeschlossen worden von jener wunderbaren, gewaltigen Erinnerung an das alte Mondendasein durch das, was geschehen ist. Wir erblicken nicht stets im Hintergrunde, ich möchte sagen, wie in unseren Nacken hineinscheinend, die Erklärung für alles dasjenige, was uns die Sinne vorzaubern. Wir würden durch die Welt gehen, unsere Sinne hinausgerichtet auf das sinnliche Dasein, und würden erfühlen, wie unseren Nacken und unser Hinterhaupt bescheinend, das alte, immer neue Mondendasein, das die Erklärung böte der realen lebendigen Begriffe, die kosmisch sind und nicht von den äußeren Erdendingen in uns hineinwirken.
[ 15 ] Durcheinandergeworfen sind also zwei Weltbilder: das Erdenbild und das Mondenbild. Wir müßten sie auseinanderhalten können: das eine, indem wir unsere Sinne nach vorn richten, das andere, indem wir das Scheinen von hinten empfangen, und wir müßten verhindern, daß sich dies ineinanderwebt in unserer Erkenntnis. Wir können das nicht; Luzifer wirft sie durcheinander. Begriffe, Vorstellungen, Sinnesempfindungen wirft er uns durcheinander, und die Philosophen knacken seit langem an einem entsprechenden Problem, das sie «Antinomie» nennen.
[ 16 ] Bei Kant können Sie nachlesen: da haben Sie immer auf der einen Seite Beweise angeführt zum Beispiel dafür, daß die Welt dem Raume nach unendlich ist; auf der anderen Seite haben Sie ebenso strikte Beweise angeführt, daß die Welt dem Raume nach nicht unendlich, sondern begrenzt ist. Für beides gibt es gleich bindende Beweise. Sie müssen da sein, weil die eine Anschauung ebenso wahr ist wie die andere. Nur ist die eine die Erdenanschauung, und die andere die Mondenanschauung. Dem, der sie nicht auseinanderhalten kann, werden sie zu unauflöslichen Widersprüchen, zu Widersprüchen, die überhaupt mit dem Erdenverstande nicht aufzulösen sind.
[ 17 ] Aber wir haben gesehen: nochälterer Art sind diejenigen Abirrungen vom fortschreitenden Gange der Weltentwickelung, die durch die Geister aus der Hierarchie der Archangeloi zustande gekommen sind, die in unseren Gefühlen und in unseren Willensimpulsen leben. Da können wir sagen, es schließt uns Luzifer ab durch sein Dasein von dem Kosmos. Er läßt uns nur dasjenige erfühlen, was in unserem Inneren lebt von Gefühlen und Willensimpulsen. Wenn er uns nicht so abschließen würde, dann würde der Mensch, statt daß er das Gefühl und den Willen wie aus seinem Unterbewußtsein, wie aus seinem Inneren da heraufkommen fühlte, alles dasjenige wahrnehmen, was durch die Sonnenzeit vom Kosmos in ihn hereinscheint, hereinleuchtet. Wie der Mensch in seinem Intellekt eigentlich wahrnehmen müßte den alten Mond hinter dem gewöhnlichen Sinnendasein, so müßte er hinter seinen Gefühlen und hinter seinen Willensimpulsen die strahlende Weltensonne aufgehen sehen. In den Gefühlen und im Willen müßte er — wie den Kern in der Frucht — das Wesen des Sonnenlebens durch das Gefühl und den Willen hindurchleuchten sehen.
[ 18 ] Davon sind wir nun wiederum luziferisch abgeschlossen. Wir glauben, daß das Gefühl und der Wille nur etwas in uns ist; wir fühlen gewissermaßen nicht in uns, daß alle Gefühle und aller Wille in ihnen lebende Sonnenkräfte enthalten, Sonnenkräfte, die wirklich darinnen sind. Würden wir diese Sonnenkräfte fühlen, würden wir wirklich das Geisteslicht inmitten von Gefühl und Wille aufleuchten fühlen, dann würden wir ein Schauen des Kosmos eben durch dieses Aufleuchten des Geisteslichtes der Welt in dem Gefühle und dem Willen haben. Wir würden ein Äußeres durch unser Inneres unmittelbar wahrnehmen. Das ist uns durch jene luziferischen Geister, die Erzengelnatur haben und nicht mitgemacht haben den Schritt der Abtrennung des Mondes von der Sonne, eben verdorben. Es mußte uns wiedergebracht werden dadurch, daß nun dieses Kosmisch-Sonnliche hereinkam in die Menschheits-Entwickelung. Dieses Kosmisch-Sonnliche kam herein in die Erdenentwickelung durch das Mysterium von Golgatha, durch jenes Mysterium von Golgatha, dessen ganze Realität der Mensch zunächst in sich aufnehmen muß, innerlich erleben muß: «Nicht ich, der Christus in mir.»
[ 19 ] Und von da ausgehend, bildet sich in ihm immer mehr und mehr jenes innerlich Leuchtende, Gestaltende. Das kosmische Licht durchzieht wie das Sonnenlicht Gefühl und Wille und vereinigt sich mit dem Intellektuellen, so daß wir ein einheitliches Weltenbild dadurch erlangen, daß wir lernen, nicht bloß in Gefühl und Wille leben zu haben den Christus-Impuls, sondern ihn einfließen zu lassen in die Verstandes-, in die Vorstellungswelt. So daß uns an Stelle des bloßen Hinblickens auf den Christus Jesus wirklich eine ganze Kosmologie wird, ein durchchristeter Kosmos wird, indem wir verstehen lernen, was der Kosmos war vor dem Mysterium von Golgatha, als der Christus mit dem Sonnlichen außerhalb des Irdischen verknüpft war, und was der Kosmos ist nach dem Mysterium von Golgatha, da der Christus nun nicht mehr von der Erdenaura getrennt ist, sondern in der Erdenaura weiterlebt. Nur dadurch, daß wir uns selber zunächst identisch fühlen mit dem Christus-Impulse, daß wir gewissermaßen diesen Christus-Impuls als das Zentrum betrachten, von dem uns in der gestern angedeuteten Weise die fortwirkende, die ewige, die immerwährende Offenbarung werden kann, nur dadurch dringen wir immer mehr und mehr zu der Möglichkeit vor, ein konkretes, ein inhaltvolles Christentum zu erlangen, das dann durchaus eins sein wird mit dem, was der Inhalt der Geisteswissenschaft ist, auch in kosmologischer Beziehung.
[ 20 ] Nehmen Sie den ganzen Nerv, möchte ich sagen, der Christologie, nehmen Sie das, was der Mensch eigentlich verstehen müßte, um die Christologie zu verstehen. Warum verstehen denn so viele Leute die Christologie nicht? Warum verbinden sie keine richtigen Begriffe mit dem Mysterium von Golgatha? Weil den Menschen zugemutet wird, irgend etwas als Realität zu bezeichnen, was sie nicht gewohnt sind, sonst als Realität zu bezeichnen.
[ 21 ] In Haeckels Büchern befindet sich ein Satz, der etwa so heißt: Die Conceptio immaculata ist eine freche Verhöhnung der menschlichen Vernunft. — Aber warum der menschlichen Vernunft? Ja, der Nachsatz heißt: Weil in allen anderen Fällen, im Tier- und Menschenreiche, sich zeigt, daß eine solche Geburt nicht beobachtet werden kann. — Das ist selbstverständlich ein logischer Widerspruch in sich. Denn man müßte einen Vernunftgrund und nicht einen Beobachtungsgrund anführen. Aber gerade hier begegnen wir wieder einer Tatsache, die so ist, daß sie mit den Begriffen, die der Mensch von der äußeren Realität empfängt, nicht vereinbar ist. Alles das, was der Mensch sonst «real» nennt, kann ja nicht vereinbar sein mit der Realität dieser Tatsache, überhaupt mit der ganzen Tatsache des Mysteriums von Golgatha.
[ 22 ] Er muß also etwas begreifen, der Mensch, was seinen Begriffen von Realität widerspricht. Nun sollte denjenigen, die der Geisteswissenschaft immer näher- und nähertreten, sich ein Weg eröffnen zu Begriffen, die die Möglichkeit bieten, das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Man nennt im gewöhnlichen Leben und auch in der heutigen Wissenschaft das, was man äußerlich mit den Sinnen beobachtet: ein Reales oder wenigstens etwas, was auf einem Realen begründet ist. Man stützt die reale Wissenschaft auf das, was man mit den Sinnen beobachtet. Man bemüht sich aber noch, sie zu etwas anderem zu benützen, man bemüht sich auch, alles so zu begreifen, wie das verläuft, was draußen durch die Sinne beobachtet werden kann. Es bemühen sich die Biologen, das Lebewesen, den lebendigen Organismus so zu begreifen, als ob er nur ein kompliziertes Zusammenwirken von lauter mechanischen Kräften, also eine komplizierte Maschine sei, weil sie nur eine Maschine als etwas Reales ansehen können.
[ 23 ] Was liegt eigentlich dahinter? Das liegt dahinter, daß der Mensch etwas als Reales bezeichnet, und zwar durch das ganze Leben hindurch heute als real bezeichnet, was gar nichts Reales ist, was gar nicht dasjenige ist, als was es angesprochen wird. Treten Sie vor einen Leichnam. Werden Sie sagen: Dieser Leichnam ist der Mensch? Nein, diese sich zersetzende Leiche ist nicht der Mensch, sie ist die zerbrechende Form des Menschen. Und so ist es mit der ganzen äußeren Natur. Man sucht das Tote und ahnt nicht, daß alles Tote ein Gestorbenes ist. Würde man nur wirklich den Übergang finden von dem Begriffe der «toten Natur» zu dem Begriffe der «gestorbenen Natur», würde man nur wirklich begreifen, daß alles Tote einmal lebendig war und gestorben ist, daß das, was wir heute als Gestein finden können, während der Mondenzeit lebendig war und gestorben ist, zum toten Gestein erst durch einen ähnlichen Prozeß geworden ist wie der Leichnam des Menschen; würden wir das im lebendigen Sein erfassen, würden wir die tote Natur als einen Leichnam verstehen, so würden wir wissen, daß das, was wir das Sein nennen, nichts ist, was Sein enthält, sondern etwas ist, aus dem eigentlich das Sein schon entflohen ist. Das ist unendlich wichtig. Die Menschen begreifen nicht, daß sie sich heften an das Tote, ohne zu verstehen, daß es ein Gestorbenes ist; und sie verstehen nicht, daß sie das Lebendige nicht begreifen sollen durch das Gestorbene.
[ 24 ] Wenn die Menschen den lebendigen Organismus ansehen, der noch nicht gestorben ist, sondern vor ihnen lebt, und ihn zurückführen auf einen Mechanismus, der nur ein Abbild ist des Gestorbenen, so wollen sie das Lebendige aus dem Gestorbenen begreifen und erklären. Das ist das Ideal, das Ziel der ganzen heutigen Weltanschauung: das Lebendige aus dem Gestorbenen zu begreifen. Die Geisteswissenschaft muß sich Mühe geben, innig Mühe geben, an die Stelle eines Begreifens durch das Gestorbene ein Begreifen durch das Lebendige zu setzen. Die ganze Richtung der heutigen Wissenschaft muß verschwinden, weil sie allein darauf hinzielt, das Lebendige durch das Gestorbene, nicht bloß durch Totes, Unorganisches, sondern durch das Gestorbene zu begreifen. Diese ganze Wissenschaft muß verschwinden. An ihre Stelle muß treten das Begreifen der Welt aus dem Lebendigen heraus. Und von allem in der Gegenwart Unlebendigen, Unorganischen muß begriffen werden, daß es in der Vergangenheit ein Lebendiges war.
[ 25 ] Würden wir nicht luziferisch verführt sein, würden wir hinter den Sinneswahrnehmungen erblicken dasjenige, was vorhin charakterisiert wurde als das dahinterstehende Mondendasein, dann würden wir verstehen: da liegt der Leichnam desjenigen, was uns noch von dem alten Monde erscheint. Wir würden ebenso, wie wir beim Anblicke des Leichnams des Menschen uns zurückerinnern, wie er war im Leben, wie er war einmal, als er mit uns lebte, vor uns wandelte und mit uns sprach. So würden wir zurückschauen beim Anblicke der Erde auf das, was sie war, als sie noch lebte während des alten Mondendaseins.
[ 26 ] Daß wir also herausgeführt werden aus dem Toten in das Lebendige, das muß das Bestreben der Geisteswissenschaft sein, das muß ein lebendiges, ehrliches, wenn auch schwer zu erringendes Ziel sein; denn alles, was in unserer heutigen Wissenschaft lebt als Weltanschauung, als Weltanschauungsstimmung, ist diesem Ziele durchaus fremd und feindlich. Darüber sollen wir uns wirklich keinen Nebel vormachen, daß alles, was in der heutigen Wissenschaft als Weltanschauungsstimmung lebt, diesem Ziel durchaus widerstrebt.
[ 27 ] Ungeheuer schwierig wird es sein, an Stelle der toten Weltauffassung die lebendige Weltauffassung zu setzen. Wenn wir aber dann lebendige Begriffe haben, dann werden wir nicht mehr, mit diesen lebendigen Begriffen, ermangeln des Verständnisses des Mysteriums von Golgatha. Da werden wir wissen, daß dasjenige, was überhaupt dem Tode unterworfen ist, vom Mondendasein herrührt, daß der Christus aber vom Sonnendasein ist. Er hat sich bewahrt, um uns das Sonnenhafte wiederzubringen. Er hat nichts zu tun mit all den Begriffen, die die toten Begriffe sind, sondern wird an die Stelle der toten Begriffe die lebendigen Begriffe setzen. Daher ist es notwendig, sich lebendig mit ihm zu verbinden, nicht durch eine tote Wissenschaft. Daher ist es notwendig, einzusehen, daß nur unter ganz besonders abnormen Verhältnissen eingehen konnte dasjenige, was nicht sterben kann, was nicht tot werden kann, in eine irdische Laufbahn.
[ 28 ] Wenn Sie die besondere Verbindung studieren, in welcher durch drei Jahre hindurch die Christus-Wesenheit mit dem Leibe des Jesus von Nazareth war, so werden Sie darauf kommen, daß in der Tat in diesen verschiedenen Gliedern, die da vereinigt waren durch das Zusammengefügtsein der beiden Jesusknaben, dadurch daß Zarathustra in dem nathanischen Jesus lebte, etwas ganz Besonderes geschaffen war — ich habe in anderen Vorträgen darauf schon hingedeutet — etwas, was während dieser drei Jahre diesen ganzen Leib anders machte als einen gewöhnlichen Menschenleib. Ein gewöhnlicher Menschenleib ist wahrhaftig nicht dasselbe wie dieser Leib. Dieser Leib war schon durch die besondere Art der Verbindung mit der Zarathustra-Wesenheit die drei Jahre hindurch etwas anderes, als es die Erdenleiber sind. Als die Erde das Mondendasein zu wiederholen begonnen hat, da blieb ja zurück, wie ich auseinandergesetzt habe, diejenige Wesenssubstanz, die dann durch den Lukas-Jesusknaben, durch den nathanischen Jesusknaben erschien: etwas, was nicht in den Tod eingegangen war und durch das Scheinbild des irdischen Todes hindurch, der im Laufe der irdischen Erscheinungen über den Christus Jesus verhängt wurde, sich bewahrte. Das war in diesem Christus Jesus und führte ihn schon in anderer Weise durch diese drei Jahre und in anderer Weise als andere Menschen durch den Tod, durch das Scheinbild des Todes hindurch.
[ 29 ] Diese außerordentliche Zentralerscheinung der irdischen Entwikkelung muß aber verstanden werden, muß wirklich begriffen werden, so daß sie außerhalb alles desjenigen steht, was nur von dem Mondendasein herrührt; es muß verstanden werden, daß sie innig zusammenhängt mit dem regelmäßig fortwirkenden Sonnendasein. Daher kann, nachdem das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, diese Christus-Wesenheit auch mit nichts zusammenhängen von dem, was nur vom Mondendasein herrührt, und zwar vom Mondendasein so herrührt, daß eben dazumal die Trennung eingetreten ist des Mondes von der Sonne, und während dieser Trennung eine Anzahl luziferischer Wesenheiten die Trennung, aber nicht nachher die Wieder-Verbindung mitgemacht hat.
[ 30 ] Von alledem, was durch diese Verirrung der luziferischen Geister in der Erde ist, bleibt die Christus-Wesenheit richtig unberührt. Sie würde sogleich berührt werden davon, wenn sie in einem gewöhnlichen Menschenleibe sich verkörpern würde. Sie konnte sich daher nur unter diesen besonderen, abnormen, nicht durch die gewöhnlichen Erdengesetze gedeckten Vorgänge physisch auf der Erde befinden. Und als sie vom Erdenleib Besitz ergriffen hatte durch das Mysterium von Golgatha, ist sie nun geistig auf der Erde und nicht unterworfen jenen Gesetzen, die in das Erdendasein hineinkamen durch die Mondenentwickelung. Das sind namentlich die Raum- und Zeitgesetze.
[ 31 ] Also Raum und Zeit: Ich habe das schon in der «Geheimwissenschaft» angedeutet — und Sie werden an der betreffenden Stelle der «Geheimwissenschaft» die Andeutung finden —, daß es schwierig ist, das alte Saturn- und Sonnendasein sich vorzustellen, weil man die Raum- und Zeitbegriffe noch draußen lassen muß, weil das, was man als Raum- und Zeitbegriffe von diesem alten Dasein sich vorstellt, nur ähnlich, nur wie ein Bild ist, noch nicht stimmt mit der Wirklichkeit. Beim Mondendasein fängt das Bild erst einigermaßen an zu stimmen, wenn man es räumlich und zeitlich vorstellt. Für die vorherige Entwickelung ist diese Vorstellung noch nicht zu gebrauchen. Aber das, was durch den Christus in das Räumlich-Zeitliche hineinkommt, ist auch nicht an Raum- und Zeitgesetze gebunden. Daher würde es vor einer wirklichen Geisteswissenschaft der größtdenkbare Unsinn sein, sich vorzustellen, daß der Christus, so wie er jetzt mit dem Erdendasein vereinigt ist, in einem einzelnen Menschen räumlich begrenzt vor die Menschheit hintreten könnte. Es wäre das größte Mißverstehen des Christus, wenn man behaupten wollte, es könnte eine Wiederverkörperung des Christus in der jetzigen Zeit eintreten, und der Christus müßte sich etwa, wenn er zu einem Menschen in Europa in der Zukunft sprechen wollte und dann zu einem Menschen in Amerika, auf die Eisenbahn und dann auf das Dampfschiff setzen, um von Europa nach Amerika zu reisen. Das wird nimmermehr der Fall sein. Er wird immer über die Raum- und Zeitgesetze erhaben sein. Und seine Erscheinung im 20. Jahrhundert müssen wir uns auch so vorstellen, daß er über Raum- und Zeitgesetze erhaben ist. Niemals wird der richtig verstandene Christus in einem einzelnen Menschen verkörpert sein können.
[ 32 ] Es war also, oder besser gesagt, es ist überall da ein Faustschlag in das Gesicht der wirklichen Geisteswissenschaft, wo behauptet wird, daß es eine menschliche Wiederverkörperung des Christus Jesus jemals geben könnte. Damit ist aber auch gezeigt, daß die Christologie, dasjenige, was der Christus wirklich ist, mit allen Trennungen der Menschen und der Menschheit nichts zu tun hat.
[ 33 ] Wir sehen da sich einen Weg eröffnen, wie das Kosmische, das Sonnenhafte, doch wiederum in unsere gesamte Menschheit hereinkommt, wie wieder aufgeht das durch Luzifer verlorene Sonnliche im Gefühl und im Willen, wie es wiederum aufgeht durch den Christus in diesem Gefühl und Willen, und wie es von da aus unseren Intellekt ergreifen kann. Das ist der Weg, den in der Zukunft alles geistige Verständnis der Welt nehmen muß. Aber es wird noch lange Verirrungen geben, denn — ich habe es ja oft betont — nur langsam und allmählich kann das Mysterium von Golgatha in seinen Tiefen sich in den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung hineinleben. Nur ganz langsam und allmählich kann das geschehen. Und indem es sich vollzieht nach und nach, wird es immer mehr einen Einklang schaffen zwischen der Intellektualität des Menschen und seinem Gefühle und Willen. Das wird immer mehr und mehr den Menschen ausfüllen mit einem inneren Menschen, mit einem zweiten Menschen.
[ 34 ] So wie der Mensch ist ohne diese Ausfüllung durch den ChristusImpuls, so ist mit Bezug auf den Kopf des Menschen, ich möchte sagen, das Innere verhüllt. Wenn man den Kopf spürt, hat man ja schon Kopfschmerzen. Das Innere ist, ich möchte sagen, physisch ganz verhüllt in bezug auf den Kopf. Den Kopf trägt man mit sich, ohne daß man ihn im normalen Leben eigentlich fühlt, man verwendet ihn dazu, um hineinzupressen die Eindrücke von außen. Das andere vom Menschen, das der Sitz der niederen Begierdenwelt zugleich ist, das ist in uns; das nimmt zunächst nichts von außen auf, lebt in sich. Und die Jahve-Gottheit hat eingehüllt in eine dem Menschen unbewußt bleibende Gesetzlichkeit alles dasjenige, was da unten im Menschen als die Summe der Begierdenwelt lebt, damit das luziferische Rumoren des Egoismus nicht allzu groß werde. Durch Luzifer wären wir wirklich nur dazu veranlagt, als Erdenmenschen unsere vom Intellekt absehende niedere Natur einzig und allein für uns zu gebrauchen. Wir würden keinen einzigen altruistischen Trieb entwickeln, aber lauter egoistische Triebe. Es würde keine natürliche Anlage zu einer Liebe in der Welt geben. Der Mensch würde die Triebe, die in seiner niederen Natur leben, lediglich gebrauchen, um sich in der Welt zu verwirklichen, um sich in Szene zu setzen. Daher ist diese niedere Natur abgedämpft und abgedämmert worden durch die Jahve-Gottheit.
[ 35 ] Die Jahve-Gottheit lebt selber in dieser niederen Natur und pflanzt hinein die Instinkte der Liebe und des Altruismus, aber auf eine mehr oder weniger für das gewöhnliche Menschenleben unbewußte Art. Bewußt sollen diese Triebe werden wiederum durch den Impuls des Mysteriums von Golgatha. Aber es liegt in diesem ganzen Unbewußten der Triebwelt, ich möchte sagen, verborgen ein Zweifaches. Zunächst bleibt da die Verbindung des Intellektuellen, des Vorstellungsmäßigen mit dieser Triebwelt, im Unterbewußten. Aber sie wirkt doch herauf, wirkt richtig herauf, und zwar wirkt sie herauf dadurch, daß das eintritt, was ich öfter schon auseinandergesetzt habe.
[ 36 ] Diese ganze Triebwelt, die eigentlich eine egoistische, nur dem Menschen angehörige Triebwelt ist, die kann sich gewissermaßen emanzipieren von der in ihr lebenden Jahve-Gottheit. Dann wirkt sie herauf; aber unbewußt, ohne daß es der Mensch merkt, drängt sie sich durch und durchsetzt die Vorstellungswelt mit ihren Imaginationen. Der Mensch wird, wie man oftmals sagt, hellseherisch, das heißt, er hat Visionen. Er erlebt alles dasjenige, was in seiner Triebwelt ist, als Imaginationen. In Wahrheit erlebt er eigentlich nur seine Triebwelt; die stellt sich ihm als imaginative Welt dar. Aber da in dieser ganzen Triebwelt, wie wir sie haben, eigentlich verschleiert für den Menschen nur der Kosmos lebt, so täuschen ihm die Imaginationen, die aufsteigen aus seiner Triebwelt wie ein Dunst, einen ganzen Kosmos vor. Er kann nun einen ganzen Kosmos erleben, der aber aus nichts anderem besteht, als daß da unten das Feuer der niederen Triebe brennt und das Feuer dieser niederen Triebe dann heraufsteigt, und daß hier nun ein Kosmos entsteht, hier oben, in dem intellektuellen System. Das ist im wesentlichen der Vorgang der Selbstmedialität, der Mediumschaft. Das Medium, das durch seine eigenen Begierden zum Medium wird, unterliegt diesen Vorgängen. Solche Medien sind gewöhnlich sehr stolz auf ihre Imaginationen. Sie sehen hochmütig auf die herab, die keine Imaginationen haben; während die, welche keine Imaginationen haben, oft sehr gut durchschauen können, daß solche Imaginationen, die ihnen zuweilen als wunderbare Gebilde beschrieben werden, nichts anderes sind als dasjenige, was in den Instinkten, in den Verdauungsprozessen kocht und brodelt und sich als kosmische Gebilde herauf verirrt, indem es heraufdünstet in die Vorstellungswelt und zu kosmischen Scheingebilden sich ausgestaltet, in solchen sich auslebt.
[ 37 ] Aber es kann noch in einer anderen Weise das zutage treten, was von dieser Zwiespältigkeit der menschlichen Natur herrührt. Denn nehmen wir an, ein zweiter Mensch träte dem ersten entgegen, ein zweiter Mensch, der nun selbstverständlich als Mensch wiederum so aufgebaut wäre, daß er in sich die den Kosmos verbergende innere Natur des Willens und der Gefühle hat und die Intellektualität, welche das eigene Innere verbirgt (Zeichnung II, Mensch). Nehmen wir nun an, ein solcher zweiter Mensch käme durch irgendwelche Vorgänge, über die wir auch noch im weiteren sprechen werden, dazu, mehr oder weniger Bewußtsein zu erlangen. — Also hier wäre der Mensch I (Zeichnung S. 215) und der Mensch II (Zeichnung $5. 229) käme dazu, ein Bewußtsein zu erlangen von diesen Zusammenhängen. Nehmen wir nun an, es wäre dieser Mensch II nicht geneigt, alles, was ihm durch ein solches Bewußtsein wird, im reinen Sinne der universellen Geisteswissenschaft zu verwenden, im reinen Sinne auch der verchristeten Geisteswissenschaft zu verwenden, sondern er hätte seine Sonderzwecke in der Welt; nehmen wir an, dieser Mensch gehörte einem Erdgebiete an, das eine besondere Weltanschauung ausgestaltet hätte im Laufe einer geschichtlichen Entwickelung, und dieser Mensch wäre innerhalb dieses Erdengebietes verwachsen mit dieser Weltanschauung; nehmen wir auch an, er hätte nun noch besondere, egoistische Gründe, diese Weltanschauung ganz intensiv in der Welt zur Geltung zu bringen. Der wirkliche Okkultist hat ja keine andere Sehnsucht, als dasjenige zur Geltung zu bringen, was allen Menschen gegenüber zum Heile gereichen kann, er hat keine Herrschaftsgelüste. Aber nehmen wir an, ein solcher Mensch II hätte solche Herrschaftsgelüste und hätte das Bedürfnis, dasjenige, was Weltanschauung eines beschränkten Territoriums ist, zur Herrschaft über andere Territorien zu bringen. Wenn er nun einfach hingeht und also in seiner Art die Weltanschauung vertritt, die er zur Herrschaft bringen will, so wird das Folgende eintreten: Die einen werden ihm glauben, die anderen werden ihm nicht glauben. Die, welche anderer Ansicht sind, werden ihm nicht glauben, werden ihn zurückprallen lassen. Wir wissen ja aus Erfahrung, wie bei anderen Völkerschaften oftmals die europäischen Missionare zurückgewiesen werden, wenn sie den Leuten Dinge sagen, die diese nicht verstehen oder nicht zu verstehen die Absicht haben. So könnte es diesem Menschen II auch gehen. Aber er kann einen anderen Weg einschlagen. Dadurch, daß ihm dieser ganze Prozeß bewußt ist, dadurch hat er die Macht, auf einen anderen, zum Beispiel auf den Menschen I zu wirken (Zeichnung $. 215), und wenn er jetzt nicht bloß durch seinen Intellekt wirkt, sondern durch seine ganze Persönlichkeit, so kann er auf den Intellekt des anderen wirken.
[ 38 ] Wenn der andere nun so veranlagt ist, daß er etwas Mediales in sich hat, das heißt, etwas aufnehmen kann, ohne in normaler Weise sich zu dem Aufgenommenen zu stellen, so daß er es einfach so aufnimmt als Wahrheit, weil es ihm von dem zweiten dargeboten wird, dann strömt von dem zweiten in den ersten dasjenige hinein, was der zweite als Weltanschauung hat, und der erste läßt es durch seinen unverdorbenen Intellekt hindurchgehen. Tritt dann der erste vor die Menschheit hin, dann tritt das, was zum Vorschein kommen soll, auf ganz andere Weise heraus. Bei dem Menschen II würden die Menschen merken: Er vertritt nur sich selbst in der Welt, und er hat die Macht, dasjenige, was ihm aus seinem Inneren aufsteigt, in ein intellektuelles System zu kleiden, denn er hat zugleich das, was er von sich gibt, als sein eigenes Besitztum in sich. Das Ich des Menschen I hat es nicht als sein eigenes Besitztum in sich, sondern nimmt es von dem anderen als etwas Objektives auf und vertritt es mit seinem Intellekte so — weil er es eben nicht als sein Persönliches hat —, daß es mehr den Charakter eines Universellen hat. Es sieht aus dem unverdorbenen Intellekt des MenschenI so aus, als wenn es ein Universelles wäre.
[ 39 ] Hier haben Sie das Faktum, wie von einer gewissen grauen oder schwarzen Richtung her einseitige Mitteilungen in die Welt getragen werden. Die werden nicht so in die Welt getragen, daß sich die betreffenden, einseitig grauen oder schwarzen Geisteswissenschafter hinstellen und ihre Anschauung vertreten; sondern sie flößen sie einer medialen Persönlichkeit ein. Eine solche übernimmt sie, gibt sie weiter und läßt sie durch ihren Intellekt auf die anderen Menschen wirken. Daher bleiben solche grau oder schwarz wirkenden Geheimwissenschafter oftmals als Mahatmas im Hintergrund, und diejenigen, die auftreten in der Welt, reden davon, daß hinter ihnen der Mahatma steht und verkünden dasjenige, was sie verkündigen, als eine Botschaft des Mahatma.
[ 40 ] Dieses Phänomen führt uns zu vielem hin, was, man könnte sagen, in einer furchtbaren, psychologisch-tragischen Weise mit der armen Helena Petrowna Blavatsky geschehen ist, die im eminentesten Sinne eine mediale Persönlichkeit war, deren Intellekt niemals geeignet gewesen ist, hinunterzuschauen in dasjenige, was ihr überliefert worden ist von Personen, die nicht immer ehrliche Personen waren, die aber gerade durch die Blavatsky wirken konnten und die zusammengezimmert haben das, was nicht immer einwandfrei war, die das in egoistischem Sinne durch den medialen Intellekt der Blavatsky zusammengezimmert haben zu etwas, was dann in einer suggestiven Weise auf die Menschen wirkte. Für diejenigen aber, die in ehrlicher Weise auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen wollen, fließen daraus ganz bestimmte Regeln, ganz bestimmte Verhaltungsmaßregeln.
[ 41 ] Sie sehen aus alledem, was jetzt auseinandergesetzt worden ist, daß unter allen Umständen ein Satz gelten muß, wenn es sich um die Verbreitung der Geisteswissenschaft handelt. Selbstverständlich ist alles dasjenige, was durch irgendwelche Art Medialität in die Welt hereintritt, interessant, bedeutsam, denn es kommt selbstverständlich aus einer anderen Welt herein. Aber es darf niemals so hingenommen werden, wie es unmittelbar ist. Sonst ergeht es der Menschheit so, wie es ihr ergangen ist mit der ganzen Entwickelung des Spiritismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 42 ] Dieser ganze Spiritismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ja, im Grunde genommen, von einer gewissen Seite her unternommen, um die Menschen zu prüfen, wie weit sie reif sind einzusehen, daß um sie herum eine geistige Welt lebt, nicht nur die materielle sinnliche Welt, die die Menschen mit ihren Sinnen wahrnehmen, und deren einziges Dasein die moderne materialistische Weltanschauung des 19. Jahrhunderts unter ahrimanischer Suggestion in so hohem Maße verbreitet.
[ 43 ] Es war wirklich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Frage unter den Okkulktisten, ob sie von ihrer Seite aus dieser ganzen spiritistischen Bewegung etwas entgegenhalten sollten. Man hat sich damals entschlossen, zunächst nichts entgegenzuhalten, weil man erwartet hat — was aber eine Kurzsichtigkeit war —, daß, wenn die Menschen sehen, wie durch das Medium aus der geistigen Welt heraus allerlei zum Vorschein kommt, sie dann vor allen Dingen darauf verfallen werden, daß es eben Dinge und Kräfte gibt in der Welt, die auf geistige Art von einem zum andern wirken. Statt dessen tauchte der ganze Spiritismus in ein sehr egoistisches, materialistisches Fahrwasser unter. Die Medien haben zumeist überall gesagt, daß sie mit diesem oder jenem Toten in Verbindung ständen. Sie brachten dadurch allerlei zum Vorschein, indem sie sagten: diese oder jene Seele, die da oder dort gestorben ist, verkündet durch das Medium das eine oder das andere. Gewiß, sie brachten manches zum Vorschein. Aber in den allerallermeisten Fällen war da ein kolossaler Irrtum zugrunde liegend. Der bestand darinnen, daß wir, wenn wir uns das Medium als den Menschen I hier (siehe Zeichnung) vorstellen, wir uns den Experimentator oder Hypnotiseur, also denjenigen, der alles arrangierte, als den Menschen II vorzustellen haben
[ 44 ] Nun ist ja in jedem Menschen, wenn er hier lebt, schon dasjenige in ihm, was all sein Totes ist. Aber das rumort unten; während des wachen Tageslebens rumort es unten in den sinnlichen Empfindungen. Der tote Mensch rumort unten in den sinnlichen Empfindungen. Jetzt stellen Sie sich vor: das Medium ist da, der Experimentator ist auch da. Der Experimentator überträgt eigentlich das, was in seinen sinnlichen Empfindungen und oftmals niederen Trieben pulsiert — und was dann zum Vorschein kommen wird, wenn er selber einmal tot sein wird —, auf das Medium oder auf dasjenige, was sich sonst in den Veranstaltungen manifestiert. Darinnen können Wahrheiten enthalten sein; aber man muß verstehen, wie der ganze Zusammenhang dessen ist, was da zum Vorschein kommt; man darf nicht auf das Medium hinhören, wenn es erklärt: was da kommt, was sich ihm offenbart, seien Mitteilungen der Verstorbenen.
[ 45 ] Die Leute, welche sich nicht gleich gewehrt haben gegen den Spiritismus, die haben sich gesagt: Man wird schon sehen, was das ist. Sie wollten eigentlich die Wirkung des Lebendigen auf das Medium, dessen, was im Lebendigen lebt, was im verkörperten Menschen lebt, das wollten sie gefördert wissen. Die Medien haben das vollständig mißverstanden, haben immer geglaubt, mit den Toten in Verbindung zu stehen. So sehen wir, wie die Medialität zwar eine Verbindung schafft mit der anderen Welt, aber eine trügerische Verbindung. Luzifer wird nicht etwa hinweggeschafft von dem Wege der Normalität zur Medialität, sondern er wird noch mehr hineingezogen, der Trug wird noch größer. Das, was im Innern ist, wird nicht losgelöst und in das Kosmische hinaus verteilt, sondern das, was im Innern ist, das dunstet in die Vorstellungswelt hinauf und wird zu einer imaginativen Welt. Das, was so im Inneren des Menschen ist, kann von dem Menschen selber kommen oder von dem Einfluß eines anderen Menschen im Menschen aufsteigen.
[ 46 ] Daraus aber wird folgen als ein unendlich bedeutungsvolles und wichtiges Gesetz für die Verbreitung der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten und für das Arbeiten in der geisteswissenschaftlichen Strömung: man beachte, daß alles unmittelbare Glauben an die Autorität eines Menschen in dem Maße geringer werden muß, je mehr dieser Mensch Züge der Medialität annimmt, je mehr dieser Mensch die Merkmale eines Mediums zeigt. Je mehr solch ein Mensch damit kommt, zu sagen: ich habe da oder dort dieses oder jenes als Eindruck empfangen —, und er nicht mit seiner vollbewußten Vernunft bei diesem Empfangen ist und die Dinge prüfen kann, um so weniger Autorität muß gerade die Medialität geben.
[ 47 ] Man hätte daher, als H.P. Blavatsky gewisse Lehren in die Welt brachte, von Rechts wegen sich sagen müssen: Diese Persönlichkeit zeigt starke Züge von Medialität, daher ist es unmöglich, ihr eine Autorität beizumessen, oder wenigstens nur möglich, ihr eine solche Autorität in sehr geringem Grade beizumessen. Die Autorität müßte schwinden, in dem Maße, als die Persönlichkeit Züge von Medialität an sich zeigt.
[ 48 ] Ebenso ist es ein, ich möchte sagen, Axiom in der Verbreitung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten, daß bei dieser Verbreitung niemals irgendwie eine Berufung stattfindet, wenn die Wahrheiten veröffentlicht werden, auf ungenannte Meister oder Mahatmas. Hinter einer solchen Bewegung mögen so viele ungenannte Wesen und Persönlichkeiten stehen, als irgendwie stehen können; dasjenige, was Bedeutung hat als ausgehend von solchen Wesenheiten, hat nur Bedeutung im Verein mit demjenigen, der ihnen unmittelbar gegenübersteht. Seine Sache ist es nun, an sie zu glauben oder nicht zu glauben, seine Sache ist es, ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. Aber seine Sache kann es niemals sein, sich bei dem, was er öffentlich verbreitet, irgendwie darauf zu berufen, daß er es von ungenannten Meistern oder Mahatmas erhalten hat. In dem Augenblicke, wo es um die Veröffentlichung einer Lehre geht — nicht da, wo es sich etwa im kleinen Kreise darum handelt, daß einer einfach sagt: es ist mir dieses oder jenes mitgeteilt worden und ich glaube daran; das sind Dinge, die von Persönlichkeit zu Persönlichkeit gehen, und das ist etwas anderes —, in dem Augenblicke aber, wo es sich darum handelt, eine Lehre vor der Welt zu vertreten, hat derjenige, der sie vertritt, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und nur derjenige, der durch die Art seines Wesens klarmacht, daß er sich nicht auf unwahre oder unbekannte Mahatmas beruft, wenn er begründen will dasjenige, was er verbreitet, der vielmehr begreiflich macht, anschaulich macht, daß er als Persönlichkeit, wie er dasteht auf dem physischen Plan, durch sich selbst mit voller Verantwortung für seine Lehre eintritt, der lebt in seiner vollen Pflicht. Und wer das nicht vermag, der kann sich dann berufen auf einen solchen, den man auf dem physischen Plane mit Namen finden kann oder, wenn er schon gestorben ist, unter den Verstorbenen finden kann auf historischem Wege.
[ 49 ] Für die Überlieferung der Lehre ist es daher recht wichtig, daß derjenige, der die Lehre aus den Quellen heraus mitteilt, mit seiner eigenen Persönlichkeit, so wie er dasteht in der physischen Welt, die volle Verantwortlichkeit für die Lehren übernimmt, und er darf sich nicht berufen auf unbekannte Meister. Und wer die Lehre weiter verbreitet, darf sich auch nur berufen auf physische Persönlichkeiten, die wiederum als physische Persönlichkeiten die volle Verantwortung für die Lehre zu übernehmen bereit sind. Damit ist der gewisse Weg geschaffen für die Verbreitung der Lehre in einem weiteren Umkreis, aber Tür und Tor verschlossen allem Ungenannten, allen Andeutungen. Wer sagt, daß er von da oder dort her dies oder jenes habe, von unbekannten Meistern oder Verstorbenen, wodurch man sich selber so an seinem eigenen Hochmut laben kann, dem ist Tür und Tor verschlossen. Denn es handelt sich bei der Verbreitung der Geisteswissenschaft darum, daß man weiß, in welcher Weise die Fäden des Vertrauens gehen, die hinführen zu den Ursprüngen.
[ 50 ] Daher war es ein Unfug in der sogenannten Theosophischen Gesellschaft, als man anfing, gewisse Gesellschaftsvorgänge auf Aussprüche unbekannter Mahatmas zu begründen. Das hätte niemals sein dürfen. Für dasjenige, was auf dem physischen Plane geschieht und verbreitet wird, hat eine physische Persönlichkeit einzutreten, also auch dafür, wenn Lehren verbreitet werden. Derjenige, der die Lehren anderer weiterverbreitet, hat ebenso zu zeigen, daß er sich nicht beruft auf irgendwelche unbekannten Mächte oder Einwirkungen, die auf medialem Wege zustande gekommen sind, sondern auf geschichtliche oder lebendige Persönlichkeiten, das heißt, auf solche, die den ganzen Hergang des Hereinkommens geistiger Wahrheiten in die physische Welt schauen, die wiederum die volle Verantwortung für ihre Lehren übernehmen und auch zeigen durch ihr Verhalten, daß sie die Verantwortung übernehmen. Das ist es vor allem. Das letztere ist es vor allem.
[ 51 ] Das sind zwei sehr wichtige Regeln. Die erste ist diese, daß wir im Gefühle es haben müssen, wie die Autorität schwindet, wenn Medialität auftritt bei der Mitteilung von Veröffentlichungen von Persönlichkeiten, und die zweite ist, daß die Verantwortung niemals hingelenkt wird zu Wesen, die man als unbekannt der Welt gegenüber vorgibt. Man kann selbstverständlich von solchen unbekannten Wesen sprechen, aber man darf sich nicht auf sie als auf Autoritäten berufen. Das ist ein großer Unterschied.
[ 52 ] Nur diese Andeutungen wollte ich zunächst heute einmal vor Sie hingestellt haben, weil es wichtig ist, daß man den ganzen Geist und das ganze Wesen, wie geisteswissenschaftliches Streben in uns leben soll, in der richtigen Weise erfühle. Man muß doch in der ganzen geisteswissenschaftlichen Bewegung in der richtigen Weise darinnen stehen. Sonst wird dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung unendlich geschadet gerade dadurch, daß sie vermengt wird mit der Berufung auf allerlei irgendwo dahinterstehende Mahatma-Wesenheiten und dergleichen. Alles dasjenige, was, ich möchte sagen, wie in einen doch im Grunde genommen aus sinnlichen Trieben hervorgehenden Zauberhauch des Geheimnisvollen so gern eingehüllt wird von denen, die in der geisteswissenschaftlichen Bewegung stehen, all das muß allmählich heraus aus dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung, sonst kommen wir nicht wirklich auf dem Gebiete der geisteswissenschaftlichen Bewegung vorwärts.
[ 53 ] Wenn jedes Anprallen eines krankhaften Magensaftes an die Magenwände einen Trieb verursacht, der hinaufdunstet in die Intellektualität und sich dort in der Intellektualität in der Form der Imagination eines Engels manifestiert, und der Betreffende dann von diesem Engel seinen Mitmenschen erzählt, so kann das selbstverständlich eine sehr schöne Erzählung sein. Aber dasjenige, was dadurch angestiftet wird, das ist nur Schaden, unendlicher Schaden für eine geisteswissenschaftliche Bewegung. Denn das ist ja das Bedeutsame bei diesen Dingen, daß sie nicht nur durch das schaden, was man sagt, sondern daß sie auch schaden durch das, was sie sind; denn sie sind ja Realitäten. Indem Augenblicke, wo man ihnen ein falsches Gewand anzieht, läßt man sie eben in einer falschen Gestalt vor der Welt auftreten.
[ 54 ] Selbstverständlich würde niemand einen besonderen Eindruck machen, wenn er sagen würde: Du, ich habe da etwas Schiefgehendes im Magen gehabt. Das Anprallen meiner kranken Magensäfte an die Magenwände ist mir als Engel erschienen. — Wer so sagte, der würde keinen besonderen Eindruck machen auf seine Mitmenschen. Wenn er aber das erstere wegläßt, dann macht er einen besonderen Eindruck. Das ist außerordentlich wichtig, daß man von der Möglichkeit, daß solches geschehen kann, durchaus weiß. Selbstverständlich kann man nicht so ohne weiteres überall unterscheiden zwischen dem, was wahre Imagination ist, und dem, was nur falsche Imagination ist. Aber es ist ja auch nicht nötig, daß man seine Imaginationen sogleich an die Menschen heranbringt. Das ist dasjenige, was durchaus berücksichtigt werden muß. Es ist überhaupt notwendig, wirklich ernsthaft notwendig, daß wir dazu kommen, nachzudenken, wie die Verbreitung der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in der Welt geschehen muß. Nicht wahr, wir haben bisher — vielleicht auch weiterhin — das Instrument unserer Anthroposophischen Gesellschaft, der Gesellschaft überhaupt, gehabt. Aber wir müssen wirklich diese Anthroposophische Gesellschaft, oder sagen wir in loserem Sinne unser Darinnenstehen in der geisteswissenschaftlichen Bewegung schon so auffassen, daß wir darüber nachdenken, in welcher Weise diese Gesellschaft, oder dieses Darinnenstehen in der geisteswissenschaftlichen Bewegung, ein Instrument ist für etwas, was geistig in der ganzen Erdenevolution geschehen soll.
[ 55 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, esgeschieht allzu oft, daß man Mitglied wird der Anthroposophischen Gesellschaft, aber all die verschiedenen Gewohnheiten, all die Neigungen, die Sympathien und Antipathien, die man auch hätte, wenn man nicht Mitglied wäre, nun in die Gesellschaft hineinträgt und darinnen weiter auslebt. Notwendig ist es schon, daß man darüber nachdenkt. Ich habe deshalb heute etwas recht Naheliegendes, Reales zum Gegenstande der Betrachtungen gemacht, nämlich das Reale: wie es möglich ist, daß Betrüger auftreten, die irgendeine einseitige Weltanschauung propagieren wollen und sich einer medialen Persönlichkeit bedienen, um diese einseitige Weltanschauung in die Welt zu bringen. So wie derjenige, der an die Stelle des Meisters Koot Hoomi getreten ist, als Betrüger dasteht und eine einseitige Weltanschauung verpflanzt hat in die Blavatsky, wie es möglich war, daß man nicht einsah, daß hinter ihr ein grauer Magier stand, der im Solde war einer engbegrenzten menschlichen Gesellschaft und eine bestimmte menschliche Weltanschauung propagieren wollte.
[ 56 ] Das ist etwas sehr, sehr Reales, das uns zeigt, wie man richtig achtgeben muß, wenn es sich darum handelt, dieses hehre, der Menschheit so notwendige Gut der Geisteswissenschaft zu hegen und zu pflegen; wie man da wirklich bis in die innersten Fasern des Gemütes hinein, man kann nur sagen, nach Ehrlichkeit streben muß — selbstverständlich können Fehler vorkommen —, aber auch wirklich nach reinster Ehrlichkeit streben muß, nicht durch Bequemlichkeit sich rasch zufrieden stellen soll damit, daß man an irgend jemanden glauben kann, der einem etwas Wertvolles gibt, sondern wirklich jeden Schritt prüft; prüft, was da alles in Betracht kommt. Das ist schon einmal notwendig. Es ist also etwas Reales, was in die Menschheit hineinströmt in dieser Geisteswissenschaft, wirklich nicht eine bloße Theorie, sondern etwas Reales, was hereinströmt durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung in die Menschheitsentwickelung.
[ 57 ] Daher müssen wir uns bewußt werden, daß wir uns in einer andern Weise auf die Erde stellen müssen, als wir sonst auf der Erde stehen, wenn wir uns nicht eingliedern in eine solche geisteswissenschaftliche Strömung.
[ 58 ] Daher müssen wir uns bewußt werden, daß wir uns in einer anderen Weise auf die Erde stellen müssen, als wir sonst auf der Erde stehen, wenn wir uns nicht eingliedern in eine solche geisteswissenschaftliche Strömung. Mancherlei ist zutage getreten, was zeigt, daß wohl immer wieder und wieder betont werden muß, daß ein solches Bewußtsein entsteht, und ich bitte Sie ganz herzlich, meine lieben Freunde, betrachten Sie das, was ich sage, absolut unpersönlich; betrachten Sie es nicht so, daß Sie hinterher den Glauben haben, das, was ich ausspreche, das treffe nur den einen oder anderen. Es ist leider auch das schon passiert, daß man gesagt hat: «Er hat diesen oder jenen treffen wollen». Ich will nie einen einzelnen treffen, ich charakterisiere immer unpersönlich. Also es möge das nicht in irgendeiner Weise persönlich verstanden werden. Es möge aber bitte auch nicht in der anderen Weise verstanden werden — wie es auch oftmals geschah —, daß keiner es auf sich bezieht, sondern daß man es immer nur auf die anderen bezieht. Es ist schon viel, viel häufiger vorgekommen, daß das, was gesagt wurde, keiner auf sich bezogen hat, aber immer auf den anderen, so daß immer der andere derjenige ist, den ich charakterisiere.
[ 59 ] Es ist manches zutage getreten, meine lieben Freunde, in den Jahren, die unserem Bau vorangegangen sind, manches auch während der Arbeiten an unserem Bau. Mit großer Dankbarkeit muß ja gesagt werden, daß der weitaus größte Teil unserer am Bau arbeitenden Freunde wirklich mit inniger Selbstlosigkeit arbeiten, mit aufrichtiger Hingabe arbeiten, und daß schon in der Seele, in dem Geist der lieben Freunde, die arbeiten, der Grundsatz lebt, der unbedingt bei einer solchen Sache in uns leben muß: daß es uns aufrichtigst und ehrlichst in unserer Seele ebenso lieb sein muß, wenn ein anderer etwas macht, wie wenn wir es selber machen. Solange wir nicht durchdrungen sind von dem Grundsatz, daß es uns ebenso lieb ist, wenn ein anderer etwas macht, wie wenn wir es selber machen, solange stehen wir nicht in der richtigen Weise zu der Sache. Ich meine das aber nicht so, meine lieben Freunde, wie das im gewöhnlichen, äußeren Leben ist, daß man andere arbeiten läßt und selber lieber faulenzt. Sie werden das schon verstehen. Es ist von dem Gesichtspunkt aus gesagt, daß uns im Grunde genommen vorschweben muß, wenn wir unsere Arbeit im Zeichen geisteswissenschaftlicher Weltanschauung verrichten, daß wir die sogenannte geringere Arbeit — es ist das schon ein unmögliches Wort unter uns —, daß wir die geringere Arbeit ebenso wichtig finden wie die scheinbar größte und umfassendste und geistigste, daß wir wirklich jede Arbeit als gleich, als sich in den Organismus der gesamten Arbeit einfügend betrachten und daß wir weit davon entfernt sein müssen, jemals das Gefühl zu haben, daß wir einen anderen in irgendeiner Weise beneiden oder seine Arbeit haben wollen statt der unseren, und was alles damit zusammenhängt. Bei der weitaus größten Zahl der unter uns arbeitenden Freunde ist ja wirklich ein solches anthroposophisches Bewußtsein richtig vorhanden, und es war selbstverständlich immer auch ein solches rechtes Bewußtsein vorhanden, als wir noch nicht genötigt waren, manches mitzunehmen, was nicht mitgenommen zu werden braucht, wenn man bloß als Gesellschaft dasteht und noch nicht eine gemeinsame Arbeit hat, wo jeder neben dem anderen angreifen muß. Es kommen viel ärgere Kollisionen des Lebens heraus, wenn einer neben dem anderen angreifen muß; da kommen dann Dinge heraus, meine lieben Freunde, die schon erwähnt werden müssen. Es sei noch einmal gesagt: Nicht im allerentferntesten ist in dem, was ich sage, irgendeine persönliche Richtung genommen. Aber es darf und sollte nicht vorkommen unter uns, bei unserer Arbeit, daß der eine über die Arbeit des anderen abfällig spricht, daß der eine mit der Arbeit des anderen in irgendeiner Weise unzufrieden ist, unzufrieden ist aus Gefühlen und Emotionen heraus. Höchstens kann man die Anschauung haben, daß man helfen soll, um etwas besser zu machen. Aber etwas Abfälliges zu sagen über irgend etwas, was jemand von uns macht, das sollte nicht unsere Art sein. Etwas Abfälliges zu sagen, nur um etwas zu sagen, Unzufriedenheit mit der Arbeit des anderen — das ist etwas, was wir auf jede Weise überwinden sollten, das ist etwas, was wir ablegen sollten.
[ 60 ] Es hängt vieles mit dem zusammen, was ich da berühre. Es ist gewiß nicht allzu verbreitet, aber es ist immerhin Grund vorhanden, über solche Dinge einmal ernstlich nachzudenken, mit uns zu Rate zu gehen, wie manches auf diesem Gebiete noch verbessert werden kann. Denn ich kann Ihnen die Versicherung geben: Unsere Gesellschaft kann nicht gedeihen und nicht vorwärtskommen, wenn ich selbst genötigt bin, immer wieder Klagen anzuhören, die das eine Mitglied über das andere Mitglied vorzubringen hat. Man müßte ja gewiß einen großen Sarg haben, wenn unsere Bewegung zu Grabe getragen werden sollte; aber jedes An-mich-Heranbringen einer Klage über eines unserer Mitglieder ist ein Nagel zum Sarge unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung. Und ich bin am wenigsten dazu berufen, Frieden zu stiften oder auf dasjenige, was man das Recht nennt, zu schauen, denn, selbstverständlich, wenn zwei streiten, hat jeder recht, und keiner wird so leicht anerkennen, daß auch der andere. recht haben könnte. Es kann sich ja wirklich nicht darum handeln, Persönliches zwischen den Mitgliedern in irgendeiner Weise an die Geisteswissenschaft heranzubringen. Vieles, vieles würde anders werden, wenn wir nur einmal die Möglichkeit fänden, folgenden Grundsatz als unseren obersten Grundsatz anzuerkennen: Dadurch, daß jemand in unsere Gesellschaft hineintritt oder überhaupt in unsere geisteswissenschaftliche Strömung sich eingliedert, dadurch bekennt er sich zu etwas, was es eben nur in dieser geisteswissenschaftlichen Strömung allein gibt. Daher treten. wir ihm nicht nur so entgegen, wie wir sonst einem uns entgegenkommenden Menschen entgegentreten, indem wir unsere Sympathien und Antipathien spielen lassen, sondern wir treten ihm unter allen Umständen als einem Mitglied unserer Gesellschaft entgegen. Das soll für uns etwas sein und das soll in erster Linie für uns in Betracht kommen, daß er sich zu der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung bekennt. Es ist ein großer Fehler, wenn die Usancen, die sonst in der Welt existieren und die Sympathien und Antipathien bildend sind, hereingetragen werden in unsere Gesellschaft, wenn Rivalitäten entstehen, wie sie draußen entstehen. Begreiflich sind sie ja gewiß, diese Rivalitäten. Aber wenn jemand zu “mir kommt und sagt: Da ist diesem oder jenem wieder das und jenes passiert, und damit kann ich nicht einverstanden sein —, ja, der könnte sich die Antwort selber geben, und die besteht einfach darin: Braucht man denn unbedingt mit allem einverstanden zu sein? Läßt es sich denn nicht auch leben, ohne daß man mit allem einverstanden ist, was Menschen tun, die neben einem arbeiten? Das ist eine ganz selbstverständliche Antwort. Es kann doch niemand in der Welt verlangen, daß man mit allem einverstanden sein muß, was ein anderer tut, oder daß man dasjenige, was er tut, als etwas Minderwertiges betrachtet.
[ 61 ] Ich deute damit auf vieles, indem ich solche Dinge andeute. Aber es muß durchaus sein, daß wir denjenigen, der unserer Gesellschaft angehört und in derselben Richtung strebt wie wir, wirklich betrachten als uns nahestehend. Das wollen wir niemals vergessen. Denn nur so werden sich niemals Cliquenverhältnisse bilden, die heute entstehen und morgen wieder vergehen, mit der Nebenwirkung, daß die, welche außerhalb dieser Cliquen stehen, immer unrecht haben.
[ 62 ] Glauben Sie .nicht, meine lieben Freunde, daß es mir sehr leicht fällt, daß ich diese Dinge sagen muß. Es ist nicht unmöglich, daß nach dem Kriege etwas ganz anderes an die Stelle der Gesellschaft gesetzt werden muß, wenn manche Dinge nicht aufhören. Und Sie werden begreifen, daß um des Fortbestehens der Gesellschaft willen schon einmal auf solche Dinge gedeutet werden muß. Man muß wirklich das, was man als Vorliebe empfindet, ablegen und suchen, sich ehrlich dazu zu bekennen, die Sache höher zu stellen als das, was man in dem gewöhnlichen Leben Sympathie und Antipathie nennt. |
[ 63 ] Überzeugen Sie sich nur einmal von dem folgenden: Wenn Sie nur ein paarmal, wenn in Ihnen die Galle über einen Mitmenschen aufsteigen will, diese Galle hinunterfressen und nicht gleich in Wut auszubrechen, so werden Sie bemerken, daß Sie ein Stückchen weitergekommen sind in dem Grundsatze, die Sache über das Persönliche zu stellen; überzeugen Sie sich, indem Sie den entsprechenden Versuch anstellen. Dann kann nicht irgend etwas unwahr sein in unserer Bewegung. Man kann nicht unwahr sein in bezug auf das, was man sagt und in bezug auf das, was man tut. Wenn es allgemein Übung würde, viel Unwahres hineinzutragen in die Bewegung, so müßte sie einfach aufhören, so könnte sie nicht bestehen bleiben. Wenn ein Mensch zu mir kommt und über einen anderen Menschen etwas sagt, was er morgen wieder zurücknimmt, wenn er sich heute in ganz anderer Weise zu dem Menschen stellt, als er sich drei Monate vorher zu ihm gestellt hat, nur weil das aus seinen Sympathien und Antipathien fließt, so ist das etwas, was als Kraft nicht vereinbar ist mit der unbedingt notwendigen Wahrheitsliebe, mit dem Herrschen des Prinzips der Wahrheit, die da sein muß heute unter uns.
[ 64 ] Ich hoffe, meine lieben Freunde, daß Sie wirklich diese Dinge ganz unpersönlich nehmen und auch, gerade im Anschluß an die tief einschneidenden Wahrheiten, die ich heute mitgeteilt habe, diese Dinge sich überlegen, damit nicht vielleicht in der Zukunft dennoch — weil die Unwahrheit aus Launen, aus Sympathien und Antipathien überhandnimmt in unserer Gesellschaft —, es einmal notwendig werden möge, darüber nachzudenken, welche andere Form des Zusammenwirkens man als Instrument für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wählt anstelle unserer Gesellschaft.
